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01.07.2016 - 12:49

Die ARD- und ZDF-Fußball-„Experten“ sollen laut „kress pro“ gigantische Honorare bei der Fußball-EM kassieren. Scholl komme demzufolge auf bis zu 1,6 Millionen Euro jährlich.
Angeblich verdienen Scholl und Kahn bis zu 50.000 Euro pro Tag, also so viel wie ein erfahrener Fernsehredakteur auch bekommt – nur erhalten die einen die Kohle eben pro Jahr, die anderen pro Tag, was ja wirklich nur ein klitzekleiner Unterschied ist.

Die ARD ist „ausgesprochen verärgert“ – nicht darüber, daß so viel Geld für sogenannte Fußball-Experten zum Fenster rausgeworfen ist, das ist der ARD bekanntlich egal, das Geld ist ja da und wird per Zwangsabgabe allen Bürger*innen aus der Tasche gezogen. Nein, man ist verärgert, daß diese Zahlen rausgekommen sind. Und angeblich stimmen sie nicht. Die Blödzeitung jedenfalls berichtet, daß Mehmet Scholl bei der ARD „nur“ auf etwa 800.000 Euro jährlich kommt...
Allerdings gibt die ARD natürlich keine Zahlen der tatsächlichen Honorare bekannt, denn Transparenz ist ja bekanntlich das Geschäft des deutschen Staatsfernsehens nicht. Wir finanzieren mit unseren Zwangsabgaben den Laden, aber wir erfahren nicht, wofür das Geld ausgegeben wird. Aus jedem Kuhdorf wissen wir mehr über das, was mit unseren Geldern passiert, als bei ARD und ZDF.
Und die nächste Frage ist natürlich: Warum benötigt man überhaupt all die sogenannten Experten? Warum können Sportjournalist*innen nicht selbst die Spiele erklären, die taktischen Fragen, die Spielauffassung, das Drumherum? Dazu werden sie ja schließlich ausgebildet, dafür bekommen sie ihr beträchtliches öffentlich-rechtliches Gehalt. Oder hat man einen Politikjournalisten erlebt, der die aktuellen politischen Entwicklungen erklären soll, und der, statt selbst einen Leitartikel zu schreiben, den Raum bereitwillig an Politiker*innen abgibt – damit alles „authentischer“ wird?!?

Der Chefredakteur von „kress pro“, Markus Wiegand, merkt an: Allein für den Sportrechte-Etat eines Jahres (rund 182 Millionen Euro) könnte das ZDF mehr als 2.000 Journalisten (!) beschäftigen, die statt Halligalli beim Sport-Ballaballa für den Informationsauftrag und damit den Kernauftrag der Öffentlich-Rechtlichen arbeiten würden."
Aber was wäre dann mit der durchaus so gewollten Zwangssedierung der Gesellschaft, lieber Markus Wiegand, wenn das Staatsfernsehen plötzlich den Gesetzesauftrag ernstnehmen würde, statt zig Millionen für den Sport auszugeben?

01.07.2016 - 12:46

Und was empfiehlt der buddhistische Mönch Tenzin Gyatso laut „SPON“ der Popsängerin Stefani Joanne Angelina Germanotta? Natürlich: Mehr Geld zu verdienen!
„Das ist der einzige Weg. Ihr Milliardäre und Millionäre müßt mehr Geld machen.“

Und das sei im Übrigen auch gut für die Wirtschaft.

01.07.2016 - 12:44

Vor dem Gießener Amtsgericht muß sich dieser Tage jemand wegen Diebstahls verantworten, der noch genießbare Lebensmittel an sich genommen hat, die die Supermarktkette Tegut weggeschmissen hat und in einem Container lagert, um sie der Vernichtung zuzuführen.
Müßten sich aber nicht eher diejenigen vor Gericht verantworten, die brauchbare Lebensmittel massenhaft wegschmeißen?

Der große Wiglaf Droste erklärt in seinem Text „Verfallsdatum“, wie der Kapitalismus mit biologischem Antlitz funktioniert:

„Es gab eine Zeit, in der es sinnvoll war, Lebensmittel nach Ablauf des Verfallsdatums wegzuwerfen; das Ablaufdatum war so weit wie möglich rausgeschoben, damit die Hersteller auch zweifelhafte oder schon gammelige Ware verkaufen konnten. (...)
Wenn Lebensmittelhöker aber eine solventere und sich als »bewusst« hochstufende Kundschaft im Visier haben, läuft das Spiel genau andersherum: Das Verfallsdatum wird viel früher als nötig angesetzt, damit Lebensmittel, die noch völlig in Ordnung sind, weggeworfen und an ihrer Stelle neue gekauft werden.
Man nennt dieses Vorgehen und Verfahren auch Kapitalismus mit biologischem Antlitz; das bedeutet, Menschen mit einem sorgsam und ausgestellt kultivierten und gehegten »Konsumbewusstsein« für genau so spezifisch dumm zu verkaufen, wie sie es sind.“

26.06.2016 - 20:18

Eine neue Volte schlug der Berliner Regierende Bürgermeister Müller (SPD) in Sachen Volksbühne dieser Tage. Die, um es vorsichtig zu formulieren, „umstrittene“ Nicht-Verlängerung des Vertrags des Volksbühnen-Intendanten Frank Castorf, also quasi dessen Entlassung, verteidigte Müller im Berliner Abgeordnetenhaus laut "Berliner Zeitung" jetzt so:
Castorf habe zwar „mehr als 20 Jahre großartige Theaterarbeit geleistet“, sagte Müller. Aber man müsse „nach so einer langen Zeit auch anderen Menschen mal eine Chance geben“.

Wie der Zufall es so will: Michael Müller ist seit 1996, also just seit zwanzig Jahren, Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin. Müller hält sich natürlich selbst nicht an die Ratschläge, die er seinen Mitmenschen gibt, und kandidiert bei der Wahl im September erneut für das Berliner Abgeordnetenhaus.

Aber wie wäre es denn, wenn die Berliner Wähler*innen „nach so einer langen Zeit auch anderen Menschen mal eine Chance geben“ und Müller nicht wiederwählen würden?

26.06.2016 - 20:14

„Heinz-Rudolf Kunze ist eine Null. Er selber weiß es am besten.
Frei und holprig nach Kleists Gedicht ‚Glückwunsch‘: ‚Ich gratuliere Heinz Rudolf, denn ewig wirst du leben / Wer keinen Geist besitzt, hat keinen aufzugeben.'“

Wolfgang Welt – R.I.P!
(so etwas konnte man übrigens 1982 im „Musikexpress“ lesen... und das großartige erste Buch von Wolfgang Welt, „Peggy Sue“, erschien 1986 im Konkret Literatur Verlag)

26.06.2016 - 20:12

Wegen des Brexits werden die Rundfunk-Zwangsabgaben steigen!
Denn gerade hat das ZDF betont, auch nach dem Brexit an den exzessiven Verfilmungen der Kitschromane von Rosemunde Pilcher festzuhalten, und zwar vor Ort in England.
Über 100 (einhundert!) der Pilcher-Romane hat das deutsche Seniorenfernsehen, also das ZDF, bisher bereits verfilmt, und folgerichtig hat der verantwortliche ZDF-Hauptredaktionsleiter 2002 wegen seiner Verdienste um den britischen Tourismus den „British Tourism Award“ verliehen bekommen.
Nach dem Brexit allerdings, wenn England nicht mehr Teil der EU ist, wird das alles wesentlich teurer kommen. Klippen und Brandungen, kitschige Familienidyllen, überholte Rollenvorstellungen, reaktionäre Klischees und Happy Ends – das wird die Zwangsabgabenzahler*innen künftig noch teurer kommen als auch schon.

26.06.2016 - 18:00

Auch dem WDR, dessen Jahresetat bei gerade einmal 1,4 Milliarden Euro liegt, geht’s dreckig. So dreckig, daß er nun Gemälde von Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner und anderer beim Londoner Auktionshaus Sotheby’s für ein paar Millionen Euro hat versteigern lassen. Gegen den Widerstand der nordrhein-westfälischen Landesregierung wohlgemerkt, vor allem aber ohne Zustimmung der GEZ-Beitragszahler*innen, mit deren Geld der WDR die Gemälde mal angeschafft hat. Der Deutsche Künstlerbund nannte den Verkauf der Gemälde „zutiefst verstörend und schockierend“.

Lassen wir mal die Frage beiseite, ob es die Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Senders ist, mit dem Geld der Gebührenzahler*innen überhaupt teure Gemälde zu erwerben – im Rundfunkstaatsvertrag steht davon jedenfalls eindeutig nichts. Aber wenn es schon geschehen ist, die Aufsichtsgremien seinerzeit wie gehabt im Dauerschlaf waren und diese Gemälde nun einmal da sind, wäre es doch wohl eine Selbstverständlichkeit gewesen, diese Gemälde denen, die für sie bezahlt haben, kostenlos zugänglich zu machen, statt sie bei Sotheby’s zu verdaddeln, um mit dem Erlös unsinnige Daily Soaps oder teure Fußballrechte der kriminellen FIFA und UEFA zu finanzieren.

26.06.2016 - 17:58

„Reiche schlafen schlecht“, titelt die „FAZ“, und meldet: „Ein großes Vermögen wird oft als Belastung empfunden.“
Sorry, aber mein Restbestand an Mitleid ist gerade aufgebraucht.

26.06.2016 - 17:57

„Kann der Kapitalismus weiterleben? Nein, meines Erachtens nicht.“
Joseph Schumpeter (1942)

26.06.2016 - 17:56

In Italien bekommen Frauen heute laut einer Meldung in „Konkret“ durchschnittlich 94 Prozent des Männergehalts, in Frankreich 85, in Großbritannien 82 Prozent.
Und in Deutschland? 78 Prozent. Der bürgerlichen Frauenbewegung sei Dank.
Nur in Estland (72) und Österreich (78) sind es noch weniger.

19.06.2016 - 12:45

Seit quasi ewigen Zeiten, nämlich seit 1968, als die Mehrwertsteuer hierzulande eingeführt wurde, hat die Politik Produkte der Grundversorgung mit einem ermäßigten Mehrwertsteuersatz ausgestattet, um „bestimmte Güter des lebensnotwenigen Bedarfs“ zu verbilligen. Daher unterliegen Lebensmittel oder Fahrkarten des öffentlichen Nahverkehrs, aber eben auch Eintrittskarten für kulturelle Veranstaltungen (von der Oper bis zum Rockkonzert) und Bücher, Schallplatten und CDs dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent (im Gegensatz zum mittlerweile auf 19 Prozent angestiegenen normalen Satz).

Allerdings: Ein Buch gilt nur dann als Kulturgut, als Gut des „lebensnotwendigen Bedarfs“, wenn es in herkömmlicher Weise erscheint, also in gedruckter Form vorliegt. Wenn die Werke Goethes, Shakespeares oder Brechts als E-Book herausgegeben werden, sind sie für den Gesetzgeber kein Kulturgut mehr und werden mit 19 Prozent Mehrwertsteuer bedacht.

Andrerseits ist dem Gesetzgeber alles, aber auch wirklich alles, was in gedruckter Form vorliegt, ein Kulturgut: Sudoku-Bände etwa. Oder die neuerdings so beliebten Ausmalbücher (ein Hobby für Erwachsene, wohlgemerkt). All dies wird im Land der Dichter und Denker mit 7 Prozent Mehrwertsteuer vom Staat als Kulturgut gefördert. Ein staatliches Sedierungs-Förderprogramm sozusagen.

19.06.2016 - 12:41

Viel schlimmer als die Tatsache, daß 84,4% aller AfD-Wähler laut der Studie „Die enthemmte Mitte“ der Universität Leipzig der Aussage „Bitte keine Sinti und Roma in meiner Nähe“ zustimmen, finde ich, daß sage und schreibe 57,8% aller bundesweit Befragten dieser Aussage zustimmen.
Ein Land von Rassisten und Reaktionären.

19.06.2016 - 12:40

Alltags-Rassismus in Deutschland, 2016.

Der „Tagesspiegel“ berichtet von der Gerichtsverhandlung gegen den mutmaßlichen Mörder zweier kleiner Jungen, Elias und Mahamed:
„Beobachter erhoffen sich vom Verfahren auch neue Erkenntnisse darüber, ob die Polizei bei der Suche nach den vermißten Jungen mit zweierlei Maß vorgegangen ist. Im Fall Elias wurde schon Stunden nach dessen Verschwinden eine bundesweite Fahndung eingeleitet, am nächsten Tag kamen ein Hubschrauber und Spürhunde zum Einsatz, später wurden große Freiflächen und Wälder abgesucht, Satellitenfotos analysiert, die Bundeswehr wurde um Hilfe gebeten (...) Im Fall Mohamed beantragten die Beamten erst an Tag fünf nach der Entführung, die Bilder der Überwachungskamera am Haupteingang des Lagesos auswerten zu dürfen. Was Kritiker besonders ärgert: In beiden Fällen haben sich die Ermittlungen zwischenzeitlich auch gegen die Mütter der Kinder gerichtet – aber nur bei Mohamed habe dies dazu geführt, daß Nachforschungen in andere Richtungen vernachlässigt worden seien. (...) Mohameds Mutter hatten Ermittler zunächst unterstellt, sie wolle mit dem Verschwindenlassen ihres Sohnes womöglich die eigene Abschiebung nach Bosnien verhindern.“

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, steht in der Verfassung. Manche allerdings sind etwas weniger gleich. Flüchtlingskinder etwa und deren Mütter.

19.06.2016 - 12:38

Der „FAZ“ entnehme ich, daß sich unlängst in Leipzig eine interdisziplinäre Tagung mit dem Thema „Lyrics/Lyrik. Über Songtexte und ihr Verhältnis zu Gedichten“ beschäftigt hat.
Dabei ist etwas sehr Überraschendes herausgekommen, nämlich: Songtexte sind keine Gedichte! Wer hätte das gedacht.
„Es sei eben unvergleichlich, ob man Elvis Costellos Lied ‚Alison’ nur lese oder höre, wie der Sänger mit maximaler Verachtung die Zeile ‚Well I see you’ve got a husband now’ intoniert“,
berichtet Jan Wiele von der Tagung: „Beispiele für Popsongs, die als Gesamtkunstwerk großartig, auf den Text reduziert aber fast lächerlich wirken, fallen wohl jedem ein paar ein.“

Mir fallen dazu übrigens nicht nur Texte von Popsongs ein, sondern auch der eine oder andere ein wenig lächerliche Text eines Opern-Librettos, was zeigt, daß das Thema, das hier verhandelt wurde, doch reichlich konstruiert ist: Wer würde sich ernsthaft damit geschäftigen wollen, daß zum Beispiel die Zeilen
„Weia! Waga!
Woge, du Welle,
walle zur Wiege!
Wagala weia!
wallala weiala weia!“

aus Wagners „Rheingold“ als Lyrik kaum der Auseinandersetzung lohnen, mit der sie begleitenden Musik aber eine gewisse Berechtigung haben? Oder das
„Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha! Heiaha!
Helmwide! Hier!
Hierher mit dem Ross!
Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha!“

aus der „Walküre“?

19.06.2016 - 12:36

Neues aus der Potsdamer Jauchengrube.

Der Brandenburger Junker Jauch, mehrfacher Luxusimmobilienbesitzer in Potsdam, hat versucht, ein Gutsherren-Sonderrecht zu erstreiten: Er wollte es zusammen mit seiner Ehefrau den Medien verunmöglichen, mit Fotos über seine Hochzeit zu berichten. Die Zeitschrift „Bunte“ hatte einen Artikel über diese Hochzeit veröffentlicht, die mit mehreren Fotos illustriert war. Daraufhin war das Ehepaar Jauch vor Gericht gezogen und hatte auf Schadenersatz in Höhe von 75.000 Euro für Frau Sihler-Jauch und weiteren Schadenersatz für Herrn Jauch geklagt. Zusätzlich machte Frau Sihler-Jauch ein „fiktives Copyright“ in Höhe von, ähem, 250.000 Euro geltend. Ein fiktives Urheberrecht an sich selbst sozusagen? Für 250.000 Euro?!?
Die bisherigen Gerichtsinstanzen verwehrten Günther Jauch jeglichen Schadenersatz, sprachen seiner Frau jedoch einen solchen in Höhe von 25.000 Euro zu. Die Forderung nach einem fiktiven Urheberrecht wies das Gericht ab. Dieses Urteil wurde im Oktober 2008 vom Hamburger Appellationsgericht einkassiert. Günther Jauch mußte sich von diesem Gericht erklären lassen, er sei ein „bekannter und einflußreicher Fernsehmoderator“, daher sei „das Interesse der Öffentlichkeit an seiner Hochzeit legitim gewesen“ („Tagesspiegel“). Das Bundesverfassungsgericht nahm eine Beschwerde des Ehepaars Jauch gegen diese Entscheidungen erst gar nicht an.

Was aber tat der Potsdamer Junker? Er brachte den Fall vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR). Die Jauchs machten vor dem EGMR geltend, „die deutschen Gerichte hätten ihr Recht auf Privatsphäre nicht ausreichend geschützt“ („FAZ“). Doch auch die Straßburger Richter sahen in der Berichterstattung keine Rechtsverletzung, und die Jauchs bezogen eine krachende Niederlage vor Gericht.
Enttäuschend für Herrn Jauch: Er ist auch nur ein Mensch wie jeder andere.
Was aber geht in den Köpfen von Menschen vor, in solch einer Angelegenheit den obersten europäischen Menschenrechts-Gerichtshof anzurufen, also jahrelang bundesdeutsche und europäische Gerichtshöfe mit solch einer Lappalie zu belästigen? Wie kommen Leute wie Günther Jauch dazu, zu denken, die Berichterstattung über ihre Hochzeit sei so wichtig wie zum Beispiel das Folterverbot, Diskriminierungen von Arbeitnehmer*innen oder die Abschiebung von sogenannten „Bootsflüchtlingen“, um nur einige der ansonsten in Straßburg verhandelten Verfahren zu nennen?

12.06.2016 - 12:33

Plattenfirmen sind wie Faxgeräte. Ein Relikt vergangener Zeiten. Der eine oder die andere verwenden solche altmodischen Geräte noch, in dem einen oder anderen Büro stehen sie im Hinterzimmer noch mehr oder minder unbenutzt herum, aber im Grunde sind sie überflüssig, weil sich die Welt eben weiterentwickelt hat. Die Produktionsbedingungen haben sich drastisch zugunsten der Künstler verändert (viele haben das allerdings noch nicht mitbekommen, oder wollen davon nichts wissen...), die Vertriebsmöglichkeiten unabhängig hergestellter Musik sind vielfältig und effektiv: Streaming, das Netz, Verkauf über Homepage usw. Im Grunde gibt es für Künstler keine Notwendigkeit mehr, auf Faxgeräte, Verzeihung: auf Plattenfirmen zurückzugreifen – es sei denn, diese früheren Plattenfirmen sind modern aufgestellt, wie es zum Beispiel immer mehr Indie-Plattenfirmen sind, aber auch größere Firmen wie Kobalt oder BMG: Diese Firmen bieten einen umfassenden Service für die Künstler zu fairen Bedingungen, ohne die Künstler zu Knebelverträgen zu drängen, ohne endlose Rechte an deren Werken zu erwerben, und ohne ihnen den Großteil der Einkünfte vorzuenthalten. Traditionelle Plattenfirmen, also z.B. sämtliche Großkonzerne der Tonträgerindustrie, behalten immer noch 70 Prozent und mehr von allen Einnahmen für sich und sitzen auf Rechten an den Stücken ihrer Künstler.

Natürlich sind es vor allem die amerikanischen Hiphop-Künstler*innen, die sich den traditionellen Deals mit Mittelsmännern verweigern; gerade bei den afroamerikanischen Musiker*innen gibt es aus naheliegenden Gründen ein feines Gespür für Ausbeutung, und naturgemäß nutzen sie die Chance, sich diesem Geschäftsmodell zu verweigern (während es die langweiligen weißen Sängerinnen sind, die bei den großen Faxgeräten 116 Millionen für einen Faxgeräte-Vertrag alter Ordnung absahnen...).

Jüngstes Beispiel: Chance the Rapper, einer der wichtigsten Künstler unserer Tage. Der verschenkt sein neues Album (das er „Mixtape“ nennt) „Coloring Book“ wie schon seine bisherigen Alben. „Coloring Book“ ist kostenlos auf Soundcloud und den einschlägigen Streamingdiensten von Spotify bis Apple Music zu hören. „Coloring Book“ ist dabei das erste Album, das es ausschließlich durch seine Abrufe bei Streamingdiensten in die US-Charts geschafft hat, auf Platz 8! So einen erfolgreichen Künstler wollen die Faxgeräte natürlich gerne unter Vertrag nehmen. Doch Chance the Rapper bleibt der Prototyp des modernen Musikers und verweigert sich den Verträgen mit den Faxgeräten. „I don’t make songs for free, I make them for freedom“, erklärt der Rapper und verdient sein Geld weiterhin ausschließlich durch Konzerte und durch den Verkauf von Merchandising-Artikeln. Und wenn die Bosse der Plattenfirmen ihm weiterhin auf den Keks gehen, ihn weiter bedrängen sollten, droht er ihnen (im zweiten Song seines tollen Albums, „No problem“) auch schon mal an, ein paar Freunde vorbeizuschicken. Und mit diesen Freunden sind sicher nicht all diejenigen gemeint, die auf seinem neuen Album mitwirken: Von Kanye West über Lil Wayne, Future, Christina Love, Lil Yachty bis hin zu, ja, Justin Bieber...

Große Kunst. Großer Künstler. Ade, ihr Faxgeräte, you’re a thing of the past!

12.06.2016 - 12:31

In Berlin ist das Abhalten der Wahl zum Abgeordnetenhaus im September 2016 gefährdet. Die Wahlsoftware weist laut einem Brief der Landeswahlleiterin an die Innenstaatssekretäre „gravierende Probleme und Mängel“ auf. Bei einer Probewahl im Mai, bei der die Software eine Woche lang getestet wurde, sei es „zu Datenverlusten und der Vermischung von Datensätzen gekommen“, berichtet der „Tagesspiegel“. Nach aktuellem Stand könnten die Wählerverzeichnisse nicht korrekt und nicht, wie notwendig, zwei Tage vor der Wahl ausgedruckt werden.
Vor allem aber bereitet der „anhaltende Meldestau“ in den Bürgerämtern große Sorge. „Die rechtzeitige und ordnungsgemäße Eintragung von Wahlberechtigten in Wählerverzeichnisse ist gefährdet“. Täglich bemühen sich über 800 Bürger*innen beim „Service-Telefon“ um einen Termin, die meisten vergebens. Und wer sich nicht ummelden konnte, darf nicht wählen – und dürfte Widerspruch gegen die Gesetzmäßigkeit der Berliner Wahl einlegen.

Berlin also ein Operettenstaat, Hauptstadt einer Bananenpolitik? So ist das wohl. Was haben sich die Leute und die Medien vor Jahren über die US-Wahlen in Florida hergemacht, die George W. Bush wohl einen nicht korrekten Wahlsieg beschert haben. Nun steht fest: Berlin kanns keinen Deut besser. Berlin kann nicht nur keinen Flughafen, keine Schulen, keine Bürgerämter, nein, man kann auch nicht Demokratie.

Die Sozialdemokraten zeigen jetzt mit dem Finger auf die von Frank Henkel (CDU) geführte Innenverwaltung. Sicher, Henkel und die von ihm geführte Innenverwaltung sind komplett unfähig, das pfeifen die Spatzen von allen Berliner Dächern. Aber man darf die Damen und Herren Sozialdemokraten daran erinnern, daß sie seit Jahrzehnten in der Berliner Regierung sitzen und seit 15 Jahren den Regierenden Bürgermeister stellen. Und es war der reaktionäre Sozialdemokrat Sarrazin, der als Finanzsenator für die Personalverknappung in den Bürgerämtern mitverantwortlich war.
Der Regierende Bürgermeister Müller (SPD) versprach bei seinem Amtsantritt 2014, „endlich mit gezielten Änderungen aus desolaten Behörden funktionsfähige, bürgergerechte und kundenfreundliche Verwaltungen zu machen, die nicht jeden Amtsbesuch zum Drama werden lassen“ (Gerd Nowakowski im „Tagesspiegel“). Nichts davon hat Müller wahrgemacht, er ist eine komplette Luftnummer.

Aber vielleicht liegt das Geheimnis von Müller und seinen Genoss*innen ganz woanders? Vielleicht wollen sie gar nicht wählen lassen? Müller jedenfalls steht neuerdings einer Partei vor, die (zumindest moralisch gesehen) illegale Parteispenden von einem Berliner Bauunternehmer angenommen hat, der mit dem SPD-Bausenator Geschäfte macht: Das Gesetz schreibt vor, daß alle Parteispenden oberhalb von 10.000 Euro veröffentlicht werden müssen. Der stadtbekannte Bauunternehmer hat deshalb seine Spende an die SPD in fünf handliche Tranchen von jeweils 9.950 Euro aufgeteilt, die von Tochterunternehmen an SPD-Gliederungen überwiesen wurden. Ganz offensichtlich, um das Gesetz zu umgehen – mag sein, daß das formal gesehen legal war, es ist aber auf jeden Fall moralisch und gesetzlich illegitim. SPD-Bausenator Geisel hat „erst vor einiger Zeit Bauprojekte von Firmen des Spenders auf seinen Tisch gezogen“, berichtet die „FAS“, die auch weiß, daß „der Regierende Bürgermeister angeblich auch sehr vertraut mit seinem Bausenator ist“. Jedenfalls hat Müller, als er den SPD-Vorsitz übernahm, auch gleich die Wiederwahl der Landeskassiererin verhindert, die im Frühjahr die Annahme eines Teils der aufgefächerten Parteispenden des Bauunternehmers verweigert hat, und sie mit einer Vertrauten ersetzt, die keine Probleme mit diesen Parteispenden hatte.
Die Durchführung einer freien und geheimen Wahl scheint Müller und seinen Genossen nicht allzu wichtig zu sein. Wahrscheinlich denken sie: Wo ist denn das Problem? Jemand, der sich an unserer Politik beteiligen, der auf unsere Politik Einfluß nehmen will, kann doch eine Parteispende tätigen...

12.06.2016 - 11:55

Und die Fußball-Europameisterschaft?
Sie wollen jetzt nicht wirklich einen Tip hören, oder? Also: Die beste Mannschaft mit den besten Spielern hat Spanien, keine Frage. Aber die besten gewinnen bekanntlich nicht immer. Frankreich ist stark, erst recht zuhause – andrerseits kann gerade der Heimvorteil Belastung sein. Ein Finalkandidat jedenfalls. England? Stark, aber gewinnt sowieso nie. Belgien? Überschätzt, kann aber vielleicht Halbfinale. Italien? Immer stark genug, um Deutschland zu besiegen. Und es wird die eine oder andere Überraschungsmannschaft geben, die es ins Viertelfinale schafft und mit viel Glück sogar noch weiter – Rußland, Österreich oder Polen vielleicht. Und Deutschland? Dank der Spieler mit ghanaischem, türkischem, polnischem, albanischem, tunesischem, senegalesischem und spanischem Migrationshintergrund und dank Hummels-Kroos-Müller-Neuer ist das Team natürlich stark genug fürs Halbfinale, vielleicht sogar fürs Finale. Gewonnen wird jedoch nicht. So ist das.

Das eigentliche Problem an all dem Fußball heutzutage ist aber: „Fußball heute ist die Pest, ist Parafaschismus, ist ein penetrantes, hysterisches, narzisstisches, größenwahnsinniges System, das aufgeblasenen Ramsch ausspeit, und Spieler und Journalisten sind gemästete, blind befehlsempfangende Paladine.“ (Jürgen Roth in „Konkret“). Diese Mischung aus Finanzkapitalismus und embedded journalism ist im Grunde unerträglich. All die braven Milchbubis mit ihren Milchschnitten-Frisuren und mit ihrem Medientraining. All diese unerträglichen Plapperer im Staatsfernsehen, wo noch jedes Training zur News in den Nachrichtensendungen breitgewälzt wird. All die hohlen Journalist*innen mit ihren inneren Reichsparteitagen und ihrer permanenten Unterwürfigkeit – 500 Journalist*innen und Mitarbeiter*innen schickt das deutsche Staatsfernsehen nach Frankreich, zum Preis von gut zehn Millionen Euro. Gesponsert wird das deutsche Gekicke von Fastfood-Konzernen und dem Rüstungskonzern und „Generalsponsor“ Mercedes-Benz, der sich mit menschenrechtsverletzenden Rüstungsexporten hervortut und „die Mannschaft“ und „die Nation“ anläßlich der Europameisterschaft einschlägig stimuliert, und wie das heute so ist, wird ein umfassendes Social-Media-Angebot dafür sorgen, daß die Fans integrale Bestandteile der Kampagne werden“...

Eigentlich kann man nur mit dem legendären Harry Valérien sagen: „Solang das so läuft – ohne mich.“ Auf jeden Fall sollte man aber bei der Übertragung der Spiele im Staatsfernsehen erst zum Spielbeginn ein-, dann sofort den Ton abschalten und zu den Spielen Musik von Morton Feldman, Pierre Boulez oder Chance The Rapper und J Dilla hören, und zwar laut.

Und ansonsten empfehle ich den Dokumentarfilm „Garrincha: Hero of the Jungle“ des brasilianischen Filmemachers Joaquim Pedro de Andrade, den man auf YouTube sehen kann. Er gehört zu den schönsten Filmen über Fußball und ist wie ein Gruß aus vergangenen Zeiten...
Jedenfalls beginnt jetzt wieder das, was Georg Seeßlen mal als „schlechte Tage“ bezeichnet hat: „An einem schlechten Tag könnte man sich darüber erregen, dass einem nur noch zwei Arten von Menschen in einer deutschen Stadt begegnen: Leute, die nichts anderes in ihre Birne lassen als Karriere, Geld, Status und Bizness, und Leute, die nichts anderes in ihre Birne lassen als Fußball, Bild-Zeitung, Fernsehen und Bier.“

12.06.2016 - 11:53

Versuchen Sie mal, als Konzertveranstalter in einer bundesdeutschen Großstadt eine Genehmigung für ein Open-Air-Konzert nach 22.00 Uhr zu bekommen – praktisch aussichtslos! Da können sich die Städte noch so sehr als modern oder gar als „Weltstadt“ (haben wir so etwas in D?!?) inszenieren, um 22.00 Uhr, wenn es also dämmert und man bei einem Konzert mit der Lichtshow beginnen könnte, herrscht deutscher Lärmschutz: 55 Dezibel, mehr nicht! Keine Ausnahmen, praktisch nie. Deutsche Open Air-Konzerte haben um zehn Uhr abends zuende zu sein.

Ausnahmslos. Moment mal, es gibt doch eine Ausnahme: Für die Zeit der Fußball-Europameisterschaft hat der Bundesrat den Lärmschutz außer Kraft gesetzt und laut „Berliner Zeitung“ eine Verordnung beschlossen, die es Städten und Gemeinden ermöglicht, öffentliche Fußballübertragungen (das sogenannte „public viewing“, im englischen eigentlich das Wort für eine öffentliche Leichenschau) auch in den Nachtstunden zu genehmigen, also auch nach 22 Uhr. Die sonstigen Lärmschutzregelungen sind für König Fußball außer Kraft gesetzt.
Konzerte werden Sie allerdings auch weiterhin nach 22 Uhr nicht sehen und hören können. Kultur ist den deutschen Politiker*innen bekanntlich eben nicht so wichtig...

12.06.2016 - 11:52

Tenzin Gyatso macht im Interview mit der „FAZ“ den tibetischen Gauland:
„Es sind mittlerweile zu viele Flüchtlinge. Europa, zum Beispiel Deutschland, kann kein arabisches Land werden. Deutschland ist Deutschland. (...) Es sind muslimische Individuen und kleine Gruppen, die sich in ihren eigenen Ländern gegenseitig umbringen. Schiiten, Sunniten.“

Frage: „Gibt es Umstände, unter denen die Anwendung von Gewalt Ihrer Ansicht nach legitim ist?“
Tenzin Gyatso: „Wenn die Umstände so sind, daß es keine andere Wahl gibt, und Mitgefühl die Motivation ist. (...) Wie mein Freund George W. Bush: Seine Motivation war sehr aufrichtig. Er wollte Demokratie in den Irak bringen. Eine Person eliminieren. Er benutzte Gewalt. Die Folgen waren negativ. Gewalt ist unberechenbar. Deshalb besser keine Gewalt.“

12.06.2016 - 11:50

Einer anderen Sorte von Festival befleißigt sich das Lollapalooza in Berlin – Sie wissen schon, dieses kommerzielle Dingens unter Beteiligung des amerikanischen Großkonzerns Live Nation (sozusagen der Monsanto des Konzertgeschäfts) mit dem klebrig-alternativen Anstrich. Nicht unoriginell finde ich ja, daß die Lollapalooza-Leute allüberall rumlaufen und für ihr Festival „im zentralen Treptower Park“ werben – für das es aber bis heute allem Anschein nach keine Genehmigung gibt. „Noch gibt es keine Genehmigung für das Festival“, schreibt jedenfalls die „Berliner Zeitung“ am gestrigen Donnerstag, 9.Juni 2016.
Und das aus gutem Grund: Soeben wurde der Park, ein ausgewiesenes Gartendenkmal, für 13,5 Millionen Euro saniert. Soll der Berliner Senat wirklich den gerade hergerichteten Park fürs Zertrampeln durch die Besucher eines kommerziellen Großfestivals zur Verfügung stellen?
Außerdem befindet sich in dem Park das sowjetische Ehrenmal, das auch die Begräbnisstätte für 7.500 Sowjetsoldaten ist, die im Kampf gegen den Nationalsozialismus gefallen sind. Die Botschafter von zehn ehemaligen Sowjetrepubliken haben bereits gegen die Störung der Totenruhe protestiert. Eigentlich naheliegend – würde irgendjemand auf die Idee kommen, ein Rockfestival auf einem Friedhof stattfinden zu lassen?

Aber in Berlin ist eben so einiges möglich. Totenruhe hin, Naturschutz her.
Dabei steht doch der neue Berliner Flughafen als alternatives Festivalgelände zur Verfügung. Dort könnte man auch einen langfristigen Vertrag abschließen – daß der Flughafen in absehbarer Zeit fertiggestellt werden könnte, daran glaubt doch sowieso niemand...

12.06.2016 - 11:48

„Abstoßendes Nationalgefühl wird immer schamloser zur Schau gestellt, auch im öffentlich-rechtlichen Radio. Hauptbetätigungsfeld teutonischer Journalisten ist die Sportberichterstattung.“ (Rafik Will) Und irgendwie ist alles Sportberichterstattung, also auch Kultur oder Fernsehen.

Ken Loach hat in Cannes die Goldene Palme für seinen Film „I, Daniel Blake“ erhalten. Die „NZZ“ schreibt: „Die sozialen Nöte der kleinen Leute und die drohende Revolte der weißen Unterschicht standen im Fokus des Filmfestivals Cannes. Durchgesetzt hat sich ein hervorragender Film, der dieses Thema herzzerreißend illustriert“, eben Ken Loachs Film. In der deutschen Presse allerdings, die die Komödie „Toni Erdmann“ tagelang in den Himmel gejubelt hatte, wurde diese Juryentscheidung entsetzt als Ende aller „deutschen Hoffnungen“ konstatiert, ganz so, als ob der finale Elfmeter im EM-Halbfinale von Thomas Müller in den Himmel geschossen worden sei.

„SPON“ schreibt über Loachs Film: „Der Film ist polemisch und ergreift umstandslos Partei - für die, die vom britischen Sozialstaat in Hunger, Not und Verzweiflung getrieben werden, weil Menschlichkeit in diesem System nicht die Grundlage allen Handelns ist, sondern vielmehr den Betrieb stört.“ Soweit so gut. Aber der deutsche „Toni Erdmann“ sei eine „Sensation“, als die er „seit seiner Premiere vor einer Woche an der Croisette gefeiert wurde“ (nämlich vornehmlich von den deutschen Medien...), und die Goldene Palme für Loach eine „Fehlentscheidung“ – und die „FAZ“ assistiert: „Sind die von Sinnen?“. Aber, tröstet „SPON“ sich und uns, „das deutsche Kino“ habe in Cannes „gewonnen“, trotz der „Pleite“. Schließlich haben „wir“ bekanntlich ja auch den Zweiten Weltkrieg gewonnen, nämlich wirtschaftlich, in der Nachkriegszeit.

Nochmal die „NZZ“ über „Toni Erdmann“: „Eine solch schenkelklopfende Komödie über eine frustrierte Karrierefrau setzte einen beinahe degoutanten Kontrapunkt inmitten engagierter Filme, die echte Nöte beschrieben." Engagierte Filme? Können wir nicht. Echte Nöte beschreiben? Wollen wir nicht. Wir sind schließlich das Land der Keinohrhasen und Zweiohrküken, die deutsche Filmförderung hat noch alles plattgemacht, was mal widerständig war, und „das glatte Gesicht der Branche ist ein Resultat von reichlich Subventionschirurgie“ (Andreas Kilb, „FAZ“).

12.06.2016 - 11:46

Weiter unten habe ich Ihnen von der Bussi-Kreuzfahrt der österreichischen Band Wanda erzählt. Kreuzfahren scheint auf den ersten Blick ein sehr österreichisches Phänomen zu sein, und darüber ließen sich interessante Betrachtungen anstrengen, angesichts des aktuellen Austrofaschismus oder der Tatsache, daß Wien ja bekanntlich am Meer liegt (und dann wieder gibt es in Österreich einige der interessantesten europäischen Kunst- und Kulturinitiativen, sowas hängt ja immer auch zusammen).

Jedenfalls: die Wiener Philharmoniker gehen ebenfalls auf Kreuzfahrt, oder, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, „proben auf einem Schiff und sitzen mit den Fans in einer Sauna“. Auf einem Kreuzfahrtdampfer namens „Mein Schiff 3“ kann man mit den Wiener Philharmonikern für viel Geld (ab 5.000 Euro) zehn Tage übers Mittelmeer nach Barcelona schippern, mit den Musikern auf Tuchfühlung gehen und Liederabende sowie zwei Orchesterkonzerte genießen. Musik-Entertainment ist ein prima Hebel, um sich neue Zielgruppen zu erschließen“, heißt es in dem SZ-Bericht. So ist das wohl. Und so machens

Spießer aller musikalischen Genres und Generationen gehen heutzutage auf musikalische Kreuzfahrt: Die Jungen feiern mit Wanda, ihre Väter und Großväter kreuzen mit den Philharmonikern. Und längst gibt es auch „Heavy Metal Cruises“ oder eine Udo-Lindenberg-Kreuzfahrt (passenderweise von Malaga nach Mallorca).

12.06.2016 - 11:45

Deutsche Grammophon! Könnt ihr mir bitte mal erklären, warum ihr die Hermann Scherchen-Box (u.a. mit der faszinierendsten Eroica-Interpretation, die ich kenne) nur in Italien veröffentlicht?!?

12.06.2016 - 11:44

Der Fahrtenvermittler „Uber erhält eine Rekordfinanzierung aus Saudi-Arabien“ (FAZ): Der Investmentfonds der saudischen Schariadiktatur steigt mit 3,5 Milliarden Dollar bei dem Taxi-Konkurrenten ein.

29.05.2016 - 17:17

Ich halte AfD-Gauland für einen furchtbaren Politiker (auch im Sinne von Hochhuths „furchtbarem Juristen“, also nicht nur als emotionale Wertung!).
Und ich möchte unter gar keinen Umständen diesen Typen zum Nachbarn haben.
(und ich habe das alles auch genau so gemeint...)

29.05.2016 - 17:15

Von manchen werde ich ja kritisiert, weil ich vom „Staatsfernsehen“ statt von den „Öffentlich-Rechtlichen“ spreche. Ich denke, ich habe es in meinem letzten Buch ausführlich erklärt – es geht aber auch weniger ausführlich: Das „heute journal“, die Nachrichtensendung des ZDF, hat, wie Daniel Bouhs in einem interessanten Artikel für die „taz“ beschreibt, von der Bundesregierung hergestellte Videos in seine Nachrichtensendung eingebaut und stattdessen auf ein Interview mit der Ministerin Hendricks verzichtet. Die war „auf Reisen und nicht erreichbar“, entschuldigt sich das ZDF. Die Leiterin des ZDF-Nachrichtenmagazins findet es „journalistisch vertretbar“, wenn man statt eines Interviews einfach eine Videobotschaft der Ministerin sendet.

Das Ministerium freut sich und bejubelt die gelungene Online-PR als „zeitgemäße Erweiterung unserer Öffentlichkeitsarbeit“, die „bürgernah und dialogorientiert“ sei. So „dialogorientiert“, daß erst gar kein Dialog mit nachfragenden Journalist*innen möglich ist...

Die Bundesregierung versucht, wie Bouhs schreibt, zunehmend, „kontrollierte Botschaften ohne kritische Nachfragen durchzusetzen“. Und findet im Staatsfernsehen, deren sogenannte Kontrollgremien von Parteienvertreter*innen durchsetzt sind, dankbare Abnehmer für solcherart Propagandavideos.

29.05.2016 - 17:12

Natürlich können wir in der Musikindustrie über derartige Einflußnahmen nur milde lächeln. In „unserer“ Branche sind Lobbyismus, Bestechung und Korruption seit Ewigkeiten gang und gäbe, etwa durch Payola, wie das verbrecherische System genannt wird, daß „eine Plattenfirma Disc-Jockeys und Programm-Redakteure von Rundfunk- und Fernsehsendern besticht, so daß ein bestimmtes Lied häufiger gespielt wird“ (Wikipedia). Vereinfacht gesagt: Das, was die Redakteure der Nachrichtenmagazine des Staatsfernsehens in vorauseilendem Gehorsam vollbringen, lassen sich die Redakteure der Musiksendungen bezahlen. So etwas gibt es aber selbstredend nur und ausschließlich in den USA und ist hierzulande völlig unbekannt. Großes Indianerehrenwort!

Allerdings hat nun der Geschäftsführer von Warner Music, Stephen Cooper, die „Praxis von gekauften Playlists“ beim Streamingdienst Spotify gegenüber „Billboard“ (hier zitiert nach „Musikmarkt“) zugegeben. „Das aus dem Radio- und DJ-Bereich gängige Payola gewinnt immer mehr Relevanz im Playlist-Streaming“, berichtet „Musikmarkt“. Kein Wunder: Spotify hat gerade bekanntgegeben, daß die kuratierten Playlisten des Streaming-Portals jede Woche eine Milliarde Streams verzeichnen – ein gigantischer Markt!

Das Magazin „Digital Music News“ stellt dazu fest, daß die Playlisten bei Spotify nicht etwa organisch seien, sondern ähnlich wie Radio-Playlisten „ge- und verkauft“ werden. Demnach entscheiden immer häufiger die drei Major-Labels Universal, Sony und Warner, die bekanntlich praktischerweise wesentliche Anteile an Spotify halten, welche Tracks welcher ihrer Künstler in den beliebtesten Playlisten, der „heavy rotation“, auftauchen.

Laut „Billboard" existieren in der Branche bereits Pay-for-Play-Preiskategorien, Payola sei „längst Realität“. Kuratierte Playlists sind in den meisten Fällen bezahlter Inhalt, so "Billboard": „Von 2000 US-Dollar für Playlisten mit zehntausenden Fans bis zu 10.000 US-Dollar für noch höher frequentierte Playlists.“

(aber jetzt mal im Ernst: haben Sie gedacht, ich würde die Playlist dieses Rundbriefs und die Tracks meiner Spotify-Playlist „BS OPEN“ selbst und unabhängig zusammenstellen? Awcmon. Ich schicke Ihnen bei Interesse gern die aktuell gültige Preisliste zu...)

29.05.2016 - 17:09

Ein Artikel der klugen und sympathischen Katja Kipping wird auf der Titelseite des „Freitag“ so angekündigt: „Wo bleibt die Solidarität? Ein Aufruf zu mehr Engagement und Widerstand.“
Und dann auf Seite 3 die ernüchternde Zwischenüberschrift: „Rot-Rot-Grün ist machbar.
Soviel zu Widerstand und zivilem Ungehorsam und Realpolitik.

29.05.2016 - 17:08

Überschrift in der „FAZ“: „DHL meldet erfolgreiche Tests mit Paketdrohne“.
Wow. Jetzt wollen sie also ihre Karten mit dem Text „Wir konnten Sie leider nicht antreffen (DHL-Deutsch für: Der Zusteller hatte keine Lust zu klingeln und Ihnen die Sendung zuzustellen). Ihre Sendung können Sie in der am weitesten entfernten DHL-Filiale am anderen Ende der Stadt abholen“ per Drohne über den Häusern abwerfen. Fortschritt, ick liebe dir!

29.05.2016 - 17:07

Der Artikel war versteckt im Wirtschaftsteil der „FAZ“: Unter der Überschrift „Währungsfonds überdenkt den Neoliberalismus“ wird berichtet, daß der IWF „seine wirtschaftspolitischen Grundpositionen einer fundamentalen Überprüfung unterzieht“. „Statt Wachstum zu bringen, haben einige neoliberale Politiken die Ungleichheit befördert“, heißt es im Papier eines Teams aus führenden IWF-Ökonomen.
Nachdem der IWF über Jahrzehnte weltweit Länder unter die Knute neoliberaler Politik gezwungen hat, wird jetzt plötzlich zurückgerudert. Besser spät als nie?

22.05.2016 - 15:00

Bei der Aufstiegsfeier von RB Leipzig trat die Band „Silly“ in Trikots traditionsreicher Ost-Vereine auf, statt den neuen Bundesligaverein, den Retortenclub von klebriger brauner Brause Gnaden, zu feiern. Entsprechend wurde die Band in den Trikots von Union Berlin, Dynamo Dresden, Hansa Rostock oder des 1.FC Magdeburg von den tausenden Fans auf dem Marktplatz Leipzigs gnadenlos ausgebuht und ausgepfiffen.

Wie man alles, aber auch wirklich jede Zumutung des herrschenden Systems brav mitmacht, zeigte Sebastian Krumbiegel, Sänger der Gruppe „Die Prinzen“: Krumbiegel präsentierte zusammen mit dem Kinderchor des Gewandhaus-Orchesters die neue Vereinshymne des Rotbullen-Clubs, „RB Leipzig – Du bist mein Verein.“

RB Leipzig: Du bist und bleibst ein Scheißverein! Und Sebastian Krumbiegel: Du bist der oberste Allesmitmacher des an Allesmitmachern wahrlich nicht gerade armen deutschen Schlagerpops...

22.05.2016 - 14:58

Zu den irrelevantesten Dingen, die Jahr für Jahr in der Welt passieren, die aber medial immens aufgeblasen werden, gehört zweifelsohne der sogenannte Eurovision Song Contest. Das ist der ursprünglich mal europäische Schlagerrockpop-Wettbewerb, an dem die musikalischen Repräsentanten von 26 Nationen (plus Halbfinalisten) teilnehmen und der bundesdeutsche Wettbewerb mit schöner Regelmäßigkeit den letzten Platz einnimmt.
2015 erhielt der deutsche Beitrag null Punkte. Germany: Zero points. Diesmal war es ebenfalls deutlich abgeschlagen der letzte Platz, aber irgendwelche europäischen Nachbarn haben sich erbarmt, und es gab elf Punkte für die bundesdeutsche Interpretin, die „wie eine betrunkene Weinkönigin aussieht, die beim örtlichen Faschingsfest als Blumenkiste geht“, und die musikalisch „katatonische Langeweile“ produziert („NZZ am Sonntag“).
Wie gesagt, es ist irrelevant, mit welchem Dreck man an der Festveranstaltung im Herzen der musikalischen Finsternis teilnimmt – aber daß die Produkte der deutschen Musikindustrie und des eingebetteten Staatsfernsehens selbst in diesem Rahmen der musikalischen Trostlosigkeit stets auf dem allerletzten Platz landen, sollte in einem normalen Leben, in einer normalen Geschäftswelt doch als Problem gesehen werden. Nicht so bei den einschlägigen Claqueuren der Mitmachwelt: Dort wird der Blumenkiste einhellig bescheinigt, „einen tollen Job gemacht“ zu haben, und die Chefclaqueurin Barbara Schönberger rechnet hoch, daß dieses Jahr elfmal so viel Punkte rausgesprungen seien als letztes; dabei bleibt elfmal null eben für all diejenigen, die rechnen können, immer noch null.
Ehrlich wäre, wenn die deutsche Mainstream-Musikindustrie und das Staatsfernsehen zugeben würden, daß sie offensichtlich nichts Geeignetes hervorbringen können, und in Zukunft nicht mehr am ESC teilnehmen würden.
Den weltgrößten Tonträgerkonzern Universal Music, bei dem die deutsche ESC-Vertreterin unter Vertrag ist, ficht dies alles nicht an. Am Tag nach dem deutschen ESC-Debakel hat Universal Deutschland einen „Sondernewsletter“ verschickt, Titel: „Jamala gewinnt den ESC 2016“ – denn auch die ukrainische Sängerin ist bei Universal unter Vertrag. Vom deutschen Beitrag ist bei der deutschen Universal keine Rede mehr, man hat ja so oder so gewonnen und kann ein Produkt zu Profit machen, ob es nun aus der Ukraine oder aus Bennigsen in Niedersachsen stammt.

22.05.2016 - 14:55

Laut Springers „Welt“, die fast bis zuletzt die DDR in Anführungszeichen schrieb und jeder Sympathie für das DDR-System unverdächtig ist, sank der Intelligenzquotient ostdeutscher Kinder von weit über dem europäischen Durchschnitt liegenden 102 zu DDR-Zeiten seit der „Wende“ auf 95, also auf das westdeutsche Niveau. Und der „Welt“-Autor schlußfolgerte, daß die BRD mit dem DDR-Schulsystem im PISA-Ranking nicht abgeschlagen, sondern vorne gelandet wäre.
Auch Kanzlerin Merkel war ein Förderkind des DDR-Bildungssystems und meinte mal, man habe „damals“ als Schüler*in in der DDR „ordentlich Physik und Chemie gelernt“.

13.05.2016 - 20:05

Wundert es uns, zu lesen, wes „Geistes“ Kind der Unternehmer Dietrich Mateschitz mit seinem braunen Brause-Imperium ist? Anläßlich des Wunsches der Mitarbeiter seines „Servus TV“, einen Betriebsrat gründen zu wollen, schrieb der Red Bull-Chef an die „Salzburger Nachrichten“: „Unabhängigkeit, Eigenständigkeit und Unbeeinflussbarkeit insbesondere durch politische Parteien, egal welcher Richtung, war von Anfang an ein tragender Pfeiler von Servus TV. Die Betriebsratsgründung hätte diese Werte insbesondere durch die Art und Weise ihres Zustandekommens - anonym, unterstützt von Gewerkschaft und Arbeiterkammer - nachhaltig beschädigt. Dass diese Vorgehensweise bei der Entscheidung in der aktuellen Situation des Senders nicht gerade dienlich war, ist evident."

Ist ja auch wirklich eine bodenlose Frechheit, daß Arbeitnehmer*innen schon knapp 230 Jahre nach der Französischen Revolution plötzlich ihre Rechte einfordern wollen, und daß sie ihre Interessenvertretung am Ende auch noch „anonym“ und unterstützt von Gewerkschaften zu wählen beabsichtigen.

Doch in der klebrig-süßen Brausewelt des Dieter Mateschitz bleibt alles in althergebrachter Ordnung: Die Arbeitnehmer*innen von Servus TV verzichteten auf die Gründung eines Betriebsrats, und der Brause-Boß machte seine Ankündigung der Betriebsschließung rückgängig. Der Neoliberalismus als Feudalherrschaft. Festivals und Bands, die jetzt noch Red Bull als Sponsoren akzeptieren, sind Lumpen. Und wer jetzt noch Red Bull trinkt, setzt ein Zeichen gegen Arbeitnehmerrechte und für die Feudalherrschaft der neuen Kapitalisten...

13.05.2016 - 20:03

Die ziemlich großartige slowakische Band Muzička war ihrer Zeit voraus und hat ihre jeweils neueste Musik auf ihre Website gepackt, kostenlos zum Download.
Aber sie haben die konservativen Hör- und Kaufgewohnheiten des Weltmusik-Publikums unterschätzt: „Material man still wishes to grasp, insert, play, eject, lose etc.“, schreiben Muzička in ihrem neuen Album „destilát“, auf dem sie nun, da es mit den Downloads auf ihrer Website nicht so recht funktioniert hat, in CD-Form eine Zusammenstellung ihrer besten Tracks vorlegen. Sehr hörenswert! Aber leider nur sehr schwer zu bekommen. Kann man aber auch via Soundcloud oder Spotify hören...

13.05.2016 - 20:01

Nochmal zur Fressenkladde, nochmal zu den US-Präsidentschaftswahlen:
Von wegen, daß die Internetfirmen der kalifornischen Ideologie alle Bernie Sanders zuneigen.
Facebook unterstützt den Parteitag der Republikaner, und Peter Thiel, der frühere CEO von PayPal und erster Großinvestor von Facebook und bis heute Vorstandsmitglied von Facebook, ist ein Trump-Delegierter (und finanziert die Tea Party, und ist Mitglied im Steering Comitee der Bilderberg-Konferenz, und investiert in Cannabis...).
Wundert uns nicht? Genau, wundert uns nicht!

13.05.2016 - 20:00

Worum geht es im Konzertgeschäft der Großkonzerne, der Megastars und der Sponsoren? Natürlich: ums Geld. Um den größtmöglichen Profit.
Den garantieren vor allem einige wenige Superstars. Die Bands und Künstler, die die Stadien ausverkaufen, sind rar. Es sind vornehmlich Bands, deren Karrieren in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts begannen. Und ihre Fans sind die damals jungen Menschen, die sogenannten Babyboomer, also die vermutlich letzte Generation, deren wirtschaftliche Situation dank Erbschaften und gesicherter Karrieren und daraus resultierender Renten auch im Alter erfreulich ist.
Wie also macht man das allermeiste Geld, den allergrößten Profit? Man wirft möglichst viele der in den 60er und 70er Jahren etablierten Superstars zusammen, für die sich die Babyboomer interessieren, die über das nötige Geld verfügen, sich die Teilnahme an so einem außerordentlichen Event leisten zu können.
Genau dieses Event, ein sogenanntes „Festival“, haben findige Großveranstalter jetzt als „Desert Trip“ auf dem Gelände des Coachella-Festivals zusammengestellt.

Die Rolling Stones, Paul McCartney, The Who, der eingefleischte Antisemit Roger Waters (Pink Floyd), Neil Young, Bob Dylan an einem Wochenende – das wird kosten: Die Ticketpreise werden laut „Billboard“ von $ 700 bis $ 1.600 für Sitzplätze reichen; Stehplätze sollen $ 400 kosten. Vor allem aber wollen die Veranstalter mit V.I.P.-Tickets und V.I.P.-Packages auf ihre Kosten kommen – die in die Jahre und zu veritablem Wohlstand gekommenen Rockfans sollen mit Luxus-Dining oder Golfplätzen angelockt werden, beim Coachella-Festival längst Usus. Dazu kommen Nebenrechte aus Übertragungen in Kinos, aus DVD- und Streaming-Rechten, aus Sponsoring und exzessivem Merchandising. Die Veranstalter erwarten einen Merch-Umsatz von mindestens $ 25 pro verkauftem Ticket, bei gut 70.000 Teilnehmern wird da ordentlich was zusammenkommen. So sollten sich auch die horrenden Künstlergagen finanzieren lassen – Insider raunen von Gagen zwischen 7 und 10 Millionen Dollar für die „Headliner“ Rolling Stones, Paul McCartney und Roger Waters, und selbst alle anderen Künstler werden Gagen von mehr als einer Million Dollar erhalten.

Die Veranstalter bezeichnen ihren Event allen Ernstes als „Konzert des Jahrhunderts“ – wobei eher das vergangene Jahrhundert gemeint sein dürfte, denn nennenswerte Musik hat in unserem Jahrtausend mit Ausnahme von Bob Dylan und Neil Young keiner der Künstler dieses Festivals veröffentlicht. Aber darauf kommt es allem Anschein nach nicht an. Es geht um einen letzten Großzahltag für die in die Rentnerjahre gekommenen Multimillionäre der Rockmusik. Und um das Schwelgen in Erinnerungen für in die Jahre und zu Geld gekommenen Rockfans (die meisten wohl ebenfalls im Rentneralter), die dann Selfies an all ihre Freunde auf der Fressenkladde schicken können: „Seht, ich war dabei! Ich hab Mick, Keith, Paul, Bob & Neil nochmal gesehen, bevor sie sterben...“

13.05.2016 - 19:58

Rockbands in Theateraufführungen? Klar, geht gar nicht, d’accord.
„Rockbands in Theateraufführungen sind in der Regel eine Peinlichkeit (...) Wenn eine kreuzlangweilige Band wie Kante Schaubühnen-Inszenierungen als Dienstleistungs-Mucker dekoriert, fragt man sich unwillkürlich, ob sie sich vielleicht besser als Bord-Kapelle auf einem Kreuzfahrtschiff verdingen sollte“, meint Peter Laudenbach im „Tip“-Magazin.

Und das sagte sich wahrscheinlich auch die österreichische Pop-Band Wanda. Mit der kann man jetzt nämlich tatsächlich auf Kreuzfahrt gehen: Eine „Bussi Kreuzfahrt mit Bologna – Wanda – Der Nino aus Wien“ wird von einer Firma namens „MS6 – Travel and Music“ angeboten. Mit dem Bus nach Genua, mit dem Schiff nach Barcelona („Barcelona ist keine Stadt zum Betrachten, Bewundern und Bestaunen, die richtige Perspektive gewinnt nur, wer sich selbst in Bewegung setzt“), nach Marseille („Wer will schon die arrogante Schnepfe, wenn er auch die scharfe Seemannsbraut kriegen kann? Marseille ist aufregender, günstiger und entspannter als Paris“) und Bologna („Tante Ceccarelli hat in Bologna... Auch wenn hier als absolutes Highlight das Konzert von Wanda & Freunden stattfindet, bleibt ein bißchen Zeit für Amore in Bologna“).

„Um auch die Getränkekosten im Überblick zu behalten“, empfehlen die Organisatoren „die Buchung eines Getränkepakets für die Schiffsreise im Voraus“. Etwa „Allegrissimo Premium“ (mit Champagner-Cocktails, einem, haha, „breiten“ Angebot an offenen Weinen, hochwertigen Spirituosen einschließlich besonders exklusiver Marken usw.) für € 44.- pro Tag. Oder das „Bier Paket ‚Taste The World’“ für 59 €. Oder das „Eataly’s Vino Libero Paket“ für 185 €, mit Weinen aus biologischem Anbau.

Da können die Mitmachwüstlinge aus dem Wanda-Fanclub dann ordentlich angeschickert und angeheitert den im Mittelmeer um ihr Leben kämpfenden Flüchtlingen von der Reling ihres Kreuzfahrtschiffs wahlweise ein kräftig donnerndes „Bussi, Bussi“ oder ein ebensolches „Amore!“ entgegengrölen.

Immer, wenn man denkt, daß alles nicht mehr übler werden kann, wird man aufs Unangenehmste überrascht. Wanda jedenfalls haben sich nicht nur musikalisch, sondern auch gesellschaftlich auf Dauer als dumpfe Biederlinge disqualifiziert.
„Love & Peace through Tourism & Music“
wirbt Wandas Bussi-Kreuzfahrt. Wirklich obszön.

13.05.2016 - 19:53

Die Berliner Mehrzweckhalle am Ostbahnhof heißt seit letztem Sommer bekanntlich nicht mehr „O2-Arena“, sondern „Mercedes-Benz-Arena“. Dieser trostlose Ort ist eine stadtplanerische Bankrotterklärung, die sich demnächst potenzieren wird, denn es ist jetzt ein ganzes Mercedes-Benz-Viertel um die Halle herum geplant: eine weitere Halle mit etwas kleinerer Kapazität, eine 28-spuriges Luxus-Bowlingcenter, 10 bis 15 Cafés, zwei Hotels und Büros, und selbstredend auch ein Mercedes-Flagship-Store  – eben ein echter „Entertainment District“, wie die Anschutz Entertainment Europe das neue Stadtquartier vollmundig bezeichnet. Und der zentrale Platz heißt seit dem 1.Juli natürlich Mercedes-Benz-Platz, ohne daß die Öffentlichkeit und die Bezirksversammlung da mitreden oder gar mitentscheiden konnten, denn der Platz ist Privateigentum und gehört wie die Mehrzweckhalle und die neu geplanten Gebäude, eben das ganze Viertel, der Anschutz-Gruppe. Ein trauriges Beispiel der Privatisierung von öffentlichem Raum und von Investorenarchitektur  nach amerikanischem Vorbild.
Anderes, aber Ähnliches sah ich unlängst in Italien – in Florenz heißt die einschlägige Konzerthalle, das ehemalige „Teatro di Firenze“, jetzt „OBI HaLL“ (das „a“ tatsächlich klein geschrieben, keine Ahnung, was das nun wieder zu bedeuten hat).
„Gehen wir Rihanna schauen?“ „Klar, auf in die OBI Hall.“
Und Lenin heißt jetzt Lennon. Jedenfalls im ukrainischen Dorf Kaliny. Dies teilte der Gouverneur von Transkarpatien mit. Im Zuge der „Dekommunisierung“ der Ukraine nach dem „Gesetz zur Verurteilung der kommunistischen und nationalsozialistischen totalitären Regimes und zum Verbot ihrer Symbolik“ falle Lenin als Namenspatron für Straßen künftig aus, weswegen die Lenin-Straße in Kaliny nun in Lennon-Straße umbenannt wurde.
Ach, lieber Gouverneur von Transkarpatien, ich bitt, komm doch bitte mal nach Berlin und mach, daß das Mercedes-Benz-Viertel wenn schon nicht in Lenin-, dann doch wenigstens in Lennon-Viertel umbenannt wird! Von Transkarpatien lernen, heißt... Danke im Vorabbereich.

13.05.2016 - 19:49

Und wo wir schon bei Skurillitäten aller Art sind: Im Berlin-Teil der „taz“ fand ich eine Kleinanzeige.
„Ich bin eine erfahrene Physiotherapeutin und lerne im zweiten Ausbildungsjahr die Grinbergmethode, eine Körperarbeit, in der ich euch zeige, euren Atem tiefer zu spüren“.
Ich bin ja nun in den 70er Jahren aufgewachsen und habe mich schon damals daran gefreut, daß die Deutschen alles, was sie so tun, als „Arbeit“ bezeichnen müssen – wenn sie lieben, ists „Beziehungsarbeit“, wenn sie einfach nur atmen, ists „Körperarbeit“.
Doch die „kostenlose Probestunde“ in der Grinbergmethode wird schließlich so anempfohlen: „...in der ich euch zeige, presenter im Alltag zu werden.“
Also besser atmen, um im Alltag besser zu funktionieren, und wenn schon nicht präsenter, dann doch presenter zu werden, als ein kleines Selbstoptimierungsgeschenk gewissermaßen für all diejenigen, denen man nach Grinbergmethoden-Arbeit dann in U-Bahn, Bus oder auf den Straßen so trifft...

13.05.2016 - 19:47

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat Ende April im österreichischen Parlament, also an geeigneter Stelle, etwas eigentlich Selbstverständliches formuliert, das heutzutage jedoch eigens hervorgehoben werden muß, in Wien, in Berlin, am Brenner und in Budapest oder Warschau: „Wir haben eine moralische und rechtliche Pflicht, denen zu helfen, die vor Krieg, Menschenrechtsverletzungen und Verfolgung fliehen. Es bereitet mir Sorge, daß europäische Länder nun eine zunehmend restriktive Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik verfolgen. Solche Politikkonzepte und Maßnahmen senden eine sehr negative Botschaft in Bezug auf die Verpflichtungen der Mitgliedstaaten nach dem humanitären Völkerrecht und dem europäischen Recht aus.“

13.05.2016 - 19:45

Zur Eröffnung eines veganen Imbiß am Hermannplatz in Neukölln kamen fast eintausend Menschen. Es gab ein Gedränge, daß die Polizei kommen und den Verkehr regeln mußte.
Im Ernst jetzt? Im Ernst jetzt.
Der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop (aktuelles Buch „Ernährungswahn“) erklärt das Phänomen im Gespräch mit Reinhard Jellen für „Telepolis“:
„Die Selbstoptimierer-Fraktion ist naturgemäß empfänglich für den Ernährungswahn. Kontrolle über alles, über die Blutwerte, über den Schlaf, über die Ernährung. Nicht zu unterschätzen ist der Coolness-Faktor der Hipster. Das sieht man allein schon daran, dass im April bei der Neueröffnung eines veganen Szenelokals in Berlin die Polizei wegen Massenandrangs die Straße räumen musste. Hier ging es sicher nicht primär um ‚gesundes Essen’, sondern um ‚gesunde Präsenz’, also sehen und gesehen werden. (...)
Frage: Könnten Sie sich vorstellen, dass darin auch der Wille zur sozialen Abgrenzung nach unten als Motivationsmoment mit hineinspielt?
Uwe Knop: Die Tatsache, dass die "coolen Esstrends" vorwiegend von gut gebildeten, jungen Hipstern mit hohem sozioökonomischem Status in den Metropolen der Republik ausgelebt werden, könnte darauf hindeuten. Ob gewollt oder unbewusst sei dahingestellt. Soziale Abgrenzung nach oben und unten ist auf jeden Fall ein Faktor bei der "Anders-Esser-Jugend", die über den Teller gegen das Establishment rebelliert.“

13.05.2016 - 19:44

Was ich mich übrigens manchmal frage:
Dürfen Veganer denn Fußball schauen? Also, ich meine: gesinnungsethisch? Ist es vertretbar?
Gut, heutzutage sind die Bälle nicht mehr aus tierischen Materialien, sondern aus allen möglichen Kunststoffen, klar. Aber was machen die Veganer, wenn sie historische Fußballspiele betrachten? Wenn urplötzlich ein sagenhaftes Tor von sagen wir Stan Libuda aus dem Jahr 1966 oder 1969 im Fernsehen wiederholt wird? Als der Ball definitiv noch aus Leder war? Wegschauen? Abschalten? Schnell zum nächstgelegenen veganen Imbiß rennen und Kompensationsessen zu sich nehmen?
Und wie siehts mit Handball aus? Dort wird immer noch mit Lederbällen gespielt... Schauen also alle veganen Ballsportfans ausschließlich Basketball und Minigolf?

13.05.2016 - 19:42

R.I.P. Prince!
Ich bin kein Fan von American Football oder der NFL und all dieses Kommerzschmarrns, aber boy, was war das für eine Performance in strömendem Regen und Sturm vor Hunderten von Millionen Zuschauern weltweit!
Kaum ein größerer Live-Künstler je als Prince.
Ich will den zahlreichen Nachrufen (sehr gut: Markus Schneider in der "Berliner Zeitung" oder Tobi Müller auf SPON, Edo Reents in der „FAZ“ und Diedrich Diederichsen auf „Zeit Online“ und natürlich Klaus Walter im „Freitag“, selten dämliche BLÖDzeitungs-Schlagzeile "Jetzt weinen die Tauben" in der SZ - was aber machen die Blinden? sie lesen Süddeutsche, nehme ich an...) keinen weiteren hinzufügen. Nur kurz dieses:
Wir lernen von Prince: In der Musik (und ich möchte hinzufügen: im Leben...) kommt es auf die Persönlichkeit an. Darauf, daß man Risiken eingeht.
Wo die Musik spielt, ist LIVE! Es geht um die Performance, um Charisma! Und ob die gespielte Musik Qualität hat. All das zeigt dieser Ausnahmekünstler.
"Prince never repeated himself. He always took risks. He demonstrated his influences. He was about what felt right as opposed to what looked right. The business rejected him, but the fans embraced him." (Bob Lefsetz)
"Purple Rain" ist nicht mein liebster Prince-Song. Eher schon "Annie Christian", oder "Kiss", oder "Have A Heart", oder „Sexy M.F.“ (muß hier abgekürzt werden, weil Ihnen sonst wahrscheinlich die Email nicht zugeht...). Aber in "Purple Rain" kommen diese wichtigen Zeilen vor, die man in diesem merkwürdigen und mitunter recht scheißigen Musikgeschäft nie vergessen sollte:
"Hey, look me over
Tell me do you like what you see
Hey, I ain't got no money
But honey I'm rich on personality!"
Es kommt nicht aufs Geld an, Leute - es geht um Persönlichkeit! Und eine der größten Persönlichkeiten der Musik unserer Tage ist nun nicht mehr. Ich protestiere gegen den Tod von Prince!

13.05.2016 - 19:39

A propos ZDF-„Aspekte“ – wollen Sie wissen, wer vom Lobbyverband der deutschen Musikindustrie mit dem „Echo“ als „Partner des Jahres“ ausgezeichnet wurde? Eben: die „Aspekte“-Redaktion des ZDF. Begründung:
„Das traditionsreiche TV-Format (...) zeichnet sich nach einem redaktionellen Relaunch als erstrangige Plattform für aktuelle Musikthemen aus (...) Künstler und Labels werten 'aspekte' als verlässlichen Partner..."

Soll wohl heißen: Jetzt, wo „Aspekte“ keine anspruchsvolle Kultursendung mehr ist, sondern undank des „Relaunch“ zu einem unerträglichen und in aller Regel an Banalität kaum zu übertreffenden Plapperformat mutierte, also zu einer Art „Kultur-Drehscheibe“, ist die Redaktion zu einem „verläßlichen Partner“, also zu einer willigen Abspielstation für die Produkte der deutschen Musikindustrie abgestiegen.
Wer vom BVMI derart gewürdigt wird, dem kann man nur Glück wünschen. Tiefer kann man, um es mit Flaubert zu sagen, in dem „Meer von Scheiße, das den Elfenbeinturm umtost“, kaum mehr sinken...

13.05.2016 - 19:37

Die sogenannten Vorwahlen, also dieses Theater, das seit ein paar Monaten in den USA unter geballter Anteilnahme der staatstragenden deutschen Mainstreammedien von ARDZDF bis SpiegelZeit stattfindet und mit Demokratie ungefähr so viel zu tun hat wie Pegida und AfD mit Willkommenskultur, bietet ein paar schöne Eindrücke von der Propaganda, die uns so umgibt.
Zum Beispiel: In den hiesigen Medien wird Bernie Sanders, ein Präsidentschaftskandidat der Demokraten, ausnahmslos entweder als eine nicht weiter ernstzunehmende Witzfigur oder als „Populist“ abqualifiziert. Über seine Forderungen erfahren wir praktisch nichts, obwohl die ja nicht wirklich „schlimm“ sind – eher sozialdemokratisch irgendwie, was in den USA natürlich dazu führt, daß man sich mit derlei Forderungen als „sozialistisch“ bezeichnen kann.
Oder: Seit Wochen hämmern uns die hiesigen Medien ein, daß Hillary Clinton „klar in Führung“ liege – dabei sprechen die Zahlen eine ganz andere Sprache: Aktuell hat Clinton 1.700 Wahlleute gewonnen, ihr Konkurrent Sanders 1.410. Ein Vorsprung, gewiß, aber geringer als der von Trump gegenüber Cruz und Kasich, der uns ständig als „knapp“ verkauft wurde. Was Clinton den notwendigen 2.383 Parteitagsdelegierten näher kommen läßt, sind die 520 „Superdelegierten“, also Leute aus der Nomenklatura der Partei, von niemandem gewählt, die sich aber eben zum großen Teil der aus der Mitte des Establishments kommenden Clinton zugewandt haben.
Noch übler wird das ganze, wenn man sich näher betrachtet, wie die Vorwahlen der Demokraten in Wirklichkeit ablaufen. Beispiel New York: Dort errang die Kandidatin Clinton mit 58 Prozent angeblich einen deutlichen Sieg über ihren Rivalen Sanders, der nur 42 Prozent der Stimmen errang. Allerdings ist der Sieg Clintons nur einem äußerst restriktiven und reichlich undemokratischem Wahlverfahren zu verdanken. Bei dieser Vorwahl handelte es sich um eine quasi geschlossene Veranstaltung, zu der ein großer Teil der Anhänger von Bernie Sanders keinen Zugang hatte – es durften nur registrierte Wähler*innen der Demokraten wählen gehen; der Termin für die Registrierung lief allerdings schon im Oktober 2015 ab, zu einer Zeit also, da für die meisten Amerikaner*innen Sanders noch ein unbeschriebenes Blatt war. „Im Klartext: Ein großer Teil der Sanders-Anhänger konnte im Heimatland der Demokratie an dem demokratischen Prozess nicht teilnehmen“ (Tomasz Konicz auf „Telepolis“). Drei Millionen Menschen im Bundesstaat New York, die als „Unabhängige“ registriert sind, haben ihr Recht auf eine Stimmabgabe in den Vorwahlen verloren, erklärte Sanders. Hinzu kommt, daß es in einzelnen Wahlbezirken zu regelrechten Säuberungen der Wählerlisten gekommen ist, wie sie in Bananenstaaten üblich sind; so wurden rund 125.000 Wähler*innen in Brooklyn, dem Stadtteil, in dem Sanders geboren wurde und aufwuchs, aus den Wählerlisten entfernt, ohne eine Möglichkeit zu haben, sich wieder einzuschreiben – denn die Registrierungsfrist war ja im Oktober 2015...
All so etwas würde man gerne in den deutschen Qualitätsmedien lesen, die als treuer Atlantiker derartige Fakten natürlich ebenso totschweigen wie die Tatsache, daß Clinton in landesweiten Umfragen in den USA längst hinter Sanders zurückgefallen ist und Sanders sogar gegenüber republikanischen Herausforderern deutlich vor Clinton liegt. All dies sollen wir nicht erfahren. Das kann man nur auf Telepolis lesen...

22.04.2016 - 18:21

Der Bundesgerichtshof hat entschieden, daß die VG Wort (also praktisch die GEMA der Autoren, Schriftsteller und Journalisten) seit zig Jahren rechtswidrig die Hälfte der für die Urheber eingesammelten Urheberrechtsabgaben an Verlage ausgezahlt hat.
Dieses systematische und illegale Übervorteilen (um es mal freundlich zu formulieren) der Autoren wurde zwar von den Verwertern und der Politik seit jeher verteidigt, stößt jedoch bei allen anderen Menschen auf Unverständnis. Warum die Urheberrechtsabgaben, die in der Vergangenheit nicht nur auf Leermedien und Kopien, sondern auch auf PCs, Drucker, Multifunktionsgeräte, USB-Sticks, externe Festplatten und Brenner erhoben wurden, nicht nur an Musiker, Autoren, Fotografen und Grafiker, sondern auch an Verleger flossen, die im Populärmusikbereich in vielen Fällen nicht einmal Noten druckten, kann jedenfalls niemand so recht erklären oder gar begründen. Der Chef des „Börsenverbandes des Deutschen Buchhandels“ erklärt seine Unlogik mit Kosten wie „Satz, Druck, Lektorat, Marketing, Werbung und Vertrieb", also all dem, was ein seriöser Unternehmer in seine Preisgestaltung mit einbeziehen würde, statt sie sich von den Urhebern zu klauen. Peter Mühlbauer kommentiert auf „Telepolis“ süffisant: „Diese Dienstleistungen sind im Sinne des Urheberrechts aber ebenso wenig Teile der eigentlichen Schöpfungen wie die Imbisse, die ein Autor während der Schreibzeit regelmäßig zu sich nimmt. Wird eines seiner Werke kopiert, hat ein Verlag deshalb ebenso wenig einen Anspruch auf eine immer wiederkehrende Vergütung wie ein Imbissbudenbesitzer.“

Die Schriftstellerin Julia Franck redet in der „Zeit“ Klartext: „Ja, Verlage stehen unter wirtschaftlichem Druck - aber warum soll es ausgerechnet das Geld der Autoren sein, das diesen Druck lindert? Warum ausgerechnet das Geld der schwächsten Glieder in der Kette, die vom Verkauf eines einzelnen Buches am wenigsten erhalten: 10 Prozent pro verkauftes Exemplar (Verlag und Handel müssen sich die restlichen 90 Prozent teilen). Woher stammt die Überzeugung, dass unsere literarische Landschaft ärmer wird, wenn die Verlage ihr Geschäftsmodell anpassen müssen, während es offenbar wenig interessiert, dass das Durchschnittseinkommen von Autoren im vergangenen Jahr etwa 19 000 Euro betrug?"

Besonders drollig die Begründung des Buchhandels-Cheflobbyisten, es sei „seit dem frühen 19. Jahrhundert [...] geltendes Recht, die Ausschüttungen von Verwertungsgesellschaften zwischen Verlagen und Autoren aufzuteilen" – dumm nur, daß es im „frühen 19. Jahrhundert“ noch gar keine Verwertungsgesellschaften gab...

Doch die Lobbyisten der Verwertungskonzerne geben natürlich nicht so leicht auf. Michael Hanfeld hat in der „FAZ“ schon zum Sturm geblasen und gefordert, die Verlage sollten „in der Politik für Verständnis werben, daß sie weder Gegner der Autoren noch bloße Verkäufer, sondern so etwas wie Miturheber sind und einen Anspruch haben“. „So etwas wie Miturheber“? Wenn ein freier Autor also einen Text bei der „FAZ“ abgibt, die bekanntlich „Total-Buy-Out“-Deals von ihren freien Autoren fordert (also: alle Rechte bleiben bei der Zeitung, der Autor erhält bloß eine nicht allzu üppige Einmalzahlung), der Text ein bißchen redigiert und gekürzt wird, dann ist die „FAZ“ also gleich ein „Miturheber“?!? Selten so gelacht.

Und nachgerade unverschämt ist die Ansage des „Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger“, nun müsse man wohl seine „Akademie Berufliche Bildung“ schließen, die bisher „allein aus den über die VG Wort erzielten Abgaben finanziert wird“ – was für ein Geschäftsmodell – wir stehlen Geld, finanzieren davon etwas, wofür uns unsere Profite zu schade sind, und wenn das gestohlene Geld eingezogen wird, protestieren wir – ja, mit welchem Recht eigentlich? Einem Gewohnheitsrecht wie dem ius primae noctis? Weil es quasi schon immer so war?

Wie durcheinander die Zeiten geraten sind, zeigt sich daran, daß ein linker Verleger in der „FAZ“ allen Ernstes nach weniger Gesetzen, nach rechtsfreien Räumen ruft – also gewissermaßen nach der Rücknahme all dessen, was seit der Aufklärung und seit der französischen Revolution an Recht zugunsten der Untertanen und gegen die Herren installiert wurde. Laßt uns die Werke Montesquieus auf den Müllhaufen werfen und stattdessen den Neoliberalismus als Feudalsystem ohne Gesetze akzeptieren! Im Wortlaut: „Wer die Freiheit der Kunst verteidigen will, sollte nicht immer nach Gesetzen rufen, wenn Vertragsverhandlungen zwischen Autor und Verlag anstehen. Beide sind natürlich Freunde, keine Feinde.“ World gone wrong.
Auch die Baumwollfarmer im Süden der USA beklagten einmal das Schicksal ihrer untergehenden Geschäfte, sollte die Sklaverei abgeschafft werden... Als ob Axel Springer, Bertelsmann, Gruner & Jahr und all die anderen jetzt plötzlich am Hungertuch nagen würden, weil Autoren endlich das erhalten, was ihnen von Rechts wegen zusteht und bisher zugunsten der Verlage veruntreut wurde.

Aber natürlich: Die große Koalition in Berlin und allen voran das sozialdemokratische Traumpaar Plisch und Plum, also Sigmar Gabriel und Heiko Maas, diese als Genossen verkleideten Lakaien der Bosse, werden schon dafür sorgen, daß die Verlagskonzerne weiterhin ihre Schäfchen zulasten der Autoren ins Trockene holen – wollen wir drauf wetten?
(notwendige Nachbemerkung: natürlich haben auch die kleinen Verlage bisher mit den Einnahmen von der VG Wort kalkuliert. Und die Politik sollte sich rasch Gedanken darüber machen, wie man die Arbeit kleiner Verlage seriös fördern kann, ohne daß dies zulasten der Autoren geht.)

22.04.2016 - 18:13

Kleine Preisfrage: Wen darf der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger laut Entscheidung des Düsseldorfer Landgerichts ungestraft als „Krebsgeschwür des Weltfußballs“ bezeichnen?

a)    Katar
b)    den FC Bayern München
c)    Red Bull Leipzig
d)    alle von den Golf-Diktaturen finanzierten Fußballvereine (also von PSG bis ManCity)

Mehrfachnennungen sind inhaltlich erwünscht, rechtlich allerdings ausgeschlossen.
Zu gewinnen haben wir hier nichts.

22.04.2016 - 18:11

Das Seniorenfernsehen ARD macht am Samstagabend zur besten Sendezeit wieder einmal kulturell äußerst anspruchsvolles Programm: „Das große Schlagerfest“ ist am 16.April 2016 angekündigt. Untertitel: „Die überraschende Show der Besten“!

„Überraschend“? Welche Künstler würden Sie in einer Sendung erwarten, die auf ARD läuft und „Das große Schlagerfest“ heißt? Lauter Überraschungen, nehme ich an, Überraschungen wie Andrea Berg, Heino, Roland Kaiser, Matthias Reim, Nicole, Frank Schöbel oder Stefanie Hertel. Damit konnte nun wirklich niemand rechnen...

Am gleichen Tag wurden die Ergebnisse der jährlichen Untersuchung „Tendenzen im Zuschauerverhalten“ veröffentlicht, also der Studie zur TV-Nutzung. Eine weitere Überraschung: Die Fernsehnutzung nahm im Jahr 2015 leicht zu auf im Durchschnitt sage und schreibe 223 Minuten täglich. Die über 60-Jährigen schauen dabei so viel TV wie nie zuvor, nämlich täglich 312 Minuten. Über fünf Stunden!

Anders ist es bei den jüngeren Zuschauern: Da ist der tägliche TV-Konsum seit dem Jahr 2010 von 142 auf aktuell 118 Minuten gesunken. Vielleicht mögen die Jüngeren ja die ständigen Schlagerfeste und das neue öffentlich-rechtliche Heimatfernsehen nicht so sehr? Aber blechen müssen die Jungen wie die Alten: Zwar schlägt die KEF aktuell eine geringfügige Senkung der Rundfunk-Zwangsabgabe auf 17,20 € monatlich vor (die Politiker und ARD, BR und HR wehren sich aber entschieden dagegen). In fünf Jahren soll der Beitrag dann auf 19,40 Euro steigern, drohen ARD und ZDF. Die Öffis würden dann weit über 9 Milliarden Euro jährlich beziehen – der teuerste abgabenfinanzierte Rundfunk der Welt!

Dafür produziert das deutsche Staatsfernsehen jährlich zwanzig Mal so viele Sendeminuten, wie das Jahr Minuten hat, nämlich über zehn Millionen Minuten. Und wer soll das alles sehen? Egal. Die Konsumquote, also das Verhältnis von Sehdauer zu Programmangebot, beträgt für die öffentlich-rechtlichen Programme heute etwa zwei Prozent. Hauptsache, wir bezahlen all den öffentlich-rechtlichen Mist...

22.04.2016 - 18:04

Der taz-Musikredakteur empfiehlt eine Party unter dem schönen Motto „Bitter Men, playing sweet Disco“ und der Aufforderung „We drink, you dance“ mit den Worten: „Auf in den Kampf!“ So sind sie, manche Popjournalisten, selbst wenn sie tanzen gehen, ists für sie noch Kampf...

16.04.2016 - 15:33

In fast jedem Artikel über die bedeutende und weltberühmte Künstlerin Isa Genzken ist zu lesen, daß sie „die Ex-Frau von Gerhard Richter“ sei.

In keinem Artikel über den bedeutenden und weltberühmten Gerhard Richter habe ich je gelesen, daß er „der Ex-Mann von Isa Genzken“ ist.

16.04.2016 - 15:31

Und was hat uns das Medienereignis um die „Panama-Papiere“ gebracht? Nichts, was wir nicht längst schon gewußt hätten: Es gibt also Briefkastenfirmen in sogenannten Steuerparadiesen, die mithelfen, daß die Reichen dieser Erde ihren Reichtum vor den Steuerbehörden verstecken können. Überraschung! Dieses Treiben ist verbrecherisch, aber doch auch, so werden sie nicht müde zu betonen, nicht generell verboten. Aha. Und praktisch alle deutschen Banken, die die Steuerzahler*innen noch vor wenigen Jahren gerettet haben, betreiben dieses System, was uns jetzt auch nicht wirklich wundert.

Von diesem System profitieren jedoch nicht nur die Reichen, sondern auch wohlhabende Staaten auf Kosten armer Staaten. Die Summe, die Entwicklungs- oder Schwellenländern durch Steueroasen jährlich entgeht, liegt zwischen 160 Milliarden (Thomas Pogge auf „Zeit Online“) und 312 Milliarden Dollar (Ulrike Hermann in der „taz“).

Interessant ist der Propaganda-Effekt der Panama-Papiere. Offensichtlich können u.a. folgenden amtierenden Staats- und Regierungschefs direkt oder indirekt fragwürdige Geschäfte mit Briefkastenfirmen nachgewiesen werden: David Cameron, dem britischen Premier; Sigmundur Gunnlaugson, dem isländischen Premier; Mauricio Macri, Argentiniens Präsident; König Salman von Saudi-Arabien; Chalifa Bin Sajid al-Nahajan, Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate und Emir von Abu Dhabi; Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine. Doch mit welchem Titel machte die „Süddeutsche Zeitung“ mit großem Aplomb auf? „Die heimlichen Millionengeschäfte des Putin-Zirkels“. Wohlgemerkt, Putin selber ist in den Panama-Papieren nicht zu finden. Aber für den Titel der Münchner Qualitätszeitung ist Putin wichtiger als all die westlichen Politiker oder als der ukrainische Präsident, die tatsächlich selbst und direkt in den Papieren auftauchen.

„Ein Land, das Medien hat, braucht keine Zensur.“ (Peter Hacks)

Ebenso interessant ist, mit welchem Pharisäertum deutsche Politiker wie Finanzminister Schäuble oder Justizminister Maas behaupten, ihre Regierung und die westliche Welt überhaupt hätten große Fortschritte bei der Bekämpfung von Steueroasen gemacht. Eine glatte Lüge. Das Steuersystem aller Staaten z.B. in der EU ist ja gerade darauf angelegt, daß Unternehmen durch Auswahl und Anordnung von Tochtergesellschaften (die oft nur Briefkastenfirmen sind) in verschiedenen Ländern ihre Abgaben minimieren können. Das Problem sind nicht Amazon, Apple oder Google, das Problem sind Luxemburg oder Irland. Und natürlich die Schweiz, die weltgrößte Steueroase.

Doch wenn wir mit Steinen auf andere Staaten werfen, merken wir höchstens, daß wir selbst im Glashaus sitzen. Deutschland selbst nämlich fungiert ebenfalls als Steueroase. Karl-Martin Hentschel von „Attac“ erklärt im Interview mit der „Jungen Welt“: „Auf deutschen Banken und Depots liegen etwa drei Billionen Euro von Ausländern. Zum Vergleich: Den Gesamtwert aller Vermögen in Deutschland schätzt die Deutsche Bundesbank auf zehn Billionen. Ein beträchtlicher Teil dürfte aus kriminellen Aktionen, von verbrecherischen Staatschefs und internationalen Syndikaten stammen. (...) Kein Gesetz verpflichtet Banken zwingend, Behörden anderer Länder zu informieren. Die deutschen Finanzbehörden erheben hierzu nicht einmal Daten. Das bedeutet: Wer Gelder an der Steuer vorbeischleusen will, hat kein Problem.“

Und was tun Schäuble oder Maas konkret dagegen? Wenig. Hauptsächlich bremsen sie alle Initiativen, die es innerhalb der EU durchaus gibt – noch einmal Hentschel:

„Die EU schlägt das Offenlegen mittlerweile vor, aber die Bundesregierung äußert Bedenken. Das Bundesfinanzministerium setzt sich nun zwar für ein internationales Abkommen ein; will jedoch auch zukünftig keine Informationen an Staaten liefern, die selbst keine adäquate Steuerverwaltung haben. Insbesondere Entwicklungs- und Schwellenländer will man ausschließen. Grund: Deutschland hat Angst, dass diese sonst deutsche Konzerne mehr besteuern, die heute dort nur wenig zahlen. Damit dürften die hierzulande geparkten Gelder zum großen Teil weiterhin geheim bleiben.“

Im November 2015 hat Attac einen aktualisierten „Schattenfinanzindex“ veröffentlicht (bitte lesen Sie auch das Kleingedruckte, wo z.B. erklärt wird, daß die in dieser Tabelle dunkel unterlegten Länder und Inseln zum britischen Königreich gehören, wo also die Queen Staatsoberhaupt ist...). Auf Platz 1 im weltweiten Schattenfinanzindex natürlich die Schweiz. Man beachte aber auch Platz 6, 8, 10 oder 15. Und natürlich Platz 3. Warum aber kommen die USA, die ja über beträchtliche Steueroasen innerhalb ihres Landes verfügen, gar nicht in all den aktuellen Veröffentlichungen vor? Wo wir doch wissen, daß es insbesondere für Hedgefonds und Private-Equity-Fonds ein wesentlicher Teil ihres Geschäftsmodells ist, daß sie ihren steuerlich relevanten Sitz in einer Steueroase haben, und daß die meisten derartigen Fonds eben aus den USA (und aus London) stammen? Es ist wie beim Skatspielen: „Wer schreibt, der bleibt“... Die ICIJ, also das „International Consortium of Investigative Journalists“, von dem der sogenannte Rechercheverbund aus SZ, WDR und NDR seine „investigativen“ Erkenntnisse bezieht, wird unter anderem vom amerikanischen Multimilliardär George Soros finanziert, der auch der bekannteste Betreiber von Hedgefonds sein dürfte...

16.04.2016 - 15:26

Jacques Hyzagi berichtet im „Observer“ (via „Perlentaucher“) davon, wie er eines der ganz seltenen Interviews mit der japanischen Modedesignerin Rei Kawakubo (die er als „Bob Dylan of fashion“ bezeichnet) von „Comme des Garçons“ geführt hat, das aber keines der einschlägigen Hochglanzmagazine drucken wollte. Denn: die japanische Designerin schaltet keine Anzeigen in „Vogue“... Sie wissen schon, Grundsatz des Journalismus: Redaktionelle Inhalte und bezahlte Anzeigen haben nie nicht miteinander zu tun. Nie.

Und „Elle“ brachte dann eine von der Redaktion ohne sein Zutun überarbeitete Fassung des Interviews, die er als „Infomercial“ bezeichnet. Und das eigentliche Interview? Bleibt für immer im Tresor von „Elle“, weil ein abgebrannter Autor leichtsinnig einen entsprechenden Vertrag mit dem Magazin unterschrieben hatte...

All sowas könnte dem „Frankfurter Allgemeine Magazin“ nicht passieren, dem Hochglanz-Anzeigenblättchen, das alle paar Wochen der Zeitung beiliegt. Zum Beispiel im Februar 2016: Zunächst blättert man durch dreizehn (!) Seiten Anzeigen, die meisten doppelseitig: Chanel, Ralph Lauren, Dolce & Gabbana, Gucchi, Cartier, Prada... Dann gibt es ein paar Artikel. Zum Beispiel von Karl Lagerfeld (Chanel), oder ein dreiseitiges Porträt über Domenico Dolce und Stefano Gabbana, deren zweiseitige Anzeige weiter vorne im Heft zu finden war. Und einige Seiten Mode von genau den Firmen, die in dem Magazin auch Anzeigen geschaltet haben, also beispielsweise Versace, Gucchi, Prada, Dolce & Gabbana oder Chanel. Und hinten in dem „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ dürfen paar Edelfedern das Ganze noch ein wenig wie ein redaktionelles Produkt aussehen lassen, mit Artikeln über „Die Kunst und die Krise der Karikatur“ oder „Grüße aus Entenhausen“.

Die Presse ist frei. Die Presse ist so frei. Die Presse ist so frei, eine Rahmenhandlung für die Anzeigen der Konsumindustrie zu schreiben, die deren Produkte in angemessener Art und Weise präsentiert und sonst nicht weiter stört.

16.04.2016 - 15:25

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu setzt sich offiziell seit Jahren für „bezahlbare Mieten“ in Berlin ein. „Sozial. Gerecht. Direkt.“ So machte Mutlu Wahlkampf. Doch jenseits seiner Sonntagsreden kümmern den Berliner Grünen-Politiker bezahlbare Mieten wenig – vor allem dann nicht, wenn es um Räume geht, die ihm selbst gehören.

Özcan Mutlu hat letztes Jahr ein Ladengeschäft in Prenzlauer Berg erworben. In diesem Ladengeschäft befindet sich seit 1967 (!) ein Kosmetikstudio, die jetzige Inhaberin übernahm den Laden 1987, also noch zu DDR-Zeiten. Mehr als 40 junge Menschen hat sie seitdem ausgebildet, derzeit hat sie sechs Angestellte und eine Auszubildende.
Mit dem günstigen alten Mietvertrag aus DDR-Zeiten war es vorbei, als der Grünen-Politiker aus Kreuzberg die Immobilie übernahm. Er forderte kurz nach dem Erwerb der Immobilie eine 100-prozentige Mieterhöhung – „bezahlbare Mieten“, „sozial, gerecht“ eben. Auf Nachfrage des „Tagesspiegel“ sagt Mutlu, er habe eben „die Entwicklung der Gewerbemieten in Prenzlauer Berg der letzten Jahrzehnte berücksichtigen müssen“, es gehe um eine „Inanspruchnahme der ortsüblichen Gewerbemiete“ – also der „ortsüblichen“ Miete, die über Jahrzehnte von Immobilienspekulanten und Hedgefonds nach oben getrieben wurde. Mutlu möchte sich die Gentrifizierung, gegen die er offiziell anredet, selbst zunutze machen.
Die Inhaberin des Kosmetikstudios hat mittlerweile sogar die Verdoppelung der Miete akzeptiert, wollte vom Grünen-Politiker jedoch einen langfristigen Mietvertrag, um für ihre Firma und ihre Angestellten eine gewisse Planungssicherheit zu haben. Dem verweigerte sich der neue Eigentümer, er bot nur noch einen Mietvertrag für ein Jahr an, mit einer sechsmonatigen Kündigungsmöglichkeit. Und im Januar 2016 haben Mutlu und seine Frau der jetzigen Mieterin gekündigt. „Rabiat und unmenschlich“ sei das Vorgehen Mutlus, wirft die Inhaberin des Kosmetikstudios dem Grünen-Politiker laut „Berliner Zeitung“ vor und spricht von einem „skrupellosen“ Vorgehen über Makler und Anwälte. „Sozial gerecht geht es hier nicht zu. Uns wird Angst gemacht.“

Bezahlbare Mieten, so der Grünen-Bundestagsabgeordnete im „Tagesspiegel“, seien ihm „weiterhin ein wichtiges Anliegen“. Solange er als Eigentümer und Spekulant genug Profit mit seinen Immobilien machen kann...

(Anmerkung, fünf Tage später: Mittlerweile hat sich Mutlu dem öffentlichen Druck und dem Druck seiner Partei gebeugt und dem Kosmetikstudio einen Fünfjahresvertrag angeboten – zu verdoppelter Miete...)

16.04.2016 - 15:23

Während „unsere“ Popmusiker, all die Grönemeyers, Lindenbergs, Kollegahs oder Maffays, schweigend dabeisitzen, wenn eine Rechtsaußenband einen Echo erhält, zeigt Bruce Springsteen, worauf es ankommt: Aus Protest gegen ein Gesetz des Staates North Carolina, das die Rechte von Transsexuellen, lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen einschränkt, etwa, wenn ihre Menschenrechte am Arbeitsplatz verletzt werden, hat Springsteen einen Auftritt in Greensboro abgesagt.

Das Gesetz sei der „Versuch, den Fortschritt rückgängig zu machen, den das Land bei der Durchsetzung der Menschenrechte für alle Bürger gemacht habe - unternommen von Leuten, die den Fortschritt nicht verstehen“, heißt es in einem Statement Springsteens auf seiner Homepage.

Ein Musiker mit Haltung. Der sich für den Fortschritt engagiert, auch wenn es wehtut und er etwa zehntausende Tickets erstatten muß. Und der sich gegen all die Rechtspopulisten engagiert, die weltweit im Aufwind sind. Der „Boss“ hat verstanden: Wehret den Anfängen!

16.04.2016 - 15:21

Der von mir über die Maßen geschätzte, ach was: verehrte Schriftsteller Franz Dobler ist gerade in Jugoslawien unterwegs. Was er aus Belgrad und Zagreb in seinem Blog berichtet, ist nicht weniger lesenswert als dieser kleine Text aus Bijelo Polje in Montenegro, den ich aber deswegen ausgewählt habe, weil er so schön den Gegensatz von wirklicher Literatur und all dem Schmarrn, der im Staatsfernsehen von irgendwelchen Betriebsnudeln als solche inszeniert wird, auf den Punkt bringt. Ich glaube, es geht um "Aspekte" im ZDF, es könnte aber auch jedes andere Buch- oder Kulturmagazin auf ARD, ZDF oder 3sat sein, das sich für irgendetwas hält:

„Man zappt ja noch rum. Landet bei einem deutschen Kulturmagazin. Mit einem Literaturbeitrag. Und als dann eine vollkommen beknackte Moderatorin mit einem vollkommen beknackten deutschen Starautor vollkommen beknackt rumlaberte, war es weniger der totale Ekel, der mich berührte, sondern eine Erkenntnis: Ich würde tausendmal lieber den Rest meines Lebens hier an diesem Außenposten in der kleinen Bibliothek Papierkörbe ausleeren und zurückgegebene Bücher einsortieren, als in so vollkommen beknackten, verblödeten, dämlichen, auf kriminelle Weise Geld verschwendenden Fernsehmagazinen mit vollkommen beknackten Moderatoren vollkommen beknackt rumlabern. Das vollkommen Beknackte ist ja außerdem bzw. zusätzlich, dass sich diese Leute für cool halten, von anderen vollkommen Beknackten vermutlich als Hipster gekennzeichnet werden (oder welche Missverständnisse auch immer da unterwegs sind), und mit diesem ganzen beknackten Scheiß als die lässige Form von Kulturvermittlung bzw. -produktion durchkommen.

Ich glaube, ich würde lieber aufhören irgendwas zu machen, als irgendwas mit denen. Eine üblere Beschimpfung fällt mir kaum ein. Zu finden das Beknackte wahrscheinlich in der Mediathek von das ZDF. Sendung heißen Aspekte oder so… Aber egal. Ich bisschen stolz darauf, wenn Leute von Bijelo Polje sagen mir, ich nicht so richtig deutsch eigentlich. Das ganz gut. Dabei freundlich lachen. Wir zusammen darüber lachen. Wenn du nix verstehst, was meinen ich, macht nix. Grüß Gott, deutsche Gutliteratur.“

09.04.2016 - 19:17

Ach, liebe Popjournalist*innen – ihr müßt jetzt doch nicht den täglich grüßenden Murmeltieren gleich alljährlich eure Besinnungsaufsätze darüber abliefern, wie grauenvoll und langweilig und nichtsnutzig und erbärmlich die Echo-Show von Gorny & Konsorten ist. Einmal hat gereicht, jetzt wissen wirs. Und daß die Scala von „unterirdisch“ nach unten offen ist, wissen wir auch. Ihr müßt darüber nicht mehr schreiben, wie ihr euch durch vier Stunden Echo-Verleihung gequält habt. Bitte einfach schweigen. So etwas wie den Echo in all seiner Erbärmlichkeit sollte man nicht einmal mehr ignorieren, denn schon durchs Ignorieren würde man ihn adeln.

Mein Tipp: Einfach nicht hingehen! Oh, ich höre, ihr könnt nicht drauf verzichten, ihr müßt der Musikindustrie eure Nase zeigen, weil ihr sonst vielleicht als Spielverderber geltet, eventuell bestimmte Künstler nicht mehr für Interviews bekommt und was ihr sonst noch für faule Ausreden findet? Tschah, ihr seid halt ewige Adabeis, Schoßhündchen der Musikindustrie. O.k., be it so, haben wir verstanden. Aber bitte verschont uns dann zukünftig wenigstens mit euren Berichten, wie schrecklich es beim Echo wieder war. Denn diese Berichte langweilen uns genau so sehr wie der Echo an sich. Danke.

(Angemessen berichterstattete übrigens die „FAZ“: Der Zeitung, hinter der bekanntlich ein kluger Kopf steckt, brachte eine kleine Meldung von vielleicht zehn Zeilen über die Echo-Verleihung. Und zwar auf ihrer „Aus aller Welt“-Seite. Und das wars. Warum sollte man für so etwas Irrelevantes wie den „Echo“ auch Platz im Feuilleton verschwenden...)

09.04.2016 - 19:15

Die Südtiroler (das ist Italiens nördlichste Provinz) Rechts-Rock-Band "Freiwild" war beim „Echo 2016“ in der Kategorie "Rock/Alternative NATIONAL" nominiert, während die aus Österreich (das ist ein südöstliches Nachbarland Deutschlands) stammenden Bands "Wanda" und "Bilderbuch" in der Kategorie "Newcomer INTERNATIONAL" antraten. Deutschland in den Grenzen von Gornys "Bundesverband Musikindustrie"...

Und als Freiwild den Echo gewannen, passierte – nichts! Ein paar einzelne Buhrufe, aber ansonsten: nichts. Kein Pfeifkonzert. Keine Musiker in der ersten Reihe, keine Menschen von Plattenfirmen und keine Musikjournalisten, die der Verleihung den Rücken gekehrt hätten. Ein Echo für eine Rechts-Rock-Band?!? Da hat Tim Renner ganz recht: Das ist wie eine Koalition mit der AfD. Oder wie das Mitgrölen bei einer Pegida-Demo. Aber alle haben geschwiegen, also: mitgetan, wo ein deutliches Zeichen gegen Rechts nötig gewesen wäre. Der Stinkefinger, den Bosse den Nazis gezeigt hat, hat nicht ausgereicht. Nicht nur der Echo 2016 war erbärmlich, erbärmlich war insbesondere, wie all die ach so liberalen und engagierten Musiker und Musikindustrie-Menschen es versäumt haben,  gegen eine rechtspopulistische Band zu protestieren und ein eindeutiges Statement gegen Rechtsaußen zu setzen.
„Ich dulde keine Kritik / an diesem heiligen Land, / das unsere Heimat ist...“
(Freiwild)

09.04.2016 - 19:13

„...ich empfinde mich durch die Ereignisse der letzten Zeit als leidgeprüft, weil ich die Mitmenschlichkeit verlorengehen sehe. Die »Flüchtlingsdebatte« halte ich jedoch für höchst problematisch, weil ich als Musiker dem Humanismus streng anhänge. Menschen in Not müssen Hilfe und Schutz erhalten, ohne Wenn und Aber. Ich weiß, dass viele Menschen genauso denken. Aber andere, die kriminell handeln, haben noch nicht einmal eine Spur von Humanismus zu empfinden gelernt und für ihr Denken angenommen.“
Michael Sanderling, Chefdirigent der Dresdner Philharmonie

03.04.2016 - 13:45

Satire? Darf hierzulande bekanntlich alles.
Das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung? Ist hierzulande bekanntlich Grundpfeiler „unserer freiheitlichen Art zu leben“
Alles Nähere regelt der Programmdirektor des ZDF.

(...und das möge man nicht mißverstehen: Böhmermann ist eine dieser typischen völlig überschätzten Betriebsnudeln, die sie sich im deutschen Staatsfernsehen als Hofnarren halten. Hier geht es sozusagen nur darum, Böhmermanns Recht darauf, das zu betreiben, was er irriger- und sich überschätzenderweise für Satire hält, unbedingt zu verteidigen - gleichwohl möchte ich Böhmermanns Kram bitte als in aller Regel mindestens total bescheuert bezeichnen dürfen...)

03.04.2016 - 13:44

Die Vertreter der bürgerlichen Presse, also von „FAZ“ und „taz“, bekamen sozusagen feuchte Höschen angesichts des Besuchs von Bundespräsident Gauck in China und kriegten sich förmlich nicht mehr ein. Gauck habe seine Gastgeber „mit Marxismuskenntnissen und kritischen Fragen, die sich andere nicht zu stellen trauen, überrascht“, so die einen. Und Gauck „trickste Chinas Stasi aus“ und habe „bereits nach seinem ersten Tag in Peking die kühnsten Erwartungen übertroffen. Mehr noch: Dem Bundespräsidenten“ sei auf seiner ersten China-Reise „geradezu ein Coup gelungen“, so die anderen (am Rande eine kleine Prüfungsfrage für Journalistenschüler*innen im ersten Semester: welches dieser Zitate ist aus der „FAZ“, welches aus der „taz“?). Ob sie damit den Gauck-Satz meinten, „Manche fragen sich, wie der Wohlstand gleichmäßiger verteilt werden kann“ (in China wohlgemerkt, nicht etwa in dem Land, für das Gauck durch die Welt reist), ist nicht überliefert.
Die „taz“ meinte zum Ende von Gaucks Staatsbesuch jedenfalls, die „Staatsmedien“ hätten „ihn weitgehend ignoriert“. Im Ernst? Wie aber ist dann die breite Berichterstattung in den Staatsmedien „FAZ“ und „taz“ zu erklären?

03.04.2016 - 13:42

Auf der Sicherheitskonferenz in München fragte Gauck in seiner Eröffnungsrede jüngst rhetorisch: „Ist es nicht an der Zeit, dass die Hochschulen mehr anbieten als eine Handvoll Lehrstühle für die Analyse deutscher Außenpolitik? Muss nicht auch die Sicherheitsforschung gestärkt werden?“ Wäre interessant, was seine chinesischen Gastgeber zu dieser Forderung zu sagen gehabt hätten.
2013 erhielten hierzulande 26 staatliche Hochschulen Drittmittel in Höhe von 4,8 Millionen Euro allein vom Verteidigungsministerium, wie aus einer kleinen Anfrage der Grünen im Bundestag hervorgeht. An der Martin-Luther-Universität in Halle (Saale) gibt es einen eifrigen Verfechter der Gauckschen Aufrüstungsdoktrin. Professor Johannes Varwick hat seit 2013 einen Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und europäische Politik inne. Bei seiner Antrittsvorlesung zitierte er just den Bundespräsidenten und stellte direkt klar, daß er den Auftrag Gaucks, also die Stärkung der sogenannten Sicherheitsforschung, vorantreiben werde. Varwick bezeichnet sich selbst als Teil der „sicherheitspolitischen Community“. Durch diese Offenheit und Transparenz stellt Varwick eine Ausnahme dar. Im Internet erfährt man, daß Varwicks Forschung unter anderem durch die NATO, das Verteidigungsministerium und militärpolitische Thinktanks finanziert wurde. Varwick ist auch Mitglied eines „Arbeitskreises Sozialwissenschaften und Militär“. Wissenschaft und Militär im direkten Austausch. Wie in China.

03.04.2016 - 13:41

Wie bürgerliche Medien und überhaupt die bürgerliche Welt funktionieren, kann man derzeit am Beispiel der „FAS“ und des Ai Weiwei studieren. War Ai lange der Lieblingsdissident der Deutschen, der „heilige Ai“ eben, wie seinerzeit ohne jede Ironie geschrieben wurde (in der „FR“ übrigens), so lassen die bürgerlichen Medien ihn nun, da er sie langweilt, fallen wie eine Urne aus der Han-Dynastie.

An zwei Sonntagen hintereinander geht die „FAS“ mit dem heiligen Ai jeweils großflächig ins Gericht. Einmal kritisiert Friederike Haupt Ais Aktion mit den Flüchtlingen in Idomeni und schlägt für Ai die Bezeichnung „Beknacktivist“ vor. In der Woche drauf witzelt Johanna Adorjan auf mehr als einer halben Seite „neue Ideen für Ai Weiwei“ zusammen und schlägt ihm hämisch Ideen für Kunstprojekte und Aktivismus vor, zum Beispiel: „TTIP: Den Säuleneingang des Festspielhauses in Bayreuth läßt Ai Weiwei mit knapp einer Million roter McDonald’s-Pommes-Frites-Pappschachteln verkleiden. Titel dieser aufrüttelnden Aktion: ‚Freedom’.“ Und dann wagt sich auch die „Berliner Zeitung“ noch aus der Deckung und schiebt am Tag nach dem zweiten „FAS“-Artikel todesmutig tabubrechend ein „Komm zurück, Ai Weiwei, und laß die Flüchtlinge in Ruhe!“ hinterher.

Soweit so gut. Ich habe schon vor Jahren erklärt, daß ich Ai Weiwei für einen sagen wir mal nicht besonders interessanten und ganz sicher deutlich überschätzten Künstler und für einen höchst fragwürdigen „Aktivisten“ halte, der von interessierten Kreisen „gemacht“ wurde, und der als jemand, der Jahre in den USA gelebt hat, durchaus das mediale Spiel, das mit ihm betrieben wurde, durchschaut und freudig mitgespielt hat (siehe meinen Artikel „Die Legende vom heiligen Ai“, für „Konkret“ 6/2011, hier). Und die Kritik an Ai und seiner Rolle, die jetzt in der „FAS“ vorgetragen wird, ist nur allzu berechtigt. Allein: diese Kritik hätte substantiell vor Jahr und Tag vorgetragen werden müssen. Zu einer Zeit also, da Ai im Gegenteil auch und gerade in „FAZ“, „FAS“ und „Berliner Zeitung“ und all den anderen Medien hofiert wurde, zu Zeiten, wo jeder seiner Schritte ausführliche und höchst unkritische Artikel in ebendiesen Zeitungen zur Folge hatte.

Das ist das Spiel, das die bürgerlichen Medien und die bürgerliche Welt mit Dissidenten spielen wie die Katze mit einer gefangenen Maus, ehe sie diese verspeist: Wir schreiben dich hoch, solange du unser nützlicher Idiot bist und solange du uns Spaß machst. Nützt du uns nicht mehr und haben wir den Spaß an dir verloren, werden wir dich fressen. Immer.

03.04.2016 - 13:36

„Die Gedanken, die man hier kauft, stinken... Man verkauft Meinungen wie Fische, und so ist das Denken in Verruf gekommen.“
Der Bauer Sen in: Bertolt Brecht, Turandot oder Der Kongreß der Weißwäscher

03.04.2016 - 13:34

Ein Rolling Stone über Musikbusiness, Verbrecher und ausgenutzte Musiker:

Frage an Mick Jagger anläßlich der Fernsehserie „Vinyl“: „Warum konzentrieren Sie sich (in dieser Serie) mehr auf die geschäftliche Seite von Musik?“
Jagger: „Für mich ist das ein faszinierender Aspekt. Das Business ist voller seltsamer Figuren: ein zusammengewürfelter Haufen aus Trickbetrügern, Geschäftsleuten und Verbrechern.“

Frage: „Die Serie zeigt, wie die Künstler von den Firmen ausgenutzt wurden. Haben Sie das auch erlebt?“
Jagger: „Alle Musiker werden ausgenutzt, besonders am Beginn ihrer Karriere. In den 50ern und 60ern bekamen Künstler fast nichts für ihre Aufnahmen. Weiße Musiker bekamen etwas mehr, aber ausgenutzt wurden wir alle. Sie haben dir gesagt, du kriegst drei Prozent von allen Verkäufen, aber am Ende haben sie dir so viel abgezogen, daß beinahe nichts übrig blieb. Selbst bei einem Hit.“

(in „TV Spielfilm“)

03.04.2016 - 13:33

Hillary und Bill Clinton sowie George Clooney haben zu einem Unterstützungs-Dinner für Hillary Clintons Präsidentschaftswahlkampf eingeladen. Kostenpunkt: 353.000 Dollar. Pro Gast.
Das Essen war im Preis ebenso inbegriffen wie ein „unverhältnismäßiger Einfluß auf den politischen Prozeß“, wie Bernie Sanders anmerkte.

21.03.2016 - 18:30

Im Rahmen eines Kölner Abonnementkonzerts von Concerto Köln spielte der in England lebende iranische Cembalist Mahan Esfahani neben Werken von Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach auch Werke von Fred Frith und Steve Reich. Bei seiner Interpretation von „Piano Phase“ von Steve Reich kam es zum Skandal. Piano Phase ist eine minimalistische Komposition von 1967, zwei „Klangfäden“ aus stets wiederholten kurzen Tonfolgen in h-moll driften, da sie in geringfügig unterschiedlichen Tempi gespielt werden, auseinander, wodurch es zu immer neuen Interferenzen kommt. Esfahani spielte eine Tonfolge an seinem Cembalo, die andere kam vom Tonband, er hatte sie vorher eingespielt. Ein interessantes Stück Minimalismus.

Doch das Stück konnte in der Domstadt nicht zu Ende aufgeführt werden. Teile des Publikums lachten, klatschten, pfiffen und machten andere Geräusche, nach etwa sechs Minuten des circa sechzehn Minuten langen Stücks so laut, daß der Cembalist seine Darbietung abbrechen mußte. Esfahani fragte das Publikum: „Why are you afraid?“ Warum und wovor haben Sie Angst? Der pöbelnde Anteil des Publikums antwortete: „Reden Sie gefälligst deutsch!“ Denn, Merke: in der Kölner Philharmonie wird immer noch deutsch gesprochen. Das wird man einem aus dem Iran dahergelaufenen Cembalisten ja wohl noch sagen dürfen.

Was ist nun das Besondere an diesem Vorfall? Pegida im klassischen Konzertsaal? Gemach. Es ging um eine Art „Machtdemonstration jener Kulturbürger, denen der Sonntagnachmittag heilig ist“ (Arthur Buckow). Hier haben sich konservative Wutbürger erregt, die Angst vor Veränderung, Angst vor Neuem haben, selbst wenn das Neue schon fast fünfzig Jahre alt sein mag. Dieser Reflex ist nicht neu; neu ist lediglich, daß sich diese konservativen Lümmel mit ihrem reaktionären Gepöbel jetzt aus der Anonymität des bürgerlichen Stillseins, das in den  Konzertsälen Brauch ist, hervorwagen wie die Ratten aus ihren Löchern. Ermöglicht wird solcherart Pöbelei vom medialen Grundton, der seit dem sogenannten „Flüchtlingsproblem“ in den bürgerlichen Medien regiert und von Leuten wie Sloterdijk oder Safranski orchestriert wird, also dieser antimodern, antizivilisatorisch und fremdenfeindlich wabernde Sound, der mittlerweile auch aus Suhrkamp-Bändchen quillt.

Und es ist natürlich kein Zufall, daß derartige antimoderne Machtdemonstrationen ausgerechnet in Köln stattfinden. Dazu, wie die Stadt Köln den öffentlichen Raum kapitalisiert und zur Bühne privater Events abgewirtschaftet hat, hat Felix Klopotek im März-Heft von „Konkret“ alles Notwendige gesagt. Dazu passen letztlich die jüngsten Schlagzeilen aus Köln, die von einem „Abi-Krieg“ rivalisierender Gymnasien berichten, der derart außer Kontrolle geraten ist, daß sogar Jugendliche schwer am Kopf verletzt wurden. „Überrascht haben mich die Ausschreitungen in Köln nicht“, sagt laut „FAZ“ die Kulturwissenschaftlerin Katrin Bauer, die erklärt, daß „in keiner anderen Stadt die Schüler so extrem rivalisieren“ (ich frage mich übrigens, warum die Medien, die über diesen Kölner Abi-Krieg berichten, diesmal darauf verzichten, die Religionszugehörigkeit der Schüler zu erwähnen, wie das sonst in Köln doch mittlerweile üblich zu sein scheint; nun, die meisten der am Abi-Krieg beteiligten Schüler dürften christlichen Glaubens sein – es ist halt so eine Sache mit den abendländischen Werten...).

Es ist außerdem wohl kein Zufall, daß die neokonservativen Mutbürger gerade in der Kölner Philharmonie die Aufführung eines modernen (nicht einmal zeitgenössischen) Werkes sprengen. Es wundert mich, daß keiner der sachkundigen Feuilletonisten darauf hingewiesen hat, daß dieses Beispiel just in Köln eine gewisse Tradition hat: „Der wunderbare Mandarin“ von Béla Bartók wurde vor neunzig Jahren, im November 1926, in der Oper Köln uraufgeführt. Es gab einen riesigen Skandal. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ schrieb seinerzeit von „aus dem Orchesterraum hervorbrechenden Geräuschen“ und einer „widerlichen Handlung“, sodaß „die Räume durch ein gelinde gesagt minderwertiges Werk entweiht wurden“. Das Publikum erregte sich, es „erschollen hundertfältig und minutenlang die Rufe Pfui! Gemeinheit! Skandal!“
Die Erstaufführung des Bartók-Werkes in Köln war 1926 auch gleichzeitig seine Letztaufführung: Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer (genau, der spätere Bundeskanzler der BRD) ordnete an, daß „Der wunderbare Mandarin“ sofort vom Spielplan zu nehmen sei. Das vermeintlich Skadalöse sprach sich europaweit herum, sodaß zu Bartóks Lebzeiten mit einer Ausnahme (1927 in Prag) das Ballett in Europa nicht mehr aufgeführt wurde (siehe Stefan Fricke, in „Musik. Politik?“, Köln 2015). 
„Sie haben es getan und sie werden es jederzeit wieder tun, wenn es ihnen gestattet wird“, schrieb der Schriftsteller Hans Frick 1965 in seinem Debütroman „Breinitzer oder Die andere Schuld“ über die Bundesrepublik Deutschland (ein Roman, über den Jörg Fauser 1979 sagte: „Ich weiß, daß es in meinem Land nur einige wenige Schriftsteller gibt, die das Papier wert sind, auf dem ihre Bücher gedruckt werden. Einer von ihnen ist Hans Frick.“ Wundert uns, daß Hans Frick heute praktisch vergessen ist, während „der Betrieb“ seine einschlägigen Nudeln wie Ronja von Rönne rauf und runter dudelt? Lesen Sie den Nachruf auf Hans Frick, den Franz Dobler geschrieben hat, oder noch besser: Lesen Sie seine Bücher, zum Beispiel „Breinitzer“ oder „Die blaue Stunde“).

Doch wollen wir nicht so tun, als ob diese antimoderne Grundhaltung aus der Kölner Philharmonie, die verlangt, daß alles unbedingt so bleiben solle, wie man es gewohnt ist, auf Köln und die Klassik-Szene beschränkt sei. Wir erinnern uns: Als letztes Jahr Kanye West, sicher einer der interessantesten und innovativsten Musiker unserer Zeit, fürs altehrwürdige Glastonbury-Festival gebucht wurde, ging ein Aufschrei durch Großbritannien, es gab Petitionen, es sei „eine Beleidigung für Musikfans in aller Welt“, wenn Kanye West in Glastonbury spiele, man solle ihn streichen und durch eine Rockband ersetzen. Und bei einer Abstimmung auf „Spiegel Online“ fanden auch hierzulande 93,75% der Teilnehmer, der schwarze Hip-Hop-Star habe auf dem Festival nichts verloren... Und der in einem vergangenen Rundbrief bereits zitierte Schreiberling der „Süddeutschen Zeitung“, der in seinem Lemmy Kilmister-Nachruf bedauerte, daß es so „alte Rocker“ wie Helmut Schmidt nicht mehr gebe und der es schaffte, den Wehrmachtsoffizier, Nachrüstungs- und Atomkraft-Freund in einem Atemzug mit Lou Reed, David Bowie und Lemmy Kilmister unterzubringen, erging sich im gleichen Qualitätspresse-Artikel in Ergüssen gegen HipHop, weil quasi alle schwarzen Rapper per se „irre doof“ und „frauenfeindlich“ seien („Eines Tages werden wir allein sein mit frauenfeindlichen Rappern, die irre doof sind, keinen Spaß verstehen und mit schweren Goldketten die Gebisse ihrer Feinde einschlagen“).
So ist das mit den Verteidigern von weißen Männern, die Rockmusik spielen. Fans von Rockmusik können genauso antimodern und reaktionär sein wie die Besucher von Kölner Klassikkonzerten...

21.03.2016 - 18:26

Im Konzert der Wiener Philharmoniker mit Daniel Barenboim, die Mahlers Neunte Symphonie spielen, sitzt in der Berliner Philharmonie ein etwa vierzigjähriges Paar neben mir. Das Smartphone bleibt angeschaltet, und der Mann, Typ bulliger Anzugsschnösel, bedeutet seiner Frau, was sie machen soll, wenn Barenboim zu Beginn des Konzerts aufs Dirigentenpodest steigt: sie soll nämlich ein Foto von Barenboim auf dem Podest machen, während ihr Mann das aufgeschlagene Programmheft mit dem Tagesprogramm ins Bild hält. Beweisfoto: Wir waren dabei, als Barenboim die Wiener dirigierte!
Was er damit wohl machen wird? Wie seine Teenagerkinder auf Facebook posten? Ja, ich war im Konzert, seht her: Barenboim! Die Wiener! Am 19.März 2016!
Das Katzenfoto des kulturaffinen Bürgertums...

21.03.2016 - 18:25

Und der Fußball?
Wiglaf Droste hat unter anderem diese Zeilen zur aktuellen Lage gedichtet:
„Manchmal hat man’s im Turin,
daß das Böse siegen wird.
Für das Schöne ist nichts drin...“

Die Fans des Bösen geilen sich jetzt auf am vermeintlich heroischen Verlängerungs-Kampf ihrer Winner-Bayern, der doch nur dadurch zustandekam, daß ein Schiedsrichter Juventus ein korrekt erzieltes drittes Tor verweigerte. Und so wird das Böse weiter siegen... bis... nun ja, bis Barcelona kommt. Alles Katar, oder was? Das ist der trostlose Stand der Dinge im Vereinsfußball. Wen also interessiert dieser neoliberale Geld-Fußball noch? Da schaut man doch besser Snooker oder meinethalben Darts, oder?

Im großartigen „Skug“-Magazin hat Hardy Funk übrigens ein herrliches Porträt von Schamoni Musik München geschrieben und en passant das ganze München- und Bayern- und CSU-Gedöns in den Isarsand gerammt. „Schickimicki, Bob Beaman und Abfahrt als Dienstleistung. Das reiht sich alles in dieses Gesamtmodell ein, dieses Winner-Dasein, BMW Fahren, FC Bayern immer die Eins. Nachdem Hoeneß jetzt im Knast sitzt, könnte man dieses Gesamtmodell eigentlich komplett in Frage stellen. Aber das tut keiner so richtig. Leute wie Hoeneß, Seehofer und Beckenbauer sorgen weiterhin dafür, dass das Image von Bayern innerhalb Deutschlands sowas von beschissen ist, dass auch wir hier einen Kollateralschaden haben. Denn die Lebensphilosophien dieser Leute zerstören unsere Werte.“
Das sagt in diesem wunderbaren Text Sebastian Schnitzenbaumer. Den ganzen Text bitte hier lesen.

Ach ja, übrigens: Skug hat letztes Jahr nach 25 Jahren „seine Erscheinungsform als Printmedium eingestellt“. Und das ist auch ein Kommentar zum, im wahrsten Sinne des Wortes: Stand, nämlich STILLSTAND der Dinge. Aber im Netz existiert Skug weiter. Und das ist immerhin ein kleiner Trost.
Und deswegen hören wir nicht Wanda und schon gar nicht AnnenMayKantereit, all diese zahn- und geistlose Mitmach- und Weltzustimmungsmusik für FC Bayern-Fans, die uns von Plattenkonzernen und Staatsfernsehen und embedded music journalism pausenlos eingeträufelt wird. Nein, wir hören Das weiße Pferd, und zum Beispiel ihr Lied vom Straßenkämpfer.
Heilung durch Musik! Eine andere Welt ist nämlich immer möglich, Frau Nachbarin...
(doch Moment mal: zu den Darlings der bürgerlichen Feuilletons und der Kultursendungen des Staatsfernsehens, nämlich zu AnnenMayKantereit, hat Andreas Borcholte auf „SPON“ alles Notwendige gesagt, und zwar in einer Art und Weise, der nichts hinzuzufügen ist - „Gemeinschaft und Gefühl, darauf können sich im Moment viele einigen, vor allem die, die Angst vor Veränderungen und der Moderne haben. Die lieber ihre Ruhe haben wollen.“ Großer Text.)

21.03.2016 - 18:21

Mark Zuckerberg war in Berlin! Und es war ein Staatsbesuch ganz besonderer Art (denn: in welchem Staat würden Sie lieber leben? in Facebook oder in China? wenn ich einen Film-Untertitel meines Freundes Christian von Borries aufgreifen darf, der allerdings nach Apple oder China gefragt hat. Den Film können Sie auf Vimeo sehen, große Empfehlung!).
Im Staatsfernsehen konnte man verfolgen, wie Facebook ein sogenanntes „Townhall Meeting“ abgehalten hat. Dazu wurden von Facebook etwa anderthalbtausend Student*innen und Nutzer*innen handverlesen und in die Arena in Treptow eingeladen. Die Gäste der Fressenkladde durften vorher ihre Fragen an Zuckerberg einreichen und wurden dann von der Fressenkladde ausgewählt. Und dann dürfen sie ihre von Facebook abgesegneten Fragen direkt an Zuckerberg stellen. Und die Fragen sind vom Kaliber „wie geht es dir?“, „wie geht es deinem Hund / deinem Baby?“, „was plant Facebook demnächst, um die Welt positiv zu verändern“. Wenn man all dies sieht, diesen neoliberalen Neofeudalismus, wenn man sieht, wie hörige Nutzer*innen beseelt ihrem Guru die banalsten Fragen stellen, glücklich, bei diesem von der Fressenkladde organisierten Gottesdienst dabei sein zu dürfen, dann versteht man wieder etwas mehr von der Welt unserer Tage. Davon beispielsweise, daß man offensichtlich hierzulande auch studieren darf, wenn man seinen eventuell vorhandenen Grips komplett an der Garderobe abzugeben pflegt. Vor allem aber versteht man, daß Facebook eine Sekte ist und die begeisterten Nutzer schlicht ihre Jünger. Und zwar eine Sekte, die polizeistaatsartig agiert – kritische Fragen sind nicht vorgesehen, Diskussionen sind nicht erwünscht, Nachfragen nicht erlaubt. Ein Rechtsanwalt, der Strafanzeige gegen den Facebook-Chef gestellt hat, weil dessen Firma reaktionäre und rassistische Kommentare nicht von ihren Seiten entfernt, und der es wohl aus Versehen in die Veranstaltung geschafft hat, darf natürlich keine Frage stellen. Als die Mitarbeiter der Fressenkladde ihren Irrtum erkennen, ihn eingelassen zu haben, machen sie dem Rechtsanwalt unmißverständlich klar, daß er besser keine Szene macht, und spendieren ihm extra zwei Aufpasser, die dafür sorgen, daß der Rechtsanwalt sich auch daran hält.

Natürlich, Transparenz ist bei Facebook ein Fake. das wußten wir schon lange. Markus Beckedahl hat mal gesagt, Facebook verhalte sich gegenüber kritischen Nachfragen ungefähr so offen wie ein Waffenhändler. Und genau diese gespielte „Offenheit“, die in Wahrheit ein strenges Abschirmen gegenüber allen demokratischen Gepflogenheiten ist, erlebt man beim Auftritt des Sektengurus und Multimilliardärs Zuckerberg in Berlin.

Und wem gefällt, neben den erklärten Jüngern und all den Politiker*innen, die Zuckerberg hofieren, diese polizeistaatsartige Sekte Facebook nun besonders gut? Dem Axel Springer-Konzern natürlich. Denn der Springer-Konzern hat Zuckerberg nach Berlin geholt und ihm einen eigens erfundenen neuen Preis verliehen, den „Axel Springer Award“. Und wie das so ist, wenn der Medienkonzern ruft, der die Blödzeitung herausgibt, kommen alle, die eben immer dazugehören wollen oder die sich jederzeit kaufen lassen. Also Martin Schulz von der SPD oder vier Musiker der Berliner Philharmoniker, die für Zuckerberg und den Springer-Clan „California Dreaming“ spielen. Die kalifornische Ideologie ist in diesem Moment ganz bei sich.

21.03.2016 - 18:19

Wieder einmal wehrt sich ein Pop-Musiker gegen die Nutzung eines Songs durch eine politische Partei. Diesmal ist es der in der Qualitätspresse „Techno-DJ“ genannte Paul van Dyk, der der AfD eine Unterlassungserklärung zukommen gelassen hat, mit der er der Partei „jedwede unberechtigte Nutzung“ seines Stücks „Wir sind wir“ verboten hat. Ein Stück, das von Peter Heppner gesungen wird und von Paul van Dyk komponiert wurde und das der Fraktionsvorsitzende der AfD in Thüringen, Björn Höcke, bei monatlichen AfD-Kundgebungen auf dem Erfurter Domplatz spielen ließ.

Das hört sich auf den ersten Blick sehr politisch korrekt an. Der als SPD-Anhänger geltende van Dyk wehrt sich gegen den Mißbrauch seines Stückes durch Rechtspopulisten. Doch: warum nutzen besagte Rechtspopulisten denn das Stück von Paul van Dyk? Zeilen in dem Song legen jedenfalls die Vermutung nah, daß dieser Song der AfD gut ins politische Konzept paßt, denn dort heißt es u.a.:
„Auferstanden aus Ruinen dachten wir
Wir hätten einen Traum vollbracht.
40 Jahre zogen wir an einem Strang.
Aus Asche haben wir Gold gemacht. (...)
Jetzt ist mal wieder alles anders
Und was vorher war, ist heute nichts mehr wert.“

Das ist ein Text, den jeder dieser ewig zu kurz gekommenen Pegida-Anhänger aus voller Seele mitgrölen kann.
Wie wäre es denn, wenn Musiker, anstatt das Abspielen ihrer Songs auf Demonstrationen von Rechtspopulisten zu untersagen, einfach Musik und Texte schreiben würden, die sich nicht für das Abspielen bei AfD-Kundgebungen eignen? Damit wäre uns allen geholfen.

21.03.2016 - 18:17

29 Prozent der Befragten einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov halten es laut „Berliner Zeitung“ vom 8.2.2016 für gerechtfertigt, unbewaffnete Flüchtlinge mit Waffengewalt am Grenzübertritt zu hindern.
Ein knappes Drittel der Bundesbürger sind also für eine Art Schießbefehl gegen unbewaffnete Flüchtlinge an „unseren“ Grenzen.
Puh.

Ich erinnere mich an die „SINUS-Studie“ über rechtsextremistische Einstellungen bei den Deutschen in der BRD, die 1980 von der Bundesregierung Helmut Schmidts in Auftrag gegeben und unter dem Titel „5 Millionen Deutsche: Wir sollten wieder einen Führer haben...“ bei rororo aktuell veröffentlicht wurde. Laut dieser SINUS-Studie verfügten mindestens 13 Prozent der Bevölkerung über ein „geschlossenes rechtsextremes Weltbild“, und weitere 37 Prozent waren „empfänglich für rechtsextreme Denkinhalte“, lehnten aber Antisemitismus oder Führerkult ab. Laut SINUS-Studie hatten 1980 also die Hälfte der BRD-Bürger ein geschlossenes oder nicht geschlossenes rechtsextremes Weltbild.
Und wie gesagt, bei dieser Untersuchung waren die Sachsen noch nicht einmal mit einbezogen...

„Immer wieder formulieren: das Schuldbekenntnis der Deutschen nach der Niederlage des Nationalsozialismus war ein famoses Verfahren, das völkische Gemeinschaftsempfinden in die Nachkriegsperiode hinüberzuretten. Das Wir zu bewahren war die Hauptsache.“ (Max Horkheimer)

21.03.2016 - 18:16

So ziemlich das Überflüssigste im Popgeschäft sind Musiker*innen-Interviews.
Selten erfährt man etwas Interessantes, meistens gibt es nur banales Geschwätz zu lesen, was ja auch kein Wunder ist, denn das, was Musiker*innen zu sagen haben, ist ja in ihrer Musik enthalten (oder auch nicht). Es wäre eigentlich an den Popjournalist*innen, das Werk zu analysieren und einzuordnen. Das allerdings ist kompliziert und macht Arbeit – weswegen wir weiter all diese uninteressanten und meist banalen Popmusik-Interviews lesen müssen.
Wie etwa das Gespräch, das die „Berliner Zeitung“ mit den aktuellen Medienlieblingen von Isolation Berlin führte und das mit einem leider ironiefreien „jetzt schon eine Band des Jahres“ eingeleitet wurde.
Anstatt sich mit dem neuen Album der Band auseinanderzusetzen, das Große oder auch das Problematische daran herauszuarbeiten, dürfen wir garantiert geistferne Fragen wie diese lesen: „Ich hatte nicht erwartet, die ganze Band hier in Ihrer WG anzutreffen!“„Proben Sie nachher noch zusammen?“„Oh, hier liegen Klaviernoten!“„Sie veröffentlichen gerade Ihr erstes Album und müssen zum ersten Mal in Ihrem Leben Interviews geben. Gibt es Fragen, die Sie verwundern?“„Können Sie Ihr erstes Album selber noch hören?“„Wurden Sie schon mal im Radio von Ihren Songs überrascht?“„Wie entsteht ein Song bei Ihnen?“ undsoweiter undsofort schwallt das fast eine halbe Seite lang im „Bravo“-Stil im Feuilleton der „Berliner Zeitung“, daß es kaum auszuhalten ist, um dann in der Frage zu gipfeln, „welche Gedichte Sie unseren jungen Lesern denn empfehlen können“.
Im See der Trostlosigkeit des deutschen Pop-Feuilletons herrschte am 23.2.2016 zusätzlich noch Ebbe; alles war ausgetrocknet und öd und leer.

21.03.2016 - 18:14

Was aber macht unser kleiner Isnogud, der Kalif werden will anstelle der Kalifin?
Nun, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), der bei seinem Amtsantritt 2013 versprochen hatte, die bundesdeutschen Rüstungsexporte „deutlich einzuschränken“, zeigte einmal mehr, wie diese „deutliche Einschränkung“ konkret zu verstehen ist: Im Jahr 2015 hat die Bundesregierung deutlich mehr Rüstungsexporte als zuvor genehmigt. Das Gesamtvolumen der Waffenexporte lag bei rund 7,5 Milliarden Euro, im Vergleich zu 3,97 Milliarden im Jahr 2014. Das ist die höchste Zahl von Rüstungsexporten in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Lieferung eines U-Bootes im Wert von 351 Millionen ließ er dabei sogar noch unter den Tisch fallen. Und zählt man außerdem die Sammelausfuhrgenehmigungen hinzu, stieg die Zahl der bundesdeutschen Rüstungsexporte im Jahr 2015 in Wahrheit auf über 12,8 Milliarden Euro – ein Armutszeugnis nicht nur für einen SPD-Minister, der versprochen hatte, die Rüstungsexporte drastisch zu reduzieren, sondern auch für den Koalitionspartner, der das „c“ für „christlich“ in seinem Namen führt.

21.03.2016 - 18:13

Aber mal im Ernst: Wenn die SPD und die ihnen freundlich gegenüberstehenden Medien mal wieder darüber nachdenken, warum so wenig Leute noch die Sozialdemokraten wählen (wobei ich nach wie vor finde, daß die Frage falsch gestellt ist: erstaunlich ist doch recht eigentlich, daß es überhaupt noch Menschen gibt, die die SPD wählen...), fehlen immer die naheliegenden Gründe. Die hauptsächlich darin bestehen, daß die SPD Hand in Hand mit den Grünen seit 1998 die Lebenssituation der Wohlhabenden so deutlich wie einseitig verbessert und die Lebenssituation der weniger Wohlhabenden drastisch verschlechtert hat.

Nehmen Sie das Beispiel der Privatisierung der Altersversorgung, die so hübsch nach einem Versicherungsangestellten, der eine Zeit lang SPD-Bundesminister war, benannt wurde, nämlich die sogenannte Riester-Rente. Der Versicherungsexperte Holger Balodis (aktuelles Buch: „Garantiert beschissen! Der ganz legale Betrug mit Lebensversicherungen“) sagt im Interview mit Reinhard Jellen auf „Telepolis“:

„Die unter Rot-Grün beschlossene Riester-Reform war überflüssig. Die in den 1990er Jahren erfolgten Reformen hatten die gesetzliche Rente bereits wetterfest und zukunftsfähig gemacht. Doch die Politik folgte seinerzeit den Forderungen der Lobbyisten und den Arbeitgebern. Die einen wollten einen Einstieg in die Privatisierung der Rente, die anderen wollten dauerhaft niedrige gesetzliche Rentenbeiträge. Also demontierte man ohne Not die gesetzliche Rente. Seitdem dient das sinkende Rentenniveau als Begründung für den Zwang zu mehr privater Vorsorge.“

Und wie kam es dazu? Noch einmal Holger Balodis:

„Die Lobbyisten hatten nach jahrelangen Mühen die Politiker weichgeklopft. Man muss wissen, dass damals ohnehin eine allgemeine Privatisierungseuphorie den Zeitgeist bestimmte. Dazu kamen interessante personelle Verflechtungen zwischen Politik und Finanzwirtschaft, außerdem beachtliche Parteispenden von den Versicherungsunternehmen. Dazu eine Debatte über eine angebliche demografischen Falle. Und prominente Wissenschaftler, die all das in die Öffentlichkeit trugen. Später stellte sich heraus, wie sehr auch sie mit der Finanzwirtschaft verbandelt waren. Da kam also viel zusammen. Aber es war nicht zuletzt der Durchsetzungswille von Kanzler Schröder, der sich später als guter Freund von AWD-Gründer Carsten Maschmeyer outete.“

Wer hat uns verraten? Und jetzt alle im Chor...

21.03.2016 - 18:11

Literaturtheorie in Zeiten des Erstarkens der AfD: die Romantik als das Bündnis der Unzufriedenen von rechts und links:
„Die Übereilung und die Erinnerungsseligkeit sind die beiden Feinde des Vorangehens, und kein Punkt ist von dem des Jetzt weiter entfernt als der, wo Übereilung und Erinnerungsseligkeit sich touchieren. Für den Pakt aller, die das Falsche meinen, den Verbund der Abweichungen besitzt nun aber die Sprache ein Wort, das Wort Fronde. […] Die Romantik ist der Überbau der gegenbonapartistischen Fronde.“
(Peter Hacks)

21.03.2016 - 18:10

Nicklas Baschek rümpft auf „ZeitOnline“ die Nase über Kendrick Lamar. Eckte Lamar früher tatsächlich noch an, sei er nun auf ekletischen Schmusekurs umgestiegen: „Lamars aktuelle Platte ist also das Album der Konsolidierung. Sehr bürgerlich, im Bestehenden verharrend." Schreibt Baschek im Zentralorgan der bürgerlichen, das Verharren im Bestehenden wortreich und unbedingt immer verteidigenden „Zeit“...

21.03.2016 - 18:05

Wann immer von Haiti die Rede ist, wie aktuell wieder angesichts der gegenwärtigen politischen Krise, kann man die einschlägigen Worthülsen hören und lesen: Instabilität, Voodoo, Korruption, Unregierbarkeit.
Doch ein Teil der Probleme ist alles andere als hausgemacht: Als Haiti 1804 nach einem langjährigen Befreiungskampf seine Unabhängigkeit von Frankreich erklärte, wurde das Land nicht nur der erste freie Staat Lateinamerikas, sondern auch zur ersten selbständigen „schwarzen“ Republik der Erde. Erstmals in der Geschichte hatte eine Sklavengesellschaft erfolgreich ihre herrschende Klasse gestürzt. Doch die (ehemaligen) Kolonialherren – wohlgemerkt: das war das Frankreich unmittelbar nach seiner Revolution! und nicht einmal während der französischen Revolution war die Sklaverei in den französischen Kolonien abgeschafft worden; natürlich nicht, denn ein beträchtlicher Teil der französischen Bourgeoisie, um deren politische Revolution es 1789 ging, war von der Sklavenökonomie wirtschaftlich abhängig... – blieben unerbittlich: Die ehemaligen Sklaven mußten 90 Millionen Goldfrancs als „Reparation“ an die ehemaligen Sklavenhalter und Kolonialherren zahlen.

Denn: „dieselben Philosophen, die die Freiheit als den natürlichen Zustand des Menschen betrachteten und sie zu einem unveräußerlichen Menschenrecht erklärten, akzeptierten die millionenfache Ausbeutung der Sklavenarbeiter in den Kolonien als Teil der gegebenen Weltordnung“ (Susan Buck-Morss, deren Buch „Hegel und Haiti“ unbedingt lesenswert ist). Und wenn in Großbritannien Locke Freiheit als „Schutz des Privateigentums“ betrachtete, dann gehörten zu diesem Privateigentum mit allergrößter Selbstverständlichkeit auch die Sklaven.  Rosseau erwähnt die Sklaverei in seinem „Gesellschaftsvertrag“ mit keinem einzigen Wort (und er spricht ja durchaus über Menschen aus allen Teilen der Welt – die Afrikaner allerdings läßt er aus). Oder: „Die Männer, die zusammenkamen, um die unabhängigen Vereinigten Staaten zu gründen, gewidmet der Freiheit und der Gleichheit, hielten entweder selbst Sklaven oder waren bereit, mit jenen zusammenzuarbeiten, die es taten“ (Edmund S. Morgan). „Amerika nimmt seinen Anfang in schwarzer Plünderung und weißer Demokratie, zwei Merkmale, die sich nicht widersprechen, sondern ergänzen“, schreibt Ta-Nehisi Coates in „Zwischen mir und der Welt“.

Dies alles sollte man sich immer wieder vor Augen führen und bedenken, wenn die Geschichte der westlichen Nationen wieder einmal als endloses Narrativ der menschlichen Freiheit konstruiert wird. Die „Freiheit“, von der immerzu die Rede ist, war stets nur die Freiheit des weißen Mannes (und die Betonung liegt auf „weiß“ und „Mann“).

(In Heft 388 vom September 2015 hat sich die Zeitschrift „ila“ in einem lesenswerten Schwerpunkt mit Haiti beschäftigt; darin ist auch der Aufsatz „Das Politische im haitianischen Vodou“ enthalten, in dem Peter Scheiffele darüber berichtet, wie westliche Vorurteile den Vodou als Alltags- und Widerstandspraxis verkennen. R.I.P., Peter!)

21.03.2016 - 18:03

Und wenn wir mal wieder hören, daß für Kultur und für Bildung kein Geld da sei, sollten wir die Politiker*innen, die uns derartigen Quark erzählen, zum Beispiel darauf hinweisen, daß die Bundeswehr-Hubschrauber vom Typ NH90 fünf Milliarden Euro kosten. Obwohl seit 1990 geplant, fehlt noch die Hälfte der 82 Bestellungen. Bis heute ist keiner dieser Hubschrauber voll einsatzbereit.
Ich wüßte schon, wie das Geld besser verwendet worden wäre...

21.03.2016 - 18:02

Im Iran ist wieder alles in Butter, und die Großkonzerne der abendländischen Wertegemeinschaft machen wieder eifrig Geschäfte mit dem Regime. Wer wollte sich schon darüber aufregen, daß die iranische Regierung am Auschwitz-Gedenktag, der zufällig just der Tag ist, an dem Rohani in Frankreich von Staatschef Hollande mit großem Pomp und in allen Ehren empfangen und an die Industrievertreter weiter gereicht wurde, bei denen Rohani dann seine Airbus-Bestellungen aufgeben konnte – daß just am Tag des weltweiten Auschwitz-Gedenkens also die iranische Regierung einen weiteren „Holocaust Cartoon Contest“ abhält. Dem Karikaturisten, der sich am übelsten über den Genozid lustig macht, winken 50.000 Dollar Preisgeld.
Und da haben wir noch gar nicht davon gesprochen, daß im Iran im Jahr 2015 mehr als 1.000 Exekutionen durchgeführt wurden – ein trauriger Rekord, es wurden noch mehr Menschen hingerichtet als unter Achmadinedschad. Aber wer wollte sich an so etwas stören, wenn doch die offizielle Linie heißt: Versöhnung mit dem Iran! Die französische, die deutsche Wirtschaft atmen auf. Man kann wieder Geschäfte machen mit dem iranischen Regime. Geschäfte allerdings, an denen Blut klebt.

21.03.2016 - 18:01

Pressevielfalt:

Der „Tagesspiegel“ titelt am 8.2.2016: „Eines der größten Wandgemälde verschwindet“, nämlich das sich über drei Brandwände erstreckende Fassadenbild an der Uhlandstraße 187, das 2004 von zwei Graffiti-Künstlern gemalt wurde und bald nicht mehr zu sehen sein wird, weil auf dem Gelände ein modernes Hotel gebaut wird.
Einen Tag später, am 9.2.2016, titelt die „Berliner Zeitung“: „Wieder verdrängt ein Neubau ein Stück Kunst“, und raten Sie mal, wovon der Artikel handelt...
Die „taz“ braucht drei Tage, um das Thema aufzubringen: Am 11.2.2016 titelt die „tageszeitung“: „Ende der Wände.“

Wie gut, daß wir so viele verschiedene Tageszeitungen haben, die alle dasselbe schreiben, und manchmal auch das Gleiche...

21.03.2016 - 17:59

Auch gut:

Der „Tagesspiegel“ erscheint am 5.2.2016 mit der großen Schlagzeile „Anschlagsplan für Checkpoint Charlie“ auf seiner Titelseite; Untertitel: „Sicherheitskreise: Islamisten wollten Tourismusziel treffen. Auftrag soll vom IS aus Syrien gekommen sein.“
Im Kleingedruckten, also im dazugehörigen Artikel, dementiert der „Tagesspiegel“ dann allerdings seine Blödzeitungs-Schlagzeile: „Hinweise, daß die Gruppe bereits begonnen hatte, einen Anschlag auf den Checkpoint Charlie konkret vorzubereiten, gibt es derzeit aber offenbar nicht. Die Bundesanwaltschaft hat bislang auch nicht die Ermittlungen an sich gezogen.“
Aha. Es gibt also keinerlei Hinweise auf einen Anschlag am Checkpoint Charlie, weswegen der „Tagesspiegel“ fett „Anschlagsplan für Checkpoint Charlie“ getitelt hat.
Man könnte auch sagen: Wir haben euch, liebe Leserinnen und Leser, mal eben ein wenig verarscht. Oder desinformiert. Oder belogen. Weil es unser Job ist, Aufmerksamkeit zu erzeugen, die dazu führt, daß ihr unser Blatt kauft, in dem dann drinsteht, daß die Aufmerksamkeit erzeugende Schlagzeile eine pure Erfindung ist.

Laut einer Umfrage der „Zeit“ haben 53 Prozent der Deutschen wenig und 7 Prozent gar kein Vertrauen in die politische Berichterstattung und die Informationsleistung der Medien, bei deutlich sinkender Tendenz. Wundert uns das?
In den USA sind Zeitungen für die Meinungsbildung bereits komplett irrelevant geworden, nur noch 22 Prozent der US-Bürger*innen vertrauen den Zeitungen (gegenüber 51% in 1979), und nur noch 2 Prozent der US-Amerikaner nutzen nationale Tageszeitungen, um sich über den Wahlkampf zu informieren – selbst „Late Night Comedy“ dient mehr Menschen als Informationsquelle. Und in Großbritannien nutzen nur noch 2% der 35- bis 44-Jährigen Print (1% der 45- bis 54-Jährigen, 4% der 55- bis 64-Jährigen, und null Prozent der 18- bis 34-Jährigen...).

21.03.2016 - 17:57

In Frankreich ist die Justizministerin Christiane Taubira von ihrem Amt zurückgetreten aus Protest gegen ein von Regierungschef Holland geplantes Gesetz, wonach französischen Staatsbürgern unter bestimmten Bedingungen die Staatsbürgerschaft entzogen werden darf. Ein Gesetz, das sich natürlich gegen Migranten richtet und das zwei Kategorien von Franzosen schaffen wird: Auf der einen Seite die Alteingesessenen, die keinen Staatsbürgerschaftsentzug fürchten müssen, und auf der anderen Seite die Neufranzosen mit Migrationshintergrund, die künftig aus der französischen Nation ausgestoßen werden können.
Dieses Gesetz konnte und wollte Christiane Taubira nicht mittragen und begründete ihren Schritt auf Twitter: „Widerstand zu leisten erfordert manchmal, daß man geht. In Treue zu sich selbst, zu uns. Damit das letzte Wort die Ethik und das Recht behalten.“

So viel Rückgrat würde man sich von Politiker*innen hierzulande wünschen. Etwa von einem sozialdemokratischen Justizminister, der im Wahlkampf gegen die Vorratsdatenspeicherung antritt, die er wenig später in ein Gesetz gießt...
Doch Christiane Taubira kämpft weiter – sie hat vier Tage vor der Diskussion über das reaktionäre neue französische Staatsangehörigkeitsrecht in der Nationalversammlung einen hundertseitigen Essay zum Thema veröffentlicht, „Murmures à la jeunesse“. Sie wird sich auch weiterhin einmischen und dicke Bretter bohren. Antidiskriminatorisch und sozial sensibel. So, wie eine Politik heute auszusehen hat, die sich nicht haltungslos von vornherein den einschlägigen Rechtspopulisten in Politik und Medien unterwirft.

Taubira gibt eine Ahnung davon, was Politik sein könnte und vor Jahrzehnten tatsächlich einmal war: Ein Kampf für Ideen und Konzepte. Politiker*innen standen einmal für etwas und haben versucht, für ihre Politik Mehrheiten zu gewinnen, statt einfach dem hinterherzurennen, von dem sie annehmen, daß die Bürger*innen es wünschen. Politik meinethalben als das Bohren dicker Bretter und nicht als Niederknien vor ständig neuen Umfrageergebnissen.

09.02.2016 - 14:30

Echo? Das ist diese von der Lobbyorganisation der deutschen Musikindustrie veranstaltete Dauerwerbesendung, die das Staatsfernsehen stundenlang im Abendprogramm auszustrahlen pflegt. Alles, was Sie über den Echo @ ARD wissen müssen, habe ich anhand des Echos 2015 in weniger als zwei Minuten auf einem YouTube-Video zusammengefaßt.

09.02.2016 - 14:27

Lollapalooza Berlin 2016 hat zwar noch keinen Spielort, aber kommerziell ist bereits alles am Start: „Kommen Sie mit. Zum Melt!, zum splash!, zum Lollapalooza oder dem ‚Pure&Crafted’. Wir bieten umfassende Sponsoringberatung ‚aus einer Hand’ - und haben eine passende Medialisierung sowie Streaming-Pakete ebenfalls im Angebot“, flötet die „Festivalvermarktungsabteilung“ des HUG-Konzerns in einer Mail Ende November 2015, „Copyright © 2015 Intro GmbH&Co.KG“.

In dieser Mail steht in bemerkenswerter Offenheit, warum man Festivals wie Melt oder Lollapalooza (mit-)veranstaltet:
„Die zunehmende Fragmentierung jugendlicher Zielgruppen macht ein Engagement in jungen Umfelder immer schwieriger. Im Vergleich dazu wächst der Festivalmarkt seit Jahren und gehört zu den attraktivsten Möglichkeiten, eine Marke in jugendlichen Umfeldern zu platzieren. Musik bedeutet Emotion und Leidenschaft: Unternehmen, die sich in diesem Umfeld engagieren, werden in Umfragen überwiegend als positiv bewertet - wenn das Engagement glaubwürdig und authentisch ist. Wir bieten in unserem Netzwerk dazu optimale Marketing-Plattform quer durch alle musikalische Genres, "Millenials" ohne Streuverluste direkt und nachhaltig anzusprechen und Markenbotschaften zu platzieren.“
Die einen kuratieren also das Ding, in dem die anderen ihre Markenbotschaften platzieren. Eine Marketing-Plattform ohne Streuverluste.

Wenn Sie dachten, da gehe es um Musik – awcmon, das haben Sie nicht wirklich gedacht, oder? So naiv sind Sie schließlich nicht. Wollen Sie M.U.S.I.K. erleben? Dann fahren Sie besser zum Fusion, nach Haldern, Roskilde, Rudolstadt oder zum Beispiel nach Barcelona zum Primavera Festival. Oder besuchen Sie den Musikclub Ihres Vertrauens.

09.02.2016 - 14:26

Doch nicht nur die HUG-Unternehmensgruppe weiß, worum es wirklich geht (nämlich nicht um Kultur, sondern zuvörderst um Sponsoring und Profite). In Münster hat sich Anfang 2015 eine „Translate Entertainment GmbH“ gegründet, die „Programmplanung, Beratung, Künstlerbuchung und Organisation zum Beispiel für Corporate Events, Incentives, Galas und Stadtfeste“ sowie „inhaltliche und unternehmerische Konzeptionen für Veranstaltungen abseits vom traditionellen Konzertgeschäft" anbietet.
Leute, die solche Firmen gründen, sprechen amtliches Musikindustriesprech, und das hört sich dann so an: „Vor Kurzem realisierte Translate für den Klambt Verlag einen Incentive‐Event mit Nena, konzipierte für einen Kunden aus dem TV ein Live‐Produkt im Kids Entertainment und buchte bereits große Acts auf Veranstaltungen von Mercedes Benz, Telekom, Hapag‐Lloyd sowie weiteren Unternehmen.“ (laut „Musikmarkt“)
Gesellschafter der Firma sind Till Schoneberg mit seinem Konzertbüro Schoneberg und Florian Brauch und Florian Böhlendorf von Sparta Booking sowie Markus Hartmann von Green Entertainment. Worum es geht, faßt Translate Entertainment-Geschäftsführer Kevin Bergmeier im „Musikmarkt“ so zusammen: „...auf individuelle Anforderungen wie beispielsweise die musikaffine Inszenierung einer Marke, Entwicklung von Event‐Konzepten und den Einsatz eines VIP, eines Künstlers, dessen Musik oder Stimme in einer Werbekampagne können wir zielgerichtet eingehen.“

09.02.2016 - 14:25

Was ist nur mit diesem Land los? Mit der Musikkritik, all den Feuilletons hierzulande? Otis Clay, einer der größten Soulsänger aller Zeiten und mithin einer der größten Musiker überhaupt ist gestorben, und den deutschen Feuilletons und Musikzeitschriften, die derzeit über jede Sekunde aus dem Leben des David Bowie zu berichten scheinen, ist es keine Zeile wert. Peinlich.
Reinhard Jellen hat einen bemerkenswerten Nachruf in der heutigen "Jungen Welt" geschrieben mit dem schönen Titel "Wucht und Würde - den Sisyphusstein des unglücklich Verliebtseins den Berg hochschieben".
Ich habe eine kleine Spotify-Playlist mit Songs von Otis Clay zusammengestellt - viele rare Singles gibt es nur auf YouTube...
R.I.P. Otis Clay!

09.02.2016 - 14:23

„Jeder englische Bauarbeiter hat eine bessere Plattensammlung als ein deutscher Feuilletonchef.“
Fabian Hinrichs in „Tip Berlin“

09.02.2016 - 14:21

Aber Berlin wird schon auch noch München, Sie werden sehen. Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen zu hören ist, soll die Bewirtung in der Berliner „Volksbühne“, also jenem Haus, das seinerzeit durch „Arbeitergroschen“, also Spenden von Proletariern und eindachen Leuten entstand und derzeit von zeitgenössischen sozialdemokratischen Politikern in eine „Volksbühne de luxe“ unter Dercons Ägide umgewandelt wird, vom Münchner Charles Schumann übernommen werden, der mit seiner Bar „Schumann’s“ in der Stadt der Reichen und Schönen einige Berühmtheit erlangt hat.

09.02.2016 - 14:21

Während über das Konzept von Chris Dercon für die Volksbühne, die er künftig leiten wird, eher wenig bekannt ist. Eigentlich nur heiße Luft und Zahlen.
Heiße Luft: „Die neu zu entwickelnde digitale Bühne Terminal Plus ist ein Projekt von hohem Qualitätsanspruch und internationaler Strahlkraft.“ So Berlins Regierender Bürgermeister und Kultursenator Müller in seiner Antwort auf einen Berichtsauftrag des Parlaments. Kosten für diese heiße Luft: 500.000 Euro.
„Weitere Mehraufwendungen werden erforderlich im Bereich Sponsoring & Development sowie für deutlich vermehrte Arbeitstreffen des Artistic Board.“
Und ich dachte immer, Sponsoring würde betrieben, um zusätzliche Mittel „einzuwerben“, wie es im amtlichen Kultursprech immer so schön heißt. Aber in Berlin kostet selbst Sponsoring Steuergeld. Und für eine neue „Corporate Identity“ und die „Vorbereitung Programmpressekonferenz“ werden mal eben satte 100.000 Euro veranschlagt. Was, für eine Pressekonferenz?!? Mit Verlaub, aber habt ihr noch alle am Christbaum? Wird dort Kaviar und Champagner serviert?

Während Berlin unter Dercon, Müller und Renner also auf jeden Fall schon mal die teuerste Pressekonferenz aller Zeiten aus Steuergeldern plant, sind die sonstigen Ideen eher mau. Beziehungsweise kleinkariert. Das berühmteste Theater Deutschlands wird künftig klein geschrieben: „volksbühne berlin“ heißt das Ding dann. Wollen wir wetten, daß die Idee und Umsetzung dieser Kleinschreibung einen fünfstelligen Euro-Betrag gekostet hat? Mindestens?

09.02.2016 - 14:19

Andrerseits, wer Vorbereitungskosten der künftigen Volksbühnen-Intendanz von Chris Dercon in Höhe von 2,98 Millionen Euro ausgeben kann, dem sind auch 800.000 Euro für Til Schweigers Tatort nur billig.
Der Tatort „Off Duty“ mit Tilman Valentin Schweiger kommt am 4.Februar in die, ja: Kinos! Keine Ahnung, warum das deutsche Staatsfernsehen nun meint, seinen Tatort ins Kino bringen zu müssen – als ob es nicht schlimm genug wäre, daß der Schweiger-Schmarrn sonntags auf ARD läuft. Was der Tatort pro Folge kostet, bleibt natürlich geheim, wir dürfen zwar mit der Zwangsabgabe den Laden finanzieren, Transparenz gehört aber zu den Fremdwörtern in der Staatsfernsehwelt von ARD und ZDF. Gute zwei Millionen pro Folge werden es schon sein, wahrscheinlich eher mehr. Was aber das Medienboard Berlin-Brandenburg zusätzlich zuschießt, damit der Til Schweiger-Tatort ins Kino kommt, wurde dieser Tage veröffentlicht: 800.000 Euro Fördersumme sind es nämlich, die das Medienboard BeBra hier zum Fenster rauswirft. Weil der Schweiger-Tatort ein „überzeugendes Modell“ sei: Ein erfolgreiches TV-Format mit viel Aktion werde ins Kino gebracht, wie der „Tagesspiegel“ erfahren hat. Außerdem habe es bei diesem NDR-Tatort drei Wochen Dreharbeiten in Berlin gegeben, wo zum Beispiel aufwändige Verfolgungsjagden gedreht worden seien. Nun, dafür stellen wir doch gerne unsere Zwangsabgabe zur Verfügung, oder?

09.02.2016 - 14:18

Auf der Womex in Budapest gab es eine Session mit dem schönen Titel „Why Curation Will Save the Music Industry – The Power of Guidance in the Era of Algorithms“.
Und wer waren die Referenten? WDR-Funkhaus Europa-Chef Francis Gay und die Chefin des Lollapalooza-Festivals Berlin. Also ausgerechnet jenes Festivals, das so ziemlich das mainstreamigste und langweilste Konzertprogramm aller deutschen Festivals im abgelaufenen Jahr aufzuweisen hatte. Ganz so, wie man sich ein zum weltgrößten Konzert-Konzern Live Nation gehörendes Festival eben vorstellt, in dem die großen Namen zusammengebucht (oh, Verzeihung: zusammenkuratiert) werden, von denen man sich die größtmöglichen Profite verspricht, zu dessen Programm aber garantiert keine unbekannten Weltmusik-Acts gehören.
Wie man es schafft, ausgerechnet auf so ein Podium ausgerechnet bei der Womex ausgerechnet eine Vertreterin des weltgrößten Livemusik-Konzerns, der allüberall die kulturelle Vielfalt erschwert, Werbung für ihr Festival machen zu lassen, während unter den akkreditierten Womex-Teilnehmer*innen doch nun wahrlich genug Vertreter*innen unabhängiger Festivals aus ganz Europa zu finden gewesen wären, bleibt ein Rätsel. Und ein beträchtliches Ärgernis.

09.02.2016 - 14:17

Laut Oxfam-Studie besitzen die 62 reichsten Menschen der Erde so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Egal, wie man Einzelheiten dieser Studie bewerten mag, aber der Trend ist klar. Genau so, wie die gerade veröffentlichte Zahl, wonach die oberen zehn Prozent in der Bundesrepublik Deutschland laut Zahlen des Bundessozialministeriums 52 Prozent des hiesigen Vermögens besitzen (laut „SPON“). Im Jahr 1998 seien das noch 45,1 Prozent gewesen.
Die Begründung für diesen untragbaren Zustand ist hier wie da sehr einfach: „Die unzureichende Besteuerung von großen Vermögen und Kapitalgewinnen sowie die Verschiebung von Gewinnen in Steueroasen.“ (Oxfam laut „SPON“).
Wann ziehen wir welche Konsequenzen?

09.02.2016 - 14:16

In der sich aus unerfindlichen Gründen als „linksliberal“ gerierenden „Süddeutschen Zeitung“ wurde diesen Monat eine rassistische und sexistische Titelgrafik abgedruckt, die sich auf die „Kölner Vorfälle“ bezog. Danach ruderte die Redaktion der Zeitung zurück. Sei alles nicht so gemeint gewesen. Nicht der untertitelnde Satz „Viele junge Muslime können nicht entspannt dem anderen Geschlecht begegnen“. Und auch nicht die Illustration, die, wie SZ-Chefredakteur Wolfgang Krach zugab, stereotype Bilder vom „schwarzen Mann“ bediene, der einen „weißen Frauenkörper“ bedränge, und gleichzeitig „Frauen als Körper verdinglicht“ habe. „Beides wollten wir nicht.“ Nur, wie kam so eine Grafik, die angeblich niemand wollte, auf die Titelseite dieser als seriös geltenden Tageszeitung? Alles Zufall?

Wohl eher nicht.

Die geltende Narration, die nach den Vorfällen vor dem Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht in den deutschsprachigen Medien aufbereitet wird, bedient sich systematisch der Stereotype, die bei Pegida und AfD gang und gäbe sind. Die sogenannten Leitmedien sind damit beschäftigt, Einwanderung aus der „Macho-Kultur“ zu beklagen. Und „Macho-Kultur“, das meint „den Südländer als solchen“. Bevorzugt den Muslim, der eben nicht so entspannt „dem anderen Geschlecht begegnen“ kann wie der deutsche Abendländer mit seiner christlichen Wertegesellschaft. Wie das beim christlichen Abendländer vor sich geht, kann man jederzeit auf Oktoberfest, Wasen oder beim Karneval beobachten. Doch dies ist natürlich nicht vergleichbar, klar. Leute, die begeistert den „kulturellen Kollektivsingular“ verwenden und, wie Daniel Ryser in der „WoZ“ schreibt, „selbst vermutlich ziemlich froh“ sind, daß man ihnen „im kulturellen Kollektivsingular nicht die Massenmorde ihrer Eltern- und Großelterngeneration anlastet, quasi ‚Nazi-Kultur’“, anlastet.

„Köln wird in den Medien nicht deshalb so gehypt, weil das Ausmaß der Gewalt so beispiellos war, sondern weil sich die Vorfälle in Zeiten des rechtspopulistischen Mainstreams wunderbar instrumentalisieren lassen“ (Ryser). Jede „Qualitätszeitung“ hält sich dieser Tage einen Salonreaktionär, der in Leitartikeln rechtspopulistischen Emo-Journalismus brabbeln darf. „Tagesspiegel“ und „Zeit“ leisten sich einen Martenstein, der „Spiegel“ seinen Fleischhauer, die „FAZ“, hinter der sich mitunter nicht nur kluge, sondern ausgesprochene Hohlköpfe verbergen, einen Jasper von Altenbockum, der nicht müde wird zu behaupten, daß „die Willkommenskultur in eine Falle getappt“ sei.

Jaja, so war das auch weiland in meiner oberbayerischen Jugend 1972, als die CSU im Wahlkampf nicht nur sogenannte „Rotbücher“ verteilte, in denen Willy Brandt vorgeworfen wurde, ein uneheliches Kind zu sein, der, statt einen ordentlichen Nazi oder doch mindestens Wehrmachtsoldat zu geben, in der Emigration gegen „Deutschland“ agiert habe. Und die Aufkleber, über deren Aussage ich als zugezogener Junge lange rätselte, sagten: „Oamoi neidappt langt.“ Ungefähr so wird es der Herr von Altenbockum auch mit der Willkommenskultur meinen: O.k. o.k., jetzt habt ihr einmal den guten Deutschen gespielt, jetzt ists aber auch genug, bitte nicht nochmal in diese Falle tappen! „Da so viele kommen (...), werden in der Masse auch – massenhaft? – Reisende willkommen geheißen, die bei nüchterner Betrachtung kein vernünftiger Mensch in Deutschland willkommen heißen will. Wie viele das sind, weiß niemand. (sorry, stimmt nicht, Herr von Altenbockum, der Herr Seehofer von der CSU weiß es! denn der scheint einen Algorithmus zu kennen, der eine Obergrenze berechnet... BS) Wie wird man sie aber wieder los, wenn sich herausstellt, daß sie alles wollen, nur nicht Integration?“

Gute Frage. Wie wird man den Jasper von Altenbockum, den Jan Fleischhauer, den Harald Martenstein und all die anderen rechtspopulistischen Salonreaktionäre wieder los? Ich hab da leider auch gerade keine Antwort drauf, tut mir leid.

„Daß Köln binnen weniger Tage zu einer von Asylanten gepeinigten Stadt und zum Synonym sexueller Gewalt gegen Frauen werden konnte, hat in erheblichem Maße mit der medialen Resonanz zu tun und führt dazu, daß Leute, die sich bisher sicher fühlten, es auf einmal mit der Angst zu tun bekommen. Die hehren Werte der Aufklärung, auf die wir so stolz sind, auch unsere Liberalität und Toleranz haben keine allzu feste Verankerung im Unterboden unserer Gesellschaft und sind hinüber, wenn irgendetwas Bedrohliches vor unserer Haustür passiert. Da gehen dann sehr schnell die Maßstäbe verloren. In Köln sind 200 Frauen sexuell belästigt worden. Sehr schlimm, gewiß. Aber unversehens erscheint uns das als eine weit größere humanitäre Katastrophe als das, was in den Herkunftsländern der Flüchtlinge passiert.“ (Richard David Precht in der „Berliner Zeitung“)

09.02.2016 - 14:13

Bereits am 30.12.2015 konnte man im Qualitätsfeuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ diesen bemerkenswerten Satz lesen (danke an Franz Dobler, der auf seinem sowieso immer lesenswerten Blog darauf hingewiesen hat):

Im Nachruf auf Lemmy Kilmister beklagt der SZ-Autor, daß die großen alten Rockmusiker alle abgetreten bzw. am Abtreten sind: „...David Bowie ist nur noch als Geist da. Bob Dylan krächzt je nach Form auf dem letzten oder vorletzten Loch. Lou Reed ist tot. J.J. Cale ist tot. Helmut Schmidt ist tot. Joe Cocker ist tot. Lemmy Kilmister jetzt auch tot...“

Was für eine Beleidigung für Lemmy, Lou und Bob, in einem Satz mit dem ehemaligen Wehrmachtsoffizier Helmut Schmidt genannt zu werden. Jaja, schon klar, wir Deutschen wollen eigentlich alle einen weisen König wieder haben, und da das nicht so einfach zu bewerkstelligen sein dürfte, ernennen wir Ersatzkönige mit einschlägigen Sekundärtugenden wie eben den ehemaligen Wehrmachtsoffizier Helmut Schmidt.

„Konkret“-Herausgeber Hermann L. Gremliza erinnerte bei einer Rede in Hamburg „an die 600.000 Bürger von Leningrad, die 1941 unter Mitwirkung eines Offiziers der 1. Panzer-Division ermordet wurden, der für seinen Einsatz mit dem Eisernen Kreuz dekoriert wurde. Sein Name: Helmut Schmidt. Davon auf zehntausend Zeitungsseiten und in tausend Sendestunden der letzten Wochen kein Wort“ („Konkret“, 1/2016).

Mal abgesehen davon – Helmut Schmidt ein Rock’n’Roller? Na sicher. Und von der Leyen ist Madonna, und Seehofer ein Punkrocker. Und die „Süddeutsche“ hat ein Feuilleton...

09.02.2016 - 14:11

Allerdings, darauf sollte man Gremliza noch hinweisen, hat die „Süddeutsche Zeitung“ wahrlich anderes, Wichtigeres zu tun als sich um solche Belanglosigkeiten zu kümmern. Erstens, siehe oben, sexistische und rassistische Grafiken auf ihrer Titelseite zu publizieren. Und zweitens, sich im Feuilleton um die Menschenrechte in Venezuela zu kümmern. Ihr Musikkritiker Reinhard Brembeck beobachtet es jedenfalls mit Unbehagen, daß sich der derzeit mit dem Simón Bolívar Symphony Orchestra durch Deutschland tourende Dirigent Gustavo Dudamel zu den politischen und gesellschaftlichen Mißständen in seiner Heimat Venezuela nicht nur nicht äußert, sondern sich ganz im Gegenteil der Chavez-Regierung sehr angedient hat: Beim Münchner Konzert erscheint „Dudamel im 'Sacre' als Vergöttlicher eines Tanzes, der mit einem rauschhaft zelebrierten Todesopfer endet - während zur selben Zeit in Venezuela wieder Morde und Entführungen stattfinden. Aber daran denkt in München niemand. Das Publikum tobt wie bei einem Popkonzert. Kunst hat sich noch nie ernsthaft um die Grausamkeiten in der Welt geschert." (zitiert laut „Perlentaucher“)

Ja, Kunst hat sich noch nie um die Grausamkeiten in der Welt geschert. Das tut nur das SZ-Feuilleton. Weswegen selbiges ja auch beispielsweise bei jedem Gastspiel eines US-Sinfonieorchesters immer darauf hinzuweisen pflegt, daß in den USA die Todesstrafe herrscht. Wir könnens schon nicht mehr hören,. gelt?

03.01.2016 - 13:36

Und da haben wir noch nicht mal von Bilderbuch, der Lieblingsband der etwa 30jährigen freien Feuilleton-Autorinnen („aber der blonde Sänger ist doch soo süß!“... und daran habe ich jetzt nichts erfunden, damit das mal klar ist), oder von Schnipo Schranke gesprochen, die mit Wanda zumindest den Anti-Feminismus gemein haben, was ihnen von Altherrenmagazinen wie dem „Stern“ das Siegel „haben einen Nerv getroffen“ einbringt – denn wer heutzutage gesellschaftliche Errungenschaften der letzten vierzig oder fünfzig Jahre in Frage stellt, gilt als „mutig“ und wird in neoliberalen Zeiten für seinen „Tabubruch“ gelobt. „Wir hatten niemals politische Gründe dafür, Musik zu machen und wir würden uns niemals als Feministinnen sehen“, sagen Schnipo Schranke, oder: „Wir wollen unterhalten. Wer die Welt verändern will, soll Vorträge halten“, Äußerungen, die so auch von Andrea Berg oder Helene Fischer kommen könnten und einen neuen Standard setzen für eine nicht nur unpolitische, sondern geradezu apolitische Haltung des aktuellen Deutschpops, dem man mit Frank A. Schneider zurufen möchte: „Deutschpop halt’s Maul!“ Die einen wollen endlich mal wieder so richtig und ohne Augenzwinkern Macho sein können, die anderen wollen „niemals“ als Feministinnen oder Weltveränderinnen gesehen werden. Banaler Weltzustimmungspop in finsteren Zeiten.

„Die Stammesältesten von Intro, Musikexpress und Spex sind sich einig“, berichtet Focus, und so können die Hinterherhinker von Focus und Spiegel und der ARD dann nachziehen und sich ebenfalls auf das einigen, auf was sich eben alle einigen. Es besteht ein Überfluß an Musik, die trotz ihrer extremen Mäßigkeit ein großes Presseecho findet. Und zwar deswegen, weil Musikmarketing und Musikkritik dabei sind, ineinander überzugehen (wie der US-Filmkritiker Jonathan Rosenbaum schreibt, nur eben über Filmkritik und Filmmarketing...). Die Eskapaden und vermeintlichen Tabubrüche der Künstler (Schnipo Schranke machen die Charlotte Roche on pop und singen davon, daß der „Genitalbereich nach Pisse schmeckt“, oder reimen „komm in meine Arme, komm in meinem Mund / nimm mich an der Hand, nimm mich an der Wand“) und der wirtschaftliche Erfolg beherrschen die Berichterstattung. Haben Sie in irgendeiner Musikzeitschrift oder einem Feuilleton eine detaillierte und fundierte Kritik des neuen Adele-Albums gelesen? Natürlich eher nicht. Während sie allüberall darüber unterrichtet wurden, daß Adele alle Charts- und Verkaufserfolge getoppt hat. Die nicht vorhandene kulturelle Relevanz wird durch eine wirtschaftliche Relevanz, durch wirtschaftlichen Erfolg, durch Profit ersetzt. Aber  glauben Sie, daß irgendein Song von Adele bleiben wird, daß man ihn in Jahrzehnten noch singen oder die Melodie summen wird? Es ist alles so bedeutungslos, und das ist vielleicht die einzige Bedeutung, die all die Adeles, Bilderbücher, Schnipo Schrankes und Wandas unserer Tage haben..

Cristina Nord hat im „Revolver“-Blog unlängst über Filmkritik und Filmwirtschaft nachgedacht, und man kann ihre klugen Bemerkungen unter dem Titel „Der Tiger auf dem Baum“ fast eins zu eins auf Musikwirtschaft und Musikkritik übertragen:
„...Filmkritik hat umso weniger Freunde, je weiter sie vom Pfad des Blockbuster-Kinos abweicht. Das hat zu tun mit etwas, was man recht allgemein Strukturwandel der Öffentlichkeit nennen kann – konkreter bedeutet es zum Beispiel, dass sich die Feuilletons heute mehr als vor 20 Jahren an Ereignissen und Events ausrichten, an dem, was ohnehin durch großflächige Marketingmaßnahmen präsent ist. "Star Wars", "Der Untergang" und "München" bündeln die Aufmerksamkeit (...) Zu dieser Kurzatmigkeit kommt ein Verschulden der Kritiker, haben doch viele von ihnen gar keine Lust, sich auf unerschlossenes, unwegsames Terrain zu begeben.“

Und Cristina Nord zitiert Roland Barthes, der in „Stumme und blinde Kritik“ schrieb:
„In Wahrheit ist jeder Vorbehalt gegenüber der Bildung Ausdruck einer terroristischen Position. Den Beruf eines Kritikers ausüben und verkünden, dass man nichts vom Existentialismus oder Marxismus verstehe (denn durch eine ausdrückliche Feststellung sind es insbesondere diese beiden Philosophien, von denen man sagt, dass man sie nicht begreife), heißt seine eigene Blindheit oder seine eigene Stummheit als universale Regel der Wahrnehmung aufstellen, heißt den Marxismus und den Existentialismus aus der Welt verbannen: ‚Ich verstehe es nicht, also seid ihr dumm.'"

(Und sorry, lieber „Musikexpress“, aber man nicht gleichzeitig den klugen, tiefen und politischen HipHop eines Kendrick Lamar auf Platz 1 der „Alben des Jahres 2015“ setzen, und dann auf den Plätzen 2 und 3 den reaktionären Schmarrn von Wanda und Bilderbuch. Man muß sich schon entscheiden, wo man stehen will, meine Herren!)

03.01.2016 - 13:33

Ein noch besseres Beispiel der Verschränkung des eingebetteten Kulturjournalismus mit der freidrehenden Kulturindustrie ist das Gewese um den neuen „Star Wars“-Film. Es gab diesmal keine Vorabvorführung für Journalisten, bis zum weltweiten Veröffentlichungstag hat praktisch niemand den Film gesehen. Was die deutschen Feuilletons nicht daran hinderte, seitenlang steil zu gehen. Wenn sie nicht über den Film schreiben konnten, den sie eben noch nicht sehen durften, ergingen sie sich eben auf vielen Seiten in Aufsätzen über Geschichte und Mythologie von Star Wars. Musterbeispiel ist das Zentralorgan der deutschen Studienrät*innen: Fand „Die Zeit“ 1978 den ersten Star Wars-Film noch „ziemlich öde und langweilig“ und geißelte ihn als „eiskaltes Spekulationsobjekt“, so brachte das „Zeit“-Feuilleton diesmal schon eine Woche vor der Filmpremiere einen anderthalbseitigen Aufmacher und bewies, daß das Hamburger Blättchen sich eben auch nur als Teil der Marketingkampagnen der Kulturindustrie definiert, auf deren „eiskalte Spekulationsobjekte“ man eben gerne in vorauseilendem Gehorsam ausführlichst eingeht.
Bloße Hampelmänner der Kulturindustrie die deutschen Feuilletons sind.

03.01.2016 - 13:32

Gitarrenklänge zur Ehre Gottes?
Ein neuer Studiengang soll Rock, Pop und Jazz in die evangelischen Kirchengemeinden bringen: Die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) plant einen Studiengang für „Kirchliche Populärmusik“. Laut Bericht in der „Neuen Westfälischen“ sollen „die christlichen Inhalte mit Rock, Pop, Jazz und Gospel auf einem hohen musikalischen Niveau vermittelt werden“. Diese Evangelische Pop-Akademie ist ein europaweit einmaliges Projekt.
„Zwar gehört in vielen Gemeinden Popmusik schon dazu, doch eine Ausbildung, die eine gute musikalische Qualität sichert, gab es bislang nicht. Präses Annette Kurschus: ‚Gitarren und Keyboards wurden lange belächelt. Ich bin überzeugt, wenn die populäre Kirchenmusik mit Niveau gemacht wird, werden wir merken, dass sie eine wichtige ernstzunehmende Stimme für uns ist.’ Popmusik ziehe sich quer durch die Gesellschaft und betreffe damit auch die Generationen, die momentan auf den Kirchenbänken sitzen, sagt der stellvertretende Rektor der Hochschule, Hartmut Naumann: ‚Die populäre Musik hat das Potenzial, diese Menschen zu berühren’.“

Die Kirchen, die an Mitgliederschwund fast so sehr leiden wie die deutsche Sozialdemokratie an Wählerschwund, schrecken vor nichts zurück. Sakro-Pop wird also künftig an evangelischen Pop-Akademien gelehrt. Ob sie Deutschlands obersten Sakro-Popper Xavier Naidoo als Gastdozent gewinnen werden? Vom Himmel hoch, da kommen sie her, aktuell etwa Helene Fischer im Duett mit Xavier Naidoo auf Deutschlands meistverkauftem Album des Jahres.
Als ob die normalen Pop-Akademien nicht schon genug Schaden anrichten würden, nein, künftig kommen all die Diplom-Popper auch noch mit Gottes Segen daher. John Lennon wird an der Evangelischen Pop-Akademie jedenfalls verboten bleiben. Sie wissen schon: „Imagine that there was no more religion“...

03.01.2016 - 13:30

Ebenfalls als Gastdozentin für die Evangelische Pop-Akademie infrage kommt Sarah Connor. Die erzählte dieser Tage einem Klatschreporter, daß sie regelmäßig beim Autofahren Engel rufe – etwa, wenn sie einen Parkplatz sucht. Wird dann ein Parkplatz frei, „hat sicher einer von oben geholfen“, sagte Sarah Connor der Zeitschrift „InTouch“.
Könnte natürlich auch sein, daß einfach ein anderer Autofahrer ausgeparkt hat...

03.01.2016 - 13:29

Trotz schwindender Verankerung in der Gesellschaft beeinflussen die Kirchen nicht nur mit ihrem Sakro-Pop viele Bereiche unseres Lebensalltags maßgeblich, wie jüngst eine Studie „Kirchenrepublik Deutschland“ bewiesen hat. Ingrid Matthäus Meier (ehemalige FDP- und SPD-Spitzenpolitikerin und Beiratsmitglied der Giordano-Bruno-Stiftung, die diese Studie mit in Auftrag gegeben hat) dazu im Interview mit der „Jungen Welt“:
„Die Machtstellung der Kirchen ist vor allem auf umfangreiche Lobbyarbeit zurückzuführen. (...) Keine Organisation und kein Wirtschaftsunternehmen setzt mehr Personal dafür ein, auf die Politik einzuwirken, als die beiden großen Kirchen, obgleich sie ins sogenannte Lobbyistenregister nicht eingetragen sind. Sie bestreiten das und behaupten, eine öffentliche Körperschaft zu sein, keine kommerziellen Interessen zu vertreten. Was lächerlich ist. Die Kirchensteuer und ihr riesiges Grundvermögen – nach dem Staat sind sie der zweitgrößte Grundbesitzer in Deutschland – zeigen: Katholiken und Protestanten mischen sich ein. Meist, bevor eine Entscheidung in die politische Diskussion kommt: nahezu geräuschlos, aber ständig und vehement in Vorgesprächen, Arbeitskreisen zu Staat und Kirche, Gebetsfrühstücken. Sie laden Professoren ein, sind Beichtvater vieler Abgeordneter, hören Dinge, die andere nicht wissen können. Sie werden von der Ministerialbürokratie informiert, können schnell reagieren. (...) In unserer Verfassung steht, es gibt keine Staatskirche. Tatsächlich haben wir bereits zwei. Die beiden großen Kirchen bemühen sich, den Islam hinzuzugewinnen. Sie meinen offenbar, Privilegien besser verteidigen zu können, wenn sie zu dritt sind.“

03.01.2016 - 13:28

Wofür zahlen wir Fernseh-Zwangsgeld? Für Talkshows wie diese: „Das Quartett der Querdenker“ stabreimt „Menschen bei Maischberger“, und diejenigen, die den doofen Begriff des „Querdenkers“ erfunden haben und/oder ihn so gerne nutzen, wußten und wissen, was sie tun und wie es gemeint ist – das Quartett der öffentlich-rechtlichen Querdenker nämlich besteht aus: Thomas Gottschalk! Alice Schwarzer! Daniel Cohn-Bendit! Heiner Geißler!
Zombie-Fernsehen zur Geisterstunde.

03.01.2016 - 13:27

Glaubt eigentlich jemand daran, daß diesen Monat in Paris bei der Klimakonferenz die Erde gerettet wurde? Na, versch...ern können wir uns doch selber, oder? Mal abgesehen davon, daß das Pariser Abkommen nicht auf gemeinsam ausverhandelten Verpflichtungen, sondern auf bloßen Absichtserklärungen der Länder baut. Selbst wenn die Länder diese Verpflichtungen umsetzen würden (woran ernsthaft gezweifelt werden darf, unmittelbar nach der Konferenz haben in den USA, dem weltgrößten Klimasünder, die Republikaner, die in beiden Kammern über eine satte Mehrheit verfügen, bereits verkündet, sie würden die Pariser Vereinbarungen keinesfalls umzusetzen gedenken), reichen die beschlossenen Maßnahmen laut Einschätzung aller relevanten Umweltschützer keinesfalls, um den Klimawandel in Schach zu halten.
Das beschlossene dünne Papierchen sieht keinerlei Sanktionen vor, wenn sich Länder nicht an die beschlossenen Maßnahmen halten.
Warum uns also die Ergebnisse der Klimakonferenz als gigantisches Heldenepos verkauft wurden, bleibt rätselhaft (bzw. allzu durchsichtig). Und so setzen sich die grünwählenden Mütter am Morgen nach der Klimakonferenz in ihre benzinverschwendenden SUVs (denn Öl ist billig wie lange nicht...) und fahren ihre Kinder zur wenige hundert Meter entfernten Schule, und die engagierten Naturschützer*innen buchen den nächsten Wochenendflug per Easyjetset. Wir können beruhigt sein. Wir haben ein gutes Gewissen. Die Erde ist gerettet.

03.01.2016 - 13:26

Nur in China gibt’s Smog. Das konnten wir zuletzt täglich in den Medien erfahren. Und wer mal ein paar Tage im Beijinger Smog war, weiß, daß das kein Vergnügen ist.

Andrerseits, im österreichischen „Standard“ vom 10.12.d.J. konnte ich etwas lesen, was ich in keiner deutschen Zeitung bisher gelesen habe, nämlich: In Indien ist der Smog „noch schlimmer als der Pekinger Smog“, und während Peking und weitere Städte in China wegen des Smogs Alarmstufe Rot ausgerufen haben, gibt es „in Indiens Hauptsatdt Delhi nicht einmal ein Warnsystem – und das, obwohl Delhis Luft inzwischen noch schlechter ist.“ Während der Luftqualitätsindex in Beijing den Wert 258 anzeigte, worüber hierzulande alle Medien ausführlichst berichteten, lag er in Delhi um die gleiche Zeit bereits bei 286. „Besonders bei den krebserregenden Kleinstpartikeln von weniger als 2,5 Mikrometer Durchmesser leigt Delhi weltweit vorn. An vielen Tagen sind die Werte so hoch, daß eigentlich die halbe Stadt sofort evakuiert werden müßte. (...) Immer mehr Ärzte raten Familien sowie Lungen- und Herzkranken, aus der Hauptstadt wegzuziehen.“

Von den zehn am meisten umweltverschmutzten Städten der Erde liegen übrigens sieben in Indien (und drei in Pakistan; keine in China). Warum aber erfahren wir nichts über den Smog in Indien, wohl aber ständig über den Smog in China? It’s propaganda, stupid! Sie wissen schon: in China wohnen lauter böse Kommunisten, Zensoren und Parteibonzen. Während Indien voller Ayurveda, Yogis und Ashrams ist, also all dem Kram, der „uns“ so viel besser gefällt als jeder Kommunismus. Da können auf Indiens Straßen noch so viele verhungerte Menschen herumliegen...

03.01.2016 - 13:24

Die Schadstoffbelastung der vielbesungenen Berliner Luft ist allerdings auch nicht ohne. Greenpeace hat im Herbst die Belastung der Berliner Luft mit giftigen Stickstoffdioxiden (NO2) ermittelt; EU-weit darf ein Kubikmeter Luft im Jahresdurchschnitt maximal 40 Mikrogramm NO2 enthalten. Von den 41 Stellen in Berlin, die Greenpeace untersucht hat, überschritten laut „Tagesspiegel“ 33 diesen Grenzwert, fünf von ihnen um mehr als das Doppelte. „Berlin verletzt wie andere Großstädte, allen voran Stuttgart und München, seit Jahren an verkehrsreichen Messstationen die Vorgabe der EU“.
Doch die gefährlichen Abgase atmet man eben nicht nur auf vielbefahrenen Straßen ein – „der Dieseldreck macht auch vor heimischen Schlafzimmern und Kitas nicht halt“. Die Luft in einer Kita, die an einer verkehrsberuhigten Straße in Berlin-Mitte gelegen ist, lag bei 48 Mikrogramm NO2, also 20% über dem Grenzwert. Greenpeace hat auch auf „Kleinkindnasenhöhe“ gemessen, etwa an Spielplätzen, wo bis zu 69 Mikrogramm NO2 gemessen wurde. Ähnlich sah es in Klassenräumen von Schulen aus.
Wie entsteht das für den Menschen so schädliche NO2, das zu einem deutlich höheren Risiko für Lungenkrebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu erhöhter Sterblichkeit führt? Ganz einfach: Dieselfahrzeuge sind der Hauptverursacher dieser Luftverschmutzung. Mittlerweile steht fest, daß nicht nur der Volkswagen-Konzern systematisch die Werte der NO2-Ausstöße seiner Dieselmotoren manipuliert hat, sondern daß es auch bei den Dieselmotoren anderer Hersteller entsprechende „Unregelmäßigkeiten“ gab.
Eigentlich kann die Gesundheitsgefährdung der Bürger*innen, vor allem aber der Kinder durch die NO2-Emissionen durch die Abschaffung der skandalösen Steuererleichterungen für Dieselfahrzeuge und durch drastische Maßnahmen bis hin zu Verboten für Dieselfahrzeuge erreicht werden. Doch der Pressesprecher der Berliner Umweltbehörde winkt ab: „Das ist rechtlich nicht möglich, und auch unverhältnismäßig, weil der Wirtschaftsverkehr in Berlin, zum Beispiel Lieferwagen, fast ausschließlich mit Diesel unterwegs ist.“ Und da die Deutschen ihr Auto lieben, und weil Diesel so billig ist, und weil die Autolobby die Politik massiv unter Druck setzt, und weil „die Wirtschaft“ natürlich wichtiger ist als irgendwelche Menschenleben, werden also weiter die EU-Schadstoffwerte drastisch überschritten, wird die Gesundheit der Kinder gefährdet – denn was ist wichtiger? Kinder mit Asthma und an Lungenkrebs sterbende Großstädter, oder das Wohl der deutschen Automobilindustrie?

03.01.2016 - 13:23

Und die SPD? Und ihr Chef, Siggi Pop? Der markiert weiter den emsigen Isnogood, der Kalif werden will anstelle der Kalifin. Zwar will den kleinen, emsigen Insogood partout niemand wählen, nicht einmal viele in seiner eigenen Partei. Das stachelt den Isnogood aber nur noch mehr an: TTIP? Machen wir! Vorratsdatenspeicherung? Machen wir! Syrien bombardieren? Machen wir mit! Abkanzeln bevorzugt von weiblichen Journalisten? Machen wir immer wieder gern! Obergrenze für Flüchtlinge? Auf jeden Fall!
Denn Wahlen, hat Isnogood seiner Partei verkündet, Wahlen werden nicht mit Politik, sondern „in der Mitte“ gewonnen. Nur hat der kleine, emsige Isnogood, der Kalif werden will anstelle der Kalifin, leider übersehen, daß dort in der Mitte schon alle anderen rumlungern: Die Kalifin, die grünen Möchtegern-Kalifen, die FDP zum Beispiel. Aber so weit kann der kleine, emsige Isnogood eben nicht sehen.

03.01.2016 - 13:22

Karl Marx dagegen ist für den kleinen Isnogood ein ganz ganz böses Schreckgespenst, wollen wir wetten? Nicht so allerdings für Tobias Künzel von den „Prinzen“. Der hat mit anderen Autoren ein Musical namens „Comeback! Das Karl-Marx-Musical“ geschrieben, das im Februar 2016 auch im Keller des Europacenters in Berlin gastiert, bei den Stachelschweinen – was für ein glamouröser Ort – aber zu mehr hat es für dem Prinzen sein Musical offenbar nicht gereicht. Doch wie hat sich Tobias Künzel die Inspirationen für sein Marx-Musical geholt? Nicht etwa, wie Sie jetzt vielleicht denken würden, durch Marx-Lektüre, durch Teilnahme an einem Marx-Lesekreis etwa, oder durch intensive Recherchen. Nein, der Gesellschaftsreporter der „Berliner Zeitung“ hat es Künzel entlockt: Künzel ging mit seinen beiden Mitautoren in London „in der Hoffnung auf Inspiration zum Grab von Marx und in dessen Stammkneipe“.
Wer nicht lesen kann, aber dennoch unbedingt ein Marx-Musical auf die Bühne bringen will, hockt am Grab und in der Pinte rum und läßt sich volllaufen. Muß auch reichen, die Inspiration wird dann schon kommen. Ist ja nur ein Musical, ist ja nur Murx.
Marx’ Gespenster freilich dürften den Tobias Künzel eher nicht heimsuchen...

03.01.2016 - 13:20

Ist es nicht empörend, daß der Wu-Tang-Clan sein jüngstes Album für eine Million dem umstrittenen Pharmaunternehmer und ehemaligen Hedgefonds-Manager Martin Shrkeli verkauft hat? In Zeiten, da das Musik-Streaming eine gewisse Gleichheit, eine Art demokratischer Teilhabe an der Musik ermöglicht, verkauft eine der tollsten aktuellen Bands seine Musik an einen Pharma-Tycoon, der dafür gesorgt hat, daß sich der Preis eines AIDS-Medikament, seitdem er die Rechte an diesem Medikament erworben hat, um das fünfzigfache von 13,50 auf 750 Dollar erhöht hat. Und mit diesem Profit hat er unter anderem die Auktion um das Werk des Wu-Tang-Clan gewonnen, das er sich jedoch noch nicht mal angehört hat. Dazu wird er jetzt auch nicht mehr kommen, denn manchmal gibt es Gerechtigkeit in der Welt: Jetzt wurde Martin Shrkeli festgenommen und muß sich wegen Wertpapierbetrugs aus seiner Zeit als Hedgefondsmanager verantworten.

03.01.2016 - 13:19

Interessant ist, wie die Kulturindustrie gegen die kleinen Reförmchen, die die Urheberrechtsnovelle von Justizminister Maas beinhaltet, ins Feld zieht. Insbesondere die Möglichkeit, daß Urheber künftig fünf Jahre nach Vertragsabschluß die Gelegenheit haben sollen, ihre Werke an andere Unternehmen der Verwertungsindustrie zu verkaufen, erbost die Verwerter. Großverleger behaupten, dies sei eine „Ausgeburt neoliberaler Logik“ und entlarven sich damit selbst. Ich will jetzt nicht die Urheberrechts-Reform verteidigen, weil sie nicht weit genug geht und weit von meinem Vorschlag einer Urheberrechts-Reform entfernt ist (siehe u.a. hier) – ich habe gefordert, daß das Urheberrecht nach einem festzulegenden Zeitraum von z.B. fünf oder acht Jahren automatisch an die Urheber zurückfallen sollte (und dann neu verhandelt werden kann). Dies ist gängige Praxis bei vielen Indie-Plattenfirmen und hat nicht etwa dazu geführt, daß alle Bands weggelaufen sind, sondern daß diejenigen, die sich gut behandelt und fair bezahlt fühlten, gerne einen Folgevertrag mit ihrem Label unterschrieben haben.

Das scheint mir das eigentlich Pikante an dem Aufstand der Verwerter und der ihnen hörigen Bestsellerautoren zu sein: Ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Urheber und Verwerter scheint ihnen eine wesensfremde Vorstellung zu sein. Dabei ist es doch das entstandene Vertrauen, das in der Beziehung zwischen Autoren und Musikern auf der einen und Verlagen und Plattenfirmen auf der anderen Seite eine langfristige Partnerschaft ermöglicht – aber eben: eine Partnerschaft, bei der sich die Urheber auf Augenhöhe mit den Verwertern bewegen und nicht als deren Spielball, der auf unbestimmte Zeit zu einmal festgelegten Bedingungen ausgebeutet werden kann. Die Basis der Partnerschaft sollten gesetzliche Regelungen sein, die die Rolle der Urheber stärken. Schon der Dominikanermönch Henri Lacordaire wußte Mitte des 19. Jahrhunderts in Nachfolge des Aufklärers Rousseau, daß es „zwischen dem Starken und dem Schwachen das Gesetz“ ist, „das befreit“.

Und wenn die Verleger und ihre Lohnschreiber in den Printmedien derzeit behaupten, daß diese Regelung im neuen Urheberrecht zum „Sterben vieler kleiner Verlage führen“ werde (was für ein ausgemachter Blödsinn!) und sogar „unsere (sic!) Demokratie gefährdet“, dann darf man sie mit den Schriftstellern Juli Zeh und Ilija Trojanow darauf hinweisen, daß es absurd ist, den „klassischen Interessengegensatz ‚Autor-Verlag’ auf die Beziehung ‚Autor-Leser’ zu verlagern. In der Logik des Arbeitskampfes wäre das so, als wollte ein Fließbandarbeiter bei Opel sein Recht auf Bezahlung gegen die Autokäufer verteidigen“.
Es ist ja durchaus so, daß Verlage und Autoren sowohl unterschiedliche als auch gemeinsame Interessen haben. Und wenn die „Süddeutsche Zeitung“ behauptet, daß die geplante Neuregelung eine „strukturelle Schwächung der Verlagsseite“ bedeute, die dazu führe, daß man „auf dem künftigen Markt allein mit den Global Playern“ sei, die „als Distributor oder Suchmaschine begonnen haben, aber mehr und mehr ins klassische Verwertergeschäft – auch in der Buchbranche – einsteigen“, dann wird man fragen dürfen, ob die Global Player des Buchmarkts nicht zuallererst Bertelsmann und Holtzbrinck sind.
Den Vogel abgeschossen hat Jan Wiele in der FAZ (das ist jene Zeitung, die freien Autoren ausschließlich sogenannte „Buy Out“-Verträge anbietet, was konkret bedeutet, daß diese Autoren einmal ein relativ mittelmäßiges Honorar erhalten und der Text dann für alle Zeiten der FAZ gehört, die ihn allüberall verwerten und ausbeuten darf – würde der Autor zum Beispiel seinen eigenen Text in einem Buch abdrucken wollen, müßte er für seinen Text ein Honorar an die „FAZ“ bezahlen – kein Wunder, daß es keinen einzigen freien Autoren gibt, der sich bisher gegen die neue Gestzesregelung ausgesprochen hat, die endlich verbindliche Vergütungsregelungen beinhaltet...). Jan Wiele erklärt die Verlage in der „FAZ“ gleich zu Co-Autoren, zu „ im Grunde Miturhebern“. Weil sie die Texte der Autoren drucken? Weil sie Lektoren vermitteln, die mittlerweile häufig von den Autoren (mit-)finanziert werden müssen? Viel Spaß wünsche ich der „FAZ“, wenn sie einem Bob Dylan erklären wird, daß seine Plattenfirma Sony eigentlich ein „Miturheber“ seiner Songs ist... Aber nichts ist absurd genug, um nicht gegen im Grunde vernünftige Gesetzesentwürfe in Anschlag gebracht zu werden.
„Nie wieder Streit / Kein Copyright / Nie wieder Krieg / Und nie mehr Musik!“ (The Schwarzenbach)

03.01.2016 - 13:17

Eine interessante und pikante Umsetzung des Copyrights konnte man in der – übrigens sehr empfehlenswerten – Wiener Ausstellung „to expose, to show, to demonstrate (Künstlerische Positionen um 1990)“ sehen. Während man alle Exponate in den drei Stockwerken im Mumok fotografieren durfte, war das bei der Arbeit „Import/Export Funk Office“ der afroamerikanischen Künstlerin Renée Green von 1992 explizit verboten. Was wird dort gezeigt? Renée Green bediente sich bei ihrer Installation der privaten Sammlung des damaligen Spex-Herausgebers Diedrich Diederichsen, der mit seinem Interesse an „ihrer“ schwarzen Musik- und Popkultur sowohl Mitstreiter als auch Counterpart war, was seine Identität als weißer Europäer betraf. Auf Metallregalen stellt Green Bücher der „black culture“ aus dem Privatbesitz von Diederichsen aus, oder eine Auswahl der HipHop-Tapes aus seinem Besitz.
Warum man dies nicht fotografieren darf, warum extra eine separate Wächterin dafür sorgt, daß die Bücher und Tapes aus Diedrich Diederichsens Privatbesitz nicht fotografiert werden können, würde man doch gerne erklärt bekommen – die Auskunft des freundlichen Personals lautete einfach: „Copyright“...

21.12.2015 - 13:53

Das war mal echt investigativer Journalismus, als die Blödzeitung am 19.12.2015 auf der Titelseite großbuchstabig das Ergebnis ihrer Recherchen bekanntgab: „Hitler hatte nur einen Hoden!“ Wenn jetzt mal nicht die Geschichte des Dritten Reichs umgeschrieben werden muß.
Wobei, wenn die Welt und meinethalben auch die Blödzeitung 1993 bereits das Gedicht „Die Wahrheit über den Führer“ von Wiglaf Droste aufmerksam studiert hätten, hätten sie (also die Welt und die Blödzeitung) nicht 22 Jahre uninformiert bleiben müssen. Denn Wiglaf Droste reimte seinerzeit in zwei Zeilen lapidar, wozu die Blödzeitung nun weite Teile ihrer Titelseite mißbrauchte, nämlich:

„Der Führer hatte nur ein Ei
Daran brach das Reich entzwei.“

Es lohnt sich eben immer und grundsätzlich, jedes Buch von Wiglaf Droste zu lesen, ach was sage ich: aufmerksam zu studieren (a propos, wenn Sie noch kein Weihnachtsgeschenk haben sollten...).

In dem aufklärerischen und schön gereimten Führer-Gedicht Drostes heißt es übrigens auch:

„Hitler kriegte keinen hoch
Nur der rechte Arm ging noch.“

Und ich finde, das wäre doch eine schöne Gelegenheit für die anderen Heroen des investigativen Journalismus, den „Spiegel“, für eine weitere große Titelgeschichte über ihre Lieblingsfigur, über Hitler also, in diesem Fall: Über Hitlers Sexualleben. Nur mal so als Tipp. Nicht zu danken, gern geschehen. Wobei die Spiegel-Leute mir grade flüsterten, sie würden für diese Story noch 11 Jahre brauchen, bis die Recherchen usw. usf. Womit bewiesen wäre, daß der Spiegel doppelt so schnell arbeitet als seine Kollegen von der Blödzeitung. Was ja auch eine Erkenntnis zum Jahresausklang ist, oder?

19.12.2015 - 13:15

So geht jetzt ein recht merkwürdiges Jahr seinem Ende entgegen, und wie so oft wünscht man sich: Kann eigentlich nur noch besser werden (der Verstand meldet sich dann sofort zu Wort: geht natürlich alles noch immer schlimmer!). „World gone wrong“, wie oft hat man diese Zeile in den letzten Jahrzehnten verwendet.
Diejenigen, die Angst davor haben, daß die Heimatvertriebenen in eine der knapp fünf Millionen hierzulande leerstehenden Wohnungen einziehen und sich auch sonst wie die Made im Speck an unseren Errungenschaften laben könnten, seien darauf hingewiesen, daß wohl kaum jemand freiwillig und ohne Grund endlose Entbehrungen auf sich nimmt und in wackelige Boote steigt, um übers Mittelmeer zu fahren, um in einem Land zu landen, in dem dieses Jahr soviele Flüchtlingsunterkünfte wie noch nie angegriffen oder angezündet wurden, über 1.000.
„Wer würde schon ohne Gefahr Asien, Afrika oder Italien aufgeben, um nach Germanien zu ziehen, in jenes abstoßende Land mit seinem rauen Klima, seiner unfreundlichen Kultur und Erscheinung!“

Schrieb Tacitus in seinem Text „Germania“, im Jahr 98 nach Christus...

Ich wünsche uns allen mehr Solidarität und Empathie. Und Ihnen wünsche ich, daß Sie Gelegenheit haben, „zwischen den Jahren“ und in 2016 ein bißchen mehr wie die Ameisen zu leben. Die sind nämlich entgegen landläufiger Einschätzung durchaus auch faule Tierchen und liegen gerne mal gemütlich einfach in der Hängematte. Neueste Forschungsergebnisse der Universität Arizona zeigen, „daß 72 Prozent der sogenannten Arbeiter bei den Ameisen die Hälfte der Zeit gar nichts tun, also sozusagen halbtags arbeiten“ (Ivo Bozic). 25 Prozent tun sogar überhaupt nichts. Nie. Ob diese Ameisen unfreiwillig arbeitslos sind (etwa wegen des Ameisensterbens, das es leider hierzulande gibt) oder einfach nur Müßiggänger, haben die Forscher bisher nicht herausgefunden.
Tun wirs also wie die Ameisen! Weniger arbeiten, mehr leben!

30.11.2015 - 13:48

„Esc“ ist ja an sich eine sehr hübsche Abkürzung, die nicht nur für die „Escape“-Taste des Computers steht, die laut Wikipedia „meist zum Abbrechen von Aktionen“ genutzt wird, sondern auch zum Beispiel für die „European Scooter Challenge“, also die internationale Meisterschaft im, ja, Schaltrollerrennen, oder für die Europäische Shōgi-Meisterschaft und, schon etwas sinnfälliger, für die European Shooting Confederation, also die Europäische Schützenunion, und den European Steady Cycle, den Abgasprüfzyklus für schwere Nutzfahrzeuge, oder den European Stationary Cycle, den Prüfzyklus zur Emission-Zertifizierung schwerer Dieselmotoren. Ach ja, und natürlich steht ESC auch für dieses komische, jährlich stattfindende Dingens, in dem größtenteils mindestens belanglose, meist jedoch nachgerade schlechte Musik der nationalen Euphorisierung dient und sogar sonst eher unbefangenen Menschen aus nationalen Gründen ziemlich feuchte Höschen und Unterhosen macht, besonders, wenn es um die „nationale Aufgabe“ (Goebbels 1935, Stefan Raab 2010) geht, das Ding zu gewinnen. So weit, so schlecht, und ehrlich gesagt ist mir das alles jenseits der Analyse, daß Nation eben vor allem „eine Inszenierung der Unterhaltungsindustrie“ (Seeßlen) und eine des Staatsfernsehens ist, reichlich wurscht. Und ganz ehrlich, ich hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn Xavier Naidoo zum ESC gefahren wäre, ganz im Gegenteil, ich hätte es für einigermaßen konsequent gehalten, wenn Pegida-Deutschland mit seinen über 500 Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte in diesem Jahr von einem Sakro-Pop-Soul-Sänger vertreten würde, dessen „politische Äußerungen teilweise als homophob, antisemitisch und weltverschwörerisch aufgefasst werden. So nannte er Deutschland ein besetztes, unfreies Land und will aus der Bibel herausgelesen haben, dass Amerika untergehe. Er selbst bezeichnete sich in einem Interview als Rassist ohne Ansehen der Hautfarbe. Auch schreckte er nicht davor zurück, vor den Reichsbürgern und der NPD zu sprechen, da er sich ebenfalls als Systemkritiker betrachtet“ („Musikmarkt“). Das Gesicht des häßlichen Deutschen, mit dem „wir“ in Europa auftreten, muß ja nicht immer nur das von Schäuble oder Seehofer sein.

Insofern habe nicht so recht verstanden, warum sich so viele Menschen darüber entrüstet haben, daß „wir“ oder „unser Land“ beim ESC von Xavier Naidoo vertreten werden sollte. Als ob es dieser Tage keine wirklich wichtigen gesellschaftlichen Fragen zu verhandeln gäbe.
Interessant ist allerdings, und da kommen wir zu zwei Themen, denen ich meine letzten Bücher gewidmet habe, zum Einen die Frage, inwieweit der Shitstorm im „Plapperorgan Internet“ (so der Oberplapperer Jan Feddersen im Plapperorgan „taz“), der zur Absage des NDR an Naidoo geführt hat, finanzielle Folgen hat. Denn man lese die Stellungnahme Naidoos auf Facebook, nachdem er vom NDR rausgeworfen wurde, mal sehr aufmerksam:
„Wenn sich nun kurz nach unserer vertraglichen Einigung mit dem NDR und dem Abschluss aller Vorbereitungen die Planungen der ARD durch einseitige Entscheidung geändert haben, dann ist das ok für mich",
schreibt Naidoo, und so reden nur Leute daher, die ihre Rechtsanwälte bereits in Stellung gebracht haben – „kurz nach unserer vertraglichen Einigung“, und „nach dem Abschluß aller Vorbereitungen“ und „einseitige Entscheidung“ der ARD – Profis, die sich mit Vertragswerken und Ausfallhonoraren auskennen, wissen: Naidoo wird auf die vereinbarte Gage keineswegs verzichten, bloß weil ihm die ARD durch „einseitige Entscheidung“ gekündigt hat. Das riecht nach Ausfallgage wie ein Limburger Stinkkäse. Insofern wüßte ich gern, wieviel Gebührengeld bzw. Haushaltszwangsabgabe die ARD an Xavier Naidoo bezahlt, damit er nicht zum ESC fährt. Wollen wir wetten, daß der Betrag sechsstellig ist?

Und zum Anderen, jetzt geht’s ums „Geschäft mit der Musik“, finde ich es interessant, wie seinem Tourneeveranstalter Marek Lieberberg, der so manche Million mit Naidoo verdient haben dürfte, der Popo auf Grundeis zu gehen scheint angesichts des Imageverlustes seines Schnulzenpop-Schützlings. Die Reinwaschungsstrategie, um Naidoos deutlich beschädigten Ruf zu retten, ist pures Marketing – „Menschen für Naidoo“ steht fett über einer ganzseitigen Anzeige in der FAZ, die Konzertveranstalter Marek Lieberberg laut „Stern“ organisiert hat und die knapp 70.000 Euro teuer war. Es wird so getan, als ob Naidoo ein großes Unrecht geschehen sei, und als ob dieses Unrecht so ziemlich das Schlimmste sei, das man 2015 erleben mußte – kein Kleinkind, das ertrunken an der griechischen Küste im Sand lag, keine enthauptete IS-Geisel, keine erschossenen Konzertgänger im Pariser Bataclan und auch keine Charlie Hebdo-Satiriker haben in diesem Jahr die deutsche Pop- und Comedy-„Elite“ und die Musikbranche (und all die Künstler und Kollegen, die Lieberberg als dem deutschen Konzert-Mogul auf die eine oder andere Art und Weise verpflichtet bzw. von ihm abhängig sind) so sehr aufgewühlt, daß sie „Menschen für...“ auf einer ganzseitigen, knapp 70.000 Euro teuren Anzeige postulieren mußten, wie die ESC-Absage für Naidoo. „Menschen“ müssen sich dieser Naidoo angetanen Ungerechtigkeit entgegensetzen, woraus rhetorisch ja auch folgt, daß diejenigen, die gegen Naidoo sind, eben keine „Menschen“ (oder vielleicht Untermenschen?) sind. Unterschrieben haben unter anderem: Tim Bendzko, Yvonne Catterfeld, Roger Cicero, Jan Delay, Samy Deluxe, Die Prinzen, Andreas Gabalier, Annette Humpe, Heinz Rudolf Kunze, Jan Josef Liefers, Johnny Logan, Anna Loos, Tim Mälzer, Michael Mittermeier, Mousse T, Max Mutzke, Pur, Sasha, Kool Savas, Atze Schröder, Klaus-Peter Schulenberg, Til Schweiger, Silly, Christina Stürmer, The Bosshoss, Thomas D oder, „mein Ja ist ein Nein“, Antje Vollmer. Dankenswerterweise haben wir hier also eine Liste von über 100 Leuten aus der Unterhaltungsindustrie, die nicht nur fragwürdigen musikalischen Geschmack beweisen, sondern denen es auch zum Beispiel egal zu sein scheint, ob ein Musiker rechtsradikales Gedankengut als Redner auf rechtsradikalen Veranstaltungen zum Schlechten gibt.

Interessant ist auch die Vorwärtsverteidigung, die ansonsten betrieben wird: Marek Lieberberg zeigt sich „zutiefst erschüttert über die unglaubliche Hetze, die widerliche Heuchelei und den blinden Hass, für die es keinerlei Berechtigung gibt", und er meint damit nicht etwa Naidoos reaktionäre Äußerungen, sondern die der Naidoo-Kritiker; Lieberberg will in mehr als 20 Jahren bei Xavier Naidoo nie „auch nur den Hauch eines antisemitischen, rassistischen, xenophobischen oder nationalistischen Sentiments" bei Naidoo erkannt haben. Liest Lieberberg keine Zeitungen? Weiß er nicht, wie man YouTube-Videos anschaut? Und Herbert Grönemeyer stößt ins gleiche Horn: Xavier ist einer der besten und etabliertesten Musiker und Sänger bei uns, weder homophob, noch rechts und reichsbürgerlich, sondern neugierig, christlicher Freigeist und zum Glück umtriebig und leidenschaftlich.“ So umtriebig und leidenschaftlich wie die Teilnehmer eines Pegida-Auflaufs eben.
Es kann einfach nicht sein, was nicht sein darf, das ist das Prinzip der Vogel Strauss-Vorwärtsverteidigung zugunsten des Mannheimer Popstars – als ob all die Äußerungen von Naidoo frei erfunden wären und es nun darum gehe, daß man die Freiheitsrechte eines von der Staatsmacht zensierten oder gar gefolterten Protestsängers sichern müsse.

ESC? Man würde doch gerne einfach die „escape“-Taste drücken...

30.11.2015 - 13:45

Der erste Satz im Artikel unter der lautsprecherischen großen Überschrift „Mäßige Quoten trotz Hype“ auf SPON über die Serie „Deutschland 83“ lautet:
„Das neue RTL-Prestigeobjekt ‚Deutschland 83’ hat zum Auftakt gute Quoten geholt: Mehr als drei Millionen Zuschauer sahen die ersten Folgen der Agentenserie.“

(Hervorhebungen von mir)

06.11.2015 - 12:45

Die Integration von Flüchtingen? Für Andrea Merkel eine „nationale Aufgabe“.

Flüchtlingshilfe? Für Justizminister Heiko Maas „eine nationale Aufgabe“.

Wissenschaft und Bildung? Für den Vorsitzenden des Wissenschaftsrats eine „nationale Aufgabe“.

Für die Stromlobby sind „Energiespeicherung und -bevorratung“, für die Solarlobby „Netzertüchtigung“ „nationale Aufgaben“.

Die Arbeit am Skandalflughafen Berlin? Für Hartmut Mehdorn längst „mehr als ein Job“, nämlich, Sie ahnens schon, „das ist eine nationale Aufgabe“.

Beethoven? Für die Stadt Bonn natürlich eine „nationale Aufgabe“.

Der Eurovision Song Contest? Für Stefan Raab und die ARD eine „nationale Aufgabe“.

Und, da kommen wir der Sache noch näher, die geplante kritische Ausgabe von Adolf Hitlers Mein Kampf? Für den Historiker C. Hartmann, genau: „eine nationale Aufgabe“.

Die Fernsehserie über Adolf Hitler, die Nico „Unsere Mütter, unsere Väter“ Hofmann derzeit plant? Bisher merkwürdigerweise noch keine nationale Aufgabe (kommt noch, wetten?).

Aber Olympia in Hamburg? Für Thomas de Maizière „eine nationale Aufgabe“, klar.

Michael Schilling hat in der November-Ausgabe von „Konkret“ all diese Beispiele und noch viel mehr zusammengestellt und erklärt, was es mit der „nationalen Aufgabe“, von der alle Politiker so gerne voller Pathos schwadronieren, auf sich hat: De Maizières „Vorgänger als deutscher Innenminister, Wilhelm Frick, hat zusammen mit seinem Kabinettskollegen Joseph Goebbels dem ‚Olympia-Heft Nr. 1’ den Titel gegeben: ‚Olympia 1936 – eine nationale Aufgabe’.“

Sie stehen eben alle in der großen geistigen Tradition des Abendlandes...
Aber daß „Jedem das Seine“ über dem Eingang des KZs Buchenwald stand, hat auch noch niemanden gestört, der das je im Mund führte – nicht nur der Schoß, auch der Mund, vor allem aber der Hohlraum, in dem andere ein Gehirn tragen, ist fruchtbar noch...

06.11.2015 - 12:43

Mensch, Leute, was bin ich froh, daß endlich mal jemand die Wahrheit über die Indie-Darlings des Jahres schreibt, nämlich über diese saudoofe Wiener Band namens „Wanda“, deren saudoofer, banaler und „irgendwie“ reaktionärer Pop allüberall gefeiert und gehpyed wird.
Deren Texte gehen zum Beispiel so:
„Da sind die Sterne / ein Licht brennt in der Kaserne.“
Genau. „Das sind Texte, bei denen sich einem die Fußnägel hochrollen, auf einem grauenhaften Schunkelrock. Wanda sind ästhetisches NoGo-Area“ schreibt Jörg Augsburg im „Freitag“ und kommt zum Schluß: „Wanda sind die Exzess-Stellvertreter, ein textlich ausreichend diffuses und musikalisch leicht zugängliches Überdruckventil der Anpassungsgesellschaft, das obendrein punktgenau den Zeitgeist eines ‚Das wird man ja wohl sagen dürfen!’ trifft.“
Die ganze popkulturelle Einordnung (denn interessanter als über Bands zu schreiben ist es ja häufig, über das Publikum von Bands zu schreiben, und warum so gerne zusammenfindet, was zusammengehört...) bzw. den dringend notwendigen Wanda-Verriß von Jörg Augsburg können Sie hier lesen.

06.11.2015 - 12:40

Aber wir wollen mal nicht so tun, als ob saudoofe und hochbanale Pop-Texte nur in Wien geschrieben werden würden. In Stuttgart kann man das auch:
„Bye bye, bye bye meine Liebe des Lebens / Und ja, wir beide werden uns nie wieder sehen / Kann schon sein, daß man sich im Leben zweimal begegnet / Doch es beim zweiten Mal dann einfach zu spät ist.“
(Cro)

Oder in Berlin:
„Ich spür dieses Kribbeln im Bauch / Diese Liebe – ich hoff, du findest sie auch.“
(Sido)

Oder in Düsseldorf:
„(Du bist) Meine Lady, wenn du nicht da bist / Gibt es Regen, denn der Himmel weint Tränen / Und immer wenn du kommst, ist es so als wenn / nach einer langen Nacht wieder die Sonne aufgeht.“
(Kollegah)

Und wer hat das hier geschrieben, Andrea Berg oder doch Casper?
„Du starker Mann, Kämpfer für mich / Schenke dir mich / Bitte Liebster, verschwende mich nicht / Lauf ans Ende für dich.“

Auf jeden Fall wird sich dafür wohl doch ein Literaturpreis oder ein Verlagsvertrag bei einer der Popliteraturbuden des Landes finden lassen, oder?
„Du mußt Bussi sagen, bis wir sterben“... (Lars Norén, „Dämonen“)

06.11.2015 - 12:38

Das Magazin „Unfollow“ hat im Staatsanzeiger Griechenlands recherchiert, daß bis zum Frühjahr 2011 insgesamt 211,5 Milliarden Euro an die griechischen Banken geflossen sind – laut offizieller Lesart flossen bis Ende 2014 direkt, sozusagen als „reales Geld“, 41,2 Milliarden Euro aus dem Staatssäckel in die Kassen der Banken. Wassilis Aswestopoulos hat in „Telepolis“ die Zahlungen detailliert dokumentiert.
Zur Einordnung der Relationen der 211,5 Mrd. Euro, die an die griechischen Banken geflossen sind, verweist Aswestopoulos darauf, daß die griechischen Staatsschulden insgesamt bei knapp 317 Milliarden Euro liegen und das BIP des Landes 174 Mrd. € beträgt. Der aktuelle Börsenwert der „systemischen“ griechischen Banken beträgt lediglich 4,885 Mrd. €.
Aktuell soll der griechische Staat weitere 15 Mrd. € zur Bankenrettung bereitstellen; einige Politiker haben in der Parlamentsdebatte bereits darauf verwiesen, daß der Kapitalbedarf real bei 25 Mrd. € liegen dürfte. So oder so: Das ist alles Geld, das nicht den Menschen hilft, sondern den Banken. Und es ist Geld, für das die griechischen SteuerzahlerInnen aufkommen müssen...

06.11.2015 - 12:34

Was hat die Bundesrepublik Deutschland mit Afghanistan, Bhutan, Nordkorea, Haiti und Somalia und sonst keinem anderen Staat der Erde gemeinsam?
In all diesen Staaten, und nur in diesen, gibt’s kein Tempolimit. Bloß daß in Staaten wie Bhutan oder Somalia „die Straßenverhältnisse keine Raserei wie die deutsche ermöglichen.“ (Thomas Gsella) Und Gsella weiß auch, warum hierzulande kein Tempolimit existiert, wie es in allen Industriestaaten der Erde üblich ist: „Die Raserei ist erlaubt, weil die deutsche Autoindustrie, die umsatzstärkste und, wie man jetzt weiß, kriminellste der Welt, über den VDA einen direkten Einfluß aufs Kanzleramt hat.“

28.10.2015 - 18:34

Musikpreise sind Neofeudalismus - endlich substantielle und langfristige Spielstätten- und Veranstaltungsförderung bereitstellen!

„Echo, VUT-Award, Helga-Award, Ballermann-Award, John Lennon-Talent-Award, 1 Live Krone, Comet, Echo, New Faces Award, New Music Award, Panikpreis – und künftig auch noch der Tonio Musikpreis. (...) Es gibt davon viel zu viele“, konstatiert Hagen Liebing im „TIP Berlin“ völlig zurecht und hat dabei einen der größten Preise hierzulande sogar noch vergessen: nämlich den von der Initiative Musik ausgelobten jährlichen Spielstättenpreis, der neuerdings „Applaus“ heißt (für „Auszeichnung der Programmplanung unabhängiger Spielstätten“, darauf muß man auch erstmal kommen, viel Spaß beim Auflösen dieses Kürzungsrätsels!). Mal jenseits dessen, daß dieser Preis nicht nur an „Spielstätten“ verliehen wird, sondern auch an Einzelpersonen, die sich ihr privates Distinktions-Programm vom Staat finanzieren lassen, wurden wieder einmal von der eigentlich vorgesehenen 1 Million Euro nur 905.000 Euro an 64 „herausragende Livemusikprogramme“ verliehen, während der Restbetrag wohl für die opulente jährliche Verleihungszeremonie draufgeht, also für die Selbstbeweihräucherungskampagne der Politik. Das Clubkombinat hat u.a. das „Verfahren der Preisvergabe“ und die „relativ hohen Verwaltungskosten der Vergabe“ kritisiert und der Jury mangelnde Objektivität und fehlende Transparenz vorgeworfen – eine Kritik, die wohl berechtigt ist, denn diese Jury unter dem Vorsitz des Cheflobbyisten der deutschen Musikindustrie und Regierungsbeauftragten für Kreative und Digitale Ökonomie, Dieter Gorny, tagt hinter verschlossenen Türen, wurde nie gewählt, sondern ernannt und ist komplett von Westdeutschen besetzt.

Allerdings denke ich, daß die Kritik des Clubkombinats zu kurzsichtig ist. Eigentlich geht es doch um etwas Anderes: Zu kritisieren ist, daß die Spielstättenförderung für Zeitkultur, wie ich es nennen möchte, eine rein neofeudalistische Angelegenheit ist – einige wenige Kulturveranstalter erhalten ein paar Almosen, und die Könige (von Grütters bis Gorny) können sich in ihrer vermeintlichen Gutherzigkeit sonnen (und sich sicher sein, daß von den ausgezeichneten Clubs oder Veranstaltern keine Kritik zu erwarten ist, denn für die sind 30.000, 15.000 oder 5.000 Euro durchaus Geld, und sie benötigen jeden Euro. Und so bevorzugen die Clubs das Kuscheln mit der Kulturstaatsministerin Grütters, anstatt wirklich sinnvolle Forderungen zu artikulieren.

Denn die Spielstätten und Veranstalter von Zeitkultur sollten sich nicht mit Almosen abspeisen lassen, sondern endlich eine substantielle und grundsätzliche Förderung von Spielstätten und Veranstaltern fordern: 100 Millionen Euro verteilt auf fünf Jahre, finanziert durch Bund und Länder! Damit könnte die dringend benötigte Infrastruktur in den Clubs flächendeckend finanziert werden (denn die Ausstattung deutscher Spielstätten etwa im Vergleich zu Benelux oder Frankreich ist hanebüchen; in Frankreich sorgte Kulturminister Lang in den 80er Jahren bereits für eine vernünftige landesweite Förderung, weswegen die dortigen Kulturzentren zu den bestausgestatteten Europas zählen). Gleichzeitig könnten mit diesen Mitteln auch freie Veranstalter unterstützt werden, die mit ihren riskanten Kalkulationen immer mit einem Bein am finanziellen Desaster entlangschrammen (kein Clubkonzert unter 200 Zuschauern läßt sich sinnvoll rechnen, wenn man faire Gagen bei günstigen Ticketpreisen anstrebt – aber gerade diese kleinen Clubkonzerte sind es, die den Karriereaufbau von Bands ermöglichen). Und wenn die Infrastruktur finanziert wäre, könnten Künstler und Bands endlich auch die dringend benötigten Mindestgagen erhalten, statt für einen Appel und ein Ei (falls Catering überhaupt gestellt wird...), vulgo: „für die Tür“ zu spielen. Und für größere Konzertveranstaltungen ist es unerläßlich, daß die etablierten und von den SteuerzahlerInnen bereits finanzierten Veranstaltungsorte zu fairen Bedingungen für Veranstaltungen der Zeitkultur zur Verfügung gestellt werden, statt mit astronomischen Mietpreisen entweder die Zeitkultur aus diesen Spielorten herauszuhalten oder dafür zu sorgen, daß die Ticketkäufer mit überhöhten Eintrittspreisen die Spielstätten, die sie mit ihren Steuerzahlungen bereits finanziert haben, erneut subventionieren.

Noch einmal: Wir brauchen keine Alibiveranstaltungen und keine ständigen Preisverleihungen, und Zeitkultur benötigt weder Almosen noch eine direkte Künstlerförderung. Zeitkultur benötigt eine intakte Infrastruktur, etwa ein Netzwerk von gut ausgestatteten Spielstätten und Veranstalter, die sich ein wagemutiges Programm leisten können. Dies erreicht man durch eine langfristige und substantielle Spielstätten- und Veranstalter-Förderung. Dazu erwarten wir umgehend Vorschläge von den verantwortlichen KulturpolitikerInnen auf Bundes- und Landesebene.

Oder hat man etwa davon gehört, daß all die hochsubventionierten deutschen Opernhäuser und Theater statt struktureller Millionen-Förderung nur noch einmal jährlich einen mit relativ wenig Geld ausgestatteten Spielstättenpreis erhalten würden? Es geht darum, daß die politisch Verantwortlichen endlich die Zeitkultur ernst nehmen und nicht als Teil von Wirtschaftsförderung oder als buntes Völkchen, mit dem man sich einmal im Jahr bei einer Preisverleihung sonnen kann, mißverstehen oder gar mißbrauchen.

28.10.2015 - 18:31

An was aber glaubt Franz Josef Wagner, der sich Kolumnist nennende Schreiberling der Blödzeitung? Wie Adolf selig glaubt er an – den Volkswagen:
„VW heute. Meine Welt fliegt durch die Luft. Nichts, an was ich glaubte, hat Bestand. Alles, woran ich glaubte, zerbricht.

(Franz Josef Wagner am 25.9.d.J. auf Bild Online)
Ist aber auch eine schwere Zeit für Typen wie Wagner – ADAC, VW, DFB, Deutsche Bank, alles geht den Bach runter, nichts, „an was sie glauben“, hat Bestand – Deutschland als korruptes Land von Großbetrügern. Alles zerbricht. Ihre Welt fliegt durch die Luft. Und auch die Blödzeitung verliert Jahr um Jahr an Auflage.

28.10.2015 - 18:29

In der nach oben offenen journalistischen Bescheuertheitsskala liefert sich der Blödzeitung ihr Franz Josef Wagner ein Kopf an Kopf-Duell mit dem Tagesspitzel und der Zeit ihr Harald Martenstein. Der war „wochenlang hin- und hergerissen in der Flüchtlingsfrage“, teilt er seinen LeserInnen mit. Was?!? Ist es endlich soweit, und jemand, der mit schlechten Texten die Zeitungen vollschreibt, wird zur Flucht gezwungen? Iwo. Martenstein plappert über die Kanzlerin: „Ist Angela Merkel eine Lichtgestalt, oder baut sie gerade großen Mist?“ Das sind so die Fragen, die Martenstein sich stellt. Und ist „fassungslos“ über Merkels „Hippiedenken, das so tut, als stellten fast eine Million Neubürger aus einem völlig anderen Kulturkreis, und das womöglich Jahr für Jahr, einfach nur eine wunderbare Bereicherung dar.“
Die Menschen strömen laut Martenstein nach Deutschland, weil das, „alles in allem, ein prima Land“ ist. „Wohlhabend, sozial, frei, gastfreundlich, tolerant und relativ konfliktarm.“ Allerdings dräut Gefahr, und Martenstein sieht sie am Horizont heraufziehen: „Wenn die Zahl der Zuwanderer ein gewisses Maß übersteigt, wird sich das Land natürlich verändern, die Zustände können sich schlimmstenfalls denen in den Herkunftsländern der Flüchtlinge annähern.“
Echt jetzt? Wenn „die Zahl der Zuwanderer ein gewisses Maß übersteigt“, kommt die IS und bombardiert die Bastionen unserer Kultur, also die Redaktionsgebäude von Tagesspiegel und Zeit? Und Assads Schergen werden Martenstein und Wagner foltern?
„Davon hätte niemand etwas“
, stellt Martenstein fest, „weder die Bundesbürger von heute noch die von morgen.“ Daher ist es „nicht illegitim, wenn Gemeinschaften auch ihre eigenen Interessen im Auge behalten, egal, ob es eine Familie ist, eine Hausgemeinschaft oder ein Land.“ Also müssen, so Martenstein, „die Deutschen ein Verhalten zeigen, das sie verlernt haben: Sie müssen selbstbewußt, autoritär und auch hart sein.“ Hart wie Kruppstahl. „Sie“, also „die Deutschen“, „müßten sagen: ‚Das sind wir. Das ist unsere Lebensweise. Ihr müßt sie akzeptieren, nur dann dürft ihr bleiben.’“

Aber ach, dazu wird es nicht kommen, der Martenstein sieht schwarz, denn es gibt keine harten Deutschen mehr, keine wie ihn, nur noch Hippies wie Angela Merkel: „Natürlich hängt unser Hippietum mit der Nazivergangenheit zusammen. Wer sind wir? Die meisten sind sehr lieb und können nicht anders, auch, wenn es gut und richtig wäre.“ Nur Merkel, die „Wagnerianerin“ (Richard, nicht Franz Josef!), kapiert es nicht: „Das, was Angela Merkel gerade mit Deutschland anstellt, würde kein Mensch mit seiner Wohnung tun. Selbst der gutmütigste Mensch der Welt würde sich doch, bevor er Gäste aufnimmt, die Frage stellen, wie groß die Wohnung ist, wie viele Gäste er aufnehmen kann, wie viele Mitbewohner seine Brieftasche und seine Nerven verkraften können und wer die neue Bewohner überhaupt sind.“ (Grammatik so im Original) Um dann Merkels „Wir schaffen das“ in eine Reihe zu stellen mit den Durchhalteparolen des Nazi-Regimes Anfang 1945. Ekelhaft. Aber das deutsche Bürgertum liebt seinen Martenstein.

Wofür der Martenstein zwei lange Spalten braucht, das erledigt Orban-Kumpel Seehofer in zwei Sätzen, wenn er sein bayerisches Kabinett „Maßnahmen der Notwehr zur Begrenzung der Zuwanderung“ verabschieden läßt und „dabei offenbar erwägt, im Zweifel auch Maßnahmen zu ergreifen, die rechtlich nicht gedeckt sind“ (Süddeutsche Zeitung“).
Was den großartigen Franz Dobler zur naheliegenden Frage bringt:
Was passiert eigentlich, wenn ich mich gegenüber dem Verwaltungs-Betriebswirt Horst Seehofer und der bayerischen Staatsregierung in einer Notwehrsituation sehe, die mich dazu zwingt, ernsthaft über ‚Notwehrmaßnahmen’ nachzudenken und ‚im Zweifel auch Maßnahmen zu ergreifen, die rechtlich nicht gedeckt sind’?“

Nun weiß man, daß Seehofer nur ein Papiertiger, es mit seiner „Notwehr“ also im Zweifel nicht weit her ist. Was aber ernst zu nehmen ist, ist seine Demagogik, die sich der von rechtsextremen Regierungen und Parteien wie dem Ungarn Orban oder dem französischen Front National nicht unterscheidet. Und was passiert, wenn konservative Parteien die ausländerfeindliche Propaganda vom rechtsextremen Rand übernehmen? Sie verlieren selbst Stimmen und bereiten dagegen den Rechtsaußen-Gruppierungen das Feld: „Mit seinen Attacken gegen Kanzlerin Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik hat der bayerische CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer offenbar die Ausländerfeindlichkeit – und damit das Kernthema der AfD – wieder salonfähig gemacht.“ (Manfred Güllner, Chef von Forsa)

28.10.2015 - 18:18

Und derartige Mauern errichten auch die Grünen. Ihre Fraktionsvorsitzende hat ja neulich bekannt, „zum ersten Mal uneingeschränkt stolz auf mein Land“ zu sein. „Uneingeschränkt“ – also auch stolz auf all die Rechtsradikalen, die Asylbewerberheime anzünden, auf Pegida, auf die dreimal so vielen Straftaten gegen Flüchtlingsheime in 2015 bisher im Vergleich zum Vorjahr, stolz auch auf Dresdner Fußball-Hooligans beispielsweise, die nach einem Fußballspiel Pyrotechnik auf eine Flüchtlings-Unterkunft warfen und das als „Freudenfeuer“ bezeichneten.

Wer so stolz ist, für den ist es auch selbstverständlich, für die Verschärfung des Asylrechts einzutreten – während die Grünen im Bundestag ihre schärfste politische Waffe pflegten, nämlich die Enthaltung, sorgten die Grün-mitregierten Bundesländer im Bundesrat dafür, daß das skandalöse neue Asylrecht Realität werden kann, ein Asylrecht, das die Bundesregierung in beispielloser Weise verschärft hat: Leistungskürzungen, lange Aufenthalte in Sammelunterkünften, schnellere Abschiebungen, und plötzlich sind Länder wie Kosovo, in denen die Bundeswehr stationiert ist, „sichere Herkunftsländer“. „Wirklich gut“ findet die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag diese Änderungen – kein Wunder, wer so stolz ist auf sein Deutschland wie Frau Göring-Eckardt...

28.10.2015 - 18:14

Die Blödzeitung hat die ersten 19 Artikel des Grundgesetzes - die Grundrechte - auf Arabisch gedruckt und 40.000 Exemplare der Sonderausgabe bundesweit vor Flüchtlingsheimen verteilt. Mit der Aktion will die Blödzeitung die Flüchtlinge über die deutsche „Leitkultur" informieren.
Wie wäre es denn, die Blödzeitung würde stattdessen die ersten 19 Artikel des Grundgesetzes in deutscher Sprache drucken und auf Pegida-Demonstrationen verteilen, oder vor den sächsischen Flüchtlingsheimen an die dagegen protestierenden BürgerInnen? Vielleicht blieben auch noch paar Exemplare für Seehofer (CSU) oder den Berliner Westentaschen-Seehofer Henkel (CDU) übrig. Man könnte Artikel 1 dick anstreichen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

28.10.2015 - 18:12

Analog vs. Digital in der deutschen Realität:

„Fast kümmerlich wirkt die E-Book-Bilanz des letzten Jahres: Lediglich um 0,4 Prozentpunkte hat der Umsatzanteil am Gesamtbuchmarkt laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels zugelegt, von 3,9 Prozent Marktanteil im Jahr 2013 auf 4,3 Prozent im Jahr 2014.“ („Tagesspiegel“) Mal abgesehen davon, daß eine Steigerung von 3,9% auf 4,3% eine immerhin mehr als 10prozentige Steigerung darstellt, und daß Großverlage wie S. Fischer oder Kiepenheuer & Witsch die Zahlen des Börsenvereins in Zweifel ziehen und von einem Umsatzanteil der E-Books an den Gesamt-Buchverkäufen von „etwa 15 Prozent“ bzw. „derzeit 15 Prozent“ berichten.

Wie anders ist doch die Narration, wenn es um Umsatzanteile von Schallplatten am Tonträgermarkt geht: „In der Nische wächst Vinyl weiter um 33 Prozent“, jubelt der BVMI, um dann im Kleingedruckten zuzugeben, daß der „Höhenflug der Schallplatte ein relativer“ bleibe: „Der Anteil der Vinyl-Verkäufe am Gesamtmarkt lag 2014 bei 2,6 Prozent.“

Wenn Deutsche über Digitales und Analoges reden, sind 2,6 Prozent Marktanteil eben gerne ein „Höhenflug“, während (in der Erhebung durchaus zweifelhafte, weil wahrscheinlich deutlich höhere) 4,3 Prozent Marktanteil „kümmerlich“ sind. Alles Neuland, oder was?

28.10.2015 - 18:10

Und was war jetzt da los? Auf Platz 1 der offiziellen deutschen Album-Charts thronen nicht Sido, nicht Pur, nicht Helene Fischer und schon erst recht nicht Avicii, Iron Maiden, die Editors oder Janet Jackson, sondern: die Kastelruther Spatzen!!!
Wie kommt denn sowas?
Es gibt eine einfache Erklärung: Generell werden immer weniger Alben verkauft, also weniger CDs, weniger LPs, weniger Downloads. Die deutsche Tonträgerindustrie weigert sich seit jeher, absolute Verkaufszahlen zu nennen, anders als die US-amerikanischen oder britischen Charts erfahren wir also nur relative Plazierungen, keine wirklichen Zahlen. Denn wenn Sie wüßten, wieviele bzw. wie wenige Alben auch von hoch in den Charts platzierten Künstlern tatsächlich verkaufen – Sie würden nur den Kopf schütteln und sagen, was soll denn das dann noch.
Dies gilt vor allem für die Musik, die die jungen Menschen hören. Dort wird gestreamt, was das Zeug hält, und so, wie längst viel mehr unter 30jährige YouTube schauen als alle öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme zusammen, so hören die unter 30jährigen ihre Musik eben im Stream, bei YouTube, Spotify & Co. Sie kaufen einfach keine sogenannten physischen Tonträger mehr.

Doch es gibt Ausnahmen: Und das gilt für Nischenprodukte, die nicht gegensätzlicher sein könnten. Die Käufer der Schlagerrockmusik, die gemeinhin als „volkstümlich“ bezeichnet wird, sind natürlich keine Fans der modernen Welt, sind keine Digitalfreaks, sondern kaufen ihre Tonträger schön brav als CD. Und zwar so gut wie alle Fans dieser Musik. Bedeutet, daß eine in etwa gleich bleibende Zahl von KäuferInnen Tonträger von Bands wie den Kastelruther Spatzen kauft, während Musik des Pop- und Rock-Mainstreams, vor allem aber Musik, die junge Menschen hören, weniger bis kaum noch gekauft wird. Bedeutet: die einen haben konstante Verkaufszahlen, die anderen deutlich geringere, was dazu führt, daß man mit der in etwa gleichbleibenden Zahl von Käufern plötzlich als Kastelruther Spatzen auf Platz 1 der deutschen Album-Charts stehen kann.
Dies gilt übrigens in ähnlichem Ausmaß auch für die Hörer anspruchsvoller Indie-Musik. Auch hier haben wir es mit einigermaßen konstanten Käuferzahlen zu tun, Fans, die ihren Bands die Treue halten. Was dazu führt, daß Bands, die früher eher nur auf hinteren Positionen der Album-Charts zu finden waren (wenn überhaupt), plötzlich unter den Top 10 zu finden sind.
Und herausragende Jazz-Alben wie „The Epic“ von Kamasi Washington schaffen den Wiedereinstieg in die Albumcharts auf Platz 32, wenn ihre Musik auf Vinyl erscheint; im Sommer, bei Erscheinen der CD-Version, gelang Kamasi Washington schon einmal der Charts-Einstieg, seinerzeit auf Platz 47. Die realen Verkaufszahlen sind o.k., aber nicht höher als früher – nur reichen diese Verkaufszahlen heutzutage eben für höhere Charts-Platzierungen.
Das Gegenteil kann man bei Musik beobachten, die früher die Albumcharts dominiert hat, bei Musik, die in den Feuilletons und Musikmagazinen nach wie vor ausführlichst gefeatured wird, Alben, für die die Plattenfirmen irrsinnig teure Werbekampagnen mit Anzeigen und bundesweiten Plakatierungen finanzieren – was aber alles nichts nützt. Das neue Album von Janet Jackson ist etwa auf Platz 34 in den Charts eingestiegen, also trotz millionenschwerer Werbekampagne und embedded Berichten der Zeitungen und Magazine noch hinter dem Jazzer Kamasi Washington. Und selbst das neue Album von Keith Richards schaffte es nur eine Woche auf Platz 3 und ist zwei Wochen später bereits auf Platz 16, also in die Zone kommerzieller Bedeutungslosigkeit abgerutscht.

Was lernen wir daraus? Das „Verkaufs-Paradigma“, wie Bob Lefsetz es nennt, ist heutzutage bedeutungslos. Es ist irrelevant, wenn Künstler zehn gute, selbst geschriebene Songs aufnehmen (wir reden hier nicht von künstlerischer Relevanz, und wir reden nicht von den old school-Freaks, die tolle Musik auf Vinyl kaufen, oder von den Schlagerrock-Fans, die sich ihre Kastelruther Spatzen auf CD besorgen; wir reden von Charts-Musik!). Es kommt darauf an, einen tollen Song hinzubekommen. Und der wird gehört. Millionenfach. Zigmillionenfach. Dort, wo die Musik spielt: im Stream!
Und wenn man sich die Streaming-Charts anschaut, erfährt man noch etwas, was interessant ist: Die Fans vertrauen Künstlern, deren Hits sie lieben. „Acts become bigger than their singles“ (Lefsetz). The Weeknd hat sechs Songs in den US-Top 50 von Spotify – wie es den Beatles in den 1960er Jahren gelang. Nur: heute bekommt The Weeknd für jedes Anhören seiner Singles Geld, die Beatles bekamen es seinerzeit nur einmal beim Verkauf einer LP. Und jetzt raten Sie mal, mit welchem Modell mehr Geld verdient wird. Und Lyor Cohens Fetty Wap hat fünf Tracks in den Top 50 von Spotify USA. Fetty was? Und auch Drake hat fünf Songs in den Top 50, Ed Sheeran immerhin drei.
Die Künstler werden also heutzutage „gezwungen“, wieder Konzerte zu spielen, weil der Tonträgermarkt zusammengebrochen ist – ach ja? Tatsächlich?!? Wer so etwas schreibt, hat einfach keine Ahnung. Fast alle erfolgreichen Acts, die mit Streaming Millionen verdienen, spielen auch zahlreiche Konzerte. Und gleichzeitig gibt es Bands, die in den Charts kaum eine Rolle spielen (ob in den deutschen Album- oder in den US-Spotify-Charts), die aber ein großes und treues Live-Publikum haben. Musterbeispiel: die Rolling Stones. Oder Madonna. Wahrscheinlich auch Janet Jackson, die 2016 nach Deutschland kommen wird.
Manchmal lohnt es sich, die Charts näher zu betrachten.

28.10.2015 - 18:07

Das Staatsfernsehen gibt nicht auf. Nur eine Minderheit sieht noch die Programme von ARD und ZDF, und unter den 14- bis 29-Jährigen sehen wesentlich mehr YouTube als ARD und ZDF und all ihre Satellitensender zusammen. Doch wer auf einem Geldbatzen von 8,324 Milliarden Euro jährlich sitzt und jetzt für sein fabelhaftes Programm sogar noch mehr Geld fordert (die ARD will 396 Millionen zusätzlich, das ZDF 383 Millionen!), dem ist die Realität natürlich schnurz. Also haben die Ministerpräsidenten der Bundesländer jetzt einmütig beschlossen, daß es ein „junges Programmangebot von ARD und ZDF“ geben soll – im Internet! „Zielgruppe“ sind laut „SPON“ „die 14- bis 29-Jährigen. Als Gesamtbudget sind rund 45 Millionen Euro für das gemeinsame Online-Jugendangebot von ARD und ZDF vorgesehen.“

„Das ist ein guter Tag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk“, jubelt denn auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Fürs Staatsfernsehen mags ein „guter Tag“ sein, für uns alle ists ein trüber Tag. Denn wie wollen denn ausgerechnet ARD und ZDF ein Programmangebot bereitstellen, das ausgerechnet jungen Menschen gefällt? Rosamunde Pilcher als Comic? Nonnen-Sendungen als Live-Chat? Nervtötende Plapperformate und ein Überangebot an deprimierenden Unterhaltungs-Shows von Andrea Berg bis Andrea Kiwi Kiewel   sehen wir bereits mehr als genug. Nun wollen die Fernsehverantwortlichen und die Politiker ihre Verblödungsmaschine also auch aufs Internet ausdehnen. Steht zwar nicht im Rundfunkstaatsvertrag, aber macht man eben ein neues Gesetz. Wir lassen es uns ja gefallen.
Und so werden wir dann ein „crossmediales“ „junges Angebot“ für rund 45 Millionen Euro jährlich erhalten. Auf daß uns der öffentlich-rechtliche Schwachsinn auch noch im Internet verfolgt. „Um Himmels Willen!“

28.10.2015 - 18:06

Klassik-Musikjournalismus at it’s best I:
Im „Kultur-Spiegel“ berichtet ein Johannes Saltzwedel vom Trainingscamp für die Olympischen Spiele: „Unter Pianisten sind seit Langem für zwei Massive des Konzertrepertoires flotte Abkürzungen in Umlauf: ‚Rach 3’ bedeutet Sergej Klavierkonzert, ‚Rach-Pag’ sind seine Paganini-Variationen. Nur wenige nehmen die kräftezehrende Arbeit auf sich, diese Stücke zu üben; einschüchternde Aufnahmen gibt es längst. Kommt eine hinzu, wirkt das wie eine inoffizielle Bewerbung um Eintritt in die Weltspitze.“ Und so plappert das nichtssagend in einem fort.
Unter LeserInnen ist übrigens seit langem eine Abkürzung für inkompetente Musikjournalisten in Umlauf: „Depp 1“...

28.10.2015 - 18:04

Klassik-Musikjournalismus at it’s best II:

Im „Tagesspiegel“ versucht ein Udo Badelt, der des Deutschen eher nicht mächtig ist („Das Artemis Quartet gedenkt Weigle konzertant“ – ich hab weiland mal in der Schule gelernt, daß man „gedenkt“ mit dem Genitiv verwendet...), zu beweisen, daß er auch von Musik nichts versteht, und schreibt dies über ein wundervolles, trauriges, anrührendes und bewegendes Konzert des Artemis Quartetts im Kammermusiksaal der Philharmonie und das Klavierquartett op. 47 von Schumann: „Dabei hilft die wirklich außergewöhnliche Besetzung: Klavierquartette sind eigentlich für Klavier, Geige, Bratsche und Cello geschrieben. Die fehlende Mittelstimme, die Präsenz zweier Geigen verleihen dem Gesamtklang etwas Gespaltenes, Zwielichtiges.“

Dumm nur, daß weder Schumanns Klavierquartett noch das folgende von Brahms für zwei Geigen geschrieben wurde, sondern eben „eigentlich“ für Geige, Bratsche, Cello und Klavier. Die „fehlende“ Mittelstimme fehlt also gar nicht. Weder im Notentext Schumanns, noch in der Aufführung, denn das Publikum sah, wie Gregor Sigl Bratsche spielte, und das sehr eindrucksvoll – und übrigens sogar auf der italienischen Viola aus dem 18.Jahrhundert des verstorbenen Friedemann Weigle. Von den „zwei Geigen“, die der Tagesspiegel-Rezensent gesehen und gehört haben will, kann also keine Rede sein. Hat ihn das Artemis Quartet ganz schön ins „Zwielichtige“ geführt...

Die Zugabe hat der Badelt auch nicht verstanden. „Erneut das Andante von Brahms. Weitere Worte gibt es nicht.“ War aber gar nicht das Andante von Brahms, sondern das Andante cantabile von Schumann. Aber kommt dem deutschen Qualitätsjournalismus nicht so drauf an, Hauptsache deutsche Romantik, und mit welchen Instrumenten gespielt wird, ist letztlich auch wurscht, Geigen, Bratschen, irgendwie sinds doch alles Streichinstrumente, oder? Hauptsache, das Zeilenhonorar wird bezahlt, mit irgendwas müssen die Blättchen ja vollgequasselt werden. Aber sie sollen sich nicht wundern, daß irgendwann niemand mehr für diesen Schmarrn noch Geld ausgeben will. Meine Lieben, Sie verschwenden für fünf Sous Feuilleton!“ will man sinngemäß Balzac zitiern.

28.10.2015 - 18:03

Klassik-Musikjournalismus at it’s best III – in der „FAS“ versucht Claudius Seidl, den Pianisten Igor Levit zu befragen, und das hört sich so an:

„Herr Levit, vor zwei Jahren kam Ihre erste Plattenaufnahme heraus: die späten Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven. War das nicht fast schon eine Unverschämtheit – ein 26jähriger Pianist und der späte Beethoven?“
Levit: Wieso soll das unverschämt sein?
„Es ist Musik, die es einem nicht leichtmacht. Als Hörer, finde ich, sollte man mindestens vierzig sein...“

Was will uns Herr Seidl damit sagen? Menschen unter vierzig Jahren sollten nur leichte Kost hören? Und wer nicht so alt ist wie Herr Seidl und es dennoch wagt, späten Beethoven zu spielen, der ist „unverschämt“?!? Ein Rotzlöffel also?
Will Herr Seidl Warn-Aufkleber auf CDs mit späten Beethoven-Werken? „Parental Advisory! This Beethoven guy is way too heavy for people younger than 40 years old!“

28.10.2015 - 18:02

Aber auch der Pop- und Rock-Journalismus ist nicht ohne: In einer Rezension von Liveaufnahmen von Grateful Dead schreibt Deadlef (danke für den Kalauer, KW!) Diederichsen in der „taz“:
„Mit dem Keyboarder Brent Mydland rekrutierte man schließlich einen Musiker, der mit seinen lungensüchtigen 80s-Keyboard-Sounds, seinem Mainstream-Songwriting-Approach und seiner Joe-Cocker-Röhre quasi das Gegenteil der Musikauffassung verkörperte...“

Lungensüchtige Keyboard-Sounds? Das schreit nach Erklärung!

28.10.2015 - 18:00

Einige Kritiker meines neuen Buches, das die Abschaffung des gebührenfinanzierten Staatsfernsehens fordert, werfen mir vor, ich sei wahlweise ein „Wirtschaftsliberaler“ oder sonstwie mit dem Klammerbeutel gepudert; zwar sei meine Kritik an den Öffis, das sagen eigentlich alle Rezensenten, völlig berechtigt, aber man müsse den Laden unbedingt reformieren, und bloß nicht abschaffen.

Interessant ist, daß zuletzt einige prominente Fernsehleute ganz ähnlich argumentieren – der langjährige ARD-Korrespondent Christoph Maria Fröhder rechnete im „Spiegel“ als Insider mit den Methoden der „Tagesschau“ ab, und der ehemalige Leiter des ZDF-Hauptstadtbüros, spätere ZDF-Talkmaster und langjährige „Aspekte“-Redaktionsleiter und Moderator Wolfgang Herles schrieb gar ein ganzes Buch über den „Verfall der Fernsehkultur“ und den „Totalitarismus der Quote“; seine Einschätzung gipfelte im Statement: So, wie es ist, macht sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen selbst überflüssig. Reformiert ARD und ZDF grundlegend oder schafft die Anstalten ab!“
Ach ja, interessant, ein ZDF-Insider fordert, ARD und ZDF abzuschaffen.

Den Vogel aber schießt Bettina Reitz ab. Bettina Reitz war lange Jahre ZDF-Redakteurin, BR-Filmchefin, Geschäftsführerin der ARD-Tochter Degeto, der berüchtigten Kitschfabrik, und von 2012 bis September 2015 war Reitz Fernsehdirektorin des BR, bis sie zum 1.10.d.J. zur Präsidentin der Hochschule für Film und Fernsehen München berufen wurde.
Reitz gab nun der „Zeit“ ein längeres Interview mit allerlei interessanten Aussagen, etwa:
„Ich verhehle nicht, dass ich die Zukunft des Films und der Serien innerhalb des öffentlich-rechtlichen Fernsehens skeptisch sehe. (...) Salopp gesagt, fühlte ich mich irgendwann wie eine Art Sterbebegleiterin des klassischen Fernsehens.“

Oder: Im Bereich „Film- und Serienangebote haben wir eine riesige Lücke hinterlassen. (...)
Wo bleibt der Mut zu einer gewissen Größe für Kinofilme und auch für gute Serien? Größe im Denken, im Erzählen, in der Ausstattung. Das Miniland Dänemark ist mit seinen Filmen und Serien talk of the town. Sind die Dänen künstlerisch so viel freier? Nun, sie haben einen anderen Willen, mit ihren Filmen international Gesprächsstoff zu geben. Hierzulande genügt es den Machern oft, in einer kleinen Nabelschau am Ende irgendwie ihr Filmchen zu machen.“

Und schließlich, man höre und staune: „Das klassische, lineare Fernsehen, über das wir hier reden, ist ein Auslaufmodell. Die Menschen haben heute die Möglichkeit, ich weiß nicht wie viele Programme anzusehen und auch selbst herzustellen.“

Die Autorin der „Zeit“ blieb, wie es heutzutage eben so ist, still und stumm. Frau Reitz mußte sich keine einzige ordentliche Rückfrage gefallen lassen, etwa, ob sie als langjährige Öffi-Redakteurin, Filmchefin, Degeto-Geschäftsführerin und schließlich sogar BR-Programmdirektorin nicht diejenige hätte sein müssen, die Antworten gibt, statt zum Abschied von ihren Öffi-Funktionen lauter Fragen aufzuwerfen, so, als ob sie mit den Öffis nie etwas zu tun gehabt habe.
Wenn Sie wissen wollen, wie das mit einer der größten und finanzstärksten Machtformationen im Lande genau funktioniert, darf ich Sie freundlich auf mein neues Buch „I Have A Stream“ hinweisen, das ich an anderer Stelle in diesem Rundbrief bereits vorgestellt habe.

28.10.2015 - 17:58

Über 250.000 Menschen sind gegen TTIP und CETA auf die Straße gegangen, eine der größten Demonstrationen in der Geschichte der Bundesrepublik – und was hat SPD-Gabriel zu tun? Er schaltet, genauso wie Wirtschaftsverbände, teure Anzeigen in Tageszeitungen, um seine Konzern-freundliche und bürgerfeindliche Sicht der Dinge mit gewaltigem Pathos und anbiedernder Schleimerei zu verbreiten. 225.000 Euro hat das Bundeswirtschaftsministerium für diese Kampagne an Steuergeldern verpulvert, um den BürgerInnen Sand in die Augen zu streuen. Gabriel etwa fordert, daß „Handelsgerichtshöfe“ über Investitionsstreitigkeiten entscheiden sollen – er fordert also eine Paralleljustiz, die rechtsstaatlichen Prinzipien widerspricht, obwohl es auf Bundes- wie Europaebene doch längst Gerichte gibt, bei denen Firmen klagen können. Gabriel fordert „Investor-State Dispute Settlements“ (ISDS), also „Investitionsschiedsverfahren“, die es Konzernen erlauben, eine Regierung zu verklagen, wenn deren Politik zur Profitminderung führt. „Das heißt: Transnationale Unternehmen können die Politik demokratisch gewählter Regierungen diktieren“ (Slavoj Žižek). Gabriel behauptet, es werde bei TTIP „keine Absenkung der in Deutschland und Europa erreichten Umwelt-, Sozial- und Verbraucherschutzstandards geben“, obwohl er natürlich genau weiß, daß die Standards von EU und USA angeglichen werden sollen, was eine Verschiebung der Standards in die eine oder andere Reichtung bedeutet, und man kann sich ausrechnen, in welche Richtung hier Standards verändert werden... Und durch TTIP sollen Konzerne noch mehr Einfluß auf die Gesetzgebung erhalten, und ohne Zustimmung der USA können de facto kaum noch Standards verbessert werden. Und Gabriel verschweigt, daß den Abgeordneten der zuständigen Parlamente der Zugang zu den Verhandlungstexten ebenso verwehrt wird wie der Öffentlichkeit.
Wirtschaftsminister Gabriel betreibt eine Politik der Konzerne. Nun gut, wen würde das wundern? Die BürgerInnen jedenfalls nicht: Anders als Gabriel es sich wünscht, ist eine deutliche Mehrheit gegen TTIP, und nur noch 34 Prozent der in der jüngsten Umfrage befragten sagen, TTIP sei eine gute Sache.

28.10.2015 - 17:57

„Ein Biergigant schluckt den anderen“ lauteten die Schlagzeilen, als bekannt wurde, daß die beiden weltgrößten Bierbrauer fusionieren: Anheuser-Busch Inbev kaufte für unglaubliche 92 Milliarden Euro die SABMiller-Gruppe, was als „eine der größten Übernahmen in der Unternehmenswelt“ gilt. Soweit so schlecht. Wer denkt, daß sein Beck’s, Hasseröder, Budweiser, Franziskaner, Löwenbräu, Corona, Diebels oder Löwenbräu (alle Anheuser-Busch Inbev) oder sein Pilsner Urquell oder Gambrinus (jeweils SABMiller), oder sein Jever, Radeberger oder Schöfferhofer (alle Oetker-Konzern) aus einer netten Privatbrauerei stammen würde (oder in der Semperoper gebraut werde, wie mehrere mir bekannte US-Musiker angesichts der Fernsehspots von Radeberger glaubten), der ist natürlich gutgläubig und naiv.

Was aber macht diese Fusion der Bier-Giganten zu etwas Besonderem in der Geschichte der Monopolisierungsentwicklungen, die jüngst auch gesehen hat, wie Deutschlands größter Immobilienkonzern Vonovia die Nummer zwei, Deutsche Wohnen, übernimmt? Die Fusion der Immobilienkonzerne, die dann mehr als 500.000 Wohnungen verwalten, alarmiert die Mieterschützer. Die Menschen zahlen immer die Zeche, wenn Konzerne größer werden, das ist klar, das reicht von „teurer wohnen“ bis zu „schlechteres Bier trinken“.

Es lohnt sich aber, kurz einen anderen Blick auf den weltgrößten Bierkonzern Anheuser-Busch Inbev zu lenken mit seinen 21% Weltmarktanteil und einem Umsatz von mehr als 47 Milliarden US$ und einem Gewinn (Ebit) von über 15 Milliarden US$. Denn einer der wichtigsten Männer der Konzertbranche kommt aus dem Biergeschäft und studierte dort Konzentrationsprozesse, die er auf das Veranstaltungsgeschäft anwandte und den Weltmarktführer Live Nation konstruierte. Die Rede ist von Michael Rapino, dem CEO des weltgrößten Live-Konzerns Live Nation, der das Konzertgeschäft laut „Billboard“ „fundamental verändert“ hat: „he really is the Concert Master“.

Michael Rapino ist in Kanada aufgewachsen, in Thunder Bay. Von einem Freund im örtlichen „Beer Store“ (das ist in Kanada der einzige Ort, an dem man Bier kaufen kann) hört er, daß bei der Brauerei Labatt ein Job als College-Vertreter frei ist. Rapino schreibt einen detaillierten Marketingplan, mit dem er zum Vorstellungsgespräch geht. Er bekommt den Job. Die Labatt Brewing Company Ltd. ist eine kanadische Brauerei, die 1847 von dem irischen Einwanderer John Kinder Labatt in London, Ontario gegründet wurde. 1915 begann in Kanada das Verbot öffentlicher Bars, manche Provinzen verboten die Produktion von Alkohol, ähnlich der Prohibition in den USA. Labatts Strategie war es, ein Bier mit weniger als 2% Alkoholgehalt herauszubringen, das in Ontario verkauft werden durfte. Durch die Verbote, die bis 1926 bestanden, mußten viele Brauereien in Kanada schließen, was jedoch die Marktstellung der Labatt-Brauerei festigte. 1951 startete Labatt den Verkauf des Pilsener Lagers namens „Blue“; um diese Biermarke zu bewerben, ging die Firma einen langfristigen, genau: Sponsoring-Deal mit dem Footballteam Winnipeg Blue Bombers ein. Die Brauerei wurde 1995 vom belgischen Konzern Interbrew (heute als InBev bekannt) übernommen – Interbrew ging aus einer 1366 gegründeten und 1717 von Sebastien Artois in Artois umbenannten Brauerei hervor. Artois ging seit 1952 auf Beutezug und übernahm nach und nach etliche führende Brauereien, zunächst in Belgien (1952 Leffe), dann auch in den Nachbarländern Holland und Frankreich. Seit der Börsennotierung 2000 dehnte die 1987 in Interbrew umbenannte Firma ihre Expansion rasch aus und übernahm 2002 die deutschen Brauereien Diebels, Beck’s und die Gilde-Gruppe (u.a. Hasseröder), 2003 unter anderem die Spaten-Löwenbräu-Gruppe, 2004 die Dinkelacker-Gruppe und die führende chinesische Brauerei Zhejiang Shiliang Brewery Company Ltd. Durch den Zusammenschluß mit AmBev im gleichen Jahr entstand die größte Brauereigruppe der Welt, eine Position, die durch die Übernahme von Anheuser-Busch 2008 noch ausgebaut wurde.

Doch zurück zu Michael Rapino. Die von Rapino und seinen Bewunderern gestreute Narration des besessenen Erfolgsmenschen geht so: Rapino studierte Buchhaltung, arbeitete in diesem Beruf jedoch nur zwei Wochen bei Labatt. Er wollte Repräsentant der Biermarke werden und bildete sich beharrlich weiter, „las jedes Buch in der Unternehmensbibliothek“ (Bob Lefsetz) und nutzte jede Chance auf betriebliche Weiterbildung. Er wurde die Nummer Eins unter den Labatt-Vertretern. In einer versoffenen Nacht beschloß Rapino angeblich, daß er Chef einer Konzertagentur sein wollte, bevor er 40 wurde, wahrscheinlich auch beeinflußt durch die Verflechtung des Labatt-Konzerns mit dem Konzertveranstalter CPI, der Firma eines gewissen Michael Cohl. Nach über einem Jahrzehnt bei dem kanadischen Bierbrauer gründete Rapino seine eigene Konzertagentur und verkaufte sie später an den SFX-Konzern.

So ist das im Monopolkapitalismus unserer Tage, wurscht, ob Bier, Wohnungen oder Konzerte: Es geht ums „Imperiengeschäft“, wie Walt das in „Breaking bad“ nennt, es geht darum, ein immer größeres Imperium aufzubauen, Monopole zu errichten, die weltweit Milliardengewinne abwerfen, nicht selten auch unter Umgehung der Gesetze (Tochtergesellschaften von Anheuser-Busch InBev waren an sogenannten Bierkartellen mit unerlaubten Preisabsprachen in NL und in D beteiligt, man fungierte vor den Kartellbehörden als Kronzeuge und ging in NL wie D straffrei aus. Wer aber zahlt die Zeche? Dreimal dürfen Sie raten.

04.10.2015 - 12:04

Paul Hartmut Würdig, im Popleben auch als Sido bekannt, glaubt nicht an den Kapitalismus, sondern, wie er die „Neue Westfälischen“ auf eine entsprechende Frage hat wissen lassen:
„Ich glaube eher an eine Form von Kommunismus. Kommunismus ist vielleicht das einzige, was die großen Probleme dieser Welt lösen könnte. Wir müssen lernen, unsere Bedürfnisse runterzuschrauben und von dem zu leben, was tatsächlich vorhanden ist. Es ist falsch, in den Supermarkt zu gehen und irgendwas zu kaufen, das man nicht braucht, nur, weil es angeboten wird. Das geht zu Lasten der Umwelt und zu Lasten von anderen, auf deren Kosten wir leben.“

Wo Paul Hartmut Würdig Recht hat, hat Genosse Sido Recht.

04.10.2015 - 12:03

Die Allianz Versicherung Österreich rät laut „Musikmarkt“ dringend von „deutschsprachiger, emotionaler, komplexer Musik beim Autofahren ab“. Nun ist deutschsprachige Musik ja in der Regel sowieso eher unterkomplex, aber der Autor der Allianz-Studie, Marcin Suder, empfiehlt: „Musik kann entspannen und den Kreislauf fördern, wenn das Tempo in etwa dem menschlichen Puls entspricht. Darauf sollte beim Autofahren geachtet werden. (...) Einfache Melodien, simple Rhythmik und ein überschaubarer Ablauf von Strophen und Refrain kennzeichnen demnach die idealen Songs für die Fahrt.“
Also nicht, daß Sie beim Autofahren in den nächsten Wochen wieder nur Liturgy, Kendrick Lamar und Arnold Schönberg hören. Legen Sie bei Ihren Autofahrten doch einfach die Bands auf, die beim Lollapalooza-Festival auftreten. Etwas mit einfachen Melodien und simpler Rhythmik eben.
Gute Fahrt!

04.10.2015 - 12:02

Es war nicht mehr als ein Marketing-Gag, daß die slowenische Band Laibach kürzlich in Nordkorea auftrat – „als erste westliche Gruppe überhaupt“, wie die „taz“ und mit ihr im Kanon die fast komplette einheimische Qaulitätspresse doppelt wahrheitswidrig behauptete. Denn es gab durchaus bereits westliche Gruppen, die in Nordkorea aufgetreten sind, man kann es in der Autobiografie „Der patagonische Hase“ von Claude Lanzmann nachlesen. Und als ich vor etlichen Jahren mal eine Woche in Nordkorea war (siehe meinen dreiteiligen Reisebericht in „Konkret“, unter „Texte“ auf meiner Homepage abrufbar), traf ich im Hotel in Pjöngjang mehrere bundesdeutsche Gruppen aus Darmstadt, die bei einem Musikfestival in Pjöngjang auftraten, unter anderem einen munteren Chor aus Darmstadt. Da standen nur weder eine Marketingabteilung einer Plattenfirma noch etliche willige Feuilletonredaktionen dahinter, weswegen niemand darüber berichtet hat.

Doppelt wahrheitswidrig wird die Inszenierung allerdings durch die interessante Behauptung, daß die „slowenische Artrockband“ („taz“) Laibach eine „westliche“ Gruppe sei. Mag ja sein, daß in den Augen der hiesigen Qualitätspresse das Balkan-Musterländle Slowenien längst zum „Westen“ gehört, nur war Slowenien nun mal ein Teil Jugoslawiens, und die 1980 gegründete Gruppe Laibach war nun mal eine jugoslawische Band, die mit ihrem doch sehr speziellen ästhetischen Konzept so auch nur in einem Ostblockland denkbar war und ist.

Daß und wie die hiesigen Feuilletons auf die Nordkorea-Reise Laibachs reagiert haben, zeigt aber natürlich, daß Laibach Teil des kulturindustriellen westlichen Komplexes sind, wenn man das so sagen will. Und daß die „Süddeutsche Zeitung“ zunächst ihrem Label-Boß, der noch nie in Nordkorea war, ein großes Interview über Nordkorea spendierte, um wenige Tage später gleich die ganze Seite 3 für das welthistorisch fürwahr sehr wichtige Ereignis eines Laibach-Konzerts in Pjöngjang freizuräumen. Eine Seite unter dem sinnigen Titel „Im Disneyland des Journalismus“, oh, Verzeihung, „des Totalitarismus“ natürlich gabs auch in der „taz“, die leider nicht selbst dabei sein konnte, sich aber am Telefon alles ganz genau von der Band erzählen ließ und dazu ein Promotion-Foto Laibachs abdruckte, das die Band vor einer DPRK-Flagge auf einem Gebäude in Pjöngjang zeigt – „Foto: Laibach handout“. Bericht: „taz embedded“.

04.10.2015 - 12:00

Ach ja: Universal Norwegen hat letztes Jahr die höchsten Royalty-Summen in seiner Geschichte ausbezahlt. Und warum haben die Rechteinhaber (und letztlich auch die Künstler) die höchsten Zahlungen der Geschichte erhalten? Weil in Skandinavien die ganze Bevölkerung Musik streamt! Und dafür bezahlt (das Verhältnis von bezahlt vs. Freemium bei Spotify in Norwegen ist 80 zu 20!). So einfach ist das, da können ahnungslose Künstler noch so häufig gegen Streaming in die bereitstehenden Mikrofone ahnungsloser Journalisten bitchen und barmen.

So einfach? Nun ja, das setzt natürlich technologischen Fortschritt voraus, einfache und günstige W-Lan-Möglichkeiten zum Beispiel, also das Gegenteil von dem, was die Bundesregierung plant. In Sachen Digitalisierung ist Deutschland eben Steinzeit. Sascha Lobo hat unlängst auf SPON darauf hingewiesen, daß „in Deutschland im Mai 2015 ein Megabyte mobile Datenübertragung rund 5000 Prozent mehr kostete als in Finnland. Moment, fünftausend Prozent? Fünftausend? Nein, kein Rechenfehler, sondern die bittere Wahrheit. Das sind klar prohibitive Preise.“

Die hiesigen Telekommunikationskonzerne verzögern die Verbreitung billiger Technologien (Deutschland hatte 2014 zwei WLAN-Hotspots je 10.000 Einwohner, Südkorea 37). Die Konzerne wringen absurde Preise aus den Nutzern heraus. Und die Politik torpediert, siehe oben, die Digitalisierung und unterwirft sich, siehe Gabriel & Gorny, den intensiven Lobby-Bemühungen der Konzerne. Wollen Sie digitalen Fortschritt, günstige, schnelle und unkomplizierte Internetverbindungen? Gehen Sie nach Skandinavien, in die baltischen Staaten, nach China oder nach Südkorea. Hierzulande regieren die Fortschrittsfeinde, deren Namen mit „G“ beginnen: Gabriel. Gema. Gorny. Die Organisatoren der digitalen Prohibition.

04.10.2015 - 11:59

Daß der Einfluß des neuen "Regierungs-Beauftragten für Kreative und Digitale Ökonomie", also des Cheflobbyisten der deutschen Musikindustrie, Dieter Gorny auf die Gesetzgebung bereits nach wenigen Monaten eklatant ist, beweist ein Aufsatz des Direktors des Instituts für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht der Universität Münster, Thomas Hoeren, in der „FAZ“. Laut Hoeren hat die geplante Änderung des Telemediengesetz offiziell „das Ziel, den Ausbau öffentlicher W-Lan-Netze in den Städten voranzutreiben. Soweit Neusprech, in Wirklichkeit geht es um eine Verschärfung der Haftung für W-Lan-Betreiber. Hintergrund ist vermutlich eine interne Liason dex Bundeswirtschaftsministers mit der Musikindustrie, aufgrund derer Sigmar Gabriel im März den Vorsitzenden des Bundesverbandes Musikindustrie, Dieter Gorny, zum Beaftragten für digitale Ökonomie ernannte. Der Musikindustrie sind offene W-Lan-Netze jedoch ein Dorn im Auge. Dies spiegelt sich im Gesetzentwurf wider.“

So Thomas Hoeren in der „FAZ“. Und Hoeren verweist auf eine weitere Verschärfung des Gesetzes: „Zudem dürfen sie den Zugang nur solchen Nutzerinnen und Nutzern ermöglichen, die zuvor eingewilligt haben, keine Rechtsverletzungen zu begehen. Anders als zunächst vorgesehen, gilt dies nun auch für private, nichtgeschäftsmäßige W-Lan-Angebote.“ Gabriel und Gorny, G. & G., also gewissermaßen der doppelte deutsche G-Punkt der Musikindustrie, stellen sich das also so vor: Wenn ich mal bei Freunden zuhause bin und auf meinem Smartphone eben im dortigen W-Lan die Adresse der Kneipe, in die wir gehen wollen, auf Google Maps checken möchte, legen mir meine Freunde eine Erklärung vor, die sie immer vorbereitet rumliegen haben, und in der ich an Eides statt versichere, keineswegs Rechtsverletzungen begehen zu wollen. Eigentlich ganz einfach und logisch, oder? So leben wir digital citizens im 21.Jahrhundert natürlich...

Daß Gabriel unter Mithilfe seines Duz-Kumpels und Lobbyisten Gorny natürlich nicht die gängige Rechtsprechung in den Gesetzentwurf eingearbeitet hat, wonach „die Betreiber öffentlicher W-Lan-Netze aufgrund der europäischen E-Commerce-Richtlinie und des Telemediengesetzes von jeglicher Haftung befreit sind“ (etliche Gerichte, etwa in Hamburg oder Berlin, haben zuletzt entsprechend geurteilt), versteht sich fast von selbst.
Thomas Hoeren kommt zu dem eindeutigen Schluß: „Insgesamt ist die Regelung europarechtswidrig und eine einzige Unverschämtheit. Gabriel behauptet, er tue etwas für den Ausbau öffentlicher W-Lan-Netze. Tatsächlich praktiziert der Bundeswirtschaftsminister genau das Gegenteil – an der Rechtsprechung vorbei, gegen europarechtliche Vorgaben und in einer Terminologie, die mit Jura nichts mehr zu tun hat. Wer schreibt eigentlich solch einen Unsinn? Warum die übereifrige Verbeugung von Sigmar vor Dieter?“
Gute Fragen. Wir leisten uns einen Bundeswirtschaftsminister, der uns Bürgerinnen und Bürgern massiv schadet und damit seinen Amtseid verletzt, und der stattdessen die Interessen der Großindustrie, deren oberstem Lobbyisten er einen Schreibtisch im Ministerium verschafft hat, massiv vorantreibt (was sich ansonsten auch in seinem Eintreten für TTIP und CETA zeigt). Wie lange noch?

04.10.2015 - 11:55

Und das Berliner Staatspop-Pünktchen-Festival „Pop.Kultur“? Dazu ein andermal in Ruhe etwas Grundsätzliches. Heute nur: Es hat keinem weh getan. Seit Rot-Grün wurde Pop ja zur „Staatsräson“ ausgerufen, wie Frank Apunkt Schneider in „Deutschpop halt’s Maul!“ schreibt. Drollig war der verzweifelte Versuch, alles, was dort stattfand, zu einer „Weltpremiere“, „Premiere“ oder doch zumindest „Berlin-Premiere“ auszurufen. Besonders selbstbewußt wirkte das nicht, zumal die meisten Künstler, die aufgeboten wurden, sowieso alle naslang in Berlin gastieren (nur üblicherweise eben von freien Veranstaltern der Szene organisiert, die damit mühsam die Steuergelder erwirtschaften, von denen die sogenannten Popkuratoren dann ihr Programm finanzieren – wäre gut, wenn Letztere mal unter „Subsidiaritätsprinzip“ nachschlagen würden).

Andrerseits – sagen wir’s mal so: Wenn man Ihnen oder mir 700.000 Euro aus Steuergeldern gegeben hätte, ich möchte wetten, Sie oder ich hätten damit ein spannenderes, interessanteres und vielseitigeres Programm zusammengestellt...

Doch was sind schon 700.000 Euro. Der neue Chef der Berliner Volksbühne bekommt zusätzlich zum normalen Volksbühnen-Etat von über 20 Millionen Euro und zusätzlich zur Erhöhung des Volksbühnen-Etats mit dem Amtsantritt Dercons um noch einmal 3 Millionen – wohlgemerkt, bis heute liegt weder der Öffentlichkeit noch den Berliner Abgeordneten auch nur ein Hauch von Konzept des Herrn Dercon vor, was er an der Volksbühne überhaupt vorhat – noch einmal sage und schreibe 3 Millionen Euro zur „Vorbereitung seiner Intendanz“ – wie dürfen wir das verstehen? Wird Dercon, wenn er 2017 aus London von seinem bisherigen Job bei der Tate Gallery einschwebt, ein roter Teppich vom Flughafen Tegel bis zum Rosa-Luxemburg-Platz ausgerollt?!? Allein für die Vergoldung seiner Intendanz bekommen Dercon und die Volksbühne so viel, wie die gesamte Compagnie Sasha Waltz im gleichen Zeitraum vom Land Berlin erhält. Im Vergleich zu all dem Dercon-Money ist all das Geld für Popkultur oder Musicboard nur Peanuts.
Diese obszöne Überfinanzierung von Dercons Eventkultur läßt jede Relation vermissen, zumal die Freie Szene auch im neuen Haushaltsplan von Müller, Renner und Co. jenseits von warmen Worten wenig Brauchbares findet, und etablierte kleinere Spielorte oder Off-Theater-Truppen leer ausgehen. Aber Tim Renner soll ja, so ist zu hören, planen, „Scouts aus der freien Szene zu berufen, die Ausschau nach leeren Räumen halten sollen“ („Berliner Zeitung“). Echt nachhaltige, perspektivenreiche Kulturpolitik eben.

04.10.2015 - 11:54

Und dann war da noch das Lollapalooza-Festival, das erstmals in Europa gastierte, auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Vorab gab es im Berliner „Tagesspiegel“ eine mehr als halbseitige, als redaktioneller Beitrag getarnte Werbung, in der die üblichen Floskeln unkommentiert und unhinterfragt abgedruckt wurden, mit denen die „Lolla“-Macher eben so hantieren. Alles aus dem neuen neoliberalen Wörterbuch der Uneigentlichkeit, jede Plattitüde, die bereitsteht und nichts bedeutet: „Berlin ist eine Kunst- und Kulturmetropole“, erfahren wir so dankenswerterweise von der Festivaldirektorin, und: „Diese Stadt verdient es so sehr, so ein großes Festival zu haben“ (aber verdienen an dem Festival nicht ganz andere? etwa der Live Nation-Konzern, der weltgrößte Konzert- und Tourneeveranstalter, der bevorzugt die Präsidentschaftskampagnen von US-Republikanern finanziert, wie schon sein Vorgängerkonzern Clear Channel den Wahlkampf von George W. Bush?). Am gleichen Tag, an dem die unkritische Lollapropaganda im „Tagesspitzel“ zu lesen war, konnte man andernorts von einer Studie über die Mediennutzung hierzulande erfahren: Demzufolge lesen die 14- bis 29-Jährigen nur noch neun Minuten täglich Zeitung, was einen bei der angebotenen Qualität nicht so recht wundern will. Mag sein, daß das böse Internet daran Schuld ist, aber anders, als es die Zeitungskonzerne immer wieder behaupten: Denn im Internet können netzaffine (also meist jüngere) Menschen feststellen, daß die Zeitungen alle größtenteils das gleiche schreiben. Warum sollten sie dafür Geld ausgeben?

Ansonsten war die Berliner Lollapalooza eine mißlungene und schlecht organisierte  Veranstaltung, wenn man den Medien glauben darf: „Ich stand fast anderthalb Stunden für mein Bändchen an. Das Frühprogramm war jedoch ohnehin bestückt mit Langweilern wie James Bay oder den Mighty Oaks (...) Am besten besucht war der Auftritt des an Harmlosigkeit kaumnzu überbietenden Kinderrappers Macklemore“, berichtet Markus Schneider in der „Berliner Zeitung“, und ergänzt: „Rund 50 Prozent der Besucher waren Touristen, die wohl vom Markennimbus angelockt wurden“, was sich mit dem deckt, was man von Insidern so hört, nämlich, daß nur etwa die Hälfte der bis zu 500 Euro teuren Tickets überhaupt in Berlin verkauft wurden. Schneider zieht das Fazit, daß „das ganze Setting etwas regressiv war und an Pauschalreisen erinnerte“, eine „betäubend friedliche Pop-Version von Disneyworld“.
„Wenig Platz und endlose Schlangen“, moniert die Kritikerin der „taz“ das Festival, das sich ihrer Ansicht nach „alles andere als abseits vom Mainstream verortet“. Und Gerrit Bartels beginnt seinen Bericht unter dem Titel „Mainstream der Individualisten“ im „Tagesspiegel“ mit den Worten: „Was für ein Debakel“ und erzählt von „Menschenschlangen überall“.
Auf der „Alternative Stage“ steht rechts und links groß: „Be Different“ und „Be Alternative“. Das kennt man von der Bierwerbung: „The beer for a fresh generation“ oder „für Vorreiter, nicht für Mitläufer“ bewarb die Mitläufer-Biermarke Beck’s weiland ihre Dünnware, den KundInnen wird suggeriert, sie seien etwas ganz Besonderes, eben „different“, wenn sie das trinken oder hören, was alle trinken oder hören. So, wie bekanntlich der Ballermann auf Mallorca das letzte Refugium selbstbestimmter Individualtouristen ist.

Kerstin Grether kritisierte in der „Zeit“, daß beim sich ach so alternativ gebenden Lollapalooza, dem großkotzig selbsternannten „Woodstock des neuen Jahrtausends“ der Anteil von Musikerinnen „noch unter dem obligatorischen Festival-Durchschnitt“ von 8 Prozent lag. Laut „taz“ barmt der Lollapalooza-Booker Stefan Lehmkuhl (der auch Booker des Berlin-Festivals und von Melt ist), „man habe mit Florence + The Machine einen weiblichen Headliner buchen wollen  das sei an der Gage gescheitert“. Jetzt mal im Ernst? Lehmkuhl will uns weismachen, daß bei einem Festival, das angeblich ausverkauft war, also bei 45.000 BesucherInnen pro Tag eine satt zweistellige Millionensumme eingespielt haben dürfte, nicht genug Geld für Florence + The Machine oder andere weibliche Acts in der Kasse war? Awcmon, verarschen können wir uns selber, Herr Lehmkuhl! Zumal es ja auch andere, großartige Musikerinnen gegeben hätte. Nichtkommerzielle Festivals wie Roskilde machen es vor, wie man ein anspruchsvolles, vielseitiges und interessantes Line Up bucht. Dort werden die Gewinne allerdings auch nicht an Live Nation abgeliefert, sondern sozialen und ökologischen Projekten gespendet...
Lollapalooza ist eben „nicht mehr cool, sondern ein Inventarstück der Musikindustrie“ (US-Kritiker Robert Chistgau, 1995), Lollapalooza ist eine einzige, gigantische Mogelpackung und ein kommerzielles Ereignis, das der Kommerzialisierung der Alternativkultur durch die größten multinationalen Konzerne dient.

„Fuck Lollapalooza. That isn’t rock and roll.“
„Coachella, Lollapalooza, Bonnaroo — the lineups are the fucking same. It’s about numbers, it’s about bottom lines, it’s about measuring groups and cultures of people and the numbers that they represent on a bottom-line agenda. All the lineups are becoming more and more the same, the same fucking headliners.“ (Justin Vernon/Bon Iver im sehr interessanten Interview mit Grantland)

04.10.2015 - 11:51

Nach Forschungsergebnissen kanadischer Astrobiologen bieten ferne Welten bessere Bedingungen für Entstehung und Entwicklung von Leben als die Erde. Diese „superhabitable  worlds“ werden durch von den Astronomen so bezeichneten „roten Zwergen“ bestrahlt, besitzen mehr Oberfläche und eröffnen der belebten Natur damit mehr Raum, sich zu entfalten, und machen die Entstehung hoch entwickelter, außerirdischer Daseinsformen sehr wahrscheinlich.
Das wundert mich wenig. Klar, daß es irgendwo in den Fernen des Alls Leben ohne Rassisten, ohne Ausbeutung und Finanzkapitalismus, ohne Blödzeitung und Kulturindustrie, ohne Helene Fischer und Dieter Gorny geben muß. Und ebenfalls klar, daß solche Planeten von „roten Zwergen“ bestrahlt werden...

04.10.2015 - 11:50

Nun belästigen uns die bürgerlichen Medien, die Qualitätspresse, die Rundfunk- und Fernsehanstalten und die einschlägigen Magazine wieder fast tagtäglich mit ihrer Hofberichterstattung zu dem Spektakel, das in den USA als „Präsidentschaftswahlkampf“ bzw. als Vorwahlkampf inszeniert wird, und es wird noch über ein Jahr dauern. Sie wissen schon, das ist dieser Zirkus, bei dem eine Minderheit der Bevölkerung die Wahl zwischen einem rechten und einem Mitte-Rechts-Kandidaten haben wird, und der dem Rest der Welt als Demokratie verkauft wird.
Bisheriger Höhepunkt der hiesigen Berichterstattung war der Feuilleton-Aufmacher im laut aktuellen Büchner-Preisträger Rainald Goetz „Zentralorgan der Arschlochwelt“, also der „Zeit“, am 17.9.d.J. Titel: „Trumps Welt“. Untertitel: „Der amerikanische Populist trifft auf eine Stimmungslage voller Enttäuschung und Realitätsverweigerung. Haben wir ihn verdient?“, fragt Hans Ulrich Gumbrecht. Auf so eine Frage muß man auch erstmal kommen, dann darf man Aufmacher im Feuilleton der „Zeit“ schreiben: Haben „wir“ „ihn“ „verdient“?!?

Oder, andersherum gefragt: Hat Obama Pegida und Frigida verdient?
Seltsame Logik.

Es wäre jedenfalls schön, wenn man die nächsten Monate von all den wichtigtuerischen Artikeln über Herrn Trump, Frau Clinton und all die anderen weitgehend verschont bliebe. Man könnte stattdessen ja in ähnlicher Ausführlichkeit über transatlantische Politikkonzepte berichten und diskutieren. Denn Trump zum Beispiel ist eine reine Projektionsfläche der kleinbürgerlichen US-Rechten und der bürgerlichen Presse hierzulande, er wird weder US-Präsident werden noch auch nur Präsidentschaftskandidat der Republikaner, ganz egal, ob „wir“ ihn nun „verdient“ haben oder nicht. Man braucht nur einen kurzen Blick auf die Analyse von Nate Silver werfen, dem amerikanischen Statistiker, Wahlforscher und Publizisten, der bei der Präsidentschaftswahl 2008 mit einer Ausnahme alle Ergebnisse in allen Bundesstaaten ebenso richtig vorausgesagt hat wie die Gewinner aller Wahlen zum Senat und der von „Time“ zu den 100 weltweit einflußreichsten Persönlichkeiten gezählt wurde (daß Wahlforscher zu so etwas werden, kann auch nur in den USA passieren...). Dieser Nate Silver jedenfalls hat analysiert, daß Trump bei weitem nicht so populär unter den Republikaner-WählerInnen ist, wie allüberall getan wird. Sicher, Trump führt die Umfragen aktuell an – wenn man aber alle Umfragen nach „favorable“ und „unfavorable“ analysiert, woraus Silver ein Kriterium namens „Netto-Beliebtheit“ errechnet, liegt Trump nur an 13. Stelle unter 17 Kandidaten. Denn er ist zwar bei 47% der Befragten beliebt, aber eben auch bei 43% unbeliebt. Nate Silver vergleicht Donald Trump in einem Blogbeitrag mit der Band Nickelback: bei vielen Leuten unbeliebt, aber von ein paar die-hard-Fans vorbehaltlos bewundert. Bei Trump ist es jedoch laut Silver ein wenig anders: er wird weniger von passionierten Republikanern bevorzugt denn von wenig informierten WählerInnen („low-information voters“). Und die entscheiden nun mal nicht über die Aufstellung des Präsidentschaftskandidaten der Republikaner. Alle Aufregung, alle Leitartikel über Donald Trump sind vergebens und völlig überflüssig, sieht man mal von den Zeilenhonoraren für ihre Autoren ab. Love’s labor’s lost.

04.10.2015 - 11:47

Wie die Investitionsschutzregelungen zwischen den USA und der EU ablaufen sollen, zeigt das Beispiel immenser Umweltschäden im Quellgebiet des Amazonas durch den US-Ölkonzern Chevron. Das oberste Gericht Ecuadors hat Chevron dafür im November 2013 zu einer Schadensersatzzahlung von 9,5 Milliarden US-Dollar verurteilt. „Fast 30 Jahre lang hatte der Texaco-Konzern, der 2001 von Chevron übernommen wurde, Öl im größten Urwaldgebiet der Erde gefördert und dabei mit 30 Milliarden Litern hochgiftiger Rückstände Boden und Gewässer verseucht“, berichtet die „Berliner Zeitung“. „Doch anstatt zu bezahlen, berief sich Chevron auf ein 1997 zwischen den USA und Ecuador unterzeichnetes Freihandelsabkommen und auf die darin enthaltenen Investitionsschutzregelungen“ (die den Regelungen, wie sie in CETA und TTIP geplant sind, entsprechen). Auf deren Basis verklagte der US-Konzern Chevron den südamerikanischen Staat und erhielt recht: Chevron schuldet Ecuador und den Menschen im Quellgebiet des Amazonas bis heute jeden Ausgleich, jegliche Regulierung der immensen Umweltschäden, die der Konzern dort verursacht hat, stattdessen wurde Ecuador „von einem Schiedsgericht zur Zahlung von 77 Millionen Dollar an Chevron verurteilt“.
Unglaublich? Aber wahr! Vereinbarungen wie TTIP oder CETA ermöglichen den multinationalen Konzernen Klagen gegen Staaten, wenn sie ihre Investitionen durch staatliches Handeln beeinträchtigt sehen – Investitionsschutz schlägt Menschenrecht.
Die „Berliner Zeitung“ berichtet weiter, daß „die Zahl solcher Auseinandersetzungen, die meist von hochbezahlten Wirtschaftsanwälten vor nicht-staatlichen Schiedsgerichten“, die fernab der bestehenden Justiz und im Geheimen agieren, „ausgetragen werden, weltweit ansteigt.“ Und laut einer Untersuchung der US-Verbraucherorganisation Public Citizen können auch heute schon, ohne Unterzeichnung des TTIP-Abkommens, 82 Prozent der 51.495 US-Unternehmen, die in der EU tätig sind, das europäisch-kanadische Freihandelsabkommen CETA zum Zweck des „Investitionsschutzes“ nutzen, weil diese US-Firmen nämlich über Tochterfirmen in Kanada verfügen. Und CETA ist laut Gabriel „ausverhandelt“, wie er im November 2014 vor dem Bundestag bekannte...

Der amerikanische Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz erklärt, daß bei TTIP „die Regelungen zum Schutz geistigen Eigentums, die vereinbart werden, eigentlich eine Einschränkung des freien Handels sind.“ Und er stellt fest, daß die TTIP-Regelungen menschenfeindlich sind, und nennt ein Beispiel: „Nehmen Sie Asbest: Als vor Jahrzehnten festgestellt wurde, daß das giftig ist, mußten die Hersteller Entschädigung zahlen. Nach TTIP-Logik müßte die Regierung dem Hersteller eine Entschädigung dafür zahlen, daß er nicht weiter Menschen vergiften darf.“ („Tagesspiegel“)

04.10.2015 - 11:46

Das „globale Migrationspendel“ schlägt zurück, sagt der Münchner Soziologe Stephan Lessenich. Er bezieht sich darauf, daß die europäische Auswanderung in den Jahrhunderten zuvor und die Ausbeutung der Kolonien den Ursprung des nördlichen kapitalistischen Reichtums begründet haben. Heute, so Lessenich, haben wir eine Weltungleichheitsskala, nach der alle (!) Einkommensgruppen in den europäischen Ländern zu den reichsten 20 Prozent der Welt gehören, während große Teile des südlichen Afrikas zu den ärmsten 10 Prozent zählen. Die Geschichte der europäischen Demokratien und Wohlfahrtsstaaten habe eine unerzählte Parallelgeschichte der „sozialen Ungleichheit, politischen Autokratie und ökologischen Ausbeutung in den Ländern des globalen Südens, die damit dauerhaft in ihren Entwicklungschancen behindert wurden“. In diesen zwei Welten herrschen also eigene stabile Strukturen der Ungleichheit. Man kann die Schande Europas im Mittelmeer nicht bekämpfen, ohne sich dieser grundlegenden Frage bewußt zu sein. Es gelte, so Lessenich, die extremen sozialen Ungleichheiten abzubauen „durch eine Kombination von Wachstumsverzicht der reichsten Gesellschaften und einer egalitären Wachstumsstrategie für die ärmsten“. (zitiert nach Medico-Rundschreiben 02/15)

Klar ist: Keine europäische Nation exportiert mehr Elend als die deutsche. Und „der Kapitalismus war und ist – und wird es bis in seine letzten Züge bleiben – ein auf systematischer Ungerechtigkeit und strukturellem Rassismus aufbauendes Wirtschaftssystem, das naturgemäß zu Migrationsbewegungen der Ausgebeuteten führt“ (der Philosoph Armen Avanessian in der „Zeit“).
Und ebenso ist klar, daß „die Politik“ von Teilen der Gesellschaft zwar dazu gezwungen wurde, so etwas wie eine „Willkommenskultur“ zu etablieren, doch kaum haben sich deutsche Politiker an ihrer plötzlich hervortretenden Menschlichkeit besoffen, beginnen dieselben Politiker, die Flüchtlinge in gute Kriegsflüchtlinge und böse Wirtschaftsflüchtlinge aufzuteilen, in Flüchtlinge mit Berufsausbildung und Sprachkenntnissen, also „junge, leistungsbereite Menschen, die sich integrieren wollen“ (SPD-Fraktionschef Oppermann im Bundestag) auf der einen und in solche, die „unsere“ Wirtschaft nicht gebrauchen kann, die sich also nicht anpassen und nicht integrieren wollen und die in „sichere Herkunftsstaaten“ abgeschoben werden müssen. Und was sicher ist, entscheidet die Regierung unter tätiger Mithilfe der Grünen. Migranten vom Balkan gelten als Asylbetrüger und müssen abgeschoben werden (da kann selbst die bürgerliche SZ noch so häufig erklären, daß 90 Prozent der Serben, die dieses Jahr in Deutschland einen Asylantrag gestellt haben, Roma waren, also in ihrem Herkunftsland unterdrückt und verfolgt werden – Roma sind eben nicht „nützlich“...).

Und wer „nur“ vor der von Europa produzierten Armut oder vor der von den Industriestaaten rücksichtslos produzierten Klimakatastrophe geflohen ist, gilt als Betrüger, der „unser“ Asylrecht „mißbraucht“, also irgendwie „illegal“ ist. Dabei ist der eigentliche Skandal doch der permanente Mißbrauch des Grundrechts auf Asyl durch die Politik, wie Christian Bommarius in der „Berliner Zeitung“ erklärt: „Denn es ist die Politik selbst, die den Mißbrauch des Asylrechts seit einem halben Jahrhundert unbeirrt betreibt. Jahrzehntelang hat sie sich der Einsicht verschlossen, daß ein großer Teil der Menschen, die Einlaß begehren, nicht als politisch Verfolgte kommen, sondern als Armuts- und Umweltflüchtlinge, denen verweigert wird, was sie – im Prinzip – gar nicht verlangen. Sie suchen keine Zuflucht, sondern eine neue Heimat, für sie ist nicht Art. 16a des Grundgesetzes (Asylrecht) zuständig, sondern Art. 1: ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar.’“

Aber die Deutschen haben eben Erfahrung im Sortieren von Menschen, es steckt tief in ihnen, wie man an der Rampe steht. Heiner Müller hat in seinem letzten Interview im Sommer 1995, als er in Bayreuth zusammen mit Daniel Barenboim den Tristan inszeniert hat, beeindruckend darauf hingewiesen, wie das Grundprinzip der „Selektion“ entstand: „Die Losung der Pariser Commune war: Keiner oder alle. Und jetzt heißt es in den reichen Ländern mit Blick auf die übervölkerten, näherrückenden Armutszonen: Für alle reicht es nicht.“
Drehen wir einmal den Spieß um und stellen fest, was aus unserer Sicht wahrhaft „alternativlos“ ist: nämlich, zurückzukehren zum Prinzip der Pariser Commune: Keiner oder alle! Alle Menschen sind gleich! Alle Menschen verdienen die gleichen, würdevollen Lebensumstände!  Und wenn uns Politiker weismachen wollen, daß so eine Haltung Probleme mit sich bringen werde: angesichts massenhaft ertrinkender Flüchtlinge im Mittelmeer und an den Grenzanlagen und Mauern, die Europa 26 Jahre nach dem Mauerfall errichtet hat, ist der Hinweis auf solcherart Probleme geradezu obszön! Probleme haben einzig die Flüchtlinge, und ihnen muß geholfen werden. Allen.

So, wie das kleine und nicht allzu reiche Libanon mit seinen xx Einwohnern derzeit 1,147 Millionen Flüchtlinge beherbergt, sollte es dem reichen Europa ein Leichtes sein, eine im Verhältnis zu seiner Bevölkerungszahl und zu seinem Reichtum kleine Zahl von Flüchtlingen aufzunehmen und dauerhaft zu beherbergen. „Schnell und spektakulär waren die Rettungsaktionen für jene Banken, die durch die Finanzkrise von 2008 in Not gerieten. Die EU-Staaten haben sie mit 1,6 Billionen Euro vor der Pleite bewahrt. (...) Die Finanzkrise kostete allein Deutschland 187 Milliarden Euro. Als das Überleben der Banken auf dem Spiel stand, zeigte sich Europa entschlossen und aufopferungsvoll. Wenn hingegen Menschenleben in Gefahr sind, handelt es weniger entschieden.“ (Byung-Chul Han im „Tagesspiegel“) Die technokratischen Institutionen versuchen, seit der von ihnen herbeigeführten Finanzkrise 2008 oder zuletzt in der von ihnen herbeigeführten „Griechenlandkrise“, ihre Hegemonie wiederherzustellen. Eine Hegemonie des Finanzkapitalismus, der die Interessen der Menschen ignoriert. Eine barbarische Politik – „woran liegt es, daß wir immer noch Barbaren sind?“ (Friedrich Schiller) Genug Geld jedenfalls ist da, den Flüchtlingen, den Menschen zu helfen – Geld, das den Banken 2008 bereitwillig (?) zur Verfügung gestellt wurde. Oder: Stolze 3,1 Billionen Euro werden in den kommenden Jahren bis 2024 hierzulande vererbt. Da werden doch paar Milliarden für Menschen in Not möglich sein. –

Und ein Letztes noch: Wer sich wie Außenminister Steinmeier hinstellt und die Schlepper geißelt und fordert, daß den Schleppern das Handwerk gelegt werden muß, aber gleichzeitig am Rand Europas Mauern und Zäune errichtet und Frontex Patrouille durchs Mittelmeer pflügen läßt, um Flüchtlinge abzuwehren, sie also in die Arme der Schlepper treibt, der beweist einen Ungeist, der mit der Vokabel „pharisäerhaft“ sehr freundlich umschrieben wird. Es gibt eine sehr einfache Lösung, die meisten Flüchtlinge vor den Schleppern, also vorm Ertrinken im Mittelmeer oder dem Ersticken auf Europas Autobahnen zu retten: Kauft ihnen billige Flugtickets, mit denen sie legal nach Europa einreisen können. Schickt meinetwegen Bundeswehrflugzeuge in die Krisengebiete, um die Flüchtlinge einzufliegen. Wer stattdessen die Stacheldrahtzäune an den Außengrenzen Europas immer weiter in die Höhe treibt, hat Schuld am Tod der Flüchtlinge. Und wenn die Bundesregierung am 3.Oktober „Grenzen einreißen“ feiern läßt, ist das angesichts der Realität der selektiven Flüchtlingspolitik, die nicht nur von Seehofer und seinem reaktionären Kumpel Orban gefordert und betrieben wird, nur noch zynisch.

04.10.2015 - 11:44

„Ich kann doch nicht einen Flüchtling, der nichts weiter hat als das, was er trägt, mit einem Kind auf dem Arm durch NATO-Draht laufen lassen.“
Mit diesen Worten lehnte dagegen Talat Deger, Geschäftsführer der Neuköllner Zaun- und Drahtfirma Mutanox, laut „Berliner Zeitung“ einen 500.000 Euro schweren Auftrag der ungarischen Regierung ab.

05.09.2015 - 16:16

Schon interessant, daß die komplette eingebettete Musikpresse, die doch sonst grundsätzlich über jeden Pups, den der Cheflobbyist der deutschen Musikindustrie irgendwo fahren läßt, aufgeregt und ausführlichst zu berichten weiß, in der Woche, da der „Spiegel“ groß über Dieter Gorny schreibt, dies geflissentlich übersieht. Nun ja, ist auch nichts wirklich Schönes, was der „Spiegel“ da über Gorny und Gabriel kundtut und darüber, wie der eine Plum den anderen Plum zu seinem Regierungs-„Beauftragten für Kreative und Digitale Ökonomie“ gemacht hat:

„Ein Cheflobbyist mit Regierungsposten, das ist ein Tabubruch im Hauptstadtbetrieb – und für jeden Interessenvertreter ein schöner Traum“, weiß der „Spiegel“. Allerdings sieht es wohl so aus, daß Gorny sich seinen Ministeriumsposten quasi selbst verschafft hat. „Wichtige Teile seines Vertrags stammen aus eigener Feder“, ergibt sich aus der Auswertung von E-Mails aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Demzufolge schickte der „zuständige Referatsleiter kurz nach einem Besuch des Lobbyisten im Minsietrium eine Mail an seine Kollegen. Die Hausleitung habe darum gebeten, einen Ministerbrief an Gorny zu entwerfen. Mit dem Schreiben solle Gorny zum Beauftragten bestellt werden. (...) Die Berufung stehe ‚in engem Zusammenhang’ mit einer Konferenz zur Kreativwirtschaft, die Gorny gegenüber Gabriel ‚angeregt’ habe und die ‚in enger Abstimmung mit ihm’ durchgeführt werden sollte.“
Und weiter heißt es im „Spiegel“: „Das Ministerium bat Gorny sogar, sein Aufgabenprofil selbst zu entwerfen.“ Dem kam Gorny flugs nach, und wer das Dokument neben den finalen Vertrag lege, stelle etliche Parallelen fest. „So wurde etwa Gornys Wunsch erhört, daß er in Zukunft die Kreativwirtschaft besser mit den ‚Förderstrukturen’ des Ministeriums verknüpfen soll. Daß Gorny bei der ‚Entwicklung geeigneter Diskursplattformen’ oder der Vermittlung der Themen ‚in den parlamentarischen Raum’ mithelfen soll“, geht ebenfalls auf Gornys Eigeninitiative zurück.

Grünen-Politiker Malte Spitz fordert das, was jeder klar denkende Mensch fordern muß, nämlich, daß Gabriel die Berufung seines Parteifreundes zurücknehmen müsse: „Ein Lobbyist, der als Beauftragter des Bundes sein eigenes Aufgabenprofil schreibt und so massiv eigene Interessen bei der Förderpolitik des Bundes verfolgt, ist unhaltbar“, wird der Grünen-Politiker im „Spiegel“ zitiert.

Alles kein Thema für die Branchenmagazine der Musikindustrie?!?

Interessant ist übrigens, daß aus dem Wirtschaftsministerium heraus ohnehin an der Kompetenz Gornys gezweifelt wird: Laut „Spiegel“ „zweifelten Beamte ‚fachlich (!)’ am Mehrwert des neuen Mitarbeiters, wie es in den internen Mails heißt. Der Leiter des Referats OC4 wollte nicht erkennen, warum die Aufgaben von Gorny nicht auch vom Stammpersonal erledigt werden können.“ Ja, warum eigentlich nicht? Weil der sozialdemokratische Wirtschaftsminister unbedingt seinem Parteifreund einen Regierungsjob zuschustern wollte, der diesem Einfluß und wichtige interne Informationen verschafft. So dreist haben nicht einmal je die berüchtigsten FDP-Minister den Lobbyverbänden Einblicke und Posten in ihren Ministerien verschafft. „Die Informationen, die über seinen Schreibtisch laufen, sind unbezahlbar. Demnächst steht eine Reform des Urheberrechts an. (...) Da kann es nur helfen, einen Spitzenvertreter beim Wirtschaftsminister zu platzieren.“
Stellen Sie sich mal vor, der Cheflobbyist der deutschen Atomindustrie würde im Wirtschaftsministerium sitzen als "Beauftragter für Energiepolitik", seinen Vertrag hätte der Atomlobbyist selbst formuliert, und als erstes würde der Atomlobbyist frech eine Konferenz über die Atomwirtschaft organisieren und all seine Kumpel aus den Atomkonzernen einladen...
Ach ja: Die von Gorny gewünschte Konferenz findet am 18.9. auf Einladung des Wirtschaftsministeriums in Berlin statt. Die Liste der Protagonisten dieser Konferenz wirken wie ein vom Bundesverband der Musikindustrie handverlesenes Insidergremium. Mission accomplished.

05.09.2015 - 16:08

Variation eines Halbsatzes von Wiglaf Droste:
„Das Wort ‚Marketing’ ist noch nicht in eine mir zugängliche menschliche Sprache übersetzt worden“
– weswegen mit sofortiger Wirkung alle sogenannten Marketingabteilungen aller Konzerne der Konsumindustrie zu schließen und die dort Beschäftigten einer sinnvollen, der Menschheit nützenden Tätigkeit zuzuführen sind.

05.09.2015 - 16:06

Literaturempfehlungen im ZDF, serviert von Markus „hochspannend“ Lanz mit seinem sehr, sehr hochdifferenziertem Sprachgefühl (Ausschnitte):

Christo Brand/Barbara Jones, Mandela – Mein Gefangener, mein Freund
„...ein sehr, sehr lesenswertes Buch...“
(Markus Lanz)

Michael Behrendt, Vertuscht, verraten, im Stich gelassen – ein Polizeireporter deckt auf
„Ein sehr fesselndes, bewegendes Buch. Sehr, sehr lesenswert.“
(Markus Lanz)

Felix Baumgartner, Himmelsstürmer
„Ein sehr, sehr lesenswertes Buch.“
(Markus Lanz)

Philipp Möller, Bin isch Freak, oder was?
„Ein sehr, sehr lesenswertes Buch.“
(Markus Lanz)

Matthias Onken, Bis nichts mehr ging
„Ein sehr, sehr lesenswertes Buch.“
(Markus Lanz)

Christian Fuchs/John Goetz, Geheimer Krieg
„Ein sehr, sehr lesenswertes Buch.“
(Markus Lanz)

Jörg Nießen, Die Sauerei geht weiter...
„Ein wirklich tolles Buch. Sehr, sehr lesenswert.“
(Markus Lanz)

Kester Schlenz/Till Hoheneder, Der kleine Phrasendrescher
„Eine sehr, sehr lesenswerte Lektüre.“
(Markus Lanz)

Dagegen wird von diesen beiden Büchern eher abgeraten, sie haben es bei Markus Lanz nicht einmal zum doppelten „sehr“ gebracht:

Uwe Woitzig, Hofgang im Handstand
„Ein sehr lesenswertes Buch.“
(Markus Lanz)

Christian Fuchs/John Goetz, Die Zelle: Rechter Terror in Deutschland
„Ein sehr lesenswertes Buch.“
(Markus Lanz)

(Mehr über Markus Lanz, seine Talkshow und seinen Style können Sie im Kapitel „Shows“ meines neuen Buchs „I Have A Stream“ lesen. „Sehr, sehr lesenswert“, würde Lanz sagen, wenn er das Buch in seiner Talkshow vorstellen müßte.)

05.09.2015 - 16:03

Doch wollen wir nicht so tun, als ob kenntnisreiche und verfeinerte Literaturkritik eine Domäne des Rentnersenders ZDF wäre. Nein, die ARD kanns auch. Dort hält man sich einen Denis Scheck als Literaturmann, der sich anläßlich der Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse an Jan Wagner, den Vertreter einer sozusagen „radikalprivatistischen Poesie“ (Jan Kuhlbrodt) zu dieser Lobeshymne verstieg:

„Jan Wagner schreibt wunderbare Gedichte über so gegensätzliche Themen wie den Giersch im Garten oder Koalabären, außerdem besitzt er perfekte Umgangsformen und nutzt sein Dichtertum nicht als Ausrede für schlechtes Benehmen und mangelnde Körperhygiene. Was kann man von einem Lyriker mehr erwarten?“

Ja, was kann man von einem Lyriker mehr erwarten, als daß er sich gut benimmt und der auch einem Denis Scheck ausreichenden Körperhygiene befleißigt? Vielleicht: passable Gedichte zu schreiben? So weit will Scheck aber nicht gehen, Gedichte über Koalabären und ein Lyriker mit perfekten Umgangsformen sind ihm Anlaß genug für seine Lobhudele.
Die von Bert Papenfuß und anderen redaktionell betreute Literaturzeitschrift „Abwärts“ und ihr „Infektionskomitee Abwärts!“ hält Schecks Diktum jedenfalls konsequent entgegen: „Lyrik wäscht sich nicht“ und fordert auf, „ungebleichte Texte und Kommentare jeglicher Couleur (bzw. Odeur) einzusenden.“

Abwärts! ist übrigens genauso wie "Drecksack - Lesbare Zeitschrift für Literatur" eine, wie würde Markus Lanz sagen?, „sehr, sehr lesenswerte Literaturzeitschrift“ und hilft Ihnen unbedingt weiter, wenn Sie wieder mal von der generalgereinigten, meisterpropperen Bürgerpresse und deren nichtssagenden Umgangsformen die Nase voll haben...

05.09.2015 - 15:59

Und was all die Pressefotografen angeht, die sich immer wieder über angebliche Beeinträchtigung der Pressefreiheit beschweren, wenn sie mal eine Künstlerin oder eine Band nicht stundenlang abfotografieren dürfen (denn in kleinerer Währung haben sie’s nicht – kritiklos embedded in die Konsumwelt der Kulturindustrie die meisten, wenn sie aber im Betrieb und als entsprechende Nudel mal nicht ihren mageren Profit machen können, geht’s gleich um einen Fall für die UN-Menschenrechtskommission oder doch mindestens Amnesty International...) – lest diesen kleinen Text von Hermann L. Gremliza:

„Pressefreiheit, die auf Paten wie John Milton, Thomas Jefferson und Voltaire stolz ist, hat einen neuen Helden. Er heißt Michael Konken. Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands protestiert gegen ‚die Akkreditierungsbestimmungen der Konzertagentur Semmel Concerts Entertainment zur gerade begonnenen Deutschland-Tournee von Helene Fischer. Sie seien ein Knebelvertrag.’
Die Knebeler wollten den Bildjournalisten
‚jegliche Weitergabe der Produktion an Dritte, auch an andere Redaktionen etc., ohne vorherige schriftliche Genehmigung’ untersagen. Damit war die Semmel Concerts Entertainment bei John Thomas François-Marie Konken aber an den Richtigen gekommen. Die Knebelung sei ‚ein inakzeptabler Eingriff in die Pressefreiheit. Er forderte die Agentur auf, Bildjournalisten ohne Vorbedingungen zu den Konzerten von Helene Fischer zu akkreditieren. Andernfalls sollten die Fotografen auf die Berichterstattung verzichten.’

Was den Konken von seinen Ahnen unterscheidet? Keiner von ihnen wäre auf die Idee gekommen, die Frage, wer die Helene Fischer wann und wo abbilden und das Bild wem verkaufen darf, eine der Pressefreiheit zu nennen statt eine des Geschäfts und vielleicht noch eine der Würde, die ein Bildjournalist, der auf Helene Fischer ansitzt, naturgemäß nicht haben kann.“
Auch sonst ist „Konkret“ immer eine sehr lesenswerte Zeitschrift.

05.09.2015 - 15:55

Das Bundesfinanzministerium gibt am 12.8.d.J. in einer Pressemitteilung kund:
„Auf Initiative der Europäischen Kommission soll im zweiten Halbjahr 2015 anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Europaflagge von allen Mitgliedsstaaten der Euro-Zone eine motivgleiche 2-Euro-Gedenkmünze herausgegeben werden. Vor diesem Hintergrund hat die Bundesregierung am 12. August 2015 beschlossen, eine 2-Euro-Gedenkmünze „30 Jahre Europaflagge“ prägen zu lassen und im November 2015 auszugeben.
Die nationale Seite der Münze unterscheidet sich in den einzelnen Euro-Mitgliedsstaaten nur durch den Namen des Ausgabelandes sowie die nationalen Münzzeichen.
Das Motiv der Bildseite wurde entsprechend dem von der EU-KOM vorgeschlagenen Verfahren von Bürgerinnen und Bürgern der Europäischen Union im Ergebnis einer Internet-Abstimmung als Sieger aus fünf Vorschlägen gewählt. Es wurde von Georgios Stamatopoulos, einem für die griechische Zentralbank tätigen Bildhauer, entworfen und zeigt 12 Sterne, die die Gestalt von Menschen annehmen und die Geburt eines neuen Europa begrüßen.
Die Wertseite der Münze, die Randschrift und die technischen Parameter entsprechen der „normalen“ 2-Euro-Umlaufmünze.
Der Münzrand der deutschen 2-Euro-Gedenkmünze enthält in vertiefter Prägung unverändert die Inschrift: „EINIGKEIT UND RECHT UND FREIHEIT““

Das Krisenregime der EU unter dem Kuratel der deutschen Regierung findet jenseits aller demokratischen Legitimationen statt – aber wenn sie neue Euro-Münzen herausbringen, spielen die Herrschenden Demokratie und lassen über das Motiv abstimmen. Die BürgerInnen haben nichts zu sagen, außer beim schmückenden Beiwerk der Münzen.

05.09.2015 - 15:53

Schon immer waren Wiener Versionen von großen amerikanischen Alben der Popkultur besonders interessant und eigentlich die einzigen gelungenen Übertragungen in die deutsche Sprache – ich denke an die Bob Dylan-Songs von Wolfgang Ambros („Allan wia a Stan“, oder „I bin’s ned“, oder „Denk net noch“) oder an Ostbahn Kurti, der u.a. Townes Van Zandt genial ins Weanerische übertrug („Liagn & Lochn“ / „At My Window“). Offensichtlich schmiegen sich einige der größten Songs amerikanischer Singer/Songwriter „geradezu in Wiener Befindlichkeiten zwischen Schmäh, Angst und Ennui“, wie Ulrich Kriest in anderem Zusammenhang im August-Heft von „Konkret“ schreibt. Und der andere Zusammenhang ist das Album von „Die Buben im Pelz & Freundinnen“, die das komplette erste Velvet Underground-Album ins, ähem, Weanerische übertragen haben. Ich weiß, ich hab auch erst gedacht: Spinnen die? Sakrileg? Man hat ja den dumpfen kölschen Jong im Hinterkopf, der sich als Bob Dylan vom Rhein feiern läßt, weil er denkt, er habe His Bobness ins Kölsche übersetzt, und natürlich sollte so etwas nicht erlaubt sein.

Aber: bei den „Buben im Pelz & Freundinnnen“ funktionierts. Aus „I’m Waiting For My Man“ wird das tolle „Schwedenplatz“, es gibt „Venus im Pelz“, „Tiaf wia a Spiagl“ und den „Weana Blues“. Es ist nicht alles gelungen, vieles ist aber sehr schön und verdient Respekt und Bewunderung. Daß es statt Warhols Banane eine „Eitrige“ (eine Wurst namens Käsekrainer) auf dem Cover gibt (in der LP-Version zum Abziehen wie beim Original), ist eine hübsche Idee. Das Album ist um eine ganze Klasse besser als all das, was die doch etwas überschätzten österreichischen Wandas und Bilderbücher, die von der Musikindustrie und ihren medialen Vasallen gerade durchs Dorf getrieben werden, so veröffentlicht wird.

Es scheint da ein paar Retro-Tropfen im Trinkwasser der Wiener Gemeindebauten zu geben: Eine Gruppe namens „Erstes Wiener Heimorgelorchester“ (EWHO) hat letztes Jahr auf einem Album Kraftwerks „Mensch-Maschine“ in seine Einzelteile zerlegt. Was sich auch erstmal blöd anhört, aber reichlich toll ist. Ich sage nur: „Das Modell“! Hören Sie bei Spotify mal rein. Was Monkeymusic als Label macht, ist schon einzigartig, von Ernst Molden & Der Nino aus Wien bis zu Bolschoi Beat und den „Kosmonauten der Liebe“. Sorry Berlin, aber mir scheint: Vienna rules! Von wegen „Goodnight Vienna“...

05.09.2015 - 15:49

Slavoj Žižek zitiert in der „FAS“ Giannis Varoufakis, der einen außerordentlichen Moment während seiner Verhandlungen mit Brüssel beschrieben hat: Wie er Jeroen Dijsselbloem, den Präsidenten der Eurogruppe, einmal vorgeworfen habe, der könne doch nicht einfach ein Treffen der Eurozone einberufen und dabei einen Mitgliedsstaat – nämlich Griechenland – ausschließen. „Ich bin mir sicher, daß ich das kann“, habe Dijsselbloem geantwortet.

„Also habe ich nach einer juristischen Expertise gefragt, was für Unruhe sorgte“, so Varoufakis weiter. „Schließlich kam ein Rechtsexperte zu mir und sagte: ‚Juristisch gesehen existiert die Eurogruppe nicht, kein Vertrag hat sie zusammengerufen.’ Da gibt es also eine nichtexistente Gruppe, die im Besitz der größten Macht ist, das Leben der Europäer zu bestimmen. Sie ist keinem Rechenschaft schuldig, sie existiert nach dem Gesetz nicht. Es werden keine Protokolle geführt, alles ist vertraulich. Es geht um Entscheidungen beinahe um Leben und Tod, aber kein Mitglied muß sich dafür verantworten.“

Eine illegale Vereinigung also, die fernab aller Verträge und bar jeder auch nur minimalsten demokratischen Verankerung Entscheidungen über die europäische Politik trifft. Und die es geschafft hat, daß sie in der Öffentichkeit, in allen Medien als etablierte Institution zitiert wird. Davon kann die Cosa Nostra nur träumen.
„Was Varoufakis erzählt, ist nur ein Beispiel dafür, wie unsere demokratisch gewählten Staatsapparate mehr und mehr von einem Netzwerk der ‚Agreements’ und nicht gewählten ‚Expertengruppen’ ersetzt werden – die am Ende die wahre ökonomische (und militärische) Macht ausüben.“
(Slavoj Žižek)

05.09.2015 - 15:48

Bei der Nachberichterstattung zum Berliner Patti Smith-Konzert in den örtlichen Radiostationen ist mir wieder einmal aufgefallen, daß als Begutachtungskriterium für ein Konzert Pünktlichkeit ein entscheidendes Kriterium der hiesigen Musikjournalisten geworden ist, etwas, das man in keiner englischen oder französischen Publikation findet. Rock’n’Roll? Punkrock? Da wären mir viele wichtige Dinge eingefallen... in Deutschland allerdings ist wichtig am Rock’n’Roll: Pünktlichkeit! Wer hätte das gedacht.
Inforadio: „Patti Smith, die um 20 Uhr 15 pünktlich die Bühne betritt.“
Radio Eins: Moderator: „Wie ist es bei so einer Legende wie Patti Smith, hat die pünktlich angefangen?“ Konzertkritiker Helmut Heimann: „Relativ pünktlich. Also nicht um Punkt acht, aber um zehn nach acht oder so gings los... das ist wenn Künstler, die ein gewisses Alter haben, und das Publikum dann auch schon eher gesetzter ist... die meisten müssen am nächsten Tag arbeiten, dann geht es pünktlich um acht los, und dann ist man auch um elf oder so zuhause oder auf dem Nachhauseweg...“ und schon war die erste Minute der „Konzertkritik“ verplempert.
Mal jenseits der Frage, was nun genau dagegen sprechen soll, wenn ein Künstler oder eine Künstlerin das Publikum in einer ausverkauften Halle an einem heißen Sommertag nicht stundenlang warten läßt, interessiert mich an der „Pünktlichkeit“ natürlich das permanente Umherwedeln mit sehr deutschen Sekundärtugenden – und das hat durchaus System, ständig lesen wir im Musikjournalismus hiesiger Provenienz, daß ein Album „pünktlich“ erschienen sei (pünktlich zum Sommeranfang, „pünktlich zum Herbsteinleuchten“, „pünktlich zum Sommerende und zum Anfang der Clubsaison“, zur Tournee, zu wasauchimmer, Hauptsache: pünktlich! der deutsche Rockmusiker ist pünktlich! das zeichnet ihn aus).

Es sind die soldatischen Tugenden, die im deutschen Popjournalismus unserer Tage munter auferstehen – neben Pünktlichkeit ist das Marschgepäck wichtig – Bands haben ihr neues Album „im Gepäck“, manchmal aber auch noch andere Künstler: „Als Special Guest haben die Musiker BAP-Legende Wolfgang Niedecken im Gepäck.“
Oder der deutsche Rock- und Popmusiker macht Meldung, so jedenfalls will es der Popjournalismus: Der Künstler meldet sich mit einem neuen Album zurück...
Stillgestanden! Gefreiter.. äh... nein: Rockmusiker XYZ meldet sich pünktlich mit neuem Album im Gepäck zurück!

Und so macht es absolut Sinn, wenn die deutsche Staatspopeinrichtung, also die Initiative Musik, „zwölf internationale Spitzenjournalisten“ auf Steuerzahlerkosten zu einer Rundreise unter dem Motto „Wurzeln der deutschen Musikszene“ nicht nur nach, genau, Hannover einlädt, der Heimat der Scorpions, der Heimat von Gerhard Schröder (der ja laut Thomas Meinecke „wie Gott ein DJ ist“ – Meinecke, der von Schröder ins Kanzleramt eingeladen wurde und „stolz darauf war, eingeladen worden zu sein“), der Heimat von Heinz Rudolf Kunze und von Ernst August Prinz von Hannover. Sondern die Fahrt weiter nach Wacken führt, wo die zwölf weltweiten Top-Journalisten (unter ihnen ein Vertreter des indischen Rolling Stone, des griechischen Metal Hammer und die Creme de la Creme des Musikjournalismus aus Bangladesch, von den Philipinnen, Rußland, Rumänien oder aus Südafrika) dann den Ausbund deutscher Rockmusik, nämlich die Bundeswehrkapelle beim Out of Area-Einsatz, also beim Abrocken vor einer betrunkenen Masse, begutachten durften (wir berichteten) – Wurzeln der deutschen Musikszene eben, klar...

08.08.2015 - 12:26

Nun ist es also soweit, und der weltgrößte Livemusik-Konzern, Live Nation, eröffnet eine Deutschland-Dependance. Und geleitet wird sie von Marek Lieberberg und seinem Sohn André Lieberberg, die das Unternehmen Marek Lieberberg Konzertagentur, das zu 100% CTS gehört, zum Jahresende verlassen werden.
Ich will ja nicht angeben, aber genau das habe ich bereits vor Jahren vorausgesagt, auch öffentlich: Daß sich der größte Konzertkonzern der Welt, Live Nation, auf Dauer einen der wichtigsten Konzertmärkte der Welt nicht entgehen lassen und über kurz oder lang in den deutschen Markt einsteigen wird. Und außerdem habe ich seinerzeit vorausgesagt, daß es nur eine Lösung für den Markteintritt gebe, die Sinn macht, nämlich die Kooperation mit Marek Lieberberg, dem größten deutschen Konzertveranstalter.

Was bedeutet dies alles nun?

Vereinfacht gesagt: Für die Branche weitere Konzentrationsprozesse. „Dieser Schritt bildet die Fortsetzung der globalen Expansion unseres Unternehmens und bietet unseren Sponsoren Zugang zu den Fans in einem wichtigen europäischen Markt, während gleichzeitig das Inventar von Ticketmaster um mehrere Millionen Tickets wächst“, sagte Live Nation-CEO Michael Rapino. Interessant ist, daß Rapino in diesem Zusammenhang von Marktzugang der Sponsoren spricht und vom Ticketing – also den beiden Bereichen, in denen heutzutage in der Live-Industrie das große Geld gemacht wird. Konzerte? Pah. Und Marek Lieberberg äußert sich in die gleiche Richtung: „Der Zugang zur Plattform von Live Nation und dem Sponsorship-Team wird unser Business auf die nächste Ebene heben.“ "Unser Business", nicht die deutsche Konzertlandschaft...
Live Nation unterhält Partnerschaften mit der Creme de la creme der Großkonzerne: Von Apple über Coca-Cola bis UPS reicht die Riege. Klar ist: Im Bereich der Großkonzerte wird Live Nation Concerts Germany ab 2016 den deutschen Markt komplett dominieren, Tourneen der Künstler, die Live Nation exklusiv unter Vertrag hat oder mit denen man weltweit seit jeher zusammenarbeitet, werden nicht mehr „auf dem Markt“ sein, sondern von Live Nation selbst veranstaltet werden- also Madonna oder U2 (deren Managementfirmen zum Live Nation-Konzern gehören) und wie sie alle heißen. Diese Marktdominanz wird natürlich auch auf den mittleren Konzertbereich (Hallenkonzerte ab 2.000 Zuschauer) ausstrahlen – an Live Nation Germany wird kein Weg mehr vorbeiführen. Und daß Live Nation Germany zuschauen wird, wie Marek Lieberbergs traditionsreiche Großfestivals, die mit Abstand erfolgreichsten hierzulande, künftig von MLK bzw. CTS fortgeführt werden, darf bezweifelt werden. Egal, wer die Markenrechte haben wird: Der, der die Künstler hat, wird die Großfestivals dominieren. Also Live Nation. Das wird auch mittelfristig eine Gefahr für alle anderen Festivals darstellen, ob die in den letzten Jahren klug aufgebaute Festival-Szene von FKP Scorpio (auch an FKP Scorpio hält CTS Eventim eine Beteiligung, man darf also davon ausgehen, daß in der Vergangenheit zwischen den CTS-Firmen MLK und FKP Scorpio, den beiden deutschen Festival-Dominatoren, keine harte Konkurrenz-Situation bestanden haben dürfte – diese Idylle wird nun der Vergangenheit angehören...), oder ob es unabhängige Festivals sind, die auf die Bestückung mit Headlinern angewiesen sind.

Keine Frage: Die kulturelle Vielfalt in der Popmusik-Szene ist durch den Markteintritt des Live Nation-Konzerns noch mehr in Gefahr als auch schon. Für unabhängige, mittelständische Konzertagenturen und Tourneeveranstalter wird die Luft dünner werden.

Und da kann CTS Eventim-Boß Schulenberg noch so munter vor sich hinpfeifen, natürlich wird der Markteintritt von Live Nation gerade für das Ticketing von CTS massive Auswirkungen haben, der Gelddruckmaschine von CTS Eventim, wie unlängst die zum Teil über 50%igen Gebührenaufschläge auf die AC/DC-Tickets gezeigt haben. „Unser Expansionsschwerpunkt liegt weiterhin im Ticketing“, postuliert Schulenberg – nur, wenn Live Nations Rapino sich über den „Zuwachs von mehreren Millionen Tickets“ bei Ticketmaster freut, müssen diese „mehreren Millionen Tickets“ ja andernorts fehlen. Und das wird bei CTS Eventim sein.

Für uns alle dagegen gibt es hier natürlich noch ganz andere Fragenstellungen, die sich durch den Markteintritt von Live Nation in Deutschland verschärfen: Wollen wir, daß unsere Kultur immer weiter von Profitinteressen dominiert wird? Oder wäre es nicht an der Zeit, wieder moralische Kategorien in die Diskussion einzuführen – etwa, daß nicht alles, was legal ist, auch legitim ist. Es ist zwar derzeit legal, haarsträubende Zusatzgebühren auf die Ticketpreise draufzuschlagen und entsprechende Profite zu machen (und nochmal: die Tickethändler betreiben ein reines Provisionsgeschäft, von den Zusatzgebühren sehen Konzert- und Tourneeveranstalter und Künstler, also diejenigen, die die Arbeit machen, keinen Cent!) – des ist aber gleichzeitig ohne jeden Zweifel moralisch illegitim und höchst verwerflich. Der amerikanische Philosoph Michael Sandel sagt im Interview mit der „Berliner Zeitung“: „Wer die guten Dinge des Lebens käuflich macht, fügt ihnen Schaden zu. Wenn Märkte in diese Bereiche vordringen und ihren Abdruck hinterlassen, verändern sie die gesellschaftlichen Normen und Güter.“
Ich bin fest davon überzeugt, daß auch die Kultur zu den existentiellen Gütern gehört, die unser Leben erst ermöglichen, wie die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, wie Nahrung, Energie und Wohnraum. Die Unterordnung dieser Grundkonstanten unseres Daseins unter Marktgesetze fügt uns Schaden zu. Diese Diskussion müssen wir verstärkt führen. Warum nicht anläßlich des Markteintritts des weltgrößten Konzertkonzerns?

08.08.2015 - 12:21

Wieviel verdienen Künstler bei Spotify? Die unendliche Geschichte.
Eine besondere Note gibt diesem Thema eine Reportage bei 1Live (WDR). Dort werden munter Äpfel und Birnen verglichen: 1Live behauptet unter der investigativen Überschrift „Das verdienen Künstler“, daß Musiker (wenn sie „Interpret, Texter sowie Komponist“ eines Stückes sind), „für einmal bei 1LIVE gespielt“ 24 Euro verdienen würden. Das steht in einem sehr großen, ähem, Schwein. In einem viel kleineren Schwein steht, daß die Künstler für eine verkaufte CD 1,50 € verdienen. Und das allerkleinste Schwein ist Spotify: für einen Stream bei Spotify würden Künstler nur 0,003 € erhalten. 

WDR EINS LIVE Spotify vs. Radio

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Einlive.de, abgerufen August 2015

Mal abgesehen davon, daß ich die einzelnen Zahlen anzweifle – aber wenn man die Zahlen für eine verkaufte CD, die von einem Menschen gekauft wird (und dann beliebig häufig angehört werden kann, ohne daß der Künstler noch etwas verdienen würde), und die Zahlen für einen Stream, den also ein Mensch mindestens 30 Sekunden laufen läßt, mit den Einnahmen aus dem einmaligen Airplay eines Stückes im Radio vergleichen will, wird man ja wohl, wenn man seriös arbeitet, beim Radio-Airplay den Auszahlungsbetrag durch die Zahl der Menschen dividieren müssen, die den Track hören. Und da wird es interessant: Laut Medienanalyse 2014 hat 1LIVE vom WDR durchschnittlich 1.041.000 HörerInnen pro Stunde (lt. MEEDIA 15.7.2014; Hörer zwischen 6 und 18 Uhr). Pro Hörer erhalten die Musiker für einen bei 1LIVE gespielten Track also im vom WDR gewählten Fallbeispiel ganze 0.000023 Euro. Ganz schön wenig. Oder, um im 1LIVE-Bild zu bleiben: ein verdammt winziges Schweinderl.

Und dennoch, klar, wird sich jeder Musiker und jede Musikerin über das Airplay bei 1LIVE freuen. Auch wenn damit verdammt wenig Geld zu verdienen ist (und all die MusikerInnen, die darüber jammern, wie selten ihre Stücke bei Spotify angeklickt werden, sollten uns mal erzählen, wie häufig ihre Stücke z.B. bei 1LIVE gesendet werden...). Wir lernen: es kommt nicht immer nur aufs Geldverdienen an, sondern vor allem darauf, daß Musik verbreitet wird. Ob im Radio oder auf der Abspielplattform, für die sich das Gros der MusikhörerInnen weltweit nun einmal entschieden hat...

08.08.2015 - 12:09

Pop-Kultur? Kennen Sie nicht? Haben Sie auch nichts verpaßt. Es ist das neueste Berliner Staatspop-Festival, das laut Eigenangaben „eine zeitgemäße Diversität und Internationalität repräsentiert“. Diese Diversität sieht dann so aus, daß der sozialdemokratische Chef-Lobbyist der deutschen Tonträgerindustrie, Dieter Gorny, mit dem sozialdemokratischen Minister Heiko „Vorratsdatenspeicherung“ Maas, einer Vertreterin einer Plattenfirma und einem Künstler über ein „zeitgemäßes Urheberrecht anno 2015“ sprechen darf. Vertreter der User, Vertreter eines modernen Urheberrechts sind nicht eingeladen, klar, das Ganze wird ja vom sozialdemokratischen Kultursenat Berlins finanziert... Und Sie sollen, wenn Sie dabei sein wollen, 5 Euro für den Talk bezahlen. Toll, oder?

Ansonsten ist das Programm eben so, wie man das erwarten kann, wenn man ein Popmusik-Programm zusammenstellt, für das man 600.000 Euro an Steuergeldern zur Verfügung hat. Es treten also lauter Künstler auf, die so gut wie nie, nämlich nur ungefähr jedes Jahr oder noch häufiger, in Berlin zu sehen sind. Nur, daß diese Künstler normalerweise von Konzertveranstaltern präsentiert werden, die diese Konzerte selbst und ohne Staatskohle auf dem sogenannten freien Markt veranstalten müssen und dabei die Steuergeder erwirtschaften, die vom staatlichen „Pop-Kultur“-Festival nun zum Fenster rausgeworfen werden. Verrückt, sagen Sie? Dem würde ich nicht widersprechen.
Als ich der sehr geschätzten Leiterin des Berliner Musicboards, Katja Lucker, letzten Herbst schrieb, man solle dieses überflüssige Festival doch bitte sein lassen und stattdessen mit den 600.000 Euro musikalische Bildung finanzieren, Strukturförderung betreiben und die freie Szene unterstützen, erhielt ich zur Antwort: „Musikalische Bildung, Strukturförderung, großes Ja! Sind eben ganz andere Töpfe. Dieses Geld ist gebunden, man kann damit nichts vollkommen anderes machen.“ Klar, so funktioniert sie, die Kulturpolitik: Die Mittel für die Staatspop-Propagandashow sind vom sozialdemokratischen Senat nun einmal in den Haushalt eingestellt worden, also: ausgeben! Messe machen! Festival veranstalten! Scheiß aufs Subsidiaritätsprinzip. Hauptsache, wir finden eine Gelegenheit, Gorny, Maas und alle anderen zu präsentieren...

Drollig auch der Untertitel der Veranstaltung: „It began in Berlin.“ Nur, was hat denn in Berlin begonnen? Wurde die Popkultur in Berlin erfunden? Die Popmusik als solche? Pop schlechthin? Da würd ich doch gern mal wissen, was die Leute in beispielsweise Liverpool, Memphis, London oder New York zu dieser steilen These sagen... Aber der Berliner Senat wird ja im neuen Humboldtforum, der größten Mehrzweckhalle der Republik in „nationalsymbolischer Architektur“ (Jürgen Kaube, „FAZ“) auch eine ganze Etage unter dem Pünktchentitel „Welt.Stadt.Berlin“ betreiben, und im Konzept der sozialdemokratischen Kulturpolitiker steht allen Ernstes: „Berlin ist das Rom der Zeitgeschichte.“ Mon dieu, müssen die Herren unter Minderwertigkeitskomplexen leiden, daß sie es nötig haben, das gute, alte, provinzielle Berlin ständig so zu überhöhen... Oder vielleicht meinte „It began in Berlin“ auch einfach nur den Beginn aller Musikmessen- und Festival-Flops: Die untergegangene PopKomm. Die grandios gescheiterte „Berlin Music Week“. Und jetzt also „Pop-Kultur“. Dinge, die die Welt nicht braucht.

08.08.2015 - 12:01

Griechenland.

Nur ein paar Denkanstöße und Gedanken- und Zitatfetzen, ausführliche Analysen können Sie andernorts lesen. Wenn Sie aber nur einen Artikel lesen können, möchte ich Sie sehr bitten, diesen Artikel des Handelsblatt-Kommentators Norbert Häring zum Scheitern der Verhandlungen und die Politik Wolfgang Schäubles zu lesen: „Warum Varoufakis so erbittert bekämpft wurde und warum er sich auf Tim Geithner berufen kann“.
Bitte bis zum Schluß lesen – dort nämlich zitiert Häring aus dem 2014 erschienenen Buch des früheren US-Finanzministers Tim Geithner, der über einen Besuch bei Schäuble auf Sylt im Sommer 2012 berichtet:

Er sagte mir, es gäbe immer noch viele in Europa, die dachten, die Griechen aus der Währungsunion zu werfen, sei eine plausible – ja sogar wünschenswerte – Strategie. Die Idee war, dass, wenn Griechenland draußen wäre, Deutschland eher bereit wäre, die finanzielle Unterstützung zu leisten, die der Euroraum brauchte, weil die Deutschen dann nicht länger Hilfen für Europa als Herauspauken der Griechen interpretieren würden. Gleichzeitig wäre ein Grexit traumatisch genug, um dem Rest Europas die nötige Furcht einzuflößen, damit es mehr Souveränität für eine stärkere Bankenunion und Fiskalunion aufgibt. Griechenland brennen zu lassen, so das Argument, würde es leichter machen, ein stärkeres Europa mit glaubwürdigeren Brandschutzmauern zu errichten. Ich war schockiert von dieser Argumentation.“
(zitiert aus: Tim Geithner, „Stress Test“)

Es fällt ja auf, daß es durchaus nicht nur linke Stimmen sind, die die brutale Austeritätspolitik Schäubles und Merkels kritisieren, sondern weltweit ein beeindruckender Chor aus eher liberalen und sozialdemokratischen Politikern, Wirtschaftsexperten und Nobelpreisträgern. „Deutschland (und einige andere nördliche Hardliner) erwarten die bedingungslosen Kapitulation Griechenlands und die Beseitigung der griechischen Regierung bzw. setzen auf eine Panikreaktion in Athen, die in einen Austritt aus der Eurozone mündet.
Diese Haltung des Bundesfinanzministers, der sich nun offensichtlich die Bundeskanzlerin angeschlossen hat, richtet ungeheuren Schaden in Europa, in Deutschland und in der ganzen Welt an. Man beharrt auf einer unsinnigen Politik (siehe den Brief der fünf Ökonomen) und demonstriert der ganzen Welt, dass man die Macht und die Chuzpe hat, sie gegen jede Vernunft durchzusetzen.“
(Heiner Flassbeck)
„Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman spricht in einem neuen Beitrag davon, daß die Bezeichnung ‚This is a coup’ völlig korrekt sei. Er prangert eine ‚verrückte Forderungsliste’ an. Seine Einschätzung ist klar: ‚Das geht über pure Rache noch hinaus, es ist die völlig Zerstörung der nationalen Souveränität und das Fehlen der Hoffnung auf Besserung.’ Er meint, dass es wohl ein Angebot war, das Griechenland ablehnen sollte und nennt es ‚grotesken Verrat an allem, was das europäische Projekt vorgab zu repräsentieren’.
Daß er die Fratze des hässlichen Deutschlands hinter den Vorgängen sieht, daraus macht er keinen Hehl. Berlin gehe es um Erniedrigung, nicht einmal die vollständige Kapitulation habe zur Genugtuung ausgereicht. Deutschland wolle nicht nur ‚einen Regimewechsel’, sondern ‚die totale Demütigung’. (...) ‚Das europäische Projekt - ein Projekt, das ich immer gelobt und unterstützt habe - hat gerade einen furchtbaren, vielleicht sogar tödlichen Schlag erhalten. Und was immer man von Syriza oder Griechenland hält - die Griechen haben es nicht verbockt.’
Der Wirtschaftsexperte macht auch deutlich, daß der ganze Vorgang mit Ökonomie praktisch nichts mehr zu tun hat. ‚Laßt uns darüber im Klaren sein: In den vergangenen Wochen haben wir gelernt, dass Mitglied der Eurozone zu sein bedeutet, daß die Gläubiger deine Wirtschaft vernichten können, wenn du aus der Reihe tanzt.’ Er unterstreicht noch einmal, daß auch die härtesten Sparprogramme ohne den unausweichlichen Schuldenschnitt ‚eine zum Scheitern verurteilte Politik ist’.“
(Telepolis)

„Was ist der Unterschied zwischen der Mafia und der gegenwärtigen europäischen Führung? Die Mafia macht dir ein Angebot, das du nicht ausschlagen kannst. Die Führer der Europäischen Union machen dir ein Angebot, das du weder ausschlagen noch annehmen kannst, ohne dicht dabei selbst zu vernichten.“ (Irish Times)

„Das macht auch die Härte deutlich, die von Schäuble ausgeht. Er will ein Exempel statuieren, ein neoliberales Exempel. Wer in einem Euroland unter die Räder gerät, egal aus welchen Gründen, der wird zu einer solchen Politik gezwungen. Dann werden die Regeln definiert, und die sind neoliberal. Wer die nicht einhält, muss künftig wissen, dass er dann kein Geld mehr bekommt. Egal ist dabei auch, ob eine Fehlkonstruktion des Euro dafür verantwortlich ist. Das richtet sich klar gegen Spanien und Portugal, die ja auch schon zu Kreuze gekrochen sind, aber auch an die Krisenländer wie Italien und Frankreich. Es ist natürlich ein Signal an die gesamte EU, wo diese Spardoktrin insgesamt durchgesetzt werden soll. (...) Die Marschrichtung ist klar. Ich habe mir die Euro-Erklärung vom 12. Juli nochmal durchgelesen. Da steht klipp und klar drin, dass kein Gesetz mehr gemacht werden darf, ohne die vorherige Kontrolle durch die Institutionen (ehemals Troika). Da steht auch, dass nicht mal darüber öffentlich debattiert werden darf, bevor die nicht ihre Meinung zu dem Gesetz vorgetragen haben. Das ist ein total organisierter Souveränitätsverlust.“ (Rudolf Hickel)

Der französische Demograf Emmanuel Todd im Interview mit dem belgischen Soir über das „von Deutschland und seinen baltischen, polnischen etc. Satelliten kontrollierte Europa, das zu einem hierarchischen, autoritären, 'austeritären' System geworden ist": „Für François Hollande ist das die Minute der Wahrheit. Wenn er die Griechen fallenlässt, dann stellt er sich in die Tradition jener Sozialisten die seinerzeit dem Maréchal Pétain unbeschränkte Vollmacht erteilten... Die reale Tragik der Situation ist, dass Europa ein Kontinent ist, der sich im 20. Jahrhundert in zyklischer Weise unter deutscher Führung umbringt." (Perlentaucher)

„Wenn man Druck macht auf ein Volk, dann steht es irgendwann auf. Das sei an die Adresse jener gerichtet, die uns hier jeden Tag an die Wand stellen wollen. Das vom Geld dirigierte Europa erscheint mir inzwischen wie eine riesige Spinne, und jeder, der in ihr Netz gerät, ist verloren.“ (Mikis Theodorakis in der FAZ)

„Europa war und ist ein Konglomerat konkurrierender Nationalstaaten, die ihre Ressentiments als Kultur verbrämen, die unbedingt erhabener sein soll als die amerikanische und auch als die der Nachbarn – plus Binnenmarkt und tödliche Außengrenze. Da der Kapitalismus fortwährend Disparitäten schafft, weil Kapital dahin strömt, wo Profit winkt, zerfällt Europa in Sieger und Verlierer, Gläubiger und Schuldner, Hegemon und Peripherie, in der antieuropäische und antideutsche Stimmungen blühen und jede Volkstanzgruppe eine eigene Nation begehrt. (...) Die Ursache der deutschen Härte ist eine Mixtur aus deutscher Ideologie, ökonomischen Zwängen und politischem Kalkül. Der Süden war im Bewußtsein der Deutschen stets gleichzeitig ein Paradies und eine Bedrohung – früher seiner Moral, heute seiner Ersparnisse. Der immer strebend sich bemühende Zwangscharakter kommt mit sich eher ins Reine, wenn er die abartig findet, die dem Kapitalismus Leben abtrotzen und einen entspannten Eindruck machen.“ (Rainer Trampert in Jungle World)

Ach ja, und zum in deutschen Medien so gern verbreiteten Märchen über die „faulen Griechen“: Laut Statistik der OECD betrug die mittlere Jahresarbeitszeit 2014 in Griechenland 2042 Stunden. In Deutschland wurde dagegen im gleichen Jahr im Durchschnitt 1371 Stunden gearbeitet. Fleißige Griechen! Faule Deutsche?

08.08.2015 - 11:58

„Facebook verunreinigt mich." (Lars Eidinger)
Ach ja, falls Sie dieser kleinen Klitsche auf der Fressenkladde folgen wollen, wählen Sie bitte nicht mehr „Konzertagentur Berthold Seliger“, sondern „Berthold Seliger – Büro für Musik, Texte & Strategien“. Hier.

31.07.2015 - 16:28

Und es wird alles immer noch schlimmer:
Der bundesdeutsche Generalbundesanwalt, der gegen befreundete Geheimdienste nicht vorgehen will, wenn diese Bürger und Politiker ausspionieren, ermittelt gegen zwei Journalisten, die von ihrem Grundrecht auf Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht und über geheime Pläne des Geheimdienstes berichtet haben, die Internetüberwachung hierzulande drastisch auszuweiten mit einer neuen, separaten Verfassungsschutz-Einheit.
Der bundesdeutsche Verfassungsschutz, also die Organisation, gegen die der Vorwurf kursiert , die Fahndung gegen den rechtsradikalen terroristischen Untergrund, gegen den NSU also, (ich füge hinzu: mindestens!) „gezielt sabotiert zu haben“ („Zeit Online“), fühlt sich bedroht. Die Journalisten von netzpolitik.org sollen „Landesverrat“ begangen haben.
Ich schließe mich dem „Perlentaucher“ gerne an und bitte um Unterstützung für die Kollegen von „Netzpolitik“:
„Netzpolitik
hatte über Pläne zur "Massendatenauswertung von Internetinhalten" berichtet und eine Verfassungsschutz-Einheit zum Ausbau der Internet-Überwachung enthüllt. (Die Texte sind wegen Überlastung von netzpolitik.org auch auf landesverrat.org gespiegelt.) Mehr auch bei arstechnica.com. Spenden für Netzpolitik sind hier möglich.“
Es geht darum, unsere Grundrechte und unsere Verfassung zu schützen – gegen die sogenannten Verfassungsschützer, gegen den Generalbundesanwalt.

Und: wo ist eigentlich der Generalbundesanwalt, wo ist die Polizei, wo ist der sogenannte Verfassungsschutz, wenn man sie braucht? Die „taz“ enthüllt heute, daß Deutsche dieses Jahr bereits mehr als zweihundertmal Flüchtlingsunterkünfte angegriffen, Asylbewerber bedroht oder geschlagen und rechtsradikale Parolen gebrüllt haben. Die Karte des häßlichen Deutschlands, die Karte des rechten Terrors...

31.07.2015 - 14:09

Die Bundeswehr im Out-of-area-Einsatz, nämlich beim Heavy-Metal-Festival in Wacken.

Bundeswehr Wacken

(Bild: Roland Alpers / Presse- und Informationszentrum der Streikräftebasis)

Der Mann, der rechts auf diesem Bild so verkrampft den Metal-Gruß zur Schau stellt, also den Teufelsgruß (oder doch eher eine Pommes-Gabel), ist Flottillenadmiral Michael Busse, der in Siegburg anläßlich der Vorpremiere des „einmaligen Crossover-Projekts“ der Band U.D.O. mit dem Musikkorps der Bundeswehr laut „Musikwoche“ tief befriedigt feststellte: „Ich bin begeistert von dem, was diese beiden musikalischen Formationen zusammen auf die Bühne bringen.“
Udo Dirkschneider (die Pommesgabel links auf dem Bild) erhielt als „Anerkennung für die hervorragende Zusammenarbeit das Verbandsabzeichen des Musikkorps zum Anstecken“.
Und so spielte das Bundeswehrmusikkorps also beim Wacken-Festival auf, und „Arte“ überträgt als Teil des Festivalsommers „Summer of Peace“.
So weit sind wir also gekommen: Rockfestivals als Propagandashow für Militarismus.
Herbert Marcuse jedenfalls sagte, Teufelsgruß hin, Pommesgabel her: „Nicht das Bild einer nackten Frau, die ihre Schamhaare entblößt, ist obszön, sondern das eines Generals in vollem Wichs, der seine in einem Aggressionskrieg verdienten Orden zur Schau stellt."
Da können sie noch so rockig dahermusizieren mit ihrer Bundeswehrkapelle, ich zitiere Kurt Tucholsky: „Soldaten sind Mörder.“

31.07.2015 - 13:54

In der „FAS“ schreibt die formidable Klassik-Expertin Eleonore Büning einen interessanten kleinen Aufsatz zum Thema „Warum schreiben Popkritiker über alles, nur nicht über die Musik?“ (steht leider nicht online, kann/will die FAZ/FAS nicht...)
Frau Büning weist darauf hin, daß Popmusik musikalisch sozusagen einfallslos ist, daß sie sich der musikalischen Bausteine, die seit dem 17. Jahrhundert vorhanden und bekannt sind, mehr oder minder ohne Verfeinerung oder gar Weiterentwicklung bedient: „Die Bausteine für eine Rockballade oder einen Schlager unterscheiden sich nicht grundsätzlich von denen für ein Schubertlied oder eine Gluckarie oder ein Monteverdimadrigal oder ein neapolitanisches Volkslied oder ein jiddisches Wiegenlied: Kadenzformel, Dreiklang, Terzfall, Sextsprung, Lamentosekunde, Auftakt und Synkope - was halt die gute, alte Musikrhetorik so an emotionalen Stimulantien hergibt. Das funktioniert seit Jahrhunderten tadellos...“
Mal abgesehen davon, daß ich bezweifle, daß die meisten Popmusiker und Popkritiker auch nur eine Ahnung von Kadenzformeln, Terzfall, Sextsprung oder Lamentosekunden haben (und damit meine ich nicht, daß sie nicht wissen, wie das heißt, sondern, daß sie diese Stilmittel weder kennen noch bewußt einsetzen...), hat Frau Büning völlig Recht, wenn sie sagt: „Das Wesentliche am Pop ist nicht die Musik, es ist die mit musikalischen Mitteln geweckte große Emotion, es sind die dadurch transportierten mehrheitsfähigen Bekenntnisse, Identifikationsmodelle, Lebenswelten, Selbstdarstellungskonzepte.“
Und daß sie von einem Popkritiker erwartet, daß er uns solche sozialen und politischen Phänomene, eben: das Gesellschaftliche an der Popmusik erklärt. In der Realität (und wenn ich über die Musikkritik nöle, dann immer in dem Wissen, daß es da draußen auch ein paar wirklich hervorragende PopkritikerInnen gibt, die BalzerBruckmaierWalter und wie sie alle heißen – eben die geliebten und bewunderten Ausnahmen, die die Regel bestätigen...), in der Realität also passiert leider das Gegenteil: Endloses Zitieren von Songtexten und das noch endlosere Name-Dropping sind die Regel. Nochmal Eleonore Büning:
„Was nützt es, zu wissen, in welcher inzwischen aufgelösten Band Y oder Z der Rhythmusgitarrist der Gruppe O, P oder Q schon mal vorher gespielt hat, wenn schon die Gruppen A oder B nur den Leuten bekannt sind, die neben dem Kritiker in der Fankurve saßen? Manchmal denke ich, diese hochnäsigen Kollegen von der Popmusikfraktion, die schon so jung so verknöchert herumschwadronieren, verstecken sich und ihre Meinung hinter Gebirgen von Namen aus demselben Grund, aus dem sich die klassischen Musikkritiker früher hinter Wällen aus Adornozitaten versteckt haben: Es handelt sich um Verteidigungswälle. Adorno nannte solche sich abkapselnden Gruppen von Musikliebhabern, die mit ihrem exklusiven Musikgeschmack unter sich bleiben wollten: ‚Ressentimenthörer’.“

31.07.2015 - 13:53

Denn es ist schon erstaunlich, wie viel Blödsinn und Fehlinformationen unsere Qualitätspresse in ihre Konzertkritiken packen kann – nehmen wir das Beispiel eines Auftritts von Patti Smith mit ihrem „Horses“-Programm vor 5.000 enthusiastischen Fans beim Münchner Tollwood-Festival:
Die Süddeutsche berichtet, daß Patti am Sonntag "in der Oper war", interessant, bis ich das las  dachte ich, daß sie am Sonntag zuvor in Lörrach auf der Bühne stand, während sie Waltraud Meiers grandiose Isolde-Interpretation auf YouTube angesehen hat, wie sie dem Publikum auch erzählte - aber so etwas will die SZ, die das Internet bekanntlich hasst, wohl nicht schreiben… dafür erfindet die SZ flugs einen Namen für Patti Smiths Band, die heißt bei der SZ nämlich jetzt "The Horses", also: "mit ihrer Band The Horses", während die Fans bisher davon ausgingen, daß das Album von Patti Smith and her band "Horses" heißt, aber wer will sich mit solchen Kleinigkeiten aufhalten… sind halt echte Experten bei der SZ… 
Der Münchner Merkur behauptet dagegen, daß Patti Smith bereits seit 10 Jahren das komplette "Horses"–Album live spielt, obwohl das doch 2015 ein einmaliges Projekt ist.
Und die „Stuttgarter Zeitung“ bemäkelt anderntags, daß Patti Smith und ihre Band in Winterbach nicht ein ganz besonderes Programm spielen würden, sondern doch tatsächlich wie schon an den Tagen vorher ein ähnliches Set: „Dagegen spricht die Performance, die öder- und vorhersehbarerweise bis ins Detail den bisherigen Konzerten dieser Tournee entspricht, deren Verlauf man im Netz nachschmökern kann“, mäkelt ein Jan Ulrich Welke, so, als ob seine Stuttgarter Zeitung nicht „öder- und vorhersehbarerweise“ auch die nämlichen Nachrichten verbreiten würde, die man landauf landab in allen Zeitungen lesen kann. Und als ob das Publikum in jedem Ort erwarten würde, daß eine Künstlerin speziell an diesem Abend ein gänzlich anderes, exklusives Programm spielen würde. Oh, Verzeihung, das Publikum ist ja nicht doof, das erwartet so etwas nicht, das freut sich über die „Horses“-Show und andere Stücke – mit der Erwartung ist ja der öde und vorhersehbare Herr Welke ganz allein. Der dann gleich noch eine unwahre Behauptung aufstellt, kommt ja nicht drauf an: „Because the Night folgt – so auch in Winterbach – allabendlich nach der Pflichtübung des Albumdurchspielens“, behauptet Herr Welke, was aber nicht stimmt, „Because the Night“ spielte Patti Smith bei dieser Tour erstmals in Singen auf dem Hohentwiel, also alles andere als „allabendlich“. Aber warum sollte ein Musikjournalist, dem es nur auf öde Pflichterfüllung ankommt, sich mit den Tatsachen herumschlagen, solange er sein Zeilenhonorar auch für windige und unwahre Behauptungen erhält...

31.07.2015 - 13:52

Und wie sogenannte Musikjournalisten ihren sogenannten Musikjournalismus heutzutage letztlich verstehen, zeigt entlarvend diese Mail, die ich dieser Tage erhielt und die nur ein Beispiel von vielen ist (Hervorhebung von mir):
„Als Reporter für NDR Info und den NDR Nachtclub bin ich für das Festival XXX akkreditiert.
Ich werde von dort mehrere, teils längere Beiträge absetzen, um das Festival zu bewerben...“

Es geht dem in diesem Fall öffentlich-rechtlichen Journalisten also darum, das Festival, das er doch eigentlich journalistisch begleiten, kommentieren, ggfs. auch kritisieren sollte, zu „bewerben“. Nun, genauso hört sich das dann eben meistens auch an auf den meisten unserer Rundfunksender: ein einziger endloser und zu weiten Teilen ununterscheidbarer Stream von Dudelei, bezahlten Werbeeinblendungen, unbezahlten, als journalistische Beiträge getarnten Werbeeinblendungen, wieder Dudelei usw. usf.
Der deutsche Musikjournalismus ist ganz schön auf den Hund gekommen...

10.07.2015 - 19:22

„Spiegel Online“ hat am 2.7.2015 einen großen Beitrag auf der Homepage: „Reiselektüre: Diese Bücher werden wir im Sommer lesen“. Sechs SPON-RedakteurInnen und AutorINnen berichten von ihrer geplanten Reiselektüre. Interessant ist, daß zufällig – denn natürlich kann das nur Zufall sein... – zu fast allen genannten Reiselektüren mitten im Artikel Anzeigen der Verlage zu genau den angepriesenen Büchern stehen. Neun Bücher werden vorgestellt, von sieben gibt es eine Anzeige.
Ich schlage ein Sommerrätsel vor: Was meinen Sie war zuerst da? Die „SPON“-Redaktion, die den Verlagen vorschlug, deren Titel zu besprechen, wenn sie dafür Anzeigen schalten würden? Oder die Verlage, die „SPON“ vorschlugen, man könne doch mal...
Wie runtergekommen die sogenannte Literaturkritik ist, zeigt dieses Beispiel perfekt.
Ach ja: Auf die Initiative des renommierten Kritikers Wolfram Schütte für eine Literaturzeitung im Netz ist bisher praktisch kein Verlag eingestiegen. Denn für die Verlage sind die Zeitungen und Zeitschriften immer noch die anerkannten Relevanzmaschinen. Mit denen legt man sich nicht an. Bei denen kauft man sich höchstens ein.

15.06.2015 - 15:46

Natürlich war beim diesjährigen „Berlin Festival“ alles super, super und nochmal super, die Festivalchefin verstieg sich gar zu der Behauptung:
„Die Stadt Berlin hat ihr Äquivalent im Berlin Festival gefunden, mit all seinen Facetten, der Musik, der Kunst, der Kultur, den Geheimnissen und der Menschen aus Berlin und allen Fans der Stadt.“
Na denn...

Vor allem aber hat das „Berlin Festival“ ein scheußliches „Cashless-Bezahlsystem“ eingeführt, das dazu führt, daß die Festivalorganisatoren, also die Konzerne, detaillierte Datensätze – also Persönlichkeitsprofile – von allen Fans inklusive deren Konsumgewohnheiten (z.B. welche Shows sie auf dem Festival sehen, welche Getränke sie zu welcher Show und zu welcher Tageszeit trinken, was sie wann und wo essen) in Verbindung mit Name, Anschrift, z.T. Kreditkarten und eMail-Adressen erhalten. „Neue Notizen aus der Kontrollgesellschaft“ hat der geschätzte Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“ einen hervorragenden Artikel über dieses Problem überschrieben – Pflichtlektüre, würde ich sagen. Zumal das große Spiel mit den Daten der KonzertbesucherInnen, also Big Concert Data munter weitergeht: Gerade hat FKP Scorpio bekanntgegeben, auf dem Hurricane dieses Jahr die gleiche Bezahltechnologie – statt Bargeld tragen die Festivalbesucher einen Bezahlchip auf dem Festivalbändchen – einführen wird.

Beim „Berlin Festival“ war das bargeldlose Datenschnüffel-System jedenfalls ein grandioses Fiasko:
„Hatte man auf dem Berlin Festival Durst, mußte man sich zunächst in eine der sehr langen Schlangen vor einer der wenigen Festivalbändchen-Aufladestationen einreihen, um nach einer Wartezeit von durchschnittlich einer halben Stunde dazu in die Lage versetzt zu werden, seinen Festivalbändchen-Computerchip dergestalt aufzuladen, daß man dem Bändchen-Aufladepersonal einen Geldschein überreichte und das Handgelenk mit dem Chip fest auf eine große mattgraue Sensorfläche presste. Woraufhin auf einem kleinen mattgrauen Monitor die Geldsumme erschien, die nun auf dem Bändchenchip gutgeschrieben war. Alsdann konnte man sich ein weiteres Mal in eine sehr lange Schlange einreihen, nunmehr vor einem der Tresen, um dort ein Getränk zu erwerben, welches wiederum durch Auflegen des Handgelenks mit dem Chip auf eine mattgraue Sensorfläche beglichen wurde.“

(Jens Balzer, „Berliner Zeitung“)

„...wären da nicht die Nötigungen des erstmals auf einem deutschen Festival eingeführten bargeldlosen Bezahlsystems. Es zwingt nicht nur zu zusätzlichem Schlangestehen und ständigen Abwägungen, wann man wie viel auf den ins Einlaßbändchen integrierten Chip lädt, sondern dürfte auch zu einer netten Restbetrags-Geschenksumme für das Festival geführt haben. Denn um die Pfand-Euros, die auch aufvdem Chip gebucht werden, auszugeben, muß man sein Konsumverhalten schon sehr genau kalkulieren oder bereit sein, die Erstattung des Betrages im Netz abzuwickeln, wobei man den Organisatoren unweigerlich ein Datenpaket inklusiv eTrinkverhalten-Profil auf dem Festival überläßt. Die Marktforschngsabteilungen der Getränkekonzerne wird es freuen, datenbewußte Musikfans nicht. Daß am Finaltag um Mitternacht das Pfandsystem in der Arena ausfiel, spricht ebenfalls gegen den Cashless-Zwang.“
(Nadine Lange, „Tagesspiegel“)

Doch wie hört sich das alles in der Presseerklärung des „Berlin Festival“ an? So:
„Zum Jubiläum wurde außerdem das Cashless-Bezahlsystem erfolgreich eingeführt – als das erste auf einem Festival in Deutschland – und von Besuchern gut angenommen.“

Musikindustrie-Sprech. Alles super. Immer. Und wenns mal nicht super ist? Ist alles super.

15.06.2015 - 15:41

Aber es gibt eben auch noch Festivals, die Haltung zeigen und nicht mit der Konsumindustrie im Bett liegen. Das Roskilde-Festival ist seit 1972 ein Non-Profit-Festival, die Überschüsse werden an soziale und ökologische Initiativen verteilt. Dieser Tage erhielt der Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein vom Roskilde Festival 40.000 Euro für seine Arbeit. Der Flüchtlingsrat sichert Flüchtlingen bessere Bedingungen, berät sie bei rechtlichen Fragen und finanziert juristische Hilfe.

Seit 1972 hat das Roskilde Festival über 27 Millionen Euro an gemeinnützige Organisationen gezahlt. Gleich ein Grund mehr, sich aufs diesjährige Roskilde Festival zu freuen!

15.06.2015 - 15:40

Im monatlich erscheinenden Magazin „Folio“ der „Neuen Zürcher Zeitung“ gibt es eine Serie namens „Wer wohnt da?“ Es werden ein großes und zwei kleine Fotos einer Wohnung gezeigt, und dann mutmaßen eine Psychologin und ein Innenarchitekt, wer wohl in dieser Wohnung wohnen mag, und begründen dies. Und auf der nächsten Seite werden dann die tatsächlichen Bewohner der Wohnung vorgestellt. Als erfahrener Medienjunkie lese ich mir das immer gerne durch, es ist nicht uninteressant und mitunter ausgesprochen spaßig.

In der Juni-Ausgabe wurden die Bewohner des „Weidli“, einem Haus inmitten eines Waldes bei Zug vorgestellt. Und der männliche Bewohner Franz Hürlimann, Vater eines Schweizergardisten, sagte diese bemerkenswerten Sätze:

„Die Eltern von Gardisten werden vom Papst in einer Privataudienz empfangen. (...) Für mich als Geschichtsliebhaber war es ein gewaltiges Gefühl, im apostolischen Palast zu stehen. Den Franziskus sahen wir aus nächster Nähe, Benedikt aber hat mir damals sogar zum Geburtstag gratuliert. Ich habe einen Bückling gemacht. Er wünschte mir Gesundheit und ein langes Leben. Das hat mich tief beeindruckt, davon werde ich mein ganzes Leben zehren. Die Hochzeitsnacht ist irgendwann vergessen, das aber nie.“

15.06.2015 - 15:38

„Die Berliner Siegessäule würde ich sofort sprengen“, sagte Heiner Geißler im Interview mit dem „SZ Magazin“ und begründete dies sehr brauchbar, und wie zu erwarten war, berichtete die Hauptstadtpresse im großen Stil. Unsere Siegessäule! Die Goldelse! Sprengen!

Dabei ging ein anderer, sehr erstaunlicher Absatz aus diesem Gespräch unter: Geißler berichtet von der Situation 1989, wie einige führende CDU-Politiker Helmut Kohl als Parteivorsitzenden stürzen wollten, und warum dieses Vorhaben in letzter Minute scheiterte.

„Geißler: ...und erst dann kam bei vielen die Überlegung: So kann es nicht weitergehen, daß er grad macht, was er will. Kandidieren gegen ihn wollte Lothar Späth. Der hat dann zurückgezogen in letzter Minute.
SZ Magazin: Warum?
Geißler: Er ist zur Deutschen Bank, ich will nicht sagen: zitiert worden, aber jedenfalls war er dort. Die Banker haben ihm gesagt: Kohl soll bleiben.
SZ Magazin: Die Deutsche Bank hat also dafür gesorgt, daß Kohl weiter an der Macht bleibt?
Geißler: Das kann man so sagen.“

Jetzt wird es Sie nicht überraschen, daß mich das Faktum, daß die Deutsche Bank (oder zum Beispiel Bertelsmann, siehe Frau Merkels Besuch dortselbst unmittelbar nach ihrer gewonnen Bundestagswahl) hierzulande politisch das Sagen hat, nicht wirklich überrascht. Überraschend ist allerdings, daß ein CDU-Politiker das wie selbstverständlich ausplaudert. Die naiv erstaunten Fragen des „SZ Magazins“ dagegen waren schon wieder weniger überraschend...
Quod erat demonstrandum.

15.06.2015 - 15:36

Eine Ursula Weidenfeld durfte sich am 25.5.d.J. im „Tagesspiegel“ entrüsten:
„Die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Forschung werden heute nicht mehr von autoritären Kräften bedroht. (...) Nein: Die Meinungsfreiheit wird von ihren Freunden beiläufig ausgehöhlt und kaum verschämt abmontiert. (...) Die Sprache der Professoren soll sich ändern, das Denken auch. (...) Wäre das immer schon so gewesen, wäre die Erde heute noch eine Scheibe.“

Ob sie uns verraten kann, bis wann genau die Erde eine Scheibe war, und wann sie denn zur Kugel mutierte? Die wiederum verschämt abmontiert wurde? Natürlich ahnen wir, was diese Redakteurin der Qualitätspresse zu sagen beabsichtigte, würde ihr die deutsche Sprache als Arbeitsmittel zur Verfügung stehen...

15.06.2015 - 15:35

„Die Medien bereiten eine Bühne, auf der sie ihre eigenen Stücke vorführen. Allerdings sagen sie uns das nicht. Vielmehr behaupten sie, sie würden die Welt und das, was sich in ihr ereignet, wirklichkeitsgetreu spiegeln. Aber dem ist nicht so.
Die empirischen Untersuchungen über die Wirkungsweisen der Medien haben ganz klar gezeigt: Die Medien wählen aus der unendlichen Fülle der realen Ereignisse ganz wenige aus und zwar nach bestimmten, festen Kriterien, z.B. Konflikt, Prominenz, Personalisierung, Nähe zum Betrachter. Ereignisse, die sich in diesen Kategorien einordnen lassen, nehmen die Medien auf und inszenieren sie so, dass sie unterhaltsam für das Publikum sind, also zum Beispiel als Drama, als persönliche Tragödie, als 'artistisches Schaustück'.
Die Wirklichkeitspartikel, die Medien aus der realen Welt aufnehmen, werden von ihnen intensiv bearbeitet und was dann dabei herauskommt, ist eine Neuinszenierung der Welt und hat mit der Realität oft nicht sehr viel zu tun.“
Thomas Meyer im Interview mit „Telepolis“

15.06.2015 - 15:34

Es ist eine unendliche Geschichte: Musiker, die darüber jammern, daß sie in der digitalen Welt zu wenig verdienen. Woran aber nicht etwa die neuen Streamingdienste Schuld sind, sondern vor allem die Plattenfirmen, die digitale Downloads und Streamingeinkünfte wie CDs abrechnen. Der oberste Gerichtshof der USA hat bekanntlich Anfang 2011 entschieden, daß digitale Downloads einer Vergabe von Lizenzen an der Master-Aufnahme entsprächen und genau so zu vergüten seien. Seitdem haben viele Musiker ihre Labels auf korrekte Zahlungen bzw. Nachzahlungen verklagt, weil sie jahrelang zu geringe Tantiemen erhalten hatten. Nach Sony Music und Warner Music mußte laut „Musikmarkt“ jetzt auch Universal Music eine Ausgleichssumme an Musiker bezahlen, die den weltgrößten Musikkonzern verklagt hatten. Zu den Künstlern, die jetzt von Universal Music 11,5 Millionen Dollar Nachzahlungen erhalten haben, gehören Rick James, Chuck D, Dave Mason (Traffic) und Ron Tyson (Temptations). Statt der ihnen zustehenden 50 Prozent an den Erlösen aus dem Downloadgeschäft wurden die Künstler von Universal Music um einen Großteil der ihnen zustehenden Gelder betrogen und mit etwa 15 Prozent abgespeist.

Man kann nicht oft genug wiederholen, was der legendäre Radio-DJ John Peel sagte:
„Die großen Plattenfirmen haben nie so getan, als seien sie zu etwas anderem da, als möglichst viel Geld zu verdienen, von dem sie den Musikern möglichst wenig abgeben. Sie sind Investitionsapparate.“

15.06.2015 - 15:32

Ungefragt und ungewollt erhalte ich eine Werbemail von „Schloß Elmau Kulturbüro“ (es wird behauptet: „Sie erhalten diesen Newsletter, weil Sie sich dafür vor Ort oder auf unserer Webseite eingetragen haben“; was eine glatte Lüge ist, ich war weder jemals vor Ort noch auf der Webseite des „Luxury Spa, Retreat & Cultural Hideaway Schloß Elmau“, noch werden meine Füße jemals den Boden von Schloß Elmau betreten... sie werden die Mailadresse irgendwo illegal erworben haben, soviel steht schon mal fest).
In der Werbemail werden mir „Highlights“ des „Kulturprogramm Juni 2015“ vorgestellt: „Big Band-Jazz der Extraklasse“ etwa, oder ein Klavierabend mit Werken von Mozart, oder, ja, ein Konzert von Jan Josef Liefers & Band. Merkwürdig: all diese kulturellen Highlights auf Schloß Elmau finden erst in der zweiten Junihälfte statt.

Keine Kultur auf Schloß Elmau in der ersten Junihälfte? Da war doch was. Genau: in der ersten Junihälfte war „ein Tal im Belagerungszustand“ („NZZ“), und 20.000 Sicherheitsleute haben sieben Regierungschefs vor den Bürgerinnen und Bürgern geschützt, damit die „westliche Wertegemeinschaft“ (Angela Merkel) ganz in Ruhe den Status Quo verteidigen konnte. Zwar wurde ein ehrgeiziges Klimaziel verabschiedet, aber derartige Luftnummern, die in der Praxis folgenlos blieben, haben wir auch in der Vergangenheit schon erlebt. Es ging um Bildpolitik, es ging darum, die Herrschenden der westlichen Industriestaaten auf einer Blumenwiese vor einem Alpenpanorama zu postieren – das war uns nach Berechnungen des Bundes der Steuerzahler etwa 360 Millionen Euro wert.

15.06.2015 - 15:30

Deutschland schickt Kriegsschiffe ins Mittelmeer, um Flüchtlinge zu retten – dabei retten Handelsschiffe zehn Mal so viele Flüchtlinge wie Frontex, von der deutschen Kriegsmarine ganz zu schweigen. Und am billigsten wäre es, wenn nicht die Flotte ins Mittelmeer verlegt würde, sondern wenn die europäischen Industriestaaten den Flüchtlingen seriöse Tickets für die Fahrt oder den Flug nach Europa kaufen würde – zumal auf diese Art und Weise die Flüchtlinge auch gleich auf alle europäischen Staaten verteilt werden könnten.
Mit der Hälfte der Kohle, die auf Schloß Elmau verpulvert wurde, könnte man eine deutlich fünfstellige Zahl von Flüchtlingen vor dem Tod durch Ertrinken retten und ihnen eine lebenswerte Perspektive in Europa anbieten.

28.05.2015 - 09:40

„Für mich ist die Ehe im Sinne des Grundgesetzes die Verbindung von Mann und Frau.“
(Volker Kauder, CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag)

Das irische Ja zur Homosexuellen-Ehe ist „eine Niederlage der Menschheit.“
(Kurienkardinal Pietro Parolin)

„Die Sonne dreht sich um die Erde.“
(Katholische Kirche, Inquisitionsprozeß gegen Galileo Galilei, 1633)

„Die Erde ist eine Scheibe.“
(Katholische Kirche und CDU/CSU; unbestätigt, ob diese Aussage auch heute noch Gültigkeit hat; Wahrscheinlichkeit: hoch).

20.05.2015 - 17:03

Was macht Bundeswirtschaftsminister Gabriel (SPD), wenn er nicht gerade bundesdeutsche Rüstungsgüter an Scharia-Staaten wie Saudi-Arabien oder an Golf-Diktaturen wie Katar verkauft? Er kümmert sich um die „Kreativindustrie“.
Sigmar „Siggi Pop“ Gabriel hat dieser Tage einen gewissen Dieter Gorny zum „Beauftragten der Bundesregierung für kreative und digitale Ökonomie“ ernannt. Ähem. Ich dachte ehrlich gesagt zunächst an einen Aprilscherz, aber denkt man an Sigmar Gabriel in der Nacht...
Der Cheflobbyist der deutschen Musikindustrie, der Vorstandsvorsitzende des „Bundesverband Musikindustrie“  als neutraler „Beauftragter der Bundesregierung“?!? Den Bock zum Gärtner machen? Demnächst wird Sigmar Gabriel (SPD) den Cheflobbyisten der Atomindustrie zum Beauftragten der Bundesregierung für Solarenergie ernennen, den Cheflobbyisten der Automobilindustrie zum Beauftragten für Fahrradverkehr, und den Deutschlandchef von Facebook zum Beauftragten für Datenschutz.

Moment mal. Beim Datenschutz ist das gar nicht so weit weg von der Realität. Bekanntlich sammeln Firmen wie Facebook und Google riesige Datenmengen. Die neue EU-Datenschutzverordnung, mit der der Schutz der informellen Selbstbestimmung eigentlich ins Internet-Zeitalter befördert werden soll, könnte die Konzerne zur Herausgabe der Informationen zwingen. Doch ausgerechnet die Bundesregierung behindert das Vorhaben - mit Verweis auf den Datenschutz. Setzt sich die Bundesregierung in Brüssel mit ihrer Haltung durch, kommt das einer Katastrophe für das Aufsichtsrecht gleich. Statt die Daten von sogenannten sozialen Netzwerken, von Kreditauskunfteien oder Material aus Überwachungskameras zu schützen, sollten durch die EU doch wohl die Recht der Verbraucher verbessert werden, etwa, indem die Unternehmen verpflichtet werden, die von ihnen gesammelten Daten besser zu anonymisieren.
Und selbst dort, wo die Unternehmen von der EU gezwungen werden, eine Kopie der von den Auskunft einholenden Verbrauchern gesammelten Daten zur Verfügung stellen zu müssen, kämpft die deutsche Bundesregierung nicht etwa für die Bürger, sondern für die Konzerne: Die Konzerne sollen für die Herausgabe der Datenkopien Geld verlangen dürfen, wenn es nach der Bundesregierung geht. Die französische Regierung dagegen drängt auf eine kostenlose Herausgabe.

Vizekanzler Gabriel mimt gern den rauflustigen Möchtegern-Zerschlager von Google. Aber in Wahrheit schützt seine Regierung die Datensammler von Facebook, Google und Co. Perfide.

20.05.2015 - 17:02

Der Schriftsteller Peter Esterházy erklärt im Interview mit dem „Standard“ den Urheberrechtsfans, wie Kunst funktioniert, was es mit dem Originalgenie und der abendländischen Kultur auf sich hat:
„Esterházy: Wenn ich die Quellen so penibel angebe, zeigt das, wie hoffnungslos es ist, Quellen anzugeben. Ich könnte jedes Wort mit einer Fußnote versehen.
STANDARD: Weil jedes Wort schon einmal in einem Text stand?
Esterházy: Jeder Text erinnert uns an andere Texte. Darin besteht die Tradition, dass die Bücher aufeinander aufbauen. Wir nennen Europa den Alten Kontinent. Auch die Ausdrücke und Worte sind alt und haben ihre Geschichte.“

 

20.05.2015 - 17:01

Eines der großen, legendären Festivals in Europa findet jedes Jahr in Glastonbury statt. Daß Rock-Fans nicht notwendigerweise weltoffen und kulturell neugierig sind, zeigte sich dieses Jahr, als die Festivalveranstalter einen der führenden HipHop-Künstler unserer Tage für das größte englische Festival verpflichtet hatten: Kanye West. Ein Aufschrei ging durch Großbritannien, Petitionen wurden geschrieben, es sei „eine Beleidigung für Musikfans in aller Welt“, daß Kanye West in Glastonbury auftreten dürfe, man solle ihn von der Liste streichen und durch eine Rockband ersetzen.
Rock-Fans können eben auch durchaus Reaktionäre sein, weiße Männer, die weiße Musik im Viervierteltakt hören wollen, ein Publikum wie Pegida mit zugehaltenen Ohren. Und so ergab auch eine Abstimmung auf „Spiegel Online“: 93,75% der Teilnehmer fanden, „West hat dort nichts verloren“, nur 6,25% sagten „Was soll das, laßt den Mann auf die Bühne“ (bei 15596 Gesamtbeteiligung, Stand 21.3.2015 12:19 Uhr).
Ach ja: das nach verkauften Tickets mit Abstand größte Rock-Event Deutschlands 2015 sind die vier Open-Airs, die die „Böhsen Onkelz“ auf dem Hockenheimring spielen. Der Veranstalter hat bereits 350.000 Tickets abgesetzt und rechnet mit 400.000 Zuschauern bei den vier Auftritten im Juni.
Haben wir noch irgendwelche Fragen?

20.05.2015 - 17:01

Auch so eine harmlose und ganz sicher aller rechtsradikaler Sympathien abholde Band ist Frei.Wild aus, genau, Südtirol. Daß die Band in ihrem Song „Für immer Anker und Flügel“ eine Parole eines gewissen Joseph Goebbels von seiner Sportpalastrede zitieren, der Rede, in der Goebbels den „totalen Krieg“ ausrief, ist ganz sicher purer Zufall:

„SPIEGEL ONLINE: Im Song "Für immer Anker und Flügel" singen Sie "Sturm, brich los". Wissen Sie, wen Sie damit zitieren?
Burger:
Nein.
SPIEGEL ONLINE: Joseph Goebbels. "Sturm, brich los" sind die letzten Worte aus seiner Sportpalastrede, in der er den "Totalen Krieg" ausgerufen hat.
Burger: Die Geschichte ist mir neu. Was soll ich denn jetzt dazu sagen? "Sturm, brich los" ist ein allgegenwärtiger Slogan. Man wälzt beim Schreiben von Songs ja nicht jedes Mal die Geschichtsbücher. Überhaupt finde ich diese Frage wirklich kränkend, vor allem weil ich selbst Teil der rechten Skinheadszene war...
SPIEGEL ONLINE: ...von der Sie sich inzwischen distanziert haben...
Burger:
Sie können sich sicher vorstellen, dass ich der Letzte wäre, der wissentlich einen solchen Slogan in die Lieder einbauen würde. Wenn man es unbedingt so ausreizen möchte, dann könnte man fast jedem deutschen Wort eine Nazi-Nähe unterstellen.“

Ja, sicher, ich finde auch, daß Frei.Wild so ziemlich die letzte Band sind, die wissentlich einen Goebbels-Slogan in ihre Texte einbauen würden. Klar. Die allerletzte Band, die so etwas tun würde, wären die Böhsen Onkelz.
Alles ganz harmlos. Die wollen doch nur spielen.
Und mal Hand zum Gruß erhoben... nein, Hand aufs Herz: „Sturm, brich los“ ist doch etwas, was Sie und ich tagtäglich sagen. Nicht?

20.05.2015 - 17:00

Der sehr geschätzte Theaterregisseur René Pollesch und Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow haben in Berlin gemeinsam eine Oper „gemacht“. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat bei von Lowtzow nachgefragt:

„SZ: Wie war das für Sie als Popmusiker, plötzlich für großes Orchester und Chor zu komponieren?
Lowtzow: Ich kann keine Noten lesen und schreiben. Ich kann nicht arrangieren, nicht orchestrieren. Das fand ich total interessant: etwas zu machen, was man überhaupt nicht kann.“

O.k., von Lowtzow macht also etwas, was er überhaupt nicht kann. Soweit, so pop. Aber muß er das Ding gleich „Oper“ nennen? Und warum?

Natürlich, reizen tut uns das doch alle, mal etwas zu machen, was wir überhaupt nicht können. Sagen wir es mit Hermann L. Gremliza (in „Konkret“): „Wenn also einmal des Herrn von Lowtzows Blinddarm rausmuß, stehe ich zur Appendektomie bereit. Ein Taschenmesser wird vom Verlag gestellt.“ Und ich assistiere Gremliza bei dieser Operation mit Vergnügen.

20.05.2015 - 16:59

Wir haben Popmusiker, die Opern schreiben, die USA haben Schriftsteller, die erklären: „Hegel ist mir unentbehrlich.“ So die Schriftstellerin Rachel Kushner, deren neuer Roman „Flammenwerfer“ unlängst auch in deutscher Sprache erschienen ist.
„Ich bin mit Gegenkultur-Leuten aufgewachsen (...) Sie haben mich für radikale Ideen begeistert und auf den Kampf gegen Leute wie Reagan und Bush vorbereitet“
, sagt Rachel Kushner in der „FAZ“, und daß sie Schriftsteller bevorzuge, die an der „Mechanik der Welt“ interessiert seien und an den „politischen Kraftfeldern unserer Gegenwart“.

20.05.2015 - 16:58

Die „GfK Entertainment“ hat etwas ganz arg Tolles erfunden: Es gibt nämlich jetzt nicht mehr die bisher von „media control“ ermittelten Charts, sondern, halten Sie sich jetzt bitte fest!, die „offiziellen deutschen Charts“. Ich konnte ehrlich gesagt bisher keinen Unterschied feststellen, gezählt wird weiter, wieviele Alben, Singles oder Downloads verkauft werden. Aber natürlich ist alles „neuer, schneller, schöner“, wie es in großen Anzeigen in den Vereinsblättchen der deutschen Musikindustrie heißt. Und GfK-Geschäftsführer Mathias Giloth erklärt in einem Interview, daß „das Besondere zunächst einmal ist, daß es die seit Jahrzehnten im Auftrag des BVMI erhobenen Charts sind. Es ist die Währung, auf die sich der Markt verläßt.“

Ach ja, die Musikindustrie hat jetzt ne eigene Währung? Interessant. Und wir lernen: das Besondere ist, daß es etwas bereits seit Jahrzehnten genauso gibt, während andererseits das, was es bereits seit Jahrzehnten gibt, nun plötzlich aus Gründen, die der normale Mensch außerhalb des Bundesverbandes der Deutschen Musikindustrie nicht nachvollziehen kann, eben „neuer, schneller, schöner“ ist. Aber so ist das wohl, wenn man uralten, zu Essig umgekippten Wein in neuen Schläuchen verkaufen muß. Klebt man einfach „neu“ drauf.

In die neueren, schnelleren, schöneren Charts gehen jetzt sogar „Daten von über 2.800 Händlern“ ein – also nicht etwa von allen Händlern, sondern wie gehabt nur von einem Teil. Wie gehabt also sind die „offiziellen deutschen Charts“ eine Mogelpackung, und wie gehabt erfährt niemand das, worauf es doch ankommt, nämlich: wieviele Alben, Singles oder Downloads wurden denn nun wirklich verkauft? Darüber schweigt man sich hierzulande aus. Kein Wunder, in Zeiten von drastisch zurückgehenden Tonträger-Verkäufen will man die Wahrheit nicht als Zeichen an der Wand geschrieben sehen...

20.05.2015 - 16:57

Zu den rätselhaftesten Angelegenheiten der deutschen Musikindustrie gehört, warum deren Branchenevents zu den allerlangweiligsten überhaupt denkbaren Veranstaltungen gehören müssen. Der „Echo“ der deutschen Musikindustrie? Das pure Grauen – stellen Sie sich allein mal Andreas Frege alias Campino, Wolfgang Niedecken, Joy Denalane und andere vor, wie sie live den großen „Redemption Song“ von Bob Marley (der uns auch in der wundervollen Version von Johnny Cash und Joe Strummer bestens in Erinnerung ist) vergewaltigen.
Die Liveindustrie vergibt seit einigen Jahren den sogenannten „LEA“, ich war vor einiger Zeit drei aufeinanderfolgende Jahre als „Künstleragent des Jahres“ nominiert und hab mir das einmal live angeschaut, und es war der langweiligste und drögeste Abend, den ich in den letzten zwei Jahrzehnten verbracht habe – wenn ich Ihnen erzähle, daß bei all den Reden und drittklassigen Gags und Showbeiträgen und Selbstbeweihräucherungsarien der Auftritt von „Silbermond“ der musikalisch interessanteste Beitrag und der von Atze Schröder der komische Höhepunkt der über vierstündigen, sich wie endloser Kaugummi ziehenden Veranstaltung war, dann können Sie sich ungefähr vorstellen, wie das bei der „PRG Live Entertainment Award“-Zeremonie so zugeht. Also so langweilig, daß eine Zusammenfassung im Hessischen Fernsehen nicht weiter unangenehm auffällt.
Dieses Jahr hatten sich die LEA-Veranstalter etwas Besonderes einfallen lassen: Neben den bisherigen „Medienvertretern“ bestand die Jury 2015 auch aus „Branchenpraktikern“ wie Ossy Hoppe (Wizard), Marek Lieberberg, Karsten Jahnke, Peter Schwenkow (DEAG) und anderen.
Und jetzt raten Sie mal, wer die LEAs abgeräumt hat. Genau. Es waren u.a. Marek Lieberberg (3 Preise), Wizard, die DEAG (2 Preise) und Karsten Jahnke...
Natürlich haben Marek Lieberberg und Karsten Jahnke ihre Awards sicher hochverdient – aber müssen sie wirklich selbst in der Jury sitzen, die die Preise vergibt? Klar, wir arbeiten in einer extrem autoreferentiellen Branche, aber... Kollegen, das habt ihr doch eigentlich nicht nötig!

20.05.2015 - 16:56

Beim „LEA“ geht’s natürlich um nichts.
Das ist beim „Eurovision Song Contest“ schon etwas anderes. Da geht es für die Musikindustrie um jede Menge Geld. Im März 2015 lief zu bester Sendezeit in der ARD der „Vorentscheid“ über den deutschen Beitrag beim ESC, der dieses Wochenende in Wien ausgetragen werden wird.
Doch wer hat eigentlich entschieden, welche Künstler an dieser öffentlich-rechtlichen Vorentscheidung teilnehmen durften, wer saß in der Jury, die die deutschen Kandidaten für den Vorentscheid ausgesucht hat? „Vertreterinnen und Vertreter des NDR, der Produktionsfirma Brainpool, der Labels Sony, Universal und Warner, der Independent-Labels sowie der Popwellen und jungen Radios der ARD“, teilt die ARD sozusagen im Kleingedruckten mit. „Vertreterinnen und Vertreter der Labels Sony, Universal und Warner“ – wie niedlich. Die drei multinationalen Musikkonzerne also haben die Kandidaten für die Show des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gleich selbst  ausgesucht, und nicht etwa eine unabhängige Jury aus Musikexperten.
Und was kommt bei der Auswahl einer Jury heraus, in der die Vertreter der drei größten Musikkonzerne der Welt sitzen? Überraschung: Alle sieben vorausgewählten Teilnehmer haben einen Plattenvertrag bei just einem der drei multinationalen Konzerne: fünf beim Weltmarktführer Universal oder einem seiner Sublabels und je einer bei Warner und Sony. Und auch die Siegerin des „Clubkonzerts“ (deren Teilnehmer ebenfalls durch eine „Fachjury“ vorausgewählt worden waren), die „Deutschland“ in Wien vertreten wird, hat längst einen Vertrag beim weltgrößten Musikkonzern, Universal Music.
Läuft alles wie geschmiert, wenn die Musikindustrie und das öffentlich-rechtliche Fernsehen erfolgreich zusammenarbeiten. Mehr dazu können Sie in meinem im Juni erscheinenden neuen Buch „I Have A Stream“ lesen...

20.05.2015 - 16:55

„Ich habe das Gefühl, daß die Pop- oder Rockmusik noch nie so langweilig war wie heute. Da passiert nichts Neues, kaum jemand fällt aus dem Rahmen. Die aktuellen Künstler beschränken sich darauf, angepaßt und gleich zu klingen. Sie glauben, sie müßten einer bestimmten Formel folgen, um erfolgreich zu sein – derselben wie alle anderen. Den Quatsch lassen sie sich von der Musikindustrie eintrichtern, die nur noch stromlinienförmige Acts will, die leicht zu verkaufen sind.“
Van Dyke Parks im Interview mit dem „Musikexpress“

20.05.2015 - 16:55

Ich sag das jetzt nicht, um anzugeben, aber Sie sollen halt wissen, daß Sie als LeserIn dieses kleinen Rundbriefes doch nicht allzu schlecht informiert werden: Vor paar Monaten, und zuletzt in meinem in der „Jungle World“ Ende 2014 erschienenen Artikel „Wir lieben euch doch alle! Lollapalooza erstmals in Berlin“ habe ich Ihnen erzählt, daß das US-Festival, das sich gerne als drollig und alternativ und künstlerorientiert und ganz besonders besonders gibt, das mit Ihnen „eine Familie gründen“ möchte, „eine lokale Community aus Musikern und Künstlern“, wie Lollapalooza-Boß Farrell gesagt hat, daß dieses schnuckelige Lollapalooza in Wahrheit u.a. der weltgrößten und mächtigsten Künstleragentur WME gehört, und daß der weltgrößte Livemusik-Konzern Live Nation eine Übernahme eines anderen Miteigners des Lollapalooza-Festivals anstrebt. Dies ist mittlerweile vollzogen, und Live Nation gehören jetzt die Mehrheitsanteile an C3 Presents, wie auch schon Anteile an „Festival Republic“, dem dritten Großeigner des Lollapalooza-Festivals. Es geht ums internationale Geschäft, und der Live Nation-Konzern benötigt einen starken Eintritt in den bundesdeutschen Konzertmarkt, der nach wie vor von CTS Eventim, dem drittgrößten Livemusik-Konzern der Welt, dominiert wird. It’s the economy, stupid!

Live Nation ist übrigens aus der von der US-amerikanischen Kartellbehörde verlangten Zerschlagung von „Clear Channel“ hervorgegangen – die Live-Sparte und die Mediensparte des Konzerns mußten seinerzeit getrennt werden. Wir erinnern uns: Clear Channel, das ist der Konzern, der immer auf der Seite von George W. Bush stand und dessen Präsidentschaftskampagnen mitfinanziert hat, der Konzern, der eine Pro-Irakkrieg-Propaganda-Tournee namens „Rally for America“ organisierte und dessen Radiostationen unmittelbar nach 9/11 eine „schwarze Liste“ umsetzten mit Songs, die aus „nationalen Gründen“ als „unpassend“ galten und nicht mehr gespielt werden durften. U.a. waren das John Lennons „Imagine“; Bob Dylans „Knockin’ on Heaven’s Door“, „Hey Joe“ von Jimi Hendrix bis hin zu Songs von Neil Diamond, Billy Joel oder den Rolling Stones. Und die Dixie Chicks, die es gewagt hatten, sich in England gegen Bush’s Irakkrieg auszusprechen, wurden gleich komplett aus den Clear Channel-Radiokanälen verbannt.

Und jetzt erzählen uns die Handlanger der Nachfolger dieses Konzerns etwas davon, daß sie mit ihrem Lollapalooza-Festival das „Bedürfnis nach Liebe“ in Berlin befriedigen zu wollen. Mon dieu.

Aber die BerlinerInnen sind natürlich schlau. Wie zu hören ist, läuft der örtliche Vorverkauf für das Großfestival des Großkonzerns ziemlich schlapp (das werden sie natürlich nie zugeben, so, wie das DEAG-Festival „Grüne Hölle“ natürlich auch ganz toll lief und wie verrückt Tickets verkauft hat, und niemand weiß, warum es dennoch nach Schalke verlegt wurde... nach außen sind das ja immer alles die tollsten Erfolgsstories...). Kein Wunder, denn das Line-Up des Berliner Lollapalooza darf als gehörige Enttäuschung gewertet werden – lauter Bands, die sowieso regelmäßig in Berlin spielen. Seed. Beatsteaks. The Libertines. Tame Impala. Belle & Sebastian. Mighty Oaks. My Morning Jacket etc. pp. So what?
Retten werden die Festivalmacher wohl allein die Ticketkäufer aus dem Ausland, die die Teilnahme an dem Festival mit einem Wochenendtrip nach Berlin verbinden werden.

(Der neue „offizielle Live Nation-Drink“ ist übrigens Pepsi-Cola. Der Konzern PepsiCo hat es geschafft, den jahrelangen Live Nation-Getränkepartner Coca Cola auszustechen. "Our partnership with Live Nation elevates our robust music platform to new levels", teilte der PepsiCo-Vice President Adam Harter mit. Pepsi wird unter anderem, genau: das Lollapalooza-Festival sponsern. Sagen Sie also nicht, Sie hätten nicht gewußt, welche braune Brause Sie da trinken müssen...
Live Nation hat in 2014 übrigens weltweit die Rekordsumme von 300,3 Millionen US-$ durch Sponsorship eingenommen. Sagte ich glaube ich schon – es scheint bei Live Nation, Lollapalooza und Co. ein klein bißchen mehr ums Geld als um irgendetwas anderes, und wahrscheinlich am allerwenigsten um Musik zu gehen...)

20.05.2015 - 16:53

Nicht viel anders macht es das andere komische Dingens, das in Berlin niemand braucht, das aber aus Steuergeldern finanziert im Sommer Premiere haben wird: Das vom Musicboard des Berliner Senats veranstaltete Staatspop-Festival namens „Pop-Kultur“. Die Macher behaupten neuerdings, sie hätten „die langweiligen Themen weggelassen“, das Programm, das sie anbieten, läßt dies allerdings nur schwer nachvollziehen. Und vor allem, wie das Lollapalooza, leidet das Programm darunter, daß lauter Künstler und Bands auftreten, die sowieso ständig in Berlin zu sehen sind. Pantha du Prince, Matthew Herbert, Sophie Hunger (allein diese tolle Künstlerin hat in den letzten zwölf Monaten ca. 10 mal in Berlin gespielt...), Ólafur Arnalds, „Fenster“, der unvermeidliche Sven Regener oder Schnipo Schranke – wie originell das alles. Aber ich vergaß, sind ja lauter Premieren, denn die meisten Künstler tun eben mal etwas ganz anderes (vielleicht etwas, was sie nicht können? siehe oben...), wozu sie von sogenannten Kuratoren ermuntert werden müssen. „Ein Rock’n’Roll-Kurator? Das ist das Albernste, was ich je gehört habe“, wußte schon Keith Richards.

Nur die Politik freut sich über so viel Stadtmarketing. Der Regierende Bürgermeister Müller (SPD) ließ verlauten: „Pop-Kultur repräsentiert in seiner freien und offenen Konzeption den Standort Berlin ideal und bereichert den kreativen Humus unserer Stadt auf vielfältige Art und Weise. Ich bin gespannt und freue mich auf das neuartige Format, von dem ich mir kreative Ergebnisse und einen intensiven Austausch der internationalen Popkultur-Szene verspreche.“

Wenn Sie also den „Standort Berlin“ (so redete man früher eigentlich von Kasernen: Truppenstandort XYZ...) repräsentieren und dem Berliner Regierenden „kreative Ergebnisse“ verschaffen wollen, dann melden Sie sich rasch beim Staatspop-Festival der Stadt Berlin an. Sie haben dafür bezahlt. Eine hohe sechsstellige Summe. Helau!

20.05.2015 - 16:52

Heldentod (1).
Der von mir sehr bewunderte Schauspieler Al Pacino, 74, bietet laut „Spiegel“ für schlappe 33.700 Euro einen Flug in seinem Privatjet an. „Die Reise von Glasgow nach London mit dem Mann, der als ‚der Pate’ berühmt wurde, dauert 75 Minuten. Im Preis enthalten sind eine Hotelübernachtung, ein Ticket für die Bühnenshow ‚An Evening with Pacino’, die im Wesentlichen aus einem Monolog Al Pacinos besteht – und der Rückflug.“
Ist Ihnen jetzt doch ein bißchen zu teuer? Macht nichts. Sie können für nur 10.300 Euro auch ein Abendessen mit Al Pacino buchen oder ihn für nur noch 3.400 Euro 20 Minuten lang in seiner Garderobe besuchen. 20 Minuten!

20.05.2015 - 16:52

Die Nachrichtenagentur dpa berichtet unter Berufung auf die Bundesregierung, daß die Bundesrepublik im Bundeshaushalt seit 2008 auf die Staatsschulden 94 Milliarden Euro an Zinsen weniger als ursprünglich erwartet hat zahlen müssen. Die Niedrig-Zins-Politik der Europäischen Zentralbank und die Funktion deutscher Staatsanleihen als "sicherer Hafen" in unsicheren Zeiten machen für Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble den Schuldendienst so günstig wie selten in der deutschen Geschichte (aktuell 0,12 Prozent auf zehnjährige Anleihen).
Die Kehrseite sind die hohen Zinsen, die Griechenland zahlen muss. 12,78 Prozent waren es zuletzt für zehnjährige Staatsanleihen.
„Wenn Deutschland also Geld aufnimmt und dafür 0,12 Prozent Zinsen zahlt, dieses für 4,5 Prozent an Griechenland leiht, damit dieses damit wiederum deutsche (und französische sowie einige andere) Banken rettet, dann ist das für den Bundeshaushalt ein ziemlich gutes Geschäft. Bei 22 Milliarden Euro für den sogenannten Hilfsfonds, die 2011 zugesagt wurden, wären das jährlich fast eine Milliarde Euro.
Das Mindeste wäre es eigentlich, dieses Geld und die 94 Milliarden eingesparten Zinszahlungen zur Lösung der Flüchtlingskrise am Mittelmeer und zur Linderung der Krisenfolgen in Südeuropa einzusetzen.“
  (Wolfgang Pomrehn in „Telepolis“)

20.05.2015 - 16:50

Der Axel Springer-Verlag hat ein neues Kunstmagazin an den Start gebracht – Sie wissen schon, „Kunstmagazin“ nennen sich hauptsächlich die Zeitschriften der Großverlage, die um die vielen Anzeigen ein wenig Text herum gruppieren müssen, und in denen auf den ersten neun Seiten ausschließlich Anzeigen zu sehen sind. Besonders eklig finde ich, wenn ich das mal eben anmerken darf, dabei immer die Anzeige von Patek Philippe Geneve. Ein Vater mit einer Luxusarmbanduhr dieser Marke sitzt mit seinem vielleicht zehnjährigen Sohn auf dem Sofa, er lächelt, der Sohn lacht verkrampft, und daneben steht: „Eine Patek Philippe gehört einem nie ganz allein. Man erfreut sich ein Leben lang an ihr, aber eigentlich bewahrt man sie schon für die nächste Generation.“ Und man versteht bei dieser Gelegenheit wieder, warum die Französische Revolution ursprünglich die Erberei ganz abgeschafft hat. Man kann das übrigens auch in Flauberts „Education Sentimentale“ schön nachlesen.

Das Kunstmagazin „Blau“ des Axel Springer-Verlags ist so belanglos, wie es nur sein kann; interessant war aber die Werbung, die der Verlag in verschiedenen Zeitungen für sein neues Anzeigenblättchen geschaltet hatte. Auf der Titelseite der „Welt“ war zu lesen: „Kunst ist mehr wert als die Wahrheit. Friedrich Nietzsche.“ In der „taz“ dagegen hatte Springer diesen Text geschaltet: „Kunst ist nicht ein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorhält, sondern ein Hammer, mit dem man sie gestaltet. Karl Marx.“

Was haben wir gelächelt. War „Kunst“ nicht das, wofür das Scheichtum Katar 300 Millionen ausgegeben hat, nämlich für ein Gemälde Gauguins? Oder der Privatsammler, der vor ein paar Tagen mal eben 179,4 Millionen für ein Gemälde von Picasso auf den Tisch geblättert hat (die vielen Brüste auf „Les femmes d’Algers“ hat der reaktionäre US-Fernsehkanal „Fox“ übrigens in seiner Nachrichtensendung verdeckt – im Ernst!). Doch so, wie es der Kunst um die höchstmögliche Dotierung von Fetischen geht, geht es den Verlagen um den größtmöglichen Anzeigenverkauf. Alle sind in einem Spiel. Größere Fische, kleinere Fische. Und das Sein bestimmt das Bewußtsein. War das jetzt Nietzsche?

20.05.2015 - 16:49

„Bärte. Bärte überall. Es ist einfach lächerlich.“
(Róisín Murphy)

20.05.2015 - 16:48

SXSW in Austin? Uninteressant, da fahren nur noch vom Staat bezahlte Musikfunktionäre hin und all die Leute, die genug Zeit und Geld haben, ein paar Tage unter der texanischen Sonne Party zu feiern. Als Musikfestival ist SXSW bereits seit Jahren tot, und das gilt auch für die Möglichkeit, Entdeckungen zu machen. Keine Sorge, ich werde keine sentimentalen „frührer war alles besser“-Elogen anstimmen, auch wenn es in den 90ern kaum einen besseren Platz gab, neue Musik zu entdecken, als die SXSW – während die letzten Jahre die SXSW zu einer Mischung aus Oktoberfest und Dantes Inferno geworden ist. Und insofern paßt es natürlich, daß all die Staatspop-Funktionäre und -Bands und all die Musikindustrie-Leute sich da sehr wohl fühlen, während sie früher, als die SXSW noch „indie“ war, einen breiten Bogen um die Veranstaltung gemacht haben.

Doch wie kam das alles? Wie konnte diese Entwicklung von der Musik zum Business, von Soul zu Kommerz passieren? Es ist wie immer in solchen Fällen: Wenn die „Brands“, die Markenkonzerne und Sponsoring-Firmen solche Veranstaltungen übernehmen, läuten die Totenglocken. Diese Konzerne „fressen deine Seele und lassen nichts übrig“, so der US-Starblogger Bob Lefsetz:

„And then we've got SXSW. Where the big story is Meerkat, not a band. Brands have taken over South By. That's what happens when you're beholden to corporations, they eat your soul and leave you with nothing. A band hasn't broken out of SXSW in eons. It's all promotion. And there's so much noise, you can't hear the music. We need a new festival with fewer bands, but it won't fly because the first thing the pricks in charge will do is sign up sponsors, and you've got death before you've begun.“

20.05.2015 - 16:43

„Deutschland zeigt gerne anklagend mit dem Finger auf andere, welche die Stabilitätskriterien nicht einhalten“, stellt Ralf Streck völlig zurecht auf „Telepolis“ fest. Wenn die deutsche Regierung aber selbst immer wieder die von der EU-Kommission festgelegten Stabilitätskriterien bricht und von Brüssel gerügt wird, wird das von der Bundesregierung einfach ignoriert oder schöngeredet, und die bundesdeutschen Medien, die gerne über jedes raushängende Hemd des griechischen Finanzministers Titelgeschichten produzieren, verschweigen die verfehlte Wirtschaftspolitik der eigenen Regierung und die Tatsache, daß diese Regierung regelmäßig von Brüssel gerüffelt wird, komplett.

Es geht um die Exportüberschüsse. Deutschland hat 2014 mit Abstand den weltweit größten Exportüberschuß erzielt, mit 285 Milliarden US-Dollar wurde sogar ein neuer Rekord aufgestellt. „Abgeschlagen folgt China mit 150 Milliarden Dollar auf dem zweiten Rang und dahinter folgt der größte Ölexporteur Saudi-Arabien mit 100 Milliarden Dollar.“

Für den Ifo-Experten Steffen Henzel ergibt sich damit für 2014 ein Leistungsbilanzüberschuß von 7,5% der Wirtschaftsleistung, für 2015 werden sogar 8% errechnet. „Doch die EU-Kommission stuft Überschüsse die dauerhaft über 6% liegen als stabilitätsgefährdend ein. Und Deutschland liegt seit Jahren über dieser Grenze, weshalb die Bundesregierung vor einem Jahr von Brüssel gerügt wurde. Immer wieder wurde Deutschland angehalten, mehr zu investieren und die Löhne zu erhöhen, um die Nachfrage im Inland zu stärken und die Importe zu fördern.“

Schon lange kritisieren Experten weltweit die deutsche Wirtschaftspolitik, mit der letztlich die „Krisenländer“ ruiniert werden. Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman sagte 2013: „Deutschland ruiniert seine Nachbarn", Krugman macht Deutschland für die "Pein" der Krisenländer verantwortlich. „Denn deutschen Überschüssen stehen die Importe der Länder gegenüber, die sie über Schulden finanzieren müssen. Die Weigerung, mehr zu importieren, um den Überschuss abzubauen, wirke ‚niederdrückend’ auch auf die Weltwirtschaft.“

Während unter dem deutschen Druck die Länder gezwungen wurden, ihre Haushaltsdefizite abzubauen, tut Deutschland nichts, um gleichzeitig seine Überschüsse abzubauen. Und die deutsche Regierung und die ihnen treu ergebenen Medien schwingen sich weiterhin zum Lehrmeister von Ländern wie Griechenland, Italien, Spanien oder Portugal auf.

Doch was wird passieren? Wird Brüssel die Troika als Überwachungskommissare nach Berlin schicken, damit die Löhne steigen, Investitionen angeschoben werden und Deutschland endlich die EU-Richtlinien befolgt? Iwo. Denn die Regeln der europäischen Wirtschaftspolitik werden längst in Berlin aufgestellt, wo man „Wirtschaftsnationalismus“ (Hans Kundnani) betreibt. Und diejenigen, die die Regeln aufstellen, können sie eben auch ignorieren. Quod licet lovi, non licet bovi.

20.05.2015 - 16:42

Als ich Anfang Februar in der Schweiz war, ist dort die Revolution ausgebrochen.
Schöner Satz, nicht?
War also das Bankgeheimnis endgültig obsolet? Die Schweizer Chemieindustrie vergesellschaftet? Sprüngli ein volkseigener Betrieb? Nein, das eine hatte nichts mit dem anderen zu tun, vielmehr bezog sich die Schweizer Revolution auf die – Bratwurst!
„Die einhändige Bratwurst sorgt für ein freieres Leben und steigert den Genuß“,
ist der mehr als eine halbe Seite große Bericht am 6.2.2015 in der „Aargauer Zeitung“ überschrieben. „Erfindung: Thomas Schmid aus Fischbach-Göslikon revolutioniert die Fastfood-Kulinarik in der Schweiz mit seiner Erfindung“. Und auf einem großen Foto ist Thomas Schmid zu sehen, wie er eine Bratwurst in einem „perfekt gekrümmtes Brot“ hält.
Genau so habe ich mir ein „freieres Leben“ immer vorgestellt. Daß man die Bratwurst mit nur einer Hand essen kann und die andere Hand frei hat. Endlich: die Revolution hat gesiegt! Zumindest schon mal im Aargau – aber ich bin sicher, auch andere Regionen werden mit perfekt gekrümmten Brötchen nachziehen, und dann, ja dann...

20.05.2015 - 16:41

Im Genfer „Zentrum für Sicherheitspolitik“ übrigens werden regelmäßig nordkoreanische Offiziere ausgebildet. Seit 2011 wurden acht nordkoreanische Militärs auf Kosten der Schweizer Regierung dort trainiert, Kosten: 160.000 Schweizer Franken. Nun allerdings hat das Schweizer „Verteidigungsdepartment“ nach massivem öffentlichen Druck die Finanzierung der Ausbildung beendet, künftig wird das Genfer Zentrum etwaige weitere Schießtrainings mit nordkoreanischen Offizieren selbst finanzieren müssen...

20.05.2015 - 16:41

Und dann gab es Nachrichten von der Fressenkladde: Mehrfach teilte mir Facebook mit:

„Hallo geschätzter Werbetreibender,
Offenbar hast du Werbeanzeigen über eine E-Mail-Adresse geschaltet, die nicht mit einem persönlichen Facebook-Konto verknüpft ist. Diese Art von Konten nennen wir gemeinsame Konten, da Unternehmen die Anmeldedaten in der Regel teilen und ihre Mitarbeiter diese gemeinsam zur leichteren Verwaltung der Werbeanzeigen nutzen. Ab dem 16. Februar 2015 kann auf diese Konten nicht mehr zugegriffen werden.
Es gibt eine andere und unkompliziertere Möglichkeit, deine Werbekonten, Seiten, Apps und Mitarbeitergenehmigungen zentral zu verwalten – den Business Manager. Du kannst dein gemeinsames Konto mit einigen einfachen Schritten in den Business Manager migrieren oder dein Konto mit einem bestehenden persönlichen Facebook-Profil verknüpfen.
Der letzte Tag für die Migration deines Kontos ist der 16. Februar 2015.“

Allein – es war leider keinesfalls möglich, wie von Facebook angekündigt, das alte Facebook-Konto meiner Agentur zu migrieren – das scheiterte schlicht daran, daß man den Administrator einer solchen Seite nicht ändern kann.

Mit Verlaub: Was soll dieser Quatsch, Herr Zuckerberg?

Und natürlich gibt es nirgendwo einen Kontakt oder eine Hotline, der „Kundenservice“ von Facebook ist unterirdisch, nämlich nicht vorhanden (so wie der Datenschutz) – die Arroganz der Macht. Man muß sich das auf der Zunge zergehen lassen: Ein Konzern, der sich zur Gänze und einzig und allein durch Werbung finanziert, macht es Werbetreibenden und Unternehmen absurd schwer, den eigenen Account zu managen. Und verunmöglicht es mir als Unternehmer, ab einem bestimmten Termin auf mein eigenes Facebook-Konto zurückzugreifen.
Bundesministerium für Verbraucherschutz, übernehmen Sie!
Ganz ehrlich: Eigentlich hatte ich gar keine Lust mehr, mich weitere Stunden mit der Fressenkladde zu beschäftigen. Aber die vielen Facebook-Freunde wollte ich nicht enttäuschen und ihnen auch weiter Infos über die Konzerte der Künstler dieser Agentur, aber auch über meine Autorentätigkeit liefern. Ab dem 16.2.2015 können diejenigen, die meine Facebook-Posts verfolgen wollen, mich jedenfalls nur noch hier finden. Viel Spaß...

20.05.2015 - 16:38

Ich frage Sie: Was unterscheidet die CDU von der National Party Neuseelands? Ganz einfach: während die CDU bei ihren Siegesfeiern mit dem volkstümlichen Schlagerrock der Toten Hosen vorliebnehmen muß, hat die National Party den Track „Lose Yourself“ von Eminem für ihren Wahlkampf verwendet. Ich weiß nicht, für was die neuseeländische Partei sonst so einsteht, eines ist aber gewiß: Einen besseren musikalischen Geschmack als die CDU hat sie allemal... Hilft ihr aber wenig, denn Eminem hat die Partei jetzt verklagt, weil sie den Song ohne seine Genehmigung für ihre Zwecke verwendet hat. Die National Party sagte, sie habe gedacht, das sei „pretty legal“...

20.05.2015 - 16:38

„’Religiöse Gefühle’ sind ein Missverständnis. Gefühle als solche können peinlich oder angenehm, erhebend oder bedrückend, stark oder schwach sein, aber nicht religiös oder profan. Man mag zwar bestimmte Erlebnisse als derart durchdringend, erschütternd oder erhebend empfinden, dass man folgert: Das war mehr als bloß profan; da muss mich eine höhere Macht angerührt haben. Doch niemand fühlt Gott oder das Heilige direkt, sondern allenfalls etwas, was er für Gott oder heilig hält. Gerade weil es religiöse Gefühle an sich nicht gibt, ist das, was dafür gehalten wird, so angreifbar. Zur psychologischen und militärischen Kriegführung hat denn auch stets gehört, die Heiligtümer der Besiegten zu schänden und ihre Rituale zu verhöhnen. Erst spät, im Europa der Neuzeit, hat sich Blasphemie mit Freigeisterei und Zivilcourage verbunden. Was langen Beweisgängen oft versagt bleibt, schafft bisweilen ein einziger Witz, eine Satire, eine Karikatur: das Eitle und Aufgeblasene geltender Autoritäten bloßzustellen. Kritik ohne Spott ist zahnlos. Daher hat aufklärerische Religionskritik, namentlich in Frankreich, religiöse Autoritäten und die von ihnen gehegten Gefühle ab und zu beleidigt. Aber eher beiläufig. Ihr Hauptziel war, dem Christentum die Wahrheit streitig zu machen.“
Christoph Türcke in „NZZ“ (Hervorhebung BS)

20.05.2015 - 16:37

Und noch einmal Schweiz: „Universal Music zeichnet Herbert Grönemeyer mit Schweizer Platin aus“, lautet die schöne Schlagzeile auf „Musikwoche.de“. Schweizer Platin? Bisher hatten sich die Eidgenossen doch eher im Goldgeschäft hervorgetan, bekanntlich war die Schweiz für Hitler-Deutschland der wichtigste Abnehmer von Raubgold, und Ende 2014 gab es zwei interessante Volksabstimmungen in der Schweiz: „Gold rein, Ausländer raus“ läßt sich der Tenor der beiden Volksabstimmungen zusammenfassen. Doch während „Ausländer raus“ eine Mehrheit fand, konnte sich die Initiative, daß alle Goldbestände der Schweiz im Land zu lagern seien und von der Nationalbank nicht veräußert werden dürfen, nicht durchsetzen. Aber daß man jetzt gleich mit Platin um sich wirft? Für einen deutschen Künstler gar?
Aber es ist ja nicht wirklich was passiert. Grönemeyer hat gerade einmal 20.000 Alben in der Schweiz verkauft. Platin kann im Musikgeschäft auch schon mal billig sein.

20.05.2015 - 16:36

Für Zitty 5/2015 hat sich der umtriebige und sowieso über alle Maßen geschätzte Musiker, Labelbetreiber und Autor Maurice Summen selbst interviewt. „Niemand hat dich gezwungen!“, ist der Titel, und es geht um die beiden Bands „Die Türen“ und „Der Mann“ und über Labels und Vermarktung und Musikbizz und das Leben als solches, und die beiden Seiten sind so vergnüglich und klug und ironisch, daß man nur noch Selbstinterviews und nie mehr eines dieser langweiligen Musikerinterviews irgendwelcher langweiligen Journalisten lesen möchte, das weniger vergnüglich und weniger klug ist (wird natürlich nicht passieren, seufz...).

20.05.2015 - 16:35

Es gibt aber schon tolle Interviews mit Musikern, manchmal. Franz Dobler hat im Mai 2013 ein Interview mit dem jüdischen, texanischen Krimiautor und Countrysänger Kinky Friedman geführt, das ebenso interessant und klug und vergnüglich ist und wahrscheinlich deswegen auch noch nie veröffentlicht wurde, denn Musikjournalismus hierzulande hat ja nicht interessant und nicht klug und keineswegs vergnüglich zu sein, jedenfalls bloß nicht alles gleichzeitig. Jetzt aber hat Dobler, der beste deutsche Krimiautor unserer Tage („Ein Bulle im Zug“, unbedingte Kaufempfehlung!), das Gespräch mit Kinky Friedman auf seinem Block veröffentlicht. Danke!

„Die größten Komiker von allen sind diese Politiker. Denn jedes Mal, wenn sie ein Gesetz rausbringen, wird ein Witz daraus, und wenn sie einen Witz machen, wird ein Gesetz daraus, that´s a problem.”

20.05.2015 - 16:33

Gekaufter Journalismus in deutschen Qualitätszeitungen? Zugegeben: uns wundert wirklich nichts mehr, insofern ist es keine wirkliche Überraschung, was der ehemalige Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, Sebastian Heiser, jetzt veröffentlicht hat: Die SZ habe laut „Meedia“ „auf Sonderthemen-Seiten konsequent Redaktion und Werbung vermischt und sogar Anleitungen zur Steuerhinterziehung veröffentlicht“ – Letzteres besonders pikant angesichts der „Swiss-Leaks“-Enthüllungen von „SZ“ und NDR.

Die Themen der Sonderseiten der „Süddeutschen Zeitung“ seien „danach ausgesucht worden, welcher Anzeigenkunde das meiste Geld zahlt“, so „Meedia“, die Heiser so zitieren: „Rein kommen die Themen, für die Anzeigen geschaltet werden. Die Daumenregel: Für jede viertelseitige Anzeige (Kosten damals: rund 20.000 Euro) erscheint eine Seite über dieses Thema.“ Überraschend? Fast alle deutschen Musikzeitschriften funktionieren so. Aber der süddeutsche Leuchtturmjournalismus? Doch warum sollte eine Zeitung, deren Außenpolitikchef dezidiert US-nah, NATO-treu und Bundeswehr-freundlich schreibt und eben Präsidiumsmitglied der „Deutschen Atlantischen Gesellschaft“ ist, einer Lobbyorganisation der NATO, plötzlich an anderen Stellen Journalismus und Geschäft oder Lobbyismus auseinanderhalten?

(hübsche öffentlich-rechtliche Randnotiz: Die „Panorama“- und „Zapp“-Moderatorin Anja Reschke hat auf Twitter geschrieben: „2007 Redakteur bei der SZ – jetzt der Skandal? Ich frage mich, warum der Autor 8 ganze Jahre gewartet hat, um #szleaks zu enthüllen“. Heiser dokumentiert daraufhin laut „Perlentaucher“ auf seinem Blog eine Mail aus dem Jahr 2009, in dem er just dieser Anja Reschke just dieses Thema anbot, aber just diese Anja Reschke sich nicht dafür interessiert hat... Touché! Reschkes NDR betreibt übrigens seit geraumer Zeit einen sogenannten „Rechercheverbund“ mit WDR und „Süddeutscher Zeitung“...)

(unschöne alternative Randnotiz: ein paar Tage, nachdem ich das oben geschrieben habe, stellt sich heraus, daß ein taz-Redakteur die Computer seiner Kollegen per Keylogger abgehorcht hat – laut „Welt“ handelt es sich um Sebastian Heiser. Was ziemlich widerlich ist, wenn es sich bestätigen sollte. Aber nichts am oben gesagten ändert...)

20.05.2015 - 16:32

Gerade lese ich, daß die „Süddeutsche“ künftig im Internet kostenpflichtig wird. Ach, die Süddeutsche ist im Internet? Echt jetzt?

20.05.2015 - 16:31

Und in der „Jungle World“ wird darüber berichtet, daß der ziemlich großartige US-Musiker, der sich „Panda Bear“ nennt und „in subkulturellen Kreisen seit Jahren gefeiert wird“, plötzlich auf der Website der Blödzeitung mit seinem neuen Album „Panda Bear meets the Grim Reaper“ ausführlich porträtiert wird. Es ist „irgendeine Form der Medienkooperation, die ‚Bild’ mit dem ‚Rolling Stone’ eingegangen ist“, so die „Jungle World“. Nein, liebe Freunde und Kollegen, das Dingens ist nicht „irgendeine Form der Medienkooperation“, sondern es ist alles eins: Denn die Blödzeitung wird ebenso wie der „Rolling Stone“ vom Axel-Springer-Verlag herausgegeben, dem Verlag jenes Verlegers, dessen „Enteignung“ ein Peter Schneider im Februar vor 45 Jahren auf einem „Springer-Tribunal“ forderte, damals warf man der Blödzeitung u.a. „Mißbrauch der Pressefreiheit zur Volksverhetzung“ vor – heute, in Zeiten der Verfeinerung des Kapitalismus und seiner Praktiken, tauchen Mitglieder des Animal Collective in der Blödzeitung auf, weil die Kapitalisten gelernt haben, daß jede noch so radikale Subkultur unter kommerziellen Gesichtspunkten vereinnahmt werden sollte. Denn das erleichtert die Zustimmung aller zu allem.

20.05.2015 - 16:31

Der Film „Selma“ ruft einen der großen Märsche der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in Erinnerung, den die Aktivisten für das Wahlrecht von afroamerikanischen BürgerInnen organisiert hatten, der von weißen Polizisten brutal niedergeknüppelt wurde und als „Bloody Sunday“ weltweit in die Schlagzeilen geriet – ich beschreibe das in meinem Buch „Das Geschäft mit der Musik“ ausführlich.

Die Reden die der Bürgerrechtler Martin Luther King anläßlich der Protestmärsche und Demonstrationen in Selma und Montgomery im März vor fünfzig Jahren gehalten hat, konnten in dem Film jedoch nicht verwendet werden, es sind nur fiktive, „nachempfundene“ Redebeiträge zu sehen. Warum das so ist? Es hat mit der verdammten Rechtehaberei, dem Copyright zu tun. Laut „FAZ“ hat Steven Spielberg sich die Rechte an allen Reden von Martin Luther King gesichert und will sie nicht freigeben, bis er seinen eigenen Film über King gedreht hat – in dem er die Reden des Bürgerrechtlers exklusiv verwenden möchte.

Nun ist Martin Luther King’s legendäre „I Have A Dream“-Rede eines der wichtigsten historischen Dokumente der US-amerikanischen Geschichte. Doch Sie werden keine komplette Dokumentation der Rede finden, weder auf Video im Netz, noch als Audiofile, nicht einmal im digitalen Archiv des „King Center“. Wenn Sie diese politische Rede legal ansehen wollen, müssen Sie sich für 20 Dollar eine DVD kaufen. Und das hat damit zu tun, daß „King Estate“ und „EMI Publishing“ die Weltrechte an dieser Rede und an ihrer „recorded performance“, also an der Aufnahme der „Aufführung“, halten. Laut Angaben in einem interessanten Artikel auf „Vice“ war der King-„Katalog“ einer der ersten nicht-musikalischen Rechtekataloge, die EMI Publishing erworben hat (heute dürfte der Katalog zu Sony gehören, da EMI bekanntlich unter die anderen Großkonzerne der Tonträgerindustrie aufgeteilt wurde).

Natürlich wäre eine der wichtigsten politischen Reden des 20. Jahrhunderts das ideale Beispiel, an dem man illustrieren kann, daß solche Reden „public domain“, also gemeinfrei sein müssen. So entsteht die perverse Situation, daß die Rede Kings in keiner Dokumentation und in keinem Spielfilm über die US-Bürgerrechtsbewegung vorkommen darf. Und wer entscheidet darüber, wo sie gezeigt werden darf? Traurige Pointe: der weiße Mann. Steven Spielberg. Ob Martin Luther King dafür seinen politische Kampf gekämpft hat?

20.05.2015 - 16:30

Was machen Claus Peymann und Robert Wilson und Herbert Grönemeyer? Lassen sich zusätzlich zu den ohnedies beträchtlichen öffentlichen Subventionen für das Berliner Ensemble von der Lottostiftung ca. 848.000 für eine geplante Luxus-Produktion überweisen. So sind sie, die Leute und die Zeiten: Die unteren Schichten und die absteigende Mittelschicht spielt Lotto. Und die Günstlinge der öffentlichen Kassen, selbst Millionäre, profitieren davon.

20.05.2015 - 16:29

Daß alles doch einmal etwas anders war, zeigt der Altersgenosse Peymanns, der Schriftsteller Hermann Peter Piwitt. In seinem Essayband „Das Bein des Bergmanns Wu“ von 1971, vergriffen und nur noch antiquarisch zu bekommen, schildert Piwitt „kristallin klar und hochmusikalisch Erlebnisse mit Vermietern, Maklern und anderen kerndeutschen Raumzuteilungsbevollmächtigten“ (Dietmar Dath, „FAZ“), skizziert „Steckbriefe der besitzenden Gattung“: „Da äußern sich dieselben Monster, die dreißig Jahre vorher Menschen per Denunziation in Lebensgefahr brachten; die nämlichen, die heute mit dem Smartphone nichtgetrennten Hausmüll im Hinterhof fotografieren, für später, vor Gericht“ (nochmal Dietmar Dath). Natürlich wird man mit solcherart hervorragender Literatur in diesem unseren Lande kein Erfolgsschriftsteller, und so sind jetzt, an seinem achtzigsten Geburtstag, die meisten seiner Werke vergriffen und werden nicht mehr neu aufgelegt. Doch wenn Sie irgendwo einen der kleinen Bände von Hermann Peter Piwitt aufspüren können, bitte überlegen Sie nicht zweimal, sondern greifen Sie zu – Piwitt zu lesen ist ein so köstliches und anregendes Vergnügen, wie Bratsch zu hören! Sie werden es nicht bereuen, das eine nicht und das andere natürlich auch nicht.

„Die Boheme mag verzweifeltere, exzentrischere, verkümmertere Blüten treiben. Aber das Unbürgerliche ist nur eine Ausbuchtung des Bürgerlichen, nicht seine Negation.“ (Piwitt)

20.05.2015 - 16:28

Satire? Darf hierzulande schon sein, und in ihren Sonntagsreden waren alle Politiker Charlie, klar. Aber natürlich gilt das nur, solange die Satire keinen Ärger macht, dann will man sie doch lieber rasch verbieten. So, wie jetzt der Berliner Senat, der einen Blog verbieten will, der eine gefälschte Olympia-Kampagne mit Motiven aus der NS-Zeit veröffentlicht hat. Der Berliner Senat (SPD und CDU) findet das nicht witzig und läßt die Blogger abmahnen. Denn Satire darf laut Berliner Senat zwar alles, aber natürlich nur das, was die Obrigkeit erlaubt.

Der Senat ließ den Blog laut „taz“ wegen „wahrheitswidriger Behauptungen“ abmahnen, denn es werde behauptet, daß die auf dem Blog veröffentlichten Plakate „Motive der Olympiakampagne seien“. Interessant, daß der Berliner Senat offensichtlich den Betrachter nicht zutraut, Motive der Nazi-Olympiade 1936, z.B. mit Jungen in HJ-Uniform, von Motiven des Berliner Senats 2014 unterscheiden zu können – entweder sind also die Unterschiede tatsächlich nicht besonders groß – eben alles Propaganda, hier wie dort... – oder der Berliner Senat hält die BürgerInnen der Hauptstadt für doof. Beides spricht nicht gerade für den Berliner Senat, der offensichtlich mit allen Mitteln versucht, jede Kritik an der Berliner Olympia-Bewerbung im Keim zu ersticken. Also doch ein bißchen wie 1936...

Dazu paßt, daß der Berliner Senat aus SPD und CDU entschieden hat, daß Ausländer an der geplanten Olympia-Volksbefragung nicht teilnehmen dürfen. Das Brandenburger Tor leuchtet olympisch, aber etwa eine halbe Million in Berlin lebender Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit werden von der Mitbestimmung über sie angehende Angelegenheiten ausgeschlossen, man habe „keinen Präzedenzfall schaffen wollen“, daß Ausländer einbezogen werden, wird die CDU in der „Berliner Zeitung“ zitiert, und die SPD lenkte ein, auch ihr waren die nichtdeutschen BerlinerInnen nicht wichtig. Weltoffene Großstadt? Nein, reaktionäres Provinznest, zumindest was die einschlägigen Dorfpolitiker angeht. Wo der Kulturstaatssekretär 100 Kulturschaffende einlädt, „Olympia anders zu denken“, denn, so Renner an die Adresse der Kulturschaffenden: „Daß Berlin als Olympiastadt interessant ist, liegt an euch!“ Und was ist dabei herausgekommen? Der Vorschlag, daß „Obdachlose kostenlose Eintrittskarten zu den Wettbewerben erhalten sollen“. Im Ernst.

Seit wann vergibt das IOC seine Spiele in Provinznester?

20.05.2015 - 16:23

Hitlers „Mein Kampf“: „Kommentierte Ausgabe soll 2016 erscheinen“, raunt „Spiegel Online“. Das wird für den „Spiegel“ ein Fest werden! Da können sie dann wieder etliche Hitler-Titelstories produzieren und endlich wieder ungehemmt Deutschland mit Hitler-Postern überschwemmen.

Bis dahin müssen sie sich mit Ai Weiwei als Posterboy begnügen und mit langweilig-barmenden Titelgeschichten wie „Nullzins und Euroschwäche: Wohin mit dem Geld? Strategien gegen den Anlagenotstand“. Denn das ist natürlich der eigentliche Notstand der Welt der deutschen Mittelschicht und eines ihrer Amtsblätter: Nicht die Armut der Arbeitslosen in Griechenland oder Spanien. Nicht das massenhafte Sterben von afrikanischen Flüchtlingen im Mittelmeer. Nicht das Elend im kurdischen Kobane und nicht das Schicksal der ausgebeuteten Fabrikarbeiterinnen in Südostasien. Nein, das eigentliche Problem ist eben der „Anlagenotstand“, also „wohin mit dem Geld?“ Dabei bietet der „Spiegel“ in seiner nämlichen Ausgabe doch jede Menge Vorschläge, gleich auf den Seiten 2 und 3 findet sich eine doppelseitige Anzeige von „Audi“ für den A6. Gefolgt von einer großen Anzeige von „Ford“. Gefolgt von einer großen Anzeige von „KIA“. Gefolgt von einer ganzseitigen Anzeige von „Union Invest“ („Geld anlegen klargemacht“, hat todsicher nichts mit der Titelgeschichte zu tun...), gefolgt von einer ganzseitigen Anzeige von „Mercedes-Benz“ undsoweiter undsofort. Wohin mit dem Geld? Konsum ist die Antwort. War doch klar, liebe Qualitätsjournalisten vom „Spiegel“, dafür hättet ihr doch nicht extra ne Titelstory schreiben müssen, ein kleines Interview mit eurer Anzeigenabteilung hätte auch gereicht.

(Wollen wir wetten, daß ich mich hiermit um eine „Spiegel“-Rezension meines neuen Buches gebracht habe?...)

20.05.2015 - 16:22

Wer profitiert von den Streamingdiensten, wer profitiert von Spotify & Co? Die Musiker, ich habe es schon oft erwähnt, barmen und wimmern: „Wenn man nicht Rihanna ist, ist Streaming unfair“ (Tubbe). Klar, die einen verkaufen mehr Streams als die anderen, nur: das Honorar pro Stream ist immer das gleiche. Aber würden sich Musiker hinstellen und behaupten; „Wenn man nicht Rihanna ist, sind CDs unfair“? Wohl eher nicht, das wäre dann doch zu doof.

Jetzt hat der französische Musikindustrieverband SNEP bei Ernst & Young eine Studie in Auftrag gegeben und bezahlt, in der ausführlich analysiert wird, wer denn nun was verdient am Streaming. Die Zahlen sind aus Frankreich und können nicht im Detail auf andere Länder übertragen werden, allein schon wegen unterschiedlicher Relevanz des Streamings, aber auch wegen unterschiedlicher Mehrwertsteuersätze u.a.m. Wohl aber kann der Gesamttrend hochgerechnet werden, und der ist eindeutig: Neben den „MusikkonsumentInnen“ (also den Musikhörern, die Musik bei Streamingdiensten hören) sind die Großkonzerne der Musikindustrie, die Majorlabels und die großen Musikverlage, die Hauptprofiteure des Musikstreamings. Dagegen bekommen weder die MusikerInnen noch die UrheberInnen einen nennenswerten Teil vom Kuchen ab, was zum einen an mangelhafter gesetzlicher Regelung, zum anderen und vor allem aber an für Musiker sehr ungünstigen Verträgen mit ihren Labels liegt. Und die Streamingdienste arbeiten übrigens auch (noch?) nicht profitabel.

Wie gesagt, man muß die Ergebnisse der Studie genau betrachten und mit Vorsicht verwenden. Und die Zahlen, die von den Medien sofort verbreitet wurden, geben nur unzureichend Auskunft über das, was wirklich passiert, denn was dabei in aller Regel nicht berücksichtigt wird, sind zwei Faktoren: Zum einen hat die Studie nur die Einnahmen von Premium-Abos untersucht, die z.B. von Spotify oder Deezer für 9,99 Euro monatlich angeboten werden; die Einnahmen aus den mit Werbung finanzierten kostenlosen oder den billigeren Abos wurden nicht berücksichtigt. Aber selbst bei Betrachtung der Premium-Abos ergeben sich interessante Zahlen, die der Wiener Musikwirtschaftsforscher Peter Tschmuck in seinem Blog so zusammengefaßt hat:

Wenn eine MusikliebhaberIn in Frankreich pro Monat EUR 9,99 an Spotify oder ähnliche Dienste bezahlt, dann verbleiben davon EUR 2,08 beim Streamingdienst selbst. EUR 1,67  gehen an den Fiskus vor allem in Form von Umsatzsteuer. Die verbleibenden EUR 6,24 werden an die Rechteinhaber ausgeschüttet. Den größten Teil – und zwar 73,1 Prozent oder EUR 4,56 – erhalten die Labels, die i.d.R. auch den Anteil der InterpretInnen von EUR 0,68 an diese auszahlen. Die verbleibenden EUR 1,00 erhalten die UrheberInnen und Verlage über die Verwertungsgesellschaften.

Besonders wichtig scheinen mir dabei die von Tschmuck verwendeten Prozentzahlen, denn die realen Zahlen können sich ja ständig ändern, allein schon durch die unterschiedliche Menge an gestreamten Tracks oder der Streaming-Abonnenten. Genau: Die Plattenfirmen und Verlage behalten den Großteil der Streaming-Einnahmen, und sie geben den KünstlerInnen nur ein paar Brotkrumen ab. Das ist nichts Neues, das ist das, was wir erwartet haben, jetzt aber ist es durch eine Untersuchung der Musikindustrie zweifelsfrei ans Tageslicht gekommen.

Bitte bitte, liebe KünstlerInnen und UrheberInnen: Wenn ihr euch zukünftig über zu geringe Streaming-Einnahmen beschwert, beklagt euch bitte nicht über Spotify & Co, sondern über eure Plattenfirmen und Verlage, die prima Profit mit Streaming machen und euch davon nichts abgeben! Der Musiker Dieter Meier (Yellow) hat letztes Jahr eine Art Musikergewerkschaft, eine „United Artists“ gefordert, damit MusikerInnen endlich gerecht bezahlt werden – angesichts der neuen Zahlen, die einmal mehr beweisen, wie Musiker von der Musikindustrie übers Ohr gehauen werden, scheint diese Forderung wichtiger denn je.

(den immer lesenswerten Blog „Musikwirtschaftsforschung“ der Internationalen Gesellschaft für Musikwirtschaftsforschung in Wien findet man hier).

20.05.2015 - 16:19

Wobei das alles natürlich nichts Neues ist und schon immer so war.
Der große Hunter S. Thompson schreibt 1966 in einem Brief:

„Heute Abend habe ich mit einem noch unausgegorenen verfluchten Ding über die Plattenindustrie angefangen … Ich hatte das Cover des Blues Project Albums vor mir und stellte fest, daß keiner der beteiligten Musiker auch nur irgendwo genannt wird … der Name des ‚Produzenten’ dagegen steht in großen Lettern auf der Rückseite, darunter vier, fünf weitere Namen … Luschen, Koksnasen und was sonst noch für Wichtigtuer, die ihre zehn Prozent Anteil kassieren und anscheinend mehr zu sagen haben als die Musiker, die das Album eingespielt haben; denn sie haben es geschafft, namentlich genannt zu werden.“

Schon damals: the same old shit...

(das herrliche Buch „Die Odyssee eines Outlaw-Journalisten – Gonzo-Bruefe 1958-1976“ von Hunter S. Thompson ist dieser Tage bei Edition Tiamat erschienen, eine Hörbuchfassung mit der wunderbaren Sophie Rois ist in Vorbereitung; Disclaimer: bei „Edition Tiamat“ erscheinen auch meine Bücher...)

03.02.2015 - 23:28

Auch der Urheberrechtswahnsinn feiert Karneval. Das US-Popsternchen Taylor Swift hat sich gerade Floskeln aus seinen aktuellen Songtexten markenrechtlich schützen lassen, Halbsätze und Allgemeinplätze wie „Nice to meet you. Where you been?“ oder „This sick beat“. Wenn Sie also planen sollten, auf den Pappbechern ihrer nächsten Karnevalsparty „nice to meet you“ zu drucken, vergessen Sie’s. Oder fragen Sie Taylor Swift, was das kosten soll.

Doch auch der Suhrkamp-Verlag macht bei dem elenden Spiel, bei der dumpfen Rechtehaberei unserer Tage mit und läßt Frank Castorfs Münchner Inszenierung von Brechts „Baal“ im Nahmen der Brecht-Erben flugs verbieten. Es ist übrigens nicht das erste Mal Kummer mit Baal: Die Dichter-Witwe Helene Weigel hatte bereits 1970 eine „Baal“-Verfilmung von Volker Schlöndorff noch am Tag der Erstausstrahlung in der ARD verbieten lassen – den Film, in dem Rainer Werner Fassbinder das erste Mal als Filmschauspieler auftritt. Und Brecht-Erbin Barbara Schall-Brecht schreib noch 2002 zu diesem Film: „Zu Recht hat meine Mutter dieses Machwerk mit einem Bann belegt.“ Erst letztes Jahr konnte Schlöndorffs „Baal“ endlich in Kinos gezeigt werden, eine DVD-Ausgabe erschien. Wahrscheinlich hat es mit dem Frühwerk Brechts an sich zu tun: Der junge Brecht ist eben näher an François Villon und noch nicht der Säulenheilige des „Berliner Ensembles“.

Aber man darf sich das ruhig auf der Zunge zergehen lassen: Die Erben des Kommunisten Brecht, der sich selbst eine „grundsätzliche Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“ attestiert hat, lassen eine moderne Version des Theaterstücks verbieten, und der Renommierverlag des deutschen Intellektualismus sorgt für die Zensur der Kunst. So ist das eben mit der Zensur hierzulande, das ist der Unterschied zu anderen Weltgegenden: Hierzulande zensiert nicht mehr der Staat, nein, das erledigen im Kapitalismus die Firmen im Auftrag durchgeknallter ErbInnen gleich selber.

Sorry, aber ich muß schnell los zum Patentamt, ich will mir den Ausdruck „Alles Idioten“ urheberrechtlich schützen lassen – mir scheint, damit läßt sich angesichts der Weltlage so einiges verdienen...

03.02.2015 - 23:27

Es ist Karneval: Gerade erfahren wir, daß Til Schweiger einen Film mit Ai Weiwei drehen wird. Arsch und Eimer sozusagen. Wird sicher eine schön doofe Komödie werden. Fast würde ich wetten wollen, daß es dafür auch prächtige deutsche Filmförderungsgelder gibt.

03.02.2015 - 23:26

Die „Deutsche Post AG“ will künftig kräftig im Reisegeschäft mitmischen, im Januar wurde bekannt, daß der Postkonzern Österreichs größten Reiseveranstalter „Eurotours“ gekauft hat. Ganz schön sportlich, finde ich, eine irgendwie ziemlich mutige Entscheidung der Deutschen Post AG. Ich meine, bisher hatten der privatisierte Postkonzern und seine Tochterunternehmen wie DHL schon ganz schön Mühe, einigermaßen unfallfrei Briefe und Pakete in einer Frist zuzustellen, die nur wenig mehr als doppelt so lang und halb so zuverlässig war wie die Zustellung zur Postkutschenzeit im 17. und 18. Jahrhundert.

Hatte man bislang so seine Probleme mit Briefen, Päckchen und Paketen, so will die Deutsche Post AG künftig Menschen auf Berlin-Besuche, auf Kreuzfahrten in die Ägäis, auf Wellness-Tage an der Ostsee oder gar nach Vietnam verschicken. Ob das mal gutgeht. Denn stellen wir uns das mal vor, wie es ist, wenn die Leute mit der Deutschen Post AG verschickt werden: Mag ja sein, die Post befördert die Reisenden an den jeweiligen Urlaubsort, und gehen wir mal davon aus, daß die Beförderung nicht so lange dauert wie das Versenden eines Briefes von einem in den anderen Stadtteil Berlins (gerne mal eine Woche für zehn Kilometer), daß die Reisenden also vor dem Ende ihres Urlaubs bereits am Reiseziel ankommen. Aber dann? Natürlich wird die Post die Reisenden nicht ins gebuchte Hotel fahren, nein, man packt die Reisenden zwar in einen Bus, der zu den Hotels fährt, dort aber springt der Fahrer nur schnell raus und wirft eine Benachrichtigungskarte in den Briefkasten: „Ihre Urlaubsgäste sind da! Leider haben wir Sie heute nicht persönlich angetroffen. Sie können Ihre Urlaubsgäste bei der nächstgelegenen Postfiliale abholen, heute aber nicht, erst morgen ab 9 Uhr.“ Und dann fährt der DHL-Fahrer die Reisenden in eine nahegelegene Abholstation, wo die Hotels sie am nächsten Tag abholen können – falls, ja falls man die richtigen Reisenden dann findet... Und wer sich beschweren will, weil er zwar das Porto, äh, also die Fahrkarte bezahlt hat, aber nie angekommen ist, der kann eine sogenannte Hotline anrufen, diese Rache von Unternehmen an ihrer unzufriedenen und beschwerdeführenden Kundschaft. Dort wird ihm dann bedeutet, daß alles seine Richtigkeit hat und er längst angekommen ist. Was, Sie sind nicht angekommen, sondern sind noch in einer Postverteilerstation? Das kann nicht sein, unser Zusteller hat hier unterschrieben, daß er sie bereits zugestellt hat. Auf Wiederhören.“

Na, dann mal viel Spaß beim Urlaub mit der Post!

03.02.2015 - 23:24

Ebenfalls nicht so sehr mit Meinungs- und Pressefreiheit hat es der FC Bayern, dieser topkapitalistische Fußballclub mit seinem kriminellen Führungspersonal. Nachdem der Verein sein Wintertrainingslager wie üblich in Katar absolviert hat, also in einem diktatorischen Land, das den islamistischen Terror maßgeblich fördert, flog der FC Bayern direkt weiter zu einem „Freundschaftsspiel“ in der saudi-arabischen Scharia-Diktatur, das er sich fürstlich hat bezahlen lassen, nämlich laut „FAZ“ mit einem „Millionenbetrag“. „Ich weiß schon länger, daß bei den Bayern Kommerz Ethik schlägt“, sagt Theo Zwanziger, Vorstandsmitglied des Internationalen Fußball-Verbandes. Im Zweifel stellen sich die Bayern laut Zwanziger „auf die Seite des Geldbeutels“. Organisiert wurde die Partie in Riad von Volkswagen. „Audi ist Sponsor und Anteilseigner bei der FC Bayern Fußball-AG“, merkt die „FAZ“ an.
(wobei der Herrgott, und zwar natürlich „der unsere“, also der des Abendlandes, ähem... der Herrgott solche Sünden zeitnah zu bestrafen pflegt, etwa damit, daß der FC Bayern im ersten Pflichtspiel nach dem Diktaturen-Trip vom VfL Wolfsburg gleich vorgeführt und regelrecht demontiert wurde. FC eins vier Bayern. Wir freuen uns schon auf die Spiele gegen die spanischen Topclubs...)

03.02.2015 - 23:23

Mit der zunächst so wortgewaltigen Verteidigung der Pressefreiheit ist es nicht weit her.
Mittlerweile ist Selbstzensur wieder das Mittel des Tages. Redakteure und Intellektuelle „suchen offensiv, ja geradezu programmatisch nach Argumenten für die Selbstzensur. Überall ist plötzlich von ‚Redaktionslinien“ die Rede. Der ‚Respekt vor Religion' ist jetzt ein Prinzip, das dem der Meinungsfreiheit zumindest ebenbürtig ist“, schreibt Thierry Chervel im „Perlentaucher“. Nach der ersten Erschütterung und der solidarischen Reaktion von Medien und Politik erfolgt längst die Kehrtwende, jetzt wird über „Respekt gegenüber Religion“ und über womöglich fehlende „Qualität“ der Zeichnungen diskutiert.

Und die aus irgendwelchen dubiosen Gründen als „liberal“ geltende „New York Times“ hat ihr ganz eigenes Verständnis von Pressefreiheit und schreibt in einem Leitartikel zu den Karikaturen von Charlie Hebdo: To judge what is fit - or safe - to print.“
Der Humor von Charlie Hebdo-Karikaturen erfülle „nicht die Standards der Times“, erklärt der Chefredakteur der „New York Times“ im „Spiegel“ und ergänzt, die Zeichnungen seien seiner Zeitung „nicht würdig“. Und die Lehre, die die Bundestagsfraktion der „Grünen“ aus den Attentaten auf Charlie Hebdo und jüdische BürgerInnen Frankreichs zieht, formuliert der „religionspolitische Sprecher“ (was die Grünen alles haben...) der Fraktion, Volker Beck: „Nicht alles, was Meinungs- und Pressefreiheit schützen, muss man auch sagen und schreiben.“ Eine weiche Zensur also statt einer harten? Beck und seine Grünen können sich ja mal anhören, was Roberto Saviano sagt: „Das gegenwärtige Europa vergisst, die Meinungsfreiheit zu verteidigen.“ So ist das wohl.

Die Kölner Karnevalisten sehens jedenfalls wie Volker Beck und wollen sich ihren Spaß nicht verderben lassen: Beim Kölner Karneval wird es keinen Wagen für Charlie Hebdo geben, die Veranstalter wollen ihren Umzug sorgenfrei feiern und verzichten lieber auf ihre Meinungsfreiheit. Kölle Alaaf! Grüne Hellau!

03.02.2015 - 23:21

In diesem Rundbrief wird es einige Anmerkungen in Sachen „Demokratie“ geben, die den Weltläuften geschuldet sind. Demokratie ist ja in Sonntagsreden immer in aller Munde, aber wenn es dann ernst wird, merkt man schnell, wie sich die Mächtigen das mit der Demokratie in Wirklichkeit gedacht haben. Da droht der niederländische Finanzminister und Euro-Gruppen-Chef Dijsselbloem Griechenland mit einem kompletten Hilfsstopp, falls die Griechen sozusagen falsch wählen würden (mal jenseits dessen, daß bisher laut Schätzungen des Chefökonomen der „Financial Times“, also einer Zeitung, die linker Sympathien einigermaßen unverdächtig ist, bisher nur ganze elf Prozent der „Hilfszahlungen“ bei der griechischen Regierung ankamen, während der Rest, also knapp neunzig Prozent mehr oder minder direkt bei den Banken landete – es war eben ein Bankenhilfsprogramm, die Bevölkerung wird arbeitslos, verliert Sozialleistungen und verarmt...). Und EU-Kommissionschef Juncker warnte Griechenland vor den Wahlen vor einer Abkehr vom „Reformkurs“ (er meint das diktatorische Austeritätsgebot der Troika, nicht unwesentlich angestiftet von Angela Merkel), er fürchtete, ähnlich wie einige bundesdeutsche Politiker, die ganz unverhohlen drohten, ein "falsches Wahlergebnis".

„Falsches Wahlergebnis“?!? Also ganz nach dem Motto: Hört mal, liebe Griechen, ihr habt zwar dieses komische Dingens namens Demokratie erfunden, aber so haben wir das nicht gemeint. Demokratie ist nur solange gut, wie ihr wählt, was wir wollen, alles andere ist ein falsches Ergebnis!

Und dann macht dieser neue griechische Präsident auch noch eine eigene Politik – unverschämt, so haben wir schließlich nicht gewettet! Der EU-Parlamentspräsident Schulz (SPD) sagte in der Blödzeitung, er werde mit Tsipras mal „Tacheles reden“ (also dem durchgeknallten Griechen mal ordentlich den Hosenboden versohlen): „Ich habe gar keinen Bock, ideologische Debatten zu führen mit einer Regierung, die gerade mal zwei Tage im Amt ist.“ Ah ja. Ab wann darf eine frei gewählte Regierung denn auf die großzügige Anerkennung seiner Gnaden des sozialdemokratischen EU-Politikers Schulz hoffen? Nach einem Jahr Amtszeit? Nach zwei Jahren? Ab wann gilt eine Regierung als gewählt und darf Politik machen? Nach zwei Tagen im Amt also allem schulzeschen Anschein nach wohl eher nicht. Ab wann dann? Und: wird Schulz seine Entscheidung, ab wann er mit einer gewählten Regierung über ideologische Fragen sprechen will, in der garantiert ideologiefreien Blödzeitung kundtun?
In bundesdeutschen Medien wird Tsipras ständig als „Populist“ bezeichnet. Aber Schulz? Natürlich ein neutraler Sachpolitiker, der nie nicht etwas Populäres sagen würde, wetten? Weswegen er seine Interviews ja auch Deutschlands neutralen, „halbamtlichen Blättern“ (P.P. Zahl) wie der Blödzeitung zu geben pflegt...

03.02.2015 - 23:19

All die selbstverliebten sonntagsrednerischen „Je suis Charlie“-Äußerungen „unserer“ PolitikerInnen hätte ich etwas ernster nehmen können, wenn sie die freien Meinungsäußerungen nicht aus allzu durchsichtigen Gründen nur für französische Satireblätter einfordern würden, sondern beispielsweise auch für Blogger in Saudi-Arabien, dieser Scharia-Diktatur, in der Regierungsgegner enthauptet oder ausgepeitscht werden. Wie der Blogger Raif Badawi, der wegen „Beleidigung des Islam“ zu 1000 Stockhieben verurteilt wurde und nach den ersten 50 Stockhieben bereits schwer verletzt ist. Badawi, 2014 mit einem Preis von "Reporter ohne Grenzen 2014" ausgezeichnet, hatte auf seiner Webseite "Liberal Saudi Network" die saudische Religionspolizei kritisiert.
Hat man auch nur ein Wort von Frau Merkel, Herrn Gauck oder Herrn Gabriel dazu gehört?
Natürlich, wir verstehen, Saudi-Arabien ist ja Partner des Westens, wir bekommen ihr Öl, sie bekommen unsere Waffenexporte, wer wollte sich da mit kleinlichem Gedöns wie Menschenrechten oder Meinungsfreiheit aufhalten...

03.02.2015 - 23:18

Lernen Sie diese Sätze auswendig:
„Wir können ein leuchtendes Beispiel für Vielfalt in Europa sein. Menschen aller Glaubensrichtungen, Ethnien, Nationalitäten oder mit den unterschiedlichsten sexuellen Leidenschaften sind aus eigenem Antrieb in die Stadt der Freiheit gekommen und bilden eine bunte, kreative Stadtgesellschaft. Lassen Sie uns alle gerade jetzt daraus etwas machen!“

Wenn Sie diese Plattitüden unfallfrei aufsagen können, haben Sie das Rüstzeug, Kulturstaatssekretär in Berlin zu werden. Nicht der ganz große Job, zugegeben, sondern eher das Hanswurschtl auf dem Schoß des Regierenden Bürgermeisters, aber immerhin.

03.02.2015 - 23:15

Gerne ein wenig großspurig hat es Jochen Distelmeyer: „Ich fühle mich einer Tradition verpflichtet, die von Homer zu John Lee Hooker reicht.“ Kleinere Währung lag gerade nicht herum. Aber wenn man den Verrissen des Feuilletons glauben darf, ist der erste Roman Distelmeyers doch eher ein substanzloses Wichtelwerk, Tradition hin oder her. Was natürlich im deutschen Feuilleton trotzdem ausführlichst breitgetreten werden mußte, ähnlich wie des Zimmermann Roberts neuestes Werk, das dieser in weiser Voraussicht kostenlos an Senioren verteilen ließ – damit es überhaupt jemand hört (außer den bundesdeutschen Feuilletonisten, versteht sich). Bei Dylan kann man stattdessen zu den mit The Band eingespielten Basement Tapes greifen, immerhin.

03.02.2015 - 23:14

Das Berliner Kammergericht hat dieser Tage entschieden, daß der Pachtvertrag für die Waldbühne nicht neu ausgeschrieben werden muß. Die Vergabe der renommiertesten Berliner Open Air-Spielstätte an CTS Eventim durch CDU-Sportsenator Henkel hinter verschlossenen Türen und ohne Ausschreibung wurde vom Gericht als korrekt eingestuft. Pikant ist, daß hier der ehemalige CDU-Abgeordnete Schwenkow mit seinem DEAG-Konzern am CDU-Senator scheiterte. Aber wundern muß sich niemand, wenn hier öffentliche Spielstätten im Feudalherrenstil ohne Ausschreibung vergeben werden – so ist es in Berlin seit jeher schlechter Brauch. Und glauben Sie bitte nicht, bei der Vergabe der neuen Berliner Musikmesse mit dem dämlichen Namen „Pop=Kultur“ beispielsweise hätte es auch nur eine öffentliche Ausschreibung gegeben, etwa für das Venue oder für die beiden Kuratoren. Politik im Berliner Neofeudalstaat...

03.02.2015 - 23:13

Am 16.1.2015 verschwendet die „Berliner Zeitung“ einen Großteil einer ganzen Seite ihres seit geraumer Zeit ohnedies drastisch gekürzten Feuilletons für eine unkritische Jubelarie über ihren Verleger, Alfred Neven DuMont: „Ein großer Verleger mit Herz“ ist der Titel des Berichts über einen „Neujahrsempfang vor MDS-Führungskräften“ (MDS = Mediengruppe M. DuMont Schauberg), also eine Werbeveranstaltung des Verlags, die deswegen logischerweise außerhalb der dem Verlag gehörenden Publikationen auch keine Erwähnung fand.
Und so wurden lang und breit verschiedene Ergebenheitsadressen von verschiedenen Mitarbeitern des Verlagsimperiums zitiert („Ich kenne keinen anderen Verleger, der publizistisch, politisch und gesellschaftlich eine so herausragende Rolle gespielt hätte...“, „das Verlagshaus ist eine Marke, weil auch er eine Marke ist“ usw.).
Nun hat die „Berliner Zeitung“ eine langjährige und eher unrühmliche Geschichte von journalistischer Unterwerfung hinter sich. Daß man sich aber für eine derart unkritische Jubelberichterstattung nicht zu schade ist, wundert doch, und insbesondere auch angesichts der Tatsache, daß der Verlag ja in der letzten Zeit für massive Streichung von Arbeitsplätzen bei der Zeitung verantwortlich ist, bekommt die Ergebenheitsadresse „ein Verleger mit Herz“ eben einen recht merkwürdigen Beigeschmack der Unterwürfigkeit und Hofberichterstattung.
Der sogenannte Journalist der „Berliner Zeitung“, der die Lobhudele auf seinen Verleger schrieb, heißt Joachim Frank. Der Leser der „Berliner Zeitung“, der sein Abonnement gekündigt hat, heißt Berthold Seliger. Schade, daß ich künftig auf „Treueangebote für Abonnenten der Berliner Zeitung“ wie „5 Tage Schweizer Impressionen genießen“ verzichten muß, die bisher ungefragt und ungebeten per Brief vom „Berliner Verlag“ ins Haus flatterten.

03.02.2015 - 23:11

Der Bochumer Sänger, der nicht tanzen kann, gilt hierzulande als einer der fähigsten Textdichter. Das bedeutet in einem Land, in dem, wie Wiglaf Droste konstatierte, „Bild“ als Zeitung durchgeht, naturgemäß nicht viel und wundert einen dementsprechend kaum, wenn man diese wohlfeil gedichteten Zeilen liest, die sich auf des Sängers neuem Album befinden – es geht um das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft, übrigens – pure Poesie das:

„Letzter Moment kommt über Links
schwebt ein und senkt sich zwischen die Flügel,
Direkt aus der Luft von der gebogenen Brust
ein Fallschuß hat Gottes Gefüge.
Er ladet sanft im langen Eck.
Der Löw war los
Sie war grandios
Und endlich wars ihre Zeit
Geschliffen, gegriffen
Sie war'n übergroß
Und endlich hat es gereicht.
Und dieser Weg, der war nicht leicht“

Dieser stammelnde Altherren-Pop ist ganz tief drinnen in der deutschen Seele (oder in der Deutschen Leib?), schon klar, da, wo der große Konsens herrscht und sonst nur Platz für Tote Hosen oder Andrea Berg oder Böhse Onkelz ist. Allerdings kann man auch mit Zeilen wie „Der zerrockte Clown / zerfeiert euch zu Staub“ (Deichkind) eventuell an diesen geheimnisumwucherten Platz in den deutschen Eingeweiden gelangen. Dort suhlt sich gern auch Ben Becker – man betrachte auf YouTube seine in „Ich bin Jesus“-Größenwahnpose getätigte Ankündigung der „Onkelz“ auf dem Hockenheimring – und mal am Rande: Was ist schon eine Pegida-Aufmarsch im Vergleich zu den Böhse Onkelz-Volksaufläufen auf dem Hockenheimring? Zu den Pegida-Demos kommen nicht mal zehn Prozent so viele Menschen, letztes Jahr, dieses Jahr wieder. Veranstaltet von dem Tourveranstalter, der auch einige Jahre lang einen James Blake auf Tour brachte und aktuell auf seiner Website, anything goes, Bryan Ferry neben den Böhsen Onkelz anbietet (und Paul Simon & Sting neben Rinderwahnsinn, Rinderwahnsinn auf dem Bild rechts) und AC/DC und U2. It’s the profit, stupid!
Klaus Walter hat in einem sehr lesenswerten Aufsatz in der „Berliner Zeitung“ auf den „Ärzte“-Song „Schrei nach Liebe“ von 1993 hingewiesen, einem „Psychogramm des minderbemittelten Eingeborenen, dessen diffuser Hass auf ‚die da oben’ sich gut verträgt mit einem konkreteren Hass auf das als anders Markierte: Ausländer, Neger, Schwule, Juden. Der Ärzte-Song gewährt auch Einblicke in die Triebökonomie des deutschen Losers“, so Klaus Walter: „Zwischen Störkraft und den Onkelz steht ’ne Kuschelrock-LP,“ singen die „Ärzte“.

03.02.2015 - 23:08

„Überraschend moderat. Die Mietpreise steigen gar nicht so stark an, wie oft behauptet wird“, titelt die „Berliner Zeitung“ am 11.12.2014. Also alles gar nicht so schlimm, nur üble Panikmache? Wer sich die Mühe macht, den ganzen Artikel zu lesen, findet im vorletzten Absatz Zahlen einer Untersuchung über Mietangebote in einschlägigen Immobilienportalen, die die Artikel-Überschrift Lügen strafen: „Enorm ist die Steigerung in Berlin (plus 39 Prozent). Ähnliche Werte (+ 34 Prozent) wurden auch bei Erstbezugsmieten in Neubauten erzielt.“

03.02.2015 - 23:07

Ich wage mich ja am Donnerstag wieder einmal in die Schweiz, zu einem Vortrag mit dem „Geschäft mit der Musik“ beim OOAM-Festival in Baden. Aber mal ehrlich, ganz wohl ist mir dabei nicht. Die Schweiz hat nämlich, wie ich unlängst las, die Anti-Folter-Konvention der Vereinten Nationen zwar ratifiziert, aber bis heute nicht umgesetzt. Weder Folter noch die Mißhandlung von Gefangenen sind in der Schweiz ein Straftatbestand. Und in den Kantonen Zürich, St. Gallen und Appenzell Innerrhoden genießen Beamte sogar die „relative Immunität“. Bei Mißhandlungen im Polizeigewahrsam prüft kein Gericht, sondern eine nicht richterliche Stelle, ob aus Opportunitätsgründen die Immunität der fehlbaren Polizeibeamten aufgehoben werden soll – den Polizeibeamten wird bei Verstößen gegen das Folterverbot und Mißhandlungen der Gefangenen so gut wie immer die Immunität gewährt.
Huiuiui. Ich werde also vorsichtig sein müssen, was ich öffentlich sage...
(zitiert nach „Berliner Zeitung“)

03.02.2015 - 23:06

Ein ständiges Problem ist die Fotopolitik von Rock- und Popbands, Journalisten müssen mehrseitige Nutzungsverträge über ihre Fotos unterschreiben und dürfen nur eingeschränkt über die Konzerte berichten. Und das Publikum wird nicht selten belästigt, weil Journalisten eben nur die ersten zwei oder drei Stücke fotografieren dürfen, den Fotografen dafür aber spezieller Raum vor der Bühne freigehalten wird.

Ganz anders machen es Pere Ubu. Bandchef David Thoms hat die folgenden Regeln zum Fotografieren auf Pere Ubu-Konzerten veröffentlicht:
„Our policy is as follows:
1. We do not grant photo passes. All men are created equal and endowed by Ubu Projex with certain inalienable rights, among them life, liberty and the pursuit of photos of the band. No one individual has any more 'right' to occupy space or have precedence. No individual has any right to obstruct the view or pleasure of any other individual by reason of any sort of imagined privilege.
2. We do not restrict citizens of any particular country from taking pictures for their private use and enjoyment.
3. We do not restrict newspapers, blogs or similar media from taking photos for the purpose of publishing them with reviews or articles, as long as such photos are not then offered for sale.
4. We do not grant license for agencies to sell photos of us. If they want a license then they must hand over maximum resolution files of the photos for our unrestricted use without any overlays of any kind, including copyright notices.
5. We don't care about flashes as long as any other attendee of the event has no objection. If a citizen does object then it is incumbant on the photographer to ameliorate the situation.
6. If the venue restricts photos or flashes for their own reasons - aesthetic or otherwise - then that is their right. But such restriction must apply across the board - no exception may be granted to 'media elites.'“

03.02.2015 - 23:04

Die Kapuzineraffen haben es nicht so mit dem Kapitalismus. Jedenfalls, wenn man einer Untersuchung von Forschern an der Yale Universität in New Haven trauen darf. Laut „Spiegel Online“ haben die Forscher das Phänomen untersucht, wonach viele Menschen ein Produkt als besser bewerten, wenn es einen höheren Preis hat. „Versuche haben etwa gezeigt, daß Testpersonen bei einer Weinprobe einen teuren Tropfen besser bewerten als einen günstigeren - auch wenn es sich um genau dasselbe Produkt handelt. Tatsächlich scheine ihnen der teure Wein auch besser zu schmecken, denn der Genuss vermeintlich hochwertiger Produkte aktiviere bestimmte Belohnungszentren des Gehirns“, so SPON.

Die Forscher führten nun mit Haubenkapuzineraffen einen Versuch durch. „Vor jedem Experiment wurden die Affen geschult: Sie lernten, daß verschiedene Nahrungsmittel verschiedene Preise hatten. Im ersten bekamen die sieben Affen verschiedenfarbige Eissorten vorgesetzt - oranges und blaues. Dann schauten die Forscher auf die Vorlieben der Affen. Je nach Vorliebe der Affen bekamen die Eissorten ihren Preis. Das bevorzugte Eis war billiger als das andere. Dann durften die Affen erneut wählen - ohne zu bezahlen. Das Ergebnis: Obwohl die Affen nun wussten, daß ein Eis teurer - und damit vermeintlich besser war - bevorzugten sie weiterhin ihre billige Lieblingseissorte.“ Die Haubenkapuzineraffen sind halt nicht so blöd wie menschliche Konsumenten...

„In Sachen Urteilsvermögen und Entscheidungsfindungen verhielten sich Affen häufig sehr ähnlich wie Menschen und unterliegen auch ähnlichen Irrtümern“, schreiben die Forscher. Die menschliche Eigenheit jedoch, eine Ware nach ihrem Preis zu beurteilen, fehle ihnen. Vielleicht sollte man die Kapuzineraffen mal ein paar Jahre unserem gängigen Konsumwahn aussetzen...

03.02.2015 - 23:03

Der Erfinder der Ökobrause „Bionade“, Peter Kowalsky, hat jetzt, wie in der „FAS“ zu erfahren war, mit einem Kompagnon ein neues Getränk namens „Inju“ erfunden, ein Getränk, „das die Energie, die in dir steckt, aktiviert“ und „das Wohlbefinden und die eigene Leistung stärkt, ohne den Körper auszulaugen“, das ideale Getränk also für die Selbstoptimierergeneration. Allein, Selbstoptimierung ist leider nicht zum Sparpreis zu haben, der halbe Liter Inju kostet, tschah, 69 Euro. Es gibt eben Dinge, „die müssen es dir wert sein“, so Kowalsky, schließlich „holt Inju raus, was in dir steckt, nicht mehr und nicht weniger. Völlig dopingfrei und für jeden Menschen geeignet.“ Vielleicht angesichts des nicht so übermäßig geringen Preises nicht ganz für jeden, aber wollen wir nicht kleinlich sein.
Ob die Kapuzineräffchen auf diesen Schmarrn reinfallen würden? Ich glaube eher nicht. Bei den  Selbstoptimierern und denen, die „immer am Leistungslimit leben“, bin ich mir aber sicher, daß sie, anders als die Äffchen, den Schmarrn mitmachen. Von der Bionade zu Inju, ein kleiner Schritt nur für einen Teil der Menschheit...

03.02.2015 - 23:02

A propos Selbstoptimierung. Unlängst fiel mir eine Zeitschrift namens „Flair“ in die Hände. Viel Mode, viel Bohei, viel Verarsche. Unter dem Titel „Im Namen der Marke“ wurde „der Traumjob des 21.Jahrhunderts“ vorgestellt: nämlich „Brand Ambassador“, also Markenbotschafterin. Denn: „Kaum eine große Marke verzichtet darauf, ihre Identität von It-Girls darstellen zu lassen“. Also eher ihre ITentität, würde ich sagen, aber immerhin haben „Marken“ sowas noch, was man von den meisten Menschen, die längst zum Objekt des „Marktes“ wurden, kaum noch gesagt werden kann.

Interessant dann ein paar Seiten weiter ein Interview mit zwei PR-Frauen, die so schöne und ehrliche Sätze aufsagten wie: „Es geht darum, Geschichten zu erzählen und Gefühle zu wecken. Das funktioniert auch gut mit Kunst.“ Genau, wissen auch längst Volkswagen oder Deutsche Bank oder all die anderen Kunstsponsoren...

Wieder ein paar Seiten weiter wurde ich dann allerdings doch ein wenig verwirrt. Gerade hatte ich gelernt, daß der „Traumjob des 21.Jahrhunderts“ der „Brand Ambassador“ sei, da erfuhr ich nun in einem „Dossier“: „Traumjob: Kuratorin“! Denn „was in den 90er-Jahren der DJ war, ist heute der Kurator: ein Traumjob, der harte Arbeit ist und überwiegend Männer erfolgreich macht“ (man beachte die schöne Verwechslung von Subjekt und Objekt: der Job macht also die Männer erfolgreich, nicht umgekehrt). „Doch die Kuratorinnen sind auf dem Vormarsch“. Also, die Damen: wenn es als It-Girl mit der ITentität nicht mehr läuft und ihr auch als Brand Ambassadors nicht vorankommt, noch ist der Zug nicht abgefahren, werdet ihr eben Kuratorinnen!

03.02.2015 - 23:00

Vom Dasein als Brand Ambassadors wissen die „Hörstmann Unternehmensgruppe“ und die ihr gehörende Agentur „Gemeinsame Sache“ ein Indie-Lied zu pfeifen. Jüngster Coup: Gemeinsam mit „BMW Motorrad“ veranstaltet man auf Ferropolis ein Festival namens „Pure & Crafted“, das „die Lebenswelten von Musik und Motorradkultur miteinander verbinden“ soll. Bitte fragen Sie mich jetzt nicht, was die „Lebenswelt von Musik“ ist, entsprechende Nachfragen bitte ich an die Hörstmann Unternehmensgruppe zu richten.
Gut gefallen haben mir jedenfalls die Statements der neuen Geschäftspartner. Michael Trammer, verantwortlicher Projektleiter bei BMW Motorrad, hat gleich etwas gänzlich Neues herausgefunden, nämlich: „Musik ist die emotionalste Form der Kommunikation.“ Und „Motorradfahren ist eine der ursprünglichsten und leidenschaftlichsten Verkörperungen von Freiheit.“ Und was also liegt näher, als die Weisheit herauszufinden, mit der uns ein Tim Meier, „Director Agency Business bei Gemeinsame Sache“, beglückt: „Ob in Mode, Styles oder Designs, in der Liebe zu kulinarischen Genüssen oder Freizeitaktivitäten, in der Musik oder der Wahl der Fortbewegung: Es geht um das Gefühl von Individualität, Freiheit, Echtheit und um handgemachte Qualität.“ (die Erfindung von Fließbändern und Industrierobotern scheint sich bis zu den BMW-Werkshallen noch nicht herumgesprochen zu haben, da machen sie’s  offensichtlich wie dieser Tim Meier, da machen sie’s alles noch mit der Hand...).

03.02.2015 - 22:59

Von BMW ist es natürlich nur ein Jaguarsprung zu Mercedes-Benz: Denn die von der Anschutz-Gruppe (AEG) betriebene Mehrzweckhalle am Berliner Ostbahnhof bekommt einen neuen Namen, statt O2 heißt sie ab dem 1.7.2015 „Mercedes-Benz-Arena“. Die neue Namenspartnerschaft erstreckt sich angeblich auf zwanzig Jahre, aber je nun, auch Telefonica ist vorzeitig aus dem O2-AEG-Vertrag ausgestiegen... Harald Schuff, Vorsitzender der Geschäftsleitung Mercedes-Benz Cars Vertrieb Deutschland und Leiter Mercedes-Benz Vertrieb Deutschland, droht angesichts des Vertragsabschlusses: „Für uns ist dies gleichzeitig ein weiteres konsequentes Bekenntnis zum Standort Berlin und unseres Engagements im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.“ Na, denn mal viel Spaß!
Am Charakter der seelenlosen Abspielstätte mit dem Charme eines Parkhauses wird das wenig ändern. Während den BürgerInnen Friedrichshain-Kreuzbergs sogar zugemutet wird, daß es künftig einen „Mercedes-Benz-Platz“ vor der Spielstätte geben soll, zeigt sich der Autokonzern in einem anderen Stadtteil einigermaßen mimosenhaft. In Charlottenburg soll ein Großbordell entstehen, und zwar in direkter Nachbarschaft zur „Mercedes-Welt am Salzufer“, die das Haus mit dem künftigen Bordell an drei Seiten umschließt. Das Verwaltungsgericht hat nun nach einer Ortsbesichtigung entschieden, daß nichts gegen das Bordell gegenüber der Mercedes-Welt spreche. Und mal ganz ehrlich: Ich finde ja sogar, das paßt irgendwie...

03.02.2015 - 22:57

Ganz anders macht es der Bürgermeister von Grenoble, der jetzt ein Wahlversprechen einlöst. Eric Piolle, so heißt der verdienstvolle Mann, gewann die Wahl mit dem Slogan „Bäume statt Werbetafeln!“ Und nun  setzt er den Wählerauftrag um, wie die „FAZ“ meldet – er verbannt alle Werbeschilder aus der Innenstadt Grenobles. „Grenoble wird damit zum europäischen Vorreiter für eine werbefreie Stadt.“ In den kommenden Monaten sollen 326 Reklametafeln abgebaut werden, die 2051 Quadratmeter öffentlichen Raumes einnehmen. Den Vertrag der Stadt mit dem Werbekonzern JC Decaux ließ er kündigen (JC Decaux ist einer der beiden Weltmarktführer für Werbung im öffentlichen Raum, neben Clear Channel, der ursprünglichen Mutterfirma des weltgrößten Konzertveranstalters, der sich heute Live Nation nennt; die in Deutschland weitverbreitete „Wall AG“ ist eine Tochterfirma von JC Decaux).
Doch mit der Abschaffung von Reklame in der Stadt ist es Piolle, der von einer „Befreiung des öffentlichen Raums“ spricht, nicht getan. Der Bürgermeister kündigte gleichzeitig an, kleine Tafeln aufstellen zu lassen, die zur Ankündigung kultureller, politischer und sozialer Veranstaltungen genutzt werden können. Der öffentliche Raum Grenobles wird zurückerobert – chapeau! Die von Herbert Marcuse im „Eindimensionalen Menschen“ herbeigesehnte „bloße Abwesenheit von Reklame“ (die laut Marcuse allerdings „das Individuum in eine traumatische Leere stürzen“ würde), hier ist sie Wirklichkeit. Frankreich, du hast es besser!

07.01.2015 - 23:08

Ich warte drauf, daß man mich als „Streaming-Versteher“ bezeichnet...
Jedenfalls meldet der Musikmarkt, was sich unsereiner sowieso gedacht hat, nämlich:
„Rund 25 Prozent der Streaming-Hörer kaufen ein neues Lied, wenn es ihnen gefällt, bei Radio-Konsumenten seien es nur acht Prozent. Das fand die Country Music Association (CMA) in einer neuen Studie heraus.

Streaming-Nutzer setzen sich laut der Studie auch eher mit einem Lied auseinander als Radiohörer. 69 Prozent der Streamer suchen nach dem Hören Liedtexte, erzählen einem Freund von dem neuen Stück oder kaufen es physisch oder digital. Vergleichbares machen nur 17 Prozent der Radiohörer.“

Also: Streaming-Nutzer kaufen drei Mal mehr Musik als Radiohörer. Hallo, die Herren Grönemeyer-Regner-Ärzte?!? Ach so, ihr habt wieder nicht aufgepaßt. War ja klar.

07.01.2015 - 23:06

Interessant ist, daß die deutschen Politiker sich mit Verve bemühen, Google zu zerschlagen – oder zumindest vorgeben, das zu betreiben, denn mehr als eine Willensbekundung und frommes Wunschdenken ist das angesichts zahlreicher damit zusammenhängender Realitäten ja kaum.
Während sich andrerseits in der ganzen deutschen Politik niemand findet, der auch nur ein kleines, kritisches Wörtchen zum Bertelsmann-Konzern sagen würde. Wo die Zerschlagung des Bertelsmann-Imperiums eigentlich die dringendere und hierzulande notwendigere Aktion wäre. Der Bertelsmann-Konzern besitzt jedenfalls nicht nur zahlreiche Printmedien von "Spiegel" bis "Stern", das weltgrößte Buchverlagsimperium Random House, große Druckereien und die RTL-Senderfamilie, sondern über den Internet-Logistikgiganten Arvato, wie es Professor Rudolph Bauer im Interview mit „Telepolis“ formuliert, auch „die größte Privatdatei mit persönlichen Daten der deutschen Bevölkerung: Über die privatisierten Post- und Bahn-Dateien kontrolliert Bertelsmann damit unsere Wohnorte und Bewegungsprofile, über die neue privatisiert verwaltete ‚Gesundheitskarte’ dringt der Konzern noch tiefer in unsere Privatsphäre ein, pikanterweise in Kooperation mit Ablegern der NSA-Zulieferfirma Booz Allan Hamilton, bei der Edward Snowden seine Whistleblower-Karriere startete.“
Bevor man sich über die kalifornischen Konzerne aufregt, sollte man sich vielleicht erstmal mit dem einheimischen big brother in Gütersloh auseinandersetzen. Die „unabhängige“ Bertelsmann-Stiftung entwickelt politische Konzepte wie Hartz IV oder die umfassende Privatisierung über PPP, also das „Public Private Partnership“, und die konzerneigenen Medien machen vorher und nachher entsprechende Stimmung. Während der Internet-Logistik-Konzern Arvato von dem good & bad cop-Spiel von Stiftung und Konzern bestens profitiert.

07.01.2015 - 23:05

Wenn man sich vor Augen führt, welch reaktionären und zum Teil rechtsextremen und unverhohlen antisemitischen Songtexte Xavier Naidoo veröffentlicht hat, muß man sich doch sehr wundern, daß jahrelang weder die „Musikstadt Mannheim“, deren Botschafter Naidoo war, noch all die Fernseh- und Radiostationen, die die Ergüsse des Sakro-Poppers rauf und runter gespielt haben, etwas gemerkt haben wollen. Und, nochmal sei’s geklagt, die Europäischen Indies dem Antisemiten gerade einen Preis verliehen haben.
Etwa das Lied „Aus dem Reichstag“, in dem die antisemitische Legende von den Rothschilds, die auch die Nazis gerne benutzten, in nur vier Liedzeilen auf den historischen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts trifft, eben auf Gustav Freytags „Schmock“, mit dem der einen gesinnungslosen jüdischen Journalisten bezeichnet, den er auch sonst „mit allerlei antisemitisch-biologistischen Klischees auflädt“ (Silvio Duwe):
„Wie die Jungs von der Keinherzbank, die mit unserer Kohle zocken.
Ihr wart sehr, sehr böse, steht bepisst in euren Socken.
Baron Tothschild gibt den Ton an und er scheißt auf euch Gockel.
Der Schmock is’n Fuchs und ihr seid nur Trottel.“

07.01.2015 - 23:03

„So wenig Zustimmung hatte Gabriel noch nie: Nur noch elf Prozent der Deutschen wünschen sich laut einer Umfrage den SPD-Chef als Bundeskanzler“, erfahren wir auf SPON. Nur die deutsche Inkontinenz-Allianz kann nicht an sich halten: Gorny & seine Mitstreiter der „Deutschen Content Allianz“ trafen sich dieser Tage mit Gabriel, um über die Inhalte und Umsetzung der Digitalen Agenda zu sprechen“, wie der „Musikmarkt“ berichtete. Und Gabriel hat versichert, die von der Deutschen Content Allianz vertretenen Branchen bei der Umsetzung der Digitalen Agenda einzubinden“. Na dann.

07.01.2015 - 23:02

Die EsPeDe schlägt vor, künftig wochenlang wählen zu lassen statt nur noch einen Tag zwölf Stunden lang. Wahrscheinlich denken die Sozialdemokraten, wenn man nur lange genug wählen lasse, werde sich schon noch irgendjemand erbarmen und EsPeDe wählen. Sie wollen es einfach nicht kapieren, daß einfach niemand mehr ihre Partei wählen will. Und wenn sie vier Jahre lang wählen lassen würden, es würden doch nicht mehr als 25 Prozent. Und warum? Es hat etwas mit Politik zu tun. Aber auch das werden sie nicht verstehen (und das soll jetzt nicht heißen, daß unsereiner und die WählerInnen mit irgendeiner anderen der zur Wahl stehenden Parteien irgendwie zufriedener sein würde, nur schweigen die anderen Parteien eben still und versuchen, nicht weiter aufzufallen...).

01.12.2014 - 21:52

Streaming, Spotify – die unendliche Geschichte. Da kann sich unsereiner noch so sehr den Mund fusselig reden bzw. die Finger klamm schreiben, alle paar Wochen taucht in den Medien ein Musiker auf, der barmt, daß er bei Spotify kein Geld verdiene, und die Damen und Herren Journalisten verbreiten die Mär, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, ein wenig die Fakten zu recherchieren.

Also noch einmal, ganz langsam für die in den hinteren Reihen, die nicht so schnell mitkommen: Nein, Spotify ist nicht, wie immer wieder gern behauptet wird, „kostenlos“ – Streaming kostet Geld, und zwar entweder eine Gebühr von etwa 10 Euro monatlich, wenn man sein Spotify-Konto auf verschiedenen Geräten nutzen will, oder 5 Euro (ein Gerät), oder man bezahlt nichts und wird mit Werbung zugemüllt – womit man eben auch bezahlt.

Zweite Mär, die abzunudeln sich anscheinend kein Qualitätsjournalist zu blöd ist: Die Künstler bekommen beim Streaming kein Geld. „Für die Künstler gibt es quasi nichts“, so Sven Regener, ausgewiesener Gema- und Universal-Fan; „Ärzte“-Sänger Farin Urlaub sagt im „Stern“, das „Abgespeistwerden mit Kleinbeträgen sei schlicht Verarschung“, während Herbert Grönemeyer fordert, „wir müssen Musik wieder einen Wert geben und nicht umsonst als Geschenk verteilen (...) die Künstler bekommen beim Streaming kaum etwas dafür“ – aber immerhin bekannte Grönemeyer im gleichen Atemzug entwaffnend ehrlich: „Vielleicht muß ich über etwas sprechen, von dem ich keine Ahnung habe“...
Wohl wahr. Ein merkwürdiges Phänomen, daß sich Musiker bemüßigt fühlen, über Geschäftsmodelle zu reden, das erinnert stark an Fußballer, die die Weltlage kommentieren. Da lob ich mir Bryan Ferry, der freimütig bekannte: „Streaming? Ich weiß nicht mal, wie das geht!“

Tatsache bleibt: Spotify und andere neue Streamingdienste verteilen etwa 70% aller Einnahmen an die Rechteinhaber (wohlgemerkt: an die Rechteinhaber! nicht an die Künstler...). Das ist mehr, als in anderen Geschäftsmodellen bezahlt wird (und übrigens auch mehr, als der weltgrößte Streamingdienst, YouTube, auszahlt. Spotify jedenfalls hat in den wenigen Jahren seiner Existenz bereits zwei Milliarden Dollar an die Rechteinhaber ausgeschüttet. Wenn davon wenig bei den Künstlern ankommt, sollten diese ihre Verträge mit den Plattenfirmen überprüfen. Grönemeyer jedenfalls hat auf seiner Keynote beim Reeperbahn-Festival auf die Rolle der großen Plattenkonzerne hingewiesen: „...er verurteilte auch das profitorientierte Verhalten von Musikunternehmen. Als die CD in Anfang der 80er Jahre auf den Markt kam, hätten Plattenfirmen ihre Künstler betrogen und sie erst sehr viel später an den Einnahmen aus CD-Verkäufen beteiligt. Heute besteht das gleiche Problem beim Streaming; große Musikunternehmen seien an Streaming-Diensten beteiligt...“ („Musikmarkt“).

In der Tat, die großen Plattenkonzerne haben sich Beteiligungen an den Streamingdiensten sozusagen erpreßt – sind Streamingdienste wie Spotify oder Deezer also erfolgreich, werden die Plattenfirmen immer Profit machen...
Neue Firmen wie Kobalt, ein Verlag, der auch Leistungsschutzrechte und andere Label-Services für seine Mitglieder wahrnimmt und auf faire Teilung mit den Künstlern achtet, schüttete im ersten Quartal 2014 bereits 13 Prozent mehr Spotify-gerierte Tantiemen an Autoren und Komponisten aus, als aus iTunes erwachsen sind.

Eine besonders drollige Rechnung macht Sven Regener in Sachen Betriebswirtschaft auf: „Mit Spotify haben wir zum ersten Mal in der Musikindustrie einen Akteur, der ein finanzielles Interesse daran hat, daß möglichst wenig Musik gehört wird“, behauptet Regener. Wie bitte? Das könnten ihm wohl sogar Grundschüler vorrechnen: wenn eine Firma 70 Prozent ihrer Einnahmen an Rechteinhaber ausschüttet, verdient sie dann tatsächlich weniger, wenn diese 70 Prozent sich auf weniger Stücke verteilen? Wenn man eine Torte hat und 70 Prozent der Torte in mehr oder weniger große Stücke aufgeteilt wird, ändern sich dadurch die anderen 30 Prozent? So eine Rechnung sollten auch Bremer Gesamtschüler lösen können. Oder Edelfedern, die so etwas unhinterfragt abdrucken, nämlich im, ähem, Wirtschaftsteil der „FAZ“. Und im Übrigen ist es natürlich genau andersherum: Ein Streamingdienst muß ein starkes Interesse daran haben, daß mehr Kunden hinzukommen (vulgo: mehr Stücke angehört werden), denn erstens generieren mehr Kunden auch mehr Gebühreneinnahmen, und zweitens generieren mehr Kunden höhere Werbeeinnahmen, der gesamte Kuchen wird also größer. Es ist so einfach zu verstehen. Eigentlich.

Aber was hat es denn nun mit Taylor Swift auf sich? Überall war doch zu lesen, daß die US-Country-Pop-Sängerin mit CD-Verkäufen und iTunes-Downloads so viel mehr Geld verdient hat als per Streaming. Und die Ärzte! Und Grönemeyer!
Ja, genau, das ist richtig: Künstler, die viele Alben verkaufen, ob als CD oder als Download, verdienen damit zunächst mal mehr Geld, und vor allem: schneller mehr Geld als beim Streaming. Denn hier zählt nur, daß Musik gekauft, nicht, ob sie auch angehört wird. Wohl gemerkt: das gilt für Künstler, die viele Alben verkaufen. Sehr viele Alben. Millionen Alben und Downloads. Es gilt also einzig und allein für die wenigen, an zwei Händen abzählbaren internationalen und nationalen Superstars. Wir erinnern uns: Die Menschen kaufen keine Alben mehr. Wenige Tage, bevor die neue Welle der Streaming-Artikel durch die Qualitätsmedien schwappte, wurden an nämlicher Stelle noch Krokodilstränen vergossen: „Den Prognosen nach wird 2014 vermutlich keine einzige Platin-Auszeichnung an ein Album gehen. Das wäre das erste Mal seit der Einführung 1976“, hieß es noch am 21.10. in der „FAZ“, und wir haben alle still in uns hineingeheult und die Manager der Tonträgerkonzerne wahlweise im Geist an unser Herz gedrückt oder sie in unser Abendgebet eingeschlossen. Am 5.11., also nur zwei Wochen später, meldete die „FAZ“, daß das neue Album von Taylor Swift „auf dem Weg ist, den höchsten Absatz zu erreichen, den seit 2002 ein neues Album einer weiblichen Künstlerin in der ersten Woche nach seiner Veröffentlichung geschafft hat. Vielleicht werden sogar noch ein paar weitere Rekorde geknackt“... Mit Prognosen ist das halt so eine Sache, gelt? Oder: was kümmert mich mein Geschwätz von vor zwei Wochen, behaupten wir eben mal rasch das Gegenteil. Ha!

Nur: Künstler wie Taylor Swift und ihre Verkaufserfolge sind eben die rar werdende Ausnahme. Der Trend ist klar: im Jahr 2011 wurde in den USA von sage und schreibe 870.000 Alben mindestens ein Exemplar verkauft. Allerdings haben nur 13 dieser Alben mehr als eine Million Stück verkauft (und wie gesagt, der Trend geht nach unten, in 2014 wird es wohl nur noch ein Album mit mehr als einer Million Verkäufen sein...). Während nur 1.000 Alben etwa die Hälfte aller Verkäufe und nur 10.000 der 870.000 Alben etwa 80 Prozent aller Verkäufe generiert haben, haben 513.000 Titel (also 60 Prozent aller Alben) weniger als 10 Exemplare verkauft. In Worten: zehn. Noch drastischer ist es übrigens bei den Downloads: von den 8 Millionen verschiedenen Tracks, die 2011 in den USA als Downloads verkauft wurden (größtenteils bei iTunes), haben 94 Prozent weniger als 100 Einheiten verkauft. Und übrigens: 32 Prozent aller 8 Millionen Tracks haben nur eine einzige Kopie verkauft, also nur einen Download geschafft (also: Mami hat den Track runtergeladen, der große Bruder oder die kleine Schwester oder deine College-Kumpel schon nicht mehr...). Man kann das alles in dem großartigen „Blockbusters“-Buch von Anita Elberse nachlesen.

Was lernen wir aus all dem? CD-Verkäufe und Downloads bescheren einigen Großkünstlern und ihren Plattenfirmen große und schnelle Profite. Für das Gros der Musiker, die keine Top-Superstars sind, wird durch CD-Verkäufe und Downloads immer weniger Einkommen generiert. Während Musiker mit Streaming immer mehr Geld verdienen, und zwar mit steigender Tendenz. Und: beim Streaming haben die Musiker die Garantie, daß ihre Musik tatsächlich angehört wurde, denn nur, wenn ein Stück mindestens 30 Sekunden gestreamt wird, fließt Geld. Künstler wie Regener machen ihre Milchmädchenrechnung auf: „Um das einzunehmen, was man mit einer CD verdient, müßten bei Spotify sämtliche Songs 150 mal gehört werden“, sagt Regener der „FAZ“. Interessant, daß Regener die Musik seiner Band als so unerheblich und so uninteressant einschätzt, daß deren Songs nicht 150 mal gespielt werden... Und hier sind wir, mal jenseits der Tatsache, daß auch in diesem Fall Regeners Zahlen nicht stimmen, bei einem interessanten Punkt: Wie gesagt, CDs werden gekauft. Ob sie auch angehört werden, weiß niemand. Das Interesse von Musikern sollte aber doch eigentlich darin bestehen, daß ihre Musik tatsächlich gehört wird – oder habe ich da etwas falsch verstanden? Die interessanten Stücke auf etlichen meiner liebsten Alben habe ich weit mehr als 150 mal angehört – beim Streaming würden die Musiker, die diese Stücke komponiert und eingespielt haben, immer weiter Geld damit verdienen, beim Album nicht. (und jenseits dessen stimmt natürlich keine einzige der in die Umlaufbahn geschossenen Zahlen, denn man kann den „pro Stream“-Preis bei Spotify nicht berechnen, er ändert sich quasi täglich, je nachdem, wieviele Nutzer Gebühren bezahlen, wie viel Werbung verkauft wird, wie viele Nutzer Stücke streamen... die ca. 70 Prozent bleiben gleich, nicht die pro-Stream-Ausschüttung, klar).

Bob Lefsetz hat dieser Tage in seinem Blog darauf hingewiesen, daß es interessant ist, daß YouTube, wo ja wesentlich weniger an die Rechteinhaber ausgeschüttet wird, deutlich weniger in der Kritik der Künstler und Medien steht als das wesentlich besser bezahlende Spotify. Tatsache ist jedenfalls, daß Streaming heute die Zukunft der Musikindustrie darstellt (was übermorgen schon wieder anders sein kann). Selbst Taylor Swift hat ja beträchtliche Spotify-Einnahmen generiert: in den 30 Tagen bis zum 5.11.d.J. wurden ihre Stücke bei Spotify über 16 Millionen mal angehört. Bis Taylor Swift ihren Katalog von Spotify abgezogen hat, war sie laut Spotify-Chef Daniel Ek „auf dem besten Weg, die Marke von mehr als sechs Millionen Dollar an Auszahlungen zu erreichen – angesichts der Wachstumsraten bei Spotify hätte es im kommenden Jahr auch die doppelte Summe sein können“ („Musikmarkt“) – sechs bzw. gar zwölf Millionen Dollar sind ja auch für einen US-Superstar, die sich die Markteinführungskampagne ihres neuen Albums von einer Cola-Firma sponsern läßt, keine Peanuts (auf dem dazugehörigen Spot nimmt Frau Swift einen Schluck Cola und spielt mit, genau, zwei kleinen Kätzchen...).

Den brauchbarsten Kommentar zu all diesen Geschäftsmodellen hat jedenfalls Dave Grohl von den „Foo Fighters“ abgegeben; laut „Digital Spy“ sagte Dave Grohl (Hervorhebungen BS):
"Me personally? I don't f**king care. That's just me, because I'm playing two nights at Wembley next summer (...) I want people to hear our music, I don't care if you pay $1 or f**king $20 for it, just listen to the f**king song.“

Grohl meinte, die Leute seien zu sehr auf „Delivery“ und „Technologie“ fokussiert, während es den Musikern doch um die Wichtigkeit ihrer Konzerte gehen sollte... denn dort spielt die Musik, im wahrsten Sinne des Wortes: Live is king!

01.12.2014 - 21:50

Mal ein Beispiel für den Unterschied zwischen den frühen 90er Jahren des vergangenen und den 10er Jahren des gegenwärtigen Jahrhunderts gefällig?

Der Berliner Künstler Wolfgang Müller erzählt in einem auch sonst lesenswerten Interview mit der „Berliner Zeitung“, wie Karl Lagerfeld 1991 für ein Fotoshooting das legendäre Berliner „Kumpelnest 3000“ anmieten wollte:
„Karl Lagerfeld wollte den Laden mieten. Aber Mark Ernestus lehnte das ab.“

Ja, es gab mal Zeiten, in denen Club- und Barbesitzer für Geld nicht alles machten.

Heute dagegen – die „Chicks On Speed“ im Interview mit „Zitty“:
„Auch wir sind ein Teil dessen. Aber das kann man auch nutzen, wie zum Beispiel bei einer Kooperation mit H&M, für die wir und andere Künstler T-Shirts designt haben. Einige Künstler wollten ihre Designs nur auf biologische Baumwolle drucken. H&M hatte aber Probleme damit. So plötzlich kann nicht so viel Biobaumwolle hergestellt werden, das erfordere jahrelange Planung und Vorarbeit. Aber wir haben nicht aufgegeben, und H&M arbeitet nun mittlerweile daran, daß bis 2020 zumindest ein gewisser Prozentanteil biologisch produziert wird. Das war eine Zusammenarbeit mit dem System, aber auch ein guter Anfang.“

Ach ja?
Ob H&M daran arbeitet, daß bis 2020 zumindest einem gewissen Prozentanteil der Textilarbeiterinnen, die den Krempel zum Beispiel in Kambodscha oder Bangladesch unter in aller Regel menschenfeindlichen, ausbeuterischen Bedingungen herstellen, mehr als die 1,18 Euro Tageslohn erhalten, die H&M nach Recherchen von Wolfgang Uchatius 2010 zahlte, ist nicht bekannt.
Irgendjemand muß halt dafür bezahlen, daß sich irgendwelche „Chicks on Speed“ darüber freuen können, daß alles etwas mehr „bio“ wird. Durchgeknallt.

01.12.2014 - 21:48

Herbert Grönemeyer bzw. seine Plattenfirma, der Weltmarktführer Universal, hatten die führenden Musikjournalisten der Republik in eine für gewöhnlich von reichen Kunstsammlern und sonstigen Wichtigtuern frequentierte Berliner Luxuskaschemme zu kostenlosem Champagner, Rinderfilet, Garnelen, karamellisierten Ziegenkäsebällchen auf Spinatbett und anderen wohlfeilen Gaumenfreuden eingeladen. Das Manko: die Musikjournalisten mußten sich eine Ansprache des Universal-Chefs und danach das neue Album von Grönemeyer anhören. Coram publico.

Wenn Sie jetzt denken, daß kein Mensch von Würde, Intelligenz und Geschmack sich auf so etwas einläßt, dann kennen Sie den deutschen Musikjournalismus schlecht. Klar würde es sich gehören, auf so eine Einladung zum Dasein als Marketingtool mit einer kühlen Mail zu antworten, etwa in der Art „Danke für Ihre Einladung. An Ihrer Werbeveranstaltung werde ich als unabhängiger Journalist natürlich nicht teilnehmen. Bitte senden Sie den Tonträger an die Ihnen bekannte Anschrift“.

Aber Pustekuchen, hier wollte noch jeder dabei sein, und so konnte man dann großformatigste Artikel z.B. in „FAZ“, „Spiegel Online“ oder „Berliner Zeitung“ über das neue Grönemeyer-Album lesen, und da konnten die Edelfedern sich noch so sehr in Ironie oder pseudoironischer Distanz üben („der meiner Ansicht nach etwas zu cremig geratene Knoblauchdip“... „Herbert Grönemeyer, du hast mein Leben zerstört (...) Wer nicht mitsingt, ist selbst schuld“... „der deutsche Seelensänger (...) Es bringe nichts, immer nur über die Politiker zu schimpfen. Irgendwann müssten wir doch mal anpacken und Verantwortung übernehmen“), klar war, daß der Universal-Konzern sein Ziel mit der Journalistenspeisung aufs Trefflichste erreicht hatte: Hofberichterstattung allüberall. Und billiger als entsprechend großformatige Anzeigen zu schalten dürfte das Anmieten des Berliner Schnöselladens auch gewesen sein.

01.12.2014 - 21:46

Ach ja, die Musikkritik unserer Tage:

„Immer dann, wenn sich Songs zu Lieblingsliedern "mausern", wenn der Künstler endlich "zu sich selbst gefunden" hat (das Todesurteil für jede ernstzunehmende Karriere) oder "ganz schön kauzig" ist, sich die "Spannungsbögen aufbauen", die "Gitarrenwände" Türme stapeln und das "Kopfkino" nur noch Peter Maffays "Der Joker" zeigt, haben wir es wieder mit Musikkritik im Jahr 2014 zu tun.
Das Internet hat so viel kaputt gemacht, doch jetzt versinken und ertrinken die guten Autoren auch noch im Datenmüll der Handlanger, Hobbypoeten, Studentenköpfe und Vielschreiber...“

Sagt nicht yours truly, sondern Jan Wigger auf „Spiegel Online“. Wo er Recht hat...

01.12.2014 - 21:45

Der Drogenhandel und das Militär bewahren Deutschland vor der Rezession.

Das Statistische Bundesamt führt seine Berechnungen und Wirtschaftsprognosen seit August/September 2014 auf der Grundlage des „Europäischen Systems der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung“ (ESVG) durch. Beim ESVG werden auch Prostitution, Schmuggel und Drogenhandel in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung mit einbezogen. Und mit dem neuen ESVG-Standard gelten plötzlich auch Militärausgaben nicht mehr als Kosten, sondern werden wie Investitionen gewertet. Und so sind die Theorien der Ökosozialisten der 80er Jahre, die vom „Militärkeynesianismus“ sprachen und das Problem aufwarfen, daß Militärausgaben eine Wirtschaft letztlich nur dann ankurbeln, wenn die Rüstungsgüter auch „konsumiert“ (also Kriege geführt) werden, jetzt sogar beim Statistischen Bundesamt angekommen.

Doch die Rechentricks helfen nichts – trotz der neuen Einbeziehung von Drogenhandel, Militär und Prostitution gab es in Deutschland im dritten Quartal nur ein Wachstum von 0,1 Prozent...

01.12.2014 - 21:44

Eine ganz besonders eklige Art von Sponsoring hat die Deutsche Telekom AG entwickelt, wie im “Musikmarkt“ zu lesen war:

„Mit dem neuen Förderprogramm Telekom Music Talent Space will der Konzern individuellen All-Round-Support für Künstler bieten und erhofft sich im Gegenzug exklusiven hochwertigen Content, dauerhafte Künstlerbeziehungen und Zugang zu innovativer Musik für die Telekom- Kampagnen.“

Und (Grammatik so im Original): „Die Telekom sieht sein Förderprogramm daher als eine Art Investition. Lülsdorf führt aus: "Wir begreifen die Künstler als Start-ups, die man mit unterschiedlichen Mitteln individuell und zielgerichtet entwickelt und fördert, um ein Return on Invest zu erzielen. Wie auch in der Wirtschaft, müssen die Künstler die Investoren bei TMTS mit ihren Ideen, Konzepten und nicht zuletzt als Person überzeugen. Und wie in der Wirtschaft geht es auch hier darum eine Win-Win-Situation zu erzielen."
Daß die Win-Win-Situationen beim Telekom-Sponsoring in einer mehrteiligen Show in der Art von „Tribute von Panem“ erzeugt wird, nimmt da kaum noch Wunder. Den Gewinnern des Förderprogramms wird jedenfalls gedroht:
„Denkbar ist zudem, dass der oder die Gewinner zu anderen Telekom-Formaten geladen werden, etwa dem Festival ‚Electronic Beats’ oder einem ‚Telekom Street Gig’.“

01.12.2014 - 21:40

Wenn ich mir die Konzentrationsprozesse und die ganzen Imperienkämpfe der Konzertindustrie in diesem Jahr so betrachte, das ganze CTS vs. DEAG zum Beispiel, dann freue ich mich im Nachhinein umso mehr, letztes Jahr dem „größeren“ Geschäft adieu gesagt und meine Bude in ein kleines Büro umgewandelt zu haben.

Jetzt hat die DEAG, der andere einheimische Oligopol-Konzern, ebenfalls eine Ticketingfirma gegründet, um das so profitable Ticketgeschäft in eigener Hand durchführen zu können – Sie wissen schon, die Konzertkonzerne berechnen Ihnen allerlei absurde Zusatzgebühren, mit denen Ihnen das Geld aus der Tasche gezogen wird, während sich die Konzerne daran bereichern. Gerade in der Fritz Lang-Biografie gelesen, wie der amerikanische Supreme Court den großen Hollywood-Studios 1948 den Besitz eigener Kinoketten verboten hat, sie durften seither nur noch produzieren und verleihen – es ging darum, ihre vertikale und horizontale marktbeherrschende Stellung einzudämmen.

Wie wäre es denn, wenn unsere Kartellbehörde sich mal um die Konzerne der Konzertindustrie und ihre Verflechtung mit den Ticketkonzernen kümmern würde? Im Interesse der Verbraucher? Damit die Vielfalt der Kultur gewahrt bleibt und letztlich die Tickets günstiger werden? Ist ja Advent, man wird ja noch träumen und naive Wünsche vortragen dürfen...

01.12.2014 - 21:39

Ich freue mich ja wirklich immer sehr, wenn Menschen „absolute Transparenz“ fordern. Klingt gut und toll, und wer wollte da widersprechen.
Jetzt hat das IMMF, das „International Music Manager Forum“, „absolute Transparenz“ gefordert, und zwar von „sämtlichen Playern auf dem Musikmarkt, die von Künstlern abhängig sind“. Wow.
„Zwar begrüße das IMMF digitale Geschäftsmodelle wie Videodienste à la Vevo, jedoch herrsche nicht immer Klarheit darüber, wie diese Dienste die Künstler vergüteten“,
kann man im „Musikmarkt“ lesen. Merkwürdig nur, daß sich die IMMF-Manager nicht anschicken, selbst einen Teil zur „absoluten Transparenz“ beizutragen und sämtliche Verträge und Deals, die sie mit ihren Künstlern und die von ihnen vertretenen Künstler mit Plattenfirmen, Verlagen usw. abgeschlossen haben, komplett offenzulegen. Sollte das alles nur eine nette Schlagzeile gewesen sein?

01.12.2014 - 21:37

Verkehrte Welt:
Die „Berliner Zeitung“ meldet, daß die Konzerthalle, die unter dem Namen „Avery Fisher Hall“ die Heimat der New Yorker Philharmoniker ist, sich von diesem Namen freikauft. Man bezahlt an die Familie des 1994 verstorbenen Avery Fisher (ein Radiotechnikunternehmer, der in den 60er Jahren die Akustik des Konzertsaals verbessert und für das Orchester später 10,5 Millionen Dollar gespendet hatte, weswegen 1973 die Halle nach ihm benannt wurde) 15 Millionen Dollar für den Verzicht auf das Namensrecht.

01.12.2014 - 21:36

Geschichtsstunde in der „taz“:
„Potsdam hat berühmte Persönlichkeiten hervorgebracht, darunter Friedrich den Großen, Wilhelm von Humboldt und Voltaire.“

01.12.2014 - 21:35

Kanzlerin-Pop.
Wir erinnern uns: Am Abend der letzten Bundestagswahl hatte sich die CDU-Spitze im Konrad-Adenauer-Haus versammelt und den Sieg auf Initiative von Volker Kauder mit einem Song der „Toten Hosen“ gefeiert. Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende sang, „Ursula von der Leyen tanzte, Merkel strahlte und klatschte im Rhythmus und ließ sich sogar hin und wieder dazu hinreißen, die Lippen zum Refrain zu bewegen: ‚An Tagen wie diesen’“, berichtet „SPON“.

Andreas Frege, der Sänger der Schlagerrockband, der sich im Pop-Alltagsleben nach einem Fruchtbonbon benannt hat, erhielt laut „SPON“ wenige Tage nach der Wahl einen Anruf der Kanzlerin.
„Herr Campino, ich rufe an, weil wir letzten Sonntag so auf Ihrem Lied herumgetrampelt sind",
sagte Merkel demnach zu Frege. „In dem Telefonat gestand Merkel demnach, dass sie das Lied ‚sehr schön’ finde“, berichtet „SPON“ weiter. „Campino aber solle ich keine Sorgen machen, es würde nicht ‚die nächste CDU-Hymne werden’. Die Kanzlerin rechtfertigte sich, dass die Toten Hosen die Nutzung des Liedes zwar für Wahlkampfveranstaltungen, nicht aber für Siegesfeiern ausgeschlossen hätten.“
„Wir empfinden es als unanständig und unkorrekt, dass unsere Musik auf politischen Wahlkampfveranstaltungen läuft"
, hatten die Toten Hosen während des Wahlkampfs mitgeteilt.
Ob der "Herr Campino" sich jemals darüber Gedanken gemacht hat, was es über seine Schlager aussagt, wenn sie ohne Weiteres vom CDU-Führungspersonal angestimmt werden können, ist nicht überliefert.

01.12.2014 - 21:33

„Noch während die Stimmauszählung läuft, werden die Separatistenführer in der Ostukraine zu Siegern erklärt“, berichtet ein Stefan Scholl unter der Überschrift „Für den Anschein der Legitimation“ in der „Berliner Zeitung“ über die Wahlen in den ostukrainischen Separatistenrepubliken. Und was er sagen will, ist klar: Die zählen doch noch die Stimmen aus, während sie schon Sieger küren, muß also alles illegal sein dort!

Nur, leider: ich habe in den letzten Jahrzehnten in der Bundesrepublik Deutschland keine einzige Bundestags- oder Landtagswahl erlebt, bei der in den Medien, allen voran im Staatsfernsehen, nicht zwischen 18.00 und 18.30 Uhr bereits Sieger und Verlierer ausgerufen worden wären. Also zu einem Zeitpunkt, da die Stimmenauszählung gerade einmal begonnen hat. Haben Wahlen hierzulande also nur „den Anschein der Legitimation“? Alles gefaked?
Manchmal schadet es nicht, kurz nachzudenken, bevor man die längst gefaßte Meinung im Brustton der Überzeugung herausposaunt.
Ach ja, im sozusagen Kleingedruckten, im allerletzten Absatz des Artikels, steht dann das Dementi der Propaganda-Überschriften: „Tatsächlich wirkt die Prozedur in den Wahllokalen diszipliniert. Meldungen über Verstöße gibt es nicht.“

01.12.2014 - 21:31

Wir wollen ja jetzt nicht den reaktionären Christen-Popper Xavier Naidoo zum Faktotum dieses Blogs hochjazzen – aber ein Letztes noch: Wer dieser Tage überrascht tut angesichts der rechtsaußen-Äußerungen des Herrn Naidoo, darf an ein Interview erinnert werden, das Peter von Stahl bereits 1999 für den „Musikexpress“ mit Naidoo führte. Darin zeigt Xavier Naidoo, daß er schon immer durchgeknallt, größenwahnsinnig und reaktionär war – warum z.B. die „Musikstadt Mannheim“ jetzt so tut, als ob sie von all dem vollkommen überrascht sei, bleibt angesichts dieses Interviews ein Rätsel:

„Ich setze meine Musik als legale Waffe ein. Meine rechte Hand schreibt meine Texte - und die sind gesalzen. Ich habe etliche Texte noch nicht veröffentlicht, weil ich weiß, daß sie zu kraß rübergekommen wären (...) Ich habe ein Lied geschrieben, das "Atlantis ist Amerika" heißt. Darin will ich erklären, was ich konkret aus der Bibel herauslesen kann: Amerika geht unter. (...)

Babylon ist überall. Aber Amerika und Tokio sind ganz oben auf der Abschußliste. (...)

Ich denke, daß uns viele Sachen wegbrechen werden: Das Geld, Inflation, Börsencrash. Amerika wird eine Naturkatastrophe nach der anderen bekommen. Da nützt ihnen auch ihr unglaublicher Reichtum nichts. (...) Man hat entdeckt, daß das Armageddon 1992 begann. Davon bin auch ich überzeugt. Denn das war das Jahr, in dem ich erstmals in der Bibel las. (...)

Ich glaube nicht, daß die Greenwich-Zeit die richtige Zeit ist, daß die Zeitzonen rechtens sind. Warum steht nirgendwo in der Bibel, daß der Mond auch tagsüber geschienen hat. Ich könnte genauso behaupten: Wir haben es so toll getrieben, daß nun der Mond sogar tagsüber scheint. In der Bibel steht, daß in unseren Tagen die Sonne rot untergehen wird. Früher ist die Sonne nicht rot untergegangen. (...)

In der Bibel steht auch: Wenn dir im Krieg irgendwo eine Frau gefällt, dann nimm' sie mit. Dann muß sie halt einen Monat lang außer Haus schlafen. (...)

Mir ist Gott und danach der Mensch als seine Schöpfung heilig. Und bevor ich irgendwelchen Tieren oder Ausländern Gutes tue, agiere ich lieber für Mannheim.
Frage: Sieh an: Xavier, der Rassist?
Ja. Aber ein Rassist ohne Ansehen der Hautfarbe. (...)

Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein. Und als Schwarzer kann ich das ohne irgendwelche Hintergedanken sagen. (...)

Noch wichtiger ist, daß der Sabbat nicht mehr heilig ist. Alle Welt - außer den Juden - feiert ihn am Sonntag, aber es ist der Samstag. Wie konnte das verrutschen? Wie konnte man den Tag verlegen? Wenn Gott den Samstag wollte, soll man auch den Samstag ehren. Er will doch nicht vieles. Wenn unsere Bänder am Samstag statt am Sonntag stillstehen würden, dann - das schwör' ich dir - würde auf einmal ruck zuck alles besser werden.“

Doch ein Künstler kann noch so durchgeknallt sein, die Indies werden ihn auszeichnen: Der Dachverband der unabhängigen Musikunternehmen Europas, Impala, hat im November 2014  einen von nur vier Impala-Platin-Sales-Awards an Xavier Naidoo für „Danke fürs Zuhören“ verliehen. Alles Indie, oder was?

01.12.2014 - 21:30

Unter dem Titel „Die Kunst der Umarmung“ berichtet die „Berliner Zeitung“ vom „Deutschen Arbeitgebertag“ und teilt im Untertitel mit:
„Merkel und Gabriel sprechen vor Vertretern der Wirtschaft und vermeiden dabei jegliche Konfrontation.“

Überraschung!

01.12.2014 - 21:28

Beim Streik der Lokführer ließen sich einige Phänomene des Denkens der Deutschen, vor allem aber ihrer Medien besonders gut beobachten.

Zunächst: nur versteckt und in abgelegenen Periodika konnte man den Hintergrund zur Geschichte der beiden Gewerkschaften EVG (die dem DGB angehört) und der Lokführergewerkschaft GDL lesen. Denn während die GDL auf eine fast hundertjährige Geschichte zurückblicken kann – sie wurde 1919 gegründet, nachdem die Weimarer Verfassung endlich auch Beamten die Koalitionsfreiheit einräumte –, hat die EVG und ihre Vorgängerin Transnet alles andere als eine ruhmreiche Geschichte. Denn die DGB-Gewerkschaft Transnet um ihren Vorsitzenden Norbert Hansen (SPD) kämpfte zwar „geschlossen Seit’ an Seit’“, aber nicht etwa mit den ArbeitnehmerInnen oder den BürgerInnen, sondern mit dem damaligen Bahnchef Hartmut Mehdorn, und zwar für die Privatisierung der damaligen Bundesbahn. Daß eine Gewerkschaft wie die Transnet zu den führenden Propagandistinnen einer Teil- bzw. einer Kapitalprivatisierung der Bahn zählte, ist so wohl auch nur in Deutschland möglich. Und auch sonst waren Hansen und Transnet, wie Jens Berger auf den „Nachdenkseiten“ ausführlich beschreibt, „eher Vertreter der Arbeitgeberseite und setzten sich geflissentlich über die Interessen der Arbeitnehmer hinweg. Transnet ist beispielsweise dafür mitverantwortlich, daß die Deutsche Bahn systematisch Leiharbeiter als Lokführer einstellen konnte“ – erst Jahre später konnte die GDL durch ihre Streiks dieses Geschenk von Transnet an Bahnchef Mehdorn revidieren. Und 2007 kam es zum großen Zusammenstoß von Transnet und GDL, nachdem Transnet “einen Tarifvertrag mit der Deutschen Bahn unterzeichnete, der es der Bahn gestattete, über fragwürdige Vertragsbedingungen neue Lokführer zu Stundenlöhnen von 7,50 Euro einzustellen. Nicht die „Lokführergewerkschaft“, sondern Transnet war laut Vertrag für diese „Lokführer zweiter Klasse“ verantwortlich, die formaljuristisch als „Mitarbeiter mit eisenbahnspezifischer Ausrichtung“ bezeichnet wurden.“

Der ehemalige „Arbeiterführer“ Norbert Hansen saß kurz darauf übrigens dort, wo er schon immer qua Handlung hingehört hat: Der Gewerkschaftsvorsitzende wechselte ohne jegliche Übergangszeit mit fliegenden Fahnen die Seiten und wurde Mitglied just im Vorstand der Deutschen Bahn AG, für deren Privatisierung er sich als Gewerkschaftsboß so stark gemacht hatte, und zwar als Arbeitsdirektor. Für die nicht einmal zwei Jahre, die er dann im Vorstand der Deutschen Bahn AG verbrachte, überwies ihm das Staatsunternehmen inkl. Abfindung stolze 3,3 Millionen Euro.“

Das lief alles wie geschmiert. Wer hat uns verraten? Genau.

Daß die Medien sich beim Lokführerstreik so eindeutig auf die Seite der Arbeitgeber geschlagen haben, von der Blödzeitung bis zu den Edelfedern der „Süddeutschen“ – wen wunderts, was will man erwarten. Und daß die Bevölkerung dann das nachplappert, was die Medien vorgeben – nebbich. Wenn Arbeitgeber und Manager Personal abbauen, steigen die Aktienkurse. Wenn dagegen die Abhängigen für ihre Interessen kämpfen, wenn sie sich gegen die allgegenwärtige ökonomische Erpressung wehren, herrscht Empörung – wie können die nur! So sind die Zeiten.

Das Verhalten einiger Medien beim Lokführerstreik war allerdings besonders eklig, da haben einige ihre wahre Fratze gezeigt. Etwa der Kölner „Express“ („Die GDL läuft Amok“) und die Blödzeitung („Lokführer laufen Amok“) – da wurde keine Sekunde darüber nachgedacht, was Amokläufe wirklich sind, denn die Lokführer haben natürlich keineswegs Menschen ermordet, wie die Amokläufer z.B. in Winnenden oder auf der Insel Utoya, sondern von ihrem verfassungsgemäßen Grundrecht Gebrauch gemacht. Dagegen wurde die Jagd auf den Vorsitzenden der Lokführergewerkschaft, Claus Weselsky, eröffnet, der tagelang als eine Art durchgeknallter Lokführerkönig dargestellt wurde, dem quasi der Untergang des Abendlandes zu verdanken sei. Und folgerichtig startete die Springerpresse, die so etwas in den 60er Jahren ja schon einmal erfolgreich in Sachen Rudi Dutschke durchexerziert hatte, ihre ganz besondere Hetzjagd auf den Gewerkschaftsvorsitzenden und veröffentlichte via „Bild“, „B.Z.“ und „Bild.de“ am 5.11.2014 die Telefonnummer seines Büros. Und „Focus Online“ veröffentlicht am selben Tag ein Foto des Mehrfamilienhauses, in dem Weselsky wohnt, nicht, ohne die Gegend zu beschreiben und ein Foto der Eingangstür mit Hausnummer zu zeigen. „So versteckt lebt Deutschlands oberster Streikführer“, raunt „Focus Online“ und redet von einem „geheimen Rückzugsort“, wo er sich „wie ein vorverurteilter Verdächtigter“ fühlen müsse...

Auch die sogenannten seriösen Medien greifen im Gefolge zu Begriffen des Vulgärjournalismus, erklären Weselsky zum „Staatsfeind Nr. 1“ oder lassen, wie das Staatsfernsehen, überforderte Moderatorinnen darüber plappern, daß „in diesen Monaten die Deutsche Bahn berät, ob es nicht vielleicht doch möglich ist, diesen Streik noch juristisch zu stoppen, irgendwie“ (ARD), während natürlich nicht die Deutsche Bahn, sondern das Arbeitsgericht Frankfurt tagte, um über die Rechtmäßigkeit des Streiks zu entscheiden. Aber was soll eine Texte-Aufsagerin im Staatsfernsehen schon von den Grundfesten des Rechtsstaats verstehen.

Da ist es dann nicht mehr weit bis zu den Edelfedern der „Süddeutschen Zeitung“. Im Leitkommentar der Ausgabe vom 5.11. erklärt uns eine Daniela Kuhr unter dem Titel „Die Rechthaber“, daß man Grundrechte doch wohl nur bis zu einem gewissen Grad in Anspruch nehmen dürfe: „Man sollte mit Rechten verantwortungsvoll umgehen. Wer das nicht macht, braucht sich nicht zu wundern, wenn der Gesetzgeber auf die Idee kommt, diese Rechte eines Tages zu beschneiden.“ Oder, in anderen Worten: Wer von einem Grundrecht tatsächlich Gebrauch macht, das, wenn es nach den süddeutschen Qualitätsjournalisten geht, wohl doch nicht mal das Papier wert ist, auf dem es steht, der sorgt logischerweise dafür, daß dieses Recht revidiert wird. Ungefähr so haben wir uns den Rechtsstaat schon immer vorgestellt. Mit Betonung auf rechts.

11.11.2014 - 17:45

Techno goes Leistungsgesellschaft & Kanzlerin – aus einem Interview in der „Welt“ (Hervorhebungen BS):

„Die Welt: Ist die Kanzlerin cool?
Marusha: 
Sie ist kontrolliert. Dass sie sich nie bei Popkonzerten zeigt wie andere Politiker, finde ich super. Dafür lässt sie beim Fußball ihren Gefühlen freien Lauf und zeigt der Welt, dass die Deutschen sich auch mal gehen lassen können.
Die Welt: War das nicht schon die Botschaft der Techno-Bewegung?
Marusha: 
Sicher. Aber vor allem zählte da nicht, wo du herkamst und wer du warst, sondern, was du gemacht hast. Deine Leistung und dein Produkt. Es ging um ein freies und humanes Leben. Um es mit Goethe zu sagen, meinem Lieblingsschriftsteller: ‚Wo Leben sich des Lebens freut/ Dann ist Vergangenheit beständig/ Das Künftige voraus lebendig/ Der Augenblick ist Ewigkeit.’“

01.11.2014 - 13:57

"...außerhalb des Hoheitsgebietes der Nato drehen russische Kampfjets ihre Runden - und die Nato versetzt uns in emotionale Alarmbereitschaft. Zeitgleich buhlen ein US-Rüstungskonzern und die Airbus Group um einen Milliardenauftrag der Bundeswehr für ein neues Luftabwehrsystem, das Kampfjets vom Himmel holen soll. Es gibt Zufälle, die sind so zufällig, das sie auffällig sind."
(Gabor Steingart, Handelsblatt Morning Briefing, 31.10.2014)

01.11.2014 - 13:54

Wenn das Vereinsblättchen der deutschen Musikindustrie behauptet, etwas sei „ein Thema, das die Branche weiter in Atem hält“, kann man sicher sein, daß in Sechuan gerade ein Sack Reis umgefallen ist. Sie ahnen es - die Rede ist vom „Festivalkrieg“, den sich nach hiesiger Narration Marek Lieberberg und Ossy Hoppe um „Rock am Ring“ und das ganze Drumherum liefern. Ich kenne ehrlich gesagt niemanden in der „Branche“, der deswegen den Atem anhalten oder dem Ganzen sonstwie eine besondere Bedeutung beimessen würde (mal jenseits der Tatsache, über die bisher gar nicht berichtet wird, nämlich, daß die schwelende Auseinandersetzung um die eventuell zwei Festivals dazu führt, daß etliche Festivals und Konzertreihen auf mittlerem und kleinerem Niveau nach wie vor ohne Bestätigung ihrer Headliner dastehen, weil die meisten Bands immer noch hoffen, von den fetten Gagen der sich überbietenden Großfestivals etwas abzubekommen...). Denn es geht hier natürlich einfach nur um wirtschaftliche Interessen, um Profit. „It’s the economy, stupid!“
Die CTS Eventim AG, der drittgrößte Konzertveranstalter der Welt und der zweitgrößte Ticketingkonzern der Welt, hält 100% an Marek Lieberbergs Konzertagentur. Der CTS Eventim-Konzern verkauft nicht nur geschätzte 80% aller Pop- und Rock-Tickets hierzulande (und kann als Quasi-Monopolist die beträchtlichen Zusatzgebühren, die die Tickets für die Fans so teuer machen, ungehemmt diktieren), sondern ist auch an geschätzt 16 der 20 größten deutschen Festivals beteiligt oder veranstaltet sie via seiner Tochterfirmen komplett selber. Ein einträgliches Geschäft.
Die DEAG (Deutsche Entertainment AG) ist ein anderer Großkonzern im Konzertgeschäft, hauptsächlich im sogenannten „Family Entertainment“ und in der „populären“ Klassik (von Lang Lang bis David Garrett) zugange (Geiger Garrett hält laut Wikipedia übrigens 3% der DEAG-Aktien) und versucht nun, ins profitträchtige Rock-Festivalgeschäft einzusteigen und auf dem Nürburgring ein Nachfolgefestival zu Marek Lieberbergs legendärem „Rock am Ring“ (das dieser unter diesem Namen andernorts weiterbetreiben wird) sowie dem Vernehmen nach in München ein Großfestival auf die Beine zu stellen. Bisher (Stand 28.10.2014) erfolglos. Während Lieberberg, der größte und bedeutendste deutsche Konzertveranstalter, längst mit seinen Zwillingsfestivals „Rock am Ring“ und „Rock im Park“ und einem gewohnt starken Line-Up im Vorverkauf ist, hört man von der „Grünen Hölle“ der DEAG – nichts. Außer starken Worten ihres Vorstandsvorsitzenden Schwenkow im Interview mit dem Vereinsblättchen der deutschen Musikindustrie, denen bisher aber keine Taten folgen. Kein Wunder – die attraktivsten Headliner sind längst vom Markt und spielen bei Lieberbergs Festival, neben den einschlägigen deutschen Großbands u.a. auch der vermutlich heißeste internationale Headliner der Festivalsaison 2015, die Foo Fighters (das traditionsreiche belgische Rock Werchter-Festival hat sogar das erste Mal in seiner über 30jährigen Geschichte seinen Termin kurzfristig vorverlegt, um die Foo Fighters präsentieren zu können... die Künstler haben eben die Macht!). Könnte sein, daß die DEAG und ihr Vasall es noch bereuen werden, die Finanzschwierigkeiten bei Capricorn nicht zum ehrenhaften Ausstieg aus ihrem Nürburgring-Projekt genutzt zu haben. Denn die letzten Wochen war den Medien zu entnehmen, daß der Käufer des Nürburgrings, der Düsseldorfer Autozulieferer Capricorn, wirtschaftlich ins Schlingern geraten sein soll und den Kauf des Nürburgrings wohl „nur mit Mühe bewältigen kann“ („Rhein-Zeitung“). Und das Verkaufsverfahren des Skandalprojekts der SPD-geführten Landesregierung soll auch nicht ganz astrein verlaufen sein – der Verkauf ist jedenfalls noch lange nicht rechtsgültig, einige unterlegene Bieter planen laut „Rhein-Zeitung“, das Verkaufsverfahren vor der „europäischen Gerichtsbarkeit anzufechten“. Ein echter Wirtschaftskrimi also, in dem man viel über deutsche Politik, Großkonzerne und das zahnlose deutsche Kartellrecht lernen kann. Das, was das Vereinsblättchen der deutschen Musikindustrie darüber berichtet, etwa die Auseinandersetzung um die Namensrechte (die natürlich, so wie es die Gerichte auch entschieden haben, dem zugefallen sind, der die Arbeit gemacht und das Festival seit Jahrzehnten erfolgreich betrieben hat, und nicht demjenigen, der bloß das Gelände gekauft hat) ist allerdings eben nur, daß in Sechuan... na, Sie wissen schon.

01.11.2014 - 13:52

Wenn Sie sich fragen, wie man in 17 Jahren zum Dollar-Milliardär werden kann wie der Vorstandsvorsitzende der CTS Eventim AG, Klaus-Peter Schulenberg, der 1996 CTS kaufte und 2013 von Forbes als einer der nur 1.426 „Dollar-Milliardäre“ dieser Welt geführt wurde, und wenn Sie vermuten, dabei könne eventuell nicht alles mit rechten Dingen... nun ja.
Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt jedenfalls bereits seit Jahren gegen den Vorstandsvorsitzen des CTS Eventim-Konzerns. Klaus Peter Schulenberg, Vorstandsvorsitzenden von CTS Eventim, sowie der ehemalige DFB-Manager Willi Behr sollen im Vorfeld der Fußball-WM 2006 52.000 Tickets auf dem Schwarzmarkt platziert und sich selbst auf diesem Wege mit Millionenbeträgen bereichert haben“, faßt der „Musikmarkt“ einen Bericht der „Welt am Sonntag“ zusammen. Laut neuen Informationen und Unterlagen, die der „Welt am Sonntag“ vorliegen, soll „Schulenberg den damaligen Ticketchef für die Fußball-WM, Behr, bestochen“ haben. „Dieser sollte sich im Organisationsteam dafür einsetzen, daß CTS Eventim den Zuschlag für den Vertrieb der drei Millionen Eintrittskarten im Wert von rund 270 Millionen Euro erhält. Wie die Zeitung berichte, deute allerdings einiges darauf hin, dass Behr das CTS-Eventim-Angebot für die Ausschreibung zuvor sogar selbst formuliert hatte. Eventim habe daraufhin im Sommer 2004 den Zuschlag erhalten“, berichtet der „Musikmarkt“. Das ist der Teil des miesen Geschäfts, über den bereits seit Jahren gesprochen wird.
Hinzu kommt aber ein neuer Vorwurf, der sich aus den Unterlagen, die der „Welt am Sonntag“ vorliegen, ergibt und der, wenn er sich als wahr herausstellen sollte, eine ungeheure Dreistigkeit darstellen würde: Es geht um den Wiederverkauf von WM-Tickets. „So soll Behr zum Dank für seine Dienste von CTS Eventim ein 500.000-Euro-Darlehen zu günstigen Konditionen erhalten haben – ohne Zinsen, Sicherheiten und geregelte Rückzahlungsverpflichtung. Die E-Mails lassen vermuten, dass schon Geld floss, bevor Behr den Darlehensvertrag überhaupt unterzeichnet hatte. Im Gegenzug habe Behr CTS Eventim Zugriff auf 52.000 unverkaufte Tickets verschafft, die ursprünglich für Verbände und Sponsoren vorgesehen waren und in den normalen Verkauf hätten kommen müssen (...) Die 52.000 WM-Tickets seien dann über die Firma Firma O&P Event Marketing aus München mit 329 Prozent Aufschlag an Schwarzmarktfirmen verkauft worden. Die O&P verkaufte die Karten mit einem durchschnittlichen Aufschlag von 329 Prozent weiter und erzielte dabei einen Gewinn von zwölf Millionen Euro. Dieser soll teilweise über Schein-Beraterverträge zurück an den Bremer Unternehmer und einen Partner geflossen sein. Wie die Zeitung weiter schreibt, verblieb den Ermittlern zufolge ein Betrag von drei Millionen Euro bei O&P. Sie vermuten, dass damit ein weiterer hochrangiger WM-Organisator geschmiert werden sollte. Bei O&P habe die Ehefrau des Steuerberaters von Schulenberg die Geschäfte geführt. Laut Informationen des Handelsregisters ist die Geschäftsführerin von O&P zugleich auch Geschäftsführerin der Callcenter TCS Telecall Service GmbH, das zugleich auch als Dienstleister für CTS Eventim tätig gewesen sein soll.“ („Musikmarkt“)
„Der fiese Schatten über dem Sommermärchen“
titelt die „Welt“. Der DFB-Manager und der Chef des CTS Eventim-Konzerns sollen also „52.000 Karten der Fußball-WM 2006 auf dem Schwarzmarkt verschoben haben“. Die Staatsanwlatschaft ermittelt gegen Schulenberg wegen „Bestechung und Bestechlichkeit in einem schweren Fall. Darauf stehen bis zu fünf Jahre Haft.“ („Die Welt“). Dagegen nimmt sich die Causa Hoeneß geradezu als Lappalie aus.
Das Ticketingbusiness ist eben ein sehr schmutziges Geschäft. Und warum zahlen Sie all die skandalösen Zusatzgebühren, wenn Sie Konzertkarten beim CTS Eventim-Konzern kaufen? Etwa die sogenannte „Ticketdirect“-Gebühr, die Sie an CTS Eventim dafür abführen müssen, daß Sie sich Ihr Ticket zuhause an Ihrem Computer und mit Ihrem Drucker und dem Toner, den Sie selbst bezahlt haben, selbst ausdrucken? Ich würde sagen, man kann nach den neuesten Enthüllungen um die dubiosen Geschäfte des CTS Eventim-Chefs behaupten, daß die „Ticketdirect“-Gebühr eine Art Crowdfunding-Kampagne des CTS Eventim-Konzerns ist, um die zu erwartenden Prozeßkosten und die Staranwälte zu finanzieren, die ihren Konzernchef aus diesen Problemen herausboxen sollen...

01.11.2014 - 13:50

In China hat die Regierung laut „FAZ“ ein neues Gesetz erlassen, wonach Chinesen auf Auslandsreisen „die Normen des zivilisierten touristischen Verhaltens“ zu befolgen haben. Zugegeben, dazu gibt es eine etwas merkwürdige Kampagne mit Fernsehspots, auf denen das chinesische Symboltier, der Panda, sich in Sydney als rüpelhafter Problembär entpuppt. Am Ende des Spots der Ratschlag an die chinesischen Touristen: „Die ganze Welt schaut zu. Sei ein guter Tourist!“
An der Kampagne kann man sicher noch feilen, aber das Gesetz an sich würde man sich doch in Deutschland auch wünschen. Es gäbe einen Grund weniger, sich das merkwürdige Wort “Fremdschämen“ merken zu müssen...

01.11.2014 - 13:49

Neil Young bei Howard Stern: Eine faszinierende Lektion in Haltung. Es geht um Musik, nicht ums Geschäft. "I'm working for the music".
Neil Young erklärt, wie es kam, daß sein Woodstock-Auftritt nicht im Film ist (er hat den Kameramann, der auf der Bühne gestört hat, angeschrieen und quasi von der Bühne geschmissen), warum Buffalo Springfield nicht in der "Tonight" Fernsehshow auftraten ("it wasn't our audience" - kann sich heutzutage, in Zeiten der gnadenlosen Selbstvermarktung, noch jemand vorstellen, daß sich eine Band einer großen TV-Show verweigern würde, weil dort das falsche Publikum sitzt?!?), oder warum es niemals eine Reunion von CSN&Y geben wird (weil es keinen Sinn macht, bloß wegen des Geldes alte Hits zu spielen). So geht Kunst. Neil Young "walks like a giant". Das Anhören der guten Stunde bei Howard Stern ersetzt mindestens ein Semester Kulturmanagement an hiesigen Hochschulen...
Wenn man Wörter wie „Integrität“ oder „Haltung“ googelt, sollten Bilder und Musik von Neil Young erscheinen.

01.11.2014 - 13:45

In Karl-Marx-Stadt-heißt-jetzt-Twix, also in Chemnitz, steht die laut Wikipedia zweitgrößte Porträtbüste der Welt – im Stadtzentrum befindet sich eine (mit Sockel) über 13 Meter hohe Plastik des Kopfes von Karl Marx. Im Juni diesen Jahres haben Leute unter den Marx-Kopf ein deutsches Fußballnationalmannschafts-Trikot mit den schwarz-rot-goldenen Bruststreifen und der Marx-Büste auf die Backen die drei schwarz-rot-goldenen Streifen gemalt – sie fanden das wohl lustig und dachten, wenn wir uns schon zum Deppen machen und wochenlang so rumlaufen, soll der olle Marx nicht abseits stehen. Drüber hing ein Plakat an dem Gerüst des Wohnhauses: „Fußballfans aller Länder, wir grüßen euch!“
Als ich dieser Tage auf Lesereise in Chemnitz war (Klasse Publikum dort, übrigens!) und am nächsten Vormittag eine kleine Stadtbesichtigung unternahm, fand ich das Karl Marx-Denkmal in diesem Zustand vor:

Karl Marx Red Bull Chemnitz













Dazu dürfen Sie sich trostlosen Spaß-Techno vorstellen, der aus den Boxen des Fahrzeugs dröhnte. Die österreichische braune Brause ist allgegenwärtig und macht vor nichts halt.
Karl Marx Red Bull Chemnitz...

01.11.2014 - 13:35

Und was sagen wir zum 25jährigen Jubiläum des „Mauerfalls“?
Der Universal-Konzern jubelt jedenfalls: „Mauerfall – Das legendäre Konzert für Berlin 1989 feat. Udo Lindenberg, Nina Hagen, Silly, BAP, Joe Cocker, H.R. Kunze, Pankow (...) Nach 25 Jahren erstmals als Album!“
Es bleibt einem wirklich nichts erspart. Aber sehen Sie, da haben Sie die kulturelle Realität des Mauerfalls in einer Nußschale: Denn es wurden ja nicht sagen wir Hanns Eisler und Kraftwerk vereint (gar unter einer neuen Hymne, wie etwa der Kinderhymne Brechts – „Anmut sparet nicht noch Mühe / Leidenschaft nicht noch Verstand / Daß ein gutes Deutschland blühe / Wie ein andres gutes Land. (...) Und nicht über und nicht unter / Andern Völkern wolln wir sein“...). Nein, vereint haben sich eben die eher dumpfen Teile der beiden Deutschländer.
Lassen Sie uns also am 9.November die Festveranstaltungen und all das mediale Konsens-Blahblah ignorieren und stattdessen die schöne Eislersche Melodie vor uns hin summen, der Opfer des Nationalsozialismus gedenken und der Tatsache, daß an einem 9.November vor fast einem Jahrhundert in Deutschland nach einer Revolution immerhin ja auch schon mal die Republik ausgerufen, also ein ganz anderes Liedchen angestimmt wurde...

01.11.2014 - 13:32

„Krieg ist zuerst die Hoffnung, daß es einem besser gehen wird, hierauf die Erwartung, daß es dem andern schlechter gehen wird, dann die Genugtuung, daß es dem andern auch nicht besser geht, und hernach die Überraschung, daß es beiden schlechter geht.“
(Karl Kraus)

01.11.2014 - 13:31

Um nochmal auf die bürgerlichen Qualitätsjournalisten zurückzukommen – was sie derzeit ja auch gerne treiben: sie schreiben Reportagen über einzelne junge Menschen, die nach Syrien reisen und sich dem IS anschließen. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ über zwei Wiener Teenagerinnen, die im April nach Syrien reisten und sich dem IS anschlossen.
Mal jenseits dessen, daß ich mich frage, wie diese Reportagen entstehen, also ob a) die Zeitungen tatsächlich die jungen Menschen in Syrien aufsuchen (wohl eher nicht), und b) ob die jungen Menschen dann tatsächlich mit den Reportern sprechen würden (wohl eher nicht), und c) ob die IS derartige Gespräche von Neu-Islamisten mit Reportern der bürgerlichen abendländischen Presse überhaupt zulassen würden (wohl eher erst recht nicht) – und wenn man diese drei kleinen Fragen beantwortet hat, denkt man sich, es wird halt so sein wie im topseriösen Blödzeitungsjournalismus – man lungert ein bißchen bei Verwandten und Freunden herum, schreibt deren Äußerungen ins Notizbuch und bläht das alles mit eigenen Empfindungen auf. Heraus kommen dann Sätze wie in dem der „Süddeutschen Zeitung“, die ein Franz Josef Wagner nicht besser hätte schreiben können: Meisterinnen der sozialen Netzwerke. Sie rennen aus ihren Schulen, werfen ihre kurzen Röcke weg und schicken Selfies, auf denen nichts zu erkennen ist hinter schwarzem Tuch. Früher tänzelten sie durch die Favoritenstraße, jetzt sind sie in einer Welt, in der selbst die Hinterteile der weiblichen Schafe auf den Märkten verdeckt werden müssen.“ („SZ“) Oder, auf „SPON“, über eine junge Französin, die nach Aleppo abgehauen ist: „Dabei sei sie früher ein ganz normales, fleißiges Mädchen gewesen und habe sich für Disney-Filme interessiert.“
Aber jenseits all dessen, und ich bitte, nochmal ansetzen zu dürfen: Eine Frage, die man sich ja stellen könnte und die zu beantworten spannend wäre, ist doch die, warum sich junge Menschen, die jahre- bzw. meist jahrzehntelang in unserer ach so tollen abendländischen Demokratie aufwachsen, ganz offensichtlich mit deren politischen, kulturellen und vielleicht auch sozialen Angeboten so wenig anzufangen wissen, daß sie sich lieber einer islamistischen und de facto faschistischen Organisation anschließen. Vielleicht sind die Gründe ähnlich wie bei den vielen Menschen, die an den Wahlen nicht mehr teilnehmen, also der Nichtwähler (und jetzt mögen bitte keine Sozialdemokraten ums Eck geschossen kommen und versuchen, die jungen Islamisten mit Bonuspunkten und Rabattmarken von Supermärkten in die Demokratie einzuwerben, wie sie es bezüglich der Nichtwähler vorgeschlagen haben...). Daß die Narration von Teilhabe, Kultur und Zivilgesellschaft für viele Menschen in der neoliberalen Postdemokratie einfach nicht mehr funktioniert. Daß der Neoliberalismus, der „uns in einen Zustand permanenter Angst befördert hat“ (Mark Fisher), eben das Gegenteil der „Freiheit“ ist, die sie uns immer noch verkaufen, die aber nur die Freiheit zu grenzenlosem, angestrengtem Konsumismus in einer „marktgerechten Demokratie“ (Angela Merkel) ist. Und in einer Welt der Ego-Maschinen und Selbst-Kuratierer gibt es eben einen gewissen, dramatisch steigenden Prozentsatz von Menschen, die sich gemeinsam in eine „Mikrogemeinde“ zurückziehen, wie Georg Seeßlen bei anderer Gelegenheit schreibt. Eine Mikrogemeinde auch als Parallelwelt wie bei dem französischen Teenager-Mädchen, das eben nicht nur „ganz normal und fleißig“ ist und (oder weil es) Disney-Filme schaut, sondern das ein Doppelleben geführt hat: Erst nach ihrem Verschwinden habe die Familie ein zweites Handy, einen zweiten Facebook-Account und islamische Kleidungsstücke entdeckt.“ (SPON).
Daß diese Mikrogemeinde, in die die Teenager (und es scheinen Hunderte zu sein) abgetaucht sind, ausgerechnet islamistisch und reaktionär ist, ist ausgesprochen tragisch. Wie die bürgerlichen Medien darüber berichten, ist traurig und haben die Teenager so nicht verdient.

01.11.2014 - 13:28

Was dem Feuilletonisten das frühherbstliche Weihnachtsgebäck und die Schokonikoläuse, das ist dem Politikberichterstatter unter den Qualitätsjournalisten sein Nordkorea. Seit jeher kann man ja die PR-Kampagnen dieses kleinen Staates nur bewundern – wie einer der kleinsten Staaten der Erde es schafft, eine so umfangreiche und permanente Berichterstattung zu generieren – Respekt! Und dabei gibt es ja keine westlichen JournalistInnen in Nordkorea. Klar, der eine oder die andere machen mal eine kurze, geführte und in allen wesentlichen Punkten von der Regierung vorgegebene Rundreise (wie ich sie vor etlichen Jahren unternommen habe, siehe den mehrteiligen Reisebericht in „Konkret“, auch hier zu finden, aber die meisten Berichte, die Sie in den Qualitätsmedien bundesdeutscher Provenienz finden, sind eben reine Spökenkiekerei und entstehen in Tokio, Beijing oder am heimatlichen Schreibtisch. Ob da Kim Jong Un bei einer Jubiläumsfeier fehlt, hinkt oder im Panzer sitzt – keiner, der auf „SPON“, „FAZ“ oder „SZ“ darüber schreibt, weiß irgendetwas, sondern entnimmt seine Informationen aus dem staatlichen Fernsehen Pjöngjangs oder den Berichten südkoreanischer Quellen (die es wiederum aus dem Fernsehen Pjöngjangs usw. usf.).
Kim Jong Un ist gewissermaßen der Weihnachtsmann des deutschen Qualitätsjournalismus.

01.11.2014 - 13:26

Drollig, wie die verschiedenen Großkünstler vergangener Zeiten zuletzt ihre eigenen technischen Kleingärten mit Zäunen einhegen. U2 veröffentlichen ihr neues Album auf Apples iTunes und zwingen allen iTunes-Nutzern ihre von den meisten nicht erwünschte Musik als Spam auf. Fast noch bescheuerter wirkt die Geste der Zerknirschtheit, mit der die irischen Steuerflüchtlinge im Nachhinein auf Gutwetter bei den Fans machen wollen. Es sei „Größenwahnsinn“ und „Eigen-PR“ gewesen, die zu dieser Aktion geführt habe, so der Band-Chef. Oder war es nicht doch das liebe Geld? Cui Bono? Dem Vernehmen nach haben U2 knapp 100 Millionen von Apple kassiert. Bono jedenfalls siehts so: „Wir wurden als Band erstklassig bezahlt.“ Wohl wahr.
Mainstream-Kollege Thom Yorke, bekanntlich eingefleischter Streaming-Gegner, brachte sein neues Soloalbum nicht beim Apfel, sondern sozusagen bei einer Birne heraus, nämlich exklusiv bei Bittorrent, im Bundle mit Filesharer-Software. Ähem. War da was?
Wann werden die Künstler es endlich lernen, daß das Geheimnis erfolgreicher Musik-Veröffentlichungen nicht darin besteht, sich für viele Millionen vor den Karren verschiedener Technik-Konzerne spannen zu lassen, sondern die Musik einfach zeitgleich auf allen verfügbaren Kanälen zu veröffentlichen? Diejenigen, die diese Musik hören wollen, wollen weder U2-Spam in ihren iTunes-Ordnern, noch dazu gezwungen werden, Software auf ihren Rechner zu installieren, um Thom Yorke zu hören. Die Freiheit besteht darin, daß die Fans, die „User“ selbst bestimmen können, wie und wann (und ob...) sie die Musik der Künstler hören wollen. Ob als Download, Stream, als Vinyl oder, wie in der digitalen Steinzeitrepublik Deutschland immer noch mehr Menschen als andernorts, als CD. Der Deal ist: Der Künstler macht die Musik. Der Fan entscheidet, wie er sie hört. Die Zeiten der Disziplinargesellschaft, in der die Fans vorgeschrieben bekommen, wie sie Musik zu hören haben, sind Vergangenheit. Warum sperrt ihr eure Musik hinter Mauern, seien es die von Apple oder die von Bittorrent? Kommt ins Offene, liebe Musiker, laßt euch aufs 21.Jahrhundert ein! Wenn eure Musik gut und interessant genug ist, wird sie gehört und bezahlt werden – auf den Kanälen, die nicht ihr, sondern die Fans bestimmen!

16.10.2014 - 09:51

Wirtschaftsminister Gabriel (SPD) hat erneut Rüstungsexporte in Milliardenhöhe an umstrittene Drittländer genehmigt. „SPON“ berichtet: Deutsche Rüstungsfirmen machten im ersten Halbjahr unter Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) beinahe ebenso gute Geschäfte mit umstrittenen Drittländern wie unter der schwarz-gelben Vorgängerregierung. (...) Aus Ministeriumskreisen hieß es, die von den Genehmigungen begünstigten Länder wie Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate seien ‚seit Jahren in der Region für eine gewaltfreie Entwicklung eingetreten’. Auch das Auswärtige Amt hat nach Informationen des Spiegel in internen Rüstungsrunden auf die stabilisierende Funktion vor allem von Saudi-Arabien in der Krisenregion hingewiesen.“
„Stabilisierende Funktion“?!? Die Diktatur in Saudi-Arabien hat bekanntlich direkt und indirekt die IS unterstützt und köpft seit jeher systematisch Regimegegner: Allein in diesem Jahr hat das saudi-arabische Regime bereits 59 Menschen enthauptet, doppelt so viele wie die in barbarischen Videos gezeigten Enthauptungen westlicher Geiseln durch die IS-Miliz.
„Im August sind die von Riad Verurteilten für Verbrechen wie Apostasie, Ehebruch und 'Hexerei' hingerichtet worden. In einem Fall sind vier Mitglieder einer Familie hingerichtet worden, weil sie 'große Mengen Haschisch in Empfang genommen hatten', ein Urteil, das laut Amnesty International auf Geständnissen beruhte, die durch Folter erlangt wurden.“
(Tom Breakwell, „Vice“) Darüber wird natürlich nicht berichtet, denn Saudi-Arabien ist ja Partner des Westens. Wie Mexiko, weswegen die grausame Ermordung von etwa 50 demonstrierenden Studenten wahrscheinlich durch die Polizei nur eine kleine Nachricht auf den hinteren Seiten der Zeitungen wert ist – vorne muß man ja seitenlang über die Demonstrationen in Hongkong berichten. „Ein Land, das Medien hat, braucht keine Zensur.“ (Peter Hacks)

16.10.2014 - 09:48

Der Weihnachtsmann dieses Blogs, allerdings einer, der längst schon nicht mehr alle am Christbaum hat, das aktuelle Blog-Faktotum sozusagen ist derzeit Xavier Naidoo. Unten hatte ich bereits aus einem Artikel von Georg Diez auf „Spon“ zitiert, wonach sich der christlich-esoterische Schnulzensänger neuerdings auf den Demos der Neuen Rechten tummelt.
Am Tag der Deutschen Einheit zelebrierte Xavier Naidoo, der in der offiziellen Bewerbung der Stadt Mannheim für den Titel als „Unesco-Musikstadt“ als „Galionsfigur und Ikone“ Mannheims bezeichnet wird, nun die Union mit ehemaligen NPD-Funktionären, sogenannten „Reichsdeutschen“ und anderen Reaktionären auf deren Berliner „Demonstrationen“. Der Mannheimer Schnulzensänger trug, auf YouTube ist es zu sehen, dabei das sogenannte Sankt-Georgs-Band, „das einstmals vom russischen Zaren an besonders tapfere Soldaten vergeben wurde und heute in Rußland und der Ukraine als Erkennungszeichen der prorussischen Separatisten genutzt wird. Wie man der Webseite ‚staatenlos.info’ entnehmen kann, dienen die schwarz-orangen Streifen zugleich als Erkennungszeichen der ‚Nationalen Befreiungsbewegung Deutschland’“ („Berliner Zeitung“).
Auf einer weiteren „Demonstration“, an der Naidoo am 3.Oktober teilnahm, trug er, man kann auch das auf YouTube betrachten, ein T-Shirt mit der sinnigen Aufschrift „Freiheit für Deutschland“; im späteren Verlauf dieser Demonstration wurden antiamerikanische und antiisraelische Slogans skandiert. Naidoo hat auf einer ähnlichen „Montagsdemonstration“ im August in Mannheim laut „Berliner Zeitung“ den „Umstand beklagt, daß ‚Deutschland immer noch von den Amerikanern besetzt’ und darum ‚kein richtiges Land’ sei; auch sei die Frage, ob es überhaupt’ eine Verfassung besitzt’.“
Naidoo vergleicht sich in dem Zusammenhang im Übrigen wenn schon nicht mit Gottvater, dann doch mit dessen Sohn: „Jesus ist auf alle Menschen zugegangen. Ich möchte ebenfalls auf Menschen zugehen, egal wo sie sind, egal wo sie herkommen. Ich möchte von Liebe, Frieden, Gerechtigkeit und meiner Überzeugung sprechen. (...) Ich möchte auf Menschen zugehen. Auch zu 'Reichsbürgern'. Auch auf die NPD. Das ist mir alles wurst.“

16.10.2014 - 09:44

Gegen die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) zu sein, ist mittlerweile fast schon ein Allgemeinplatz geworden, unter dessen Banner man es sich auch mit der bürgerlichen Presse oder den Montagsdemonstranten gemütlich machen kann. Und natürlich ist der TTIP ein elender und ekelhafter Versuch, „wieder nennenswertes Wachstum zu generieren, indem man die Politik, die zur Krise geführt hat, in noch extremerer Form weiterführt“ (Jörn Schulz), und zwar, wie das im Spätkapitalismus eben üblich ist, mit definitiv undemokratischen Mitteln. Daß hiesige Kulturschaffende in dieser Angelegenheit entlarvend systemtreu argumentieren (also gewissermaßen: „wir müssen das bestehende deutsche respektive europäische System unbedingt erhalten!“ Wirklich? weil es so toll ist? weil wir uns nichts Besseres mehr vorstellen können?), ist signifikant und eigentlich nicht weiter erwähnenswert.

Interessant ist da schon eher, was der Professor für Öffentliches recht und Völkerrecht, Markus Krajewski, dieser Tage in der „taz“ zu diesem Thema zu erzählen hatte. Demzufolge nämlich hat ausgerechnet Deutschland den strengen Investorenschutz, ein Kernstück des geplanten TTIP-Abkommens, 1959 selbst erfunden: „1959 schloss die Bundesregierung erstmals ein solches Abkommen mit Pakistan. Inzwischen gibt es 130 dieser Verträge mit anderen Staaten - so viele wie sonst nirgendwo. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Deutschland keine militärischen Möglichkeiten, wollte als Handels- und Exportmacht aber trotzdem seine Wirtschaftsinteressen schützen. Deswegen wählte man den Weg, dass deutsche Unternehmen das Recht bekamen, vor speziellen Schiedsgerichten zu klagen, wenn beispielsweise ihr Eigentum in einem Entwicklungsland enteignet wird und die dortige Justiz nicht verlässlich ist.“
Die schärfsten Kritiker der Elche... na, Sie wissen schon.
Und es gilt also wie immer: wenn man etwas, das man für grundfalsch hält, nicht haben will, dann darf man nicht an paar Symptomen herumdoktorn, sondern muß es grundsätzlich regeln. Wer nicht möchte, daß US-Konzerne vor Schiedsgerichten unter Ausschluß der Öffentlichkeit ihre Schadensersatzmaßnahmen durchsetzen können, wie es das TTIP vorsieht, der sollte auch gegen die 130 Verträge protestieren, die die Bundesrepublik Deutschland mit dem nämlichen Inhalt anderen Staaten gegenüber durchgesetzt hat.

16.10.2014 - 09:41

Apple als Maschine der Kontrollgesellschaft, als eigene Kontroll- und Zensurinstanz sozusagen: Wie Jens Friebe im Interview mit „Intro“ erzählt, hat iTunes seine erste Platte nicht auf die Verkaufsplattform eingestellt, „warum das so ist, sagen die nicht“. Und beim Cover seines aktuellen Albums „hat man uns, was das jetzige Cover angeht, sozusagen im Vorfeld dazu geraten, den Nippel zu zensieren“, obwohl der „bei der Größe, in der das Cover auf iTunes steht, sowieso nicht sichtbar gewesen wäre.“ Aber wer bei Apple Alben kauft, ist sowieso selber Schuld, also...

16.10.2014 - 09:39

Anfang Oktober trat ich mit meinem Vortrag „Das Geschäft mit der Musik“ in der Schweiz, im wunderbaren „Bad Bonn“ in Düdingen in der Nähe von Bern auf. Der Veranstalter hatte auf die Lesung auf seiner Homepage u.a. mit einem kleinen Zitat aus meinem Buch geworben, wonach der SUISA-Chef (SUISA ist die Schweizer GEMA) jährlich 357.000 Schweizer Franken verdienen würde (und der Chef der Schweizer „VG Wort“, also der „ProLitteris“, hat noch mehr eingestrichen...) – als diese Einkommenszahlen erstmals veröffentlicht wurden, äußerten Erfolgsautoren wie Alex Capus ihren Unmut über die Verteilung der Einnahmen zwischen Funktionären und den Autoren, und Politiker verschiedenster Fraktionen kündigten eine parlamentarische Initiative an, die die Gehälter auf das in der Staatsverwaltung übliche Niveau senken sollte. Die Funktionäre jedoch sahen, dort wie hier, keinerlei Handlungsbedarf. Ernst Hefti, der Direktor von ProLitteris, meinte, auf das Mißverhältnis zwischen den Einkommen vieler Urheber und dem seinigen angesprochen, im „Tagesanzeiger“ lapidar, daß schließlich „jeder seinen Beruf selber wählt“ – also gewissermaßen: Künstler, ihr seid selber Schuld, wenn ihr so blöd seid, Musiker oder Autoren zu sein, machts halt wie ich, werdet Funktionär einer Verwertungsgesellschaft, dann bekommt ihr auch ein Herrschaftsgehalt!
Am Nachmittag vor dem Auftritt erreichte mich eine Mail von Giorgio Tebaldi, dem „Abteilungsleiter Kommunikation“ der SUISA; darin hieß es u.a.: „Sie halten heute Abend im Bad Bonn in Düdingen eine Lesung mit dem Titel ‚Das Geschäft mit der Musik’. Im Teaser schreiben Sie, daß das Jahresgehalt des SUISA-Generaldirektors CHF 357.000 beträgt. Wie Sie im SUISA-Geschäftsbericht 2013 auf Seite 20 lesen können, beträgt das Gehalt CHF 303.613. Die von Ihnen genannte Zahl bezieht sich unseres Erachtens auf das Jahresgehalt des Vorgängers Alfred Meyer im Jahr 2008. Ich möchte Sie bitten, in Ihrer Lesung das tatsächliche, aktuelle Jahresgehalt zu nennen. Besten Dank und freundliche Grüße.“
Um ehrlich zu sein, hatte ich gar nicht vor, bei meinen Vortrag überhaupt auf die SUISA und die Gehälter ihrer Generaldirektoren einzugehen – ihr Abteilungsleiter Kommunikation brachte mich allerdings auf die Idee, und so las ich seine Mail unter großem und anhaltendem Gelächter des Publikums vor. Womit uns schließlich allen gedient war.

16.10.2014 - 09:35

Drollige Nachricht: Helmut Markwort, der damalige sogenannte Chefredakteur und heutige Herausgeber des sogenannten „Focus“, hat zugegeben, für seine Zeitschrift unter einem Pseudonym Beiträge über den FC Bayern München geschrieben zu haben, obwohl er Mitglied im Aufsichtsrat des Vereins war. Und was hat er enthüllt? Was man im „Focus“ eben so als investigative Recherche versteht: „...was es bei einer Rußland-Reise zu essen und zu trinken gab oder wer wo saß.“ („FAZ“). Nun ja.
Dann fragt die „FAZ“ sich und uns noch, ob Markwort in einem „Rollenkonflikt“ gesteckt habe. Markwort? Rollenkonflikt?!? Ich bitte Sie. Da müßte diese Knallcharge doch kapiert haben, was die Grundregeln des Journalismus sind. Und so was wird dem Chef-Anwanzer und der FC Bayern-Betriebsnudel in diesem Leben nicht mehr passieren. Wort.

09.10.2014 - 10:15

Liebe QualitätsjournalistInnen! Seid höflichst daran erinnert, daß es bereits Oktober ist. Seit geraumer Zeit stapeln sich in den Supermärkten die Weihnachts-Süßigkeiten, Lebkuchen, Nikoläuse, wasweißich. Falls es noch nicht geschehen sein sollte, ist es also allerhöchste Eisenbahn, eure einschlägigen Besinnungsaufsätze auf den Titelseiten oder Feuilletons oder Kommentarspalten eurer Zeitungen loszuwerden: wie furchtbar es doch ist, daß sich in den Supermärkten bereits mit Herbstbeginn die Weihnachtsware stapelt, wie schön das Leuchten in den Kinderaugen der Adventszeit doch frührer war, und wie die Zeit überhaupt fliegt und das Internet und Google und... na, ihr wißt schon, was ihr zu schreiben habt, wollte euch nur kurz dran erinnern. Nicht zu danken, gern geschehen. Es geht ja schließlich um Qualitätsjournalismus.

21.09.2014 - 18:00

Und wissen Sie, wer letztes Wochenende der Headliner des großen französischen Festivals „Fête de l’Humanité“ im Parc départemental Georges-Vallon bei Paris war, also dem mehrtägigen Festival der Zeitung der kommunistischen Partei Frankreichs? Noch vor Massive Attack, IAM, Bernard Lavilliers, Alpla Blondy und all den anderen? Sie werden nicht drauf kommen: Die SCORPIONS warens.

„Pour réinventer la liberté, l’égalité et la fraternité“ heißt es im Untertitel des Festivals. Was für Zeiten. Die Hannoveraner singen für die französischen Kommunisten, Gorbatschow macht Werbung für Louis Vuitton – was mag da noch kommen? Ach ja – auch der französische Rüstungskonzern Lagardère und das französische Staatsfernsehen TF1 halten größere Anteile an l’Humanité – so ist das in unserem Nachbarland, „winds of change“ sozusagen...

21.09.2014 - 17:59

Was ist Musik?
„Musik ist und bleibt der Brandbeschleuniger der Kreativökonomie im Netz",
sagt der Deutschland-Chef von Sony Music Entertainment.

Und was ist eine Plattenfirma?
„Wir – und das meint Universal Music ganz besonders – sind der Innovationsmotor unserer Branche, aber mittlerweile auch als Business-Avantgarde auch für andere Branchen,“
tönt Frank Briegmann, „President Central Europe und Deutsche Grammophon Universal Music International“ (was für eine Visitenkarte muß das sein! wer hat die größte...)
Und der Universal-Chef macht klar, worum es ihm als, wenn man das mit der Business-Avantgarde mal etwas weiterspinnt, Business-Leninisten so geht:
„Es geht um den Kampf ums Portemonnaie der Konsumenten. Es geht um ihr Entertainment-Budget und wie wir es zu uns und unseren Künstlern lenken.“

21.09.2014 - 17:57

Wenn es um derart hehre Ziele geht, also „ums Portemonnaie der Konsumenten“,um ihr Entertainment-Budget“ und wie es am schnellsten in die Kassen von Universal Music, des Weltmarktführers unter den Tonträgerkonzernen, gelenkt werden kann, dann möchten die Berliner Sozialdemokratie und das Berliner MusicBoard nicht abseits stehen, sondern tatkräftig mithelfen.
„Berlin Music Week“ (BMW), Sie wissen schon – diese komische und sehr überflüssige Stadtmarketingveranstaltung, veranstaltet unter der Zuständigkeit des Berliner Wirtschafts(!)senats von Leuten, die es als Erfolg ansehen, wenn „Ruhe im Karton“ herrscht. Im Juli 2009 habe ich in der „Berliner Zeitung“ bereits den „Nachruf auf eine Funktionärsmesse“ veröffentlicht, und dem ist auch heute nur wenig hinzuzufügen, und das Nötige hat Jens Balzer in einem herrlichen Artikel in selbiger Zeitung unter dem Titel „Warum Berlin keine Music Week braucht“ dieser Tage geschrieben. Klar: kein Mensch, der noch bei Trost und bei klarem Verstand ist, wird zu einem in Kooperation mit ausgerechnet dem Axel Springer-Konzern veranstalteten „Music Hack Day“ gehen, oder zum „Berliner Pilsner Music Award“, oder sich in den „Music Startup Corner“ setzen, wo unter anderem im Rhythmus blinkende Mobiltelefonhüllen angeboten werden, oder zu einer ausgerechnet von der O2 World, also der Berliner Mehrzweckhalle im charmanten Parkhauscharakter, präsentierten Straßenmusiker-Minibühne gehen oder zu sonstigen Verzweiflungs-Veranstaltungen, die eine „möglichst ideale Verbindung von Business- und Publikumsevent anstreben“, also in Wirklichkeit Werbeveranstaltung für die jeweiligen Geschäftsmodelle der jeweiligen Firmen. „Nicht nur über Musik reden, sondern hin zum Making, zum kreativen Event.“ I’m awfully sorry, aber wer so daherplappert, hat verloren. Und zwar völlig zurecht.

Und so ist es erfreulich, logisch und konsequent, daß es die BMW künftig nicht mehr geben wird. Weniger erfreulich, eher unlogisch und wenig konsequent ist es, daß es künftig stattdessen ein neues Stadtmarketingdingens geben wird unter dem achsodollen Titel „Pop=Kultur“, unter dem Dach des Berliner Musicboards und mithin der Staatskanzlei. Nun kann man am Berliner Musicboard ja sehr schön sehen, wie ein schlechtes und falsches Konzept durch die richtigen Personen, also vor allem durch Katja Lucker, dennoch zu etwas Sinnvollem mutieren kann. Was man sich aber dabei gedacht hat, jetzt eine neue Stadtmarketingveranstaltung anzugehen, bleibt ein Rätsel, ebenso wie das ausgewählte Personal. Denn die „Kuratoren“ – denn alle Kunst muß heutzutage kuratiert werden, das subversive Potential von Pop- und Subkultur soll von staatlichen oder staatlich finanzierten Bediensteten begradigt werden; Keith Richards sagte dazu: „Ein Rock’n’Roll-Kurator? Das ist das Albernste, was ich je gehört habe“... – die Kuratoren also sind in dem Fall ein Pop-Fan-Boy, der schon dazu beigetragen hat, kritiklos ein einstmals renommiertes Musikmagazin für die Konsumindustrie zuzurichten („wir sind so unabhängig wie möglich“, hieß es seinerzeit, als zu erklären war, warum die Werbekunden direkten Zugang auf die Inhalte des Blattes bekamen), und ein Tourveranstalter, der gerne mit sich selbst verhandelt, weil er gleichzeitig bereits Musikkurator eines Berliner Theaters ist, ein Bock also, der jetzt an einer zweiten mit öffentlichen Geldern subventionierten Stelle herumgärtnert. Und zu welchem Zweck? Damit schließt sich der Kreis – denn Björn Böhning (SPD), Leiter der Berliner Staatskanzlei, zeigte sich laut „Berliner Zeitung“ erfreut und beglückt, daß auch „der Musikkonzern Universal, der sich in den vergangenen Jahren demonstrativ von der BMW ferngehalten hatte erstmals wieder Interesse an einer Kooperation bekundet“ habe.

So kommt wie immer eines zum anderen und alles zu einem...

Mein Vorschlag ist: Laßt es endlich bleiben! Berlin braucht keine wie auch immer geartete Branchenveranstaltung. Und die Welt braucht keinen weiteren Branchentreff, der Terminkalender der Musikfunktionäre und Protagonisten ist ohnedies schon eng gefüllt mit all den weltweiten Stadtmarketingveranstaltungen. Investiert das eingesparte Geld in die musikalische Bildung – die Musikschulen Berlins brauchen dringend korrekt bezahlte, fest angestellte LehrerInnen, und an den Schulen fällt auch in Berlin ständig der Musikunterricht aus. Da ist Nachholbedarf, da ist das Geld gut angelegt in die Kreativität künftiger Generationen. Und wenn irgendwer was wissen willen über das, was in der reichhaltigen Berliner Musikszene so läuft – gebt ihm statt ausgeklügelt kuratierter, überflüssiger Veranstaltungen einfach einen Stadtplan mit all den kleinen und großen Clubs in die Hand und ein örtliches Stadtmagazin, in dem all die zig Konzerte verzeichnet sind, die allabendlich in Berlin stattfinden. Denn Berlin ist längst Pop. Punkt.

21.09.2014 - 17:56

(Wie man es richtig macht, wenn man schon unbedingt mittun will oder muß, bewiesen Audiolith und Beat The Rich/Landstreicher: entweder packt man, wie die letztgenannten, seine größten Acts, die normalerweise zigtausende Fans ziehen können, in einen dramatisch zu kleinen Club und schaut, was so passiert – toll! da will man doch gleich mittun und ebenfalls Teil einer Jugendgefährdung sein... oder man reicht, wie Erstere, an einer Frittenbude ukrainische Teigtaschen und Freibier und verzichtet ganz auf das Abspielen von Musik, weil Musik eben nicht zur Hintergrundbedudelung taugt und die Leute sowieso quatschen und ukrainische Teigtaschen futtern wollen... Respekt, liebe Kollegen!)

21.09.2014 - 17:54

Haben Sie auch die Ausschnitte von den MTV-Awards gesehen? Wie Miley Cyrus statt einer eigenen Dankesrede einen jungen Obdachlosen auf die Bühne holt und ihn von seinen Problemen erzählen läßt? Mal abgesehen davon, daß der junge Obdachlose tags darauf von der Polizei verhaftet wurde, weil wohl ein Haftbefehl gegen ihn vorlag, und mal abgesehen von der schwülstig-peinlichen Von-Sich-Selbst-Ergriffenheit der Miley Cyrus und ihren wohlplazierten Tränchen und all dem, was sich kulturell und ethisch sonst noch zu dieser Szene sagen ließe, aber: Haben Sie die Kernaussage des jungen Obdachlosen gehört?

„If you wanna make powerful change in the world right now, please go on Miley’s Facebook site...“

So spielen sie das Spiel heutzutage – wenn ihr was an der Gesellschaft und all ihrer Ungerechtigkeit ändern wollt – geht auf die Facebookseite eines Popstars! Macht ein paar Klicks! Fühlt euch besser, denn ihr habt jetzt wirklich etwas geändert. Wirklich. Powerful.

„When all you got is a hammer /
everything looks like nails.“

(Kate Tempest)

21.09.2014 - 17:49

Ich habe an dieser Stelle bereits darüber berichtet, daß die allseits beliebte Monopolinstitution GEMA mit einer neuen Volte das großartige und kostenlose Musikfestival „Fête de la Musique“ gefährdet. Anfang September wurden neue Details bekannt – die GEMA stuft die Fête de la Musique künftig nicht mehr als das ein, was sie ist, nämlich als ein Stadtfest, sondern als ein Konzert. Der GEMA-Tarif dafür ist natürlich wesentlich teurer und bedeutet lt. „Berliner Zeitung“ für die Organisatoren eine Kostensteigerung von sage und schreibe 63 Prozent; das sind rund 8.000 Euro mehr als bisher eingeplant und finanziert sind. Etwa 20 Prozent des gesamten Budgets der Berliner Fête de la Musique, bei der 2014 Musiker, Sänger, Bands und Orchester an 110 Orten in allen zwölf Bezirken der Stadt auftraten und um die 100.000 Menschen begeisterten, würde künftig für die GEMA draufgehen. Besonders pervers: die komplette Veranstaltung wird aus öffentlichen Mitteln finanziert. Der Berliner Senat gibt 24.200 Euro, die Lotto-Stiftung 80.000 Euro, Mehrausgaben sind nicht erlaubt. Die GEMA will davon lt. „Berliner Zeitung“ künftig 20.000 Euro, also mehr als 80% des Senatszuschusses – eine absolute Unverschämtheit. Und der sichere Tod dieses musikalischen Stadtfestes.
Während das GEMA-Pendant in Frankreich, wo die Fête de la Musique geboren wurde, auf Gebühren komplett verzichtet, also: Musik für Menschen fördert, zeigt die GEMA in Deutschland die unerbittliche Arroganz der Macht eines Monopolisten: kein Erbarmen!
Der Berliner Kulturstaatssekretär griff zur schärfsten Waffe eines Politikers: er schrieb einen Brief. Das macht sich immer gut, es gaukelt Tätigkeit vor und ist unverbindlich und letztlich von vornherein erfolglos. Wenn Tim Renner in dieser Sache ernstgenommen werden wollte, sollte er eine Gesetzesinitiative starten, um die Rechtslage zu verändern, etwa im Bundesrat. Der damalige Ministerpräsident Niedersachsens, McAllister (CDU), hatte vor einigen Jahren Zugeständnisse der GEMA im Tarifstreit gefordert und angedroht, daß eine neue Aufsichtsbehörde für die GEMA installiert werden könnte – das wäre doch mal eine Spur, die aufzunehmen sich lohnen würde...

21.09.2014 - 17:48

Das Pendant des Berliner Herrn „Shitnstuff“ (so Franz Dobler über den Politiker) auf Bundesebene, Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), macht sich derweil zur Lobbyistin des Buchhandels und beteiligt sich an der Dämonisierung von Amazon. Sie subventioniert den stationären Buchhandel mit gut einer Million Euro, getarnt als Preisgeld, ganz so, wie es die Initiative Musik mit ihrem „Spielstättenprogrammpreis“ vormacht – das liest sich fein und ist hübsch öffentlichkeitswirksam, vor allem aber ist es, anders als es eine substantielle und auf Langfristigkeit angelegte systematische Spielstättenförderung wäre, völlig unverbindlich.
Interessant ist allerdings die Inkompetenz, die Frau Grütters in dieser Angelegenheit an den Tag legt. Im Interview mit der „Welt“ behauptet sie, es gebe „momentan noch rund 3500 inhabergeführte Buchhandlungen in Deutschland“ – schön wärs! Es gibt nämlich nur noch etwa 700 „unabhängige“, also inhabergeführte Buchhandlungen bundesweit, davon allein in Berlin 295... Aber wer als Kulturstaatsministerin im nämlichen Interview auch sagt, daß sie „keinen Unterschied zwischen großen und kleinen Verlagen macht“, hat von dem, was Teil ihrer Aufgabe ist, eben offensichtlich keine Ahnung.

21.09.2014 - 17:46

„Das ist kein Unfall, das ist Mord“, sagte eine Sprecherin der EU-Innenkommissarin angesichts des Untergangs eines Schiffs im Mittelmeer vor Malta mit 500 Flüchtlingen, die grausam ertranken. Doch was meinte die EU-Sprecherin genau? Daß es Mord sei, weil die von der EU beauftragte und finanzierte private Grenzschutztruppe Frontex auf dem Mittelmeer Europa vor all den unerwünschten Flüchtlingen aus Afrika „schützt“? Oder meinte sie, es sei „Mord“, wenn beispielsweise Deutschland ein (immer massiver eingeschränktes) Recht auf Asyl gewährt, das die Flüchtlinge gar nicht wahrnehmen können, weil ein Kordon von Pufferstaaten die Asylsuchenden abhält, überhaupt nach Deutschland zu gelangen? Mitnichten. Die EU-Sprecherin meinte lediglich die „erbarmungslosen Schleuser“, als sie von Mord sprach.
Es ist ekelhaft. Denn daß Abertausende von Flüchtlingen im Mittelmeer ertrinken, hat zwar zum Teil mit kriminellen Schleusern zu tun – diese gibt es aber nur, weil die Grenzen Europas längst zur Festung ausgebaut wurden und Flüchtlinge kaum eine Möglichkeit haben, tatsächlich nach Europa zu kommen, die Grenzen zu überwinden. Bundespräsident Gauck hat im vergangenen Jahr angesichts der Katastrophe vor Lampedusa entlarvt, wie das mit dem Grundrecht auf Asyl in einem der reichsten Staaten der Erde tatsächlich gemeint ist: Flüchtlingen, so das Staatsoberhaupt, müsse „Gehör gewährt“ werden, das sei eine „wesentliche Grundlage unserer Rechts- und Werteordnung“. Zu dieser Rechts- und Werteordnung gehört also nicht mehr das Gewähren von festgeschriebenen Grundrechten, sondern lediglich das Gewähren von „Gehör“. Um sie dann wieder abzuschieben.
Wir sind alle mitverantwortlich für das, was sich im Mittelmeer abspielt. Wir sind Mittäter, wenn wir es weiter zulassen, daß Europa zur Festung ausgebaut wird und Flüchtlinge nicht eingelassen werden, sondern verzweifelt versuchen müssen, durchs Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Und weiter zu Hunderten, zu Tausenden jämmerlich ertrinken. Es kann keiner sagen, er habe davon nicht gewußt.

21.09.2014 - 17:45

Zu diesem traurigen Kapitel deutscher Realpolitik paßt, daß der Bundesrat mithilfe des grünen Ministerpräsidenten Kretschmann das Asylrecht weiter verschärft hat. Nun gelten die drei Balkanstaaten Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina als „sichere Herkunftsstaaten“, in die Asylbewerber schnell wieder abgeschoben werden können. Obwohl es zweifelsfrei feststeht, daß Sinti und Roma in diesen Staaten, ebenso wie im rechtsradikal regierten Ungarn, systematisch unterdrückt und verfolgt werden.
Und der grüne Ministerpräsident mußte sich ausgerechnet von seinem sozialdemokratischen Amtskollegen Albig massiv kritisieren lassen: „Die Tinte, mit der dieser Kompromiss geschrieben wurde, kommt geradewegs aus dem Gefrierschrank.“
Jubel erntete der Grünen-Politiker für seine Zustimmung zur Verschärfung des Asylrechts natürlich von der Springer-Presse. Ulf Poschardt rief auf der Titelseite der „Welt“ „ein Hoch auf Kretschmann“. Das sind also die neuen Freunde der Grünen. Wie weit kann man noch sinken in die Niederungen, in den Morast deutscher Realpolitik?

21.09.2014 - 17:43

„Weltweit haben die Dokumente von Edward Snowden zunächst einen antidemokratischen Spähapparat enthüllt. In der Folge haben sie auch massives Regierungsversagen offenbart, ein totales, vollständiges, nachhaltiges Versagen demokratischer Kontrolle. Und zwar genau auf der Ebene, für die Verfassungen ursprünglich geschrieben wurden, zum Schutz der Bürger vor den Staatsgewalten.“
(Sascha Lobo, „SPON“)

21.09.2014 - 17:42

Zum Zustand der hiesigen bürgerlichen Reaktionäre und des Antisemitismus hat Magnus Klaue für „Jungle World“ Einträge aus dem Leserforum von „Zeit Online“ zusammengestellt, die den Tod des großen US-Schauspielers Robin Williams kommentiert haben:

„Eine dumme Amisau weniger. Danke dir lieber Gott.“ – „Gut gemacht Robin du feige nichtsnützige US-Transe.“ – „Diesem US-Schergen und Terror-Fürst sollte man in den Sarg Kacken.“ – „Ich schlage vor man bombardiert die Beerdigung dieses fanatischen pro-jüdischen Terror Psychopathen.“ – „Säufer, Kinderschänder, Judennazi. Nix dolles an dieser Terror-Schwuchtel.“ usw. usf.

Der Fehler, den Robin Williams gemacht hat: Er hat, aus einer anglikanischen Familie stammend, zeitlebens seine Solidarität mit Israel bekundet; er hat sich als „honorary jew“, als „Jude ehrenhalber“, bezeichnet und trat z.B. als Entertainer bei Festveranstaltungen der Shoah Foundation auf. So etwas verzeihen die antisemitischen Deutschen nicht.
Deutschland trauert um Robin Williams, im Jahr 2014.

21.09.2014 - 17:40

Die Wahlbeteiligung bei den jüngsten Landtagswahlen: Sachsen 49,2%. Thüringen 52,7%. Brandenburg 47,9%. Man fragt sich, ob so etwas noch Gültigkeit haben sollte – bei jedem Bürgerbegehren muß es ein Mindestquorum von abgegebenen Stimmen geben, warum gilt das nicht bei Landtagswahlen? Sagen wir fünfzig Prozent? Wenn nicht einmal die Hälfte der Wahlberechtigten nicht mehr bereit ist, überhaupt ihre Stimme abzugeben, dann stimmt doch wohl etwas nicht mit der Narration von der Demokratie.
Der Bundeswahlleiter stellte sich nun hinter den Vorschlag der SPD-Generalsekretärin, Wahlen sollten an mehreren Tagen der Woche stattfinden, und Wahllokale sollten auch in Einkaufszentren eingerichtet werden. Soll es dann für diejenigen, die dann wählen gehen, auch Rabattmarken an der Supermarktkasse geben?
Niedlich, wie hier die WählerInnen wieder einmal nicht ernst genommen werden – als ob man den WählerInnen nur Bonuspunkte im Supermarkt versprechen müsse...
Vielleicht würde ein besseres politisches Programm helfen? Die Leute sind es in der Postdemokratie einfach leid, nur zwischen sich angleichenden politischen Programmen auswählen zu müssen, also eben keine Wahl zu haben, und sie sind es leid, immer nur das kleinere Übel oder eine Protestpartei wählen zu sollen. Und von den Marginalisierten, für die man ständig verschärfte Hartz-IV-Gesetze als moderne Arbeitshäuser errichtet hat, kann man nicht ernsthaft erwarten, daß sie bereitwillig wählen gehen, um sich erneut denen zu unterwerfen, die für die neoliberalen Gesetze zuständig sind.
Aber wie wäre es denn, wenn man begönne, die Nichtwähler als politisch handelnde Subjekte ernst zu nehmen? Wenn man also die Sitze in den Parlamenten im Verhältnis zu den nicht abgegebenen Stimmen unbesetzt ließe und damit dokumentierte, daß das Wahlvolk mit den Politikern nicht einverstanden ist? Klar, in Sachsen oder Thüringen würde die SPD dann hart an der 5%-Klausel entlangschrammen, und die so stolze Wahlsiegerin CDU käme in Thüringen auch nur auf etwa 17 und selbst in Sachsen nicht einmal mehr auf 20 Prozent. Das ist nämlich die eigentliche Realität – diejenigen, die da so tun, als ob sie 39% oder 28% oder 12% der Wählerstimmen erhalten hätten, haben zwar aufgrund des derzeitigen Wahlgesetzes einen entsprechenden Anteil der Sitze in den Parlamenten, aber eben in Sachsen oder Thüringen nicht einmal die Hälfte der entsprechenden Wählerstimmen – alles andere ist eine Mogelpackung.

21.09.2014 - 17:39

Gibt man auf Amazon „Die Entdeckung Deutschlands“ ein, nicht nur, um das bei Verbrecher erscheinende neue Buch von Britta Lange über einen Propagandafilm aus dem Ersten Weltkrieg, der zugleich einer der ersten deutschen Science-Fiction-Filme ist, zu suchen (denn das Buch kauft man natürlich im Buchhandel...), sondern vor allem um den nämlichen Film von 1916 „Die Entdeckung Deutschlands durch die Marsbewohner“ zu finden, bekommt man weder das eine noch den anderen angezeigt, wohl aber, auf Platz 2 von 1.112 Ergebnissen, „The Vampire Diaries – Staffel 4“, und ebenfalls auf der Topseite der Suchergebnisse noch „Dexter – Staffel 2“, und einen „Riesling, Rheinhessen, trocken, von 2010, das 6er Pack zu EUR 43,95“.
Alles klar, was die Entdeckung Deutschlands angeht, oder? Eben alles ein Pack – aber was für eins! Manchmal auch ein 6er Pack...
(wenn man den Link in der entsprechenden Rundmail des Verbrecher-Verlages anklickt, gelangt man allerdings ebenfalls nicht zu dem beworbenen Buch, sondern, Stand 5.9. 12:09 Uhr, zu einem Roman über einen Vater-Sohn-Konflikt, mit einem „SED-Funktionär, der nach mehreren Schlaganfällen sein Sprachvermögen verloren hat“. Es ist eben ein Kreuz, wenn Deutsche über Propaganda informieren wollen...)

31.08.2014 - 16:29

Noch nie wurden in den USA pro Woche so wenig Alben verkauft wie Ende August – in der vorletzten Augustwoche wurden nur noch 3,97 Alben verkauft, ein historischer Tiefstand. Und dabei sind die Downloads bereits eingerechnet. Mit nur 90.000 verkauften Alben konnte man Platz 1 der US-Charts erobern. It’s called STREAMING, baby!
Interessant wäre es natürlich, wieviele Alben in Deutschland pro Woche verkauft werden. Die deutsche Musikindustrie hüllt sich bekanntlich in omertahaftes Schweigen und gibt keinerlei Zahlen bekannt – obwohl (oder gerade weil) es doch längst die Spatzen von den Dächern pfeifen: Wenn alle AbonnentInnen dieses Rundbriefes in der gleichen Woche das gleiche Album kaufen würden, wäre diesem Album ein Einstieg mindestens in die TOP 15 der deutschen Album-Charts sicher...

Hinzufügung 21.9.2014:
Und dazu paßt die Nachricht, daß Apple das neue U2-Album verschenkt, als kostenlosen Download in seinem iTunes-Store – klar, gekauft hätte das Teil eben auch praktisch niemand... Im Gegenteil, im Netz wird hauptsächlich die Frage diskutiert, wie man die ungeliebten und unerwünschten Tracks der Combo des irischen Steuerflüchtlings, den Bono-Spam also wieder loswird. “Even if you don't download the album, it's sitting there in your purchases, pissing you off.“ (Bob Lefsetz)
Mit ausgesprochen gewählten Worten kritisierte übrigens der US-Rapper Tyler the Creator, regelmäßiger Gast auf den Playlists dieses Hauses, die verzweifelte Apple-U2-Marketingkampagne auf Twitter, nämlich, parental advisor – explicite content! bitte erschrecken Sie nicht!, so: „Fuck you Bono you old fuck I don’t want you on my phone nigga bitch stupid glasses fuck Bono!“ Besser hätte ich das jetzt auch nicht ausdrücken können.
All dies hinderte Teile des deutschen Popfeuilletons allerdings nicht, den Werbegag des kalifornischen Unternehmens so zu rezensieren, als ob eine neue Mozart-Sinfonie entdeckt worden sei – embedded journalism eben, „wir wollen Teil einer Kulturindustrie und ihres Vermarktungsprozesses sein“, unbedingt und allzeit bereit.

31.08.2014 - 16:27

Ein deutsches Gericht hat gesprochen, und was konnte man anderes erwarten, als daß, hugh!, eine Nutzer-feindliche, die digitale Realität des 21. Jahrhunderts außer Acht lassende Entscheidung herauskommen würde:
Anbieter von E-Books und Hörbuch-Downloads dürfen den Weiterverkauf ihrer Dateien untersagen – damit ist höchstrichterlich entschieden, daß für Deutschland und für diese digitalen Inhalte das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zum Handel mit gebrauchter Software nicht gilt, sondern die Richtlinie zum Urheberrecht der Europäischen Union.
Für die Käufer von E-Books bedeutet dies:

  1. Sie dürfen hierzulande weiterhin drastisch überteuerte Preise für E-Books bezahlen (wozu nicht zuletzt der erhöhte Mehrwertsteuersatz von 19% für E-Books im Gegensatz zu 7% für gedruckte Bücher beiträgt – förderungswürdiges „Kulturgut“ ist für die deutsche Politik eben nicht der Inhalt eines Buches, sondern einzig seine Drucklegung...).
  2. Sie sind weiterhin den kleingedruckten Geschäftsbedingungen der E-Book-Händler unterworfen, die in der Regel wie z.B. Amazon festlegen, daß die Käufer ihre E-Books nur ausleihen, nicht kaufen, weswegen die Händler die E-Books auch löschen, wenn die Geschäftsbeziehungen mit den Online-Händlern beendet werden...
  3. Die Daten, die die LeserInnen von E-Books beim Lesen ihrer Bücher anhäufen, werden weiterhin von den E-Book-Konzernen unter kompletter Mißachtung des Datenschutzes ausgelesen und weiter verwertet, ohne daß die LeserInnen an irgendeiner Stelle widersprechen könnten.
  4. Aber weiterverkaufen dürfen E-Book-LeserInnen ihre E-Books nicht, wenn die E-Book-Konzerne das nicht wollen. Verbraucherschutz wird nicht nur kleingeschrieben, er ist an dieser Stelle schlicht nicht vorhanden. Da kann die Bundesregierung noch so sehr von einer digitalen Agenda plappern, an solchen Tatsachen zeigt sich, daß dieses Land, was die digitale Realität angeht, immer noch in der Steinzeit lebt.

Der Lobbyistenverband der deutschen Verlage und des Buchhandels, der „Börsenverein des Deutschen Buchhandels“, begrüßte diese Entscheidung als „wichtiges und positives Signal“, und schob die eigenwillige Begründung hinterher, schließlich würde der „Primärmarkt zusammenbrechen“, wenn sich ein „Gebrauchtmarkt“ für E-Books und Hörbücher etablieren würde. Ganz so, wie ja bisher schon der Primärmarkt des Buchhandels zusammengebrochen ist, seitdem die im guten alten Gutenberg-Stil gedruckten Bücher in Antiquariaten gehandelt werden, wie wir alle wissen.

22.08.2014 - 21:25

Daß der Sakropop-Schnulzensänger Xavier Naidoo nicht alle am Christbaum hat, wissen Sie als aufmerksame LeserInnen dieses Blogs natürlich schon lange. Jetzt tritt der hierzulande als „Soulsänger“ durchgehende Xavier Naidoo auf Demos der Neuen Rechten auf, wie Georg Diez auf „SPON“ berichtet:

„Xavier Naidoo ist ein Erweckungs-Säusler mit einem gläubig-treuen Millionenpublikum; er ist auch, wie sich jetzt herausgestellt hat, ein politischer Irrläufer, der für neue rechte Überzeugungen steht.
Hinter all dem Schmuse-Schmarrn, der seine Musik schon immer schwer erträglich gemacht hat, hinter all dem Gottes-Gewimmer, das in atheistischen Zeiten schon als Glauben durchgeht, hinter all dem Ich-singe-wie-Deutsche-sich-Soul-vorstellen-Klimbim steckt ein Mensch, der sich aus seinen Ressentiments eine Weltanschauung gezimmert hat. Bei dieser werden Verschwörungstheorien, Demokratiefeindlichkeit, Nationalismus, Antiamerikanismus, Antikapitalismus und Friedensgeraune zu einer dunklen Suppe verrührt, wie sie auf den neurechts-gekaperten Montagsdemonstrationen seit Monaten serviert wird.“

Musik zur Zeit also.

22.08.2014 - 21:23

„Frei ist das Netz schon lang nicht mehr“, kritisiert Sandro Gaycken in der „Süddeutschen Zeitung“ sehr zurecht die sogenannte Digitale Agenda der Bundesregierung. Im Netz ist sein Artikel allerdings, frei ist das Netz noch lange nicht, am Erscheinungstag bei Süddeutsche.de nicht zu finden...

30.07.2014 - 20:49

Bleibt das Sommerloch. Mit den üblichen schönen, kleinen Nichtigkeiten. Ein Musiker namens Adam Levine hat zum Beispiel ein „namibisches Unterwäschemodell“ geehelicht. Finden Sie das auch so einen schönen Begriff? Namibisches Unterwäschemodell. Was für ein Berufsziel!

Deutschlands bekanntester Abmahnanwalt Thomas Urmann, dessen Kanzlei „Urmann und Collegen“ letztes Jahr Schlagzeilen machte mit Massenabmahnungen wegen angeblich rechtswidriger Nutzung des Streaminganbieters RedTube zulasten von Urmanns Mandanten, die „mal in einem Schweizer Briefkasten und mal in Afrika wohnten“ (Markus Kompa auf „Telepolis“), dieser Abmahnanwalt muß sich derzeit vor Augsburger Gerichten selbst wegen Insolvenzverschleppung, Untreue und Betrug in Zusammenhang mit einer Gundelfinger Wurstfabrik verantworten. Sind halt alles topseriöse Leute, die einen wie die anderen, und ein unbedingt und jederzeit topseriöses Geschäft, die ganze Abmahnerei.

Ebenfalls topseriös ist auf alle Fälle Boris Becker, ob er nun gerade auf einem Buddha sitzt oder sonstwo daneben. Was ich mich allerdings frage – es gibt Menschen, die sich im Internet Fotos anschauen, die Boris Becker dort einstellt? Im Ernst?!?

Unterdessen erzählt Lana Del Rey den Medien, sie habe versucht, sich im Pop-Geschäft nach oben zu schlafen – laut „SPON“ hat sie in einem Interview berichtet, sie habe schon „mit vielen Männern aus dem Musikbusiness geschlafen“, allein, die hätten ihr aber „nicht bei der Karriere geholfen“, was das Popsternchen als „nervig“ bezeichnet. Tschah, was soll ich sagen: es ist eben nichts mehr, wie es nie war. Die einen Musiker barmen heutzutage, daß sie von Streamingdiensten zu wenig Geld bekommen und deshalb weniger verdienen als ihre Zahnärzte. Die anderen Musikerinnen wollen unser Mitleid, weil es nicht geholfen hat, mit „vielen Männern aus dem Musikbusiness geschlafen“ zu haben. Was für eine Welt.

Letzten Endes am besten gefallen hat mir allerdings die Schlagzeile auf der Titelseite des kurz „Österreich“ genannten Umsonst-Blättchens unseres Nachbarlandes: „Wurst attackiert Gabalier“ (denn: „Er trifft keinen Ton richtig.“) heißt es da. Und wenn es nicht so völlig Wurst und sommerlochig wäre, würde ich feststellen, daß man das kaum besser, schöner & wahrer sagen kann: „Wurst attackiert Gabalier“! Man stelle sich vor. Herrlich.

Wurst und Galabier 2014

30.07.2014 - 20:41

„Ich stehe nun mal für Soul, die großartigste Musik überhaupt, und wissen Sie, warum? Weil sie dich mit deiner Seele verbindet. Es ist eine Sache, eine gute Show abzuliefern. Da siehst du akrobatische Tänzer, grelle Kostüme, Menschen, die in den Himmel fliegen – aber das ist nicht Musik, das ist Entertainment. Ich aber singe über eine innere Wirklichkeit. Über die Hölle am Tag und die Hölle in der Nacht, dann, wenn alles still wird und du nicht mehr davonlaufen kannst. Ich singe das nicht nur für mich. Sondern für alle Menschen, die um ihr Überleben kämpfen.“
Bobby Womack, R.I.P.!

30.07.2014 - 20:39

Wieder ein schöner Spielort für Jazz und Weltmusik weniger in Deutschland: Der Frankfurter Kulturdezernent hat den Etatposten für „Summer in the City“ (unter diesem Titel wurden die beiden Reihen jahrzehntelang betrieben) aus dem Haushaltsplan der Stadt gestrichen. Daraufhin hat der Mousonturm, der in den letzten Jahren diese Reihen veranstaltet hat, die Konsequenzen gezogen.
Besonders tragisch: es fehlten laut Veranstaltern gerade einmal 20.000 Euro. Die Fans der Musikreihen protestierten, es wurden über 5.000 Unterschriften gesammelt, leider vergebens.

Mal jenseits dessen, daß die Ignoranz der kommunalen Kulturpolitik gegenüber Jazz und Weltmusik für Frankfurt ausgesprochen peinlich ist – aber daß die Mousonturm-Betreiber die renommierten und beim Publikum zum Teil extrem erfolgreichen Reihen in einem der schönsten Spielorte Deutschlands sang- und klanglos streichen, ist auch etwas merkwürdig, um es mal vorsichtig zu formulieren. Es fällt schwer zu glauben, daß es an den fehlenden 20.000 Euro Zuschuß gelegen hat – das ist für subventionierte Kulturveranstalter eher eine vernachlässigenswerte Summe. Und so fällt auf, daß der Mousonturm-Intendant gerade froh zu sein scheint, endlich Jazz und Weltmusik los zu sein – in der „FAZ“ wurde Intendant Matthias Pees jedenfalls zitiert, daß die „stilistische Erweiterung“ von „Summer in the City“ jetzt das reflektiere, „was im Lauf des Jahres im Mousonturm stattfindet“. Nur war die Idee von „Summer in the City“ ja gerade, daß dort im Palmengarten etwas Besonderes stattfindet, etwas, das die Frankfurter Kulturlandschaft bereichert. Die Open Air-Konzerte, die diesen Sommer im Palmengarten stattfinden, bieten, unabhängig von ihrer Qualität, bloß die üblichen Verdächtigen des Pop-Zirkus, wie sie landauf landab allüberall spielen, und die, anders als Jazz und Weltmusik, eigentlich nicht auf die Subventionen der Repräsentationskultur angewiesen sind (wenn man mal von Rocko Schamoni und Blixa Bargeld absieht...).

Der Palmengarten Frankfurt ist jetzt lediglich noch eine weitere Abspielstation für Popmusik mit ihren immer berechenbaren Strukturen und jederzeit eingelösten Erwartungen.
Ein hessisches Trauerspiel.

13.07.2014 - 18:59

Der unverbesserliche Rassist Morrisey, der gern gegen Einwanderung generell und gegen Schwarze speziell wettert und Chinesen als eine „Unterart“ („subspecies“), also als Untermenschen bezeichnet, hat ein neues Album aufgenommen. Das zwar, wenn ich die großen Artikel allüberall richtig quergelesen habe, fürchterlich langweilig sein muß, das aber eben vom Popjournalismus ausführlichst rezensiert werden mußte.
Es geht darin unter anderem um den „kleinen Mann“, der mundtot gemacht wird – eine typische Narration der Neuen europäischen Rechten. Die Lyrics sind ein rechter Schmarrn: „Brazil and Bahrein / Oh Egypt, Ukraine / So many people in pain.“ „Was würde man wohl zu solcher Lyrik sagen, wenn sie nicht mit dem Nimbus des großen Morrisey versehen wäre? Das wäre das wohl einfach Reimkäse“, schreibt Jan Wiele in der „FAZ“. Nur – es ist eben Reimkäse, um es freundlich zu formulieren. Ein rechter Scheiß eben.
Das ist Thilo Sarrazin, wenn der Popmusik machen würde. Einfach ekelhaft und verabscheuenswürdig.

Warum aber sagt das keiner?

Wir haben uns daran gewöhnt. Die „Böhsen Onkelz“ spielen vor 200.000 gleichgesinnten in Hockenheim („Die Banalität der Böhsen“, SPON), und ich erinnere mich, wie mir vor zig Jahren der damalige Chef der damaligen „Virgin“-Plattenfirma zu erklären versuchte, daß das eine ganz normale, tolle Rockband sei.
Wir haben uns daran gewöhnt, und manchmal wird sogar so getan, als ob das alles lustig sei und keine neue reaktionäre Pop-Anmaßung. Heino etwa, der „blonde Barde“, der „mit schnarrender Stimme ‚Schwarzbraun ist die Haselnuß’ von sich gab, erinnerte an die faschistischen Urgründe dieser Wirtschaftswunderzeit. Das war nicht bloß Koketterie; Heino gab sehr gern Konzerte für ein erlesenes Publikum im Apartheidregime Südafrika, dem er zur großen Begeisterung alle drei Strophen des Deutschlandlieds zum besten gab“ (Georg Seeßlen), also auch die verbotene Strophe „Deutschland, Deutschland über alles“, die die Nazis so gerne sangen. Heute darf man nicht sagen, daß Heino ein Nazi sei, das kostet 20.000 Euro – soviel Schmerzensgeld mußte Jan Delay dem Schlagerstar dafür bezahlen. Denn heutzutage singt Heino die Lieder von Schlagerrockbands wie der Ärzte oder der Toten Hosen, und ein großer Teil der Popkritik findet das, anything goes, ausgesprochen drollig.
Zwar sagte Hosen-Frontmann Andreas Frege im SWR, daß Heino „30 Jahre lang das Aushängeschild der deutschen Hässlichkeit war", andrerseits und andersherum haben die Toten Hosen Freddy Quinns reaktionäres 60er Jahre-Gammler-Lied „Wir“ gecovert („Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden? Wir! Wer sorgt sich um den Frieden auf Erden? Wir! Ihr lungert herum in Parks und Gassen, wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen? Wir!“ usw. usf.) und sich damit des gleichen post-postmodernen Kniffs bedient, den Heino jetzt für sein Comeback nutzt, eben eine dreiste Umkehrung.
Aber mit Songs von „Tagen wie diesen“ drängt eben auch der Schlagerrock der Hosen längst und mit aller Macht in die sogenannte Mitte der Gesellschaft. Dort, wo auch Andreas Bourani („Ein Hoch auf uns!“, die Fußballmusik des deutschen Staatsfernsehens, „Hier geht jeder für jeden durchs Feuer“, „Wir schwörn uns ewige Treue“...), Thilo Sarrazin, die Onkelz und eben Morrisey zuhause sind.

13.07.2014 - 18:55

Weiter unten in diesem Blog habe ich Ihnen von den Konzerten von Tortoise und der Sterne im Beijinger Musikclub Yu Gong Yi Shan erzählt, und davon, daß der Eintritt zum Konzert der letzteren umsonst war. Jetzt hat Frank Spilker von den „Sternen“ versucht, seine chinesischen Tournee-Erlebnisse in einem Text für die „taz“ festzuhalten – „Der ‚Universal Tellerwäscher’ live aus China.“
Darin schreibt er über das Beijing-Konzert seiner Band: „Ein ausverkauftes Haus...“ Eine schöne Legende, nur leider eben unwahr. Denn „verkauft“ wurde ja eben gar nichts, das Goethe-Institut hat aus deutschen Steuergeldern alles bezahlt, und kein Chinese mußte auch nur einen Yuan für den Auftritt der Sterne in Beijing bezahlen. Und wo nichts verkauft wird, kann, solange Logik noch
einen Sinn macht, auch nichts „ausverkauft“ sein.

Sterne in China


Und die Lehre aus dieser Geschichte? Um es mit Kanye West zu sagen: Bitte glauben Sie Popmusikern nichts, aber auch wirklich gar nichts!

13.07.2014 - 13:24

Nur damit ich das verstehe: „Polizei droht mit Einsatzende“, titelte die „Berliner Zeitung“, als der Berliner Polizeipräsident der Bezirksbürgerneisterin von Berlin-Kreuzberg drohte, den Einsatz der Polizei zu beenden.
Habe ich etwas verpaßt? Wurde das Grundgesetz geändert, ohne daß darüber berichtet worden sei? Denn laut Gesetz ist die Polizei dazu da, die Aufgaben, die ihnen von den jeweiligen Regierungen auf Bundes-, Landes- oder kommunaler Ebene übertragen und aufgetragen werden, bestmöglich umzusetzen. Davon, daß die Polizei nicht ein ausführendes, sondern ein über die Politik regierendes Organ sei, ist im Grundgesetz nichts zu lesen.
Das letzte Mal, daß die Polizei ein derartiges Eigenleben führte, war während des Nationalsozialismus.
Der Berliner Polizeipräsident, der sich über die Grundprinzipien einer Demokratie hinwegsetzt, sollte entlassen werden.

13.07.2014 - 13:22

„Was haben Al Qaida, Saddam Hussein, Isis gemein?
Daß sie alle von dem Dutzend Länder finanziert, bewaffnet und ausgebildet worden sind, die sich wahlweise ‚die freie Welt’ oder die ‚internationale Staatengemeinschaft’ nennt.“
Hermann L. Gremliza, „Konkret“

01.07.2014 - 21:39

Verräterische Sprache.
„Am Ende war es ein Sieg des Willens.“

(Joachim Löw nach dem Spiel gegen Algerien)

Nicht doch eher ein „Triumph des Willens“? Oder ein „Sieg des Glaubens“?

An gleichen Tag meint Folkert Koopmans, Geschäftsführer von FKP Scorpio, daß die Möglichkeit, daß im kommenden Jahr zwei Festivals in zeitlicher und räumlicher Nähe zum bisherigen „Rock am Ring“ stattfinden könnten, zu einem „Blutbad“ führen könne, weil sich zwei Wettbewerber „finanziell überbieten werden bei den Bands“ („SZ“).
„Blutbad“?!? Awcmon. Ich dachte, ihr Festivalmoguln zockt mit Kohle, statt mit Messer und Axt aufeinander loszugehen.
Aber der Herr meints ernst, er entlarvt, wie er denkt oder, falls er das eher nicht tut, wie er tickt:
„Und dann fallen leider auch ein paar Blutspritzer auf uns ab, weil es bestimmt ein paar Bands geben wird, die wir auch haben wollen, und die dadurch im Preis-Ranking ziemlich nach oben gehen“,
so der potentiell blutverschmierte Koopmans in der „Süddeutschen Zeitung“.

01.07.2014 - 21:37

Ach, wie herrlich entspannt all die sympathischen Patrioten sind, die da in schwarz-rot-gold rumlaufen, ob im brasilianischen Militärcamp um die Nationalmannschaft herum, beim sogenannten Public Viewing vorm Brandenburger Tor, oder all die Leute, die diese niedlichen schwarz-rot-goldenen Fahnen an ihren Autos herumfahren, gerne auch schon mal mit dem Reichsadler drauf. Und dazu hören diese sympathischen Patrioten dann sympathische Patriotenmusik. Wie etwa Stefan Raabs WM-Song „Wir kommen, um ihn zu holen“:

„Wir werden allen den Arsch versohlen,
denn wir sind wieder da.
Müller, Neuer, Schweinsteiger ziehen in die Schlacht.“

Raab ließ sein Publikum abstimmen, ob es diesen Song lieber in einer Rammstein-, einer Samba- oder einer Mainstream-Pop-Version hören wollte...

Oder Matze Knops WM-Song „Goldene Generation“:
„Wir sind die goldene Generation,
die schwarz-rot-goldene Generation.
Die Zeit ist reif, denn wir sind stark wie nie.
Let’s go Germany.“

Mercedes-Benz dagegen sponsert den WM-Song „Das dicke, dicke Ding“ von Mister Santos:
„Der Kader tanzt Lambada
und ballert jeden Gegner um.“

Und aus Brasilien erreicht uns dazu via Poldis Instagram-Account dieses Foto aus dem schwarz-rot-goldenen Baller-Camp, also mitten aus der Schlacht:
http://instagram.com/p/pHiH6RuJ4G/

01.07.2014 - 21:33

Manchmal sind die Fußballer allerdings auch einfach nur zum Lachen (oder lächerlich, und gerne auch beides zugleich):
„Ich will in meine Schulter reinhorchen“

sagte zum Beispiel Torhüter Manuel Neuer der „Berliner Zeitung“ im Interview.

29.06.2014 - 14:19

Eines sollte man sich bei allen Diskussionen um Internet und Google stets vor Augen führen: „Das Internet“ ist keine Gefahr. Es ist eine Erfindung von Menschen, oder, besser gesagt: des Militärs, und das, was daraus folgt, ist menschengemacht. Genauso wie Google kein Monster ist, sondern eben einfach ein ziemlich erfolgreicher multinationaler Konzern, der sich hauptsächlich die mangelhafte Gesetzgebung in allen Industrienationen zunutze macht, was Daten- und Verbraucherschutz und Bürgerrechte angeht. Wenn es stimmt, daß die „digitale Revolution“ die größte Umwälzung seit der industriellen Revolution darstellt, und es gibt wenig Grund, daran zu zweifeln, dann geht es jetzt darum, endlich Verkehrsregeln aufzustellen. Und zwar Verkehrsregeln, die an den Grundrechten und Interessen der BürgerInnen orientiert sind, und nicht an den wirtschaftlichen Interessen dieser oder jener Konzerne.

Es ist nicht „das Internet“, das eine Gefahr darstellt und uns ausspioniert. Es sind Geheimdienste, die uns mit ihren digitalen Technologien massenhaft ausspionieren lassen, und es sind Politiker, die dies in Auftrag geben, ob bei NSA oder BND. Und es sind Politiker, die sich seit Jahren weigern, endlich Datenschutzgesetze zu verabschieden, die den Gegebenheiten des digitalen Zeitalters gerecht werden. Ohne Datenschutz gibt es keine Meinungsfreiheit. It’s that simple. Peter Schaar, ehemals Bundesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit, beschreibt in seinem aktuellen Buch „Überwachung total“, wie Geheimdienste seit den Terroranschlägen von 2001 das Internet umfassend unterwandert haben; „entstanden ist ein ‚überwachungs-industrieller Komplex’. Weltweit wird alles durchgerastert, was das digitale Netz hergibt. Im Visier stehen nicht nur Terroristen oder Kriminelle, sondern wir alle. Die Datenfischer suchen nach persönliche Informationen, Staats-, Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen - je mehr desto besser.“
Denken Sie daran, wenn wieder einmal ein Unternehmenschef eines deutschen Medienkonzerns barmt, daß Google seinem Konzern das Geschäft vermiese, und wenn die Feuilletons entsprechend Angst verbreiten. Wie immer haben wir es in der Hand, wie die digitale Zukunft aussieht. Man kann es machen wie die Kanzlerin und so tun, als ob einen die NSA nichts anginge; man kann es machen wie der Deutsche Bundestag, der sein Internet ausgerechnet vom US-Konzern Verizon bezieht, „der von der NSA bezahlt wird, um Daten an sie auszuleiten“ (Andre Meister auf „Netzpolitik“).

„Viele Medienhäuser klagen heute über die Datenkrake Google, allerdings nicht in emanzipatorischer Absicht, sondern mit dem Vorsatz, selbst in den Besitz der Kundendaten zu gelangen. Dabei bleibt die Ausbeutung der Datenminen auch dann eine Ausbeutung, wenn Döpfner und andere die Schaufel führen. Die Kundendaten gehören dem Kunden, Persönlichkeitsschutz und Eigentumsbegriff des Grundgesetzes gebieten die Rückübertragung der Souveränität.“ („Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart in der „FAZ)
Wir haben uns angewöhnt, einen öffentlichen Diskurs zu akzeptieren, der von den Konzernen und ihren Lobbyisten sowie von ihnen gewogenen Politikern geführt wird. Das war beim Urheberrecht bereits so, das war beim Leistungsschutzrecht so, das ist jetzt bei der Frage Datenschutz und Google so. Wir sollten endlich den Diskurs selbst übernehmen. Nur dann haben wir eine Chance, daß die Diskussion endlich von den Fragen geprägt wird, die wirklich zählen. Dann könnte der Diskurs sich endlich der Interessen der BürgerInnen, der VerbraucherInnen, der „NutzerInnen“ (und auch der Autoren) annehmen. Die Interessen der Konzerne, ob es Döpfners Springer ist oder die Indie-Klitsche ums Eck, müssen uns egal sein, sie sind reichlich artikuliert worden und werden auch in Zukunft von den bezahlten Lobbyisten ausführlich vorgetragen werden. Wir benötigen ein Rechtssystem, das das Internet endlich an seinen Nutzern und an den Urhebern, also den Autoren, ausrichtet.

29.06.2014 - 14:17

„Myth: Sales count.
They're almost as irrelevant as the old billboards on the Sunset Strip, they're a way to stroke the egos of the players involved. It's no longer whether someone buys your album, but whether they listen to it, that's the relevant metric that everybody seems to ignore as they trumpet the anemic, irrelevant SoundScan numbers.“
(Bob Lefsetz)
Nur im Ländle, in Stuttgart und Umgebung haben sie’s noch nicht kapiert und baden in Verkäufen. Freilich: in Verkäufen, die noch nicht mal Verkäufe sind.

Das deutsche Charts-Unwesen ist nicht so leicht zu kapieren. Eigentlich gibt es „Gold“, also eine von Gornys Bundesverband Musikindustrie (BVMI) verliehene „Goldene Schallplatte“, für 130.000 verkaufte Tonträger. Eigentlich.
Dieser Tage meldete „Chimperator“, die Plattenfirma des schwäbischen Muttersöhnchens mit der Pandamaske, „Melodie“, das neue Album von Cro, habe „innerhalb der ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung bereits Gold für 130.000 verkaufte Einheiten eingefahren“. Man rieb sich die Augen und fragte sich, was in den Plattenläden und Kaufhäusern losgewesen sein muß. 130.000 CDs und „Einheiten“ in nur 24 Stunden? Die ja streng genommen nicht mal 24 Stunden sind, denn natürlich gilt hierzulande der Ladenschluß.
Selfmade Records, die Plattenfirma von Kollegah, deckten die Wahrheit auf: In Wahrheit hatte Cro binnen 24 Stunden nicht 130.000, sondern lediglich 40.000 „Einheiten“ des neuen Albums verkauft, wie die GfK-Website, die über die realen Verkäufe Statistik führt, bewies. Also gar kein Gold für Cro? Alles Lüge?
Wie mans nimmt. Denn der BVMI läßt die Mogeleien zu. Er ermöglicht sie sogar erst. Denn laut dessen Regelwerk werden die „Auslieferungen an die jeweiligen Händler“ gezählt, sogenannte „Shippings“, nicht aber die tatsächlich verkauften Tonträger. Der „Musikmarkt“ erklärt: „Es bleibt dem Label überlassen, ob es mit der Edelmetallmeldung wartet, bis auch der Verkauf über das Handelspanel der GfK Entertainment abgelesen werden kann, oder das Edelmetall beim BVMI bereits nach Auslieferung beantragt. Da grundsätzlich das Risiko besteht, daß ausgelieferte Einheiten doch nicht verkauft werden und der Bundesverband im schlechtesten Fall bei entsprechender Retourenmenge Edelmetall aberkennen muss, warten Labels jedoch häufig bis die entsprechende Anzahl an Verkäufen stattgefunden hat.“
Chimperator hat jedoch nicht abgewartet, bis die für „Gold“ nötigen 130.000 Tonträger tatsächlich verkauft wurden, sondern hat nach deren Auslieferung an den Handel bereits die „Gold“-Meldung herausposaunt. Um gute Presse zu bekommen. Liest sich doch auch cool: 130.000 Menschen sollen also binnen 24 Stunden das neue Cro-„Werk“ gekauft haben. Toll! Nur eben leider nicht die Wahrheit. Nur die Wahrheit der deutschen Musikindustrie – wenn man wie Chimperator und Dieter Gorny rechnet, sind 40.000 eben 130.000 und 2 mal 2 ergibt 5.

Allerdings: sowas kann einer Plattenfirma auch schon mal auf die Füße fallen. WEA hatte 2002 gar „Platin“ für das neue Album ihres Künstlers Marius Müller-Westernhagen gemeldet, wozu seinerzeit 300.000 verkaufte Tonträger nötig waren. Die allerdings nicht binnen Jahresfrist verkauft worden waren. Die Verleihung der „Platin-Schallplatte“ durch WEA war also nur ein Werbegag, um die Presse von Westernhagens Konkurrenten Herbert Grönemeyer abzulenken. WEA-Marketingleiter Hans-Otto Villwock ließ seinerzeit verlauten: „Die Platin-Verleihung wurde angesetzt, um in den Medien Aufmerksamkeit zu erlangen."

Und die Lehre aus dieser Geschichte? Um es mit Kanye West zu sagen: Bitte glauben Sie Plattenfirmen nichts, aber auch wirklich gar nichts!

29.06.2014 - 14:13

„Ich finde einen Cro mit seiner privilegierten Positionslosigkeit, der mit einem Lied über Verantwortungslosigkeit bekannt wurde, während das Privatfernsehen entlang von Teenagerschwangershaften auf das Präkariat spuckt, mindestens genauso abstoßend wie einen Kollegah, der ein größenwahnsinniger neoliberaler Kapitalist ist und aus jeder Scheiße Geld macht ohne auch nur ansatzweise bezüglich seiner Diskursrevelanz einsichtig  zu scheint.“
Sookee im Interview mit „Freitag“

29.06.2014 - 14:11

„Früher gab es dieses Glück, immer wieder: Freiräume entdecken zu können und sich in ihnen aufhalten zu dürfen. Musik.
Es ist grauenhaft, daß diese Freiräume mittlerweile von den Akademikern besetzt worden sind. Sie handeln Popkultur ab, als wäre sie ein zu sezierendes, totes Stück Fleisch. Man kennt ihn doch, diesen typischen Doktorandenarsch in schlechtsitzender Jeans, der in irgendwelchen Fakultäten hockt und dämliche Bücher beim Schlaumeierverlag rausbringt.“

Reverend Dabeler

20.06.2014 - 11:08

Seit 1995 ist die Fête de la Musique in Berlin eines der schönsten Feste, die man kostenlos unter freiem Himmel erleben kann. Bekannte (dieses Jahr u.a. Element of Crime oder Caribou) und unbekannte Bands, Straßenmusiker, Kinderchöre oder Nachwuchsbands treten auf zahlreichen Bühnen in der ganzen Stadt ohne Gage auf. Die Fête de la Musique ist eine Idee der 80er Jahre, als in Frankreich der legendäre Kulturminister Jack Lang verschiedene Möglichkeiten auslotete, die Popkultur in der Gesellschaft zu verankern und den MusikerInnen Auftrittsmöglichkeiten, aber auch bessere soziale Bedingungen zu verschaffen. Es ging und geht auch um das Bespielen, die „Eroberung“ öffentlicher Orte – in einer Zeit, in der praktisch jedes Konzert zu einem kommerziellen „Event“ hochgeblasen wird, für das viel Geld zu bezahlen ist, ein umso wertvollerer Gedanke; zuletzt nahmen über 120.000 Besucher an der Berliner Fête de la Musique teil.
Es könnte alles so schön sein – wenn, ja, wenn es nicht die GEMA gäbe, diese undemokratische Vereinigung zur Bereicherung einiger Weniger und zur Verhinderung von Musik. Denn die einzige Institution, die seit jeher bei der Fête de la Musique eifrig zur Kasse bittet, ist die GEMA. Und dieses Jahr hat die GEMA die Tarife für die vom Land Berlin unterstützte, nicht-kommerzielle Veranstaltung um sage und schreibe 60% erhöht. Irgendwie müssen halt die astronomischen Gehälter der GEMA-Vorstände finanziert werden – GEMA-Chef Hecker z.B. verdient knapp eine halbe Million Euro jährlich. Und wenn man dadurch die Zukunft der Fête de la Musique gefährdet? In Potsdam beispielsweise mußte die Fête dieses Jahr bereits abgesagt werden, die höheren GEMA-Gebühren konnten die Veranstalter nicht mehr bezahlen. Aber so etwas ist dem Verein zur Verhinderung von Musik namens GEMA naturgemäß völlig egal. Alle Versuche einer Sonderregelung wurden abgelehnt – während in Frankreich die dortige Verwertungsgesellschaft Sacem der Fête die Gebühren erlassen hat, weil die Veranstaltung dem kulturellen Austausch, der Bildung und der Nachwuchsförderung dient, sitzt die GEMA wie üblich auf ihrem hohen Roß. Ekelhaft. Die GEMA-Funktionäre tun wirklich alles dafür, sich die BürgerInnen zum Feind zu machen. Besonders pikant: nur etwa 10 Prozent der an der Fête teilnehmenden Künstler spielen überhaupt Gema-pflichtige Musiktitel...
(Infos auch aus Anne Lena Möskens Artikel in der „Berliner Zeitung“ vom 20.6.2014)

18.06.2014 - 16:44

Im Januar diesen Jahres erschien im Feuilleton der „Stuttgarter Zeitung“ ein großes Interview, das Jan Georg Plavec mit mir führte und das in Stuttgart ein wenig Furore machte, wie die Zeitung selbst sagt. Unter anderem befragte der Redakteur mich natürlich, soviel Lokalpatriotismus darf ja auch gerne sein, ausführlich zu meiner in meinem Buch „Das Geschäft mit der Musik“ und in meinen Live-Auftritten geäußerten Kritik am Pandarapper Cro als Werbeträger für praktisch alles, was dafür Geld bezahlt.
http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.berthold-seliger-im-interview-das-reiche-stuttgart-muss-sich-mehr-leisten.4d26d979-9753-4d3a-898f-c7ecab0b0c9d.html

Nun hat Plavec ein großes Interview mit Cro geführt, und ihn auch auf seine Werbedeals angesprochen. Diese Interviewpassage ist so schön, daß ich Sie Ihnen nicht vorenthalten möchte:

Jetzt zu ein bisschen Kritik. Der Konzertveranstalter Berthold Seliger hat vergangenes Jahr ein Buch über die Probleme der Musikindustrie geschrieben. Im Interview hat er mir unter anderem gesagt: Wenn vor zehn Jahren einer für H&M, McDonald’s und Axe Werbung gemacht hätte, wäre der unten durch gewesen und künstlerisch nicht mehr glaubwürdig. Er hat dich gemeint.
Es gibt zwei Typen von Menschen. Die einen sagen: Na gut, dann hängt er halt auf nem Plakat in der Stadt. Die anderen sagen: „Sellout! Du verrätst du Kultur!“ Ich zähle zur ersten Gruppe. Bei H&M dachte ich: Geil, ich bin Modedesigner und habe die Chance, mit denen eine Modekollektion zu machen. Was geht, ist doch super.

Was ist mit McDonald’s?

Schmeckt irre gut und war ein witziges Konzept.

Axe?

Die Axe-Kampagne wirbt natürlich für ein Produkt, aber eben auch für Frieden.

Dein Album wird mit dem „Red Bull Tag am See“ präsentiert. Berthold Seliger wird bei der Vorstellung vermutlich schlecht, dass ein Energy-Drink einer Album-Releaseparty den Namen leiht.

Wir wollten schon zum ersten Album mit einem Boot über den Neckar fahren und Konzerte spielen. Leider machen einem da Behörden leicht einen Strich durch die Rechnung. Jetzt kommen unsere Kumpels von Red Bull und sagen: wenn ihr was machen wollt, wir kriegen es hin. Die haben uns den Tag am See ermöglicht. Voll geil. Es geht darum, dass wir machen, was wir machen wollen. Wie kann man dagegen sein? Klar man kann auch ein Buch schreiben, alles scheiße finden und immer nur meckern oder zu einem Interview mit einem Veranstalter, in dem einmal mein Name fällt, als Aufhänger ein Cro-Foto posten, damit mehr Leute drauf klicken. Ich finde das schräg. Man kann ja nicht gegen alles sein.

Indie-Haltung halt.

Was ist daran denn Indie? Indie ist, was wir alles abgesagt haben. Hier kommen zwei Angebote die Woche rein, für die andere alles machen würden. Indie ist zehn Jahre buckeln ohne Geld zu sehen und dann ohne Major-Label Doppelplatin holen und die Schleyer-Halle ausverkaufen.“

Toll, oder?
Allerdings bin ich noch ein wenig unschlüssig, welche Zeile des schwäbischen Panda-Muttersöhnchens ich schöner finde – daß McDonalds „irre gut schmeckt“, oder daß „man ja nicht gegen alles sein kann“...

18.06.2014 - 16:41

„Neulich hab ich irgendeinen Film mit Jürgen Vogel gesehen. Und dann denk ich automatisch: McDonald’s! Ich kann den nicht mehr ernstnehmen, ich denke nur: Big Mac! Apfeltasche!“
Jan Delay (im Interview mit „Spex“)

16.06.2014 - 21:13

„Manche Leute haben Musik in ihren Telefonen. Ich finde das nicht richtig. Ich bin der Meinung, daß Musik nicht am selben Ort aufbewahrt werden sollte, an dem Adressen und Telefonnummern gespeichert sind. Das ist falsch. Der Kontext ist total beschissen.“
Bonnie ‚Prince’ Billy (in Musikexpress 6/2014)

16.06.2014 - 21:11

 Im fußballbegeisterten China, wo die Spiele der WM um 0.00 Uhr, 3.00 Uhr und 6.00 Uhr örtlicher Zeit übertragen werden, verkaufen einige Online-Stores laut „New Culture Daily“ offizielle Atteste von Krankenhausärzten, „sick leave certificates“, für zwischen 10 und 300 Yuan, also 1,15 bis 35,60 Euro...

16.06.2014 - 21:10

„...der Fußball hat sich verändert. 1950 gab es die Fifa praktisch nicht, heute ist sie ein internationales Unternehmen. Die Armen werden ausgeschlossen. Diese Ausbeutung des Fußballs wollen die Leute nicht.“
(der brasilianische Anthropologe Roberto Damatta im Interview mit der „FAS“)

16.06.2014 - 21:09

Die GEMA gratuliert Richard Strauss zu seinem gestrigen 150. Geburtstag und feiert ihn als einen „der bedeutendsten Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts“; außerdem werde  „Richard Strauss als einer der Gründungsväter der GEMA bezeichnet“, sagt GEMA-Vorstandsvorsitzender Harald Heker laut „Musikwoche“, und entsprechend will die GEMA im September eine Festveranstaltung in der Berliner Philharmonie „begehen“, denn: Richard Strauss habe „Anfang 19093 die Genossenschaft Deutscher Tonsetzer gegründet (...) Aus dieser Organisation entstand am 1.Juli 1903 als Verwertungsgesellschaft die Anstalt für musikalisches Aufführungsrecht (AFMA), eine Vorläufergesellschaft der GEMA“, so GEMA-Chef Heker weiter.
Ein schönes Stück Geschichtsklitterung, auf mehreren Ebenen. Denn ganz so einfach, wie GEMA-Heker das darstellt, war es nicht. Es gab ja bis 1930 mehrere konkurrierende Verwertungsgesellschaften, und es war erst der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, der 1933 die Umwandlung der miteinander kooperierenden Verwertungsgesellschaften in ein staatlich sanktioniertes und kontrolliertes Musikverwertungsmonopol, die STAGMA, vornahm. Die von Goebbels und seiner NSDAP verfügte monopolistische Ausschließlichkeit der Wahrnehmung der Musikverwertungsrechte (und nicht etwa die 1903 von Richard Strauss mitgegründete Genossenschaft) sind bis heute die Rechtsgrundlage der STAGMA-Nachfolgeorganisation GEMA.
In Zeiten, wo selbst große Konzerne wie Volkswagen oder Audi von unabhängigen Historikern ihre Firmengeschichte während des Nationalsozialismus erforschen lassen, sollte es doch eigentlich der Anstand gebieten, daß die GEMA nicht zu derartigen Geschichtsklitterungen greift.
Doch die Angelegenheit ist ja noch pikanter: denn nicht nur die GEMA fußt auf den Gesetzen von Goebbels und der NSDAP, nein, der Komponist Richard Strauss war ein hochrangiger Nazi-Funktionär. Der „entschiedene Antidemokrat“ („FAZ“) wurde 1935 von den Nazis zum Präsidenten der Reichsmusikkammer ernannt. Richard Strauss war ein Komponist, der mit den Nazis intensiv paktiert hat, als „Reichsmusikdirektor“ eine wichtige Rolle im NS-Staat innehatte. Strauss profitierte auch entschieden vom NS-Regime, nicht zuletzt durch seine Gefälligkeitskompositionen für die Nazis, etwa die „Olympische Hymne“ (die von der NS-Presse als eine „glückliche Synthese zwischen Kunst und Volkstümlichkeit“ bejubelt wurde) oder Vertonungen „nationaler“ Texte von Weinheber und eine „Japanische Festmusik“, die Strauss 1941 zur 2600-Jahr-Feier des mit dem Deutschen Reich verbündeten Kaiserreichs Japan komponierte. Zu seinem 80.Geburtstag machten zwei SS-Offiziere ihre Aufwartung und brachten – im fünften Kriegsjahr! – zwei Kisten Sekt mit den besten Wünschen vom polnischen „Generalgouverneur“ Frank aus Krakau. Man kann das alles in Fred K. Priebergs vorzüglichem Buch „Musik im NS-Staat“ nachlesen, aber wahrscheinlich ist das gerade vergriffen...

Machten zu Richard Straussens 80.Geburtstag also SS-Offiziere und Nazifunktionäre dem Jubilar ihre Aufwartung, so ists zu seinem 150. die GEMA. So fügt sich eben immer eines zum anderen, und es wächst zusammen, was zusammengehört.

In einem anderen Punkt passen Richard Strauss und GEMA allerdings wirklich vorzüglich zusammen: es geht beiden um Musik, die möglichst vielen gefallen soll und möglichst großen Profit abwirft. Eleonore Büning beschreibt das in der „FAZ“: „Er hat nicht das Rad noch einmal neu erfinden oder dem Fortschritt der Menschheit dienen wollen, wie sein Antipode Schönberg und andere es vorhatten. Strauss war von dem bescheidenen Ehrgeiz beseelt, gute Musik zu schreiben, die ihm selbst gefallen sollte und möglichst vielen anderen auch. Und damit Erfolg zu haben. Und gut zu leben davon. Man muß sagen, das alles ist ihm weitgehend geglückt.“
(P.S.: Wie man im Feuilleton-Leitartikel in der „Berliner Zeitung“ einen großen Text über Richard Strauss veröffentlichen kann, ohne auch nur ein Sterbenswörtchen über seine Rolle im NS-Staat zu verlieren, ist ein Rätsel und deprimierend.)

16.06.2014 - 21:07

Und wen hatte sich die GEMA zu ihrer alljährlichen Versammlung im Mai als Festredner eingeladen? Der Philosoph Richard David Precht wars. Und der tat, was von ihm erwartet wurde, und referierte zur „Wertschätzung künstlerischen Schaffens“ und forderte, wie auf Telepolis zu lesen war, „mehr Respekt vor geistigem Eigentum und der Arbeit von Komponisten und Textdichtern“. Den Wert der künstlerischen Arbeit sieht Precht aus zwei Richtungen bedroht, nämlich zum einen durch „Raubkopieren" und illegale Vervielfältigung in der digitalen Welt und zum anderen durch eine starke Desensibilisierung innerhalb der Welt der Distributoren, also der Verlage, Labels usw., die fast ausschließlich daran interessiert seien, Umsatz zu machen. Bezeichnend dafür sei der Begriff des "Contents", der jegliche Qualität und allen Wert künstlerischer Arbeit nivelliere.
Kann man von einem Fernsehstar und Philosophen erwarten, daß er präzise denkt und formuliert? Ich würde sagen: schon. Der von Precht gewählte Begriff „Raubkopie“, Sie könnens in meinem Buch „Das Geschäft mit der Musik“ ausführlich nachlesen, macht jedenfalls juristisch und inhaltlich keinerlei Sinn, geraubt werden kann bekanntlich nur eine fremde bewegliche Sache, ansonsten ist das Wort eben ein propagandistischer Kampfbegriff. Aber wer sich als Festredner für den Richard Strauss-Fanklub GEMA hergibt, von dem kann man eben auch sonst nicht allzu viel erwarten...

16.06.2014 - 21:06

Ich habe leider die Konzerte der Sleaford Mods nicht erleben können, in China haben sie nicht gespielt – aber nach allem, was mir vertrauenswürdige Personen erzählt haben, müssen es großartige Abende gewesen sein. Wie die Sleaford Mods ja überhaupt eine tolle Band sind; Jens Balzer beschreibt es in der „Berliner Zeitung“ so:

„...die Sleaford Mods sind die tollste Band, die man in diesem Frühjahr entdecken kann; jedenfalls solange man der Ansicht ist, dass in der sogenannten populären Musik zur Zeit ansonsten zu viel gute Laune vorherrscht und zu viel Einverstandensein mit der Welt, und wenn man daraus sowie aus der Gesamtsituation der Welt die Schlussfolgerung zieht, dass jeder, der in musikalischer Form schlechte Laune zu verbreiten versteht, nur ein hochwillkommener Gast sein kann. Und die Sleaford Mods verbreiten wirklich verdammt schlechte Laune. Sie können niemanden leiden, und sie legen keinen Wert darauf, dass irgendjemand sie leiden kann. (...) Sie hassen die Politiker, die Leute wie sie zu depravierten Mini-Job-Existenzen verdammen. Sie hassen London und die bärtigen Hipster, die sich da herumtreiben („visionless cunts“); sie hassen die enthirnte Generation der Smartphone-Junkies und Social-Media-Nutzer: „All you zombies / tweet tweet tweet“.“

Die Konzerte der Band müssen „Ereignisse“ (so die Leute vom Palace in St. Gallen) gewesen sein. Doch gemach – was ist denn genau das Besondere an dieser Band? Die Musik wird es eher nicht sein – sie ist gut und hart und zornig, aber so etwas kennen wir in ähnlicher Qualität seit ein paar Jahrzehnten, nichts davon ist neu oder innovativ. Die Texte? Die sind eindeutig und wütend, aber auch das kennt man von guten (amerikanischen) Hip-Hopern oder Punkrockern seit Jahrzehnten. Was also ist es genau, was die Faszination der Sleaford Mods ausmacht, was zieht einen in die Alben und läßt die Konzerte zu Ereignissen werden? Ich glaube, wir werden hier ohne den Begriff HALTUNG nicht auskommen. In einer Zeit, in der die meisten Bands sich in einer Biedermeier-Gefälligkeit suhlen, fällt eine Band auf, wenn sie keine Kompromisse macht, wenn sie eindeutig ist, wenn sie die Verhältnisse radikal kritisiert und statt Einverstandenseins mit der Welt derselben ein wütendes, rotziges, tief empfundenes „nicht mit uns“ entgegenschleudert. Und dafür eine musikalische Sprache findet, der es an Eindeutigkeit und Wut ebenfalls nicht fehlt. Widerständige Musik, Musik, die beunruhigt, statt einzulullen, Musik, die Veränderung will und der bewußt ist, daß Veränderungen nur nach langen, zähen Kämpfen errungen werden können. Musik zum Widerstand gegen die Welt. Mehr davon!

16.06.2014 - 21:05

Der Gegenentwurf zu den Sleaford Mods ist gewissermaßen der biedere schwäbische Panda-Rapper. Man weiß ja immer nicht, an welchen Markenartikler Cro sich gerade verkauft hat, ob an McDonalds, Red Bull oder Axe. Am 14.April erreichte mich jedenfalls eine  Rundmail mit dem ungewollt doppeldeutigen Titel „Liegen bleiben für den Frieden mit Cro“:

„AXE PEACE ruft zur Teilnahme am Bed-In auf // Hip-Hop-Star Cro setzt ein Zeichen für ein friedvolles Miteinander. Kuscheln für den Weltfrieden konnte nicht nur die Hippie-Generation: Jetzt interpretiert die Unilever-Marke AXE das Bed-In als populär gewordenes Friedenssymbol neu und transportiert es in die mediale Welt der Gegenwart. Um ein starkes Zeichen für den Frieden zu setzen, ruft der Marktführer im Bereich Männerdeos gemeinsam mit Hip-Hop-Star Cro, der Social-Media-Grösse Gronkh und Sarazar (...) dazu auf, sich am AXE PEACE Bed-In am 4.Mai 2014 zu beteiligen. (...) Über AXE.ch kann  jeder mitmachen, der einfach im Bett liegen bleibt und dies mit einem Foto und #liegenbleiben in den sozialen Netzwerken dokumentiert. So bekommen die individuellen Friedensbekundungen einen virtuellen Rahmen und das Engagement für die Bed-In-Aktion wird deutlich.“

Eines muß man den ekelhaften Werbefritzen lassen – sowas hätte man sich nicht ausdenken können.... Wollen wir wetten, daß jede Menge Deppen mitgetan haben bei der ach so individuellen Friedensbekundung a la AXE? Liegenbleiben für AXE PEACE?
Und natürlich signifikant, daß sich Typen wie Cro mit ihrer Pandabären-Maske selbst das, was sie für eine politische Aktion halten, noch von Markenartiklern bezahlen lassen...
Sleaford Mods, könnt ihr all dieser dumpfen Penner bitte mal eben wegpusten mit eurer tollen, wütenden Musik? Danke!

16.06.2014 - 21:02

Der Panda-Rapper mit Bausparvertrag und „mit Maß und Ziel“ rechtfertigt sich bei „Focus“ dafür, noch bei seiner Mama zu leben: Es ist nicht so, dass ich zu Hause wohne, um im ‚Hotel Mama’ angenehm versorgt zu werden“, denn: er finanziere schließlich das Haus, kaufe seiner Mutter ein Auto, bezahle Waschmaschine und Spülmaschine...

Und auf „SPON“ ergänzt der Panda-Rapper:
„Ich bin wirklich gerne in Stuttgart. Da ist alles zentral, alle Klubs, alle Menschen sind in einer Straße, man kennt sich, es ist nicht so anonym. (...) Man muss immer manchmal abgecheckt und erwachsen sein. Verträge, Krankenversicherung, Bausparvertrag - da geht es nicht anders. Aber das macht mich nicht zum Erwachsenen. Ich fühle mich immer noch wie ein Kind. (...) Ich bin eine ganz normale, gesunde Mischung aus Macho und Frauenversteher. Wie meine Mutti immer sagt: alles mit Maß und Ziel. (...) Wenn ich den Schutzschild Maske nicht hätte, brauchte ich den Schutzschild des Arschlochseins. So bin ich aber nicht, ich bin nett. Und ich will nicht durch die Gegend laufen und mich verstecken müssen.“

16.06.2014 - 21:01

Nachtrag zu einem Beitrag unten:

Das Berliner Landgericht hat jetzt den Berliner Senat gezwungen, den Pachtvertrag für die Berliner Waldbühne öffentlich neu auszuschreiben. Eine schallende Ohrfeige für den Berliner Senat, für Klaus Wowereit (SPD) und Frank Henkel (CDU, der zuständige Innensenator) – die hohen Herren müssen sich also vom Gericht zu etwas zwingen lassen, das für Politiker in einer Demokratie eigentlich selbstverständlich sein sollte, nämlich: Transparenz!
Und wenn dann statt der publikumsfeindlichen und größenwahnsinnigen Liveindustrie-Giganten CTS Eventim und DEAG am Ende der smarte und kompetente Zusammenschluß Berliner Konzertveranstalter den Zuschlag für die Waldbühne erhält, umso besser!

16.06.2014 - 21:00

„Züge rollen, Dollars rollen, Maschinen laufen, Menschen schuften, Fabriken bauen, Maschinen bauen, Motoren bauen, Kanonen bauen. Für wen?"
(Ton Steine Scherben, 1971)

16.06.2014 - 20:59

Wer sich in einem Land wie Brasilien von der Bevölkerung und der Realität in eine von Hunderten schwer bewachter Sicherheitsleute abgeschirmten, extra gebauten Luxus-Ferienanlage abschotten läßt und selbst die 800 Meter vom Quartier zum Trainingsplatz nur unter großer, schwer bewaffneter Eskorte in Kleinbussen zurücklegt, hat es nicht verdient, Weltmeister zu werden...
So aber posed Podolski: http://instagram.com/p/pHiH6RuJ4G/

16.06.2014 - 20:55

A propos Staatspop: Im Mai hatten Tortoise ihre China-Premiere, zwei mit jeweils knapp 1.000 Zuschauern ausverkaufte und begeisternde Konzerte in Shanghai und Beijing – was für ein Fest war das zum Beispiel im schönen Yu Gong Yi Shan Club mit all den größtenteils sehr jungen Fans!
Anfang Juni traten im gleichen Club „Die Sterne“ auf – im Gegensatz zu Tortoise, deren China-Konzerte auf dem sogenannten freien Markt von einem engagierten chinesischen Tourveranstalter finanziert wurden, und die Fans hatten wie allüberall Tickets gekauft, wurde der Auftritte der „Sterne“ vom Goethe-Institut finanziert, und da man wohl Angst hatte, daß sich für die Band niemand in China interessieren könnte, war der Eintritt frei. Und die Sterne stellten einen Song namens „Universal Tellerwäscher“ (was haben wir gelacht!) für den „landesweiten LipDub-Wettbewerb zur Verfügung“, wie das Goethe-Institut stolz verlautbaren ließ.
Jetzt sagen Sie selbst, und mal abgesehen von dem doch sehr großen Qualitätsunterschied der beiden Bands – was gefällt Ihnen besser? Eine Band, die von einem Tour- und von örtlichen Konzertveranstaltern in ein Land wie China eingeladen wird, und für die viele Fans Eintritt bezahlen, weil sie die Band unbedingt sehen wollen? Oder eine auf Staatskosten von einer staatlichen Institution eingeflogene Band, die in Ermangelung von örtlichem Fan-Interesse für umme spielt, um überhaupt ein Publikum in China zu finden?

16.06.2014 - 20:53

Und nun sollte der große Künstler, der mal Prince hieß, dann nicht mehr, und jetzt wieder, in die kleine Stadt namens Berlin kommen. Genau sieben Tage vor dem geplanten Konzert im Tempodrom wurde es angekündigt. Und die Ticketpreise, die der zum CTS Eventim-Konzern gehörende Veranstalter Dirk Becker Entertainment aufrief, waren ziemlich sportlich: Man ging mit zwei Preiskategorien an den Start, Kategorie A für 332,15 EUR, Kategorie B für schlappe 297,65 EUR.
Einen Tag später kamen plötzlich günstigere Tickets in den Verkauf, Kategorie C und D kamen ins Spiel, diese Tickets sollten "nur" noch 188,20 EUR kosten. Wer am Tag vorher, weil er naturgemäß dachte, es gebe nur die zwei Kategorien A und B, für 300 Euro und mehr seine Tickets gekauft hatte, mußte sich vergackeiert vorkommen. "Warum gibt es plötzlich billigere Preiskategorien?", wollte der "Rolling Stone" vom Tourveranstalter wissen - er bekam keine Antwort. Die Fans werden eben mitunter als Melkkuh betrachtet, nicht als Menschen, die viel Geld für eine Konzertkarte ausgeben...
Doch das Ende der Geschichte ist noch nicht erreicht. Am 31.Mai, drei Tage vor dem geplanten Konzert, greift der Veranstalter zu einer Verzweiflungstat, jetzt werden die Ticketpreise erneut gesenkt, jetzt bietet man "zwei Tickets zum Preis von einem" an, das günstigste Ticket kostet jetzt 94,10 EUR, also mehr als 200 Euro weniger als noch vor ein paar Tagen, zu Beginn des Vorverkaufs.
Geholfen hat es alles nüscht, am Abend vor dem Konzert (!) fand man auf der Homepage des Veranstalters die lapidare Nachricht: "Prince. Berliner Show im Tempodrom abgesagt. Das für Dienstag, 03. Juni 2014, geplante Konzert mit Prince & 3RDEYEGIRL im Berliner Tempodrom muss aus produktionsbedingten Gründen abgesagt werden."
Aus "produktionstechnischen Gründen"?!? Klar, so heißt es immer, und man kann nur den Kopf über diese Publikumsverarsche schütteln, denn man wäre ja ein extrem schlechter Tournee- und Konzertveranstalter, wenn man nicht im Rahmen der Vertragsverhandlungen die "Produktionsbedingungen" ausführlich begutachtet und als realistisch angesehen hätte. Das ist immer Musikindustriesprech und bedeutet einfach: wir haben nicht genug Tickets verkauft. Wir haben aber nicht den Mumm, das auch zuzugeben.
In diesem Fall des zum CTS Eventim-Konzern gehörenden Konzertveranstalters ist die ganze Angelegenheit aber ein extremes Bubenstück. Irgendwie haben die Konzertkonzerne, die ihr Geschäft offenbar einzig aus Profitgründen betreiben, immer noch nichts kapiert. Extrem überteuerte Ticketpreise, mangelhafte Kommunikation, die Fans ignoriert - schlimmer gehts nimmer. Schade, daß das einen tollen Künstler wie Prince betrifft. Und dem Vernehmen nach hat CTS Eventim zwar die Ticketpreise erstattet, aber EUR 12.- "Bearbeitungsgebühr" einbehalten (siehe http://www.ticcats.de/blog). Den Fans wird eben immer das Fell über die Ohren gezogen, und selbst mit abgesagten Konzerten macht der deutsche Marktführer noch Profit...
Kurzfristig wurde übrigens bekannt, daß Prince am 4.Juni zwei Konzerte im Londoner Roundhouse angesetzt hat, die Ticketpreise betrugen weniger als ein Drittel der Berlin-Preise, zwischen 92 und 104 Euro - was ja wahrlich immer noch eine ganz schöne Stange Geld ist! Die beiden Konzerte waren binnen weniger Minuten ausverkauft...

16.06.2014 - 20:52

Natürlich läßt der Shitstorm der China-Berichterstattung in den westlichen Medien nicht nach. Besonders ekelhaft konnte man das anhand der Berichte über das Attentat islamistischer Terroristen in der Stadt Ürümqi erleben – Terroristen hatten frühmorgens zwei Geländewagen auf einem Straßenmarkt der Stadt im Nordwesten Chinas in die Menge gefahren, Sprengsätze geworfen und eines der Fahrzeuge zur Explosion gebracht; der Markt wurde zu dieser Zeit hauptsächlich von älteren Menschen besucht, 39 Menschen wurden von den Terroristen ermordet.

Soweit die traurigen Fakten.

Und wie haben die deutschen Medien reagiert? „Konflikt mit den Uiguren wird immer brutaler“ titelte „Spiegel Online“, wo eine Ulrike Putz, in Neu-Delhi stationiert, auf denselben haut: „Die harten Maßnahmen, mit denen Peking die Uiguren im Zaum zu halten versucht, haben immer wieder Racheakte ausgelöst. Im Jahr 2009 waren bei besonders schweren Ausschreitungen fast 200 Menschen getötet worden. (...) Experten fürchten einen Teufelskreis der Gewalt, wenn die Staatsmacht jetzt mit aller Macht zuschlägt. Damit ist leider zu rechnen: Erst am Mittwoch hatte ein Gericht in Xinjiang 39 Uiguren wegen Terrorismus zu Haftstrafen von bis zu 15 Jahren verurteilt“, schreibt die Dame auf „SPON“. Man muß sich das vor Augen führen – islamistische Terroristen ermorden 39 Marktbesucher, und einem deutschen „Leitmedium“ fällt nur Verständnis für „Racheakte“ ein, mit denen die armen Terroristen auf die „harten Maßnahmen“ der chinesischen Regierung zu reagieren quasi gezwungen sind. Es schlagen nicht Terroristen zu, sondern „die Staatsmacht mit aller Macht“. Ekelhaft. Man stelle sich einen derartigen terroristischen Anschlag hierzulande oder in den USA oder in anderen westlichen Staaten vor – ob man dann auch getitelt hätte, „Konflikt mit Al Qaida wird immer brutaler“?

16.06.2014 - 20:51

Eine Meldung auf „SPON“ am 31.5.2014: „Nordkorea verkauft weltweit Waffen an Tyrannen und Despoten.“ Wie Merkels und Gabriels Deutschland also.

16.06.2014 - 20:48

Da hatte man ein, zwei Jahre das Gefühl, das Feuilleton der altehrwürdigen „FAZ“ würde zu einem veritablen antikapitalistischen Diskussionsforum mutieren, und dann stellt man fest: War alles doch nicht so gemeint. Denn letzten Endes geht es nur um den Schulterschluß mit braven und biederen Sozialdemokraten. Da wird plötzlich munter Wahlkampf für einen Martin Schulz gemacht, und ein leidenschaftlicher Umfaller wie Sigmar Gabriel darf an prominenter Stelle im Feuilleton seine überflüssige und konzernfreundliche Position zu Google darstellen. Gabriel, der aus unerfindlichen Gründen „für seine Kritik am Waffenhandel mit umstrittenen Empfängerländern bekannt ist“ (so SPON), ist eben auch nur ein Radieschen – wenns ernst wird, ist „Siggy Pop“ ein Partner der Bosse. Unmittelbar nach seinem flammenden Beitrag für die Entflechtung von Google wird bekannt, daß der SPD-Wirtschaftsminister umfangreiche Rüstungsexporte in Drittländer genehmigt hat: Mehr als eine Milliarde Euro beträgt der Gesamtwert der von dem angeblichen Rüstungsexport-Kritiker Gabriel genehmigten Lieferungen an Diktaturen wie Saudi-Arabien und an Länder wie Singapur oder Algerien. Außerdem wurde bekannt, daß die Bundesregierung den Export von Kleinwaffen im Jahr 2013 um mehr als 50 Prozent gesteigert hat – auch hier erhielten vor allem arabische Diktaturen wie Saudi-Arabien die Lieferungen deutscher Waffen.
Sigmar Gabriel machte jedenfalls einen Bückling vor der „FAZ“ und ihrer Kampagne gegen Google, die ausgerechnet vom Chef des Axel Springer-Konzerns, der letztes Jahr noch die Front der Kämpfer gegen ein freies Internet und für ein nutzerfeindliches, konzernfreundliches Leistungsschutzrecht angeführt hat, eröffnet wurde.
„Aufgabe der europäischen Politik ist es, mit der Kraft einer kristallklaren Analyse, aber auch mit der Eingriffsmacht eines großen Wirtschaftsraums in der Lage zu sein, die demokratisch legitimierte Rechts- und Marktordnung des digitalen Zeitalters neu zu formulieren und dann durchzusetzen, ja durchzukämpfen, wo es sein muss."
So brüllt der Löwe Sigmar Gabriel und ist doch nur ein plüschener, zahnloser Bettvorleger des Springer-Bosses. Hat man denn von Gabriel und seiner SPD in den letzten Jahren auch nur einen brauchbaren Vorschlag zu wichtigen, in der Tat brennenden Fragen der Netzpolitik gehört? Zur Vorratsdatenspeicherung? Zum Zweiklassen-Internet? Zum Leistungsschutzrecht, zum Urheberrecht? Zum Datenschutz?
Bevor sich Gabriel mit Verve an die „Zerschlagung von Google in Europa“ macht, könnte er vielleicht mal mit der Abschaffung des Listenprivilegs anfangen, das es deutschen Zeitungen erlaubt, die Daten ihrer Kunden zu Werbezwecken zu verkaufen. Aber nichts davon – Gabriel und seine Partei gehören bekanntlich einer Regierung an, die es mit der Aufklärung von Straftaten im Netz nicht so genau nimmt und dem Bundestag sein Recht, einen Edgar Snowden zum NSA-Untersuchungsausschuß einzuladen, schlicht verweigert. Bücklinge machen unsere Sozialdemokraten seit über hundert Jahren eben immer nur vor Konzernen und deren Bossen. So sind sie, die Genossen...
Was gerade tatsächlich läuft, hinter verschlossenen Türen, beschreibt Patrick Breyer in der „Zeit“: „Die EU handelt mit der US-Regierung gerade ein ‚Rahmenabkommen’ aus, das US-Sicherheitsbehörden noch mehr Informationen über uns verschaffen dürfte: Bis zum Sommer soll ein transatlantisches ‚Datenschutz-Rahmenabkommen’ stehen, das eine ‚erleichterte Übertragung von Daten’ zur ‚Verhinderung, Aufdeckung, Ermittlung und Verfolgung von Straftaten’ möglich machen soll. Der Deal, der derzeit hinter verschlossenen Türen geschmiedet wird, lautet: Wenn die USA Zugeständnisse beim Datenschutz machen, öffnen die Europäer ihre Speicher künftig ganz freiwillig.“ Wie wäre es denn, der SPD-Europa-Spitzenkandidat Martin Schulz, der sich so vehement gegen „digitalen Totalitarismus“ wendet, würde erstmal seine Hausaufgaben machen und sich an dieser Stelle engagieren?
Man muß jedenfalls, wie Christian Meier in „Meedia“ schreibt, aufpassen, „berechtigte Interessen der Gesellschaft gegenüber den Treibern und Innovatoren der digitalen Wirtschaft von Interessen zu unterscheiden, die wiederum andere Unternehmen haben. Beispielsweise Medienunternehmen."

Nachtrag 1: Mittlerweile wurden weitere von Wirtschaftsminister Gabriel (SPD) genehmigte deutsche Rüstungsexporte in Krisengebiete und an Diktaturen bekannt. Am 4.6. meldet „SPON“, daß Gabriel den Export von Ausrüstung für Scharfschützen an den Scharia-Staat Saudi-Arabien sowie Navigationsgeräte und Ausstattung für Schnellboote nach Ägypten genehmigt hat, wo bekanntlich ein Militärputsch stattgefunden hat; die EU hat nach dem Putsch Exportbeschränkungen für Ägypten erlassen – worüber sich der SPD-Politiler schamlos hinwegsetzt. –

Nachtrag 2: Am 21.5. ist auf „SPON“ zu lesen, daß die beiden SPD-Politiker Steiner und Luuk vom Rüstungskonzern Krauss-Maffei fünf Millionen Euro Schmiergeld kassiert haben sollen. Die damaligen SPD-Bundestagsabgeordneten sollen das Schmiergeld bei einem Panzergeschäft mit Griechenland kassiert haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

16.06.2014 - 20:46

„Die Grenzenlosigkeit der Informationsverarbeitung wird es gestatten, das Individuum auf seinem gesamten Lebensweg zu begleiten, von ihm laufend Momentaufnahmen, Ganzbilder und Profile seiner Persönlichkeit zu liefern, Lebensformen und Lebensäußerungen zu registrieren, zu beobachten, zu überwachen und die so gewonnenen Daten ohne die Gnade des Vergessens ständig präsent zu halten. Die Gefahren des 'großen Bruders' sind nicht mehr bloß Literatur. Sie sind real."
BKA-Chef Horst Herold, 1980

16.05.2014 - 17:52

Aus chinesischer Perspektive ist der sogenannte Eurovisions-Wettbewerb noch weiter weg als auch schon, und Conchita ist mir sowas von Wurst. Aber wie sich in den deutschen Feuilletons jetzt plötzlich alle mit ihrer aufgesetzten Toleranz wichtig tun und den Sieg einer äußerst mediokren Trash-Künstlerin zu einem geradezu emanzipatorischen Akt hochjazzen bzw. hochschlagern, das ist schon reichlich bescheuert und läßt tief blicken, wie es um die Toleranz in diesem Land in Wirklichkeit bestellt ist. Jörg Augsburg weist in einem sehr lesenswerten Artikel im „Freitag“ jedenfalls darauf hin, daß die Drag Queen noch vor einem Jahr zum Personal der umstrittenen Reality-Show "Wild Girls - Auf High Heels durch Afrika" zählte: „Gerade ihr Travestie-Appeal diente dazu, vermeintliche schwarzafrikanische Hinterwäldler - 'Wilde' - vorzuführen. Wurst gehört zum Inventar des per se politisch und ästhetisch reaktionären Trash-TVs, bei dem man nie genau weiß, wer hier wen mehr benutzt, die Sender die Protagonisten oder die mediengeilen Protagonisten die Show."
So wird eben ein Turnschuh draus.
„Erstaunlich am diesjährigen Erfolg ist eigentlich nur, daß es sich 40 Jahre nach David Bowie, 30 nach Boy George, 15 nach Marilyn Manson und fünf nach Lady Gaga für viele immer noch irgendwie verrucht und revolutionär anzufühlen scheint, eine androgyne Kunstfigur in aller Öffentlichkeit gut zu finden“,
schreibt Jörg Augsburg. Besser hätte ich das nicht sagen können.

16.05.2014 - 17:50

In Berlin wird dieser Tage über das Flugfeld Tempelhof abgestimmt.

„In Berlin ist die totale Mobilmachung der Bilder, die Antriebskraft der Moderne überhaupt, an ihr Ziel gelangt. Die Stadt, die wie keine andere durch die Wirtschaftskrise der 1920er Jahre, die Machtübernahme der Nazis, die Zerstörungen des Weltkriegs, den Einmarsch der Kommunisten und die Zweiteilung der Stadt von politischen Kämpfen gezeichnet wurde, ist bloß noch ein imaginäres Feld, auf dem Politik nicht mal mehr symbolisch ausgefochten wird. Die Menschen der Stadt sind keine Pioniere mehr auf der Suche nach dem „neuen Menschen“, sie sind nur noch späte Kolonisten, die sich auf einem bereits eroberten Terrain niederlassen wollen, das alle Eigenheiten verloren hat, die an seine hochpolitische Geschichte geknüpft waren“, schreibt Cord Riechelmann in der „FAS“ in einer Rezension von Francesco Mascis neuem Buch „Die Ordnung herrscht in Berlin“. Die aufgeklärte, gern grün-nahe, vage alternative Mittelschicht, die das öffentliche Bewußtsein von Berlin prägt und die hinter dem Wunsch nach einer großen Leerstelle namens Tempelhof inmitten Berlins steht, propagiert ihr wattiertes Glück. Das ist sehr Nimby-mäßig („not in my backyard!“), sicher würde jedeR der Tempelhof-ProtagonistInnen in seinem alternativen Stammcafé sofort dafür argumentieren, daß mehr billiger Wohnraum gebaut werden sollte, immerhin zogen in den letzten drei Jahren 100.000 Menschen nach Berlin – nur eben bitte nicht in meiner Nachbarschaft, da, wo ich schon wohne, da, wo ich mein kleines, wattiertes Glück lebe. Da soll alles leer bleiben, da soll nichts bebaut werden, da muß alles bleiben, wie es ist. Da soll der Flughafen Tempelhof, der heute ein alternativer Sehnsuchtsort ist, wo aber auch mal eines der ersten Konzentrationslager stand und wo Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs die Maschinen zusammenbauen mußten, die ganz Europa bombardierten (davon reden die Berliner eher ungern...), eine große Leerstelle im Bewußtsein bleiben.

Der eigentliche Skandal an dem tatsächlich so genannten Volksentscheid über das Tempelhofer Feld ist jedoch, daß ein Großteil der BerlinerInnen gar nicht abstimmen darf. Denn beim Volksentscheid darf eben nur das Volk abstimmen, und das meint: das deutsche Volk. Die gerne so genannten ausländischen MitbürgerInnen gehören nicht dazu, Menschen anderer Nationalitäten, die dauerhaft in Berlin leben, sind vom Volksentscheid ausgeschlossen. Das Tempelhofer Feld wird von den Bezirken Kreuzberg, Neukölln und Schöneberg umschlossen, Bezirke, in denen besonders viele Menschen türkischer Herkunft leben. „Doch von den knapp 3 Millionen Berlinern über 18 Jahren dürfen sich 487.000 Frauen und Männer nicht an dem Volksentscheid beteiligen. Weil sie keinen deutschen Paß haben.“ („Berliner Zeitung“) Etwa eine halbe Million Berlinerinnen und Berliner, die seit Jahren und Jahrzehnten in der Stadt leben, die hier Steuern und ihre Sozialabgaben zahlen, also ihre zahllosen Pflichten erledigen, werden mithin vom Recht, über die Geschicke der Stadt, in der sie leben, mitzuentscheiden, ausgeschlossen. Ein außerordentlicher Skandal.
Seit Jahrzehnten fordern vernünftige Menschen kommunales Wahl- und Mitbestimmungsrecht für ausländische BürgerInnen. Ausgerechnet das angeblich so weltoffene Berlin jedoch schließt all diejenigen, die nicht dem deutschen Volk angehören, also eine halbe Million BürgerInnen, etwa ein Sechstel aller in der Stadt lebenden Wahlberechtigten, von der Demokratie aus. Wie immer der Volksentscheid ausfällt – nach demokratischen Mindeststandards legitim ist er nicht.
Manchmal kann man sich für Berlin nur schämen.

16.05.2014 - 17:49

„Jungmänner, die in ihrer Mischung aus Klumsigkeit, unfreiwilligem Drolligsein und unschöner Lautstärkebereitschaft durch die Gegend ramentern, gibt es überall; in Berlin, das zur aufregendsten Stadt Europas, wenn nicht der Welt ausgeschrien wird, weil Propaganda nur Superlative und also keine Wahrheit kennt, treten die Mützlinge in zigfacher Legionenstärke auf. Und weil ihr Bedürfnis, sich zu Klumpen zu ballen, damit nicht befriedigt ist, verabreden sie sich per Twitter oder Facebook vulgo Visagenkladde zur Zusammenlegung ihrer Legionen. Die Fanmeilisierung der Menschheit ist in vollem Gange, aber überhaupt nicht abgeschlossen. Das dicke Vermassungsgrauen steht der Welt erst noch bevor.“
aus: Wiglaf Droste, „Fressen unter Eierwärmern“, in Folio (NZZ) 3/2014

16.05.2014 - 17:47

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wird bei ihrer von vornherein zur Erfolglosigkeit verurteilten Mission „Fußball-WM“ in den fränkischen Ausbeuterschuhen antreten. Dem DFB ist das reichlich wurscht, der hat Wichtigeres zu tun, nämlich: antifaschistische Slogans auf dem Trainingsgelände der Nationalmannschaft entfernen zu lassen. Das Banner „Kein Fußball den Faschisten“, das das Stadion des FC St. Pauli seit Jahren schmückt, wurde auf Weisung des DFB verdeckt, als die deutsche Fußballnationalmannschaft in dem Stadion ihr Abschlußtraining für das Länderspiel gegen Polen absolvierte.
So ist das mit der Fußballnationalmannschaft und dem DFB: Arbeiterrechte sind egal (siehe "Miseria e nobilta"). Aber gegen Faschisten will man dann doch lieber nicht sein.

04.05.2014 - 16:14

Christiane Peitz (das ist die Journalistin, die vor kurzem am Hofe Ai Weiweis vorgelassen wurde, sich dort allen möglichen Unsinn erzählen ließ und nach Berlin zurückgekehrt eine dreiteilige Serie produzierte, ohne auch nur ein Faktum recherchiert oder gegengechecked und ohne auch nur eine andere der zahlreichen Kunstausstellungen in Beijing eines Wortes gewürdigt zu haben – reine Hofberichterstattung eben) schreibt im Berliner „Tagesspiegel“ (das ist die Zeitung, deren Redaktion unlängst einen vierseitigen „redaktionellen“ Promotion-Beitrag über Easyjet inklusive eines fetten Titelbildes produziert hat und dabei den von Easyjet erfundenen Werbeslogan „Generation Easyjet“ freudig nachplappert – man kann den ganzen für den „Tagesspiegel“ sehr peinlichen Fall ausführlich im lesenswerten Blog von Stefan Niggemeier nachlesen, der zu dem Schluß kommt: „Entweder die Zeitung hat sich von dem Unternehmen kaufen lassen. Oder eine komplette Redaktion hat versehentlich eine Werbesonderausgabe für Easyjet produziert“ - http://www.stefan-niggemeier.de/blog/der-tagesspiegel-fliegt-auf-easyjet-2/ ) aufgeregt: „Ai Weiweis Kunst in Shanghai verboten.“

Bereits der Eingangssatz des Artikels läßt tief blicken: „In den Berliner Gropius-Bau zieht Ai Weiwei die Massen. In China verhindert das die staatliche Zensur: Bei einer Ausstellung in Schanghai mußten seine Werke beseitigt werden.“ Sonst wären die Massen auch in Shanghai zu Ai Weiwei geströmt? Ach geh. Natürlich nicht die Bohne. Ai Weiwei interessiert in China kaum einen Menschen, und ob Ai Weiwei eines seiner Werke in Shanghai ausstellt, ist ungefähr so bedeutsam, wie wenn in Berlin eines der von Ai produzierten Porzellan-Reiskörner umfällt. Was übrigens nicht nur für China gilt, sondern so ziemlich für den gesamten Rest der Welt, mit Ausnahme der Länder, wo der Schweizer Kunstsammler Uli Sigg (Ex-China-Botschafter der Schweiz, ist heute laut eigener Aussage mit China-Projekten des Schweizer Verlags Ringier betraut und laut eigener Aussage „in Bereichen wie Finanzdienstleistung und Automobillogistik investiert und bin im Advisory Board der China Development Bank, welche die großen Infrastrukturvorhaben wie Dreischluchtendamm und Autobahnen finanziert“; Uli Sigg verfolgt den Rechtsrutsch in der Schweiz hoffnungsvoll und bewundert den berüchtigten Schweizer Rechtspopulisten Christoph Blocher) sein Netzwerk spinnt.
Wenn Frau Peitz sich nun ins Zeug legt für den „Chinese Contemporary Art Award“, dann hört sich das so an, als ob es sich dabei fast um einen Nobelpreis für Kunst handeln würde, oder doch zumindest um einen renommierten, anerkannten Kunstpreis. Das ist aber nicht der Fall. Der Preis wurde von Uli Sigg ausgelobt – wahrscheinlich mit dem Ziel, sein Netzwerk zu perfektionieren und die Künstler, deren Kunst er besitzt, mit einem wie auch immer zustande gekommenen Preis zu adeln, was letztlich auch den Wert der Kunstwerke steigern dürfte.
Wie das alles passiert, wer in der Jury von Uli Siggs Kunstpreis sitzt (neben Ai Weiwei quasi das gesamte hauptsächlich Schweizer Netzwerk des Kunstsammlers), und daß das alles eben ein Geschäft ist („it’s the economy, stupid!“), das können Sie natürlich nicht bei Frau Peitz und ihrem „Tagesspiegel“, wohl aber in der langen Version meines im Juni 2011 in kürzerer Form in „Konkret“ erschienenen Artikels „Die Legende vom Heiligen Ai“ nachlesen.
Und ansonsten kümmert sich in Shanghai, wo ich mich gerade aufhalte, niemand um diese Ausstellung, die dem „Tagesspiegel“ einen großen Artikel wert ist. Nicht einmal in den Kunst-Spalten von „Time Out Shanghai“ ist die Ausstellung erwähnt. Bedeutungslosigkeit pur. Nur in Deutschland, wo Ai Weiwei längst der staatliche Lieblings-, Haus- und Hofkünstler ist, fällt in der Redaktion des „Tagesspiegel“ gerade besagtes Porzellan-Reiskorn um.

Die Medien sind heutzutage jedenfalls für das Kunstgeschäft, vor allem aber auch für die herrschende Propaganda oft nur noch nützliche Idioten.

04.05.2014 - 16:06

Die Berliner „Waldbühne“ ist einer der schönsten Spielorte der Republik. Seit 2008 wird die Waldbühne vom deutschen Konzertmonopolisten CTS Eventim gepachtet und bespielt, der die Ausschreibung des Berliner Senats seinerzeit gewonnen hat.
Nun soll, wie der „Berliner Morgenpost“ zu entnehmen war, der Vertrag neu aufgesetzt werden. Allerdings unter Ausschluß der Öffentlichkeit, und unter Ausschluß des üblichen Procederes, wenn öffentliches Eigentum verpachtet wird, nämlich ohne eine öffentliche Ausschreibung.
Die DEAG hat jedenfalls beim Landgericht Berlin eine einstweilige Verfügung erwirkt, die es der Berliner Sportverwaltung untersagt, ohne Ausschreibung einen neuen Pachtvertrag mit CTS Eventim abzuschließen. DEAG-Vorstandsvorsitzender Schwenkow betonte gegenüber der „Berliner Morgenpost“, er wolle eine „faire Chance bekommen“, und forderte eine „transparente, diskriminierungsfreie Ausschreibung“ – was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Nicht so für den Berliner Senat, und der Senior Vice President von CTS Eventim, Rainer Appel, verweist bedeutungsschwanger auf die „hervorragende Zusammenarbeit“ mit dem Senat. Und CTS Eventim-Vorstandsvorsitzender Schulenberg barmt, ihm liege die Arena sehr am Herzen. Wie schön. Um Profit geht es dem CTS Eventim-Boß natürlich nicht.
Normalerweise würde man jetzt sagen, das wäre doch ein schöner Fall für den neuen Kulturstaatssekretär Tim Renner, der für Transparenz beim Ausschreibungsverfahren sorgen und vielleicht gar besondere Pachtkriterien definieren könnte (faire Ticketpreise zum Beispiel?). Aber natürlich: Tim Renner ist ja nur das neue Aushängeschild Wowereits, er hat ja in Wirklichkeit nichts zu sagen. Kultursenator ist Wowereit. Das und der ist das Problem.

04.05.2014 - 16:03

Dieser Tage wurden die aktuelle  IVW-Quartalszahlen veröffentlicht, die genauen Aufschluß geben auf die Auflagen der hierzulande erscheinenden Periodika. Besonders interessant ist dabei wie immer die „harte Auflage“, die das Medienmagazin DWDL.de veröffentlicht – harte Auflage, das sind die tatsächlich verkauften Exemplare der Zeitungen und Zeitschriften, also im Einzelverkauf (zum Großteil am Kiosk) und per Abonnements.
Die Zahlen zu den gängigen Musikzeitschriften sind deprimierend:

Rolling Stone: 36.343 (eine der wenigen Zeitschriften mit Zuwächsen gegenüber I/2013: +9,3%)
Musikexpress: 19.146 (-17%)
Visions: 15.030 (-26,5%)
Spex: 10.843 (-32,3%)

Das sind die Zahlen – manche Musikmagazine nähern sich dabei wieder Verkaufszahlen ihres Ursprungs als Fanzines an...
Man kann jetzt lange lamentieren und über die hausgemachte Krise des Musikjournalismus philosophieren, was sicher zum nicht geringen Teil richtig ist. Nichtsdestotrotz: die Zahlen sind alarmierend, denn Popkultur und Popmusik benötigen die Musikkritik. Und die Flaute bei den Verkaufszahlen der Musikmagazine ist erschreckend - die oben genannten führenden Musikmagazine kommen gerade einmal noch auf etwa 80.000 verkaufte Exemplare! das ist weniger als ein Promille der Bevölkerung, die es noch wichtig findet, sich in solchen Magazinen über Pop- und Rockmusik zu informieren. Deprimierend.
Was tun?

27.04.2014 - 13:45

Die Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ) wirft der Messe „Jazzahead“ einen in finanzieller Sicht völlig unangemessenen Umgang mit seinen wichtigsten Protagonisten vor, nämlich den Musikern: Bei den Showcases im Rahmen der „German Jazz Expo“ auf der Bremer „Jazzahead“ werden den MusikerInnen demnach weder Hotel- und Reisekosten erstattet, noch erhalten sie eine Gage, noch erhalten sie eine Vergütung für den Rundfunkmitschnitt der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten (die also wieder einmal ihr gebührenfinanziertes Programm ohne Entlohnung der Musiker bestreiten, was ja mittlerweile die Regel ist – wozu zahlen wir eigentlich unsere GEZ-Gebühren?!?)
Ein Skandal, keine Frage. Aber leider bei Musikmessen nicht die Ausnahme, sondern die unerquickliche Regel. Auch bei der Womex zum Beispiel erhalten Musiker kein Honorar und nur sehr marginale Reise- und Hotelkostenanteile, was dort besonders ins Gewicht fällt, weil dort ja nicht einheimische, sondern internationale Weltmusik-Künstler auftreten, die meisten aus nicht gerade reichen Ländern...
Es wird höchste Zeit, auch im Musikgeschäft endlich die in anderen Ländern (z.B. Frankreich oder Holland) längst üblichen Mindestgagen zu diskutieren. Gerade bei den Musikmessen, die ja zum Teil beträchtliche Teilnahmegebühren aufrufen (bei der Womex kostet die billigste Rate z.B. EUR 255 Euro), sollte doch eine wenigstens geringfügige Bezahlung derjenigen, die das Musikgeschäft letztlich ausmachen, selbstverständlich sein – der Musikerinnen und Musiker nämlich!

27.04.2014 - 13:40

„Propaganda und Aufklärung“ – das ist der Titel des aktuellen Newsletters des Palace in St. Gallen, und in der Tat, in Zeiten, da Werbespots auf der Fressenkladde eine ganz besonders coole Hipness erzeugen können, in Zeiten, da die Schlammflut parfümierter digitaler Kommerzpropaganda einem Augen und Ohren wegbläst, sollte man auf dieses schöne, altmodische Wort zurückkommen, nämlich, eben: Propaganda!
Nehmen wir das Bohei, das die deutschen Medien und die deutsche Politik dieser Tage erneut um Ai Weiwei veranstalten. Was in dem Zusammenhang an falschen Behauptungen aufgestellt und veröffentlicht wird, an eindeutigen Unwahrheiten und Vermutungen, die als Wahrheiten hingestellt werden, ist schier unglaublich – dagegen ist, wie Christian Y. Schmidt gesagt hat, die chinesische Propaganda geradezu ein Kindergeburtstag.
Nehmen wir den Grund, warum Ai Weiwei von den chinesischen Behörden verhaftet worden war und bis heute nicht ausreisen darf – bei Steuerhinterziehung im Millionenbereich auch in Deutschland durchaus gängige Praxis. Die deutschen Medien wie die sogenannte „linksliberale“ Frankfurter Rundschau haben Ai ja bereits vor Jahren heilig gesprochen – im Wortsinn: dort wurde Ai Weiwei 2012 allen Ernstes als der „Heilige Ai“ bezeichnet, als ein Idealchinese, eine Art „Ersatz-Dalai Lama“ (daß die Journalisten nicht einmal wissen, was im Chinesischen Vor- und was Nachname ist, läßt in die kulturelle Ernsthaftigkeit, mit der sich mit dem Thema beschäftigt wird, tief blicken...). Demzufolge kann an dem Vorwurf der Steuerhinterziehung natürlich nichts dran sein. Ein Heiliger hinterzieht ja wohl keine Steuern.
Insofern liest man in deutschen Medien immer von Ai Weiwei als nahezu selbstlosem Mann, der z.B. für die Kinder kämpft, die Opfer eines Erdbebens wurden. Nirgendwo liest man jedoch, daß Ai Weiwei etwa als Projektkurator für das Projekt „Ordos 100“ gearbeitet hat, die Idee des Multimillionärs Cai Jiang, der u.a. als Großzulieferer für den innermongolischen Molkereigiganten Meng Niu fungierte – diese Firma war übrigens 2008 in den Melamin-Milchskandal verwickelt, der mehreren Kleinkindern das Leben kostete. Der in China lebende Autor Christian Y. Schmidt beschreibt, wie Cai Jiang plante, mitten in der mongolischen Steppe ein Kunstmuseum und um das Museum herum hundert Villen anlegen zu lassen, inklusive Indoorpools und Dienstbotenquartiere – eine fette „gated community“ für neureiche Chinesen. Cai Jiang hat zu diesem Zweck das, natürlich, Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron verpflichtet, und eben Ai Weiwei als Projektkurator, der selbst den Masterplan für die neue Luxussiedlung entwarf. Die Architekturzeitschrift „Urbane“ titelte über dieses Projekt „Rebuilding Xanadu“.
Oder: niemand fragt sich, wie Ai Weiwei als Künstler in einem Land, in dem das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Städters im Jahr 2013 bei 3.556,94 Euro lag (und in der Gruppe der hohen Einkommen standen jeder Person auch nur durchschnittlich 6.788,24 Euro im Jahr zur Verfügung), mal eben den Betrag von 600.000 Euro zuzüglich Zinsen und Strafgebühren bei den Behörden seines Heimatlandes hinterlegen kann. Oder in bester Berliner Lage für einen Millionenbetrag ein Atelier erwerben kann. Ist es denn tatsächlich auszuschließen, daß ein Künstler, der auch als Teilzeit-Architekt (siehe das Beijinger Olympiastadion) oder als Projektkurator (siehe oben) tätig ist und dessen Werke im Westen für Millionenbeträge verkauft werden, Steuerschulden hat? Wie können sich alle Berichterstatter in dieser Sache so sicher sein?

Am besten hat mir der Berliner Rechtsanwalt und Kulturmann Peter Raue gefallen. Ach was, falsch: nicht Peter Raue hat mir am besten gefallen, sondern die deutsche Journaille, die ihre (Rest-...)Intelligenz, ihr Kombinationsvermögen und ihre kritische Haltung vor der Pressekonferenz Raues an der Garderobe abgegeben hat. Raue jedenfalls hat, wie er auf dieser Pressekonferenz im Berliner Martin-Gropius-Bau erzählte, in Beijing die Unterlagen studiert, die „Akten und Fakten“, wie er es nannte. Kann Herr Raue etwa Chinesisch? Kann er nicht, wie er in einem Interview bekannte. Ist er Experte im chinesischen Steuerrecht? Kein bißchen. Hat er Kontakt mit den Behörden aufgenommen und zumindest versucht, sich von ihnen den Sachstand erklären zu lassen, also auch die andere Seite anzuhören? Mitnichten.
Man muß sich das so vorstellen: Raue düst nach Beijing, wo ihn Ai Weiwei erwartet. Der und seine Anwälte zeigen Raue die „Akten und Fakten“, wie der „Tagesspiegel“ das in hinterhereilendem Gehorsam nannte. Akten, die Raue nicht versteht und nicht lesen kann, weil er eben das Chinesische nicht beherrscht. Akten aber, nach deren Durchsicht, die die Presse dann „Rercherche“ nennt, feststeht: „Nichts, gar nichts liegt gegen Ai Weiwei vor.“ (so der Tagesspiegel und in Variationen alle anderen deutschen Medien). „Haltlose, abstruse Vorwürfe: (...) Steuervergehen.“
„Der dann doch schriftlich erhobene Steuervorwurf“
(einen Absatz zuvor wurde noch behauptet, es gebe „lediglich mündliche“ Mitteilungen der chinesischen Behörden, BS) „bezieht sich ausschließlich auf die Firma ‚Fake’ – an der Ai Weiwei jedoch nie Anteile hatte. Geschäftsführerin ist seine Ehefrau“ („Tagesspiegel“) – nun, das sollen auch deutsche Steuerhinterzieher schon praktiziert haben, daß ihre Ehefrauen plötzlich Firmen besaßen und die Ehemänner nichts, aber auch rein gar nichts damit zu tun hatten...

Stellen wir uns das ganze Bohei mal andersherum vor. Stellen wir uns einen Moment lang vor, ein nicht des Deutschen noch des Englischen, ja nicht einmal der in Deutschland verwendeten Schriftzeichen mächtiger chinesischer Fußballfunktionär würde nach Bayern reisen. Er ließe sich in den Monaten vor Hoeneß’ Prozeß – falls Sie das vergessen haben sollten: das war die Zeit, als Hoeneß noch nicht der reuige Steuersünder war, sondern derjenige, der es als Skandal bezeichnete, daß gegen ihn, den „Vater Teresa vom Tegernsee“ (so Karl-Heinz Rummenigge, selbst einschlägig vorbestrafter Uhrenschmuggler), Ermittlungen liefen und er in den Medien „vorverurteilt“ werde... – von dessen Anwälten die Aktenordner zeigen, die er natürlich nicht lesen könnte. Dann würde dieser chinesische Fußballfunktionär nach China zurückfliegen und in Beijing eine große Pressekonferenz geben, auf der er behauptet: „Nichts, gar nichts liegt gegen Uli Hoeneß vor.“ Und: „Die angeblichen Steuervergehen von Uli Hoeneß sind komplett haltlose Vorwürfe.“ Und: „Daß Uli Hoeneß der Prozeß gemacht wird, ist ein Skandal des bundesdeutschen Regimes.“ Und flugs würde dieser chinesische Fußballfunktionär auch noch ein Solidaritätskomitee gründen mit dem Ziel, daß Hoeneß nicht ins Gefängnis müsse, sondern zu einem Fußballspiel des FC Bayern bei Beijing Guoan frei reisen dürfe.
Sagen Sie selbst: Sie würden sich doch an den Kopf tippen, oder? Und Sie würden den Kopf schütteln, wenn irgendein Journalist unkritisch über diese Pressekonferenz berichten würde.
Das ist aber genau das, was die deutschen Medien im Fall des „Heiligen Ai“ produzieren.
Daß die hiesigen Medien dabei permanent mit Lügen oder unwahren Behauptungen arbeiten, ist perfide. Der angebliche „Dissident“ Ai Weiwei hat jahrelang mit den staatlichen Behörden Chinas prächtig zusammengearbeitet, etwa beim Jinhua Architecture Park, den Ai Weiwei im Auftrag der lokalen Regierung in der Nähe von Shanghai errichten ließ. Ein Foto in der Zeitschrift „Urbane“ zeigt Ai Weiwei bester Laune bei der Eröffnungsfeier zusammen mit Regierungsvertretern. Oder die immer wieder gerne verbreitete Behauptung, daß Ai Weiwei noch nie in China habe ausstellen dürfen – während man im Internet ohne Probleme Fotos z.B. von der Ausstellungseröffnung einer Ai Weiwei-Schau in der Pekinger Galerie Faurschou betrachten kann, die dort 2009 monatelang lief. Und Ai Weiwei, der sich angeblich in China nicht äußern darf, postet und blogged munter auf Google+ und in anderen Medien – es interessiert nur eben in China nicht viele Leute. Und Ai Weiwei, der doch angeblich zensiert wird, darf Kunstwerke für eine Berliner Großschau herstellen und sie ohne Probleme und offiziell via Shanghai nach Deutschland senden, ohne daß ihn die chinesische Regierung daran hindern würde. Zensur stelle ich mir anders vor... (und es gibt Zensur, in China wie andernorts, und das ist unangenehm und nicht zu rechtfertigen, damit wir uns da nicht mißverstehen).

„Seit Wochen strömen deutsche Journalisten, Kuratoren und Anwälte wie Zugvögel nach Peking, um den Künstler in seinem Studio zu treffen und ein paar Informationen aufzupicken über ihn und seine Ausstellung. Man ließ sich hübsch mit dem Künstler fotografieren und filmen und schrieb emphatisch über seine Geschichte: über das Unrecht, das er dokumentiert, die Meinung, die er sagt, die Freiheit, für die er kämpft.“ (Antje Stahl in der „FAZ“)
(Was mich am Rande interessieren würde: wer finanziert denn eigentlich all den bundesdeutschen Journalisten ihre Reise in Ai Weiweis Atelier? Das erinnert sehr an die von den Plattenkonzernen finanzierten Promoreisen zu einer Zeit, als die Musikindustrie noch mehr Geld hatte als heutzutage – auch damals entstanden liebesdienerische Artikel über die Künstler, die die Journalisten besucht hatten...)
Ob im „Tagesspiegel“, in der „Zeit“, im „Spiegel“ – allüberall Schranzen, die sich als Journalisten ausgeben, am Hof des Heiligen Ai, Jünger auf Pilgerfahrt, auf der das Heiligtum beschaut wird und keinesfalls in Frage gestellt, es kann nun einmal nicht sein, was nicht sein darf, man will einzig eine Bestätigung der vorgefaßten Meinung, das ist der einzige Behuf all der Dienstreisen in die „chinesische Diktatur“. Und ganz offensichtlich geht es nur um diese eine, einzige Narration – das Vermögen, Kunstwerke mit Sachverstand zu betrachten und zu analysieren, wurde in Deutschland zurückgelassen (falls es denn je bestand...).

Und was noch auffällt: keiner und keine all der JournalistInnen auf Pilgerfahrt in Beijing hat auch nur eine einzige Kunstausstellung besucht – oder zumindest nicht darüber berichtet. Kein Wort, nirgends. Dabei läuft im unabhängigen „Ullens Center for Contemporary Art“ (UCCA) eine beeindruckende Schau von Xu Zhen. Dort hat der Künstler zum Beispiel die große kommunistische Bronze vorm Volkshelden-Monument des Tian’anmen-Platzes nachgebaut – mit lauter Steinzeitmenschen. Es ist eher eine der schwächeren Arbeiten in dieser Schau, aber: ja, so etwas darf in Beijing gezeigt werden. Ohne Probleme. Mitten im Herzen der Diktatur...
Oder die Schau von He Xingyon im Today Art Museum: auf riesigen Formaten zeigt der Künstler Foto-Kunstwerke vom Eingriff der chinesischen Moderne in die Natur – von der Zerstörung der Natur, von Umweltkatastrophen (etwa einer Explosion in einer Chemiefabrik in Chao Tian Men, die den nebenliegenden Fluß blutrot färbt). Fotos, die in Qualität und Format an Gursky erinnern, die kritisch sind, und ja, auch so etwas wird in Beijing in Museen gezeigt.
Oder die eindrucksvolle Schau zum 60jährigen Bestehen der Kunstschule der Akademie im Nationalen Kunstmuseum. Alles Ausstellungen, die ohne Zweifel hervorragend sind, die ein kritisches Bild von China transportieren (wenn es Ihnen darauf ankommt...) – die aber von all den deutschen Journalistinnen und Journalisten, die in Beijing beim Heiligen Ai zugange waren, souverän ignoriert wurden.

Kann das Zufall sein? Peter Hacks schrieb einmal den bösen Satz: „Ein Land, das Medien hat, braucht keine Zensur.“ 

P.S.
Letztlich am besten hat mir dann doch eine Stelle im Artikel von Deutschlands führendem investigativen Magazin gefallen. Da wird Ai Weiwei mit Gandhi und Picasso verglichen. Kleiner hamses grade nich: „Ai ist in seiner Wirkung eine Mischung aus Gandhi und Picasso. Er steht auf der richtigen Seite der Moral und der Kunst.“ („Spiegel“)
Ah ja. Aber hat der Heilige Ai nicht auch schon zwei Musikvideos gedreht? Sollte man ihn also nicht auch auf eine Stufe mit Beethoven oder Mozart stellen? Und jüngst soll er sogar in einem Kurzfilm mitgewirkt haben, der „heimlich“ in Beijing entstanden ist (wie geht das eigentlich, „heimlich“, wo der Künstler doch tagein tagaus permanent überwacht wird? nun ja, wollen wirs mal nicht zu genau nehmen...). Man sollte ihn also auch mindestens mit Jack Nicholson oder Robert de Niro vergleichen: Ai Weiwei, eine Mischung aus Gandhi, Picasso, Beethoven und Jack Nicholson. Schon besser, oder? 

P.P.S.
Und um das alles abzurunden: Die Bohai-Bucht ist eine der drei großen Meeresbuchten im Norden des Gelben Meeres. Vom Beijinger Südbahnhof kann man mit dem Schnellzug in dreißig Minuten nach Tianjin an der Bohai-Bucht fahren. Vielleicht haben sich die deutschen Medienvertreter dort ja verabredet und zu ihrem großen Bohai inspirieren lassen? Gewissermaßen zu tief ins Wasser der Bohai-Bucht geschaut?

27.04.2014 - 13:16

„Die halbe Nazion iss irre; (& die andre Hälfde nich ganz bei Groschn!).“
Arno Schmidt, „Die Schule der Atheisten“ (1971)

27.04.2014 - 13:14

Und wie nun herausgekommen ist, hat die NSA uns alle unter Ausnutzung der Heartbleed-Sicherheitslücke zwei Jahre lang ausspioniert:
Die SZ meldet heute, am 12.4.2014, (wie die meisten anderen Medien) in ihrem Online-Aufmacher: „Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf zwei 'mit der Angelegenheit vertraute Personen' berichtet, wußte die NSA seit mindestens zwei Jahren von der Schwachstelle. Anstatt diese jedoch zu melden und damit die Internet-Sicherheit zu verbessern, habe man Heartbleed zur Sammlung von Daten im Rahmen von Geheimdienstoperationen verwendet. Über das Ausmaß der Aktionen ist nichts bekannt."
Zitiert nach „Perlentaucher“, der in seiner Einleitung allerdings eher die falsche Frage stellt:
„Schock über Heartbleed: Jimmy Wales und viele andere fragen, ob uns die NSA über zwei Jahre Kriminellen auslieferte“
, schreibt der „Perlentaucher“. Dabei ist doch wohl eher die NSA (und alle anderen Geheimdienste mit ähnlichen Praktiken) selbst die kriminelle Organisation, der wir alle ausgeliefert sind, oder?!? Heartblöd.

27.04.2014 - 13:11

Was einem ja wirklich permanent auf den Keks geht, ist, wenn die Damen und, meistens, Herren des sogenannten Popjournalismus nicht an sich halten können. Da wird Mitte April das neue Album von der auch von mir sehr und seit langem (danke Jens Balzer!) geschätzten Fatima Al Qadiri besprochen, in „Spex“ und in Klaus Walters ebenfalls sehr geschätztem wöchentlichen Rundbrief. Allein – das Album wird erst am 9.Mai erscheinen. Was also soll das? Warum wird etwas besprochen, das es noch gar nicht gibt?
Schon klar, liebe Pop-Journos, ihr seid natürlich die allertollsten Hechte und habt alles, was es an Musik so gibt, schon Wochen oder Monate im Voraus, klar. Aber müßt ihr das auch immer so groß raushängen lassen? Müßt ihr wirklich auf der von der Musikindustrie gelegten Schleimspur bereitwillig herumrutschen? Den Verwertungszyklus befeuern? Denkt ihr wirklich, irgendjemand würde euch für uncool halten, wenn ihr ein Album mal nicht als erste, sondern dafür kompetent und ausführlich nach Erscheinen (also zu einem Zeitpunkt, da es nicht nur ihr, sondern auch der gewöhnliche Sterbliche anhören kann) besprechen würdet?
Es saugt. Und nützt den meisten Alben auch eher wenig, denn der „Konsument“ dürfte einen Monat später bei Erscheinen des Albums eure tolle Rezension längst vergessen haben und damit möglicherweise auch den Kauf des Albums, erst recht in diesen Zeiten, in denen mediale Zyklen ja eher minimiert denn maximiert werden...
Don’t like.

12.04.2014 - 17:39

Im Büro eines der obersten Hüters der deutschen Kultur, des kulturellen Preußen-Erbes, im Büro also des Chefs des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die den Neubau des Berliner Stadtschlosses mit dem Humboldt-Museum massiv vorantreibt, hing bis vor kurzem ein Gemälde von Oskar Kokoschka, bei dem es sich sehr wahrscheinlich um Raubkunst handelt. Und der oberste Hüter der Preußen-Kultur, Hermann Parzinger, fand nichts dabei, ganz im Gegenteil, im „Tagesspiegel“ äußert sich Parzinger nonchalant: „Da wir davon ausgingen, daß keine Verfolgungsbedingtheit vorlag, gab es keinen Grund, es nicht zu hängen.“ So reden deutsche Kulturbürokraten mit Sekundärtugenden, mit denen sie ohne Weiteres vor einigen Jahrzehnten auch dem Nazi-System hätten dienen können.

Doch selbst wenn das Kokoschka-Gemälde formaljuristisch nicht unter die Raubkunst-Kriterien fallen sollte – Tatsache bleibt, wie Nikolaus Bernau dankenswerterweise für die „Berliner Zeitung“ recherchiert hat, daß das Gemälde 1935 von der „Berliner Nationalgalerie aus Beständen erworben wurde, die die Münchener Kunstsammlerin und Galeristin Anna Caspari in der Dresdner Bank als Pfand hinterlegt hatte. Anna Caspari gelang es gerade noch, ihre Söhne nach London in Sicherheit zu bringen, bevor sie selbst 1941 nach Litauen deportiert und am 25. November in Kaunas ermordet wurde." Ein Bild also, das einem Opfer des Holocaust gehörte, bevor es unter fragwürdigen Rahmenbedingungen an den Staat ging, einer Jüdin, deren Galerie 1939 von der Gestapo geplündert und geschlossen wurde und die zwei Jahre später von den Nazis ermordet wurde. Und darunter saß tagein tagaus der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ging seinen Geschäften nach. Und ist sich keiner Schuld bewußt. Ein Kriterium wie Empathie darf man bei so einem Kulturfunktionär schon gar nicht erwarten.

Es ist widerlich. Hermann Parzinger ist als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz nicht länger tragbar. Da er sicher nicht das Fünkchen Anstand besitzt, von sich aus zurückzutreten, muß er von der Politik, und wenn die wieder einmal versagen sollte, von den Bürgerinnen und Bürgern zum Rücktritt gezwungen werden!

07.04.2014 - 18:09

Und was denken Sie, welche die weltweit erfolgreichste Tournee im ersten Quartal 2014 war? Bruce? Beyoncé? Bublé? Depeche? Metallica?
Iwo. Laut „Musikmarkt“ und „Pollstar“ war die erfolgreichste Tournee weltweit im ersten Quartal 2014 ein Ding namens „Winter Jam Spectacular“. Und was ist das? Eine Tournee christlicher Musik, die mehrere Bands des Sacro-Pops gemeinsam auf Tour schickt. 557.112 Tickets wurden davon an die Jünger verkauft. Da konnte nicht mal „Disney On Ice“ mithalten. Ganz zu schweigen von Depeche Mode (Platz 3), die ja auch irgendwie Gläubige versammeln, Bruce Springsteen (Platz 4), Beyoncé (Platz 5), Michael Bublé (Platz 6) oder Metallica (Platz 9).
So ist das nämlich alles. Herrgott –  und jetzt alle mitsingen bitte! – „danke / für diesen schönen Tag“...

07.04.2014 - 18:07

Und nochmal a propos Propaganda –
warum muß eine von einem staatlichen Museum und mit staatlichen Mitteln geförderte Ausstellung über Freejazz in der DDR, die sich mit den ganzen großen Jazzmusikern der DDR beschäftigt, von „Luten“ Petrowsky bis „Baby“ Sommer, eigentlich „Freejazz in der DDR – Weltniveau im Überwachungsstaat“ heißen? Hat das Faktum, daß es in der DDR eine Stasi gab, irgendetwas mit dem dort gespielten Free Jazz zu tun?!? Wohl eher nicht. Aber die staatlichen Stellen sollen eben Propaganda machen, das ist ihr Auftrag. Oder glauben Sie im Ernst, eine Ausstellung über aktuelle Jazzentwicklungen in den USA würde „Freejazz im Überwachungsstaat USA“ betitelt werden?

07.04.2014 - 18:05

Und im Handelsblatt können Sie sich die Seite 3 kaufen. Kostet schlappe 5.000 Euro. Etwas weniger, als Sie für eine Titelstory in einem der führenden Musikmagazine hinblättern müssen. Der „Handelsblatt“-Anzeigenverkäufer garantiert, daß die gekaufte Werbung „redaktionell absolut harmonisch integriert“ und vom Leser „als Beitrag der Redaktion wahrgenommen“ wird, berichtet das Werbebranchenblatt „Werben und Verkaufen“.
Nichts, was Sie und mich wundern würde, oder?

07.04.2014 - 18:03

„China baut Waffenexport rasant aus“, lautet die Schlagzeile bei „Spiegel Online“.
Ist natürlich nicht schön, daß die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde (bei „Spon“ natürlich: „das kommunistische Regime“...) immer mehr Waffen exportiert und nun sogar Frankreich „überholt“ hat.
Die interessantere Schlagzeile wäre aber doch wohl das gewesen, was bei SPON nur im Kleingedruckten vorkommt, nämlich: Deutschland liegt nach wie vor auf Platz 3 im internationalen Waffenhandel, deutlich vor China. Deutschland blieb dabei der weltgrößte Lieferant von U-Booten und nach Rußland der zweitgrößte Exporteur von Panzern. Dazu findet SPON kein kritisches Wort, das nämlich hätte SPON keine brauchbare Schlagzeile gebracht, denn auch SPON will die Weltpolitik natürlich nicht nur von der Außenlinie kommentieren, sondern steht gesinnungstreu fest zur neuen Größe Deutschlands (das man Großdeutschland zu nennen derzeit noch nicht wagt).

21.03.2014 - 12:41

Vom Artikel „So geht Widerstand“ von Christoph Amend in der „Zeit“ vom 20.3.2014 kann man viel und auf vielen Ebenen lernen, jedoch will ich sie nicht den Details langweilen. Aber zwei Dinge sind doch interessant bei dieser Stilisierung des chinesischen Künstlers in des deutschen Studienrats Hauspostille:
„In einer anderen Ecke steht eine Pappfigur von Angela Merkel, Ai Weiwei hat sie aus Dankbarkeit für sich anfertigen lassen und in seinem Büro aufgestellt. Die Kanzlerin war eine der wenigen Stimmen der internationalen Politik, die heftig protestiert hat, als er vor drei Jahren verhaftet und monatelang eingesperrt wurde.“

So geht Widerstand also? Dann lassen Sie uns jetzt auch alle gleich ne Angela Merkel aus Pappmachee basteln. Und was tun wir dann mit dieser Pappkameradin? Genau. –

Und dann heißt es in dem Artikel an einer anderen Stelle:
„Die zwölf Jahre in Amerika haben Ai Weiwei bis heute geprägt. Er hängt an dem Land, selbst sein Blaumann, den er als Zeichen seiner Verbundenheit mit den Handwerkern und Arbeitern Chinas trägt, ist ein amerikanisches Modell, ‚ich habe ihn bei Gap gekauft’, sagt er und lacht.“

Da lach ich doch gerne mit. Ai Weiwei zeigt seine Solidarität mit den chinesischen Handwerkern und Arbeitern also dadurch, daß er Design-Klamotten bei Gap kauft? Die fast so viel kosten wie das Monatsgehalt eines chinesischen Arbeiters?
Aber wahrscheinlich fressen die Zeit-Redakteure auch Kaviar, um ihre Verbundenheit mit den Arbeitern auf der Krim zum Ausdruck zu bringen...

13.03.2014 - 16:31

In einer Rezension von Diedrich Diederichsens Buch „Über Popmusik“ in der „Zeit“ meint Thomas Gross, „zu den Standards im Schreiben über Pop gehört die Beschwörung lebensverändernder Kräfte. Es macht etwas mit einem, wenn man nachts das Ohr an den Lautsprecher eines Radios presst, rotierenden Scheiben geheime Botschaften ablauscht, es hat Folgen, wenn man, der Einzelhaft des Kinderzimmers entronnen, aus der magischen Kiste des DJs das Evangelium des Beats entgegennimmt. Wer der Wirkung von Pop hinterherhorcht, schreibt immer auch von einer Urszene her: dem Moment, in dem er in die Gemeinde der Wissenden aufgenommen wurde.“
Hört sich gut an, nur – hat das Beschriebene tatsächlich etwas mit „Pop“ zu tun? Ich denke: nein. Das, was Gross hier beschreibt, ist die klassische Initiationsszene des kulturellen Erlebens. Schon Rilke beschreibt in seinem Gedicht „Archaïscher Torso Apollos“ ein derartiges Erlebnis beim Betrachten einer Statue: es bricht „aus allen seinen Rändern / aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“
Und so geht es einem doch mit jeder Art von Musik, die einen beeindruckt – große Musik bewegt den, der sie hört, und zwar genau im von Rilke beschriebenen, umfassenden Sinn („da ist keine Stelle / die dich nicht sieht“!), die einen als einen Anderen aus einem Hörerlebnis heraustreten läßt als der, der man vorher war, mit der Gewißheit: „Du mußt dein Leben ändern“! Dein Leben ist jetzt, nachdem du dieses Konzert, dieses Stück Musik erlebt und zu einem Teil deines Lebens gemacht hast, eben ein völlig anderes, ein neues. Das mag für Diederichsen nach seinem ersten Konzert mit Johnny Winter so gewesen sein, das werden Andere nach einer Beethoven- oder einer Mahler-Sinfonie so erlebt haben, und es hat wirklich nichts mit „Pop“ zu tun.
Eine zweite These, die Thomas Gross in seinem Artikel referiert, scheint mir zunächst richtig zu sein: „Diedrichsens These: Popmusik ist weniger als Musik. Verglichen mit den souveränen Kunstschöpfungen des 19.Jahrhunderts spielt sie immer schon auf einem Terrain des Vernutzten, Warenförmigen, industriell Kontaminierten. Pop ist die Kultur, die nach der Katastrophe der Weltkriege kam, eingängig, auf Effekt getrimmt, arbeitsteilig produziert, ein Hohn auf sämtliche Versuche, der Übermacht des Hergestellten unvergängliche Altäre entgegenzusetzen. Autonome Kunst? War einmal. Jeder Hit beweist: Nicht das Individuum regiert, it’s the economy, stupid!“ Das ist wohl wahr.
Doch die Schlußfolgerung Diederichsens, wie sie Gross in der „Zeit“ referiert, greift wieder zu kurz: „Entgegen der traditionellen Auffassung, beim ‚Starkult’ handle es sich um etwas der Musik Äußerliches, rehabilitiert Diederichsen die Pose als zentrale Einheit des Pop: Wer aus dem Publikum auf die Bühne hinaufschaut, will wissen: Wer ist der Typ? Was finde ich toll an ihm? Mit Lacan gedacht: In der Pose erkennt das jugendliche Subjekt sich selbst im Spiegel fremder Begierden. Die Stimme wiederum steht für das Einmalige, Auratische eines konkreten Sängers, das Punctum: Als Mal des Authentischen verkörpert es die Seele im kulturindustriellen Produkt.“
Das Problem solcher Behauptungen ist allein schon ihre Autoreferentialität, dieses Hauptproblem des Diskurses über Pop und Popmusik. Das hört sich so, wie es da steht, ja alles ganz nett und belesen an, es ist nur leider wenig sachgerecht und hat hauptsächlich damit zu tun, daß die Kritiker des Pop selten über ihren eigenen cup of tea hinausschauen, sondern bevorzugt so tun, als ob es außer Popmusik und vielleicht noch ein wenig Jazz keine Musik gebe. „Starkult“, mitunter sogar „Pose“ gab es schon im Barock, gab es in der Klassik (Mozart! Beethoven!), gab es in der Romantik erst recht (von Chopin über Liszt bis zu Paganini), gab es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (man denke nur an Caruso), und über all diejenigen, die den Starkult als etwas „der Musik Äußerliches“ erlebt haben, läßt sich das oben Gesagte genau so behaupten: Das aus dem Publikum auf die Bühne hinaufschauen. Was finde ich toll an dem Typ? Der Lacan-Gedanke, das Sich-Erkennen im Spiegel fremder Begierden. Das ist alles richtig erkannt, wohnt nur eben aller Musik, ja sogar aller Kultur inne, hat also mit „Pop“ eher wenig zu tun. Und kann als Erklärung für das Phänomen „Pop“ also nicht wirklich dienen.
Ganz im Gegenteil: Hier ausgerechnet das „Authentische“ heranzuziehen, scheint mir doch reichlich absurd zu sein. Gerade Pop verweigert sich ja bewußt den Zumutungen der Authentizität – Pop ist eben nicht „handgemacht“, nicht „unplugged“, nicht schnödes Lagerfeuer. Pop ist das genaue Gegenteil davon – Pop ist Behauptung, ist Konstruktion, und die Künstler des Pop sind ja nun meistens Kunstfiguren, wie etwa David Bowies Ziggy Stardust, oder solche, die mit dieser künstlichen Konstruktion spielen, wie Michael Jackson, Madonna oder Lady Gaga. Schillernde Identitäten, die mit Authentizität, diesem dumpfen und so schwierig auszusprechenden Au-Wort, ungefähr so viel gemeinsam haben wie Maradona mit Uli Hoeneß.

13.03.2014 - 16:23

Auch interessant: In einem klugen Aufsatz für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ forderte Diedrich Diederichsen 2010, daß die Kritiker (der Beitrag war mit „Plattenkritik“ überschrieben) lange Texte schreiben sollen, die sich ausdrücklich den Verwertungszyklen der Kulturindustrie verweigern, „Texte, die nicht zum Erscheinen der Platte, des Buches, zur Einführung des Games oder zum Kinostart des Films erscheinen, sondern irgendwann, zu Beginn, in der Mitte oder am Ende eines Rezeptionszyklus intervenieren. Die Verbindung zum Leben, zur Rezensentensubjektivität als Testarena der Rezeption stellt nicht mehr Schnelligkeit her, sondern eine qualifizierte Langsamkeit die antikapitalistische Tiefe eines ungehetzten Lebens im Dienste ästhetischer Reflexion.“
Gut gebrüllt! Doch bei seinem eigenen Buch hat sich Diederichsen für das Gegenteil entschieden – das Buch wurde mit einer massiven Kampagne beworben, das deutsche Feuilleton stand Gewehr bei Fuß und brachte lange Rezensionen, bevor Diederichsens Buch überhaupt erschienen war, und es gab große Interviews allüberall – die Werbekampagne war generalstabsmäßig eben auf das „Erscheinen des Buchs“ ausgerichtet, es ging gerade um Schnelligkeit, gewissermaßen um kapitalistische Oberflächlichkeit, durch die Diederichsens eigene Forderung nach „antikapitalistischer Tiefe“ der Kritik geradezu ad absurdum geführt wurde. It’s the economy, stupid!
Und Sie wissen schon, „die schärfsten Kritiker der Elche“ undsoweiter...

13.03.2014 - 16:20

Auf Seite 15 der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom 9.3.2014 finden wir eine ganzseitige Anzeige der Textilkette Adler. Titel: „Das Leben ist kein Laufsteg. Es ist Zeit für eine Mode, die mehr Freude macht. Und weniger Druck.“
Der bezahlte Artikel zu dieser Anzeige, oh, Pardon, ich meinte natürlich: Der Artikel zu dieser bezahlten Anzeige findet sich im darauffolgenden Buch der gleichen Zeitung, auf Seite 23: „Adler will die alten Kunden“ ist er überschrieben und gibt dem Firmenchef ausführlich Gelegenheit, das zu wiederholen, was ein paar Seite vorher in der Anzeige seiner Firma bereits stand.
Beträgt der Weg von der Anzeige zum Artikel in der „FAS“ im Fall der Textilkette Adler acht Seiten, so ist er im Fall der Automarke Opel eine Seite kürzer: Auf Seite 31 der „FAS“ vom 9.3.2014 steht die halbseitige bezahlte Anzeige des Autokonzerns („Ist Opel noch so, wie Sie denken? Schauen Sie doch mal nach!“), während Opel-Chef Karl-Thomas Neumann eine Seite lang (auf Seite 24) über „die letzte Hoffnung“ Auskunft geben darf: „Jeder Popel fährt ‚nen Opel. Schlimmer kann der Ruf einer Firma nicht sein. Jetzt will der Opel-Chef aus der Schwäche eine Stärke machen.“ Denn es geht um „Umparken im Kopf“, was wiederum nicht im „FAS“-Artikel, sondern in der Opel-Anzeige steht. Es geht eben alles Hand in Hand. Hinter jedem FAZ-Kopf steckt ein dickes Scheckbuch, sozusagen.
Zufall? Nein, eher nicht, das Wörtchen heißt „systemisch“. Man kann das Phänomen auch im Feuilleton der „FAZ“ beobachten. Beispielsweise in der Literaturbeilage vom 8.3.2014, wo die viertelseitige Verlagsanzeige des Buches „Vielleicht Esther“ rechts neben der viertelseitigen Besprechung des nämlichen Buches steht (auf den Seiten L 2 und L 3).
Ich muß dann daran denken, wie mir ein Insider des Buchmarkts mal erzählt hat, daß ein deutscher Großschriftsteller in seinem Verlagsvertrag den Passus stehen habe, daß der Verlag ihm garantiere, daß zu jedem seiner Bücher eine große Besprechung von einer Seite Länge in den führenden Feuilletons der Republik zu erscheinen habe. Nun werden Sie sich fragen, wie ein Verlag so etwas denn garantieren kann. Ganz einfach: durch das Schalten entsprechender Anzeigen.
Glauben Sie doch bitte nicht, daß nur der Musikjournalismus embedded sei...

07.03.2014 - 01:00

Townes Van Zandt wäre am 7.März 2014 70 Jahre alt geworden.
So ist das mit Townes - vor drei Tagen, im Bonnie 'Prince' Billy-Konzert in Berlin, dachte ich fast den ganzen Abend an meine Zeit mit Townes, und was für ein großes Geschenk es war, die letzten Jahre seines Lebens als Europaagent für Townes arbeiten zu dürfen. Und daß die Mischung aus Melancholie, Humor, Skurillität, wegen mir auch "Wahnsinn" ("Wahnsinn hat seine Annehmlichkeiten" war der Titel der Konzertkritik in der "Berliner Zeitung", und auf Facebook fand jemand heraus, daß das wohl von Diedrich Diederichsens Rezension der Spacemen 3 aus Spex 11/87 geliehen ist...), aber auf jeden Fall auch "Entertainment" der beiden Künstler Will Oldham und Townes Van Zandt sehr viel miteinander zu tun haben. Und am zweiten Berliner Abend drückt mir dann jemand, den ich nicht kannte, zwei Alben namens "Songs of Townes Van Zandt" in die Hand. Zufall? Und heute im Büro und jetzt eben abends denke ich, wann wurde Townes eigentlich geboren? Ich muß sagen, daß mir Jahrestage wenig bedeuten, wer Jahrestage braucht, um sich an Musiker zu erinnern, ist Lohnschreiber im Feuilleton. Aber ich war doch neugierig und google spätabends Townes und sehe: ah ja, also genau vor siebzig Jahren... So ist das also.
Townes hätte das gefallen, denn er war abergläubisch. Sehr. Zum Beispiel verlangte er immer von seinem Tourmanager, vor jedem Tunnel, den sie durchfuhren, groß zu hupen, um die bösen Geister zu vertreiben. Wenn Townes aber auf dem Beifahrersitz eingeschlafen war, passierte es, daß sein Tourmanager nicht hupen wollte, um Townes nicht aufzuwecken - der aber wachte bei der Tunneleinfahrt von selber auf und fragte, warum der Fahrer vergessen habe zu hupen. Word.
Was soll ich sagen. Ich habe heute noch Tränen in den Augen, wenn ich manche Songs von Townes höre. Er war nicht nur einer der größten Songwriter aller Zeiten, er war auch ein kind-hearted man, ein wundervoller Mensch. Unvergessen. Das, was Rilke so schön schrieb über die Kraft wirklich großer Kunstwerke ("...denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern."), gilt in besonderem Maße für viele der Songs von Townes Van Zandt. Vergeßt bitte mal, für ein paar Minuten wenigstens, das alltägliche Gewese der Welt. Besinnt euch. Hört ein paar Songs von Townes Van Zandt.
Auf Youtube kann man wunderbare Ausschnitte von Townes sehen, etwa aus dem Dokfilm "Heartworn Highways" - "Nothin'" oder "Waitin' Around To Die", dem ersten Song, den er je geschrieben hat... und Chrigel Fisch hat eine sehr schöne Liste mit Townes-Songs zusammengestellt, auch auf Facebook zu finden. Ich habe lange überlegt, welches Video ich zu dieser Nachricht packe, und es ist aus vielerlei Gründen, die zu erläutern hier zu weit führen würde, "Tecumseh Valley" in einer Liveaufnahme von 1993 geworden - auch wenn die Aufnahme leider eiert, zeigt sie doch sehr schön, wer Townes war, und warum man ihn so sehr liebt und verehrt.
Townes, we'll send you dead flowers by the mail, and we won't forget to put roses on your grave (es gibt eine traumhafte Version von "Dead Flowers" von Townes...).
Call me sentimentalist, stupid, but I mean it.

01.03.2014 - 18:14

Nur damit wir nicht vergessen, womit wir es hier generell zu tun haben, nämlich mit der Kulturindustrie, mit der Musikindustrie – dieser Tage haben die großen Konzerne der Bewußtseinsindustrie ihre Jahreszahlen veröffentlicht:

Live Nation Entertainment, der weltgrößte Konzertveranstalter und gleichzeitig weltgrößter Tickethändler, erzielte „beim Jahresumsatz, dem Free Cash Flow sowie dem angepaßten Betriebsergebnis Rekordwerte“ („Musikmarkt“). Im Jahr 2013 setzte Live Nation demnach 6,5 Milliarden US-Dollar um, elf Prozent mehr als 2012. Das angepaßte Betriebsergebnis lag Ende 2013 bei 505 Millionen Dollar, was einem Zuwachs um zehn Prozent im Vergleich zu 2012 entspricht. Weltweit haben im vergangenen Jahr fast 60 Millionen Menschen Live-Nation-Konzerte besucht, 19 Prozent mehr als noch 2012. Live Nation war laut Eigenaussage „an 21 der 25 umsatzstärksten Tourneen in Nordamerika beteiligt“ gewesen. –

Der deutsche Monopolist („Marktführer“ heißt das heutzutage verniedlichend), die CTS Eventim AG also, deren Chef Klaus-Peter Schulenberg im Juni 2013 vom amerikanischen Wirtschaftsinformationsdienst „Bloomberg“ das erste Mal zu den „Dollar-Milliardären“ gezählt wurde, schrieb ebenfalls Rekordzahlen: Der Konzernumsatz stieg laut vorläufigem Geschäftsbericht des Konzerns in 2013 um 20,8 Prozent auf 628,3 Millionen Euro. Das „normalisierte EBITDA“ (also der operative Gewinn) der CTS Eventim AG stieg um 13,7 Prozent auf 136,3 Millionen Euro.
Im Segment Ticketing verzeichnete CTS Eventim einen um 16,5 Prozent auf 269,7 Millionen Euro gestiegenen Umsatz. 2013 verkaufte CTS Eventim allein 23,8 Millionen Tickets über das Internet, was eine Steigerung von rund 16 Prozent gegenüber 2012 bedeutet. Der Ticketverkauf über das Internet ist für die Ticketingkonzerne bekanntlich besonders profitabel, laut Schulenberg „ist die Wertschöpfung im Online-Ticketing pro Karte sechsmal höher als beim herkömmlichen Verkauf“. –

Der weltgrößte Tonträgerkonzern, die Universal Music Group, hat den Umsatz 2013 um 13 Prozent auf 4,9 Milliarden Euro gesteigert. Dabei überstiegen die Online-Verkäufe laut „FAZ“ erstmals den Umsatz mit Tonträgern. Die Erlöse mit Abonnements und Streaming sind demnach um 75 Prozent gewachsen. Der Betriebsgewinn der Universal Music Group ist jedoch durch die Integration von EMI um 3 Prozent gesungen auf "nur" noch 511 Millionen Euro.
Der Mutterkonzern von Universal, Vivendi, hat 2013 einen Umsatz von 22,1 Milliarden Euro gemacht; der Nettogewinn betrug fast 2 Milliarden Euro. –

In all unseren Überlegungen über die kulturelle Selbstbestimmung, über das Grundrecht auf Teilhabe am kulturellen Leben sollten wir diese Zahlen stets einbeziehen.

01.03.2014 - 18:10

Nun hat die Fressenkladde also die Klitsche „What’s App“ gekauft. Für ein paar Dollar mehr.
Ich erinnere mich an eine Szene der späten 80er Jahre. Einer meiner Freunde erklärte sein Mißtrauen gegenüber der digitalen Vernetzung. Er war Professor an der Fuldaer Fachhochschule und mit mir in den 80er Jahren im Stadtparlament der Bischofsstadt, gemeinsam hatten wir gegen die staatliche Volkszählung 1987 gekämpft. Es ging schon damals um das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung, das 1983 vor dem Bundesverfassungsgericht erst erstritten werden mußte, und um den immer stärkeren Datenaustausch von Polizei und Geheimdiensten ebenso wie die Datensammlungen der Wirtschaft in Zeiten des Fortschreitens der Computerisierung. Internet, die Jüngeren werden sich das nicht vorstellen können, gab es im Privatleben seinerzeit noch nicht.
Ich erinnere jedenfalls, wie mein Freund in seiner unnachahmlichen Art, den gesunden Menschenverstand in einfache Bilder zu gießen, bemerkte, er fände es unheimlich, daß mit einem aus der Wand kommenden Kabel sein Computer verbunden werde, also jemand von außen auf sein privates Gerät zugreifen könne. Als mich dieser Freund und seine Frau letzten Sommer in Berlin besuchten, erzählte seine Frau, daß sie ständig What’s App verwende...
Die Frage, ob ein relativ junges, vor wenigen Jahren gegründetes Unternehmen wie Whatsapp mit nur 55 Mitarbeitern mehr wert sein kann als sagen wir ein traditionsreicher Stahlkonzern wie Thyssen-Krupp mit mehr als 150.000 Mitarbeitern, ist nicht nur sehr „analog“, sondern wahrscheinlich auch falsch gestellt. Whatsapp wird derzeit von 450 Millionen Menschen genutzt und gilt als Datenkrake, als ein Unternehmen, das eine Art „Super-Wanze“ in den Mobiltelefonen seiner Nutzer installiert. What’s App ist ein Jahr lang „kostenlos“, aber bezahlt wird natürlich in einer anderen Währung, nämlich mit den Daten der Nutzer, mit der kompletten Preisgabe aller persönlichen Vorlieben. „Die App kann Gespräche und Telefongespräche mitschneiden, sie kann Fotos einsehen, mit dem aktuellen Standort versehen und hochladen. Diese Daten werden, wie niederländische Behörden nachgewiesen haben, auf amerikanische Server übertragen, ohne dass man es merkt. Wenn der Nutzer „WhatsApp“ verwenden will, muss er dies zulassen. Dies geschieht auch, wenn die App im Hintergrund läuft.“ (EDV-Experte Steffan Löffelbein laut „Der Westen“).
„Es ist ein Vermögen wert zu wissen, welche Menschen auf welchen Umlaufbahnen aneinander vorbeischweben, um miteinander Kontakt aufzunehmen“
(Frank Schirrmacher). „Kostenlos“ ist in der digitalen Welt gar nichts. Wir bezahlen immer – mit unseren Daten, mit unseren Gewohnheiten, mit unserer Privatheit. „Wer immer einem ein kostenloses Angebot macht, ist verdächtig“ (Hans Magnus Enzensberger).
Jürgen Habermas hat 1968 unter dem Titel „Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie’“ eine Festschrift für Herbert Marcuse veröffentlicht. Darin beschreibt Habermas „eine große Zahl von Techniken der Verhaltenskontrolle und der Persönlichkeitsveränderung: neue und alles durchdringende Techniken zur Überwachung, ständiger Beobachtung und der Kontrolle von Individuen und Organisationen; neue und zuverlässige erzieherische und werbemäßige Techniken um menschliches Verhalten zu beeinflussen – privat und öffentlich; praktische Anwendung unmittelbarer elektronischer Kommunikation, die mit den Gehirnen operiert; neue und relativ effiziente Techniken zur Widerstands-Bekämpfung.“ Es geht um die „manipulativen Zwänge eines technisch-operativen Staates“ – Zwänge, die, wie wir heute wissen, nicht nur von einem technisch-operativen Staat, sondern vor allem auch von Großkonzernen ausgeübt werden, die gerne Hand in Hand mit den Staaten und seinen Geheimdiensten operieren. Wir sind in der Welt von Apple, Amazon, Facebook und Google – einer Welt, in der die Daten von 450 Millionen Menschen eben auch mal 19 Milliarden Dollar wert sind.

01.03.2014 - 18:07

Was die kalifornische Ideologie in der Praxis bedeutet, konnte ich dieser Tage erleben, als ich ein Facebook-Posting über die Sommer-Tournee von Patti Smith and her band mit einem Live-Video ihres „Rock’n’Roll Nigger“ versehen wollte.
Das „Facebook-Werbeteam“ teilte mir mit: „Dein hervorgehobener Beitrag wurde nicht genehmigt.“
Konkret teilte mir Facebook mit: „Ein Beitrag, den Du hervorgehoben hast, verstößt gegen unsere Richtlinien und wurde deshalb abgelehnt. (...) Die Gestaltung deiner Werbeanzeige verstößt gegen unsere Werberichtlinien. Wir gestatten die Verwendung von profaner, vulgärer und bedrohlicher Sprache nicht. Facebook akzeptiert keine Werbeanzeigen, die Nutzer beleidigen, belästigen oder erniedrigen. Inhalte, die sich auf Alter, Geschlecht, rassische Attribute, physische Zustände oder sexuelle Vorlieben von Nutzern beziehen und starkes negatives Feedback hervorrufen, sind nicht gestattet.“
Nun heißt Patti Smith’s Song aber nun einmal Rock’n’Roll Nigger, was alles andere als rassistisch ist. Doch darum geht es den kalifornischen Ideologen bei Facebook letztlich auch gar nicht – sie haben sich eine von Teilen der Hippie-Bewegung, der kulturellen Boheme aus San Francisco, entwickelte „political correctness“ geborgt, mit der sie ihre Produkte der Informationstechnologie ideologisch verbrämen. Rebellische Musik oder dialektisches Denken sind natürlich ausdrücklich nicht Teil der Geschäftspraxis von Facebook & Co.

01.03.2014 - 18:05

Thilo „wird man doch wohl noch sagen dürfen“ Sarrazin ist beleidigt und hat ein neues Buch geschrieben. Wenn ich den Feuilletons, die ich so lese, trauen darf, ist das Buch genauso furchtbar wie sein Buch davor, nur mit einer zusätzlichen Portion Weinerlichkeit und Selbstmitleid. Aber das Buch muß dennoch im großen Stil allüberall besprochen werden.
So ist das mit den bürgerlichen Medien – kaum hat jemand einen Köttel auf den Weg gelegt (und im Fall Sarrazin ist dies, was Konsistenz und Farbe angeht, wohl ein geeignetes Bild), schon versammeln sie sich alle um diesen Köttel und müssen ewig darüber reden (sie nennen es „debattieren“...). Ein blödes Buch eines blöden Ex-Politikers einfach zu ignorieren, scheint keine Option zu sein. Selbst in der „Jungle World“ fand man es nötig, zwei Seiten über Sarrazin vollzuschreiben – als Abonnent der Zeitschrift kann ich versichern, daß ich dort derartige überflüssige Artikel nicht lesen zu müssen wünsche.
Wie wäre es im Gegenteil, wenn man statt der Rezensionen eines wohl eher armseligen Buches mal ausführlich darüber berichten würde, daß der Aufsichtsrat der BVG, also der Berliner Verkehrsbetriebe, 2007 unter seinem Vorsitzenden Sarrazin einem komplizierten Geschäft mit der US-Bank JP Morgan nach nur vierminütiger Beratung zugestimmt hat, ein Geschäft, das er laut Eigenaussage „nicht verstanden“ hat?
Die BVG-Verantwortlichen haben seinerzeit ein extrem riskantes Finanzierungsgeschäft abgeschlossen, das die BürgerInnen Berlins möglicherweise bis zu 150 Millionen Euro kosten wird. Daß die BVG-Verantwortlichen Anfang des 21. Jahrhunderts bei diesem Vertrag unwissend oder gar dumm gehandelt haben sollen, geht nach Informationen der ‚tageszeitung’ aus Prozessunterlagen hervor, die für eine Klage vor dem High Court in London eingereicht worden sind. Mit der Klage will die BVG verhindern, zur Kasse gebeten zu werden“, berichtet der „Tagesspiegel“.
Sarrazin und sein Aufsichtsrat hatten also „nichts verstanden“, haben „unwissend“ oder gar „dumm“, auf jedem Fall aber zum Nachteil der Berliner BürgerInnen gehandelt – das ist ein Thema, das mich interessiert! Darüber sollte ausführlich berichterstattet werden, finde ich.

28.02.2014 - 17:09

Im „Spiegel“ beklagt CSU-Chef und Bayern Ministerpräsident Seehofer die „Geschwätzigkeit“ des SPD-Chefs und Vizekanzlers Gabriel. Der SPD-Mann habe jede Menge Vertrauen verspielt, nun müsse er „genau beobachtet werden“.
Wie darf man sich das vorstellen? Hat das bayerische Landeskriminalamt die Überwachungssoftware „Optic Nerve“ vom britischen Geheimdienst bezogen, mit der die Briten die gesamte Webcam-Kommunikation über Yahoo erfaßt haben? Obacht, Sigmar Gabriel, beim Videochat mit den Lieben daheim – Big Brother Seehofer might be watching you!

28.02.2014 - 17:07

„Nach den Erfahrungen mit dem Fall Frei.Wild aus dem vergangenen Jahr hatten die Echo-Organisatoren kürzlich einen Ethikbeirat ins Leben gerufen. Als erstes beschäftigte sich das neue Gremium nun mit Frei.Wild und dem Album ‚Still’ und sah keinen Grund für einen Echo-Ausschluß“, berichtet die „Musikwoche“. Großartig.
Wie gut, daß Gornys Verband einen Ethikbeirat ins Leben gerufen hat, der der rechts-nationalistischen Band prompt einen Persilschein für weitere Echo-Teilnahmen ausstellt. Lang lebe die Ethik, wie sie der Bundesverband der Deutschen Musikindustrie interpretiert! Und prompt wurden Frei.Wild aus Südtirol, reingewaschen vom Ethikbeirat der deutschen Musikindustrie, wieder für den Echo nominiert.

28.02.2014 - 17:06

Ganz ohne „Ethikbeirat“ kommt der Juniorpartner von Gornys Verband, der VUT, aus. Was dem Bundesverband der deutschen Spirituosen-Industrie, oh, pardon, ich meinte natürlich: dem Bundesverband der Musikindustrie sein Echo mit dem Kriterium „Alternative national“, das sind dem VUT seine „Independent-Charts“. Und so zeigte der VUT auch bei der Veröffentlichung seiner „Independent-Jahrescharts 2013“ („drei Viertel der Top 20 von deutschen Acts!“, posaunte man stolz heraus – jawoll, man spricht hier deutsch!, wird man doch wohl noch sagen dürfen...), wie unabhängig er von der Musikindustrie ist: Auf den ersten Plätzen der Indie-Jahrescharts deutscher Prägung finden sich hinter „Foreigner“ lauter von der Musikindustrie sträflich vernachlässigte Bands wie Xaver Naidoo („Bei meiner Seele“!), die Toten Hosen („Ballast der Republik“!), Kollegah & Farid Bang („Jung, brutal, gutaussehend 2“!) und Cro – also lauter Bands, die in den deutschen Albumcharts normalerweise keine Berücksichtigung finden würden, wenn der VUT, der erklärte Indie-Verband, sich ihrer nicht so tapfer annehmen würde. Respekt! Es wird sich beim VUT doch wohl auch noch eine Südtiroler Band finden lassen?

14.02.2014 - 15:31

„Liebe ist so leicht“, säuseln die kalifornischen Apple-Marketingprofis. Da kämpft man zeitlebens Sisyphos-gleich um die Liebe, mit allem auf und ab, Sie kennen das – aber die kalifornischen Ideologen haben die Lösung, es gibt eben einfach „zwei Wege ins Herz deines Lieblings“: Nämlich den iPad Air und den iPad mini mit Retsina Display.
Ach, wenn man das doch vor ein paar Jahrzehnten schon gewußt hätte, wie leicht die Liebe doch in Wirklichkeit ist. Danke, Apple, danke! Und happy Valentinstag. Lang lebe der totalitäre Konsumismus kalifornischer Prägung!

"Liebe ist so leicht!
iPad Air und iPad mini mit Retina Display.
Zwei Wege ins Herz deines Lieblings. Wenn du online bestellst, wird das iPad kostenlos zu dir nach Hause geliefert. Oder komm in den Apple Store und lass dir von einem Specialist bei der Auswahl des perfekten iPad helfen.
Jetzt einkaufen"

14.02.2014 - 15:20

Die hiesige gängige Narration geht so: Die Griechen verplempern „unsere“ Steuergelder, liegen auf der faulen Haut und sind von A bis Z korrupt, wenn sie nicht gerade Sirtaki tanzen. Die Wahrheit ist eine andere – die Griechen müssen, flapsig gesagt, hart arbeiten, um die Bestechungsgelder zu erwirtschaften, die u.a. deutschen Rüstungskonzernen gezahlt werden:
„Plaudernde korrupte Beamte bringen Griechenlands Politikwelt in Bedrängnis. Die Beamten haben die Omerta gebrochen und decken die Korruption der vergangenen Jahre auf. Es sind allerdings so viele Fälle, dass sich die peniblen Beamten beim besten Willen nicht mehr an alle erinnern können. Kein Rüstungsdeal lief ohne Bestechung ab. Die Lieferanten aus Deutschland, Russland, Frankreich und den USA zahlen die Schmiergelder nicht aus eigener Tasche, sie schlugen die Zahlungen schlicht auf die Rechnung drauf. Diese zahlten dann zunächst die griechischen Steuerzahler. Seit der Zypern-Krise 1974 hat der griechische Staat knapp 216 Milliarden Euro für Waffen ausgegeben. Im Vergleich zu den Staatsschulden, die im August 2013 bei 316 Milliarden Euro lagen, ist dies eine stolze Zahl. Das gilt vor allem dann, wenn man bedenkt dass die Käufe auf Pump erfolgten und folglich Zins und Zinseszinsen dazu kommen. (...) Hellas zahlte jahrzehntelang zwischen drei und sechs Prozent des Staatshaushalts für die Rüstung. In der Regel lagen die Ausgaben für Waffenkäufe auf dem doppelten Niveau der Bildungsausgaben. (...) Auch in der Krise scheint der Kalte Krieg für die Hellenen noch nicht vorbei zu sein. Trotz ständiger Kürzung von Renten, Löhnen und Sozialleistungen und immer neuen Steuern bleibt das Land an der Außengrenze Europas hinsichtlich seiner Rüstungsausgaben unter den ersten drei EU-Ländern. Schlimmer noch, die fanatischsten Verfechter der unsozialen Sparmaßnahmen drängten die Griechen, weiterhin ihre Arsenale zu füllen. (...) Um den Griechen Leopard 2 Panzer anzudrehen, wurde faktisch das komplette Ministerium geschmiert. Unter den verdächtigen Firmen befinden sich zahlreiche alte Bekannte, wie der bereits wegen nachgewiesener Korruption in Griechenland abgestrafte Siemens Konzern.“
(Telepolis)

30.01.2014 - 12:03

Die ohnedies quasi auf allen Ebenen verehrungswürdige Schauspielerin Scarlett Johansson ist zudem noch eine der raren Künstlerinnen unserer Tage mit Haltung und mit Rückgrat.
Seit einiger Zeit hat die Schauspielerin einen Werbedeal mit der israelischen Firma Sodastream. Nun geriet sie in einen dieser blöden Shitstorms, mit denen Künstler, die mit israelischen Firmen zusammenarbeiten oder die es gar wagen, in Israel aufzutreten, heutzutage unter Beschuß genommen werden (siehe auch „Der Boykott-Blues“: http://www.bseliger.de/sites/default/files/Israel%20Boykott%202013%2008%2004%20FINAL.pdf ). Zuletzt forderte auch die sogenannte „NGO“ Oxfam die Schauspielerin auf, nicht weiter mit der israelischen Firma zusammenzuarbeiten – sounds familiar? „Keine Geschäfte mit Juden!“...
Laut „Perlentaucher“ hat Scarlett Johansson nun in der Huffington Post dargelegt, daß sie keinen Grund dafür sieht: Die Firma, schreibt sie, „ist nicht nur dem Umweltgedanken verpflichtet, sondern will auch eine Brücke zwischen Israel und Palästina bauen, sie unterstützt die Zusammenarbeit der Nachbarn, die gleich bezahlt werden und gleiche Rechte haben. Das ist es, was in der Ma'ale Adumim factory jeden Tag passiert."
Im Januar-Heft der auch sonst immer sehr lesenswerten Zeitschrift „Konkret“ konnte man übrigens einen interessanten Artikel über die Arbeit der „angeblich uneigennützigen und hilfsbereiten NGOs in den palästinensischen Gebieten“ lesen (Alex Feuerherdt, „Das bestgehütete Geheimnis“). Wußten sie zum Beispiel, daß, obwohl es weitaus schlimmere Krisengebiete auf der Erde gibt, es nirgendwo so viele „Nichtregierungsorganisationen“ gibt? Und diese NGOs agieren durchaus nicht aus purer Menschenfreundlichkeit, sondern aus massiven politischen Interessen. In China nennt man die NGOs übrigens GONGOs – nämlich, was der Realität wesentlich näher kommt: Governmental Non Governmental Organisations...

21.01.2014 - 11:01

Jack White hat auf seinem Label eine opulente Box mit Aufnahmen von Paramount Records veröffentlicht: „The Rise and Fall of Paramount Records 1917-1932“. Was ist an dieser Veröffentlichung so degoutant, ja nachgerade pervers?
Hier wird eine Fetischisierung des Musikgeschmacks betrieben, die ihresgleichen sucht. Alte, Urheberrechts-freie Aufnahmen werden in einer limitierten (!) handgeschnitzten (!) Eichen(!)box mit Salbei(!)-Samt(!)-Bezug und handgeschmiedeten (!) Intarsien auf 6 Vinyl-LPs ausgeliefert. Die LPs wurden auf kastanien(!)farbigem Vinyl gepreßt und haben handgravierte (!) Blattgold(!)-Etiketten mit einer aufwendigen Blindprägung; die LPs werden in gelaserten (!) weißen Birken(!)-Hüllen verpackt. Dazu gibt es die einschlägigen dicken Bücher und einen USB-Stick mit 800 remasterten Tracks und 200 Werbeanzeigen aus der fraglichen Zeit – der USB-Stick hat einen wahrscheinlich handgravierten bronzeartigen Griff... Sie fragen sich zu Recht – ist das alles nicht bescheuert? Komplett durchgeknallt? Ja, es ist. Doch ich habe nur aus der Selbstbeschreibung zitiert, die man auf der Homepage von Jack Whites Label finden kann. Aktueller Preis dieser Box, des selbsternannten „Wonder Cabinets“, bei Amazon (Stand 3.1.2014): EUR 568,68.
Eine perverse Selbstbefriedigung eines Musikers, hergestellt im „Manufaktum“-Style für die Reichen, die sich ihren Distinktionsvorteil noch etwas kosten lassen (diese Musik aber in der Regel kaum hören werden). Wenn es Jack White um die Musik gehen würde, die auf diesen LPs und auf dem USB-Stick zu hören ist, wenn es ihm darum gehen würde, daß diese Musik (und es ist wohl, neben viel Mittelmaß, auch großartiges Zeug darauf, z.B. von Charley Patton, Blind Lemon Jefferson, Son House, Ma Rainey, Ethel Waters) gehört wird, dann hätte er diese Musik zugänglich gemacht, also kostenlos im Netz veröffentlicht – wie gesagt, wir reden von Musik aus den Jahren 1917-1932..
Aber hier geht es nicht um die Musik. Hier geht es um eitle Selbstdarstellung. Hier geht es um ein „Mausoleum für die absterbende Kunst des Plattenhörens“, wie Simon Reynolds sagt; für Reynolds haben Box Sets immer etwas mit „Särgen“ zu tun, und genau diese Assoziation hat man beim Paramount-„Wonder Cabinet“ des Jack White: ein aufwendiger Eichensarg soll hier bereitgestellt werden, den sich die Reichen als „Coffee-Table-Box-Set“ neben den Couchtisch stellen können. Vergriffene schwarze Musik als High End-Nischen-Kapitalismus.
Ich mag Jack White. Ich war auf seinem letzten Berlin-Konzert, das viel Spaß gemacht hat, und ich mochte die White Stripes. Und ich war in Austin, Texas, an seinem umgebauten Bus und habe einige der von ihm wiederveröffentlichten Platten gekauft. Ich glaube, Jack White ist ein guter Typ. Aber er zeigt eben auch, wie rasch sich ein Musiknerd, dem es nur um Authentizität und Verfeinerung geht, in die Sackgasse manövrieren kann. „Wild“ Billy Childish erzählt in Simon Reynolds Retromania-Buch, wie die White Stripes über Monate hinweg in einem alten Studio versuchten, Platten aufzunehmen, die so klingen sollten wie diejenigen, die ihre Vorbilder dort an einem Tag aufgenommen hatten. Auf der Suche nach dem verlorenen Sound... Jemand muß Jack White sagen, daß er auf einem Irrweg ist.
(die Musik der Paramount Box ist mittlerweile übrigens laut Google auf Pirate Bay zu finden...)

21.01.2014 - 10:58

Ist Ihnen das auch aufgefallen, wie verschämt die Politiker der Koalition beim Thema Sterbehilfe sich plötzlich auf die Gewissensfreiheit der Abgeordneten berufen?
„Das Thema ist bedrängend, weil es existentielle Fragen berührt. Jeder Abgeordnete wird hier dem eigenen Gewissen folgen“,
sagte Bundesgesundheitsminister Gröhe (CDU) laut „FAZ“. Beachten Sie besonders das „hier“, das die Gewissensentscheidung der Abgeordneten, die ja laut Grundgesetz selbstverständlich ist und immer und grundsätzlich gilt, als Ausnahme darstellt – jeder Abgeordnete wird hier, also dieses eine Mal, ausnahmsweise, seinem Gewissen folgen.
Aber so ist das in unserer sogenannten Demokratie – natürlich folgen tatsächlich die Abgeordneten längst nicht mehr ihrem Gewissen, sondern der Fraktionsdisziplin – während das Grundgesetz festlegt, daß die Parteien an der Willensbildung des Volkes mitwirken, ist die Realität längst die, daß die Parteien bestimmen, was das Volk denkt und was die Abgeordneten abzustimmen haben – Gewissen hin, Gewissen her, Gewissen ist ein Zottelbär. 

05.01.2014 - 12:35

Und was haben die Kraniche der CDU/CSU voraus?

Während Angela Merkels Union im Europaparlament weiter eine Fraktionsgemeinschaft mit der reaktionären ungarischen Fidesz-Partei des Westentaschen-Diktators Orbán bildet und auch sonst hierzulande wenig Initiative gezeigt wird, die antidemokratischen Handlungen der ungarischen Regierung zu bekämpfen, haben die Kraniche Konsequenzen gezogen:

„Kraniche ändern ihre Flugrouten – statt über Ungarn fliegen sie nun über Bayern nach Süden“ meldet die „Berliner Zeitung“ am 3.Januar. Ich habe schon immer ein Faible für Kraniche gehabt – kluge Vögel sind das!

05.01.2014 - 12:35

Während in den hiesigen Medien bevorzugt die Jammereien alternder Popstars abgedruckt werden, die barmen, daß sie von Spotify zu wenig Geld bekommen würden (was lediglich meint: niemand kauft mehr unsere CDs!...), finden andernorts interessante Begebenheiten statt: In Spotifys Heimatstaat Schweden beispielsweise sind Musiker auch wenig begeistert von den geringen Streaming-Erträgen, sie ziehen aber die richtigen Konsequenzen und verklagen ihre Labels (die ja das Geld von Spotify bekommen): Eine Gruppe schwedischer Musiker, vertreten durch die Musikergewerkschaft, drohen Universal Music und Warner Music mit Klagen, wie im „Musikmarkt“ zu lesen war. Die Musiker fordern faire Anteile von den Streaming-Einnahmen.

Wie nur die wenigsten wissen, wenden die meisten Plattenfirmen auf die Einnahmen von Streamingdiensten das gleiche Prinzip an wie beim Verkauf von physischen Tonträgern. Das bedeutet letztlich, daß die Künstler lediglich zwischen 6 und 10 Prozent der Einnahmen erhalten, der Rest bleibt bei den Plattenfirmen – generalstabsmäßig organisierter Diebstahl an den Künstlern sozusagen. Laut „The Guardian“ kommen von jeweils 4.500 Pfund, die eine Plattenfirma für eine Million Streams erhält, gerade einmal 500 Pfund bei den Künstlern an.

Weltweit fordern Künstler, daß die Einnahmen aus den Streamings nach dem Prinzip der Lizenzierung abgerechnet werden, was den Künstlern in aller Regel einen 50prozentigen Einnahmeanteil verschafft (und den Plattenfirmen noch genug Profit belassen würde). US-Gerichte folgen dieser Logik, Eminem z.B. erhielt bei seiner entsprechenden Klage gegen Universal Music Recht. Auch die Temptations, Chuck D von Public Enemy oder die Sugarhill Gang erhielt von Universal Music Geld zurück, das sie eingeklagt hatten, und Sony Music mußte in den USA massive Nachzahlungen an Künstler wie die Allman Brothers oder Cheap Trick bestreiten. Dieser Tage zahlte laut „Musikmarkt“ auch Warner Music insgesamt 11,5 Millionen US-$ in einen Topf, aus dem die Warner-Künstler entschädigt werden sollen, die bisher von dem Label um ihre Einnahmen geprellt wurden. Warner Music geht es darum, die Künstler zu besänftigen, die gegen das Label geklagt haben. Ob der Plan aufgeht, mit den Almosen die Künstler-Klagen abzuwenden, ist noch offen.

Eines zeigen all diese Beispiele sehr anschaulich: Wer glaubt, daß Milliardär Leonard Blavatnik, dem mittlerweile Warner Music gehört, oder der größte Musikkonzern der Welt, Universal Music, Philanthropen sind, die aus purer Nächstenliebe und aus kulturellem Interesse Künstler fördern, ist ein Dummkopf. Erinnern wir uns, was der legendäre britische DJ John Peel sagte: „Die großen Plattenfirmen haben nie so getan, als seien sie zu etwas anderem da, als möglichst viel Geld zu verdienen, von dem sie den Musikern möglichst wenig abgeben. Sie sind Investitionsapparate.“

05.01.2014 - 12:32

Als ich am 17.12.2013 in Hamburg war zur Lesung im Golden Pudel Club, war dies die Titelseite der Hamburger Morgenpost:

Madsen Esso HausMadsen Esso Haus

Laut „Hamburger Morgenpost“ könnte der „extreme Lärm“ der „Rockband Madsen“ schuld daran sein, daß die Esso-Häuser bebten und daraufhin evakuiert werden mußten. Madsen? Lärm?!? Die brave Bubi-Band soll plötzlich auf den Pfaden von SunO))) wandeln?

Ach geh.

Aber wenn es denn nun so wäre? Wenn Madsen tatsächlich Häuser beben lassen und zum Einsturz bringen können?!? Dann hätte ich, um eine Hacks-Anekdote zu zitieren, mit der Band einiges Dringende zu besprechen. Dann würde ich Madsen nämlich gerne im Sommer 2014 zu ein paar kleinen Open Air-Auftritten nach Berlin einladen. Etwa ein Benefiz-Open Air auf dem Potsdamer Platz mit dem Ziel der Neugestaltung desselben. Und anderntags ein kleines Open Air vor dem Alexa vielleicht? Und ein Stadtschloß Open Air auf der Baustelle? Wir werden sehen. 

05.01.2014 - 12:25

„Perfection is the disease of the nation". (Beyoncé)

Und: „Feminist - the person who believes in the social, political, and economic equality of the sexes". (Chimamanda Ngozi Adichie, in „Flawless“, ebenfalls von Beyoncés neuem Album)

05.01.2014 - 12:24

"Eine vollkommen überwachte, abgehörte, ausgespähte Gesellschaft, bei der jede Lebensäußerung daraufhin abgecheckt wird, was algorithmisch daraus folgt, ist keine freie Gesellschaft mehr. Das ist das Ende der demokratischen Gesellschaft. Es ist auch das Ende der Meinungsfreiheit, wenn die Maschinen unsere Gedanken lesen können. Bürgerrechte, wie zum Beispiel die Unschuldsvermutung oder das Briefgeheimnis, existieren heute nicht mehr. Sie sind durch den Wilden Westen des Datenmissbrauchs außer Kraft gesetzt."

(Eva Menasse in der taz)

05.01.2014 - 12:23

Nun sind die bürgerlichen Medien, die bevorzugt den Jahrestagsjournalismus pflegen, voll von Artikeln und Feuilletons zum Ersten Weltkrieg. Titelstories und neue Bücher, die so tun, als ob sie alles erklären würden oder könnten.

Die Realität jedoch sieht unter anderem so aus, daß die kurzen Texte, Aphorismen, Essays und Reden eines der klügsten Analytiker seiner Zeit, nämlich Robert Musils, hierzulande einzig in einer gebundenen Ausgabe (von 1978!) als Teil der Gesammelten Werke vorliegen, für sage und schreibe EUR 64.-

Darin könnte man lesen, warum es so schwierig ist, sich einen Begriff vom Ersten Weltkrieg und von der Zeit davor und danach zu machen, und warum Europa heute so hilflos ist wie seinerzeit auch schon: „So sieht also Weltgeschichte aus der Nähe aus; man sieht nichts.“ (in: „Das hilflose Europa oder Reise vom Hundertsten ins Tausendste“)

Zu lehrreich, als daß man es den Lesewilligen hierzulande so einfach zugänglich machen wöllte...

05.01.2014 - 12:23

Wie wenn nicht Welt-, so doch grüne Bundespolitik gemacht wird, die sich natürlich mindestens für superwichtig und weltbewegend hält, erschließt sich aus einem kleinen Abschnitt in der „FAS“ vom 29.12.2013. Der Artikel heißt „Der Friedensengel“ und geht über Ströbele und sein „Meisterstück“, wie von acht Grünen, die im Jahr 2001 gegen den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr stimmen wollten, vier umfielen und so Schröders und Fischers „Macht“ erhielten. Darin über Winfried Hermann, seinerzeit Bundestagsabgeordneter und heute Minister der Landesregierung Baden-Württemberg: „Hermann verwandte viel Zeit darauf, das (sein „Nein“, BS) der Öffentlichkeit mitzuteilen. Das genoß er. Er beschäftigte damals eine Praktikantin. Die verfaßte ein kleines Tagebuch über jene aufregende Novemberwoche, das in Form eines Briefes an Hermanns noch kleines Kind angelegt ist. Überschrift: ‚Die Tage, als Dein Papa Geschichte schrieb’. Es geht darin vor allem darum, wie die Fernsehauftritte des Abgeordneten koordiniert wurden. Am Dienstagabend waren es gleich drei Live-Interviews. In einer ‚schwarzen Limousine’ auf dem Weg zum Fernsehstudio mußte die Praktikantin den Abgeordneten mit Essen und Trinken ‚aufpäppeln’. In der Maske eines Senders, wo die Gäste vor dem Auftritt geschminkt werden, seien Hermann ‚sogar die Wimpern gebürstet’ worden, erinnert sich die Verfasserin. ‚Er ist tief beeindruckt.’ Besonders begeistert schien der Mann vom linken Flügel der Grünen zu sein, als er im ‚heute journal’ des ZDF befragt wurde. Seine Kurzzeit-Biographin schreibt, Hermann scheine ‚sehr stolz’ zu sein. Und sie zitiert ihn mit dem Satz: ‚Wow, ich hab’s geschafft, wie war ich?’“

Wenn Sie wissen wollen, wie Politik gemacht wird, dann lesen Sie das Kleingedruckte. Es geht letztlich immer um eitle Kleindarsteller, die Gelegenheiten suchen, sich irgendwie groß oder geil finden zu können. Und die ihren kleinen Kindern Legendenbücher darüber anlegen, wie toll ihr Papa doch mal war. Mehr ist da nicht. Nirgends.

05.01.2014 - 12:22

„Wer will schon wissen, was ich mag. Ich jedenfalls nicht.

Ich habe aber eine Hassliste.

Und darauf steht zurzeit...

Chinesische Kunst. Zeitgenössische chinesische Kunst. Die gesamte zeitgenössische chinesische Kunst. Was um alles in der Welt wollen diese Künstler? Kunst für Kunstmessen in Miami? (Sie könnten auch einfach Ausverkaufsschilder bemalen.) Zum Beispiel der Typ, der diese lächelnden Leute malt – die chinesische Regierung sollte ihn verdammt noch mal wegsperren.“

Richard Prince (Übersetzung Markus Schneider), zitiert lt. „Monopol“

05.01.2014 - 12:21

Jetzt hat die Post wieder einmal das Porto erhöht, und sie verlangt von uns, lächerliche Briefmarken mit Kleinstwerten zu kaufen und auf die Briefe zu kleben, um die alten bereits gekauften Briefmarken weiter verwenden zu können.

Man versteht einfach nicht, warum die Post hierzulande immer noch so unflexibel und kundenfeindlich agiert. In anderen Ländern, zum Beispiel den USA, dürfen alte Briefmarken einfach aufgebraucht werden – ist ja auch logisch: es entstehen der Post ja keineswegs Verluste, wenn ihre Kunden schon vor ein paar Monaten Briefmarken gekauft haben, die sie jetzt weiter auf ihre Post kleben, ganz im Gegenteil: das Geld hat die Post ja in diesen Fällen lange vor der Beförderung kassiert und kann sich entsprechende Zinsgewinne und Eigenkapitalsvorteile verbuchen. Aber nein, hierzulande wird von der Post nach ihrer Privatisierung jede, aber auch jede Möglichkeit genutzt, den BürgerInnen ins Portemonnaie zu greifen – und übrigens auch von Beförderungsunternehmen wie der BVG.

05.01.2014 - 12:20

Und die „Grünen“?

Deren baden-württembergische Variante zeichnete sich Ende letzten Jahres als besonders kunstfeindlich und besonders Gema-freundlich aus. Zwei Grünen-Ministerinnen verhinderten den Einsatz der Musik eines prominenten GEMA-Kritikers bei der Verleihung des Schiller-Preises an Reinald Goetz.

Und das kam so: Für den Festakt zur Verleihung des Schiller-Preises an Rainald Goetz im November 2013 war als musikalischer Beitrag das Stück „Charts Music“ des Komponisten und GEMA-Kritikers Johannes Kreidler vorgesehen. Dieses Musikstück ist laut „Telepolis“, dem ich den gesamten skandalösen Vorgang entnommen habe, „aus Aktienkursen und anderen Wirtschaftskurven entstanden, mit denen der Komponist die Microsoft-Komponiersoftware Songsmith fütterte“. Daraus entstand laut Kreidler ein „vorfinanzierter Hörsturz“, ein profundes Stück Avantgardemusik.

Die Organisatoren der Feier allerdings teilten dem Komponisten mit, daß das „von der Grünen-Politikerin Theresia Bauer geleitete Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst und das von ihrer Parteifreundin Silke Krebs geführte baden-württembergische Staatsministerium auf eine Änderung des Rahmenprogramms drängten, weil es ‚zu progressiv’ sei.“

Auf Anfrage hieß es aus dem Kunst-Ministerium dann, „es sei Aufgabe des Ministeriums, ‚durch eine geeignete Organisation und ein passendes Rahmenprogramm’ für eine ‚angemessene und gelungene’ Schillerpreisverleihungsfeier zu sorgen. Das von der Musikhochschule Stuttgart dazu vorgeschlagene Werk Kreidlers erachte man zwar als ‚inhaltlich spannend’ und es verspreche, ‚die Persönlichkeit und das Werk des Preisträgers [...] passend zu spiegeln’ - da es jedoch über 30 Minuten lang sei und die Festivität insgesamt nur eine Stunde dauern solle, habe man darum gebeten, ‚das Rahmenprogramm zeitlich zu straffen’, um ‚der Tatsache gerecht zu werden, dass im Zentrum der Veranstaltung nicht die Musik, sondern die Ehrung eines Literaten steht’.“ Allerdings: Das Stück Kreidlers, das endgültig aus dem Festprogramm herausflog, ist keineswegs 30 Minuten, sondern nur 3 Minuten lang.

Derartig plumpe staatliche Eingriffe in die Kunstfreiheit waren eigentlich mal das Privileg der bayerischen CSU-Regierungen zu Zeiten von Strauß oder Stoiber. Tempora mutantur...

Friedrich Schiller ist bekanntlich weiland vor der herrschenden Unfreiheit in dieser Region geflohen.

08.12.2013 - 16:45

„Gauck boykottiert Olympische Spiele in Sotschi.“

Ich wußte gar nicht, daß er sich qualifiziert hatte. Und in welcher Disziplin. Pirouettendreher?

08.12.2013 - 16:44

Um einen so zauberhaften wie traurigen Satz aus Peter Kurzecks „Ein Kirschkern im März“ zu paraphrasieren:

„Erst Lou Reed – schon sein Tod: das hätte nicht sein dürfen. Von Rechts wegen! Und jetzt auch noch Peter Kurzeck! Wie sollen wir uns jetzt auch noch den ersetzen?“

08.12.2013 - 16:43

Und die Katholiken? Sind unter die Kommunisten gegangen, bzw. sind mindestens veritable Antikapitalisten. Ihr Chef auf Erden, Papst Franziskus, nennt in „Evangelii Gaudium“ das herrschende kapitalistische Wirtschaftssystem „in der Wurzel ungerecht". Die Welt lebe in einer neuen Tyrannei des „vergötterten Marktes".

Da nimmt einer plötzlich die Bergpredigt ernst. Erstaunlich. Doch nicht, daß Sie jetzt denken, da werde jetzt die Pieta zugunsten der Flüchtlinge von Lampedusa versteigert. Nein, die mit größtenteils verbrecherischen Mitteln über die Jahrhunderte angehäuften Reichtümer der Kirche bleiben: Reichtümer der katholischen Kirche.

08.12.2013 - 16:43

Die CD-Weihnachts-Tipps der SZ-Feuilleton-Redakteure („was SZ-Autoren lesen, hören, schauen“...) am 30.11.2013 (die Literatur-CDs sind hier weggelassen, nur Musik-CDs also, und es heißt dort auch ausdrücklich „CD“, nicht „Album“ oder „LP“):

Neil Young/Psychedelic Pill, Jonas Kaufmann/The Verdi Album, Mieczyslaw Weinberg/Complete Sonatas for Violin, Anna Prohaska/Enchanted Forest, The Strypes/Snapshot, Nick Cae & The Bad Seeds/Live from KCRW, Vampire Weekend/Modern Vampires of the City, John Eliot Gardiner/Bach Kantatas, Ute Lemper/Forever, Tocotronic/Wie wir leben wollen, The Notwist/Close To The Glass (erscheint aber erst im Februar 2014 – ts ts...), Daft Punk/Random Access Memories, Robbie Williams/Swings Both Ways, Russian Circles/Memorial, Criolo/Nó Na Orelha („So weich kann die Favela klingen“...), Junip/same.

So ist das. Kein HipHop, kein Jazz, kein R’n’B – keine Experimente! Biedermeier! Was jetzt nicht heißen soll, daß diese Alben nicht auch gut sein können, klar, aber vom Qualitäts-Feuilleton der größten deutschen „Qualitätszeitung“ kann man doch etwas mehr erwarten, oder?

01.12.2013 - 14:38

Joschka Fischer und sein neuer BMW:

01.12.2013 - 13:23

Während in Deutschland das Rundfunkgebührensystem zu Anfang des Jahres auf eine Haushaltspauschale umgestellt wurde, die zur Folge hat, dass auch jene Bürger in vollem Umfang Sportübertragungen, Volksmusiksendungen, Degeto-Fernsehspiele, Vorabendsoaps und Musiksendungen zweifelhafter Qualität mitfinanzieren müssen, die diese gar nicht nutzen (und häufig auch gar nicht nutzen wollen), schlägt die französische Kulturministerin Aurélie Filippetti laut „Telepolis“ ein faires, BürgerInnen-gerechtes Verfahren vor: Sie will, „daß die Bürger ihres Landes künftig in der Steuererklärung angeben können, ob sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nutzen oder nicht. Wer sich lediglich über private Sender und das Internet informiert oder medienabstinent ist, müsste dann auch nichts mehr zur Staatsunterhaltung beitragen.“ Eine Überprüfung der Richtigkeit der von den Bürgern gemachten Angaben hat Filippetti angeblich nicht im Sinn, sie will den Menschen "vertrauen".
In Frankreich beträgt die jedes Jahr mit der Inflation steigende Rundfunkgebühr derzeit 131 Euro im Jahr – 84,76 Euro weniger als die Zwangssteuer in Deutschland.

01.12.2013 - 13:22

Der rechtskonservative Ministerpräsident Bouffier bastelt in Hessen eine schwarz-grüne Koalition. So wächst zusammen, was zusammen gehört.
Das war der ursprüngliche Blogeintrag. Am Tag darauf lese ich in der „FAZ“, daß Grünen-Vorsitzender Al-Wazir seine Twitter-Meldung über die Koalitionsgespräche mit der CDU mit einem Song des einschlägigen Christen-Schmuse-Poppers und Afghanistan-Bundeswehr-Truppenbetreuers Xavier Naidoo verlinkt hat. Über das kulturelle Niveau der Grünen braucht man sich keine Illusionen zu machen, es wächst eben immer alles noch besser zusammen...

01.12.2013 - 13:21

"Schön is' det nich', ne, überall heiraten se im Bekanntenkreis und bauen Häuser und alles, und selbst bleibt man irgendwie übrig."
Aus „Bauer sucht Frau“, RTL

01.12.2013 - 13:21

Zu Angela Merkels „Boygroup“ gehört der bisherige Kanzleramtsminister Eckart von Klaeden, der jetzt in neuer Rolle für Daimler arbeitet, nämlich als Cheflobbyist. Direkt aus dem Kanzleramt verpflichtet. Im Kanzleramt hatte Eckart von Klaeden laut „FAZ“ u.a. „mehrere interne Vorlagen des Bundeskanzleramts zur Regelung des Kohlendioxidausstoßes von Neuwagen in der EU erhalten“. Das Wirtschaftsministerium hatte „die Verbrauchseffizienzkenn-zeichnungsverordnung minutiös an die Wünsche der Automobilbranche angepaßt“, meldete die FAZ süffisant.
Aber wollen wir nicht so tun, als ob uns das in der Musikindustrie fremd wäre, auch wenn hier die Dimensionen natürlich um etliche Klassen geringfügiger sind. Die führende Mitarbeiterin der quasi staatlichen „Initiative Musik“, Katja Hermes, etwa übernimmt laut einem Bericht der „Musikwoche“ dieser Tage die Leitung der in Berlin neu eröffneten internationalen Agentur „Sound Diplomacy“. Was diese Firma so treibt? „Wir verbinden Veranstaltungsmanagement mit Forschung und strategischer Beratung“, heißt es bei „Musikwoche.de“. Aha. Und: „Katja Hermes fungiert künftig als Ansprechpartnerin für deutsche Institutionen, Organisationen und Unternehmen, die sich international etablieren wollen, aber auch für internationale Einrichtungen und Unternehmen, die auf den deutschen Markt abzielen.“
Zu den ersten Kunden von Katja Hermes und ihrem deutschen Büro von “Sound Diplomacy“ gehören – die Initiative Musik. Und das Musicboard Berlin. Und Berlin Partner. Eben all die staatlichen „nation building“- und Stadtmarketing-Institutionen, die sich der deutschen Popwirtschaft bemächtigt haben und für eine derer Frau Hermes zuvor als Funktionärin gearbeitet hat.

01.12.2013 - 13:20

Ich weiß ich weiß, Namenswitze...
Aber wenn Sie in Ihrer Tageszeitung die Schlagzeile „Todeskino will Kiel weiter führen“ („FAZ“) lesen – geben Sie zu, dann müssen Sie doch auch schmunzeln, oder?

01.12.2013 - 13:19

Tobias Künzel war mal bei den Prinzen und ist seit geraumer Zeit stellvertretendes Aufsichtsratsmitglied der GEMA. Dabei muß er schlimme Sachen gesehen haben, denn nun schrieb er ein Musical über Karl Marx. „Er wird langsam wieder sexy“, sagt Künzel laut „Berliner Zeitung“, und Marx „hatte oft recht“, und so hat der GEMA-Fan nun eine „schräge Verwechslungskomödie mit Rockmusik“ komponiert. Der Intendant des Plauener Stadttheaters, wo das Künzel-Musical und auch schon Musicals wie „Hasch mich, Genosse!“ Premiere hatten, meint laut „SZ“: „Marx gehört zum Osten einfach dazu, das interessiert die Leute.“
Auf dem Programmflyer steht: „Lustiger als das Kommunistische Manifest! Romantischer als das Kapital!“ Ganz Musical eben, ganz Künzel eben, der laut Eigenaussage „keiner ist, der Straße auf Lampe reimt“.

01.12.2013 - 13:18

Springers „Welt“ hat am 30.10. den Maler Neo Rauch eingeladen, die Ausgabe der Zeitung zu gestalten – „jede Seite ein Traum“. Laut „Welt“ setzt Neo Rauch „gegen das Schlagfeuer der Nachrichten Bild-Erzählungen voller Rätsel und versteckter Botschaften“.
Nach der ersten Seite dieser Ausgabe, auf der ein Bild von Rauch und die zitierte Ankündigung zu sehen ist, erstmal zwei Seiten Anzeige eines Automobilkonzerns, „die Kunst, voraus zu sein“. Dann drei Seiten „Zeitung“ oder was man bei der „Welt“ dafür hält (mit „Bloß keinen Ingwertee für Merkel“ wird eine Seite gefüllt, auf den Meinungsseiten „Was ist ein Diktator?“ und „Chodorkowskis Mut“), dann eine Seite Uhrenanzeige („Wahre Schönheit währt ewig“), eine Seite Bankenanzeige („We ♥ NR seit 16.3.1990“ – wohl das Datum des ersten Ankaufs eines NR-Bildes durch die Bank...), und so geht es weiter im sogenannten Feuilleton mit weiteren fetten Auto- und Konsumgüter-Anzeigen – bisserl redaktioneller Text muß eben auch in einem Anzeigenblättchen heutzutage um die Anzeigen herum verstreut werden, damit sich die Inserate der Industrie besser verkaufen...

01.12.2013 - 13:18

Apropos Qualitätsjournalismus: Was denken Sie, wo stand dieser Text, und über wen ist er geschrieben?
„Sie will ein Album vorlegen, auf dem endlich ‚alles genau so klingt, wie ich es will’, sagt sie, das Visier aus Filz und Wolle für einen Moment geöffnet, das Gesicht gerötet von der Last des falschen Pferdes. Sie hat, auf den ersten Blick, noch immer die anrührend klaren Augen des Mädchens, das sie vor 15 Jahren war, in der Zeit vor dem Ruhm, vor der Heirat, vor den Kindern. Die blauen Augen der entschlossenen jungen Frau, die damals auch schon 22 war und die bei ihren allerersten Auftritten in vergammelten Kneipen ihren Traum besang, ein Popstar zu werden, auf der ganz großen Bühne (...)
Sie konnte nicht wissen, wie es sich anfühlen würde ‚da oben’, im Licht, auf Platz eins der Charts, auf Festivals vor 80.000 zahlenden Zuschauern, wie es sich sitzt in den Fernsehstudios bei Maybrit Illner, bei Harald Schmidt, als er noch groß war, wie es ist, dem Dalai Lama die Hand zu schütteln. (...) Sie wußte nicht, wie erbarmungslos der Rummel um den Ruhm sein kann, wie tief Müdigkeit geht, wie schnell sich alles anfühlt, ‚als würde man sich nicht mehr selbst gehören’. Sie ahnte nicht, daß Popstar werden leichter ist als Popstar sein.
Ihre Augen spiegeln diese Erfahrung heute, auf den zweiten Blick, eine Spur von Zweifel liegt manchmal in ihnen, eine kleine kichernde Angst, wenn sie sich die Reaktionen auf ihre neue Platte ausmalt, die Gemeinheiten, mit denen sie rechnen muß. (...) Dünn ist ihre Haut geblieben, ihr Panzer nur aus Wolle und Filz. (...) In den Liedern steht sie da, offen, verletzlich, erschütternd, den Kopf geneigt zum Nackenbiß.“
Na? „Das neue Blatt“? „Gala“? Ein Lore-Roman? Susanne Messmer in der „Zeit“ über eine tibetanische Sängerin?
Nein, das altherrenhafte Gesülze stand im „Spiegel“, und der Artikel ging über Judith Holofernes. Vor einiger Zeit hat sich die Künstlerin selbstbewußt gegen die Vereinnahmung der Blöd-Zeitung gewehrt. Daß leitende Redakteure der Blödzeitung jetzt leitende Redakteure beim „Spiegel“ sind und dort längst Artikel geschrieben werden, die so auch in der „Bunten“ stehen könnten – wer konnte so etwas ahnen. Ein derartiges Geschreibsel hat Judith Holofernes jedenfalls nicht verdient.

01.12.2013 - 13:17

Aber es geht immer noch schlimmer. Oder können Sie sich ein Gespräch von Philipp Lahm und Margot Käßmann vorstellen? Wollen Sie das gar lesen müssen? „Chrismon“, das evangelische Umsonstblättchen, hat die beiden zusammen kommen lassen, „was uns stark macht“.
Mir hat am besten Philipp Lahm gefallen, der ganz Fußballer-like (Abitur zu haben bedeutet heutzutage bekanntlich auch nichts mehr) plappert: „Ich denke, die Zeit, in der wir leben, ist sehr ungewiß. Und die Themen sind sehr kompliziert. Also brauchen wir Helden, zu denen man aufschauen kann, weil sie Mut bewiesen haben und ihre Erfolge Mut machen.“
Die Zeiten? Sehr ungewiß, fürwahr.
Die Themen? Sehr kompliziert.
Erst hat man kein Glück, dann kommt auch noch Pech hinzu.

01.12.2013 - 13:16

Klar, unsereiner macht sich über den Zustand des hiesigen „Qualitätsjournalismus“ in der Regel wenig Illusionen (was nicht heißt, daß es immer noch eine gewisse Anzahl seriöser und guter JournalistInnen gibt – aber das wissen Sie ja selbst, daß man aus dem Allgemeinzustand einer Branche nicht auf jeden einzelnen dort Arbeitenden schließen darf). Wenn es einem aber gerade wieder einmal passieret, dann... Reden wir vom Tod Lou Reeds. Kaum ein deutscher Artikel, der ohne die Beschreibung Lou Reeds als „schwierig“, als „Feind von Journalisten“, als „Todeszwerg“ gar (in der „Welt“, als Titelzeile Lester Bangs zitierend) auskam – im interessanten Gegensatz übrigens zur französischen Musikpresse („Les Inrockuptibles“ brachte ein lesenswertes, mehrseitiges Interview mit Lou Reed) oder zu US-Medien, wo gerade die Freundlichkeit und Kollegialität des Künstlers hervorgehoben wurde.
Besondere Erwähnung verdienen jedoch zwei hiesige Medien. In der „taz“ findet deren Pop-Chef, der die letzten Konzerte von Lou Reed 2012 noch als „Flop des Jahres“ bezeichnet hatte und in seiner Rezension damals von Lou Reeds Musik offenkundig überfordert war und es deswegen vorzog, ausführlich über die Regenjacken seiner Fans zu berichten, daß „seine Songs mit zum Größten gehören, was die Popmusik je hervorgebracht hat“.
Auch toll der Nachruf von Thomas Groß auf der Titelseite (!) der „Zeit“, dieses altjungfernhaften Hamburger Mediums, das bevorzugt zu spät kommt, dann aber mit großem Getöse. Thomas Groß jedenfalls hat eine Fantasie: „Zu schade, daß er es nicht mehr auf Tour geschafft hat“, beginnt er seinen Artikel. Und schwurbelt dann, daß eine Tour doch prächtig „gepaßt“ hätte „zu einem Jahr, in dem sie alle noch einmal vorbeigezogen kamen, der heilige Neil, der olympische Leonard, der sakrosante Bob“, doch allein, „auf seine Weise aber war es folgerichtig, daß er fehlte: An Verabredungen gleich welcher Art hat Lou Reed sich nie gehalten“, nicht einmal an Verabredungen mit einem „Zeit“-Schreiberling, die nur in dessen Fantasie stattfinden.
Aber das ist eben das Dilemma weiter Teile des deutschen Musikjournalismus: weiter als bis zum eigenen Bauchnabel reicht der Horizont in aller Regel nicht. Und wenn der Herr Zeit-Autor und sein Bauchnabel bei der letzten Lou Reed-Tour 2012, zu der ja gut 16.000 Menschen kamen, nicht dabei waren, dann kann diese Tournee natürlich einfach nicht stattgefunden haben. Und im besten deutschen Bauchnabeljournalismus-Stil darf man dann auf der Titelseite der „Zeit“ beklagen, daß es Lou Reed „nicht mehr auf Tour geschafft hat“.
Wie armselig.
(was jetzt nicht heißen soll, daß es nicht auch hierzulande angemessene Lou Reed-Nachrufe gegeben hätte, z.B. von Dietmar Dath in der „FAZ“, von Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“, von Andrian Kreye in der „SZ“ oder von Karl Bruckmaier in der „taz“).

01.12.2013 - 13:15

Lou Reed hat während der letzten zwei Jahre zusammen mit Hal Wilner an manchen Samstagen um Mitternacht eine Radio-Show auf XM Channel 30 betrieben: „Lou Reeds New York Shuffle with Hal Wilner“, man kann die Playlists im Netz finden. Und in der letzten dieser Shows begann Lou Reed mit „Cadillac Desert“ von William Tyler (mit Lambchop Künstler dieser Agentur), und als zweites spielte er den wunderbaren „Heavenly Household Blues“ eines gewissen Townes Van Zandt, aber auch einen Track des großen Wadada Leo Smith, einen Ausschnitt der „Freedom Democratic Party 1964“, „Love Is The Drug“ von Bryan Ferry und „Golden Phone“ von Micachu und Musik von Johnny Cash, James Brown oder Scott Walker.
So ist das alles.

01.12.2013 - 13:12

Liebe Tonträgerindustrie! Von Gatekeepern meines Vertrauens wurden mir die neuen Alben von u.a. Troy Ave, Kelela oder Zebra Katz empfohlen. Alben, die ich mir zwar auf Spotify anhören, nicht aber z.B. als LP kaufen konnte, weil hierzulande nicht erhältlich. Hört ihr, liebe Plattenfirmen?!? Ich würde diese Alben gerne KAUFEN!!! Euer manchmal sehr altmodischer Kunde BS.

18.10.2013 - 11:52

Seit dem 18.Oktober geht Heino in die Hamburger Schule. Auf der heute erschienenen, erweiterten Version seines Cover-Albums „Mit freundlichen Grüßen“ namens „Jetzt erst recht“ singt Heino u.a. den Song „Kapitulation“ von Tocotronic.

Wäre doch auch ein prima Song für CDU- und SPD-Granden bei ihrer nächsten Wahlparty. Oder doch eher für die Grünen? Anything goes!

15.10.2013 - 13:08

Und wie wird hierzulande Politik gemacht?

Zum Beispiel so:

Am 9.Oktober 2013 haben die BMW-Anteilseigner Johanna Quandt und ihre Kinder Stefan Quandt und Susanne Klatten der CDU laut SPON je 230.000 Euro gespendet. Insgesamt erhielt die Partei der „Autokanzlerin“ also von der BMW-Anteilseigner-Familie eben mal 690.000 Euro. Stefan Quandt hält laut SPON 17,4 Prozent der BMW-Anteile, Mutter Johanna 16,7 Prozent und Susanne Klatten 12,6 Prozent.

Nur fünf Tage später, am 14.Oktober 2013, verhindert die CDU-geführte deutsche Bundesregierung beim Treffen der EU-Umweltminister eine Einigung auf strengere Abgasnormen für Autos in Europa. „Ziel der Bundesregierung ist es, die Einführung neuer Richtlinien über einen längeren Zeitraum zu strecken, wovon vor allem Oberklasse-Hersteller wie Daimler und BMW profitieren würden. Der EU-Kompromiss sah vor, dass ab 2020 Neuwagen nur noch 95 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausstoßen dürften.“

„Umwelt“minister Peter Altmaier (CDU) plädierte für mehr "Flexibilität". Konkret will die Bundesregierung erreichen, daß Elektroautos und Hybride, wie auch BMW sie baut, mehrfach gegen den CO2-Ausstoß von Spritfahrzeugen aufgerechnet werden können. Zudem soll die schärfere CO2-Grenze nur für einen Teil der Pkw nach dem Jahr 2020 gelten. –

Parteispende der BMW-Anteilseigner erhalten und verbucht. Mission erfüllt. Umwelt geschadet.

Im „Handelsblatt Morning Briefing“ schreibt Herausgeber Gabor Steingart am 15.Oktober 2013:

„Auf Angela Merkel kann sich die Autoindustrie verlassen. Im Streit um strengere EU-Abgaswerte setzt sie jetzt eine Verschiebung durch. Eine bisher unveröffentlichte Besucherliste des Kanzleramts, die unserer Zeitung vorliegt, zeigt: Die Vorstände der Autoindustrie sitzen deutlich häufiger auf dem grauen Stoffsofa in Merkels Amtszimmer als andere Industrievertreter.“ Was uns nicht wundert, sondern was wir genau so auch erwartet hatten...

15.10.2013 - 13:06

Auch „Grünen“-Ministerpräsident Kretschmann macht auf seine ganz eigene Art Politik: Er erklärt das von der Partei in jahrelanger Kleinarbeit zusammengestellte und einmütig verabschiedete Wahlprogramm seiner Partei im „Spiegel“ kurzerhand für obsolet:

„Das Wahlprogramm ist erledigt, es ist vom Wähler abgestraft.“

So ist das heutzutage: Man macht nicht mehr Politik, man betreibt Populismus. Man kämpft nicht mehr für Ideen und Konzepte, von denen man die WählerInnen zu überzeugen sucht, sondern man hängt sein Fähnlein in den Wind und orientiert sich an Umfrageergebnissen.

Und beweist nebenher noch ein eher drolliges Demokratieverständnis: Daß nämlich immerhin 8,4 Prozent der abgegebenen Stimmen für genau das Wahlprogramm der Grünen mit allen Steuererhöhungen für Vermögende abgegeben wurden, wird kurzerhand vom Tisch gewischt. Die Stimmen von 3.694.057 WählerInnen sind dem Grünen-Politiker Kretschmann völlig schnurz, diese Stimmen sind für ihn „erledigt“.

12.10.2013 - 12:20

Während der Limburger Bischof Tebartz-van Elst sich aufführt wie ein barocker Fürstbischof.

„Ich brauche keinen pompösen Lebensstil“, sagte der Herr Bischof nun laut SPON. Natürlich nicht. Nur eben einen First Class-Flug, wenn er mal die Ärmsten der Armen in Indien besucht, eine freistehende Badewanne für 15.000 Euro und diverse Kunstwerke für 450.000 Euro in seinem Bischofssitz. Die ursprünglich auf 200.000 Euro veranschlagte Privatwohnung des Herrn Bischofs kostete laut SPON am Ende 2,98 Millionen Euro, ohne Einrichtung wohlgemerkt. 2,98 Millionen für eine Privatwohnung? Find ich jetzt alles andere als pompös, sondern eher gewöhnlich, oder? Ich halte jede Wette, daß die meisten Abonnenten dieses Rundbriefs in Gemächern hausen, die mehr als 2,98 Millionen gekostet haben.

12.10.2013 - 12:19
Ein Bericht des Internationalen Roten Kreuzes malt laut „Telepolis“ ein düsteres Bild von der sich verschlechternden Situation in Europa und fordert eine Abkehr vom Sparen. „Das IFRC (Internationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung) kritisiert in einem Bericht, der eben veröffentlicht wurde, die Austeritätspolitik in Europa. Obwohl der Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise schon fünf Jahre zurückliegt, würden immer noch Millionen Menschen in die Armut rutschen. Europa sei mit der ‚schwersten humanitären Krise seit 60 Jahrzehnten’ konfrontiert, sagt IFRC-Generalsekretär Bekele Geleta. Es gebe eine graduelle Verschlechterung: Millionen leben von Tag zu Tag, haben keine Ersparnisse und keinen Puffer, um unvorhergesehene Ausgaben leisten zu können". Zwischen 2009 und 2012 ist die Zahl der Menschen in den 22 untersuchten europäischen Ländern, die auf Lebensmittelversorgung durch den IFRC angewiesen sind, um 75 Prozent angestiegen. In vielen Ländern gibt es eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, die bis zu 60 Prozent beträgt. Die Kluft zwischen Arm und Reich hat zugenommen, in vielen Ländern wurden sozialstaatliche Programme gekürzt. 18 Millionen Menschen erhalten von der EU finanzierte Lebensmittelhilfen, 43 Millionen in der EU haben nicht jeden Tag genug zu essen, 120 Millionen stehen an der Schwelle zur Armut. "Während andere Länder die Armut reduzieren, verstärkt Europa sie."
07.10.2013 - 22:10

Es gibt nichts mehr auf der Welt, worauf man sich verlassen könnte. Nicht einmal auf die katholische Kirche.

„Katholische Kirche gewährt Wiederverheirateten Sakramente“, lese ich auf SPON. „Die Erzdiözese Freiburg lässt Geschiedene, die wieder heiraten, zur Kommunion zu - knüpft das aber an Bedingungen.“

Bedingungen hin oder her – wie radikal! Da sind wir aber wirklich froh...

Und warten Sie ab, in noch nicht einmal 300 Jahren lassen sie dann auch noch ihre Pfaffen heiraten, Sie werden sehen, die Katholiken schrecken einfach vor gar nichts mehr zurück.

04.10.2013 - 20:44

Und wer ist Deutschlands bedeutendster Indie? Klar, das ist „Indie-Neumann“, der Kulturminister. So sehen das zumindest die Funktionäre des VUT, des Dachverbands der deutschen Indie-Plattenfirmen, die dem Kulturstaatsminister soeben den „Sonderpreis“ der „VUT Indie Awards“ überreicht haben.

Doch wofür steht der CDU-Minister? Seit Jahren profiliert sich Neumann als „Anwalt der Kreativen“, womit er jedoch nicht etwa gesetzlich festgelegte Mindestgagen für Künstler oder Mindestlöhne für die oft geringfügig Beschäftigten in der Kulturindustrie meint, sondern „ein Urheberrecht, das (...) den wirtschaftlichen Erfolg absichert“ – den wirtschaftlichen Erfolg der Verwertungsindustrie wohlgemerkt. Laut Neumann gibt es „kein Recht auf Privatkopie“ und „keinen kostenlosen Zugang zu Kulturgütern“ – Sprüche, die nur verdeutlichen, daß er sich weniger als Staatsminister für „Kultur und Medien“, wie sein Amt korrekt betitelt ist, denn als Minister „für Kulturindustrie und Medienkonzerne“ versteht. Daß der VUT nun der zweite Verband nach der GEMA ist, der dem CDU-Staatsminister einen Preis verleiht, ist eine beeindruckende Bankrotterklärung der deutschen Indie-Musikfirmen. Die CDU-Granden grölen auf ihrer Wahlparty ein Lied der Schlagerrockband „Tote Hosen“, und die Funktionäre der Indies kriechen CDU-Ministern in den Hintern. Über den moralischen und politischen Zustand der deutschen Musik-Szene sollte man sich keine Illusionen machen. World gone terribly wrong.

* * *

Sie haben es vielleicht gelesen: Auf dem Reeperbahn-Festival in Hamburg wurde letzte Woche der "Spielstättenprogrammpreis" der Bundesregierung und der "Initiative Musik" verteilt. Sie werden sich erinnern: Ich fordere seit etlichen Jahren eine flächendeckende bundesweite Spielstättenförderung für soziokulturelle Zentren und qualitätsorientierte Konzertveranstalter. Der Betrag, ab dem so eine flächendeckende Spielstättenförderung, wie sie Frankreich in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts erfolgreich vorgemacht hat, Sinn macht, beträgt ca. 100 Millionen Euro - die man sicher über fünf oder sechs Jahre strecken könnte. Es geht darum, die Spielstätten für Zeitkultur strukturell abzusichern statt Almosen zu verteilen.

Doch die Mühlen bundesdeutscher Politik mahlen langsam, und wenn sie denn nach Jahren mal zu mahlen beginnen, mahlen sie falsch. Denn statt einer sinnvollen flächendeckenden Spielstättenförderung haben "Indie-Neumann", also der Staatsminister für Kultur, und der Cheflobbyist der deutschen Musikindustrie, Dieter Gorny, einen Alibi-Preis ausgeheckt: es gibt keine wirkliche substantielle und flächendeckende Förderung, sondern man kann einen "Preis" gewinnen - es gibt also eine Jury, die entscheidet, an wen die Almosen verteilt werden. Und so haben insgesamt 55 Clubs und Veranstalter nun insgesamt 870.000 Euro aus den Händen der Initiative Musik erhalten, in drei Kategorien, 30.000, 15.000 oder 5.000 Euro - wirklich nur Almosen und wenig mehr als ein paar Tropfen auf den heißen Stein. Aber man erwartet sich natürlich Dankbarkeit von den Almosenempfängern, die mußten unterwürfige Dankesadressen an die edlen Almosenverteiler verfassen, man kann das alles auf der Homepage der Initiative Musik unter "Spielstättenprogrammpreis" nachlesen.

Das besonders Interessante ist allerdings, daß der Deutsche Bundestag ja eine Million Euro für den Spielstättenprogrammpreis der Initiative Musik zur Verfügung gestellt hat. Verteilt wurden aber nur 870.000 Euro. Was ist mit den restlichen 130.000 Euro passiert, mag man sich fragen, wenn man rechnen kann und zu recherchieren gelernt hat. Ja, was ist mit den restlichen 130.000 Euro passiert?!? Man kann es etwas verschämt und versteckt zum Beispiel auf der Website von "Jazz Thing" finden: "die Differenz von 130.000 Euro wurde gebraucht, um unter anderem die Preisverleihung am 25. September im Hamburger Übel & Gefährlich zu finanzieren", heißt es da.

Man muß sich das auf der Zunge zergehen lassen. Da stellt das Parlament aus unseren Steuergeldern 1 Million Euro für die Spielstättenförderung zur Verfügung. Die Feudalherren verteilen mit großer Geste Almosen in der Höhe von 30.000, 15.000 und 5.000 Euro an 55 ausgewählte Clubs - aber selber schmeißen Gorny und Indie-Neumann u.a. eine Party für ein Vielfaches dieser Summen, nämlich für 130.000 Euro, um sich selbst zu feiern und um hübsche Fotos von sich in den Hofberichterstattungs-Postillen der Musikindustrie zu sehen. Was für eine Bagage...

* * *

Am 30.September hatte in den USA die erste Fernsehserie Premiere, die Live Nation Entertainment, der weltweit größte Konzertveranstalter und Dominator des weltweiten Live-Business, produziert hat – in „Partnerschaft mit der Ford Motor Company“, wie es im Bericht des „Wall Street Journal“ heißt – „powered by Ford Fiesta“ also.

Die Sendung „The Rider Challenge“ hat ein einfaches Prinzip. Es geht um die Rider von Bands – man müßte präzise sagen um die „hospitality rider“ (denn es gibt auch technical rider), also um die mitunter recht ausgefeilten und anspruchsvollen Wünsche der Bands, was ihr Essen, ihre Getränke und ihre, ähem, Drogenwünsche („white socks“ zum Beispiel) hinter der Bühne angeht.

Fünf eher mediokre Bands. Und sechs Teams in, genau, Ford Fiestas sind am Start, um diese Wünsche in die Realität umzusetzen, und man darf ihnen dabei zusehen.

Eine Fernsehsendung über die Rider von Bands wie Kid Cudi, Fitz & The Tantrums oder The Lumineers zu sehen, dürfte allerdings ungefähr so interessant sein, wie ausführlich die Backline der Rolling Stones zu betrachten. Für Fans des Ford Fiesta mag das ein ausreichendes Freizeitvergnügen darstellen, der Rest der Welt hält die neue Erfindung von Live Nation wohl eher für eine, nun, man könnte sagen „Schnapsidee“, wenn das nicht eine beleidigende Herabwürdigung dieses Getränkes wäre.

* * *

In der „Berliner Zeitung“ lese ich die Überschrift: „Künftig Altersgrenze bei Wagner-Festspielen“. Schreckt man vor gar nichts mehr zurück? Erst sollen die älteren MitbürgerInnen ihren Führerschein abgeben, und dann dürfen Sie nicht mal mehr in Bayreuth ihren Wagner goutieren? Und dann stelle ich mir sofort die zweite Frage: Mutige Entscheidung, wie will die Festspielleitung denn dann künftig ihre heiligen Hallen füllen, wenn die Alten nicht mehr kommen dürfen?

Doch gemach – die Meldung klärt auf: Bei den Bayreuther Festspielen haben 20 Mitarbeiter in den vergangenen Jahren ihre Stelle verloren, weil sie 65 Jahre oder älter sind. Es geht also nur um die „konsequente Umsetzung der gesetzlichen Altersregelung“...

* * *

„Interpol und Deutsche Bank,

FBI und Scotland Yard,

Flensburg und das BKA

haben unsere Daten da.“

Kraftwerk, Computerwelt (1981)

* * *

Interessant ist übrigens, daß Angela Merkel und ihre Minister und die 4.000 bundesdeutschen Top-Regierungsbeamten abhörsichere Smartphones nutzen, die zwischen EUR 1.700 und EUR 2.500 pro Stück kosten, was natürlich wir alle bezahlen. Und das, obwohl Minister Friedrich doch immer behauptet, daß nur diejenigen Angst vor NSA- und BND-Überwachung haben müssen, die etwas zu verbergen haben...

Aber auch bei der Abhörsicherheit gibt es eben eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: Diejenigen, die es sich leisten können, abhörsichere Smartphones zu nutzen (oder die es sich von ihren Untertanen bezahlen lassen), und diejenigen, deren mobiler Telefon- und Datenverkehr für alle, die an die Daten wollen, offen bereit liegt.

21.09.2013 - 14:02

Gefunden auf „Digitale Notizen“, dem Blog von Dirk von Gehlen:

„Sven Regener war am Samstag in der Sendung "Neugier genügt" bei WDR5 zu Besuch, um über sein neues Buch "Magical Mystery" zu sprechen. Sabine Brandi stellte ihn darin als “Gott des Urheberrechts”.

Sie fragte ihn darin:

   Wie geht es Ihnen eigentlich jetzt, wo die ganze Freiheit des Netzes vor allem die Freiheit der Geheimdienste ist?

Regener antwortet darauf in einer Form, aus der sich auch ableiten lässt, warum die Überwachungsmeldungen der vergangenen Wochen eigentlich kaum Folgen zeigen. Sven Regener erklärt nämlich, dass man sich doch nicht so haben soll. Wörtlich:

   Ich würde sagen: Alle sollen sich ein bisschen entspannen. E-Mail schreiben ist wie eine Postkarte schreiben, da kann halt der Briefträger mitlesen. Und man

   wäre ja auch enttäuscht, wenn die Geheimdienste immer noch Briefe über Wasserdampf öffnen würden. Würde man ja auch nicht einsehen, warum die noch

   im Geschäft sind.

Vermutlich ist das eine besonders versteckte Kritik an der Arbeit der Geheimdienste. Vielleicht ist es aber auch nur ein trauriger Niedergang: Sven Regener, der Erfinder von Herrn Lehmann, der Textdichter wunderbarer Element-of-Crime-Lieder hat sich offenbar aus der Gegenwart, aus Rock’n'Roll und allem Widerständigen verabschiedet. "Sven Regener ist ein Arschloch" schreibt 'korrupt', bei dem ich den Link gefunden habe.“


21.09.2013 - 14:00

Und was macht Sven Regeners Kumpel Leander Haußmann? CDU wählen:

„Ich wähle die CDU, allein schon, um die SPD zu bestrafen. Ich zahle über die Hälfte meines Gehalts Steuern und habe immer am Ende des Jahres ein Problem, auf höherem Niveau. (...) Und ich muß auch sagen, daß die Kultur in CDU-regierten Ländern gut aufgestellt ist, in SPD-regierten Ländern eben nicht. Da ich von der Kultur komme, habe ich mich dem Christlich-Demokratischen zugewandt, zumal ich auch kirchlich organisiert bin.“

Interessant dabei ist, daß der arme Leander Haußmann der einzige Deutsche sein dürfte, der „über die Hälfte seines Gehalts Steuern zahlt“ (wenn wir mal davon ausgehen, daß Haußmann sagen wollte, daß mehr als die Hälfte seines Gehalts für Steuern drauf geht...). Denn der aktuelle Spitzensteuersatz für Jahreseinkommen ab 250.731 Euro beträgt ja nun einmal nur 45 Prozent, und selbst wenn man den Soli hinzurechnet, kommt man nur auf 47,5%. Für Jahreseinkommen zwischen 52.882 und 250.731 Euro beträgt der Satz 42%. Und 250.731 Euro sind jenseits dessen schon ein beträchtliches Sümmchen Geld, und bei Selbständigen wie Leander Haußmann gibt es ja durchaus Möglichkeiten, seine Ausgaben steuermindernd in Abzug zu bringen, bevor er auf ein „Jahresgehalt“ von einer Viertelmillion Euro kommt...

Und dann: wenn man schon Leander Haußmanns wahrscheinlich bei seiner „kirchlichen Organisation“ erworbene „moralische“ Grundhaltung, daß einem der eigene Geldbeutel immer noch näher steht als die Lage des Nächsten, des „lieben Nachbarn“, als gegeben voraussetzt – dann stellt sich immer noch die Frage, warum Haußmann, der sich so über seine „über die Hälfte Steuern“ erbost, die er angeblich zahlt, dann ausgerechnet „dem Christlich-Demokratischen zuwendet“, also der Regierung, die ja seit acht Jahren für die Regierungsgeschäfte und mithin auch für den aktuellen Steuersatz verantwortlich zeichnet.

Logik ist also auch nicht Haußmanns Stärke.

21.09.2013 - 13:59

Doch für die CDU ist nicht nur Leander Haußmann, sondern auch die Familie Haub, der Tengelmann gehört: Mit einer großen Zeitungsanzeige machte die Unternehmensgruppe Tengelmann in den letzten Tagen vor der Bundestagswahl Stimmung für Angela Merkel.

„Im Zweifel für die Raute. Treffen Sie Ihre Wahl!“ hieß es in der Anzeige.

Laut „SPON“ steckt „hinter der ungewöhnlichen Aktion eine Familiendynastie, zu der die Kaiser's-Supermärkte ebenso gehören wie die Baumarktkette Obi und der umstrittene Textildiscounter Kik. Außerdem ist Tengelmann an Netto, Tedi und Woolworth beteiligt.“

Die Tengelmann-Holding gehört laut „SPON“ der Familie Haub, die allen Grund hat, sich vor einem Regierungswechsel hin zu den Oppositionsparteien, die höhere Steuern für Reiche fordern, zu fürchten: „Mit einem Vermögen von 3,5 Milliarden Euro gehörte die Familie im vergangenen Jahr laut manager magazin zu den 30 reichsten in Deutschland.“

Ein Reichtum, der wie jeder Reichtum auf Kosten anderer erworben wurde. Die Opfer der Brandkatastrophe in der pakistanischen Textilfabrik etwa, die für den Discounter KiK unter hanebüchen Bedingungen Billigklamotten produziert hat, warten ein Jahr nach dem Brand immer noch auf die von KiK zugesagte Langzeitentschädigung, wie medico international gerade mitteilte: http://www.medico.de/presse/pressemitteilungen/opfer-warten-noch-immer-auf-langzeitentschaedigung-durch-discounter-kik-und-gutachterfirmen/4506/

Das Geld wurde halt dazu benötigt, die Pro-Merkel-Kampagne zur Bundestagswahl zu finanzieren...

20.09.2013 - 14:32

Wie groß ist eigentlich der Unterschied zwischen der Süddeutschen Zeitung und der Tageszeitung? Klaus Walter ist es aufgefallen: Nämlich „so groß wie der Unterschied zwischen Arsch und Hintern. „Ärsche lügen einfach nie“ - so betitelt die TAZ ihre hymnische Rezension des neuen Albums von Janelle Monae. „Hintern lügen nie“ – diese Überschrift wählt die SZ, beide Autor-Innen haben sich von „The Booty don´t lie“ inspirieren lassen, eine Zeile aus „Q.U.E.E.N.S.“, Monaes extrem königlichem Duett mit fellow queen & electric lady Erykah Badu.“ (im immer lesenswerten wöchentlichen Rundbrief Klaus Walters zu seiner immer hörenswerten wöchentlichen Sendung „Was ist Musik?“ auf ByteFM)

15.09.2013 - 16:29

In der Wochenendbeilage der „Berliner Zeitung“ gibt es eine Rubrik namens „Mein Platz“, in der Menschen von ihrem Lieblingsplatz erzählen und ebendort abgebildet werden.

Am 7.9.2013 tut dies eine Künstlerin, die sich am Fenster ihres Ateliers im Wedding fotografieren läßt und dazu u.a. erzählt: „Mein Atelier liegt in einem heruntergekommenen Industriebau (...) Als ich vor vier Jahren einzig, mußte ich noch mit einem Ölofen heizen. Im Winter waren es nicht einmal zehn Grad am Fenster. Schließlich hat ein Amerikaner das Haus gekauft, er baute Heizungen ein. Die Miete kann ich mir seitdem nicht mehr leisten, aber es gibt Fördergelder für Ateliers, deshalb bin ich noch hier.“

Die alte Geschichte also: arme Künstlerin muß wie in „La Boheme“ im Atelier bitterlich frieren, dann kommt amerikanischer (also letztlich böser) Investor, baut zwar Heizung ein, aber ach, dadurch wird das Atelier zu teuer, und die arme Künstlerin kann die Miete nicht mehr bezahlen. Gottseidank gibt es noch die Fördergelder des Senats.

Eine Geschichte der sozialen Kälte, der Gentrifizierung.

Wenn man allerdings den Namen der Künstlerin bei Google eingibt, erhält mal bereits als zweites Suchergebnis eine merkwürdige Sache: die gleiche Künstlerin bietet auf einer Website, die Ferienwohnungen in Berlin anpreist (also Wohnungen, die von ihren Besitzern dem Mietmarkt und damit der Gesellschaft entzogen werden), eine Ferienwohnung in bester Lage an, in der Pappelallee im Prenzlauer Berg (also einem Viertel, in dem bezahlbare Wohnungen Mangelware sind): eine ihr offensichtlich gehörende „wunderschöne 1-Zimmer-Wohnung in einer denkmalgeschützten Remise“, die sie für zwischen 47 und 62 Euro pro Nacht vermietet, zur Hochsaison für 20% mehr. Betrachtet man den Belegungsplan für den aktuellen Monat, stellt man fest, daß die Ferienwohnung im September an 20 von 30 Tagen vermietet ist – macht Einnahmen von zwischen 940 und 1.340 Euro für die Künstlerin. Würde sie die Wohnung zu den im Mietspiegel festgelegten Quadratmeterpreisen vermieten, würde sie nur etwa 300 Euro einnehmen.

So ist das eben heutzutage in Berlin: Besitzer von Eigentumswohnungen in besten Lagen entziehen diese Wohnungen dem Wohnungsmarkt und vermieten sie um des höheren Profits willen als Ferienwohnungen, lassen sich gleichzeitig aber vom Senat ein Atelier fördern und barmen in der Öffentlichkeit, sich ohne die Staatsgelder die Miete fürs Atelier nicht mehr leisten zu können. Ekelhaft.

15.09.2013 - 16:28

Wie man ja überhaupt noch viel lieber die freie Berliner Kunstszene bei ihren Forderungen nach bezahlbaren oder geförderten Ateliers unterstützen würde, wenn man nicht so viele Künstler kennen würde, die von ihren Eltern große und schöne Eigentumswohnungen geerbt oder sie anderweitig finanziert haben, die sich aber gleichzeitig ihr boheme-haftes Künstlerdasein von der öffentlichen Hand (also letztlich u.a. von den Schlecker-Verkäuferinnen oder den Müllfahrern, um es mal moralisch zu formulieren) finanzieren lassen.

Das Problem ist natürlich, daß in dieser Gesellschaft Besitz kaum zu versteuern ist. Und auch bei staatlichen Förderprogrammen geht es nach Einkommen und nicht danach, ob die Personen mit einem niedrigen Einkommen gleichzeitig große Eigentumswohnungen oder gar ganze Mietshäuser besitzen. Das ist pervers, aber die Realität. Die perverse Realität sozusagen.

15.09.2013 - 16:27

Man hat das Gefühl... oh, das ist unpräzise formuliert, es muß richtig heißen: Die Politik, vor allem aber die Medien geben einem das Gefühl, als ob es im Wahlkampf nur um eine Quanten-kleine Bandbreite von Themen gehe, irgendwo zwischen Seehofers Maut und Steinbrücks Mittelfinger. Klar ist: Muttis (also Merkels) Wahlkampf und das, was die Medien als bereitwillige Liebesdiener daraus machen, ist eine biedermeierliche Paraphrase angeblich demokratischer Auseinandersetzung, mit der uns vorgespielt wird, es gehe um nichts, wir seien alle glücklich. Dabei geht es natürlich um sehr viel: Die Geheimdienste der USA, Großbritanniens und Deutschlands konstruieren mit Hilfe der Big Data-Konzerne weltweite Überwachung – und das ist ja immer auch die andere Seite des Biedermeiers, das wissen wir seit Metternichs Spitzelstaat: flächendeckende Überwachung ist die andere Seite der klingenden Münze, die da gnadenlose Unterhaltung heißt. Die Untertanen sollen sich „nicht versammeln, sondern zerstreuen“ (Metternich).

Oder: die Bankenkrise, die die Steuerzahler bisher etwa 70 Milliarden Euro gekostet hat. Hat sich an der Bankenpolitik der Bundesregierung irgendetwas geändert? Nicht die Spur. „Die Deutsche Bank hat momentan eigenes Kapital von etwa 3 Prozent – die restlichen 97 Prozent der Bilanzsumme werden durch Schulden finanziert, wie bei Lehman Brothers. Erst bei einem Eigenkapital von 20 bis 30 Prozent wären die Banken und das Finanzsystem einigermaßen sicher“ (Martin Hellwig, Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern), in der Realität aber zocken die Großbanken mit 90 Prozent oder mehr an geliehenem Geld, während wir weiter das Risiko tragen.

Oder: halb Europa leidet unter der Knute deutscher Austeritätspolitik. Doch darüber wird in diesem Wahlkrampf nicht gesprochen. Ebenso wenig wie darüber, daß immer mehr Kinder und Jugendliche von Bildung ausgeschlossen werden, während die Wohlhabenden ihre Kinder auf Privatschulen schicken. Es interessiert niemanden.

Interessiert es wirklich niemanden? Doch, es interessiert viele Menschen: all die Menschen nämlich, die nicht mehr wählen gehen – also die mit Abstand stärkste Partei. Etwa 30 Prozent der Wahlberechtigten werden nicht zur Wahl gehen. Es sind Frustrierte aus den unteren Schichten, die wissen, daß ihre Interessen von keiner Partei vertreten werden, ebenso wie einige Mode-Intellektuelle, denn Nicht-Wählen ist en vogue. Was bei diesen Propagandisten des Nicht-Wählens jedoch fehlt, scheint mir ein wesentlicher Gedanke: Es reicht nämlich nicht aus, nicht wählen zu gehen, man sollte gleichzeitig fordern, daß das Wahlsystem endlich die Stimmen Aller zählt, also auch derer, die nicht wählen gehen. Dann nämlich würde die herrschende Postdemokratie unter Druck geraten, massive Probleme bekommen. Etwa ein Drittel aller Sitze blieben leer. Merkels CDU hätte weniger als 30, die SPD weniger als 20, die Grünen wenig mehr als 5 Prozent, und Splitterparteien wie die FDP wären gar nicht mehr im Bundestag sitzen. Man kann natürlich sagen: nun gut, dann wäre die einzig mögliche Regierung die Große Koalition, und das ist das, was am 22.9. sowieso herauskommen wird, so what?

Gemach – ich stelle mir nämlich weitere Wahlrechtsänderungen vor. Ich verlange, daß auch die etwa 7,5 Millionen Menschen, die in unserem Land leben und nicht wählen dürfen, künftig mitgezählt werden. Ich spreche von all den Bürgerinnen und Bürgern, die hier leben, die ihren Lebensmittelpunkt hier haben, die Steuern zahlen, die ihre Beiträge zur Sozialversicherung abführen, sich am Bruttosozialprodukt beteiligen und und und. Die aber systematisch entrechtet sind, die nur Pflichten, aber keine Rechte haben, nicht einmal das einfachste Partizipationsrecht an der Gesellschaft, nämlich an den Wahlen teilnehmen zu dürfen. Ich spreche von den über 7,5 Millionen Migranten, Volljährige ohne Wahlrecht, die Hälfte davon lebt länger als 15 Jahre in diesem Land. Es ist ein Skandal, daß diese Menschen, aber auch die Flüchtlinge von allen Entscheidungen ausgeschlossen werden. Und solange das Wahlrecht nicht endlich geändert wird und sicherstellt, daß alle Menschen, die hier leben, auch mitbestimmen, also zum Beispiel wählen gehen dürfen, solange sollte eine anteilige Anzahl der Sitze auch der Migranten im Bundestag leer bleiben. Sollen die Herrschenden doch ihre Mehrheiten herholen, wo sie wollen. Über dem Reichstag steht nach wie vor „Dem deutschen Volk“. Und das ist wörtlich gemeint. Und das ist ein Skandal.

„Wie würden die Wahlen ausgehen, wenn 7,5 Millionen Menschen auf einen Schlag Wahlrecht hätten? Was würde auf den Plakaten stehen? Wie würde Wahlwerbung aussehen? Und wie würden die Parteien auf den NSU-Skandal, auf Rassismus, auf fehlende Gleichberechtigung für Migranten in Schule, Ausbildung und Beruf reagieren? Wie sähe Bildungs- Wohnungsbau-, Flüchtlings-, Arbeitsmarkt- und Sicherheitspolitik in diesem Land aus, wenn wir 7,5 Millionen Menschen, deren Eltern aus einem anderen Land kamen, mit wählen dürften?“ (Mely Kiyak in „Berliner Zeitung“)

15.09.2013 - 16:26

Sie erinnern sich an Casper, diesen freundlichen jungen Mann, der, sobald ein neues Album von ihm erscheint, so durch die Verwertungsmühlen der Kulturindustrie geschüttet wird, wie Max und Moritz – Rickeracke! Rickeracke! Geht die Mühle mit Geknacke – vom Müllermeister geschrotet werden. Casper wird vom sonst eigentlich so geschmackssicheren Popfeuilleton der „Berliner Zeitung“ mit einem Interview geadelt, und „Spex“ versteigt sich in einer Titelstory gar zu der Behauptung, Casper sei der beste deutsche Rapper.

Wahrscheinlich meinen sie Texte wie diesen:

„Sie blickt ihn an und sagt: Eines Tages halt ich den Atem an,
Ich hoff doch in deinen Armen dann.
Du starker Mann, Kämpfer für mich.
Schenk dir mich.

Bitte, Liebster, verschwende mich nicht.
(...)

Wir können Schwäne sein, zur letzten Träne sein.
Will in stürmischer See der Zeit Antwort deiner Gebete sein
Sieh doch ich steh mit ein, als Letztes im Gefecht
Bin weiß Gott nicht die Schönste doch geb mein Bestes, ich versprechs.“
Undsoweiterundsofort elendet sich das Geschwätz des „besten deutschen Rappers“. Sagen Sie nicht, Sie hätten es nicht gewußt! „Nette deutsche Jungs“ eben, wie Casper über sich und seine Kumpel sagt, brave Neokons, die von starken Männern und Kämpfern in stürmischer See träumen, während ihre Freundinnen als „Letztes“ (also ausdrücklich nicht als Letzte, sondern als Neutrum...) im Gefecht stehen.

„Jetzt.de“ von der „Süddeutschen Zeitung“ hat unlängst die Songtexte des von den Kritikern wegen seines „einzigartigen Rap- und Textstils“ bejubelten Casper mit denen des Schlager- und Schnulzensängers Roland Kaiser („Santa Maria“) verglichen – mit einem überraschenden Ergebnis, oder vielleicht auch nicht.

Und was tat der brave Casper? Er spielte die beleidigte Leberwurst und gab ein bereits geführtes Interview nicht frei – er fühle sich „von dem Vergleich diffamiert“. Der Schlagerstar Roland Kaiser war um einiges cooler als der Rapper und stellte sich den Fragen der „SZ“.

15.09.2013 - 16:25

Der Narzissmus, einstmals die schärfste Waffe gegen Friedensirre und Ölologie-Idioten, ist im Stefan-Raab-Zeitalter zur gelebten Visitenkarte und Volkskrankheit degeneriert.“

Reinhard Jellen

15.09.2013 - 16:24

„Die französischen Reichtumsforscher Michel und Monique Pinçon-Charlot beobachten eine Politik der Gewalt gegenüber den Ärmeren, die zunehmend als Staatsfeinde geschildert würden. Das Klima zwischen den Reichen und den ärmeren Schichten in Frankreich wird aggressiver. (...) Die Herrschaftssystem der reichen Oligarchen ist in der Auffassung von Michel und Monique Pinçon-Charlot deutlich mehr von Gewalt geprägt, ökonomischer und ideologischer Art. Die ökonomische Gewalt ist nach den Anschauungen der Soziologen ein Instrument geworden, das, wie die Religion, mit Psychopolitik operiert - mit existenzieller Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und dem Entzug der sozialen Anerkennung. Begleitet werde die "Dominanzmechanik" mit einer Herabsetzung der Stimmen, die aus den unteren Schichten kommen.“ (aus: „Telepolis“)

Und in Deutschland? „Sanktionen gegen ALG II-Empfänger auf dem zweithöchsten Stand seit 2005“ meldet „Telepolis“ am gleichen Samstag im September 2013.

15.09.2013 - 16:22

„Das Problem des deutschen Films ist das deutsche Fernsehen. Weil Fernsehgremien entscheiden, was produziert wird und was nicht, auch fürs Kino. Nur wenn Sender mitproduzieren, wird es auch gefördert. Das ist ein Filz und eine Bevormundung ohnegleichen. Gibt es so nirgends auf der Welt. Man sieht es den Filmen leider an. (...)

Diese Unterwanderung aller Fördersysteme durch das Fernsehen muß entflochten werden. Dagegen können nur die Jungen rebellieren, was ich mir sehr wünschen würde.“

Edgar Reitz im „SZ-Magazin“

12.09.2013 - 13:31

Schauen Sie sich doch mal dieses schöne Video an – keine Angst vor jungen Menschen, die Tierkostüme tragen, klar, das ist per se lächerlich und verhöhnenswürdig, hier aber geht es ganz woanders lang – und wenn die Welt eine gerechte wäre, dann würde das hier einer der Songs des Frühherbstes sein, und nicht der Song, den die sich nackig machende amerikanische Teenagerin ins Netz gestellt hat...

12.09.2013 - 13:26

Philipp Otto von irights.info stellt in seinem Eröffnungstext zum Urheberrechts-Kongreß eine Kleinigkeit klar (ich zitiere aus dem „Perlentaucher“): „Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, daß jeder Euro aus öffentlichen Kassen, der in die Erstellung von Werken in Wissenschaft und Forschung fließt, in die Produktion von Inhalten - etwa bei der staatlichen Filmförderung oder im öffentlich-rechtlichen Rundfunks - zwangsläufig eine freie Lizenz zur Folge hat."

Eigentlich selbstverständlich und logisch, oder? Wer die Öffentlichkeit das, was er produziert, bezahlen läßt, der sollte sich verpflichtet fühlen, das Produkt der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung stellen.

(Problem ist natürlich: will man all den Schmarrn, den die Filmförderung, das öffentlich-rechtliche Fernsehen oder die Initiative Musik mit unseren Steuergeldern und/oder Gebühren finanziert, überhaupt sehen, hören und ertragen müssen???)

04.09.2013 - 12:18

Sie erinnern sich: Die Presseverlage, Axel Springer allen voran, haben jahrelang Lobbyarbeit betrieben, um der Bundesregierung das sogenannte „Anti-Google-Gesetz“ abzupressen, ein Gesetz, das fast alle Experten, die große Mehrheit aller unabhängigen Juristen und ihre Fachverbände wie auch die meisten namhaften Wissenschaftler abgelehnt haben. Während vernünftige Menschen das Gesetz für das halten, was es ist, nämlich „eine Katastrophe für die deutsche Öffentlichkeit“ (Marcel Weiß, „Neunetz.de“), beharrt der „Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger“ darauf, das neue Leistungsschutzrecht für Verlage bleibe ein wichtiger Baustein für eine Strategie „weg von der Unkultur des Kostenlosen, weg vom Mißbrauch des Copyrights“.
Doch was geschah, als das neue Leistungsschutzrecht nun am 1.8.2013 in Kraft trat? Was passiert jetzt? Gar nichts. Die Verlage und Zeitungen, die das neue Gesetz so vehement verlangt hatten, setzten es nicht um – sie präsentieren sich weiter gerne auf Google News, aus gutem Grund: „Google bringt ihnen echten Mehrwert, indem es jede Menge Traffic auf Verlagsseiten lenkt – pro Monat sind dies weltweit über sechs Milliarden Besucher“ (so der Google-eigene Blog lt. „FAZ“ vom 1.8.d.J.).
Und so zogen die Verlage und ihre Zeitungen den Schwanz ein und ließen ziemlich kleinlaut von sich hören: „Die F.A.Z. hat ihre Zustimmung zur Anzeige der eigenen Inhalte bei Google News gegeben (...) Ein sogenanntes ‚De-Listing’ bei Google News hätte für die F.A.Z. erhebliche Reichweitenverluste bedeutet. (...) die wirtschaftlichen Risiken wären für die F.A.Z. nicht überschaubar gewesen“, teilte die „FAZ“ „in eigener Sache“ mit. Auch die Axel Springer AG läßt ihre Internetseiten weiter bei „Google News“ erscheinen, wie die meisten anderen deutschen Zeitungen und Verlage.
Interessant. Denn mit ihrem Verhalten zeigen die Presseverlage, daß sie die Öffentlichkeit zuvor belogen haben. Ganz offensichtlich verdienen sie eine Menge Geld gerade dadurch, daß ihre Meldungen bei Google angezeigt und verlinkt werden. Das bringt ihnen Mehrwert, würden sie dort nicht auffindbar sein, würde das „erhebliche Reichweitenverluste“ und „nicht überschaubare wirtschaftliche Risiken“ mit sich bringen.
Die Politiker aber, die das Leistungsschutzrecht geändert haben – und das war nicht nur der FDP-Wirtschaftsminister, der den Chefredakteur der Blödzeitung öffentlich umarmt und geradezu anspringt, sondern die komplette CDU, CSU und FDP und weite Teile von SPD und Grünen... – sollten sich jedenfalls schämen. Ihr Hofknicks vor Springer, Burda und Konsorten war zu nichts nütze. Es sind schon Politiker aus nichtigeren Anlässen zurückgetreten...

Politikverdrossenheit? Wer wissen will, woher die rührt, kann mich anrufen, für geringes Stundenhonorar erkläre ich noch vor den Wahlen allen, wieviel 1 und 1 ist.

* * *

Und sobald es ans Eingemachte, also an ihren Profit geht, werden die Konservativen zu Kommunisten, wie etwa, wenn ein Großkapitalist eine ihrer Qualitätszeitungen aufkauft:
„Bei den weltweiten Konzentrationsbewegungen, welche die Online-Konzerne nun am Beispiel von Zeitungen exerzieren, muß man sich aber auch fragen, ob Lenin mit seiner Theorie des Staatsmonopolkapitalismus nicht doch recht behalten könnte. Die Welt wird bestimmt von einer Finanz-Daten-Online-Oligarchie, mit besten Verbindungen zum Geheimdienst.“ (Hervorhebung BS).
Stand nicht etwa in der „Roten Fahne“, sondern im Leitkommentar des Leitmediums der deutschen Konservativen, der FAZ, am 7.8.2013.
Ganz offensichtlich geht ihnen der Popo auf Grundeis.

* * *

„Tape.tv kauft Amen“.
Verlierer unter sich.

* * *

„Ich wünsche mir, daß unsere Regierung endlich kapiert, daß Kinder nicht nur Wirtschaft und Mathe im Leben brauchen. Ich wünsche mir, daß in den Schulen Musik, Literatur und Kunst eine größere Rolle spielen. (...) Es ist die Kunst, die uns Menschen glücklich macht.“
                                   Pharell Williams im Interview mit dem SZ-Magazin

* * *

Sachen gibt’s... Wie zum Beispiel dieses Angebot einer deutschen Heavy Metal-Band, das mich gerade erreichte:
„U.D.O. planen ein Konzert zusammen mit dem Marinemusikkorps Nordsee. Dies ist ein sehr spezielles Projekt und entstammt einer Zusammenarbeit auf dem letzten U.D.O. Studioalbum "STEELHAMMER". Der Song "BOOK OF FAITH" war sozusagen die erste gemeinsame Nummer und ist so gut angekommen und hat auch beiden Parteien solchen Spaß bereitet, daß wir gemeinschaftlich beschlossen haben, dies in einem einmaligen Konzert umzusetzen. (...)
Das Konzert wird höchstwahrscheinlich unter der Schirmherschaft eines hochrangigen Politikers stattfinden (erste Details frühestens NACH der Bundestagswahl) und soll im Rahmen einer Image Kampagne der Bundeswehr genutzt werden. Weitere Aktionen (Gala Dinner, etc.) sind bereits geplant, hängen aber stark von der Schirmherschaft und der letztendlichen Infrastruktur der Veranstaltungsstadt ab.“
(Rechtschreibung wie im Original, BS)
Vielleicht reichts ja sogar zu einer Briefmarke der Deutschen Post AG? Die ist nämlich auch immer gern bereit, Imagekampagnen der Bundeswehr zu unterstützen:



* * *

Und was macht die „Initiative Musik“? Sie fährt „internationale Journalistinnen und Journalisten“ herum und macht Werbung für Schland: „Bei der einwöchigen Reise erlebten die Journalistinnen und Journalisten Deutschland als ein modernes Land mit einer lebendigen, vielschichtigen und international anerkannten Musikszene“. Und ein Uwe Heye, Referatsleiter in der Abteilung für Kultur und Propaganda, oh, pardon, Kultur und Kommunikation des Auswärtigen Amtes, sagt die einschlägige Prosa zum nation branding mit nachgerade entwaffnender (sic!) Ehrlichkeit auf: „Musik als Kulturgut ist von großer Bedeutung, wenn es darum geht, die Wahrnehmung und das Image von Deutschland als Kulturnation im Ausland zu gestalten und zu steuern. Deshalb ist das Besucherprogramm des Auswärtigen Amts (...) ein wichtiger Teil der deutschen Public Diplomacy.“
Alle und alles im „Einsatz für Deutschland“.

* * *

Und wen hat die Propagandaabteilung des Auswärtigen Amtes auf unser aller Kosten zur Buchmesse nach Rio, an den Deutschen Gemeinschaftsstand in Brasilien geschickt? Den Israel-feindlichen Großdichter? Eines der jungen Dinger, die jeweils durch die Feuilletons der Qualitätszeitungen gehetzt werden? Frau Roche und ihre Feuchtgebiete? Oder hat das Auswärtige Amt doch eher Botho Strauß zum Singen ins Bockshorn nach Brasilien gejagt? Oder letztlich doch einen der sagenhaften Popliteraten?
Weit gefehlt.
Nein, die „nationalkulturelle Pflicht“ („FAZ“, ironisch, nicht daß Sie denken...), am deutschen Gemeinschaftsstand bei der Buchmesse in Rio aufzulaufen, ein Stand, der  „mit Unterstützung des Auswärtigen Amts gestaltet und bespielt“ („FAZ“) wurde, diese Pflicht hat letzte Woche, am 29.August – na, wer wohl wahrgenommen? Sie kommen nicht drauf: Michael Ballack! Genau, der Capitano. Der allerdings eher Aphorismen-Dichter ist – Sie erinnern sich? „Keiner verliert ungern.“ Da nich für...

01.09.2013 - 11:46

Die „Toten Hosen“ sind beleidigt, weil sowohl CDU als auch SPD sich einfach ihres Rock-Schlagers namens „Tage wie diese“ für Wahlkampfzwecke bedienen.

Bemerkenswert finde ich daran nicht, daß die “Toten Hosen“, die 2010 für zwei Auftritte im usbekischen Taschkent und im kasachischen Almaty vom Auswärtigen Amt insgesamt 68.793 Euro Staatsförderung erhalten haben, sich nun darüber aufregen, daß es „unanständig und unkorrekt“ sei, daß ihre Musik bei Wahlkampfveranstaltungen „mißbraucht“ werde.

Wenn die „Toten Hosen“ das ernsthaft vermeiden wollen, sollten sie sich mal in Ruhe mit ihrem GEMA-Vertrag beschäftigen. Mit dem GEMA-Einheitsvertrag, dem sich die „Toten Hosen“ wie alle GEMA-Mitglieder unterworfen haben dürften, verlieren die Urhebenden nämlich u.a. ihre Mitspracherechte darüber, wer ihre Werke nutzen darauf. Die GEMA ist verpflichtet, jedem zahlenden Interessenten die Nutzung zu gestatten. Eine Möglichkeit zur Differenzierung sieht die GEMA nicht vor. (...) Da die GEMA praktisch eine Monopolstellung innehat, sind Künstler, die an der Auswertung ihrer Werke partizipieren möchten, quasi gezwungen, diesen Einheitsvertrag zu schließen.“ (Markus Kompa auf „Telepolis“)

Bemerkenswert finde ich auch nicht, daß sich „die vermeintlichen politischen Lager schon so ähnlich geworden sind, daß sie sogar am Bierstand dieselben Lieder grölen“, wie Lucas Wiegelmann in der „Welt“ schreibt.

Nein, ich finde bemerkenswert, daß die Toten Hosen offensichtlich nichts dabei finden, einen Song geschrieben zu haben, der sich ohne Weiteres für den Wahlkampf sowohl der CDU als auch der SPD eignet – dort, wo vor ein paar Jahren noch die Nationalhymne gespielt wurde. Wäre ich Musiker und wäre mir dergleichen passiert, ich würde still vor mich hinschweigen und in mich gehen und über meine Musik nachdenken...

01.09.2013 - 11:45

„Kanzlerduell“ im Fernsehen?

Sie haben sicher etwas Besseres zu tun, als den Abend mit dieser Ödnis zu verbringen.

Und Stefan Raab? Was dazu zu sagen ist, hat Gerhard Henschel in „Konkret“ erledigt:

„Zotenreißer Stefan Raab beweist, daß man es auch als cleverer Vollidiot zum Moderator des ‚Kanzlerduells’ bringen kann.“

01.09.2013 - 11:44

Dieser Tage konnte man auf Arte den Dokumentarfilm „Soundtrack for a Revolution“ sehen. Es geht um die schwarze Bürgerrechtsbewegung und ihren Kampf gegen Rassismus in den USA in den 60er Jahren. Es ist eindrucksvolle Musik zu hören (ungeheuer groß: Richie Havens, The Roots!), man lernt, welche Bedeutung Gospel für die Afroamerikaner in der Zeit hatte oder Lieder wie „Which Side Are You On“ oder eben „We Shall Overcome“ (den Film kann man wohl noch ein paar Tage bei Arte im Netz sehen, und die DVD kostet auch nicht die Welt). Bürgerrechtler erzählen von ihren Sitzstreiks in Restaurants, Kantinen und Bars, etwa bei Woolworth – sie hatten trainiert, sich an den Tresen zu setzen und darauf zu warten, bis sie bedient werden. Sie wurden bedrängt, bespuckt und belästigt. Sie wurden verprügelt und von der Polizei festgenommen; ihr Verbrechen: an Plätzen zu sitzen, die für Weiße reserviert waren.

Wenn man die dokumentarischen Szenen bei Woolworth sieht, wünscht man sich einen Weißen, der sich zu den Schwarzen setzt. Ich träume, wie der Weiße leise seinen schwarzen Nachbarn fragt, „was möchtest du trinken“, und dann einen Kaffee oder eine Limonade bestellt, und als er das Getränk erhält, gibt er es seinem schwarzen Nachbarn weiter und lädt ihn ein, das Getränk zu trinken. Aber das ist natürlich nur ein Traum, nichts dergleichen ist passiert.

Fünfzig Jahre ist das jetzt her. Über das Heute lese ich am 29.August in der „FAZ“, daß Roma aus Rumänien und Bulgarien über Monate in einer verlassenen Gartenkolonie, an deren Stelle demnächst eine Stadtautobahn gebaut werden wird, in Neukölln gewohnt haben – unter erbärmlichsten Umständen. Und mit Nachbarn, die man nicht zum Nachbarn haben will: „Die haben immer wieder nach Wasser gefragt“, sagt ein Schrebergartenbesitzer in Sporthose, der auf die Bagger schaut. „Aber ich habe denen keines gegeben.“ („FAZ“) Natürlich nicht.

Und Reinickendorfer Wutbürger verbieten den in einem Flüchtlingsheim lebenden Kindern, auf einem privaten Spielplatz direkt gegenüber der Einrichtung zu spielen.

Auch den Schwarzen in Alabama hatte vor fünfzig Jahren kein ordentlicher Weißer ein Glas Wasser angeboten, und ihre Kinder durften nicht auf den Spielplätzen der Weißen spielen. Der Rassismus lebt – auch im angeblich so weltoffenen Berlin.

01.09.2013 - 11:43

Apple hat ein Patent auf eine Technologie angemeldet, mit der Regierungen und Polizei die Übertragung von Informationen, inklusive Videos und Fotos, von jedem öffentlichen Ort, etwa Demonstrationen, blockieren kann, den sie als „sensitiv“ bezeichnet oder für „schützenswert“ hält.

Im Klartext bedeutet das: Wer immer über diese Technologie verfügt, hat die komplette Kontrolle darüber, was von jedem öffentlichen Event mit Mobilgeräten dokumentiert werden kann.

Apple Inc. macht diese Technologie hauptsächlich Kinos, Theatern oder Konzertveranstaltern schmackhaft, gibt aber gleichzeitig zu: „Covert police or government operations may require complete ‘blackout’ conditions.”

Die Technologie ist das ideale Mittel, die Berichterstattung von Demonstrationen und öffentlichen Protesten massiv einzuschränken; insbesondere von Mobiltelefonen aufgezeichnete Aufnahmen etwa von brutalen Polizeiaktionen, die heutzutage oft unmittelbar auf Video-Webseiten und auf Fernsehsendern zu sehen sind, werden durch die neue Apple-Technologie künftig unmöglich sein.

(Quelle: RT.com, „No shooting at protest? Police may block mobiel devices via Apple“)

01.09.2013 - 11:42

„Sie machen diese Art von Filmen nicht mehr, die Europäer im Allgemeinen (...) – heftig, direkt, persönlich und politisch. Mit der Frage, was man zu sagen hat, nicht mit der Frage, was gesehen werden will. Aber mit allen Sinnen und mit aller Sinnlichkeit. Wenn da Lust ist, dann ist da Lust, und wenn da Verzweiflung ist, dann ist da Verzweiflung, und wenn da Sarkasmus ist, dann ist da Sarkasmus. Und jeder Film ist ein Risiko. (...) Jeder Film von Elio Petri war ein Fall für den Zweifel.“

Georg Seeßlen erinnert uns, die wir in einem Land leben, dessen Staatsfernsehen zwischen Uta Danella- und Rosemarie Pilcher-Verfilmungen und sonstigen Müllhaufen operiert, in  „Jungle World“ an bessere Zeiten, nämlich an das Kino des Elio Petri (bitte bitte sehen Sie sich seine Filme an! soeben ist relativ günstig eine „Elio Petri-Edition“ auf DVD erschienen)

01.09.2013 - 11:42

Es ist schon ein armselig Ding um die Presselandschaft hierzulande. Da entwickelt sich „Spex“ nach dem Tiefpunkt vergangener Jahre zuletzt einigermaßen, das Sommerheft ist sogar ausgesprochen toll: Klar, die Rezensionen kann man vernachlässigen, sie sind größtenteils unbrauchbar (sieht man von den Kolumnen z.B. von Diedrich Diederichsen oder Klaus Walter ab) und zeigen nur, daß es problematisch ist, heutzutage einen Gatekeeper-Journalismus alter Tage aufrechtzuerhalten. Aber der Titel „Weh ad a dream“ über Kanye West, Martin Luther King und „Die neuen Sklaven“ – toll! Food for thoughts! Da wird eine Richtung aufgezeigt, wo heutzutage anspruchsvoller Musikjournalismus hingehen könnte.

Doch dann das aktuelle Heft: Auf dem Cover – Casper! Als ob Spex eine Bravo-Version des Musikexpress sei. Und es wird allen Ernstes behauptet, Casper sei der beste deutsche Rapper – vom Rap verstehen sie also auch nichts (mal abgesehen davon, daß Casper gerade der „Berliner Zeitung“ erzählt hat, „daß ich eigentlich ein Singer-Songwriter bin“ – um dann in geradezu entwaffnender Ehrlichkeit selbst hinzuzufügen: „nur leider einer, der weder ein Instrument spielen noch singen kann“...).

Das Spex-Heft gelangweilt durchgeblättert. Ein neuer Tiefpunkt. Und ein Beleg für die Krise des hiesigen Musikjournalismus. Die guten Hefte sind eben die Ausnahme, die schlechten die Regel. Leider.

(und der beste Spex-Aufsatz steht im aktuellen Musikexpress, Albert Kochs „Indie-Land ist abgebrannt...“)

01.09.2013 - 11:41

Allerdings ist natürlich nicht nur der Musikjournalismus in der Krise, wir wollen nicht betriebsblind sein. Der „Spiegel“ hat sich jetzt die Dienste des stellvertretenden „Bild“-Chefredakteurs Nikolaus Blome gesichert, der beim „Spiegel“ als ebenfalls stellvertretender Chefredakteur (mittlerweile, nach Protesten der Redaktion: „einfaches“ Mitglied der Chefredaktion) das Hauptstadtbüro leiten soll.

Halten Sie für einen schlechten Scherz? Ist aber leider die Wahrheit.

Es gab Zeiten, vor sagen wir zehn oder zwanzig Jahren, da wäre so eine Nachricht nicht mal denkbar gewesen. Das waren Zeiten, da der „Spiegel“ noch in der Regel und nicht nur in seltenen Ausnahmen lesbar war. Heute ist eben alles ein großer Einheitsbrei im sogenannten unabhängigen Journalismus, und einer, der gestern noch für die Blödzeitung schrieb, kann das am nächsten Tag für den „Spiegel“ tun und vice versa. Alles wurscht.

Längst ist der „Spiegel“ mit seiner „Neugemütlichkeit“ (Klaus Harpprecht) ein banales buntes Unterhaltungsblättchen. Manchmal, wie zur Zeit bei den Recherchen zum NSA-Skandal, blitzt nochmal auf, wozu der „Spiegel“ früher regelmäßig und heute in Ausnahmefällen in der Lage war und ist. Damit diese Ausnahmen zukünftig nicht mehr passieren, wird der „Bild“-Mann Blome installiert. Wer soll und will das noch lesen müssen? Good-bye „Spiegel“...

01.09.2013 - 11:40

Und, haben Sie unlängst Witze über den Berliner Flughafen bzw. dessen Nicht-Fertigstellung gemacht? Seien Sie bloß vorsichtig! Denn die Flughafengegner werden von der Polizei beobachtet: „Die Berliner Polizei läßt Kritiker des Flughafenneubaus BER bei ihren Protesten von Zivilpolizisten überwachen“, räumte die Innenbehörde Berlins laut „Berliner Zeitung“ ein. „Seit 2011 seien Zivilpolizisten bei einer Vielzahl von Versammlungen mit ‚BER-Bezug’ eingesetzt worden“, heißt es aus dem Innenresort.

Die Berliner Koalition aus SPD und CDU will nicht nur das Schloß wieder aufbauen, sie hat halt konsequenterweise auch ein Demokratieverständnis wie zur Kaiserzeit, mit Spitzeln und Pickelhauben.

01.09.2013 - 11:39

Rassismus in der Schweiz?

Da mag man in etwa so überrascht die Augenbrauen anheben wie angesichts der „Enthüllung“, daß die amerikanischen und bundesdeutschen Geheimdienste die Bürger umfassend bespitzeln. Na klar tun sie das. Na klar ist die Schweiz rassistisch.

Ob man das nun allerdings an der Petitesse festmachen muß, daß einer amerikanischen Multimillionärin in einer Zürcher Boutique nicht jedes Handtäschchen, das 35.000 Euro kostet, gezeigt wird? I couldn’t care less.

Das Schweizer „Bundesamt für Migration“ (das wahrscheinlich eher den Titel gegen Migration tragen sollte...) legt jedenfalls seit über einem Jahr zusammen mit den Gemeinden, in denen Asylbewerber wohnen, fest, welche Gebiete von den Asylsuchenden  nicht betreten werden dürfen. Es werden sogenannte „sensible Zonen“ definiert – Schulen etwa, Sportplätze oder Schwimmbäder. Von diesen öffentlichen Plätzen sind die Asylsuchenden dann ausgeschlossen, es wird ihnen der Zutritt verboten.

„Asylsuchende werden von neuralgischen Punkten ferngehalten“, sagt der Projektleiter Asylunterkünfte beim BfM auf Alpbach bezogen. „So gilt für Schul- und Sportanlagen inklusive eines angrenzenden Wäldchens, das Gelände des Alterszentrums sowie das direkt an die Unterkunft angrenzende Wohnquartier ein Aufenthaltsverbot.“

In Nottwil dürfen die Asylsuchenden das „neben der Unterkunft gelegene Paraplegikerzentrum und die dazugehörigen Sportanlagen nicht ohne Begleitung betreten.“ In Luzern können sich Asylbewerber „einschreiben und die Badeanstalt in Begleitung besuchen“, es besteht also keinesfalls ein Badeverbot für die Migranten. „Die Ausscheidung sensibler Zonen hat sich voll bewährt und nie zu Problemen geführt“, sagt „Gemeindeschreiber“ Stalder.

Die „Aussperrung von Asylbewerbern ist in der Schweiz also der Normalfall“ (alle Zitate aus „NZZ“). Täschli und Badi für Schweizer only, oder?

01.09.2013 - 11:38

Spotify: Man kann dort sofort am Veröffentlichungstag die neuen Beethoven-Sonaten-CDs von Igor Levit hören (mit Levits furioser Interpretation des ersten Satzes der Hammerklaviersonate beginnt auch unsere Spotify-Playlist des Monats September) – toll! Dann gebe ich „Friedrich Gulda“ ein, weil ich seine Interpretation mit der Igor Levits vergleichen möchte, aber zu faul bin, die CD im Archiv rauszusuchen. Und sehe auf der „Titelseite“ zu Friedrich Gulda den Spotify-Vorschlag „Ähnliche Künstler“: „Purcell, Henry / Dietrich Fischer-Dieskau / Wagner, Richard / Emil Gilels / Claudio Monteverdi“.

Aha. Die Musikgeschichte muß umgeschrieben werden. Die Spotify-Algorithmen, soviel steht fest, arbeiten munter dran...

(auf Spotify finde ich unter dem Stichwort Gulda übrigens auch das Album: „Mozart – Das Beste für mein Baby“, 2012 veröffentlicht von „Deutsche Grammophon“. Und bereits 2008 hat das Yellow Label das Album „Mein Baby – Klassik für Mutter und Kind“ herausgebracht. Es wundert einen wirklich gar nichts mehr)

01.09.2013 - 11:37

„Aber das Letzte, mit dem ich Musikmachen je verbunden habe, ist Spaß. Sondern Notwendigkeit und Arbeit, und daraus resultiert dann Glück.“

Igor Levit im „FAS“-Interview

(Igor Levit kann übrigens von Glück sagen, nicht bei der Deutschen Grammophon veröffentlichen zu müssen – da hätten sie sein Album sicher mit einem schicken Foto im Wald verunziert, und den letzten Beethoven-Sonaten einen speziellen Titel gegeben; so aber liegt dem Album ein ausgesprochen kluges und interessantes Booklet bei – geht doch!...)

08.08.2013 - 12:45

Zum Start der Bundesligasaison ein Wort des klugen César Luis Menotti (aus dem SZ Magazin): „Fußball ist ein sehr weises und wunderschönes Spiel. Das Geheimnis des Fußballs ist Zeit, Raum und Täuschung. Wie im Leben. Mit der Zeit umgehen, Räume finden und mit der Täuschung zurechtkommen.“

* * *

Ich finde, die Medien tun dem Limburger Bischof Dr. Tebartz-von Elst Unrecht. Falls Sie es nicht mitbekommen haben: Der Bischof steht nicht nur wegen eines etwaigen Meineids und wegen Verschwendung unter Beschuß, nein, möglicherweise hat sich die Berichterstattung über das Treiben des Katholiken-Funktionärs an einer Luxusreise des Bischofs ins arme Indien entzündet. Der Bischof wollte laut „FAS“ dem „Spiegel“ verbieten lassen, zu schreiben: „Herr Bischof Dr. Tebartz-von Elst ist erste Klasse mit dem Flugzeug nach Indien geflogen.“ Allein, der Bischof war erster Klasse geflogen, „auf einem der acht Luxusplätze im Oberdeck des Jumbojets, hin und zurück“ (FAS). Bezahlt hat der Herr Bischof allerdings nur Business Class, das Upgrade in die First Class hat ihm sein Mitarbeiter, Generalvikar Prof. Dr. Dr. Franz Kaspar spendiert. Finden Sie merkwürdig und fragen sich, was das wohl für eine merkwürdige Beziehung zwischen Bischof und seinem Generalvikar sein mag, daß der ihm einfach so ein Upgrade spendiert? Das finde ich ausgesprochen kleinkariert, wie Sie da denken – meine Mitarbeiter stehen zum Beispiel grundsätzlich Schlange, um mir ein Upgrade in die Business Class bezahlen zu dürfen, wenn ich Economy fliege – ist doch das Normalste der Welt.

Und insofern stimme ich dem Bischof von und zu Limburg, Herrn Dr. Tebartz-von Elst, aus vollstem Herzen zu, wenn er behauptet, er sei, da er Businessklasse bezahlt habe, nicht erster Klasse geflogen. Ist doch klar, oder?

Nun mag es sein, daß der „sterbliche Leib“ (FAS) des Herrn Bischofs sich auf besagten Indienflügen tatsächlich in der ersten Klasse befand. Aber was ist damit bewiesen? Wie gesagt, das war ja nur der sterbliche Leib. Wer an die Mysterien des Katholizismus gewöhnt ist, dürfte mir unschwer folgen und wissen, daß das Herz und die Seele und damit überhaupt das Große und Ganze des Herrn Bischofs sich, im Gegensatz zu seinem sterblichen Leib, auf dem Flug nach und von Indien  ganz sicher nicht in der Ersten Klasse, sondern in der Holzklasse, in der Economy, befunden haben wird. Und darauf kommt es doch schließlich und endlich an, oder?

Liebe Medien – seien Sie bitte mit den Funktionären der katholischen Kirche ein wenig gnädiger!

* * *

„Deutsche werden immer reicher“, jubiliert SPON – insgesamt haben die Bundesbürger „in Form von Bargeld, Wertpapieren und Bankeinlagen“ (Immobilienvermögen wird hier nicht mitgerechnet) „fast fünf Billionen Euro auf der hohen Kante.“

Doch ach: „Der Reichtum ist nicht gleich verteilt. Die oberen zehn Prozent der Haushalte vereinen mehr als die Hälfte des gesamten Nettovermögens auf sich.“

Tschah. Zu früh gefreut.

* * *

Die SPD feiert. Nämlich „Das Deutschlandfest.“

DAS DEUTSCHLANDFEST!

Musikalisch ist sie irgendwo im Jenseits, zwischen dumpfem Deutschrock und dumpfem Schlager stehengeblieben, denn es spielen u.a. auf: Nena, Luxuslärm, Fools Garden, Glasperlenspiel, Stefanie Heinzmann, Dick Brave, Die Prinzen, Roland Kaiser, Julia Neigel und was sonst die deutsche Unterhaltungsmusik an Schrecklichem aufzubieten hat.

Deutschlandfest 

 

„Ein besseres Land kommt nicht von allein.“ Aber mit der SPD ganz sicher auch nicht.

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Die NÖ Festival und Kino GmbH aus Krems schickt mir unter dem Betreff „Donaufestival 2014 Save the date!“ eine Mail, die, wenn ich es richtig verstanden habe, hauptsächlich für ein Mineralwasser namens Römerquelle wirbt, dem gilt jedenfalls der mit Abstand umfangreichste Textteil der Mail:

Römerquelle

 

 

 

 

 

 

Was ich nicht genau verstanden habe, ist, ob ich mir den Termin „Donaufestival 2014“ vormerken soll, um dann gemeinsam mit anderen Besuchern des Donaufestivals das „trendige emotion“-Wasser zu trinken, oder ob ich besser aus der Ferne zusehe (via Live-Streaming?), wie die Österreicher „gerne das ausgezeichnete Wasser in den Sorten prickelnd, mild und still“ zu sich nehmen? Um Aufklärung wird gebeten.

Gesponsert wurde die Donaufestival-Mail jedenfalls von verschiedenen Banken, etwa der „Hypo NOE Gruppe“ oder „Raiffeisen Meine Bank“. Very „Lower Austria Contemporary“ das alles (so ein anderes der vielen Logos in der Werbemail).

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Der Aufmacher auf der Titelseite der „Zeit“ vom 1.August 2013: „Ökomobil – Das politische Auto“, Unterzeile: „BMW kann nicht nur schmutzig: Wer die Geländewagen nicht mehr kaufen will, hat jetzt eine Alternative“, nämlich den BMW i3, „eine fahrende Utopie aus Carbonfasern und Lithium-Akkus“, wie ein Frank Drieschner flötet.

Wenn Sie sich fragen, was diese "Story" auf der Titelseite der „Zeit“ soll, finden Sie nur wenige Seiten weiter die Erklärung: Auf den Seiten 6 und 7 hat BMW eine fette, zweiseitige Anzeige geschaltet: „Wie versprochen. Der elektrische BMW i3.“ „Revolutionär gebaut aus besonders leichtem wie hochfestem Carbon.“

So gehen bei unserer selbsternannten Qualitätspresse die bezahlten Anzeigen der Industrie und deren willige redaktionelle Umsetzung Hand in Hand. Läuft eben alles wie geschmiert.

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„Charts KW 31: Shindy trotz Indizierung auf Platz eins“, berichtet die Musikwoche. Nur hat sich in diese Zeile wohl das falsche Wörtchen eingeschlichen: ich würde sagen, es müßte lauten „Shindy wegen Indizierung auf Platz eins“ – die Indizierung, die Strafanzeige von Berlins Regierendem Bürgermeister Wowereit und die bereitwillige Kampagne in praktisch allen hiesigen Feuilletons zeigt Wirkung, soviel kostenlose Werbung für Shindy und Bushido bringt sicheren Erfolg.

In einem sehr guten Interview mit Thomas Gross und Thomas Winkler in der „Zeit“ sagt die Berliner Rapperin Sookee, „Quing of Berlin“: „Der mediale Raum, der sogenannten Rüpelrappern eingeräumt wird, damit sich die Mehrheitsgesellschaft voyeuristisch an solchen Liedern aufgeilen kann, sollte lieber coolen Leuten eröffnet werden. Mir zum Beispiel!“

Machen wir doch gerne: Hier „Parole Brückenbau“.

https://soundcloud.com/springstoff/parole-br-ckenbau-sookee

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Der stellvertretende Chefredakteur des „Handelsblatts“ versucht sich an der deutschen Sprache und hat sich gleich eine wirklich schwierige Aufgabe vorgenommen, nämlich den Superlativ:

„Berthold Beitz ist tot. Der wohl verdienteste Manager der deutschen Nachkriegsgeschichte ist am Dienstag mit 99 Jahren auf Sylt gestorben. Beitz hatte sein Leben in den Dienst Alfried Krupps und des traditionsreichen Ruhrkonzerns gestellt. Über Jahrzehnte hatte der "letzte Krupp" und Vorsitzende der mächtigen, gleichnamigen Stiftung das letzte Wort. Sein Auftrag, das Krupp-Erbe zu bewahren, bleibt unerledigt. Thyssen-Krupp steckt in der schwersten Krise der Firmengeschichte.“ 

Möglicherweise der wohl verdienteste Nachruf auf den Krupp-Manager.

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21.07.2013 - 12:04

Was haben Judith Holofernes, die Sängerin von „Wir sind Helden“, und Tina Turner gemeinsam? Beide haben nach buddhistischem Ritus geheiratet.

21.07.2013 - 12:03

Und was haben der Schokoriegel Raider und der öffentlich-rechtliche Moderationstexte-Aufsager Dieter Mohr gemeinsam? Beiden gefiel ihr Name nicht mehr.

Bei Raider, der 1976 in Deutschland und Österreich auf den Markt kam, entschied das der Lebensmittelkonzern Mars Inc. bereits 1991. Der Schokoriegel, zu dessen Inhaltsstoffen Zucker, Glukosesirup, Magermilchpulver, Butterreinfett, Molkenpulver, Emulgator (Sojalecithin), Backtriebmittel und Aroma gehören, heißt seitdem Twix.

Dieter Mohr, der 1958 auf die Welt kam, entschied 2013, im Alter von 54 Jahren, daß ihm sein Name nicht mehr gefällt, und erklärte seinen Namenswechsel von Dieter zu Max damit, es sei „Zeit sich zu emanzipieren“ und „zu ändern, was die Altvorderen bestimmt haben“. Er wolle jetzt „abschaffen, was mich seit 50 Jahren stört: Meinen Vornamen. Ab sofort und endlich erkläre ich mich selbst zum Max.“

Auch für Dieter Max Mohr, zu dessen Inhaltsstoffen eine substantielle Drögheit und pseudo-originelle, betuliche Erklärungen („Die Schweiz war das Afghanistan Europas“) gehören, gilt der Spruch „Raider heißt jetzt Twix...sonst ändert sich nix.“ Leider.

21.07.2013 - 12:01

Immer mal wieder verraten sich Funktionäre der Partei der „Die Linken“ und zeigen, wes rechten Geistes Kind sie im Grunde sind. Wer erinnert sich nicht an die fremdenfeindlichen Töne von Oskar Lafontaine im Bundestagswahlkampf 2005: „Der Staat ist verpflichtet, seine Bürgerinnen und Bürger zu schützen. Er ist verpflichtet zu verhindern, dass Familienväter und Frauen arbeitslos werden, weil Fremdarbeiter zu niedrigen Löhnen ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen.“

Seine Lebensgefährtin Sahra Wagenknecht tut es ihm jetzt gleich und spielt ebenfalls die nationalistische und ausländerfeindliche Karte: Die stellvertretende Parteivorsitzende der „Linken“ fordert, bei der Jobvergabe „zuerst an Jugendliche in Deutschland zu denken“. Im Interview mit Springers „Welt“ forderte Wagenknecht, bevor „Talente aus anderen Ländern“ abgeworben würden, müsse eine Ausbildungsoffensive in Deutschland starten, und fügte hinzu, Röslers Einladung an arbeitslose Jugendliche aus südeuropäischen Ländern, eine Ausbildung in Deutschland zu machen, sei „eine Ohrfeige für Hunderttausende junge Menschen, die in Deutschland leben und von denen viele nie eine Chance bekommen haben“.

Deutsche Arbeits- und Ausbildungsplätze sollen gefälligst nur Deutschen zugute kommen, sollen die Opfer deutscher Austeritätspolitik in Südeuropa doch selbst sehen, wo sie bleiben!

„Der ganze ‚linke’ Lärm befindet sich innerhalb der gegenwärtigen Logik der Herrschaft.“

(Alain Badiou)

21.07.2013 - 12:00

Es war nur ein kleiner Absatz in einem Artikel im Feuilleton der „Berliner Zeitung“ am 17.Juli 2013, aber ich meine, hier auf eine große Weisheit gestoßen zu sein: die definitive Erklärung zum Untergang der DDR nämlich.

Es lag nicht am wirtschaftlichen Niedergang, an der fehlenden Reisefreiheit und schon gar nicht an der sogenannten „Revolution“ der Bürger von Leipzig. Nein, der Untergang der DDR war dem Staat sozusagen schon 1958 in den Genen eingeschrieben worden (wenn man mal so tun will, als ob Staaten Gene haben). Damals nämlich sagte der SED-Chefideologe Alfred Kurella laut „Berliner Zeitung“, „Gartenzwerge würden an die Märchenwelt anknüpfen und den Aufbau des Sozialismus nicht stören.“

Da haben Sie’s! Ein Staat, der findet, daß seinem Aufbau Gartenzwerge nicht im Weg stehen, ist automatisch dem Niedergang geweiht.

Was das nun für den Gartenzwerg-Staat BRD heißt, in dem Gartenzwerge in den Vorgärten seiner Bürger gewissermaßen konstitutiv sind? Tschah, Sie werden sehen...

21.07.2013 - 11:58

Die meisten werden diese berühmte Zeile aus Patti Smith’s „Gloria“ kennen:

„Jesus died for somebody’s sins but not mine.“

Man kann das auf T-Shirts tragen, und wann immer Patti Smith auf ihren Konzerten „Gloria“ singt (oder sollte man nicht besser sagen: performed?), gehört das zu den Höhepunkten der Show. Bei ihren Deutschland-Konzerten im Juli buchstabierte Patti Smith jedoch aus guten Gründen einen anderen Namen, nicht mehr das legendäre G-L-O-R-I-A:

„And I said darling, tell me your name, she told me her name
She whispered to me, she told me her name
And her name is, and her name is, and her name is, and her name is...

And the tower bells chime, 'ding dong' they chime
They're singing, 'jesus died for somebody's sins but not mine.':

S – N – O – W – D – E – N!“

Und ansonsten – geht es Ihnen auch so wie mir? Man will die ganzen Einzelheiten um den Überwachungsskandal gar nicht mehr weiter verfolgen, weil die Grundlinien längst klar sind: Wir leben in Überwachungsstaaten, egal ob in den USA oder in der BRD, wir Bürger stehen generell „unter Verdacht“ (was dann wieder eine Gemeinsamkeit zum sogenannten „Biedermeier“ ist, zu Metternichs Spitzelstaat). Die Geheimdienste drehen frei und tun, was sie wollen (nur von Nazis systematisch begangene Morde ignorieren sie eher). Die herrschende Narration von Merkel und dieser Witzfigur, die wir uns als Innenminister leisten, lautet: „Alles nicht so schlimm! Wenn die USA uns und die deutsche Wirtschaft systematisch bespitzeln würden, wäre das ein Skandal.“ Leben im Konjunktiv – das, was Snowden aufgeklärt hat, das, was Guardian oder Spiegel veröffentlicht haben, wird systematisch wegignoriert, es kann ja schließlich nicht sein, was nicht sein darf. Und das gigantische Bespitzelungsprogramm der USA dient schließlich dem „edlen Zweck, Menschenleben in Deutschland zu retten“ (Friedrich). Aha.

Hier jedenfalls noch ein paar Schnipsel zum Thema aus den letzten Wochen:

„Eine der Fragen, die Menschen wie Bradley Manning und Edward Snowden stellen, lautet: Was ist wichtiger – die Wahrheit oder die Nation? Der unkontrollierten Macht im Inneren der Macht ist beides egal. Ihre stärkste und einzige Waffe ist Geheimhaltung.“

(Peter Glaser in „Edward mit den Sharing-Händen“, Berliner Zeitung) –

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sprach sich gegen die Aufnahme Snowdens aus, er verwies darauf, daß die USA "enge Verbündete", "Freunde" und ein "Rechtsstaat mit unabhängiger Justiz" seien. Außerdem würden sich sowieso die "dunklen Wolken der Abhöraffäre wieder vom Himmel verziehen". –

100 Millionen Euro soll der BND für ein Technikaufwuchsprogramm bekommen, um das Internet besser zu überwachen – „natürlich müssen auch unsere Nachrichtendienste im Internet präsent sein" (Bundesinnenminister Friedrich). „Es kann ja nicht sein," so der Minister, „daß die Verbrecher technologisch aufrüsten, immer effizienter das Netz nutzen - und wir als Staat dem nichts entgegensetzen können." Man müsse dafür Sorge tragen, „daß wir Kontrollverluste über die Kommunikation von Kriminellen durch neue rechtliche und technologische Mittel ausgleichen" (laut „Telepolis“). Natürlich kann man von einem deutschen Innenminister nicht erwarten, daß er die Verfassung kennt – danach ist für die Verbrechensbekämpfung nämlich immer noch die Polizei zuständig, nicht der BND... –

Doch auch die SPD, die sich aktuell und aus Wahlkampfgründen gegen die Überwachung der Bürger ausspricht, ist eigentlich für mehr Überwachung, sie forderte ebenfalls den „Ausbau der Internetüberwachung“ (Stern.de), ihr innenpolitischer Sprecher, Michael Hartmann, geht konform mit CSU-Innenminister Friedrich: „Deutschland hat einen gewaltigen Nachholbedarf in der Internetüberwachung." Gegenüber der "Berliner Zeitung" erklärte Hartmann, es sei wichtig, „Geld in die Hand zu nehmen, damit der BND auf die Höhe der Zeit kommt." –

„Müssen wir uns mit dieser Monstrosität nun abfinden, weil es eine Art Naturgesetz sein soll, daß die Geheimdienste eben machen, was technisch geht? Aus den verwanzten europäischen Gremien ist jedenfalls Hilfe kaum zu erwarten.“ (Constanze Kurz, „FAZ“). –

Einer Analyse von „Daten-Speicherung.de“ zufolge liegt die Beteiligungsquote der SPD an „verfassungswidrigen Überwachungsgesetzen“ bei 78 Prozent. Auf Platz 2 folgen CDU/CSU mit 67 Prozent, auf Platz 3 die Grünen mit 44 Prozent (laut „Telepolis“). –

Der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz erklärte zum Asylantrag des Whistleblowers Edward Snowden: „Ich kann nicht erkennen, dass der Mann politisch verfolgt wird." –

„’Tagesspiegel’-Kolumnist Harald Martenstein verschmolz Faktenaversion mit sensationell selbstgerechter Onkeligkeit und schrieb: ‚Die Amerikaner tun also nichts, was Tausende Deutsche in ihrer Familie nicht auch tun: Sie spionieren.’ Als wären Privatpersonen und Staaten auch nur ironisch vergleichbar.“ (Sascha Lobo auf SPON).

„Es geht bei diesem Grundrechte-Skandal nicht um konservative oder progressive Einstellungen und auch nicht mehr um die Abwägung zwischen Sicherheit und Freiheit. Die ausufernde Spionagemaschinerie ist keine Krise des Internets, sondern eine Krise der Demokratie, die sich am Internet entzündet hat. Ein international vernetzter Überwachungsapparat ignoriert die Maßstäbe der Demokratie. (...)

Es geht um die Frage, ab welchem Punkt sich ein Rechtsstaat durch systematische, heimliche Überwachung selbst pervertiert. Die Antwort darauf ist nicht trivial. Aber wer diese Frage angesichts der Enthüllungen durch Edward Snowden gar nicht erst diskutieren möchte, weiß entweder nicht, wie tief die digitale Vernetzung bereits in das Leben ausnahmslos aller Menschen eingreift. Oder er verhält sich antidemokratisch, indem er ohne umfassende Kenntnis der Vorgänge und Technologien vorauseilend Unbedenklichkeitsbescheinigungen ausstellt.“ (Sascha Lobo, SPON) –

Selbst sein eigenes Ministerium muß den Innenminister korrigieren, um ihm aus der Patsche zu helfen. In einer Pressekonferenz hatte Friedrich nach seiner Rückkehr aus den USA behauptet, daß die NSA-Spähprogramme weltweit 45 Anschläge - und fünf davon in Deutschland - verhindert hätten. Nur zwei Tage später mußte ein Sprecher des Innenministeriums die Darstellung des Ministers widerrufen. Als Journalisten darauf drängten, mehr über die vereitelten Anschläge außer bloßen Ziffern zu erfahren, stellte sich heraus, daß der Begriff "Anschlag" irreführend ist: „Auf der Regierungspressekonferenz am Montag schien nun durch, dass offenbar nicht ausschließlich konkrete Anschläge verhindert, sondern teilweise auch nur 'Überlegungen' dazu durchkreuzt wurden." Wie konkret die "Überlegungen" waren, ob sie sich in Anschlagplänen äußerten, wie weit fortgeschritten sie waren, darüber verweigerte das Innenministerium nun ein Festlegung - es könne auch ein „sehr frühes Stadium gewesen sein", zitiert die SZ. „Was dem hinzugefügt wird, entkernt die Behauptung Friedrichs völlig und stellt sie als potemkinsche Fassade aus“, stellt „Telepolis“ fest und zitiert den Sprecher des Innenministeriums: „Zu sagen, dass wir hier vor fünf konkreten Terroranschlägen standen, das wäre jetzt sicherlich die falsche Botschaft."

Der CSU-Innenminister, der einen Eid darauf geschworen hat, die Verfassung zu schützen (wobei wir natürlich wissen, was die Eide von CSU-Innenministern wert sind, denken Sie an Old Schwurhand Zimmermann...), erklärt der verblüfften Welt, es gebe ein „Supergrundrecht Sicherheit“. Blöd nur, daß so ein Grundrecht Sicherheit im deutschen Grundgesetz nicht zu finden ist, weder als „Grundrecht“, noch als „Supergrundrecht“. Eine glatte Lüge des Innenministers also. Im Grundgesetz könnte man dagegen, wenn man nur wöllte, ein Grundrecht auf den Schutz des Fernmeldegeheimnisses oder auf den Schutz der Privatsphäre oder den Schutz der Menschenwürde finden. Aber davon hat der Superinnenminister sicher noch nie etwas gehört.

Dafür findet Friedrich, die Bürger sollten selbst für den Datenschutz sorgen. Nehmen wir den Innenminister beim Wort und sorgen selbst für Aktion: Jagen wir den Superinnenminister aus dem Amt. Natürlich nicht, ohne vorher für ausreichend Teer und Federn gesorgt zu haben... –

Aus einem Interview mit der US-Juristin Marjorie Cohn (Juraprofessorin in San Diego und etliche Jahre Vorsitzende des Juristenverbands National Lawyers Guild) auf „Telepolis“ (Hervorhebungen von mir): „Frau Cohn, die Regierung von US-Präsident Barack Obama setzt derzeit alles daran, des Geheimdienst-Enthüllers Edward Snowden habhaft zu werden. Was hätte Snowden im Fall einer Auslieferung aus Russland an die USA zu erwarten?

Marjorie Cohn: In den USA würde Snowden wohl andauernde Einzelhaft drohen. Zumindest läßt der Fall des Militärs Bradley Manning darauf schließen. Das Problem bei dieser Einzelhaft ist, daß sie Folter gleichkommt, weil sie früher oder später zu Halluzinationen, Katatonie und sogar Suizid führen kann. Für Snowden wäre es sehr schwer, einen fairen Prozess zu bekommen, wenn man das politische Klima betrachtet, das die Obama-Regierung in Bezug auf Whistleblower geschaffen hat.

Frage: Nach der Flucht Snowdens aus den USA hat es von US-Seite zahlreiche Drohungen gegen China und Russland gegeben, die dem 30-Jährigen geholfen haben. Wie bewerten Sie diese Politik der US-Führung?

Marjorie Cohn: Nach Ansicht von Michael Ratner, dem Anwalt von Wikileaks- Mitbegründer Julian Assange, übt die Obama-Regierung massiven Druck auf Staaten weltweit aus, um eine Auslieferung Snowdens zu erreichen. Er soll um jeden Preis wieder in den Zugriffsbereich der USA gelangen. (...) Außenminister John Kerry hat Russland aufgefordert, "das Richtige zu tun", also Snowden die Ausreise zu verweigern und ihn an die USA zur Strafverfolgung auszuliefern. Dies sei wichtig vor dem Hintergrund der Beziehungen zwischen Washington und Moskau, dem geltenden Recht und seiner Standards. Das alles hat ein Ziel: Die US-Regierung will möglichen Nachahmern die klare Botschaft zukommen lassen, dass die etwaige Weitergabe geheimer Daten schreckliche Konsequenzen für weitere Whistleblower haben würde. Schon jetzt geht die Obama-Regierung auf eine beispiellose Weise gegen Geheimnis-Enthüller vor. Sie hat gegen acht Personen Anklage auf Basis des Spionage-Gesetzes erlassen. Das sind doppelt so viele entsprechende Anklagen unter dieser Regierung als unter allen Regierungen zuvor zusammengenommen.

Angela Merkel und ihre Minister wollen erst aus der Presse von den Spähprogrammen der US-Regierung erfahren haben. Doch nach Informationen des SPIEGEL nutzen deutsche Geheimdienste eines der ergiebigsten NSA-Werkzeuge selbst. –

„Die Strategie der Koalition, sich im Zuge des NAS-Skandals extra doof zu stellen... (...) Was gilt dort („auf deutschem Boden“, BS)? Einstweilen Anarchie. Deutsches Recht gilt auch nicht bei Facebook, denn das wohnt in Irland. So als wären das ferne Gestade, Neuland oder Taka-Tuka-Land, mit denen uns kein Abkommen und keine EU verbindet. Und es gilt auch nicht in Wiesbaden, jedenfalls nicht auf dem schicken neuen Stützpunkt der Amerikaner, denn der gehört ja denen. Was gilt dort? Was ganz anderes.

Merkel und Friedrich suggerieren den Bürgern, die sie für Kinder halten, eine fragmentierte und letztlich vormoderne Welt. In manchen Winkeln unserer großen Welt toben wilde Kerle, gegen die man nichts tun kann. (...) Nur in Merkels kleiner Republik ist man geborgen.“ (FAZ)

21.07.2013 - 11:51

„Nicht nur gilt: ‚Die Welt wird ins Haus geliefert’, sondern auch: ‚Das Haus wird der Welt ausgeliefert’.“          Günther Anders (1958)

21.07.2013 - 11:50

„Die Klientel, für die Schwarz-Gelb regiert, ist politisiert, organisiert und haut mächtig auf die Pauke. Man kennt seine Interessen. Unternehmensverbände, neoliberale Think-Tanks, konservative Meinungseliten (...)

Zwei Drittel bis drei Viertel der Gesellschaft sind spätestens nach der Finanzkrise für einen gesetzlichen Mindestlohn, regulierte Banken, höhere Steuern für Besserverdienende und große Vermögen, mehr Frauen in Führungspositionen, mehr Geld für Kitas, Schulen und Universitäten. Schon länger lehnen sie Atomenergie ab und wollen Klimaschutz und gleiche Rechte für Schwule und Lesben. Die ideologische Hegemonie des Neoliberalismus ist vorbei. Doch eine klare Mehrheit der linken Mitte in der Gesellschaft führt nicht automatisch zu einer politischen Mehrheit im Bundestag und Bundesrat.“

Jürgen Trittin im „Spiegel“

Gut gebrüllt. Nun könnte man sich, erstens, die Frage stellen, warum das so ist, daß in unserer Demokratie die BürgerInnen nicht das bekommen, was sie wollen. Interessante Frage. Schon Rousseau schlägt sich mit dem Problem der repräsentativen Demokratie herum und der Frage, warum der „Gemeinwille“ ausgerechnet in Form einer numerischen Mehrheit erscheinen soll. Und das war im ausgehenden 18.Jahrhundert – während wir aktuell eher von „einer ‚Demokratie’ der Prokuristen des Kapitals“ sprechen sollten, „die inegalitär und repräsentativ ist“ (Alain Badiou). „Unser System läßt sich nicht mehr als Demokratie bezeichnen. Es handelt sich längst um eine Plutokratie. (...) Die Funktion der Masse in einer Demokratie ist die des Zuschauers, nicht des Partizierenden.“ (Noam Chomsky, „FAZ“).

Und zweitens könnte man Herrn Trittin natürlich fragen, was sein Beitrag und der seiner Partei war, um der Ideologie des Neoliberalismus im Regierungshandeln hierzulande Tür und Tor zu öffnen. Wer hat denn Hartz 4 eingeführt? Wer hat die Deregulierung der Banken, das ungehemmte Agieren des Finanzsektors durch Regierungshandeln ermöglicht? Wer hat Leiharbeit und Minilöhne gefördert? Wer hat die Besteuerung der Besserverdienenden und der großen Vermögen so stark gesenkt, wie es Helmut Kohl nie gewagt hätte? Da war doch was, oder? Es war nun mal die rot-grüne Bundesregierung, die all das ermöglicht hat, wogegen die rot-grünen WahlkämpferInnen sich jetzt mal mehr, mal weniger gekonnt in Position bringen.

„Im Übrigen bin ich skeptisch, was die Einführung eines gesetzlichen flächendeckenden Mindestlohns angeht. Ich sehe einfach nicht, wie der funktionieren soll.“ (Peter Steinbrück, Kämpfer für den gesetzlichen Mindestlohn, im Frühjahr 2005)

21.07.2013 - 11:48

Die Strompreise werden 2014 deutlich steigen, wahrscheinlich werden wir Verbraucher mit einem Aufschlag von etwa zehn Prozent leben müssen.

Allerdings: Der Anstieg der Strompreise ließe sich begrenzen, wenn Vergünstigungen für die Industrie wegfielen, wenn die Bundesregierung also die liebgewonnenen Privilegien für die Konzerne streichen würde. Für etwa 1.700 Firmen gibt es laut einer Studie des Öko-Instituts eine höchst umstrittene Befreiung von der EEG-Umlage, die jedes Jahr neu berechnet wird und mit der die Stromkunden Erneuerbare Energien fördern. „Die Stromkunden“? Nun ja, Sie als Verbraucher natürlich, und all die kleinen und mittleren Firmen – nicht aber die Großverbraucher. Geflügelmäster oder regionale Käsehersteller zum Beispiel. Und es liegen Befreiungsanträge von 3.000 weiteren Firmen vor, von Aldi, von Golfplätzen, vom Braunkohle-Bergbau. Deren fehlende Umlagen Sie mitfinanzieren müssen, so will es die lobby-treue Bundesregierung.

21.07.2013 - 11:46

Der Kandidat Isnogood von der traurigen Gestalt, der so verzweifelt nicht Kanzler werden will statt der Kanzlerin, im Fragebogen der „FAS“:

„Welche Fragen bei ‚Wer wird Millionär’ finden Sie schwieriger: die ersten oder die letzten vier?“

Steinbrück: „Ich habe die Sendung noch nie gesehen.“

„Welches Orchesterinstrument würden Sie gerne spielen?“

Steinbrück: „Klavier oder Schlagzeug.“

„Haben Sie etwas von Rainald Goetz gelesen?“

Steinbrück: „Ich weiß gar nicht, wer das ist.“

21.07.2013 - 11:46

Rheinischer Kapitalismus:

„Germans don’t work such long hours as you might think. The average German works 1.413 hours a year – that’s almost 400 hours less than wage earners in the US.“

(in Monocle #61)

21.07.2013 - 11:45

Wieder einmal stirbt ein wichtiger Veranstaltungsort in Berlins Mitte: das legendäre ZMF („Zur Möbelfabrik“), das nicht nur ein toller Tanzclub, sondern auch ein Raum für Kunst, Theater und Performance war. Das Kulturzentrum muß zum 30.Juni schließen, weil der Eigentümer des Gebäudes Eigenanspruch angemeldet hat und über dem Club sein Penthouse errichten will.

„Es geht um die Einstellung: Wenn man immer nur das macht, was innerhalb jeder Grenze bleibt, was legal ist, nicht zu laut, entspannt, nicht zu groß und so weiter: Wie soll das was Besonderes werden? (...) Es ist doch bemerkenswert: Hier gibt es eine Subkultur, die viele Menschen in der Stadt, ja sogar in der ganzen Welt interessiert. Und trotzdem hat sie keine starke Lobby. Ich würde mir wünschen, daß jemand mal sagt: Man kann das im Zweifelsfall auch mal laufen lassen. Ich glaube, daß eine Stadt, die lebendig sein will, voller Widersprüche sein muß.“

ZMF-Betreiber Maarten de Jonge im Interview mit der „Berliner Zeitung“

21.07.2013 - 11:43

Für die Krisenbanken gibt die Europäische Union Billionen aus. Die arbeitslosen Jugendlichen dagegen sind den europäischen Regierungschefs nur sechs Milliarden wert, gestreckt auf mehrere Jahre. Besser kann man den Kapitalismus unserer Tage kaum auf den Punkt bringen:

„Nach Angaben der EU-Kommission wurden in der EU seit Ausbruch der Krise 2008 rund 4,5 Billionen Euro Steuergelder für die Bankenrettung bewilligt“, berichtet die „Berliner Zeitung“. Gleichzeitig haben die Regierenden beim jüngsten EU-Gipfel öffentlichkeitswirksam beschlossen, die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen und dafür 6 Milliarden Euro auszugeben – das hatten sie übrigens auch schon letztes Jahr und auch schon im Februar diesen Jahres versprochen, nun soll das Geld, das bereits zum dritten Mal für gute Publicity herhalten muß, etwas mehr als ein Promille (!) dessen, was der EU die Banken wert sind, „schon“ 2014 bereitgestellt werden – junge Arbeitslose (Griechenland: 62,50%!, Spanien: 56,40%!, Portugal 42,50%!, Italien 40,50%!, Slowakei 33,60%!, Zypern 32,70%! usw.) sind eben für die hohen Herren und Damen nicht „systemisch“...

28.06.2013 - 12:27

Sie sind jetzt aber nicht wirklich überrascht, daß der US-Geheimdienst auch Ihre Daten ausspäht, und daß der US-Nachrichtendienst quasi automatisch und auf dem sozusagen kleinen Dienstweg über einen geheimen Zugang praktisch alle Nutzerdaten von Konzernen wie Google, Facebook oder Yahoo erhält, oder? Wußten wir doch alle längst. Nur die Bundesregierung hat wieder einmal nichts mitbekommen und zeigte sich komplett „ahnungslos“ (Berliner Zeitung). Besser könnte man die Netzpolitik der amtierenden Bundesregierung nicht auf den Punkt bringen: Komplette Ahnungslosigkeit eben. Nur wenn es darum geht, den Lobbyisten, mit denen man neuerdings gerne auch mal öffentlich rumschmust, genehme Gesetze zu produzieren, zeigt sich die Regierung auch mal einsichtig.

Der deutsche Bundesnachrichtendienst liest ebenfalls kräftig mit: „Bis zu ein Fünftel des Datenverkehrs, der bei deutschen Internet-Providern über die Landesgrenzen hinaus fließt“, wird laut „Berliner Zeitung“ vom deutschen Geheimdienst „ausgewertet“. Allein im Jahr 2010 wurden 37 Millionen E-Mails „analysiert“ – gab die Bundesregierung wohlgemerkt offiziell zu, die wahre Zahl dürfte also bedeutend höher liegen.

Jede fünfte Mail also, die ich meinen ausländischen Künstlern, Managern und Geschäftsfreunden schreibe, wird vom deutschen Geheimdienst mitgelesen, und jede fünfte Mail, die Sie Ihren Freunden oder Verwandten im Ausland schreiben. Über 100.000 Mails werden jeden Tag vom deutschen Geheimdienst mitgelesen und „analysiert“ – das sind deutlich mehr als die Stasi je Briefe und Pakete pro Tag mitlas. Und übrigens: die NSA-Vorläuferorganisation, die „Black Chamber“, hat früher alle Telegramme, die international in den USA eingingen, gelesen, bevor sie ausgeliefert wurden; später, als Telegramme statt auf Papier auf Disketten gespeichert wurden, erschienen während der Nachtschicht bei den Telegrafenfirmen NSA-Kuriere, die die Disketten kopierten. Und heutzutage? Längst haben Geheimdienstler ihre Geräte direkt mit den Internet-Knotenpunkten in den USA, in Großbritannien oder, ja, in Frankfurt verbunden und haben ungehemmten Zugriff auf den kompletten Datenaustausch. Und „die NSA und der BND sind sogar richtig dicke Freunde, sie tauschen viele Erkenntnisse aus und arbeiten auch eng zusammen beim Anzapfen von Kabeln“, schreibt Georg Mascolo in der „FAZ“. Eine Kontrolle findet nur statt, wenn deutsche Staatsbürger betroffen sind, ausländische Staatsbürger werden von deutschen Gesetzen nicht geschützt. Mascolo fordert: „Die demokratischen Regierungen müssen ihren Geheimdiensten das Recht zum grenzenlosen Lauschangriff entziehen.“ Doch daran haben Frau Angela „Neuland“ Merkel und der BND natürlich nicht das geringste Interesse.

Wir leben in einem Überwachungsstaat. Ob Obama oder Merkel – letztlich ist das alles das gleiche Pack, das die Privatsphäre ihrer Untertanen ignoriert und systematisch verletzt.

Constanze Kurz erklärt auf „SZ Online“, warum das Datensammeln von beispielsweise Google nicht zu vergleichen ist mit dem Datensammeln des Staates:

„Google ist schließlich ein Wirtschaftsunternehmen, das für seine Werbekunden die Daten seiner Nutzer speichert. Die NSA ist ein Geheimdienst. Wenn der dreimal 'Terror' ruft, dann können Menschen daraufhin sterben, weil ihnen plötzlich Drohnen über die Köpfe fliegen. Die möglichen Konsequenzen von Datenüberwachung durch den Geheimdienst sind also offensichtlich sehr viel krasser als bei Google."

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Am 21.Juli 1913, also vor hundert Jahren, schrieb Franz Kafka in sein Tagebuch:

„Nicht verzweifeln, auch darüber nicht daß Du nicht verzweifelst. Wenn schon alles zuende scheint, kommen doch noch neue Kräfte angerückt, das bedeutet eben, daß Du lebst. Kommen sie nicht, dann ist hier alles zuende aber endgültig.“

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„Unter anderem sind es die neuen Teilzeitarbeiter und Wenigverdiener, die zur Senkung der durchschnittlichen Arbeitskosten in Deutschland beitragen. Auf dem Rücken der Ärmsten werden die Interessen der deutschen Industrie durchgeprügelt, was dann in der Politikersprache Niedriglohnsektor heißt. – Sektorengrenze, schöner, neuer Sinn. Die Grenze, sage ich zu K., verläuft nicht zwischen den Deutschen und den Griechen, sondern zwischen denen, die immer reicher, und denen, die immer ärmer werden.“ Eugen Ruge, „Das griechische Orakel“, Tagebuch einer Frühjahrsreise, in „FAZ“

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Im „Finanzmarkt“-Teil der gleichen Zeitung lesen wir zeitgleich:

„Der Club der deutschen Millionäre ist um 9 Prozent gewachsen (...) Mit insgesamt 362.000 Millionärshaushalten rangiert Deutschland damit im internationalen Vergleich auf dem siebten Rang. (...) Das gesamte Vermögen der deutschen Privatanleger“ wird für 2012 „auf 6,7 Billionen Dollar geschätzt – ein Plus von 6,2 Prozent“. „Deutschland gilt nach diesen Maßstäben als die fünftreichste Nation der Welt.“ Krise ist eben nicht für alle, selbst in der größten Bankenkrise gibt es noch jede Menge Profiteure.

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Wenn Sie mal ein deprimierendes Stück Musik auf YouTube sehen wollen, klicken Sie hier:

Warum sich die Rolling Stones für so etwas hergeben? Ein harmloses Popsternchen, das praktisch nichts kann, einen Song singen zu lassen, den die große Marianne Faithfull seinerzeit geadelt hat? Nun, es ist ein Geschäft. Nichts weiter.

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Daß es auch anders geht, haben zwei Konzerte in Berlin in der ersten Juni-Woche gezeigt. Zwei Konzerte, die vielleicht unterschiedlicher nicht sein konnten, die aber mehr gemeinsam haben, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Ich spreche vom Auftritt von Neil Young mit Crazy Horse in der Waldbühne und vom Klavierabend von Grigorij Sokolov in der Philharmonie.

Bertolt Brecht sagt irgendwo, daß man ohne den Begriff der Schönheit letztlich nicht auskommen wird. Und ich möchte ergänzen: ohne den altmodischen Begriff der „Haltung“ wohl ebenso wenig – „sag mir wo du stehst“...

Neil Young und Grigorij Sokolov verkörpern in ihren 60ern genau dies. Sie machen Musik auf einem ungeheuren Niveau, fernab von dumpfen Marketingkampagnen der aufmerksamkeits-heischenden Kulturindustrie, fernab vom „Stahlbad“, das da „Fun“ heißt (wie Adorno mal geschrieben hat). Denken Sie an all die albernen Kampagnen, die die Klassik-Labels so verzweifelt wie stumpfsinnig betreiben, wie sie Lackäffchen inszenieren, die sich an den Flügeln produzieren, wie sie junge Sängerinnen oder Instrumentalistinnen mit einer vermeintlichen Portion Sexyness versehen und Promobilder veröffentlichen, die in Softpornos der 80er Jahre eher Berechtigung hätten als auf den Covern von klassischen Alben. Und dann kommen Sie an einem warmen Juniabend in die Philharmonie, das Konzert eines alles andere als den herkömmlichen Schönheitsidealen entsprechenden, älteren Pianisten ist ausverkauft, draußen versuchen verzweifelte Fans noch an Karten zu kommen. Und was spielt dieser Pianist? Ein anstrengendes Konzert mit Werken von Schubert und mit Beethovens Hammerklaviersonate, und das Konzert ist von einer Intensität und Schönheit und zeugt von einer Haltung und einer Klasse, wie sie all die Kunstprodukte des aktuellen Klassikzirkus in ihrer ganzen Karriere nicht hervorbringen werden. Eine glücklich machende Gratwanderung. Ich weiß nicht, ob man den Erfolg von Sokolov schon als Beginn einer Gegenbewegung bezeichnen kann, als eine Gegenbewegung gegen all die Hypes und die Trostlosigkeit, die uns die Musikindustrie gemeinhin vorsetzt. Aber es ist auf jeden Fall ein schönes Gefühl, zu sehen, daß mehr als zweitausend Menschen es genießen, sich einem anspruchsvollen dreistündigen Konzert auszusetzen, und glücklich nach Hause gehen.

All dies kann man auch über den großen Auftritt von Neil Young und Crazy Horse schreiben. Die Gratwanderung. Die Intensität. Die Schönheit. Die Klasse einer Musik, die kein Produkt sein will. Musiker mit Haltung, die sich den Verwertungsprozessen der Kulturindustrie bewußt entziehen und eine Musik kreieren, wie man sie sonst kaum zu hören bekommt. Musiker, die einem wieder eine Vision davon verschaffen, wie großartig ROCKmusik doch sein kann, was man angesichts all der gesichtslosen Magerprodukte, die allüberall hergestellt und beworben werden, fast schon vergessen hatte.

Kunst beansprucht, wie Dietmar Dath sagt, „keine objektive Gültigkeit. Stattdessen kommuniziert sie eine Haltung.“

Daran haben Neil Young und Grigorij Sokolov im Juni 2013 in Berlin eindrucksvoll erinnert.

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Wie den Medien zu entnehmen war, soll Justin Bieber einen Flug ins All gebucht haben.

Gute Idee. Schickt Justin Bieber auf den Mond! Dann ist der nicht mehr unbewohnt.

(ich hätte übrigens noch ein paar weitere Vorschläge von Leuten, für deren Mondfahrt ohne Rückfahrkarte ich mit ner Spendendose oder meinethalben auch per Crowdfunding sammeln würde...)

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Cem Özdemir, der schwäbische Grünen-Politiker, riet auf seiner Fressenkladde den „lieben konservativen Politikern“, doch „vom Rock’n’Roll“ lieber die Finger zu lassen. „Diese Musik“ stehe „ziemlich für das exakte Gegenteil Eurer Politik“, meinte er großmäulig den politischen Gegnern hinter die Ohren schreiben zu müssen, als er las, daß Herr und Frau Wulff gemeinsam ein Bruce Springsteen-Konzert besucht hatten.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – aber ich halte viel davon, wenn man das Privatleben von Politikern ignoriert, genauso wie ich mir wünsche, daß mein Privatleben privat bleibt. Es geht uns nichts an, und ich will damit auch nicht belästigt werden. In welche Konzerte Herr Wulff und Herr Özdemir mit ihren Dulcineas gehen, ist mir herzlich wurscht. Wobei ich anmerken möchte, daß es mir in etwa so unangenehm wäre, in einem Konzert neben Herrn Wulff zu stehen, wie neben Herrn Özdemir. Denn wer sich derart an eine vermeintliche Zielgruppe heranwanzt wie der schwäbische Provinzpolitiker, dem will ich nirgends begegnen müssen. Nicht auf einem Rockkonzert, nicht im Straßencafé, nicht im Gemüseladen, nirgends.

Als Berliner kann man Politikern nicht so leicht aus dem Weg gehen. Man begegnet beim Brotkauf oder in der Oper (Wagner!) schon mal Frau Merkel, man trifft Herrn Ströbele auf dem Fahrrad oder Herrn Schily im Kaffeehaus. Es ist, wie es ist, man sieht den einen lieber als den anderen, aber solange sie sich nicht wichtig machen, ist es einfach ein Stück Alltag, um den man kein Gewese machen muß. Am wenigsten will ich aber intoleranten schwäbischen Grünen-Politikern begegnen, deren Politik so spießig ist wie die Musik der schwäbischen Schlagerband „Pur“, die aber verzweifelt Anschluß an Hipsterkreise suchen – oder an Kreise, die sie für hip halten, die aber letztlich auch nur so spießig sind wie sie selber. Oder wollen Sie von jemandem regiert werden, der von Ihnen einen Gesinnungscheck will, bevor er Sie ins Rockkonzert läßt?

Und ansonsten möchte man Cem Özdemir „si tacuisses“ zurufen, denn laut „Spiegel“ lief am Ende von Versammlungen der „Grünen“, bei denen sich ihre Spitzen-KandidatInnen der Basis vorstellten, „Sag mal, hast du das gesehn? Das hat die Welt noch nicht gesehn“ vom unsäglichen Christen-Popper und Bundeswehr-Bespaßer Xavier Naidoo.

Sie sitzen im Glashaus und werfen mit Steinen. Es klirrt so schön.

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Die Redakteure der „Geld & Mehr“-Seite der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ haben anscheinend frei genommen, jetzt lassen sie mal die Volontäre ran – die wissen zwar, was sie schreiben sollen, könnens aber nicht so recht: Unter der Überschrift „Der Dollar wird stärker“ berichtet die FAS am 9.6.2013: „...der Dollar wertete gegenüber dem Euro auf. Für einen Euro muß jetzt nur noch 1,3216 Dollar gezahlt werden.“

Während es vor der Aufwertung viel mehr, nämlich zwischen 1,26 und 1,30 Dollar waren...

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Lassen Sie uns diesen Vorgang mal rekapitulieren, damit wirs alle verstehen.

Der SPD-„Ich will nicht Kanzler werden“-Kandidat Steinbrück entläßt seinen Sprecher. Das Verhältnis zwischen Steinbrück und seinem Sprecher wurde unter anderem dadurch belastet, daß der Sprecher ein Interview Steinbrücks mit der „FAS“ freigegeben hatte, in dem Steinbrück kritisiert hatte, daß Kanzler gemessen an ihrer Leistung zu wenig verdienten.

Wohlgemerkt, Steinbrück fand anscheinend nicht, daß er wieder mal Mist geredet hatte, sondern er ärgerte sich über seinen Sprecher, weil der Steinbrücks Mist freigegeben hatte. Wäre es nicht einfacher, der, der den Mist produziert hat, würde sich seiner Veranstaltung stellen und selbst zurücktreten? Damit wäre uns allen geholfen.

Aber nein, Steinbrück entließ seinen Sprecher und nahm sich einen neuen. Der hat allergrößte Qualifikationen: Er leitete jahrelang das Hauptstadtbüro der Blödzeitung und arbeitete zuletzt als Lobbyist für einen umstrittenen Immobilienkonzern. Diesem Konzern, der „Deutschen Annington“, gehören circa 180.000 Wohnungen mit, um es mal so zu sagen, nicht immer zufriedenen Mietern, von denen sich etliche in Mieterinitiativen zusammengeschlossen haben. Man wirft der einer britischen Private-Equity-Gesellschaft gehörenden Firma laut „Telepolis“ unter anderem „eine übermäßige Renditeerwartung zulasten der Mieter, undurchsichtige Nebenkostenabrechnungen und einen Kabel-Zwangsumstieg vor“. Steinbrücks Sprecher, eben noch Immobilienkonzern-Lobbyist, ist sicher die Idealbesetzung, wenn es darum geht, die angebliche „Wir kämpfen für die Mieter“-Politik der SPD im Wahlkampf zu verkaufen...

Ebenfalls in sein Inkompetenz-Team berufen hat Steinbrück die ehemalige Justizministerin Zypries, die Mutter der erst vom Bundesverfassungsgericht gestoppten Vorratsdatenspeicherung, die ansonsten auch die Auskunftsansprüche gegen Access-Provider durchsetzte und so Filesharing-Massenabmahnungen überhaupt erst möglich gemacht hat, wie IT-Fachanwalt Thomas Stadler erklärte.

Ein echtes Albtraumteam hat der Sozialdemokrat da am Start.

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„Im Lauf der Jahre habe ich ihre (der Musiker, BS) weiteren Eigenschaften kennengelernt. Ehrgeiz finden sie anstrengend. Leidenschaft ist ihnen peinlich wie ein Pubertätspickel. Und Eleganz halten sie für einen Tick von Homosexuellen. Das Problem an Bands sind die Musiker.“

            Kristof Schreuf in einem herrlichen Text namens „Wie ich Künstler geworden bin“,
            hier: http://kristofschreuf.wordpress.com/2013/06/10/wie-ich-kunstler-geworden-bin/

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„Der Name der Zukunft: Kultur“ ist der Nachruf auf den großen Schriftsteller und Science-Fiction-Autor Iain Banks von Dietmar Dath in der „FAZ“ überschrieben.

Wenig Kultur hat allerdings allem Anschein nach die Republik der Dichter und Denker, denn hierzulande ist beispielsweise eines der wichtigsten Werke von Iain Banks, „Consider Phlebas“, nicht mehr im Buchhandel erhältlich, was ein echter Skandal ist.

Banks hatte sich übrigens ein von Kapitalinteressen und feudalmonarchistischen Rückständen befreites Großbritannien gewünscht, „nach innen antiautoritär sozialistisch, nach außen tolerant anarchistisch“. R.I.P., Iain Banks!

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Andere Wünsche hat die Abiturientin Alina, 18, laut „Berliner Zeitung“ vom 15.6.2013: Sie will sich „die Nase richten lassen (...) Die Nase lasse ich mir einen Monat vor Ausbildungsbeginn machen. Ich will den Höcker wegmachen lassen, allgemein kürzen, vorne kleiner machen, dünner und feiner und anheben. (...) Ich hatte im März Geburtstag, und zum 18. kriegen die anderen ein Auto und sowas, und ich wollte eine Nase haben. Meine Eltern haben mir die Nase versprochen, unter der Bedingung, daß ich ein gutes Abitur mache, mindestens 2,6. Jetzt freue ich mich schon total.“ Denn Alina hat „sehr, sehr viel gelernt und nur von Kaffee und Energydrinks gelebt“ und, hurra!, ihr Abi mit 2,5 geschafft. Einer neuen Nase steht nichts im Weg.

Abitur in Deutschland im Jahr 2013...

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2.000 Euro hat ein Benefiz-Konzert für die Flutopfer in der Kleingartenanlage Klein Attach in Sachsen-Anhalt eingebracht, etwa 4.500 Euro wurden von Musikern wie Dirk Zöllner, André Herzberg oder Dirk Michaelis bei einem Benefizkonzert in der Berliner Kulturbrauerei eingespielt. Alle haben auf ihr Geld verzichtet: Die Künstler haben umsonst gespielt, die Clubs haben ihre Säle und das Equipment umsonst zur Verfügung gestellt, das Personal hat umsonst gearbeitet, damit möglichst viel für die Opfer der Flutkatastrophe übrig bleibt.

Nur einer hielt die Hand auf und hat abkassiert und dafür gesorgt, daß weniger Geld an die Flutopfer ausgezahlt werden kann: Das war die GEMA. In Klein Attach hat die GEMA erst etwa 80 Euro berechnet, dann nach dem Protest der Beteiligten einen 25%igen „Rabatt“ gewährt. Am Berliner Benefizkonzert wird sich die GEMA mit ca. 160 Euro bereichern.

Bei der GEMA heißt es auf Anfrage von „Telepolis“, man sei den Benefiz-Veranstaltern „so weit entgegen gekommen, wie es gesetzlich möglich war“, leider leider, das sei eben „der gesetzliche Rahmen“, für weitere Zugeständnisse seien der Verwertungsgesellschaft „die Hände gebunden“.

Was natürlich eine glatte Lüge ist. Denn die Regeln, an die die GEMA gebunden ist, werden von den in Geheimklausur tagenden Gremien der Verwertungsgesellschaft ja weitgehend selbst aufgestellt (und dann vom Patentamt genehmigt). Und würde die Öffentlichkeit oder das Patentamt oder die Politik die GEMA verklagen, wenn sie im Falle von Benefizkonzerten einmal über ihren eigenen, großen Schatten springen würde und auf die paar Euro verzichtet? Oder: wie wäre es denn, wenn die GEMA der Öffentlichkeit mitteilen würde, daß sie das Problem bei den GEMA-Gebühren von Benefizkonzerten sieht und ihren Gremien eine Änderung der Bestimmungen vorschlägt? Aber die GEMA läßt nichts unversucht, ja keine Sympathien bei der Bevölkerung zu gewinnen. Während gerade bei "Musikmarkt Online" zu lesen war, daß die GEMA eine "neue Kommunikationsstrategie entwickelt"...

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Auch ein toller Verein ist die staatliche „Initiative Musik“, die unbeirrt unbekannte Nachwuchspopkünstler fördert, die niemand kennt und die sonst keine Chance hätten. In der aktuellen 22.Förderrunde der Initiative Musik wurden u.a. unbekannte Nachwuchskünstler wie Thees Uhlmann (dessen letztes Album bloß auf Platz 4 der deutschen Charts zu finden war und der locker fünfstellige Gagen für seine Auftritte kassiert), der österreichische Rapper RAF 3.0 (dessen Alben es bisher bloß auf Platz 7 der deutschen Charts schafften) oder die Band Kreidler mit Staatsknete bedacht.

Scheint ein Prinzip des Staatspop á la Initiative Musik zu sein – „wir scheißen unsere Steuerdukaten prinzipiell nur auf die größten Haufen“...

Ähnlich macht es auch die neugegründete Berliner Popbehörde namens Musicboard – da werden mit der Gießkanne über 462.000 Euro ausgeschüttet über manche sinnvolle, aber auch etliche merkwürdige Projekte und solche, die sich eigentlich auf dem Markt finanzieren sollten – und schließlich finden sich unter den 19 geförderten Projekten auch solche von wirtschaftlich erfolgreichen und hochkommerziellen Unternehmen wie die des Rolf Budde Musikverlages oder der Melt Booking GmbH & Co KG. Lang lebe die Berliner Subventionswirtschaft, die unter dem Pop-Senat fröhlich Wiederauferstehung feiert!

Staatspop und Senatspop sind oft ein rechter Flop.

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Und während der Berliner Senat seine Gießkanne über erfolgreiche Unternehmen ausgießt, ist für die „Freie Szene“ weiter wenig zu erwarten. Im Haushaltsentwurf 2014, den der von der SPD ernannte Finanzsenator dieser Tage vorlegte, wächst der Kulturetat von 368 auf 396 Millionen Euro. Das zusätzliche Geld allerdings fließt, wie Birgit Walter gerade in der „Berliner Zeitung“ festgestellt hat, „in die Institutionen, das meiste in die Opern, dort wiederum in höhere Gehälter“. Nun, nichts dagegen, wenn angestellte Musiker ordentliche Gehälter bekommen. Nur sollte dies gleichzeitig auch für die hochprekären Protagonisten der freien Szene gelten, die oft am Existenzminimum entlanghangeln. Birgit Walter schätzt, daß den rund 1.900 Künstlern und Kulturarbeitern, die in den Institutionen ein ordentliches Einkommen erhalten, rund 10.500 Beschäftigte in der freien Szene gegenüberstehen, „die das künstlerische Prekariat dieser Stadt bilden“. Für die Freie Szene, die SPD und CDU laut Koalitionsvertrag ausdrücklich stärken wollten, stehen weiterhin nur 10 Millionen Euro von den knapp 400 Millionen des Kulturhaushalts zur Verfügung. Und daß dieser Etatposten „gehalten werden konnte“, wird vom Senat als Erfolg verkauft.

Kulturpolitik, die sie meinen...

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Doch nicht nur der Staat läßt die freien und selbständigen Künstler darben und verelenden.

Auch das Vereinsorgan des liberalen, wohlhabenden Bürgertums und der Studienräte, die „Zeit“, dreht kräftig an der nach unten weisenden Honorarschraube.

Wie Silke Burmeister in einem „taz“-Interview mit dem Geschäftsführer des Zeit-Verlages, Rainer Esser, feststellte, berichtet die Zeit „häufig über Themen wie Fair Trade oder Generation Praktikum. Die Bedingungen aber, unter denen die Zeit entsteht, stehen dazu im Gegensatz“, die Honorare, die die „Zeit“ an freie Autoren zahle, seien sehr gering, und während die Zeit bei 154 Millionen Jahresumsatz eine Menge Gewinn mache, würden Honorare für freie Autoren drastisch gesenkt oder für Zweitverwertungen nur minimale Honorare gezahlt. Es ging um die höchst lukrativen Nebengeschäfte der „Zeit“ und im Kern um die Frage, ob es angesichts der blendenden wirtschaftlichen Verfassung der „Zeit“ nicht angemessen wäre, die Freien Mitarbeiter besser zu bezahlen.

Und wie reagiert der Verlagschef der „Zeit“? Er kanzelt die Journalistin hochnäsig ab und tritt später nach, indem er im Internet Burmeisters Honorare veröffentlicht.

Den ganzen Vorgang können Sie bei Stefan Niggemeier nachlesen:

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/das-revanchefoul-des-zeit-geschaeftsfuehrers-an-klein-erna/

„Für ›Die Zeit‹ zu arbeiten, macht sehr viel Freude.“ (Rainer Esser)

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Sony-Chef Ginthör erklärt uns in der „Musikwoche“ die Welt:

„Weitere Maßnahmen des Gesetzgebers zum Schutz der Kreativen und ein gesamtgesellschaftliches Bewußtsein für den Wert kreativer Inhalte sind geboten (...) Kommerzielle Anbieter von illegalen Downloads verdienen unter anderem durch Werbung unrechtmäßig viel Geld.“

Aha.

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„Change Is Inevitable.“ (Disclosure)

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Leistungsschutzrecht? Anti-Google-Gesetz? War da was?

Jetzt jedenfalls hat Google die Zeitungsverleger aufgefordert, sich zu entscheiden, ob ihre Inhalte weiter unentgeltlich auf „Google News“ erscheinen sollen oder ab August, wenn das Leistungsschutzrecht in Kraft tritt, aus Google News verschwinden sollen.

Und was passiert? „Zeit Online“, „Süddeutsche.de“, „Spiegel Online“ und andere werden das Angebot annehmen oder prüfen es derzeit wohlwollend. Bisher hat sich laut „FAZ“ noch kein deutscher Zeitungsverlag ablehnend geäußert.

„Mit dem Leistungsschutzrecht wollten die Verlage Google eigentlich dazu bringen, ihnen Geld zu zahlen“, schreibt die „FAZ“. War wohl nichts. „Mit dem weltweit einzigartigen Leistungsschutzrecht dürften sich die Verleger selbst ins Knie geschossen haben, denn der eigentliche Wunsch, an dem Dienst mitzuverdienen, ist damit passé“, kommentiert Markus Kompa auf „Telepolis“.

Wahrscheinlich verliert der Axel-Springer-Verlag, der quasi die Rolle des Chef-Lobbyisten für das neue Leistungsschutzrecht spielte, jetzt zunehmend an Einfluß – was das Schlechteste ja nicht wäre. „Welt“ und „Bild“ haben sich ja schon hinter Paywalls versteckt...

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„I think one of the most difficult aspects of modern culture is knowing how edit or eliminate all the crap in order to get to the good stuff.“ (The Residents im Interview mit „Jungle World“, erscheint dieser Tage)

31.05.2013 - 23:50

Und, haben Sie schon das großartige Album des Rappers Ghostface Killah gehört? Dessen wie immer hinreißende Musik kann auch zu ganz anderen Gedanken verleiten, etwa zu denen, die ausgerechnet die konservative „FAS“ so formulierte: „Wenn man mit diesen samtigen Aus-einem-Guß-Soulchören auf dem Ohr durch die Stadt läuft, dann überlegt man sich das doch noch mal ganz genau mit dem gesetzestreuen Leben.“

Ich weiß nicht, wie gesetzestreu Sie Ihr Leben so führen, ich glaube aber, daß Ghostface Killah sich unter einem nicht gesetzestreuen Leben etwas anderes vorstellt als sagen wir Uli Hoeneß, der angeblich mit seinen an der Steuer vorbeigeschleusten Millionen, die er sich irgendwie von Adidas ausgeliehen hat, an der Börse zockte. Hoeneß macht ja ansonsten Werbung für McDonalds, während Herr Killah eher zu Burger King geht, was ich genau weiß, denn ich selbst war mal mit Ghostface Killah in einem Burger King essen. Und das kam so:

Der Wu-Tang Clan war, ich würde sagen Ende der 90er Jahre, auf Europatournee, und neben den einschlägigen Festivals wie Roskilde und den üblichen Großstadtkonzerten war auch ein Konzert in Offenbach of all places angesetzt, zu dem ich mit einem Kumpel ging.

Wir hatten uns das so ausgedacht: wir fahren mit dem Zug nach Offenbach, treffen uns dort, laufen zur Halle und gehen dort in der Nähe, bis das Konzert beginnt, etwas Essen und Trinken. Und so trafen wir uns am Offenbacher Bahnhof und liefen zur Konzerthalle. Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal in Offenbach waren. Ich kann Ihnen jedenfalls versichern, daß Offenbach zumindest auf dem etwa halbstündigen Weg zwischen Bahnhof und Konzerthalle eine Stimmung verbreitet, die mit „Tristesse pur“ sozusagen euphorisch beschrieben wäre. Wir kamen also an einem grauen Tag an der Halle an, wo Tausende junge Menschen rumstanden und warteten. Um die Halle herum: Nichts, nur Wohnblocks. Keine Kneipe, nirgends. Nur: eine Tankstelle (wenn ich mich richtig erinnere), und ein Burger King. Nach einiger Zeit Rumlungern entschieden wir uns dafür, mangels Alternativen ins Burger King zu gehen, und reihten uns in die Schlange ein, die vom Eingang bis zur Verkaufstheke reichte. Plötzlich Gekreische und Blitzlichtgewitter. Wir wußten, das konnte nicht uns gelten. Aber wem dann? Ganz offensichtlich dem jungen Schwarzen, der direkt vor uns in der Schlange stand. Und der einer der Rapper des Wu-Tang-Clans zu sein schien.

Nun weiß ich nicht, wie Ihnen das mit dem Erkennen von sogenannten Promis geht. Ich bin da jedenfalls völlig ungeeignet. Man hat mir schon mal Michael Stipe backstage vorgestellt, „Berthold, you know Michael?“, und mir ging erst gefühlte fünf Minuten später auf, daß ich da mit dem REM-Sänger plauderte. Und als in einem anderen Backstage mal direkt vor meiner Nase Bob Dylan vorbeischlurfte, hab ich ihn auch nicht erkannt. Also... Jedenfalls waren die einzelnen Rapper des Wu-Tang Clans jenseits von RZA, Ol’ Dirty Bastard und Method Man damals noch nicht soo bekannt, und die Plattenfirma verteilte deswegen draußen vor der Halle Drehscheiben, mit dem man die einzelnen Gesichter und die dazugehörigen Namen recherchieren konnte. Und dann wußten wir, daß es zweifelsfrei Ghostface Killah war, der in der Schlange im Burger King direkt vor uns stand und sich mit Victory-Pose von den kreischenden Jungmenschen fotografieren ließ, relativ gelassen wartete, bis er seinen Fraß bestellen konnte, uns kurz anlächelte und mit einer Tüte voll Fast Food in dem neben der Halle geparkten Tourbus verschwand.

So war das also, als ich mal mit Herrn Ghostface Killah im Burger King zu Offenbach war.

Das Konzert war, als es dann endlich mit mehrstündiger Verspätung losging, leider nicht besonders, wie so oft bei Rap-Gruppen, deren Alben man liebt, live ists dann eben nicht selten eine Enttäuschung (wie unlängst in Berlin zum Beispiel auch Kendrick Lamar – während Chance The Rapper in Austin eine Offenbarung war btw). Aber ich hatte immerhin eine kleine Geschichte, mit der ich meine Tochter beeindrucken konnte.

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Eine deutsche Szene im Mai 2013:

Die Musikgruppe „Rammstein“ tritt an zwei Abenden im 1939 von den Nazis feierlich eröffneten Heizkraftwerk von Wolfsburg auf, das mittlerweile das vom von den Nazis gegründeten Automobilkonzern „Volkswagen“ gesponserte „werkseigene“ („Welt“) Moviementos-Festival beherbergt.

Laut „Welt“ legt vor Rammsteins Auftritt ein DJ auf, „er mischt die Rockhymnen mit schlimmer Tanzmusik und läßt dazu Bilder aus Videos laufen – auch die Ausschnitte aus Leni Riefenstahls Olympia-Film, mit denen Rammstein sich Mitte der Neunziger in Stellung brachten“.

Rammstein wandeln ihren Songtext dem veranstaltenden Automobilkonzern zuliebe ab und singen statt von einem Mercedes von einem VW: „VW Passat und Autobahn / Alleine in das Ausland fahren / Reise, Reise, Fahrvergnügen.“

Und die Kreativdirektorin der „Autostadt“, Maria Schneider, würdigt laut „Welt“ Rammstein für ihre „deutsche Wertarbeit“: „Hier zeigt sich der Gestaltungswillen in seiner furchtlosesten und furiosesten Form, irgendwo zwischen Wagner und Wernher von Braun.“ 

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Man würde ja gerne mal wissen, wer genau die alte Tante „Zeit“ liest, dieses Vereinsblatt der deutschen Mittelschichts-Spießer. Klar, auch in der „Zeit“ gibt es immer mal wieder einen Lichtblick, einen brauchbaren Artikel. Aber die Grundposition der „Zeit“ gegenüber der modernen Welt, dieses ständige Hinweisen auf die Gefährlichkeit des bösen Internet, dürfte für Menschen mit ein bißchen Restgrips nur schwer erträglich sein. Manchmal jedoch wird diese Grundposition einfach nur ekelerregend – wenn die „Zeit“ zum Beispiel ausgerechnet in der Woche, in der endlich der Prozeß gegen die NSU-Terroristen beginnt, nichts Dämlicheres zu schreiben hat wie: „Der bevorzugte Ort des Hasses ist das Internet.“

Vielleicht sollte sich die „gutbürgerliche“ Zeit mal fragen, was Immigranten, die einer neonazistischen Mordserie unter detaillierter Beobachtung bundesdeutscher Geheimdienste und unter kompletter Ignoranz von Politik und Medien ausgesetzt waren, von dieser These des „bevorzugten Ortes des Hasses“ halten.

Wie Harald Staun in der „FAS“ beobachtet, will die „Zeit“ dagegen „ausgerechnet am Fall Hoeneß einen ‚Kipppunkt’ im ‚Umgang der Gesellschaft mit Skandalen’ erkennen, ein ‚Bewußtsein dafür, daß es so nicht weitergehen kann’.“

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Ich habe die Düsseldorfer „Tannhäuser“-Inszenierung nicht gesehen, kann also nichts zur Ästhetik dieser Inszenierung sagen. Was ich aber sagen kann, ist, daß es ein Skandal ist, wenn eine Inszenierung nach nur einer Vorstellung abgesetzt, also zensiert wird, wie es der Intendant der Düsseldorfer Oper, Christoph Meyer, nun getan hat, der alle weiteren Aufführungen aufgrund von einzelnen Zuschauerprotesten gekippt hat. Entscheidend, so Meyer, sei allein gewesen, daß „einige Szenen, insbesondere die sehr realistisch dargestellte Erschießungsszene, für zahlreiche Besucher sowohl psychisch als auch physisch zu einer offenbar so starken Belastung geführt haben, dass diese Besucher sich im Anschluss in ärztliche Behandlung begeben mussten".

Wolfgang Höbel hat es im „Spiegel“ auf den Punkt gebracht: „Der zürnende Kulturbürger von heute (...) ruft nach dem Sanitäter. Mindestens zehn Premierenbesucher, so wird in Düsseldorf berichtet, hätten sich nach der Premiere in ärztliche Betreuung begeben müssen. Das hat für die Absetzung gereicht. Die Deutschen haben in ihrer jüngeren Geschichte sechs Millionen Juden umgebracht, aber wenn sie im Jahr 2013 auf einer Opernbühne daran erinnert werden, rufen sie nach dem Onkel Doktor.“

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McDonalds verkauft laut Aussage von Firmenchef Don Thompson auf der jüngst stattgefundenen Hauptversammlung des Fastfood-Konzerns „kein Junk-Food“, sondern „wir verkaufen viel Obst und Gemüse bei McDonald's und wir wollen noch mehr verkaufen." Ah ja. Doch nicht nur Herr Thompson verkauft uns für doof, nein, auch die sogenannten deutschen Film- und Fernsehstars spielen mit.

In einem neuen Werbespot für McDonalds treten u.a. Moritz Bleibtreu (der einen, sic,  Cheeseburger verkörpert), Alexandra Maria Lara, Christian Ulmen (die Bio-Apfeltüte), Jürgen Vogel (der Veggieburger TS) oder Joko Winterscheidt auf und machen Werbung für die ungesunde Ernährung, für die zuletzt auch schon der steuersündende Wurstfabrikant Uli Hoeneß und der sogenannte Starkoch Alfons Schuhbeck auf die Pauke hauten (was im Fall von Schuhbeck schon besonders perfide ist, wo er sich doch sonst allüberall als Apologet gesunder, frischer Ernährung inszeniert).

Martin Nowicki, Vorstand Marketing McDonald’s Deutschland, sagt dazu: „Mit der hochkarätig besetzten Kampagne inszenieren wir auf charmante Art und Weise unsere Snack-Produkte. Wir haben dafür erstklassige Schauspieler und Künstler buchstäblich auf die Bühne geholt, die unsere Produkte spielen und in überraschenden Dialogen unser neues Angebot vorstellen." Das ist werbechinesisch für: Wir haben wieder paar Idioten gefunden, die sich nicht zu schade sind, für ein paar Euro den jungen Menschen unseren Fraß andrehen.

Ach ja, und im Hintergrund steht der komische Typ mit der Pandamaske rum – Cro macht McDonalds den Snack Wrap TS. Für Geld tun unsre B-Promis eben wirklich alles.

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Wiglaf Droste erzählt in seiner neuen Glosse „Ahlmänner, aalglatt“ von den Herren Dehm und Niedecken – hier zu Ihrem Vergnügen der Teil über den Kölner Volkssänger, mit herzlichem Dank an Wiglaf Droste für die Abdruckgenehmigung:

„Auf Facebook / vulgo Fressenkladde forderte der 62jährige BAP-Sänger Niedecken seine Anhängerschaft auf, bei einem von C & A ausgelobten Schulwettbewerb für den Abiturjahrgang seiner Tochter zu stimmen. Gekürt werden sollte „das originellste Abi-Motto mit dem besten Logo“, eine Vorauswahl von 25 Einsendungen wurde zur Abstimmung ins Internet gestellt, als Preis gab es von C & A 10.000 Euro für den Abi-Ball und für alle Beteiligten T-Shirts mit dem prämierten Logo. Der Abiturjahrgang von Niedeckens Tochter nannte sich „Die wilde 13“, und als Parole hatten sich die jungen Menschen ganz bescheiden „Take over the world“ ausgedacht.

„Jim Knopf und die wilde 13“ ist eins von den erträglicheren Kinderbüchern, und Pubertierenden ist vieles erlaubt. Dennoch könnten unverschlafene deutsche 19jährige schon mal darüber nachdenken, ob sie mit ihrer Forderung nicht doch erschreckend den Gleichaltrigen ähneln, die ab dem 1. September 1939 eben mal so die Welt übernehmen sollten oder wollten.

Das Engagement von Papa Niedecken war ein Rohrkrepierer. Die angebliche Schwarmintelligenz des Internets, die Niedecken nutzen wollte, erwies sich zuverlässig als das, was sie ist: als pure Doofheit. Man warf Niedecken, erwartbar fade, Manipulation vor. Niedecken, dem Legionär Taubenus aus „Streit um Asterix“ geistesverwandt, nölte allerdings nicht minder öde zurück: „Habt ihr eigentlich nichts besseres zu tun??“ Die Frage hätte er sich vorher selber stellen können, wenn er denn dazu fähig gewesen wäre.

„Ahl Männer, aalglatt“, Alte Männer, aalglatt hieß ein BAP-Album, das 1986 erschien, und 27 Jahre später hat man die überlebenden Lemuren am Hacken, die nicht einmal einen anständigen Abgang hinkriegen. Wolfgang Niedecken, der Weltgeneralbeauftragte für Menschenrechte auf kölsch, zeigt, was ein sich als politisch ausgebender Musiker heute noch wählen kann: C & A. Als – gepriesen sei das Wort – „Skoda-Kulturkopf“ steckt Niedecken ja selbst ohnehin schon bis zu den Schultern in der Brown-Nosing-Werbebranche.“

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Haben Sie schon das explosive neue Video „FIXURLIFEUP“ von Prince gesehen?

Oh. ich vergaß, Sie leben ja im GEMA-Land, da sind Sie natürlich von solchen kulturellen Vergnügen ausgeschlossen. In China dagegen, nur am Rande, könnten Sie das Video ohne Probleme sehen...

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Wenn Sie in einem Düsseldorfer Hotel eine Broschüre finden, in der ein Artikel „Comeback des Neandertalers – Einer für alle“ überschrieben ist, an wen haben Sie dann sofort gedacht? Na?!? Genau, an den Schlagersänger Andreas Frege natürlich, der sich in seinem Bühnenleben nach einem Fruchtbonbon benennt und der aus unerfindlichen Gründen „als ein Vertreter der rebellischen Bewegung“ und als der „berühmteste Punk Deutschlands“ gilt. Aber in diesem unseren Land gilt ja auch „Bild“ als Zeitung, was will man also erwarten.

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Speaking of Blödzeitung – haben Sie sich auch gefragt, warum deren Boss Kai Diekmann so herzlich mit dem deutschen Wirtschaftsminister Philipp Rösler in der Öffentlichkeit herumgeschmust hat, als Rösler Diekmann im Silicon Valley besucht hat?

Rösler

Genau, es war der Wirtschaftsminister der FDP, der gerne damit kokettiert, mit Internet und Emails nicht viel zu tun zu haben (um seine „Privatsphäre zu schützen“...), und der gegen den Widerstand des Koalitionspartners CDU/CSU und der Opposition den deutschen Pressekonzernen, angeführt vom Axel Springer-Konzern, von Gruner+Jahr und von Burda, heftig zu Willen war und ein Leistungsschutzrecht im Bundestag durchgesetzt hat, das sehr einseitig die Interessen der Medienkonzerne berücksichtigt und die von Urhebern und Konsumenten ignoriert.

Rösler auf Schmusekurs mit den Pressekonzernen, für die er Politik macht – jetzt eben auch als Bildgeschichte...

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Der Hannoveraner Reservekorvettenkapitän Eckhard von Klaeden ist Staatsminister im Bundeskanzleramt. Zum Ende des Jahres wird von Klaeden Cheflobbyist beim Daimler-Benz-Konzern. Wer nun erwartet hätte, daß von Klaeden sofort beurlaubt wird, kennt natürlich unsere Lobby-treue Regierung und Kanzlerin Merkel schlecht - von Klaeden soll seine letzten Monate vor dem Wechsel zu Daimler weiter im Machtzentrum der deutschen Regierung verbringen, wo er seinem neuen Arbeitgeber natürlich besonders nützlich sein kann.

"Diese Haltung offenbart ein Ausmaß an Dreistigkeit und an Ignoranz von Regeln guter Regierungsführung – die Angela Merkel in anderen Ländern gern lehrmeisternd einfordert –, daß man nur staunen kann. Andererseits folgt sie konsequent der Linie von CDU/CSU und FDP, die noch jedes Bemühen um mehr Transparenz und Lobbykontrolle im Bundestag blockiert hat. Anhand des Falles von Klaeden versteht man erst jetzt so richtig, weshalb Schwarz-Gelb im vergangenen Herbst alle Anträge der Opposition so entschieden abgelehnt hat, die auf eine Karenzzeit für Politiker zielten, die in die Wirtschaft wechseln. Wären sie angenommen worden, müsste der CDU-Staatsminister jetzt mindestens 18 Monate warten, ehe er die Stelle bei Daimler antreten könnte. So lange währt die Abkühlzeit für EU-Kommissare. Lobbykontrollorganisationen fordern sogar drei Jahre für Regierungsmitglieder", kommentiert Holger Schmale in der "Berliner Zeitung".

Doch die enge Verstrickung des Regierungsmitglieds von Klaeden mit Konzernen, für die seine Regierung Politik macht, ist kein Zufall - wir hatten bereits berichtet, daß "sein Bruder Dietrich beim Axel-Springer-Verlag, der als Hauptinteressent an dem jüngst vom Kabinett und Bundeestag beschlossenen neuen Monopolrecht für Presseverlage gilt, für die Beziehungen zur deutschen Bundesregierung zuständig ist“ („Telepolis“).

An Dreistigkeit ist unsere Regierung jedenfalls kaum zu überbieten. 

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Die Blödzeitung leistet sich ansonsten die Frechheit, ausgerechnet ein Buch von Kurt Tucholsky (nämlich „Deutschland, Deutschland über alles“) in einer „Bild“-Mini-Bibliothek noch einmal neu aufzulegen. Und dafür zu werben, dieses Buch sei „ein Buch wie eine frühe ‚Bild’-Zeitung“.

Tucholsky kann sich gegen derartige Unverschämtheiten und Leichenfleddereien nicht wehren. Wir aber können Tucholsky lesen. Das hilft. Auch gegen jedwede Blödzeitung.

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Daß die Großverlage unter „Urheberrecht“ alles andere als das, sondern vielmehr ein Verwertungsindustrierecht verstehen, ist eine Weisheit der Marke Binsen, das weiß mittlerweile jedes Kind. Von einem besonders drastischen Beispiel berichtet Stefan Niggemeier auf seinem Blog: Gruner+Jahr, die auch die Münchner Vereinszeitschrift für Urheberrechtspropaganda in der Musikindustrie herausgeben, versucht vor Gericht durchzusetzen, daß Zeitschriften das Recht haben sollen, „Texte ihrer Autoren auch gegen deren Willen komplett umzuschreiben, keinen Satzbaustein auf dem anderen zu lassen, selbst wörtliche Zitate von Gesprächspartnern zu ändern“ (Niggemeier). So nämlich argumentieren die Anwälte des Gruner+Jahr-Blattes „Geo“ in einem Prozess gegen den altgedienten Reporter und langjährigen „Geo“-Autor Christian Jungbluth, der „Geo“ verklagt hatte, weil die Zeitschrift einen Artikel von ihm in einer grundlegend veränderten und für ihn nicht akzeptablen Version unter seinem Namen veröffentlicht hatte. Urheberrecht, wie die Großverlage und Medienkonzerne es verstehen, die sich in der Öffentlichkeit sonst so gerne als Vertreter der Autoren inszenieren.

In erster Instanz hat Gruner+Jahr übrigens vor dem Landgericht Hamburg verloren, doch „Geo“ ist in Berufung gegangen, in zweiter Instanz gab es dann einen Vergleich.

Wer wissen möchte, auf welch ekelhafte und würdelose Art und Weise die Anwälte des Gruner+Jahr-Blatts nicht nur gegen die Rechte seiner Autoren, sondern auch gegen die Pressefreiheit argumentieren, kann das detailliert auf Niggemeiers Blog nachlesen:

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wie-geo-gegen-die-rechte-von-autoren-kaempft/ 

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Das Feiertags-Abendprogramm am 9.Mai („Christi Himmelfahrt“) im Staatsfernsehen, ARD/„Das Erste“: 20.15 „Helene Fischer – Für einen Tag – live“. Eine 105minütige Show des „Schlagerstars“. Gefolgt von: 22.00 „Helene Fischer – Allein im Licht“. Eine „Doku über Leben und Arbeit der mit Kollegen Florian Silbereisen liierten Sängerin“ – ich würde eher sagen: eine unkritische 90minütige Werbesendung für Helene Fischer.

Und um 01.20 Uhr wird die Show von 20.15 Uhr nochmal wiederholt, damit auch wirklich jede und jeder von Helene Fischer beglückt wurde.

Ich will Sie an dieser Stelle jetzt nicht mit dem verfassungsmäßigen Kulturauftrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten langweilen – ich wäre schon zufrieden, wenn das Staatsfernsehen auch mal zu bester Sendezeit eine anderthalbstündige Sendung mit sagen wir klassischer Musik und ein andermal mit HipHop und Rap oder mit Weltmusik ausstrahlen würde. Zum Beispiel. Wenn es also irgendeine Art von kultureller Vielfalt im Programm des Staatsfernsehens gäbe, und nicht nur quotenorientierte Promosendungen für Schlagerstars und sonstigen Weltzustimmungs-Schwachsinn.

(Nachbemerkung: Der „Musikmarkt“ meldet zweieinhalb Wochen nach der Ausstrahlung des Werbeabends für Helene Fischer in der ARD den Erfolg der Promo-Maßnahme: „Keine andere Künstlerin konnte vor ihr drei Alben gleichzeitig in den Top 10 der deutschen Charts platzieren.“

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„Wenn ich ein Schostakowitsch-Konzert spiele, ist es nicht Sinn der Sache, daß sich das Publikum dabei amüsiert.“ Julia Fischer 

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Die „Berliner Zeitung“ schafft es, in einem vierspaltigen Artikel im Feuilleton über „Schriftsteller, die es aus dem Westen in den Osten zog“, Ronald M. Schernikau mit keinem Wörtchen zu erwähnen... 

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„Mit Typen wie Diepgen oder Landowsky an der Macht gäbe es die Love Parade heute noch in Berlin. Die waren viel offener. (...) Man spart jetzt jedes Jahr vielleicht eine Million für die Müllbeseitigung, aber dafür gibt man 20 Millionen für die Be-Berlin-Kampagne aus.“ Westbam im Interview mit der „taz“

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„Große Fische, wenige Angler“ lautet der Titel einer Sonderseite der „Berliner Zeitung“ am 18.5.d.J. Es geht um Steuerfahnder – „rund 1,5 Millionen Euro treibt ein Beamter im Jahr ein. Dennoch sind die Steuerverwaltungen hoffnungslos unterbesetzt, besonders im Süden der Republik (wo die CSU regiert und wo die meisten Reichen wohnen, BS). Warum der Staat sich jährlich bis zu 30 Milliarden Euro entgehen läßt.“

Ja, warum wohl? Lassen Sie uns raten... 

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In den letzten Monaten wurde in etlichen Medien, von „Süddeutscher Zeitung“ bis Bayerischer oder Hessischer Rundfunk, immer wieder beklagt, daß die Streaming-Plattformen Spotify und Simfy für Musikstücke bedingt bekannter Gruppen pro Abspielvorgang lediglich 0,001312 und 0,001248 Euro (beziehungsweise 0,1312 und 0,1248 Cent) zahlen – wir berichteten (siehe auch Berthold Seligers Artikel "Mozarts Subscriber" im "Freitag", den Sie auf unserer Homepage unter "Texte" finden können). Deshalb, so das Fazit der Berichte, biete das Streaming Musikern keine wirtschaftliche Basis. Legt man diese Maßstäbe an, dann gilt das jedoch für das herkömmliche Analogradio in noch weit stärkerem Maße – darauf weist jetzt Peter Mühlbauer in „Telepolis“ hin.

Demnach „errechnete Christian Hufgard vom Verein Musikpiraten, wie viel Geld die deutschen Radiosender auf einzelne Hörvorgänge umgerechnet zahlen, indem er anhand von Zahlen der Medien-Analyse Radio und der Verwertungsgesellschaften GEMA und GVL“ nachrechnete.  Dabei kam Hufgard auf einen Betrag von sage und schreibe 0,000193644 Euro – „nicht einmal ein Siebtel dessen, was die relativ unbekannte Beispielsband aus der BR-Sendung on3 pro Abspielvorgang bei Spotify erhält.“

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Wie der „Musikmarkt“ dieser Tage meldete, hat der EU-Mediator António Vitorino ein Jahr lang unabhängig die verschiedenen Pauschalabgaben für Privatkopien in der EU untersucht und ist zu dem Schluß gekommen, daß „die Pauschalabgabe eine Doppelbelastung für die Verbraucher darstellt. Denn Urheber würden dank lizenzierter Inhalte bereits direkt vergütet und eine Privatkopie des Verbrauchers bedeute keinen Schaden für den Urheber. Der Käufer zahle allerdings aufgrund der Pauschalabgabe doppelt. Insgesamt habe Vitorino Zweifel an dem bestehenden System und empfiehlt eine intensive Debatte über Alternativmodelle.“

Ich habe ehrlich gesagt auch „Zweifel am bestehenden System“, aber ändern wird das wenig – Sie werden auch künftig doppelt bezahlen, und das sogenannte Urheberrecht wird weiterhin zu Ihren Lasten und zugunsten der Verwertungsindustrie funktionieren. Da wette ich drauf. 

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Lustig, wie die konservative „FAZ“ anläßlich der blamablen Verlosungsaktion für die Presseplätze im Münchner NSU-Verfahren plötzlich zur harten Kritikerin von großen Medienkonzernen, von Monopolen und Großindustrie wurde. In der Gerichtslotterie hatten  „konzernunabhängige Titel wie die (...) taz oder diese Zeitung (die FAZ, BS) kaum eine Chance“ (man betrachte die schöne Konstruktion der gemeinsamen Konzernunabhängigkeit!), während „große Medienhäuser sich mit Mann und Maus an dem Losverfahren beteiligen konnten nach dem Motto: mehr Lose, mehr Chancen“.

Die FAZ also als linksradikale Kampfpresse gegen Monopolismus und Wirtschaftskonzentration? Wir hören nicht auf zu lernen.

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Und wenn Ihnen interessierte Kreise einhämmern wollen, daß in Wembley „der deutsche Fußball“ gesiegt habe, „wir“ als „Fußballnation“ in Europa führend und quasi schon Weltmeister seien – gemach, gemach, ich rate zur Nachdenklichkeit. Nur im "Großkotzertum" (Krauss/Wittich in "Jungle World") sind deutsche Fans und Medien unerreicht.

Das Endspiel um die Championsleague war ein attraktives Stück Fußball, keine Frage. Und der komische FC Bayern hat nicht völlig unverdient gewonnen, auch wenn Dortmund ein mindestens ebenbürtiger Gegner war – und die Bayern hätten sich nicht beschweren dürfen, wenn in der ersten Halbzeit Ribery vom Platz geflogen wäre, und wenn der Schiedsrichter bei Dantes Foul Elfmeter pfiff, mußte er ihm auch gelb-rot geben und vom Platz stellen. Aber es ist nun, wie es ist.

Man sollte jedenfalls vorsichtig sein mit der sogenannten „Vorherrschaft“ – die Bayern waren gegen Arsenal im Achtelfinale fast schon ausgeschieden, hatten dann im Halbfinale das Glück, auf einen FC Barcelona in einer Krise und ohne Messi zu treffen; und Dortmund kam gegen Malaga und Real Madrid zweimal auch nur mit viel Glück weiter (so sehr ich mich über die glanzvolle Dortmunder Championsleague-Saison gefreut habe).

Vor allem aber – wo war er denn genau, der dominante deutsche Fußball? Die Mehrzahl der Spieler des FC Bayern hat jedenfalls keinen deutschen Paß, und ohne die Tore von Lewandowski und die Qualität seiner drei ausländischen Kollegen wäre Dortmund nie ins Finale gekommen. Zehn der zweiundzwanzig Endspiel-Protagonisten waren keine deutschen Spieler, und unter anderem genau deswegen konnte so ein attraktives Spiel geschehen. Und wieviele Spieler kamen aus den eigenen Nachwuchsabteilungen der beiden Vereine?

Sehen Sie, es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Im Fußball wie im Leben.

Ich halte es jedenfalls weiterhin mit dem klugen Xavi Hernández vom FC Barcelona, der nicht nur sagt, er und seine Mitspieler wollten immer „einen sehenswerten Fußball bieten, mit dem sich die Leute identifizieren können“, sondern auch: „Es gibt etwas Größeres als das Ergebnis, etwas Nachhaltiges, ein Vermächtnis.“

Das hätte ich nicht besser formulieren können. Denn auch anläßlich des 25jährigen Jubiläums meiner kleinen Tourneeagentur kann ich nur immer wieder versichern: Es gibt etwas Größeres als Einspielergebnisse, als ausverkaufte Hallen, als kommerziellen Erfolg. Nämlich etwas Nachhaltiges – schöne, intensive, glücklich machende Konzerte! Ich wünsche Ihnen und uns allen möglichst viele davon – Konzerte, die in Erinnerung bleiben mögen.

02.05.2013 - 17:28

Eine journalistische Pest sind die plumpen Schubladisierungsversuche anhand selbst festgelegter, dumpfer Normen. Etwa „der Jimi Hendrix des...“. Also: der Jimi Hendrix der Harfe, der Jimi Hendrix des Saxophons, der Jimi Hendrix der Drehleier, was weiß ich.

Artikel, in denen so etwas vorkommt, sollten mit einem Strafhonorar in doppelter Höhe des Autorenhonorars belegt werden (na gut, also faktisch mit 2 x praktisch nichts...).

In der Reihe derartiger Einfallslosigkeiten und journalistischer Offenbarungseide ist auch die Zuschreibung „ist Pop“ bzw. „ist Rock“ zu sehen. Leute, die offensichtlich in ihrem Leben nur wenige Einsichten gewonnen und sich nur wenige Differenzierungsmöglichkeiten erarbeitet haben, sortieren kräftig in Pelikan und Geha, in Adidas und Puma, in Yin und Yang. Mercedes? Ist Rock. Porsche? Ist Pop.

So auch in einem taz-Interview mit Lars Rudolph. Schon die Titelzeile schreit: „Kleist war ein Rocker“. Aha. Doch wie kommt das?

Es liegt, natürlich, an einer selten dämlichen Journalistenfrage, und an der situativen Überforderung des Befragten, angemessen auf eine derart dämliche Frage zu reagieren (nämlich zum Beispiel den Raum zu verlassen).

Also, Frage taz: „Nun haben Sie eine Novelle von Kleist vertont. Ist Kleist eher Pop oder Rock?“

Antwort Lars Rudolph: „Rock.“

Wenn es nicht so hoffnungs- und sinnlos wäre, könnte man dem taz-Redakteur empfehlen, sich Kleists „Lehrbuch der französischen Journalistik“ von 1809 zu besorgen, da könnte er ne Menge lernen. Oder auch nicht. (Kleist sprach sich übrigens sogar gegen „Freibillets“ für Kulturveranstaltungen aus, mit denen Berliner Theaterkritiker „bestochen“ würden. Erklären Sie das heute mal den Zuständigen am Gästeliste-Schalter eines angesagten Popkonzerts...)

Aber daß Lars Rudolph dem taz-Redakteur ein absolut ebenbürtiger Gesprächspartner ist, zeigt sich später: „Im 16. Jahrhundert hatte Musik ganz andere Kraft auf Leute, da gab es keine Massenmedien. Da wurde zu Hause Musik gemacht oder in der Kirche.“

Im 16.Jahrhundert waren also alle glückliche Hausmusiker? Schöne Vorstellung. Dumm nur, daß das Musikmachen (wie das Lesen) im 16.Jahrhundert auf einige wenige tausend Menschen beschränkt blieb, während weit über 90% der Menschen weder schreiben noch lesen, noch auch nur im entferntesten daran denken konnten, selber Musik zu machen. Aber Leute, die Sätze sagen wie „Kleist war ein Rocker“, haben halt auch sonst wenig Ahnung vom Leben und der Welt.

Das taz-Interview endet übrigens so:

taz: „Mögen Sie den Showbusiness-Effekt von Religion?“

Lars Rudolph: „(...) Gute Predigten sind Gold wert. Wenn es gute Pastoren gäbe (...), ist das wie Pop. Wie Iggy Pop, wenn er sich malträtiert.“

Es wird so getan, als ob das Problem des deutschen Journalismus die Bezahlmodelle seien. Ich würde dagegen sagen, daß das eigentliche Problem die Qualität des Geschriebenen ist. Warum soll man Zeitungen kaufen, die von Leuten vollgeschrieben werden, deren geistiger und kultureller Horizont nur von einer Schubladenwand namens Rock zur anderen Schubladenwand namens Pop reicht? Trostlos.

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Aber nichts ist heute zu dämlich, als daß es nicht unbedingt irgendwo abgedruckt werden müßte. Und wenn es nur in der „FAZ“ ist. Dort darf ein Felix Johannes Enzian (Namenswitze sind verboten) über das Berlin-Konzert von Lana del Rey drei Spalten mit Promo-Prosa vollsülzen, die so bescheuert und inkompetent sind, daß man konstatieren muß: Das Feuilleton, der sogenannte „Qualitätsjournalismus“ wird die Popkritik auch nicht mehr retten.

Nun kann man nicht von jedem erwarten, daß er ein derartiges Konzert so souverän, arrogant  und originell rezensieren kann wie unser „Kreuzberger Medienpreis“-Gewinner Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“ (von „Frauen, wie sie von Lana Del Rey in idealtypischer Weise verkörpert werden, haben keinen Motorradführerschein. Sie haben auch keinen Beruf und kein eigenes Konto“ bis zum Schlußsatz: Nachdem sie zu Beginn des Abends noch einen distanzierten und angestrengten Eindruck erweckt, fällt die Anspannung im letzten Drittel sichtlich von ihr. Selten sieht man Künstlerinnen, die sich so sehr auf das Ende ihres Konzerts freuen wie Lana Del Rey.“).

Daß Herr Enzian aber in jedes Stereotyp der Hilflosigkeit verfällt, mit dem schlechte Schreiberlinge Konzerte zu fassen suchen („Morbide Mädchenhymnen“, „Pop in Perfektion“, die Stimme ist „hypnotisch“, das Seufzen ist „wimmernd“ und „schraubt sich zart-kunstvoll in die Höhe“, die Lippen sind, natürlich, „üppig“, die Verse sind „perfekt verknappt“ und „in Stein gemeißelt“, die Diva ist „entrückt“, der „Star freut sich ganz ungekünstelt über die Begeisterung, die ihm entgegenschlägt.“) – sorry, liebes FAZ-Feuilleton, so haben wir nicht gewettet, für so einen blöden Schmarrn zahl ich keine EUR 46,90 Abogebühr monatlich, das können Sie für die Hälfte vielleicht den Erstsemestern als Studentenabo andrehen, ich dagegen verlange Schmerzensgeld von Ihnen, wenn ich morgens so etwas lesen muß! Damit das ein für alle mal geklärt ist.

Und Herr Enzian hat nicht nur von Sprache und Musik, sondern auch vom Konzertwesen keine Ahnung, wahrscheinlich hat ihn seine kleine Schwester das erste Mal auf ein Konzert mitgenommen: „Alle Songs haben Hitqualität. Daher kann die Newcomerin es sich leisten, ihre Singles erst am Ende des Abends zu spielen...“ Gut, Herr Enzian, diese Lektion in der Ersten Stunde der ersten Klasse der Popgrundschule gebe ich Ihnen kostenlos: Es ist guter Brauch, daß Künstler auf ihren Konzerten ihre Hits erst gegen Ende spielen. Jetzt denken Sie mal ein Grundschulhalbjahr lang darüber nach, warum das so ist. Vielleicht bekommen Sie’s selbst raus. Wahrscheinlich aber nicht.

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„Seliger, wo bleibt das Positive?!?“ Ich weiß ich weiß. Aber Sie haben ja sicher auch gelesen, was ich eben über Jens Balzer gesagt habe, ja? Und in der FAZ schreibt ja auch regelmäßig Eric Pfeil Konzertrezensionen, zum Beispiel, und das ist dann ein Vergnügen und verhilft dem FAZ-Feuilleton zu mildernden Umständen vorm apokalyptischen Musikgericht, sozusagen.

Und dann lese ich ausgerechnet in der „Zeit“ den Artikel „Leben wie im Countrysong“ von Franz Dobler, und ich bin hingerissen und würde Ihnen am liebsten von A bis Z aus diesem Artikel über den Film „The Broken Circle“ vorlesen.

Nun ist es kein Geheimnis, daß Franz Dobler einer der besten deutschen Schriftsteller ist, und ich schau fast täglich auf seinen Blog, wo’s immer interessant zugeht. Und er kann natürlich schreiben, da will unsereiner gleich aufhören, selbst zu bloggen...

Wie auch der Film einige gute Lektionen bereithält, etwa über Bluegrass: „Arme Glücksritter aus der ganzen Welt lebten in den Appalachen und arbeiteten hart in den Minen. Um Hunger und Elend zu ertragen, sangen sie Lieder über ihre Angst vor dem Tod, die Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits und ihr hartes Schicksal.“ Sagt der Banjospieler Didier. Sagt Dobler.

Bluegrass, das ist schon eine andere Welt. Hören Sie zum Beispiel Roscoe Holcomb (ich habe auch einen Track von ihm auf unsere Spotify-Playlist im Mai gepackt), „I Am A Man of Constant Sorrow“ zum Beispiel, da wissen Sie, was los ist. Die großen Bad Livers haben es leider nie nach Deutschland geschafft in den 90ern, die hätten Sie sehen sollen!

„Unberechenbar krachen Gegenwart/Unglück und Vergangenheit/Glück permanent gegeneinander (...) Was nicht heißt, komische Elemente würden hier die Wucht rausnehmen. Wie auch die Band nicht Erholung, sondern vierter Hauptdarsteller ist, auch Teil des Schlachtfelds (...) Als sei die Botschaft: Musik ist das, was uns in größter Not am Leben hält, sonst nichts“, schreibt Dobler und berichtet abschließend (immer wieder Townes...):

Aus dem The Broken Circle-Soundtrack ist es ausgerechnet die ungeschönte Version von Townes Van Zandts If I Needed You, die in Belgien ein Hit ist. Ist das Belgien? Der ultimative Reterotrend? Sollte man nicht wieder anfangen, an das Gute im Menschen zu glauben?“

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Was Herr Bushido so treibt, wenn er nicht gerade den Integrations-Bambi des Burda-Verlages entgegennimmt oder ein Praktikum bei CDU-Bundestagsabgeordneten absolviert, das wissen Sie als LeserInnen dieses Rundbriefs natürlich längst. Jetzt haben es auch „Stern“, „Spiegel“ und die Tagespresse entdeckt: Bushido singt also homophobe und frauenfeindliche Texte, und seinen Songtext „Wir vergasen jede Tunte“ hat Bushido brav in „Wir verarschen jede Tunte“ geändert, was natürlich jeden Integrationsbambi rechtfertigt. Und nun fanden die Investigationsjournalisten von „Stern“ bis „Spiegel“ heraus, was Herr Bushida selbst seit Jahren sagt, nämlich: der Berliner Rapper steht einem „berüchtigten Mafia-Clan“ nahe.

Uiuiui.

Ein Künstler erzählt (vor mehr als einem Jahr bereits), daß er Politik nach dem Prinzip „Der Pate“ machen wolle; und auf die Frage nach seiner Verbindung zur Mafia sagt der Künstler, das sei bei Berlusconi nicht anders: „Wir sind, was wir sind.“

Und was fällt Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) zu diesem Thema ein? Henkel fordert laut „Berliner Zeitung“ allen Ernstes, dem „Rap-Barden den Bambi abzuerkennen, den er 2011 erhielt“. Sie merken, der CDU-Politiker fährt allerschwerste Geschütze auf...

Die Aberkennung des „Bambi“. Was für eine Kühnheit!

Und gleichzeitig sieht man, wie verblödet und wie lächerlich die Politik heutzutage ist – da wird so getan, als ob irgendein „Bambi“ irgendeine gesellschaftliche Relevanz habe, quasi eine Art Verdienstkreuz oder Doktortitel oder Nobelpreis, den man dringend aberkennen müsse, wenn sich einer nicht ordentlich verhält. Wahnsinn. Vielleicht sollte man dem Herren Innensenator mal erklären, welche Möglichkeiten die Gesetze hergeben, um gegen homophobe und frauenfeindliche Aussagen, vor allem aber gegen mafiöse Strukturen vorzugehen. Wenn da vom Innensenator alle Mittel und Möglichkeiten ausgeschöpft wurden, kann Bushido wegen mir seinen Bambi gerne behalten. Ob der dann im Regal seiner Villa oder in einer Gefängniszelle steht, mögen die zuständigen Stellen entscheiden.

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Verändern Sie die Welt mit einem Klick!

Sie können zuhause auf dem Sofa sitzen bleiben, ist ganz einfach! Gehen Sie einfach auf die Website von „Change.Org“, und schon werden Sie gefragt „Was wollen Sie verändern?“

Und wenn es nur der Kampf für eine bessere, irgendwie „faire“ Nutella ist:

„Sind Sie auch für Nutella, aber fair? Dann unterschreiben Sie jetzt die Petition von Heike Heider“, flötet die Website. „Nutella ist beliebt, aber wird nicht fair produziert. Deswegen fordert Heike Heider gemeinsam mit anderen – Fairtrade-Siegel aufs Glas!“

Und wenn dann erst das Fairtrade-Siegel auf jedem Nutella-Glas klebt, ist die Welt quasi gerettet, und Sie können sich als Gutmensch fühlen und sich wieder bequem auf Ihrem Sofa zurücklehnen. Das Gute auf der Welt ist nur einen Klick entfernt. Oder, wie Change.org selbst sagt: „Menschen bekommen eine Stimme, die nicht glaubten, daß sie eine hatten.“

Stand so in der „Berliner Zeitung“. Vielleicht kann man bei Change.org eine Petition für die korrekte Verwendung der deutschen Sprache einreichen. Wäre auch irgendwie einen Klick wert, oder?

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Sie wissen ja, der Berlin-Flughafen ist das Ding, das es nicht gibt und nie geben wird, das die Steuerzahler aber zig Milliarden kostet. Das Geld ist da, hurra!

Im Gegensatz zum Flughafen, den Berlin irgendwie nicht hinkriegt, gibt es in Berlin aber Radwege. Ganz konkret, die Dinger gibt’s wirklich. Nur: für Radwege ist kein Geld mehr da! Der Berliner Finanzsenator Nußbaum hat jetzt die Ausgaben für den Fahrrad- und Fußgängerverkehr in Berlin drastisch gekürzt. „Die ohnehin schon relativ geringen Investitionen in Radwege und in Radfahr- und Zebrastreifen sollen um zwei Millionen Euro sinken“ (Berliner Zeitung). Tschah, wer Milliarden für einen nicht vorhandenen Flughafen zum Fenster raus schmeißt, muß natürlich unbedingst schnell zwei Millionen bei den Fahrradwegen einsparen, ist schließlich kein Geld mehr da. So sieht Verkehrspolitik von SPD und CDU im 21. Jahrhundert aus.

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„Berlin war eine Zeit lang besonders. Heute sind da zu viele Künstler, zu viele Leute mit Karottenjeans. Idioten.“ (Iggy Pop)

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Die schönste Schlagzeile des vergangenen Monats las ich allerdings auf Musikmarkt.de: „Helene Fischer wird Werbegesicht für Meggle.“ Die Kräuterbutter, Sie wissen schon (also Meggle, nicht Frau Fischer...). Toll, oder?

Man redet heutzutage natürlich geschwollen daher, also sagt man nicht einfach, „Helene Fischer ist unsre neue Kräuterbutter-Schnute“, sondern: „Die Molkerei Meggle hat Helene Fischer als neues Testimonial gewonnen.“

„Meggle ist in den Köpfen der Verbraucher nicht mit Bildern hinterlegt“, barmt ein Ralph Biermann, seines Zeichens „Group Product Manager von Meggle“. Wo er Recht hat, hat er Recht. Ob sich das nun ändern wird, wenn Helene Fischer „ich bin das Kräuterbutter-Gourmeggle“ haucht, kann ich nicht beurteilen. Unseren Spaß werden wir aber alle haben.

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Nicht nett fand ich dagegen die Schlagzeile „Deutsche Wähler immer noch dumm“ auf Telepolis. Wobei, nun ja, ganz falsch liegen sie nicht: Denn weniger als die Hälfte der wahlberechtigten Deutschen weiß laut einer Infratest dimap-Umfrage, daß die Zweitstimme bei der Bundestagswahl über die Mandatsverteilung entscheidet.

Bedenklich, oder?

Noch bedenklicher allerdings ist nur, daß man, egal ob für Erst- oder für Zweitstimme, praktisch keine Auswahl hat. Was immer Sie als WählerInnen tun, es kommt immer eine Mitte-Regierung heraus. Was nun wirklich irgendwie dumm ist.

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Der Lieblingsfeind der deutschen Content-Industrie, die Firma Google, forciert laut einer Meldung auf „Musikmarkt.de“ in den USA „den Ausbau schneller Glasfaserleitungen mit der Bandbreite von einem Gigabit“.

Während „die Telekom in Deutschland den umgekehrten Weg geht und Internetverträge mit Volumenbegrenzung einführt“. Und die sogenannten „Internet-Flatrates“ deutscher Provenienz ja sowieso schon bisher dubiose Mogelpackungen darstellen, in denen alles andere als eine „Flatrate“ drin ist...

Google bietet in den USA jedenfalls für circa 32 Euro pro Jahr (!) „fünf Megabit ohne Datenbegrenzung und ohne weitere Gebühren für sieben Jahre garantiert“ – das ist „der Preis, den der Nutzer in Deutschland für 6.000 Kilobit pro Sekunde Download durchschnittlich im Monat zahlen muß.“

Amerika, Du hast es besser! Oder Frankreich. Sascha Lobo erklärt uns auf "SPON":

"Anfang 2013 dekretierte die französische Regierung, 20 Milliarden Euro in Glasfasernetze zu stecken, um 'Schluss zu machen mit Kupfer'. Das Bundeswirtschaftsministerium schreibt dagegen zum Thema Breitbandausbau: 'In einigen Fällen kann auch der Einsatz von Fördermitteln erforderlich sein, wenn andernfalls eine Erschließung auf mittlere Sicht nicht darstellbar ist.' Noch lascher lässt sich kaum erklären, dass man kein Geld in die Hand nehmen möchte."

Und Sascha Lobos Forderung können wir uns nur entschieden anschließen: "Es führt kein Weg an massiven staatlichen Investitionen in eine netzneutrale Glasfaserinfrastruktur vorbei."

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Und keine sogenannte Initiative ist natürlich zu popelig, als daß die Münchner Vereinspostille  für den deutschen Urheberrechtsfan nicht groß über sie berichten würde. Laut „Musikwoche.de“ hat also eine Initiative „Don’t Fuck With Music“ in Berlin ein „Guerilla-Konzert“ veranstaltet. „Vor dem Reichstag wurde während der Aktion ein Transparent (...) ausgerollt. Lautstark begleitet wurde die Aktion von der Berliner Band The Toten Crackhuren im Kofferraum.“

Was aber sah man auf dem Foto, das zur Meldung in der Vereinspostille abgedruckt wurde?

Keine Massen, keine Demonstration at all, keine Protestaktion von zig Künstlern, sondern vier oder fünf armselige Hanseln und Greteln, wahrscheinlich die Toten Crackhuren selbst, ich kenn die nicht, aber wer sich schon so nennen muß...

Und unter einem „Protesttruck“, wie die Musikwoche das nannte, stell ich mir auch irgendwie was anderes und vor allem was Größeres vor als einen Kleintransporter.

Echt Guerilla, diese Freunde des Urheberrechts mit ihrem Manifest!

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Und, gähn, die GEMA? Hat eine ganz schöne Bauchlandung fabriziert.

Selbst das der Gema traditionell sehr gewogene Patentamt hat der „Gema-Tarifreform eine weitgehende Absage erteilt“ (FAZ). „Die Schiedsstelle schlägt vor, die elf Tarife beizubehalten, die die Gema ursprünglich auf zwei reduzieren wollte. Eine Abschaffung der Vielzahl an Tarifen würde gegen das Gleichbehandlungsgebot verstoßen“, mußte sich die Gema ins Stammbuch schreiben lassen. Den absurden „Mondtarife“ mit durchschnittlich 500 Prozent höheren Gema-Tarifen für Diskotheken und bis zu 2000 Prozent höheren Tarifen für Musikkneipen hat das Patentamt eine völlige Abfuhr erteilt. Diese Auswüchse, die die Gema-Oberen seit geraumer Zeit vorangetrieben haben, sind nun endgültig vom Tisch.

Es gibt jedoch immer noch Klärungsbedarf hinsichtlich einiger erhöhter Tarife. Wobei man vielleicht jetzt doch erwarten darf, daß die Arroganz der Gema-Funktionäre ein wenig kleiner wird, nachdem sie nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern jetzt sogar vor der Schiedsstelle mit ihren maßlosen Forderungen Schiffbruch erlitten haben. 

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Nun mal ehrlich: Daß Uli Hoeneß, dieser selbsterklärte Saubermann und CSU-Amigo, der gerne in Talkshows mit erhobenem Wurstfinger rechte Moral lehrt, auch nur ein dumpfer Steuerhinterzieher ist – das wundert uns nicht, oder? Das hatten wir uns eh längst gedacht. Allerdings verfolgt unsereiner mit einer gewissen klammheimlichen Freude, wie dem Hoeneß Uli seine Sprüche wie man müsse „die Reichen“ im Lande behalten, „damit sie hier gemolken werden können“ (FAZ) nun auf die Adidas-beschuhten Füße fallen. Fair enough. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Noch bescheuerter und dumpfer ist eigentlich nur Herr Rummenigge, der sich aus Katar kommend mit zwei Rolex-Uhren, die er nicht ordnungsgemäß angemeldet hat, beim Zoll erwischen läßt. Aber so sind sie halt, die Reichen, die ihr langweiliges Leben nur mit dem Kauf von Rolex-Uhren aufpeppen können...

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Was also ist mit den Reichen los?

Eine Frau mit dem sinnigen Namen Denise Rich hat für Céline Dion, Patti LaBelle, Diana Ross oder Aretha Franklin Hits wie „Love Is A Crime“, „Frankie“ oder „Candy“ geschrieben und damit offensichtlich eine ganze Menge Geld verdient. So viel Geld, daß sie es anscheinend in sonnigen Steueroasen verstecken mußte – ihr Name ist laut „FAZ“ in der „Datenlawine  aufgetaucht, durch die sich im Auftrag des Washingtoner Center for Public Integrity seit mehr als 15 Monaten 86 Journalisten wühlen.“

Ganze 144 Millionen Dollar wurden unter dem Namen von Frau Rich auf den Cook-Inseln, einem beliebten Offshore-Gebiet, entdeckt – und die Frau Rich dort wohl „nicht ganz nach international gültigen Geldverkehrsvorschriften geparkt hat“.

Die „FAZ“ weiß auch, daß Frau Rich für ihr Penthouse auf der New Yorker Fifth Avenue eigentlich 65 Millionen Dollar haben wollte, es dann vor einem halben Jahr aber für nur 54 Millionen Dollar an den Medienmogul David Geffen verkauft hat – ein Schnäppchen, ein  Freundschaftspreis sozusagen!

Ihr einstiger Ehemann, Herr Rich also, wurde vor Jahren in den USA wegen Steuerbetrugs verurteilt und ging ins, genau, Schweizer „Exil“, weil er lieber nicht im Knast sitzen wollte. Laut „FAZ“ hat Frau Rich der Demokratischen Partei „Schecks“ zukommen lassen, die „üppig genug waren, um als ‚FOB’, als ‚Friends of Bill’ bei dem damaligen Präsidenten eine Sonderstellung zu genießen.“ Und Bill Clinton hat dann tatschlich an seinem letzten Amtstag noch schnell den verurteilten Steuerbetrüger Herrn Rich begnadigt.

Frau Rich dagegen hat 2011 ihren US-Paß zurückgegeben und verwaltet seither ihren Reichtum „lieber und vorteilhafter“ in Österreich. Oder eben auf den Cook-Inseln.

Geschichten, die das Leben schreibt. Geschichten, wie Sie und ich sie tagtäglich erleben.

12.04.2013 - 17:47

Die Sparauflagen, die Griechenland von der deutschen Regierung aufgezwungen wurden, verlangen von Griechenland, die öffentlichen Gesundheitsausgaben bei 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu halten oder noch weiter zu senken. In Deutschland beträgt der Anteil  der Gesundheitsausgaben dagegen 9 Prozent. Ist die Gesundheit der Griechen weniger wert? Sind die Griechen Europäer zweiter Klasse?

Offiziell sind 30 Prozent der griechischen Bevölkerung nicht mehr krankenversichert, vermutlich ist aber bereits jeder Zweite aus der Absicherung herausgefallen, wie Kirsten Schubert in einem erschütternden Bericht für medico international schreibt. Es mangelt an Arzneimitteln, selbst Verbandsmaterial ist knapp geworden, und Medikamente bekommt man in den leergeräumten Apotheken nur noch gegen Barzahlung. Seit die Troika durchgesetzt hat, daß alle sozialstaatlichen Leistungen (inklusive der Krankenversicherung!) zwölf Monate nach Verlust des Arbeitsplatzes einzustellen sind, ist die steigende Zahl Arbeitsloser ein sicheres Indiz für die zu erwartenden gesundheitlichen Belastungen der Bevölkerung – aktuell ist jeder vierte Grieche arbeitslos, bei jungen Menschen unter 24 Jahren sind es mehr als die Hälfte.

Wohlgemerkt, dies alles geschieht in Ihrem Namen! Daß das von Deutschland dominierte Europa systematisch eine solche die Menschenwürde verletzende Ungleichheit zuläßt, ist empörend.

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„Wie kommt es, daß die Leute die Gesetze befolgen und nicht vielmehr auf sie pfeifen? Diese Frage, nein, eher die Verblüffung über diesen weitverbreiteten Gesetzesgehorsam verleitet zum Thesenbilden. Doch lassen wir die Soziologenmär von der Akzeptanz als Erklärung aus dem Spiel. Auch der Hinweis auf die Vernunft der Gesetze verfängt wohl kaum. Bleibt, wie so oft, Max Weber. Von allen Erklärungsversuchen scheint der Webersche schon deswegen bedenkenswert, weil er die Frage umstellt. Nicht: wieso folgen die Leute den Gesetzen, sondern: wie stellen es die jeweils Herrschenden an, daß es sich so verhält?" (Cornelia Vismann)

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Auch dieses Jahr konnte sich die HBO-Serie „Game of Thrones“ laut SPON den ersten Platz im illegalen Download-Ranking sichern. Kaum hatte HBO die erste Folge ausgestrahlt, wurde die Videodatei als Torrent angeboten. In der Spitze wurde der Clip von mehr als 160.000 Nutzern gleichzeitig geteilt, sämtliche angebotenen Versionen der Startfolge kamen laut SPON auf über eine Million Downloads.

Die Startfolge wurde auch von 4,4 Millionen HBO-Abonnenten betrachtet. HBO jedenfalls scheint sich am nicht ganz rechtskonformen Interesse an „Game of Thrones“ nicht weiter zu stören. Der Autor der Buchreihe, George R.R. Martin, hatte die Urheberrechtsverstöße bereits als „Kompliment“ für sein Werk gewertet, und nun zog HBO-Programmdirektor Michael Lombardo nach: „Ich sollte das vielleicht nicht sagen, aber das ist gewissermaßen ein Kompliment. Die Nachfrage ist vorhanden. Und es (also die illegalen Downloads, BS) hat sich sicher nicht negativ auf den DVD-Absatz ausgewirkt“, sagte Lombardo in „Entertainment Weekly“ und machte sich hauptsächlich Sorgen über die Qualität der Dateikopien. Illegale Downloader will der HBO-Chef jedenfalls nicht verfolgen lassen.

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Ist das, was man anbietet, gut genug, dann macht man in der Regel damit Geschäfte im Internet, und auch die sogenannte Piraterie ist kein Problem, wie wir sehen.

Ein etwas anderes Geschäftsmodell verfolgt der Axel-Springer-Konzern hierzulande, auf dessen umfangreiche Lobbybemühungen das vom Bundestag verabschiedete „Anti-Google-Gesetz“ zurückgeht.

Am 22.3. lese ich in der FAZ, wie der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, vor dem Ausschuß für Kultur und Medien des Bundestages jammert: Ein „tragfähiges Geschäftsmodell für den Vertrieb von Zeitungsinhalten ist nicht in Sicht“, sagte Döpfner. Und: „ohne ein Leistungsschutzrecht, das die Produkte der Verlage vor der Inbesitznahme durch kommerzielle Anbieter im Internet schützt, wird die freie Presse verschwinden.“

Merkwürdig nur, daß gut zwei Wochen vorher, am 7.3., in der Berliner Zeitung zu lesen war, daß der Medienkonzern Axel Springer 2012 seinen Umsatz „vor allem durch den Ausbau digitaler Medien gesteigert“ hat, ausgerechnet. Mathias Döpfner sagte dort, daß Springer „erstmals über eine Milliarde Euro Umsatz mit digitalen Medien erzielt“ habe, „mehr als mit jedem anderen Geschäftsbereich“. Der Bereich "Digitale Medien" löste demzufolge mit einem Umsatz von 1,2 Milliarden Euro (plus 22 Prozent!) erstmals die inländischen Zeitungen als umsatzstärksten Geschäftsbereich des Axel Springer-Konzerns ab.

Ganz ohne Leistungsschutzgesetz, ganz ohne Mithilfe des Gesetzgebers.

Und wie gehen die beiden Statements nun zusammen? Tun sie nicht. Döpfner hat einfach die Politiker im Deutschen Bundestag und die Öffentlichkeit verarscht. Sie können Döpfner übrigens an seiner langen Pinocchio-Nase erkennen...

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Und wen besucht SPD-Steinbrück, wenn er in Berlin auf Wahlkampfreise ist?

Klar, der selbsternannte Kämpfer für die Sozialschwachen, für die Mieter und die Geringverdiener kumpelt mit den Großkonzernen und deren Bossen herum. Peer Steinbrück war zu Gast bei Universal Music, dem weltgrößten Musikkonzern, und traf sich mit dessen Chef Frank Briegmann. Dabei warf sich Steinbrück in den Staub und sandte eine Unterwürfigkeitsadresse, indem er auf das SPD-Wahlprogramm verwies, in dem es heißt:

„Das geistige Eigentum ist der Rohstoff der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die unverbrüchliche Verbindung zwischen Urheber und Werk darf nicht relativiert werden. Der Schutz des geistigen Eigentums ist für die SPD deshalb essentiell.“

09.04.2013 - 10:56

Margaret Thatcher war die europäische Politikerin, die der hemmungslosen neoliberalen Politik die Türen öffnete. Legendär ihre Aussage, in der sie eine gesellschaftliche Verantwortung und Verpflichtung rundheraus verweigerte: "There is no such thing as society."
Thatcher sorgte dafür, daß der Londoner Finanzmarkt ungehemmt am Profit arbeiten konnte und zum größten Finanzplatz Europas wurde - ein großer Teil der Bankenkrise, mit der sich Europa heute rumschlagen muß, ist Thatchers Politik zu verundanken.
Hemmungslose Privatisierung und Deregulierung, massiver Abbau des Sozialstaats - kein Wunder, daß sich britische Popmusiker ständig mit der Kapital-freundlichen Politik von Margaret Thatcher auseinandersetzten. "De mortuis nil nisi bene" - aber eben auch die Wahrheit: 21 verärgerte Songs über Margaret Thatcher, u.a. von den Specials, Pink FLoyd, Klaus Nomi, Morrissey, Elvis Costello und Billy Bragg, finden Sie hier:
http://www.buzzfeed.com/angelameiquan/21-incredibly-angry-songs-about-margaret-thatcher

25.03.2013 - 16:45

Vor wenigen Wochen, als der Deutsche Bundestag mit einer Mehrheit, die vornehmlich dem Fehlen prominenter OppositionspolitikerInnen von SPD, Grünen und „Linken“ zu verundanken war, das von Springer forcierte Leistungsschutzrecht beschlossen hatte, kündigten SPD und Grüne vollmundig Widerstand gegen dieses Gesetz an. Jetzt hat der Bundesrat, wo SPD-geführte Bundesländer eine deutliche Mehrheit haben, mit der sie das Gesetz einstweilen hätten stoppen können, jedoch mit den Stimmen der beiden SPD- bzw. SPD-Grünen-Länderregierungen Hamburg und Nordrhein-Westfalen das unsinnige Gesetz durchgewunken. Interessanterweise zwei Bundesländer, in denen starke Presseverlage ihren Sitz haben.

Man hat sich der Macht der Presseverleger gebeugt und „einer kleinen Schar Begünstigter ein großes Geschenk gemacht“ (Till Kreutzer).

Marcel Weiß kommentiert auf „Neunetz“ die Grundsituation der Netzpolitik in diesem unseren Lande, das in Denken und Handeln so sehr dem 20.Jahrhundert verhaftet bleibt: Wir haben eine akademische Welt, die zur Selbstorganisation abseits der traditionellen Presse kaum in der Lage scheint. Wir haben eine Industrie, im Internet wie abseits des Internets, die zur Selbstorganisation branchenübergreifend abseits der traditionellen Presse nicht in der Lage ist. Wir haben eine journalistische Branche, die mit Lügen kein Problem hat. Und wir haben opportunistische Politiker an der Macht und in der Opposition, die mehrheitlich weder das Netz fürchten noch lieben, sondern das Papier fürchten und lieben."

SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück, dieser Person gewordene Wunsch der Sozialdemokraten, bloß nicht den nächsten Kanzler stellen zu wollen, erklärt dazu gerade auf der SPD-Website, „das schwarz-gelbe Leistungsschutzrecht muß weg“ – wie bitte? Das Gesetz also, das seine Parteigenossen aus NRW und Hamburg soeben erst möglich gemacht haben? Dieser Eiertanz erinnert an die geniale Aussage der damaligen Grünen-Abgeordneten Antje Vollmer zum Kriegseinsatz der Bundeswehr auf dem Balkan: „Mein Ja war eigentlich ein Nein.“

Und wir können nolens volens eine neue Strophe des ewigen Gassenhauers anstimmen, wie bei Salamanders Lurchi klingt es im ganzen Walde: „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“

25.03.2013 - 16:44

Jaja, ich weiß, Amazon zahlt Minilöhne für Leiharbeiter. Und auf dem SPD-Landesparteitag in Mecklenburg-Vorpommern bedienten KellnerInnen, die nur 6,62 Euro pro Stunde verdienten, obwohl die Sozialdemokraten doch einen Mindestlohn von 8,50 Euro fordern. Und wenn sich die Parteitagsdelegierten gleich welcher Coleur in den 4- und 5-Sterne-Hotels zur Ruhe betten, wurden zuvor Zimmermädchen ausgebeutet, die die Zimmer auf Vordermann gebracht haben. In Berlin etwa „schuften Zimmermädchen“ in den Luxushotels laut einer Recherche des RBB „für drei bis vier Euro Stundenlohn. Angestellt sind sie bei Fremdfirmen, die den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn für Reinigungskräfte trickreich umgehen“.

Jeder kann sich jederzeit empören, Anlässe gibt es zu genüge, und man fühlt sich so viel besser, wenn man Elche beim Elchsein ertappt hat.

Nur, das Ganze ist systemisch. Nichts, was uns (und damit meine ich im Wortsinn: uns alle!) irgendwo ein Vorteil dünkt, kommt ohne Nachteil daher. Wo es Gewinner gibt, gibt es Verlierer. Es gibt keine Gewinne, ohne daß irgendwer irgendwo den Preis dafür bezahlen würde.

Wenn ich im März in die USA zur SXSW fliege und vorher in wechselnde Städte, wo meine Künstler und ihre Vertreter wohnen, kaufe ich mir stets die „Billionaires“-Ausgabe von „Forbes“. Immer im März erscheint in den USA „the definitive Guide to the richest People on Earth“, der alle (in diesem Jahr: 1.426) Milliardäre der Welt verzeichnet. Auf dem Titel der 2013er Ausgabe: Mikhail Prokhorov, ein russischer Oligarch, Geschäftspartner eines gewissen Jay-Z in Brooklyn (ihnen gehört gemeinsam eine riesige neue Mehrzweckhalle sowie der Basketballverein Brooklyn Nets, und jetzt raten Sie mal, wer den jeweils größeren Anteil daran hält...).

Auch hübsch: ein doppelseitiges Foto von einem Strand in Malibu/Kalifornien, an dem nebeneinander u.a. Joel Silver (Filmproduzent, u.a. Matrix), Paul Allen (Microsoft), Haim Saban (Saban Capital Group), Jeffrey Katzenberg (DreamWorks), Larry Ellison (Oracle), Peter Morton (Hard Rock Cafe), Gerald Schwartz (Onex), David Geffen (DreamWorks) und Eli Broad (SunAmerica) ihre Multimillionen-Villen besitzen (die auf dem Foto genau bezeichnet sind). Die Milliardäre zahlen bis zu über 600.000 Dollar pro Meter (!) Meerblick – und der Strand dort ist, anders als in Potsdam, wo die Neu-Junker die Bevölkerung nicht ans Ufer lassen, öffentlich. Da muß man sich schon wundern, warum die Occupy-Leute bei Wind und Wetter in New York kampierten statt vor den Villen der Milliardäre in Malibu. Doch ich schweife ab.

Was ich Ihnen eigentlich erzählen wollte, sind ein paar der Top-Milliardäre der „Forbes“-Liste. Auf Platz 1 steht seit vier Jahren der mexikanische Telekom-Mogul Carlos Slim Helu, ihm und seiner Familie gehören 73 Milliarden US$. Auf Platz 2 Bill Gates mit 67 Milliarden Dollar. Doch dann, bereits auf Platz 3, finden wir einen spanischen Superreichen namens Amancio Ortega, der über ein Vermögen in Höhe von 57 Milliarden Dollar verfügt. Kennen Sie nicht? Ihm gehören 60% einer Firma namens Inditex (deren Chef er bis 2011 war). Zu Inditex gehört ein Konzern namens Zara. Klingelt etwas bei Ihnen? Unter anderem mit seiner Textilienkette Zara machte Amancio Ortega im Jahr 2012 derartig hohe Profite, daß ihm selbst unter den wahrlich nicht unvermögenden Superreichen der Forbes-Liste der größte Sprung nach vorne gelang: sein Vermögen vergrößerte sich 2012 um sage und schreibe 19,5 Milliarden Dollar. Und, am Rande: Ortega lebt in einem Land, in dem mehr als die Hälfte aller Unter-30jährigen arbeitslos sind und zuletzt eine sechsstellige Zahl von Häusern zwangsgeräumt wurden, weil die Menschen ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten. Es gibt eben allüberall und jederzeit ein Oben und ein Unten.

Auf Platz 9 der Liste der Schwerreichen: Liliane Bettencourt (L’Oréal). Platz 10: Bernard Arnault (LVMH, u.a. Louis Vuitton und Bulgari). Auf Platz 18 der reichste Deutsche, Karl Albrecht (Aldi), mit 26 Milliarden Dollar.

Platz 12: ein gewisser Stefan Persson, 65 Jahre alt, Vermögen 28 Milliarden Dollar. Kennen Sie wieder nicht? Er ist Vorstandsvorsitzender von H&M (und hat sein Vermögen zuletzt dadurch vermehrt, daß er in Paris gleich einen ganzen Häuserblock in bester Lage kaufte). Stefan Persson gehören 38% von H&M, die Textilkette wurde von seinem Vater gegründet.

Und nun fragen wir uns mal kurz, wie die Herren Ortega aus Spanien und Persson aus Schweden so superreich werden konnten. Die Waren, die sie in ihren Textilketten verkaufen, sind eher billig. Wenn Sie ein schickes Oberteil bei Zara oder ein T-Shirt für wenig Geld bei H&M kaufen, werden Sie sich wegen des günstigen Artikels eher als Gewinner fühlen. Und es ist anzunehmen, daß sich auch die Herren Ortega und Persson nicht als Verlierer im globalen Spiel bezeichnen werden. Wer aber sind die Verlierer, auf deren Kosten die Herren Ortega und Persson ihre Gewinne machen?

„Terre des hommes“ hat gerade die Arbeitsbedingungen in der weltweiten Textilindustrie in scharfer Form kritisiert. Danach leben mindestens 12 Millionen Menschen in Sklaverei-ähnlichen Verhältnissen, darunter zahlreiche Kinder. Gerade die moderne Textilindustrie brauche massiv billige Arbeitskräfte, weil sie günstig produzieren müsse.

„Es gibt heute mehr Sklaven als zu Zeiten des transatlantischen Sklavenhandels“, sagte die Sprecherin von „Terre des hommes“.

Wir schreiben das Jahr 2013. Und wir sind alle Profiteure einer globalisierten Welt. Und jemand anderes zahlt den Preis. Und wir sind vielleicht weiter entfernt von jenem „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ denn je zuvor.

25.03.2013 - 16:42

Nun haben wir also auch den Echo 2013 überlebt. Ich hatte Grippe und habe mir in meiner Verzweiflung einen Teil der Fernsehübertrag angetan, worauf sich mein Gesundheitszustand spürbar verschlechtert hat.

Daß diese erbärmliche, dumpfe, selbstreferentielle Veranstaltung der deutschen Musikindustrie live im Staatsfernsehen übertragen wird, ist traurig genug. Sie vermissen Herz und Seele? Die Musikindustrie hat so etwas nicht, da, wo gewöhnliche Menschen ein Herz haben, haben die Manager der Musikindustrie einen Zähler für verkaufte Alben eingebaut.

Das alberne Vorspiel mit dem Gezerre um die Gruppe Frei.Wild war dabei so banal wie die eigentliche Veranstaltung. Daß sich ausgerechnet eine Band wie Mia, die vor Jahren in der Deutschlandfahne geposed hat und mit ihren deutschnationalen Gesängen bekannt wurde, sich nun als Gegner einer Band wie Frei.Wild geriert, ist einfach nur lächerlich. Wobei den Neo-Nationalismus ja nicht eine Band wie Frei.Wild hervorgebracht hat, sondern die Deutsche Phono-Akademie selbst, die den Echo ausrichtet. Bis zur Deutschen Phono-Akademie haben sich die Grenzen Deutschlands nach 1945 anscheinend noch nicht herumgesprochen – die Südtiroler Band Frei.Wild wurde von den Vertretern der deutschen Musikindustrie nämlich in der Kategorie „Rock/Alternative National“ nominiert. Wann aber war Südtirol zuletzt „deutsch“, also national? Nach dem Abkommen von Mussolini und Hitler 1939, gewissermaßen. In dieser Zeit  also ist die Deutsche Phono-Akademie gedanklich stehengeblieben, was ja auch wieder interessant ist.

Die Diskussion um Frei.Wild jedenfalls ist eine sehr typisch deutsche, eben: eine Alibi-Debatte.  Über das reaktionäre Weltbild von Figuren wie Bushido oder Heino, die ebenfalls nominiert waren, wurde nicht einmal debattiert. Und Jens Balzer weist in der „Berliner Zeitung“ darauf hin, daß ein Produzent wie Henning Verlage nicht nur „Unheilig“ produziert hat (und zusammen mit dem „Graf“ den Echo für den besten Rock/Alternative National“-Act entgegennahm), sondern eben auch, ja, Frei.Wild. „Ein Umstand, der an diesem Abend aber lieber verschwiegen wird“ (Balzer). Und abgemischt wurde das Frei.Wild-Album vom Berliner Ton-Ingenieur Sascha „Busy“ Büren, der außerdem auch die Alben von Peter Fox oder Lena Meyer-Landrut abmischt. So hängt immer alles mit allem zusammen. Der Echo zeichnet sich eben „generell gerade durch seine Vielfalt, die kreativen Kollaborationen und die einzigartigen emotionalen Momente aus“, so der BVMI-Funktionär Florian Drücke.

Der TV-Marktanteil der Echo-Übertragung: Müde 13,3 Prozent. Sogar die parallel im ZDF laufende Quizshow mit Rügenwalder Wurst-Botschafter Jörg Pilawa fand mehr Zuschauer. Und der Marktanteil in der Zielgruppe der 14- bis 49-jährigen lag bei nur 11,4 Prozent und war die zweitschwächste Echo-Quote aller Zeiten. Sowas nennt man dann wohl einen Flop.

25.03.2013 - 16:41

Und, trauen Sie den Beteuerungen von Frau Merkel und Herrn Steinbrück noch, die Einlagen der Sparer seien sicher? Den Sparern in Zypern dürfte die Garantie von Merkel und Steinbrück 2008, niemand müsse befürchten, „einen Euro seiner Anlagen zu verlieren“, zynisch vorkommen. Galt aber ja auch nur, von wegen vereintes Europa, für die deutschen Sparer, versteht sich.

Doch aktuell drängen Merkel und Schäuble darauf, erstmals Sparer an der Sanierung insolventer Banken zu beteiligen, bevor Aktionäre und Besitzer von Anleihen zur Kasse gebeten werden. Ein Tabubruch. Eine Enteignung, die vor allem die sogenannten „kleinen Leute“ trifft, denn vor allem diejenigen, die wenig Vermögen haben, legen dieses wenige Geld in sehr niedrig verzinsten Anlageformen an.

Doch faktisch werden die Kleinsparer nicht erst jetzt, sondern schon seit Jahren enteignet. Wie der „NZZ“ zu entnehmen ist, betrug die Rendite von fünfjährigen Staatsanleihen in Deutschland zuletzt 0,8 Prozent, ähnlich tief liegen die Zinsen für Fest- und Tagesgelder. Bei einer Inflationsrate von 1,9 Prozent liegen die Zinsen also real bei -1,1 Prozent. Wohl gemerkt: minus 1,1 Prozent. „Jedes Jahr schrumpft die reale Kaufkraft deutscher Sparguthaben also um 1,1 Prozent.“ Eine schleichende Enteignung, von den Finanzexperten auch „finanzielle Repression“ genannt.

Der Kapitalbedarf von Zypern beträgt 15,8 Milliarden Euro. Allein bei der Verstaatlichung des Verlustes einer einzigen deutschen Bank, der Hypo Real Estate, übernahm Deutschland seinerzeit Garantien in Höhe von 124 Milliarden Euro.

Wie die Bundesbank übrigens gerade bekanntgab, gehören den reichsten zehn Prozent der deutschen Haushalte 59,2 Prozent des gesamten deutschen Nettovermögens. Wir können jedoch davon ausgehen, daß die reichsten zehn Prozent unserer Gesellschaft ihr Vermögen eher nicht auf Sparkonten horten, wo es kalt enteignet werden würde; doch immerhin 78 Prozent der deutschen Haushalte haben Sparguthaben und können zuschauen, wie dies jedes Jahr ohne ihr Zutun weniger wird.

Ach ja, eine Garantie kann ich Ihnen geben: Bis zur Bundestagswahl im September 2013 sind Ihre Sparvermögen ganz sicher sicher! Wetten?

25.03.2013 - 16:40

Im aktuellen Heft des „Musikexpress“ klagt der sehr geschätzte Albert Koch über die „Geheimhaltungsstrategien“ der Musikindustrie, in diesem Fall eines bestimmten Großkonzerns, der den Journalisten keine Besprechungsexemplare der neuen Veröffentlichungen zur Verfügung stellt, sondern schlecht funktionierende Streaming-Links oder nur das Anhören neuer Alben bei sogenannten „Listening Sessions“ unter Bewachung von Mitarbeitern der Plattenfirmen erlaubt.

All dies ist längst nicht mehr Ausnahme, sondern die Regel. Was mich jedoch immer wieder wundert: warum lassen die Musikjournalisten denn all dies mit sich machen? Wie wäre es denn, wenn sie sich den Gebaren der Musikindustrie einfach verweigerten? Wenn sie sagen würden, daß sie nicht bereit sind, Alben zu besprechen, die sie nur bei Listening Sessions oder per Stream erhalten? Daß für eine sinnvolle Rezension eine ausführliche Beschäftigung mit einem Album notwendig ist? Mir scheint, daß da beim embedded music journalism doch ein wenig zu viel vorauseilender Gehorsam und etwas zu wenig Selbstbewußtsein vorhanden ist. Und wer hätte denn letztlich mehr zu verlieren, wenn das neue Album der Strokes oder von David Bowie einen Monat später besprochen würde – die Musikzeitschrift oder die Plattenfirma?

25.03.2013 - 16:39

Eine ganz andere, dem eigentlichen Begriff noch näher kommende Spielart des „embedded journalism“ betreibt die staatliche „Initiative Musik“, die drei deutschen Musikjournalisten gleich den Besuch der Musikmesse SXSW inklusive Reise und Hotels finanzierte. Journalisten, die auf Staatskosten die Maßnahmen der staatlichen Popexportförderung journalistisch „begleiten“ – klassische Hofberichterstattung. Und genau so kam es, in den entsprechenden Berichten der staatlich eingebundenen Journalisten ist kein kritisches Wort zur Arbeit der staatlichen Popinstitutionen zu finden, und es fehlt auch jeder Hinweis darauf, daß die entsprechenden Artikel nur dank staatlicher Finanzierung zustandegekommen sind.

So verstehen staatliche Institutionen und Journalisten in einer „postdemokratischen“ Gesellschaft die Rolle der „freien“ Presse...

25.03.2013 - 16:38

Zahnlose Grüne.

Die Ökopartei hat jetzt eine Steuer in Höhe von 22 Cent auf Plastiktüten vorgeschlagen. Nicht einmal eine Abgabe, die zweckgebunden einzusetzen wäre, sondern eine Steuer. Zu mehr hat es bei den alternden Grünen, deren Plastiktüten-Konzept merkwürdig „zahnluckert“ daher kommt, wie man in Oberbayern sagt, anscheinend nicht gereicht.

Wie wäre es, wenn man Plastiktüten einfach verbieten würde, statt sie zu besteuern?

Vor der spanischen Küste verendete unlängst ein Pottwal, der obduziert wurde. Laut „Berliner Zeitung“ wurden in dem 4,5-Tonnen-Leichnam 17 Kilogramm Plastikmüll gefunden. Der Darm war komplett mit Plastikmüll verstopft und „förmlich explodiert“. Im Magen des Pottwals wurden u.a. 30 Quadratmeter Plastikfolie, 59 verschiedene Teile aus den Treibhausanlagen vor Andalusiens Küste und jede Menge weiterer Plastikmüll gefunden.

In Frankreich und Italien sind Plastiktüten längst verboten, ebenso wie beispielsweise in Indien oder Kenia, in Teilen Australiens und in einzelnen US-amerikanischen Städten, wie Austin/Texas oder Los Angeles. Warum die Grünen hierzulande nicht ebenfalls ein Verbot von Plastiktüten fordern und stattdessen eine Besteuerung der Tüten vorschlagen, bleibt ihr Geheimnis.

25.03.2013 - 16:37

Aus den Nachrichten (auf Telepolis):

„Wegen der anhaltenden Proteste und Unruhen hat die Polizei den Stadtteil East Flatbush zu einer "eingefrorenen Zone" ("Frozen Zone") erklärt, was de facto heißt, dass der Ausnahmezustand verhängt wurde. (...) Konkret bedeutet der Ausnahmezustand derzeit, dass es Reportern und Journalisten nicht möglich ist, sich in der Zone frei zu bewegen und zu recherchieren oder zu berichten. Außerdem ist es den Beamten gestattet, die Anwohner und Passanten daran zu hindern, frei auf den Straßen umherzulaufen.“

Und wo passiert so etwas? Nicht in China, sondern in New York, im Stadtteil Brooklyn. In der Nacht vom 9. auf den 10.März haben dort zwei Polizisten einen 16jährigen Jugendlichen erschossen. Sie feuerten elf Schüsse ab, sieben davon trafen einen schwarzen Jugendlichen  tödlich. In den Tagen darauf kam es zu Andachten, Kundgebungen und zu massiven Protesten in dem New Yorker Stadtteil, allein am 13. März kam es zu 46 Verhaftungen. Die Mutter des niedergeschossenen Jugendlichen fordert „Gerechtigkeit für zwei Polizisten, die von der Straße verschwinden sollten, bevor sie ein anderes Kind töten.“

In den Zeiten von Internet schafft es die NYPD, daß keine gesicherten Informationen über die aktuelle Lage in dem Stadtteil von Brooklyn an die Öffentlichkeit geraten – niemand weiß, was sich in der „frozen zone“ abspielt.

11.03.2013 - 04:38

Mehdorn wird Chef des Berlin-Brandenburger Flughafens.

Sänk you for not travelling Pannenflughafen BER, sozusagen.

Und Verkehrsminister Ramsauer bekommt feuchte Höschen und behauptet laut „Welt“, Mehdorn folge „auch ein Stück weit einer patriotischen Berufung“, eine solche „Herausforderung von nationaler Tragweite anzupacken“. Patriotische Berufung? Drunter tun sie’s nicht. Ein Stück weit.

11.03.2013 - 04:37

Die „Berliner Zeitung“ hat dieser Tage die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht, wonach die große Mehrheit der BerlinerInnen den Senat für „konzeptlos“ halten: 81 Prozent der Befragten  glauben, daß der Senat keine Strategie in der Mietpolitik hat. Erstaunlich, daß immer noch elf Prozent der BerlinerInnen „glauben, daß der Senat ein Konzept hat, wie möglichst vielen ein preiswertes Wohnen in der Stadt ermöglicht werden kann“.

11.03.2013 - 04:36

Die Algorithmen sind mitunter eine rechte Unverschämtheit:

Da bekomme ich doch bei Amazons „Kunden, die xxx gekauft haben, haben sich auch für yyy interessiert“ glatt ausgerechnet Rudolf Steiners "Die Rätsel der Philosophie - in ihrer Geschichte als Umriss dargestellt (Rudolf Steiner Gesamtausgabe)" angeboten, ausgerechnet weil ich "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus auf mein E-Book geladen habe. Ein schöner Beweis, daß Algorithmen ganz nett sind, aber von vielen Dingen eben überhaupt keine Ahnung haben...

08.03.2013 - 11:44

Der sogenannte „Panda-Rapper“ Cro stellt eine eigene Kollektion bei der Modefirma H&M vor. „Wir freuen uns wie verrückt, in Kooperation mit H&M die Divided Kollektion Design by Cro präsentieren zu können“, wird das „unabhängige“ Chimperator-Label in der „Musikwoche“ zitiert. Die „limitierte Kollektion“ aus T-Shirts, Tanktops, Leggins und Stoffbeuteln unter anderem mit „Writings, die Cro selbst entworfen hat“, soll im April in rund 200 Filialen der skandinavischen Modekette zu finden sein.

Ob Cro für sein selbst entworfenes Writing bei H&M mehr verdient als die Textilarbeiter, die den Krempel für H&M zum Beispiel in Kambodscha oder Bangladesch unter in aller Regel menschenfeindlichen und ausbeuterischen Bedingungen herstellen müssen? Laut Recherche des „Zeit“-Autors Uchatius beträgt der Lohn der Textilarbeiter, die in Fabriken in Bangladesch die H&M-T-Shirts herstellen, EUR 1,18. Pro Tag. Inklusive aller Überstunden.

Aber irgendwer in der Welt muß halt dafür bezahlen, daß sich eine Plattenfirma in Deutschland mit ihrem Panda-Rapper wie verrückt darüber freuen kann, von H&M Kohle für sogenanntes Mode-Design zu erhalten.

Alles Panda, oder was?

* * *

Jetzt mal unabhängig davon, ob und wenn ja wie sehr einem das neue Album von David Bowie gefallen mag: Eines hat der Altmeister kapiert und den deutschen Copyright-Cops gezeigt, die nicht müde werden, das Gefasel von der angeblichen „Kostenloskultur“ des Internet wie eine tibetanische Gebetsmühle zu wiederholen – eine Woche, bevor sein neues Album erscheint, stellte David Bowie das Album kostenlos online, als Stream via iTunes. Einfach so. Und schrieb dazu: „Erzählt es weiter, Kinder!“ Ob die Musik state of the art ist, mögen andere beurteilen. Was aber die Geschäftsmodelle in digitalen Zeiten angeht, ist David Bowie, der übrigens keinen Manager hat, der schlafmützigen deutschen Musikindustrie um Lichtjahre voraus.

* * *

Wir haben an dieser Stelle seit Monaten über das Leistungsschutzrecht für Presseverlage (die „Lex Google“) informiert. Jetzt wurde das Gesetz vom Bundestag verabschiedet – obwohl es von fast allen Rechtsexperten, vom Deutschen Anwaltsverein und von Rechtswissenschaftlern als völlig unsinnig abgelehnt wurde. Aber wenn der Axel Springer-Verlag, gegen dessen Blödzeitung bekanntlich keine Wahl gewonnen werden kann, mit seinen Cheflobbyisten jahrelang Propaganda für ein Gesetz macht, haben die Experten halt nichts zu melden, da kuscht die Politik, da werden Gesetze verabschiedet, die „Starke stärken und Schwache schwächen“, wie die nicht gerade linksradikaler Umtriebe verdächtige bürgerliche „Zeit“ feststellte. Wir haben es nicht anders erwartet. Es ging in den vergangenen Jahren lediglich darum, wie sich das Geschäftsmodell einiger weniger Unternehmen sichern lässt, und wie sie vom Geschäftsmodell eines anderen Unternehmens profitieren oder sich öffentlich-rechtliche Konkurrenz vom Leib halten können," kommentiert Kai Biermann auf „Zeit Online“.

Allerdings möchte ich kurz auf drei Dinge hinweisen:

Erstens: Im Leistungsschutzgesetz (LSG) heißt es, „der Hersteller eines Presseerzeugnisses (Presseverleger) hat das ausschließliche Recht, das Presseerzeugnis oder Teile hiervon zu gewerblichen Zwecken öffentlich zugänglich zu machen, es sei denn, es handelt sich um einzelne Wörter oder kleinste Textausschnitte." Da muß man mit den Freischreibern fragen: „Was heißt das für uns Freie und unsere Texte? Konkurriert das Leistungsschutzrecht jetzt doch mit dem Urheberrecht? Und wie wird dieses Monopol der Verwerter gegenüber den eigentlichen Urhebern begründet?"

Zweitens, und am Rande: Sogar der Vorsitzende des Rechtsausschusses des Bundestags, Siegfried Kauder (CDU), als eiserner Verfechter des Three Strikes-Modells eine Zeit lang der Musikindustrie liebstes Kind, sprach sich eindeutig gegen das LSG aus. Wer oder was hat den Mann „umgedreht“? Oder hat er nur gegen Ende der Legislaturperiode als Abgeordneter, der von seiner Partei nicht mehr aufgestellt wurde, plötzlich seine Unabhängigkeit entdeckt? Wir wundern uns.

Drittens, und vor allem, hat Wolfgang Michal auf „Carta“ auf einen interessanten Aspekt der Abstimmung hingewiesen: Das LSG hätte im Bundestag nämlich gar keine Mehrheit erhalten, wenn, ja wenn sich alle Abgeordneten der Opposition an der Abstimmung beteiligt hätten. Wegen der Enthaltungen bzw. Neinstimmen von einigen Mitgliedern der Regierungsfraktionen (je 2 Nein und Enthaltungen bei CDU/CSU sowie 4 Nein bei der FDP) erhielt der Regierungsentwurf nur 293 Ja-Stimmen. 243 anwesende Bundestagsabgeordnete stimmten mit Nein. Hätten die 52 Abgeordneten von SPD, Grünen und Linken, die an der Abstimmung nicht teilgenommen haben, wie ihre Fraktionen mit Nein gestimmt, wäre das LSG mit 295 Nein- gegen 293 Ja-Stimmen gescheitert. Sie finden das Abstimmungsergebnis hier:

http://www.bundestag.de/bundestag/plenum/abstimmung/grafik/index.jsp?id=214

Noch interessanter wird das Ganze, wenn Sie hier auf „Namensliste“ klicken, denn dort finden Sie die Abgeordneten, die von der Opposition nicht an der Abstimmung über das LSG teilgenommen haben. Und das waren nicht etwa die Hinterbänkler, sondern gewissermaßen die

Spitzenleute der Oppositionsparteien: Gefehlt und damit letztlich die Lex Springer möglich gemacht haben von der SPD Sigmar Gabriel, Andrea Nahles, Wolfgang Thierse oder Heidemarie Wieczorek-Zeul. Bei den Grünen fehlte das Spitzen-Trio Jürgen Trittin, Claudia Roth und Katrin Göring-Eckardt. Bei den Linken fehlten unter anderem Sahra Wagenknecht, Ulrich Maurer, Stefan Liebich und Katja Kipping. Es fehlten sozusagen die Parteivorsitzenden, das Führungspersonal der Opposition. „Also jene Wahlkämpfer, die eine gute (Springer-)Presse brauchen“, kommentiert Wolfgang Michal. Allerdings, es ist auch Taktik dabei: Denn im Frühjahr wird das LSG irgendwo zwischen Bundesrat (wo die Bundestags-Opposition mittlerweile eine Mehrheit hat) und Vermittlungsausschuß im Sande verlaufen. „Und so brauchten die Wahlkämpfer der drei Oppositionsparteien nicht unnötig Flagge zu zeigen und mit Nein zu stimmen“ (Michal) und sich „unnötig“ mit der Springer-Presse und all den anderen Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen anzulegen.

Das ist die Schmierenkomödie, die in Berlin getrieben wird, und die manche als Politik oder als Demokratie bezeichnen.

* * *

Alexandre Kojève schreibt im September 1950 an Leo Strauss:

„Menschen handeln in Wirklichkeit nur, um darüber reden zu können oder zu hören, daß darüber geredet wird.“

Im Zeitalter von Facebook (das dabei ist, den Bach runterzugehen) und Tweets kann man den ersten Halbsatz getrost streichen – heutzutage handeln Menschen in der Regel nicht mehr. Es bleibt natürlich, daß sie über alles reden wollen und hören, daß darüber geredet wird.

* * *

Mit dem Fahrrad auf dem Weg ins Büro, Oranienstraße, Kottbusser Damm. „Die Straßen waren blau / So viele Bullen waren da“, um es mit Rio Reiser zu sagen. Straßen gesperrt, ein Hubschrauber kreiste über Kreuzberg, am nächsten Tag steht in der Zeitung: 815 Polizisten waren im Einsatz. Aber warum?

Weil die Besitzrechte eines Immobilienbesitzers staatlicherseits durchgesetzt werden mußten.

Seit seinem sechsten Lebensjahr wohnt der jetzt 41jährige Malermeister Ali Gülbol in dem Haus in der Lausitzer Straße, seit 1999 mit seiner Familie in einer eigenen Wohnung im gleichen Haus. Die Wohnung war bei der Übernahme durch Gülbol eine Bruchbude, er hat nach eigenen Angaben über 20.000 Euro und viel Arbeit in die Renovierung investiert, weswegen der Eigentümer ihm eine geringere Miete eingeräumt und auf Mieterhöhungen verzichtet hatte. Das änderte sich 2006, als ein Berliner Unternehmer die Immobilie in einer Zwangsversteigerung erwarb. Der neue Besitzer fühlte sich nicht an die alten Vereinbarungen gebunden und erhöhte Gülbols Miete. Gülbol ging vor Gericht und verlor nach Jahren den Rechtsstreit durch alle Instanzen. Er versäumte die Frist für die Nachzahlung der erhöhten Miete um ein paar Wochen, und der Unternehmer warf den Mieter aus der Wohnung und sorgte für eine Zwangsräumung, obwohl der durch die Mieterhöhung verursachte „Mietrückstand“ längst beglichen war.

Mag sein, daß die Zwangsräumung formaljuristisch korrekt war. Doch ob sie „rechtens“ im eigentlichen Sinn war, darf bezweifelt werden. Der Rechtswissenschaftler Karl-Nikolaus Peifer weist in anderem Zusammenhang darauf hin, daß „ein Recht, das sich vom Bewußtsein der Menschen löst, größte Probleme bekommt. Das Recht ist für die Menschen da und nicht die Menschen für das Recht. Das mag naiv klingen, aber es hat eine sehr grundlegende Bedeutung für das, was man Rechtsempfinden nennt, auf dessen Grundlage unsere Rechtsordnung basiert, auf die wir als Rechtswissenschaftler achten müssen“.

Es ist ja nicht so, daß Mieter Gülbol irgendwelche Mietzahlungen schuldig geblieben wäre. Alle Außenstände sind längst bezahlt. Wie soll das „gesunde Rechtsempfinden“ der Bürger befriedigt werden, wenn wegen bereits geleisteter Zahlungen aus Besitzrechten eines Immobilieninhabers, also ohne daß noch ein Euro geschuldet wäre, 815 Polizisten die Zwangsräumung einer Wohnung durchsetzen, in der eine Familie seit 14 Jahren lebt? Ich jedenfalls will ausdrücklich nicht, daß dafür meine Steuergelder ausgegeben werden! Und ich will ausdrücklich nicht, daß ein Senat, der es seit zig Jahren versäumt, bezahlbaren Wohnraum auch für Geringverdienende zur Verfügung zu stellen, mit maßlosen Polizeistaatsmitteln Bürger aus ihren Wohnungen vertreibt. Und der Fall Ali Gülbol ist ja kein Einzelfall – über 5.000 Zwangsräumungen finden allein in Berlin jedes Jahr statt. Mieter werden vom Gesetz im Stich gelassen, während längst eine „an Profitinteressen ausgerichtete Mieterhöhungsrallye“ („Berliner Zeitung“) stattfindet. Ein Senat, dem als Antwort auf die berechtigten Mieterinteressen nur eine von über 800 Polizisten durchgesetzte Zwangsräumung einfällt, ist unbrauchbar und sollte zurücktreten.

* * *

„Die Regierung hält nicht mehr alle Fäden des Kapitalismus in der Hand, höchstens noch einen oder zwei, und wenn sie nicht achtgibt, so ist sie morgen selbst die Marionette und der Kapitalismus die Hand. Der Tag wird kommen, an dem Unternehmen, ausländische Firmenchefs, Pensionsfonds und Investoren uns sagen ‚Macht!’ und wir gehorchen.“

Bruno Le Maire, Mitglied der konservativen französischen Partei UMP und Ex-Minister unter Sarkozy, in seinen gerade erschienenen Memoiren „Jours de Pouvoir“ (zitiert nach dem Zentralorgan des deutschen Antikapitalismus, dem Feuilleton der „FAZ“)

* * *

Dazu passend ein interner Bericht der deutschen Bundesregierung, der laut „Berliner Zeitung“ intensive Verbindungen der Regierung zur Finanzindustrie offenbart. Seit 2009 hat sich beispielsweise allein der Staatsminister im Kanzleramt 25 Mal allein mit dem Cheflobbyisten von Goldman Sachs getroffen. Insgesamt gab es in dreieinhalb Jahren 220 intensive Regierungskontakte mit der Finanzindustrie – Treffen auf Kongressen oder Empfängen nicht mitgezählt. Bankenrepublik eben.

* * *

Kann mir bitte irgendjemand erklären, was nun daran besser sein und mehr Wettbewerb garantieren soll, wenn im aktuellen Plattenfirmen-Monopoly, bei dem die Ereigniskarten mitunter auch von den Kartellwächtern ausgespielt werden, der Sanctuary-Backkatalog statt zu Universal Music neuerdings zum BMG Rights Management gehört?

Und was so toll daran ist, wenn Coop, das Labelnetzwerk, das 2007 von V2 zu Universal Music wechselte, nun von Universal Music an PIAS verkauft wird?

Und was sich für die (Musik-)Welt ändert, wenn die bisher bei der EMI liegenden Rechte von „Now That’s What I Call Music!“ von Universal Music zu Sony Music wechseln?

In der Summe passiert immer das gleiche im Monopolisierungsgewese der Tonträgerindustrie: Mitbewerber werden vom Markt gekauft, der „Wettbewerb“ wird eingeschränkt, und das monopolisierte „Modern Talking“ der weltweiten Musikindustrie gefährdet die kulturelle Vielfalt.

* * *

Der „Deutsche Kulturrat“ hat nichts kapiert.

Der Autokonzern Daimler AG hat laut „Berliner Zeitung“ Sponsoring-Mittel gestrichen und seine Unterstützung sowohl für die Stuttgarter Staatsgalerie als auch für die Ludwigsburger Schloßfestspiele mit sofortiger Wirkung eingestellt. Und was tut der Deutsche Kulturrat? Er bettelt den Autokonzern, doch bitte bitte seine Entscheidung zu „überdenken“ – und erhebt den drohenden Zeigefinger: Die Daimler AG habe im letzten Jahr 6,5 Milliarden Euro Gewinn gemacht, wenn er nun seine kulturelle Unterstützung einstelle, sei das „Verantwortungslosigkeit gegenüber der Allgemeinheit“.

Mag sein. Doch das Possenspiel, das der Deutsche Kulturrat aufführt, ist eine Art Verdummung der Allgemeinheit. Denn hier zeigt sich doch nur, wie bescheuert es ist, wenn sich Kultur und Politik darauf verlassen, daß Kultursponsoring in Zeiten leerer werdender öffentlicher Kassen eine Alternative darstellen würde bei der Finanzierung von Kultur. Nein, Konzerne im Kapitalismus tun, was Konzerne im Kapitalismus eben so tun. Sie denken an ihren Profit, und eben nicht an die Interessen der "Allgemeinheit". Und Kultur fördern sie nur dann und auch nur mit Almosen, wenn dies Steuervorteile verschafft. It’s the economy, stupid! Wer eine substantielle finanzielle Absicherung von Kultur haben möchte, der sollte die Großkonzerne stärker besteuern und diese Einnahmen vernünftig verteilen. Kultursponsoring nach Gutsherrenart ist jedenfalls keine Alternative.

* * *

Ähnlich ist es beim Onlinehändler Amazon. Nach dem kleinen Denkanstoß durch einen Fernsehreport schreiben die Feuilletons der Republik nun mit einschlägigen Besinnungsaufsätzen ihre Seiten voll.

Nur – what’s the news?

Ist ein weltweiter Konzern ein Wohlfahrtsunternehmen? Eher nicht. Ein Konzern wie Amazon wird die bestehenden Gesetze für seine Profitzwecke so weit ausnutzen, wie es irgend geht. Leiharbeit? Natürlich nutzt Amazon die Möglichkeiten, die die Leiharbeit bietet. Wer das nicht möchte, sollte Leiharbeit verbieten. Ich bin der erste, der das befürwortet.

Skandalöse Mini-Stundenlöhne? Wer das nicht will, sollte einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn installieren, wie es zivilisiertere Länder als das unsere längst kennen. Hierzulande haben SPD und Grüne den Niedriglohnsektor erst ermöglicht und dann groß gemacht, unter großem Beifall fast aller Medien. Und jetzt wird von Politikern der SPD und Grünen und von ihnen nahestehenden Journalisten gejammert, daß Großkonzerne die gesetzlichen Möglichkeiten zu ihrem Vorteil und zum Nachteil der Beschäftigten ausnutzen. Wer hätte das gedacht! Und wenn sich Grünen-Abgeordnete jetzt im Bundestag aufplustern und kritisieren, daß „25% aller Beschäftigten unter prekären Bedingungen arbeiten“ (Beate Müller-Gemmeke), oder SPD-Abgeordnete von der „Spitze eines Eisbergs“ (Klaus Barthel) im Umgang mit Leiharbeitern sprechen, dann sollte man die roten Herren und die grünen Damen vielleicht kurz einmal daran erinnern, daß sie selbst es waren, die mit ihrem Hartz-IV-Regime diese Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen überhaupt erst möglich gemacht haben, die sie nun so wortreich kritisieren. „Was für ein Ticker ist ein Politiker“ eigentlich, möchte man mit Georg Kreisler fragen. Auf jeden Fall ein „Ver-Ticker“, nämlich jemand, der uns ein X für ein U vertickern will...

Amazon ist nur ein Beispiel für zeitgemäße Ausbeutungsmodelle. Kapitalisten betreiben Kapitalismus. Ausbeuter beuten aus. Profiteure machen Profite. Wer das nicht will, sollte sich um eine andere Gesellschaft bemühen. Oder zumindest Gesetze einfordern, die die derzeit möglichen extremen Perversionen von Ausbeutung revidieren.

Kleine Nachbemerkung: In einem „Spiegel“-Interview mit dem Geschäftsführer des Kölner Verlags Kiepenheuer & Witsch, Helge Malchow, über den Streit seiner Branche mit Amazon gibt es einen interessanten Satz, der bisher sowohl in der Amazon-„Debatte“ als auch im Geschrei um die Besitzrechte beim Suhrkamp-Verlag nirgendwo vorkam, nämlich: Unter welchen Bedingungen arbeiten eigentlich die Autoren? Der „Spiegel“ fragte: „Wer kommt eigentlich auf höhere Stundenlöhne: ein Leiharbeiter bei Amazon oder ein durchschnittlich erfolgreicher Autor, der mehrere Jahre an einem Roman schreibt?“ Die Antwort Malchows: „Lassen Sie es mich so sagen: Wenn es um den Stundenlohn ginge, würden viele Schriftsteller sicher eine andere Arbeit ausüben.“

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Oder doch mal wieder die Märchen der Brüder Grimm lesen? Da ist mitunter mehr Antikapitalismus drin als in den Märchen unserer Politiker.

Von wegen „mein Auto, mein Haus, mein Boot“ – denken Sie an Hans im Glück:

Gold weg, Pferd weg, Kuh weg, Schwein weg, Gans weg, Wetzstein weg, Feldstein weg. Und doch stellt Hans im Glück abschließend fest, daß der Verlust von Besitz ungemein befreiend ist: 'So glücklich wie ich,' rief er aus, 'gibt es keinen Menschen unter der Sonne.' Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort...“

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Sie schrecken vor nichts zurück: Der unaufhaltbare Trend, mediokre Pop- und Rock-Produktionen durch Hinzuziehung mediokrer Sinfonieorchester im Land der Bildungsbürger gewissermaßen zu adeln und zu veredeln, das Marketing-Tool also, aus einer mittelmäßigen Produktion etwas kulturell vermeintlich Hochwertiges und der Mittelschicht besser zu Verkaufendes zu destillieren, setzt sich ungehemmt fort: Waren es bisher eher Produktionen von Rammstein bis Xavier Naidoo, von Selig bis Silly, von Polarkreis 18 bis Silbermond, die sich Orchestersounds besorgten, so „riß“ das WDR-Rundfunkorchester Mitte Februar laut „Musikmarkt“ „Grenzen ein“: „WRO plays Dubstep“ hieß die Losung, unter der sich das WRO „Titeln der Dubstep-Formation One4ty widmete“. Es geht, wieder mal, darum, „Grenzen zwischen urbaner und klassischer Musik aufzulösen“.

Danach gibt es, nomen est omen, eine „Afterparty“ (sic), womit ziemlich genau der Ort benannt wird, in den sich die Erfinder des Ganzen ihren Dubstep-Orchester-Abend stecken sollten.

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Ach ja, die Gema. Für die Nachkommen, die in sagen wir drei oder vier Jahrzehnten mal unsere Tage analysieren werden, dürfte diese komische Institution ein Lehrbeispiel für eine Organisation darstellen, die mehr falsch macht, als man falsch machen kann.

Ein paar Meldungen der letzten Wochen:

„Die Gema hindert alte Leute am Tanzen: Nach einer Verdreifachung der Abgabenforderung muß ein Hotel in Kaarst-Büttgen einen Seniorennachmittag stoppen.“ (Telepolis) – Zunächst sollte die legendäre BR Space Night wegen höherer Gema-Forderungen eingestellt werden. Mittlerweile wird die beliebte Nachtsendung des Bayerischen Fernsehens jedoch mit Gema-freier Musik unter Creative Commons-Lizenz weitergeführt. Das Nachsehen haben die Gema-Künstler, die künftig auf diese BR-Tantiemen verzichten müssen. – Das Video eines aus einem Fahrzeug mit einer Dash Cam gefilmten Meteoriteneinschlags in Rußland wurde hierzulande von der Gema aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt. Allerdings hat nicht etwa der Rechteinhaber irgendwelche Ansprüche geltend gemacht. „Vielmehr wurde dem Meteoriten zum Verhängnis, daß auf dem Video das Autoradio zu hören ist“, meldet „Telepolis“. Die Gema ist auch für das Abkassieren hierzulande genutzter Musik zuständig, die per YouTube aus russischen Autoradios ertönt, weswegen YouTube die „digitale Talibanisierung“ umsetzt – mit den Gema-Mächtigen konnte YouTube bislang bekanntlich keine Einigung erzielen. – Und DJs sollen ab dem 1.April 2013 (was allerdings keinen Aprilscherz darstellt) jedes für ihre Sets kopierte Stück einzeln bei der Gema anmelden und dafür 13 Cent abführen. Wahrscheinlich ein Racheakt an den Clubs und DJs, die dagegen Sturm laufen, daß die Gema die Clubs mit Abgabenerhöhungen von bis zu 2600 Prozent belegen will, während diese zusätzlichen Einnahmen bekanntlich „zu einem sehr großen Teil gar nicht an die Elektro-Musiker, sondern an Mainstream-Rechteinhaber ausgezahlt werden“ ("Telepolis").

Ach ja: Unser Künstler Chuck Prophet hat extra für seine April-Tournee ein Promo-Video hergestellt. Sie ahnen, was jetzt kommt, nicht? Das Video, das der Künstler selbst hergestellt hat, um u.a. seine Deutschland-Termine zu promoten, darf hierzulande nicht gezeigt werden. Danke, Gema, für Deinen unermüdlichen Einsatz für die Künstler und die Musikfans!

(und falls Sie clever sein sollten und Wege finden, derartige Videos dennoch zu sehen – hier ist der Link: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=bHO97S8VM8Y ).

28.02.2013 - 11:14

Van Cliburn. R.I.P.!

Unglaublich das Tschaikowsky-Konzert in Moskau 1962, mit dem großen Kirill Kondrashin als Dirigenten:

(Die Cliburn-Aufnahme dieses Klavierkonzerts verkaufte sich sage und schreibe mehr als eine Million mal und ist bis heute eines der meistverkauften Klassik-Alben aller Zeiten – those were the days of wine and roses…)

22.02.2013 - 15:23

Die US-amerikanischen Charts werden, wie die „International Herald Tribune“ meldet, revolutioniert. Die „Billboard Hot 100“, seit gut 55 Jahren die legendären amerikanischen Single-Charts, berücksichtigen ab sofort auch YouTube als einen wesentlichen Faktor der Entscheidung, welche Songs „Hits“ sind. Ein evolutionärer Schritt, der nachvollzieht, was längst Sache ist: Daß YouTube eine der wichtigsten Musik-Plattformen der Welt ist, und daß es längst wichtiger ist, wie viele Klicks ein Song bei YouTube erhält, als die Frage, wie viele Singles verkauft oder kostenpflichtig downgeloaded werden. Ein weiterer Schritt hin zur Nutzung, zum Hören von Musik, während die deutsche Musikindustrie und ihre Copyright-Cops immer noch nur von Besitz und Verkauf von Musik träumen.

Und prompt wurde ein bislang unbekannter Song der aktuelle Nr. 1-Hit in den USA: „Harlem Shake“ von Baauer, ein baßlastiger HipHop-Track, der im Mai 2012 zunächst als kostenloser Download zur Verfügung gestellt wurde und zunächst nur auf 16.000 Downloads kam. Doch dann kamen die Fans, und mittlerweile wurden mehr als 4.000 (meistens leider eher langweilige) Videos zu diesem Track auf YouTube eingestellt, und „Harlem Shake“ ging auch bei den bezahlten Downloads und bei Spotify durch die Decke. Wie so oft: YouTube macht Hits! Die von deutschen Funktionären, Lobbyisten und Politikern immer wieder gegeißelte „Kostenlos-Mentalität“ im Internet macht Hits! Das werden sie, das wird auch die Gema nie kapieren, für die Songs nur dann erfolgreich sind, wenn sie in der gated community der Bohlens und Dostals geschrieben werden.

„The notion that a song has to sell in order to be a hit feels a little two or three years ago to me“, schreibt Billboards Chefredakteur Bill Werde den deutschen Steinzeit-Akteuren ins Stammbuch. 

22.02.2013 - 15:21

Pferdefleisch-Skandal?

Eine andere Lasagne ist möglich!