Bratsch
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Brut De Bratsch 1973-2013
World Village/Harmonia Mundi (2013)
Dan Gharibian: Gitarre
Bruno Girard: Violine
Theo Girard: Kontrabass
Nano Peylet: Klarinette
François Castiello: Akkordeon

40 Jahre - was war das für eine einmalige Reise! Nur wenige Bands können auf vier Jahrzehnte Bandgeschichte zurückblicken wie die französischen Superstars, diese "ausgefuchsten Akustiker" (FAZ), die "Balkan Blues Brothers" (SZ).
Im Jahr 2015 jedoch heißt es Abschied nehmen von Bratsch - zum 31.12.2015 ist dieses einzigartige Band-Projekt endgültig und unwiderruflich vorbei, und die Band wird ihr wundervolles Abenteuer beenden. Zuvor packen die Herren noch einige letzte Male ihre Koffer und gehen 2015 auf ihre letzten Tourneen - eine Art "last waltz", um ihren zahlreichen Fans Gelegenheit zum Abschiednehmen zu geben. Und, wie sie es selbst sagen, "um all die Jahre auf Tournee, all die Reisen, all die Freundschaften und Erfolge nochmals aufleben zu lassen und ein allerletztes Mal gemeinsam zu zelebrieren".

Lassen Sie uns nicht drumrumreden: Bratsch sind eine der besten Bands, die überhaupt live zu sehen sind, was sie zuletzt auch bei großen Festivals (wie bei unserem Berliner Jubiläumsfestival zusammen mit Patti Smith und Calexico, die sich als große Fans der Band outeten, oder beim Frankfurter Palmengarten Open Air vor gut 1.000 zahlenden Zuschauern, oder beim Montreal Jazz Festival vor Zentausenden...) nachdrücklich bewiesen haben.

Die Kritiker der "FAZ" haben Bratsch über die mehr als zwei Jahrzehnte, die die Band nun in Deutschland spielt, aufmerksam begleitet. Im Sommer 2013 brachte Norbert Krampf in der "FAZ" das Phänomen Bratsch restlos begeistert auf den Punkt: "Das Quintett der Individualisten scheint Synonym für Kontinuität, vermittelt zeigt aber auch stilistische Offenheit und einen wachen Geist. Von je her schlägt das Herz der Bratsch-Mitglieder für musikalische Nomaden, insbesondere die Leidenschaft der Sinti und Roma. Traditionen aus Osteuropa oder Armenien und die Freiheitsliebe des Jazz inspirieren ebenfalls die von Bratsch meist selbst komponierten Stücke. So kreiert das Quintett eine sehr persönliche, imaginäre Folklore, die im besten Sinne Weltmusik ist: grenzenlos und integrativ, gleichzeitig respektvoll gegenüber den jeweiligen Wurzeln. In den letzten Jahren, insbesondere auf dem jüngsten Album „Urban Bratsch“, offenbart die Band auch in Songtexten politische Haltung. Gekleidet in Poesie oder Sarkasmus thematisieren Bratsch die Ungleichheit von Arm und Reich, die Vernachlässigung der Vorstädte und Steuerungerechtigkeit. (...) Das sprichwörtliche Feuer, das mündliche Überlieferung bisweilen lebendiger erscheinen lässt als akademische Forschung, lodert auch in Bratsch. Einzig Klarinettist Peylet hat eine formale Ausbildung am Konservatorium absolviert. Gleichwohl begeistern Violinist Girard, Akkordeonist Castiello und Gitarrist Gharibian mit Ausdruckskraft und Esprit. „Ska Fonce“, ein faszinierendes Duett von Girard und Castiello, erinnert eher an Avantgarde denn an Folklore; fließende Muster und dunkle „Orgel“-Töne des Akkordeons alternieren mit rasanten Phrasen und suggerieren bei geschlossenen Augen mehr als nur zwei Instrumentalisten. In einer längeren Einleitung zu einem anderen Stück fliegen die Musiker erst kreuz und quer umeinander, vereinen sich dann zu einer Formation wie Zugvögel im Herbst. (...)Souverän alterniert das Solisten-Quintett von transparenten zu verdichteten Passagen, flirtet mit sehnsuchtsvollen Assoziationen und dynamischen Tempo- oder Lautstärkewechseln. Stets vermittelt es die packende Energie wandernder Musiker auf Dorfplätzen oder Volksfesten. Mit ihrem Geschichtsbewusstsein, ihrer Aufgeschlossenheit und Aufmerksamkeit gegenüber dem Lauf der Welt sind Bratsch ebenso zeitlos wie aktuell."

 Bratsch sind geradezu ein Synonym für Musiker auf der Wanderschaft. Und zwar im realen Sinn wie im geistig-kulturellen: was sie seit jeher mit ihren Brüdern im Geiste, den "Tsiganes", teilen ist das Interesse an neuen Kulturen, daran, die Musiken, die sie auf ihren Reisen kennenlernen, aufzugreifen und zu ihrer eigenen Musik zu machen.
Bratsch
sind eine der prägenden Bands, für die vor fast zwei Jahrzehnten in Frankreich der schöne Begriff der "imaginären Folklore" erfunden wurde.

"Nie wieder Einfalt! (...) Bratsch hält die Tradition der wandernden Musiker am Leben, man trägt seine Musik in fremde Länder und Städte und bringt von dort neue Stile und Inspirationen mit. Bratsch fährt dem Publikum in die Tanzbeine oder nimmt es auf Traumausflüge mit, und was die Band auch spielt, immer überzeugt sie durch musikalische Könnerschaft. Die Jungs haben es einfach drauf. Und sie haben etwas geschafft, das nicht vielen gelingt: Wenn ausgerechnet eine Band, die nach dem Musikerlieblingsspottinstrument Bratsche benannt ist, andere Musiker vor Begeisterung neidisch werden läßt, dann hat das Leben über Einfalt und Dünkel gesiegt."  (Wiglaf Droste)

 Im November 2013 erschien das letzte Album von Bratsch - eine große Anthologie aus vierzig Jahren Bandgeschichte, aus Altem und Neuem und Wiedergehörtem und "Unerhörtem" - "Brut De Bratsch 1976 -> 2013". Drei CDs, eine DVD und ein 142seitiges (!) Booklet mit vielen Schätzen und Fundstücken aus dem Bandarchiv.

Nun nehmen wir Abschied von Bratsch - bewegt und traurig, keine Frage. Aber auch glücklich, eine der wunderbarsten Bands unserer Tage mehr als zwei Jahrzehnte lang auf ihren Abenteuern in D-A-CH begleitet haben zu dürfen.

„Melancholische Balladen, herzzerreißende Liebeslieder und dann wieder ein abrupter Ausbruch der Heiterkeit.“ (SZ)

„Bratsch sind die wohl beste Band, die je Jazz, Klezmer, südosteuropäische und Romamusik vermischte.“   (Concerto)

„Die Musik von Bratsch ähnelt einer imaginären Folklore - aber mit realen Elementen und realen Hintergründen. Im Grunde sind die Stücke von Bratsch musikalische Phantasien über den Geist und die geheime Antriebskraft der Folklore. (…) Bratsch lehrt uns, die Idee des Authentischen, des Musealen beiseite zu legen. Was wir hören, ist Musik im Durchgangsstadium. Nichts Endgültiges. Denn was die Folklore und der Jazz gemeinsam haben, was beide so aufregend macht, ist die Improvisation - die Liebe zum Überraschenden, zum Unvorhergesehenen, zur beständigen Überprüfung der Formen und Formeln. So können wir mitverfolgen, wie die Essenz der Musik sich dabei immer wieder in einer neuen Sprache kristallisiert. (…) Was zählt, ist allein der Augenblick des Konzerts – und die Lust, den geheimen Verbindungslinien zwischen den Traditionen nachzuspüren.“
(Harry Lachner, Süddeutsche Zeitung)

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