17.12.2017

Warum fühlen sich Schwaben in Berlin so wohl?

Und warum fühlen sich, Achtung Gemeinplatz!, die Schwaben in Berlin seit langem so wohl? Es gibt einen ganz einfachen Grund: Die Stickoxidwerte an Berliner Hauptverkehrsstraßen erinnern die Schwaben an die verpestete Luft ihrer Landeshauptstadt Stuttgart.
Wie eine Recherche des RBB mit unabhängigen Messungen ergab, übersteigt die Feinstaub- und Stickoxidbelastung an vielen Berliner Straßen die zulässigen Grenzwerte um ein Vielfaches.
Ach ja, eine weitere Gemeinsamkeit, die die zugezogenen Schwaben in Berlin an ihre Heimat erinnern dürfte: Der Senat hie wie die Landesregierung da tun nichts. Keine Fahrverbote für Dieselfahrzeuge, keine Verkehrswende. Deutschland einig Autoland.

17.12.2017

Franz Dobler: "Passagier 2017" (oder: vom neuen Geist des Kapitalismus, und was Iggy Pop und Supermärkte damit zu tun haben)

Franz Dobler, einer der wenigen bedeutenden deutschen Schriftsteller unserer Tage, hat jüngst ein Gedicht geschrieben, das ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Es handelt von der Wechselwirkung von Popkultur und Kommerz und von der eigenen Rolle, die wir alle in diesem Spiel einnehmen. Und vom „neuen Geist des Kapitalismus“, wie Boltanski/Chiapello die Tatsache genannt haben, daß der Kapitalismus alle menschlichen Kräfte integrieren kann, also auch und gerade diejenigen, die gegen ihn gerichtet sind, etwa in emanzipatorischer Absicht.

„Passagier 2017“ heißt das Gedicht, mit freundlicher Abdruckgenehmigung des Autors:

Im Supermarkt kommt aus den Lautsprechern
Iggy Pop mit The Passenger.
Vor 40 Jahren um 15 Uhr hätte ich das so gesehen:
Wir haben den Supermarkt eingenommen!

Jetzt haben sich die Rauchwolken verzogen
Und die Sache sieht anders aus:
Sie sind überall.
Es gibt kein Entkommen.

Eine Erkenntnis
Die mich nicht schockierte
Nur ganz kurz berührte.
Ich hatte mir schon sowas gedacht.

17.12.2017

Fake News: Musiker*innen sind gezwungen, Konzerte zu spielen, weil sich mit Tonträgern kein Geld mehr verdienen lässt...

Wissen Sie, was mir wirklich auf den Keks geht? Es sind diese ständig wiederholten Behauptungen in fast allen Medien (denn einer schreibt vom anderen ab, und wenn sich die Fake News dann verselbständigt haben, nennt man es „common sense“...), daß die Musiker*innen und Bands heutzutage, wo sich mit Tonträgern kaum noch Geld verdienen lasse, „gezwungen“ seien, ihr Geld mit Tourneen zu verdienen.

Alle behaupten das, immer wieder, ob „Süddeutsche“ oder „ZDF“, ob Musikzeitschriften oder Feuilletons, und wie gesagt, durch die ständigen Wiederholungen setzt sich eine derartige Falschbehauptung derart fest in den Gehirnen, daß sie zur „Wahrheit“ wird oder zu dem, was man für selbige hält, und alle wiederholen diesen Unsinn, den banalen Welterklärungsdreiklang Digitalisierung (böse!) – Plattenverkäufe brechen ein (traurig) – Musiker müssen fürs Überleben Konzerte geben (tragisch): „Die Digitalisierung hat dazu geführt, daß die Plattenverkäufe eingebrochen und Konzerte zur Haupteinnahmequelle geworden sind“, lese ich im Rundbrief eines sehr geschätzten Schweizer Clubs. Allein: das ist auf vielen Ebenen blanker Unsinn, eine Unwahrheit, die man bei näherem Hinsehen und nach kurzem Nachdenken mit Harry Frankfurt einfach als „Bullshit“ bezeichnen kann.

Betrachten wir zunächst die wirtschaftliche Ebene: Seit jeher haben Musiker*innen Konzerte gespielt, um damit einen wesentlichen Teil ihrer Einnahmen zu bestreiten. Das galt für Bach, der nicht nur als Kirchenmusiker tätig war, sondern während seiner Leipziger Tätigkeit laut Gardiner mehr als 1.200 Stunden Unterhaltungsmusik im Kaffeehaus oder in Kaffeegärten gespielt hat, ebenso wie für Mozart, der auf eigene Rechnung Konzerte im Innenhof des Hauses seiner Wiener Wohnung veranstaltet und dafür Abonnenten gewonnen hat (die er „Suscriteurs“ nannte), und das galt auch über Jahrzehnte hinweg in Zeiten, da es bereits Tonträgeraufnahmen gab, und es gilt heute nicht minder, Digitalisierung hin oder her. Es gab nur eine sehr kurze Phase, in der Musiker*innen mit Tonträgern vernünftige Einnahmen kreieren konnten, und das waren die paar Jahre in den Achtzigern und Neunzigern des letzten Jahrhunderts, als es der Musikindustrie gelungen war, die gegenüber der Schallplatte deutlich billigeren und schlechteren CDs den Musikfans als das bessere und mithin teurere Produkt zu verkaufen. Gleichzeitig vermochte es die Musikindustrie, quasi ihren gesamten Backkatalog den Fans nochmal zu verdaddeln, und zwar auf CD – und die Musikindustrie schwamm plötzlich im Geld, und die Plattenfirmen bezahlten in dieser relativ kurzen Phase ihre Musiker*innen einigermaßen fair (wobei man nicht vergessen sollte, daß dies nicht zuletzt dazu diente, sich weitere Backkataloge anzueignen, und daß einige Bands an den harten Vertragsbedingungen zerbrachen, wie zum Beispiel die Jayhawks, und andere Künstler, wie Prince oder Michelle Shocked, mit dem Sklavereiparagraphen der amerikanischen Verfassung gegen die Knebelverträge der Musikindustrie klagten – und Jahre später Recht bekamen...). Mick Jagger erklärte das in einem BBC-Interview mal sehr klar: „Es gab eine kurze Periode, als die Musiker sehr anständig bezahlt wurden. Mit Platten ließ sich nur eine sehr, sehr kurze Zeit lang Geld machen, aber jetzt ist diese Periode vorbei.“

Vor allem aber ist diese wohlgepflegte Narration, daß die Musiker*innen durch die Digitalisierung und aufgrund des einbrechenden Tonträgermarktes gezwungen seien, nun vermehrt Konzerte zu spielen, eine Verhöhnung der meisten Musiker*innen und ihrer künstlerischen Integrität. Es läßt ja schon tief in die Gehirnwindungen all derer blicken, die den Quark verbreiten. Offensichtlich übersteigt es die Vorstellungskraft gewisser Journalist*innen, denen Recherche zum Fremdwort geworden ist, daß Musiker*innen aus anderen als Geldgründen Konzerte spielen – etwa aus Leidenschaft und mit Vergnügen. Weil Konzerte ihnen einen direkten Kontakt mit den Fans bescheren, weil das Konzerterlebnis einzigartig ist, und weil das Spielen von Musik „live“ an guten Abenden eines der größten kulturellen Vergnügen darstellt, die man sich überhaupt denken kann – und zwar für Musiker*innen wie für Fans!

Glaubt denn tatsächlich irgendjemand, die Rolling Stones oder ein Jimi Hendrix oder Bob Marley oder die Doors hätten Konzerte nur gespielt, um Geld zu verdienen?!? Schaut euch die Performances an, die filmisch festgehalten wurden, und ihr merkt, was für ein Blödsinn solche Gedanken sind. Da ist pure Leidenschaft zu sehen, da erleben wir Grenzüberschreitungen, die uns heute noch sprachlos machen, und da spüren wir etwas, wofür wir leben und wofür wir in Konzerte gehen, eine Einzigartigkeit, die uns fasziniert, immer wieder. Und genau dafür stellen sich auch heute noch die meisten ernstzunehmenden Musiker*innen immer wieder auf die Konzertbühnen: um uns diese Erlebnisse zu verschaffen (und auch, um dieses Erlebnis als Musiker selbst zu genießen...).

Also bitte, liebe Musikjournalist*innen: hört auf, diese bescheuerte Narration weiter zu verbreiten. Musiker werden nicht gezwungen, Konzerte zu spielen, auch wenn das euren Horizont übersteigen mag – die meisten Musiker*innen spielen Konzerte aus Lust und Leidenschaft. Und das wird auch so bleiben.
(und, liebe Leser*innen: wenn ihr wieder einmal den oben genannten Unfug lest: glaubt kein Wort! und überlegt euch, ob derartige Medien auch in anderer Hinsicht Fake-News verbreiten...)

17.12.2017

Trump-Sohn fordert: Depp feuern!

Videotext „RTLtext“ am 25.Juni 2017:

„Trump-Sohn fordert: Depp feuern!
Nun macht die Familie von US-Präsident Donald Trump Front gegen...“

...nun ja, nicht, wie man hoffen würde, gegen den eigenen Donald, sondern leider nur gegen Johnny Depp. Schöne Schlagzeile aber trotzdem.
(gefunden in der Zeitschrift „Der tödliche Pass“)

17.12.2017

Björk, das Rubato & die Popkritik

Auch lustig: Eine Björk-Rezension in der „Zeit“.

„Man höre, wie Arca und sie im Eröffnungsstück Arisen My Senses schwere, dramatisch dräuende Orchester-Samples mit metallisch stotternden Beats unterwühlen und Björk ihren Gesang – reines Rubato – ausschließlich an den scheinbar unbesingbaren Rhythmen und Bässen orientiert. Im Titelstück driftet sie fast solipsistisch an einer sich um sich selbst drehenden Flötenfigur vorbei – bis ihr Gesang durch die erst ebenso umgebungsblind dahinknirschenden Beats doch wieder verlässlich in das musikalische Ganze gebunden wird.“

Alles klar?
Nun habe ich auch nach mehrmaligem Anhören des Songs kein „rubato“ (und auch kein „reines Rubato“...) in Björks Gesang finden können, aber ich nehme an, der Begriff wurde nicht aus inhaltlichen Gründen gewählt, sondern nur, weil da irgendein italienischer Musikfachbegriff stehen sollte, wurscht, was er in Wahrheit bedeutet. Die immer wieder gern verwendete inhaltslose Distinktions-Zurschaustellung des Popjournalismus eben.

P.S.
Der betreffende Musikjournalist schrieb mir aufgrund dieser Veröffentlichung: "...selbstverständlich singt Björk rubato, insofern sie ihre Melodietöne mit deren schwankender Metrik ausschließlich an den ebenfalls schwankenden Bässen von Arca orientiert. Das ist doch bemerkenswert. Wieso hören Sie das nicht?"
Darauf entspann sich noch ein kurzer, freundlicher und inhaltlich interessanter Mailwechsel. Eine spannende Auseinanderdersetzung, die mir gut gefallen hat und die dem hiesigen Popjournalismus (bzw. zumindest seinem hier erwähnten Vertreter) ein gutes Zeugnis ausstellt.

17.12.2017

Ausnahmezustand in Hamburg! Karl Lagerfeld in der Elbphilharmonie!

Und wozu dient die Elbphilharmonie in Wirklichkeit? Diese Kathedrale der Hamburgischen Gesinnung, in der sich Event und Kaufmannschaft zur Investorenarchitektur vereinigen?
Genau: Dazu, daß ein Karl Lagerfeld an diesem Ort eine Chanel-Kollektion präsentieren darf. Dafür wurde das Ding gebaut! Darüber freuen sich die Eigentümer der Luxuswohnungen in den oberen Stockwerken der Elphi, die schlappe 35.000 Euro pro Quadratmeter ausgegeben  haben, sicher ebenso wie die Mitglieder des „Elbphilharmonie Circle“, des „Unternehmerkreises der Elbphilharmonie“, denen im 13.Stock des Gebäudes eine exklusive Circle Lounge eingerichtet wurde – nun müssen die Superreichen nicht immer nur Klassik und Einstürzende Neubauten sehen, wenn sie paar Stockwerke tiefer in die großen Säle fahren, sondern können das erleben, worauf es wirklich ankommt: Eine Chanel-Modenschau! Karl Lagerfeld! Models!
„Das Orchester spielt ‚La Paloma’, die ersten Models zeigen sich ganz oben auf Stockwerk 16 (...) Das Chanel-Defilee in der Elbphilharmonie hat Dimensionen erreicht, die eine ganze Stadt in einen Ausnahmezustand versetzt. Organisatorisch und mental.“ (FAZ)
Das mit dem „Ausnahmezustand“ glaube ich sofort (das mit der „ganzen Stadt“ weniger). Eine Stadt kommt zu sich, am dafür vorgesehenen Ort.

17.12.2017

Adel in die Produktion!

Ich vergesse immer wieder bei der morgendlichen Zeitungslektüre, daß ein wichtiger und amüsanter Teil der Zeitung, hinter der angeblich immer ein kluger Kopf steckt, die Todesanzeigen sind.
Am 9.Dezember diesen Jahres gibt eine „Marie Therese Reichsgräfin von und zu Lerchenfeld auf Köfering und Schönberg geborene Gräfin Ambrózy von Seden und Remete“ im „eigenen Namen“ (ach...) sowie „im Namen Ihres (Großschreibung so im Original, BS) Adoptivsohnes Christopher Reichsgraf von und zu Lerchenfeld auf Köfering und Schönberg, dessen Gemahlin Daniela Reichsgräfin von und zu Lerchenfeld auf Köering und Schönberg geborene Kleinewefers“ und allerlei anderer Anverwandter das Ableben eines, nein, „Seines“ (bezogen auf „Gott unserem allmächtigen Herrn“ im Halbsatz zuvor, also) „Seines Hochgeborenen Philipp Reichsgraf von und zu Lerchenfeld auf Köfering und Schönberg“, seines Zeichens „Dipl.Ing. agr., Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, MdL a.D. und MdB a.D., Großkomptur des bayerischen Hausritterordens vom Hl. Georg, Ehren- und Devotionsritter des Souveränen Malteser Ritterordens“ und „Träger verschiedener staatlicher und kirchlicher Orden und Ehrenzeichen“ bekannt.
Nur mal so am Rande, wenn Sie mal wieder wissen wollen, wie diese Gesellschaft und dieser Staat funktionieren, und was die Reichen und die Konservativen so treiben: Lesen Sie die Traueranzeigen in der „FAZ“. Es lohnt sich. Sie werden die Welt besser verstehen. Und wenn Sie diese Anzeigen laut vorlesen, haben Sie noch einigen Spaß dazu.
P.S.
Natürlich dachten wir, daß mit der Weimarer Reichsverfassung 1919 der Adel abgeschafft worden sei – aber das ist eben ein Irrtum, es wurden nur „die öffentlich-rechtlichen Vorrechte oder Nachteile der Geburt oder des Standes aufgehoben“, anders als ausgerechnet im Titel-versessenen Österreich, wo der Adel im Adelaufhebungsgesetz 1919 komplett aufgehoben und die Verwendung von Adelsprädikaten und Titeln in den Namen verboten wurde.
Hierzulande dagegen sollte angesichts all der Dünkelhaftigkeit und des Standes“ethos“ des Adels gelten: Ab in die Produktion!

17.12.2017

Wollen wir mal über Morrissey & Rechtspopulismus reden?

Wollen wir mal kurz über Morrissey reden? Den popmusikalischen Rechtspopulisten?

In meinem 2013 erschienenen Buch „Das Geschäft mit der Musik“ hatte ich darauf hingewiesen, daß Morrissey ein Rassist ist, der gegen Einwanderung oder allgemein gegen Schwarze wettert und Chinesen als eine „Unterart“ („subspecies“), also als Untermenschen, bezeichnet. Und ich weiß, wie immer wieder nach meinen Vorträgen, wenn ich dieses Beispiel nannte, Leute zu mir kamen und fragten, ob er das denn wirklich gesagt habe. So sterben Helden(bilder)...

Nun hat er das, was er seit jeher tut, wieder getan. Er hat ein neues Album veröffentlicht, auf dem er, und das ist noch das Harmloseste daran, den Brexit bejubelt. Er stellt sich mit Trump gegen die Regierung Venezuelas oder wettert wie der US-Präsident gegen Journalismus, und zwar nicht, weil er sich besseren Journalismus wünscht, sondern keinen (und bezeichnet Trump gleichzeitig als „Ungeziefer. Ein riesiges Ungeziefer“, Goebbels-Slang also). Politiker haben in der Morissey-Welt generell keine Ahnung („They never stop talking / They can’t say what they really mean“...), und Parlamente sind pure Schwatzbuden – einmal tief reingegriffen ins Arsenal rechtsradikaler und verschwörungstheoretischer Rhetorik.

In einem Interview mit dem „Spiegel“ hat Morrissey dann endgültig seine Hosen runtergelassen:
Er behauptet allen Ernstes, daß Berlin „die Vergewaltigungshauptstadt geworden“ sei, und zwar „wegen der offenen Grenzen“. Und er entpuppt sich als Fan der „Identitären“: „Ich will, daß Deutschland deutsch ist. Und Frankreich französisch ist. Wenn man versucht, alles multikulturell zu machen, hat man am Ende gar keine Kultur mehr. Alle europäischen Länder haben viele, viele Jahre für ihre Identität gekämpft. Und jetzt werfen sie sie einfach weg. Ich finde das traurig.“
Ja, Morrissey ist und bleibt ein Rassist, und er spielt den Soundtrack zu Pegida-Kundgebungen. Musik für AfD-Wähler. Wer so etwas hört, muß sich darüber im Klaren sein, wer und was Morrisey ist.

17.12.2017

Roger Waters, der WDR und Antisemitismus

Was dem Morrisey sein Rechtspopulismus, ist dem Roger Waters sein Antisemitismus. Bei seinen Konzerten läßt der ehemalige Pink Floyd-Musiker Ballons in Schweineform mit dem Davidstern drauf in die Luft steigen – alle Juden sind Schweine! Ekelhaft.

Roger Waters ist seit langem prominenter Unterstützer der im Kern antisemitischen BDS-Kampagne (Deutsche! hört keine Musik von Juden, wenn sie aus Israel kommen! Musiker! spielt nicht in Israel!), die dazu aufruft, Israel zu isolieren. „Beim BDS sind die Grenzen zwischen der behaupteten Kritik an der israelischen Regierung und manifestem Judenhaß fließend“ (FAZ). Und Roger Waters setzt regelmäßig andere Künstler unter Druck, nicht in Israel aufzutreten, zuletzt mußten Radiohead oder Nick Cave unerfreuliche Bekanntschaft mit Roger Waters machen.

Immerhin ist der WDR (und in seinem Gefolge andere ARD-Sender) nun von einer Kooperation mit Roger Waters zurückgetreten und wird die Konzerte von Roger Waters nicht übertragen. Die Begründung des WDR-Intendanten Tom Buhrow allerdings, Detlef zum Winkel hat in einem lesenswerten Artikel in der „Jungle World“ darauf hingewiesen, läßt zu wünschen übrig und ist eine Meisterleistung verqueren Sich-aus-der-Verantwortung-Stehlens. Der Kölner Bürgerin Malca Goldstein-Wolf, die auf Change.org eine Petition gegen die WDR-Kooperation mt dem Antisemiten Waters organisiert hat, schreibt Buhrow im gönnerhaften Feudalherrenstil: „Ich spüre, dass nicht viele Worte und Argumente Sie überzeugen werden, sondern nur eine eindeutige Haltung. Die gebe ich Ihnen, denn mir ist wichtig, dass Sie mir glauben, wie wichtig mir Ihre Empfindungen sind.“

Buhrow respektiert also, wie zum Winkel schreibt, „nicht die inhaltliche Kritik von Goldstein-Wolf, sondern nur ihre Empfindungen. (...) Er hätte zwar, wie er zu verstehen gibt, viele Worte und Argumente, die er gegen das Anliegen der Bittstellerin vorbringen könnte. (...) Mit Argumenten komme ich bei der hysterischen Szene sowieso nicht an. Also gewährt er eine Handlung“ und erwartet nun: Dankbarkeit der Untergebenen.
„Buhrow sagt nicht, dass es ein Fehler war, die Waters-Konzerte präsentieren zu wollen, und er erklärt auch nicht, wie man überhaupt darauf kommen konnte. Sein Mangel an Einsicht ist schlicht deprimierend.“ (zum Winkel)

17.12.2017

Nick Cave zeigt Haltung. Und macht die bessere Musik...

Eine andere Art von Haltung als Morrissey oder Waters beweist Nick Cave. Der unsäglichen BDS-Kampagne stellt sich Nick Cave auf so einfache wie eindeutige Weise entgegen: Er spielte zwei (natürlich ausverkaufte) Konzerte in Tel Aviv, und er ließ auf einer Pressekonferenz wissen, daß er das ausdrücklich als Statement gegen die Drangsalierung durch die Israel-Boykott-Kampagne und gegen die BDS-Kampagne an sich verstanden wissen will. Bravo!
Und die bessere Musik macht Nick Cave sowieso...

17.12.2017

Pharisäertum: Bischöfe stecken Hunderte Millionen in Private-Equity-Fonds, die sie als unmoralisch bezeichnen

Geld in die Private-Equity-Branche stecken? Geht gar nicht, sagen die Bischöfe: „Eine ethisch nachhaltige Ausrichtung von Private-Equity-Beteiligungen ist noch selten und setzt eine intensive Beschäftigung mit den eingegangenen Beteiligungen voraus“, heißt es im Leitfaden der Evangelischen Kirche in Deutschland für die Leute, die das Geld der Kirche anlegen, in vage raunender Vieldeutigkeit. Katholische Bischöfe lehnen das Beteiligungsgeschäft laut „FAZ“ ganz ab: „Das Bistum Hildesheim gibt Regeln zur Geldanlage für Gemeinden, Verbände und kirchliche Stiftungen heraus. Unter ‚Das geht nicht’ fallen unter anderem ‚Risiko-Investmentfonds wie Hedge-Fonds oder Private Equity-Fonds’. Das Erzbistum Köln sieht das genauso, ‚weil diese Formen meist auf kurzfristige Gewinnmaximierung zielen’. Das Erzbistum Paderborn will mit Private Equity nichts zu tun haben.“

Gut gebrüllt. Aber auch ernst zu nehmen? Sie ahnen sicher schon, was jetzt kommt: Denn die schärfsten Kritiker der Elche sind bekanntlich selber welche.

Denn in der Realität stecken kirchliche Pensionskassen wie die Katholische Zusatzversorgungskasse des Verbandes der Diözesen Deutschlands (KZVK) in Köln oder die Kirchliche Zusatzversorgungskasse Rheinland-Westfalen und die Versorgungskasse für Pfarrer und Kirchenbeamte, beides protestantische Institutionen, zig Milliarden in: genau, auch in Private-Equity-Fonds. Die KZVK legt 17,5 Milliarden Euro an, die beiden protestantischen Kassen gut 10 Milliarden. Bei der KVK kommen laut Geschäftsbericht in Beteiligungen an vier Private-Equity-GmbHs 260 Millionen Euro zusammen, die protestantischen Fonds investieren 346 Millionen Euro in die Private-Equity-Branche.
Letztlich stecken also die kirchlichen Pensionskassen Hunderte Millionen Euro in die Fonds, die sie in ihren Sonntagspredigten so vehement ablehnen, und zeigen sich damit als besonders versierte Pharisäer.

17.12.2017

Wie eine SPD-FDP-GRÜNE-Landesregierung eine hochdotierte öffentliche Position ohne Ausschreibung ausgekungelt hat...

Und wie funktioniert Staatsfernsehen (das man nicht so nennen darf, wenn es nach den Öffi-Bossen geht)? So: Da sucht die Landesanstalt für Medien und Kommunikation (LMK) Rheinland-Pfalz einen neuen Direktor. Obwohl, „sucht“ ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Denn eigentlich würde das ja bedeuten, daß eine öffentliche Institution wie die LMK, die aus den Mitteln des Rundfunkbeitrags finanziert wird, solch eine Stelle öffentlich ausschreibt, wie es üblich ist. Solch eine Ausschreibung allerdings hat es nie gegeben.
Es gab keine Stellenausschreibung, es gab kein offenes Verfahren für diese aus Rundfunkbeiträgen finanzierte Stelle, die mit rund zweihunderttausend Euro jährlich üppig dotiert ist. Es gab aber einen Bewerber. Einen einzigen. Und der war, was ganz sicher im rot-grün-gelb regierten Rheinland-Pfalz ein absoluter Zufall war, just ein SPD-Mann, für den ein neuer Job gefunden werden mußte. Denn der Bewerber, den sich die rheinland-pfälzische Landesregierung unter Malu Dreyer (SPD) ausgeguckt hatte und der ohne Ausschreibung ins Amt, nun ja, „gewählt“ wurde (mit denkbar knapper Mehrheit übrigens), ist der SPD-Politiker Jan Eumann, bis zur Abwahl der rot-grünen Regierung in NRW Medienstaatssekretär der dortigen Regierung. Vorher war Eumann u.a. dadurch aufgefallen, daß er „bei der Kölner Spendenaffäre fingierte Quittungen angenommen hatte“, oder daß er bei einer „Selbstplagiatsaffäre für die Promotion seine Magisterarbeit mehr oder weniger neu aufgelegt hatte“ (FAZ).
Ich glaube, man nennt das, was da in Rheinland-Pfalz praktiziert wurde, verniedlichend „Klüngel“. Verfassungsrechtler nennen das Verfahren „verfassungswidrig“ und verweisen darauf, daß eine öffentliche Ausschreibung der Stelle „zwingend notwendig“ gewesen sei (so der Leipziger Staats- und Medienrechtler Hubertus Gersdorf). Und die Zwangsbeitragszahler*innen der Öffis schütteln den Kopf über dieses dreiste Postengeschachere und den Genossenfilz.
Der neue LMK-Chef Eumann dagegen findet alles prima so, wie es gelaufen ist, und blafft eine Journalistin an, die ihm eine kritische Frage stellt. Mainz, wie es singt und lacht. Jetzt neu in Endlosschleife.

17.12.2017

EsPeDe-Bimbes

Und von wem läßt sich die EsPeDe finanzieren?
Der jüngste Parteitag der Sozialdemokraten wurde gesponsert von BMW, Audi, EnBW, Amprion und etlichen anderen Großkonzernen. It’s the Bimbes, stupid!
Die Partei ist auf einem guten Weg. In die Bedeutungslosigkeit.

17.12.2017

Musiktip: Depardieu chante Barbara

In den letzten Wochen konnte man anläßlich des 20. Todestags einige interessante Artikel über die französische Chansonistin Barbara lesen. Was dort leider gar keine Erwähnung gefunden hat, ist eines der schönsten, tiefsten und wunderbarsten Alben des Jahres 2017, nämlich „Depardieu chante Barbara“. Wie skrupulös und karg und faszinierend Depardieu die Chansons der Chanson-Ikone, diesen „Gipfelpunkt der Chansonkunst“, interpretiert, sucht seinesgleichen. Wer dieses Album nicht hört, verpaßt wirklich etwas.

17.12.2017

Autoindustrie & Verbraucherschutz in den USA und in D

Jetzt lassen wir mal Trump beiseite und fragen uns: Was ist der Unterschied zwischen den USA und der BRD in Sachen Autoindustriepolitik und Verbraucherschutz?
Nicht wie Sie denken: In den USA wurden die verbrecherischen deutschen Automobilkonzerne, die ihre Käufer betrogen und Menschen und Umwelt im Dieselskandal massiv geschädigt haben, nämlich dazu verurteilt, die Autokäufer mit hohen Summen zu entschädigen. Man nennt so etwas, wir buchstabieren: V-e-r-b-r-a-u-c-h-e-r-s-c-h-u-t-z. Und der verantwortliche Konzernmanager wurde jetzt zu sieben Jahren Haft verurteilt: „Wegen Verschwörung zum Betrug und Verstoß gegen Umweltgesetze sprach Richter Sean Cox am Mittwoch in Detroit eine siebenjährige Gefängnisstrafe gegen den langjährigen VW-Angestellten Oliver Schmidt aus. Zudem muss der Manager, der laut Anklage von Februar 2012 bis März 2015 in leitender Funktion für Umweltfragen in den USA zuständig war, Geldstrafen in Höhe von 400.000 Dollar zahlen." (laut „SPON“)
Das gleiche Verbrechen der deutschen Automobilkonzerne führt hierzulande zu: nichts. Buchstäblich: nichts. Die Käufer werden nicht entschädigt. Ihnen wird irgendein nichtsnutziges Computerupdate aufgespielt, und das wars. Und Menschen und Umwelt? Sind der Politik hierzulande egal. Die Justiz sagt zwar, daß die deutschen Autos Menschen und Umwelt schädigen, und entscheidet, daß für die Dieselfahrzeuge Fahrverbote gelten müssen. Beziehungsweise müßten. Denn umgesetzt wird: nichts.

Und woran liegt das? Vielleicht an der Verzahnung von Politik und Wirtschaft? Daran, daß hochkarätige Politiker durch die Drehtür als Manager oder Lobbyisten in die Automobilindustrie wechseln?

Und: Was ist der Unterschied zwischen einem verbrecherischen deutschen Automobilkonzern und der Mafia? Nun, die Mafia kennt neben allem verbrecherischen Tun noch so etwas wie Ehre. Der Volkswagen-Konzern dagegen, der sich des als „Dieselgate“ bekannten Vergehens gegenüber den US-Strafverfolgungsbehörden als schuldig bekannt und in dessen Auftrag sein leitender US-Angestellter die einschlägigen Betrügereien begangen hat, läßt den Manager, der auf Anweisung des Autokonzerns handelte, fallen wie eine heiße Kartoffel und verkauft das als „Pflichtverletzung von Beschäftigten“ und sogar als „Compliance-Pflicht“ des Unternehmens.

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