Seit Monaten geistert dieser Quatsch durch alle Medien: die
arabischen „Revolutionen“ seien nur durch Facebook und Twitter möglich gemacht
worden, indem sie durch die rasche Verbreitung von Informationen die Massen
mobilisierten.
Nun stellt sich heraus, daß das Gegenteil richtig zu sein
scheint. Eine Studie, die der Politologe Navid Hassanpour von der
amerikanischen Yale-Universität gerade vorgestellt hat, kommt laut „NZZ am
Sonntag“ zum gegenteiligen Schluß: Revolutionen werden demzufolge durch
Internet und Mobiltelefonie nicht beschleunigt, sondern kommen erst dann
richtig in Gang, wenn die Machthaber den Gebrauch dieser Kommunikationsmittel
radikal unterbinden. „Wird die Massenkommunikation plötzlich ausgeschaltet,
verstärkt sich die revolutionäre Mobilisierung“, so der iranische
Politikwissenschaftler. „Die Unterbrechung von Mobiltelefonie und Internet
durch Mubaraks Regierung am 28.Januar zog unpolitische oder vorher kaum
interessierte Bürger in die Unruhen, verstärkte die Kommunikation von Angesicht
zu Angesicht und dezentralisierte schließlich die ganze Rebellion.“
Daß der direkte Einfluß der Massenmedien auf politische
Umstürze gering ist, stellten die Politologen Holger Kern und Jens Hainmueller
übrigens 2009 auch im Fall der DDR fest. Ihre Analyse ehemals geheimer
Befragungen ergab, daß ausgerechnet jene Menschen mit dem Leben in der DDR
besonders zufrieden waren, die West-TV sahen...
Wenig Hoffnung also für etwaige Umstürze hierzulande,
solange die jungen Leute vor den „Verblödungsmaschinen“ (Seeßlen) TV und
Facebook sitzen bleiben...
(wenn Sie uns auf dem komischen Gesichtsbuch verfolgen
wollen – nur zu: http://www.facebook.com/AgenturSeliger)
* * *
Markus Schneider macht angesichts der „Radioeins-Nacht“ der
„Berlin Music Week“ im Feuilleton der „Berliner Zeitung“ eine interessante
Beobachtung:
„Was mich an diesen
soliden Darbietungen ein wenig bedrückte, war die Abwesenheit jedes tieferen
Begehrens. So unterschiedlich sich die Bands präsentierten, scheinen sie doch
nichts weiter zu wollen, als daß irgendwer den „Gefällt mir“-Button auf ihrer
Facebook-Seite drückt und sie ansonsten in einem einigermaßen geschmackvollen
Radioprogramm nicht störend auffallen. Es handelt sich um Musik, die
gewissenhaft allseits erprobte, mehr oder weniger modische Muster nachbaut,
kompetent, gut gelernt, aber meist ohne Argumente, warum man zweimal hinhören
sollte.“
Die Mittelmäßigkeit aktueller „gut gemeinter“ Popmusik kann
man kaum besser auf den Punkt bringen. Was man sich nun von Markus Schneider
wünscht, ist eine ausführlichere Analyse der Situation, und wie es kommt, daß
so viel mittelmäßige Musik von so vielen Mittelstandskindern gespielt wird,
ohne daß sie einen berührt oder irgendwie radikal wäre – und wie gleichzeitig
ein paar wenige neue Musiken entstehen, die genau das Gegenteil darstellen –
sagen wir mal in der Bandbreite von Shabazz Palaces bis James Blake: Musik, deren
Radikalität einen tief berührt.
* * *
Zur „BMW“ gehört auch die immer wieder überflüssige
„Popkomm“, deren Niedergang nie größer war als dieses Jahr, der aber die
Kulturfunktionäre eisern die Stange halten, weil sie ihnen weiterhin Pfründe
für ihr erbärmliches Kulturfunktionärsdasein sichert, und die
„all2gethernow“-Konferenz.
Für die „Süddeutsche Zeitung“ mußte Jan Kedves an der
Veranstaltung teilnehmen und kam dabei zu folgendem Schluß: „Nach dem Umzug von der großen
Kulturbrauerei ins kleinere HBC und der Komprimierung auf einen einzigen Tag gab
es am Mittwoch nur noch Profi-Coachings nach dem Motto: Wir machen unseren
Nachwuchs fit für den brutalen Markt. „Wie geht Promo im Netz?“, „Wie
lizenziere ich meine Musik für Film, Werbung und Games?“, „Wie komme ich in die
Künstlersozialkasse?“ – wichtige Fragestellungen für ambitionierte Newcomer,
sicherlich. Was aber auf dem Stundenplan völlig fehlte, war ein Arbeitskreis
zum Thema „Wie erkenne ich rechtzeitig, daß mein bisher unveröffentlichter
08/15-Retrorock/-Elektropop/-Minimaltechno niemanden interessieren wird, außer
meinen in Sachen Selbstausbeutung sehr begabten Minilabelgründer?““
Sehr gut beobachtet, finde ich. Denn das Hauptproblem bei
dem ganzen DIY-Zeugs (ganz ehrlich und unter uns: bis ich an der c/o pop dieses
Jahr in Köln teilnahm, wußte ich nicht, was das bedeutet...) ist ja wirklich,
daß niemand mal die Qualität der Musik beurteilt, die all diese DIY-Leute
einspielen und für weltbewegend wichtig halten. Da ist niemand, der den jungen
Menschen beibringt, wie man gute Musik macht, wie man Songs schreibt, wie man
Stücke arrangiert und all das, was Musik ausmacht – es wird von all den
Mittelstands-Kids, die da vor sich hinmusizieren und frickeln, ja wie
selbstverständlich davon ausgegangen, daß ihr musikalischer Beitrag zur Welt
unbedingt die Veröffentlichung verdient, und es in der an neoliberaler
Zurichtung im Endzeitstadium befindlichen Gesellschaft einzig und allein noch
das klitzekleine Problem besteht, daß das Musikstück verkauft werden muß.
Scheinbar lernen die jungen Menschen an den Pop-Akademien
und in den Kulturmanagement-Studiengängen dieser Republik nicht, wie man
ordentliche Musik macht, sondern nur, wie man sich vermarktet als Teil der
mittelständischen Konsumgesellschaft.
„Sometimes you've just got to wait. Focus on your music instead of your
marketing. Most people don't like most things. And the best way to convince
them they do is via quality and word of mouth.“ (Bob Lefsetz)
* * *
Wie Kunst in gesellschaftlicher Verantwortung geht, verrät
der finnische Filmemacher Aki Kaurismäki angesichts seines neuen Films „Le
Havre“:
„Ich mache das, weil
dieses Thema der illegalen Flüchtlinge wichtig ist. (...) Für mich als Mensch
bestand die absolute Notwendigkeit, zum Umgang der westlichen Gesellschaften
mit den Illegalen endlich Stellung zu nehmen. Das war eine Frage der Ehre und
Würde. (...) Na gut, ich gebe es zu: Ich bin immer noch Kommunist.“
Und auf den Interviewer-Hinweis, ein Grund dafür, einen Film
in Hamburg zu drehen, „wäre die deutsche Filmförderung. Sie würden einen Haufen
Geld zugeschossen bekommen, wenn Sie in Deutschland drehen“, antwortet
Kaurismäki: „Ich mache Filme nicht wegen
des Geldes. Filme zu machen, ist eine Bestimmung.“
Und deswegen sehen Kaurismäkis Filme auch so aus, wie sie
aussehen. Während die deutschen Filme eben nach staatlicher Filmförderung
aussehen. Und die deutsche Popmusik sich nach staatlicher „Initiative
Musik“-Förderung anhört...
* * *
Kapitalismus 1:
In seinem täglichen Email-Newsletter schreibt
Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart am 15.9.: „Schlitzohrig sind wir Deutschen allerdings
auch: Wir klagen über die Höhe der Euro-Rettungsgelder. In Wahrheit
haben wir bisher nur Bürgschaften gewährt und kein einziger Euro hat die
Landesgrenze verlassen. Im Gegenteil: Weil die anderen Länder so unsichere
Kantonisten sind, zieht Deutschland das weltweite Kapital an wie ein
Staubsauger. Die Renditen, die auf deutsche Staatsanleihen und auf deutsche
Unternehmensanleihen gezahlt werden, befinden sich seit Ausbruch der
Euro-Krise im Sinkflug. In der heutigen Titelgeschichte rechnet unser
Chefvolkswirt Dirk Heilmann präzise vor, wie viele Millionen die Dax-Konzerne
und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble derzeit sparen. Wir sind Krisengewinnler.“ (Hervorhebungen
im Original, BS)
* * *
Die Popkomm, wir haben es bereits vor Jahren verkündet, ist
tot. Wer das ausführlicher nachlesen möchte, sei auf den Text „Nachruf auf eine
Funktionärsmesse“ in der Berliner Zeitung von 2009 (u.a. auf unserer Homepage
unter „Texte“) verwiesen.
Mittlerweile ist der Leichnam bereits in Verwesung
übergegangen, und es ist wohl alles zu spät, wenn so eine Messe nicht nur vom
Feuilleton, sondern sogar von den solcherart Veranstaltungen ja eher zugetanen
Branchenblättern wie der Musikwoche verarscht werden:
„Nach Jahren der
Schrumpfung ist die Popkomm inzwischen so weit geschrumpft, daß man sie in den
großen Hallen fast gar nicht mehr findet. Schallplattenfirmen oder sonstige
Repräsentanten der klassischen Tonträgerindustrie sind ohnehin auf der Messe
schon lange nicht mehr vertreten. Die wenigen verbliebenen Stände teilen sich
staatliche Musikexportbüros (Südafrika, Estland) und Firmen wie die "Jamii
GmbH", die sich nach Auskunft ihres Standbanners mit der "Pflege und
Monetarisierung von Fanbeziehungen" befaßt.“ (Jens Balzer in
der „Berliner Zeitung)
„Die Keynote von
Melvin Benn auf der Popkomm wollten nur zehn Leute hören. Was schade, aber
nicht ganz verwunderlich war. Denn – überspitzt formuliert – viel mehr
Delegierte waren an jenem Freitagnachmittag eh nicht auf der Popkomm
anzutreffen...“ (Dietmar Schwenger auf „musikwoche.daily“).
Und wie klingt das im Fazit der Messemacher der Popkomm? So:
„Diese Zahlen
und Fakten sprechen für sich! Auf der Popkomm waren 400 Aussteller vertreten,
65 Prozent aus dem Ausland. Insgesamt kamen rund 5.200 Besucher auf den
ehemaligen Flughafen Berlin Tempelhof, um Geschäfte anzubahnen, Verträge zu
schließen, über Lösungen für die Herausforderungen der Branche zu diskutieren
und um Nachwuchstalente zu entdecken. (...) Die Vielfalt und Qualität der
Popkomm begeisterten die Professionals (...) drei vielfältige, turbulente
und erfolgreiche Tage...“
(im letzten Jahr haben übrigens noch 7500 Besucher und 470
Aussteller an der Popkomm teilgenommen...)
Allerdings: begeistert waren die Politiker, sei es der
Vertreter des Auswärtigen Amtes Argentinien, sei es Staatssekretär Hans-Joachim
Otto, der sich freute, daß die Popkomm „erstens überhaupt noch stattfindet und
dies zweitens in der „Zukunftsstadt Berlin“, wo „Musik aus der Wolke kommt“
und, ähem, die „Haushaltsgeräte miteinander verschmelzen““ („Berliner
Zeitung“), oder der mittlerweile abgewählte Berliner PDS-Senator Wolf. Klar,
die Popkomm ist ein Element des Stadtmarketing, des „nation branding“, und
deswegen brauchen so was nur die Politiker und niemand sonst.
* * *
Kapitalismus 2:
Ein Mitarbeiter der Investmentbank der schweizerischen UBS
verursacht mit nicht autorisierten Transaktionen mal eben Milliardenverluste,
ohne daß irgendwas aufgefallen wäre. Banken und Vertrauen – war da was?!? Die
von der UBS in ihrem Delta-One-Team gehandelten Fonds „bilden die Entwicklung von Indizes mit derivaten Instrumenten
synthetisch nach“ (NZZ), „da Anleger
liquide Produkte handeln wollen, konstruieren Banken künstliche Wertpapiere,
die die Preisbewegung des Basiswertes exakt abbilden (...) Dem Kunden gegenüber
kommt es darauf an, daß er ein Produkt erhält, dessen Preis mit dem Basiswert
exakt korreliert. Die Händler werden jedoch dafür bezahlt, das Produkt so
geschickt mit eigenen, bankeninternen Transaktionen zu verbinden, daß für die
Bank ein Gewinn abfällt“ (FAZ).
Man könnte also wohl sagen: die Wetten, die die Banken hier
ihren Kunden anbieten, um deren und den eigenen Profit zu mehren, sind
„systemisch“, wie das seit der letzten Bankenkrise heißt. Ganz ehrlich: mich
interessiert die Vertrauenswürdigkeit einer Bank oder speziell einer Schweizer
Bank reichlich wenig – sie sind alles Gangster, so oder so (wie Brecht
sinngemäß sagte, was ist der Überfall auf eine Bank gegen die Gründung einer
Bank...). Was mich interessiert, ist die Politik: Etwa die eher kleinere Frage,
warum der Derivatehandel immer noch nicht verboten ist. Vor allem aber die größeren
Fragen: wenn das System, das die Finanzkrise zuließ oder sogar verursachte,
nicht nur nicht unterging, sondern heute gefestigter ist denn je, warum wird
dann das System der Finanzwirtschaft nicht in Frage gestellt? „Heute wissen die Banken, daß der Staat sie
raushauen wird und bereit ist, ihre Rettung mit Kürzungen im öffentlichen
Sektor zu finanzieren. Sie gehen jetzt höhere Risiken ein als vorher“
(Colin Crouch, „Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus“).
Das war jetzt natürlich eine rhetorische Frage. Man kann wie
Joseph Vogl eine Parallele ziehen zwischen „unserem“ finanzökonomischen System
und dem Anspruch der Theodizee – auf den Spuren der Leibnizschen
Gottesrechtfertigung befindet sich die Ökonomie und rechtfertigt Krisen und
Pannen im ökonomischen System so, daß das System an sch legitimiert bleibt. Die
politische Entscheidungsmacht hat sich laut Vogl längst weg von der Politik hin
zu den Märkten verlagert. „Regierungen
sind bloße Erfüllungsinstanzen von Entscheidungen, die von den Finanzmärkten
getroffen werden“.
Und was bedeutet das nun alles für uns? Nach Hegel „liegt es im Willen eines Volkes, wenn es
unterjocht wird“...
* * *
„Unsere Lage
verdichtet am besten der Film „Kung Fu Panda“: Die Lächerlichkeit der
herrschenden Ideologie liegt offen da, aber die Ideologie besteht trotzdem
weiter.“
(Slavoy Zizek)
* * *
Beim „Festival of Happiness“ anläßlich des Tages der
deutschen Einheit vor dem Brandenburger Tor, veranstaltet von der braunen
Limonade, traten dieses Jahr u.a. auf: Culcha Candela, Sunrise Avenue und
Jennifer Rostock. So wächst zusammen, was zusammen gehört.
* * *
Kapitalismus 3:
Nachdem der französische „Rattenmann“ (Badiou) Sarkozy von
seiner ungeteilten Unterstützung des Ghaddafi-Regimes auf eine ungeteilte
Unterstützung der libyschen Rebellen umgeschwenkt ist, macht sich u.a. der
französische Ölkonzern Total Hoffnung auf weiterhin gute Geschäfte mit Libyen: „Es ergeben sich für uns Gelegenheiten für
neue Geschäfte“, sagte Total-Chef de Margerie dem „Handelsblatt“. Bis Ende
des Jahres will Total der neuen Regierung eine Liste mit konkreten Vorschlägen
für Projekte machen.
Ob die deutschen Konzerne mit „ihrem“ Außenminister
Westerwelle ähnlich zufrieden sind wie die französischen Konzerne mit ihrem
Präsidenten?
* * *
In Berlin wurde ja mittlerweile die „Piratenpartei“ mit fast
130.000 Stimmen ins Parlament gewählt. Seither geistern etliche schräge,
interessante, merkwürdige und manchmal auch treffende Kommentare durch die
Medien. Klar, das ist eine bunte Truppe, deren Chaos an die Grünen in den
frühen 80er Jahren erinnert. Ja, das ist wohl eher eine Partei engagierter
Mittelschichtsmänner. Und in der Tat, sie haben noch kein komplettes Programm
für alle etwaigen Problemstellungen dieser Republik. Aber immerhin haben sie
ein paar sehr vernünftige Forderungen aufgestellt, und ihre Plakate im Berliner
Wahlkampf waren die einzigen, die konkrete Forderungen erhoben, und die man
sich schmerzfrei anschauen konnte zwischen all den Wowi-Teddybären und dem
„Renate kämpft/arbeitet/rennt“-Quatsch.
Vor allem aber zeigt der Wahlerfolg der Piraten eines: „ein Teil der jungen Geisteselite fühlt sich
von der Politik nicht mehr vertreten – weil sie die digitale Revolution
schlicht verschlafen hat“ (Christian Stöcker). Wo die „etablierten“ Parteien
nur grundgesetzwidrige Vorratsdatenspeicherung, Law-and-Order-Maßnahmen bei der
Durchsetzung eines antiquierten und verwerterfreundlichen Urheberrechts und
ansonsten hohlköpfiges Desinteresse an der digitalen Gesellschaft vorzuweisen
haben (ein Musterbeispiel für einen Mann der analogen Welt von vorgestern ist
der CDU-Kulturminister Neumann), braucht sich niemand zu wundern, daß die
intelligenten und gebildeten Menschen übrigens aller Altersgruppen bis zu 65
Jahren die Piratenpartei ins Parlament gewählt haben.
Und solange von Parteien wie SPD und den ohnedies bedenklich
technikfeindlichen Grünen nichts Nennenswertes in Sachen digitaler Gesellschaft
oder Urheberrecht zu hören ist, ja, Grünen-Spitzenfrau Künast die Piraten sogar
noch „resozialisieren“ will, solange keine der etablierten Parteien ernsthaft
für eine freie digitale Kommunikation, in der auch Anonymität möglich ist, und
für den Schutz der Privatsphäre eintritt, solange wird es noch etliche
Wahlerfolge der Piratenpartei geben.
Am drolligsten war der Vorwurf von Alan Posener im
bekanntlich linksradikal-antikapitalistischen Kampforgan für die Unterschicht,
der „Welt“, die Piraten seien „die Partei
der Nochnichtbesserverdienenden, die später als Juristen in die FDP (...), als
Lehrer zu den Grünen oder als Webdesigner zur Röttgen-CDU gehen werden“.
Oder sie gehen als Autoren schrulliger Kommentare zu
Springers „Welt“... obwohl, da arbeiten ja heutzutage eher die früheren
Maoisten und K-Grüppler...
* * *
Seltsam übrigens, daß keiner der ach so tiefschürfenden
Piraten-Kommentatoren der bürgerlichen Medien ein philosophisch doch wohl als
bekannt vorauszusetzendes Bild der Piraten in Erinnerung brachte, das wenig mit
den „Freibeutern der Meere“ in der Art der einschlägigen Karibik-Depp-Richards-Filme
gemein hat. Denn die Piratenschiffe, die im 18.Jahrhundert im britisch
dominierten Atlantik, vor den Küsten Afrikas und Asiens aus den „schwimmenden
Faktoreien“ der britischen Handelsflotte hervorgegangen waren, waren eine Art
„Treibhaus des Internationalismus“ (Linebaugh/Rediker). „Meutereien waren Akte des politischen Widerstands. Mannschaften von
Piratenschiffen entwickelten sich zu multirassischen, multiethnischen
„Hydrarchien“, zu Beispielen einer selbstverwalteten, alternativen
Gesellschaftsordnung, sie sprachen Recht, teilten ihr Vermögen untereinander
und führten Kriege“, schreibt Susan Buck-Morss in ihrem Buch „Hegel und
Haiti“.
„Damit präsentierte
der buntscheckige Haufen ein Bild der Revolution von unten, das sich als (...)
furchterregend erweisen sollte. (...) Kolonisten aus der Führungsschicht waren
schnell mit Sinnbildern bei der Hand und bezeichneten den Mob als „Hydra“, als
„vielköpfiges Ungeheuer“, „Kriechtier“ und „vielköpfige Macht“. Die
Vielköpfigkeit implizierte (...) wild gewordene Demokratie.“
(Linebaugh/Rediker in „Die vielköpfige Hydra“).
Die Piraten unserer Tage als „buntscheckiger Haufen“, mit
einer selbstverwalteten, alternativen Gesellschaftsordnung, die ihr Vermögen
untereinander teilen – vielleicht nicht der schlechteste Aufhänger in einer „vorrevolutionären Zeit, in der nur das
Subjekt der Revolution noch unklar ist“ (Alexander Kluge in der „Zeit“,
ausgerechnet).
* * *
Die deutsche Verwertungs-Industrie triumphierte, und ihre
Claquere bekamen feuchte Höschen: „CDU-Politiker
Kauder verspricht Warnmodell“, jubelte die „Musikwoche“ in ihrem Bericht
über den parlamentarischen Abend der GVL, der „Gesellschaft zur Verwertung von
Leistungsschutzrechten“, und die Urheberrechts-Plisch und Plums dieser
Republik, Cheflobbyist Gorny und Sidekick Chung, strahlten auf dem
dazugehörigen Foto, wie es nur Plisch und Plum können.
Was war passiert? Plisch und Plum und Evers und Konsorten
waren auf den CDU-Bundestagsabgeordneten und Vorsitzenden des Rechtsausschusses
des Bundestages, Siegfried Kauder (nicht zu verwechseln mit seinem älteren
Bruder Volker, dem Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion), reingefallen,
der ihnen genau das Märchen erzählt hatte, das sie unbedingt hatten hören
wollen: „Ich werde in acht Wochen einen
Gesetzentwurf zum Warnmodell vorstellen“, brüstete sich der CDU-Politiker
vor der GVL-Prominenz. Das Warnmodell müsse als „kleines Gesetz“ eingebracht
werden. Kauder kritisierte „das hektische
und schlampige Vorgehen der Bundesregierung bei neuen Gesetzesvorhaben“
(wer sich jetzt wundert: ja, die Bundesregierung wird immer noch von CDU, CSU
und FDP gebildet, und ja, Siegfried Kauder gehört der CDU an...). Das
Warnmodell, mit dem sich Kauders Siegfried brüstet, sieht vor, daß sich
Rechteinhaber bei Providern über Copyright-Sünder beschweren. Erst gibt es
einen Hinweis, im wiederholten Fall dann Internet-Entzug, ganz ohne
Gerichtsverfahren. Verfassungsrechtliche Bedenken kommen Kauder nicht, denn die
Sperre soll nur für einen kurzen Zeitraum von drei Wochen gelten. „Die Ankündigung des CDU-Politikers
begeisterte alle anwesenden Branchenvertreter“, berichtete die
„Musikwoche“.
Dumm nur, daß Kauder der GVL eben ein Märchen aufgetischt
hat. Ein einzelner Abgeordneter kann nämlich gar keine Gesetzentwürfe in den
Bundestag einbringen – wenn GVL und Pressevertreter im
Gemeinschaftskundeunterricht aufgepaßt hätten, dann wüßten sie, daß die
Gesetzesinitiative nur der Bundesregierung, dem Bundesrat oder einer „Gruppe von Abgeordneten aus der Mitte
des Bundestages“ (laut Bundestags-Geschäftsordnung mindestens fünf Prozent der
Abgeordneten, der Mindeststärke einer Fraktion) obliegt. Müssen GVL und
„Musikwoche“ vielleicht nicht wissen, wohl aber der Vorsitzende des
Rechtsausschusses des Bundestages, der den Musikindustrievertretern also wohl
wissentlich ein Märchen aufgetischt hat. Vor allem aber sollte der Vorsitzende
des Rechtsausschusses des Bundestages die Grund- und Menschenrechte, die im
Grundgesetz festgeschrieben sind, kennen und vertreten. Dazu gehören Grund- und
Bürgerrechte wie die Informationsfreiheit. Ein Internetentzug, auch nur für
wenige Wochen, dürfte eindeutig verfassungswidrig sein. Selbst in seiner
eigenen Fraktion erhielt Kauder für seinen dubiosen Vorschlag massiven
Gegenwind: „Völlig abwegig“ findet
CDU-Fraktionskollege Peter Tauber Kauders Vorschlag und ergänzt: „Ich sehe nicht, daß man diesen Vorschlag
weiter erörtern müßte. In unserer Gesellschaft ist das Internet mittlerweile
für viele das wichtigste Informationsmedium.“ Und Peter Altmaier,
Parlamentarischer Geschäftsführer der Unions-Fraktion, nutzte Twitter, um
Siegfried Kauder den Kopf zu waschen: „Kauder-Strikes
geht gar nicht.“
Daß der von GVL und Musikindustriemagazinen wie ein König
bejubelte Siegfried Kauder in Wahrheit nackt dasteht, ja, daß die Verwertungsindustrie
sich gar mit einem ausgefuchsten Urheberrechtsverletzer gemein gemacht hat,
zeigte sich wenige Tage später: Siegfried Kauder hat auf seiner Website Fotos
aus zweifelhafter Quelle sowie urheberrechtlich geschützte Fotos gezeigt, über
deren Nutzungsrechte Kauder nicht verfügte. Kauder hat einfach urheberrechtlich
geschützte Fotos vom Google-Dienst Panoramio geklaut; kaum kam der
Urheberrechts-Diebstahl des Vorsitzenden des Rechtsausschusses des Bundestags
raus, hat Kauder die Fotos von seiner Homepage entfernt. Nun hat Siegfried
Kauder mitgeteilt, er habe „die Urheberrechte mittlerweile erworben“. Der
Rechtsausschuß-Siegfried wollte wahrscheinlich sagen, daß er die Nutzungsrechte gekauft hat.
Siegfried Kauder ist übrigens auch Präsident der „Bundesvereinigung
Deutscher Musikverbände“ (BDMV), deren wichtigste Aufgabe laut
Selbstdarstellung auf ihrer Homepage die „Interessenvertretung gegenüber
Politik und Medien“ ist; so etwas gelingt natürlich gut, wenn man gleich einen
Politiker zum Präsidenten der eigenen Vereinigung macht – nur, was ist
Siegfried Kauder dann, wenn er Politik macht? Unabhängiger Abgeordneter? Oder
Lobbyist der Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände, deren Präsident er
gleichzeitig ist?
Auch sonst ist Siegfried Kauder bisher vornehmlich negativ
aufgefallen. Kauder war Vorsitzender des sogenannten
BND-Untersuchungsausschusses (auch Kurnaz-Untersuchungsausschuß); weil
angeblich geheime und vertrauliche Papiere des Ausschusses auch an Journalisten
weitergegeben wurden, ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen Journalisten u.a.
des Spiegel, der SZ, der Zeit, der Berliner Zeitung und der taz, was die
meisten Kommentatoren als Versuch werteten, die Pressefreiheit einzuschränken
und Journalisten einzuschüchtern und an ihrer Arbeit zu hindern. Kauder aber,
wen wunderts, unterstützte die Staatsanwaltschaft bei ihren Ermittlungen, im
Gegensatz zu den Vertretern aller (!) anderen Fraktionen im Ausschuß. Für einen
Eklat sorgte Kauder in dem Ausschuß, weil er dem Obmann von Bündnis 90/Grünen
keine Möglichkeit lassen wollte, den Verfassungsschutzpräsidenten zu befragen.
Auch sonst gibt sich Kauder gern als Kämpfer gegen die Pressefreiheit, findet
für seine Positionen aber nicht einmal die Unterstützung seiner eigenen
Fraktion. Logisch, daß Kauder auch zu den neun Bundestagsabgeordneten gehörte,
die gegen die Veröffentlichung ihrer Nebeneinkünfte durch das Transparenzgesetz
des Bundestages von 2005 vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt haben – und
gescheitert sind.
Siegfried Kauder, der Mann, der mit Pressefreiheit und
Transparenz auf Kriegsfuß steht, gibt
vor den Vertretern der Verwertungsindustrie den feurigen Kämpfer für
Urheberrechte im Internet – Rechte, die er selbst verletzt und mit Füßen tritt.
Nach der Logik des Kauder-Strike-Gesetzes müßte man jetzt eigentlich erwarten
können, daß der CDU-Abgeordnete wenigstens mal drei Wochen lang seine
politische „Arbeit“ einstellt. Oder künftig einfach seine Klappe hält – womit
uns allen gedient wäre. Außer vielleicht der Verwerterindustrie, um die es sehr
schlimm bestellt sein muß, wenn sie auf die Hilfe eines derartig zwielichtigen
Gesellen setzt...
(es gibt in Berlin übrigens gut unterrichtete Kreise, die
wissen wollen, daß Siegfried "Ich mache Gesetze" Kauder längst zur
Piratenpartei übergelaufen ist und für die Piraten gewissermaßen als
trojanisches Pferd Stimmung macht, indem er die CDU schlecht aussehen läßt...)
* * *
Kapitalismus 4:
Klaus-Peter Schulenberg, „Geschäftsführendes Organ“ der CTS
EVENTIM AG, hat am 18.8.d.J. 65.000 Aktien seiner Firma zum Preis von 20,82 EUR
gekauft – Volumen: 1.353.228,50 EUR. Aktueller Kurs: 23,25 Euro (am 21.9.).
Gewinn dieses Insidergeschäfts innerhalb eines Monats:
158.021,50 Euro.
(Anmerkung: Insidergeschäfte sind hierzulande
börsenrechtlich anzeigepflichtig)
* * *
Und im Feuilleton der FAZ versucht Patrick Bahners zu
rechnen:
„Heinrich August
Winkler hat soeben den zweiten Band seiner „Geschichte des Westens“ vorgelegt:
1350 Seiten über die 31 Jahre von 1914 bis 1945, geschrieben in zwei Jahren –
macht 43 Seiten pro Jahr und zwei pro Tag.“
Was will uns Bahners hier sagen? Daß Winkler zwei Seiten pro
Tag geschrieben hat? Wohl eher nicht. Wenn man die 1350 Seiten auf 31 Jahre
teilt, kommt man auf 44 Seiten pro Jahr, o.k. Aber wenn man davon ausgeht, daß
ein Jahr 365 Tage hat, wie es der gültige julianische Kalender berechnet, dann
kommt man auf 0,119 Seiten und nicht 2,0 pro Tag.
Mal jenseits dessen, daß das reichlich wurscht ist
hinsichtlich der Frage, ob Winklers Buch was taugt oder nicht – aber Adam Riese
bleibt Adam Riese, oder?
* * *
„Ich stelle mir
Meetings in großen Musiklabels nicht mehr viel anders vor als: Hey, was ist
denn so scheiße, daß wir Geld damit verdienen könnten, wenn wir einen Künstler
das singen lassen?“ (Friedrich
Küppersbusch in seiner wöchentlichen „taz“-Rubrik „Wie geht es uns?“)
* * *
Auch gaga: Maischberger, Vogel und Siedler.
„Was hält unser Land in Zukunft zusammen?“, fragt der
Siedler-Verlag in einer Anzeige, in der er, als ob die vielen Talkshows noch
nicht genug seien, ein Gespräch zwischen Hans-Jochen Vogel und Sandra
Maischberger bewirbt, und das „Hamburger Abendblatt“ assistiert: „Ein interessanter Brückenschlag zwischen
der Flakhelfer-Generation und der Internet-Generation“. O.k., ich verstehe,
fürs Hamburger Abendblatt steht Hans-Jochen Vogel für die Internet-Generation.
Aber seit wann ist Frau Maischberger Flakhelferin?
Das Buch, nur damit sie wissen, wovor sie im Buchladen rasch
davonrennen sollten, heißt „Wie wollen wir leben?“ Meine Antwort ist sehr
einfach: in einer Welt ohne Talkshows bitteschön, ohne
MaischbergerWillBeckmannJauch, und ohne Gespräche zwischen Flakhelfer- und
Internet-Generation.
* * *
Und, Papstbesuch unbeschadet überstanden? Jetzt mal unter
uns eine Frage: Wenn Sie wüßten, daß die „Bunte“ einigen Prominenten nach dem
Papstbesuch die Frage „Was bedeutet Kirche für Sie?“ gestellt hat, und wenn Sie
ferner wüßten, daß die befragten „Prominenten“ u.a. Claudia Roth, Andrea
Fischer (das war mal eine Gesundheitsministerin der Grünen, da nich für...) und
Winfried Kretschmann waren (interessant, daß die einzigen Politiker in einer
Reihe von Niki Lauda, Natascha Ochsenknecht oder Nina Ruge nur solche unserer
Neokons, der Grünen, waren) – was tippen Sie, wer hat die durchgeknallteste
Antwort gegeben?
Tschah, wie man sich täuschen kann. Es war nicht die „grüne
Gurke“, sondern Andrea Fischer, die da nicht nur sagte: „Ich empfinde die Atmosphäre unter Katholiken als offen, liberal und
herzlich“, sondern der auch die schöne Bemerkung herausrutschte, die
„unseren“ Papst aufs trefflichste, nein, aufs allertrefflichste
charakterisiert:
„Wer an der
lebenslangen Ehe festhält wie der Papst, ist in meinen Augen einer der letzten
Romantiker.“
Wäre die „Bunte“ ein Hort des investigativen Journalismus,
dann hätte sie die Ehefrau des Papstes dazu befragt, wie sie das sieht. Aber
man muß auch mal schweigen und genießen können.
* * *
„Ich habe auch
Vorstellungen von Jugendschutz. Ich habe eine zwölfjährige Tochter und möchte
zum Beispiel, daß mein Kind vor Florian Silbereisen und dieser Musik beschützt
wird. Das macht auch keiner. Das wird ja auch zur Hauptsendezeit ausgestrahlt.“
Matthias Brandt (Münchner „Polizeiruf 110“-Kommisar)
* * *
Wie aber kommen Typen wie Stefan Mross oder Stefanie Hertel
überhaupt ins Deutsche Fernsehen? Es ist so einfach, wie Sie es sich
wahrscheinlich nicht vorzustellen wagen: Die Staatsanwaltschaft Leipzig geht
laut „Spiegel“ offenbar davon aus, daß der Musikmanager und „Volksmusikpate“
Hans R. Beierlein Geld dafür bezahlt hat, damit seine Künstler weiterhin für
die Schlagersendungen des MDR gebucht werden. Beierlein, der u.a. Mross und
Hertel managt, hat bereits eingeräumt, 180.000 Euro an eine
Produktionsgesellschaft gezahlt zu haben. Die Staatsanwaltschaft glaubt, daß
der mittlerweile gefeuerte MDR-Unterhaltungschef Foth und Beierlein sich
darüber einig gewesen seien, daß „der geforderte Betrag eine Gegenleistung“
sei, und ermittelt wegen Bestechung und Bestechlichkeit. Der Deal sei erfolgt,
damit Beierleins Künstler „auch weiterhin in Sendungen des MDR berücksichtigt“
würden.
Wenn Sie sich wieder mal wundern, wie pseudo-journalistische
Beiträge oder Konzertmitschnitte und Personality-Shows im
öffentlich-rechtlichen Fernsehen auffällig genau in der Woche plaziert werden,
in der das aktuelle Album des Künstlers oder der Künstlerin erscheint (etwa
Helene Fischer, bei Wikipedia heißt es dann z.B. etwas verschämt „widmete ihr der
MDR einen eigenen Musikfilm So nah, so fern mit ihren neuesten Titeln
aus dem Album So nah wie du“...
oder am 1.10. in der Porträtreihe „höchstpersönlich“ auf ARD eine halbe Stunde
Maite Kelly, deren neues Album gerade erschienen ist...) – sagen Sie nicht, Sie
hätten nicht gewußt, wie so etwas geschieht (und wie Ihnen geschieht,
sozusagen).
* * *
Aus unserer kleinen Reihe „Unverlangte Künstlerangebote“:
„Um Agent weltweit
populären Musik (...) Ich habe eine außergewöhnliche Idee zur Einführung und
Präsentation auf der West-Länder eine ältere großartiger Song aus den großen
Rock and Roll Gruppe aus dem ehemaligen Jugoslawien und ein großer Hit von vor
20 Jahren. Ich habe übersetzt und fonetically und musikalisch angepasst dieses
Lied für westliche Auflage und es sehr gut klingt und ich geschätzt, dass
könnte sehr großer Erfolg weltweit.“
Bei uns besteht gerade kein Bedarf für einen „sehr großen Erfolg
weltweit“, aber wenn Sie Interesse haben, vermittle ich gerne...
* * *
Und im „Musikmarkt“ ist zu lesen: „Als Kultursponsor will Audi Zeichen setzen. Durch Engagement und die
Audi Sommerkonzerte. Und nun noch mit dem Audi Design Flügel. Ein echter Wiener
Bösendorfer, im modernen Audi Design gestaltet.“
Wahrscheinlich mit Quattro-Antrieb, für all diejenigen, die
den Minutenwalzer sonst nicht schnell genug schaffen...
* * *
Ei, wer hat sich da in der Sammelanzeige eines Berliner
Konzertveranstalters in der „Berliner Zeitung“ versteckt, zwischen Marshall
& Alexander und Jürgen von der Lippe, zwischen Schürzenjägern, Armentenor
Paul Potts, Prinzessin Lillifee, Hansi Hinterseer und dem Russischen
Staatsballett? Es ist der Hans-Olaf Henkel, der auf Tournee zu sein scheint und
am 29.10.2011 im Saal der Berliner UdK
auftritt. „Es ist wieder Schürzenjäger-Zeit!“ Oh Verzeihung, da bin ich
in die Anzeige daneben gerutscht. „Die
Alternative zur Europapolitik. Unabhängig! Ehrlich! Verständlich! Ein Vortrag
von einem der führenden Wirtschaftsexperten unseres Landes!“ wird der
Auftritt Ausrufezeichen-reich angepriesen.
„Führender Wirtschaftsexperte?“ Naja, so wie noch jedes
Nachwuchssternchen hierzulande wird auch dieser Hans-Olaf Henkel auf seiner
ersten Tournee als Kunstprodukt „gemacht“ – im vergangenen Jahr war Henkel
zweithäufigster deutscher Talkshowgast (mal wieder ein Gewinnspiel: was meinen Sie, wer häufigster Talkshowgast im
deutschen Fernsehen war? Die erste richtige Antwort wird diesmal mit einer
Flasche deutschen Rieslings bedacht, Wort!).
Henkel war als Präsident des Bundes der Deutschen Industrie
einer der wichtigsten Großlobbyisten der Industrie, ansonsten hat er sich als
Fan von Sarrazin und Ai Weiwei sowie als Autor der rechtsradikalen
Wochenzeitung „Junge Freiheit“ hervorgetan.
Das Bauprinzip einer reaktionären „Bewegung“, die Henkel mit
seiner Tournee scheinbar aufbauen oder zumindest anschieben möchte, ist das
gleiche wie das der Schweizer SVP oder der US-Tea Party: „Hinter dem Nebel
einer Nebelmaschine“ (Widmer), die vermeintlich die Interessen des „kleinen
Mannes“ vertritt, wird eine Politik der sehr Reichen gemacht.
„Es gibt kein
richtiges Leben in Flaschen.“ (Gremliza)
Für Demonstranten: Die Eintrittskarten kosten ca. 20 Euro...
* * *
Und wenn Sie gerade mal wieder nicht wissen, warum Sie noch
ein Mobiltelefon haben, wo es doch weder zur Organisation von Revolutionen noch
zu sonst etwas nütze zu sein scheint, denken Sie an Herrn Kaurismäki, der auf
die Frage „Haben Sie ein Handy?“ geantwortet hat: „Ja, so ein Handy ist praktisch, wenn ich Bierflaschen öffnen will.“