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Blog Archiv - Jahr %1
09.01.2023

Zur sozialen Situation der Beschäftigten in der Musikindustrie, hier: Der Boss der Warner Music Group

Apropos: Die Warner Music Group (WMG) legte laut „Musikwoche.de” per Pflichtmitteilung Gehalt und Bonuszahlungen ihres neuen CEO Robert Kyncl offen: Der Warner Music-Boss erhält ein jährliches Basisgehalt von zwei Millionen US-$. Hinzu kommt ein an das Erreichen bestimmter Unternehmensziele gebundener Bonus von über drei Millionen Dollar. Außerdem erhält Kyncl ab dem ersten vollen Jahr in Diensten des Konzerns ein Paket an Aktienoptionen mit einem Volumen von zehn Millionen Dollar. Macht gut 15 Millionen Dollar im Jahr. Nice. Wollen Sie mal ausrechnen, wie viele CDs des Warner Music-Konzerns wir kaufen oder wie viele Streams der WMG-Künstler:innen wir abspielen müssen, um allein diesen Betrag einzuspielen?
Aber das ist noch nicht alles: „Zusätzlich erhält der neuen CEO nach seinem ersten Jahr bei der WMG im Januar 2024 einmalig Optionen im Wert von noch einmal zehn Millionen Dollar“, weiß die „Musikwoche“ – diese Optionen können über vier Jahre verteilt gezogen werden und sind ebenfalls ans Erreichen bestimmter Unternehmensziele geknüpft.
Ach ja: Weil Herr Kyncl für seinen neuen Job umziehen muss, nämlich nach New York, erhält er auch eine kleine Umzugshilfe von seinem neuen Arbeitgeber: Er kann Umzugskosten bis zur Höhe von, ähem, 500.000 Dollar zur Erstattung bei seinem neuen Arbeitgeber einreichen.
Soll nochmal einer sagen, die Musikindustrie darbe…

 

09.01.2023

Jodie Foster sagt ja zur modernen Welt

„Und wir sagen ja zur modernen Welt“ (F.S.K.):
In einem Interview mit dem französischen Rundfunk anlässlich des Filmfestivals von Cannes wurde Jodie Foster gefragt, ob sie der großen Epoche der Filmpaläste nicht nachtrauere. Sie lachte und sagte, sie würde notfalls auf der Apple Watch Filme schauen. Keine Nostalgie, kein Verzagen, sondern gleich an den nächsten Film.
(laut „Süddeutsche Zeitung“)
 

09.01.2023

Rekord! Kunze schreibt über 460 Songs in einem Jahr!

Der Dauerschwurbler, Gender-Verächter und Studienrätinnen-Liebling Heinz Rudolf Kunze („Gendern ist eine Form von Tollwut“) ist auch nicht ganz ohne Schaden aus der CoronÄra herausgekommen:
„Ich habe in jedem der beiden Corona-Jahre mehr Songtexte geschrieben als ich je im Leben veröffentlicht habe. 2021 waren es über 460.“
Ach, wenn doch nur ein einziger guter oder doch wenigstens okayer Song dabei wäre…

 

09.01.2023

From Dope to Rassism

Nicht wenige Musiker:innen sind ja nicht wenig durcheinander.
Da gibt es die NewAgeigen (mir ist gerade aufgefallen, welch schöne Abkürzung es ergibt, wenn man das „Age“ von „New Age“ zu age-igen adjektiviert…) wie Nena, der wohl nicht zu helfen sein dürfte. Aber es gibt auch die reaktionären Altstars wie den veritablen Rassisten und Faschisten-Freund Eric Clapton (der schon 1976 bekannte: „I used to be into dope, now I’m into rassism“ – ach, wenn er doch beim Kiffen geblieben wäre…) oder den ebenso veritablen Antisemiten und Israelfeind Roger Waters – niedlich, wie seine Tourveranstalter ihre komplette Ahnungslosigkeit und Teilnahmslosigkeit an politischen und kulturellen Diskursen manifestieren, indem sie sich zwar öffentlich von Roger Waters‘ „politischer Agenda“ distanzieren, aber gleichzeitig bekennen, die Verträge seien zu einer Zeit geschlossen worden, „bevor der Künstler Aussagen getätigt hat“ (also bereits vor 2006 für 2023?!?) „oder wir Kenntnis über einzelne Statements hatten, die wir problematisch finden“. Die Kolleg:innen lesen also keine Zeitungen und ignorieren das Internet oder Social Media komplett – interessant…
Ein bisschen ein anderer Fall scheint mir dagegen Kanye West zu sein, der ganz offensichtlich „durchgeknallt“ ist beziehungsweise psychische Probleme hat. Ihm kann sicher geholfen werden…

 

09.01.2023

SXSW, Berlin und der Axel Springer-Konzern

Im März werden wieder weite Teile der Musikindustrie nach Austin/Texas zu den „South By Southwest-Conference and Festivals“ (SXSW) pilgern, der längst weltgrößten Messe für die Musik-, Film- und Tech-Industrien. Seit 1987 findet die SXSW statt, zunächst von unabhängigen örtlichen Initiativen als Musikfestival mit den Schwerpunkten Rootsrock und Alternative Country gegründet, das sich immer weiter ausweitete, von der Stadt Austin und dem Bundesstaat Texas schon bald als ideale Möglichkeit des Stadtmarketing und Nation Building begriffen wurde und sich über die Jahre eben zur riesigen Veranstaltung entwickelt hat, nicht zuletzt auch dank der Erweiterung um das in Texas und speziell in Austin so bedeutende „New Tech“-Szene.
Ich erinnere mich noch gut an die vielen tollen Konzerte mit bekannten und unbekannten Bands bei der SXSW in den 90er und frühen 2000er Jahren. Man konnte dort großartige Bands in kleinen Clubs und Bars sehen und ggfs. unter Vertrag nehmen (yours truly hat in Austin zum Beispiel die Zusammenarbeit mit Calexico, den Fleet Foxes oder den sagenhaften Lullaby For The Working Class vereinbart).
In den letzten Jahren wurde die SXSW immer mehr zu einer riesigen Kommerz-Veranstaltung, in der die wichtigen Konzerte nicht mehr im Rahmen des Festivals, sondern in riesigen, von Großkonzernen betriebenen Zelten und Hallen stattfanden, und die gesamte Stimmung mutierte zu einer Mischung aus Oktoberfest und Dantes Inferno. Und neue Bands kann man bei der SXSW schon lange nicht mehr „signen“…
Die SXSW wurde häufig kopiert, mal weniger (PopKomm), mal mehr erfolgreich wie beim Hamburger Reeperbahn-Festival, das im Grunde eine gut gemachte Kopie der SXSW darstellt inklusive massiver Finanzierung des Hamburger Stadtmarketings.
 
Angesichts dieser Erfolgsgeschichte (also sowohl des SXSW an sich als auch der Hamburger Reeperbahn-Erfolgskopie) kamen auch einige Berliner (absichtsvoll nicht gegendert) auf eine glorreiche Idee: Die SXSW müsse sich doch auch in Berlin veranstalten lassen! Also an dem Ort, wo bisher alle einschlägigen Versuche, eine brauchbare Popkultur-Messe und Konferenz an den Start zu bringen, kläglich gescheitert sind.
Initiatoren von „SXSW Berlin“ waren die US-amerikanische Penske Media Group (die auch zu 50 Prozent an der SXSW beteiligt ist) und, man höre und staune: Der Axel Springer-Konzern (also die Axel Springer Media Group). Laut „taz“ soll mit dem bundesdeutschen Konzert- und Ticket-Großkonzern CTS Eventim „als Partner ins Boot geholt“ werden, und an den Planungen des Events soll auch der bestens in der Branche, aber auch in der Politik vernetzte Michael Hapka, von 2021 bis 2020 CEO der Anschutz Entertainment Group (u.a. Betreiber der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof), beteiligt sein.
Der Berliner Senat – federführend wohlgemerkt: der Wirtschafts-, nicht der Kultursenat, klar! hier geht es ja um die sogenannte „Kreativwirtschaft“, nicht etwa um „Kultur“… – war natürlich sofort Feuer und Flamme und hat für ein mehrtägiges Tech- und Musikfestival „SXSW Berlin“ im August 2023 laut „taz“ einfach mal so eben 14 Millionen Euro Unterstützung in den Haushalt eingesetzt, angelegt auf vier Jahre.
Das war der Plan – ein Plan, der natürlich zu keinem Zeitpunkt mit der reichhaltigen Club- und Konzertlandschaft Berlins abgesprochen worden war – die staatlichen und privatwirtschaftlichen Funktionäre der Kreativwirtschaft beschließen solche Konzepte üblicherweise über die Köpfe der „Kreativen“ hinweg. Dumm nur, dass der Plan mittlerweile gescheitert ist, und da die großspurigen Planer ihr Konzept 2023 nicht umsetzen können, hat der Senat die Förderung mittlerweile zurückgezogen. Provinzielle Bauchlandung mit Ansage, würde ich sagen.
 
Besonders interessant und pikant ist aber, dass ausgerechnet der Axel Springer-Konzern, dessen Medien doch sonst immer den „privaten Markt“ bejubeln, der angeblich „alles regelt“, dass ausgerechnet die Axel Springer Media Group also mit ihren rund 4 Milliarden Euro Jahresumsatz beim Senat um Millionen-Unterstützung bettelt, sobald sie mal etwas Neues entwickeln und an den Start bringen möchte. Die schärfsten Kritiker der Elche…

 

09.01.2023

Klasse Satz: Christian Geissler

„Der Krieg wird nicht von denen abgeschafft, für die er auf die eine oder andere Weise ein Gewinn ist, ein Gewinn entweder im Bereich wirtschaftlicher Macht oder ein Gewinn im Bereich geistiger und geistlicher Macht. Der Krieg wird abgeschafft werden von denen, für die er einfach nur der gemeine Tod ist. Von uns. Oder von niemandem.“
(Christian Geissler am Antikriegstag 1965)

 

09.01.2023

Printverächter schalten subventionierte Touranzeigen im Print

Lustig, wie die Kolleg:innen des Tourveranstalters der Band Die Nerven in einer taz-Anzeige verlautbaren lassen, dass die Band auf Tour gehen und dabei „so viele Termine“ spielen werde, „dass sie niemals hier Platz finden würden. Deswegen raten wir, sich im Internet dazu zu informieren.“
Soweit so gut, Anzeigenplatz so so teuer, Tourveranstalter so so arm, fair enough, I don’t blame them.
Aber dann fügt der Tourneeveranstalter noch diesen rätselhaften Satz hinzu:
„Seltsam, dass ihr immer noch Print lest.“
Kann man so sehen – dann ist es aber vor allem seltsam, dass man Medien-Präsentations-Deals mit einer (noch) gedruckten Tageszeitung eingeht und dort, im „Print“, seltsamerweise Anzeigen schaltet, die von just dieser Tageszeitung subventioniert werden.
Oder?

 

09.01.2023

Letzte Generation klebt sich in der Elbphilharmonie an

Ein Gruß geht raus an die beiden Aktivist:innen der „Letzten Generation“, die sich am Geländer des Dirigentenpults der Elbphilharmonie Hamburg angeklebt hatten, aber nicht bedacht haben, dass das Geländer nur eingesteckt ist – so hat man sie einfach irgendwo im Flur der Elphi abgestellt…

09.01.2023

Max Mordhorst barmt: Bürger:innen sprechen Bundestagsabgeordneten an!

Max Mordhorst (Name nicht erfunden, Namenskalauer verboten!) barmt am 15.12.2022 auf Twitter, dass er von Bürger:innen angesprochen wird – was er als „Belästigung“ empfindet:
„Am Eingang ins Reichstagsgebäude werden Abgeordnete mutmaßlich von Mitgliedern der Letzten Generation belästigt, angesprochen und behindert.“
„Mutmaßliche“ Bürger:innen, die ihre Abgeordneten ansprechen – was für ein Skandal!

 

09.01.2023

Martin-Büsser-Straße

Es ist ja nicht alles schlecht. Manchmal gibt es einen kleinen Hoffnungsschweif am Horizont der Ödnis. Dieser hier schien über dem Mainzer Himmel auf:
Dort hat der Ortsbeirat Mainz-Neustadt auf Antrag der Fraktion der Grünen und der Linken die Pfitznerstraße in Martin-Büsser-Straße umbenannt.
Dies ist nicht nur ein überfälliger, symbolischer Schritt hin zur Anerkennung der „populären Kultur“, sondern eben auch ein Politikum: Statt des ollen Nazi-Komponisten Hans Pfitzner der große Musikkritiker und Pop-Theoretiker Martin Büsser, der übrigens in einem seiner letzten Texte (nämlich in Opak 4/2010, womit auch an das wunderbare Opak-Magazin erinnert sei) geschrieben hat: „Mittelgroße Städte sind somit ein Musterbeispiel an Toleranz.“
Marit Hofmann schrieb einmal in „Konkret“: „All die Bluffer und Blender, Spinner und Scharlatane, Macker und Eventmanager müssten, ginge es im Kunstbetrieb mit rechten Dingen zu, vor Scham im Boden versinken, wenn sie Martin Büssers Stimme vernähmen. Ohne je dem Dünkel linker Gesinnungsrichter zu verfallen, wusste Martin zwischen Kunst und Gewerbe zu unterscheiden. Auf sein unbeirrtes Urteil bleibt in dieser Welt des schönen Scheins Verlass.“

 

22.12.2022

Arte-"Tracks" wird eingestellt!

In den "News" können Sie von der Arte-„TRACKS“-Sondersendung „Teure Tickets und Tourabsagen: Live-Branche in der Krise" über die Konzertbranche lesen.
Hier nochmal, falls Sie's noch nicht gesehen haben sollten:

Ich verrate Ihnen jetzt ein Geheimnis: Diese „TRACKS“-Sendung war die allerletzte dieser Art, die das französisch-deutsche Kulturmagazin ausgestrahlt hat!
Wie aus gut informierten Kreisen zu erfahren war, soll „TRACKS“ bei Arte zwar als Name weitergeführt werden, aber künftig als kulturell angehauchte Weltpolitik-Sendung (in der Art von „TRACKS East“) und nicht mehr als das kreative, gut gemachte und interessante Popkulturmagazin, als das wir „TRACKS“ über Jahre hinweg schätzen und lieben gelernt haben.

Somit stirbt auf Arte auch das letzte deutsch-französische Format, die letzte gemeinschaftlich konzipierte und realisierte Kultursendung – nach 25 erfolgreichen Jahren und trotz guter „Zahlen“, also Einschaltquoten. Zukünftig wird „Tracks“, das nur noch den Namen mit dem bisherigen Magazin gemein hat, allein auf deutscher Seite und, wie gesagt, nicht mehr als Popkultur-Magazin fortgeführt.

Ein weiterer Schritt zur Verflachung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Eine weitere Kultursendung von hoher Qualität wird eingestellt, das einzige Fernsehmagazin, das sich mit Popkultur beschäftigt hat, wird einfach so abgeschaltet, und das ist empörend! Und dass der Sender versucht, dies ohne offizielle Ankündigung, ohne aktive Kommunikation, also quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit umzusetzen, ist ein zusätzlicher Skandal.

 

13.09.2022

Infektionsschutzgesetz und Weltfremdheit

Niemand in der Kulturbranche weiß, was Herbst und Winter bringen werden. Was Corona angeht, sind wir in Maßen optimistisch – es gibt gute Impfstoffe, die meisten Clubs, Venues und Konzertsäle sind sicher mit Belüftungssystemen auf dem neuesten Stand der Technik, nicht zuletzt dank der Förderungen der Bundesregierung.
Größere Sorgen machen uns derzeit die Energiekosten. Erstens: Wie soll man kleinere Konzerte finanzieren bei Energiekosten, die durch die Decke gehen? Zweitens: Über den Venues schwebt das Damoklesschwert von Verboten – sollte Energie tatsächlich im Winter knapp werden, sind behördliche Schließungen nicht auszuschließen (absichtsvoll gedoppelte Wortwahl). Was das für die angeschlagene Konzertszene bedeuten würde, brauche ich nicht zu betonen…
Und dann kommt da diese neue gesetzliche Regelung, die die an Weisheit kaum zu übertreffende, großartige Bundesregierung soeben verabschiedet hat: Die neue Version des Infektionsschutzgesetzes. Wirklich nichts gegen Maskentragen im Fernverkehr und bitte bundesweit auch im ÖPNV. Und wenn es nötig sein sollte, auch FFP2-Masken in bestuhlten Konzerthäusern und Theatern – so oder so sinnvoll, ob freiwillig oder nach Vorschrift.
Dann aber die hanebüchene Regelung, dass die Bundesländer eine Maskenpflicht in Innenräumen anordnen können, aber in Kultur- und Sportstätten zwingend (!) eine Befreiung davon zulassen müssen für all jene, die ein aktuelles negatives Testergebnis vorweisen können. Über so viel Weltfremdheit und Realitätsverweigerung kann man nur staunen. Wie stellen sich die Herren Buschmann und Lauterbach das in der Praxis bitteschön vor? Gesetzt den Fall, es gibt wieder Maskenpflicht in der Kultur, und dann gibt’s diese zwingende Ausnahmeregelung – soll dann die Security durch die Hallen oder die Clubs streifen und sich von all denen, die keine Maske tragen, ein Testergebnis zeigen lassen?!? Sorry, viel dümmer geht’s nimmer.
Mal abgesehen davon, dass Stehkonzerte im Rock- und Popbereich oder gar Tanzveranstaltungen in Clubs mit Maske schlicht unsinnig sind und nicht funktionieren. Es würde dafür ja eine gute Lösung geben, nämlich, zum hundertsten Mal sei’s gesagt: PCR-Tests für alle! Statt der fragwürdigen und fehlerhaften Schnelltests können PCR-Tests rasch und effektiv und kostengünstig durchgeführt werden, wie die Clubs und ihre Interessenvertretungen längst nachgewiesen haben. Und Wiener Veranstalter lachen sich sowieso schon lange halbtot über die deutsche Politik und ihre PCR-Test-Verweigerungshaltung, und erst recht über die Behauptung, PCR-Tests seien zu teuer. Nein, PCR-Tests ließen sich zu dem Preis durchführen, den hierzulande aktuell die unsicheren Schnelltests kosten – wenn man es nur politisch wollen würde. Allerdings, die hiesigen Labore wollen weiter dicke Profite machen, und so wird der Preis für PCR-Tests in Deutschland künstlich hochgehalten.
Das wird wieder ein Spaß im kommenden Corona-Herbst und Winter!

13.09.2022

Cancel Culture: UNO verbietet Blaskapellen! Aiwanger kämpft für Winnetou! Seliger reitet davon...

Sie haben es sicher schon gehört:
Die UNO-Generalversammlung hat jüngst beschlossen, dass bairische Trachten und bairische Blaskapellen verboten werden. Ein echter Skandal, dem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) in Gillamoos entschieden entgegentrat:
„Ich kann nur eines sagen: Wir stehen zu unserer Tracht, unserer Identität, dem Ehrenamt und unseren Blaskapellen! Bayern ist und bleibt das schönste Land der Welt! Wir stehen dazu und lassen uns das von keinem nehmen und von niemandem verbieten!“
(zitiert laut CSU-Account auf Twitter, 5.9.2022)
Hugh! Der große Häuptling der bairischen Indianer hat gesprochen! Wir lassen uns weder Tracht noch Ehrenamt noch Blaskapellen verbieten! Wehret den Anfängen!
 
Das weiß auch der stellvertretende bairische Ministerpräsident, Hubert Aiwanger von den Freien Wählern – ein selbsternannter „Kämpfer für die Entrechteten“:
 

 
Den Winnetou wollen wir uns schließlich nicht auch noch verbieten lassen.
Ich reite jetzt erstmal in den Sonnenuntergang. Swallow, mein wackerer Mustang, spitzt schon die kleinen Ohren…

 

13.09.2022

In München steht ein Rammstein-Haus... (fast)

In München ist gerade ganz schön was los. Die CSU-Fraktion im Rathaus hat sich als Rammstein-Fanclub geoutet:
 

 
Wie es dazu kam?
Ein österreichischer Schlager-Großveranstalter, die Leutgeb Entertainment Group (Motto: „We create emotions!“), örtlicher und Tournee-Veranstalter von Schlagerrockkonzerten (aktuell im Angebot u.a. Andrea Berg, Semino Rossi, Die Ärzte oder Helene Fischer) hat auf dem Münchner Messegelände, das die Stadt den örtlichen Veranstalter beharrlich verweigert hat, drei gigantische Kommerzkonzerte durchgeführt: „Volksrocknroller“ Andreas Gabalier, Robbie Williams und Helene Fischer. Die Durchführung war nach allem, was aus München zu hören ist, eher misslungen und chaotisch, die örtlichen Zeitungen sind voll von Fan-Beschwerden. Dazu kommt ein offensichtlich gestörtes Verhältnis zur Pressefreiheit seitens Leutgeb: Nachdem der „Münchner Merkur“ und die örtliche Boulevardzeitung „tz“ kritisch über das Helene Fischer-Konzert berichtet hatten, verweigerte der Konzertmogul den Berichterstattern den Zutritt zu weiteren Konzerten und bezeichnete die Zeitungen auf Facebook laut „Abendzeitung“ in bester Franz Josef Strauß-Manier als „regionale und gesteuerte Schmierfink-Medien“.
Besonders pikant aber: Leutgeb wollte an Silvester in München das nächste Großereignis platzieren: Ein Rammstein-Konzert auf der Theresienwiese (wo alljährlich das Oktoberfest, die „Wiesn“, abgehalten wird). Wochenlang beherrschte dieses Thema die lokalen Schlagzeilen: CSU und SPD bildeten eine, nun ja: „große“ Rammstein-Koalition im Münchner Stadtrat und setzten per Mehrheitsbeschluss das Silvesterkonzert im Stadtparlament durch, trotz aller Sicherheitsbedenken und gegen die Stimmen der größten Fraktion, der Grünen, und der Linken und kleinerer Fraktionen.
Man dachte zunächst, dass es der CSU darum gehen würde, der Münchner Kreisverwaltungsreferentin der Grünen eins auszuwischen – schließlich begreift die örtliche CSU seit Gauweiler dieses exponierte Referat gewissermaßen als rechten Erbhof. Und dass die örtliche SPD, in Bayern noch bedeutungsloser als andernorts, eine Gelegenheit nutzen würde, den Grünen zu schaden – geschenkt, so sind sie halt, die Spezialdemokraten.
Doch mittlerweile tat sich ein Abgrund auf: Die „Abendzeitung“ berichtet von „Verflechtungen zwischen der CSU und dem Veranstalter“. Demzufolge hat Leutgeb als „exklusiven Gastronomiepartner“ der drei Großkonzerte eine Firma namens Braincandy Solutions auserkoren. Diese Firma wurde überhaupt erst im April 2022, also nachdem die Vergabe des Mesegeländes an Leutgeb längst feststand, ins Handelsregister eingetragen, und sie nennt auf ihrer Homepage gerade einmal drei Referenzen: Andreas Gabalier, Helene Fischer und Robbie Williams. „Wie kommt so eine junge Firma an so große Aufträge?“, fragt die „Abendzeitung“ völlig zurecht. Nun: Geschäftsführer der Greenhorn-Firma ist Tobias Fendt, „ein Vorsitzender der Jungen Union im Südosten von München – aktiv im gleichen Kreisverband wie Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner, der die Idee, auf der Messe große Konzerte zu veranstalten, als erster öffentlich machte.“
Ein Schelm, wer Böses denkt, wenn ein CSU-Wirtschaftsreferent Großkonzerte eines Großveranstalters featured, während ein Parteifreund – ein Newcomer, der buchstäblich aus dem Nichts kommt – just bei diesen Großkonzerten den Großauftrag als „Gastronomiepartner“ an Land ziehen kann. Wieder mal die altbekannte Amigowirtschaft in der Münchner CSU? Iwo, sicher alles nur Zufall…
Aber Tobias Fendt „ist nicht der einzige CSUler, der von den Messe-Konzerten profitierte“, weiß die „Abendzeitung“. „Auch CSU-Stadtrat Thomas Schmid, der unter anderem als Berater in der Gastronomie tätig ist, arbeitete bei den Veranstaltungen mit.“
Mittlerweile hat sich das für Silvester geplante und von der Münchner CSU gefeaturte Rammstein-Konzert als peinliche Ente entpuppt – das Management der Band gab bekannt, dass es mit Leutgeb keinerlei Vereinbarung für solch ein Silvester-Konzert in München gegeben habe… Alles top seriös also. Genehmigt wäre das von der CSU herbeigesehnte Konzert sowieso nicht worden, aus Sicherheitsbedenken.
Im Sommer 2023 sollen auf dem Messegelände übrigens weitere Großkonzerte stattfinden. Ob dabei jedoch wieder die österreichische Leutgeb Entertainment Group zum Zuge kommt, steht noch in den Sternen. Wie aus gut unterrichteten Kreisen zu hören ist, hat ein Großkonzern des Konzertgeschäfts schon dieses Jahr versucht, in den Exklusivvertrag zwischen der Messe München und Leutgeb einzusteigen, und zuletzt wurde der Deutschland-CEO dieses Konzerns nicht nur beim Gabalier-Konzert und mit Leutgeb, sondern mehrmals auch mit dem Münchner CDU-Wirtschaftsreferenten gesichtet. Offensichtlich sind die Konzertkonzerne sehr an dem exklusiven Veranstaltungsort in München als weiteren Baustein ihres Imperiengeschäfts interessiert…

13.09.2022

Bundesregierung erhöht den Abgabesatz der Künstlersozialkasse

Als ob die Konzert- und Tourneeveranstalter:innen nicht bereits genug Probleme hätten:
Jetzt hat die Bundesregierung beschlossen, dass der Abgabesatz der Künstlersozialkasse (KSK) zum 1.1.2023 von bisher 4,2 auf 5,0 Prozent steigt. Also eine Erhöhung um mehr als 19 Prozent!
Zur Erklärung: Die „Verwerter“ von Kunstwerken, in diesem Fall also die Konzertveranstalter, müssen einen Prozentsatz der Entgeltzahlungen an selbständige Künstler (in dem Fall also der Gage) an die KSK abführen. Seit 2018 lag der Abgabesatz stabil bei 4,2%.
Der Bundeszuschuss zur Künstlersozialkasse wurde von der rot-grünen Bundesregierung im Jahr 2000 von ursprünglich 25 Prozent auf 20 Prozent abgesenkt. Dadurch stieg der Abgabesatz der KSK im Bereich Musik von ursprünglich 1,6 Prozent im Jahr 1998 auf 5,8 Prozent im Jahr 2005 – eine Steigerung um 362 Prozent. Diese rot-grüne Steigerung ist bis heute nicht zurückgenommen worden, sodass sich der Abgabesatz in den letzten zehn Jahren zwischen 4,1 und 5,2 Prozent eingepegelt hat.
Wenn die aktuelle Bundesregierung ihren Sonntagsreden von der sozialen Unterstützung der Künstler:innen und der Musiker:innen Taten folgen lassen wollte, würde sie den Bundeszuschuss zur KSK wieder auf 25 Prozent anheben, sodass die Abgabesätze der Konzertveranstalter:innen wieder auf ein verträgliches Maß reduziert werden könnten. Stattdessen greift die Bundesregierung der angeschlagenen Branche nochmal tiefer in die leeren Taschen – letztlich auch zum Nachteil der Musiker:innen, die entsprechend geringere Gagen erhalten.

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