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02.05.2013 - 17:28

Eine journalistische Pest sind die plumpen Schubladisierungsversuche anhand selbst festgelegter, dumpfer Normen. Etwa „der Jimi Hendrix des...“. Also: der Jimi Hendrix der Harfe, der Jimi Hendrix des Saxophons, der Jimi Hendrix der Drehleier, was weiß ich.

Artikel, in denen so etwas vorkommt, sollten mit einem Strafhonorar in doppelter Höhe des Autorenhonorars belegt werden (na gut, also faktisch mit 2 x praktisch nichts...).

In der Reihe derartiger Einfallslosigkeiten und journalistischer Offenbarungseide ist auch die Zuschreibung „ist Pop“ bzw. „ist Rock“ zu sehen. Leute, die offensichtlich in ihrem Leben nur wenige Einsichten gewonnen und sich nur wenige Differenzierungsmöglichkeiten erarbeitet haben, sortieren kräftig in Pelikan und Geha, in Adidas und Puma, in Yin und Yang. Mercedes? Ist Rock. Porsche? Ist Pop.

So auch in einem taz-Interview mit Lars Rudolph. Schon die Titelzeile schreit: „Kleist war ein Rocker“. Aha. Doch wie kommt das?

Es liegt, natürlich, an einer selten dämlichen Journalistenfrage, und an der situativen Überforderung des Befragten, angemessen auf eine derart dämliche Frage zu reagieren (nämlich zum Beispiel den Raum zu verlassen).

Also, Frage taz: „Nun haben Sie eine Novelle von Kleist vertont. Ist Kleist eher Pop oder Rock?“

Antwort Lars Rudolph: „Rock.“

Wenn es nicht so hoffnungs- und sinnlos wäre, könnte man dem taz-Redakteur empfehlen, sich Kleists „Lehrbuch der französischen Journalistik“ von 1809 zu besorgen, da könnte er ne Menge lernen. Oder auch nicht. (Kleist sprach sich übrigens sogar gegen „Freibillets“ für Kulturveranstaltungen aus, mit denen Berliner Theaterkritiker „bestochen“ würden. Erklären Sie das heute mal den Zuständigen am Gästeliste-Schalter eines angesagten Popkonzerts...)

Aber daß Lars Rudolph dem taz-Redakteur ein absolut ebenbürtiger Gesprächspartner ist, zeigt sich später: „Im 16. Jahrhundert hatte Musik ganz andere Kraft auf Leute, da gab es keine Massenmedien. Da wurde zu Hause Musik gemacht oder in der Kirche.“

Im 16.Jahrhundert waren also alle glückliche Hausmusiker? Schöne Vorstellung. Dumm nur, daß das Musikmachen (wie das Lesen) im 16.Jahrhundert auf einige wenige tausend Menschen beschränkt blieb, während weit über 90% der Menschen weder schreiben noch lesen, noch auch nur im entferntesten daran denken konnten, selber Musik zu machen. Aber Leute, die Sätze sagen wie „Kleist war ein Rocker“, haben halt auch sonst wenig Ahnung vom Leben und der Welt.

Das taz-Interview endet übrigens so:

taz: „Mögen Sie den Showbusiness-Effekt von Religion?“

Lars Rudolph: „(...) Gute Predigten sind Gold wert. Wenn es gute Pastoren gäbe (...), ist das wie Pop. Wie Iggy Pop, wenn er sich malträtiert.“

Es wird so getan, als ob das Problem des deutschen Journalismus die Bezahlmodelle seien. Ich würde dagegen sagen, daß das eigentliche Problem die Qualität des Geschriebenen ist. Warum soll man Zeitungen kaufen, die von Leuten vollgeschrieben werden, deren geistiger und kultureller Horizont nur von einer Schubladenwand namens Rock zur anderen Schubladenwand namens Pop reicht? Trostlos.

* * *

Aber nichts ist heute zu dämlich, als daß es nicht unbedingt irgendwo abgedruckt werden müßte. Und wenn es nur in der „FAZ“ ist. Dort darf ein Felix Johannes Enzian (Namenswitze sind verboten) über das Berlin-Konzert von Lana del Rey drei Spalten mit Promo-Prosa vollsülzen, die so bescheuert und inkompetent sind, daß man konstatieren muß: Das Feuilleton, der sogenannte „Qualitätsjournalismus“ wird die Popkritik auch nicht mehr retten.

Nun kann man nicht von jedem erwarten, daß er ein derartiges Konzert so souverän, arrogant  und originell rezensieren kann wie unser „Kreuzberger Medienpreis“-Gewinner Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“ (von „Frauen, wie sie von Lana Del Rey in idealtypischer Weise verkörpert werden, haben keinen Motorradführerschein. Sie haben auch keinen Beruf und kein eigenes Konto“ bis zum Schlußsatz: Nachdem sie zu Beginn des Abends noch einen distanzierten und angestrengten Eindruck erweckt, fällt die Anspannung im letzten Drittel sichtlich von ihr. Selten sieht man Künstlerinnen, die sich so sehr auf das Ende ihres Konzerts freuen wie Lana Del Rey.“).

Daß Herr Enzian aber in jedes Stereotyp der Hilflosigkeit verfällt, mit dem schlechte Schreiberlinge Konzerte zu fassen suchen („Morbide Mädchenhymnen“, „Pop in Perfektion“, die Stimme ist „hypnotisch“, das Seufzen ist „wimmernd“ und „schraubt sich zart-kunstvoll in die Höhe“, die Lippen sind, natürlich, „üppig“, die Verse sind „perfekt verknappt“ und „in Stein gemeißelt“, die Diva ist „entrückt“, der „Star freut sich ganz ungekünstelt über die Begeisterung, die ihm entgegenschlägt.“) – sorry, liebes FAZ-Feuilleton, so haben wir nicht gewettet, für so einen blöden Schmarrn zahl ich keine EUR 46,90 Abogebühr monatlich, das können Sie für die Hälfte vielleicht den Erstsemestern als Studentenabo andrehen, ich dagegen verlange Schmerzensgeld von Ihnen, wenn ich morgens so etwas lesen muß! Damit das ein für alle mal geklärt ist.

Und Herr Enzian hat nicht nur von Sprache und Musik, sondern auch vom Konzertwesen keine Ahnung, wahrscheinlich hat ihn seine kleine Schwester das erste Mal auf ein Konzert mitgenommen: „Alle Songs haben Hitqualität. Daher kann die Newcomerin es sich leisten, ihre Singles erst am Ende des Abends zu spielen...“ Gut, Herr Enzian, diese Lektion in der Ersten Stunde der ersten Klasse der Popgrundschule gebe ich Ihnen kostenlos: Es ist guter Brauch, daß Künstler auf ihren Konzerten ihre Hits erst gegen Ende spielen. Jetzt denken Sie mal ein Grundschulhalbjahr lang darüber nach, warum das so ist. Vielleicht bekommen Sie’s selbst raus. Wahrscheinlich aber nicht.

* * *

„Seliger, wo bleibt das Positive?!?“ Ich weiß ich weiß. Aber Sie haben ja sicher auch gelesen, was ich eben über Jens Balzer gesagt habe, ja? Und in der FAZ schreibt ja auch regelmäßig Eric Pfeil Konzertrezensionen, zum Beispiel, und das ist dann ein Vergnügen und verhilft dem FAZ-Feuilleton zu mildernden Umständen vorm apokalyptischen Musikgericht, sozusagen.

Und dann lese ich ausgerechnet in der „Zeit“ den Artikel „Leben wie im Countrysong“ von Franz Dobler, und ich bin hingerissen und würde Ihnen am liebsten von A bis Z aus diesem Artikel über den Film „The Broken Circle“ vorlesen.

Nun ist es kein Geheimnis, daß Franz Dobler einer der besten deutschen Schriftsteller ist, und ich schau fast täglich auf seinen Blog, wo’s immer interessant zugeht. Und er kann natürlich schreiben, da will unsereiner gleich aufhören, selbst zu bloggen...

Wie auch der Film einige gute Lektionen bereithält, etwa über Bluegrass: „Arme Glücksritter aus der ganzen Welt lebten in den Appalachen und arbeiteten hart in den Minen. Um Hunger und Elend zu ertragen, sangen sie Lieder über ihre Angst vor dem Tod, die Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits und ihr hartes Schicksal.“ Sagt der Banjospieler Didier. Sagt Dobler.

Bluegrass, das ist schon eine andere Welt. Hören Sie zum Beispiel Roscoe Holcomb (ich habe auch einen Track von ihm auf unsere Spotify-Playlist im Mai gepackt), „I Am A Man of Constant Sorrow“ zum Beispiel, da wissen Sie, was los ist. Die großen Bad Livers haben es leider nie nach Deutschland geschafft in den 90ern, die hätten Sie sehen sollen!

„Unberechenbar krachen Gegenwart/Unglück und Vergangenheit/Glück permanent gegeneinander (...) Was nicht heißt, komische Elemente würden hier die Wucht rausnehmen. Wie auch die Band nicht Erholung, sondern vierter Hauptdarsteller ist, auch Teil des Schlachtfelds (...) Als sei die Botschaft: Musik ist das, was uns in größter Not am Leben hält, sonst nichts“, schreibt Dobler und berichtet abschließend (immer wieder Townes...):

Aus dem The Broken Circle-Soundtrack ist es ausgerechnet die ungeschönte Version von Townes Van Zandts If I Needed You, die in Belgien ein Hit ist. Ist das Belgien? Der ultimative Reterotrend? Sollte man nicht wieder anfangen, an das Gute im Menschen zu glauben?“

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Was Herr Bushido so treibt, wenn er nicht gerade den Integrations-Bambi des Burda-Verlages entgegennimmt oder ein Praktikum bei CDU-Bundestagsabgeordneten absolviert, das wissen Sie als LeserInnen dieses Rundbriefs natürlich längst. Jetzt haben es auch „Stern“, „Spiegel“ und die Tagespresse entdeckt: Bushido singt also homophobe und frauenfeindliche Texte, und seinen Songtext „Wir vergasen jede Tunte“ hat Bushido brav in „Wir verarschen jede Tunte“ geändert, was natürlich jeden Integrationsbambi rechtfertigt. Und nun fanden die Investigationsjournalisten von „Stern“ bis „Spiegel“ heraus, was Herr Bushida selbst seit Jahren sagt, nämlich: der Berliner Rapper steht einem „berüchtigten Mafia-Clan“ nahe.

Uiuiui.

Ein Künstler erzählt (vor mehr als einem Jahr bereits), daß er Politik nach dem Prinzip „Der Pate“ machen wolle; und auf die Frage nach seiner Verbindung zur Mafia sagt der Künstler, das sei bei Berlusconi nicht anders: „Wir sind, was wir sind.“

Und was fällt Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) zu diesem Thema ein? Henkel fordert laut „Berliner Zeitung“ allen Ernstes, dem „Rap-Barden den Bambi abzuerkennen, den er 2011 erhielt“. Sie merken, der CDU-Politiker fährt allerschwerste Geschütze auf...

Die Aberkennung des „Bambi“. Was für eine Kühnheit!

Und gleichzeitig sieht man, wie verblödet und wie lächerlich die Politik heutzutage ist – da wird so getan, als ob irgendein „Bambi“ irgendeine gesellschaftliche Relevanz habe, quasi eine Art Verdienstkreuz oder Doktortitel oder Nobelpreis, den man dringend aberkennen müsse, wenn sich einer nicht ordentlich verhält. Wahnsinn. Vielleicht sollte man dem Herren Innensenator mal erklären, welche Möglichkeiten die Gesetze hergeben, um gegen homophobe und frauenfeindliche Aussagen, vor allem aber gegen mafiöse Strukturen vorzugehen. Wenn da vom Innensenator alle Mittel und Möglichkeiten ausgeschöpft wurden, kann Bushido wegen mir seinen Bambi gerne behalten. Ob der dann im Regal seiner Villa oder in einer Gefängniszelle steht, mögen die zuständigen Stellen entscheiden.

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Verändern Sie die Welt mit einem Klick!

Sie können zuhause auf dem Sofa sitzen bleiben, ist ganz einfach! Gehen Sie einfach auf die Website von „Change.Org“, und schon werden Sie gefragt „Was wollen Sie verändern?“

Und wenn es nur der Kampf für eine bessere, irgendwie „faire“ Nutella ist:

„Sind Sie auch für Nutella, aber fair? Dann unterschreiben Sie jetzt die Petition von Heike Heider“, flötet die Website. „Nutella ist beliebt, aber wird nicht fair produziert. Deswegen fordert Heike Heider gemeinsam mit anderen – Fairtrade-Siegel aufs Glas!“

Und wenn dann erst das Fairtrade-Siegel auf jedem Nutella-Glas klebt, ist die Welt quasi gerettet, und Sie können sich als Gutmensch fühlen und sich wieder bequem auf Ihrem Sofa zurücklehnen. Das Gute auf der Welt ist nur einen Klick entfernt. Oder, wie Change.org selbst sagt: „Menschen bekommen eine Stimme, die nicht glaubten, daß sie eine hatten.“

Stand so in der „Berliner Zeitung“. Vielleicht kann man bei Change.org eine Petition für die korrekte Verwendung der deutschen Sprache einreichen. Wäre auch irgendwie einen Klick wert, oder?

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Sie wissen ja, der Berlin-Flughafen ist das Ding, das es nicht gibt und nie geben wird, das die Steuerzahler aber zig Milliarden kostet. Das Geld ist da, hurra!

Im Gegensatz zum Flughafen, den Berlin irgendwie nicht hinkriegt, gibt es in Berlin aber Radwege. Ganz konkret, die Dinger gibt’s wirklich. Nur: für Radwege ist kein Geld mehr da! Der Berliner Finanzsenator Nußbaum hat jetzt die Ausgaben für den Fahrrad- und Fußgängerverkehr in Berlin drastisch gekürzt. „Die ohnehin schon relativ geringen Investitionen in Radwege und in Radfahr- und Zebrastreifen sollen um zwei Millionen Euro sinken“ (Berliner Zeitung). Tschah, wer Milliarden für einen nicht vorhandenen Flughafen zum Fenster raus schmeißt, muß natürlich unbedingst schnell zwei Millionen bei den Fahrradwegen einsparen, ist schließlich kein Geld mehr da. So sieht Verkehrspolitik von SPD und CDU im 21. Jahrhundert aus.

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„Berlin war eine Zeit lang besonders. Heute sind da zu viele Künstler, zu viele Leute mit Karottenjeans. Idioten.“ (Iggy Pop)

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Die schönste Schlagzeile des vergangenen Monats las ich allerdings auf Musikmarkt.de: „Helene Fischer wird Werbegesicht für Meggle.“ Die Kräuterbutter, Sie wissen schon (also Meggle, nicht Frau Fischer...). Toll, oder?

Man redet heutzutage natürlich geschwollen daher, also sagt man nicht einfach, „Helene Fischer ist unsre neue Kräuterbutter-Schnute“, sondern: „Die Molkerei Meggle hat Helene Fischer als neues Testimonial gewonnen.“

„Meggle ist in den Köpfen der Verbraucher nicht mit Bildern hinterlegt“, barmt ein Ralph Biermann, seines Zeichens „Group Product Manager von Meggle“. Wo er Recht hat, hat er Recht. Ob sich das nun ändern wird, wenn Helene Fischer „ich bin das Kräuterbutter-Gourmeggle“ haucht, kann ich nicht beurteilen. Unseren Spaß werden wir aber alle haben.

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Nicht nett fand ich dagegen die Schlagzeile „Deutsche Wähler immer noch dumm“ auf Telepolis. Wobei, nun ja, ganz falsch liegen sie nicht: Denn weniger als die Hälfte der wahlberechtigten Deutschen weiß laut einer Infratest dimap-Umfrage, daß die Zweitstimme bei der Bundestagswahl über die Mandatsverteilung entscheidet.

Bedenklich, oder?

Noch bedenklicher allerdings ist nur, daß man, egal ob für Erst- oder für Zweitstimme, praktisch keine Auswahl hat. Was immer Sie als WählerInnen tun, es kommt immer eine Mitte-Regierung heraus. Was nun wirklich irgendwie dumm ist.

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Der Lieblingsfeind der deutschen Content-Industrie, die Firma Google, forciert laut einer Meldung auf „Musikmarkt.de“ in den USA „den Ausbau schneller Glasfaserleitungen mit der Bandbreite von einem Gigabit“.

Während „die Telekom in Deutschland den umgekehrten Weg geht und Internetverträge mit Volumenbegrenzung einführt“. Und die sogenannten „Internet-Flatrates“ deutscher Provenienz ja sowieso schon bisher dubiose Mogelpackungen darstellen, in denen alles andere als eine „Flatrate“ drin ist...

Google bietet in den USA jedenfalls für circa 32 Euro pro Jahr (!) „fünf Megabit ohne Datenbegrenzung und ohne weitere Gebühren für sieben Jahre garantiert“ – das ist „der Preis, den der Nutzer in Deutschland für 6.000 Kilobit pro Sekunde Download durchschnittlich im Monat zahlen muß.“

Amerika, Du hast es besser! Oder Frankreich. Sascha Lobo erklärt uns auf "SPON":

"Anfang 2013 dekretierte die französische Regierung, 20 Milliarden Euro in Glasfasernetze zu stecken, um 'Schluss zu machen mit Kupfer'. Das Bundeswirtschaftsministerium schreibt dagegen zum Thema Breitbandausbau: 'In einigen Fällen kann auch der Einsatz von Fördermitteln erforderlich sein, wenn andernfalls eine Erschließung auf mittlere Sicht nicht darstellbar ist.' Noch lascher lässt sich kaum erklären, dass man kein Geld in die Hand nehmen möchte."

Und Sascha Lobos Forderung können wir uns nur entschieden anschließen: "Es führt kein Weg an massiven staatlichen Investitionen in eine netzneutrale Glasfaserinfrastruktur vorbei."

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Und keine sogenannte Initiative ist natürlich zu popelig, als daß die Münchner Vereinspostille  für den deutschen Urheberrechtsfan nicht groß über sie berichten würde. Laut „Musikwoche.de“ hat also eine Initiative „Don’t Fuck With Music“ in Berlin ein „Guerilla-Konzert“ veranstaltet. „Vor dem Reichstag wurde während der Aktion ein Transparent (...) ausgerollt. Lautstark begleitet wurde die Aktion von der Berliner Band The Toten Crackhuren im Kofferraum.“

Was aber sah man auf dem Foto, das zur Meldung in der Vereinspostille abgedruckt wurde?

Keine Massen, keine Demonstration at all, keine Protestaktion von zig Künstlern, sondern vier oder fünf armselige Hanseln und Greteln, wahrscheinlich die Toten Crackhuren selbst, ich kenn die nicht, aber wer sich schon so nennen muß...

Und unter einem „Protesttruck“, wie die Musikwoche das nannte, stell ich mir auch irgendwie was anderes und vor allem was Größeres vor als einen Kleintransporter.

Echt Guerilla, diese Freunde des Urheberrechts mit ihrem Manifest!

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Und, gähn, die GEMA? Hat eine ganz schöne Bauchlandung fabriziert.

Selbst das der Gema traditionell sehr gewogene Patentamt hat der „Gema-Tarifreform eine weitgehende Absage erteilt“ (FAZ). „Die Schiedsstelle schlägt vor, die elf Tarife beizubehalten, die die Gema ursprünglich auf zwei reduzieren wollte. Eine Abschaffung der Vielzahl an Tarifen würde gegen das Gleichbehandlungsgebot verstoßen“, mußte sich die Gema ins Stammbuch schreiben lassen. Den absurden „Mondtarife“ mit durchschnittlich 500 Prozent höheren Gema-Tarifen für Diskotheken und bis zu 2000 Prozent höheren Tarifen für Musikkneipen hat das Patentamt eine völlige Abfuhr erteilt. Diese Auswüchse, die die Gema-Oberen seit geraumer Zeit vorangetrieben haben, sind nun endgültig vom Tisch.

Es gibt jedoch immer noch Klärungsbedarf hinsichtlich einiger erhöhter Tarife. Wobei man vielleicht jetzt doch erwarten darf, daß die Arroganz der Gema-Funktionäre ein wenig kleiner wird, nachdem sie nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern jetzt sogar vor der Schiedsstelle mit ihren maßlosen Forderungen Schiffbruch erlitten haben. 

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Nun mal ehrlich: Daß Uli Hoeneß, dieser selbsterklärte Saubermann und CSU-Amigo, der gerne in Talkshows mit erhobenem Wurstfinger rechte Moral lehrt, auch nur ein dumpfer Steuerhinterzieher ist – das wundert uns nicht, oder? Das hatten wir uns eh längst gedacht. Allerdings verfolgt unsereiner mit einer gewissen klammheimlichen Freude, wie dem Hoeneß Uli seine Sprüche wie man müsse „die Reichen“ im Lande behalten, „damit sie hier gemolken werden können“ (FAZ) nun auf die Adidas-beschuhten Füße fallen. Fair enough. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Noch bescheuerter und dumpfer ist eigentlich nur Herr Rummenigge, der sich aus Katar kommend mit zwei Rolex-Uhren, die er nicht ordnungsgemäß angemeldet hat, beim Zoll erwischen läßt. Aber so sind sie halt, die Reichen, die ihr langweiliges Leben nur mit dem Kauf von Rolex-Uhren aufpeppen können...

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Was also ist mit den Reichen los?

Eine Frau mit dem sinnigen Namen Denise Rich hat für Céline Dion, Patti LaBelle, Diana Ross oder Aretha Franklin Hits wie „Love Is A Crime“, „Frankie“ oder „Candy“ geschrieben und damit offensichtlich eine ganze Menge Geld verdient. So viel Geld, daß sie es anscheinend in sonnigen Steueroasen verstecken mußte – ihr Name ist laut „FAZ“ in der „Datenlawine  aufgetaucht, durch die sich im Auftrag des Washingtoner Center for Public Integrity seit mehr als 15 Monaten 86 Journalisten wühlen.“

Ganze 144 Millionen Dollar wurden unter dem Namen von Frau Rich auf den Cook-Inseln, einem beliebten Offshore-Gebiet, entdeckt – und die Frau Rich dort wohl „nicht ganz nach international gültigen Geldverkehrsvorschriften geparkt hat“.

Die „FAZ“ weiß auch, daß Frau Rich für ihr Penthouse auf der New Yorker Fifth Avenue eigentlich 65 Millionen Dollar haben wollte, es dann vor einem halben Jahr aber für nur 54 Millionen Dollar an den Medienmogul David Geffen verkauft hat – ein Schnäppchen, ein  Freundschaftspreis sozusagen!

Ihr einstiger Ehemann, Herr Rich also, wurde vor Jahren in den USA wegen Steuerbetrugs verurteilt und ging ins, genau, Schweizer „Exil“, weil er lieber nicht im Knast sitzen wollte. Laut „FAZ“ hat Frau Rich der Demokratischen Partei „Schecks“ zukommen lassen, die „üppig genug waren, um als ‚FOB’, als ‚Friends of Bill’ bei dem damaligen Präsidenten eine Sonderstellung zu genießen.“ Und Bill Clinton hat dann tatschlich an seinem letzten Amtstag noch schnell den verurteilten Steuerbetrüger Herrn Rich begnadigt.

Frau Rich dagegen hat 2011 ihren US-Paß zurückgegeben und verwaltet seither ihren Reichtum „lieber und vorteilhafter“ in Österreich. Oder eben auf den Cook-Inseln.

Geschichten, die das Leben schreibt. Geschichten, wie Sie und ich sie tagtäglich erleben.

12.04.2013 - 17:47

Die Sparauflagen, die Griechenland von der deutschen Regierung aufgezwungen wurden, verlangen von Griechenland, die öffentlichen Gesundheitsausgaben bei 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu halten oder noch weiter zu senken. In Deutschland beträgt der Anteil  der Gesundheitsausgaben dagegen 9 Prozent. Ist die Gesundheit der Griechen weniger wert? Sind die Griechen Europäer zweiter Klasse?

Offiziell sind 30 Prozent der griechischen Bevölkerung nicht mehr krankenversichert, vermutlich ist aber bereits jeder Zweite aus der Absicherung herausgefallen, wie Kirsten Schubert in einem erschütternden Bericht für medico international schreibt. Es mangelt an Arzneimitteln, selbst Verbandsmaterial ist knapp geworden, und Medikamente bekommt man in den leergeräumten Apotheken nur noch gegen Barzahlung. Seit die Troika durchgesetzt hat, daß alle sozialstaatlichen Leistungen (inklusive der Krankenversicherung!) zwölf Monate nach Verlust des Arbeitsplatzes einzustellen sind, ist die steigende Zahl Arbeitsloser ein sicheres Indiz für die zu erwartenden gesundheitlichen Belastungen der Bevölkerung – aktuell ist jeder vierte Grieche arbeitslos, bei jungen Menschen unter 24 Jahren sind es mehr als die Hälfte.

Wohlgemerkt, dies alles geschieht in Ihrem Namen! Daß das von Deutschland dominierte Europa systematisch eine solche die Menschenwürde verletzende Ungleichheit zuläßt, ist empörend.

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„Wie kommt es, daß die Leute die Gesetze befolgen und nicht vielmehr auf sie pfeifen? Diese Frage, nein, eher die Verblüffung über diesen weitverbreiteten Gesetzesgehorsam verleitet zum Thesenbilden. Doch lassen wir die Soziologenmär von der Akzeptanz als Erklärung aus dem Spiel. Auch der Hinweis auf die Vernunft der Gesetze verfängt wohl kaum. Bleibt, wie so oft, Max Weber. Von allen Erklärungsversuchen scheint der Webersche schon deswegen bedenkenswert, weil er die Frage umstellt. Nicht: wieso folgen die Leute den Gesetzen, sondern: wie stellen es die jeweils Herrschenden an, daß es sich so verhält?" (Cornelia Vismann)

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Auch dieses Jahr konnte sich die HBO-Serie „Game of Thrones“ laut SPON den ersten Platz im illegalen Download-Ranking sichern. Kaum hatte HBO die erste Folge ausgestrahlt, wurde die Videodatei als Torrent angeboten. In der Spitze wurde der Clip von mehr als 160.000 Nutzern gleichzeitig geteilt, sämtliche angebotenen Versionen der Startfolge kamen laut SPON auf über eine Million Downloads.

Die Startfolge wurde auch von 4,4 Millionen HBO-Abonnenten betrachtet. HBO jedenfalls scheint sich am nicht ganz rechtskonformen Interesse an „Game of Thrones“ nicht weiter zu stören. Der Autor der Buchreihe, George R.R. Martin, hatte die Urheberrechtsverstöße bereits als „Kompliment“ für sein Werk gewertet, und nun zog HBO-Programmdirektor Michael Lombardo nach: „Ich sollte das vielleicht nicht sagen, aber das ist gewissermaßen ein Kompliment. Die Nachfrage ist vorhanden. Und es (also die illegalen Downloads, BS) hat sich sicher nicht negativ auf den DVD-Absatz ausgewirkt“, sagte Lombardo in „Entertainment Weekly“ und machte sich hauptsächlich Sorgen über die Qualität der Dateikopien. Illegale Downloader will der HBO-Chef jedenfalls nicht verfolgen lassen.

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Ist das, was man anbietet, gut genug, dann macht man in der Regel damit Geschäfte im Internet, und auch die sogenannte Piraterie ist kein Problem, wie wir sehen.

Ein etwas anderes Geschäftsmodell verfolgt der Axel-Springer-Konzern hierzulande, auf dessen umfangreiche Lobbybemühungen das vom Bundestag verabschiedete „Anti-Google-Gesetz“ zurückgeht.

Am 22.3. lese ich in der FAZ, wie der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, vor dem Ausschuß für Kultur und Medien des Bundestages jammert: Ein „tragfähiges Geschäftsmodell für den Vertrieb von Zeitungsinhalten ist nicht in Sicht“, sagte Döpfner. Und: „ohne ein Leistungsschutzrecht, das die Produkte der Verlage vor der Inbesitznahme durch kommerzielle Anbieter im Internet schützt, wird die freie Presse verschwinden.“

Merkwürdig nur, daß gut zwei Wochen vorher, am 7.3., in der Berliner Zeitung zu lesen war, daß der Medienkonzern Axel Springer 2012 seinen Umsatz „vor allem durch den Ausbau digitaler Medien gesteigert“ hat, ausgerechnet. Mathias Döpfner sagte dort, daß Springer „erstmals über eine Milliarde Euro Umsatz mit digitalen Medien erzielt“ habe, „mehr als mit jedem anderen Geschäftsbereich“. Der Bereich "Digitale Medien" löste demzufolge mit einem Umsatz von 1,2 Milliarden Euro (plus 22 Prozent!) erstmals die inländischen Zeitungen als umsatzstärksten Geschäftsbereich des Axel Springer-Konzerns ab.

Ganz ohne Leistungsschutzgesetz, ganz ohne Mithilfe des Gesetzgebers.

Und wie gehen die beiden Statements nun zusammen? Tun sie nicht. Döpfner hat einfach die Politiker im Deutschen Bundestag und die Öffentlichkeit verarscht. Sie können Döpfner übrigens an seiner langen Pinocchio-Nase erkennen...

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Und wen besucht SPD-Steinbrück, wenn er in Berlin auf Wahlkampfreise ist?

Klar, der selbsternannte Kämpfer für die Sozialschwachen, für die Mieter und die Geringverdiener kumpelt mit den Großkonzernen und deren Bossen herum. Peer Steinbrück war zu Gast bei Universal Music, dem weltgrößten Musikkonzern, und traf sich mit dessen Chef Frank Briegmann. Dabei warf sich Steinbrück in den Staub und sandte eine Unterwürfigkeitsadresse, indem er auf das SPD-Wahlprogramm verwies, in dem es heißt:

„Das geistige Eigentum ist der Rohstoff der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die unverbrüchliche Verbindung zwischen Urheber und Werk darf nicht relativiert werden. Der Schutz des geistigen Eigentums ist für die SPD deshalb essentiell.“

09.04.2013 - 10:56

Margaret Thatcher war die europäische Politikerin, die der hemmungslosen neoliberalen Politik die Türen öffnete. Legendär ihre Aussage, in der sie eine gesellschaftliche Verantwortung und Verpflichtung rundheraus verweigerte: "There is no such thing as society."
Thatcher sorgte dafür, daß der Londoner Finanzmarkt ungehemmt am Profit arbeiten konnte und zum größten Finanzplatz Europas wurde - ein großer Teil der Bankenkrise, mit der sich Europa heute rumschlagen muß, ist Thatchers Politik zu verundanken.
Hemmungslose Privatisierung und Deregulierung, massiver Abbau des Sozialstaats - kein Wunder, daß sich britische Popmusiker ständig mit der Kapital-freundlichen Politik von Margaret Thatcher auseinandersetzten. "De mortuis nil nisi bene" - aber eben auch die Wahrheit: 21 verärgerte Songs über Margaret Thatcher, u.a. von den Specials, Pink FLoyd, Klaus Nomi, Morrissey, Elvis Costello und Billy Bragg, finden Sie hier:
http://www.buzzfeed.com/angelameiquan/21-incredibly-angry-songs-about-margaret-thatcher

25.03.2013 - 16:45

Vor wenigen Wochen, als der Deutsche Bundestag mit einer Mehrheit, die vornehmlich dem Fehlen prominenter OppositionspolitikerInnen von SPD, Grünen und „Linken“ zu verundanken war, das von Springer forcierte Leistungsschutzrecht beschlossen hatte, kündigten SPD und Grüne vollmundig Widerstand gegen dieses Gesetz an. Jetzt hat der Bundesrat, wo SPD-geführte Bundesländer eine deutliche Mehrheit haben, mit der sie das Gesetz einstweilen hätten stoppen können, jedoch mit den Stimmen der beiden SPD- bzw. SPD-Grünen-Länderregierungen Hamburg und Nordrhein-Westfalen das unsinnige Gesetz durchgewunken. Interessanterweise zwei Bundesländer, in denen starke Presseverlage ihren Sitz haben.

Man hat sich der Macht der Presseverleger gebeugt und „einer kleinen Schar Begünstigter ein großes Geschenk gemacht“ (Till Kreutzer).

Marcel Weiß kommentiert auf „Neunetz“ die Grundsituation der Netzpolitik in diesem unseren Lande, das in Denken und Handeln so sehr dem 20.Jahrhundert verhaftet bleibt: Wir haben eine akademische Welt, die zur Selbstorganisation abseits der traditionellen Presse kaum in der Lage scheint. Wir haben eine Industrie, im Internet wie abseits des Internets, die zur Selbstorganisation branchenübergreifend abseits der traditionellen Presse nicht in der Lage ist. Wir haben eine journalistische Branche, die mit Lügen kein Problem hat. Und wir haben opportunistische Politiker an der Macht und in der Opposition, die mehrheitlich weder das Netz fürchten noch lieben, sondern das Papier fürchten und lieben."

SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück, dieser Person gewordene Wunsch der Sozialdemokraten, bloß nicht den nächsten Kanzler stellen zu wollen, erklärt dazu gerade auf der SPD-Website, „das schwarz-gelbe Leistungsschutzrecht muß weg“ – wie bitte? Das Gesetz also, das seine Parteigenossen aus NRW und Hamburg soeben erst möglich gemacht haben? Dieser Eiertanz erinnert an die geniale Aussage der damaligen Grünen-Abgeordneten Antje Vollmer zum Kriegseinsatz der Bundeswehr auf dem Balkan: „Mein Ja war eigentlich ein Nein.“

Und wir können nolens volens eine neue Strophe des ewigen Gassenhauers anstimmen, wie bei Salamanders Lurchi klingt es im ganzen Walde: „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“

25.03.2013 - 16:44

Jaja, ich weiß, Amazon zahlt Minilöhne für Leiharbeiter. Und auf dem SPD-Landesparteitag in Mecklenburg-Vorpommern bedienten KellnerInnen, die nur 6,62 Euro pro Stunde verdienten, obwohl die Sozialdemokraten doch einen Mindestlohn von 8,50 Euro fordern. Und wenn sich die Parteitagsdelegierten gleich welcher Coleur in den 4- und 5-Sterne-Hotels zur Ruhe betten, wurden zuvor Zimmermädchen ausgebeutet, die die Zimmer auf Vordermann gebracht haben. In Berlin etwa „schuften Zimmermädchen“ in den Luxushotels laut einer Recherche des RBB „für drei bis vier Euro Stundenlohn. Angestellt sind sie bei Fremdfirmen, die den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn für Reinigungskräfte trickreich umgehen“.

Jeder kann sich jederzeit empören, Anlässe gibt es zu genüge, und man fühlt sich so viel besser, wenn man Elche beim Elchsein ertappt hat.

Nur, das Ganze ist systemisch. Nichts, was uns (und damit meine ich im Wortsinn: uns alle!) irgendwo ein Vorteil dünkt, kommt ohne Nachteil daher. Wo es Gewinner gibt, gibt es Verlierer. Es gibt keine Gewinne, ohne daß irgendwer irgendwo den Preis dafür bezahlen würde.

Wenn ich im März in die USA zur SXSW fliege und vorher in wechselnde Städte, wo meine Künstler und ihre Vertreter wohnen, kaufe ich mir stets die „Billionaires“-Ausgabe von „Forbes“. Immer im März erscheint in den USA „the definitive Guide to the richest People on Earth“, der alle (in diesem Jahr: 1.426) Milliardäre der Welt verzeichnet. Auf dem Titel der 2013er Ausgabe: Mikhail Prokhorov, ein russischer Oligarch, Geschäftspartner eines gewissen Jay-Z in Brooklyn (ihnen gehört gemeinsam eine riesige neue Mehrzweckhalle sowie der Basketballverein Brooklyn Nets, und jetzt raten Sie mal, wer den jeweils größeren Anteil daran hält...).

Auch hübsch: ein doppelseitiges Foto von einem Strand in Malibu/Kalifornien, an dem nebeneinander u.a. Joel Silver (Filmproduzent, u.a. Matrix), Paul Allen (Microsoft), Haim Saban (Saban Capital Group), Jeffrey Katzenberg (DreamWorks), Larry Ellison (Oracle), Peter Morton (Hard Rock Cafe), Gerald Schwartz (Onex), David Geffen (DreamWorks) und Eli Broad (SunAmerica) ihre Multimillionen-Villen besitzen (die auf dem Foto genau bezeichnet sind). Die Milliardäre zahlen bis zu über 600.000 Dollar pro Meter (!) Meerblick – und der Strand dort ist, anders als in Potsdam, wo die Neu-Junker die Bevölkerung nicht ans Ufer lassen, öffentlich. Da muß man sich schon wundern, warum die Occupy-Leute bei Wind und Wetter in New York kampierten statt vor den Villen der Milliardäre in Malibu. Doch ich schweife ab.

Was ich Ihnen eigentlich erzählen wollte, sind ein paar der Top-Milliardäre der „Forbes“-Liste. Auf Platz 1 steht seit vier Jahren der mexikanische Telekom-Mogul Carlos Slim Helu, ihm und seiner Familie gehören 73 Milliarden US$. Auf Platz 2 Bill Gates mit 67 Milliarden Dollar. Doch dann, bereits auf Platz 3, finden wir einen spanischen Superreichen namens Amancio Ortega, der über ein Vermögen in Höhe von 57 Milliarden Dollar verfügt. Kennen Sie nicht? Ihm gehören 60% einer Firma namens Inditex (deren Chef er bis 2011 war). Zu Inditex gehört ein Konzern namens Zara. Klingelt etwas bei Ihnen? Unter anderem mit seiner Textilienkette Zara machte Amancio Ortega im Jahr 2012 derartig hohe Profite, daß ihm selbst unter den wahrlich nicht unvermögenden Superreichen der Forbes-Liste der größte Sprung nach vorne gelang: sein Vermögen vergrößerte sich 2012 um sage und schreibe 19,5 Milliarden Dollar. Und, am Rande: Ortega lebt in einem Land, in dem mehr als die Hälfte aller Unter-30jährigen arbeitslos sind und zuletzt eine sechsstellige Zahl von Häusern zwangsgeräumt wurden, weil die Menschen ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten. Es gibt eben allüberall und jederzeit ein Oben und ein Unten.

Auf Platz 9 der Liste der Schwerreichen: Liliane Bettencourt (L’Oréal). Platz 10: Bernard Arnault (LVMH, u.a. Louis Vuitton und Bulgari). Auf Platz 18 der reichste Deutsche, Karl Albrecht (Aldi), mit 26 Milliarden Dollar.

Platz 12: ein gewisser Stefan Persson, 65 Jahre alt, Vermögen 28 Milliarden Dollar. Kennen Sie wieder nicht? Er ist Vorstandsvorsitzender von H&M (und hat sein Vermögen zuletzt dadurch vermehrt, daß er in Paris gleich einen ganzen Häuserblock in bester Lage kaufte). Stefan Persson gehören 38% von H&M, die Textilkette wurde von seinem Vater gegründet.

Und nun fragen wir uns mal kurz, wie die Herren Ortega aus Spanien und Persson aus Schweden so superreich werden konnten. Die Waren, die sie in ihren Textilketten verkaufen, sind eher billig. Wenn Sie ein schickes Oberteil bei Zara oder ein T-Shirt für wenig Geld bei H&M kaufen, werden Sie sich wegen des günstigen Artikels eher als Gewinner fühlen. Und es ist anzunehmen, daß sich auch die Herren Ortega und Persson nicht als Verlierer im globalen Spiel bezeichnen werden. Wer aber sind die Verlierer, auf deren Kosten die Herren Ortega und Persson ihre Gewinne machen?

„Terre des hommes“ hat gerade die Arbeitsbedingungen in der weltweiten Textilindustrie in scharfer Form kritisiert. Danach leben mindestens 12 Millionen Menschen in Sklaverei-ähnlichen Verhältnissen, darunter zahlreiche Kinder. Gerade die moderne Textilindustrie brauche massiv billige Arbeitskräfte, weil sie günstig produzieren müsse.

„Es gibt heute mehr Sklaven als zu Zeiten des transatlantischen Sklavenhandels“, sagte die Sprecherin von „Terre des hommes“.

Wir schreiben das Jahr 2013. Und wir sind alle Profiteure einer globalisierten Welt. Und jemand anderes zahlt den Preis. Und wir sind vielleicht weiter entfernt von jenem „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ denn je zuvor.

25.03.2013 - 16:42

Nun haben wir also auch den Echo 2013 überlebt. Ich hatte Grippe und habe mir in meiner Verzweiflung einen Teil der Fernsehübertrag angetan, worauf sich mein Gesundheitszustand spürbar verschlechtert hat.

Daß diese erbärmliche, dumpfe, selbstreferentielle Veranstaltung der deutschen Musikindustrie live im Staatsfernsehen übertragen wird, ist traurig genug. Sie vermissen Herz und Seele? Die Musikindustrie hat so etwas nicht, da, wo gewöhnliche Menschen ein Herz haben, haben die Manager der Musikindustrie einen Zähler für verkaufte Alben eingebaut.

Das alberne Vorspiel mit dem Gezerre um die Gruppe Frei.Wild war dabei so banal wie die eigentliche Veranstaltung. Daß sich ausgerechnet eine Band wie Mia, die vor Jahren in der Deutschlandfahne geposed hat und mit ihren deutschnationalen Gesängen bekannt wurde, sich nun als Gegner einer Band wie Frei.Wild geriert, ist einfach nur lächerlich. Wobei den Neo-Nationalismus ja nicht eine Band wie Frei.Wild hervorgebracht hat, sondern die Deutsche Phono-Akademie selbst, die den Echo ausrichtet. Bis zur Deutschen Phono-Akademie haben sich die Grenzen Deutschlands nach 1945 anscheinend noch nicht herumgesprochen – die Südtiroler Band Frei.Wild wurde von den Vertretern der deutschen Musikindustrie nämlich in der Kategorie „Rock/Alternative National“ nominiert. Wann aber war Südtirol zuletzt „deutsch“, also national? Nach dem Abkommen von Mussolini und Hitler 1939, gewissermaßen. In dieser Zeit  also ist die Deutsche Phono-Akademie gedanklich stehengeblieben, was ja auch wieder interessant ist.

Die Diskussion um Frei.Wild jedenfalls ist eine sehr typisch deutsche, eben: eine Alibi-Debatte.  Über das reaktionäre Weltbild von Figuren wie Bushido oder Heino, die ebenfalls nominiert waren, wurde nicht einmal debattiert. Und Jens Balzer weist in der „Berliner Zeitung“ darauf hin, daß ein Produzent wie Henning Verlage nicht nur „Unheilig“ produziert hat (und zusammen mit dem „Graf“ den Echo für den besten Rock/Alternative National“-Act entgegennahm), sondern eben auch, ja, Frei.Wild. „Ein Umstand, der an diesem Abend aber lieber verschwiegen wird“ (Balzer). Und abgemischt wurde das Frei.Wild-Album vom Berliner Ton-Ingenieur Sascha „Busy“ Büren, der außerdem auch die Alben von Peter Fox oder Lena Meyer-Landrut abmischt. So hängt immer alles mit allem zusammen. Der Echo zeichnet sich eben „generell gerade durch seine Vielfalt, die kreativen Kollaborationen und die einzigartigen emotionalen Momente aus“, so der BVMI-Funktionär Florian Drücke.

Der TV-Marktanteil der Echo-Übertragung: Müde 13,3 Prozent. Sogar die parallel im ZDF laufende Quizshow mit Rügenwalder Wurst-Botschafter Jörg Pilawa fand mehr Zuschauer. Und der Marktanteil in der Zielgruppe der 14- bis 49-jährigen lag bei nur 11,4 Prozent und war die zweitschwächste Echo-Quote aller Zeiten. Sowas nennt man dann wohl einen Flop.

25.03.2013 - 16:41

Und, trauen Sie den Beteuerungen von Frau Merkel und Herrn Steinbrück noch, die Einlagen der Sparer seien sicher? Den Sparern in Zypern dürfte die Garantie von Merkel und Steinbrück 2008, niemand müsse befürchten, „einen Euro seiner Anlagen zu verlieren“, zynisch vorkommen. Galt aber ja auch nur, von wegen vereintes Europa, für die deutschen Sparer, versteht sich.

Doch aktuell drängen Merkel und Schäuble darauf, erstmals Sparer an der Sanierung insolventer Banken zu beteiligen, bevor Aktionäre und Besitzer von Anleihen zur Kasse gebeten werden. Ein Tabubruch. Eine Enteignung, die vor allem die sogenannten „kleinen Leute“ trifft, denn vor allem diejenigen, die wenig Vermögen haben, legen dieses wenige Geld in sehr niedrig verzinsten Anlageformen an.

Doch faktisch werden die Kleinsparer nicht erst jetzt, sondern schon seit Jahren enteignet. Wie der „NZZ“ zu entnehmen ist, betrug die Rendite von fünfjährigen Staatsanleihen in Deutschland zuletzt 0,8 Prozent, ähnlich tief liegen die Zinsen für Fest- und Tagesgelder. Bei einer Inflationsrate von 1,9 Prozent liegen die Zinsen also real bei -1,1 Prozent. Wohl gemerkt: minus 1,1 Prozent. „Jedes Jahr schrumpft die reale Kaufkraft deutscher Sparguthaben also um 1,1 Prozent.“ Eine schleichende Enteignung, von den Finanzexperten auch „finanzielle Repression“ genannt.

Der Kapitalbedarf von Zypern beträgt 15,8 Milliarden Euro. Allein bei der Verstaatlichung des Verlustes einer einzigen deutschen Bank, der Hypo Real Estate, übernahm Deutschland seinerzeit Garantien in Höhe von 124 Milliarden Euro.

Wie die Bundesbank übrigens gerade bekanntgab, gehören den reichsten zehn Prozent der deutschen Haushalte 59,2 Prozent des gesamten deutschen Nettovermögens. Wir können jedoch davon ausgehen, daß die reichsten zehn Prozent unserer Gesellschaft ihr Vermögen eher nicht auf Sparkonten horten, wo es kalt enteignet werden würde; doch immerhin 78 Prozent der deutschen Haushalte haben Sparguthaben und können zuschauen, wie dies jedes Jahr ohne ihr Zutun weniger wird.

Ach ja, eine Garantie kann ich Ihnen geben: Bis zur Bundestagswahl im September 2013 sind Ihre Sparvermögen ganz sicher sicher! Wetten?

25.03.2013 - 16:40

Im aktuellen Heft des „Musikexpress“ klagt der sehr geschätzte Albert Koch über die „Geheimhaltungsstrategien“ der Musikindustrie, in diesem Fall eines bestimmten Großkonzerns, der den Journalisten keine Besprechungsexemplare der neuen Veröffentlichungen zur Verfügung stellt, sondern schlecht funktionierende Streaming-Links oder nur das Anhören neuer Alben bei sogenannten „Listening Sessions“ unter Bewachung von Mitarbeitern der Plattenfirmen erlaubt.

All dies ist längst nicht mehr Ausnahme, sondern die Regel. Was mich jedoch immer wieder wundert: warum lassen die Musikjournalisten denn all dies mit sich machen? Wie wäre es denn, wenn sie sich den Gebaren der Musikindustrie einfach verweigerten? Wenn sie sagen würden, daß sie nicht bereit sind, Alben zu besprechen, die sie nur bei Listening Sessions oder per Stream erhalten? Daß für eine sinnvolle Rezension eine ausführliche Beschäftigung mit einem Album notwendig ist? Mir scheint, daß da beim embedded music journalism doch ein wenig zu viel vorauseilender Gehorsam und etwas zu wenig Selbstbewußtsein vorhanden ist. Und wer hätte denn letztlich mehr zu verlieren, wenn das neue Album der Strokes oder von David Bowie einen Monat später besprochen würde – die Musikzeitschrift oder die Plattenfirma?

25.03.2013 - 16:39

Eine ganz andere, dem eigentlichen Begriff noch näher kommende Spielart des „embedded journalism“ betreibt die staatliche „Initiative Musik“, die drei deutschen Musikjournalisten gleich den Besuch der Musikmesse SXSW inklusive Reise und Hotels finanzierte. Journalisten, die auf Staatskosten die Maßnahmen der staatlichen Popexportförderung journalistisch „begleiten“ – klassische Hofberichterstattung. Und genau so kam es, in den entsprechenden Berichten der staatlich eingebundenen Journalisten ist kein kritisches Wort zur Arbeit der staatlichen Popinstitutionen zu finden, und es fehlt auch jeder Hinweis darauf, daß die entsprechenden Artikel nur dank staatlicher Finanzierung zustandegekommen sind.

So verstehen staatliche Institutionen und Journalisten in einer „postdemokratischen“ Gesellschaft die Rolle der „freien“ Presse...

25.03.2013 - 16:38

Zahnlose Grüne.

Die Ökopartei hat jetzt eine Steuer in Höhe von 22 Cent auf Plastiktüten vorgeschlagen. Nicht einmal eine Abgabe, die zweckgebunden einzusetzen wäre, sondern eine Steuer. Zu mehr hat es bei den alternden Grünen, deren Plastiktüten-Konzept merkwürdig „zahnluckert“ daher kommt, wie man in Oberbayern sagt, anscheinend nicht gereicht.

Wie wäre es, wenn man Plastiktüten einfach verbieten würde, statt sie zu besteuern?

Vor der spanischen Küste verendete unlängst ein Pottwal, der obduziert wurde. Laut „Berliner Zeitung“ wurden in dem 4,5-Tonnen-Leichnam 17 Kilogramm Plastikmüll gefunden. Der Darm war komplett mit Plastikmüll verstopft und „förmlich explodiert“. Im Magen des Pottwals wurden u.a. 30 Quadratmeter Plastikfolie, 59 verschiedene Teile aus den Treibhausanlagen vor Andalusiens Küste und jede Menge weiterer Plastikmüll gefunden.

In Frankreich und Italien sind Plastiktüten längst verboten, ebenso wie beispielsweise in Indien oder Kenia, in Teilen Australiens und in einzelnen US-amerikanischen Städten, wie Austin/Texas oder Los Angeles. Warum die Grünen hierzulande nicht ebenfalls ein Verbot von Plastiktüten fordern und stattdessen eine Besteuerung der Tüten vorschlagen, bleibt ihr Geheimnis.

25.03.2013 - 16:37

Aus den Nachrichten (auf Telepolis):

„Wegen der anhaltenden Proteste und Unruhen hat die Polizei den Stadtteil East Flatbush zu einer "eingefrorenen Zone" ("Frozen Zone") erklärt, was de facto heißt, dass der Ausnahmezustand verhängt wurde. (...) Konkret bedeutet der Ausnahmezustand derzeit, dass es Reportern und Journalisten nicht möglich ist, sich in der Zone frei zu bewegen und zu recherchieren oder zu berichten. Außerdem ist es den Beamten gestattet, die Anwohner und Passanten daran zu hindern, frei auf den Straßen umherzulaufen.“

Und wo passiert so etwas? Nicht in China, sondern in New York, im Stadtteil Brooklyn. In der Nacht vom 9. auf den 10.März haben dort zwei Polizisten einen 16jährigen Jugendlichen erschossen. Sie feuerten elf Schüsse ab, sieben davon trafen einen schwarzen Jugendlichen  tödlich. In den Tagen darauf kam es zu Andachten, Kundgebungen und zu massiven Protesten in dem New Yorker Stadtteil, allein am 13. März kam es zu 46 Verhaftungen. Die Mutter des niedergeschossenen Jugendlichen fordert „Gerechtigkeit für zwei Polizisten, die von der Straße verschwinden sollten, bevor sie ein anderes Kind töten.“

In den Zeiten von Internet schafft es die NYPD, daß keine gesicherten Informationen über die aktuelle Lage in dem Stadtteil von Brooklyn an die Öffentlichkeit geraten – niemand weiß, was sich in der „frozen zone“ abspielt.

11.03.2013 - 04:38

Mehdorn wird Chef des Berlin-Brandenburger Flughafens.

Sänk you for not travelling Pannenflughafen BER, sozusagen.

Und Verkehrsminister Ramsauer bekommt feuchte Höschen und behauptet laut „Welt“, Mehdorn folge „auch ein Stück weit einer patriotischen Berufung“, eine solche „Herausforderung von nationaler Tragweite anzupacken“. Patriotische Berufung? Drunter tun sie’s nicht. Ein Stück weit.

11.03.2013 - 04:37

Die „Berliner Zeitung“ hat dieser Tage die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht, wonach die große Mehrheit der BerlinerInnen den Senat für „konzeptlos“ halten: 81 Prozent der Befragten  glauben, daß der Senat keine Strategie in der Mietpolitik hat. Erstaunlich, daß immer noch elf Prozent der BerlinerInnen „glauben, daß der Senat ein Konzept hat, wie möglichst vielen ein preiswertes Wohnen in der Stadt ermöglicht werden kann“.

11.03.2013 - 04:36

Die Algorithmen sind mitunter eine rechte Unverschämtheit:

Da bekomme ich doch bei Amazons „Kunden, die xxx gekauft haben, haben sich auch für yyy interessiert“ glatt ausgerechnet Rudolf Steiners "Die Rätsel der Philosophie - in ihrer Geschichte als Umriss dargestellt (Rudolf Steiner Gesamtausgabe)" angeboten, ausgerechnet weil ich "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus auf mein E-Book geladen habe. Ein schöner Beweis, daß Algorithmen ganz nett sind, aber von vielen Dingen eben überhaupt keine Ahnung haben...

08.03.2013 - 11:44

Der sogenannte „Panda-Rapper“ Cro stellt eine eigene Kollektion bei der Modefirma H&M vor. „Wir freuen uns wie verrückt, in Kooperation mit H&M die Divided Kollektion Design by Cro präsentieren zu können“, wird das „unabhängige“ Chimperator-Label in der „Musikwoche“ zitiert. Die „limitierte Kollektion“ aus T-Shirts, Tanktops, Leggins und Stoffbeuteln unter anderem mit „Writings, die Cro selbst entworfen hat“, soll im April in rund 200 Filialen der skandinavischen Modekette zu finden sein.

Ob Cro für sein selbst entworfenes Writing bei H&M mehr verdient als die Textilarbeiter, die den Krempel für H&M zum Beispiel in Kambodscha oder Bangladesch unter in aller Regel menschenfeindlichen und ausbeuterischen Bedingungen herstellen müssen? Laut Recherche des „Zeit“-Autors Uchatius beträgt der Lohn der Textilarbeiter, die in Fabriken in Bangladesch die H&M-T-Shirts herstellen, EUR 1,18. Pro Tag. Inklusive aller Überstunden.

Aber irgendwer in der Welt muß halt dafür bezahlen, daß sich eine Plattenfirma in Deutschland mit ihrem Panda-Rapper wie verrückt darüber freuen kann, von H&M Kohle für sogenanntes Mode-Design zu erhalten.

Alles Panda, oder was?

* * *

Jetzt mal unabhängig davon, ob und wenn ja wie sehr einem das neue Album von David Bowie gefallen mag: Eines hat der Altmeister kapiert und den deutschen Copyright-Cops gezeigt, die nicht müde werden, das Gefasel von der angeblichen „Kostenloskultur“ des Internet wie eine tibetanische Gebetsmühle zu wiederholen – eine Woche, bevor sein neues Album erscheint, stellte David Bowie das Album kostenlos online, als Stream via iTunes. Einfach so. Und schrieb dazu: „Erzählt es weiter, Kinder!“ Ob die Musik state of the art ist, mögen andere beurteilen. Was aber die Geschäftsmodelle in digitalen Zeiten angeht, ist David Bowie, der übrigens keinen Manager hat, der schlafmützigen deutschen Musikindustrie um Lichtjahre voraus.

* * *

Wir haben an dieser Stelle seit Monaten über das Leistungsschutzrecht für Presseverlage (die „Lex Google“) informiert. Jetzt wurde das Gesetz vom Bundestag verabschiedet – obwohl es von fast allen Rechtsexperten, vom Deutschen Anwaltsverein und von Rechtswissenschaftlern als völlig unsinnig abgelehnt wurde. Aber wenn der Axel Springer-Verlag, gegen dessen Blödzeitung bekanntlich keine Wahl gewonnen werden kann, mit seinen Cheflobbyisten jahrelang Propaganda für ein Gesetz macht, haben die Experten halt nichts zu melden, da kuscht die Politik, da werden Gesetze verabschiedet, die „Starke stärken und Schwache schwächen“, wie die nicht gerade linksradikaler Umtriebe verdächtige bürgerliche „Zeit“ feststellte. Wir haben es nicht anders erwartet. Es ging in den vergangenen Jahren lediglich darum, wie sich das Geschäftsmodell einiger weniger Unternehmen sichern lässt, und wie sie vom Geschäftsmodell eines anderen Unternehmens profitieren oder sich öffentlich-rechtliche Konkurrenz vom Leib halten können," kommentiert Kai Biermann auf „Zeit Online“.

Allerdings möchte ich kurz auf drei Dinge hinweisen:

Erstens: Im Leistungsschutzgesetz (LSG) heißt es, „der Hersteller eines Presseerzeugnisses (Presseverleger) hat das ausschließliche Recht, das Presseerzeugnis oder Teile hiervon zu gewerblichen Zwecken öffentlich zugänglich zu machen, es sei denn, es handelt sich um einzelne Wörter oder kleinste Textausschnitte." Da muß man mit den Freischreibern fragen: „Was heißt das für uns Freie und unsere Texte? Konkurriert das Leistungsschutzrecht jetzt doch mit dem Urheberrecht? Und wie wird dieses Monopol der Verwerter gegenüber den eigentlichen Urhebern begründet?"

Zweitens, und am Rande: Sogar der Vorsitzende des Rechtsausschusses des Bundestags, Siegfried Kauder (CDU), als eiserner Verfechter des Three Strikes-Modells eine Zeit lang der Musikindustrie liebstes Kind, sprach sich eindeutig gegen das LSG aus. Wer oder was hat den Mann „umgedreht“? Oder hat er nur gegen Ende der Legislaturperiode als Abgeordneter, der von seiner Partei nicht mehr aufgestellt wurde, plötzlich seine Unabhängigkeit entdeckt? Wir wundern uns.

Drittens, und vor allem, hat Wolfgang Michal auf „Carta“ auf einen interessanten Aspekt der Abstimmung hingewiesen: Das LSG hätte im Bundestag nämlich gar keine Mehrheit erhalten, wenn, ja wenn sich alle Abgeordneten der Opposition an der Abstimmung beteiligt hätten. Wegen der Enthaltungen bzw. Neinstimmen von einigen Mitgliedern der Regierungsfraktionen (je 2 Nein und Enthaltungen bei CDU/CSU sowie 4 Nein bei der FDP) erhielt der Regierungsentwurf nur 293 Ja-Stimmen. 243 anwesende Bundestagsabgeordnete stimmten mit Nein. Hätten die 52 Abgeordneten von SPD, Grünen und Linken, die an der Abstimmung nicht teilgenommen haben, wie ihre Fraktionen mit Nein gestimmt, wäre das LSG mit 295 Nein- gegen 293 Ja-Stimmen gescheitert. Sie finden das Abstimmungsergebnis hier:

http://www.bundestag.de/bundestag/plenum/abstimmung/grafik/index.jsp?id=214

Noch interessanter wird das Ganze, wenn Sie hier auf „Namensliste“ klicken, denn dort finden Sie die Abgeordneten, die von der Opposition nicht an der Abstimmung über das LSG teilgenommen haben. Und das waren nicht etwa die Hinterbänkler, sondern gewissermaßen die

Spitzenleute der Oppositionsparteien: Gefehlt und damit letztlich die Lex Springer möglich gemacht haben von der SPD Sigmar Gabriel, Andrea Nahles, Wolfgang Thierse oder Heidemarie Wieczorek-Zeul. Bei den Grünen fehlte das Spitzen-Trio Jürgen Trittin, Claudia Roth und Katrin Göring-Eckardt. Bei den Linken fehlten unter anderem Sahra Wagenknecht, Ulrich Maurer, Stefan Liebich und Katja Kipping. Es fehlten sozusagen die Parteivorsitzenden, das Führungspersonal der Opposition. „Also jene Wahlkämpfer, die eine gute (Springer-)Presse brauchen“, kommentiert Wolfgang Michal. Allerdings, es ist auch Taktik dabei: Denn im Frühjahr wird das LSG irgendwo zwischen Bundesrat (wo die Bundestags-Opposition mittlerweile eine Mehrheit hat) und Vermittlungsausschuß im Sande verlaufen. „Und so brauchten die Wahlkämpfer der drei Oppositionsparteien nicht unnötig Flagge zu zeigen und mit Nein zu stimmen“ (Michal) und sich „unnötig“ mit der Springer-Presse und all den anderen Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen anzulegen.

Das ist die Schmierenkomödie, die in Berlin getrieben wird, und die manche als Politik oder als Demokratie bezeichnen.

* * *

Alexandre Kojève schreibt im September 1950 an Leo Strauss:

„Menschen handeln in Wirklichkeit nur, um darüber reden zu können oder zu hören, daß darüber geredet wird.“

Im Zeitalter von Facebook (das dabei ist, den Bach runterzugehen) und Tweets kann man den ersten Halbsatz getrost streichen – heutzutage handeln Menschen in der Regel nicht mehr. Es bleibt natürlich, daß sie über alles reden wollen und hören, daß darüber geredet wird.

* * *

Mit dem Fahrrad auf dem Weg ins Büro, Oranienstraße, Kottbusser Damm. „Die Straßen waren blau / So viele Bullen waren da“, um es mit Rio Reiser zu sagen. Straßen gesperrt, ein Hubschrauber kreiste über Kreuzberg, am nächsten Tag steht in der Zeitung: 815 Polizisten waren im Einsatz. Aber warum?

Weil die Besitzrechte eines Immobilienbesitzers staatlicherseits durchgesetzt werden mußten.

Seit seinem sechsten Lebensjahr wohnt der jetzt 41jährige Malermeister Ali Gülbol in dem Haus in der Lausitzer Straße, seit 1999 mit seiner Familie in einer eigenen Wohnung im gleichen Haus. Die Wohnung war bei der Übernahme durch Gülbol eine Bruchbude, er hat nach eigenen Angaben über 20.000 Euro und viel Arbeit in die Renovierung investiert, weswegen der Eigentümer ihm eine geringere Miete eingeräumt und auf Mieterhöhungen verzichtet hatte. Das änderte sich 2006, als ein Berliner Unternehmer die Immobilie in einer Zwangsversteigerung erwarb. Der neue Besitzer fühlte sich nicht an die alten Vereinbarungen gebunden und erhöhte Gülbols Miete. Gülbol ging vor Gericht und verlor nach Jahren den Rechtsstreit durch alle Instanzen. Er versäumte die Frist für die Nachzahlung der erhöhten Miete um ein paar Wochen, und der Unternehmer warf den Mieter aus der Wohnung und sorgte für eine Zwangsräumung, obwohl der durch die Mieterhöhung verursachte „Mietrückstand“ längst beglichen war.

Mag sein, daß die Zwangsräumung formaljuristisch korrekt war. Doch ob sie „rechtens“ im eigentlichen Sinn war, darf bezweifelt werden. Der Rechtswissenschaftler Karl-Nikolaus Peifer weist in anderem Zusammenhang darauf hin, daß „ein Recht, das sich vom Bewußtsein der Menschen löst, größte Probleme bekommt. Das Recht ist für die Menschen da und nicht die Menschen für das Recht. Das mag naiv klingen, aber es hat eine sehr grundlegende Bedeutung für das, was man Rechtsempfinden nennt, auf dessen Grundlage unsere Rechtsordnung basiert, auf die wir als Rechtswissenschaftler achten müssen“.

Es ist ja nicht so, daß Mieter Gülbol irgendwelche Mietzahlungen schuldig geblieben wäre. Alle Außenstände sind längst bezahlt. Wie soll das „gesunde Rechtsempfinden“ der Bürger befriedigt werden, wenn wegen bereits geleisteter Zahlungen aus Besitzrechten eines Immobilieninhabers, also ohne daß noch ein Euro geschuldet wäre, 815 Polizisten die Zwangsräumung einer Wohnung durchsetzen, in der eine Familie seit 14 Jahren lebt? Ich jedenfalls will ausdrücklich nicht, daß dafür meine Steuergelder ausgegeben werden! Und ich will ausdrücklich nicht, daß ein Senat, der es seit zig Jahren versäumt, bezahlbaren Wohnraum auch für Geringverdienende zur Verfügung zu stellen, mit maßlosen Polizeistaatsmitteln Bürger aus ihren Wohnungen vertreibt. Und der Fall Ali Gülbol ist ja kein Einzelfall – über 5.000 Zwangsräumungen finden allein in Berlin jedes Jahr statt. Mieter werden vom Gesetz im Stich gelassen, während längst eine „an Profitinteressen ausgerichtete Mieterhöhungsrallye“ („Berliner Zeitung“) stattfindet. Ein Senat, dem als Antwort auf die berechtigten Mieterinteressen nur eine von über 800 Polizisten durchgesetzte Zwangsräumung einfällt, ist unbrauchbar und sollte zurücktreten.

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„Die Regierung hält nicht mehr alle Fäden des Kapitalismus in der Hand, höchstens noch einen oder zwei, und wenn sie nicht achtgibt, so ist sie morgen selbst die Marionette und der Kapitalismus die Hand. Der Tag wird kommen, an dem Unternehmen, ausländische Firmenchefs, Pensionsfonds und Investoren uns sagen ‚Macht!’ und wir gehorchen.“

Bruno Le Maire, Mitglied der konservativen französischen Partei UMP und Ex-Minister unter Sarkozy, in seinen gerade erschienenen Memoiren „Jours de Pouvoir“ (zitiert nach dem Zentralorgan des deutschen Antikapitalismus, dem Feuilleton der „FAZ“)

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Dazu passend ein interner Bericht der deutschen Bundesregierung, der laut „Berliner Zeitung“ intensive Verbindungen der Regierung zur Finanzindustrie offenbart. Seit 2009 hat sich beispielsweise allein der Staatsminister im Kanzleramt 25 Mal allein mit dem Cheflobbyisten von Goldman Sachs getroffen. Insgesamt gab es in dreieinhalb Jahren 220 intensive Regierungskontakte mit der Finanzindustrie – Treffen auf Kongressen oder Empfängen nicht mitgezählt. Bankenrepublik eben.

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Kann mir bitte irgendjemand erklären, was nun daran besser sein und mehr Wettbewerb garantieren soll, wenn im aktuellen Plattenfirmen-Monopoly, bei dem die Ereigniskarten mitunter auch von den Kartellwächtern ausgespielt werden, der Sanctuary-Backkatalog statt zu Universal Music neuerdings zum BMG Rights Management gehört?

Und was so toll daran ist, wenn Coop, das Labelnetzwerk, das 2007 von V2 zu Universal Music wechselte, nun von Universal Music an PIAS verkauft wird?

Und was sich für die (Musik-)Welt ändert, wenn die bisher bei der EMI liegenden Rechte von „Now That’s What I Call Music!“ von Universal Music zu Sony Music wechseln?

In der Summe passiert immer das gleiche im Monopolisierungsgewese der Tonträgerindustrie: Mitbewerber werden vom Markt gekauft, der „Wettbewerb“ wird eingeschränkt, und das monopolisierte „Modern Talking“ der weltweiten Musikindustrie gefährdet die kulturelle Vielfalt.

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Der „Deutsche Kulturrat“ hat nichts kapiert.

Der Autokonzern Daimler AG hat laut „Berliner Zeitung“ Sponsoring-Mittel gestrichen und seine Unterstützung sowohl für die Stuttgarter Staatsgalerie als auch für die Ludwigsburger Schloßfestspiele mit sofortiger Wirkung eingestellt. Und was tut der Deutsche Kulturrat? Er bettelt den Autokonzern, doch bitte bitte seine Entscheidung zu „überdenken“ – und erhebt den drohenden Zeigefinger: Die Daimler AG habe im letzten Jahr 6,5 Milliarden Euro Gewinn gemacht, wenn er nun seine kulturelle Unterstützung einstelle, sei das „Verantwortungslosigkeit gegenüber der Allgemeinheit“.

Mag sein. Doch das Possenspiel, das der Deutsche Kulturrat aufführt, ist eine Art Verdummung der Allgemeinheit. Denn hier zeigt sich doch nur, wie bescheuert es ist, wenn sich Kultur und Politik darauf verlassen, daß Kultursponsoring in Zeiten leerer werdender öffentlicher Kassen eine Alternative darstellen würde bei der Finanzierung von Kultur. Nein, Konzerne im Kapitalismus tun, was Konzerne im Kapitalismus eben so tun. Sie denken an ihren Profit, und eben nicht an die Interessen der "Allgemeinheit". Und Kultur fördern sie nur dann und auch nur mit Almosen, wenn dies Steuervorteile verschafft. It’s the economy, stupid! Wer eine substantielle finanzielle Absicherung von Kultur haben möchte, der sollte die Großkonzerne stärker besteuern und diese Einnahmen vernünftig verteilen. Kultursponsoring nach Gutsherrenart ist jedenfalls keine Alternative.

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Ähnlich ist es beim Onlinehändler Amazon. Nach dem kleinen Denkanstoß durch einen Fernsehreport schreiben die Feuilletons der Republik nun mit einschlägigen Besinnungsaufsätzen ihre Seiten voll.

Nur – what’s the news?

Ist ein weltweiter Konzern ein Wohlfahrtsunternehmen? Eher nicht. Ein Konzern wie Amazon wird die bestehenden Gesetze für seine Profitzwecke so weit ausnutzen, wie es irgend geht. Leiharbeit? Natürlich nutzt Amazon die Möglichkeiten, die die Leiharbeit bietet. Wer das nicht möchte, sollte Leiharbeit verbieten. Ich bin der erste, der das befürwortet.

Skandalöse Mini-Stundenlöhne? Wer das nicht will, sollte einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn installieren, wie es zivilisiertere Länder als das unsere längst kennen. Hierzulande haben SPD und Grüne den Niedriglohnsektor erst ermöglicht und dann groß gemacht, unter großem Beifall fast aller Medien. Und jetzt wird von Politikern der SPD und Grünen und von ihnen nahestehenden Journalisten gejammert, daß Großkonzerne die gesetzlichen Möglichkeiten zu ihrem Vorteil und zum Nachteil der Beschäftigten ausnutzen. Wer hätte das gedacht! Und wenn sich Grünen-Abgeordnete jetzt im Bundestag aufplustern und kritisieren, daß „25% aller Beschäftigten unter prekären Bedingungen arbeiten“ (Beate Müller-Gemmeke), oder SPD-Abgeordnete von der „Spitze eines Eisbergs“ (Klaus Barthel) im Umgang mit Leiharbeitern sprechen, dann sollte man die roten Herren und die grünen Damen vielleicht kurz einmal daran erinnern, daß sie selbst es waren, die mit ihrem Hartz-IV-Regime diese Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen überhaupt erst möglich gemacht haben, die sie nun so wortreich kritisieren. „Was für ein Ticker ist ein Politiker“ eigentlich, möchte man mit Georg Kreisler fragen. Auf jeden Fall ein „Ver-Ticker“, nämlich jemand, der uns ein X für ein U vertickern will...

Amazon ist nur ein Beispiel für zeitgemäße Ausbeutungsmodelle. Kapitalisten betreiben Kapitalismus. Ausbeuter beuten aus. Profiteure machen Profite. Wer das nicht will, sollte sich um eine andere Gesellschaft bemühen. Oder zumindest Gesetze einfordern, die die derzeit möglichen extremen Perversionen von Ausbeutung revidieren.

Kleine Nachbemerkung: In einem „Spiegel“-Interview mit dem Geschäftsführer des Kölner Verlags Kiepenheuer & Witsch, Helge Malchow, über den Streit seiner Branche mit Amazon gibt es einen interessanten Satz, der bisher sowohl in der Amazon-„Debatte“ als auch im Geschrei um die Besitzrechte beim Suhrkamp-Verlag nirgendwo vorkam, nämlich: Unter welchen Bedingungen arbeiten eigentlich die Autoren? Der „Spiegel“ fragte: „Wer kommt eigentlich auf höhere Stundenlöhne: ein Leiharbeiter bei Amazon oder ein durchschnittlich erfolgreicher Autor, der mehrere Jahre an einem Roman schreibt?“ Die Antwort Malchows: „Lassen Sie es mich so sagen: Wenn es um den Stundenlohn ginge, würden viele Schriftsteller sicher eine andere Arbeit ausüben.“

* * *

Oder doch mal wieder die Märchen der Brüder Grimm lesen? Da ist mitunter mehr Antikapitalismus drin als in den Märchen unserer Politiker.

Von wegen „mein Auto, mein Haus, mein Boot“ – denken Sie an Hans im Glück:

Gold weg, Pferd weg, Kuh weg, Schwein weg, Gans weg, Wetzstein weg, Feldstein weg. Und doch stellt Hans im Glück abschließend fest, daß der Verlust von Besitz ungemein befreiend ist: 'So glücklich wie ich,' rief er aus, 'gibt es keinen Menschen unter der Sonne.' Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort...“

* * *

Sie schrecken vor nichts zurück: Der unaufhaltbare Trend, mediokre Pop- und Rock-Produktionen durch Hinzuziehung mediokrer Sinfonieorchester im Land der Bildungsbürger gewissermaßen zu adeln und zu veredeln, das Marketing-Tool also, aus einer mittelmäßigen Produktion etwas kulturell vermeintlich Hochwertiges und der Mittelschicht besser zu Verkaufendes zu destillieren, setzt sich ungehemmt fort: Waren es bisher eher Produktionen von Rammstein bis Xavier Naidoo, von Selig bis Silly, von Polarkreis 18 bis Silbermond, die sich Orchestersounds besorgten, so „riß“ das WDR-Rundfunkorchester Mitte Februar laut „Musikmarkt“ „Grenzen ein“: „WRO plays Dubstep“ hieß die Losung, unter der sich das WRO „Titeln der Dubstep-Formation One4ty widmete“. Es geht, wieder mal, darum, „Grenzen zwischen urbaner und klassischer Musik aufzulösen“.

Danach gibt es, nomen est omen, eine „Afterparty“ (sic), womit ziemlich genau der Ort benannt wird, in den sich die Erfinder des Ganzen ihren Dubstep-Orchester-Abend stecken sollten.

* * *

Ach ja, die Gema. Für die Nachkommen, die in sagen wir drei oder vier Jahrzehnten mal unsere Tage analysieren werden, dürfte diese komische Institution ein Lehrbeispiel für eine Organisation darstellen, die mehr falsch macht, als man falsch machen kann.

Ein paar Meldungen der letzten Wochen:

„Die Gema hindert alte Leute am Tanzen: Nach einer Verdreifachung der Abgabenforderung muß ein Hotel in Kaarst-Büttgen einen Seniorennachmittag stoppen.“ (Telepolis) – Zunächst sollte die legendäre BR Space Night wegen höherer Gema-Forderungen eingestellt werden. Mittlerweile wird die beliebte Nachtsendung des Bayerischen Fernsehens jedoch mit Gema-freier Musik unter Creative Commons-Lizenz weitergeführt. Das Nachsehen haben die Gema-Künstler, die künftig auf diese BR-Tantiemen verzichten müssen. – Das Video eines aus einem Fahrzeug mit einer Dash Cam gefilmten Meteoriteneinschlags in Rußland wurde hierzulande von der Gema aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt. Allerdings hat nicht etwa der Rechteinhaber irgendwelche Ansprüche geltend gemacht. „Vielmehr wurde dem Meteoriten zum Verhängnis, daß auf dem Video das Autoradio zu hören ist“, meldet „Telepolis“. Die Gema ist auch für das Abkassieren hierzulande genutzter Musik zuständig, die per YouTube aus russischen Autoradios ertönt, weswegen YouTube die „digitale Talibanisierung“ umsetzt – mit den Gema-Mächtigen konnte YouTube bislang bekanntlich keine Einigung erzielen. – Und DJs sollen ab dem 1.April 2013 (was allerdings keinen Aprilscherz darstellt) jedes für ihre Sets kopierte Stück einzeln bei der Gema anmelden und dafür 13 Cent abführen. Wahrscheinlich ein Racheakt an den Clubs und DJs, die dagegen Sturm laufen, daß die Gema die Clubs mit Abgabenerhöhungen von bis zu 2600 Prozent belegen will, während diese zusätzlichen Einnahmen bekanntlich „zu einem sehr großen Teil gar nicht an die Elektro-Musiker, sondern an Mainstream-Rechteinhaber ausgezahlt werden“ ("Telepolis").

Ach ja: Unser Künstler Chuck Prophet hat extra für seine April-Tournee ein Promo-Video hergestellt. Sie ahnen, was jetzt kommt, nicht? Das Video, das der Künstler selbst hergestellt hat, um u.a. seine Deutschland-Termine zu promoten, darf hierzulande nicht gezeigt werden. Danke, Gema, für Deinen unermüdlichen Einsatz für die Künstler und die Musikfans!

(und falls Sie clever sein sollten und Wege finden, derartige Videos dennoch zu sehen – hier ist der Link: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=bHO97S8VM8Y ).

28.02.2013 - 11:14

Van Cliburn. R.I.P.!

Unglaublich das Tschaikowsky-Konzert in Moskau 1962, mit dem großen Kirill Kondrashin als Dirigenten:

(Die Cliburn-Aufnahme dieses Klavierkonzerts verkaufte sich sage und schreibe mehr als eine Million mal und ist bis heute eines der meistverkauften Klassik-Alben aller Zeiten – those were the days of wine and roses…)

22.02.2013 - 15:23

Die US-amerikanischen Charts werden, wie die „International Herald Tribune“ meldet, revolutioniert. Die „Billboard Hot 100“, seit gut 55 Jahren die legendären amerikanischen Single-Charts, berücksichtigen ab sofort auch YouTube als einen wesentlichen Faktor der Entscheidung, welche Songs „Hits“ sind. Ein evolutionärer Schritt, der nachvollzieht, was längst Sache ist: Daß YouTube eine der wichtigsten Musik-Plattformen der Welt ist, und daß es längst wichtiger ist, wie viele Klicks ein Song bei YouTube erhält, als die Frage, wie viele Singles verkauft oder kostenpflichtig downgeloaded werden. Ein weiterer Schritt hin zur Nutzung, zum Hören von Musik, während die deutsche Musikindustrie und ihre Copyright-Cops immer noch nur von Besitz und Verkauf von Musik träumen.

Und prompt wurde ein bislang unbekannter Song der aktuelle Nr. 1-Hit in den USA: „Harlem Shake“ von Baauer, ein baßlastiger HipHop-Track, der im Mai 2012 zunächst als kostenloser Download zur Verfügung gestellt wurde und zunächst nur auf 16.000 Downloads kam. Doch dann kamen die Fans, und mittlerweile wurden mehr als 4.000 (meistens leider eher langweilige) Videos zu diesem Track auf YouTube eingestellt, und „Harlem Shake“ ging auch bei den bezahlten Downloads und bei Spotify durch die Decke. Wie so oft: YouTube macht Hits! Die von deutschen Funktionären, Lobbyisten und Politikern immer wieder gegeißelte „Kostenlos-Mentalität“ im Internet macht Hits! Das werden sie, das wird auch die Gema nie kapieren, für die Songs nur dann erfolgreich sind, wenn sie in der gated community der Bohlens und Dostals geschrieben werden.

„The notion that a song has to sell in order to be a hit feels a little two or three years ago to me“, schreibt Billboards Chefredakteur Bill Werde den deutschen Steinzeit-Akteuren ins Stammbuch. 

22.02.2013 - 15:21

Pferdefleisch-Skandal?

Eine andere Lasagne ist möglich!

22.02.2013 - 15:20

„Pur-Frontmann Hartmut Engler hat Singverbot.“

Wer sagts denn? Sogar seine Plattenfirma.

22.02.2013 - 15:19

Ich weiß ja wirklich nicht, was gegen Stefan Raab als Moderator der Wok-WM, oh, Verzeihung, der Elefantenrunde zur Bundestagswahl sprechen soll. Die Entpolitisierung im Fernsehen ist doch längst soweit fortgeschritten, daß eine Wettfahrt von Frau Merkel und Herrn Steinbrück auf dem Wok eine Eisbahn hinunter auch nicht weniger informativ wäre als ein Kanzlerduell im Fernsehen, wie es üblicherweise geplant ist.

19.02.2013 - 11:25

Die katholische Kirche ist in ernsthaften Problemen.
Der Papst ist zurückgetreten (was Gott wohl dazu sagen mag?).
Jetzt kann nur noch ein Österreicher helfen! No more Mr. Nice Jesus! Sehen Sie DJJESUS UNCROSSED, starring Christoph Waltz:

15.02.2013 - 14:21

Ein Philipp Rösler, laut Presseberichten angeblich Wirtschaftsminister eines der reichsten Industriestaaten der Erde, berichtet dem „Handelsblatt“ bei einem Redaktionsbesuch „von seinem Mißtrauen gegenüber den neuen Kommunikationstechnologien. Er benutze E-Mail höchst selten. Er wolle sich schließlich einen Rest von Privatheit behalten.“

So sind sie, unsere Politiker. Sie kokettieren mit ihrer Steinzeit-Verhaftung und finden sich dabei auch noch unsagbar toll. Erinnern Sie sich an Herrn Müntefering, der mit breitem Grinsen erzählt hat, daß er Internet nicht „mache“, „Papier und Schreibmaschine“ seien ihm wichtiger? Genau so sieht die Netzpolitik dieses Landes auch aus. Die deutschen Politiker gerieren sich als Kings of the Stone Age. Und sind sehr stolz drauf. Happy Aschermittwoch!

* * *

Toll: Jetzt gibt’s auch ein „iTUnes Box Set“.

Mir noch bisserl unklar, worin die digitale Box genau besteht, wir wollen uns aber nicht mit Kleinigkeiten aufhalten.

* * *

Schönes Sprachbild des Grünen-Politikers Johannes Lichdi in der „taz“:

„Wie die Lemminge beantragen die deutschen Innenminister ein Parteiverbot, obwohl die rechtlichen Voraussetzungen dafür nicht vorliegen.“

Die Lemminge sind halt seit jeher große Parteiverbotsbeantrager, das ist ja sprichwörtlich.

* * *

Noch eine gaga-Grüne: Die Bundestagsabgeordnete Agnes Krumwiede weiß, wie Deutschlands vorhandenes oder nicht vorhandenes „Gewaltproblem“ gelöst werden kann. Sie verriet es dem Bayerischen Rundfunk: Unter dem Motto „Opern statt Autobahnen“ soll einfach mehr Geld in Hochkultur gesteckt werden.

* * *

Wie steht es im Grundgesetz dieser Republik? „Eine Zensur findet nicht statt.“ (Artikel 5 GG)

Aber: mehr als die Hälfte aller YouTube-Klicks ist hierzulande gesperrt, der Gema sei Dank: Nur 385 der 1.000 weltweit angesagtesten YouTube-Filme können auch in Deutschland abgerufen werden, bei den anderen 615 bekommen Nutzer in den meisten Fällen die bekannte Nachricht angezeigt: „...in Deutschland nicht verfügbar, weil es möglicherweise Musik enthält, für die die erforderlichen Musikrechte von der Gema nicht eingeräumt wurden.“

Die Zensurquote bei den täglich von OpenDataCity weltweit ermittelten Zahlen der gesperrten Videos liegt in Deutschland also bei 61,5 Prozent. Zum Vergleich: In Afghanistan sind nur 4,4 Prozent der 1.000 populärsten Videos auf YouTube nicht zu sehen, in den USA 0,9 Prozent, in Österreich und der Schweiz 1,1 bzw. 1,2 Prozent, im Südsudan 15,2 Prozent, und selbst der Vatikan ist mit 5,1 Prozent Zensurquote vergleichsweise liberal.

Der Gema-Vorstandsvorsitzende Harald Heker (Jahresgehalt laut „Berliner Zeitung“: 484.000 Euro) hat jüngst im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt: „Wir sind nicht der Goliath.“ Nein, sicher nicht. Und die Erde ist eine Scheibe. Wobei das selbst der Vatikan nicht mehr glaubt.

(sehr schade übrigens, daß die Gema-Website gut eine Woche vom Netz war...)

* * *

„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas wirklich Falsches getan hätte, wurde er von einer Predator-Drohne getötet.“

Der Schriftsteller Teju Cole in der fünften seiner „Seven short stories about drones“

* * *

Eine leidige Fortsetzungsgeschichte: Das von der Regierung geplante Leistungsschutzrecht für Presseverlage. Nach dem renommierten Münchner Max-Planck-Institut für Immaterialgüter- und Wettbewerbsrecht hat jetzt auch der Deutsche Anwaltverein (DAV), ein Zusammenschluß von 67.000 RechtsanwältInnen, die Einführung des vom Axel Springer-Verlag gepushten neuen Leistungsschutzrechts als unsinnig bezeichnet: „Die Einführung eines Leistungsschutzrechts für ‚Presseverleger’ ist sowohl rechtlich bedenklich als auch nicht erforderlich, so daß von dem Gesetzesvorhaben insgesamt abgerückt werden sollte. Die für die Einführung eines Leistungsschutzrechts angeführten Argumente überzeugen nicht. (...) Es besteht also die Gefahr, daß das als Schutz gedachte neue Recht in der Praxis leerläuft, gleichzeitig aber die Leistungsfähigkeit sozial nützlicher Angebote wie z.B. Suchmaschinen nur auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland einschränkt.“

Eine neue Ohrfeige von Juristen für die Bundesregierung und die Presseverleger und ihre Lobbyisten. Und nun wundern Sie sich, daß Sie wie schon von der Stellungnahme des Max-Planck-Instituts auch von der Stellungnahme des DAV in Ihrer Qualitätszeitung kein Sterbenswörtchen gelesen haben? Tschah, so ist das mit der Pressefreiheit, die Verleger und Journalisten Ihrer Qualitätszeitung nehmen sich eben die Freiheit, Ihnen solche Stellungnahmen vorzuenthalten.

Eine ähnliche Freiheit nimmt sich der Deutsche Bundestag. Zur Anhörung im Rechtsausschuß des Bundestages zum Leistungsschutzrecht für Presseverlage war kein einziger Vertreter einer Suchmaschine eingeladen worden, obwohl das Gesetz doch als „Lex Google“ durch die Medien geistert. Stattdessen wurde u.a. der Axel-Springer-Lobbyist Christoph Keese geladen. Doch die Mehrheit der Sachverständigen hat das geplante neue Leistungsschutzrecht förmlich zerrissen, es ist glatt durchgefallen. Eine Live-Übertragung der Sitzung im Fernsehen wurde übrigens vom Vorsitzenden des Rechtsausschusses, Siegfried Kauder (CDU), abgelehnt – neben Google mußte auch die interessierte Öffentlichkeit draußen bleiben. Siegfried Kauder, eiserner Verfechter eines harten Urheberrechts und daher Darling der deutschen Musikindustrie, nebenher (Siegfried Kauder ist einer der neun Bundestagsabgeordneten, die gegen die Veröffentlichung ihrer Nebeneinkünfte durch das Transparenzgesetz geklagt haben) auch Präsident der „Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände“, fiel zuletzt durch ausgefuchste Urheberrechtsverletzungen auf seiner Homepage auf und wurde von seinem CDU-Kreisverband nicht mehr als Kandidat für die nächste Bundestagswahl aufgestellt.

08.02.2013 - 15:08

Um ihre eigenen Markenrechte kümmert sich die ARD sehr. Die Rechte der Künstler sind der ARD dagegen eher weniger wichtig.

Aus einer aktuellen Korrespondenz, die ich mit einem Vertreter einer sehr renommierten Musikreihe der ARD dieser Tage geführt habe. Die Sendung interessiert sich für den Mitschnitt eines Konzertes einer Band dieser Agentur im Mai 2013: „Als Produktionsmodell könnte je nach Gegebenheit/Machbarkeit eine Ü-Wagen Produktion mit 6-8 Kameras, eine Produktion mit mobiler Regieeinheit mit 6-7 Kameras oder eine EB-Produktion mit 5-6 Kameraleuten dienen. Beim Ton ist Ton-Ü-Wagen oder mobile Mehrspurige denkbar. Vertragliches Einverständnis aller und Machbarkeit vorausgesetzt würde ... das Konzert auch gerne als Live Stream auf www.....de senden.“

Ich signalisiere eventuelles Interesse, falls Band und Management das auch möchten, antworte außerdem: „Mich wundert, daß Sie die Honorarfrage in Ihrer Mail nicht ansprechen.“

Die Antwort des Vertreters der ARD kommt prompt:

„Honorare für Künstler sind nicht vorgesehen. Die Aufzeichnung und Ausstrahlung dient der Promotion. Meines Wissens erzielen die Künstler in der Regel zumindest über die Gema durch die TV-Ausstrahlung einen geldwerten Vorteil.“ (Hervorhebung BS)

Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen: „Honorare für Künstler sind nicht vorgesehen.“ Die ARD schafft also prä-feudale Zustände. Selbst am Königshof des Absolutismus erhielten Künstler wenn nicht Honorare, dann doch mal eine goldene Taschenuhr. Diese Zeiten sind vorbei, „Honorare für Künstler sind nicht vorgesehen“.

Stattdessen wird auf die Gema verwiesen – man fragt sich, warum Konzertveranstalter noch Gagen bezahlen, wo die Künstler für ihre Leistungen doch schon Gema-Einnahmen erzielen.  Oder andersherum gefragt – ob ARD-Redakteure und freie Mitarbeiter auf ihre Honorare verzichten, weil sie ja auch Schecks von VG Wort und anderen Verwertungsgesellschaften erhalten?

Besonders pikant ist natürlich der Passus: „Die Aufzeichnung und Ausstrahlung dient der Promotion.“

Merkwürdig, ich kann im Rundfunkstaatsvertrag, auf dessen Grundlage das öffentlich-rechtliche Fernsehen hierzulande arbeitet, zwar einen Bildungs- und einen Kulturauftrag finden, aber nicht den öffentlich-rechtlichen Auftrag „Promotion“.

Wenn ein Privatsender so argumentieren würde, könnte man sagen, o.k., geschenkt, das ist eben Kapitalismus. Daß aber das öffentlich-rechtliche Fernsehen, für das wir alle neuerdings eine beträchtliche monatliche "Haushaltsabgabe" zahlen, fordert, daß Künstler gefälligst ohne Honorar spielen sollen, womit letztlich Ausbeutung zementiert wird, das ist schon ein echtes Bubenstück. Wäre das ein Einzelfall, könnte man sich lustig drüber machen. Doch heutzutage werden viele der öffentlich-rechtlichen Konzertmitschnitte so konstruiert. Ob im Rundfunk oder im Fernsehen, für Mitschnitte zahlt kaum ein Sender noch Honorare, die kostenlose Zurverfügungstellung des eigenen Werkes und der eigenen Leistung wird längst vom Künstler erwartet. Wer sich dem verweigert, wird mit komischen Argumenten zugeschüttet. „Ist doch alles Werbung hier“.

Da hilft nur noch: Verweigerung! Auf allen Ebenen.

08.02.2013 - 15:06

Aber die ARD hat ja auch grad andere Sorgen. Das Staatsfernsehen muß sein „Markenrecht“ mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen. Denn unter dem Titel „Ermittlungen in Sachen TATORT“ hat ein Berliner Verlag bislang zwei kleine Bücher herausgebracht, die einzelne Aspekte der Krimireihe näher beleuchten, etwa deren konservatives Weltbild, sobald es um die Sittengeschichte und um sexuelle „Abweichungen“ geht, oder, wie Matthias Dell im aktuellen Band „Herrlich inkorrekt“, wie sich die Münsteraner Tatorte zwanghaft an der „political correctness“ abarbeiten.

Wie Stefan Niggemeier auf seinem Blog berichtet, verstößt der Verlag nach Ansicht der ARD mit dem Wort „Tatort“ im Reihentitel gegen das Markenrecht der ARD. Über eine Anwaltskanzlei hat die ARD den Verlag aufgefordert, den Titel in Zukunft nicht mehr zu verwenden. Der ARD stünden „Unterlassungs- und Schadensersatzansprüche“ zu.

Glauben Sie nicht? Ist aber wahr.

Sie werden verstehen, daß ich jetzt ein bißchen Angst habe, den Titel mit den sechs Buchstaben an dieser Stelle in Blog oder Newsletter weiter zu verwenden, denn schwupps wird man von den ARD-Rechtsanwälten abgemahnt, das geht ganz schnell. Lassen Sie uns also alle künftig nicht mehr von ... sprechen, wenn wir den Sonntagabend-Krimi der ARD meinen, sondern eben von „jener bekannten Sonntagabend-Krimireihe der ARD, deren markenrechtlich geschützten Titel zu nennen uns an dieser Stelle zu riskant erscheint“, wie es auch der Verlag Bertz + Fischer vorschlägt.

Da hilft nur noch: abschalten!

08.02.2013 - 15:05

Man muß sich das mal vorstellen: Das deutsche Staatsfernsehen überträgt jede Königshochzeit in England, jeden Königinnengeburtstag stunden-, ach was: tagelang live, gerne auf allen Kanälen parallel – Königsfernsehen recht eigentlich.

Aber die Gedenkstunde im Deutschen Bundestag am Jahrestages der Beferiung von Auschwitz  wird vom Staatsfernsehen souverän ignoriert. Die bewegende Rede der Schriftstellerin Inge Deutschkron – kein Thema für ARD und ZDF. Wahrscheinlich ist das die neueste Interpretation des „Bildungsauftrags“ der Öffentlich-Rechtlichen, wie er im Rundfunkstaatsvertrag steht.

01.02.2013 - 18:48

Aus der Willy Brandt-Gedächtnis-Reihe „es wächst zusammen, was zusammen gehört“ Folge 2: Heino (ja, der...) singt Rammstein (ja, die). Und Oomph! Und Fanta 4! Und Sportfreunde Stiller!

Laut „Berliner Zeitung“ hat die Blödzeitung behauptet, „kein großes Plattenlabel hätte sich an eine Veröffentlichung rangetraut“. Das Album ist allerdings bei Sony erschienen, nicht gerade die Indieklitsche von um die Ecke, sondern eher eines der drei größten Labels weltweit. Ebenfalls in der Blödzeitung barmt Heino: „Ich lasse mir von niemandem das Singen verbieten“, und wenn mich mein Spotify nicht täuscht, steht quer über dem Albumcover „Das verbotene Album“ – verboten? Es steht in allen Geschäften, ist bei Spotify und iTunes erhältlich und laut „Musikwoche“ auf Platz 1 der Trendcharts. Nicht grade das, was einer „Bückware“ passieren würde, oder? Eine neue Variante also des „wird man doch noch sagen dürfen“-Deutschen. Unser Mitleid hält sich in Grenzen. In denen von 1949.

Was aber das eigentliche Phänomen ist: daß diese Musik all der Bands, die hierzulande in vielen Schubladen von Punk bis Pop abgelegt wird, die aber letztlich einfach nur volkstümliche Schlagermusik ist und sich vom volkstümlichen Schlagerpop der sagen wir Zillertaler Schürzenjäger ungefähr so sehr unterscheidet wie ein eineiiger Zwilling vom anderen – daß sich also all diese Musik der Rammsteins und Sportfreunde Stillers und Ärzte und Oomphs und wie sie alle heißen dieses Landes ohne Verluste auch von einem Mann wie Heino singen lassen, das ist doch irgendwie bemerkenswert, nicht? Und spricht im Grunde eher gegen die Qualität dieser Musik, würde ich sagen. Der „taz“-Kritiker raunt gar von „einem wirklich schönen Stück Volksmusik“, daß da herausgekommen sei. So ist das wohl.

Und es ist eben umgekehrt ein unbedingtes Qualitätsmerkmal nichtdeutscher „Volksmusik“, daß ein Heino die Musik sagen wir eines Kendrick Lamar oder eines A$AP Rocky oder eines David Thomas niemals wird nachsingen können, nicht wahr?

01.02.2013 - 18:45

Es wächst zusammen, was zusammen gehört, Folge 3, mit internationaler Dimension:

In der „FAS“ lesen wir, daß Peter Thiel, der Investor, „der Facebook und Paypal groß gemacht hat“ (Paypal hat er mitgegründet, und er war der Erste, der dem Harvard-Aussteiger Mark Zuckerberg Geld für dessen Startup „The Facebook“ gegeben hat...), auch Ron Paul finanziert, den „Paten“ der reaktionären amerikanischen „Tea Party“-Bewegung.

01.02.2013 - 18:44

Kleine Lektion in Kulturtechniken des 21. Jahrhunderts (zitiert nach Sascha Lobos lesenswerter SPON-Kolumne „Das Internet ist Filesharing“ vom 22.Januar 2013):

"Wie man Piraterie stoppt:
1 großartige Inhalte schaffen
2 den Kauf so einfach wie möglich machen
3 weltweite Veröffentlichung am gleichen Tag
4 fairer Preis
5 auf jedem Gerät abspielbar"

Man mag von Kim Dotkom, von dem dieser Tweet nämlich stammt, halten, was man mag, aber wo er Recht hat, hat er Recht.

01.02.2013 - 18:43

Liebe Fußballfreunde!

Es tut mir leid, daß ich an dieser Stelle eine exklusive schlechte Nachricht für Sie habe, die Sie bisher noch nirgendwo lesen konnten. Die Nachricht ist: Die Fußball-Europameisterschaft 2020 verzögert sich und wird auf wahrscheinlich 2023 verlegt!

Sie haben das vielleicht mitbekommen – die UEFA hat gerade beschlossen, daß die Fußball-Europameisterschaft 2020 in 13 Ländern und 13 Städten stattfinden soll, in „sämtlichen Regionen des Kontinents“. Soweit so gut.

Doch nun kommt die schlechte Nachricht: Am 25.1.2013 hat Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) angekündigt, daß sich Berlin als deutscher Austragungsort der EM 2020 bewerben wird. „Berlin steht bereit, als deutsche Bewerberstadt ins Rennen zu gehen (...) wir haben gezeigt, wie erfolgreich und stimmungsvoll große Sportveranstaltungen im Olympiastadion organisiert werden können“, so die Drohung Wowereits.

Nun könnte man die Welt beruhigen und sagen: Das Berliner Olympiastadion steht bereits und muß nicht mehr gebaut werden. Dennoch glaube ich, daß sich Wowereit und Berlin übernehmen, wenn sie denken, sie könnten schon heute garantieren, daß im Jahr 2020 EM-Spiele in Berlin stattfinden können. Der Planungszeitraum ist für Berliner Verhältnisse einfach viel zu kurz, von der Bauphase ganz zu schweigen. Nur sieben Jahre! Allein bis in Berlin der Brandschutz geklärt ist, würden die ersten fünf Jahre vergehen, und schon schreiben wir das Jahr 2018, und es blieben nur noch zwei Jahre. In solch extrem knappen Zeiträumen kann Berlin nicht denken und handeln, wie wir am Flughafenprojekt sehen können. Und wenn Wowereit eine Fertigstellung für ein bestimmtes Jahr ankündigt, weiß der erfahrene Bürger, daß er locker mal zwei, drei Jahre draufschlagen muß. EM-Spiele 2020 in Berlin? Vergeßt es. Das ist zu knapp. Wenn Wowereit EM-Spiele für 2020 ankündigt, werden die frühestens 2023 stattfinden...

01.02.2013 - 18:40

Die alte Tante „Zeit“ kriegt sich in ihrem Feuilleton förmlich nicht mehr ein und schreibt in einer Rezension der Briefe Samuel Becketts 1929-1940 unter anderem:

„So klug und so persönlich (...) 800 unglaublich reiche Seiten funkelnder Briefprosa (...) Seite für Seite Witz und stilistischer Glanz.“

In der am gleichen Tag in „Konkret“ erschienen Rezension lesen wir einige Beispiele der laut „Zeit“ „so klugen“ und „funkelnden Briefprosa“ voll „stilistischem Glanz“:

„Mein lieber Tom, Bronowski ... sagt, er nimmt drei Kackwürste aus meiner Zentrallatrine. Aber leider nicht die doppelt gekringelten und zugespitzten... Ich weiß nicht ... ob das Proustsche Arschloch als entrée oder als sortie zu betrachten ist – libre in jedem Fall.“

Ach, wie der kluge stilistische Glanz hier doch funkelt!

Über Furtwängler schreibt Beckett, er schüttele „seine zarten Hinterbacken, als müßte er ganz dringend zur Toilette“ usw. usf.

In der Suhrkamp-Edition der Briefe findet sich in der Einleitung der Satz, der den Ton der Rezensionen im embedded Feuilleton vorgibt: „Samuel Beckett zählt zu den großen literarischen Briefschreibern des 20.Jahrhunderts.“ Eine Behauptung, die sich in der „Zeit“ im vorauseilenden Gehorsam quasi selbst erfüllt. Stefan Ripplinger zieht in „Konkret“ jedenfalls das gegenteilige Fazit: „Wer Becketts Prosa liebt, sollte seine Briefe meiden.“

Und wahrscheinlich die Briefe wirklich großer Briefschreiber des 20.Jahrhunderts lesen, sagen wir: von Tucholsky bis Hacks.

01.02.2013 - 18:39

Geschichtsunterricht in der „taz“, anläßlich eines Porträts des großen Daniel Kahn:

„Auf einer früheren Platte hat Daniel Kahn bereits ‚Lili Marleen’ gecovert, auch eines dieser von den Nazis eingebräunten Lieder, das sich gegen den Missbrauch aber nicht wehren konnte.“

Jetzt mal abgesehen von der verschwurbelten Logik, daß sich ein Lied nicht gegen den Mißbrauch wehren kann, nachdem es eingebräunt wurde, und ich will hier auch nicht auf die Geschichte des Liedes und seiner Rezeption eingehen – aber daß die alternative Tageszeitung sich ein Propagandalied nicht als originäres Nazi-Lied vorstellen kann, sondern nur als ein von den Nazis „mißbrauchtes“, ist schon drollig. „Mißbrauch“ ist halt ein Lieblingswort der Gutdeutschen.

Der Komponist des Liedes „Lili Marleen“, Norbert Schultze, war jedenfalls NSDAP-Mitglied (im taz-Jargon vielleicht: „eingebräunt“?) und hat Lieder im Auftrag von Joseph Goebbels geschrieben, etwa das martialische Soldaten-Lied „Bomben auf Engeland“, das er auf Wunsch von Goebbels sogar eigens mit daruntergemischten Bombeneinschlägen aufgemotzt hat, oder das Lied „Von Finnland bis zum schwarzen Meer“ (mit der Textzeile „Führer befiehl, wir folgen dir“ als Refrain), das Norbert Schultze im Auftrag des NS-Propagandaministers vertonte.

Norbert Schultze war übrigens bis 1996 GEMA-Aufsichtsrat.

Wäre alles nicht allzu schwer zu recherchieren gewesen.

25.01.2013 - 01:27

Na gut. Ich ergebe mich.

Nachdem bereits im Dezember, mehr als einen Monat vor Erscheinen des Albums, der „Rolling Stone“ gewissermaßen, wie Sportreporterinnen im Staatsfernsehen das formulieren würden, seinen inneren Reichsparteitag erlebt hat („eine der letzten großen Bands des Landes“) und die Band auf die Titelseite hob, und im gleichen Monat, also über einen Monat vor Erscheinen des neuen Albums, auch die vom ehemaligen „Rolling Stone“-Redakteur geführte „Spex“ nicht anders konnte und die Band auf der Titelseite präsentierte, und nachdem das Staatsfernsehen Wochen vor dem Erscheinen des Albums von dessen Besonderheit raunte, und nachdem sozusagen kein Feuilleton der Qualitätspresse der Republik ohne einen großen Vorabbericht über die Band und ihr neues Album, ohne umfangreiches Interview („Berliner Zeitung“) oder ganze Seite Bericht („Die Zeit“) oder ganze Seite Jubelarie („Gitarren, Drums und Bass sitzen nun immer am richtigen Platz“, beruhigt uns der „taz“-Experte, das ist ja noch mal gut gegangen...) oder profunde Vorab-Einschätzungen von „schön verwaschen, unscharf und undeutlich“ („Rolling Stone“) bis „eine ungleich artifiziellere Ästhetik, die von Verwaschungen, Unschärfen, Hall- und Echoeffekten getragen ist“ („Spex“) ausgekommen ist, nachdem nun also in einer wochenlangen, vom weltgrößten Plattenkonzern angezettelten und finanzierten Marketingkampagne, bei der die deutschen Musikmagazine und die deutschen Qualitätszeitungen ihrer Pflicht zur Vorab-Konsumberatung und Lobhudele des Produktes der Bewußtseinsindustrie zu mehr als Genüge nachgekommen sind, nachdem also das neue Album „einer der letzten großen deutschen Bands“ nun, am 25.Januar des Jahres, endlich erschienen ist, habe ich mich ergeben und bin meiner Pflicht als treuer und braver Konsument der Produkte der Kulturindustrie nachgekommen und habe also nun das erste Tocotronic-Album meines Lebens erworben.

Ob man das anhören muß, ob ich es anhören werde – ganz ehrlich, ich weiß es noch nicht. Aber ich glaube, darauf kommt es letztlich auch gar nicht an. Erstmal geht es einfach darum, Beweismaterial zu sichern.

25.01.2013 - 01:23

„Ich votiere für das Gegenmodell: Autoren schreiben gut bezahlte, lange Texte, die nicht zum Erscheinen der Platte, des Buches, zur Einführung des Games oder zum Kinostart des Films erscheinen, sondern irgendwann, zu Beginn, in der Mitte oder am Ende eines Rezeptionszyklus intervenieren. Die Verbindung zum Leben, zur Rezensentensubjektivität als Testarena der Rezeption stellt nicht mehr Schnelligkeit her, sondern eine qualifizierte Langsamkeit die antikapitalistische Tiefe eines ungehetzten Lebens im Dienste ästhetischer Reflexion.“

Diedrich Diederichsen in der „FAS“, 2010

25.01.2013 - 01:22

Bertolt Brecht schreibt jedenfalls in seinem Aufsatz „Lyrik und Logik“:

„Es wird sich herausstellen, daß wir nicht ohne den Begriff Schönheit auskommen.“

Daran denke ich, wenn ich das neue, atemberaubende Album von Catherine Irwin höre. Ja, die Catherine Irwin von Freakwater, der Band, die, so etwas darf man im 25. Jahr des Bestehens dieser Klitsche ruhig mal sagen, mit zu den besten gehört, die wir je veranstaltet haben. Und das Album von Catherine Irwin wird man ohne Verwendung des Begriffs Schönheit tatsächlich nicht beschreiben können. Brecht fährt in seinem Text fort: „Es ist keine Schande, diesen Begriff zu benötigen, aber es macht doch verlegen.“ So ist das.

Und auf zwei Songs singt übrigens ein gewisser Bonnie „Prince“ Billy.

Die hiesige Musikpresse, die hiesigen Feuilletons haben „Little Heater“ ungefähr so sehr ignoriert, wie sie das Album einer der letzten großen deutschen Bands wochenlang rauf und runter gefeiert haben. Aber diese Diskrepanz merkt man dem Land eben leider auch an.

22.01.2013 - 18:14

Und so fügt sich im dreiundzwanzigsten Jahr nach der „Vereinigung“ der beiden Deutschländer zusammen, was zusammen gehört, und Heinz Rudolf Kunze und Tobias Künzel gehen gemeinsam auf Tournee. Der Deutschquotenfan, Kirchentags-Hymnen-Schreiber und Mitglied der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages Kunze, und der Leipziger Prinz, Volksarmee-Combo-Schlagzeuger und GEMA-Aufsichtsrat Künzel.

Motto der Tour: „Uns fragt ja keiner.“ Genau.

* * *

Eine Meldung in der „Berliner Zeitung“:

„Bushido soll sich zu Zwei-Staaten-Lösung äußern.

Der Berliner Rapper Bushido präsentiert sein Twitter-Profil mit einer Israel-Karte in den Nationalfarben der Palästinenser Rot-Weiß-Schwarz und dem Schriftzug „Free Palestine“. (...) Auch der CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz meldete sich zu Wort und erklärte, es sei ein Skandal, daß ‚ein deutscher Musiker in dieser Weise das Existenzrecht Israels in Frage stellt.’“

Hm.
Wie wäre es nun aber, wenn man diese Meldung so formulierte:

„Auf dem Twitter-.Profil des Praktikanten des CDU-Bundestagsabgeordneten Christian Freiherr von Stetten, Bushido, ist eine Israel-Karte in den Nationalfarben der Palästinenser zu sehen...“ etc. pp., denn wir erinnern uns: Der „deutsche Musiker“ Bushido, den der CDU-Außenpolitiker jetzt so hart ins Gericht nimmt, weil er das Existenzrecht Israels in Frage stellt, war noch im Juni 2012 Praktikant im Abgeordnetenbüro des CDU-Parlamentariers, womit man ausführlich Werbung für CDU und Bushido machte.

Und die „Bunte“ sandte Ende 2011 dieses Gutachten: „Längst ist Bushido in der deutschen Gesellschaft komplett integriert“.

Kann man wohl so sagen.

* * *

Roger Willemsen im „Zeitmagazin“:
„Es begab sich aber zu der Zeit, als ich Nachtwächter war..“
War?

* * *

In der „Berliner Zeitung“ bekennt die faszinierend Domina-hafte Schlagersängerin Andrea Berg: „Als Arzthelferin habe ich einzelne Menschen gepflegt. Als Sängerin versuche ich, mit meiner Musik Wunden bei möglichst vielen Leuten zu heilen.“

Daß ihr dies nicht immer perfekt gelingt, sie mitunter eher Wunden aufreißt denn heilt, konnte man am Samstagabend in einer fast dreistündigen Personality-Show im ersten Staatsfernsehen betrachten. Unter dem Titel „Andrea Berg – Die 20 Jahre Show“ vereinte sich die Creme de la Creme der Unterhaltungskunst: Pur, DJ Ötzi, DJ Bobo, Florian Silbereisen und wie sie alle heißen... Da wußte man wieder, wofür man seine Rundfunkgebühr zahlt.

30.12.2012 - 14:04

Wir schreiben den 29.Dezember 2012. Das Jahr neigt sich dem Ende zu, wie man so schön sagt. Die Rauhnächte, zwischen den Jahren. Es wäre eigentlich ein guter Zeitpunkt für das Staatsfernsehen, Jahresrückblicke zu senden – doch die hat man schon seit Mitte November ausgestrahlt, ganz so, als ob das Jahr neuerdings schon einen Monat früher enden würde, oder als ob die letzten drei, vier oder sechs Wochen im Jahr sowieso nichts Nennenswertes mehr passieren würde und das Staatsfernsehen das im Voraus wußte.

Es wäre vielleicht auch ein guter Zeitpunkt für die einschlägigen Leserbefragungen nach den Lieblingsalben, den Lieblingssongs, Lieblingsfilmen oder Lieblingsbüchern von 2012 – doch diese Befragungen haben die einschlägigen Publikumszeitschriften natürlich längst schon im Oktober und November absolviert und Mitte Dezember veröffentlicht, zeitgleich mit den Jahrescharts der KritikerInnen. Nun gut, Letztere erhalten die CDs ja auch immer schon Monate vorher, weswegen man zum Beispiel allüberall lauter große Geschichten über das neue Album von Tocotronic lesen darf, obwohl das erst am 18.Januar 2013 erscheinen wird. Und ich dachte immer, 99% des Musikjournalismus sei als von der Tonträgerindustrie inszenierte Konsumberatung gedacht – was aber, wenn der Konsument sich ergibt, das jeweilige Album kaufen möchte, dann aber feststellen muß, daß selbiges erst in einem Monat erscheinen wird? Das scheint mir nicht klug genug überlegt, um ehrlich zu sein. Andrerseits liest ja auch praktisch keiner mehr die Musikzeitschriften, also ist es vielleicht sowieso egal.

Die Monatsmagazine erscheinen ja generell schon lange nicht mehr in dem Monat, der vorne auf der Titelseite aufgedruckt ist. Chip Januar? Kommt Ende November oder so. Musikexpress 1/2013? Wurde am 13.Dezember 2012 ausgeliefert. Die britischen Musikmagazine wie Mojo oder Uncut erscheinen circa zwei Monate vorher, allmählich muß man loslaufen, um das Februar-Heft 2013 noch zu ergattern. Was das alles soll? Ich weiß es nicht, ich habe es noch nie verstanden. Aber ich würde den Tageszeitungen, die doch so vehement unter Leserschwund leiden, dringend empfehlen, das Geschäftsmodell der Zeitschriften und des Staatsfernsehens nachzuahmen. Die Tageszeitung von heute? Nichts könnte langweiliger sein! Veröffentlichen Sie doch bitte alle Ausgaben mindestens fünf, besser zehn Tage im Voraus! Die Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 31.12.2012 sollte rechtzeitig vor Weihnachten ausgeliefert worden sein! Die Ausgabe der FAZ vom 5.1.2013 erwarte ich am Montag, dem 31.12.2012, in meinem Briefkasten! Und Mitte Januar wird es höchste Zeit für die Osterausgaben. Die taz kann dann ja erscheinen, wann sie will. Vielleicht ist so der deutsche Qualitätsjournalismus noch zu retten...

Und ansonsten warte ich natürlich schon ganz zappelig auf die ersten Jahresbestenlisten 2013, die spätestens in den März-Ausgaben einschlägiger Magazine erscheinen dürften.

30.12.2012 - 14:02

Ein Student entblödet sich nicht, bei Amazon zum Buch „absolute McLuhan“ folgenden Kommentar zu schalten:

„Ich habe mir dieses Buch gekauft, da ich an der Uni ein Referat über McLuahn und seine Thesen halten musste. Da seine Ansichten aber sehr schwer zu verstehen sind, hatte ich gehofft ein Buch zu finden, was das ganze verständlicher rüber bringt. Leider war das, meiner Ansicht nach, bei diesem Buch ein Fehlkauf. Sicher geht es auf McLuahn in besonderer Art und Weise ein ... aber eben nicht auf eine schnell verständliche Weise. Nach kurzem Lesen hatte ich schon mehr Fragen als Antworten ... (...)

Fazit: Wer als Student auf der Suche nach leichter, schneller McLuahn Kost ist, ist meiner Meinung nach bei diesem Buch falsch!“

Toll, oder? Der Herr Student ist ganz offensichtlich zu doof nicht nur für Grammatik, Zeichensetzung oder die korrekte Schreibweise des Autorennamens, sondern auch für „schwer verständliche Ansichten“ – was er möchte, ist leicht verträgliche Kost, den ganzen Marshall McLuhan am besten in einem kurzen Facebook-Posting; was er haßt, sind Gedanken, die verursachen Beschwerden; bloß keine Lektüre, die mehr Fragen stellt als leichte Antworten liefert...

Gut, geschenkt, blöde Studenten gabs schon immer, das ist keine Zeiterscheinung. Nur hätten diese früher ihre Stumpfheit nicht eitel und selbstzufrieden im Internet zur Schau gestellt.

Kann man eigentlich als Steuerzahler die Zwangsexmatrikulation von Studenten wegen erwiesener Idiotie und Blödheit verlangen?

30.12.2012 - 13:59

„Actually, everybody who send one of those Facebook invites is a spammer. Actually, Facebook itself is built on spam. Giving you more information than you need to know to live your life.

If you spend even an hour a day on Facebook, your career ain't going so well.“

Bob Lefsetz

30.12.2012 - 13:58

Der selbsternannte Bankenkritiker Steinbrück, auch SPD-Kanzlerkandidat, entpuppt sich immer mehr als Radieschen, außen rot, innen... nun ja. Das von Steinbrück geführte Bundesfinanzministerium hat jedenfalls, wie gerade bekannt wurde, über 1,8 Millionen Euro Berater-Honorar an die Anwaltskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer gezahlt. Die Kanzlei hat, wie es verschämt in der „SZ“ heißt, seinerzeit „an dem Gesetz zur Bankenrettung mitgewirkt“.

Lieschen Müller würde nun das Finanzministerium respektive den großen Bankenkritiker Steinbrück vielleicht fragen wollen, ob die hauseigenen Juristen nicht in der Lage waren, selbst die Gesetze zur Bankenrettung zu formulieren. Aber das ist wahrscheinlich die falsche Frage, ts ts, natürlich kam es Steinbrück und seinem Ministerium ganz genau darauf an: daß die Bankenlobbyisten auch die Gesetze zur Bankenrettung selbst formulieren durften. Die können das sicher auch viel besser und wissen genauer, was da drinstehen muß, damit es den Banken auch wirklich hilft.

Ach ja: als der heldenhafte Bankenkritiker Steinbrück dann 2011 nicht mehr Finanzminister, sondern nur noch einfacher SPD-Bundestagsabgeordneter war, hielt er bei der nämlichen Anwaltskanzlei einen Vortrag und bekam dafür 15.000 Euro Honorar. So läuft das.

Wenn sich bei der EsPeDe irgendjemand über die aktuellen Umfragewerte wundern sollte, darf er oder sie mich gerne anrufen, für ein Honorar in ähnlicher Größenordnung würde ich sogar den Sozialdemokraten mal zwei Stunden lang die Welt erklären.

30.12.2012 - 13:57

Die katholische Kirche und das Internet:

Kaum wurde das reaktionäre „Kreuznet“ aus dem Netz genommen, beginnt der Papst auch schon zu twittern.

25.12.2012 - 16:56

Ein Phänomen unserer Zeit sind diese komischen Panzer-artigen Autos, die zunehmend durch bürgerliche Berliner Stadtviertel wie Prenzlauer Berg, Dahlem oder auch Kreuzberg fahren. Sie wissen schon, die sogenannten SUVs – bitte nicht englisch aussprechen, von wegen „Es Ju Vieh“, nein, sagen Sie es ruhig auf deutsch: Suff! Denn diese Kisten heißen natürlich so, weil sie extrem viel Benzin saufen.

Bevorzugt sieht man darin interessanterweise Frauen fahren, die diese Panzer wahrscheinlich als Zweitwagen fahren – „gated community“ auf Rädern sozusagen, klar, wenn man als spießiger Provinzler in so einer schlimmen, wilden, gefährlichen Stadt wie Berlin lebt, braucht man Schutz vor der Welt. Man lebt in der Eigentumswohnung, die Papi am Prenzlauer Berg gekauft hat, oder in den Ghettos der gated communities, aber wehe, man muß sich mal ins Offene vorwagen, sagen wir: die Kinder in die Privatschule fahren, oder Einkaufen, oder zum Friseur. Wie gut, daß man zu diesem Behufe diese panzerartigen Wagen namens Suv hat.

Und so kommt es, daß in der Mehrzahl „grün“ wählende und sich irgendwie wahrscheinlich „alternativ“ dünkende Menschen, die in ihren Smalltalks auf den Spielplätzen sagen wir des Prenzlauer Bergs sicher jederzeit für Frieden in der Welt und für Energiesparen eintreten, in panzerartigen, Benzin fressenden Großraumautos durch Berlin fahren. Und wenn unsereiner auf dem Fahrrad wieder einmal eine Frau am Steuer eines SUVs sieht, die es nicht schafft, ihr Panzergefährt in eine Standardparklücke in Kreuzberg einzuparken, dann kann ich ein mehr als klammheimliches Lächeln nicht unterdrücken.

25.12.2012 - 16:55

„Listening to these pieces of music (Musik von Laurel Halo und Nite Jewell, BS) is exciting because it’s clear that both of the people making them are impulsively writing what they want, without strategising. It’s just coming out, thoughtful and well formed, but also with so much soul. For 2013 I plan to maintain my optimistic belief that the majority of people want to be allowed to experience their own music experience in their vans, and not to be force-fed manipulative music.“

Julia Holter im Jahresrückblick des „Wire“

25.12.2012 - 16:54

Die Älteren unter uns werden sich noch daran erinnern, wie irgendwann in den 80er Jahren ein Fernsehangestellter einmal die Neujahrsansprachen von Bundeskanzler Kohl vertauschte, und einfach die Neujahransprache des vergangenen Jahres gesendet wurde – ohne daß es irgendjemandem aufgefallen wäre, weil, das Politikergeschwätz alter Zeiten ist natürlich jederzeit mit dem aktuellen Geschwätz austauschbar.

Daran erinnert mich die vom „Musikmarkt“ vor Weihnachten veröffentlichte Liste der „GEMA-Jahresbestseller 2011 U-Musik“, die sich nur marginal von der GEMA-Jahresbestsellerliste U-Musik des Vorjahres unterscheidet und wie immer beredt Zeugnis ablegt davon, warum wir alle die GEMA so sehr lieben und sie für eine furchtbar nützliche Veranstaltung halten.

Also, Tusch! Hier ist die GEMA-Jahresbestsellerliste 2011 U-Musik“ (in Klammern die Platzierungen der Vorjahresliste):

1. „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ (dargeboten von DJ Ötzi, im Vorjahr: Platz 1)

2. „Du hast mich tausendmal belogen“ (dargeboten von Andrea Berg, die auch den Text mitgeschrieben hat; im Vorjahr ebenfalls auf Platz 2)

3. „Take Me Home, Country Roads“ (John Denver, im Vorjahr ebenfalls auf Platz 3)

Auf den Plätzen folgen u.a. „New York, New York“ (im Vorjahr nur auf Platz 5, diesmal Platz 4), „Griechischer Wein“ (in beiden Jahren auf Platz 6), „Böhmischer Traum“ (dieses Jahr von Platz 9 auf Platz 8 geklettert) und „The Girl From Ipanema“ sowie „As Time Goes By“.

Merkwürdig und irritierend nur, daß ausgerechnet in Zeiten der gnadenlosen Selbstoptimierung der Song „My Way“, 2010 noch auf Platz 4, aus den GEMA-Top 10 verschwunden ist. Die GEMA gibt eben immer wieder Rätsel auf.

25.12.2012 - 16:53

Aus dem Artikel „Deutsche versprechen sich wenig von Kindern“ in der „FAZ“ vom 18.12.2012:

„Die Untersuchung nennt für die niedrige Geburtenrate auch ein normatives Dilemma bei der Vereinbarkeit von Elternschaft und Beruf. Das kulturelle Leitbild der „guten Mutter“, die zu Hause bei den Kindern bleibt, sei vor allem in den alten Bundesländern noch so stark verbreitet, daß sich berufsaffine Frauen im Zweifel eher gegen ein Kind entschieden. Der Aussage „Ein Kleinkind wird wahrscheinlich darunter leiden, wenn die Mutter berufstätig ist“, stimmten im Westen 63 Prozent der Befragten zu, im Osten 36 Prozent.“

25.12.2012 - 16:52

Laut einem Bericht der „Berliner Zeitung“ ist die Bundesregierung offenbar bereit, „auf Einnahmen in Milliardenhöhe zu verzichten, um die Betreiber des Lkw-Maut-Systems Toll Collect zu schonen“. Da die Konzerne für Schadensersatz und Vertragsstrafe in Höhe von sieben Milliarden Euro, die das Verkehrsministerium vor Gericht von den Großkonzernen verlangt, keinerlei Rückstellung gebildet haben, „erwäge der Bund sogar, Teile der Summe auf Umwegen wieder an sie zurückfließen zu lassen“.

„Verkehrspolitiker im Bundestag berichten, Toll-Collect-Vertreter hätten sie damit unter Druck gesetzt, daß bei einer Milliarden-Zahlung der Maut-Betrieb nicht gewährleistet sei (...) Aus Regierungskreisen höre man zudem, der Bund dürfe „zwei strategisch wichtigen Konzernen“ nicht schaden.“

Recht und Gesetz gelten also scheinbar für Großkonzerne dann nicht mehr, wenn diese „strategisch wichtig“ sind. Der Steuerzahler bezahlt...

25.12.2012 - 16:51

„Der Hannoveraner Reservekorvettenkapitän Eckhard von Klaeden ist Staatsminister im Bundeskanzleramt. Sein Bruder Dietrich ist beim Axel-Springer-Verlag, der als Hauptinteressent an dem jüngst vom Kabinett beschlossenen“ und in einer kurzen Nachtsitzung im Bundestag in erster Lesung durchgewunkenen „neuen Monopolrecht für Presseverlage gilt, für die Beziehungen zur deutschen Bundesregierung zuständig“, berichtet „Telepolis“.

Sascha Lobo bemerkt in seinem Blog zu der engen verwandtschaftlichen Verflechtung von Bundesregierung und Axel-Springer-Konzern treffend: „Es wäre natürlich Unsinn, hier von Vetternwirtschaft zu sprechen, die beiden sind ja viel näher verwandt als Vettern.“

Bruderwirtschaft zum Nutzen des Axel-Springer-Konzerns, sozusagen.

Im aktuellen Heft des vom Axel-Springer-Verlag („Bild“) herausgegebenen „Rolling Stone“ plappert eine Iris Marx entsprechend Konzern-treu über das angebliche „Comeback des Copyright“ – ein Comeback, das bisher nur vom Axel-Springer-Konzern und deren Lohnschreibern ausgemacht wurde: „Es (das Copyright, BS) hat jahrelang schlimm gelitten. Niemand wollte mit ihm noch etwas zu tun haben. Es galt als der seelenlose Gehilfe der ekligen Platten- und Verlegerindustrie. Man trat auf ihm rum, beschimpfte es und wollte es fast gänzlich zerstören. Allein was das arme Urheberrecht im Rahmen der Anti-ACTA-Proteste 2012 erleiden mußte, hätte es fast umgebracht. (...) Vielleicht bekommt es nächstes Jahr einen neuen Verwandten: Das Leistungsschutzrecht für Presseverlage, das vor allem gewerblichen Internetsuchmaschinen für das Anzeigen der Schlagzeilen einen angemessenen Beitrag abverlangt. Es ist sicherlich nicht gut für Google, aber es ist gut für die Presse. Ein Gesetzentwurf liegt auf dem Tisch. 2013 wird Deine Zeit kommen, liebes Urheberrecht. Denn der Geiz, 99 Cent für einen Lady-Gaga-Sing auszugeben, ist kein Ausdruck von Meinungs- oder Informationsfreiheit. Jeder Mensch mit dem IQ eines Rhesusäffchens, der MTV oder Viva im Jahr 2012 aus Versehen eingeschaltet hat, dürfte inzwischen bemerkt haben, daß wir Dich in den vergangenen zehn Jahren wirklich viel zu schlecht behandelt haben. Du bist doch gar nicht so übel, liebes Urheberrecht! Welcome back!“

Niedlich, oder? Ganz offensichtlich werden beim Axel-Springer-Verlag neuerdings Autorinnen, die für „Bild“ nicht ansprechend genug formulieren können und deren IQ deutlich unterhalb dessen eines Rhesusäffchens liegt, direkt an das hauseigene Musikmagazin weitergereicht, um dort die Verlagspropaganda auf niedrigstem Level unters Volk zu bringen.

08.12.2012 - 15:02

„Die Welt wird von den Reichen regiert. Früher haben die Armen die Reichen bekämpft. Heute bekämpfen die Reichen die Armen.“                        

Oscar Niemeyer - R.I.P.!

08.12.2012 - 15:01

„Es ist Adventszeit – Seliger, seien Sie nicht immer so negativ! Wo bleibt das Positive?“

Hier: Die Bundesregierung hat die Armut abgeschafft!

Nun gut, vielleicht noch nicht ganz, und erstmal nur auf dem Papier, aber immerhin.

Die Bundesregierung hat nämlich in ihrem offiziellen Armutsbericht laut SPON „Passagen über die wachsende Ungleichheit in Deutschland geglättet“. „Passagen über sinkende Löhne im unteren Bereich sind getilgt worden“, dafür wird jetzt darauf verwiesen, „daß im unteren Lohnbereich viele Vollzeitjobs entstanden seien“. Und während es in der Ursprungsversion des Armutsberichts noch hieß, „im Jahr 2010 arbeiteten in Deutschland knapp über vier Millionen Menschen für einen Bruttostundenlohn von unter sieben Euro“, ist dieser Satz nun gestrichen. Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, ob das bedeutet, daß hierzulande keine vier Millionen Menschen mehr für einen Bruttostundenlohn von unter sieben Euro arbeiten, aber bald kommt das Christkind, da wollen wir nicht kleinlich sein und die frohe Botschaft verkünden: Die Regierung hat die Armut abgeschafft! Hurra! Und Friede auf Erden und den Menschen Wohlgefallen.

08.12.2012 - 15:00

Ach, war das wieder eine schöne Schlagzeile: „Musikunternehmen investieren Milliarden in die Nachwuchsförderung“ titelte die „Pjöngjang Times“ der Musikindustrie, die „Musikwoche“. Was war geschehen? Hatte die Tonträgerindustrie plötzlich ihr Herz für die Musik entdeckt und ihre heimlichen Goldschätze versilbert und an die jungen Bands verschenkt? War ein Wunder geschehen? Ist die Erde plötzlich eine Scheibe? Iwo.

Es war bloß Propaganda auf quasi nordkoreanische Art. Die sogenannte „Studie“ hat der „Internationale Dachverband für Tonträgerhersteller“, IFPI, hergestellt – man hat also nicht einmal so getan, als ob man ein „unabhängiges“ Marktforschungsinstitut beauftragt, nein, man hat die „Studie“ gleich selbst zusammengebastelt. Mit welchen Zahlen aber? Genau: „Für die Studie wurden die Investitionen von Musikfirmen zusammengetragen“, kann man beim „Musikmarkt“ lesen (nicht bei der „Musikwoche“, da wird so getan, als ob es tatsächlich eine Studie sei, die da veröffentlicht wurde...). Und die von der Musikindustrie, also von sich selber, zusammengetragenen Zahlen ergeben schwupps genau das Ergebnis, das die Musikindustrie erwartet hatte, und das die Musikindustrie dann kommentieren darf, etwa der Kim Il Sung der deutschen Musikindustrie, Dieter Gorny („...damit sind die Musikfirmen die wichtigsten Investoren beim Aufbau langfristiger Musikerkarrieren“), oder der Chef von Warner Music, Bernd Dopp („Deshalb brauchen die jungen, talentierten Künstler von heute mehr denn je Partner wie uns, die sie auf eigenes wirtschaftliches Risiko und mit (...) Herzblut fördern und gemeinsam mit ihnen zu Marken aufbauen und etablieren“), oder der Chef von Universal, Frank Briegmann („Investing in Music ist ein Credo von Universal Music“).

Die durchschnittlichen Kosten dafür, einen neuen Künstler am Markt zu etablieren, beziffert die IFPI auf bis zu 1,4 Millionen Dollar (man beachte: „durchschnittlich“ und „bis zu“ – echt Studie eben). Mal so rumgefragt, liebe Universals, Warners oder wie ihr alle heißt – in wie viele „junge, talentierte Bands“ habt ihr denn zuletzt, sagen wir in den letzten drei, vier Jahren „im Durchschnitt bis zu“ 1,4 Millionen Dollar investiert? Guter Scherz.

Hinzu kommt, daß es eben letztendlich in der Regel nicht die Plattenfirmen sind, die in die Künstler investieren – denn die Investitionen, für die sich die Musikindustrie hier so brüstet, sind ja in den Künstlerverträgen zu großen Teilen „recoupable“, wie es im Musikindustriesprech heißt, bedeutet: jeder Euro, den die Plattenfirma ausgibt, wird im Zweifel gegen die Einnahmen der jeweiligen Künstler gerechnet bzw. verrechnet – im Klartext: kommt eine Band in die Gewinnzone, erhält sie nicht etwa irgendwelche anteiligen Gewinne aus ihren Plattenverkäufen, sondern muß erstmal der jeweiligen Plattenfirma die von diesen getätigten Investitionen zurückbezahlen. Also: die Plattenfirmen leihen sich sozusagen das Geld von den Bands, sie betreiben eine Art Bankgeschäft. Von wegen „wir investieren in die Karrieren junger, talentierter Künstler“ – alles fake, alles nur geliehen! Wenn heutzutage bei Plattenfirmen noch langfristiger Künstleraufbau betrieben wird, dann von den kleinen Plattenfirmen – und die haben alles andere als „im Durchschnitt bis zu“ 1,4 Millionen pro Band oder Künstler zur Verfügung...

Was für ein aufgeblasener Bullshit, den die Funktionäre der Musikindustrie da Hand in Hand mit dem embedded journalism der Musikindustrie von sich gegeben haben!

Die Wahrheit sieht doch eher so aus wie in diesem Beispiel: Eine der Bands des Jahres 2011 waren The Weeknd aus den USA. Während die Musikindustrie sich über Copyright-Verletzungen erregte, verschenkte der junge Kanadier Abel Berihun Tesfaye, der sein Projekt The Weeknd nennt, seine Musik. Und zwar konsequent, nicht nur hier mal einen Song und da einen Download, nein, komplette Kurz-Alben (die er Mixtapes nannte) konnten monatelang von seiner Website kostenlos heruntergeladen werden. Und was passierte? The Weeknd wurden eine der angesagtesten Bands in den USA, und ihre Konzerte waren ausverkauft – ja, genau, eine Newcomer-Band ohne Albumveröffentlichung, die von keinem Label „gesigned“ war, verschenkte ihre Musik auf der eigenen Website, und paar Wochen später erhielt diese Band Gagen von 25.000 Dollar und mehr, verkaufte ihre Konzerte aus, spielte die wichtigsten amerikanischen Festivals, verschenkte immer noch ihre Musik auf ihrer Website, trat in wichtigen amerikanischen Fernsehshows auf, die Konzertgagen stiegen weiter, die Band verdiente weit mehr, als wenn sie sich auf die Herren Gorny, Dopp oder Briegmann eingelassen hätte. Alles per „Mund“- (also Internet-)propaganda und durch Verschenken ihrer Musik.

Natürlich – The Weeknd machen auch verdammt gute Musik. Das ist das Geheimnis. Aber: früher wären sie mit ihrer guten Musik auf die Gnade von Labels angewiesen. Heute veröffentlichen sie ihre Musik selbst und machen sich selbst zu Stars. Willkommen im 21.Jahrhundert! (und hübsche Drehung: mittlerweile haben sie ihre ersten drei Mixtapes wahrscheinlich für ziemlich viel Geld an Universal verkauft, die diese mit paar zusätzlichen Tracks als „Trilogy“ auf den CD-Markt gebracht haben – wahrscheinlich ein smart move der Band, denn so können auch die old school-Musikkäufer sich die Alben ins Regal stellen...).

Und jetzt fragen Sie einmal den Herrn Briegmann von der Firma Universal so wie im Ricola-Werbespot: „Wer hat The Weeknd erfunden?!?“ – „Wer hat The Weeknd zu Stars gemacht?!?“ Genau, Herr Briegmann, nicht die Musikindustrie ists gewesen, sondern DO IT YOURSELF!

08.12.2012 - 14:58

„Wer nicht dumm war, war links.“

Die Modedesignerin Miuccia Prada über die 70er Jahre, als sie Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens war

08.12.2012 - 14:57

Was das hervorragende neue Album „Psychedelic Pill“ von Neil Young und Crazy Horse auch zeigt, ist, daß Rockmusik leider längst tot ist. Wenn ein Neil Young und Crazy Horse, also im Rockmaßstab uralte Zausel, aktuell eines der besten Rockalben einspielen können, dann zeigt das vor allem, daß seit Jahren sonst kein nennenswertes Rockalbum mehr erschienen ist (Ausnahmen wie Jack White mit seinen verschiedenen Projekten bestätigen diese Feststellung). Was in den letzten Jahr als nennenswerte Rockmusik präsentiert wurde, erweist sich im Vergleich zu Neil Young als mittelmäßig und risikolos und banal. Ein endlos mäandernder Song wie „Walk Like A GIant“ zeigt, wer der Gigant ist, und warum – welche andere Band hätte Mut und Können und Radikalität, solche langen Songs zu schreiben, sie ohne eine fade Sekunde zu performen und gegenüber den Plattenfirmen durchzusetzen? Oder der erste Song, das 30 Minuten lange „Drifting Away“ – wo hört man so etwas sonst noch? Und wo hört man Texte wie diese? In denen „die Kapitulation vor den Konzernen in der Kunst und Politik beklagt werden“ (Markus Schneider) und gleichzeitig das Versagen der eigenen Generation (der sogenannten Hippies, der sogenannten 68er) und damit die eigene Verwicklung in dieses Problem beschrieben wird?

Wie gesagt, die Rockmusik ist tot. Hoffen wir, daß Neil Young und Crazy Horse noch weitere Perlen in die Geschichte dieser Musikrichtung reihen – und ansonsten hören wir HipHop und DubStep und was die zeitgenössische Musik sonst noch so an lebendiger Musik bereithält...

08.12.2012 - 14:57

Liebe Klassik-Labels, sagt mal kurz: Für wie bescheuert haltet ihr uns Kunden eigentlich? Schon für ziemlich dumm, oder?

Grade lese ich, wie bei einem seriösen Händler das gesamte Klavierwerk von Robert Schumann, gespielt von Eric Le Sage, auf 13 CDs für EUR 29,99 angeboten wird. Also für noch nicht einmal 2,31 Euro pro CD. Tolles Angebot, hervorragender Interpret, was will man mehr.

Ja, was will man mehr? Lieber nicht von euch verarscht werden. Denn ich habe mir in den letzten zwei Jahren bereits fünf dieser einzeln nach und nach erschienenen 11 CDs bzw. Doppel-CDs zugelegt. Dumm nur, daß die einzelnen CDs 18,99 Euro und die Doppel-CDs 29,99 Euro gekostet haben, ich also bereits über 100 Euro ausgegeben habe für die Hälfte der CDs, die ihr mir jetzt für 30 Euro anbietet. Ich weiß nicht, wie ihr als Klassik-Labels, deren Hauptproblem doch eigentlich sein sollte, Käufer jenseits des Ghettos der Reichen und Alten zu gewinnen, euch das Tonträgergeschäft vorstellt – ich weiß nur, daß ich solche Dinge für unter aller Kanone halte und zukünftig Einzel-CDs des Labels „Alpha“, das mich solcherart verarscht, nicht mehr für mehr als 3 Euro erwerben werde. Ihr schaufelt euch euer eigenes Grab! Und dann solls der Gesetzgeber richten, gelt?

Ist übrigens kein Einzelfall, bei den Gesamteinspielungen der Beethoven-Streichquartette vom Artemis Quartet (Virgin Classics) oder der Beethoven-Klaviersonaten durch Michael Korstick (10 CDs für EUR 38,99, die einzelnen CDs für je 15,99..., bei Oehms) wars genauso.

Wir zahlen keinen Vollpreis mehr für CDs von Alpha, Oehms und Virgin Classics! Könnt ihr total vergessen!

08.12.2012 - 14:55

Die schönste Stilblüte zum „Leistungsschutzrecht“ fand sich dann aber doch auf der Titelseite der „FAZ“, in einem Kommentar eines Reinhard Müller: „Darum geht es in der Tat. Die Freiheit des Einzelnen ist ein Vorwand vor allem des Suchmaschinengiganten Google. Der Konzern, übrigens kein internationaler Wohlfahrtsverband, sondern auch mächtiger Arm der amerikanischen Regierung, kämpft um sein Monopol. Individuelle Freiheit soll es nur von Googles Gnaden geben.“

Google also der verlängerte Arm der amerikanischen Regierung. Wow! Sowas kennen wir hierzulande natürlich nur andersherum – die Bundesregierung als verlängerter Arm deutscher Konzerne, von Springer etwa oder der Deutschen Bank...

08.12.2012 - 14:54

Hat irgendjemand jüngst, als die Bundesregierung die Schutzfristen für Musikaufnahmen von 50 auf 70 Jahre verlängert hat, einen Jubelsturm in den hiesigen Altersheimen vernommen? Jubelschreie von heute 70 oder 80 Jahre alten Musikern, die sich gegenseitig um den Hals gefallen sind, weil die Leistungsschutzrechte auf Aufnahmen, die sie vor 50 Jahren, also mit 20 oder 30, getätigt haben, auf 70 Jahre verlängert wurden, also bis zu ihrem 90. oder 100. Geburtstag?

Der Gesetzentwurf der Bundesregierung, von dem Kulturstaatsminister Neumann plappert, er sei ein „wichtiger Beitrag zur finanziellen Absicherung ausübender Künstlerinnen und Künstler im Alter. Künftig stehen ihnen die Einnahmen aus ihrer Arbeit während des gesamten Lebens zur Verfügung“, ist übrigens ein echtes, dem Lobbybemühen der deutschen Musikindustrie sich unterwerfendes Bubenstück. Denn in dem Gesetzentwurf steht, daß die Künstler nun zusätzlich gerade mal 20 Prozent der Gewinne bekommen sollen, die die Plattenfirmen mit den Songs machen. Aber das auch erst, wenn 50 Jahre vergangen sind. Denn: der „Vergütungsanspruch besteht für jedes vollständige Jahr unmittelbar im Anschluß an das 50.Jahr nach Erscheinen des die Darbietung enthaltenen Tonträgers“.

„Nochmal von vorn. Die Bundesregierung will also dafür sorgen, daß Plattenfirmen 20 Jahre länger Geld mit Tonträgern verdienen können als bisher. Diesen Zugewinn – und nur diesen – müssen sie mit den Musikern teilen.“ (Kai Biermann auf „Zeit Online“). Den Zugewinn müssen sie allerdings nicht hälftig teilen, was das Minimum an Anstand gewesen wäre – nein, die Plattenfirmen müssen nur gerade mal ein Fünftel ihres Extraprofits an die Künstler abgeben.

Aktuell liegt der Anteil an Einnahmen aus Leistungsschutzrechten bei ausübenden Künstlern durchschnittlich bei unter 300 Euro jährlich. Nicht die ausübenden Künstler, sondern die Majorlabels sind im Besitz fast aller Rechte, deren Leistungsschutz nun verlängert wurde. Diese multinationalen Konzerne streichen etwa 72 Prozent aller Einnahmen aus Aufnahmen ein; das erfolgreichste Fünftel der Künstler erhält weitere 24 Prozent all dieser Einnahmen. Die verbleibenden 4 Prozent verteilen sich also auf 80 Prozent aller ausübenden Künstler – jeder dieser Künstler erhält durch die Verlängerung der Leistungsschutzrechte lediglich zwischen 4 und 58 Euro pro Jahr zusätzlich. In der Realität sind Musiker nur Almosenempfänger, den Profit macht die Verwertungsindustrie.

So ist es logisch, daß kein Jubelsturm aus den Altersheimen zu vernehmen war, sondern nur einzig und allein die Funktionäre des Bundesverbandes der Deutschen Musikindustrie die Verlängerung der Schutzfristen begrüßt haben.

08.12.2012 - 14:52

„Das Meiste, was ich hören muß, ist bedrückend banal. Wenn schon die Künstler ihre Arbeit nicht ordentlich machen, was soll ich dann von dem Mann erwarten, der meine Waschmaschine repariert?“            

Eric Pfeil in seinem „Pop-Tagebuch“, neue Folge

08.12.2012 - 14:51

Stefan Herwig ist ein umtriebiger Typ. Er betreibt ein Label, und ihm gehört eine Agentur, die „Kreativwirtschaftsunternehmen und -verbände“ hinsichtlich der Auswirkung von Digitalisierung berät. Er ist ein großer Fan des Urheberrechts und beschimpft gerne Politiker wie den „Piraten“ Bruno Kramm auch mal, daß der „auf dem besten Wege“ sei, „zum Joseph Goebbels der Netzkultur zu werden“. Ansonsten beauftragt Herwig auch mal Abmahnanwälte, um angebliche Urheberrechtsverletzungen zu verfolgen.

Nun hat Herwig ein neues Projekt gestartet, er hat ein „musikwirtschaftliches Informationsportal“ initiiert, dessen Ziel es sein soll, „ein authentisches Bild einer arbeitsteiligen Musikwirtschaft zu zeigen, die in der Öffentlichkeit gerne verzerrt dargestellt wird“. Ein fünfköpfiger Beirat soll die „redaktionelle Unabhängigkeit“ überwachen. Man kann sich vorstellen, wie das alles aussieht. Aber wer finanziert das Ganze? Da hat Herwig einen Coup gelandet, denn Sie werdens nicht glauben: Das Geld für seine Propaganda bekommt der Copyright-Fan-Club von der staatlichen „Initiative Musik“. Copyright-Propaganda auf Staatskosten, ganz wie in der DDR.

29.11.2012 - 11:54

Es ist Donnerstag, der 29.November. Heute Nacht irgendwann gegen 1.00 Uhr (also genau genommen am Freitagmorgen) soll der Bundestag in erster Lesung über eine Änderung des Urheberrechtsgesetzes debattieren – also, „debattieren“ ist vielleicht das falsche Wort, denn weit nach Mitternacht soll genau das nicht mehr getan werden, man will die Gesetzesänderung einfach so durchwinken ohne Debatte, etwaige Reden werden zu Protokoll genommen. Demokratie halt, weiß man ja. In den Medien wird irreführend behauptet, es gehe um ein neues „Leistungsschutzrecht für Verlage“, quasi damit die freie, unabhängige Presse überleben könne. In Wahrheit geht es natürlich um etwas ganz Anderes, nämlich um ein neues Monopol für Presseverlage, das auch die Verwendung und Verbreitung kleinster Textzeilen lizenzpflichtig machen würde. Der Axel-Springer-Verlag (von „Bild“ und „Welt“ bis „Rolling Stone“ und „Musikexpress“) gilt als Hauptinteressent an dem neuen Monopol und hat entsprechend jahrelang Lobbyarbeit geleistet – und wir wissen ja seit Kanzler Schröder, daß man Deutschland nicht gegen die Blödzeitung regieren kann, und kann sich also die Einflußnahmemöglichkeiten des Springer-Verlages auf die Politik gut vorstellen.

Insofern ist es einigermaßen drollig, wenn ausgerechnet die Springer-Presse jetzt dem Internetkonzern Google vorwirft, daß der seine eigenen Interessen verfolge. Ja perdauz, darf der denn das? Darf eine Firma einfach für ihre Interessen eintreten? Das ist am Ende gar freie Marktwirtschaft! So war das nicht gedacht. Und deshalb stänkert heute in der „Welt“ ein Ulrich Clauss gegen Google: „Googles Kampagne gegen das Leistungsschutzrecht ist ein Angriff auf die Grundrechte: Es geht um die informationelle Enteignung des Menschen im Namen einer totalitären Wachstumsstrategie.“ Wohlgemerkt, damit meint Clauss nicht seinen Springer-Konzern, sondern Google. Völlig durchgeknallt.

Praktisch alle namhaften Rechtswissenschaftler, die sich mit dem Springer-hörigen  Gesetzentwurf befaßten, glauben übrigens, daß die Nachteile des neuen „Leistungsschutzrechts“ die Vorteile bei weitem übertreffen. Das Münchner Max-Planck-Institut für Immaterialgüter- und Wettbewerbsrecht veröffentlichte eine Stellungnahme zu dem Gesetzentwurf, die entschieden negativ ausfiel: „Nicht durchdacht“ und „durch kein sachliches Argument zu rechtfertigen“ heißt es da unter anderem:

http://www.ip.mpg.de/files/pdf2/Stellungnahme_zum_Leistungsschutzrecht_fuer_Verleger.pdf

Eine Ohrfeige für die Bundesregierung. Aber die Justizministerin hat ja bereits empfohlen, auf Google einfach zu verzichten. Sie soll sich, wie wir aus gut unterrichteten Kreisen erfahren haben, auch gegen die weitere Nutzung ihres Dienstwagens ausgesprochen haben und künftig mit der Pferdekutsche durch die Republik fahren – und Mitteilungen werden nicht mehr per Email versandt, sondern getrommelt oder durch Boten überbracht. Denn irgendwann muß ja auch mal Schluß sein mit der modernen Welt und dem Internet und der ganzen Kostenloskultur und dem Kram!

26.11.2012 - 23:50

Qualitätsjournalismus in der „Süddeutschen Zeitung“:

„Um heute auf Platz sieben der meistverkauften Alben (in den USA, BS) zu kommen, benötigt man heute 39 000 verkaufte Tonträger“, schreibt ein Bernd Graff in der bairischen Renommierzeitung mit doppeltem „heute“, aber leider auch doppelt falsch. Es stimmt zwar, daß in der Woche, in der die Band „Grizzly Bear“, an der Graff seinen vor Unsinnigkeiten nur so strotzenden Artikel über „Musiker-Einkünfte im Internet-Zeitalter“ aufhängt, die von ihnen verkauften 39 000 Tonträger für Platz 7 der US-Charts ausreichten. Es gab aber auch Wochen, in der man mit dieser Zahl auf Platz 1 oder 2 gelandet wäre. Während es auch Wochen gibt, in der man mit dieser Zahl auf Platz 10 oder noch tiefer landet.

Doch es kommt noch schlimmer. Graff behauptet in einem Absatz zu Streaming-Diensten, deren Modell der Journalist sowieso nicht kapiert hat, daß „Adele ihre letzten Alben nicht bei Spotify platziert haben wollte“. Was einfach eine unwahre Behauptung ist und sich durch kurzes Einwählen auf Spotify hätte klären lassen, wo sich die Adele-Alben sofort finden. Aber dann wäre die Behauptung, die den Kern seines mißlungenen und inkompetenten Artikels darstellt, in sich zusammengefallen, nämlich, daß Künstler angeblich bei Spotify kein Geld verdienen. Der Gründer und Chef von Adeles Plattenfirma, Martin Mills, eines der Urgesteine der unabhängigen Plattenindustrie, erklärt das genaue Gegenteil, wir hatten es an dieser Stelle schon einmal zitiert: „Einige unserer Künstler – gerade die, die wir im Katalog führen – stellen bei der Honorarabrechnung fest, daß sie bei einigen Tracks via Streaming mehr verdienen als durch andere Quellen. Für Beggars zahlt sich das um ein vielfaches mehr aus als Radio-Airplay. Deshalb sind wir große Streaming-Unterstützer.“

Aber wenn man eine kompetente Geschichte zu diesem durchaus wichtigen, aber eben auch recht komplexen Thema hätte schreiben wollen, dann hätte der Herr Journalist, der seinen Behauptungsjournalismus für die bairische Qualitätszeitung betreibt, natürlich etwas tun müssen, was ihm ein Fremdwort ist, nämlich: recherchieren. Sowas können sie, so was wollen sie heutzutage in aller Regel nicht mehr. Gedruckt wird in München scheinbar alles, und mit erfundenen Stories hat das Magazin der Qualitätszeitung ja seine ganz eigenen Erfahrungen (wobei Tom Kummer wenigstens schreiben konnte...).

(und damit wir uns nicht mißverstehen: ich bin kein Fan von Streaming-Diensten, eher im Gegenteil, aber darum geht es hier auch gar nicht)

24.11.2012 - 16:33

Im letzten Rundbrief haben wir über die Ergüsse von Xavas, dem Gemeinschaftsprojekt von Xavier Naidoo und Kool Savas, berichtet (Textprobe: „Wo sind unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?“).

Und jetzt raten Sie mal, welche deutsche Partei auf ihren Regionalversammlungen zum Abschluß (also da, wo bei der Hanns-Seidel-Stiftung die Bayernhymne gesungen werden würde) Musik von Xavier Naidoo spielen läßt. Na?

Genau, es sind unsere Grünen. „Sag mal, hast du das gesehn? Das hat die Welt noch nicht gesehn“ von Xavier Naidoo lief laut „Spiegel“ zum Abschluß der Bochumer Regionalversammlung, bei der sich die Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl vorgestellt haben, von Trittin bis Roth. „Wo sind unsere Führer“ also, quasi, auf alternativ gestrickt.

24.11.2012 - 16:32

Die Hanns-Seidel-Stiftung, die „parteinahe“ Stiftung der CSU, schreibt einen „Förderpreis für junge Liedermacher 2013“ aus unter dem Titel „Visionen für Europa – Lieder die Brücken bauen“ (Zeichensetzung ist bei den Konservativen a thing of the past). Und, hurra: „Die Preisträger werden im Rahmen der kulturellen Veranstaltung „Songs an einem Sommerabend“ in drei öffentlichen Auftritten in Kloster Banz präsentiert.“

Die Veranstaltung „Songs an einem Sommerabend“ ist übrigens ein Konzert des Bayerischen Rundfunks, auch Künstler dieser Agentur haben dort schon gespielt, neben Konstantin Wecker, Hannes Wader oder Reinhard Mey. Bis ich irgendwann im Abspann der Fernsehsendung mal diesen kleingedruckten Hinweis auf die „Hanns-Seidel-Stiftung“ sah – so ist das eben in Bayern: Die CSU-nahe Parteistiftung finanziert dem Staatsfernsehen eine Liedermachersendung. Schon klar, daß dort keine allzu progressiven Aussagen gemacht werden...

Im „Spiegel“ (46/2012) wurde dieser Tage aufgedeckt, daß die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung „vom Vermögen zweier Nazis der ersten Stunde profitiert“ und „bis heute verleiht sie einen Preis nach den Vorgaben“ der beiden Nazis – mit deren Geld wird seit 1984 der „Tag der Volksmusik“ mit Preisverleihung im Wildbad Kreuth ausgerichtet. Im erweiterten Vorstand der Hanns-Seidel-Stiftung sitzen u.a. Bayerns Ministerpräsident Seehofer und CSU-Ehrenvorsitzender Stoiber. Stiftungschef ist Hans Zehetmair, früher bayerischer Kultusminister und stellvertretender Ministerpräsident.

24.11.2012 - 16:30

Heidi Klum, die Moderatorin der MTV Awards, im Interview mit der „Berliner Zeitung“:

„Wenn ich mein Script bekommen habe (denn sie kann natürlich nicht wirklich moderieren, so wie die Kastelruther Spatzen nicht selber Musik machen können – zumindest keine, die man öffentlich präsentieren kann... Fernsehen ist Fake... und was Frau Klum macht, ist Texte auswendig lernen und aufsagen, die andere für sie geschrieben haben... BS), lerne ich es auswendig, ich bin ja keine professionelle Moderatorin. Deswegen bin ich beim Moderieren besonders nervös, schwitze viel und lecke vor Nervosität dauernd meine Lippen ab (...) Aber je besser ich meine Texte im Teleprompter von A nach B lese, desto besser geht’s.“

Und welche Situation wäre Ihr größter Alptraum?

„Wenn der Teleprompter nicht funktionieren würde und ich mir spontan selbst eine Moderation ausdenken müßte.“

Nun, das wäre wohl auch für die Zuschauer der größte denkbare Alptraum...

24.11.2012 - 16:29

„Hinter den Hochglanzfassaden deutscher Apple Stores beklagen Mitarbeiter magere Gehälter, Dauerüberwachung und eine Diktatur der guten Laune“, berichtet der „Spiegel“.

Mal ehrlich – ist das jetzt für irgend jemanden eine Überraschung? Der Apple-Konzern ist einer der profitabelsten der Welt. Und das hat eben seinen Preis. Apple beutet die Arbeiter in China aus und die Angestellten in Deutschland und wahrscheinlich auch im Rest der Welt. Und Apple nutzt jede Möglichkeit zur Steuertrickserei und zahlt nur 1,9 Prozent Steuern. Und das alles ist systemisch. (Und dieser Text wurde auf einem Apple Laptop geschrieben, klar, ich weiß...)

24.11.2012 - 16:28

Und dann ist der ganze Reise-Teil der „FAZ“ vom 1.November voll mit James Bond-Stories, passend zur Veröffentlichung des neuen Bond-Films am selben Tag – da soll noch einer sagen, die Kulturindustrie wisse nicht, wie man Hand in Hand mit der natürlich wahnsinnig unabhängigen Presse Werbung bei den Konsumenten macht, die Tiefenwirkung entfaltet und nicht sofort wie Konsumberatung daherkommt. Auf der Titelseite „Die Venus des Agenten“, über James Bond auf Jamaika. Und dann ist das ganze Reiseblatt der FAZ voll von James Bond-Artikeln, James Bond in Bregenz, James Bond in der Schweiz, in Istanbul, Venedig und Tokio („Die Feinheiten fernöstlicher Liebeskunst“, echter Qualitätsjournalismus eben).

Und was finden wir auf der letzten Seite des „FAZ“-Reiseblatts? Eine ganzseitige Anzeige von Omega für eine ihrer Uhren, mit dem James Bond-Darsteller als Werbeträger. Und so hat sich der ganze Aufwand wieder einmal für alle gelohnt. Zeitung als Palimpsest für die Produkte der Markenartikler, läuft alles wie geschmiert.

24.11.2012 - 16:27

Schlagzeile im „Handelsblatt“ vom 2.11.2012: „Anleger fürchten Obamas Wiederwahl.“

Schlagzeile auf „SPON“ am gleichen Tag: „Warum Anleger auf Obama hoffen.“

Wirtschaftsexperten unter sich. Der Schimpanse, der einen Dartpfeil auf Prognosen wirft, erzielt bekanntlich bessere Ergebnisse. Er kann halt nur leider keine Medien vollschreiben...

Und mittlerweile haben „die USA“ gewählt, wie man gemeinhin so leichtsinnig sagt. Doch: haben sie wirklich? Mal abgesehen von der Frage, ob es eine Wahl im eigentlichen Sinne gab – aber aufgrund verschiedenster Varianten, mit denen die Herrschenden die Stimmabgabe in den USA erschweren (man spreche mal mit US-Künstlern und lasse sich die Details erzählen, von Wahlmaschinen, die bei leicht fehlerhafter Benutzung automatisch die Kandidaten der Republikaner ausspucken, bis zur Eintragung in Wählerverzeichnisse, die die potentiellen Wähler selbst veranlassen müssen), hat Präsident Obama etwa ein Viertel der potentiellen Wählerstimmen erhalten. Was im Umkehrschluß natürlich heißt, daß ihn drei Viertel der amerikanischen Wähler nicht gewählt hat... Musterland der Demokratie eben.

Doch was dem „Land der Freien“ recht ist, ist uns billig: die „mächtigste Frau der Welt“, die ehemalige FDJ-Funktionärin Angela Merkel, erhielt bei der letzten Bundestagswahl 2009 nur knapp 24 Prozent der Stimmen aller Wahlberechtigten...

24.11.2012 - 16:25

Überwachungsstaat BRD 2012, neue Folge:

Die Berliner Polizei hat zwischen 2009 und Juli 2012 mehr als 6,6 Millionen Datensätze von Mobilfunkbetreibern erhalten – die Berliner Polizei griff schon zu Zeiten der rot-roten Stadtregierung trotz scharfer Kritik immer wieder gerne zur umstrittenen Funkzellenabfrage und setzt dies unter dem rot-schwarzen Senat munter fort. Hinzu kommt noch die Rekordzahl von 1,5 Millionen legal belauschten Telefongesprächen allein im Jahr 2011 allein in Berlin!

Bei der nicht-individualisierten Funkzellenabfrage wird ausgewertet, welches Mobiltelefon zu welchem Zeitpunkt in einem bestimmten Gebiet war – unser aller Daten werden also abgefragt, sobald wir zufällig in einem von der Polizei überwachten Gebiet rumlaufen – allein die Anwesenheit in einem Berliner Kiez zur falschen Zeit macht alle BürgerInnen verdächtig. Wir tragen eine „Ortungswanze in der Tasche“ (Constanze Kurz)

Von den 6,6 Millionen Datensätzen gab es übrigens nur in 116 Fällen brauchbare Hinweise – bei der flächendeckenden Polizeiüberwachung muß es also um etwas anderes gehen... „Die Funktionäre der staatlichen Ermittler treten immer entschiedener als Lobbyisten solcher strategischen technischen Überwachungsmaßnahmen auf.“ (Constanze Kurz in der „FAZ“)

02.11.2012 - 17:30

Die Bundesregierung, die nicht einmal die wichtigsten Dinge des digitalen Alltags endlich verbraucherfreundlich gesetzgeberisch regelt, macht sich im Gegensatz daran, dieses Land in einen Polizei- und Spitzelstaat umzuwandeln: Soeben hat die Bundesregierung einen Gesetzentwurf verabschiedet, der einen fundamentalen Eingriff ins Fernmelderecht und einen weiteren Schritt in Richtung Überwachungsstaat darstellt.

Wie „heise online“ berichtet, sollen Internetprovider zukünftig auch dynamische IP-Adressen zuordnen und dazu verpflichtet werden, diese auf schlichte Nachfrage von Behörden – also ohne Richtervorbehalt oder zumindest staatsanwaltliche Anordnung, wie es das Fernmeldegesetz bisher vorschreibt – auszuhändigen.

Stefan Krempl schreibt dazu bei „heise online“: „Im heise online vorliegenden Entwurf wird betont, daß die Auskunftspflicht auch für Daten wie PIN-Codes und Passwörter gilt, mit denen der Zugriff auf Endgeräte oder damit verknüpfte Speichereinrichtungen geschützt wird. Dies könnte sich etwa auf Mailboxen oder in der Cloud vorgehaltene Informationen beziehen.“ Im Klartext: Behörden können zukünftig auf alle durch Paßwörter gesicherte Informationen zurückgreifen, sei es auf private Mailboxen oder Email-Konten, sei es auf sämtliche z.B. in der Cloud gespeicherten Informationen.

Weiter Stefan Krempl: „Telecom-Anbieter müssen die erwünschten Daten "unverzüglich und vollständig übermitteln". Über derlei Maßnahmen haben sie gegenüber ihren Kunden sowie Dritten Stillschweigen zu wahren. Provider, die über 100.000 Kunden haben, müssen für die Abwicklung der Anfragen zudem "eine gesicherte elektronische Schnittstelle" bereithalten. Dabei sei dafür Sorge zu tragen, daß jedes Auskunftsverlangen durch eine verantwortliche Fachkraft formal geprüft werde.“ Im Klartext: Wir werden zum gläsernen Bürger. Und wir sollen nichts davon mitbekommen, wenn die Behörden uns jederzeit durchleuchten.

Weiter Krempl bei „heise online“: „Zudem soll in die Strafprozeßordnung ein Paragraph 100 j neu eingefügt werden. Demnach wäre Auskunft zu erteilen, soweit dies für die Erforschung eines Sachverhalts oder die Ermittlung des Aufenthaltsorts eines Beschuldigten erforderlich ist. Darüber hinaus sollen die einschlägigen Gesetze für das Bundeskriminalamt, die Bundespolizei, den Zollfahndungsdienst, den Verfassungsschutz, den Bundesnachrichtendienst und den Militärischen Abschirmdienst angepaßt werden, da Mitarbeiter all dieser Behörden als Auskunftsberechtigte vorgesehen sind.“ Im Klartext: Die Aushöhlung des Fernmeldegesetzes und die Aushöhlung der Grundrechte der Bürger soll umfassend und jederzeit geschehen. Alle Bundesbehörden und Geheimdienste sollen jederzeit alle BürgerInnen umfassend überwachen dürfen, ohne daß wir das merken bzw. überhaupt noch, wie nach der jetzigen Gesetzeslage, darüber wenigstens nachträglich informiert werden.

„In Providerkreisen wird der Vorstoß dagegen als problematisch eingestuft. Angesichts der Tatsache, daß ein Eingriff in das Fernmeldegeheimnis erfolge, seien nur unzureichende grundrechtssichernde Regelungen enthalten, warnen Branchenvertreter. So sei einerseits die Zahl der abfragenden Stellen nicht überschaubar, anderseits gebe es keine Beschränkung auf bestimmte Delikte. So könne nach Landesrecht eine Vielzahl weiterer Behörden Auskünfte verlangen, um bei Ordnungswidrigkeiten oder zur Abwehr von Gefahren für die öffentliche Sicherheit tätig zu werden. Sonst übliche Schutzvorkehrungen wie ein Richtervorbehalt oder zumindest eine staatsanwaltliche Anordnung seien nicht vorgesehen.“ (Stefan Krempl)

Im Klartext: Der Stasi-Überwachungsstaat der DDR war ein Kindergeburtstag gegen das, was die Bundesregierung hierzulande plant.

Das „Gute“ daran ist: Wir wissen jetzt immerhin, was die Regierung wirklich vorhat, und was diese Bundesregierung tatsächlich von den im Grundgesetz festgehaltenen Grundrechten hält. Und wo Unrecht Recht wird, ist Widerstand bekanntlich Pflicht!

02.11.2012 - 16:47

In der „Süddeutschen Zeitung“ lesen wir, wie Chris Dercon, einer der einflußreichsten Kunst-Funktionäre der Welt und aktuell Direktor der Londoner „Tate Gallery“, die Kunst der ganzen Welt einkauft: „London hat großes Potential - schon wegen der enormen Präsenz von Reichen. Dazu gehören Altreiche, aber noch öfter Neureiche, die aus Lateinamerika oder dem Mittleren Osten stammen und sich gerne in unseren Ankaufskommissionen engagieren. Wir treffen uns jährlich in New York und Miami und schlagen vor, welche Arbeiten wir ankaufen sollten. Derzeit arbeiten wir daran, das gesamte 'Musee d'art contemporain de l"Afrique' von Meschac Gaba anzukaufen.“ Ekelhafter Neo-Kolonialismus.

Chris Dercon ist Fan und Unterstützer von Ai Weiwei und hat ihm in seiner früheren Funktion als Chef des Münchner Hauses der Kunst (oder sollte man in dem Fall nicht auf den historischen Titel zurückgreifen und „Haus der deutschen Kunst“ sagen?) 2009 eine Sonderausstellung „So sorry“ ausgerichtet und, nachdem er im Juni 2010 zum neuen Direktor der Londoner Tate Gallery bestimmt wurde, von Oktober 2010 bis Mai 2011 in seinem Londoner Museum Ai Weiweis Schau mit 100 Millionen Sonnenblumenkernen, die Ai Weiwei in China aus Porzellan hatte herstellen lassen; finanziert wurden die Kerne vom Unilever-Konzern – 100 Kilo der Sonnenblumenkerne Ai Weiweis tauchten später bei Sotheby’s London auf und wurden für sage und schreibe 560.000 US Dollar versteigert...

Der Deutschen Lieblings-Dissident – oder „Ai Reirei, der Dissident aus der Tube“, wie Wiglaf Droste ihn nach seinem jüngsten YouTube-Video (in Deutschland zensiert) nannte – wird übrigens 2013 den deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig bespielen. Dieses YouTube-Video, das sehr schön zeigt, wie unser Lieblings-Dissident seinem Förderer Chris Dercon zu zünftiger Blasmusik den Kopf massiert, ist bei YouTube derzeit noch unzensiert zu sehen – Gorny & GEMA, übernehmen Sie! Todsicher liegen auf der Blasmusik, die da im Münchner Hofbräuhaus gespielt wird, wertvolle Rechte der deutschen Musikindustrie!

02.11.2012 - 14:49

Daß es nur ein Mythos ist, daß sich Radio-DJs und Radio-Macher nach Hören und nach Qualität für die Musik entscheiden würden, die sie im Radio spielen, ist eine Weisheit der Marke Binsen (und die bekannten Ausnahmen bestätigen diese Regel).

Ein besonders perfides Druckmittel, mit dem die Tonträgerindustrie darüber mitentscheidet, was gespielt wird und was nicht, stellte die wichtigste französische Fernsehzeitschrift „Telerama“ Mitte Oktober in einem gut recherchierten Artikel vor (hierzulande via „Perlentaucher“): Man nennt es „Co-Ausnutzung“. Ein Radiosender beschließt, über seine Playlist und mittels deutlich rabattierter Werbung eine Band oder einen Sänger zu unterstützen. Im Gegenzug erhält der Radiosender Prozente aus den Einnahmen vom CD-Verkauf, häufig mit einem garantierten Minimum. Heißt: je öfter der Sender den Titel spielt, desto mehr Tonträger werden verkauft, und desto größer die Chancen des Senders, damit Geld zu machen über die garantierte Verkaufsbeteiligung.

Wer französisch versteht, kann die Recherche von Valerie Lehoux aus „Telerama“ mit dem schönen Titel „La musique à la radio, bonjour business?“ hier nachlesen:

http://www.telerama.fr/radio/la-musique-a-la-radio-bonjour-business,87932.php

Ob jemand garantieren kann, daß solche Praktiken hierzulande nicht vorkommen? Ob all unsere Radiomacher ihre Playlisten redlich und unbestochen zusammenstellen?

* * *

Das italienische Pendant zur deutschen GEMA, die sogenannte SCF, hat sich dieser Tage ein Mussolini-Gesetz zunutze gemacht, um bei den Konzertveranstaltern zusätzlich abkassieren zu können. Unser italienischer Partner hat uns informiert, daß sich die SCF neuerdings auf das italienische Gesetz Nr. 633, verabschiedet am 22.April 1941, beruft, um von Veranstaltern und Künstlern, die vor und nach ihrem Konzert noch Musik vom Band abspielen, zusätzlich zur ohnedies anfallenden Verwertungsgebühr nochmal abzukassieren. Bislang war dieses Mussolini-Gesetz stillschweigend unter den Tisch gefallen.

Die SCF sendet nun Spitzel aus, die überprüfen, ob bei den Konzerten vorher und nachher Verwertungsrechts-relevante Musik abgespielt wird, und kassieren dann doppelt bei den Konzertveranstaltern ab.

Calexico haben angesichts ihrer beiden Italien-Konzerte im November verfügt, daß dann eben vor und nach ihren Konzerten Stille sein soll.

Schon interessant, wie es die Verwertungsgesellschaften immer mit den Faschisten haben, nicht? Die italienische SCF bezieht sich auf ein Mussolini-Gesetz, während die deutsche GEMA bekanntlich die Nachfolgeorganisation der 1933 von Goebbels zu einer Monopolorganisation zwangszusammengeführten STAGMA ist - „die in den Jahren 1933/34 verfügte monopolistische Ausschließlichkeit der Wahrnehmung der Musikverwertungsrechte ist erhalten geblieben“, betonte der dieses Jahr verstorbene Komponist und Musikwissenschaftler Hans G Helms.

* * *

Und drollig ist sie auch, unsre GEMA, sie macht immer wieder Spaß – wenn es nicht gleichzeitig zum Heulen wäre. Jetzt ließ die Gema in einer Infratest-„Studie“ beweisen, was sowieso jeder wußte – nämlich „den hohen Stellenwert, den Musik hierzulande genießt“. 90 Prozent der Deutschen halten es der Infratest-Umfrage zufolge für „wichtig, daß Musikschaffende angemessen für ihre schöpferische Leistung bezahlt werden“, faßt die GEMA zusammen – was für eine Überraschung! Die Umfrage unter sage und schreibe 1004 Personen brachte außerdem angeblich an den Tag, daß im Durchschnitt 30 Prozent der Eintrittsgelder für die Musikurheber angesetzt werden sollen.

Nur – wenn man sich die Umfrage genauer ansieht, kann davon keine Rede sein. Die Gema wäre nicht ein bekloppter Gangsterladen oder, wie Marek Lieberberg gesagt hat, „ein Ministerium der Angst“ mit einem „allmächtigen Vorstand, der Kadavergehorsam verlangt“, eine Institution, die mit „ihrer Politik in der Kreativwirtschaft Angst und Schrecken verbreitet“, wenn sie nicht die von ihr in Auftrag gegebene Umfrage so manipuliert hätte, daß auch ja herauskommt, was herauskommen soll.

Wobei, die GEMA kann nicht mal die Ergebnisse der eigenen Umfrage korrekt zusammenfassen – wie Stefan Niggemeier in seinem Blog nachweist, haben sich die genannten 90 Prozent der Deutschen nicht etwa für eine „angemessene“ Vergütung der „Musikschaffenden“ ausgesprochen, sondern sie haben bloß gesagt, daß sie es angemessen finden, daß Komponisten und Texter eine Vergütung bekommen. Was ja schon etwas anderes ist, solange die deutsche Sprache und Logik noch Sinn machen.

Wenn die GEMA behauptet, daß die Befragten „30,1 Prozent des Eintrittsgeldes“ für eine angemessene Vergütung halten würden, ist das schlicht gelogen, denn in Wahrheit bezieht sich die Zahl nicht auf die Gesamtheit der Befragten, sondern nur auf die 90 Prozent, die in der Frage vorher angegeben hatten, daß sie eine Vergütung grundsätzlich für angemessen halten – die fehlenden gut 9 Prozent läßt die GEMA in ihrer Interpretation der Umfrage einfach unter den Tisch fallen. Wenn man sich die Umfrage dann genauer ansieht, merkt man, daß die GEMA mit einer Vielzahl von Taschenspielertricks die Ergebnisse der von ihr in Auftrag gegebenen Umfrage irgendwie hinbiegt. Laut GEMA gibt es „eine Art Konsens unter den Deutschen, daß gut 30 Prozent des Eintrittsgeldes bei einer Musikveranstaltung an die Urheber gehen soll“ (Niggemeier), während die Wahrheit ist, daß erstens immerhin 56 Prozent der Befragten, also eine deutliche Mehrheit, genau das Gegenteil, nämlich Anteile von weniger als 30 Prozent als angemessen genannt haben, und gerade einmal 29 Prozent der Befragten für eine Beteiligung von mehr als 30 Prozent plädierten.

Vor allem aber: die Fragestellung von Infratest ist natürlich hochmanipulativ. Wenn man 1004 Bundesbürger fragt, ob sie es angemessen finden, daß Bäcker für ihre Brötchen bezahlt werden, dürften mindestens 90 Prozent mit „ja“ antworten, gewiß. Wenn man aber detailliert nachfragt, welche Anteile des Preises eines Brötchens an den Staat (via Mehrwertsteuer), an den Bäcker, an den Bäckereifachangestellten, an den Mehlfabrikanten usw. gehen soll, wird man eine andere, eine differenziertere Antwort erhalten. Ich wage die Behauptung, daß ein Großteil der Befragten nicht wußte, daß es nicht darum geht, daß die Musiker einen Anteil von den Eintrittsgeldern erhalten, sondern die Urheber, was ja nicht immer und automatisch identisch ist. Und um welche Veranstaltungen soll es gehen? Um Konzerte? Diskos? Kindergartenumzüge (bei denen die Gema ja bekanntlich auch zur Kasse bittet)?

Wenn sich Infratest im Auftrag der GEMA die Mühe gemacht hätte, detailliert nachzufragen, etwa: „Sind Sie bereit, höhere Eintrittsgelder zu bezahlen, damit die von der GEMA vertretenen Urheber künftig statt ca. 1,8 Prozent zwischen 5,76 und 7,2 Prozent der Eintrittseinnahmen erhalten?“, dann wäre ich zum Einen gespannt auf die Antwort der Befragten gewesen, und zum Anderen hätte man mit den Antworten vielleicht wirklich etwas anfangen können.

Birgit Walter schrieb in der „Berliner Zeitung“:

„Für die nächste Umfrage schlagen wir vor, den Katalog um folgende Fragen zu ergänzen:

1. Halten Sie die Abgabensteigerungen des Monopolisten Gema bis zu 1500 Prozent für angemessen?
2. Finden Sie es gerecht, daß 65 Prozent der Gema-Einnahmen an fünf Prozent der Urheber fließen und daß allein die Spitzenverdiener über die Verteilung entscheiden?
3. Ist es angemessen, daß Gema-Vorstände mit ihrer öffentlich nicht wahrnehmbaren Verantwortung bis zu 484.000 Euro bekommen? (Zum Vergleich: Die Bundeskanzlerin verdient 260.000 Euro.)“

* * *

Liebe Plattenfirmen, liebe Künstler!

Habt doch ein bißchen Mitleid mit denjenigen Käufern eurer CDs, die eine Brille tragen und nicht mehr so gut sehen. Muß es denn wirklich sein, daß ihr eure Booklet-Texte und die sonstigen Angaben auf euren CDs dunkel auf dunkel drucken laßt? Daß ihr bevorzugt Schriftgrößen verwendet, die zu entziffern ohne Lupe unmöglich ist?

Zeigt euch barmherzig! Druckt eure Booklets in anständiger Größe und in Farben, die man leicht lesen kann. Oder, falls ihr wirklich kein Interesse daran haben solltet, daß irgendjemand eure Booklets lesen kann – laßt sie weg, und macht dafür die CDs billiger!
Dankeschön.

* * *

Wer der „Initiative Musik“ vorwerfen möchte, nur Staatspop zu initiieren, muß sich eines Besseren belehren lassen. Zu den staatlich geförderten Bands gehören nicht nur Gruppen mit  so hübschen Namen wie „Beißpony“, sondern auch Fritz Kalkbrenner. „Mit Fritz Kalkbrenner haben wir einen Künstler, der zwar den ersten Schritt schon geschafft hat, sich aber nun weiter etablieren möchte“, sagt Aufsichtsratsmitglied Norbert Niclauss laut „Musikwoche“.

Und um sich weiter etablieren zu können, benötigt der Charts-Künstler also Staatskohle. Die ihm bereitwillig gewährt wird.
Staats-Techno.

* * *

„In the US, we have the best politicians money can buy.“       
Tony Crow (Lambchop-Pianist, bei einem Auftritt während der aktuellen Europatournee)

26.10.2012 - 16:02

Im Oktober konnte man auf 3sat eine Dokumentation über die Europatournee von Leonard Cohen im Jahr 1972 sehen. Und mal jenseits dessen, daß man wieder einmal feststellte, was für wunderbare Songs dieser Mann geschrieben hat, und abgesehen von den eindeutigen Avancen berühmter junger Damen, und abgesehen von einem unglaublichen Einblick in das Chaos einer Europatournee im Jahr 1972 blieb eine Szene besonders im Gedächtnis haften: Wie Leonard Cohen im Intro zu „Suzanne“, einem seiner größten Hits, erzählt, daß ihm die Rechte an diesem Song gestohlen wurden.

„The rights on it were stolen from me. (...) I’m happy for that „friend“ who put that piece of paper in front of me and said: „Sign this!“ So I said: „But what is this?“ He said: „Oh, just a standard writer’s contract.“ So I signed it, and it was gone...“

26.10.2012 - 12:35

Was den chinesischen Autor Liao Yiwu angeht, halte ich es wie Christian Y. Schmidt – man „möchte keinen Mann kritisieren, der allein wegen eines Gedichts vier Jahre in einem chinesischen Gefängnis eingesperrt war“, so Schmidt in der „taz“.

Also nehmen wir den Quark, den Liao Yiwu bei seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gesagt hat, ebenso stillschweigend hin und in Kauf wie das esoterisch anmutende Lied, das er den Dalai Lama-Fans bei eben dieser Gelegenheit zum und in den Küchentopf sang.

Nehmen wir hin, daß Liao Yiwu den Großkopferten aller Lager, die da in der Frankfurter Paulskirche Beifall klatschten, Zeugs erzählt hat wie, daß es in China ein „Wertesystem des Drecks“ gebe, „das den Profit über alles stellt“ – also, in China, wohlgemerkt. Nun ja.

Was allerdings nicht unkommentiert bleiben darf, ist die Reaktion des Publikums wie des hiesigen Feuilletons auf Liao Yiwus mehrfach und auch auf deutsch wiederholte Forderung, „dieses Imperium, dieses Großreich muß auseinanderbrechen“ – entlang seiner ethnischen Grenzen, am besten aber noch einmal in viel kleinere Einheiten, in denen „die Leute alt werden und sterben, ohne sich je besucht zu haben“. Christian Y. Schmidt schreibt dazu: „Dieser Satz ist nichts weiter als ein Plädoyer für die Rückkehr zur Stammesgesellschaft, in der Fremde nur als Gast geduldet werden. Er dürfte auch bei den Taliban großen Anklang finden. Jedenfalls herrscht überall auf der Welt, wo versucht wird, diese „Utopie“ (Liao Yiwu) zu realisieren, Mord- und Totschlag“.

Daß das Publikum in Frankfurt „diesem reaktionären Gerede“ (Schmidt) geschlossen stehende Ovationen zollte, daß am Tag danach die Feuilletons in einem Land, das bekanntlich eine „strategische Partnerschaft“ mit China unterhält, diese „zurück in die Steinzeit“-Rede geschlossen bejubelten – das ist entsetzlich. Es ist allerdings, zugegeben, keine allzu große Überraschung.

26.10.2012 - 10:45

Und was macht der Deutschen Lieblings-Chinese, der „regierungskritische Künstler“ Ai Weiwei? Er tanzt. Im rosa T-Shirt. Und zwar den südkoreanischen „Gangnam Style“. Wie man bei YouTube nachschauen kann.

Wie wir der „Berliner Zeitung“ entnehmen dürfen, teilt Ai Weiwei mit, sein Clip sei mittlerweile „von der Zensur gesperrt“ worden. Das Videoportal YouTube sei „innerhalb Chinas komplett gesperrt“. Wie in Deutschland also, quasi, wo die Gema alle nennenswerten Musikvideos sperren läßt, oder, um im Sprech vom „heiligen Ai“ („Frankfurter Rundschau“) und der deutschen Medien zu bleiben: zensiert.

Au weiwei.

21.10.2012 - 09:36

Ich weiß gar nicht, was die Kommentatoren an dem letzten Länderspiel auszusetzen haben. War doch höchst unterhaltsam. Sechzig Minuten lang sah man eine technisch und spielerisch anspruchsvolle deutsche Mannschaft 4:0 gegen überforderte Schweden gewinnen. Dann sah man eine kämpferische schwedische Mannschaft mit gradlinigem Fußball 4:0 gegen hoffnungslos überforderte Deutsche gewinnen. Acht Tore, ein unterhaltsamer Fußballabend. So what?

Das Problem ist natürlich klar. Unterhaltsam war das Spiel nur für unbefangene Zuschauer, denen es einigermaßen egal ist, welche Mannschaft gewinnt, solange interessanter und attraktiver Fußball gespielt wird. Die Kommentatoren des Staatsfernsehens dagegen erleben bekanntlich nur dann ihren „inneren Reichsparteitag“, wenn „Deutschland“ gewinnt, insofern den ekligen Zuschauern in Hitlers Berliner Olympiastadion nicht unähnlich, die nach der deutschen Führung „Sieg!“ mit dreimaligem rhythmischen Klatschen skandieren, und das Wort, das dann folgen soll, kann sich jeder denken.

Ich will noch ein letztes Mal in diesem Rundbrief den Historiker Eric Hobsbawn zitieren, der in seiner vorzüglichen Studie „Nationen und Nationalismus – Mythos und Realität seit 1780“ über das „Nation Building“ durch Fußball geschrieben hat: „Die vorgestellte Gemeinschaft von Millionen gewinnt mehr Anschaulichkeit in der Gestalt von elf Stars.“

Was die deutsche Fußballnationalmannschaft angeht, ist früheren Analysen an dieser Stelle im Grunde nichts hinzuzufügen – wie mein Zürcher Freund und Fußballkenner vor der Europameisterschaft gesagt hat: Die haben einfach furchtbare Frisuren, so wird das nichts. Da spielt eine Generation von Fußballern, die technisch gut geschult sind, die teilweise brillante Spielzüge können – die aber letztlich reine Schönwetterfußballer sind. Sobald es Probleme gibt, sobald sich ihnen eine Naturgewalt wie Mario Barwuah Balotelli oder ein siegeswilliger Instinktfußballer wie Zlatan Ibrahimovic entgegenstellt oder, wie im Fall des FC Bayern, eine destruktiv kämpferische englische Mannschaft, sind die deutschen Nutellabubis mit ihren Milchbubifrisuren heillos überfordert. Sie sind aufgewachsen in zwei Jahrzehnten neoliberaler Ideologie, sie beherrschen, darin vielen jungen Musikern in der Musikindustrie nicht unähnlich, die Kunst der Selbstoptimierung, sie haben brav alle von ihren Managements verordneten „wie gebe ich am besten Interviews“-Medienseminare besucht – nur, wie man ein schwieriges Fußballspiel gewinnt (oder: wie man gute, besondere Musik macht...), das hat ihnen niemand beigebracht. Und dazu fehlt ihnen, mit den Ausnahmen, die die Regel bestätigen, einfach Persönlichkeit. Dissidenz. Eigenständigkeit. Selbstbewußtsein. Man muß sich nur die hilflosen Interviews mit dem sogenannten Kapitän Lahm oder mit Kroos oder mit Herrn Löw angesehen haben, um zu wissen: Titel werden die nie gewinnen. Das ist klar. Sie werden das eine oder andere schöne Spiel bestreiten, doch wenn es ernst wird, werden die Mannschaften aus den PIGS- oder BRIC-Staaten auch weiterhin den Sieg davontragen. Und das ist ja auch eine Form von Gerechtigkeit, oder?

21.10.2012 - 09:33

Wir wollen bitte nicht so tun, als seien unsere Probleme mit der GEMA etwas einmaliges; nein, in anderen Ländern sieht es nicht viel anders aus – etwa in der Schweiz, wie „Telepolis“ berichtet. Dort erhalten die Funktionäre der SUISA, wie sich die Schweizer Verwertungsgesellschaft nennt, so exorbitante Gehälter wie die hiesigen GEMA-Funktionäre. Der SUISA-Direktor etwa erhält pro Jahr mehr als 357.000 Franken. Und der Chef von „ProLitteris“, der Schweizer VG Wort, hat 2008 laut „Weltwoche“ über 308.000 Franken und in den Jahren darauf inklusive Sonderzulagen noch deutlich mehr eingestrichen.

Als die Einkommenszahlen der Schweizer Verwertungs-Funktionäre vor zwei Jahren erstmals veröffentlicht wurden, äußerten Erfolgsautoren wie Alex Capus ihren Unmut über die Verteilung der Einnahmen zwischen Funktionären und den Autoren, und Politiker verschiedenster Fraktionen kündigten eine parlamentarische Initiative an, die die Gehälter der Urheberrechtsfunktionäre auf das in der Staatsverwaltung übliche Niveau begrenzen sollte.

Die Funktionäre jedoch sehen, dort wie hier, alles im rechten Lot. Ernst Hefti, der Direktor von ProLitteris, dem die „Weltwoche“ neben seinem hohen Gehalt auch Spezlwirtschaft und Verschwendungssucht vorwirft, meinte, auf das Mißverhältnis zwischen den Einkommen vieler Urheber und dem seinigen als Urheberrechtsfunktionär angesprochen, im „Tagesanzeiger“ lapidar, daß schließlich „jeder seinen Beruf selber wählt“.

So kann mans natürlich auch sehen. Nur sagt das so drastisch selten ein Funktionär: „Urheber, ihr seid bescheuert! Selber Schuld, daß ihr mich, den Urheberrechtsfunktionär, reich macht und ihr selber einigermaßen leer ausgeht, ihr wart halt so blöd, den falschen Beruf zu wählen, ihr seid halt nur Urheber, nicht Funktionär einer Verwertungsgesellschaft!“

Man nennt es Chuzpe.

Es ist Zeit, die Urheberrechtsfunktionäre zu entmachten! Dort wie hier.

21.10.2012 - 09:31

Patente hemmen heutzutage eher Innovationen, als daß sie sie fördern würden:

„Patente sind staatliche Monopole, die mit dem Argument gewährt werden, daß sie den Fortschritt fördern würden. Inwieweit und für welche Bereiche das heute tatsächlich zutrifft, ist allerdings seit Längerem zweifelhaft: Dem Electronic-Frontier-Foundation-Gründer John Perry Barlow und der New York Times zufolge gaben im letzten Jahr sowohl Apple als auch Google erstmals mehr Geld für Patentprozesse aus als für Forschung und Entwicklung.

Auch eine neue Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) kommt zu dem Ergebnis, daß das Patentsystem, so wie es aktuell besteht, durch Rechtsunsicherheit, hohe Transaktionskosten und fehlende Transparenz Innovationen nicht fördert, sondern stattdessen bremst. Der Wirtschaftswissenschaftler Franz Schwiebacher spricht in diesem Zusammenhang von einem "Dickicht" aus schlecht kalkulierbaren Risiken, das immer mehr als Bremse wirke. Der ZEW-Analyse zufolge sind mittlerweile nicht mehr nur kleine, sondern auch große Unternehmen davon beeinträchtigt. Vor allem dann, wenn "Erfindungen von vielen verschiedenen Patenten geschützt werden".“

(aus: Peter Mühlbauer, „Monopole auf Selbstverständlichkeiten“, in „Telepolis“)

21.10.2012 - 09:29

In den Vorschulklassen der Musikindustrie bleuen sie einem ein Mantra ein, das alle immerzu singen sollen: Die Plattenfirmen sind die Guten, sie sind die einzigen, die die Karriere von Künstlern aufbauen, Plattenfirmen sind euer Freund, deswegen müssen sie quasi unter Naturschutz gestellt werden!

Leider wissen Künstler immer wieder eine andere Geschichte zu erzählen. Wie jetzt James Taylor, der mit seinem Anwalt seine Plattenfirma Warner Bos. Records verklagte. Auf „Digital Music News“ finden sich die detaillierten „52 Ways to Screw an Artist, by Warner Bros. Records...“: http://bit.ly/UqoEH8

Nehmen wir das erste Beispiel: James Taylor und seine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft haben alleine für den Zeitraum von 2004 bis 2007 fehlende Royalty-Zahlungen in Höhe von 1,69 Millionen Dollar recherchiert. James Taylor und Warner Bros. Records einigen sich nach zähen Verhandlungen in einer Art Vergleich auf den Betrag von 764.056 Dollar. Warner Bros. bezahlt nur 97.857 Dollar.

Und so geht das in einem fort, 52 traurige Beispiele lang.

Lieschen Müller mag sich zu Beginn ihrer Ausbildung als Kauffrau für audiovisuelle Medien fragen, wie so etwas geht, ob es denn nicht Verträge gebe. Klar, gibt es, doch die Zahlungen vieler Plattenfirmen sind undurchschaubar, wer keine guten Accountants und noch bessere Rechtsanwälte hat, zieht bei den Abrechnungen meistens den Kürzeren (mal abgesehen davon, daß viele Künstler darüber klagen, ihre Abrechnungen ständig zu spät oder erst nach mehrfacher Aufforderung zu erhalten, von den Zahlungen ganz zu schweigen...). Hinzu kommt: Es gibt einen großen Streit darüber, wie die Einnahmen aus digitalen Downloads zu verrechnen sind. Wir erinnern uns: „digital downloads“, Internet, Totengräber der Plattenfirmen, böse böse. Allerdings: schon längst werden im Internet von den Plattenfirmen Milliarden gescheffelt. Ohne große Investitionen, für einen Download muß man schließlich keine CD herstellen und braucht kaum Zwischenhändler (dumm nur, daß man den Trend erstmal verschlafen hatte und z.B. Apple deshalb hohe Anteile an den Erlösen einräumen muß). Obwohl das so ist, stellt sich die Tonträgerindustrie auf den Standpunkt, daß die verkauften Downloads wie CDs abzurechnen sind – vom Verkaufspreis einer CD erhalten die Künstler in der Regel nur etwa 10%. Die Künstler und ihre Vertreter gehen dagegen davon aus, daß digitale Downloads wie Lizenzen abzurechnen seien, also mit wesentlich höheren Einnahmebeteiligungen für die Künstler.

Man darf gespannt sein, ob sich James Taylor und all die anderen Künstler, die zuletzt „ihre“ Plattenfirmen verklagt haben, durchsetzen können.

Der amerikanische Star-Blogger Bob Lefsetz schreibt dazu lapidar: „That's the major label business model. Theft from the artist.“

21.10.2012 - 09:26

Der kürzlich verstorbene englische Historiker Eric Hobsbawn erzählt in einem Buch, wie der damalige Bundesminister für Arbeit und Soziales, Norbert Blüm, 1989 den Arbeitern der Danziger Werft zurief: „Marx ist tot, Jesus lebt!“

Damals arbeiteten auf der Danziger Werft noch 20.000 Menschen. Heute, 23 Jahre nach dem Sieg des Kapitalismus, sind es wenig mehr als 2.000, also etwa ein Zehntel. Mittlerweile gehört die Danziger Werft zwei Oligarchen aus der Ukraine, die die Werft unter anderem mit Mitteln der EU restrukturiert haben...

„An erster Stelle ist es die Einsicht (der marxistischen Analyse) in die unaufhaltsame globale Dynamik der kapitalistischen ökonomischen Entwicklung, ihre Fähigkeit, alles zu zerstören was sie vorfindet." (Eric Hobsbawn)

15.10.2012 - 11:54

Speaking of „Deutscher Welt-Zustimmungspop“ – ein Meister darin ist seit jeher der esoterische Christenpopper Xavier Naidoo. Nun hat Naidoo ein Album mit Kool Savas („Lutsch meinen Schwanz“, „Pimplegionär“) aufgenommen; der sinnreiche Projektname: „Xavas“, der sinnreiche Albumtitel: „Gespaltene Persönlichkeit“ – eben das, was rauskommt, wenn ein Gottesanbeter auf einen Pimplegionär trifft.

Naidoo singt „mit einer Inbrunst, die das Herz rührt, aber den Verstand vernebelt“ (Harald Peters in der „Welt“) Texte wie „Und ich schau nicht mehr zurück / aber wenn ich zurück schau / dann seh ich nur mein Glück / alles andere habe ich gerne zugeschüttet / und mit schöner Erinnerung einfach überbrückt“. Schlimm. Eine fürwahr „gespaltene Persönlichkeit“ irgendwo zwischen nordkoreanischer Gehirnvernebelung und tibetanischer Gebetsmühle, mit „einem Stück weit“ Schwanzgelutsche.

Vollends pervers wird es allerdings, wenn „Xavas“ sich ihren Gewaltfantasien ergeben. Xavier Naidoo war wohl zu lange auf Truppenbetreuung in Afghanistan, er singt allen Ernstes Texte wie diesen: „Ich schneid euch jetzt mal die Arme und Beine ab / und dann ficke ich euch in den Arsch / so wie ihr es mit den Kleinen macht“, heißt es in dem wohl als Protestsong gemeinten letzten Song der Platte. „Ihr tötet Kinder und Föten. / Ihr habt einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff.“ Harald Peters weist in der „Welt“ darauf hin, daß Naidoo diesen Song als „Protestsong“ versteht, in dem es laut Naidoo „um furchtbare Ritualmorde an Kindern geht, die tatsächlich ganz viel in Europa passieren, über die aber nie jemand spricht, nie jemand berichtet.“ Kool Savas weiß Genaueres: „Okkulte Rituale besiegeln den Pakt mit der Macht.“

Harald Peters faßt zusammen: „Schwule Kapitalisten entwickeln unter dem Eindruck der Macht eine unbändige Lust, Kinder abzuschlachten, und schließen sich zu diesem Zweck zu Geheimgesellschaften zusammen. Verzweifelt erhebt nur Xavier Naidoo seine Stimme (...) dessen Homophobie mit der Sehnsucht nach einer starken Schulter einhergeht.“ Denn das Fazit von Xavas und seinem „Protestsong“ ist der Ruf nach einem Führer: „Wo sind unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?“

Glauben Sie jetzt alles nicht? Ist aber alles wahr. Wahnsinn, oder? Und so gewinnt man heutzutage den „Bundesvision Song Contest“ und belegt Platz 1 der deutschen Album-Charts. „Wo sind unsere Führer?“ Ich weiß wo...

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Wenn unsere großartige und allseits geschätzte Bundesregierung sowie unsere allseits beliebten und bewunderten Politiker aller Parteien, die auch nach Jahrzehnten, die dieses merkwürdige Dingens namens Internet bereits existiert, immer noch keine Internet-kompatible Gesetzgebung verabschiedet haben, sich aber gleichzeitig und gern jederzeit in eine Talkshow setzen, um darüber zu palavern, daß dieses komische Dingens namens Internet ganz schön gefährlich ist – ich bitte neu ansetzen zu dürfen: wenn diese unsere Politiker, wenn sie schon sonst wenig hinbekommen, wenigstens an einer Stelle, die allen wehtut, endlich einmal das Urheberrecht der modernen Zeit anpassen könnten und dafür sorgen würden, daß die Pest der Abmahnanwälte und ihrer dubiosen Abmahngeschäfte beendet würde, dann wären wir schon einen Schritt weiter.

Jüngstes Beispiel: Der Blog „We like that“ hat ein Foto verwendet, das den „Lego-Künstler“ Nathan Sawaya neben einem seiner Werke zeigt. Der Blog-Betreiber wurde von einer deutschen Rechtsanwaltskanzlei zur Zahlung von knapp EUR 3.000 wegen einer „Nutzungsrechtsverletzung auf seiner Internetpräsenz“ und zur Abgabe einer Unterlassungserklärung aufgefordert. Der Haken an der Sache: Der Künstler Nathan Sawaya hat nicht nur eine, vorsichtig gesagt, andere Auffassung von Internetkultur als Agenturen und Rechtsanwaltskanzleien, die seinen Bildern hinterhergooglen, nein, die Fotoagentur, die über die Rechtsanwaltskanzlei die Bilder saftig abmahnen läßt, besitzt an diesen Bildern überhaupt keine Rechte. Nathan Sawaya laut „Perlentaucher“ in einem Statement zu dem Vorfall: "My fiancé took the photo. My company owns it. We have not sold the rights to it. My lawyer is reviewing this matter. I am not represented by the German law firm who sent the letter. I am not represented by this photo agency." 

Eine Posse? Sicher. Solange aber dubiose Agenturen mit Hilfe von Rechtsanwaltskanzleien durchs deutsche Urheberrecht schnelles Geld machen können, sind derartige Possen leider Wiederholungsfälle. Ein Ärgernis, dem durch ein modernes, der digitalen Realität des  21.Jahrhunderts angepaßtes Urheberrecht umgehend ein Riegel vorgeschoben werden könnte.

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Diesmal ein kleines Ratespiel, bei dem es für uns alle leider nichts zu gewinnen gibt.

Versuchen Sie doch einmal, diese drei Texte drei jungen Buchautorinnen zuzuordnen, die dieser Tage meinten, ein Buch veröffentlichen zu müssen:

„Mein Name ist Julia und ich lebe im Internet. Ich bin da ziemlich glücklich, habe Freunde, die ich nur digital kenne und abschalten kann, wann ich will. Ich kann im Internet alles sein: Mafiaboss, Barbie, Hitler, Hotelbesitzer und ein kleines grünes Krokodil. Am Computer bin ich Gott. Und dabei fühle ich mich großartig – großartig böse, kalt und berechnend. Bereits in jungen Jahren, mit 13 oder 14, war ich mir über die schier endlosen Möglichkeiten der Identitätskonstruktion bewusst. Das Internet war der Ort, wo ich alles zum ersten Mal erlebte: Liebe, Sex und Verrat. Aufklärung, Freiheit und Politik. Dort rede, lache, weine und denke ich. Denn ich bin ein Kind des digitalen Zeitalters, ich bin die, die aus dem Internet kommt. Und das ist meine Geschichte.“

Und:

„...ich will auf keinen Fall mehr derart zum Medienereignis werden. Zu sehr haben sich die Berichterstattungen auf mein Privatleben, aber vor allem auch auf meine Kinder ausgewirkt. (...) und natürlich wartete er ... nicht mit dem schlechtesten aller Bodys auf. (...) Der sieht ja gut aus (...) ich habe bei Männern kein festes Beuteschema.“

Und:

„Nanu-Nana spezialisiert sich auf Artikel, die man im Ehestreit wütend aus dem Fenster schmeißen kann. (...) Was mir fehlt, ist Mut. (...) Isländisches Heavy Metal Horror Ballett gesehen. Jetzt habe ich alles erlebt. (...) Es ist gerade in den entscheidensten Momenten am schwierigsten, um Hilfe zu bitten. (...) Allein in Berlin mit zwei Koffern. Obdachlose helfen mir weiter. (...) Ich finde es gut, wenn man durch Parteiarbeit auch die entlegensten Ecken von Deutschland kennenlernt."

Nun?

Und gesetzt den Fall, Sie wären ein Verleger – welcher der drei Damen würden Sie 100.000 Euro Vorschuß für ihr Buch gewähren, und welcher 60.000 Euro?

Und zuletzt: was denken Sie, mit welchem der drei Texte kann man auf eine Spitzenposition der „Spiegel“-Bestsellerliste gelangen?

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Die Piratenpartei scheint Politik als Echternacher Springprozession zu betreiben. Wobei man den Piraten mal twittern sollte, daß die Echternacher Springprozession nicht notwendigerweise den Gang des Weltgeistes darstellt (nach Adorno).

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A propos Weltgeist: In Trier, dem Ausstellungsort des „Heiligen Rockes“, kassiert die Pfarrei Liebfrauen laut „Telepolis“ seit 1589 bis heute jährlich etwa 360 Euro Zinsen aus dem Vermögen eines verbrannten Hexenmeisters von der Stadtkasse, weil der Trierer Dietrich Flade vor seiner Verbrennung auf dem Scheiterhaufen der Stadt aus seinem Privatvermögen 4.000 Gulden geliehen hat. Den Rückzahlungs- und Verzinsungsanspruch daraus erbte nach Flades Hinrichtung der Erzbischof, der ihn an fünf Pfarreien weiterreichte, wovon eine bis heute bei der Stadt abkassiert. Als die Stadtverwaltung vor zwei Jahren bei der Pfarrei anfragte, ob man den alten Posten nicht endlich streichen wolle, wurde ihr von der Pfarrei Liebfrauen beschieden, „daß der Titel im Haushalt erhalten bleiben“ müsse, weil er „an dieser Stelle eine ständige Erinnerung an die Opfer des Hexenwahns“ sei.

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Die sozialdemokratische Troika hat gekreißt – und heraus kam: ein Nichts. Ein Peer Steinbrück. Ein Vizekanzlerkandidat. Steinbrück wirkt wie die Inkarnation von Tucholskys Vergleich der deutschen Sozialdemokratie  mit einem Radieschen (Original 1926, hier geringfügig aktualisiert): „Ja und hier - ? Die ganz verbockte liebe gute SPD. / Der Peer Steinbrück, Nahleslieschen / blühn so harmlos, doof und leis / wie bescheidene Radieschen: / außen rot und innen weiß.“

Steinbrück hat sich zuletzt als tapferer Bankenbändiger geriert – die Banker seien zu gut aus der Finanzkrise gekommen, so Steinbrück, die gesamte Bankenbranche habe „zu den Aufräumarbeiten der von mir maßgeblich verursachten ökonomischen und sozialen Schieflage zu wenig beigetragen“ (haben Sie den kleinen Tippfehler bemerkt?).

Wir erinnern uns: Als Finanzminister und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen hat Steinbrück die deutschen Landesbanken mit Zähnen und Klauen verteidigt und dem damaligen EU-Kommissar ein Abkommen abgenötigt, wonach die deutschen Landesbanken staatlich garantierte Schuldtitel ausgeben durften. Die Landesbanken investierten das gewonnene Kapital zum großen Teil in toxische Papiere, die Scheingewinne wurden von der Politik bejubelt, in der Finanzkrise waren es später aber gerade die Landesbanken, die für die in Deutschland besonders brisante Finanzkrise sorgten. Für die Kosten mußten im Wesentlichen die Steuerzahler aufkommen.

Ab 2005 tanzte der nun plötzliche selbsternannte Bankendompteur als Finanzminister im Kabinett Merkel nach der Peitsche der Banker. Steinbrück kämpfte dafür, daß die Banken mit Steuergeldern aus der Bankenkrise rausgehauen wurden – die Banken erpreßten den Staat, Steinbrück sprang wie ein zahmer Zirkustiger durch alle von den Bankern gehaltenen Reifen, der Staat, also die Steuerzahler, zahlten. „Es war Steinbrück, der aus den ökonomischen Spekulationen, es könnte Banken geben, die too big to fail seien, viel zu groß, um selbst nach schlimmstem Versagen pleitegehen zu dürfen, eine historische Gewißheit machte. Von Gläubigerhaftung war damals nicht die Rede“, schreibt die „FAS“. Als Bundesfinanzminister arbeitete Steinbrück an führender Position am Koalitionsvertrag mit, in dem die Stärkung des Finanzplatzes im Vordergrund stand. „Produktinnovationen“ wie Hedgefonds müßten „unterstützt“ werden, Regulatoren müßten „mit Augenmaß“ vorgehen. Und wenige Tage vor dem Bankencrash in Deutschland hielt Steinbrück im Bundestag eine Rede, in der er u.a. sagte: „Die Finanzmarktkrise ist vor allem ein amerikanisches Problem“, das deutsche Bankensystem, das die Steuerzahler wenige Wochen später Zigmilliarden kostete, sei dagegen „äußerst stabil“. Wo immer Steinbrück politisch zugegen war, hat er das bestehende Finanzsystem zementiert, ist er Allianzen mit den Banken zum Nachteil der Steuerzahler eingegangen, zeigte er sich als Banken- und Banker-Freund.

Ein echter Finanzexperte eben, dieser Peer Steinbrück. Der Vizekanzlerkandidat Isnogood, der Kalif werden möchte anstelle der Kalifin – nicht mal mehr ein Radieschen, er und seine EsPeDe nicht mal mehr äußerlich rot...

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„Aufgeschreckt wie Krankenschwestern eilen die Politiker ans Bett des Kapitalismus und tun so, als ob sie etwas täten.“ Eric Hobsbawn, R.I.P.!

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Und wie geht es, wenn ein sozialdemokratischer Ministerpräsident Bürgerbeteiligung übt? So:

Ministerpräsident Beck gibt dem SWR ein Interview zum Thema „Bürgerbeteiligung“; da ruft ein Passant etwas Kritisches zum von Beck zu verantwortenden Millionendebakel am Nürburgring  dazwischen, daraufhin der SPD-Mann: „Können Sie mal das Maul halten, wenn ich ein Interview gebe? Einfach das Maul halten.“ Auf die Antwort des Bürgers, er sei nur ehrlich, setzt Beck noch einen drauf: „Sie sind nicht ehrlich, Sie sind dumm.“

Wie wäre es, der Sozialdemokrat wählte sich ein neues Volk – ein braveres, ein weniger dummes, ein Volk, das einfach das Maul hält, wenn hochwohlgeboren Beck spricht? Dann kann er dem Staatsfernsehen ja noch viele Interviews zu Grundzügen der Demokratie und der Bürgerbeteiligung geben...

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Und was hat die „Hamas“, die Organisation, die von der EU und den USA als „terroristische Vereinigung“ definiert wird und die Israel mit terroristischen Mitteln beseitigen will, was also hat die „Hamas“ den deutschen Copyright-Cops voraus? Die Hamas hat nicht nur jungen Frauen das Mopedfahren verboten und Männern das Arbeiten in Friseursalons, die von Frauen besucht werden, nein, die Hamas hat jetzt auch das eingeführt, wovon die deutschen Urheberrechts-Fans träumen: Netzsperren.

Die Hamas sperrt seit Anfang September diesen Jahres den Zugang zu Webseiten, die das Hamas-Kommunikationsministerium als „pornografisch“ ansieht. Durchgeführt wird die Sperre laut „Telepolis“ von zehn Internetprovidern, die im Gazastreifen tätig sind. Laut Ministeriumssprecher Kamal al-Masr würde man mit der Politik für „sicheren Content“ lediglich „internationalen Standards“ folgen. Verstoßen Provider gegen die Anordnung der Hamas, dann drohen ihnen nicht nur telekommunikations-, sondern auch strafrechtliche Konsequenzen.

Netzsperre Hamas

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Nachdem Tausende von Schulkindern Opfer einer Brech-Durchfall-Epidemie wurden, fragt der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir scheinheilig, warum unsere Schulkinder chinesische Erdbeeren auf den Teller bekommen und nicht frische deutsche Äpfel oder Rhabarberkompott. Ja, warum wohl? Die Beantwortung dieser Frage können sich Grüne und deren Wähler, die ihre Kinder bevorzugt auf Privatschulen und Waldorfschulen schicken, wohl nicht vorstellen. Vielleicht sollte der Grünen-Vorsitzende mal seinen Parteifreund, den grünen Bezirksbürgermeister von Berlin-Kreuzberg, fragen. Denn it’s the economy, stupid! Für ein Schulessen werden je nach Bundesland zwischen 2 und 3,50 Euro ausgegeben – für alle anfallenden Kosten, also inklusive Essensausgabe und Geschirreinigung. Der von den Grünen regierte Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg etwa hatte im Frühjahr 2012 in einer Ausschreibung von Schulessen maximale Kosten von 2,10 Euro festgelegt. Seriöse Anbieter haben daraufhin die Ausschreibung boykottiert, wovon sich wiederum der SPD-Schulstadtrat „enttäuscht“ zeigte, denn der Bezirk habe doch extra noch einmal gut 10 Cent „draufgelegt“.

Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung kostet ein „gesundes, sicheres Schulessen mindestens 4,50 Euro“. „Wer weder bereit ist, eine ausreichende Finanzierung bereitzustellen, noch für eine einheitliche, praktikable und kostengünstige Organisation zu sorgen, muß sich hingegen nicht über Kantinen und Zulieferer wundern, die den Anforderungen an eine gesunde Verpflegung nicht entsprechen“ („Berliner Zeitung“).

Die Politiker, die weiter Dumping-Preise fürs Schulessen festlegen, spielen also auch in Zukunft mit der Gesundheit der Schulkinder. Bis zur nächsten Epidemie.

Übrigens: seit 2009 wird auf Schulessen der volle Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent erhoben. Die Fast-Food-Ketten dagegen zahlen weiterhin nur den ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent. Haben Sie noch weitere Fragen?

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Wo aber ist Bradley Manning?

21.09.2012 - 00:20

Donnerstag, 21.9.2012, in Berlin, beiderseits der Spree.

In der Mehrzweckhalle auf der falschen Seite des Flusses, die mit dem Charme eines Provinzparkhauses, gastiert die fantastische Comic-Revue des durchgeknallten Burgfräuleins Lady Gaga. Popkultur, wie sie schöner kaum sein kann – bunt, warm, verrückt, künstlich, Synthie-Gewummere und Licht und eine Show, bei der man nicht aufhören kann zu lächeln. Dabei auch beeindruckend, wie warmherzig der Superstar seine Fans behandelt, sie auf die Bühne holt, mit ihnen spricht, singt, sie umarmt. Eine Lektion im ehrlichen Verhältnis zu den Fans. Toll!

Und auf der anderen, der richtigen Seite der Spree, im kleinen Club die Roots-Leute von Big Harp auf ihrer ersten Europa-Tournee. Akustisch. Nach vorne. The real thing, no show. Weiter auseinander kann etwas kaum sein als diese beiden Shows am gleichen Abend auf beiden Seiten der Spree – und dennoch bezeichnen sie unseren Kosmos, das, was wir wollen und lieben und präsentieren möchten. Nur das Mittelmaß zwischen diesen beiden Polen, das Gewöhnliche, das Unengagierte, das Banale zwischendrin – das verachten wir. Das haben wir satt! Immer.

(übrigens: in der Mehrzweckhalle waren vielleicht 13.000 Menschen oder noch ein paar mehr. Im kleinen Comet-Club waren 13 Ticketkäufer. Aber wie erzählte Lady Gaga bei ihrem Konzert? Bei ihrer ersten Show waren 3 Ticketkäufer. Drei! Dann 13. Dann 50. Es war mühsam. Sie hat sich ihr Publikum erspielt. „I’m working damn hard.“ Und heute hat sie bei Twitter mehr Follower als Barack Obama und jeder andere Mensch auf der Welt.

Von Big Harp bis Lady Gaga. Ein lehrreicher Abend in Berlin, beiderseits der Spree...)

20.09.2012 - 00:18

So beginnt auf „Spiegel Online“ ein Bandporträt:

„Das Bandfoto war schon fertig, als der erste Song noch geschrieben werden mußte.“

So ist das wohl heutzutage bei der Selbstoptimierer-Generation: Das Image wird als erstes kreiert, dann erst schreibt man Musik und nimmt sie auf. Nur: wer erinnert sich noch an all diese jungen Bands, die vor zwei, vor vier oder vor sechs Jahren ihre Bandfotos aufnehmen ließen? Was bleibt, wenn es gut läuft, ist: ein Song. Die Musik. Nicht irgendein Bandfoto.

Glaubt ernsthaft irgend jemand, daß Justin Bieber bleiben wird? Klar, er macht ne Menge Geld, und er ist ständig in der Yellow Press. Aber kann irgendwer einen seiner Songs nachpfeifen?

It’s the music, stupid! Nicht das Bandfoto. You get in early and you get out quick.

(es geht in der SPON-Geschichte übrigens um „Die Heiterkeit“, und diese Band ist nicht einmal schlecht)

20.09.2012 - 00:16

Was ist nur mit den jungen Leuten los?

Als unsereiner jung war, sympathisierte die große Mehrheit der unter 30jährigen mit den progressiven Parteien. Über 25 Prozent der unter 30jährigen wählte Grün (die waren damals eine progressive Partei, those were the days...). Nur bei den Älteren hatten die Konservativen eine Mehrheit.

Und heute? Spiegel Online meldet am 19.9.2012: „Angela Merkel liegt zurzeit unschlagbar in der Wählergunst vorne. (...) Vor allem die Jungen und Erstwähler sehen zu Merkel demnach keine Alternative: Die Zustimmung reicht bis hin zu 69 Prozent.“

Sehen ganz schön alt aus, diese jungen Leute. Soll ich Ihnen erzählen, was für eine Musik sie hören? Zum Beispiel den Charts-Stürmer Cro, den mit der Panda-Maske: „Die Welt ist geil / Denn ich habe alles was ich brauch / Ich will hier nie wieder raus / Solang ich hier bin mach ich das Beste draus“. Die taz schrieb zu Cros Auftritt auf dem Berlin Festival: „Ein Animateur auf einem Kreuzfahrtschiff ist nichts gegen den Stuttgarter, der sein Publikum zwischen jedem Song bekniet, in die Hände zu klatschen.“

Deutscher Welt-Zustimmungs-Pop des Jahres 2012. 

20.09.2012 - 00:15

Der reichste Franzose und viertreichste Mann der Welt (wie schon Bert Brecht wußte: sie haben alle einen Namen, ein Gesicht und eine Adresse – der hier heißt Bernard Arnault und ist Eigentümer des weltgrößten Luxuskonzerns LVMH mit einer Markenpalette von Louis Vuitton über Dior bis Moet & Chandon) hat die belgische Staatsangehörigkeit beantragt, wahrscheinlich, um sich der Besteuerung in Frankreich zu entziehen. Bekanntlich will der neue französische Präsident Hollande künftig Einkommen ab einer Million Euro mit 75 Prozent besteuern, plant eine höhere Besteuerung der Zinseinkünfte und hat bereits die Erbschaftssteuer erhöht...

20.09.2012 - 00:15

Doch wollen wir nicht hochnäsig sein. Mehrere Tausend Deutsche haben zum Beispiel das zwielichtige Angebot der zwielichtigen Schweizer Bank „Credit Suisse“ angenommen, Sparkonten als Versicherungen zu deklarieren. Dieses unmoralische Angebot der dubiosen Schweizer Bank ist in unserem Nachbarstaat gewissermaßen systemisch. Seit jeher gründet der Reichtum der Schweiz, die gemessen am Pro-Kopf-Einkommen das zweitreichste Land der Welt (hinter Kuwait...) ist, auf Hehlerei. „Unser einziger Rohstoff ist das fremde Geld“, sagt der Schweizer Politiker und Autor Jean Ziegler. „Es kommt als Mafiakapital aus dem Osten, als Blutgeld aus der südlichen Welt – und es sind die Steuerfluchtmilliarden aus den umliegenden Demokratien. Allein aus Deutschland gibt es viele hundert Milliarden Euro Schwarzgeld. Ein Drittel aller Offshore-Vermögen der Welt werden in der Schweiz verwaltet“, so Ziegler im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“.

Jetzt allerdings fürchten die Schweizer Banken den Abzug von Hunderten Milliarden Euro. Der Chef der UBS-Vermögensverwaltung geht von „800 Milliarden unversteuertem Geld“ aus, bei insgesamt rund 2.800 Milliarden (!) Franken, die Schweizer Banken für ihre ausländischen Kunden verwalten. Doch seit der internationale Druck auf Steuerflüchtlinge erhöht wurde, hat eine Massenflucht der Reichen aus Schweizer Banken begonnen.

Soll man Mitleid haben? Mit wem, und warum?

20.09.2012 - 00:14

Die Deutsche Telekom hat mit dem Musik-Plattformanbieter Spotify eine exklusive Marketing-Kooperation geschlossen. Wer einen bestimmten Telekom-Tarif kauft, bekommt Spotify Premium für denselben Preis kostenlos dazu.

An dieser Stelle soll nicht über Streaming-Dienste an sich verhandelt werden. Man kann dazu unterschiedlicher Ansicht sein. Man kann, wie der britische Indie-Musikvertrieb STHoldings, sagen, „die Streaming-Dienste liefern schlechte Umsätze und haben eine schädliche Wirkung auf Verkäufe“, und seinen Katalog vom Streaming abziehen. Oder man kann, wie der Gründer von „Beggars“, Martin Mills, das Gegenteil feststellen: „Einige unserer Künstler – gerade die, die wir im Katalog führen – stellen bei der Honorarabrechnung fest, daß sie bei einigen Tracks via Streaming mehr verdienen als durch andere Quellen. Für Beggars zahlt sich das um ein vielfaches mehr aus als Radio-Airplay. Deshalb sind wir große Streaming-Unterstützer.“

Interessant an der Kooperation von Telekom und Spotify ist aus meiner Sicht eher zweierlei:

Erstens findet die Telekom, wie ihr Chef mehrfach gesagt hat, die Netzneutralität „überflüssig“. In dem neuen Tarif werden die Musik-Daten von Spotify interessanterweise nicht auf die Datenmenge des gebuchten Tarifs aufgeschlagen. Während der deutsche Netz-Konsument sich in der Regel eine extrem beschränkte Datenqualität (je nach Vertrag von 300 MB bis 2 GB) als „Datenflatrate“ andrehen läßt, besteht das Ziel der Deutschen Telekom darin, unterschiedliche Datenarten zu schaffen, die unterschiedlich abgerechnet werden können. Konsens im Internet ist eigentlich, daß es die Provider nichts angeht, welche Daten über das Netz transportiert werden – der Begriff „Netzneutralität“ meint ja ausdrücklich, daß es die Sache des Nutzers ist, ob er Texte, Musik oder Videos mit einer Plattform oder mit Freunden austauscht. Eben: die „diskriminierungsfreie Übertragung aller Datenpakete, unabhängig von Herkunft oder Ziel, Form oder Inhalt“ (Jens Best, auf dessen lesenswertem Artikel in „Carta“ dieser Teil des Textes beruht). „Man kann eben im Internet nicht filtern, ich kann einem Bit nicht ansehen, was es beinhaltet“, erklärt der Rechtswissenschaftler Thomas Hoeren.

Die Telekom hat jedoch ein massives Interesse daran, bei der Datenübertragung eine Unterscheidung in Qualitätsklassen zu erzielen, um langfristig die unterschiedlichen Datenübertragungsklassen unterschiedlich abrechnen zu können. Die Telekom verletzt mit ihrem Spotify-Deal die „vertikale Netzneutralität“, weil „nun Musik-Daten anders behandelt und abgerechnet werden als der restliche Internet-Verkehr“ (Best).

Zweitens: Ein anderer interessanter Aspekt ist natürlich die Rolle von Spotify. Im Grunde verletzt Spotify die „horizontale Netzneutralität“, weil die Firma durch die Kooperation mit der Deutschen Telekom, einem der hiesigen Marktführer, eine wettbewerbsschädigende Bevorzugung erhält, denn „die Ungleichbehandlung der Musikdateien anderer Musik-Plattformen, monetär wie technisch, ist ein Bruch der innovationsschützenden Netzneutralität“ (Best). Es lohnt sich, an dieser Stelle Spotify genauer unter die Lupe zu nehmen. An dem schwedischen Streaming-Dienstleister sind mittlerweile ja auch die großen Musikkonzerne beteiligt, die nach dem Niedergang ihrer Plattenverkäufe verzweifelt daran arbeiten, wieder die Vertriebswege unter ihre Kontrolle zu bringen. Und die Dominatoren des Weltmusikmarkts haben natürlich wenig Interesse an Netzneutralität, aber extrem starkes Interesse daran, daß die Musikdateien im Internet bevorzugt vertrieben werden können, damit daß Monopol der Musikkonzerne nicht Schaden nimmt – zur Erinnerung: die drei größten Musikkonzerne bestimmen etwa 80 Prozent des Weltmusikmarkts. Außerdem freuen sich die Musikkonzerne, die Beteiligungen an Spotify halten, aus naheliegenden Gründen über jede Möglichkeit, den Austausch von Musikdateien auf allen Ebenen kontrollieren zu können.

Die exklusive Marketing-Kooperation von Deutscher Telekom und Spotify ist ein vielfacher Angriff aus die Netzneutralität und auf die kurz- wie langfristigen Interessen der Verbraucher.

20.09.2012 - 00:12

Immer wieder absonderliche Volten schlägt das Urheber- und das Patentrecht. Laut „Spiegel“ hat sich die Münchner Großbäckerei „Hofpfisterei“ 1977 beim Deutschen Patentamt das Recht eintragen lassen, ihr rundes Brot als „Sonne“ bezeichnen zu dürfen. Und nun verklagt die Münchner Bio-Bäckerei bundesweit andere Bäckereien, die ihre Brote als „Öko-Sonne“, „Vollkornsonne“, „Klostersonne“, „Frisch-Korn-Sonne“ oder „Partysonne“ anpreisen.

Die Geschäftsführerin der Hofpfisterei, Nicole Stocker, verteidigt das rüde Vorgehen gegen andere Bäckereien mittels Patentrechtsklagen laut „Spiegel“ damit, daß „die Sonne unsere Marke mit dem höchsten Umsatz“ sei; es gehe um die „Unverwechselbarkeit“ ihrer „Sonne“ und darum, die Marke vor „Verwässerung“ zu schützen.

Bescheuert, sagen Sie? Aber geltendes Recht hierzulande. Erstaunlich, was die Patentwächter, die bekanntlich auch die Aufsicht über die GEMA führen, alles mitmachen.

So, jetzt muß ich aber los, ich geh mal eben zum Deutschen Patentamt und lasse mir die Begriffe „Musik“ und „Konzert“ patentrechtlich schützen. Soviel Marke, so viel Patent muß sein.

11.09.2012 - 09:18

Nicht undrollig, wie Frau Bettina Wulff, die laut „Spiegel Online“ vom 8.9.2012 mal „erste Frau im Staat war“, obwohl sie doch nie gewählt worden und nur Ehefrau des damaligen Bundespräsidenten war, nun die Firma Google verklagt, damit endlich das aufhört, auf das ihr Herr Gemahl in einem ARD-Interview mit seinen Worten neugierig gemacht hat, nämlich: was im Internet „da über meine Frau alles verbreitet wird an Phantasien“.

Drollig deswegen, weil Frau Wulff so tut, als ob es neben Herrn Jauch auch einen Herrn Google gebe, der Dinge behauptet, die nicht wahr sind. Während eine Suchmaschine ja nun einmal, ob man das will oder nicht, nur ein Algorithmus ist und als solcher ein Spiegelbild bisheriger Suchanfragen. Aktuell (9.9.) schlägt Google jedenfalls, wenn man „Bettina Wulff b“ eingibt, der Reihe nach „Buch“ (Frau Wulff veröffentlicht im Herbst eine Autobiographie), „Bordell“, „Beruf“ und „Bock“ vor. Tschah, das Internet. Ich glaube, das Internet ist an allem Schuld, oder? Ich kann Sie nur eindringlich davor warnen, das Internet zu benutzen.

10.09.2012 - 10:47

Wie Knight Capital, eines der weltweit führenden Brokerhäuser für US-Aktien, Anfang August in einer halben Stunde 440 Millionen US-Dollar an automatische Handelsprogramme verlor, darüber rätseln jetzt die Medien und viele sogenannte Wirtschaftsfachleute.

Wer das Buch „Angst“ von Robert Harris gelesen hat, weiß hingegen Bescheid. „Er versuchte, sich einen außer Kontrolle geratenen, ungesicherten Investmentfonds vorzustellen, der den Urgewalten der globalen Märkte ausgesetzt war: dem Siebenhundert-Billionen-Dollar-Ozean aus Aktien und Anleihen, Devisen und Derivaten (...) Vielleicht war das hier die logische Weiterentwicklung in der Evolutionskette: ein virtuelles Unternehmen in einer realen Welt.“

Ein spannendes und interessantes Buch. Und wie wir aktuell sehen: ein realitätsnahes.

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Aus der „FAZ“ erfahren wir, daß in Essen-Rüttenscheid eine Bürgerinitiative dafür kämpft, daß per Bürgerentscheid die Umbenennung zweier Straßen rückgängig gemacht wird. Die Nationalsozialisten hatten 1937 die Irmgard- und die Ortrudstraße nach den Reichswehroffizieren von Seeckt und von Einem umbenannt. Ende Mai 2012 war diese NS-Straßenumbenennung mit den Stimmen von SPD, Grünen und Linkspartei rückgängig gemacht worden. Die Bürgerinitiative, die ihre Reichswehroffiziere zurückhaben will, nennt sich sinnigerweise „Pro-Von“.

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Die „Berliner Zeitung“ meldet, daß die Bundesnetzagentur bislang 178 Unternehmen von der Zahlung der sogenannten Netzentgelte befreit hat. Die Regelung, die von der Bundesregierung 2011 verabschiedet wurde, sieht vor, daß Unternehmen, die mehr als zehn Gigawattstunden Strom pro Jahr verbrauchen, von den für sie ohnedies schon deutlich reduzierten Netzentgelten, also den Gebühren für die Nutzung des Stromnetzes, gänzlich ausgenommen werden. Die dort verlorengegangenen Beträge müssen nun über eine Umlage hauptsächlich von Kleinkunden getragen werden, die jährlich weniger als 100.000 Kilowattstunden Strom verbrauchen. Verbraucher und kleinere Unternehmen werden pro Jahr etwa eine Milliarde Euro für die Befreiung von etwa 200 stromintensiven Firmen zahlen müssen.

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 „Ihr müßt verstehen, Genossen, daß das Gesamtwerk eines Künstlers mannigfaltig ist und daß jeder Musiker neben Werken, die sofort verstanden werden, auch Kompliziertes produzieren muß, um die Kunst vorwärts zu bringen." (Hanns Eisler in einem Brief an das ZK der SED, 1953)

Das Problem 2012 könnte anders gelagert sein – heutzutage müßte man den meisten Musikern wohl erst ausdrücklich erklären, daß „jeder Musiker (...) auch Kompliziertes produzieren muß, um die Kunst vorwärts zu bringen“...

Happy Birthday, Hanns Eisler!

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„In einem Zeitalter, in dem Inhalte zu Ware geworden sind, sollte man sich daran erinnern, daß Homer keine Tantiemen zu erwarten hatte.“
(Tim Wu, Master Switch)

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Die Affäre um Ex-Bundespräsident Christian Wulff ist so uninteressant wie der Politiker Wulff es immer war – was daran spannend ist, ist einzig das Beispielhafte der aktuellen Politik und der Motivation, aus der heraus hierzulande Politiker Politik machen. Insofern sollte man den aktuellen „Spiegel“ lesen, und zwar die Geschichte „Ende einer Freundschaft“. Der „Spiegel“ ist irgendwie an das Protokoll der staatsanwaltlichen Vernehmung Wulffs geraten und zitiert auf mehreren Seiten daraus – entlarvend. Es geht um den „Charakter“ (falls man dieses große Wort für diese Politik-Kleindarsteller verwenden möchte) von Leuten wie Wulff oder Glaeseker, Leute, die sich ihre Urlaube von Leuten finanzieren lassen, mit denen sie Geschäfte machen, Leute wie Wulff, die ihre Flitterwochen im Haus eines Aufsichtsrats einer Firma verbringen, die  Veranstaltungen des Landes Niedersachsen sponsert. „Es zeigt das Wesen von Christian Wulff, der gern schwiegersohnhaft auftrat, auf dessen Loyalität jedoch niemand zählen konnte. Es ist zudem eine Dokumentation über die Politik von heute: wie die Ökonomie alles andere überragt, wie das Geld dominiert“ („Spiegel“).

Begeistert erzählt Wulff seinen Vernehmern, wie er einmal mit Glaesekers Hilfe das Popsternchen Lena nach ihrem Sieg beim europäischen Schlagerwettbewerb von Oslo direkt nach Hannover-Langenhagen lotsen konnte „und dieses Ereignis auf vier Fernsehsendern parallel übertragen wurde“, so Wulff ganz stolz gegenüber den Staatsanwälten. Er fährt fort: „Politik Niedersachsens war, den Standort und die Region zu profilieren und Image-Bildung zu betreiben. Gestört hat das immer nur die Opposition, weil die natürlich weiß, daß der Punkt an die Regierung geht, wenn ich den Blumenstrauß Lena überreiche.“

Schöner kann man das Verhältnis von Politik und Pop und Presse, und was jeder der Protagonisten darin zu tun hat, kaum beschreiben. Es kommt darauf an, wer die Blumensträuße überreicht, und wie viele Fernsehanstalten live dabei sind. Politik als Fassadengeschäft. Der Ministerpräsident als Blumenstraußüberreich-Onkel.

Nur auf die eigentliche Politik, für die Leute wie Wulff gewählt werden, hat der ehemalige Ministerpräsident und ehemalige Bundespräsident wenig Lust. Die Plenartage waren für Wulff, so hat er es dem Staatsanwalt verraten, „die brutalsten und schlimmsten Tage des Monats“.

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Der Limburger Bischof Tebartz-van Elst flog erster Klasse nach Bangalore/Indien, um soziale Projekte zu besuchen. Laut eigener Aussage wollte er Kindern helfen, die in Steinbrüchen arbeiten müssen. Wie bigott können katholische Funktionäre sein?
Am besten hätte er einem der Kinder sein Rückflugticket geschenkt...

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Und dann erreicht mich eine Email von Amazon.de mit der großsprecherischen Betreffzeile „Neu und vergleichbar mit Sämtliche Werke von Heinrich von Kleist“.
Und was bietet mir Amazon als „vergleichbar mit Kleist“ an?
Ausgerechnet Peter Sloterdijks Notizenband „Zeilen und Tage“.
Die Wahrheit ist eben tatsächlich, daß uns auf Erden nicht zu helfen ist...

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 „200.000 Euro im Jahr reichen fürs Leben“, bekennt Peter Daniell Porsche im „FAS“-Interview.

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„Banken und Konzerne mißachten das Recht, Politiker spielen Charakter, doch sind charakterlos, Wähler werden unmündig: Gesellschaftsmodelle bilden die Wirklichkeit nicht mehr ab. (...) Zunächst die Banken. Ende Juli nahm die HSBC 700 Millionen Dollar Rückstellungen für mögliche Strafzahlungen und sonstige Ausgaben im Zusammenhang mit Vorwürfen der Geldwäsche für Gewinne aus dem Drogenhandel vor. Nur einen Monat zuvor hatte Barclay’s sich bereit erklärt, an die Regulierungsbehörde 420 Millionen Dollar wegen des Vorwurfs einer Manipulation des Libor zu zahlen (...) Wenig später erklärte Standard Chartered sich nach kurzem Leugnen bereit, 340 Millionen Dollar Strafe in Zusammenhang mit dem Vorwurf zu zahlen, Transaktionen zur Finanzierung terroristischer Gruppen verschleiert zu haben. (...) Die Bank of America hat eingeräumt, daß ihre laxen Kontrollen es südamerikanischen Geldwäschern ermöglicht haben, illegal 3 Milliarden Dollar durch eine einzige Filiale in Midtown Manhattan zu schleusen.“ (Emanuel Derman in der „FAZ“)

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„Warum müssen die zittern, die Unrecht leiden?
Warum dürfen die fröhlich sein, die Unrecht tun?“

Bernd Alois Zimmermann, Soldaten

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Und die "Berlin Music Week"? Vergessen Sie's. Wir sehen uns diese Woche bei den Eisler-Tagen oder beim Berliner Musikfest. Denn wie hat Eisler so schön gesagt?

"Wer nur von Popmusik etwas versteht, versteht auch davon nichts."

09.09.2012 - 14:59

Die Deutsche Telekom hat mit dem Musik-Plattformanbieter Spotify eine exklusive Marketing-Kooperation geschlossen. Wer einen bestimmten Telekom-Tarif kauft, bekommt Spotify Premium für denselben Preis kostenlos dazu.

An dieser Stelle soll nicht über Streaming-Dienste an sich verhandelt werden. Man kann dazu unterschiedlicher Ansicht sein. Man kann, wie der britische Indie-Musikvertrieb STHoldings, sagen, „die Streaming-Dienste liefern schlechte Umsätze und haben eine schädliche Wirkung auf Verkäufe“, und seinen Katalog vom Streaming abziehen. Oder man kann, wie der Gründer von „Beggars“, Martin Mills, das Gegenteil feststellen: „Einige unserer Künstler – gerade die, die wir im Katalog führen – stellen bei der Honorarabrechnung fest, daß sie bei einigen Tracks via Streaming mehr verdienen als durch andere Quellen. Für Beggars zahlt sich das um ein vielfaches mehr aus als Radio-Airplay. Deshalb sind wir große Streaming-Unterstützer.“

Interessant an der Kooperation von Telekom und Spotify ist aus meiner Sicht eher zweierlei:

Erstens findet die Telekom, wie ihr Chef mehrfach gesagt hat, die Netzneutralität „überflüssig“. In dem neuen Tarif werden die Musik-Daten von Spotify interessanterweise nicht auf die Datenmenge des gebuchten Tarifs aufgeschlagen. Während der deutsche Netz-Konsument sich in der Regel eine extrem beschränkte Datenqualität (je nach Vertrag von 300 MB bis 2 GB) als „Datenflatrate“ andrehen läßt, besteht das Ziel der Deutschen Telekom darin, unterschiedliche Datenarten zu schaffen, die unterschiedlich abgerechnet werden können. Konsens im Internet ist eigentlich, daß es die Provider nichts angeht, welche Daten über das Netz transportiert werden – der Begriff „Netzneutralität“ meint ja ausdrücklich, daß es die Sache des Nutzers ist, ob er Texte, Musik oder Videos mit einer Plattform oder mit Freunden austauscht. Eben: die „diskriminierungsfreie Übertragung aller Datenpakete, unabhängig von Herkunft oder Ziel, Form oder Inhalt“ (Jens Best, auf dessen lesenswertem Artikel in „Carta“ dieser Teil des Textes beruht). „Man kann eben im Internet nicht filtern, ich kann einem Bit nicht ansehen, was es beinhaltet“, erklärt der Rechtswissenschaftler Thomas Hoeren.

Die Telekom hat jedoch ein massives Interesse daran, bei der Datenübertragung eine Unterscheidung in Qualitätsklassen zu erzielen, um langfristig die unterschiedlichen Datenübertragungsklassen unterschiedlich abrechnen zu können. Die Telekom verletzt mit ihrem Spotify-Deal die „vertikale Netzneutralität“, weil „nun Musik-Daten anders behandelt und abgerechnet werden als der restliche Internet-Verkehr“ (Best).

Zweitens: Ein anderer interessanter Aspekt ist natürlich die Rolle von Spotify. Im Grunde verletzt Spotify die „horizontale Netzneutralität“, weil die Firma durch die Kooperation mit der Deutschen Telekom, einem der hiesigen Marktführer, eine wettbewerbsschädigende Bevorzugung erhält, denn „die Ungleichbehandlung der Musikdateien anderer Musik-Plattformen, monetär wie technisch, ist ein Bruch der innovationsschützenden Netzneutralität“ (Best). Es lohnt sich, an dieser Stelle Spotify genauer unter die Lupe zu nehmen. An dem schwedischen Streaming-Dienstleister sind mittlerweile ja auch die großen Musikkonzerne beteiligt, die nach dem Niedergang ihrer Plattenverkäufe verzweifelt daran arbeiten, wieder die Vertriebswege unter ihre Kontrolle zu bringen. Und die Dominatoren des Weltmusikmarkts haben natürlich wenig Interesse an Netzneutralität, aber extrem starkes Interesse daran, daß die Musikdateien im Internet bevorzugt vertrieben werden können, damit daß Monopol der Musikkonzerne nicht Schaden nimmt – zur Erinnerung: die drei größten Musikkonzerne bestimmen etwa 80 Prozent des Weltmusikmarkts. Außerdem freuen sich die Musikkonzerne, die Beteiligungen an Spotify halten, aus naheliegenden Gründen über jede Möglichkeit, den Austausch von Musikdateien auf allen Ebenen kontrollieren zu können.

Die exklusive Marketing-Kooperation von Deutscher Telekom und Spotify ist ein vielfacher Angriff aus die Netzneutralität und auf die kurz- wie langfristigen Interessen der Verbraucher.

09.09.2012 - 14:57

Immer wieder absonderliche Volten schlägt das Urheber- und das Patentrecht. Laut „Spiegel“ hat sich die Münchner Großbäckerei „Hofpfisterei“ 1977 beim Deutschen Patentamt das Recht eintragen lassen, ihr rundes Brot als „Sonne“ bezeichnen zu dürfen. Und nun verklagt die Münchner Bio-Bäckerei bundesweit andere Bäckereien, die ihre Brote als „Öko-Sonne“, „Vollkornsonne“, „Klostersonne“, „Frisch-Korn-Sonne“ oder „Partysonne“ anpreisen.

Die Geschäftsführerin der Hofpfisterei, Nicole Stocker, verteidigt das rüde Vorgehen gegen andere Bäckereien mittels Patentrechtsklagen laut „Spiegel“ damit, daß „die Sonne unsere Marke mit dem höchsten Umsatz“ sei; es gehe um die „Unverwechselbarkeit“ ihrer „Sonne“ und darum, die Marke vor „Verwässerung“ zu schützen.

Bescheuert, sagen Sie? Aber geltendes Recht hierzulande. Erstaunlich, was die Patentwächter, die bekanntlich auch die Aufsicht über die GEMA führen, alles mitmachen.

So, jetzt muß ich aber los, ich geh mal eben zum Deutschen Patentamt und lasse mir die Begriffe „Musik“ und „Konzert“ patentrechtlich schützen. Soviel Marke, so viel Patent muß sein.

09.09.2012 - 14:56

„Friedensnobelpreisträger Bischof Desmond Tutu (...) trifft den Kern unseres verdrängenden Bewußtseins, wenn er feststellt, daß wegen des ungerechtfertigten, illegalen Angriffskrieges auf den Irak ein Verfahren vor dem internationalen Gerichtshof in Den Haag stattfinden müßte. (...)

Ohne diese Lügen (der US-Regierung und der Medien, BS) keine Folter in Abu Ghraib und Guantánamo, keine Videos und Dokumente von Kriegsverbrechen, kein Verrat von Geheimnissen, kein Wikileaks und kein Assange. Es ist das ursprüngliche Verbrechen. Das Drama um Assange ist das Symptom unseres schlechten Gewissens, wie ein wiederkehrender Alptraum. Assange verweist auf Bradley Manning, der auf Rumsfeld, Bush, Cheney und Blair verweist. Sie müssen vor ein ordentliches Gerücht, alle.“

Nils Minkmar im Feuilleton der „FAZ“

09.09.2012 - 14:55

Kaum zu glauben: Selbst das deutsche Staatsfernsehen hat nach Jahrzehnten endlich erkannt, wie peinlich die Duzmaschine Waldemar Hartmann ist, und dem sogenannten Sportreporter keinen neuen Arbeitsvertrag gegeben. „Waldi“ ist das Symbol für sich anwanzenden, distanzlosen Journalismus, er hätte schon längst auf die Müllkippe gehört – aber immerhin, besser spät als nie. Und seien wir ehrlich: das Modell Waldemar Hartmann ist in gewisser Weise auch Vorbild für den embedded Kumpel-Journalismus, der in der Musikindustrie vorherrscht.

Doch während vielen Menschen und den meisten Medien das Abservieren Waldi „Weißbier“ Hartmanns nur ein erleichtertes Seufzen, das allerdings tsunamihaft von Ostfriesland bis Niederbayern zu hören war, und vielleicht einen Zweizeiler unter „Sport/Vermischtes“ wert ist, so ehrt die „taz“, dieser Hort anspruchsvollen und aufgeklärten Journalismus, Herrn Hartmann prompt mit einem doppelseitigen Interview in ihrer Samstagsausgabe. Andrerseits: Ohne die „taz“ hätten wir nie erfahren, daß Herr Hartmann den „Spiegel“ vor allem liest, wenn er ihn „günstig im Flugzeug kriegt“. Die taz hats ihm abverlangt.

31.08.2012 - 15:21

Urheberrecht at it’s best:

Das „Handelsblatt“, das über die Berichte der Konzernrevision der „Ergo“-Versicherungsgruppe berichtet hatte, in denen die Stimulierung von freien Handelsvertretern mittels käuflichem Sex beschrieben wurde, wurde von den Anwälten des Versicherungskonzerns nun aufgefordert, die Verbreitung dieser Berichte der „Ergo“-Konzernrevision zu unterlassen. Hatte „Ergo“-Vorstandschef Oletzky jüngst angesichts der „Budapest-Affäre“ noch „Offenheit und Transparenz“ angekündigt, macht er nun nach den neuerlichen Veröffentlichungen der Wirtschaftszeitung einen Rückzieher.

Pikant ist die Begründung der „Ergo“-Anwälte: Das „Handelsblatt“ verletze durch die Veröffentlichung der Berichte der Konzernrevision die „Urheberrechte der Versicherung“. Hübsch an der drollig-verquasten Argumentation ist, daß es mit dem „Handelsblatt“ eine Zeitung trifft, die massiv für das bestehende Urheberrecht eintritt.

Ergo, Handelsblatt: Ham wa wieda was gelernt...

29.08.2012 - 15:51

Ob die Initiative „Ja zum Urheberrecht“ wußte, was sie tat, als sie sich selbst bzw. die Urheber als Leiche inszenierte?

 Kulturfledderer 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

25.08.2012 - 13:32

Seit 2007 bildeten deutsche Polizisten die Sicherheitskräfte des autoritären Regimes von Alexander Lukaschenko aus – „Deutschland schulte Prügel-Miliz“, titelt die „taz“. Laut Bundesregierung ist die Ausbildung von 500 weißrussischen Milizionären und Grenzschützern natürlich „keine Unterstützung für das weißrussische Regime“ („FAZ“). Und die Erde ist eine Scheibe. –

Der amtierende Präsident Paraguays wurde durch einen „kalten Staatsstreich“ entmachtet, Paraguay wurde vom Treffen der Mercosur-Staaten ausgeladen, fast alle Staaten Lateinamerikas zogen ihre Botschafter ab. Der deutsche Entwicklungsminister und Teppichfan Niebel (FDP) aber fand beim Besuch Paraguays nichts Anrüchiges am Machtwechsel und stellte dem neuen Regime einen Persilschein aus: „Es gibt keine Anzeichen dafür, daß es beim Regierungswechsel verfassungswidrig zugegangen ist“.

Der von der deutschen Rüstungsschmiede Krauss-Maffei gebaute Leopard 2-Kampfpanzer soll nach Saudi-Arabien, Katar und Indonesien geliefert werden, womit der Grundsatz verletzt wird, keine Kriegswaffen in Spannungsgebiete zu liefern. Die Bundesregierung arbeitet im Stillen längst daran, „deutsche Waffenexporte über den Umweg der Nato und vorbei an den strengen Regeln der Bundesrepublik möglich zu machen“ („Spiegel“).

In Katar, dem Ausrichter der Fußball-WM 2022, gibt es kein Parlament, politische Parteien und Gewerkschaften sind verboten, die Menschenrechtssituation wird von „amnesty international“ als „besonders problematisch“ eingestuft. Während der Scharia-Staat Saudi-Arabien als einer der „autoritärsten Staaten der Erde“ gilt, in dem massiv die Menschenrechte verletzt werden, das Regime friedliche Kritiker jahrelang einsperren und foltern läßt, wo Homosexuelle ausgepeitscht und Ehebrecher, Drogendealer und Räuber mit der Todesstrafe u.a. durch Schwerthieb oder öffentlicher Steinigung rechnen müssen.

Deutschland ist der weltweit drittgrößte Waffenexporteur.

24.08.2012 - 11:41

Der Blogeintrag zu Pussy Riot unten wurde am 19.8. geschrieben.

Nur wenige Tage später wurde die geäußerte Behauptung Realität: Drei junge „Polit-Aktivisten“ haben laut heutiger „Berliner Zeitung“ für ihre Aktion zur Unterstützung der verurteilten russischen Pussy-Riot-Musikerinnen einen Gottesdienst im Kölner Dom gestürmt, hatten lautstark „Free Pussy Riot“ gerufen und Flugblätter verteilt. Sie trugen dabei ein Transparent mit der Aufschrift „Free Pussy Riot and all prisoners“. Die Aktion im Kölner Dom dauerte kaum länger als eine Minute, dann wurde das Trio von sogenannten „Domschweizern“ (was es alles gibt...), den Kirchenwächtern von Köln, aus der Kirche geführt.

„Die katholische Kirche hat nach der Aktion Strafanzeige gegen die beiden 23 und 25 Jahre alten Männer und die 20-jährige Frau erstattet. Der katholischen Kirche geht es um die Ruhe im Kölner Dom, das Recht auf Demonstrationsfreiheit dürfe nicht über das Recht auf Religionsfreiheit und die religiösen Gefühle der Gottesdienst-Teilnehmer gestellt werden.

Den drei Demonstranten droht nun Gefängnis. Sie können wegen Hausfriedensbruch und Störung der Religionsausübung belangt werden – und mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft werden. In einem ähnlichen Fall war ein Berliner, der einen Festgottesdienst zum Tag der deutschen Einheit gestört hatte, zu neun Monaten Haft verurteilt worden“, berichtet die „Berliner Zeitung“.

Der Kölner Domprobst Feldhoff hatte übrigens Anfang August in einem Interview den Moskauer Prozeß verteidigt: eine schrille Protestaktion wie die von Pussy Riot in Rußland hätte auch im Kölner Dom Konsequenzen. „Die Würde des Doms zwingt uns, dagegen vorzugehen“, so der Domprobst.

Einen Tag zuvor meldete die „taz“, daß der Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, die drei Pussy Riot-Musikerinnen im Gefängnis besuchen möchte. Als Leiter der Gedenkstätte im früheren Stasi-Zentralgefängnis liege ihm „die Respektierung des Grundrechts auf freie Meinungsäußerung auch in heutiger Zeit sehr am Herzen“, schrieb Knabe an den russischen Botschafter in Berlin. Knabe kann nun im eigenen Land bleiben, um sich für das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung zu bemühen, und sich für die in Köln angezeigten Demonstranten einsetzen. Wir warten gespannt, ob all die Pussy-Riot-Solidarisierer, von Frau Merkel über Frau Peaches bis zu den Herren Knabe und Westerwelle, und all die anderen, denen das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung zumindest in Rußland so sehr am Herzen liegt, sich in Köln ebenfalls so vehement für die freie Meinungsäußerung von Demonstranten im Kölner Dom einsetzen werden, wie sie es gegenüber Putin in Rußland tun.

(ich gebe zu: das war jetzt eher eine rhetorische Bemerkung, ich kann Ihnen jetzt schon sagen, was passieren wird...)

22.08.2012 - 12:36

Dieter Moor, „Bauer sucht Kultur“ und Moderationstexte-Aufsager u.a. beim ARD-Kulturmagazin „titel, thesen, temperamente“, gehört zu den Unterzeichnern der Initiative „Wir sind die Urheber“. Wenn es um seine eigenen Interessen geht, nimmt Moor es mit den Rechten von Urhebern allerdings nicht so genau.

Die (übrigens sehr empfehlenswerte) satirische Website „Postillon“ hatte über die Versuche von Berlin und Brandenburg (nennen wir diese Länder ruhig mal so, wie sie es verdienen: Bebra...), einen Flughafen in den märkischen Sand zu bauen, sehr hübsch mit der Erfindung eines „Futur III“ gescherzt, „damit die Berliner künftig über ihren Flughafen geredet haben werden hätten“. Über „Perlentaucher“ wurde dieser schöne Text einer größeren Öffentlichkeit bekannt.

Ein paar Tage nach den Veröffentlichungen beendete Moor die Moderation von „titel, thesen, temperamente“ mit eben diesem Scherz über das „Futur III“. Allerdings ohne Quellenangabe – er hat den Gag einfach geklaut.

Nun ist aus sehr gut unterrichteten Kreisen längst bekannt, daß Dieter Moor seine Schlußtexte in der ARD-Sendung nicht selber schreibt, sondern schreiben läßt – auch wenn der Autor im Abspann nie genannt wird, Moor und die ARD-Redaktion also den Eindruck erwecken, der beim Publikum erwünscht ist: daß Moor sich seine originellen und in der Regel geschliffen formulierten Pointen selbst ausdenkt. Nachdem Moor nun massiv als Plagiator in die Kritik geraten war, gab die Redaktion von „ttt“ verschämt zu, daß nicht Moor selbst, sondern „dessen Koautor“ (den sie das erste Mal in die Öffentlichkeit einführt) den Scherz im Internet gefunden und für Moors Moderation abgeschrieben habe.

Wir halten also fest: Dieter „wir sind die Urheber“ Moor läßt seine Texte, die er vorträgt, von jemand anderem schreiben, wohl, weil er es selber nicht kann, obwohl er so tut, als ob das seine Texte seien – und sein (Ko-?)Autor klaut für den Urheber-Verteidiger einfach eine Pointe aus dem Netz. Und seine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt bezahlt weder den eigentlichen Urheber, noch nennt sie wenigstens die Quelle der von Dieter „wir sind die Urheber“ Moor aufgesagten Pointe. Und dafür zahlen wir zig Milliarden Rundfunkgebühren. Ein tolles öffentlich-rechtliches Schauspiel.

Die „ttt“-Redaktion sollte den Titel des Schlußtextes ändern: Statt „Schluß mit Moor“ besser „Moor sagt jetzt einen Text auf, den sein Autor für ihn im Internet gefunden und geklaut hat“.

22.08.2012 - 12:33

Wie die „Berliner Zeitung“ berichtet, plant die Bundesregierung, private Musikschulen künftig kräftig zur Kasse zu bitten. Ab nächstem Jahr soll für den Musikunterricht an privaten Musikschulen 19% Umsatzsteuer fällig werden – was den Musikunterricht um knapp ein Fünftel teurer machen würde. Die Neuregelung soll auch für Ballett-, Tanz- und Malschulen gelten.

In ihren Sonntagsreden sprechen Politiker gerne davon, daß die musische Bildung junger Menschen wichtig sei. In der Praxis ist der Bundesregierung die musische Bildung vollkommen wurscht – zudem desinformiert das Bundesfinanzministerium die Öffentlichkeit mit einer gezielten Falschbehauptung: Laut Bundesfinanzministerium gehe es hier um die „Umsetzung europäischen Rechts“; die Unterscheidung zwischen Freizeit- und Bildungswert eines Kurses sowie der Hinweis auf die Gewinnorientierung einer privaten Musikschule, Hauptargumente des Finanzministeriums, finden sich jedoch gar nicht in der EU-Richtlinie über mögliche Mehrwertsteuer-Befreiungen.

Bereits jetzt gibt es übrigens enorme Wartelisten bei Musikschulen. Und laut einer GfK-Umfrage verzichtet ein Viertel der Bevölkerung schon heute aus Kostengründen darauf, ein Instrument zu lernen. Wenn es nach Schäuble geht, wird sich diese Quote erhöhen – Bildung für alle? Pustekuchen. Schäuble & Co wollen anscheinend eine Rückkehr zu feudalen Zeiten, als es ein auf den Adel beschränkter Luxus war, ein Musikinstrument zu erlernen. 

19.08.2012 - 17:09

Bei all den Solidaritätsadressen von Frau Merkel, Frau Peaches, Frau Madonna oder Herrn Westerwelle an Pussy Riots nach ihrer skandalösen Verurteilung durch ein Moskauer Gericht – machen wir uns nichts vor, es gibt wenig Anlaß, sich im hiesigen vermeintlichen Schmuse-Biedermeier irgendwie besser zu fühlen. Haben Sie sich einmal die Bilder der großartigen Performance von Pussy Riots in der Moskauer Kirche angesehen? Und nun stellen Sie sich mal vor, was hierzulande los wäre, wenn eine Band wie Pussy Riots den Altar des Kölner oder Fuldaer Doms kapern und eine ähnliche Performance hinlegen würde. Natürlich würden diese Pussy Riots hierzulande vom Fleck weg verhaftet werden, natürlich würden Deutschlands Bischöfe so wie der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, Kyrill I., die Aktion als „Blasphemie“ verurteilen, natürlich müßten sich diese Pussy Riots auch hierzulande wegen Mißachtung der Kirche und der „Verletzung religiöser Gefühle“ verantworten und sich dem medialen Spießrutenlaufen von Blödzeitung bis Einstecktüchlein-Katholik Mosebach aussetzen. Letzterer würde wahrscheinlich in der „Berliner Zeitung“ die sofortige Ausweisung von Pussy Riots in ein sibirisches Gefangenenlager fordern und hämisch hinterherrufen, es würde nicht schaden, solchen kirchenfeindlichen Performance-Künstlerinnen „einen gewaltigen Schrecken einzujagen“, es würde schließlich, da ist der Mosebach dem Putin sehr nahe, „das soziale Klima fördern, wenn Blasphemie wieder gefährlich wird“.

18.08.2012 - 20:57

„Ich glaube nicht an Gott. Religionen sind für mich eine ziemlich dumme Form des Eskapismus. Es gibt bessere: Essen, Wein, Sex, Baseball...“   (Woody Allen)

18.08.2012 - 20:55

Wissen Sie, was das mit weitem Abstand größte Gebäude Berlins ist?

Der Neubau des Geheimdienstes. Der gerade im Entstehen befindliche, gigantische BND-Komplex mit einer Brutto-Grundfläche von sage und schreibe 260.000 Quadratmetern wird gerade gebaut, das Gesamtprojekt wird wohl an die zwei Milliarden Euro kosten.

Haben Sie noch irgendwelche Frage?

14.08.2012 - 23:02

Gerade erreicht mich diese Email von Twitter mit dem Titel „Entdecke mehr auf Twitter“: Wußtest Du, daß Twitter individuell auf Dich abgestimmte Vorschläge generiert, wem Du folgen kannst? Denen zu folgen, die Dich interessieren, hilft Dir die Informationen zu erhalten, die für Dich heute wirklich wichtig sind oder es morgen vielleicht sein werden.“

Und welche drei „individuell auf mich abgestimmte Vorschläge“ hat Twitter mir gemacht? Diese: Sascha Lobo (Faktotum). Erika Steinbach (Vertriebenenfunktionärin). Und einen Hermann Gröhe, dessen aktuellster Tweet so geht: Wir gedenken heute der Menschen, die für ihren Wunsch nach Freiheit an der Berliner Mauer und an der innerdeutschen Grenze gestorben sind.“

Zwei Reaktionäre und ein unvermeidlicher Netzweltheini – ganz schön dialektisch, was das Gezwitschere da „individuell auf mich abgestimmt“ hat...

12.08.2012 - 22:39

Die Schlagzeilen melden unisono: Homosexuelle Lebenspartnerschaften sollen endlich steuerlich mit verheirateten heterosexuellen Paaren gleichgestellt werden. Ehegattensplitting für alle! „Willkommen im Leben, CDU“, kommentierte die „Süddeutsche Zeitung“.

Doch was ist „das Leben“ in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2012?

Das herrschende Konstrukt der Bundesregierung ist nach wie vor das der „Familie“, die durch „Eheschließung“ begründet wird. Doch die Zahl der Eheschließungen geht drastisch zurück, nicht einmal die Hälfte der Deutschen ist verheiratet (ca. 38 Millionen), und die Mehrheit der Ehepaare hat keine Kinder (lediglich 9,23 Millionen Ehepaare haben Kinder).

Fast jede zweite Ehe wird geschieden (ca. 200.000 pro Jahr), die meisten davon nach 4 bis 8 Ehejahren, und bereits seit 1972 ist die Zahl der jährlichen „Ehelösungen“ (wie das Statistische Bundesamt das nennt) höher als die der „Eheschließungen“ (der Überschuß der „Ehelösungen“ beträgt mittlerweile zwischen 150.000 und 175.000 jährlich). Zwischen 145.000 und 170.000 Kinder sind jedes Jahr von Ehescheidungen betroffen.

Knapp 16 Millionen gelten den offiziellen Statistikern als „Alleinstehende“, hinzu kommen noch einmal 1,7 Millionen alleinstehende Menschen, die ihren Haushalt mit anderen Personen teilen. Die konservative „FAZ“ faßt im Juli 2012 in einer Schlagzeile zusammen: „Die Ehe verliert an Bedeutung.“

Wie man angesichts dieser Tatsachen heutzutage als Regierungspolitik (mit der ja weite Teile der Opposition d’accord geht) immer noch auf das historisch überlebte Institut „Ehe“ und „Familie“ als das Nonplusultra modernen Zusammenlebens von Menschen zurückgreifen kann, ist ein Rätsel. Fast schon skandalös jedoch mutet die Tatsache an, daß die Ehe massiv finanziell subventioniert wird: Durch das sogenannte Ehegatten-Splitting gewährt der Staat Ehepaaren einen Steuernachlaß von etwa 15 Milliarden Euro im Jahr. Die Förderung von Familien an die Förderung der Ehe zu knüpfen, ist ein Relikt der Adenauer-Zeit, das allmählich selbst bei den Konservativen überlebt sein sollte. Mal jenseits dessen, daß durch das Ehegattensplitting vor allem Alleinverdiener-Ehen, egal ob mit oder ohne Kind, gefördert werden (in denen in der Regel immer noch die Ehefrau diejenige ist, die kein Einkommen bezieht, also „am Herd“ bleibt...) – und zwar desto stärker, je höher das Einkommen.

Damit wir uns nicht mißverstehen: Natürlich sollen homosexuelle Lebenspartnerschaften die gleichen Vorteile aus gesetzlichen Regelungen ziehen wie heterosexuelle Ehepaare. Solange es Ehegattensplitting gibt, sollte dies selbstverständlich auch homosexuellen Lebenspartnerschaften gewährt werden. Aber das Problem liegt doch ganz woanders: „Willkommen im Leben“ sollte doch bedeuten, endlich vom überkommenen und längst überholten Ehegattensplitting Abschied zu nehmen und in der gesellschaftlichen Realität des 21.Jahrhunderts anzukommen.

Übrigens: wer denkt, die Anerkennung dieser Realität falle den Regierenden schwer, der sieht sich zu einem guten Teil getäuscht: Dann, wenn der Staat daraus Vorteile ziehen kann, behandelt er nicht verheiratete Paare nämlich längst wie Ehepaare – etwa, wenn es um Hartz IV oder um Arbeitslosengeld geht. Da soll der eine Unverheiratete wie selbstverständlich des Mitbewohners Last schultern. Es ist eben alles Ideologie. 

12.08.2012 - 18:42

Die Vorsitzenden der „Linken“, Katja Kipping, und der „Piraten“, Bernd Schlömer, haben, moderiert vom Verleger des „Freitag“, Jakob Augstein, in Berlin eine Podiumsdiskussion bestritten. Herausgekommen ist dabei nichts, aber alle bürgerlichen Medien berichteten groß – wie es eben oft so ist, daß über jeden Köttel, den jemand auf den Weg setzt, eifrig berichtet werden muß. Besonders fiel auf, daß nahezu alle sogenannten seriösen Tageszeitungen ausführlich über das der Diskussion vorangegangene Foto-Shooting berichteten, bei dem sich Frau Kipping und Herr Schlömer sehr nahegekommen und in die Augen gesehen haben müssen. Da konnten die bürgerlichen Medien kaum an sich halten und bewiesen, daß der Unterschied zwischen sagen wir „Frankfurter Rundschau“, „Zeit“, „Tagesspiegel“ („Er in orangefarbener Hose, sie in schicken hochhackigen roten Schuhen“), „Financial Times Deutschland“ („Sie saßen auf einer Holzbank und schauten sich tief in die Augen, sanft strich der Wind über die nahen Bäume“) oder „Welt“ und der Yellow Press und People-Magazinen wie der „Bunten“ im Zweifelsfall ein eher marginaler ist – sind eben alle Teil der gleichen Propagandamaschine...

Alle genannten Medien berichteten übereinstimmend, daß die beiden Parteichefs sich jetzt duzen würden, und daß Schlömer gesagt habe: „Bisher habe ich Frauen, denen ich so nahe kam, immer geküßt“, worauf Frau Kipping geantwortet habe: „Bevor ich jemanden küsse, habe ich erst ein paar kritische Fragen.“ Das war wohl die wichtigste Nachricht des Abends.

Ansonsten muß der Abend frustrierend verlaufen sein, was wohl hauptsächlich am Ober-Piraten Bernd „ein Stück weit“ Schlömer lag. Auf „Carta“ bezeichnete Duke Erdmann den Piratenchef als ein „liberales Stück Seife“, er nenne „Inhalte Ideologie und hält die persönliche Meinung eines Politikers für ein Vorgreifen auf Beschlüsse (...) ein Fisch im Schwarm, der zufällig der Vorsitzfisch ist“.

Wenn man wissen will, was die Positionen des Piraten-Bundesvorsitzenden (im Hauptberuf Regierungsdirektor im Verteidigungsministerium) oder seiner Partei sind – hier ein paar Beispiele:

„Die Piraten werden zwar ein Stück weit aufgrund ihrer Programmatik gewählt, in erster Linie aber wegen einer allgemeinen Wechselstimmung. Insbesondere junge Menschen werden von pragmatischen Lösungen geprägt, nicht von Ideologie.“

Befragt nach der Abschaffung der Netzneutralität, läßt Schlömer ein Stück weit die Hosen runter: Die Piraten seien für Lösungen, mit denen „Monopolbildung verhindert wird“, oder  „Monopolbildung und Oligopolbildung reduziert und ausgeglichen werden“. Wohl gemerkt: Die Monopole und Oligopole sollen nicht etwa abgeschafft, sondern reduziert und ausgeglichen werden. Ein Stück weit, wahrscheinlich.

Für Schlömer geht es bei der Piratenpartei vor allem um „eine neue Methodik in der deutschen Politik“, nicht um eine alternative Programmatik. Schlömer definiert Politik als „die Suche nach lösenden Kompromissen für gesellschaftliche Probleme, an der die Bürger beteiligt werden müssen“.

Zur Steuerpolitik, zur stärkeren Besteuerung der Reichen und der Konzerne stellt Schlömer fest: „Wir sind in dieser Frage in der Werkstattdiskussion, aber wir wollen ein einfaches, transparentes, gerechtes Steuersystem.“ An dem wahrscheinlich irgendwie die Bürger beteiligt werden müssen.

Als Augstein Schlömer fragt, ob er sich eher links oder rechts fühle, antwortet Schlömer, er empfinde sich als „liberal“, und bekundet seine Verehrung für die FDP der 80er Jahre.

Soweit so schlecht. Immer gut, wenn sich Parteien und ihre Funktionäre rechtzeitig demaskieren (und wer die Zitate nicht glaubt: man kann die langweilige Veranstaltung im Netz anhören...). Wer kurz mal den Eindruck gehabt hatte, mit den Piraten könne das was werden, wer sich über ihren Berliner Wahlkampf und die dortigen politischen Forderungen oder über einige kluge Köpfe in der Partei gefreut hatte, wer die Positionen von Bruno Kramm zum Urheberrecht schätzt – der weiß jetzt: mit den Parteien in toto ist es nicht weit her. Wer sich einen FDP-Fan der 80er Jahre (also der Zeit, als der verurteilte Steuerhinterzieher Otto Graf Lambsdorff Wirtschaftsminister und Bundesvorsitzender der Partei war und extrem unternehmerfreundliche Wirtschaftspolitik betrieb) als Bundesvorsitzenden hält, braucht keine Feinde mehr.

Ich saß im Juni 2012 einmal einen Samstagnachmittag lang zwei Plätze neben Bernd ein Stück weit weg Schlömer, nämlich beim sogenannten Urheberrechtsdialog der Piratenpartei, einem runden Tisch zur Rock- und Popmusik. Ganz ehrlich: das war mein langweiligster Samstagnachmittag seit vielen Jahren. Die Funktionärin des bekannten Lobbyverbandes der unabhängigen Musikindustrie verstand nicht, warum man gegen die GEMA demonstrieren wolle, Ein alternder Rockmusiker forderte, daß das Urheberrecht noch länger als 70 Jahre nach dem Tod der Urheber Geltung haben solle, weil auch seine Urenkel noch von seiner Arbeit profitieren sollten. So ungefähr ging es da zu, und die paar kompetenten Teilnehmer gingen relativ unter in der Diskussion. Doch deswegen erzähle ich das nicht. Ich erzähle es, weil wie gesagt Bernd Schlömer zwei Plätze neben mir saß. Er sagte kein einziges Wort, er machte sich auch keine Notizen, nein: Er studierte immer, wenn ich zu ihm rübersah, stundenlang die Website von, nun raten Sie mal? Genau: von „Bild Online“.

Daß wir uns nicht falsch verstehen: Mir ist schon klar, daß der Bundesvorsitzende einer Partei auch checken muß, was die Blödzeitung so treibt, und wie sie die Massen manipuliert. Aber wenn er nach zehn Minuten immer noch auf Bild Online ist, und nach einer weiteren halben Stunde immer noch, und eine weitere halbe Stunde immer noch, dann... na, Sie wissen schon.

Ein Stück weit enttäuschend war das alles. Oder erhellend. Wie man will.

08.08.2012 - 17:09

Daß ein Monopolist wie die GEMA sich wenig um Gesetze schert und einfach Urteile des Europäischen Gesetzhofes als für Deutschland nichtig bezeichnet, beschreibt „Telepolis“. Demzufolge „hatte ein italienischer Zahnarzt im März erfolgreich gegen die dortige Musikwahrnehmungsgesellschaft geklagt, die an der Musiknutzung in seiner Praxis mitverdienen wollte. Der EuGH urteilte, eine private Zahnarztpraxis könne im Unterschied zu den Räumlichkeiten etwa des öffentlichen Gesundheitsdienstes nicht als „öffentlicher Ort“ eingestuft werden. Aufgabe des Zahnarztes sei die Zahnheilkunde, nicht die Unterhaltung der Patienten. Die Vorstellung, daß jemand wegen der schönen Musik zum Zahnarzt gehe, war den Richtern dann doch zu albern.“

Wer nun glauben würde, die deutsche GEMA würde so eine Entscheidung des höchsten europäischen Gerichtshofes akzeptieren, der ist einigermaßen naiv. Dank GEMA werden auch deutsche Zahnärzte auf den Rechtsweg gezwungen, wenn sie nicht wegen der Musiknutzung in ihrer Praxis Gebühren an die GEMA abführen wollen. Die GEMA nämlich behauptet, das EuGH-Urteil gelte nur in Italien. „Die italienische Auslegung des Öffentlichkeitsbegriffs ist nicht auf das deutsche Urheberrecht anwendbar“, so die GEMA, die weiterhin den deutschen Zahnärzten (und mithin letztlich den Patienten) in die Taschen greift. Wenn Sie sich mal wieder über die hohen Zahnarztrechnungen wundern – da ist die Bohlen-Steuer, also die GEMA-Gebühr, enthalten. Irgendwie müssen ja auch die Riesen-Gehälter der GEMA-Chefs finanziert werden...

(ob die GEMA-Oberen auch mal zum Zahnarzt gehen? Ich hätte für die Dentisten so einige Vorschläge...)

04.08.2012 - 16:38

Die ZDF-Sport-Reporter, die sich der Sprache des Nationalsozialismus bedienen (siehe unten), werden leider nicht vom Dienst suspendiert, sondern dürfen weiter Dienst am Vaterland leisten und aus London von Olympia berichten.

Die Ruderin Nadja Drygalla dagegen ist verhaftet worden, weil sie mit einem weit über Rostock hinaus bekanntem Neonazi liiert ist, meldet „Spiegel Online“: „Ruderin Nadja Drygalla: In Sippenhaft“. Aber wahrscheinlich hatten die „Spiegel“-Autoren nur ein Problem mit der deutschen Sprache und meinten eigentlich „Sippenhaftung“, als sie „Sippenhaft“ schrieben, und wollten sich um den Gremliza-Preis bewerben (Preisgeld: Erwähnung in „Gremlizas Express“).

Aber nicht nur „Spiegel Online“ spielt im Fall der abgereisten Ruderin eine unglückliche Rolle.

Der ehemalige Grünen-Politiker und heutige Generaldirektor des DOSB, Michael Vesper, stellte der Ruderin sofort einen Persilschein aus, als er ihr bescheinigte, sich „auf dem Boden des Grundgesetzes und der Olympischen Charta“ zu bewegen. Aber warum reiste sie dann überstürzt aus London ab?

Der Deutsche Ruderverband (DRV) behauptet, erst am Donnerstag (2.8.) „Erkenntnisse zum privaten Umfeld“ von Frau Drygalla erhalten zu haben. Das Schweriner Innenministerium allerdings betont, daß die Sportverbände offiziell seit Herbst 2011 vom Fall Drygalla wissen, demzufolge hat das Innenministerium sowohl den Landesruderverband als auch den Landessportbund über die Gespräche mit Drygalla unterrichtet und darüber, daß Frau Drygalla 2011 aus dem Polizeidienst ausschied.

Konnte man jenseits dessen wirklich weder beim DRV noch beim DOSB wissen, daß Michael Fischer, mit dem Frau Drygalla liiert ist, ein weit über Rostock hinaus bekannter Neonazi ist? Fischer ruderte jahrelang im DRV und war Mitglied des Achters, der z.B. 2006 Silber bei der Junioren-WM gewann. Unmittelbar danach hat ihn sein Heimatverein laut „Berliner Zeitung“ „vor die Alternative gestellt: Sport oder Rechtsextremismus. Beides sei nicht zu verbinden. Fischer entschied sich gegen das Rudern (...) und begann eine Neonazi-Karriere.“

Es drängt sich der Eindruck auf, daß die Sportfunktionäre ganz bewußt weggeschaut haben, um der mit dem Neonazi liierten Ruderin die Olympiateilnahme zu ermöglichen. Für den Dienst als Polizistin nicht geeignet, wohl aber, Deutschland bei einer Olympiade würdig zu vertreten? Wo die Sportreporter des Staatsfernsehens für die Verwendung der LTI, der Sprache des Dritten Reiches, nicht einmal gerügt werden, ist der Fall der mit einem Neonazi liierten Ruderin wohl nur ein kleiner Sturm auf der olympischen Ruderstrecke. Es wundert einen gar nichts mehr. 

04.08.2012 - 16:37

Im Gegensatz zu der mit einem Neonazi liierten Ruderin steht Bundesinnenminister Friedrich (CSU) ganz bewußt nicht „auf dem Boden des Grundgesetzes“ bzw. nur, um das Grundgesetz mit Füßen zu treten.

Das Bundesverfassungsgericht mußte bekanntlich die hierzulande Regierenden Mitte Juli belehren, daß die Menschenwürde unantastbar ist und sogar für Asylbewerber gilt. Deshalb wurde der Gesetzgeber vom Bundesverfassungsgericht aufgefordert, schleunigst dafür zu sorgen, daß Asylbewerber ausreichend Geld- und Sachleistungen erhalten, damit ihr Recht auf ein menschenwürdiges Leben nicht weiter gefährdet ist.

Man sollte meinen, wer sich derart vom höchsten bundesdeutschen Gericht rüffeln lassen muß, ist danach einigermaßen kleinlaut und übt vielleicht sogar Selbstkritik. Nicht aber der Bundesinnenminister: Der CSU-Politiker Friedrich sagte bei einer Parteiveranstaltung in Bamberg, er halte es „nach wie vor für richtig, daß es einen Abstand zwischen dem normalen Sozialhilfesatz beziehungsweise dem Hartz IV-Satz und den Asylbewerberleistungen“ gebe. Einheitliche Leistungen seien falsch, „weil wir sonst noch mehr Wirtschaftsflüchtlinge anziehen“, so Innenminister Friedrich. Die Arbeits- und Sozialministerin werde die Sätze so ausrechnen, daß „der Abstand zu den Hartz IV- und Sozialhilfesätzen gewahrt" bleibe, so der CSU-Politiker, der sich damit offen gegen das Bundesverfassungsgericht stellt, das in seinem Urteil ausdrücklich festgehalten hatte: „Die Menschenwürde ist migrationspolitisch nicht zu relativieren.“ 

04.08.2012 - 15:10

Wer die Olympischen Spiele im deutschen Staatsfernsehen verfolgt, braucht Nerven wie Drahtseile. Und dennoch ist diese Mischung aus Chauvinismus und Inkompetenz meistens nicht auszuhalten. Natürlich ist auch die ZDF-Sport-Domina Karin Müller-Hohenstein mit von der Partie und feiert, diesmal ohne Olli den „Titan“, den einen oder anderen „inneren Reichsparteitag“. Und der ZDF-Reporter Sostmeier zeigte, daß NSDAP-Slang beim ZDF kein Zufall ist: „Seit 2008 wird zurückgeritten“, kommentierte Sostmeier den Auftritt der bundesdeutschen Vielseitigkeitsreiter in den Olympiaden nach 2004, als der Protest amerikanischer, britischer und französischer Reiter die Goldmedaille kostete. Und Herr Steinerbrecher verstieg sich mal eben ein paar Mal zu „Jedem das seine“, der Inschrift des Lagertors des KZs Buchenwald.

Man sollte sich jetzt jedoch nicht nur über die Spitze des Eisbergs, den Gipfel der gesammelten Peinlichkeiten echauffieren, sondern konstatieren, daß der nationalchauvinistische Stil der Sportberichterstattung im deutschen Staatsfernsehen, allen voran beim ZDF, längst systemisch ist. Es geht nicht um Sport, sondern um „unser Gold“, um „unsere Sportler“, um nation branding der übelsten Machart.

Noch ein Beispiel gefällig? Nochmal O-Ton Sostmeier im ZDF zur Siegerehrung und den Gefühlen beim Anhören der Nationalhymne:

„Das ist der Moment, wenn gleich die Nationalhymne intoniert wird, dir die Tränen in die Augen schießen, die Wimpern durchfeuchten und dann wie ein wärmender Sonnenstrahl an den Wangen herunterperlen. Das ist der Moment, wo du spürst, du bist Olympiasieger.“

Das ist der Moment, in dem man spürt, daß der ZDF-Reporter sich vor lauter Zurückreiten und inneren Reichsparteitagen beim Anhören der Nationalhymne einpißt.

Sportübertragungen im deutschen Staatsfernsehen sind nicht zu ertragen. Gut, daß es Eurosport gibt.

04.08.2012 - 15:09

Eine neue Variante des „Musikindustriesprech“-Standards „x hat y im Gepäck“, wobei normalerweise x der Künstler- oder Bandname und y „ein neues Album“ ist, fand sich im Ausblick des „Musikmarkt“ auf das Tollwood-Festival 2013: Dort nämlich werden Werner Schmidbauer & Martin Kälberer auftreten. Und wen oder was haben die Musiker im Gepäck? Ein neues Album im Köfferchen? Iwo. „Als Special Guest haben die Musiker BAP-Legende Wolfgang Niedecken im Gepäck“. Gepäckträger werden den Koffer auf die Bühne hieven, und heraus steigt, gleich einem deus ex machina -- der kölsche Jong. Alaaf!

04.08.2012 - 15:08

Neuigkeit zur von der Tonträgerindustrie und ihren Claqueren immer wieder neu gestrickten Legende, wonach die Plattenfirmen ausschließlich das Wohl ihrer Künstler im Auge haben: Die Band Def Leppard sah sich laut einem Bericht in „Telepolis“ gezwungen, Stücke wie ihren Hit „Pyromania“ neu aufzunehmen. Def Leppard fühlen sich vom Universal-Konzern, auf den die Rechte des ursprünglichen Labels Phonogram übergegangen waren, „rechtlich und finanziell übervorteilt“ und befinden sich in einem langwierigen Streit mit dem größten Musikkonzern weltweit. Dieser Streit „führte dazu, daß es einen beträchtlichen Teil des Def-Leppard-Schaffens nicht auf iTunes und anderen Bezahlportalen zu kaufen gibt. Schließlich sah die Band nur einen einzigen Weg, den Downloadmarkt nicht komplett Filehostern zu überlassen: Sie muß die Leistungsschutzrechte von Universal umgehen, indem sie die alten Stücke neu einspielt“.  

04.08.2012 - 15:07

Die vor Jahren mittelmäßig erfolgreiche Schlagersängerin Jule Neigel, die laut Wikipedia im ZDF auch als Beispiel für die Vernichtung der Rußlanddeutschen durch Stalin auftrat, ist seit Juni stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der GEMA. In einem Interview mit dem Branchenmagazin GIGA schlug Jule Neigel laut „Telepolis“ nun um sich: Die Piraten wollten „die Enteignung des geistigen Eigentums“ und würden mit der Internetindustrie, namentlich YouTube, kooperieren. Der Standpunkt der Piratenpartei sei „unverschämt und unsozial und kein bißchen demokratisch“. Ganz schön stalinistisch, diese Dame. Besonders drollig ihre Behauptung, „die Urheber, die Künstler, die Plattenfirma, die Verlage gehen bei YouTube leer aus“. Vielleicht läßt sich Frau Neigel bei Gelegenheit mal von Frank Briegmann, CEO Universal Music, und Edgar Berger, CEO Sony Music, erklären, warum „Deutschland im digitalen Musikmarkt ein Entwicklungsland“ ist, und wer die Schuld daran trägt, daß an YouTube-Videos hierzulande niemand etwas verdient: „Man darf sich die Frage stellen, warum eine Einigung zwischen Verwertungsgesellschaften und YouTube in vielen Musikmärkten möglich ist, nicht aber in Deutschland“ (Briegmann im Interview mit „Spiegel Online“), und: „Alles muß durch ein Nadelöhr, den GEMA-Aufsichtsrat. Einige Mitglieder scheinen noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen zu sein“ (Berger im gleichen Interview).

Es ist Frau Neigels eigener Verein, dem sie als Aufsichtsrat dient, der verhindert, daß Künstler hierzulande mit YouTube-Videos Geld verdienen.

04.08.2012 - 15:06

„Das sind meine Leute (...) Das ist die neue Welt. Und ich hoffe, daß diese Bewegung neue politische Führer hervorbringt, die besser verstehen, wie wichtig unsere Umwelt ist. (...) Wir brauchen eine kollektive Bewegung und eine neue Generation von Politikern, die sagen: „Ihr habt Mist gebaut. Aber damit ist jetzt Schluß – es ist Zeit für große, positive Veränderungen.““

Patti Smith im Interview mit „ClassicRockMag“ über die deutsche und die europäische Piraten-Partei und deren Programm und Wahlerfolge

04.08.2012 - 15:05

Interessant übrigens, was die „Delegierte der GEMA“ namens „SarahMarie“ auf der Website der „Berliner Zeitung“ als Kommentar zum hervorragenden GEMA-Artikel von Guido Möbius gepostet hat: Der „Pro-Verfahren“ wurde letzte Woche in der Mitglieder-Versammlung abgeschafft. Abgerechnet wird nun nach „INKA“, einem sehr viel gerechteren System, das – wie der Name schon sagt - inkasso-bezogen abrechnet.“

Was ja im logischen Umkehrschluß bedeutet, daß die GEMA-Delegierte SarahMarie sagt, daß das sogenannte „Pro-Verfahren“, nach dem die GEMA seit etlichen Jahren abrechnet, „sehr ungerecht ist“ – quod erat demonstrandum. Und nach „Inka“ wird nicht „nun“, sondern erst ab Ende 2013 abgerechnet, was bedeutet, daß die GEMA, obwohl sie weiß, daß das jetzige Abrechnungssystem ungerecht und damit für die Künstler nachteilig ist, munter anderthalb weitere Jahre danach abrechnet.

Ob das GEMA-freundliche „Deutsche Patent- und Markenamt“, das die Geschäfte der GEMA beaufsichtigt, irgendwann mal seiner gesetzlichen Aufgabe korrekt nachkommt? Der niedersächsische Ministerpräsident McAllister (CDU) hat jedenfalls laut „Welt“ gerade in einem Brief an GEMA-Chef Heker „die Ausgewogenheit der GEMA-Reform in Zweifel gezogen und mit politischen Konsequenzen gedroht“. Außerdem kündigt McAllister an, als Gesetzgeber tätig zu werden, indem er das Patentamt als Aufsichtsbehörde der GEMA in Frage stellt, und droht mit „einer gesetzgeberischen Überprüfung, ob das Aufsichtsinstrumentarium nach dem Urheberrechtswahrnehmungsgesetz ausreicht“.

Die GEMA gerät jetzt also unter starken politischen Druck. Es mag überraschen, daß dieser Druck ausgerechnet von der CDU ausgeht, deren kulturpolitischer Sprecher Wolfgang Börnsen noch vor ein paar Tagen eine Unterwürfigkeitsadresse in Richtung GEMA gesandt hatte. Aber es ist ja nie zu spät, zu einer vernünftigen und sachgerechten Meinung zu gelangen...

Die bairischen „Jungen Liberalen“, die Nachwuchsorganisation der FDP (und ich dachte, der Kindergarten der FDP besetze gerade die Ministerposten in Berlin...), haben der GEMA vorgeworfen, sie habe mit ihren jüngsten Forderungen „den Bogen überspannt“ und es sei deshalb an der Zeit, den „Machtmißbrauch“ der GEMA „zu brechen“. Laut JuLis sei „das GEMA-Monopol ordnungspolitisch nicht weiter tragbar“...

04.08.2012 - 15:04

Auch ein CDU-Hinterbänkler ist der Bundestagsabgeordnete Christian Freiherr von Stetten, der im Juni durch die Presse turnte, weil er dem Berliner Rapper Bushido ein Praktikum in seinem Abgeordnetenbüro ermöglicht hat. Auch von Stetten hat wie Kauder nun ein Problem, allerdings ganz anderer Natur: Wie die “FAZ“ am 26.7.2012 meldete, „sieht sich von Stetten (CDU) abermals Spekulationen über eine mögliche Verbindung in die Berliner Unterwelt ausgesetzt. Nachdem von Stetten im Juni dem wegen verschiedener Delikte mehrfach vorbestraften Musiker Bushido ein Praktikum in seinem Abgeordnetenbüro ermöglicht hatte, muß er nun eine Zahlung von 37.000 Euro an den Berliner Geschäftsmann Adnan C. erklären. C. war nach Informationen des Fernsehmagazins „Spiegel TV“ wegen des Verdachts auf Betrug, Geldwäsche und Falschaussage ins Visier der Ermittlungsbehörden geraten. Adnan C. soll eng mit einer kriminellen Großfamilie verbunden sein, mit der wiederum auch Bushido verkehrt. Er hat von Stetten und Bushido miteinander bekannt gemacht.“

04.08.2012 - 15:02

Aus einer Aufgabe für den Gemeinschaftskundeunterricht, 10.Klasse:

„Am Donnerstag, dem 26.Juli 2012, berichtet die „Berliner Zeitung“ auf den ersten vier Seiten sowohl über Deutschland als auch über Rumänien. Erklären Sie, welche Schlagzeile zu welchem der beiden genannten Länder gehört, und begründen Sie Ihre Wahl:

„Land ohne Wahlrecht.“

„Staat als Beute.“

„Eine echte Staatskrise.“

„Es tobt ein Machtkampf, in dem demokratische Regeln nichts mehr gelten.“

„Wählen vorerst unmöglich.“

„Das reformierte Gesetz ist verfassungswidrig.“

„Die Regierung hat das Wahlrecht als Machtrecht mißbraucht.“

„Die Parteien haben mit dem gegen die Stimmen der Opposition durchgeboxten Wahlgesetz ihre Machtbesessenheit ebenso bestätigt wie ihre Machtvergessenheit.“

„Die Komikernation.“

04.08.2012 - 15:01

In Bayreuth haben wir die letzten Tage wieder etwas über Wagner und Deutschland gelernt. Nicht nur, daß Bayreuth immer noch das ist, was es seit 1945 immer war, nämlich Schlußlicht in der Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit. Nein, wir haben auch gelernt, daß man in Bayreuth Wagner, den Zizek als „protofaschistisch“ bezeichnet, nicht singen darf, wenn man als russischer Opernsänger aus seiner Jugend ein übermaltes und nicht mehr als solches erkennbares Hakenkreuz auf der Brust tätowiert hatte. Während auf der Bühne auch dieses Jahr „deutlich sichtbare Hakenkreuzfahnen entrollt werden“ (FAZ), zum Beispiel in der aktuellen Parsifal-Inszenierung, die das Staatsfernsehen im August übertragen wird. Und während 2016 der Künstler Jonathan Meese den Parsifal inszenieren soll – der von der Blödzeitung protegierte Künstler also, der gern mal den rechten Arm zum Hitlergruß erhebt.

„Wagner hat mit dem Gewicht seiner weltweiten Berühmtheit einer schändlichen Gesinnung Umriß und Stimme gegeben, er hat eine Bierkellerideologie zur Salon- und Kulturfähigkeit geadelt. (...) Die Verbissenheit der Wagner-Verteidiger bis heute rührt aus der menschlich verständlichen Unfähigkeit, beides zugleich auszuhalten. Die Gewalt der Musik und die Gewalttätigkeit der Ideologie. Das eine ist aber ohne das andere nicht zu haben.“

(Jens Malte Fischer, Herausgeber von Wagners „Judentum in der Musik“)

04.08.2012 - 15:00

Madonna hat ihre französischen Fans verärgert. Bei einem Auftritt im legendären Pariser Olympia spielte das „material girl“ gerade einmal 45 Minuten, verließ die Bühne und kam nicht wieder zurück. Fans, die bis zu 276 Euro für ihr Ticket bezahlt haben, forderten ihr Geld zurück oder skandierten „Shame on you!“ Auf YouTube kann man Fotos der aufgebrachten Menge sehen.

Wie sagte Madonna doch nonchalant, als sie Anfang des Jahres auf die hohen Eintrittspreise ihrer Welttournee angesprochen wurde? "People spend $300 on crazy things all the time, things like handbags. So work all year, scrape the money together, and come to my show. I'm worth it.“

04.08.2012 - 14:58

"I’d be ahead if I could quit while I’m behind." (Bobby Womack)

04.08.2012 - 14:57

Überraschung: Nicolas Berggruen ist nicht Jesus. Er ist nicht einmal ein irgendwie etwas kleiner als Jesus geratener, aber dennoch Heilsbringer. Nein, Nicolas Berggruen, der vor zwei Jahren Karstadt übernommen hat, ist „nur ein ganz normaler Investor“, wie die FAS jetzt unter dem Titel „Die Entzauberung des Nicolas B.“ enttarnte. 

04.08.2012 - 14:56

A propos Jesus und Vorhaut (mit dieser gekonnten Überleitung stehen wir mitten im Tornado der allerwichtigsten deutschen Feuilletondebatten unserer Tage). Der Filmregisseur Volker Heise erzählt in der „Berliner Zeitung“: „Im Mittelalter wurden 53 Vorhäute von Jesus Christus von den Gläubigen angebetet.“

Nun werden Sie sagen: Mittelalter, pah, das ist doch lang vorbei. Iwo. Nochmal Volker Heise: „Die letzte Vorhaut von Jesus Christus verschwand 1983 unter mysteriösen Umständen aus der Kirche von Calcatta in der Nähe von Rom.“

1983! Nun staunen Sie, gelt?

04.08.2012 - 14:53

Eine Studie des „Nationalen Spanischen Forschungsrates“, in der sage und schreibe eine halbe Million Songs von 1955 bis 2010 auf bestimmte Muster untersucht wurde, hat ergeben, daß Musiker immer weniger Akkorde verwenden und immer mehr Melodien schablonenhaft kopieren. Zugenommen habe lediglich die Aufnahmelautstärke – letzteres eine Erfahrung, die man jederzeit auch selber machen kann: Die Lautstärke, mit der im öffentlichen Raum Musik gehört wird, ist in aller Regel indirekt proportional zur Qualität derselben. Das versichere ich Ihnen anhand einer mehrere Jahrzehnte währenden Privatstudie. 

24.07.2012 - 23:08

Die GEMA schafft es nicht, sich mit YouTube zu verständigen, sodaß weiterhin Hunderttausende YouTube-Videos in Deutschland gesperrt bleiben, die GEMA führt Krieg mit den Clubbetreibern und gefährdet die Clubkultur – aber mit dem „Bund Deutscher Karneval“ hat die GEMA gerade einen Gesamtvertrag abgeschlossen. Jecke unter sich.

24.07.2012 - 23:06

„Flüchtiges, anstrengungsloses Denken führt zu einer politisch konservativen Einstellung“ – zu diesem Schluß kommt laut „Telepolis“ eine Studie von US-Psychologen, die dieser Tage in der Zeistchrift „Personality and Social Psychology Bulletin“ veröffentlicht wurde. Die These der Studie ist: „Geringe Denkleistungen, die den Dingen nicht auf den Grund gehen, sondern an der Oberfläche stehen bleiben, produzieren Konservatismus, der sich u.a. durch Akzeptanz von Hierarchien und die Vorliebe für den Status quo auszeichnet“.

Als ob wir das nicht schon immer gewußt hätten: Anhänger von konservativen Parteien neigen eher zur Denkfaulheit, und konservative Politik wird entsprechend intellektuell bescheiden formuliert. 

16.07.2012 - 22:25

Nun ist wieder allüberall zu lesen: den „größten Fußballsong aller Zeiten“ habe Jack White geschrieben, den Song „Seven Nation Army“ oder besser gesagt: die Baßlinie aus diesem Song, die von einer runtergestimmten Gitarre mantrahaft wiederholt wird – eine tolle Melodie, raffiniert und gleichzeitig so einfach, daß Fußballfans sie sich ohne Probleme merken können. Berühmt auf den Fußballfeldern wurde die White Stripes-Melodie 2006 während der Fußball-WM in Deutschland, als italienische Fans damit ihr Team, das dann auch Weltmeister wurde, anfeuerten. Bei der diesjährigen Europameisterschaft wurde der Song ständig in den Stadien angestimmt.

Doch wurde diese Melodie wirklich von den White Stripes geschrieben? Ich habe da eine andere Theorie. Die Melodie ist nämlich ganz eindeutig von Anton Bruckner komponiert worden, sie stammt aus dem 1. Satz („Adagio. Allegro“) seiner Fünften Sinfonie in B-dur. Auf der mir liebsten Interpretation, einem Live-Mitschnitt von 1942 mit Wilhelm Furtwängler und den Berliner Philharmonikern, kann man die Melodie zum Beispiel in der 11.Minute hören, noch anders moduliert, dann aber ab Minute 17:35 völlig eindeutig und sich, ähnlich wie es Jack White in „Sven Nation Army“ erfolgreich nachgemacht hat, steigernd und Schicht für Schicht auftürmend. 

Wie aber gelangte die Melodie in die Stadien? Schlichtere Gemüter behaupten, es habe mit den White Stripes zu tun. Ich glaube das nicht. Ich glaube, es ist eine raffinierte Intrige des österreichischen Fußballverbands, der dafür sorgte, daß diese eindrucksvolle Melodie des österreichischen Komponisten den Weg in die Fußballarenen fand. Bekanntlich ist der Operettenstaat im Fußball so erfolglos wie als Intrigenstaat erfolgreich. Und da eine Teilnahme an Endrunden großer Turniere in der Regel für den österreichischen Fußball aussichtslos ist, sann man seitens der Funktionäre nach einem Weg, dennoch allüberall, wenn es um die Entscheidungen geht, in den Stadien präsent zu sein. Und man verfiel auf die Idee mit dem, wie man heute sagen würde, „Bruckner-Riff“, dem Ohrwurm und Schlachtgesang.

Interessanter Nebenaspekt: Wie sehen GEMA und Verwertungsindustrie eigentlich diesen Fall? Der Verfasser dieser Zeilen hat, das wird Sie nicht wundern, mit der Aneignung oder Modernisierung von Bruckners Melodie durch Jack White wenig Probleme. Die GEMA dagegen behauptet ja für gewöhnlich, daß bereits Tonfolgen von drei Tönen geschützt sind – Bruckners Melodie besteht nachweislich aus mehr als drei Tönen. Auf dem Album „Elephant“ der White Stripes steht: „Words and music by Jack White“, was demzufolge auch für Seven Nation Army gilt, den ersten Song des Albums. Kein Hinweis auf Bruckners Urheberschaft. Nun ist Bruckner bereits 1896 verstorben, und selbst die immer wieder auf Betreiben der Verwertungsindustrie verlängerten Schutzfristen greifen in diesem Falle nicht mehr. Vielleicht aber könnten die bekannten Copyright-Cops Hand in Hand mit der GEMA dafür sorgen, daß die Urheberrechts-Schutzfristen noch weiter verlängert werden, um Bruckner zu seinem Recht zu verhelfen? Gorny, Chung, GEMA, übernehmen Sie!

16.07.2012 - 22:23

Wem gehört das Land? Wem gehört die Musik, die in dem Land gespielt wird?

Wir feiern den 100. Geburtstag von Woody Guthrie mit einem Zitat des großen amerikanischen Songwriters (und empfehlen neben seiner Autobiographie das soeben erschienene Buch von Barbara Mürdter, „Die Stimme des anderen Amerika“):

„Dieses Lied ist in den USA für 28 Jahre (Woody Guthrie schrieb diesen Text 1930! BS) urheberrechtlich geschützt unter der Siegelnummer 154085, und wer immer dabei erwischt wird, wie er’s ohne Erlaubnis singt, wird ein gewaltiger Freund von uns sein, weil uns das alles völlig egal ist. Veröffentlicht es. Schreibt es auf. Singt es. Swingt dazu. Jodelt es. Wir haben’s geschrieben, und mehr wollten wir nicht tun.“ (Woody Guthrie)

16.07.2012 - 22:22

Das Schöne an den sogenannten Feuilletondebatten ist, daß man sie meistens ignorieren kann. Wenn sich der „Einstecktüchleinkatholik“ (Wiglaf Droste) Mosebach in der „Berliner Zeitung“ ereifert und als Katholen-Taliban geriert – muß man im 21.Jahrhundert ernsthaft darüber reden, daß Mosebachs Sätze wie diese bescheuert sind?:

Ich will nicht verhehlen, daß ich unfähig bin, mich zu empören, wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern – wenn wir sie einmal so nennen wollen – einen gewaltigen Schrecken einjagen.“ (wörtlich! Also: bitte Todesurteile für Salman Rushdie oder Shahin Najafi ausstellen!) „Es wird das soziale Klima fördern, wenn Blasphemie wieder gefährlich wird.“ Aha.

Daß so ein Ekeltyp hierzulande ausgerechnet mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, ist jedenfalls ähnlich unappetitlich wie die Tatsache, daß ihm für seine Tiraden Platz in einer seriösen Tageszeitung eingeräumt wurde. Die Metzgerinnung darf ja schließlich auch nicht im Feuilleton für Ekelfleisch werben, oder?

Doch der Wahnsinn hat Methode. Papst Benedikt fühlt sich durch „Titanic“ in seiner Ehre verletzt. Der Fall des Papstes, der ein Glas Fanta über seine Soutane verschüttet hat, erregte Thomas Goppel, den Sprecher der „Christsozialen Katholiken“ (CSK) in der CSU so sehr, daß er öffentlich meinte, er würde dem Titanic-Chefredakteur Leo Fischer am liebsten die "Lizenz zum Schreiben entziehen". Daß es so eine Lizenz allerdings gar nicht gibt, sie mithin auch nicht entzogen werden kann, ist dem Herrn Landtagsabgeordneten und Staatsminister a.D. Goppel wohl entgangen. Aber worum es den Herren Mosebach bis Goppel geht, ist klar: Zensur! Kopf ab für Blasphemie! Denn das fördert schließlich das „soziale Klima“...

Wiglaf Droste schreibt dazu in einem aktuellen Text:

„Gesetzt den Fall, Gott existierte – würde ihn interessieren, was die Leute über ihn reden? Kaum vorstellbar. Anders verhält es sich, wenn Gott eine Erfindung oder eine Projektion ist von Menschen, die mit sich und ihrem Leben alleine nicht zurande kommen und an Autoritätsgläubigkeit leiden. Teil ihrer Zwangsvorstellung ist, daß der von ihnen halluzinierte Gott auch von jedem respektiert werden müsse, der diese Vorstellung nicht teilt; tut er es nicht, dann darf man ihn, den Ungläubigen, der seinen Unglauben womöglich auch noch freimütig bekennt, dafür zur Rechenschaft ziehen und ihn bestrafen, sogar mit dem Tod. (...)

Wenn islamische Klerikalfaschisten unmißverständlich zum Mord aufrufen und mit der Aussetzung von Kopfgeldern zum Mord anstiften, dann handelt es sich dabei, unaufgeregt gesagt, um Straftaten. Mit denen Martin Mosebach offen sympathisiert (...) 

Ob umgekehrt Gott die Anwesenheit von schwach denkenden, voraufklärerischen Ödemeiern und Drögebäckern begrüßte, nur weil sie ihm schwärmerisch schmeicheln, kann nicht ermittelt werden. Es ist Glaubenssache. Ich glaube nicht, daß Gott, so es ihn gäbe, sich für einen Repräsentanten des Einstecktüchleinkatholizismus wie Martin Mosebach interessierte, der aus Langeweile an sich selbst anderer Leute Blut fließen sehen möchte.“

16.07.2012 - 22:21

Doch in Zeiten höchster Not, wenn also Farbfotos des Papstes publiziert werden, der seine Fanta auf seiner Soutane verschüttet hat, findet sich auch Trost, und er kommt von den Herren Barenboim und Wowereit, ausgerechnet.

Die „Berliner Zeitung“ meldet, daß der Dirigent Daniel Barenboim mit seinem West-Eastern Divan Orchestra am 11.Juli dem Papst „mit einem Privatkonzert zum Namenstag gratuliert“ hat. Musiziert wurde im Castel Gandolfino, der päpstlichen Sommerresidenz bei Rom. „Gespielt wurden Werke von Beethoven, Zu dem Konzert kam auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit.“

04.07.2012 - 18:07

Da veröffentlichen sie große Serien über den Zustand der hiesigen Musikkritik – aber wenn es mal darum geht, brauchbare Konzertkritiken zu schreiben, dann versagen sie auf ganzer Linie. Der bis vor kurzem Chefredakteur der „Spex“ gewesene Autor etwa darf jetzt für die „Süddeutsche“ das tun, was er anscheinend am wenigsten kann: über Musik schreiben. In einer Rezension über Patti Smith etwa ergeht er sich endlos in Szenen aus einer Burroughs-Dokumentation oder aus Patti Smiths Autobiographie, ohne substantiell auf die Musik des neuen Albums einzugehen. Der gleiche Autor schaut beim Auftritt des HipHoppers A$AP streng auf die Uhr und stellt fest, daß der Musiker sein Berliner Konzert „mit sensationeller Pünktlichkeit“ begonnen hat. Ah ja, so etwas wollten wir ja auch schon immer wissen. Der Musikkritiker als Stechuhrersatz.

Die Unzulänglichkeit hiesiger Musikkritik konnte man schön anläßlich der Tournee von Lou Reed beobachten. Immerhin kam einer der wichtigsten und einflußreichsten Musiker der letzten viereinhalb Jahrzehnte nach Deutschland; man hätte erwarten können, daß die Musikjournaille sich mit den Konzerten auseinandersetzt. Aber iwo. Im Bildzeitungsstil wird jedes bereitliegende Klischee reproduziert und vervielfältigt. „Der alte Griesgram hält die Töne“, titelt die „taz“, deren Redakteur mehr als die Hälfte seiner „Rezension“ damit verschwendet, sich über den Konzertort („inmitten von Autohäusern und Fliesenmärkten“) und die Kleidung der Konzertbesucher (von „das ganze Elend der Funktionsbekleidung“ bis „handgenähte Lederschuhe“) auszulassen, dann über das Wetter zu berichten, um die zweite Hälfte seines Artikels mit pseudooriginellen und im Grunde den Tatbestand der Beleidigung erfüllenden  Beschreibungen des Künstlergesichtes („eine Mischung aus Hellmuth Karasek und Rita Süssmuth“) zu beginnen, nicht ohne vorher noch Unwahres über die Ticketpreise zu verbreiten („für 56 Euro aufwärts“, was bei einem Einheitspreis eine ziemlich sportliche Bemerkung ist, denn erstens haben mehr als 95% der Zuschauer nur 48 Euro bezahlt, und zweitens ist der Autor natürlich umsonst ins Konzert gekommen und hat eigens noch eine zusätzliche Gästekarte für seine Begleitung erschnorrt). Auch sonst nimmt es der „taz“-Autor mit der Wahrheit nicht so genau – er behauptet etwa, daß Lou Reed seine Bandmitglieder „kürzlich in einem Interview als Eichhörnchen bezeichnet“ habe. Eine glatte Erfindung – im Interview der „Berliner Zeitung“ mit Robert Rotifer sagte Lou Reed, bezogen auf die Fans (!) von Metallica (!): „Aber manche ihrer Fans, diese Metal-Schädel, haben den Intelligenzquotienten eines Eichhörnchens.“ Aber so geht eben „Musikkritik“ im Alternativblättchen, dessen Genossenschaft ja nicht zufällig Bild-Chef Kai Diekmann angehört: was nicht paßt, wird passend gemacht. Wir biegen uns unsere Realität hin, wie wir sie brauchen. Gossenjournalismus der abstoßendsten Sorte.

Aber das ist wahrscheinlich das eigentliche Problem der einheimischen Musikkritik: sie können es eben nicht besser. Und die, die es besser können, sind rar gesät – Gastautoren wie Klaus Walter in der „taz“ etwa, oder das Feuilleton der „Berliner Zeitung“ (könnten die, die’s nicht besser können, dort nicht mal ein Praktikum absolvieren? macht doch jeder ständig Praktika hier in Berlin heutzutage...) oder der „FAZ“, manchmal auch ein Artikel andernorts und in zwei oder drei Musikzeitschriften oder in „konkret“ – der Rest ist nicht selten gekauft oder schlecht geschrieben (oder gerne auch beides). Und die, die es besser konnten, sind gestorben (einen wie Martin Büsser bräuchten wir so dringend!), oder man räumt ihnen keinen Platz (mehr) ein, oder sie haben sich längst anderen Themen zugewandt. Der Elfenbeinturm in einem Meer von Scheiße, um auf das Flaubertsche Bild zurückzugreifen, ist karg besetzt.

(und wie ein glänzend geschriebenes Musikfeuilleton aussehen kann, zeigt z.B. der von der „FAS“ zur „SZ“ gewechselte Peter Richter anläßlich des Berliner Madonna-Konzerts – da wird die dumpfe Neureichen-Gated-Community namens "Soho House" mal eben im Vorbeigehen karikiert und die stumpfe Mehrzweckhalle am Ostbahnhof mit dem Telefongesellschaftsnamen vernichtet, man bekommt en passant Interessantes zu Italien und zu Fußball serviert und hat sogar noch was über Madonna und ihr Konzert erfahren – kann man im Internet finden, kann ich empfehlen!)

* * *

In einem Facebook-Eintrag heult uns die US-Popsängerin Aimee Mann ihre angebliche Tourneerealität ins Ohr: „Oft stellt sich die Frage, ob ich mir überhaupt einen Schlagzeuger leisten kann.“

Ich weiß nicht, wofür Frau Mann ihre fünfstelligen Gagen verwendet, aber ein paar Dollar sollten da doch auch für einen Schlagzeuger abfallen, oder?

Ist schon „ein einförmiges Ding um das (Popmusiker-)Geschlecht“, wenn ausgerechnet die, die ganz ordentlich verdienen, plötzlich so tun, als ob sie Teil des Musiker-Prekariats wären...

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In der „Süddeutschen Zeitung“ stellt Reinhard Brembeck erstaunt fest, daß man heutzutage „neue Klassiktalente (und verloren geglaubte Preziosen) schneller bei Youtube findet, als in den neuen Veröffentlichungen der einschlägigen Plattenlabels“.

Und ich kann Reinhard Brembeck und Ihnen auch verraten, woran das unter anderem liegt – der Chef von „Universal Music Classic & Jazz“ nämlich hat vor allem damit zu tun, eine Koalition mit Bundesfinanzminister Schäuble zu pflegen. „Liebe Kultur-, Musik- und Finanzfreunde“ (sic!) flötet der Universal-Classic-Chef also und lädt zu einer Veranstaltung mit dem schönen Titel „Musik.Zeit.Geschehen. Digitalisierung – Risiko oder Chance für Werte in Kultur und Finanzen“ im Bundesfinanzministerium ein.

Musik-Zeit.Geschehen 

 

„Die Räume und das Programm sind spektakulär“, heißt es in der Einladung – nun, die ersteren wurden von den Nazis gebaut, denn das Bundesfinanzministerium sitzt im Gebäude des 1935 erbauten Reichsluftfahrtministeriums – das zweite wird u.a. auch von der Plattenfirma „Universal“ zugetanen Künstlern bestritten, von Till Brönner etwa. Und den 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker (anno 1935 noch das „Reichsorchester“...). Und Vorträge und Diskussionsrunden u.a. mit Wolfgang Schäuble.

Wer solcherart im Reichsluftfahrtministeriumsbau auf dem Schoß des Bundesfinanzministers sitzt und über „Digitalisierung – Risiko oder Chance für Werte in Kultur und Finanzen“ nachsinnt, der hat in seinem Alltagsjob natürlich in aller Regel wenig Zeit, relevante Klassik-Künstler aufzubauen oder spannende Musik zu veröffentlichen oder gar adäquate moderne (nämlich: digitale!) Vertriebswege zu entwickeln.

Warum Igor Levit etwa, den Eleonore Büning in der „FAZ“ kürzlich als „einen der großen Pianisten dieses Jahrhunderts“ bezeichnet hat und der zum Beispiel Frederic Rzewskis an dieser Stelle bereits mehrfach gepriesenes Monumentalwerk „The People United Will Never Be Defeated“ einzigartig interpretiert, bis heute keine Platte veröffentlicht hat, ist schwer zu verstehen. Sie werden Igor Levits Interpretationen allerdings kostenlos auf Youtube finden – willkommen in der modernen Welt!

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Was haben Stasi, Atomwirtschaft und Musikindustrie gemeinsam? Sie haben ihre Leute in der Regierung plaziert. Schaffte die Stasi das mit ihrem OibE Guillaume nur mit einem persönlichen Referenten des Bundeskanzlers, so war Wirtschaftsminister Müller (SPD) als ehemaliger VEBA-Manager natürlich eine Glanzbesetzung, um mit der Industrie den sogenannten „Kernenergiekompromiß“ zu verhandeln. Nebenbei, wir erinnern uns, wollte Müller das vom Bundeskartellamt ausgesprochene Verbot der Übernahme der „Ruhrgas“ durch die Nachfolgegesellschaft seines ehemaligen Arbeitgebers VEBA, der E.ON AG, aus „Gründen des überragenden Interesses der Allgemeinheit“ nicht hinnehmen und wies deshalb seinen Staatssekretär Tacke an, die Fusion durch Erteilung einer Ministererlaubnis zu ermöglichen. Müller wurde nach dem Ende seiner Ministerzeit 2003 Chef der Ruhrkohle AG (RAG), an der E.ON bis 2007 mit rund 40% beteiligt war. Tacke wiederum wurde 2004 Vorstandsvorsitzender beim Stromversorgungsunternehmen STEAG, die wiederum eine 100%ige Tochter der von Müller, seinem ehemaligen Chef, geleiteten RAG war – läuft eben alles wie geschmiert...

Und die Musikindustrie? Die hat ihren Cheflobbyisten im Ministerrang, den „Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien“, Kulturstaatsminister Bernd Otto Neumann (CDU), dessen öffentliche Stellungnahmen von Gorny oder Döpfner nicht besser formuliert werden könnten. Für Neumann, der eigentlich für Kultur und Medien, nicht aber ausschließlich für Kulturindustrie und Medienkonzerne zuständig ist, ist „der Schutz des geistigen Eigentums in der digitalen Welt die größte kulturpolitische Herausforderung unserer Zeit“. Neumann ist Fan der Lobbyorganisation der Kulturindustrie namens „Deutsche Content Allianz“ („In einer Zeit, in der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft angesichts der Verletzlichkeit der Inhalte vor großen Herausforderungen stehen, ist es auch notwendig, daß die Deutsche Content Allianz ihre Stimme laut erhebt“) und Fan der GEMA, dem „Club der oberen 3.400“ (Guido Möbius) – und wurde für seine Verdienste gerade von der GEMA mit deren „Richard-Strauss-Medaille“ geehrt. Wohlgemerkt, in einer Zeit, in der die GEMA mit ihren extremen Gebührensteigerungen von oft 400 bis 600 Prozent zum Totengräber für die Clubkultur wird und mit den Kostensteigerungen die Clubs entweder zur Schließung oder zu einer zunehmenden Kommerzialisierung der Programme zwingt, in einer Zeit, in der Clubbesitzer und Hunderttausende Fans um die weitere Existenz der von ihnen bevorzugten Musikclubs fürchten, in so einer Zeit macht der angeblich für Kultur zuständige Bundesstaatsminister den Bückling vor der GEMA und läßt sich von der GEMA-Bossen mit einer Medaille dekorieren. Kein Wort hat man vom Kulturminister bisher zum von der GEMA verursachten Clubsterben gehört, wohl aber diese artige Dankesadresse an die Herren der GEMA: Ohne eine durchsetzungsstarke Verwertungsgesellschaft stünden die Urheber auf verlorenem Posten.“ Aha.

In der „FAZ“ hat GEMA-Chef und Spitzenverdiener Heker (EUR 484.000 jährlich; zum Vergleich: die Bundeskanzlerin bekommt 260.000 Euro...) dieser Tage gesagt:

„Schauen Sie: Es gibt ein böses Monopol und ein gutes. Und letzteres ist im Fall der Verwertungsgesellschaften, von denen die Gema ja nur eine ist, vom Gesetzgeber ausdrücklich so gewollt“. Was eine glatte Lüge ist, denn „ausdrücklich gewollt“ wurde das Monopol der Verwertungsgesellschaften nicht "vom Gesetzgeber" der Bundesrepublik Deutschland, wohl aber von Goebbels und der NSDAP: „Joseph Goebbels, der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, dekretierte 1933 die Umwandlung der freiwilligen Kooperation (mehrerer konkurrierender Verwertungsgesellschaften, BS) in ein staatlich sanktioniertes und kontrolliertes Musikverwertungsmonopol, die STAGMA“ (Hans G Helms). Das im Juli 1933 erlassene STAGMA-Gesetz wie auch eine im Februar 1934 erlassene Verordnung sind bis heute die Rechtsgrundlage der STAGMA-Nachfolgeorganisation GEMA – „die in den Jahren 1933/34 verfügte monopolistische Ausschließlichkeit der Wahrnehmung der Musikverwertungsrechte ist erhalten geblieben“ (Helms), bis heute, was natürlich ein interessantes Licht auf die faktischen Monopolstrukturen der Gema wirft – aber daß ein GEMA-Chef sich im Jahr 2012 auf Joseph Goebbels als „Gesetzgeber“ beruft, ist schon sehr besonders.

VUT-Chef Mark Chung bezeichnet die GEMA übrigens als „unseren Laden“...

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Der Rapper Bushido, der, wir berichteten, in die Politik gehen und eine Partei gründen will, macht im Moment bei einem CDU-Bundestagsabgeordneten ein Praktikum. In der „FAS“ hat Bushido schon mal programmatisch Stellung genommen:

„Weg mit dem Euro! Ich bin Kind der Deutschen Mark und war immer stolz auf meine Deutsche Mark. Wir müssen aufpassen, daß wir uns für andere Länder nicht so sehr aufopfern.“

Oder: „Ich bin für Steuersenkungen. Ich zahle jetzt über 52 Prozent Steuern, das ist legales Schutzgeld und fuckt mich ab. (...) Mich stört, daß ich immer im Stau stehe. Dann die Schlaglöcher. Dann muß Berlin sauberer werden. Wir müssen die Adern unserer Stadt – die Straßen – sauber kriegen, damit das Blut in die Kapillaren kommt.“

Den politischen Gegner kritisiert Bushido bereits sehr kompetent: „...das gilt jetzt auch für den Herrn Özdemir, den Alibi-Türken, oder Claudia Roth. Warum muß Politik so häßlich machen? Auch Angela Merkel ist überhaupt nicht attraktiv. Aber ich würde mich auf jeden Fall mit ihr einlassen.“ Frage: Wie jetzt? „Sexuell. Dann könnte ich sagen, ich habe mit der Bundeskanzlerin geschlafen.“

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„Der Deutsche“ ist nicht selten ein eher merkwürdiger Zeitgenosse. Da jammert er gern (oder läßt seine Blödzeitung jammern), daß das Benzin zu teuer sei. Aber „kompakte Geländewagen sind das absolut am schnellsten wachsende Fahrzeugsegment in einem gesättigten Markt“, so der „Autopapst“ Ferdinand Dudenhöffer. Fast sechzig Prozent aller neu zugelassenen PKW sind übrigens sogenannte „Dienstwagen“, und achtzig Prozent der Porsches – „Kaufpreis und Betriebskosten werden von der Steuer abgesetzt (...) der Fiskus finanziert unter engagierter Mitwirkung der FDP den Männertraum aus allen Töpfen“ (Gremliza).

Was machen aber die Menschen mit all den teuren und spritfressenden Fahrzeugen? Mit diesen sogenannten SUVs, den „sport utility vehicles“ also mit ihrer erhöhten Geländegängigkeit und der von Geländewagen abgekupferten Karosserie, oft mit Viehgittern vor der Kühlerhaube? Ich schau mir das quasi jeden Morgen, wenn ich mit dem Fahrrad ins Büro fahre, staunend vor demselben an, denn da stehen immer lauter Geländewagen mit dem etwas merkwürdigen Aufdruck „relentless energy“ herum, sie gehören einem anderen Mieter in unserem Bürogebäude. Und bevor Sie jetzt anfangen zu belächeln, daß Leute mitten in Berlin mit Kuhgittern und Geländewagen herumdüsen, bitte ich Sie sehr zu bedenken: gar nicht selten werden vorne auf der Urbanstraße in Kreuzberg ganze Viehherden wildwestmäßig über die Straße getrieben, und weltweit bekannt ist der herbstliche Kreuzberger Almabtrieb, das weiß schließlich jedes Kind  – you better be prepared! Und wie oft kommt man im sibirischen Berliner Winter förmlich nicht mehr voran, wird eingeschneit, müßte im Büro übernachten, wenn man nicht erhöht in seinem SUV mit Allradantrieb sitzen könnte und durch die Wildnis nach Hause brettern. Sie müssen sich das so vorstellen: im strengen Berliner Winter geht praktisch niemand mehr vor die Tür. Der öffentliche Verkehr bricht zusammen. Zehntausende Kältetote. Auf den Straßen Schneewehen und Eisberge, der einzig mögliche Weg führt über die vereiste Spree, wo sich nur noch die mit allen Eiswassern und Energydrinks gewaschenen SUV-Piloten vorankämpfen. Gelt, da vergeht Ihnen das Lächeln? Und da sehen Sie, wozu SUVs gut sind. Sollen die fetten Karren doch von uns Steuerzahlern subventioniert werden, wer wollte das angesichts der Berliner Realitäten kritisieren...

29.06.2012 - 16:11

A propos Fußball: Ich will ja nicht übermäßig unbescheiden sein, aber darf ich Sie daran erinnern, was Anfang Juni im Blog Ihres Vertrauens stand? Genau, unter anderem: Deutschland wird ganz sicher nicht Europameister! (...) Gute Chancen sollten naturgemäß die haben, die am meisten unter Deutscher Wirtschaftsknute zu leiden haben – einer der PIGS-Staaten dürfte also wohl Europameister werden (...) Holland wird es nicht werden, denn die haben Robben (...) Aber wie gesagt: Deutschland nicht. Zu viel FC Bayern, zu wenig Dortmund. Haben Sie gesehen, wie die Nationalspieler im Championsleague-Finale beim Elfmeterschießen gekniffen haben? Da steckt die Versagensangst in einer ganzen Generation in den paar Spielern. Oder man kann es begründen wie mein Schweizer Freund und Fußballkenner: „die Deutschen haben so doofe Frisuren, das wird nichts“...

Also, wenn Sie mich fragen: einer der beiden PIGS-Staaten mit brauchbarem Fußball wird’s...“

Und also geschah es.

Ich muß ganz ehrlich sagen: wenn ich mir die ganzen doofen Fähnchen schwenkenden und tragenden und an ihren Autos herumfahrenden Mitmenschen so betrachte, habe ich am Donnerstagabend nach der Niederlage gegen Italien gerne „Azzurro“ mitgesummt, das im polnischen Stadion zu hören war. Ist sowieso ein guter Song.

Neuerdings wird hierzulande ja der Gemeinplatz gepflegt, die aktuelle Nationalspielergeneration sei kreativ und toll und überhaupt. Und der Jogi erst! Ganz ehrlich – mir fehlt der Glaube. Natürlich freue ich mich darüber, daß jetzt Spieler wie Özil oder Khedira oder Hummels spielen, und selbst Schweinsteiger ist ein Spieler mit außerordentlicher Fußballintelligenz, obwohl er beim FC Bayern spielt. Im Großen und Ganzen aber ist das alles so furchtbar brav, daß es zum Davonlaufen ist. Allein schon, wie der Musterschüler Lahm immer seine Statements vor den Kameras abgibt – man merkt, da steckt viel Interviewschulung drin, klar haben alle Nationalspieler heute Manager, die sie auf Medientrainings schicken, und genau so hört sich das dann an. Brave Bubis, die funktionieren wollen und werden, die sich toll selbst vermarkten können und hart an ihrer Selbstoptimierung arbeiten, Bubis, die nichts falsch machen wollen, egal ob sie auf Auschwitz (hat der DFB vorgegeben) oder Balotelli (hat Brantelli aufgestellt) treffen. Aber mit Bravheit gewinnt man im Fußball nichts, und so hat, wie es in der „Berliner Zeitung“ zurecht und süffisant hieß, der deutsche Kapitän seinem Namen geistig und spielerisch alle Ehre gemacht. Italien gegen Deutschland, das war „11 Männer gegen 11 Bubis“ (Rüdiger Suchsland).

Es war aber auch das Scheitern des allseits beliebten alemannischen Langweilers namens Jogi auf der Trainerbank. Dessen Nibelungentreue zu Spielern wie Schweinsteiger (nach Verletzung noch auf der Suche nach seiner Form), Podolski, Gomez oder Müller ebenso verhängnisvoll war wie das Festhalten am FC Bayern-Block. Da standen sieben Spieler des FC Bayern auf dem Platz.  Genau, it’s that simple. Und Spieler wie Reuss oder Götze oder Bender saßen auf der Bank. Da konnte Jogi noch so häufig sein Mantra „dieses Mal werden wir als Sieger vom Platz gehen“ absondern – die Wahrheit ist auf dem Platz, und die Wahrheit war: Löw hatte Angst vor Spielerpersönlichkeiten der Klasse eines Andrea Pirlo, eines Buffon, eines Balotelli, eines Montolivo. Und Löw hatte Angst vor der taktischen Finesse eines Cesare Prandelli. Und es fiel ihm ein: Pirlo in Manndeckung zu nehmen! In Zeiten höchster Not führt der Mittelweg bekanntlich in den Tod. Noch einmal Rüdiger Suchsland bei Telepolis:

„Merkel und Löw, das ist Luther, Bismarck und die anderen (...) Pirlo und Buffon, das ist der Süden! Das Land der Sonne und des Rettungsschirmes, des besseren Lebens und des besseren Essens, der Kunst und des Laissez-faire. Der Süden, also Spanien und Italien stehen für Gelassenheit statt Hysterie, für Leben heute, statt Leben morgen, für Diesseits statt Jenseits, für ausgeben statt sparen, für Konsum statt „Geiz ist geil“, für „paßt scho“ statt „Das muß aber seine Ordnung haben“ (...) Unser Fußball muß unvernünftiger werden, spielerischer, leichter...“

In diesem Sinne – lassen Sie uns mit Italien feiern, mit der wunderbaren Stimme von Adriano Celentano, „die wie keine zweite Lässigkeit und Melancholie verbindet“ (Eric Pfeil) und „gleichzeitig erzcool und anrührend“ klingen kann. Lassen Sie uns den Sommer genießen, hören wir auf, die Italiener und Griechen und Portugiesen zu belehren und zu dominieren, lassen Sie uns diesen Sommer einfach etwas Unvorhergesehenes, gerne auch mal etwas Verbotenes tun! Es sind ganz sicher zu viele Löws und Merkels in unserem Leben.

29.06.2012 - 16:09

Einem echten Polit- und Kirchenskandal um die Fußball-Europameisterschaft (neudeutsch „UEFA Euro 2012“) ist der Berliner „Club der Polnischen Versager“ auf die Spur gekommen:

„Nachdem rausgekommen ist, daß polnische Priester für den Sieg nur der polnischen Mannschaft gebetet haben, empörten sich die Fans der anderen Mannschaften über den unlauteren Wettbewerb und eventuelle Vorteilsname. Die portugiesischen Anhänger überlegen sogar eine Schadensersatzklage vor dem jüngsten Gericht einzureichen. Die Reaktion des Vatikan war schnell und direkt: Keine Gebete mehr nur für eine Mannschaft, alle Katholiken sind gleich. Die Strafe von ganz ganz ganz oben hat die polnische Mannschaft selbst getroffen.“

Wobei die Vertreter des Herrn schon seit jeher das Kriegsgerät jeder Seite separat bespritzt, also gesegnet haben...

29.06.2012 - 16:08

Auch ein anderer, dessen wir diese Woche gedenken, hat sich mit der Problematik des Eigentums und der Erbschaft beschäftigt und ist zu sehr eindeutigen Schlüssen gekommen, nämlich Jean-Jacques Rousseau. Für Rousseau war die Einführung des Privateigentums die Ursache des Verlusts von Freiheit und Autonomie:

„Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen »Dies gehört mir« und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wieviel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: »Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergeßt, daß zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört.“[, schreibt Rousseau und folgert:

„… alle diese Übel sind die erste Wirkung des Eigentums und das untrennbare Gefolge der entstehenden Ungleichheit.“

29.06.2012 - 16:06

Zum 90. Todestag von Walther Rathenau, des jüdischen Industriellen (AEG), Schriftstellers und Außenministers, der von Rechtsradikalen ermordet wurde, braut sich allerlei Gedenken zusammen: zu einer Gedenkveranstaltung auf dem Waldfriedhof Oberschönweide werden Bundesaußenminister Westerwelle (FDP) und Berlins Kulturstaatssekretär Schmitz (SPD) erwartet. Ein sogenannter „Industriesalon Schöneweide“ beginnt in Kooperation mit dem Heimatverein Köpenick eine Veranstaltungsreihe „zum Wirken der Familie Rathenau, die Schöneweide entscheidend geprägt hat“. Eine Website namens „Neue Solidarität“, die mit der rechtsradikalen Politsekte der Zepp-LaRouches verbandelt ist, schreibt „in Gedenken an Walther Rathenau: Führungsstärke in Krisenzeiten“ von „britisch-imperialer Politik“, der sich einzig Rathenau entgegengesetzt habe. Während in und um Bad Kösen (Sachsen-Anhalt) Neonazis der Mörder Rathenaus gedenken – all dies erfährt man auf der ersten Seite der Google-Ergebnisse zu „Rathenau Gedenken“.

Vielleicht könnte man Walther Rathenau am besten ehren, wenn man sich mit einigen seiner Gedanken beschäftigen würde, die er etwa in „Von kommenden Dingen“ geschrieben hat und die relativ nah an dem sind, für das die neue Linken-Vorsitzende zuletzt von den bundesdeutschen Medien gescholten wird:

„Oberhalb einer mäßigen Vermögenseinheit gehört jeder Nachlaß dem Staat“, fordert Rathenau, der im Erbrecht die Wurzel der ungleichen Vermögens- und Machtverteilung sah und das Erbrecht daher abschaffen wollte. Wenn eine Familie mehr als 3000 Mark im Jahr verbrauche, solle dem Staat auf jede weitere Mark des weiteren Konsums eine weitere Mark zustehen, forderte Rathenau ebenso wie strikt abschreckende Steuern auf Luxuswaren und „übermäßigen Verbrauchsgenuß“.

Ob Westerwelle oder Schmitz bei ihren Reden diese Gedanken Walther Rathenaus aufgenommen haben, weiß ich nicht.

22.06.2012 - 18:35

Drolliges Bäumchen-wechsel-dich-Spiel im deutschen Musikjournalismus. Und irgendwie hängt allüberall irgendwie „SS“ drin, „Spex“ und „Springer“. Der ehemalige Chefredakteur der Spex  leitet seit geraumer Zeit das Kundenmagazin der Deutschen Telekom, das sich verschämt „Electronic Beats“ nennt. Der ehemalige Redakteur des „Rolling Stone“ („...erscheint monatlich in der Axel Springer Mediahouse Berlin GmbH...“) wird Chefredakteur von „Spex“, der ehemalige „Spex“-Redakteur wird Chefredakteur des „Rolling Stone“. Der ehemalige Chefredakteur der „Spex“ schreibt jetzt für die „Süddeutsche Zeitung“ (und zeigt dort anhand des aktuellen Patti Smith-Albums, was er nicht kann, nämlich: über Musik schreiben...). Der Pop-Chef der „Berliner Zeitung“ wechselt mit einer Kolumne von „Spex“ zu „Rolling Stone“ ebenso wie ein weiterer geschätzter Autor des Feuilletons der „Berliner Zeitung“ (wobei ich mich immer frage, worin der Charme für eine kompetente Musikzeitschrift besteht, Kolumnen bei Redakteuren des Feuilletons zu bestellen, außer: daß die vielleicht besser schreiben können? aber wäre es in Zeiten drastisch sinkender Auflagen der Musikzeitschriften und eines damit einhergehenden Bedeutungsverlustes der Musikkritik nicht sinnvoller, eigenes Profil zu gewinnen, als es sich beim bürgerlichen Feuilleton zu leihen?). Der ehemalige Spex-Redakteur  wurde im Sommer 2011 beim „Musikexpress“ („...erscheint monatlich in der Axel Springer Mediahouse Berlin GmbH...“) als „unser neuer Mann an Bord“ und Redaktionsleiter vorgestellt und ist im Frühjahr 2012 plötzlich Redakteur des „Rolling Stone“.

Man kommt förmlich nicht mehr hinterher. Und was hat das alles zu bedeuten? Es ist wie bei der Tonträgerindustrie, als derartige Bäumchenwechseldichspiele in der zweiten Hälfte der 90er Jahre und im frühen 21. Jahrhundert zur Regel wurden und viele Angestellte im Zwei-Jahres-Rhythmus zwischen den großen Playern der Plattenfirmen hin und her wechselten – es hat, neben vielen anderen Gründen, auch mit Krise zu tun, in der die Akteure zu Verzweiflungstaten greifen. Die Auflagen der großen Musikzeitschriften haben sich in den letzten paar Jahren halbiert.

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Maria Furtwängler ist Leni Riefenstahl. Die Frau des Verlegers Hubert Burda soll in einer ZDF-Produktion mit dem Regisseur Niki Stein („Rommel“) Hitlers Lieblings-Regisseurin („Triumph des Willens“) spielen. Die Idee zu dem Fernsehfilm stammt laut „Bild am Sonntag“ von Maria Furtwängler selbst, die sich seit vier Jahren intensiv mit Riefenstahls Biographie beschäftige.

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Und „die Wanderhure“ ist Stephanie zu Guttenberg. In einem geplanten Fernsehfilm über Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg soll Alexandra Neldel dessen Ehefrau Stephanie spielen, erfahren wir in einer Meldung der „Berliner Zeitung“. Alexandra Neldel, die mit der Serie „Verliebt in Berlin“ bekannt wurde und zuletzt mit „Die Wanderhure“ und „Die Rache der Wanderhure“ erfolgreich war, hat laut Fernsehproduzent Nico Hofmann für Stephanie zu Guttenberg „genau die richtige Figurentiefe“.

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Die Einführung des sogenannten Betreuungsgeldes ist so ziemlich der ärgerlichste Beitrag der an Ärgerlichkeiten nicht eben armen Politik der Bundesregierung. Mit welchen undemokratischen Mitteln eine Politik, die von der OECD in einer Studie als nachteilig für berufstätige Frauen und für die Integration von Zuwanderern analysiert wurde, hierzulande durchgesetzt wird, erzählt ein Beitrag der „Berliner Zeitung“.

Demzufolge ist geplant, das Betreuungsgeld trotz immer neuer Hinweise auf seine Nachteile „offenbar ohne längere parlamentarische Beratungen durch den Bundestag zu drücken“. Die 20 CDU-Bundestagsabgeordneten, die in einem Protestbrief im April angekündigt hatten, aus guten Gründen gegen das Betreuungsgeld stimmen zu wollen, wurden jetzt von Angela Merkel besucht (oder doch eher heimgesucht?). Zweck des Treffens: „Den Abgeordneten die strategische Bedeutung der Abstimmung über das Betreuungsgeld deutlich zu machen. Die CSU hat dieses Projekt zu einem Prüfstein für die Koalition erklärt – eine Kränkung der bayerischen Partei will Merkel ein Jahr vor der schwierigen Landtagswahl wohl nicht riskieren“. Politik also nicht aus inhaltlichen, sondern aus „strategischen“ Gründen. Bundestagsabgeordnete, die nicht, wie es das Grundgesetz vorsieht, ausschließlich ihrem Gewissen verantwortlich sind, sondern Abgeordnete, die von der Regierungschefin auf Kurs gebracht werden – „das Bemühen, die Kanzlerin nicht zu beschädigen, spielt dabei offenbar unabhängig von den Inhalten eine große Rolle“.

Realpolitik in der Post-Demokratie. Würde so etwas in Moskau oder Beijing passieren – Machtpolitik am Parlament vorbei, Abgeordnete vom Machthaber auf Kurs gebracht –, die  Parteien und Medien würden Amok laufen...

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Im Münchner Literaturhaus eine Ausstellung über Gerhard Polt (dem an dieser Stelle herzlichst zum 70.Geburtstag gratuliert sein soll! der erste Künstler, den die Konzertagentur Berthold Seliger jemals veranstaltet hat, zwei ausverkaufte Konzerte von Gerhard Polt und den Biermösl Blosn in Fulda im September 1988...), und darin neben den vielen wirklich komischen und gleichzeitig sehr abgründigen Szenen („Habemus Papam!“, wie Polt als Papst Bene mit einem Kärcher das Laub vor sich hintreibt und dabei in päpstlicher Fistelstimme vor sich hinplappert, bis die Biermösl-Blosn auf die Bühne kommen und mit Alphörnern ausgerechnet und exakt Orffs Carmina Burana intonieren – wie sich also wirklich ALLES auf wunderbarste Weise zu ALLEM fügt, darüber kann man förmlich nicht aufhören zu lachen! gibts auch auf DVD übrigens) – o.k., ich bitte neu ansetzen zu dürfen: besonders auffällig ist aber die Kabarett-Sendung über den Rhein-Main-Donau-Kanal, dieser legendäre Höhepunkt der Fernsehgeschichte – was Fernsehen damals durfte! Unglaublich. Wie in bester aufklärerischer Manier klargemacht wird, wie die Industrie die bayerischen CSU-Bonzen schmiert, um die entsprechenden Baugenehmigungen zu erhalten, wie da alle Namen genannt werden bis hinauf zum Ministerpräsidenten – so etwas war einmal möglich bei der ARD! Und so etwas würde heute nicht mehr möglich sein. So etwas würde keine Redaktion in Auftrag geben, es würde nicht gesendet werden, vor allem aber auch: so etwas würde sich kein TV-Autor und -Darsteller heutzutage mehr trauen! Und das ist eben auch die Wahrheit.

Ad multos annos, G.P.!

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Im „Handelsblatt“ schreibt Gabor Steingart:

„Sie wundern sich zuweilen über die steigenden Energiepreise? Der ehemalige russische Diplomat und heutige Lobbyist Andrey Bykov erklärte unserem Reporter Jan Keuchel, wie der Stromkonzern EnBW die Gelder der Kundschaft ausgibt. Rund 200 Millionen Euro erhielt Bykov aus den Kassen der EnBW. Die eine Hälfte davon war für den Lobbyisten, die andere Hälfte für Kirchen, Denkmäler und Wallfahrten in Russland bestimmt. "Damit wurden 84 Kirchen, 30 Denkmäler, 60 Schachschulen, eine Oper und drei Orchester finanziert, dazu Dutzende von Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern", sagt Bykov.

Diese Ausgaben dienten "der politischen Klimapflege", um an die Gasvorräte der Russen zu kommen. Das Geld sei über Scheinverträge geflossen. Schwere Vorwürfe, die sich auf die Zeitdauer von immerhin drei Vorstandsvorsitzenden der EnBW erstrecken.“ 

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Klaus Walter hat darauf hingewiesen:

„Die Firma EMI schmückt ihre Erfolgsreihe ”Ballermannhits” mit einem Ötzi-esken Stimmungshit von Klana Indiana: "Wer jetzt net hupft, is schwul!"

Das also ist der Stand der Querness in diesem unseren Land, in dieser unserer Musikindustrie.

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Die „Musikwoche“, das Fachblatt für den Copyright-Cop, jubiliert: „524 Millionen Schaden“ soll und will der deutschen Musikindustrie im Jahr 2010 durch „digitale Piraterie“ entstanden sein; „allein 256 Millionen Euro davon entfielen hochgerechnet nach Marktanteilen auf Musik aus deutscher Produktion. Zu diesem Ergebnis kommt eine vom Medienboard Berlin-Brandenburg und dem Bundesverband der Computerspielindustrie (G.A.M.E.) in Auftrag gegebene Studie“.

Hört sich alles topseriös an. Und so stößt der Chef der Universal, Frank Briegmann, ins Nebelhorn: „Wir erleben Umsatzverluste, die mehr als existenzgefährdend sind – für Künstler, Arbeitsplätze und Unternehmen“.

Doch wo sich der klar und logisch denkende Mensch schon immer gefragt hat, wie denn die Musikindustrie ihre genauen Verluste durch sogenannte illegale Downloads berechnet, da hat sich der Wiener Wirtschaftswissenschaftler, Professor für Kulturbetriebslehre und Betreiber des angesehenen „Blog Musikwirtschaftsforschung“, Peter Tschmuck, die Arbeit gemacht, die angebliche „Studie“ des Medienboards BeBra auf Herz und Nieren zu durchleuchten. Fazit: da bleibt nicht viel übrig.

Im Einzelnen die wichtigsten Kritikpunkte, die Tschmuck in einem ausführlichen Text belegt:

- Die Untersuchung des Medienboards basiert in erster Linie nur auf einer Sekundäranalyse der vorhandenen Literatur, ergänzt durch einige ExpertInnenintervciews. „Eine methodische Auswertung der Interviews im Rahmen einer qualitativen Inhaltsanalyse ist nicht erkennbar.“

- Ähnlich mangelhaft ist laut Tschmuck die Vorgehensweise bei der Schadenserrechnung für die Musikindustrie: die „Pirateriemenge“ wird einfach mit einer aus der Literatur abgeleiteten Substitutionsrate multipliziert.

- In der gesamten „Studie“ werden die Begriffe „Musikwirtschaft“ und „Musikindustrie“ nicht definiert und voneinander abgegrenzt.

- Besonderes Bubenstück der „Studie“: die vom Bundesverband der Musikindustrie (BMI) zur Verfügung gestellten (und per se zweifelhaften) Zahlen werden „dem theoretischen Umsatzwachstum nach der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf Basis des Jahres 1999 gegenüber gestellt“ – diese Darstellung „muß allerdings als suggestiv bezeichnet werden, weil es keinen empirisch-kausalen Zusammenhang zwischen der Entwicklung des BIPs und der Umsatzentwicklung in der phongraphischen Industrie gibt“, stellt Tschmuck lapidar fest.

- Und so geht es weiter – in der „Studie“ werden Feststellungen willkürlich getroffen, die an keiner Stelle belegt werden, die Zahlen, die die „Studie“ etwa bei den Beschäftigten nennt, stehen „in keiner nachvollziehbaren kausalen Beziehung“. Bei der Addition der Gesamtsumme der „illegalen“ Tracks stellt Tschmuck fest, daß „eine simple Addition der Werte durch nichts gerechtfertigt ist“, und „die Zahlen für den Festplattentausch“ sind  „so gut wie gar nicht empirisch gesichert“, die Kapitelüberschriften seien „suggestiv“, es werden nicht alle verfügbaren Studien berücksichtigt, sondern nur ausgewählte (man kann sich leicht vorstellen, welche Studien ausgewählt wurden – die, die den Autoren in den Kram paßten natürlich), und Tschmuck faßt schließlich zusammen:

- Die Studie „liefert keine empirisch gesicherten und somit brauchbaren Ergebnisse, die den Zusammenhang von Musik-Filesharing und physischen sowie digitalen Musikverkäufen erklären könnten. (...) Zum Teil fällt die Darstellung suggestiv aus und es werden vorliegende Statistiken und Studien verkürzt und oberflächlich interpretiert. (...) Insgesamt muß konstatiert werden, daß die Berechnung des wirtschaftlichen Schadens der phonografischen Industrie in Deutschland und in der Region Berlin-Brandenburg jeglicher Grundlage entbehrt und alles andere als eine verläßliche Zahlenbasis bietet. Darüber hinaus wird die Studie ihrem Titel (...) in keinster Weise gerecht (...) In diesem Sinn leistet die vorliegende Studie keinen brauchbaren Erklärungsbeitrag, welche wirtschaftlichen Auswirkungen Musik-Filesharing auf die phonografische Industrie im Speziellen und die Musikindustrie in Deutschland im Allgemeinen hat.“

So etwas nennt man wohl eine gewaltige Ohrfeige. Setzen, sechs!

Doch eine „Studie“ kann noch so absurd und inkompetent und lügnerisch daherkommen – Hauptsache, es kommt das raus, was rauskommen soll, und schon wird sie vom „President Universal Music GSA“ und vom Bayernkurier der Verwertungsindustrie Hand in Hand (die eine wäscht bekanntlich die andere) im großen Stil der Öffentlichkeit präsentiert. Hatten wir schon: die Lage der Verwertungsindustrie muß verzweifelt sein, wenn sie ihr Anliegen derart vorantreiben muß...

(Tschmucks Stellungnahme im Netz: http://musikwirtschaftsforschung.wordpress.com/2012/06/15/die-auswirkungen-digitaler-piraterie-auf-die-phonografische-industrie-eine-neue-studie/ )

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Doch auch die Abmahnindustrie bleibt nicht untätig. Jüngstes Opfer, wie wir auf „Perlentaucher“ erfahren: der Filmemacher Rudolf Thome („Rote Sonne“), der auf seiner Website zwei Kritiken aus dem „Tagesspiegel“ zu seinen Filmen dokumentiert hatte und deshalb von einer Hamburger Rechtsanwaltskanzlei aufgefordert wurde, knapp 950 Euro zu bezahlen. Thome war selbst 15 Jahre lang Autor von Filmkritiken für das Blatt, das der Berliner gerne „Tagesspitzel“ nennt. „Wie kann dem Tagesspiegel ein Schaden durch die Wiedergabe zweier uralter Kritiken entstanden sein“, fragt sich Thome.

Besonders skurril: Im „Tagesspiegel“ fand man im März 2012 noch recht deutliche Worte gegen die Abmahnindustrie: „Wenn das aktuelle Abmahnwesen in Deutschland eine Farbe hätte, wäre es schmutzig-grau. Mit allerlei Tricks versuchen Geschäftemacher, über Abmahnungen Geld zu verdienen.“

Bekanntlich sind die größten Kritiker der Elche selber welche...

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Ebenfalls aktiv ist der Computerhersteller Apple, der laut einem Bericht der „Zeit“ bei Musikstücken anstößige Texte zensiert und sie durch „gesäuberte“ Versionen ersetzt, ohne daß die Nutzer darauf aufmerksam gemacht würden. Aus dem „We gonna party for the motherfucking right to fight“ der Beastie Boys wird in der gated community von Apples iTunes einfach „We gonna party for the KRATZGERÄUSCH right to fight.“

Es gibt eine längere Zensurliste bei Apple: keine Nackten im James-Joyce-Comic „Ulysses Seen“ von Rob Berry im Juni 2010; im Mai „fiel die App zur Münchener Pinakothek-Ausstellung Frauen – Picasso, Beckmann, de Kooning dem Brustverbot aus Kalifornien zum Opfer. Der Kunst-App-Hersteller sollte Beckmanns nackte Schlafende aus den Bildern entfernen, die das Produkt bei iTunes bewerben. Erst danach stellte Apple die App wieder online.“ Brave new world.

10.06.2012 - 13:51

Zum Auftakt der Fußball-Europameisterschaft bringt das Feuilleton der FAZ ein ganzseitiges Interview mit dem französischen Rekord-Nationalspieler Lilian Thuram, der unlängst ein Buch unter dem Titel „Manifeste pour l’egalité“ herausgebracht und eine Ausstellung im Pariser Musée du Quai Branly organisiert hat, die „zeigt, wie der Westen den Wilden erfunden hat“. Thuram hat auch eine Stiftung „Erziehung gegen Rassismus“ ins Leben gerufen.

„Der Rassismus ist ein intellektuelles Konstrukt, das von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Unsere Gesellschaft ist immer noch durchsetzt von rassistischen Vorurteilen. (...) Wenn diese Fans Rassisten sind, so weil es um sie herum, in der Gesellschaft, Rassismus gibt. Der Fußball lebt nicht in einem abgeschlossenen Raum.“

Thuram, der in seiner Karriere Welt- und Europameister wurde, war berühmt dafür, sich vor einem Spiel der Championsleague in ein Buch von Frantz Fanon zu vertiefen.

Und nun frage ich Sie – wissen Sie, wer deutscher Rekordnationalspieler ist? Genau, Lothar Matthäus. Und nun versuchen wir uns einmal vorzustellen, welches Buch (bzw. „was ist das?“) Loddar vor einem Fußballspiel lesen würde. Oder was passieren würde, wenn Loddar eine Museumsausstellung kuratieren oder gar der FAZ ein ganzseitiges Interview geben müßte. Und Sie können sich so ungefähr den Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland sinnlich vorstellen...

 

10.06.2012 - 13:50

Am Samstag, dem 9.Juni 2012, argumentiert Petra Kolonko (das ist die Dame, die für FAZ und NZZ gleichlautende Artikel über China oder Nordkorea schreibt, die sie vor ihrem Fernseher in Tokio sitzend verfaßt; siehe auch „Pjöngjang im Kaffeesatz“, Konkret 11/2010, auch auf unserer Homepage: http://www.bseliger.de/sites/default/files/Seliger11-10.pdf) im Leitkommentar der „FAZ“ unter dem Titel „Chinas roter Adel“: „Daß prominente Familien wirtschaftlichen und politischen Einfluß haben, ist in Asien nicht ungewöhnlich. In Staaten, wo das Rechtssystem schwach ist, wie in China, sind familiäre Bande noch immer die Garantie für loyale Zusammenarbeit. (...) Die Familienpolitik beschränkt sich nicht nur auf die obersten Parteiführer. Auch auf der mittleren Politik-Ebene und im Geschäftsleben spielen Familienbande und persönliche Loyalitäten eine starke Rolle. Sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik regieren informelle Strukturen, die für Ausländer undurchdringlich sind und an denen sie oft scheitern.“

Am selben Tag, Samstag, dem 9.Juni 2012, lesen wir auf Seite 2 der „Berliner Zeitung“ eine Sonderseite zum Thema „Familienmacht: Politikerdynastien in Deutschland“, die sich unter dem Titel „Nachname verpflichtet“ mit Familien beschäftigt, denen „Politik im Blut zu liegen scheint“ – Adenauer, Bismarck, von der Leyen/Albrecht, Gysi, Schäuble sind die Beispiele. Und von den Flicks oder vom Bertelsmann-Clan, der dem Kohl sein Mädel nach Gütersloh einbestellt, um der ehemaligen FDJ-Funktionärin den Kurs vorzugeben, ist in der Sonderseite nicht einmal die Rede.

Und was soll uns das lehren? Wahrscheinlich will man uns einfach hintenrum verdeutlichen, daß Deutschland eben ein Land ist, wo das Rechtssystem schwach ist, mit all den prominenten Familien und deren wirtschaftlichem und politischem Einfluß...

10.06.2012 - 13:45

 

Nun werden die Zauberlehrlinge die Geister, die sie gerufen haben, nicht mehr los.

„Kann man stolz auf Deutschland sein?“ „Ja, das ist jetzt möglich“, tönt die Parole in Großlettern nicht vom Titel der Blödzeitung und auch nicht vom Titel der Nationalzeitung, sondern vom Titel der „Zeit“, und im Inneren des Blattes (was ich in diesem Zusammenhang unbedingt metaphorisch zu lesen bitte) setzt Joachim Gauck noch einen drauf: Anders als sein Bundespräsidenten-Vorgänger findet Gauck nicht, daß der Islam zu Deutschland gehört, den Satz könne er „so nicht übernehmen“. „Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland“, erklärt der Bundespräsident im Interview.

Gauck findet also, daß Muslime nach Deutschland eingewandert sind, ihre Religion sollen sie aber nicht mitgebracht haben dürfen. Wie es überhaupt interessant ist, wie Gauck im Interview an dieser Stelle herumschwurbelt, denn Arbeitsmigranten kommen in seiner Welt offensichtlich nicht vor, er sagt ausdrücklich: „Jeder, der hierhergekommen ist (...) und auch gerne hier ist, auch, weil er hier Rechte und Freiheiten hat, die er dort, wo er herkommt, nicht hat, der gehört zu uns, solange er diese Grundlagen nicht negiert.“

Wie gesagt, das kann den Zauberlehrlingen nicht gefallen. Grünen-Chef Cem Özdemir kann die Unterscheidung Gaucks jedenfalls nicht nachvollziehen, die Muslime hätten schließlich „ihre Religion mitgebracht“. Wer aber hat Gauck mitgebracht? Der Grünen-Fraktionsvorsitzende und Ex-Maoist Jürgen Trittin war es, der Gauck das höchste Staatsamt mehrfach antrug. Trittin hat uns das eingebrockt und hat nun scheinbar die Zauberformel vergessen, mit der man – Besen Besen seids gewesen... – den Quälgeist wieder los wird.

„Nun sind wir einen CDU-Präsidenten los, der eine grüne Position vertrat, und haben einen rot-grünen Favoriten, der aus dem Herzen der CSU argumentiert.“ (Friedrich Küppersbusch)

31.05.2012 - 00:00

Laut Bericht auf "Spiegel Online" hat Bruce Springsteen anläßlich seines Berliner Konzerts kräftig gegen Banker und Finanzwelt gewettert, sein Song "We Take Care Of Our Own" wurde angeblich schon so etwas wie die "Hymne der Occupy-Bewegung". Doch wie so oft greift die Gesellschaftskritik US-amerikanischer Musiker etwas kurz - es geht gegen "gierige Diebe" und gegen "Raubritter" - schön brav sozialdemokratisch eben, man will keine andere Welt, sondern die bestehende, die soll aber ein klein wenig hübscher sein und ohne allzu gierige Einzelpersonen.

Substantieller geht da Jeb Loy Nichols zu Werk - sein Song "To Be Rich (Should Be A Crime)" ist eher fundamental antikapitalistisch - und auch sonst ein schöner Song, produziert von Adrian Sherwood und derzeit als Vinyl-Single und als Teil des "King Size Dub"-Albums von 2011 erhältlich:

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Und die Fußball-Europameisterschaft? Wir sind ja für eher waghalsige Prognosen bekannt, also soviel schon mal vorweg: Deutschland wird ganz sicher nicht Europameister! Das kann man gleich mehrfach begründen: Politisch – ganz Europa leidet wirtschaftlich unter dem Zuchtmeister Deutschland, da sollte sich doch mindestens ein Land finden, das den von Merkel geprägten neoliberalen Dominanzfußball stoppen kann. Gute Chancen sollten naturgemäß die haben, die am meisten unter der deutschen Wirtschaftsknute zu leiden haben – einer der PIGS-Staaten dürfte also wohl Europameister werden – und da Spanien den besten Fußball spielt, und gleichzeitig den PIGS-Staaten angehört, ist das schon mal der natürliche Favorit. Nun wissen wir alle, daß eher selten das Team gewinnt, das den schönsten Fußball spielt, und bei einer EM gibt’s auch immer gerne mal eine Überraschung – also vielleicht doch die Osteuropäer? Polen? Tschechien (wobei, die Tschechen haben leider keine brauchbare Offensive)? Holland wird es nicht werden, denn die haben Robben. Vielleicht Frankreich? Nach der Entsorgung Sarkozys ist das ein guter Tip, auch wenn der Hollande-Sozialdemokratismus  vielleicht zu früh kommt.

Aber wie gesagt: Deutschland nicht. Zu viel FC Bayern, zu wenig Dortmund. Haben Sie gesehen, wie die Nationalspieler im Championsleague-Finale beim Elfmeterschießen gekniffen haben? Kroos? Gomez? Da steckt die Versagensangst einer ganzen Generation in den paar Spielern. Oder man kann es begründen wie mein Schweizer Freund und Fußballkenner: „die Deutschen haben so doofe Frisuren, das wird nichts“...

Also, wenn Sie mich fragen: einer der beiden PIGS-Staaten mit brauchbarem Fußball wirds, oder Frankreich. Sie werden sehen. Oder es kommt ganz anders.

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Der komplette Wirtschaftsteil der „Süddeutschen Zeitung“ vom 26.5.2012 ist von einer vierseitigen, teuren Anzeige des Kaffeemaschinenherstellers „De’Longhi“ ummantelt. Und was mußte die Redaktion der „Süddeutschen“ dafür tun? Auf Seite 31 im Wirtschaftsteil derselben Zeitung eine „Sonderseite“ zum Thema „Kaffee“ ins Blatt nehmen. Ich glaube, man nennt es unabhängige Presse, oder? (keine Sorge, ich habe das Geschäftsprinzip verstanden, das eine hat natürlich null mit dem anderen zu tun, eh klar)

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Piraten, wohin man sieht. Im Email-Posteingang ein Bandangebot: „Der Fluch der Karibik live als Partyrock-Band auf Ihrer Bühne“.

„Die Coverpiraten sind die neue Entdeckung am Partyhimmel. Die Bühne ist dekoriert mit rauchenden Kanonen, leuchtenden Fackeln und Piratenaccessiores. Bei Bedarf kommen wir sogar mit Pyroshow! Die Musiker sind in ständig wechselnden Piratenoutfits auf der Bühne, die Sänger wechseln über 20 mal die Outfits während der Show, von Schlager- über Rock- bis zum 70´s Outfit. Die Tänzerinnen kommen Fahnen schwenkend und im finalen Spagat endend auf die Bühne. Von Top 40 Hits über Deutschen Schlager bis hin zu AC/DC wird mit 100%igem Wiedererkennungswert eine Show geboten die ihres Gleichen sucht.“ 

Der Fluch der Partyrockband, sozusagen.

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Dieser Kalauer wäre einem gern selber eingefallen:

"Günter Grass, der stets sein Bestes gegeben hat, sei es für die SS oder die SZ"... (Hans Zippert in der "Welt")

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Man liest das jetzt gerade allerorten, wie dieser Tage in der „FAS“: „Die Grünen sehen sich durch den Erfolg der Piraten herausgefordert.“

Der Grüne Sven-Christian Kindler aus Hannover „hat ein duales Studium zum Betriebswirt gemacht, wohnt in einer Öko-WG im multikulturellen linksalternativen Linden, kocht gern vegan und wandert mit seinen Freunden bei den Pfadfindern“ und sieht ansonsten die Gefahr einer Verspießerung der Grünen: „Wir dürfen keine Wischiwaschi-Volkspartei werden und auch keine angepaßte Spießerpartei“.

Wie meint Kindler aber das Wörtchen „werden“ in diesem Satz?

Dieter Hildebrandt übrigens wies unlängst darauf hin, „daß die Spießer heute immer jünger werden“.

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Der sowieso und überhaupt immer lesenswerte Newsletter des „Palace“ in St. Gallen berichtet von einem hübschen Beispiel Bankenrettung vs. Lehrstuhlförderung bzw. eine Hand wäscht die andere:

„Bekanntlich hat die Großbank UBS der Universität Zürich fünf Lehrstühle gesponsert und auch noch ein «UBS Center of Economics in Society». Es ist schon eine typisch schweizerische Art, Skandalen ein Ende zu setzen: Eine Großbank wird vom Staat mit 68 Milliarden Franken gerettet. Eine Untersuchung zu ihren kriminellen Geschäften gibt es keine. Die Auflagen bleiben minimal. Zum Schluß kommt der Ex-Bundesrat und neue Bankenchef, kauft sich die Bildung und sagt im Wirtschaftsweltblatt: «Die Lehrstühle sollen unter anderem untersuchen, weshalb staatliche Regulierungen oft andere als die beabsichtigten Wirkungen haben.» Das muß man sich erst mal ausdenken: Milliarden von den BürgerInnen einstreichen, und dann noch untersuchen lassen, ob die mit dem Geschenk verbundenen Auflagen eine falsche Wirkung haben.“

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Was an Politik-(Klein)darstellern wie Klaus Wowereit fast am meisten nervt, ist diese arrogante Nonchalance gegenüber der Realität des Faktischen, und die Zurschaustellung eigener politischer Hilflosigkeit als sich ankumpelnde Betroffenheitsattitüde – „ja, wir wollen auch eine andere Welt, aber leider leider...“ – so, als ob Politiker keine Gesetze machen könnten, keine Flächennutzungspläne aufstellen oder keine Steuern erheben (bzw. wenn sie wenigstens  zugeben würden, daß sie nichts zu sagen haben angesichts von Banken Versicherungen Lobbys...).

Eine ganz neue Variante der von Walter Benjamin beschriebenen Ästhetisierung des Politischen als wesentliche Legitimationsstrategie von Herrschaft (und denken Sie neben dem Freiherrn Guttenberg und Wowereit etwa auch an Sarkozy!).

Da wollen Konzerne wie BMW und Guggenheim nach Kreuzberg kommen, um sich mal paar Wochen mit Stadtplanung zu beschäftigen – „mit Eröffnungsparty und Reden – powered by BMW. In Berlin ist das Alltag. Diese Stadt verkauft sich immer an den Meistbietenden. Wenn einer kommt und zahlt, eine Autofirma, eine Modefirma, eine Mobilfunkfirma, dann kann er hier eigentlich alles haben, Plätze, Straßen, das Brandenburger Tor“ (Jakob Augstein, SPON).

Es ist im Berlin des Sozialdemokraten Wowereit eben tatsächlich so, wie Augstein schreibt: alles braune Brause. Wenn Coca-Cola (das schon die NSDAP-Parteitage in den 30er Jahren gesponsert hat) ruft, bekommen sie das Brandenburger Tor. Wenn die Berliner Fashion-Week das braucht, bekommt sie den zentralen Bebel-Platz neben der Staatsoper, und das Festzelt wird von Daimler-Benz gesponsert, der Firma, die nicht wenig in den Nationalsozialismus verstrickt war, und steht direkt über dem Denkmal von Micha Ullmann, das an die Bücherverbrennung 1933 erinnert. Und wenn BMW ruft, die Firma, deren Grundkapital aus Zwangsarisierungen und Zwangsarbeit kommt, dann rollt Wowereit „den Roten Teppich aus“.

„Weltoffenheit hieß schon unter seiner rot-roten Regierung: Unternehmen, Investoren und andere Möchtegern-Berlin-Gestalter aus der großen weiten Welt anlocken, koste es was es wolle. Im vorauseilenden Gehorsam wurden da möglichst alle Barrieren weggeräumt, etwa die lästigen Befürchtungen der Kiez-Bewohner, die sich spießigerweise um ihre Wohnungen und steigende Mieten sorgen“ (Sebastian Preuss, „Berliner Zeitung“).

Doch wenn die Bürger gegen derartige Show-Projekte demonstrieren, weil sie längst wissen, daß sie von Politikern wie Wowereit nichts zu erwarten haben, dann müssen sie sich von dem Sozialdemokraten noch zynisch für ihre „unsachgemäße Kritik und Versuche der Einschüchterung durch plumpe Drohungen“ kritisieren lassen. Wie wäre es denn, Wowereit und Konsorten wählten sich einfach eine andere Bürgerschaft?

Wenn den Berliner Landes- und Bezirkspolitikern wirklich an einer Diskussion zur Stadtplanung gelegen wäre, hätten sie diese längst organisieren können, nein: müssen! Nur wer sich jahraus jahrein nicht für die Sorgen der BürgerInnen interessiert, sich nicht mit den Schattenseiten des Berliner Immobilienbooms beschäftigen möchte, der propagiert schicke Show-Veranstaltungen, die von BMW und Guggenheim als Imagekampagne organisiert werden.

Politikdarstellern wie Wowereit und Konsorten geht es um die Privatisierung nun auch noch des öffentlichen Raums. Das ist ein Teil der jahrelangen Kampagne der Umverteilung von unten nach oben. BMW und Guggenheim und Wowereit stehen für das Problem, nicht für die Lösung. „Das ist die Ideologie des Starken, derer, die es sich leisten können, auf öffentliche Infrastruktur zu verzichten.“ (Augstein)

Dem großen Staatsmann Wowereit sei dieses Zitat eines schwäbischen Heimatdichters um die Ohren gehauen:

„Du bist fertig, Staatsmann.Der Staat ist nicht fertig. Gestatte, daß wir ihn verändern.“ (Bertolt Brecht, „Fatzer“)

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Aber Berlin kann ja nicht wirklich viel. Berlin kann nicht Popkomm und nicht Musikmesse. Berlin kann nicht Flughafen. Berlin kann nicht Staatsoper (der Umbau dauert jetzt knapp zwei Jahre länger als geplant). Berlin kann nur endlose Baustellen.

Finden Sie alles etwas provinziell? Berlin ist provinziell! Am Ende ist Berlin eben auch nur 55 mal Fulda hintereinander...

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Schon interessant, daß die deutschen Politiker und ihre Medien, wann immer sie „Menschenrechte“ in Staaten der ehemaligen Sowjetunion einfordern, sich vornehmlich um die Menschenrechte von Ex-Oligarchen kümmern, von Menschen, die in der Regel ihre Milliarden im post-sowjetischen System dadurch machten, daß sie entweder zur Mannschaft eines sagenhaft korrupten Politikers gehörten, oder daß sie Dinge, die der Gesellschaft gehörten, und dabei bevorzugt Energie, in ihr Eigentum „überführten“.

Julia Timoschenko etwa hielt Kontakt zum „sagenhaft korrupten Dnjepropetrowsker Pawel Lasarenko, der als Vizepremier für Energiefragen Timoschenko Aufträge im lukrativsten Geschäft verschaffte, das es in der Ukraine überhaupt gab – dem Import von russischem Erdgas“, ist in der „Berliner Zeitung“ zu lesen. Timoschenko wurde zur „Gasprinzessin“, ihr Konzern kontrollierte dank hervorragender Kontakte zur Politik bald ein Fünftel der ukrainischen Wirtschaftsleistung. „Timoschenko wurde zur wohl einflußreichsten Oligarchin im postsowjetischen Raum. Als Lasarenko 1997 gestürzt wurde, floh er in Timoschenkos Flugzeug. Er wurde in den USA wegen Geldwäsche, Betrug und Erpressung zu neun Jahren Haft verurteilt.“

Daß nun gar der Chefarzt einer Berliner Klinik im deutschen Regierungsauftrag die gierige Ex-Oligarchin und Machtpolitikerin in einem ukrainischen Krankenhaus behandeln muß, soll einem mal einer erklären. Sicher: die Verhältnisse in ukrainischen Gefängnissen sind kein Zuckerschlecken. Aber ob sich die westliche Politik ausgerechnet anläßlich Frau Timoschenkos um sogenannte Menschenrechte in der Ukraine kümmern sollte, darf bezweifelt werden.

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Und was ist mit Dieter Bohlen los? Er klagt derzeit vor dem Europäischen Gerichtshof seine „Menschenrechte“ ein. Denn seiner Ansicht nach hat ihn ein Zigarettenkonzern in unlauterer Weise für seine Werbung eingespannt. Bohlen, der sonst gerne alles und jedes mitmacht, was Geld verspricht, stört sich an der Werbung „Schau mal, lieber Dieter, so einfach schreibt man super Bücher“.

Der Bundesgerichtshof hat letztgültig entschieden, Bohlens Verfassungsbeschwerde gegen dieses Urteil wurde abgewiesen, da blieb dem lieben dünnhäutigen Multimillionär, der sonst gerne freche und ätzende Sprüche zulasten anderer im Fernsehen absondert, natürlich nichts weiter übrig als die Klage gegen den Entzug seiner Menschenrechte durch den bekannten Unrechtsstaat Bundesrepublik Deutschland.

Wie sagte Bohlen doch einst so schön? „Versuch doch mal einem Bekloppten zu erklären, daß er bekloppt ist.“

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Die „Warner Home Video Germany“ und „Amazon Deutschland“ haben ein neues Geschäftsmodell entwickelt, mit dem sie sich Freunde unter den Filmfans machen werden. Die beiden Firmen bieten sechzehn Hollywood-Produktionen auf DVD an, die hierzulande noch nicht verfügbar oder länger vergriffen waren – wie etwa Tod Brownings „Freaks“ (1932) oder “Der kleine Cäsar“ mit Edward G. Robinson (1932).

Die Besonderheit: „Disc on Demand“. Amazon brennt die Filme dieser „Warner Archive Collection“ als DVD nur auf Kundenwunsch und Bestellung. Der Preis: Um die 15 Euro.

Sicherlich das beste Mittel, Menschen von legalen und illegalen Streaming-Diensten wegzulocken, denn für so eine handgebrannte DVD-Kopie eines achtzig Jahre alten Films zahlt der Kunde doch gerne 15 Euro – man gönnt sich ja sonst nichts, und die Filmindustrie muß auch von irgend etwas leben.

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Wie wir wissen, ist die US-amerikanische Kulturindustrie nicht gerade zimperlich im Umgang mit Leuten, die illegale Kopien anfertigen und vertreiben. Doch es gibt natürlich keine Regel ohne Ausnahme. Der 92jährige Hyman Strachmann fertigt laut „Berliner Zeitung“ täglich wie besessen illegale Kopien von Spielfilmen an – auf etwa 300.000 Exemplare der illegalen Kopien hat er es seit 2004 gebracht. Doch der Zweck heiligt anscheinend die Mittel: Der Veteran, der im Zweiten Weltkrieg diente, schickt seine Filmkopien an Soldaten im Auslandseinsatz, die ihre Lieblingsstreifen auch im Krisengebiet sehen möchten. Die Sendungen mit den illegalen Kopien Strachmanns gehen vor allem nach Afghanistan, bis 2011 lieferte er auch gern in den Irak.

Die Wand des Arbeitszimmers des 92jährigen Hyman Copyking „schmücken Fotos von Soldaten, die zufrieden eine DVD in die Kamera halten“.

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„Die meiste Indie-Musik ist reine Zeitverschwendung.“ Jack White

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Schon mal von der kanadischen Band „The Weeknd“ gehört? Deren Debütalbum „House of Baloons“ landete letztes Jahr in den Jahresbestenlisten von „Billboard“, „Guardian“ oder der „New York Times“. Das Besondere: Das Album war „als kompletter Gratis-Download auf der Website der Künstler zu haben. Die beiden Nachfolge-Alben von The Weeknd, ebenfalls im Jahr 2011 selbst veröffentlicht, gab es auch umsonst. Bislang hat The Weeknd keinen Plattenvertrag, dafür 365.000 Freunde auf Facebook und eine halbe Million Twitter-Follower. In diesem Jahr spielte die Band bei einer großen Tour durch die USA auf dem Coachella-Festival, einem der wichtigsten Musikfestivals der Welt“, berichtet die „FAS“.

Wie zu hören war, sind die Gagen der Band bereits extraorbitant, die Musiker können prächtig von ihrer Musik leben. „Musiker, die über die Nutzung und Auswertung ihrer Urheberrechte selbst entscheiden, haben im Web-2.0-Zeitalter die besseren Chancen“, faßt die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ zusammen.

Doch so etwas funktioniert nicht nur jenseits des großen Teichs, sondern auch hierzulande. Der deutsche Rapper „Cro“ ist seit Wochen mit seinem Song „Easy“, wahrscheinlich einem der Sommerhits des Jahres, in den deutschen Top 10. Der Song wurde zuerst auf Youtube als Video veröffentlicht, eine Woche später konnte man den Song als Teil eines Mixtapes kostenlos von der Website des Labels von Cro herunterladen. Mittlerweile ist das Video sage und schreibe 17 Millionen mal auf YouTube angesehen worden und gilt als das meistgesehene deutsche Musikvideo aller Zeiten. Wie gesagt, bis zum Release der „Easy“-Single gab es von Cro gar keine Musik zu kaufen, „Easy“ war 16 Wochen lang kostenlos im Internet runterzuladen. Alle Tracks von Cro gab es zum Free-Download oder im Stream als Geschenk für seine Fans. Das Album „Raop“ erscheint am 6.Juli – bis dahin war die komplette Tour von Cro im April und Mai ausverkauft, und der Künstler spielt im Frühjahr und Sommer alle wichtigen Festivals der Republik, von Rock am Ring und Rock im Park über Splash bis zu Hip Hop Open Stuttgart.

Mag sein, daß das Internet Sven Regeners Feind ist. Es ist aber definitiv der Freund weltoffener, guter Künstler, wie diese beiden Beispiele zeigen. Kommt ins Offene, gelt?!?

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„Vielen meiner Texte hätte ich als Urheber mehr Aufmerksamkeit gewünscht. Ich bin ja der Vater meiner Texte. Man will das Beste für seine Kinder. Möglichst viele Leute sollen sie lieben. Wenn jemand einen Text unerlaubt verbreiten würde, wäre es Diebstahl. Aber es würde mich mehr freuen als ärgern. Ich fände es falsch und kleinlich, dagegen vorzugehen. Seltsame Vorstellung, daß jemand abgemahnt werden sollte, weil er etwas von mir lesen will. (...) Natürlich ist es mir lieber, eine Vergütung zu bekommen, ist doch klar. Ich will nur darauf hinweisen: Die mit einem Download – auch einem diebischen – einhergehende Verbreitung ist vielleicht wichtiger als die Vergütung. Jemand hält meinen Text für lesenswert und weiterempfehlungswert. Das ist doch erst mal toll. Und nicht nur eine Schmeichelei. Mein Marktwert steigt mit der Verbreitung, auch mit der illegalen, die gegen das geltende Urheberrecht verstößt. Und genau diesen Punkt berücksichtigt das geltende Urheberrecht nicht.“  

Joseph von Westphalen, merkwürdigerweise einer der Erstunterzeichner des Aufrufes zum Schutz des geistigen Eigentums

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Allein 2011 hat die EU laut einem Bericht der „taz“ über 400 Millionen Euro in die Sicherung ihrer Außengrenzen investiert. Damit könnten 23.000 Flüchtlinge pro Jahr für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden, etwa über das „Resettlement-Programm“ des UNHCR. Stattdessen ertrinken jährlich 700 Flüchtlinge mit unserer Billigung im Mittelmeer.

06.05.2012 - 21:43

Wozu zahlen wir Gebühren für unser Staatsfernsehen?

Am Sonntagabend, dem 6.5.2012, wissen wir es: Für eine anderthalbstündige Sendung zu bester Sendezeit um 20.15 Uhr im RBB mit Andrea Berg: „Abenteuer“ heißt „das Live-Konzert 2012“ (auch so eine tolle Erfindung: „Live-Konzert“, und dann sehen wir überdeutlich, daß alles Playback ist...), das uns die Öffentlich-Rechtlichen ins Haus bringen. „Es gibt nicht viele Künstlerinnen, die es schaffen, ihre Fans bei einem Konzert alle einzeln mit ihrer Musik zu umarmen“, flötet der Videotext des Staatsfernsehens.

Zwei Stunden vorher konnten wir erfahren, daß die Piratenpartei auch den Landtag in Schleswig-Holstein „geentert“ hat, jetzt ist Andrea Berg dran, pausenlos redet sie ihr Publikum mit „Traumpiraten“ an, sie steht in merkwürdigen Muttchen-Domina-Verkleidungen („Als 42jährige Frau muß man sich anstrengen, damit die Männer einem hinterhergucken“...) auf einer zum Schiff umgestalteten Bühne mitten im Publikum, „bei uns Traumpiraten haben Gefühle keine Schweigepflicht“, und ergeht sich in schlechten Meeres-Metaphern.

„Schenk mir die perfekte Welle / wenn ich um mein Leben renne / atemlos bis in die Ewigkeit. / Schenk mir einen Stern / denn den hätt ich so gern. / Flieg mit mir zum Mond / mal sehn wer da so wohnt. / Laß mich tausend Abenteuer spürn / will in deiner Umlaufbahn verglühn.“

Sagen Sie selbst: damit so etwas am Sonntagabend im Staatsfernsehen zu betrachten ist, dafür zahlt man der GEZ doch gerne € 17,98 monatlich, oder?

02.05.2012 - 21:00

Wer wissen will, wie viele der dämlichen und überflüssigen Feuilleton-Debatten gemacht werden, kann am 27.April in der „NZZ“ bei Jürgen Ritte lesen, daß sich die französischen Intellektuellen aus dem Präsidentschaftswahlkampf weitgehend heraushalten. Höchstens die Rückständigkeit der politischen Visionen und der Mangel an Ideen werde gelegentlich kritisiert. Dabei, findet Ritte, sei es doch gerade die Aufgabe der Intellektuellen, Ideen zu produzieren.

Eine Woche später, am 2.Mai, deckt Joseph Hanimann in der „SZ“ auf: „Nie waren in den letzten dreißig Jahren die Pariser Intellektuellen in einem Wahlkampf so stumm wie diesmal.“

Nun, wer Intellektuelle und Philosophen wie Sloterdijk oder Richard David Precht oder Grass in seinem Land weiß, der kann natürlich munter Steinchen aus dem Glashaus werfen, es klirrt ja so schön...

Ein Buch wie Alain Badious „Wofür steht der Name Sarkozy?“ habe ich von einem deutschen Intellektuellen jedenfalls nicht gelesen. Und es gäbe keinen deutschen Verlag (außer diaphanes natürlich), der so etwas drucken würde, und kaum Medien, die derartige Thesen diskutieren würden – „...die desaströsen Konsequenzen jenes parlamentarischen Fetischismus, der bei uns für „Demokratie“ steht...“ oder „...was ist einförmiger als die „freien“ Individuen der Marktgesellschaft, die zivilisierten Kleinbürger, die wie die Papageien ihre lächerlichen Ängste wiederholen?“ oder „es geht darum, die demokratischen Formen eines Staatsterrorismus zu finden, die auf der Höhe der Technik sind: Radar, Fotos, die Kontrolle des Internet, systematisches Abhören aller Telefone, Kartographie der Ortsveränderungen... Am staatlichen Horizont zeichnet sich ein virtueller Terror ab, dessen Hauptmechanismus die Überwachung sowie in zunehmendem Maße auch die Denunziation ist.“ So Badiou in seinem 2007 erschienenen Buch, vor der Wahl Sarkozys zum Präsidenten des von ihm kreierten und von der deutschen „Kreativindustrie“ so gerne bejubelten Hadopi-Staates...

Aber die süddeutschen und Schweizer Feuilletonisten können anscheinend nicht nur keine Bücher lesen, sondern scheitern auch am Studium der wichtigsten französischen Zeitschriften. Am 18. April war im Nouvelle Observateur (das ist von Einfluß und Bedeutung vielleicht mit dem „Spiegel“ hierzulande zu vergleichen) ein großes Interview mit Jacques Rancière, einem der wichtigsten Philosophen unserer Tage, unter dem Titel „L'ÉLECTION, CE N'EST PAS LA DÉMOCRATIE“ zu lesen – ja, ganz richtig, Rancière stellt fest: Die Wahl, das ist keine Demokratie!

Frankreich, du hast es besser – Philosophen des Kalibers Rancière haben wir in Deutschland nicht. Wir müssen mit Feuilleton-Zeilenschindern vorlieb nehmen, die uns erzählen, daß die französischen Intellektuellen so stumm sind wie seit dreißig Jahren nicht...

02.05.2012 - 20:58

„Jemals eine Piloerektion erlebt?

Dieses Gefühl, wenn tausend winzig kleine Muskeln unter Ihrer Haut jedes einzelne Haar auf ihrem Körper aufrichten? Auch bekannt als Gänsehaut. Diese auszulösen, dafür ist jeder Jaguar geschaffen. Damit Sie sich lebendig fühlen. Erleben Sie den Jaguar XK ab 91.200.- €.“

Aus einer mehrseitigen Anzeige in der Zeitschrift „Interview“, anscheinend eine Zeitschrift für all diejenigen, die keinen Sex mehr haben, aber für eine „Pilo-Erektion“ mal eben „ab 91.200 Euro“  auszugeben bereit sind, um sich „lebendig zu fühlen“.

02.05.2012 - 20:57

In der „NZZ“ konnte man den original in der NYBR erschienenen kleinen Text von Charles Simic über Toiletten-Bibliotheken lesen: Ich bin in Serbien aufgewachsen, wo Plumpsklos auf dem Land noch häufig waren und Toilettenpapier von der einfacheren Bevölkerung als dekadenter Luxus angesehen wurde. Der Stapel alter Zeitungen auf dem Häuschen war nicht nur zweckdienlicher Ersatz für die Klorolle, sondern auch willkommener Lesestoff, der mir ebenso viel Weiterbildung wie Vergnügen verschaffte.“

Ein weiterer Grund, für auf Papier erscheinende Tageszeitungen zu kämpfen – mag sein, daß man auf dem Klo sitzend auch auf seinem Smartphone die Neuigkeiten auf Apps oder im Internet studieren kann – aber stellen Sie sich mal vor, Sie wollen sich mit einem Smartphone den Hintern abwischen. Das zeigt einem doch recht anschaulich die Beschränktheit dieser Geräte.

(ich kenne übrigens, ungelogen und ungeflunkert!, zwei Musikerinnen, denen in den letzten zwei Monaten ihr Smartphone ins Klo gefallen ist – merkwürdig, nicht? ts ts...)

30.04.2012 - 12:35

Die „Linken“ im Berliner Abgeordnetenhaus forderten bei den Haushaltsberatungen, daß bei Zuschüssen an die freie Szene der Hauptstadt „die Zahlung des Mindestlohns sichergestellt werden“ solle.

Seit Jahren fixiert der Berliner Senat bekanntlich in seinen Bewilligungsbescheiden für Projekte der freien Szene Stundenlöhne von 3 bis 5 Euro.

Übrigens: Die „Linken“ bildeten die letzten 10 Jahre zusammen mit der SPD die Berliner Regierung und stellten fünf Jahre lang den Kultursenator – wie wäre es denn gewesen, die „Linken“ hätten zu der Zeit, als sie selbst an der Regierung waren, die sozialen Bedingungen für freie Künstler umgesetzt, die sie jetzt neuerdings als Opposition so vehement fordern?

* * *

Und der Chef der Berliner Senatskanzlei, Björn Böhning (SPD), sagt: „Ich warne vor der These des Klubsterbens.“ Das könne eine „gefährliche, sich selbst erfüllende Prophezeiung werden“, so Böhning laut „Berliner Zeitung“.

Wohlgemerkt: Der pfiffige Sozialdemokrat warnt nicht etwa vor dem real stattfindenden Clubsterben in der Hauptstadt, sondern vor der „These“ des Clubsterbens.

Jens Balzer faßte im Januar 2012 zusammen: „Das neue Jahr wurde in Berlin wieder damit eröffnet, daß viel zugemacht wurde, insbesondere Clubs: Die Maria feierte ihre allerletzte Party, ebenso wie das Chez Jacki im gleichen Gebäude; das Icon verabschiedete sich, und der Klub der Republik in der Pappelallee wurde geschlossen. (...) Der Prenzlauer Berg ist damit fast komplett clubbereinigt.“

Ich finde, Jens Balzer hat hier eine These vom Clubsterben aufgestellt, die zwar durch die Realität irgendwie bestätigt wird, vor deren Gefährlichkeit man aber natürlich nicht genug warnen kann, vor allem, wenn man Sozialdemokrat ist und in Berlin Kulturpolitik betreibt.

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„Die grüne Bürgermeisterin der Stadt Aachen, Hilde Scheidt, Jahrgang 1950, hat sich im Dezember 2011 über einen Auftritt von Ralph Giordano und mir bei der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) in Aachen dermaßen aufgeregt, daß sie aus Protest aus der DIG austrat. »So etwas können wir hier in Aachen wirklich nicht gebrauchen.« Was »wir« in Aachen gebrauchen können, hängt inzwischen nicht vom Wohlwollen des zuständigen Gauleiters,

sondern der grünen Bürgermeisterin ab. Und gleich zwei Juden, die in der »Palästina-Frage« anderer Meinung sind als sie, waren ihr einfach zu viel. Noch gewagter war nur noch ihre Erklärung, es müsse »möglich sein, auch die israelische Politik zu kritisieren, etwa eine Regierung, die dem israelischen Volk schadet«.

Und weil das israelische Volk zu blöde ist, um zu erkennen, was ihm schadet, fällt diese Aufgabe der grünen Bürgermeisterin von Aachen zu, die sich ohne Weiteres zutraut, den Israelis zu sagen, was für sie gut wäre – zeitgleich mit der Erhöhung der Müllgebühren und dem Ausbau der Radwege in Aachen.“

Henryk M. Broder in „Vergeßt Auschwitz“, zitiert nach „Die Achse des Guten“

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“Sie ist eins mit sich und der Natur. Gegen eine kleine Affäre hätte sie aber nichts einzuwenden.“

Die „Bunte“ über Ali MacGraw

Man beachte besonders das schöne "aber".

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Es war beim ausverkauften Konzert von Laura Gibson im Grünen Salon der Berliner Volksbühne, wieder einmal: vor lauter Gequatsche und Gequake eines Teiles des Publikums konnte man die Musik nicht mehr hören. Da stand ein etwa dreißigjährigen Mann mit weiblicher Begleitung vor einem, der pausenlos mit seinem Smartphone flirten mußte – Fotos aufnahm, telefonierte, seiner Begleitung das Smartphone ans Ohr hielt, während da vorne Laura Gibson ein ganz wunderbares, oft stilles Konzert gab. Man hätte sich gewünscht, das Paar vor einem würde zu konkreten Aktionen aneinander schreiten, anstatt sich nur mit dem Smartphone zu beschäftigen. Doch kaum kam einem dieser Gedanke, prasselte es von rechts ans Ohr: „Ich hab ja in Mannheim studiert“, quäkte eine junge Frau ihre Begleitung an und quatschte und kicherte minutenlang lauthals vor sich hin – wäre sie doch in Mannheim geblieben, uns allen wäre geholfen gewesen!

An dieser Stelle wurde vor Monaten schon einmal das Fotografieren mit Mobiltelefonen in Konzerten kritisiert. Manchmal wünscht man sich das bloße Fotografieren zurück – es ist bescheuert, zumal die Fotografen ja dann nicht etwa weiter dem Konzert folgen, sondern das soeben und meist in eher mediokrer Qualität – ein Smartphone ist nun mal keine Leica... – Fotografierte endlos betrachten, herumzeigen und natürlich unmittelbar auf sämtlichen sogenannten sozialen Netzwerken posten müssen – aber nun ja, es stört vergleichsweise wenig gegenüber den Jungmenschen, die meinen, ein Konzert als Chatraum mißbrauchen zu müssen und die denken, das, was ihnen ununterbrochen in großer Lautstärke aus dem Mund herausquillt, sei wichtiger als das, was auf der Bühne passiert. Nun kann es einem egal sein, wie bescheuert nicht wenige Zeitgenossen sind – allerdings nicht, wenn sie stören, und das tun sie. Markus Schneider schrieb in der „Berliner Zeitung“ über dieses Konzert bzw. über die Geräuschkulisse: „Fast bis zur vorderen Hälfte des rammelvollen Saales herrschte jedoch ein derart unerträglicher und respektloser Schnatterpegel, daß sogar erfahrenste Labelchefs grübelten, ob vielleicht der Eintrittspreis zu niedrig sei. Positiv gewendet könnte man vielleicht annehmen, daß die Grüppchen sonst nur über soziale Netzwerke kommunizieren und so angenehm überrascht von der physischen Realität waren, daß sie aufgeregt den Chatroom analogisierten.“

Eigentlich bin ich kein Kulturpessimist, aber ich denke, man kann festhalten, daß die Kulturtechnik "mal eine Stunde seine Klappe halten und einem Künstler zuhören, der auf der Bühne ein Konzert gibt", im Aussterben begriffen ist. Heutzutage sind die Konzerte voll von Menschen, die wohl unter von Smartphones und Facebooks vage übertünchten Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störungen leiden – man besucht leise Singer-Songwriter- oder Indiefolk-Konzerte, kann aber nicht zuhören und auch weder stillstehen noch stillsitzen, alles, was man gerade denkt, muß dahergeplappert und auf Facebook gepostet werden. Rätselhaft, warum Leute 15 Euro Eintritt bezahlen, um doch nur zu quatschen oder zu telefonieren oder zu fotografieren. Wo ist hier der „I don’t like“-Button?!?

(...und übrigens: wenn ihr dann alle mal ausgeplappert und all eure banalen Gedanken auf Facebook gepostet habt, werdet ihr feststellen, daß man soziale Netzwerke nicht essen und Facebook-Freunde nicht in den Arm nehmen kann; und in den Konzertsälen habt ihr dann längst Hausverbot...)

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Mir gefällt, wie Papst Benedikt XVI. in einem Brief an die deutschen Bischöfe verlangt, daß bei der Eucharistie im deutschsprachigen Raum nicht mehr wie bisher gesagt werden darf „mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird“, sondern zukünftig gilt: „mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird“, also eben: nicht für alle!

Da kann die „taz“ noch so sehr heulen, der Papst habe damit eine „ökumenische und interreligiöse Zeitbombe gelegt“ (man bedenke: eine „interreligiöse Zeitbombe“, huiuiui...). Ich bins zufrieden, wenn die Katholiken mich bei ihrer Eucharistie künftig nicht mehr einbeziehen – fair enough! Danke, Herr Ratzinger!

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Wer gedacht hatte, mit den Berliner Versuchen einer popmusikalischen Stadtmarketingveranstaltung sei es nach den grandiosen Flops von Popkomm und Konsorten endlich vorbei, und die Berlinerinnen und Berliner hätten künftig Ruhe vor solcherart steuerfinanziertem Unsinn, der sieht sich eines Schlechteren belehrt: Eine „Berlin Music Week“ wird die Stadt im September belästigen. Mit Mitteln des Senats entsteht ein, wie zu hören war, „zentralisierter Event im Herzen Berlins“, und die laut Eigenansage „gemeinnützige“ Veranstalter-Gesellschaft hat als Partner ausgerechnet die Gema, MTV und Universal gewonnen (Universal wohl anläßlich des zehnten Jahrestags der Berliner Steuerverschwendung – wir erinnern uns: der Berliner Senat hat den Umzug der Deutschlandfiliale des weltgrößten Musikkonzerns von der Alster an die Spree mit etlichen Millionen subventioniert).

Das Konzept für die Konzerte der „Berlin Music Week“ spricht Bände: „Lieber weniger Konzerte mit vielen Zuschauern als jede Menge Auftritte, zu denen sich nur eine Handvoll Publikum verirrt“, sagt der „Venue Manager“ der Veranstaltung. Während der „Head of Communications“ verspricht: „Berlin wird zur Stadt der 1000 Bühnen“. Hm. Vielleicht sollten die Herren erstmal miteinander klären, was sie wollen, bevor sie Pressekonferenzen geben?

Und auch die Musikexportbüros haben sich wieder angesagt – es bleibt einem nichts erspart...

Wir sagen jedenfalls: Nein danke! Berlin braucht diesen subventionierten Unfug nicht. Das ist so wie Muttertag und Welttag des geistigen Eigentums gleichzeitig am Totensonntag – überflüssig. In Berlin und seinen Clubs ist sowieso jeder Tag Musiktag!

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Einer Helena Helmersson, „H & M-Nachhaltigkeitsverantwortlicher“, haben sie eingebleut, daß sie in der Öffentlichkeit nur oft genug das Wort „Nachhaltigkeit“ fallen lassen soll, dann wird das alles schon. Und so versucht die Dame, der „Berliner Zeitung“ unfallfrei ein Interview zu geben:

„Kann ein T-Shirt, das im Laden für fünf Euro angeboten wird, nachhaltig produziert werden?“

„Natürlich können wir hier in Bezug auf Nachhaltigkeit noch besser werden. Aber ein niedriger Preis bedeutet nicht automatisch, daß etwas weniger nachhaltig ist.“

„Unabhängigen Berechnungen zufolge erhält ein Arbeiter von einem für fünf Euro verkauften T-Shirt gerade mal 0,13 Cent. Würden Sie zustimmen, daß da die Relation nicht stimmt?“

„Diese Berechnungen möchte ich nicht kommentieren. Aber ich versichere Ihnen, daß das Thema Löhne bei Zulieferern seit Jahren ganz oben auf meiner Agenda steht (...) Deshalb haben wir uns in Bangladesh für höhere Löhne stark gemacht. (Also für 13 Cent statt für 10 Cent? BS) Außerdem versuchen wir in Niedriglohn-Ländern, die Arbeiter dazu zu ermutigen, für gerechte Bezahlung einzutreten, sich zu organisieren. So, wie wir es in Europa tun, wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen.“

(Also, ihr Idioten da unten in Bangladesh, selbst schuld, wenn ihr für so wenig Lohn arbeitet, aber wir, die wir euch gnadenlos ausbeuten, damit wir unsere T-Shirts hier in Europa billig verdaddeln können, wir ermutigen euch: tretet doch für gerechte Bezahlung ein! Und organisiert euch gefälligst erstmal!)

„Der Mindestlohn in Bangladesh liegt bei etwa 30 Euro. Die Gewerkschaften fordern 50 Euro als Minimum zum Überleben. Und Menschen- und Arbeitsrechtorganisationen weltweit halten 116 Euro im Monat für notwendig, um bei einer 40-Stunden-Woche eine vierköpfige Familie zu ernähren. Davon ist H & M weit entfernt.“

„Es gibt eine große Debatte über die Höhe der Löhne. (...) In den meisten Ländern gibt es gar keinen Mindestlohn. Wo soll man da ansetzen?“

„Denken Sie darüber nach, künftig mehr in Europa produzieren zu lassen?“

„Es bleibt dabei, daß wir 80 Prozent in Asien und 20 Prozent in Europa fertigen lassen. Es geht darum, immer die richtige Balance zwischen Mode, Qualität, Preisen, Lieferzeiten und Nachhaltigkeit zu wahren. (hat die Dame an dieser Stelle nicht etwas vergessen? Nämlich die Hungerlöhne, die ihr Konzern in Asien bezahlt?) Nur so können wir nachhaltige, gute Qualität zu günstigen Preisen anbieten.“

(uns doch egal, wie die Leute in Bangladesh vor sich hin vegetieren, die sind ja noch nicht mal organisiert, obwohl ich sie doch gerade dazu ermuntert habe)

Wer diese zynische Weltsicht der H & M-“Nachhaltigkeitsverantwortlichen“ liest und immer noch bei H & M einkauft, ist ein Lump.

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Das sogenannte „Anti-Produktpiraterie-Abkommen“ Acta gilt nicht nur als Sargnagel der Freiheit im Internet, nein, auch aus entwicklungspolitischer Sicht ist das geplante Abkommen gefährlich. Das belegt, wie die „taz“ meldet, ein aktuelles Gutachten der wissenschaftlichen Dienste im Bundestag, das im Auftrag der Vorsitzenden des Entwicklungshilfeausschusses, Dagmar Wöhrl (CSU), erstellt wurde: „Erstens würde der Zugang zu preiswerterer Medizin erschwert. (...) Überlebensnotwendige Medikamente könnten nicht mehr vertrieben werden. Zudem drohten durch Beschränkungen von Generika höhere Preise. Zweitens würde Acta jene Konzerne stärken, die Patente auf Saatgut anmelden, eine Praxis, die die UN mehrfach als unvereinbar mit dem Menschenrecht auf Nahrung bezeichnet hat.“

Sogar die CSU-Expertin Wöhrl fordert daher laut „taz“: „Die Ratifizierung von Acta sollte ausgesetzt werden.(...) Die Zeit der Hinterzimmer-Deals ist vorbei.“

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Und wenn Ihnen im Mai mal nichts mehr einfallen sollte, halten Sie sich an den großen Komponisten Frederic Rzewski und studieren Sie seine Komposition „The People United Will Never Be Defeated“. Es lohnt sich!

Und auch ansonsten ist Frederic Rzewski immer ein kluger und interessanter Zeitgenosse, der dieser Tage im Interview mit der „FAS“ zum Beispiel sagte:

„Daß sich die Avantgarde so einfach sang- und klanglos verkrümelt hat, ist ja schon schlimm genug. Daß aber auch der Kapitalismus noch immer nicht besiegt ist, das kann einen ganz schön fertigmachen.“

Dem haben wir nichts hinzuzufügen. Genießen Sie den Frühling!

21.04.2012 - 16:11

„Yes, my child, it’s true: there were giants in the earth in those fabled days. Their myths and tales are preserved in the songs that have been passed along; the truths of the sagas are in the plain-spoke words that you now hear, sung to melodies that are torn from the fabric of the sky, soaring above gritty rhythms hewn from the very earth.“

Chet Flippo in den Liner Notes zu „The Band, Across The Great Divide“ (Box-Set)

„Once upon a time, / tomorrow never came.“

„In A Station“, Richard Manuel 

R.I.P., Levon Helm! 

21.04.2012 - 15:21

Eigentlich sollte man meinen, daß ein Gerichtsurteil wie das im Fall YouTube vs. Gema Klarheit schaffen würde. Das ist auch der Fall: Für die, die sich in der Materie auskennen und nicht von Lobbyisten gekauft sind, ist die Sache klar – die von der Gema erhoffte Grundsatzentscheidung zur Frage, wie mit dem Urheberrecht beim Umgang mit Musik und Filmen im Internet künftig zu verfahren sei, blieb aus. Ganz im Gegenteil, die Gema verlor sogar ganz konkret: YouTube darf laut dem Hamburger Urteil weiterhin einige der zwölf in Frage stehenden Musiktitel in seinem Angebot bereitstellen – anders, als die Gema in ihrer Klage gefordert hatte. Und die Gema wollte, daß das Gericht YouTube als Inhalteanbieter haftbar für von Nutzern hochgeladene Inhalte macht. Auch diesem Teil der Klage ist das Hamburger Gericht nicht gefolgt – danach haftet YouTube nur als „Störer“, wie es im Juristendeutsch heißt, für die von Nutzern hochgeladenen Clips, die Rechte von Gema-Mitgliedern verletzen. „Störerhaftung bedeutet eigentlich: Die Plattform ist erst dann verantwortlich für Rechteverletzungen der Nutzer, wenn jemand die Plattform auf den konkreten Fall hinweist.“ Allerdings: „Das Hamburger Gericht legt YouTube nun jedoch erheblich weiterreichende Prüfpflichten auf: Die Plattform muß alle neuen Uploads scannen und mit Wortfiltern die Begleittexte prüfen“ (Spiegel Online) – das ist wohl der eher kleine Teilerfolg, den die Gema vor Gericht erstritten hat.

Auf „Spiegel Online“ weist Konrad Lischka zurecht darauf hin, daß eine Einigung zwischen Gema und YouTube nun zumindest erleichtert wird, denn die Gema hat sich nun vom Gericht um die Ohren hauen lassen müssen, daß, anders als erhofft, von YouTube keine Schadensersatzzahlungen für Urheberrechtsverletzungen der Vergangenheit geltend zu machen sind. Letztlich geht es Gema und YouTube natürlich ums Geld – die Gema möchte, daß YouTube einen festen Beitrag je Abruf eines Werkes bezahlen soll (die sogenannte Mindestnutzung), und zusätzlich „einen festen Anteil des auf die Musiknutzung zurückzuführenden Nettoumsatzes (die sogenannte Regelvergütung). Was bei der Mindestvergütung anfällt, wird mit der Regelvergütung verrechnet“ (SPON). Die Gema möchte 0,006 Euro pro Abruf – hört sich wenig an; wenn man sich aber betrachtet, daß deutsche Internetnutzer z.B. im April 2011 über 3,8 Milliarden Videos abriefen (das ist ein Jahr her, und die YouTube-Abrufe erfreuen sich drastisch steigender Beliebtheit!), dann weiß man, daß es da um einen deutlich zweistelligen Millionenbetrag monatlich geht – diese Summe muß man erstmal mit Online-Werbung verdienen...

Wirklich interessant ist allerdings, wie die Medien auf das Hamburger Gerichtsurteil reagierten: Daß der embedded journalism der Musikindustrie keine seriöse Berichterstattung kennen würde, durfte man erwarten: „GEMA setzt sich mit YouTube-Klage durch“, titelte die „Musikwoche“ in einer Meldung.

Auch die „Berliner Zeitung“ titelt „Gema erringt einen Teilsieg“, stellt im Artikel dann allerdings klar, daß das Gericht im Gegenteil in den wesentlichen Punkten „der Argumentation von YouTube folgte“: „Die Gema hatte bislang argumentiert, YouTube sei hinsichtlich der Gebühren wie ein Inhaltsanbieter zu behandeln. Dem widersprach nun das Gericht. Google erklärte daher, in der Hauptsache gewonnen zu haben.“

Die „Süddeutsche“ titelt „YouTube muß Musik-Clips löschen“ und geht, wen wundert das noch,  Hand in Hand mit Springers „Welt“ („YouTube muß Videos im Internet löschen“). Die „Welt“ sieht in einem Leitkommentar gar die abendländische Welt gerettet: „Geist gegen Google“, tönt es da wenig geistreich.

Die „taz“, zu deren Gesellschaftern bekanntlich „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann gehört, hat wieder einmal nichts verstanden und stößt ins gleiche Horn wie Springer auf der anderen Straßenseite: In der „taz“ heißt es „YouTube verliert Prozeß“, und sie berichtet von einem angeblichen „Etappensieg für die Gema“.

Ist schon drollig, wenn man betrachtet, wie ein und derselbe Beitrag je nach Kompetenz und Seriösität der Autoren unterschiedlich gewertet wird – die „FAZ“ berichtet von einem Beitrag von Thomas Hoeren, Professor für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht an der Universität Münster, im Deutschlandradio, wonach dem Fachmann die Forderung „unmöglich erscheint, Urheberrechtsverletzungen von YouTube vorab prüfen zu lassen“: „Ich kann eben im Internet nicht filtern, ich kann einem Bit nicht ansehen, was es beinhaltet, ich kann nicht die Millionen von YouTube-Videos, die da sind, auf urheberrechtliche Lagen hin durchprüfen. Deshalb hatte der Gesetzgeber ausdrücklich ins Gesetz hineingeschrieben, daß es solche Prüfungspflichten nicht geben soll.“

Und was macht René Martens in der „taz“ daraus, gepaart mit etwas Mitleid für die arme Gema, die „in der Öffentlichkeit als bürokratisches Monster wahrgenommen wird“? Das hier: „Der Münsteraner Medienrechtler Thomas Hoeren hatte schon vor dem Urteil im Deutschlandfunk prophezeit, die Causa werde bis zum Bundesgerichtshof gehen“. So kann man Leser, die mit wenig zufrieden sind, natürlich auch desinformieren.

Auf der ersten Seite des Feuilletons der aller linksradikalen und antikapitalistischen Propaganda unverdächtigen „FAZ“ steht das, was wirklich in Hamburg passiert ist: „YouTube erzielt gegen die Gema einen Punktsieg“, titelt die „FAZ“ und berichtet: „Die von der Gema erhoffte Grundsatzentscheidung zur strittigen Frage, wie mit dem Urheberrecht beim Umgang mit Musik und Filmen im Internet künftig zu verfahren sei, blieb aus. Im konkreten Fall ging die Gema sogar als Verliererin vom Platz.(...) Mit dem Urteil hat YouTube einen weiteren Zwischenerfolg im Rechtsstreit mit der Gema erzielt.“

Ach ja, übrigens: Die Band „Die Ärzte“ stellte gerade ihr komplettes neues Album kostenfrei ins Netz, und zwar, man höre und staune, bei YouTube – dort kann man zu den 16 Songs des aktuellen Ärzte-Albums „Auch“ 16 eigens produzierte Videos sehen. Das neue Album wird kommende Woche wohl dennoch (oder auch deswegen) auf Platz 1 der deutschen Album-Charts einsteigen. Das Internet funktioniert vielleicht doch anders, als es sich einheimische Kleinkunstdarsteller und Wutbürger wie Sven Regener ("Weder YouTube noch Google haben selbst irgendetwas zu bieten, außer dem, was andere geschaffen haben", „Wir sehen nicht ein, daß mit Werbung Milliardengeschäfte gemacht werden, und wir davon nichts abkriegen“, „ein Geschäftsmodell, das darauf beruht, daß diejenigen, die den Inhalt liefern, nichts bekommen, ist kein Geschäftsmodell") vorstellen können...

Und was Verwertungsgesellschaften wie die Gema in Wirklichkeit sind, kann man beim amerikanischen Komponisten Frederic Rzewski nachlesen, dessen monumentales Klavierwerk „The People United Will Never Be Defeated“ als Legende und eine der wichtigsten Kompositionen des 20. Jahrhunderts gilt; Rzewski sagte:

„Alle Verwertungsgesellschaften sind Diebe.“

17.04.2012 - 23:38

Ein kleiner Blick in die Zukunft: Was machen die Kämpfer für das alte Urheberrecht im Mai  2012? Schauen das Champions-League-Finale im TV, werden Sie vielleicht sagen. Aber nein, ich sage Ihnen: Die Verfechter des Urheberrechts werden den Heiligen Rock in Trier anbeten, Sie werden sehen.

Und das kommt so:

Um Ostern 2012 herum begab es sich in Deutschland, daß die Verfechter des Urheberrechts sich mit der katholischen Kirche zusammentaten – im Grunde eine logische Allianz der Konservativen, die das Bestehende, das ihnen nützt, anbeten. Erst hat es niemand bemerkt, aber im Nachhinein war die vom Heiligen Stuhl bestens koordinierte Kampagne eindeutig zu erkennen: Immer mehr Künstler, Kulturmanager und Politiker geißelten das Internet, und erst später verstand man den göttlichen Plan, und daß all die Protagonisten heimlich an den Marionettenfäden des Vatikan hingen:

Sven Regener sprach von „diesen Internetfirmen“, das seien „große Lobbyverbände“.

Springers Konzerngeschäftsführer für Public Affairs, Christoph Keese, kämpfte unermüdlich gegen das Wesen des Internets.

Das „Handelsblatt“ hatte an Gründonnerstag unter dem Titel „Mein Kopf gehört mir!“ ein Pamphlet gegen das Internet und gegen die freie Zirkulation von Ideen veröffentlicht. „Wo steht, daß alle kostenlos am Wissen teilhaben müssen?“

Die kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Grünen/Bündnis 90 erklärte in der „taz“ die Unzulänglichkeiten des Internets: Das Internet, so Agnes Krumwiede, könne praktisch gar nichts: Es könne „keinen Verleger und Investor, keinen Tonmeister und Produzenten ersetzen“. Das Internet habe „keinen Intellekt, keine Fantasie, keinen künstlerischen Instinkt, keine Managementqualitäten“.

Internet: böse böse böse!

Eine unheimliche Kamerilla unterschiedlichster Personen sagte rund um Ostern ein deutliches „nein!“ zur modernen Welt.

Gesteuert allerdings war diese Kampagne, wie gesagt, von den Kirchen.

„Die Kirchen haben zu Ostern die Bedeutung des Glaubens als Mittel gegen die Oberflächlichkeit des Internets hervorgehoben“, berichtete die „FAZ“ am Dienstag nach Ostern unter der schönen Überschrift „Kirche kritisieren Internet“. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses Nikolaus Schneider, stellte fest, allein „der Glaube befähige, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden“, und nicht etwa das Internet, nicht Facebook, nicht einmal Google, wollte er wohl sagen. Und kritisierte: „Über soziale Netzwerke verbreitet sich Empörung in Minutenschnelle. Viel zu viele schließen sich ohne Überprüfung oder Nachdenken an.“ Wie wohltuend sei dagegen eine besonnene Stimme von Menschen, „die durch ihren Osterglauben befähigt sind, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden.“

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, sieht laut „FAZ“ „den Glauben als Mittel gegen die Sucht nach Internet“. Zollitsch kritisierte die Gefahren des Internets, das wie die Sucht nach Alkohol, Medikamenten oder Drogen zu den „versklavenden Götzen unserer Zeit“ zähle, so die „FAZ“.

Die Gegenreformation nahm ihren Lauf. Es war natürlich eine von langer Hand und mit göttlichem Odem vorbereitete Kampagne, die da zu Ostern oszillierte. Denn längst schon hatte die katholische Kirche beschlossen, nach Jahrzehnten wieder einmal eine alte Textilie öffentlich zu zeigen, die sie als den „Heiligen Rock“ bezeichnet, das angebliche Gewand Christi auf seinem letzten Weg. „Ein Stück verfilzter Wollstoff, dessen Herkunft nicht zweifelsfrei zu klären ist“, meint die zweifellos etwas atheistische „Berliner Zeitung“ am Freitag nach Ostern, einem Freitag den 13. (Symbol!). Wird die Dornenkrone Christi in der Paris Kathedrale Notré Dame aufbewahrt, die Lanze, mit der sich die römischen Soldaten vom Tod Jesu überzeugen wollten, in Wien, ein Stück des Kreuzes in der Santa-Croce-Kirche in Rom, während die Vorhaut Jesu 1983 spurlos verschwand – so bietet die Stadt Trier seit 500 Jahren eine Möglichkeit des Ablaßhandels für die Gläubigen: Denn im Jahr 1512 wurde dort erstmals der „Heilige Rock“ gezeigt, den viele Katholiken als eine der kostbarsten Reliquien ihrer Kirche verehren. 109 Zentimeter breit, 147 Zentimeter (vorn) bzw. 157 Zentimeter (hinten) lang, wird der Heilige Rock nun im Trierer Dom gezeigt – eine Heilig-Rock-Wallfahrt, bei der, wir schreiben das 21.Jahrhundert, über 500.000 Menschen erwartet werden. Organisator des Events ist der Trierer Ortsbischof, Stefan Ackermann, der gleichzeitig die Funktion des „Mißbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz“ wahrnimmt und als solcher als Mann vom Fach gelten darf, mußte er doch „kürzlich einräumen, daß er im eigenen Bistum sieben pädophile Priester weiter beschäftigt“ („Berliner Zeitung“).

Doch wir wollen uns nicht mit Kleinigkeiten aufhalten, denn hier geht es um Großes – um den Kampf des Heiligen Rocks gegen das teuflische Internet, um den Kampf der deutschen Bischöfe gegen das Internet, den „versklavenden Götzen unserer Zeit“. Und für diesen Kampf konnten die Bischöfe, wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen bestätigt wurde, per Geheimvereinbarung eine ganze Schar williger Mitstreiter gewinnen – deutsche Künstler, Verlagsmanager, Chefredakteure, Bundestagsabgeordnete.

Und so kann ich Ihnen nur eines empfehlen – wallfahren Sie nach Trier! Pilgern Sie zum Heiligen Rock! Dort werden Sie, versteckt unter mönchischen Büßerkutten, all die Streiter gegen die Gefahren des Internet um den Heiligen Rock herumwallen sehen. Zollitsch, Gorny, Keese, Regener und Frau Krumwiede. Sie werden sie kaum wiedererkennen, und doch sind sie geradezu zur Kenntlichkeit verzerrt. Und das Handelsblatt wird ab sofort von Kardinal Meißner herausgegeben, während die Musikwoche sich anläßlich des „Welttages des Geistigen Eigentums“ am 26.4.2012 in „Heilige Rock-Woche“ umbenennt und sich unter den Schutz des Erzbistums München-Freising begibt.

Und vor dem Trierer Dom, vor den Massen, die zum Heiligen Rock wollen, macht Chung den Savonarola und hält flammende Bußpredigten gegen das Internet.

(wo aber finden die Jüngeren unter uns jetzt heraus, wer oder was Savonarola ist? denn Wikipedia wurde von den deutschen Bischöfen längst abgeschaltet, versteht sich...)

17.04.2012 - 23:34

Die „grüne Gurke“ („taz“), die Bundesvorsitzende der „Grünen“, Claudia Roth, wird im Internet derzeit als „Claudia kneift“ bezeichnet. Das „Handelsblatt“ hatte zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Urheberrecht, Netzpolitik, Bildung und Umweltschutz“ die Bundesvorsitzende der „Grünen“ und den Spitzenkandidaten der „Piraten“ in NRW eingeladen.

Doch in der Zwischenzeit begann der Höhenflug der „Piraten“, die in NRW derzeit noch vor den Grünen als drittstärkste Partei bei 11 Prozent liegen (die Grünen bei 10%). Und auf Bundesebene liegen Piraten und Grüne derzeit gleichauf bei 12%. Zuviel Hype, sagte Claudia Roth und ließ das Duell absagen: „Die Rahmenbedingungen haben sich durch den Höhenflug der Piraten verändert“, erklärte Roths Pressesprecher. Die Grünen-Vorsitzende, die sonst gerne „echte Transparenz und keinen laxen Umgang mit der Wahrheit“ fordert, fühlt sich in der öffentlichen Diskussion offensichtlich nur noch Kleinstparteien gewachsen. Oder mußte sie gerade wieder der „Bunten“ ein Interview geben? Die Arroganz einer Altpartei.

Dabei hat Wahlkampf eigentlich mit „kämpfen“, nicht mit „kneifen“ zu tun.

11.04.2012 - 19:24

Ob „Unheilig“, ob „Wir sind Helden“, ohne Schiffs-Metaphern kommt heutzutage anscheinend keine deutsche Band mehr aus. Die „Helden“ erklären in ihrer Quasi-Auflösungs-Stellungnahme „Wir sind erstmal raus“: „Der dicke Tanker WSH wird also fürs erste irgendwo geparkt, in einer hübschen Bucht mit leichtem Wellengang.“ Einen Absatz später wird der besagte „Tanker“ rasch zum „Kreuzfahrtschiff“ umgedichtet, was die Metapher nicht viel besser macht – man weiß doch, daß diese Dinger heutzutage sogar kleine Mittelmeerinseln rammen... Ist eben alles sehr deutsch und sehr Bismarck oder EsPeDe im Deutschpop, der Lotse geht vom Boot, der Tanker kann so schnell nicht wenden und was des Seefahrerquatsches „Meer“ ist...

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Die Marketingleute der Klassiklabels haben irgendwie nicht alle am Christbaum... Ständig muß alles mit dubiosesten Zusätzen vermarktet werden – so auch bei der im Grunde so erfreulichen wie brauchbaren „Icon“-Reihe von EMI, auf der für wenig Geld einige der besten Klassikaufnahmen aller Zeiten erhältlich sind – allein die 9 CD-Box „Bruno Walter – The Early Years“ dürfte an Qualität die gesamte Musikindustrieproduktion dieses Jahres aufwiegen, mit der Walküre von 1936, mit den Mozart-, Schubert- und Mahler-Aufnahmen – und das für knapp über 22 Euro (wie gesagt, für 9 CDs!).

Allerdings – warum die CD-Box der Sängerin Elly Ameling „The Dutch Nightingale“ heißen muß oder die Box von Alexis Weissenberg „The Champagne Pianist“, das würde ich gerne näher erklärt haben...

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„Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat ja einen Bildungsauftrag. Was machen die denn? Wo sind die ganzen Klassik-Sendungen geblieben? Da gibt es das grauenhaft moderierte Klassik-Echo-Preisträgerkonzert mit Herrn Gottschalk. Der hat dasselbe Interesse an klassischer Musik wie ich am Häkeln.“

Thomas Quasthoff im „Spiegel“-Interview

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Ein weiteres Strukturproblem für die Musikindustrie deckt der „Spiegel“ in einer mehrseitigen Story auf:

„Vor allem die Leerkassette stellt die Musikfirmen vor kaum lösbare Probleme. Sie verlieren durch Überspielungen in Westdeutschland pro Jahr rund eine Milliarde Mark. Das Unterhaltungsgewerbe steuert in eine Existenzkrise. (...) Die Leerkassette wird nahezu ausschließlich zum Zweck der privaten Musikaufnahme erworben. In westdeutschen Bürgerhaushalten stehen schon heute annähernd so viele Kassetten-Recorder wie Plattenspieler. (...) Schon einmal, bei der Umstellung von der zerbrechlichen Schellack-Scheibe mit 78 Umdrehungen pro Minute auf die unzerbrechliche 33er PVC-Longplay, leistete die notorisch konservative Musikindustrie verbissen Widerstand. (...) Einige Jahre weigerten sich die Top-Manager von Weltfirmen wie RCA und EMI, die LP anzuerkennen, nur weil sie bangten, auf Bergen dann unverkäuflichen Schellacks sitzenzubleiben. (...)

Die Auswirkungen für die Freizeitkultur, für Musikproduktion und Musikgeschäft sind noch unübersehbar. Denn erstmals in der Geschichte ist der Klangkonsument von der Handelsware relativ unabhängig. Mit der Kompaktkassette bestimmt er sein eigenes Programm. Ein Klang-Supermarkt zum Nulltarif: Leichter war das Mitschneiden noch nie. In westdeutschen Schulklassen ist es zur Regel geworden, nur noch eine einzige Platte zu kaufen, die sämtliche Schüler kopieren. Branchenkenner schätzen, daß in der Bundesrepublik rund 10.000 gewerbsmäßige Schwarzkopierer den Tonträgermarkt unterlaufen. Vor allem aber Tonband-Piraten, namentlich in Italien, haben mit Billigangeboten in Millionenauflage im letzten Jahr die westdeutschen Tonträger-Firmen um ihre Rendite gebracht. Mehr als eine Milliarde Mark ging der deutschen Musikbranche im vergangenen Jahr durch Leerkassetten und Piraterie verloren. (...)

Das hat für die Musik-Szene fatale Folgen. Solange Komponisten, Texter, Verleger und Plattenfirmen mit Schlagern, Jazz, Rock und Klassik Geld verdienen, kann neue Musik produziert werden. Versiegt der Verkauf von bespielten Kassetten und Schallplatten, weil der Konsument allen Schall aus dem Äther umsonst konservieren kann, sind keine Mittel für Neuaufnahmen mehr da. Die Musikindustrie steht vor ihrer gefährlichsten Krise. Durch den Vormarsch der Leerkassette werden die Plattenfirmen zu empfindlichen Budget-Kürzungen gezwungen sein. Sie werden qualifizierte Mitarbeiter entlassen und ihr Repertoireangebot drastisch einschränken müssen. (...) Keine Aussicht, die Krise zu meistern: Die Lobby der Musikindustrie bemüht sich gegenwärtig um eine Novellierung des Urheberrechtsgesetzes (...)“

Ich weiß nicht, wie EMI-Europa-Chef Wilfried Jung und seine Kollegen diese schwere Krise gemeistert haben, aber Sie werden es längst gemerkt haben, dieser dramatische „Spiegel“-Artikel ist aus dem Jahr 1977. Sounds familiar? Piraterie, Schwarzkopierer, Existenzkrise, und es hilft allein ein neues Urheberrecht? Die Musikindustrie hat also auf jedes neue Geschäftsmodell schon damals so reagiert wie heutzutage.

Der „Spiegel“-Artikel aus dem Jahr 1977 endet übrigens so:

„Sebastian Tropp vom Darmstädter Musikarchiv, ein Futurologe der Branche, rechnet mit einer Ablösung der Schallplatte durch die Musikkassette in den Jahren 1985 bis 1987: „Von 1990 an wird das mechanische Abtastsystem nach mehr als 100 Jahren Anwendung endgültig im Museum verschwinden.“

Und immer mehr Leerkassetten kommen auf den Markt. Eine klanglose Zukunft ist das Menetekel. Wenn die Musikindustrie ihre wirtschaftlichen Probleme heute und morgen nicht zu lösen vermag, wird es übermorgen bei aller Super-Technik kaum mehr produzierte Musik geben, die überspielt werden kann.“

Eine Prognose, die sich als unbedingt haltbar erwiesen hat, wie wir alle wissen.

Lassen Sie sich nicht kirre machen!

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So ungefähr wie der „Spiegel“-Experte argumentiert ja auch Sven Regener, der gewöhnlich für Biedermeier und gegen Politik plädiert („Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Politik und Kunst“), der dann aber, wenn es um seinen eigenen Profit geht, sich zum Wutbürger geriert und mit allerlei Plattitüden und wenig durchdachten Behauptungen auf allen Kanälen herumwulfft:  „Weder YouTube noch Google haben selbst irgend etwas zu bieten außer dem, was andere geschaffen haben“, geißelt der Bestsellerautor die Internetfirmen, während er das hohe Lied der Plattenfirmen singt, die doch recht eigentlich haargenau das von Regener geschilderte Geschäftsprinzip vertreten. Wie sich Regener überhaupt eine Welt ohne Plattenfirmen nicht vorstellen kann: „Zu glauben, man könne auf Plattenfirmen verzichten, ist ein großer Irrtum“, stellt Regener fest – einen Tag, nachdem bekannt wurde, daß auch The Temptations Universal Music (den Konzern, der mit etwa 39% Marktanteilen den Weltmusikmarkt dominiert und bei dem auch Regener unter Vertrag steht) im Streit um Tantieme-Zahlungen verklagen, weil sie statt der ihnen zustehenden 50 Prozent aus den Download-Einkünften von Universal nur zwischen 10 und 20 Prozent erhalten haben; zuvor waren bereits zahlreiche andere Künstler und Bands gegen den Konzern vor Gericht gegangen – Sony Music zahlte bereits 7,95 Millionen Dollar, um einen ähnlichen, bereits fünf Jahre anhaltenden Tantiemen-Streit mit Bands wie den Allman Brothers, Cheap Trick oder den Youngboods zu beenden.

Aber so ist das heutzutage – „Musikmenschen verbünden sich mit Konzernen, die ihnen vom Erlös ihrer Mühen bloß ein Taschengeld bezahlen“ (Dietmar Dath in der „FAZ“) und singen dann, Brechts Kälbern nicht unähnlich, in der Öffentlichkeit das hohe Lied derer, die die Almosen verteilen. Mal abgesehen davon, daß für Regener „die Frage, wie Kunst im digitalen Zeitalter finanziert werden kann, gleichbedeutend zu sein scheint mit der Aufgabenstellung, Überwachung und Urheberrecht zu verschärfen, damit analoge Geschäftsmodelle das Internet überleben“ (Jonas Rest in der „Berliner Zeitung“).

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Und wenn man sie läßt, lassen sie sich noch jeden Spruch urheberrechtlich schützen. So hat die Stadt Leipzig seit 2002 den Spruch „Wir sind das Volk“ dem Markenschutz unterworfen, der eine „unberechtigte Nutzung“ verhindern soll. Die Stadt will den Markenschutz, der nach zehn Jahren ausläuft, nun verlängern lassen.

BürgerInnen! Wenn ihr auf die Straße geht und „Wir sind das Volk“ skandieren wollt, müßt ihr vorher den Magistrat der Stadt Leipzig um Erlaubnis bitten. „Wir sind das Volk“ – das Nähere regelt hierzulande der Markenschutz. Wäre ja noch schöner.

(ist leider kein Aprilscherz!)

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„Sooo, „Leider geil“ ist jetzt auch gesperrt. Ob Plattenfirma, YouTube oder GEMA, egal wer dafür verantwortlich ist. Wir wollen, daß unsere Videos zu sehen sind. Regelt euren Scheiß jetzt endlich mal und macht eure Hausaufgaben. Ihr seid Evolutionsbremsen und nervt uns alle gewaltig.“

So die Band „Deichkind“, deren Video wegen des Rechtsstreits zwischen GEMA und Google wie viele andere Musikvideos für deutsche Internetnutzer gesperrt war, und die in einem anderen Song, „Illegale Fans“, illegale Musik-Downloads rühmen.

Allerdings: Der Verweis darauf, daß „die da oben“ sich jetzt gefälligst „einigen“ sollen, scheint mir ein wenig hilflos. Die Bandmitglieder müssen ihre Autorenrechte ja schließlich nicht von der GEMA verwerten lassen oder ihre Autorenrechte an einen Musikverlag oder eine Plattenfirma abgeben, die einen Vertrag mit der Gema haben...

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Ich will ja hier nicht unnötig den Bildungsbürger heraushängen lassen, aber was mir bei all den Gedenkartikeln zum 100.Todestag von Karl May fehlt, ist der Hinweis auf den vorzüglichen Karl May-Roman des vorzüglichen Erich Loest: „Swallow, mein wackerer Mustang“. Der ebenso vorzügliche Jörg Fauser hatte irgendwann in den 80er (?) Jahren im Berliner „Tip“-Magazin darauf hingewiesen (wenn ich das recht erinnere, hieß sein Artikel „Schreib, wackerer Sachse, schreib“ und war ein sehr warmherziges Porträt des Dichters Erich Loest) und mir ein sehr schönes Leseerlebnis verschafft – ein Roman über einen Außenseiter im Wilhelminischen Deutschland und gleichzeitig „ein Essay über Leben, Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, Fiktion und Lüge“ („FAZ“), ein Buch über Gegenwelten im Kopf und über Kleinbürger damals und heute.

Derzeit, und so sind unsere Zeiten, liegt der Roman nur als Teil der Werkausgabe Erich Loests vor, aber eine Taschenbuchausgabe ist in Vorbereitung. Und bei MDR Figaro wird der Roman über den sächsischen Weltenerfinder derzeit als Fortsetzung gelesen.

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"Mein Kopf gehört mir", titelt das "Handelsblatt" und zeigt angeblich 100 Künstler - bei Näherem Hinsehen, Marcel Weiss hat sich die Mühe gemacht, bleiben ganze 26 Künstler übrig, während 47 der vom "Handelsblatt" als "Kreative" bezeichneten Personen Manager sind, und zwar meistens von Unternehmen, die Urheberrechte in der einen oder anderen Form verwerten, weitere 8 sind Politiker, ebenfalls 8 sind Funktionäre von Branchenverbänden...

Online heißt es beim "Handelsblatt": "Hundert Kreative provozieren die Netzpiraten".

"100 Kreative", und zwar von Dieter Gorny über Philipp Rösler, Renate Künast, Utz Claassen bis hin zu Bert Rürup und Helmut Thoma. Das Auseinandersetzungsniveau im "Handelsblatt" ist fürwahr erbärmlich...

"Spiegel"-Autor Stefan Niggemeier schreibt dazu:

"Aber die Lügen, der Irrwitz, die Dummheit und die Dreistigkeit, die ganze niederträchtige Propaganda des »Handelsblattes« und anderer Medienpartner in der Kampagne gegen die Piratenpartei und die sogenannte Netzgemeinde: Ich fürchte, die Auseinandersetzung mit all dem übersteigt selbst meinen Masochismus."

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Stefan Herwig, Labelchef und Autor der „Musikwoche“, twittert über Bruno Kramm, Labelmacher, Künstler („Das Ich“) und Übersetzer eines weitverbreiteten Anti-Acta-Videos von Anonymous:

„Bruno, du bist auf dem besten Wege, zum Joseph Goebbels der Netzkultur zu werden.“

Mann, müssen die Herwigs dieser Welt nervös sein...

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Vielleicht sollten Herwig und seine Copyright-Cops diesen Ratschlag beherzigen:

„Wenn nichts mehr geht, lese ich buddhistische Literatur und meditiere.“

(Sasha Waltz, Choreografin)

05.04.2012 - 15:37

Und Günter Grass? Betreibt das, was er als junges Mitglied von Hitlers Waffen-SS gelernt hat und bis heute am besten kann: Antisemitismus.

Das ekelhafte, dem deutschen Antisemitismus konstitutive „man muß doch einmal sagen dürfen“ beweist nur, daß Grass eine mehr als „gestörte Beziehung zur eigenen Vergangenheit, zu den Juden und zu Israel hat“ (Shimon Stein).

Interessant ist die Bewertung des „Gedichts“ durch die im Bundestag vertretenen Parteien. Die „Linke“ macht sich wieder einmal unwählbar und unterstützt zusammen mit der NPD Grassens Äußerungen („Günter Grass hat recht“, Wolfgang Gehrke). Von der sozialdemokratischen Ulknudel Andrea Nahles, die das Gedicht „als irritierend und  unangemessen“ empfindet, wüßte man gerne, warum sie ansonsten „Grass sehr schätzt“. Aber der SPD-Vorsitzende Gabriel hat ja auch ausgerechnet in einer Woche, als die palästinensischen Terrororganisationen wieder einmal mehr als 100 Raketen auf israelische Siedlungen abgefeuert haben, Israel als „Apartheid-Regime“ bezeichnet, was will man also von der Sozialdemokratie erwarten, in dieser Causa und überhaupt.

Erfreulich einzig die eindeutige Stellungnahme der „Grünen“.

Grass, der in seinem Schriftstellerleben wenig mehr als einen halben brauchbaren Roman zusammengeschustert hat, wird hierzulande gerne als Mahner begriffen. Dabei ist er nur ein plumper Antisemit, der auf seine alten Tage noch einmal Recht haben will und sich auf dumpfeste Art und Weise inszeniert. Der Thilo Sarrazin der deutschen Literatur.

Ansonsten wäre es schön, wenn aus dem Grass’schen Schwachsinn nicht wieder eine endlose Feuilleton-Debatte entstehen würde, auch wenn ich da ehrlich gesagt skeptisch bin. Und man kann mit Henryk Broder (in „Kulturvollzug“) nur hoffen, daß der alte Mann seinen „Judenknacks“ behandeln läßt, denn „es ist nie zu spät, sich in therapeutische Behandlung zu begeben“. Grass  kann ja Wolfgang Gehrke und Andrea Nahles und Jakob Augstein mitnehmen und so eine Art Familienaufstellung machen...

21.03.2012 - 18:46

Alles drin, was man braucht: Kluge Frauen, Klasse Musik, originelles Video:

14.03.2012 - 23:27

Frage: „Jemals nah daran gewesen, Kommunist zu werden?“

Harry Belafonte: „Welcher intelligente Mensch wäre das nicht.“

(Harry Belafonte im Interview des „SZ Magazin“) 

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Antikommunismus ist immer ekelhaft. Besonders aber, wenn er aus einem besonderen Schoß kriecht, wie bei Ex-Pastor Gauck: Der schreibt im Buch „Eine Revolution und ihre Folgen. 14 Bürgerrechtler ziehen Bilanz“, er sei „mit einem gut begründeten Antikommunismus aufgewachsen“. Es lohnt sich, dieses „gut begründet aufgewachsen“ näher zu beleuchten. Beide Eltern Gaucks waren treue Gefolgsleute der Faschisten und traten frühzeitig der NSDAP bei – seine Mutter 1932, sein Vater 1934. Sie zählten zu den „Alten Kämpfern“, während sie von Gauck verharmlosend als „Mitläufer“ bezeichnet werden. Gaucks Vater beging wohl Kriegsverbrechen (die Rede ist von Gefangenenerschießungen) und wurde 1951 zweimal zu je 25 Jahren Freiheitsentzug verurteilt.

Nun kann niemand etwas für seine Eltern, auch Gauck nicht. Daß sein „gut begründeter Antikommunismus“ allerdings seinem stramm nationalsozialistischem und unbelehrbarem Elternhaus entspringt, darauf sollte Gauck vielleicht nicht so richtig stolz sein...

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Woraus sich Gaucks vermutlich ebenso gut begründete Internetfeindschaft nährt, ist uns nicht bekannt. Zuletzt schrieb Gauck jedoch über das Internet:

„Das weltweite Internet bietet alle Voraussetzungen, um die in den ersten zehn Artikeln unserer Verfassung verankerten Grundrechte aller Bürger in diesem Land auszuhöhlen.“

Da muß man auch erstmal drauf kommen.

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Ein angenehmer Nebeneffekt der Skandale um den Eventmanager Schmidt, auf dessen Parties sich die Wulffs und Wowereits rumtreiben, ist: Das scheußliche Wort „Eventmanager“ ist ähnlich geächtet und auf einer Stufe der unangenehmen Berufe, irgendwo in der Nähe von „Makler“...

10.03.2012 - 16:15

Copyright-Cops, aufgepaßt! Es droht eine neue Gefahr für die Musikindustrie und für „die Kreativen“. Eine sehr ernstzunehmende Gefahr. Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Quellen zu erfahren war, ist diese neue „Gefahr für den Musikerberuf und die Musikkultur“ ab sofort am Start:

Tonfilm

Chung, Gorny, Dillig – übernehmen Sie! Wehret den Anfängen!

07.03.2012 - 10:58

Großer Bericht in der "Berliner Zeitung" über den Tod eines 18-jährigen aus Neukölln, der nach aktuellem Ermittlungsstand aus Notwehr erstochen wurde, mit einem Küchenmesser. "Sven P., zwei Personen aus der (ca. 20köpfigen, BS) Belagerungsgruppe und Jussef el-A. redeten miteinander. Doch das Gespräch artete zu einer Prügelei aus. Sven P. wollte flüchten und stürzte. Als er die vielen Verfolger über sich sah, habe er sein Messer gezogen und um sich gestochen, gaben er und auch andere Zeugen zu Protokoll. Dabei traf er den 18-jährigen in die Leber. Jussef el-A. starb im Krankenhaus." Soweit der Bericht der "Berliner Zeitung".

Und was sind die Reaktionen von Politik und Polizei? Der Grünen-Abgeordnete Benedikt Lux fordert nach diesem Vorfall "ein härteres Vorgehen gegen illegale Waffen". Also keine Küchenmesser mehr in Neukölln? Michael Purper, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, sagt der "Berliner Zeitung": "Gewalt wird - und das ist ein schleichender Prozeß - gesellschaftliche Normalität in Berlin." 

Ein paar Seiten weiter in der gleichen Ausgabe der "Berliner Zeitung", auf Seite 25, findet sich der Hinweis auf einen Vortrag gleichentags im "Archiv der Jugendkulturen". Dort wird die Wiederveröffentlichung der Studie "Kieg in den Städten" von 1992 vorgestellt. In "Krieg in den Städten" beweisen die Autoren, daß Gewalt weder Genen, Religion noch Kultur entspringt, "sondern daß es sich um Taten Ausgegrenzter und Unterprivilegierter handelt".

02.03.2012 - 20:24

Eines ist klar: Wenn man sich betrachtet, mit welchem Eifer und Ernst hierzulande wochen-, wenn nicht monatelang eine Scheindebatte um den Posten des amtlichen Grußonkels, also des Bundespräsidenten geführt wurde, dann kann man nur zu einem Schluß kommen: Politik, Wirtschaft und die ihnen verbundenen Medien können sich die Hände reiben – Ablenkungsgefecht gelungen! Niemand redet mehr von den Banken, die die Politik diktieren, niemand redet mehr von den Rechten der Immigranten hierzulande, keiner diskutiert Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien oder die soziale Situation der Unterschicht – nein, es wird so getan, als ob wir nichts Wesentlicheres zu bedenken hätten als die Frage, welcher Pope im Schloß Bellevue Platz nimmt (als ob es nicht ausreichen würde, daß „wir“ schon längst Papst sind...). Aber wenn man sich auf die Logik des Politik- und Medienbetriebes einlassen möchte, fällt doch eines auf: Jetzt wird also ein veritabler Konservativer, innerhalb des konservativen Spektrums am rechten Rand anzusiedelnder Ex-Pastor Bundespräsident. Einer, der den sozialdemokratischen Salon-Nazi und Bestsellerautoren „mutig“ nennt, einer, der die Einzigartigkeit des Holocausts anzweifelt und wie die „neuen Rechten“ etwa der „Jungen Freiheit“ von der Ersatzreligion Auschwitz brabbelt und den Nationalsozialismus mit dem Kommunismus der DDR gleichsetzt (und bekanntlich hat ja auch die DDR sechs Millionen  Juden vergast und einen Weltkrieg angezettelt, der 20 Millionen Todesopfer forderte...). Einer, der die Finanzmarkt- und Antikapitalismus-Debatte für „unsäglich albern“ hält und den Hartz IV-Empfängern mehr Engagement empfiehlt. O.k., das alles scheint mir ein relativ realistisches Gesicht der aktuellen Bundesrepublik zu sein, also könnte man mit Peaches und Joan Jett  sagen (diese Idee hatte Christian Y. Schmidt):

Aber wenn man sich mal einen Moment lang auf die Logik des herrschenden Diskurses einläßt, kommt man auf dieses hübsche Bäumchen-Wechsel-dich-Spiel: Auf die Idee, den ausgewiesenen Rechtskonservativen zum Bundespräsidenten zu machen, kam der linke Grüne Trittin. In seinem Schlepptau der Sozialdemokrat Gabriel. Dem konservativen Bundespräsidenten-Kandidat verweigerte sich die konservative Bundeskanzlerin. Die Witzfigur im ganzen Spiel, also Philipp Rösler (hätte man gedacht, daß man sich jemals Guido Westerwelle zurückwünschen würde?!?), geriert sich dann wiederum als Präsidentenmacher, indem er darauf insistiert, den Konservativen zu wählen, den er und seine Parteifreunde vor zwei Jahren hätten haben können, als sie aber lieber gewulfft haben. Rösler: „Man kann Ämter verlieren, aber eben nicht seine Überzeugung.“ Weil ein Clown wie Rösler so etwas eben nie in seinem Kleiderschrank hängen hatte: eine „Überzeugung“... Nun wird in der Grünen-freundlichen „taz“ die Präsidentenkür mit guten Gründen kritisiert, und der linke Grüne Trittin, Fan des erzkonservativen Pastoren, wirft seiner Hauszeitung „Schweinejournalismus“ vor, den er „nur von der Bild-Zeitung“ kenne.

Wenn man ihn unter vier Augen fragen würde (und ihm vorher ein Wahrheitsserum eingeflößt hätte), würde Trittin sofort zugeben, daß sein und Gabriels Vorschlag, Gauck zum Präsidenten zu machen, ein strategischer Schachzug war, mit dem sie Merkel in die Bredouille treiben wollten. Und das können sie nun, wo ihr Kandidat zwei Jahre später „Bürgerpräsident“ wird, nicht zugeben, sondern müssen wie die Honigkuchenpferdlein um die Wette strahlen, um den Coup nicht dem Rösler zu überlassen.

Und nun erzählen Sie uns mal was von Politikverdrossenheit, gelt? Und schade mit Trittin, der war eigentlich einer der wenigen, die man noch ein bißchen ernst genommen hatte...

Ansonsten bleibt nur zu sagen, was Friedrich Küppersbusch festgestellt hat: Und da ist es schon ein Statement, nach Christian "Der Islam gehört zu Deutschland" Wulff standrechtlich eine bunte Auswahl christlicher Pfaffen auszugucken. Wenns nur einer mit ordentlich Mitgliedern sein sollte, sähe ich DGB-Chef Sommer knapp vor dem ADAC-Präsidenten. Ich mag nicht glauben, daß dieses Land Parteipolitiker, Kirchenfürsten und sonst nur Deppen am Start hat.“

Und ansonsten sagen wir mit Alphonse Allais: „Wir können nicht genug Vorsicht jenen unter unseren Lesern empfehlen, die sich aus diesem oder jenem Grund gezwungen sehen, Geistliche in ihre Wohnung zu lassen.“ Was nicht minder fürs Schloß Bellevue gilt...

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„Ich finde zwar, daß ein bißchen Musikwissenschaft nie schadet, denn je mehr Unterscheidungskriterien ich habe, desto mehr Vergleichsmöglichkeiten habe ich. Aber die Unterscheidung ist kein Wert an sich. Viele Leute finden es toll, wenn sie viel unterscheiden können. Ich finde es deswegen toll, weil ich dann viel vergleichen kann. Mich interessiert es immer mehr, Sachen zusammenzubringen, als Sachen auseinanderzusäbeln. (...) Aber natürlich soll gerade Popmusik von vornherein auf Leute wirken, die alle keine Noten lesen können, nämlich auf die sogenannten Massen. Da ist es dann tatsächlich so, daß ich als Kritiker mit dieser ersten Faszinationsebene anfangen muß."

„Denen (dem bürgerlichen Feuilleton, BS) war klar, daß man nicht nur etwas von Luigi Nono verstehen muß, wenn man sein Publikum darüber unterrichten will, was an dieser Front "Musik" gerade Intelligentes läuft, sondern man muß auch von Neil Young oder Bob Dylan und allmählich sogar von HipHop etwas verstehen." (Dietmar Dath)

Wobei mir das Problem im Musikjournalismus heute eher andersherum zu sein scheint, nämlich, daß man zwar viel von Bob Dylan und (zu) wenig von HipHop versteht, aber kaum etwas von Luigi Nono gehört hat...

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Um Wulffs Verfehlungen haben sie so einiges Gewese gemacht. Daß dieses Land längst eine geschmierte Republik ist und im Korruptionsindex von „Transparency International“ im europäischen Vergleich bestenfalls im Mittelfeld landet (weit hinter Dänemark, Finnland,  Schweden, den Niederlanden oder der Schweiz), beweist die Tatsache, daß sich die Bundesrepublik seit Jahren weigert, die UN-Konvention gegen Korruption zu ratifizieren. Im Kern geht es darum, daß Deutschland endlich den Straftatbestand der Abgeordnetenbestechung internationalen Standards anpassen, also verschärfen müßte. Bestechung und Bestechlichkeit von Mandatsträgern müßte ebenso konsequent unter Strafe gestellt werden wie schon die verwerfliche Beeinflussung eines Abgeordneten bei der sonstigen Wahrnehmung seines Mandats. Da will Deutschland nicht mitmachen und hat die UN-Konvention gegen Korruption (UNCAC) bis heute nicht unterzeichnet – und steht damit in einer Reihe mit Staaten wie Saudi-Arabien, Syrien, Birma und Sudan...

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Und während hierzulande jede vermeintliche Beschränkung des Internets in China von Politik und embedded journalism wortreich verfolgt wird, hat die Todesstrafe für Twitter-Meldungen in Saudi-Arabien nur für wenig Aufsehen gesorgt. Der junge saudi-arabische Journalist Hamsa Kaschgari hat auf Twitter ein logischerweise fiktives, stellen weise kritisches Gespräch mit dem Propheten Mohammed geführt. Kaschgari floh vor dem „streng gläubigen“ saudi-arabischen Mob nach Malaysia, von wo er jedoch nach Riad abgeschoben wurde, wo die saudische Polizei ihn umgehend festnahm. „Nun muß er um sein Leben fürchten, denn in dem erzkonservativen Königreich kann der „Abfall vom Islam“ mit dem Tod bestraft werden.“ (FR)

Doch wer nun glaubt, die deutsche Politik, die sich doch sonst an allen Stellen gerne als Vorkämpferin der „Freiheit“, insbesondere der „Meinungsfreiheit“ geriert, würde Druck auf Saudi-Arabien ausüben, der sieht sich eines Schlechteren belehrt. Saudi-Arabien, einer der „autoritärsten Staaten der Welt“, in dem massiv die Menschenrechte mißachtet werden, die Regierung friedliche Regimekritiker jahrelang einsperren und foltern läßt, wo Homosexuelle ausgepeitscht und Ehebrecher, Drogendealer und Räuber mit der Todesstrafe rechnen müssen, dieses Saudi-Arabien also bezieht von Deutschland seine Kampfpanzer und ist auch sonst ein wichtiger Verbündeter und Wirtschaftspartner. „Die Saudis sind lukrative Geschäftsfreunde und wichtige geostrategische Partner“ (FR), das reicht der deutschen Regierung, um den saudischen Despoten nicht lästig zu werden und bei den Menschenrechten auch einmal beide Augen zuzudrücken. Ekelhaft.

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Das „Universal Presse Webteam“ teilt mir aufgeregt mit: Die Unheilig-Autogrammstunden in Köln und Stuttgart wurden in größere Locations verlegt! In den ursprünglich angekündigten Lokalitäten sind diese leider nicht mehr durchführbar, da die zu erwartenden Besucherströme zu groß werden könnten. Glücklicherweise wurden in beiden Städten alternative Locations für die Autogrammstunden mit dem GRAF gefunden. Wir bitten darum, diese neuen Loactions zu kommunizieren. Der Unheilig Charity-Kooperationspartner (für Herzenswünsche e.V.) XXXLutz gibt dem Graf die Möglichkeit im XXXL Mann Mobilia Möbelhaus in Fellbach bei Stuttgart die angekündigte Autogrammstunde für Stuttgart ausrichten, in Köln wird diese nun in der Live-Music-Hall stattfinden.“

Dieser höflich, aber ein wenig konfus vorgetragenen Bitte auf „Kommunizierung dieser neuen Loactions“ (Low-Actions?) kommen wir gerne nach. Und im nächsten Leben buchen wir nur noch Autogrammstunden in so charmanten Loactions wie dem XXXL Mann Mobilia Möbelhaus zu Fellbach. Versprochen.

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Die Berliner Musikschulen haben nach einem Bericht der „Berliner Zeitung“ fast 2.000 Lehrer jahrelang als Scheinselbständige beschäftigt, also ohne Sozialabgaben zu bezahlen. Dies ergab eine Prüfung der Rentenversicherung. Nur sieben Prozent der 2.100 Musiklehrer an Berlins staatlichen Musikschulen sind festangestellt.

Wer nun gedacht hätte, daß der Berliner Senat aus diesem veritablen Skandal vernünftige Konsequenzen ziehen würde, ist ein bißchen naiv. Natürlich werden die 93% selbständigen Musiklehrer an Berlins Musikschulen nun nicht etwa festangestellt, nein, die Senatsverwaltung hat die Musikschulen aufgefordert, nun die Verträge zu ändern – dort darf fortan „kein Merkmal abhängiger Beschäftigung mehr erkennbar sein“. Die Senatsverwaltung hat außerdem die Musikschulen „zu konkreten Schritten aufgefordert“: Honorarkräfte dürfen keine Vertretungen mehr machen, Unterrichtsmaterialien müssen sie nun auf eigene Kosten besorgen, und die Teilnahme an Vorspielen ist künftig freiwillig.

Übrigens: der Senat Berlins, der die Scheinselbständigkeit der Musiklehrer und die Nichtzahlung der Sozialabgaben zu verantworten hat, wurde die letzten zehn Jahre von SPD und „Linken“ gebildet. Parteien, die sich in ihren Programmen massiv gegen Scheinselbständigkeit aussprechen. Wobei die neue Koalition aus SPD und CDU zweifelsohne in ihren Sonntagsreden die musikalische Bildung junger Menschen jederzeit fordern würde – nur sollen die Lehrer eben möglichst selbständig arbeiten und ohne soziale Absicherung.

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Und was gibt’s Neues an der Copyright-Front?

Unter anderem: „Die Rückkehr der Internet-Zombies“ (so Constanze Kurz in der „FAZ“).

„Acta oder der Schutz der Raubritter“ (so die Schweizer Wirtschafts-Professoren Volker Grossmann und Guy Kirsch ebenfalls in der „FAZ“, wo ohnedies die interessantesten Beiträge zum Copyright zu lesen sind derzeit): „Denn Urheberrechte manifestieren oftmals eine im vordigitalen Zeitalter erworbene Machtposition, mittels derer die Unterhaltungsindustrie eine Rente, das heißt ein leistungsloses Einkommen, erwirtschaftet. Wie ehedem die Raubritter: Auch diese nahmen die Bauern aus (...) In dieser Situation liegt es für die Unterhaltungsindustrie nahe, sich den Staat dienstbar zu machen. Genau dies wird mit Acta versucht (...) Die Bestrebungen zur Beeinflussung der Politik durch den Einfluß der Lobby waren offensichtlich so groß, daß man Acta unter Ausschluß der Öffentlichkeit zur Unterschriftsreife gebracht hat (...) Gesetze aber, die dem Rechtsempfinden zuwiderlaufen, sind auf die Dauer nicht durchzusetzen; mehr noch: Sie zerstören den Glauben an Gesetzlichkeit.“

Die Deutsche Inkontinenz Allianz – pardon, es muß natürlich heißen: Die „Deutsche Content Allianz“ fordert dagegen die ACTA-Unterzeichnung, und zwar pronto, „ohne weitere Verzögerung“ – der „Spiegel“-Journalist und Blogger Stefan Niggemeier dazu:

„In der „Deutschen Content Allianz“ haben sich die Dieter Gornys dieses Landes zusammengeschlossen. Sie versuchen, sich vor dem Ertrinken zu bewahren, indem sie sich gegenseitig umklammern und das Wasser beschimpfen. (...) Jedenfalls hat die „Deutsche Content Allianz“ (DCA), die man vielleicht treffender als den Verband der urheberrechteverwertenden Industrie bezeichnen könnte, gestern die Bundesregierung aufgefordert, das ACTA-Abkommen unverzüglich und unverändert zu unterzeichnen.(...) Inhaltlich ist zum Streit um ACTA an anderen Stellen reichlich gesagt worden; ich möchte hier vor allem die verräterische Sprache würdigen. Die ganze hilflose Traurigkeit offenbart schon die Überschrift: „Deutsche Content Allianz fordert Bundesregierung zur konsistenten Positionierung zum Urheberrecht auf.“ Man muß sich das bildlich vorstellen, Monika Piel und Dieter Gorny auf einer Demonstration vorm Kanzleramt, in den Händen identische Plakate mit der Aufschrift: „Mehr Konsistenz wagen!“ (...)

Die „DCA“ diskreditiert berechtigte Sorgen um die Freiheit des Internets als Diskreditierung. Und dann beteuert sie: „Diese Freiheit sei ein hohes, unbestrittenes Gut, solange sie nicht als Rechtlosigkeit interpretiert werde.“ Da hat vermutlich Freud zugeschlagen. Niemand – außer vielleicht die Musikindustrie in ihren feuchtesten Träumen – käme auf die Idee, Freiheit als Rechtlosigkeit zu interpretieren. Freiheit im Internet wäre ja in ihrer extremsten Interpretation gerade das Recht, alles zu tun, was man will. Die Autoren wollten wohl sagen, Freiheit ist gut, solange sie nicht als Gesetzlosigkeit interpretiert werde. Nicht einmal das ist ihnen gelungen. (...) Diese Erklärung ist ein aufschlußreiches Dokument. Es macht anschaulich, in welchem Maße ein Verein, der behauptet, für die Existenz hochwertiger Inhalte zu stehen, nicht einmal in der Lage ist, selbst einen Inhalt zu formulieren, der verständlich, sprachlich richtig und inhaltlich korrekt ist. Die Presseerklärung ist mit all ihrem Sprachmüll und ihrer Gedankenlosigkeit ein Dokument der Hilflosigkeit. Aber ich fürchte, so niedlich es wirkt, wie ungelenk da Branchengrößen mit Förmchen werfen, so hart ist in Wahrheit der Druck, den sie hinter den Kulissen auf die Politik ausüben.“

Ich empfehle die Lektüre des ganzen Beitrags von Stefan Niggemeier auf seinem Blog.

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„Piracy is the new radio. That’s how music gets around.“

(Neil Young)

Folgen Sie dem Altmeister! Hören Sie doch mal wieder Radio!

 

29.02.2012 - 14:17

Retten wir das griechische Volk vor seinen Rettern! Das ist der Titel eines Aufrufes von Vicky SKOUMBI, Chefredakteurin der Zeitschrift ‚aletheia‘ (Athen), Michel SURYA, Direktor der Zeitschrift ‚Lignes‘ (Paris) und Dimitris VERGETIS, Direktor der Zeitschrift ‚aletheia‘ (Athen). Der Aufruf wird u.a. unterstützt von Alain BADIOU, Étienne BALIBAR, Barbara CASSIN, Bruno CLÉMENT, Danièle COHEN-LEVINAS, Yannick COURTEL, Jacques RANCIÈRE, Judith REVEL und Frieder Otto WOLF. Er beginnt so:

In eben dem Moment, in dem jeder zweite jugendliche Grieche arbeitslos ist, in dem 25000 Obdachlose durch die Straßen von Athen irren, in dem 30% der Bevölkerung unter die Armutsschwelle gefallen sind, in dem Tausende von Familien dazu gezwungen sind, ihre Kinder zur Arbeit zu schicken, damit sie nicht vor Hunger und Kälte sterben, in dem die neuen Armen und die Flüchtlinge sich auf den öffentlichen Müllhalden um die Abfälle streiten – in eben diesem Moment zwingen die „Retter“ Griechenlands unter dem Vorwand, dass die Griechen „sich nicht hinreichend Mühe geben“, diesem Land einen neuen Hilfeplan auf, der die verabreichte tödliche Dosis noch einmal verdoppelt. Dieser Plan schafft das Recht auf Arbeit ab, stürzt die Armen in extremes Elend und bringt zugleich die Mittelklassen vollständig zum Verschwinden.

Das Ziel dieser Operation kann gar nicht die „Rettung“ Griechenlands sein: in diesem Punkt sind sich alle Wirtschaftswissenschaftler einig, die überhaupt diesen Namen verdient haben. Es geht darum Zeit zu gewinnen, um die Gläubiger zu retten, während zugleich das Land in einen zeitverschobenen Konkurs getrieben wird. Und es geht vor allem darum, Griechenland zu einem Laboratorium einer gesellschaftlichen Veränderung zu machen, die dann in einem zweiten Schritt auf ganz Europa verallgemeinert werden wird. Das auf dem Rücken der Griechen experimentierte Modell ist das einer Gesellschaft ohne öffentliche Dienste, in der die Schulen, die Kliniken und die Abgabestellen für Medikamente zu Ruinen verfallen, in der Gesundheit zu einem Privileg der Reichen wird und in der die besonders verwundbaren Bevölkerungsteile zu einer planmäßigen Eliminierung bestimmt sind, während jene, die noch Arbeit haben, zu extremen Formen der Verarmung und der Prekarität verurteilt werden.

...

Den kompletten Aufruf findet man auf der Homepage der European Graduate School:

http://www.egs.edu/faculty/alain-badiou/articles/retten-wir-das-griechische-volk-vor-seinen-rettern/

So etwas bekommt man in deutschen Zeitungen und Zeitschriften nicht zu lesen...

20.02.2012 - 21:03

Was ja das wirklich ekelhafte an der Griechenland-Diskussion ist, das ist diese hochnäsige und verlogene Griechen-Feindlichkeit, verbunden mit der Unwahrheit, mit der unsere Politiker und ihre Bankiers (oder sollte man das nicht besser andersherum sagen?) argumentieren. Ja, Griechenland ist pleite, das wird wohl so sein. Aber die Gelder, die Europas Regierungen da zur Verfügung stellen, dienen eben nicht den Griechen, sondern ihren Gläubigern. Die „neoliberale Taliban“ (Cohn-Bendit) aus EU, IWF und EZB erpreßt die griechische Regierung zu immer neuen Sparmaßnahmen, statt dem Land endlich wieder Wachstumsperspektiven zu geben. Das „Rettungspaket“, das unter der Knute Schäubles und Merkels zusammengeschnürt wird, „orientiert sich nicht an den Bedürfnissen der griechischen Bürger, sondern an den angeblichen Gesetzmäßigkeiten der internationalen Finanzmärkte.“ (SPON).

Was Not tun würde, wäre ein kompletter Schuldenerlaß – denn die Sparzwänge, die den Griechen derzeit von der EU unter Führung der deutschen Regierung aufgedrückt werden, führen zu drastisch steigender Arbeitslosigkeit, Absenkung der Mindestlöhne, extremer Schrumpfung der Wirtschaft und zu kompletter Perspektivlosigkeit der Menschen in Griechenland. Und daß ausgerechnet der deutsche Außenmininister (das war eigentlich ein Freudscher Tippfehler, aber so, wie das dasteht, ists köstlich und treffend, oder?) Westerwelle, der Griechenland noch vor genau einem Jahr dringend zum Kauf von Eurofightern und anderen Rüstungsimporten aus Deutschland drängte, jetzt Druck macht und „scharfe Warnungen an Griechenland“ zu mehr Sparsamkeit richtet, ist der Gipfel der Verlogenheit.

Für einen kompletten Schuldenerlaß und nachhaltige Unterstützung gibt es eigentlich ein gutes Beispiel: Vor 60 Jahren erließen die Gläubiger der Bundesrepublik einen Teil ihrer Schulden – die 65 Gläubigerstaaten, angeführt von den USA, gewährten der BRD einen Erlaß von 50 Prozent aller Auslandsschulden sowie eine massive Senkung der Zinsen – und dieser Schuldenerlaß war nicht etwa an Sparprogramme geknüpft, sondern sah im Gegenteil wachstumsfördernde Maßnahmen vor. Beim Londoner Schuldenabkommen vom Februar 1953 verzichtete übrigens auch ein Land namens Griechenland großherzig auf die Rückzahlung von deutschen Schulden und ermöglichte so den wirtschaftlichen Aufstieg der BRD. Es wäre an der Zeit, daß sich Deutschland daran ein Beispiel nähme und Griechenland großzügig behandelt.

20.02.2012 - 20:59

Leserinnen und Leser, die diese kleinen Anmerkungen zur Zeit seit längerem verfolgen, werden wissen, daß der „Diss“  schlechterer Musik dem Autor dieser Zeilen zumindest an dieser Stelle eher fernliegt, wie ihn Personen in diesen Anmerkungen ohnehin nur interessieren, wenn sie symptomatisch erscheinen. Wulff ist einigermaßen wurscht – wofür er steht, konnte ein klein wenig interessant sein. Lana del Rey ist total wurscht und wird sich mit Wulff einen Wettlauf liefern, wer eher vergessen sein wird – die Art, wie ihr One Hit-Wonder gemacht wurde, war interessant. Und nun also: Max Prosa ist nun wirklich vollkommen egal, einer dieser vielen jungen Menschen, die schlechte Lieder, schlechte Popmusik schreiben und spielen. Who cares. Interessant ist aber das Phänomen als solches. Von Zeit bis taz wird Max Prosa als Hoffnungsschimmer deutscher songorientierter Popmusik bejubelt. Der sonst durchaus geschätzte taz-Autor läßt sich zum wirklich auf allen Ebenen lächerlichen Vergleich „ein früher, unvollendeter Dylan“ hinreißen. Kinder, habt ihrs nicht ein bißchen kleiner?

Wenn man der taz glauben darf, hat Max Prosa als Max Podeschwig sich „das Recht, kreativ zu sein, erkämpfen müssen“, nämlich in seinem bürgerlichen Charlottenburger Elternhaus. Ach Goddile, kann man sich lebhaft vorstellen, die Hanno Buddenbrook-Story wird wiederbelebt und nachgeplappert vom taz-Bürgertum – „kreativ willst du sein, Junge? Lern lieber was Vernünftiges. Studier Physik oder BWL, Musik ist nur ein Hobby!“

Aber heutzutage hören die jungen Männer ja nicht auf ihre Eltern, und man ist geneigt, „leider“ zu seufzen. Der junge Herr Podeschwig hat also, wie schon die Helden, den Popkurs in Hamburg belegt und war „Mitglied im Bandpool der Popakademie Mannheim“. Geholfen hat es leider wenig, könnte man sagen. Oder andersherum: dort lernt man also das, womit Herr Podeschwig jetzt via Sony Music die Welt belästigen muß: „Zerlumpte Clowns, die ihre eigenen Schatten jagen“, sind „tief im Gefängnis der Welt gefangen“ und verfügen über „Flügel aus Beton“, so wird da rumgenuschelt, aber: „Die Phantasie wird siegen“. Die Musik allerdings hat verloren. Wie ein taz-Autor solcherart Gehumpel als „radikal poetisch“ und seinen Erzeuger als „Hoffnungsträger“, als „frühen Dylan“ gar bezeichnen kann, ist ein Rätsel. Ob man Dylan-Fan ist oder nicht: man höre sich dessen erstes Album an, und dann schweige man still, denn in dem Vergleich ist Max Prosa lediglich eines: ein erledigter Fall. Über den man den Mantel des Schweigens ausbreiten sollte. 

20.02.2012 - 20:58

Unsere Stimme für Baku? Und die ganzen Lana del Reys und Max Prosas unserer Tage?

Manchmal, Jan Reichow hat dieser Tage in seinem immer lesens- und nachdenkenswertem Blog darauf hingewiesen, hilft Nachhilfe aus marxistischer Sicht und erklärt, was da stattfindet:

„Was waren die Versuche einzelner Musiker, was waren die Bemühungen von Vereinigungen, Verbindungen und Gesellschaften aller Art, die Schlammflut von seichter und schlechter Musik aufzuhalten, das musikalische Niveau der Massen zu heben, der Korruption und Heuchelei im Musikleben einen Riegel vorzuschieben – was waren diese Versuche gegenüber der unerbittlichen Gesetzmäßigkeit, mit der die kapitalistische Gesellschaft eben diese Übel täglich neu produzierte? Die zur Macht gelangte Großbourgeoisie hatte vor allem ein Interesse: an der Macht zu bleiben.

Es ist von unabsehbarer politischer Bedeutung, daß die kapitalistische Unterhaltungsmusik nicht realistisch war, sondern idealisierend, nicht aufrüttelnd, sondern besänftigend, nicht sammelnd, sondern zerstreuend, nicht konzentrierend, sondern ablenkend. (…) Je leichter die Ware, mit der der Musikhunger der Millionen zu befriedigen war, um so besser für die Verleger. Um so besser aber auch für die gesamte Klasse der Kapitalisten. Eine solche Musik half mit, die bestehenden Lebensverhältnisse als erträglich, ja, als ideal, jedenfalls aber als unabänderlich, als unveränderbar hinzustellen, und wurde auf diese Weise zu einem wichtigen Träger der Ideologie der herrschenden Klasse. Das ist das (…) entscheidende Merkmal, durch das sich die von Kapitalisten betriebene Tanz- und Unterhaltungsmusik von der früherer Epochen unterschied. Die kapitalistisch betriebene Tanz- und Unterhaltungsmusik brachte also doppelten Profit, so wie jede Ware, die auf den Markt geworfen wird; und – wichtiger noch – sie trug in ihrer Eigenschaft, als besondere, als ideologische Ware dazu bei, die ganze Gesellschaftsordnung mit ihrer Warenwirtschaft, ihrem Markt und ihrem Profit, mit ihrer Not und ihrem Elend, mit ihren Krisen und Kriegen, mit ihrer Oberflächlichkeit und Seichtheit zu festigen.“

(Georg Knepler, in seiner „Musikgeschichte des 19.Jahrhunderts“, Band 1)

Jan Reichow fügt in seinem Blog hinzu:

Heute handelt es sich nicht mehr um die Großbourgeoisie und “den” Kapitalismus, sondern um das Vervielfältigungsunternehmen Fernsehen in Zusammenarbeit mit einer Zufallsrepräsentanz des Volkes (von Zuschauern, die auf Zuruf ein Handy bedienen können) sowie einem leitenden und beratenden Gremium von modischen Kahl- und Hohlköpfen.“

18.02.2012 - 19:15

Ein unglaubliches Musikvideo steht am Tag, da ich dies hier schreibe, auf YouTube (und wird dort wahrscheinlich bald verschwinden...):

Unfaßbar, wie gut diese Band, die kurz darauf „The Revolution“ hieß, spielen konnte!

You don't believe someone, that a band can be this good.“ (Bob Lefsetz)

Es war eben nicht alles schlecht in und an den 80er Jahren. Und in Zeiten, da Lana del Rey oder Max Prosa als tolle Popmusik gefeatured werden, lohnt es sich, derartige Aufnahmen zu studieren. Wie sie entstehen. Wie der Mann, der sich damals noch Prince nannte, an dem berühmten Riff arbeitete. Wie alles wie auf guten alten Opern- und Jazzaufnahmen eben LIVE gespielt wurde, im Gegensatz zu quasi allen Fernsehaufnahmen und vielen Stadionkonzerten heutzutage – und wie dieses „live“ so gut war, daß es umstandslos als Platte veröffentlicht werden konnte.

Atemberaubend. Ein Stück Musikgeschichte, und man kann begeistert zuschauen. Und das ist das, was uns die Copyright-Cops vorenthalten wollen...

Und, bitte, liebe Musikindustrie: ihr seid doch gerade so groß im Verkaufen von alten Platten als Jubiläumseditionen – nehmt euch doch bitte mal ein Beispiel am Jazz: Bringt gefälligst eine kritische Edition dieser Aufnahme, dieses Albums heraus! Mit allen Outtakes, die sich im Original nicht finden (wie zum Beispiel die ersten 3:46 Minuten dieses Videos, oder das erste Vorkommen des Riffs). Damit würdet ihr die Welt ein klein wenig besser machen! Wort!

14.02.2012 - 13:42

Der Musikjournalist würde schreiben: Schon jetzt eines der besten Musikvideos des Jahres! Aber in der Tat: Ein schöner und überraschender kleiner Film:

10.02.2012 - 12:08

Das war nur den Branchendiensten der Musikindustrie eine Topmeldung wert: Paul McCartney also boykottiert die Streamingdienste, sein neues Album wird nicht über Spotify & Co, sondern nur über Apples iTunes gestreamed werden. Und McCartney und seine Plattenfirma ließen auch die alten Alben des Ex-Beatles von Streamingangeboten wie Spotify, Rhapsody oder Simfy entfernen.

Aber – does anybody care?

Das ist eben das Schicksal der Altrocker – ihre aktuelle Musik interessiert niemanden mehr. Wenn Paul McCartney in Berlin ein Konzert gibt, kommen weniger Leute als zu Shows von beispielsweise Calexico oder Bon Iver. Mag man bedauern oder nicht, Tatsache aber ist: Die aktuelle Musik von Paul McCartney interessiert niemanden. Und selbst die Fans, die noch in seine Konzerte kommen, hoffen eher darauf, daß der Künstler alte Songs aus Beatles- oder frühen Wings-Zeiten spielt, als daß er seine aktuellen Songs aufführt. Kaum jemand wird das neue Paul McCartney-Album kaufen. Niemand hierzulande wird im Ernst heute morgen um vier Uhr früh aufgestanden sein, um auf Apples iTunes den Stream des Live-Konzerts aus den Capitol-Studios in Los Angeles anzusehen. Die Chance eines aus der Zeit gefallenen Künstlers wie Paul McCartney wäre es, seine neuen Songs auf Streams wie Spotify oder Simfy zu präsentieren – da, wo die Leute ohnehin unterwegs sind und vielleicht mal unverbindlich reinhören, ohne gleich Songs oder gar das ganze Album extra bezahlen zu müssen. Daß McCartney und sein Management diese Chance nicht gesehen haben und statt dessen auf ein für diesen Künstler nicht mehr funktionierendes altmodisches Kaufsystem setzen, zeigt, daß sie die moderne Welt nicht verstanden haben. Es wird zu ihrem Nachteil sein.

(und damit wir uns nicht mißverstehen: ich bin kein Fan von Streamingdiensten, ich mag so etwas nicht – ich kaufe Alben, bevorzugt bei den Plattenläden meines Vertrauens; aber man kann auch gegen Facebook sein und trotzdem wissen, daß daran kein Weg vorbeiführen wird; ich war auch gegen die Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1989 und wußte, daß sie kommen würde... das eine ist das, was man sich wünscht für die Welt, das andere nennt man: Realität)

08.02.2012 - 11:39

Zu den Ländern, "für die die Wahrnehmung der Rechte am GEMA-Repertoire insgesamt nicht durch Mandats- oder Gegenseitigkeitsverträge geregelt ist" (wie es im GEMA-deutsch heißt), gehört unter anderem Nordkorea. Deswegen können wir hier dieses YouTube-Video zeigen, in dem fünf junge nordkoreanische Akkordeonisten den Hit "Take On Me" der norwegischen Popgruppe a-ha spielen:

Der norwegische Künstler Morten Traavik hat den Film in Nordkorea gedreht, und diese Woche spielt die nordkoreanische Gruppe im norwegischen Kirkenes beim internationalen Kunst- und Kulturfestival "Barents Spektakel".

08.02.2012 - 00:55

Klar, das neue Video von OK Go, „Needing/Getting“, ist toll gemacht – aber an den Charme von „White Knuckles“ mit den großartigen Hunden kommt es nicht heran.

Jetzt würde ich Ihnen gerne das Video hier im Blog in der YouTube-Version einbinden, aber wenn man in unserem komischen Land bei YouTube „White Knuckles“ von OK Go abspielen möchte, bleibt der Bildschirm schwarz, und man bekommt zu lesen:

„Dieses Video ist in Deutschland leider nicht verfügbar, da es möglicherweise Musik enthält, für die die erforderlichen Musikrechte von der GEMA nicht eingeräumt wurden.“

Hierzulande schaut man also wieder mal, der GEMA sei gedankt, in die Röhre.

Und wenn man denkt, daß man ja auf Tape.TV ausweichen könnte (zumindest, solange deren Geld reicht...), dann merkt man, daß das letztlich auch ein ziemlicher Schmarrn ist. In den 3:23 Minuten, die das tolle Video dauert, wird man bei Tape.TV sage und schreibe vier Mal von einer störenden McDonalds-Werbung belästigt und einem Zeugs namens „McDouble“, in dem angeblich Beef drin sein soll. Und wie zum Hohn wird gegen Ende des Videos dann noch eine Werbung von McFit über das OK Go-Video geblendet, damit man weiß, wo man die sinnlosen McDo-Kalorien wieder abtrainieren kann.

Wenn das die Zukunft des Musikfernsehens ist, dann will ich kein Musikfernsehen! Spaß macht das nicht.

05.02.2012 - 18:39

Was einen an diesen ganze Wulffs und Özdemirs und wie die Vertreter des sagen wir „Hannover-Prinzips“ in der Politik (also: Männerbünde zwischen Politik und Wirtschaft, und eine Hand wäscht die andere, und „willst du mal eben meine Villa/meinen Privatjet/meine Fußball-Eintrittskarte nutzen?“ etc. pp.) ja fast am meisten nervt, ist diese gespielte Naivität, dieses Unschuldsgetue, dieses Waschlappenhafte unseres sogenannten Führungspersonals.

Nehmen wir den Grünen-Parteichef Özedemir. Der läßt sich vom Partyveranstalter Manfred Schmidt eine billige Eintrittskarte für ein längst ausverkauftes Fußballspiel besorgen, bei dem so mancher von uns gerne dabei gewesen wäre, nämlich für Barcelona gegen Madrid. Bestürzt behauptet das türkisch-schwäbische Möchtegern-Cleverle nun, er habe das Ticket doch bezahlt, und er habe keine Ahnung gehabt, daß die Eintrittskarte in Wirklichkeit viel teurer geworden sei. Nämlich 615 Euro statt der 119 Euro, die Schmidt dem Grünen-Politiker in Rechnung gestellt hat.

Konnte Özdemir, der ja vor paar Jahren schon mal über einschlägige Vetterles-Geschäftle gestürzt war, natürlich nicht wissen. Wer immer nur eingeladen wird von den Bonzen, für die er Politik macht, der hat natürlich keine Ahnung, was so ein Ticket kostet, wenn man sich am Stadion in der Schlange anstellt oder versucht, solch ein Ticket bei ebay zu schießen.

Und dann läßt sich der Grünen-Chef die Flugreise nach Barcelona und die Übernachtung von seiner Partei (also vom Steuerzahler!) bezahlen, weil er da schnell mal ein wahrscheinlich wahnsinnig wichtiges Treffen mit den katalanischen Grünen sowie ein Interview mit einer spanischen Zeitung arrangieren konnte. Reiner Zufall natürlich.

Damit wir uns nicht mißverstehen: ja, ich glaube, daß die Özdemirs und Wulffs die hiesige Gesellschaft, das Gschaftlhubertum, die Sponsoring-Realität und „geiz ist geil“ und unterschwellig korrupte (aber immer formal recht legale) Verhältnisse ganz gut abbilden. Deswegen sollten sie auch nicht zurücktreten. Nur: ich will mit solchen Typen nichts zu tun haben. Ich will solche Typen nicht wählen müssen, und ich will von solchen Chargen nicht repräsentiert werden. Und wenn einer wissen will, warum die Bürgerinnen und Bürger von „der Politik“ und dem politischen Personal nichts mehr wissen und statt dessen politikverdrossen sein wollen: ich könnte es erklären. Und ich bitte ansonsten, in Sachen ÖzdemirWulffGuttenberg und wie sie alle heißen mögen medial nicht mehr belästigt zu werden. Sind Flaschen leer. Und ich hab Nase voll.

30.01.2012 - 20:00

Wer mal wieder zuschauen will, wie ein internationaler Popstar „gemacht“ wird, der beobachte den großen Zirkus um die 25jährige, ganz nett aussehende Lana del Rey, deren neues Album erst Ende Januar erscheinen wird, von der aber längst alle Magazine und Feuilletons voll sind, von der Titelstory in „Spex“ bis zum Aufmacher des Feuilletons der „Berliner Zeitung“.
„2008 nimmt sie als Lizzy Grant ein Album auf, es liegt zwei Jahre unveröffentlicht herum. Dann der Bruch. Lizzy wird zu Lana del Rey, weil der Name morbiden, geheimnisvollen Hollywood-Glamour verheißt. Sie läßt sich einen Schmollmund spritzen, was sie tapfer dementiert.“ (Steffen Rüth) Ihr neues Label, der Unterhaltungskonzern Universal Music, organisiert aktuelle englische Starproduzenten, die auch Künstler wie Adele, Duffy oder Robbie Williams so produzieren, wie das die Musikindustrie gerade hören will. Dann gibt es einen Clip, der nichts weiter ist als eine Collage aus Filmschnipseln der 50er und 60er Jahre, zu der sie eine relativ banale, nette Retroballade singt. „Ein tieferer Sinn, sagt del Rey, steckt nicht hinter den Bildern. Sehen halt hübsch aus. So wie sie selbst. (...) Leere, hochattraktive Hüllen.“ (Steffen Rüth)
Im Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ bekennt die Sängerin: „Ich spiele nicht mehr Gitarre, ich war nie besonders gut darin. Mein Onkel Tim hat mir sechs Akkorde beigebracht und damit habe ich mein erstes Album geschrieben. (...) Ich hatte nie Ambitionen, ein Popstar zu werden, ich wollte eine Musikerin sein, die durch Nordamerika touren kann.“ Kann man sich lebhaft vorstellen: eine Musikerin, die mit ihren sechs Akkorden durch die Welt tourt...
Zu ihrem Video – das Filmchen wurde auf YouTube schon über zehn Millionen mal angeklickt, gerne wird behauptet, „das Internet“ habe den Star gemacht, ich würde sagen: der Konzern hat durch geschicktes „social marketing“ den Hype im Internet kreiert – sagt Lana del Rey: „Ich benutze die Bilder, weil ich sie schön fand. Das wars.“ Und warum projiziert sie zu ihrer Show mit den sechs Akkorden Kennedy und Elvis auf die Bühne? „Elvis ist mein Lieblingsmusiker. Ich mag es, wie er singt, und ich finde, er hat ein schönes Gesicht. Und wenn JFK lächelt, bin ich derart vom Blitz getroffen von dem Optimismus dieser Zeit. (...) Ich bin nicht daran interessiert, Dinge zu dekonstruieren. Ich bin sehr zufrieden damit, wie alles ist.“
Zu ihrer unkritischen Haltung zu Kriegstreibern wie Kennedy und ihrer Beschwörung eines „kraftstrotzenden, zukunftsgläubigen Amerika, das auf dem Weg zum Mond und nicht auf dem zum Bankrott war“ (Niklas Maak) paßt das reaktionäre Frauenbild, das Lana Del Rey propagiert: Frauen sind ihren Männern bedingungslos ergeben („you fit me better than my favourite sweater“, oder „you can be the boss“ trällert die Sängerin ganz ironiefrei), „Mann fährt schnelles Auto, Mann bricht in Bank ein; Frau sieht toll aus und schmachtet und schnurrt und wartet.“ (Niklas Maak) – Neokon-Musik eben für Biedermeier-Zeiten und für Leute, die sehr zufrieden damit sind, wie alles ist. Und die, die nicht mehr zu kritischer Analyse des Phänomens und seiner gesellschaftlichen Funktion fähig sind, sabbern im gewohnten Altherren-„Popkritik“-Stil von der Sängerin sexy Aussehen wie ein Ueli Bernays in der „NZZ“: „Wenn die Sirene Lana Del Rey, dieses schlanke, feingliedrige Geschöpf mit hübschem Gesicht, mit spitzer Nase, grotesk großen Lippen und einem lasziven Kiffer-Blick, singend durch solche Klangsphären schweift, fühlt man sich wie angefixt, verführt und verloren in Nostalgie."
Passen Sie gut auf, wer Ihnen in den nächsten Wochen und Monaten etwas empfiehlt, und merken Sie sich diese Personen! Und lassen Sie sich nicht jeden Scheiß andrehen, zu dem alle hinrennen! Seien Sie ein selbstbewußter, kritischer Konsument!

30.01.2012 - 19:59

Der deutschen Pop-Quatschköpfe größten einer ist Thees Uhlmann, der gerade im Berliner „Tip“-Magazin unter der Kapitelüberschrift „Knalltüten und Pfeifen“ zu den „100 peinlichsten Berlinern“ gezählt wurde. Stichprobe aus Uhlmanns neuem Werk gefällig? Da ließ er sich diese Zeilen einfallen: „Dein Herz ist wie eine Berliner Synagoge / Es wird Tag und Nacht bewacht.“
Es brabbelt und textelt eben so vor sich hin, das deutsche Unterbewußtsein, und wenn man schon keine brauchbare Liebeslyrik herzustellen vermag, dann soll es doch wenigstens irgendein deutsches Thema sein...

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„...und jedes kleine Kaff hat seine eigene Fashion Week!“, sagt Modemacher Miguel Adrover im „Spex“- Interview.
Fast wie in der Musikindustrie, gelt? Wir sahen uns bei der Eurosonic Mitte Januar in Groningen...

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Brian Ferry (das ist dieser Sänger, der seinem Sohn die Freundin ausgespannt und geheiratet hat) dient neuerdings als Kleiderständer für H & M und tritt für das Kundenmagazin eines deutschen Telekommunikationskonzerns auf. Er wird eben alt und braucht das Geld.

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Peter Sloterdijk, den manche hierzulande als „Denker“, als „Philosophen“ gar bezeichnen, wo doch schon der große Jean-Luc Godard knapp festgehalten hat: „Sloterdijk kann nicht schreiben, was ihn aber nicht davon abhält, ein Buch nach dem anderen zu publizieren“, ich sage: jener Sloterdijk also hat im Rahmen einer Fernsehsendung vor geraumer Zeit behauptet: „Das war die große Erkenntnis von Margaret Thatcher (...): daß sie erkannt hat, der Staat ist per se sozialistisch.“ In 2011 allerdings hat der Meisterdenker ebenfalls im Fernsehen, im sogenannten „Philosophischen Quartett“, festgehalten: „Der Staat ist per se eine semisozialistische Institution.“
Und seither rätseln alle Menschen hierzulande: wann und wohin ist „dem Staat die Hälfte des ihm inhärenten Sozialismus“ (Jürgen Roth) abhanden gekommen? Da kann nur des Sloterdijks neuer Säulenheiliger, der ihm in „Herrenmenschen-Propaganda“ (Rainer Trampert) ebenbürtige Rudolf Steiner, weiterhelfen, denn: „Steiner hat die menschliche Subjektivität gewissermaßen nach oben anschlußfähig gemacht. Er hat den Stecker entdeckt, mit dem man höhere Energien anzapfen kann, die normalerweise aus den Konversationen der bürgerlichen Gesellschaft verbannt waren.“

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Das niederländische Pendant zur GEMA, die Verwertungsgesellschaft Buma/Stemra, wird, wie man in der „taz“ lesen konnte, gerade von einem Skandal erschüttert. Brein, eine Stiftung „zur Bekämpfung der Piraterie geistigen Eigentums“, bat einen Komponisten, mit einem Musikstück eine Kampagne zu unterstützen (ich lasse die einzelnen Schritte dieses Vorgangs jetzt einmal unkommentiert...). Er komponierte also die Musik für einen Kinospot „zur Warnung vor dem Diebstahl geistigen Eigentums, der laut Vertrag nur einige Male gezeigt werden sollte“. Die Anti-Piraterie-Stiftung allerdings hielt sich nicht an den Vertrag, sondern kaperte das Musikstück für eine DVD und etliche andere Datenträger.
Nun bat der Komponist die niederländische Verwertungsgesellschaft Buma/Stemra, deren Mitglied er ist, „die Vertragsverletzung zu klären und die ausstehenden Tantiemen einzutreiben“. Die Buma/Stemra allerdings ignorierte den Fall, bis sich ein Vorstandsmitglied des Rechteverwerters mit dem Vorschlag beim Steuerberater des Komponisten meldete, dieser solle das fragliche Stück an den Musikverlag des Buma/Stemra-Vorstands überschreiben und ein Drittel der zu erwartenden Einnahmen direkt an das Buma/Stemra-Vorstandsmitglied weiterreichen. Allerdings schnitt ein Amsterdamer Radiosender das Telefongespräch mit, und einen Tag nach Ausstrahlung mußte der Buma/Stemra-Vorstand zurücktreten.
Die „taz“ faßt zusammen: „Die wegen ihres erbarmungslosen und bisweilen rechtlich zweifelhaften Vorgehens gegen mutmaßliche illegale Downloader und Filesharer sehr unpopuläre Buma/Stemra hat so auch an ihrer Basis, bei den Mitgliedern, deren Rechte sie durchsetzen soll, erheblich an Vertrauen verloren.“ Doch anders als hierzulande, wo die Geschäftspraktiken der sozusagen sehr unpopulären GEMA in der Politik keine Folgen zeigten, regte sich in unserem Nachbarland das Parlament, das das Geschäftsgebaren des Rechteverwerters genauer unter die Lupe nahm. Erste Gesetzentwürfe sehen die Befreiung von Buma/Stemra-Gebühren für gemeinnützige Vereine und eine Begrenzung der Vorstandsgehälter auf maximal 130 Prozent der Bezüge des Ministerpräsidenten vor; ein Gesetzentwurf der niederländischen Regierung, der den Download von Filmen und Musik kriminalisieren sollte, scheiterte am 23.12.2011 im Parlament.
Sollten wir die Vorschläge der niederländischen Politik nicht aufnehmen? Wie wäre es mit einer gesetzlich geregelten GEMA-Befreiung für gemeinnützige Vereine, oder auch Kindergärten und Schulen? Und wie wäre es mit einer Deckelung der Gehälter des GEMA-Vorstands? Der Vorstandschef der GEMA, Harald Heker, kommt laut „Spiegel“ auf ein Jahresgehalt von 380.000 Euro. Zum Vergleich: ein Ministerpräsident verdient hierzulande pro Jahr je nach Bundesland zwischen 123.600 und 241.200 Euro, die Bundeskanzlerin kommt auf 226.000 Euro. Während laut Statistik der Künstlersozialkasse das durchschnittliche Jahreseinkommen von Musikern im Jahr 2010 ganze 11.521 Euros betrug...

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Hierzulande hat die GEMA jedoch die gegenteilige Richtung eingeschlagen: die GEMA-Gebühren, die jeder Konzertveranstalter zu entrichten hat, steigen laut Angaben des „Verbandes der Deutschen Konzertdirektionen“ (VDKD) um mehr als 400 Prozent. Bis zum Jahr 2014 müssen die Konzertveranstalter bis zu zehn Prozent der Konzerteinnahmen an die GEMA abführen, was zwangsläufig ab 2012 zu drastisch erhöhten Ticketpreisen führt.
Wie reagiert die GEMA auf die Vorwürfe des VDKD? Die fast 25%ige Anhebung der GEMA-Gebühren für ein Konzert vor 3000 Zuschauern bei einem Ticketpreis von 50 Euro beurteilt der Nürnberger GEMA-Direktor Baier quasi als „Peanuts“, die Erhöhung sei „absolut gesehen nur unerheblich mehr“. Ob der GEMA-Direktor einer knapp 25%igen Gehaltskürzung auch einfach so eben zustimmen würde? Ist ja auch „absolut gesehen nur unerheblich“ weniger...

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Und nun raten Sie mal, welche Urheber mit welchen Titeln anno 2010 bei der GEMA-Abrechnung ganz vorne lagen. Sie kommen nicht drauf. Platz 1: „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ (Nik P./DJ Ötzi), Platz 2: „Du hast mich tausendmal betrogen“ (Andrea Berg), Platz 3: „Take me home, country roads“ (John Denver), und auf den Plätzen folgen „My Way“ (in verschiedenen Versionen), „New York, New York“, „Lucky Lips“ („Rote Lippen soll man küssen“), „Griechischer Wein“, „The Girl From Ipanema“, „Böhmischer Traum“ und „Über den Wolken“.

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Der Darling der deutschen Musikindustrie und ihrer Lobbyorganisationen, Siegfried Kauder, hat nach seinem Scheitern als Copyright-Propagandist und -Nutzer ein neues Betätigungsfeld gefunden: nach Angaben des „Spiegel“ hat Kauder nach dem Besuch eines Vorstandsmitgliedes des Verbandes der Deutschen Automatenwirtschaft jetzt „sein Herz für die Glücksspielwirtschaft“ entdeckt. Neuerdings verlangt Kauder, dessen leichte Beeinflußbarkeit wie seine Großspurigkeit bereits der Musikindustrie aufgefallen war, sogar in einem Brief an die Bundeskanzlerin, der Bund solle das Glücksspielwesen selber regeln – er sei „hell entsetzt“, wie versucht werde, private Glücksspielanbieter vom Markt zu drängen.

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Vor geraumer Zeit haben wir an dieser Stelle bereits darauf hingewiesen, daß es schon drollig ist, daß die Volksbühne als öffentlich finanziertes Haus ausgerechnet einen Tourneeveranstalter zum Kurator ihrer Popkonzerte, den Bock also zum Gärtner gemacht hat. Nun hat dieser Popmusikkurator für das Neujahrskonzert eine Künstlerin gebucht, die er selbst als Tourveranstalter vertritt. Wie man sich die Gagenverhandlung wohl vorstellen darf? Ruft der Kurator den Tourveranstalter, also sich selbst an? Und der Tourveranstalter macht einen Gagenvorschlag, über den der Kurator dann mit sich selber diskutiert? Oder wulfft der Herr sich  quasi gegenseitig auf seine Mailbox?
Über dem Bundespräsidenten sein Klinkerhäuserl und wie er das von seinen Bankenspezln oder Geschäftsfreundln finanzieren läßt, regt man sich auf – dabei ist so etwas heutzutage in allen Bereichen längst systemisch.

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Wie lange bleiben junge Menschen aufmüpfig, bevor sie sich brav in die autoritären Strukturen der Gesellschaft einsortieren? Ein halbes Jahr? Zwei Jahre? Und wie lange hauen deutsche Rapper auf die Kacke? Die harten Berliner Rapper Bushido und Sido, musikalisch unterstützt von Peter Maffay, erklären ihr „Erwachsen sein“ im Jahr 2011 jedenfalls so:
„Damals wollt ich draufgeh’n, rausgeh’n und mich rumtreib’n /
Heut will ich mit Frauchen in nem Haus leben und gesund bleib’n.“

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Soll man wirklich noch was zu dem dilettantischen Isnogood im Schloß Bellevue sagen? Nebbich. Allerdings weiß ich auch nicht so recht, worüber sich alle Leute so aufregen. Was der da so treibt, ist doch business as usual. Mir gehts jedenfalls immer und überall so wie dem Bundespräsidenten: Hab ich im Hotel wie üblich das billigste Zimmer gebucht, bietet mir die freundliche Rezeptionistin ein kostenloses Upgrade in eine Suite an – wer das bezahlt hat? Keine Ahnung. Steige ich in einen Flieger, beeilt sich die Stewardess, mir einen kostenlosen Platz in der First Class anzubieten. Wer das bezahlt? Keine Ahnung. Und wenn ich mal irgendwo Urlaub machen möchte, überbieten sich meine Freunde, mir ihre Traumvillen am Strand von Mallorca oder in Florida zur kostenlosen Nutzung anzubieten (nur mag ich leider weder Mallorca noch Florida). Sollte ich ein Buch schreiben, ist da hinten irgendeine Anzeige abgedruckt, und irgendwer hat dem Verleger vorab zwanzigtausend Euro überwiesen, aber keine Ahnung, wie das alles passiert ist. Und wenn ich mal einen Veranstalter bitten muß, ein Konzert um ein paar Tage zu verschieben, dann wulffe ich ihm auf seine Mailbox und drohe ihm mindestens mit „Krieg“. Und ich kenne die Mailboxen aller Chefredakteure aller europäischen Musikmagazine, klar.
Nur eines würde ich für kein Geld der Welt machen, auch wenn mich die staatliche Hypothekenbank noch so sehr darum bettelt, mir das mit einem günstigen Kredit ermöglichen zu dürfen: Nie würde ich in ein derart spießiges, dumpfes Klinkerhäuschen ziehen, und mich dann gar davor mit einem Rasenbewässerungsschlauch von der Presse ablichten lassen. Never. Soviel Selbstwertgefühl muß man schon haben, finde ich.

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Axel Springers „Rolling Stone“ titelt im Februarheft „Revolution jetzt!“, und ich bin fast ein wenig erschrocken, ob ich etwa was verpaßt habe. Aber iwo, schon Tucholsky wußte, daß die Deutschen, wenn sie Revolution machen, erst eine Bahnsteigkarte kaufen, und so kritzeln doch nur die üblichen Verdächtigen des bräsigen Mittelmaßes, von Spiegel’s Matussek bis SPD-Nahles, diesmal die Bahnsteigkarten voll, und weiter hinten im Heft dann eine ganzseitige Anzeige von „axel springer“ mit dem Titel „Ich bin ein Radikaler der Mitte (...) Journalist, Unternehmer, Freiheitskämpfer“ über den Firmengründer, und alles ist wieder im Lot, und man weiß, wie der Titel gemeint ist.

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Besitzen Sie ein Mobiltelefon? Und verwenden es, anders als der Filmemacher Aki Kaurismäki, nicht nur zum Öffnen von Bierflaschen, sondern auch zum Telefonieren? Dann seien Sie vorsichtig, wenn Sie nach Berlin kommen oder gar in Berlin leben – hier sind Sie als Handybesitzer nämlich prinzipiell verdächtig und werden gerne mal von der Polizei überwacht. Die Berliner Polizei hat in den vergangenen vier Jahren auf der „Jagd“ nach Autobrandstiftern rund 4,2 Millionen Verbindungsdatensätze ausgewertet, meldet die „Berliner Zeitung“. In keinem Fall wurden die Betroffenen informiert. Gut 1,7 Millionen Datensätze sind immer noch nicht gelöscht (nur am Rande: das Bundesverfassungsgericht hat die „Vorratsdatenspeicherung“ ausdrücklich untersagt – aber was schert die deutsche Polizei schon die Verfassung...). Verdächtige wurden durch die massenhafte Telefonüberwachung übrigens nicht ermittelt...

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"Heute ist Europa eine deutsche Exportkolonie, regiert mit Hilfe eines Juniors, der sich, ein wenig selbstironisch wohl schon, noch immer die Grande Nation nennt. Was ein spanischer Arbeitsloser zu fressen bekommt, ein portugiesischer Lehrer verdient, wann ein Franzose in Rente geht und Irland der Dispo gestrichen wird, wessen öffentliches Eigentum an welchen - deutschen - Kapitalisten zu privatisieren ist, wie lange ein griechischer oder italienischer Ministerpräsident im Amt bleiben darf und von wem er ersetzt werden muß, wer sein Volk nach dessen Meinung fragen und wann er Wahlen abhalten darf, wird in Berlin entschieden und von Hiwis in Brüssel wie dem EU-Ratspräsidenten van Rompuy verkündet."
(Hermann L. Gremliza in "Konkret")

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Eric Pfeil hat es in seinem immer lesenswerten Pop-Tagebuch aufgedeckt: die „Traditionsfirma“ Warner Records (die sich längst in den Fängen eines russischen Oligarchen befindet) hat anläßlich des Karnevals eine Compilation mit Stimmungsmusik herausgebracht unter dem Titel „Karneval Kult Hits“ (heutzutage ist eben wirklich alles immer gleich „Kult“...). Ein Sampler, „auf dem sowohl die Düsseldorfer Post-Punks Fehlfarben als auch die norddeutschen Stimmungs-Großwesire Klaus und Klaus vertreten sind“, also: „Musik kann manchmal doch eine Brücke sein. Manchmal sogar eine Krücke.“ (Eric Pfeil) Wenn Sie wissen wollen, was sonst noch zu den „Karneval Kult Hits“ von Warner zu sagen ist, den die Plattenfirma in gewohnter Eloquenz ankündigt („Es sind alle gekommen, die in Sachen Gute Stimmung was zu sagen haben“), und wer da drauf ist (neben den genannten u.a. auch Boney M, Christian Anders mit seinem Bombenstimmungsknaller „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“), und ob Jochen Diestelmeyer und Leonard Cohen es auch drauf geschafft haben, dann müssen Sie Eric Pfeils Pop-Tagebuch vom 25.Januar 2012 lesen. Es lohnt sich, wie immer!

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Aus unserer beliebten Reihe „unverlangt eingesandte Künstlerangebote“, wie immer in Originalrechtschreibung und -interpunktion:
„Aktuelles Video „geliebt&verletzt“ wird als Single ab dem 15.Januar promotet ( „geiler isses hier“ das war der Song mit dem wir im Sommer 2009 bei einigen Radiosendern Platz1 erreichten, hier in einer Version mit Sinfonieorchester (...) Hier ein Ausschnitt (Coverprogramm) Geburtstagskonzert 2007 im Stadion der Freundschaft (...) A.E. war mal bei uns Sängerin, bevor sie bei den Superstars teilgenommen hat (...) Die zehn Songs bestechen durch unverblümte Sprache und schnörkellose Musik, „schließlich wollen wir uns nicht verbiegen!“. Gemeinsam hat die Band in fast zwei Jahrzehnten 1,2 Millionen Straßenkilometer zurückgelegt und hat am 28.10.2012 (wohlgemerkt, erhalten habe ich diese Mail am 24.1.2012! BS) ihr 2.222. Konzert gegeben. Nun lässt sie ihr neues Album „Narben und Souvenirs“ vom Stapel. Es zeigt einen Steuermann mit seiner Mannschaft, die manch schweren Sturm überstanden hat. Six erweist sich als seetauglich, bereit, auf große Fahrt zu gehen, um auch außerhalb ihres Kernlands Brandenburg Fans zu begeistern. Ihr Kommando lautet: Volle Kraft voraus!“
Alles sehr toll, aber eine Frage hab ich doch: wie kann man in seinem Kernland Brandenburg 1,2 Millionen Straßenkilometer zurücklegen? Immer im Kreis gefahren?

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Daß die modernen Menschen ihre „sogenannte Freiheit im Internet“ (Gillig-Degrave) nutzen, um gegen die amerikanischen Gesetzesvorhaben „Sopa“ und „Pipa“ zu kämpfen, ist den einheimischen Copyright-Cops und ihren medialen Claqueuren natürlich alles andere als recht. Die Unterstützung des umstrittenen Sopa-Gesetzes wurde von den Lobbyisten der US-Unterhaltungsriesen mit enormem Aufwand betrieben, zuletzt drohte ein Vertreter der Lobbyverbände dem Präsidenten mit dem Entzug von Wahlkampfspenden. In den USA ist, anders als hierzulande, öffentlich, welche Firmen einen Gesetzentwurf unterstützen – so hat das Repräsentantenhaus die „List of Supporters: H.R.3261, the Stop Online Piracy Act“, ins Internet gestellt. Und damit für alle, die sich damit beschäftigen wollen, deutlich gemacht, wes Geist das Sopa-Kind ist. Neben den erwartbaren multinationalen Konzernen der Unterhaltungsindustrie, von BMG Chrysalis über CBS, Disney, EMI, Sony Music, Time Warner bis hin zu Universal und Warner finden sich in der Liste auch Konzerne wie Estée Lauder, L’Oreal, der Viagra-Hersteller Pfizer, Revlon, Tiffany & Co oder Visa. Dazu kommen Organisationen wie eine „Alliance for Safe Online Pharmacies“, die „American Bankers Association“, die „Christian Music Trade Association“, die „Church Music Publishers’ Association“, ESPN, eine „International Union of Police Associations“, „Let Freedom Ring“, „Major Country Sheriffs“, die „Major League Baseball“, die „National Association of Prosecutor Coordinators“, die „National Football League“ wie die „National Sheriffs’ Association“ oder die „National Troopers Coalition“, das „United States Olympic Comitee“ wie die „United States Tennis Assciation“ oder „Zumba Fitneß“ sowie einige Organisationen der Tea Party-Bewegung. Besonders gefallen unter den Unterstützern des Sopa-Gesetzentwurfs hat mir allerdings eine Organisation oder Firma namens „True Religion Brand Jeans“. True Religion Brand Jeans!
Der US-Blogger Bob Lefsetz kommentiert das Rückzugsgefecht der Content-Industrie so:
„Let's start with what everybody seems to be interested in, money. What's the best way to make a lot of money? The major labels knew how. They controlled radio and retail, not allowing anybody else to play. And they reaped all the rewards. To this day it's almost impossible to get your record on the radio if you're an indie act, and in the days of physical retail, if you weren't aligned with a major, you could never get paid, no matter how many units you sold. This is the game the content industries are trying to cement in stone with SOPA/PIPA. It's got nothing to do with theft/copyright infringement. That's a smoke screen. They want control. And online, they've lost it.“
Aber was die Content-Industrie unterschätzt hat: You don’t mess with the web! Man hätte gedacht, die großen Content-Konzerne hätten das aus der Schlacht mit Napster. Und: „So macht sich der Staat zum Büttel der Verwertungskettenknaller, Autoren, Komponisten und Urheber gehen so oder so leer aus. Wäre schick, die USA hätten ein liberaleres Recht als zum Beispiel China.“ (Friedrich Küppersbusch in der „taz“).

Hierzulande gibt es nur ein paar isolierte Ewiggestrige wie die CDU-Bundestagsabgeordneten Heveling und Krings, die dem rabiaten US-amerikanischen Sopa-Gesetzentwurf die Stange halten – und müssen sich vom CDU-Netzpolitiker Kretschmer um die Ohren hauen lassen: „Es ist wie so häufig: Mangelndes Fachwissen führt zu den abstrusesten Vorschlägen.“ Selbst in der CSU sind Sopa-Positionen nicht mehr opportun, die CSU-Politikerin Bär meint, es sei ein „großes Problem“, wenn Internetdienstleister dazu verpflichtet werden sollten, Seiten zu überwachen und zu sperren, die vermeintlich gegen das Urheberrecht verstießen. „Es darf nicht sein, daß bei Urheberrechtsverletzungen der Rechtsschutz ausgehebelt wird und Tatsachen geschaffen werden ohne rechtsstaatliches Verfahren“, schreibt CDU-Kretschmer den Sopa-Fans ins Stammbuch.
Nur die hiesigen Haudraufs von Gillig-Degrave („Dicke Schlitten, dralle Weiber“ - die Musikwoche also rechts vom Bayernkurier, sozusagen) bis „Blutbrüdaz“ („Sag mal bist du bescheuert, Alter? Hast du uns beklaut, jetzt? So ne Scheiße, Alter“, und dann Stinkefinger) machen weiter wie eh und je.

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Die Firma Apple hat im letzten Quartal bei einem Umsatz von über 46 Milliarden Dollar einen Nettogewinn von über 13 Milliarden Dollar erwirtschaftet.
Etliche Arbeiter in den chinesischen Fabriken des taiwanesischen Konzerns Foxconn, wo viele Apple-Produkte, aber auch solche von Firmen wie Dell, Nokia, Motorola, Sony, Nintendo oder Hewlett-Packard hergestellt werden, haben zuletzt mit Massenselbstmord gedroht, um gegen die unzumutbaren Arbeitsbedingungen bei Foxconn zu protestieren. Foxconn gilt als der weltgrößte Elektronikhersteller. Noch 2011 hat Apple Foxconn bestätigt, Apples „Supplier Responsibility Report“ komplett zu erfüllen, und Steve Jobs sagte, bei Foxconn würden die Arbeiter in einem „Paradies“ leben mit Kinos, Swimmingpools und Luxus. Im Jahr 2011 war Foxconn bereits aufgrund einer Serie von Selbstmorden unter Druck geraten. Der im letzten Jahr von Foxconn mehrfach angehobene durchschnittliche Monatslohn der 300.000 Arbeiter im Werk in Shenzhen beträgt mittlerweile laut Angaben der 2000 Yuan; das entspricht 244 Euro.
Die Wirtschaftszeitschrift „Economist“ geht davon aus, daß die Herstellungskosten zum Beispiel eines iPhones von Apple etwa 178 Dollar betragen, wovon die Herstellungskosten bei Foxconn etwa 7 Dollar kosten (der Löwenanteil geht für Komponenten drauf, die Apple u.a. bei Samsung, Infineon oder Texas Instruments zusammenkauft). Aber irgendwie muß der Quartalsgewinn von 13 Milliarden Dollar ja auch erwirtschaftet werden...

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Wo aber, Seliger, bleibt das Positive?
Hier: Wie die amtliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA via AFP mitteilte, begab es sich zu Berlin-Mitte vor der Botschaft Nordkoreas am Tage nach der Bekanntgabe des Todes von Kim Jong Il: Eine Meise habe eine Stunde vor der Eingangstür ausgeharrt, während eine Pflanze trotz der Winterzeit zu blühen begonnen habe. „Es schien, als ob der Vogel bei der traurigen Nachricht des Dahinscheidens des herausragenden Mannes zu der Trauerstelle flog, um sein Beileid auszudrücken“, während die Pflanze hinwiederum „als Zeichen der Trauer um seinen Tod mitten am kalten Wintertag zu blühen begonnen“ habe.
(Die FAZ ergänzt den Satz „Kim Jong-il war am 17.März gestorben“, was nicht allzu wahr ist.
Zu dem Bild Nordkoreas in hiesigen Medien kann man Berthold Seligers Beitrag „Pjöngjang im Kaffeesatz“ aus Konkret 11/2010 auf unserer Website unter „Texte“ nachlesen; an gleicher Stelle kann man auch den dreiteiligen Reisebericht aus Nordkorea, aus Konkret 9/2007 - 1/2008, unter den Überschriften „Ein Teddy von der FDJ“, „Im Saal der Tränen“ und „Happiness“ finden. Ich will nicht behaupten, daß man nach einer Woche Nordkorea wirklich viel von dem „katholischsten Land der Erde“ erfahren hat oder eine umfassende Analyse anbieten kann – immerhin aber war unsereiner vor Ort und hat sich eigene Eindrücke verschaffen können, im Gegensatz zu allen Journalisten, die über das Land in allen hiesigen Medien berichten und eben nie dort waren, sondern in Tokio oder Peking sitzen und ihre Berichte aus südkoreanischen Fernsehberichten und nordkoreanischen Agenturmeldungen zusammenschreiben...)
30.01.2012 - 19:53

Damit wir uns nicht mißverstehen: ich will nicht über die Maßen old school und als ewiger Spielverderber erscheinen. Und mir ist dieser nette kleine Flyer eher wurscht. Aber wenn die „taz“ schreibt: „Aus dem übergroßen Angebot (zu Silvesterparties, BS) sei hier die Spacy Stardust Show ausgewählt, vor allem, weil ihr Flyer so schön blau ist und ein sexy Cowgirl zeigt; in ironischer Postgenderpose selbstverständlich und nicht als Sexobjekt, schließlich befinden wir uns in der aufgeklärten Metropole“, dann würd ich das doch gerne näher erklärt bekommen. Ich meine, der erste Satz ist ja völlig o.k. – nettes Blau, sexy Cowgirl, warum nicht. Aber das dann alles mit einem pseudo-intellektuellen Überbau versehen zu müssen, der in seiner Klemmigkeit schon wieder so was von Biedermeier ist – die Sexyness darf eben nur „ironisch“ daherkommen und in vermeintlicher „Postgenderpose“, schließlich befinden wir uns in einer „aufgeklärten Metropole“ – awcmon, ihr Klemmies und Klemmchauvis von der taz, ihr wißt zwar, was ihr sagen müßt in diesen „aufgeklärten“ Zeiten, aber ihr habts dann auch wieder so was von nicht drauf...

Blaue Frau

04.01.2012 - 18:22

Man muß sich das mal auf der Zunge zergehen lassen. Der Bundespräsident hält laut „FAZ“ in, ausgerechnet, Kuweit einen Vortrag zur, ausgerechnet, Pressefreiheit und erklärt den Scheichs, Presse- und Meinungsfreiheit seien „immer ein Stachel im Fleisch der Herrschenden und Mächtigen“, am Ende aber seien sie „die beste Grundlage für erfolgreiche gesellschaftliche Entwicklung“. Dann ruft er nacheinander den Chefredakteur der Blödzeitung, den Vorstandschef des Springer-Konzerns und sogar die Verlegerin und Witwe des Konzerngründers, Friede Springer, an, um die Pressefreiheit zu unterlaufen und einen mißliebigen Artikel über seine dubiosen Hauskauf-Kredite zu unterbinden.

Und daß ich das noch erleben darf: ein deutscher Bundespräsident muß sich ausgerechnet von Verlegern des Springer-Konzerns, ausgerechnet von den Verlegern der Blödzeitung belehren lassen, daß es hierzulande eine „Unabhängigkeit der Redaktion“ gibt, bzw. daß die Verlegerin „keinen Einfluß auf ihre Chefredakteure zu nehmen pflege“. Was für eine Welt, Wulff sei Dank!

21.12.2011 - 19:11

Und ansonsten…

Es ist ja auch nicht alles gold, was im kulturellen Frankreich glänzt. Die meisten Bands, die dieses Jahr fürs renommierte Transmusicales-Festival in Rennes ausgewählt wurden, waren enttäuschend oder medioker – umso mehr stachen Acts wie Shabazz Palaces oder Sallie Ford & The Sound Outside heraus. Was man aber im Programm der Transmusicales unter anderem lernen konnte, ist etwas, das man hierzulande vergebens suchen wird: Daß ausführlich über Musik gesprochen wird. Zum Festival gehörte eine Reihe von Vorträgen, die allesamt ausverkauft waren, und die sich intellektuell mit Fragen der Musikgeschichte oder der Musikphilosophie beschäftigten, etwa mit Themen wie „Seltene und historische Instrumente in der zeitgenössischen Musik“, oder „Orient und Okzident – Kulturschock oder detonierende Hochzeiten“, gefolgt jeweils von Konzerten wie einem Auftritt einer iranischen Band beim letztgenannten Thema. Ich habe den sehr sachkundigen und mit tollem historischen Material (von „Blackface Minstrels Shows“ über Dick Justice’s „Cocaine“ bis hin zu Townes Van Zandt)  angereicherten 90minütigen Vortrag von Jérome Rousseaux zum Thema „Americana“ besucht, gefolgt von einem weiteren Auftritt von Sallie Ford.

Schon interessant, daß bei den die Republik überziehenden einschlägigen Stadtmarketing-Veranstaltungen hierzulande so viel über Marketing, aber praktisch gar nicht über Musik geredet wird – von den deutschen Festivals ganz zu schweigen. Frankreich, du hast es manchmal eben doch besser...

* * *

Und dann im ausverkauften Saal des „Champs Libres“ gesessen, und im Rahmen des eben erwähnten Vortrages wurde ein zweieinhalbminütiger Film eingespielt, der Townes Van Zandt bei einer eindringlichen Version seines Songs „Waiting Around To Die“ zeigt –

„I got me a friend at last.

He don’t drink or steal or cheat or lie,

His name is codeine.

He’s the nicest thing I’ve seen.

Together we’re gonna wait around and die.“ –

und wahrscheinlich haben einige der paar hundert Besucher ebenso Tränen in den Augen gehabt wie Townes’ Freund Uncle Seymour Washington in dem Film. Spontaner, starker Applaus, als die Filmeinspielung beendet ist. Und der Referent kann erstmal nicht weiter sprechen und stammelt etwas von der Intensität der Aufnahme.

Aber sehen Sie selbst diesen Ausschnitt aus „Heartworn Highway“ von James Szalapski:

Am 1.Januar ist es fünfzehn Jahre her, daß Townes Van Zandt gestorben ist. Und es ist wahrscheinlich das Größte, was ich in meiner Konzertagenten-Karriere tun durfte: die letzten Jahre seines Lebens mit Townes Van Zandt zusammenzuarbeiten.

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Mit „Sonnenallee“ steht „der erste deutsche Kinofilm komplett auf Youtube“, wie es die Marketingabteilung in holprigem Deutsch flüstern läßt und wahrscheinlich etwas anderes sagen wollte...

Jedenfalls: Ein deutscher Kinofilm komplett auf Youtube? Ja, schon, eigentlich – nur eben (zunächst) nicht für deutsche Nutzer. Die GEMA nämlich hatte „Sonnenallee“ auf Youtube sperren lassen...

(ist mittlerweile erledigt, und „Sonnenallee“ kann auf YouTube auch hierzulande angesehen werden – for what it’s worth...)

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Auf Seite 9 der „FAZ“ vom 17.11.2011 erfahren wir unter dem Titel „In China ist die Armut auf dem Rückzug“, daß das ländliche Pro-Kopf-Einkommen im vergangenen Jahr in China 5919 Yuan (686 Euro) betrug; in den Städten waren es 21.033 Yuan (2.437 Euro). Wohlgemerkt: pro Jahr.

Auf Seite 32, im Feuilleton der gleichen Zeitung des gleichen Tages, erfahren wir, daß Ai Weiwei 8,25 Millionen Yuan auf das Konto des Pekinger Steueramtes eingezahlt hat. „Er hat das Geld aus den Spenden, nicht aus dem eigenen Vermögen aufgebracht.“

Es wäre interessant zu erfahren, woher Ai Weiwei diese Spenden genau erhalten hat. In der westlichen Presse wird gerne das Bild beschrieben, wie einfache chinesische Bürger das Geld über die Mauer von Ai Weiweis Anwesen werfen – 8,25 Millionen Yuan? Von städtischen Bürgern, die im Jahr durchschnittlich 21.033 Yuan verdienen?

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Bei seinem Vortrag im Deutschen Architekturzentrum (DAZ) in Berlin Mitte November zeigte der Künstler Julius von Bismarck u.a. Fotos einer Installation in einem Kellergebäude. Auf die Frage, wo dieser Ort sei, sagte er: „Das ist ein riesiges ehemaliges Brauereigewölbe unter dem Studio von Olafur Eliasson. Das hat übrigens gerade Ai Weiwei gekauft.“

(Eliasson hat sein Studio im „Pfefferberg“ in Berlin-Mitte, wo demnächst auch das „BMW Guggenheim Lab“ Station machen wird. Eliasson hat bereits für BMW Kunst produziert. Das Gelände gilt als einer der teuersten Kunstareale der Hauptstadt. So hängt eben immer alles mit allem zusammen. Und jetzt die Preisfrage: mit welchem Geld hat Ai Weiwei den Kauf der teuren Räumlichkeiten in bester Lage finanziert? Und wer hat für ihn den Kauf getätigt? Und warum liest man darüber nirgends? Obwohl die deutschen Medien doch sonst mit solch großer Lust über Ai Weiwei berichten?)

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Es gibt sie noch, die guten Dinge, beim Lieblingszulieferer der alternativ-konservativen deutschen Mittelschicht, bei Manufaktum. Im Dezember-Monatsbrief etwa, gleich auf der Titelseite: Eine Uhr, die bei Manufaktum natürlich nicht profan „Uhr“ heißt, sondern „Chronograph“. Ein „Stowa Chronograph 1938“ also, „mit geprägtem Bronzezifferblatt“. Aus Pforzheim. Aus dem Jahr, in dem in Deutschland die Synagogen brannten. Nur echt mit Bronzezifferblatt.

Dazu trägt der neue deutsche Mann den „hohen Wanderschuh, zwiegenäht und regulierbar“, „mit doppelter kräftiger Rindleder-Zwischensohle“ („zäh wie Leder“, Sie erinnern sich?...) von Heschung. „Die 1934 im Elsaß gegründeten Werkstätten haben sich von Anfang an auf Schuhe für das Wandern und Jagen spezialisiert.“

* * *

Und wenn der deutsche Bürger dann mit seiner Bronzeuhr 1938 und seinen zähen Wanderschuhen von der Jagd zurück ist, blättert er nicht nur in Lifestyle-Zeitschriften, die sich „Landlust“ nennen, und legt die „Landlust Klassik“-CD auf, die er bei „2001“ bestellt hat und die „klassische Klänge für Stunden des Genießens versammelt“, nein, neuerdings liest er dann auch noch eine Philosophie-Zeitschrift, denn, wenn erst alle Wanderschuhe und 1938er-Bronzeuhren gekauft und das ganze Haus im Landlust-Sil eingerichtet ist, dann stellt der Bürger fest, daß doch noch etwas fehlt, und er hat das Gefühl, er sollte etwas simulieren, was sich gut macht, und bevor er einen eigenen Gedanken faßt, greift er zur Zeitschrift, die ihm die Denkarbeit massentauglich abnimmt.

Dort wird der Bürger dann vielleicht auch einem Peter Sloterdijk begegnen, der in dem Land, in dem „Bild“ als Zeitung gilt, als Philosoph durch die Medien geistert (die Franzosen haben Philosophen wie Badiou oder Rancierre, wir haben Leute wie Sloterdijk – aber bekanntlich haben laut Walter Benjamin ja alle „das Leben, das sie verdienen“, haben wirs also nicht besser verdient...). Eben dieser Sloterdijk hat unlängst Rudolf Steiner als „großen Reformer“ und als „aktuellen Ideengeber für eine Zeit der Krisen“ gewürdigt und behauptet, Steiner ermögliche eine Koexistenz der Menschen auf dem Planeten.

Wie Rudolf Steiner sich das konkret vorgestellt hat, zeigt sich etwa in seinen Vorstellungen über Menschen in Afrika: „Sehen wir uns zunächst die Schwarzen in Afrika an. Diese Schwarzen in Afrika haben die Eigentümlichkeit, daß sie alles Licht und alle Wärme im Weltenraum aufsaugen. Sie nehmen das auf. Und dieses Licht und diese Wärme im Weltenraum, die kann nicht durch den ganzen Körper durchgehen, weil ja der Mensch immer ein Mensch ist, selbst wenn er ein Schwarzer ist (...) Im Neger wird da drinnen fortwährend richtig gekocht, und dasjenige, was dieses Feuer schürt, das ist das Hinterhirn. (...) Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse.“

Ein großer Reformer fürwahr. Fast so groß wie der andere große Lieblingsreformer der Deutschen, dieser Sarrazin. Womit sich der bronzene Kreis irgendwie im Jahr 1938 schließt.

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Wie großartig es ist, daß der VUT die Firma „media control“ mit der Erhebung eigener „Independent“-Charts beauftragt hat, die die Musikwoche exklusiv abdrucken darf, zeigt sich wieder einmal im November dieses Jahres – denn nur dank der von diesem sich fast wie ein falschrum hingeschriebener „TÜV“ lesenden Verein veröffentlichten „Musikwoche Top 20 Independent“-Charts haben so unbekannte Künstler wie Adele, Kool Savas, noch mal Adele, Die Toten Hosen, Tom Waits, Hubert von Goisern, noch mal Adele, Deep Purple, Slash oder Motörhead endlich mal die Gelegenheit, auch in irgendwelchen Charts genannt zu werden, wo sie doch sonst nie nicht in irgendwelchen Charts vorkommen. Nicht zu vergessen die sicher sehr trostreiche CD namens „Die 30 besten Weihnachts- und Winterlieder“, die unmittelbar hinter Slash, Motörhead und dem ebenfalls in Mainstream-Charts noch nie vorgekommenem Noel Gallagher Platz 20 der aktuellen Musikwochen-VUT-Indie-Charts zieren.

Wie sagten die VUT-Funktionäre doch seinerzeit bei der Vorstellung ihrer Indie-Charts? Diese würden „der Vielfalt nützen“ und „der Kultur helfen“. Ah ja.

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Ehrlich: das Schmierentheater um des Bundespräsidenten sein Kredit geht einem schon ein bisserl auf den Keks, oder? Wir sind doch alle keine heurigen Hasen und wissen, wie geschmiert die Politik läuft, und wie sich die Wirtschaft die Politik kauft, also... aber Sie werden sehen, er wird eh zurücktreten. Oder auch nicht. Was letztlich so viel oder so wenig ändert wie die Frage, ob Claudia Roth die Christmette im Allgäu oder im Berliner Dom besuchen wird.

Aber: was mir wirklich gefallen hat, war die Begründung des Unternehmers Egon Geerkens, warum er oder seine Frau dem damaligen Minister- und heutigen Bundespräsidenten 500.000 Euro geliehen hat: „Der Christian mußte sein Leben neu ordnen.“

Klasse, oder?

Also, wenn Sie mal wieder Ihr Leben neu ordnen müssen und dazu eine schlappe halbe Million brauchen, wissen Sie jetzt, an wen Sie sich wenden können. Und Sie wollen in Urlaub fahren? Lassen Sie sich doch, anstatt wie bisher ins Reisebüro Ihrer Wahl zu gehen, vom Bundespräsidialamt die Liste in Frage kommender Reise-Sponsoren schenken. Herr Wulff wird Ihnen gerne behilflich sein. Vielleicht gibt er Ihnen in seiner Weihnachtsansprache bereits einige Tips, wie Sie beim Verreisen Geld sparen können.

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In kleinerer Münze denken Berliner Junglehrer, aber ich finde deren Verhalten noch um einiges degoutanter als das des sein Leben neu ordnenden Mannes im Schloß Bellevue. Viele junge Lehrer wollen nämlich Berlin verlassen, weil sie den Beamtenstatus fordern, den der Berliner Senat für Lehrer aber abgeschafft hat. „Angestellte Junglehrer an etlichen Schulen haben inzwischen sogenannte Freistellungsanträge gestellt, damit sie Berlin verlassen und in andere Bundesländer wechseln können. Denn dort werden sie verbeamtet und verdienen dadurch mindestens 500 Euro netto mehr, weil vom Beamtengehalt keine Sozialabgaben abgehen“, meldet die „Berliner Zeitung“.

Ein Torsten Ulrich von einer „Junglehrer-Initiative“ namens „Verbeamtung jetzt!“ sagt: „Wer da in Berlin bleibt, fühlt sich betrogen“. Mal jenseits der sehr verqueren Logik, und mal jenseits der Tatsache, daß es völlig bescheuert ist, daß heutzutage überhaupt noch Lehrer in irgendwelchen Bundesländern den Beamtenstatus erhalten – der Berliner Senat hatte, um den „Nachteil“ auszugleichen, daß Berliner Junglehrer nicht mehr verbeamtet werden, 2009 sogar beschlossen, daß neu angestellte Lehrer sofort in die höchste (!) Gehaltsstufe aufsteigen. Ein angestellter Gymnasiallehrer erhält knapp 4.300 Euro brutto. Das scheint vielen Junglehrer aber nicht auszureichen, sie wollen, daß sie verbeamtet werden, daß sie also noch mehr netto vom brutto erhalten und die Steuerzahler für ihre Pensionen aufkommen.

Und während immer mehr Arbeitsverhältnisse junger Menschen befristet oder prekär oder ohne Tarifbindung sind, während die Junglehrer an den Schulen mit wesentlich schlechter bezahlten HorterzieherInnen und Vertretungslehrern (die auf Honorarbasis bezahlt werden) zusammenarbeiten, kämpfen sie nicht etwa für gerechtere Bezahlung aller Beschäftigten oder für bessere Arbeitsbedingungen, nein, die Junglehrer kämpfen für mehr Privilegien.

Wenn Sie mich fragen – solchen egoistischen Lehrerinnen und Lehrern, die bei bereits sehr gutem Verdienst nur ihren eigenen Vorteil zulasten der Gesellschaft im Sinn haben, sollte grundsätzlich die Lehrberechtigung entzogen werden. Oder wollen Sie, daß Ihre Kinder von schnöseligen Junglehrern unterrichtet werden, die nur ihren Beamtenstatus im Kopf haben?

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Dazu paßt die Bewertung von Arbeiterkindern durch die Lehrer: Wie eine Studie der Vodafone-Stiftung ergeben hat, haben es Arbeiterkinder an deutschen Schulen schwer. Auch wenn sie gleiche Leistungen bringen wie ihre Mitschüler aus bessergestellten Familien, bekommen sie schlechtere Noten. Kinder aus Akademikerfamilien werden durchweg weniger streng benotet. Ungerecht geht es vor allem beim Übergang auf die weiterführenden Schulen zu. Am Ende der Grundschule entscheiden Lehrer über den weiteren Weg ihrer Schüler. Doch nur zur Hälfte läßt sich die schlechtere Empfehlung des Grundschullehrers nach dieser Studie laut „Berliner Zeitung“ tatsächlich mit der Leistung des Schülers erklären. Ein Viertel werde dagegen durch die Schichtzugehörigkeit beeinflußt, weil Lehrer die soziale Herkunft bei der Benotung mitdenken. Hinzu kommen die höheren Bildungsambitionen der Akademikereltern und finanzielle Schwierigkeiten bei den Eltern.

Der Studie zufolge könnte sich der Anteil von Arbeiterkindern, die ein Gymnasium besuchen, von derzeit 19,2 Prozent auf 28,5 Prozent erhöhen, wenn Lehrer sie bei gleicher Leistung auch gleich benoten würden wie ihre Klassenkameraden aus bessergestellten Familien.

(„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. (...) Niemand darf wegen seiner (...) Herkunft (...) benachteiligt werden.“ Art. 3 des Grundgesetzes. Alle Menschen sind gleich. Nur manche sind hierzulande eben etwas gleicher...)

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„Hey, Tim Bendzko, Clueso, Johannes Strate, Philipp Poisel und wie Ihr ebenso vermurmelten wie uniformen Dreitagebartbübchen mit Euren Lagerfeuer-Schlagern alle heißt: Könnt Ihr Euch nicht vom Goethe-Institut ganz lange irgendwohin schicken lassen, um der Welt etwas über die Schrecken der deutschen Sprache beizubringen?? Beispielsweise könntet Ihr interessierten Nicht-Deutschsprachlern die Wichtigkeit der Vokabel „Irgendwie" für die deutsche Sprache beibringen. Ihr könnt aber auch gerne einen lebenslangen Interrail-Urlaub draus machen.“

Eric Pfeil in seinem ohnehin immer lesenswerten Blog „Das Pop-Tagebuch“

(und: wollen wir Casper nicht gleich mitverschicken per Goethe-Institut oder Interrail? „Lieber gestanden arm sterben, als reich leben auf Knien“ – was ja so ziemlich die realistischste Alternative in diesem Land ist, nicht? Wo alle Reichen bekanntlich auf Knien herumrutschen...)

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Laut „Spiegel Online“ wurden ausgerechnet einige der größten Kämpfer gegen Unrecht und Piraterie, nämlich das amerikanische Ministerium für Heimatschutz (DHS) und der US-Musikverband RIAA, dabei erwischt, urheberrechtlich geschützte Daten mit Hilfe des Tauschprotokolls BitTorrent heruntergeladen zu haben. Auch bei Sony, Universal und Fox wurden Filesharer gefunden.

Sogar im Elysee-Palast des französischen Präsidenten Sarkozy, der das „Hadopi“-Gesetz mit drastischen Strafen für die sogenannte Internet-Piraterie eingeführt hat, haben diesen Daten zufolge etliche Mitarbeiter unerlaubt Daten aus dem Netz gesaugt. Ob Sarkozy auch in eigener Sache sein Hadopi-Gesetz anwendet? Ob der Elysee-Palast überhaupt noch Internet hat?

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Und nu? Weihnachten oder nicht Weihnachten?

Die neu-bürgerliche Antwort auf diese Frage geht so: man ist nicht einverstanden, daß Weihnachten so eine riesige Konsumveranstaltung geworden ist, aber man solle sich doch auf die „wirklichen Werte“ zurückbesinnen, „the real thing“ eben, handgemachte Geschenke, Weihnachtsoratorium in der Kirche, Christmette, selbstgebackenes Zeugs und so – dann sei Weihnachten schon wichtig und richtig.

Sie können es also so denken wie ich: Weihnachten sollte abgeschafft werden!

Sie können aber auch so argumentieren wie die „grüne Gurke“ Claudia Roth: „Wer wie ich im Allgäuer Alpenvorland groß geworden ist, hat Weihnachten im Blut und das Christkind im Herzen! Und das lasse ich mir auch von meinen sogenannten linken Freuden (wahrscheinlich ein Tippfehler und sollte wohl „Freunden“ heißen, BS) nicht nehmen, die zu Nikolaus bloß einen alten linken Stiefel vor die Tür stellen und den Adventskranz als Spießergebilde geißeln.“ Sagte die Grünen-Politikerin diesmal nicht in der „Bunten“, sondern in der „taz“.

Ob Sie nun Lebkuchen im Blut haben oder nicht – machen Sie doch, was Sie wollen!

Wir wünschen Ihnen jedenfalls so oder so eine gute Zeit, viel Glück, schöne Gesundheit und täglich zunehmende Lebensfreude im neuen Jahr! Bei unseren Künstlern, den meisten Veranstaltern, bei unseren Geschäftspartnern und so manchen Medienpartnern (grins) bedanken wir uns für die gute Zusammenarbeit; bei den BesucherInnen unserer Konzerte bedanken wir uns aufs Herzlichste, daß sie da waren – wir wissen das alles sehr zu schätzen, glauben Sie uns!

12.12.2011 - 16:36

Der Mann, der über Wasser gehen kann, als Berater der EU-Kommission zum Thema Internetfreiheit? Man staunt.

Na, daß er Raubkopien anfertigen kann, hat er ja schon bewiesen...

Aber ob das die deutschen Copyright-Cops freuen wird? Und wie verklickert die EU-Kommissarin Hadopi-Sarkozy, daß ein aktenkundiger Urheberrechtsverletzer sich ab sofort in der EU um "Internetfreiheit" kümmern wird?

Fragen über Fragen...

30.11.2011 - 01:00

Tut mir wirklich leid, liebes geschätztes Feuilleton der „Berliner Zeitung“, aber: das interessantere, aufschlußreichere, „investigativere“ Bushido-Interview hat, man höre und staune: die „Bunte“ gemacht.

Wir erinnern uns: letzten Monat unterhielt sich die „Berliner Zeitung“ auf etwa einer halben Seite mit Bushido über ein Album, das die Journalisten noch nicht gehört hatten, weil es keine Vorab-Besprechungsexemplare gegeben hatte. Im November nun, am Tag, als dem frauenfeindlichen und homophoben Rapper („Ihr Tunten werdet vergast“) ein Burda-Bambi dafür verliehen wurde, daß sich Bushido „gegen Gewalt und für ein respektvolles Miteinander einsetzen“ würde, erschien in der Burda-„Bunten“ ein entlarvendes Interview mit Bushido, das den Rapper als das bloßstellt, was er wirklich ist: als einen reaktionären Spießer.

„Meine Mutter wird durchdrehen vor Freude, denn diese Gala sieht sie sich immer im Fernsehen an“, teilte der mit seiner Mutter zusammenlebende 33jährige Bushido mit, als er auf seinen „Bambi Integration“ und die Übertragung der Werbeveranstaltung im Staatsfernsehen angesprochen wurde.

Und wie versteht Bambi Bushido Integration? „Ich war immer schon der Meinung: Wer hier in Deutschland lebt, muß sich assimilieren. Ich wollte nie ein Fremdkörper in Deutschland sein und diese Haltung verlange ich auch von der Familie und den Freunden.“

Aber wurde denn in Bushidos Familie immer nur Deutsch gesprochen, fragt „Bunte“?

„Nein (...) Vormittags ging ich in die deutsche Grundschule und aufs Gymnasium, nachmittags in die Koranschule. Mein Bruder studiert inzwischen hier, der ist ebenfalls topintegriert. Ich finde, daß jeder, der die großen Vorzüge des deutschen Sozialstaates genießen will, sich auch hier einfügen und die Sprache perfekt sprechen muß. (...) Deutschland hat zu lange Rücksicht genommen auf seine ausländischen Gäste und einen Schmusekurs gefahren, der nur Probleme gebracht hat. (...) Auf der Berliner Sonnenallee spricht kein Mensch Deutsch und das Kottbusser Tor heißt nur noch Klein-Istanbul und kein Deutscher traut sich da hin. Das ist doch Wahnsinn! Die Kinder meiner Freunde gehen auf Privatschulen, damit sie ordentlich Deutsch lernen.“

Wer so deutsche Stammtischparolen nachplappern kann, dem attestiert die „Bunte“ prompt: „Längst ist Bushido in der deutschen Gesellschaft komplett integriert“.

Weil sich kein Deutscher zum Kottbusser Tor traut, wohnt Bushido mit seiner Mutter in einem „Berliner Nobelviertel“. „Dort leben nur wenige Ausländer“, stellt die „Bunte“ fest:

„Ja, meine Kumpel und ich sind so ziemlich die einzigen. Seit vier Monaten leben auch meine Freundin und ihr neunjähriger Sohn bei mir im Haus.“

Und wie kam es dazu, daß seine 29jährige Freundin zu ihm zog? Bambi Bushido erweist sich als Mann alter Schule:

„Zuvor mußte ich allerdings erst ihren Papa kennenlernen und ihn offiziell um Erlaubnis fragen.“

Und wie verwöhnt Bushido die Frauen um ihn, also seine Freundin, seine Mutter und die Mutter seiner Freundin? „Neulich waren alle drei Frauen bei uns zu Hause und das war einfach nur schön. (...) Als ich später in der Stadt war, bin ich zufällig an einem Gucci-Laden vorbeigekommen und habe für jede eine Tasche gekauft. Einfach so. Die haben mich alle drei niedergeknutscht.“

Top integriert eben.

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Was dem einen Plappermaul seine „Bunte“, ist dem anderen Plappermäulchen sein „Spiegel“. Eine Thea Dorn („Ihren Künstlernamen hat sie in Anspielung auf den Philosophen Theodor W. Adorno gewählt“, erfahren wir auf Wikipedia, und Adorno ist tot und kann sich nicht wehren...), „Schriftstellerin, Dramaturgin und Fernsehmoderatorin“, hat ein Buch mit dem Titel „Die deutsche Seele“ mitgeschrieben, und der „Spiegel“ hat ihr Raum für Selbstpromotion im Rahmen eines Interviews zur Verfügung gestellt. Weil der „Spiegel“ der „Spiegel“ ist, fragt er: „Seit der NS-Zeit finden die meisten Deutschen es vielleicht unangemessen, über ihre guten Seiten nachzudenken.“

Woraufhin Thea Dorn antwortet:

„Das ist verständlich, und ich selbst bin ja auch in diesem Geist aufgewachsen. Natürlich gab es diese zwölf verbrecherischen Jahre, aber die deutsche Geschichte erschöpft sich nicht darin. Das Wissen um unsere reiche Kultur droht verlorenzugehen. Wir leben in einem Zustand heiterer Gedankenlosigkeit und Ratlosigkeit.“

Sehr schön, dieses „zwölf verbrecherische Jahre“. Natürlich gab es sie. Sie kamen irgendwie über uns – so, wie Frau quasi ihre Tage bekommt, hatte der Deutsche als solcher eben seine „zwölf verbrecherischen Jahre“...

Aber was will man von einer Schriftstellerin erwarten, die von sich als „ich selbst“ spricht, außer heiterer Gedankenlosigkeit (im Wortsinn). Früher hat nicht jeder, der bescheuertes Zeugs plappern kann, gleich ein „Spiegel“-Interview bekommen... Aber vielleicht kann Burda sich ja erbarmen und Thea Dorn nächstes Jahr einen Ehren-Bambi für heitere Ahnungslosigkeit verleihen, Liveübertragung im Staatsfernsehen inbegriffen (Staatsfernsehen ist das, wo ein anderer heiter Ahnungsloser namens Guido Knopp als Historiker rumläuft).

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Nun gut, ich gebe zu: Ich habe mich getäuscht. Ich hatte nicht erwartet, daß der Mann, der über Wasser gehen kann, schon so bald wieder in den hiesigen Medien auftaucht. Ich hatte ihn erst in circa drei Jahren erwartet, auferstanden von den Toten. Nun aber kommt er, der Blödzeitung des deutschen Mittelstands, also der „Zeit“ sei Dank, schon jetzt über uns. Und wie.

Ein Giovanni di Lorenzo, den naive Gemüter immer noch für einen „Journalisten“ halten, macht den bezahlten Stichwortgeber und hat dem Karl-Theodor zu Guttenberg sozusagen sein neues Buch geschrieben. Und weil sie eben alle nur Teil eines Vermarktungsbusiness sind, titeln Blödzeitung (das Original) und „Zeit“ (die Kopie) unisono vom Buch des Karl-Theodor, für das ihn der „Zeit“-Chefredakteur interviewt hat. Und im „Dossier“ der „Zeit“ gibt es, standesgemäß, den mehrseitigen Vorabdruck, und das just kurz nachdem die bairische Staatsanwaltschaft das Strafverfahren gegen Guttenberg gegen die Zahlung einer 20.000 Euro-Spende an eine wohltätige Institution eingestellt hat – läuft alles wie geschmiert, gelt?

Di Lorenzo dackelt und stichwortelt wie ein unterwürfiger Reitbursche, den „Zeit“-Lesern dagegen wird die „Steigbügelhalterei“ (Niggemeier) als ein „Streitgespräch“ verkauft – aber wahrscheinlich hält Di Lorenzo einen Satz wie „In Ihr Gesicht schleicht sich hin und wieder ein harter Zug ein“ schon für Majestätsbeleidigung, ähem, also, für kritischen Journalismus halt.

Interessant auch Guttenbergs „vorerst gescheitert“, das man ja auch anders lesen kann: nämlich so, als ob der Mann, der über Wasser gehen kann, mit seinen Betrügereien nur fürs Erste gescheitert sei, aber fest damit rechne, mit den Betrügereien beim nächsten Mal durchzukommen.

Und so dürfte ein Politiker, von dem keine einzige bedenkenswerte politische Idee, keine einzige politische Tat in Erinnerung geblieben ist, nächstes Jahr wie Bushido den Bambi derer erhalten, die „eine zweite Chance verdient“ haben. Burdas „Bunte“ jubiliert bereits heute auf der Titelseite: „Die Guttenbergs: Sie kommen zurück.“ Noch sind wir nicht verloren.

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Schöne Sätze sprechen auch andere Leute:

„Bei der Leadgenerierung beziehungsweise Fangewinnung verschiebt sich der Anteil deutlich von Paid auf Earned und Owned Media.“

So ein Florian Steps, „Leiter Direct & Digital“ im Marketing von Vodafone Deutschland.

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Und wenn die Sonntagsredner der politischen Parteien und die Tagungen ihrer Stiftungen und all der Tutzinger und sonstigen Akademien mal wieder über die Gründe der Politikverdrossenheit der Bürger reden und rätseln – ich wüßte da ein paar Gründe, warum die Bürger mit ihren Politikern nichts mehr zu tun haben wollen... Zwei davon standen Ende November an zwei aufeinanderfolgenden Tagen auf der Titelseite der „Berliner Zeitung“:

An einem Tag ging es um „Strombonus für Industriekonzerne“„klammheimlich hat die schwarz-gelbe Bundesregierung die Industrie und wenige andere Stromsonderkunden um eine Milliardensumme entlastet und die Kosten den Kleinverbrauchern aufgebürdet“, der Energieexperte des Verbraucherschutzverbandes VZBV spricht von einer „einmaligen Schweinerei, die Industrie massiv zu entlasten und allein die Kleinverbraucher die Zeche zahlen zu lassen“.

Anderntags dann erfahren wir: „Riestern rentiert sich nicht“, jedenfalls nicht für die Sparer – die müßten nach einer DIW-Studie steinalt werden, um von der Anlage zu profitieren. „Die Riester-Rente, benannt nach dem damaligen Arbeitsminister Walter Riester (SPD), wurde 2011 von der damaligen rot-grünen Bundesregierung eingeführt. Die Anlageform steht heftig in der Kritik – auch wegen angeblich enger Kontakte rot-grüner Politiker zu Anbietern der Sparform“, heißt es in der „Berliner Zeitung“. Eine 35-jährige Frau, die 2011 eine Riester-Versicherung abgeschlossen hat, muß 78 Jahre alt werden, damit sie überhaupt nur die eingezahlten Beiträge wieder zurückbekommt. Um auf eine garantierte Rendite von 2,5% zu kommen, müßte sie gar 90 Jahre alt werden. Und wenn die Frau heute einen Riester-Vertrag abschließen würde, müßte sie sogar 110 Jahre alt werden, um eine Rendite von 2,5% zu erzielen.

Rentiert hat sich „Riestern“ dagegen für die Konzerne der Finanz- und Versicherungswirtschaft, für die an der Umstellung beteiligten Wissenschaftler und für viele Politiker. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete und Publizist Albrtecht Müller konstatiert: „Die Zerstörung der gesetzlichen Rente zugunsten einer privaten Altersvorsorge ist ein heutzutage leider typischer Fall von politischer Korruption.“

Die Bürger haben ein recht feines Gespür dafür, wann sie von den Regierenden verarscht werden...

* * *

Und was sagt Jan Delay, einer der kommerziell erfolgreichsten deutschen Popstars, zu Urheberrecht und den „illegalen Downloads“? Das (in Originalgrammatik und -interpunktion):

„Im letzten jahr hat es 800.000 (!) abmahnungsverfahren wg. Illegalen downloads gegeben. Heißt: windige anwälte beschäftigen billiglöhner, die den ganzen tag nix anderes tun als ip-adressen von illegalen saugern aufzuschreiben um diese mit einem bußgeldbescheid von durchschnittlich 1500 euro abzumahnen und mit Gerichtsverfaren zu drohen falls nicht gezahlt wird. Heraus kommt das stolze sümmchen von 1,2 Milliarden (!!), welches unter den anwälten und den plattenfirmen gesplittet wird, die künstler sehen davon nix! Das sind alles miese schweine!! Saugt bitte alle ruhig weiter, und laßt euch nicht erwischen! Kein peer 2 peer!! Und wenn es Künstler gibt, die ihr schätzt und die sich den arsch aufreißen um gute platten zu machen: bitte supported sie!!“ (Quelle: Jan Delays Facebook-Seite)

Mal abgesehen von der auf mehreren Ebenen etwas kruden Argumentation: nach geltendem Verständnis der Musikindustrie dürfte diese Aussage ein Fall für die Copyright-Cops sein. Gorny und Chung, übernehmen Sie!

* * *

„Pop ist tot

Denn böse Menschen kaufen keine Lieder

Sie laden nur darnieder“

(„Die Türen“)

(wirklich tolles kleines Buch zum Albumrelease übrigens)

* * *

Und was tut sich sonst so an der Urheberrechtsfront? Ein paar Ausschnitte der Debatten der letzten paar Wochen:

„Das geltende Urheberrecht schanzt Verlagen Vorteile zu Lasten der Forscher zu. Sie bezahlen fürs Publizieren und müssen die wichtigsten Rechte abtreten“, berichtet die altehrwürdige konservative „FAZ“.

Wie auf „Spiegel Online“ zu lesen war, wollen „US-Copyright-Cops weltweit zugreifen – Websperre, Zahlungsstopp, Beschlagnahmung – neue US-Gesetze sollen die Jagd auf Raubkopierer erleichtern. Die amerikanische Justiz erklärt damit die ganze Welt zu ihrem Hoheitsgebiet: Sie will sogar einen Briten in den USA anklagen, der nach heimischem Recht legal gehandelt hat.“

Und nun kritisiert sogar die EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, Neelie Kroses, das aktuelle Urheberrechtssystem, das „kaum dafür geeignet“ sei, „den rechtlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden“. Es dürfe nicht darum gehen, „bestimmte Geschäftsmodelle festzuschreiben“. Vielmehr müsse „die EU einen intelligenten Rahmen schaffen, der möglichst vielen verschiedenen Geschäftsmodellen zur Blüte verhelfen“ könne. Das Urheberrecht sei „zwar wichtig“, man dürfe sich aber „nicht allein darauf konzentrieren“. Viel wichtiger sei es, „ein System zur Anerkennung und Vergütung kreativer Leistungen zu schaffen, das den Künstler in den Mittelpunkt rückt“, berichtet die „Musikwoche“.

Die "Berliner Zeitung" kommentiert den Beschluß des "Grünen"-Parteitages zum Urheberrecht und die gebetsmühlenhaften Proteste z.B. des Deutschen Kulturrates so: "Die Wirtschaftslobby hatte im Vorfeld kräftig dagegen getrommelt (...) Daß es bei dem ethisch anspruchsvoll formulierten Protest auch um das einträgliche und keineswegs nur kunstförderliche Vermarktungsmonopol der Kulturindustrie ging, wurde von den Lobbyisten huldvoll verschwiegen. (...) Einfach auf seinem Monopol bestehen und ansonsten die Preise erhöhen, ging schon bei der Musikindustrie schief..."

Nur der „Parlamentskorrespondent“ der „taz“, Daniel Bax, hat mal wieder nichts kapiert: Als „Flop des Jahres“ bezeichnet Bax die „Ablehnung des Urheberrechts. Die Musikindustrie darbt, aber es gibt Leute, die behaupten, es ginge auch ohne Urheberrecht. Künstler können so wenig allein von Auftritten leben wie Journalisten vom Internet“. Brillant argumentiert. Fehlt nur noch, daß sich nach Bax auch noch Dax zum Urheberrecht äußert...

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„Rockmusik ist Mißbrauch von Heeresgerät.“ (Friedrich Kittler)

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Deutscher Dreisatz:

„Im Paradies würde ich vor Langeweile sterben.“ (Wolf Biermann im „Zeit“-Interview).

Ich würde in einem Konzert von Wolf Biermann vor Langeweile sterben.

Ist ein Konzert von Wolf Biermann jetzt also das Paradies? Oder das Paradies ein Konzert von Wolf Biermann?

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55.000.000.000 Euro.

Fünfundfünfzig Milliarden.

55 Milliarden Euro hat die Bundesregierung mal eben so „übersehen“. Bei der „Bad Bank“ der früheren Hypo Real Estate hat es Fehlbuchungen in dieser Höhe gegeben, beim Handel mit den riskanten Derivaten wurde versäumt, Forderungen (sprich Guthaben) mit den Schulden zu verrechnen. Der größte Buchungsfehler der Wirtschaftsgeschichte ist höchst peinlich für die Bundesregierung. Wie kann es sein, daß sich der Staat um 55 Milliarden Euro verrechnet, und es niemandem auffällt?

Der gesamte Bundeshaushalt beträgt 2012 etwas mehr als 300 Milliarden Euro – mehr als ein Sechstel des ganzen Bundeshaushalts also wird mal eben vom Finanzministerium „übersehen“?

55.000.000.000 Euro übersehen?

Ein Tausendstel dieser Summe sind immer noch 50 Millionen! Ein Hunderttausendstel dieser Summe sind immer noch 500.000 Euro. Und selbst ein Zehnmillionstel dieser Summe wäre mir auf meinem Betriebskonto aufgefallen...

Und während in jeder Firma jeder Buchhalter und Controller, der ein Millionstel dieser Summe übersehen hätte, ernste Konsequenzen zu befürchten hätte, geschieht bei der Bundesregierung natürlich nichts.

55.000.000.000.

Solchen Leuten traut man doch sofort die wirtschaftliche „Rettung“ Europas zu, oder?

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Nun gut, plötzlich entschuldigen sich alle Politiker bei den Türken für die Morde der jahrelang unbehelligt und quasi unter Verfassungsschutz-Aufsicht durch die Lande ziehenden Nazi-Terroristen: der Bundestag. Der Bundespräsident. Der SPD-Vorsitzende Gabriel. Die Medien, die über ein Jahrzehnt lang von „Döner-Morden“ geredet haben und über mutmaßliche Drahtzieher bei unseren „ausländischen Mitbürgern“.

Das tönte jahrelang ganz anders. Der SPD-Innenminister Schily etwa hatte einen Tag nach dem Kölner „Nagelbombenattentat“ die Erklärung parat, nichts deute auf einen terroristischen oder Neonazi-Hintergrund der Tat hin, eher handele es sich um eine Tat „im kriminellen Milieu“. Und der „schlimmste Nadelstreifenrassist der deutschen Nachkriegsgeschichte“ (Mely Kiyak) Sarrazin ist immer noch Mitglied der Partei Gabriels und Schilys und hat ein Buch veröffentlicht, das in der sogenannten Mitte der Gesellschaft millionenfach verbreitet wurde und eines der erfolgreichsten Sachbücher aller Zeiten hierzulande wurde.

Rassismus aus und in der Mitte der Gesellschaft eben. Wer nur mit dem Zeigefinger auf Behörden und Verfassungsschutz zeigt, macht es sich zu einfach. Leider.

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Wie darf man den Kauf der EMI durch Universal Music und Sony denn nun werten? O.k., die Banker der Citigroup wollten sich nicht mehr langfristig im Musikgeschäft engagieren und haben EMI Music abgestoßen, nachdem der Konzern bereits 1979 vom Mischkonzern Thorn Electrical gekauft und auf einen „konservativ-profitorientierten Kurs getrimmt“ (Jens Balzer) und nach dem Börsengang 1996 im Jahr 2007 vom Private Equity-Investor Guy Hands übernommen wurde. Und der russische Oligarch Len Blavatnik, der im März 2011 bereits Warner Music gekauft hatte, wurde vom Vivendi-Konzern (dem Universal Music gehört) überraschend überboten.

Also, damit wir das mal klarkriegen: Bei den Tonträgerfirmen verfügt Universal Music weltweit über 28,7% Marktanteile, hinzu kommen 10,2% der gerade erworbenen EMI Music – bedeutet also 38,9% Weltmarktanteile in der Hand eines Konzerns, der Vivendi. Sony Music hat weitere 23% Marktanteile, Warner Music (im Besitz des russischen Multimilliardärs) 14,9%. Insgesamt verfügen nun also nur noch drei statt vier multinationale Konzerne über knapp 77% der Weltmarktanteile des Tonträgergeschäfts.

Bei den Musikverlagen sieht es ähnlich aus: dort verfügen Sony/ATV über 12,5% der Weltmarktanteile, die an Rechten reiche EMI Music Publishing über 19,7%, zusammen sind sie nun mit 32,2% der Weltmarktführer unter den Musikverlagen. Universal Music Publishing hält 22,6% Weltmarktanteile, Warner/Chappell 13,9%. Die drei multinationalen Konglomerate verfügen über 68,7% der Weltmarktanteile an Musikverlagen.

An der Sony-Bietergruppe für EMI Music Publishing soll unter anderem der amerikanische Finanzinvestor Blackstone beteiligt sein. Blackstone wurde nach dem Kauf von 31.000 Wohnungen von der öffentlichen Hand 2004 scharf kritisiert (der damalige SPD-Vorsitzende Müntefering verwendete 2005 den unglücklichen Begriff „Heuschrecken“ für die Finanzinvestoren); Blackstone gehört u.a. die Hilton-Hotelkette und hält Beteiligungen u.a. an der Deutschen Telekom; der Vorstandschef der Firma, Schwarzman, wurde in der Debatte um astronomische Managergehälter an vorderster Stelle genannt (im Jahr 2006 erhielt Schwarzman z.B. 398,3 Millionen Dollar, in 2008 waren es 702 Millionen Dollar - und derartige Fantasiegehälter erhält SChwarzman nicht dafür, daß er Kultur betreibt, sondern dafür, daß er seiner Firma noch höhere Profite beschert). Die China Investment Corporation hält übrigens 9,3% der Anteile von Blackstone.

Dem Konsortium, das unter Führung von Sony/ATV die EMI Music Publishing kaufte, gehören neben Blackstone auch der amerikanische Musik- und Kinomogul David Geffen sowie die in Abu Dhabi ansässige Mubadala Investmentbank an.

Joost Smiers schrieb 2007 in einem vielbeachteten Artikel in der „SZ“, der heute nur in der Frage „aus vier mach drei“ aktualisiert werden muß:

„Vier Musik-Konglomerate beherrschen achtzig Prozent der Musik weltweit; eine Handvoll Film- und Verlagskonsortien teilen sich den Kulturmarkt und sind auch noch untereinander stark vernetzt. (…) Die Demokratie und das menschliche Recht auf Kommunikationsfreiheit und auf Teilhabe am kulturellen Leben sind in Gefahr.“

(Der VUT-Funktionär Mark Chung dagegen hat seine eigene Sicht der Dinge, er schreibt:

„Die Musikwirtschaft ist schon seit Jahren überwiegend „independent“ geprägt.“ Und „...weit mehr als 60% aller Unternehmensumsätze der Musikwirtschaft werden von kleinen, mittleren und Kleinstunternehmen erzielt...“ Aha.)

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Meinen Artikel "Die Leistungsschutzgelderpresser" (Konkret 11/2011) können Sie übrigens jetzt auch direkt hier auf unserer neuen Homepage lesen.

Der Artikel und der "offene Brief" des VUT-Funktionärs Chung war einigen Zeitschriften und Zeitungen Anlaß für Berichterstattung zum Thema - die "Musikwoche" etwa brachte gleich auf zehn Sonderseiten den Chung-Text, der "Freitag" berichtete, und in der "taz" pumpte sich René Martens auf. Wenn Sie nun aber gedacht hätten, auch nur eine der Publikationen hätte auch nur einen Satz mit mir gesprochen - Pustekuchen. "Recherche" ist für den heutigen "Anything goes"-Journalismus eben ein Fremdwort.

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Wollen Sie einen weiteren Grund wissen, warum China derzeit so ungleich erfolgreicher im Weltgeschehen agiert als der Westen? Unter anderem deswegen, weil, weil die chinesische Regierung laut „SZ“ den Antrag des „Bundesverbandes der Deutschen Schausteller“ abgelehnt hat, auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu Beijing Glühwein auszuschenken...

Sie machen dort halt nicht jeden Scheiß mit, sozusagen. (Medien, obacht! bitte unbedingt sofort über die chinesische Menschenrechtsverletzung berichten, daß dort kein Glühwein usw. usf.)

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Eine der ekelerregendsten Publikationen hierzulande ist die in der Regel etwa der „Zeit“ oder der „FAZ“ beiliegende Zeitschrift der evangelischen Kirche namens „Chrismon“. Deren Chefredakteur Arnd Brummer, der unübertroffene Horst Tomayer hat es unlängst in seinem „ehrlichen Tagebuch“ aufgedeckt, schreibt in dieser Zeitschrift Halbsätze wie diese:

„Der Tag, an dem ich beschloß, dem Evangelischen in mir Raum zu geben“, oder „Ratzinger hatte mich so erzürnt, daß ich meiner evangelischen Frau sagte: „Ab morgen zahle ich meine Kirchensteuer bei deinen Leuten.““ (und was macht Brummer, wenn ihn dann die Ex-Bischöfin Käßmann erzürnt? Ach, ich vergaß, die ist Herausgeberin dieser Postille, zusammen u.a. mit der Grünen-Bundestagsabgeordneten Göring-Eckardt...).

Brummer jedoch hat auch ein Buch geschrieben, „Unter Ketzern – Warum ich evangelisch bin“, für das der Verlag so wirbt:

„Arndt Brummer (...) erzählt die Geschichte seiner Suche nach einer kirchlichen Heimat. (...) Eine Predigt des damaligen Kurienkardinals Joseph Ratzinger, heute Papst Benedikt XVI., erzürnt den jungen Intellektuellen so sehr, daß er aufbricht, um unter den Ketzern heimisch zu werden. Heimat ist, wo Fragen, Diskutieren, ja Zweifeln erlaubt sind. Ein leidenschaftliches Plädoyer für die evangelische Kirche.“

Gelt, das glauben Sie mir jetzt nicht? Aber es steht so da, der Beweis liegt vor und ist archiviert. So sind manche Zeitgenossen – regen sich über Ratzingern auf und werden vor lauter Erzürnis evangelisch...

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Und aus unserer kleinen Reihe unverlangter Künstlerangebote:

„Wir möchten Ihnen ein stilvolles Adventskonzert mit Gänsehaut-Garantie für Ihre weihnachtlichen Firmenfeierlichkeiten anbieten. (...) Die Berliner Klassik-Pop-Formation Songs Of Lemuria: Songs Of Lemuria bauen Brücken zwischen Klassik und Moderne, zwischen der Melancholie des Chanson und der glitzernden Euphorie der goldenen Zwanziger.“

Goldene Zwanziger – wir erinnern uns, das war die Zeit vor den zwölf verbrecherischen Jahren... Und Brücken bauen ist auch immer gut, so gewinnt man manch einen Bambi.

„Das Set können wir natürlich mit Ihren Wünschen abstimmen“, flöten die Klassik-Pop-Brückenbauer, schlagen aber schon mal, quasi sicherheitshalber, „ein mögliches Set“ selber vor: „Nach einer freundlichen Begrüßung folgen zunächst einige weihnachtliche Instrumentalwerke. Nach einigen Weihnachtssongs (mit Cello und Klavierbegleitung) würde schließlich auch Nik Page gesanglich hinzu stoßen.“

„Gesanglich hinzu stoßen“ – toll!

„Nach ein paar zur Advents-Stimmung passenden Pop-Klassikern...“

- welche da wohl gemeint sind? Ave Maria? nein: „Hunting high and low“ (a-ha“), „I was born to love you“ (Queen), „Stairway to Heaven“ (Led Zeppelin) oder „Judas“ (Depeche Mode) – glauben Sie jetzt nicht? Ich schwöre, das steht so da! -

„...würden die Musiker schließlich als Finale STILLE NACHT in kompletter Bandbesetzung (Cello + Piano + weibl. & männl. Gesang) unter Einbeziehung des Publikums darbieten.“

Ich weiß nicht, liebe Leserinnen und Leser dieses kleinen Rundbriefs, wie die Weihnachtsfeiern Ihrer Firmen aussehen. Und wie Sie sich „tief in Ihnen“ eigentlich eine Weihnachtsfeier vorstellen und wünschen. Ich kann nur sagen – meinen Vorstellungen kommt dieses Programm schon ziemlich nahe. Wir bauen auch gerne Brücken zwischen Klassik und Moderne, die  Weihnachtsfeiern dieser Firma bestehen seit jeher aus gemeinschaftlich begangener  Hausmusik, gerne stimmen wir fröhliche und melancholische Weihnachtslieder an, und zum gemeinsamen finalen „Stille Nacht“-Singen fassen wir uns an den Händen und tanzen langsam um den Adventskranz in unserem Büro. So ist das seit jeher.

Und warum wir das Angebot, die „Songs Of Lemuria“ für unsere Firmenweihnachtsfeier zu buchen, dennoch nicht angenommen haben? Ganz einfach: Wir finden Weihnachtslieder wie „Stairway to heaven“ oder ein zärtlich gehauchtes Depeche Modse-„Judas“ einfach der vorweihnachtlichen Stimmung nicht ganz angemessen. Zu sehr „ordinary world“ (Duran Duran) sozusagen. Da singen wir dann doch lieber selber...

Ansonsten und deswegen: wir sehen uns bei den „Feliz Navidad – The Return of the Mexican Santa“-Weihnachtsparties von El Vez, den Memphis Mariachis und den Lovely Elvettes.

Da geht’s kräftig zur Sache, versprochen! Mexmas, Glühwein & Rock’n’Roll!

In diesem Sinne herzliche adventliche Grüße – und seien Sie vorsichtig, wenn Sie wieder mal zürnen, ja? Man gerät offenbar leichter in die evangelische Kirche, als einem lieb ist...

20.11.2011 - 17:43

„Die Gleichheit neu denken.“ Besuch beim Kulturforum der SPD.

Das „Kulturforum der Sozialdemokratie“ hat in der Reihe „philosophy meets politics“ eingeladen zu einer Veranstaltung namens „Die Gleichheit neu denken. mit Wang Hui und Sigmar Gabriel“.

Einer der wichtigsten zeitgenössischen chinesischen Denker also trifft auf den Parteivorsitzenden der SPD. Interessant.

Das Signet der SPD-Reihe „philosophy meets politics“ lädt zu zahlreichen Assoziationen ein: ein „alter Grieche“, es ist wohl Sokrates gemeint, ist neben dem Bundesadler zu sehen – das Symbol, das Sozialdemokraten oder ihrer Werbeagentur einfällt, wenn sie den Begriff „Politik“ auf den Punkt bringen wollen. Ungewollter Nebeneffekt: da steht jetzt gleich der Bundesadler als Symbol derer, die in Europa und in Europas Wirtschaft Deutungshoheit und Entscheidungsmacht haben, neben dem Symbol des Landes, dessen Demokratie sie gerade in die Knie zwingen, das Symbol des Landes, deren Kanzlerin gerade den Griechen beigebracht hat, daß sie sich eine Volksabstimmung über die EU-Knebelbedingungen gefälligst abzuschminken haben, neben dem Symbol des Opferlandes – „Gleichheit neu denken“ eben...

Öffentlich ist diese Veranstaltung nicht, sondern nur für Eingeladene und für Pressevertreter – man benötigt Einladung oder Presseausweis. Mit normalen, einfachen BürgerInnen hat die ehemalige Volkspartei wohl ein Problem.

Vor Beginn der Veranstaltung kommt Beruhigungsklassik vom Band, so, wie sich Verkehrsminister Ramsauer das vorstellt oder wie am Hamburger Hauptbahnhof die Drogenszene beschallt wird.

Dann ertönt ein Signal in der Halle des SPD-Hauses in Berlin, wie auf dem Pausenhof einer Schule. Auftritt Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin mit einer „Einführung“. Ich will an dieser Stelle nicht auf die Inhalte der Redner eingehen, nur die Stimmung beschreiben, daher kein Wort zu der eitlen Selbstdarstellung des SPD-Politikers und zum Vortrag Prof. Dr. Wang Huis.

Den Vortrag Wang Huis kann man im Netz downloaden.

Auf Youtube ist ein interessanter Ausschnitt seiner fundamentalen Kritik der Demokratie zu sehen:

 

An Sigmar Gabriels Vortrag fällt auf: zunächst geht Gabriel in freier Rede auf Wangs Vortrag ein und gibt dem chinesischen Gast auf vielen Ebenen Recht. Ja, es gebe im Westen, speziell in Deutschland eine „gespaltene Gesellschaft“, die Politik habe den Kontakt zu großen Teilen der Bevölkerung verloren, man fühle sich den Finanzmärkten ausgeliefert und von der Politik nicht mehr vertreten. Doch was der Vorsitzende der SPD dann konkret vorzuschlagen hat, ist intellektuell erbärmlich, ergeht sich in banalen Politikerforderungen (klar will die SPD ein Mindestlohn und mehr Volksabstimmungen...) und belegt eine komplette Hilflosigkeit, wie man auf eine im Grunde korrekte Analyse der Situation politisch antworten könnte. Da wird dann von Sozialpartnerschaft gefaselt, da wird der mittlerweile in der Bandbreite von Sarah Wagenknecht bis hin zum Feuilleton der FAZ in der ganzen Gesellschaft angekommene banale Satz „die Gewinne werden privatisiert, die Verluste werden vergesellschaftet“ noch einmal zum Besten gegeben. Aber es fehlt sowohl eine Auseinandersetzung mit den Thesen von Wang Hui, als auch ein politischer Weg, wie man die beklagte Situation ändern könnte. „Sinn dieser von Julian Nida-Rümelin begründeten Veranstaltungsreihe ist es, der praktischen Politik Impulse aus der politischen Philosophie zu geben“, heißt es im Einladungstext. Nie war der Sinn einer Veranstaltung derart verfehlt worden...

Obwohl: in der kurzen Pause, bei Schnittchen und Kaffee (jeweils 1,50 €), hört man an vielen Tischen Klagen über das schwache Niveau von Gabriels Rede; aber auch: „Sie hätten letztes Mal bei Habermas und Steinmeier dabei sein müssen, das war noch viel schlimmer...“ Aha. Scheint ein systemisches Problem zu sein.

Nach der Pause gibt es dann eine Podiumsdiskussion – der Parteivorsitzende, dem die politische Philosophie doch „Impulse“ geben sollte, ist längst verschwunden, er hatte wohl wichtigere Termine – unter der Moderation von Wolfgang Thierse (der u.a. kritisiert, „in der DDR hat die Demokratie nicht der Wirtschaft gedient“) diskutieren Wang Hui und Thomas Meyer, und schließlich bleiben 20 Minuten übrig fürs Publikum – aber nicht etwa für Diskussionsbeiträge, nein, „für präzise und kurze Fragen“, denn das ist alles, was die SPD-Funktionäre wollen: daß die Menschen sie „präzise und kurz fragen“... und natürlich ist der erste Fragesteller abgekartet, nämlich SPD-Julian Nida-Rümelin.

Demokratie, das zeigt sich an der Konstruktion dieser Veranstaltung, ist „die da oben, wir hier unten“, wie Sigmar Gabriel es im Voraus auf den Punkt gebracht hat, ohne es zu wollen. An Teilhabe, an Auseinandersetzung haben die Realpolitiker der SPD kein Interesse. Ihre Veranstaltungen sind autoreferentielle Selbstvergewisserungen und dienen der medialen Selbstdarstellung.

Zu so etwas wird man nicht wieder hingehen wollen...

01.11.2011 - 18:24

Eine tolle Lektüre ist die Antwort der Bundesregierung auf eine Große Anfrage der SPD-Fraktion zum Thema „Musikförderung durch den Bund“ (kann man kostenlos beim Deutschen Bundestag downloaden). Endlich wissen wir, was offizieller Staatspop ist, der von der Politik gefördert wird. Vereinfacht gesagt: das Spektrum reicht von Tokio Hotel bis zu den Toten Hosen.

Ein Auftritt von Tokio Hotel in Tokyo beispielsweise wurde im Rahmen der „direkten Projektförderung des Auswärtigen Amtes“ im Dezember 2010 mit 25.738 Euro bezuschußt. Begründung: Das Auswärtige Amt fördert „in Einzelfällen auch Kunstprojekte direkt, wenn außenpolitische Erwägungen und auch das Projektvolumen dafür sprechen“. Tokio Hotel, die Band, die weltweit über sechs Millionen Alben verkauft hat und als kommerziell erfolgreich gelten darf, als „Kunstprojekt“, das aus „außenpolitischen Erwägungen“ mal eben für einen Auftritt vom Staat 25.738 Euro nachgeworfen bekommt – toll!

Auch kommerziell einigermaßen erfolgreich ist die Schlagerband namens „Tote Hosen“, die so um die 22 Millionen Tonträger verkauft hat. In den Augen des Auswärtigen Amtes muß der Band, die aus irgendwelchen Gründen mitunter als „Punkband“ gilt, aber unter die Arme gegriffen werden – aus „außenpolitischen Erwägungen“ eben: Die „Toten Hosen“ haben jedenfalls im vergangenen Jahr für zwei Auftritte im usbekischen Taschkent und im kasachischen Almaty insgesamt 68.793 Euro Staatsförderung erhalten – war das nun eher „Opium fürs Volk“, „Auswärtsspiel“, „Zurück zum Glück“ oder „In aller Stille“? So nämlich heißen Alben der Düsseldorfer Schlagerrockband. So klingt Staatspop.

Doch nicht nur irgendwelche dumpfen Mainstreambands werden vom Staat subventioniert. Unter der Rubrik „Förderung der (professionellen) populären Musik“ etwa hat der Bundesverband Musikindustrie, die allseits bekannte und beliebte Lobbyorganisation, 75.000 Euro als „Anschubfinanzierung“ für den von ihr veranstalteten Jazz-Echo erhalten. Delikat – die oberste Musiklobby-Organisation des Landes erhält Staatszuschüsse zur Finanzierung ihrer Promo-Veranstaltung.

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Was ich mich frage: Ob die Lobbyisten vom Bundesverband der Musikindustrie, die ahnungslosen Nachplapperer und Renegaten vom sogenannten Verband unabhängiger Musikunternehmen und ihr gemeinsamer Jünger und Apostel, der heilige Manfred von Berg am Laim, heute das Feuilleton der „FAZ“ gelesen haben? Klar, dahinter würde ja eigentlich ein kluger Kopf stecken, also... aber könnte ja sein, daß die Copyright-Fans nicht immer nur auf die Märchen reinfallen wollen, die ihnen ein CDU-Hinterbänkler auftischt (wir berichteten).

Als Aufmacher des FAZ-Wochenendfeuilletons jedenfalls erklärte der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Peter Altmaier, in der für diese Zeitung manchmal typischen Bieder- und Altväterlichkeit, was ihm und uns das Internet heutzutage bedeutet. Und schreibt den Cheflobbyisten eines strikten Hadopi-Copyrights a la Sarkozy oder Berlusconi ein paar wohlfeile (und mitunter drollige) Selbstverständlichkeiten ins Stammbuch:

„Der Zugang zum Internet ist so wichtig wie der zu Wasser und Nahrung.“

„Die politische Freiheit und Gleichheit der Bürger realisiert sich im Netz zum ersten Mal in Permanenz: Die neu entstehenden Strukturen eröffnen die Möglichkeit jederzeitiger und umfassender politischer Einflußnahme und Gestaltung.“

„Die Integrität dieses Netzes und der Zugang zu ihm sind zu Rechtsgütern von höchstem Wert geworden. Der Anschluß ans Internet ist heutzutage wesentlich wichtiger als der Anschluß ans Telefon-, Strom- oder Fernsehnetz, von größerer Bedeutung als PKW, öffentlicher Nahverkehr oder Waschmaschine. Aus meiner Sicht hat er eine Bedeutung, die derjenigen des Zugangs zu Wasser und Grundnahrungsmitteln sehr nahe kommt. Die Schwelle für Eingriffe in dieses Rechtsgut liegt daher heute sehr viel höher, als dies vor drei, fünf oder zehn Jahren der Fall gewesen ist. Ein Vorschlag, bei wiederholten Verletzungen des Urheberrechts den Netzzugang zu sperren, wäre vor zehn Jahren vielleicht noch diskussionswürdig gewesen: Aus heutiger Sicht ist er schlicht unverhältnismäßig.“

„Siegfried Kauder hat Internetsperren angekündigt für User, die wiederholt das Urheberrecht verletzen. Alles, was unsere Politiker über Jahre aufgebaut haben, ist gefährdet. Kurz entschlossen tweete ich: „Kauder-Strikes geht gar nicht: Wer Bücher klaut, ist kriminell, aber man nimmt ihm nicht die Lesebrille weg.““

„Das Aufkommen der Piratenpartei zum jetzigen Zeitpunkt wirkt wie ein Fanal. Man spürt, daß eine Entwicklung in Gang kommt, wie es sie in der stabilen deutschen Nachkriegsdemokratie nur alle zwanzig bis dreißig Jahre gegeben hat. (...) Die Piraten sind junge Leute voller Ideale, die die Welt zum Besseren verändern wollen...“

Also sprach der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Schon bitter, wenn sich die Cheflobbyisten der deutschen Musikindustrie, Gorny und Chung, ausgerechnet von einem CDU-Politiker attestieren lassen müssen, daß sie ungefähr zehn Jahre hinter der Entwicklung herhinken...

Was ich an den Ideologen und Polemikern des Hardcore-Copyrights nie verstanden habe: Lobbyismus versucht doch gemeinhin, die Politik in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Wenn man aber so eisern wie blind an einer ewiggestrigen Position festhält und mit ideologischem Eifer und dumpfester Polemik für sie kämpft, ist man doch eigentlich als Lobbyist nicht zu gebrauchen. In welcher politischen Konstellation wollen BVMI, VUT und ihr embedded journalism denn ein verschärftes Urheberrecht und grundgesetzwidrigen Internet-Entzug nach Sarkozy-Vorbild hierzulande umsetzen? Mit FDP und Grünen dürfte das nicht zu machen sein, selbst mit der SPD nicht. Und nun hat sogar die CDU das Internet begriffen. Vielleicht wären die Verbände gut beraten, das umzusetzen, was hinter vorgehaltener Hand etliche Mitglieder und Funktionäre in den Verbänden schon lange fordern – man verschiebe die gescheiterten Topfunktionäre aufs Abstellgleis (wo sie gesellschaftlich ohnedies schon lange vor sich hin kau(d)ern...) und wähle sich offene, moderne neue Vertreter, die die Musikindustrie tatsächlich erneuern könnten und als Gesprächspartner für die Politik endlich wieder ernstgenommen werden würden.

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Was haben Medien und Bevölkerung sich vor ein paar Jahren über die US-amerikanischen Wahlen, speziell im Bundesstaat Florida, lustig gemacht und von afrikanischen Verhältnissen gelästert. Si tacuisses...

Im September 2011 hat das Land Berlin versucht, eine Wahl durchzuführen. Bereits im Vorfeld gab es Probleme – wer Briefwahlunterlagen beantragt hatte, der hatte nicht selten Probleme, seine Unterlagen rechtzeitig zu erhalten – der Autor dieser Zeilen etwa wollte rechtzeitig vor seinem Urlaub zur Briefwahl schreiten, doch die Unterlagen kamen nicht – sie wurden vom damals noch rot-roten Senat (zur Erinnerung: das sind die beiden Parteien, die in ihren Programmen Mindestlöhne fordern...) per privatem Briefdienst zugestellt und kamen entsprechend häufig nicht an – ein Anruf beim Wahlbüro Mitte ergab, daß dies beileibe kein Einzelfall war, sondern daß es etliche Beschwerden gab – mal wurden die Wahlunterlagen gar nicht zugestellt, dann kamen sie als „unzustellbar“ ans Wahlamt zurück, obwohl die Adresse korrekt war – Probleme über Probleme (zur Erinnerung: die PIN AG gehört der Verlagsgruppe Holtzbrinck; die im vergleich zur Deutschen Post günstigeren Portopreise wurden in der Vergangenheit laut ver.di durch zu niedrige Einkommen der Zusteller erkauft, die teilweise unter dem Existenzminimum lagen, viele Mitarbeiter waren zur Aufstockung auf das staatliche Arbeitslosengeld II angewiesen; außerdem wurden Betriebsräte nicht anerkannt und nicht zugelassen, und die PIN Group versuchte, rechtmäßige Streikaktivitäten per Gerichtsbeschluß zu unterbinden...). Mir sind einige andere Berliner BürgerInnen bekannt, deren Wahlunterlagen nicht oder nicht rechtzeitig eintrafen und die daher an den Wahlen gar nicht teilnehmen konnten.

Doch erst mit der Wahl selbst begann etwas, das die Berliner Zeitung als „Auszählungsdebakel“ beschrieb. In den Tagen nach der Wahl „waren Wahlpannen bekannt geworden die man eher aus Ländern mit weniger Demokratieerfahrung kennt. Briefwahlunterlagen waren im Müll gelandet, es gab Auszählungsfehler, Ergebnisse wurden anderen Parteien zugeschlagen – mit weitreichenden Folgen. Zweimal änderte sich nach Feststellung des amtlichen Endergebnisses die Sitzverteilung im Abgeordnetenhaus.“ Zustände wie in einer Bananenrepublik also.

In einzelnen Wahlbezirken wurde ganz offenbar falsch ausgezählt, es gab mehrere Anträge darauf, wegen „Unstimmigkeiten“ diese Wahlkreise nochmals auszuzählen – was laut Landeswahlleiterin nicht möglich sei. In einem anderen Stimmbezirk waren mehr Stimmen abgegeben worden als überhaupt Wähler erschienen waren. Außerdem waren laut eines SPD-Vertreters „300 Briefwahlunterlagen nicht angekommen“, was niemandem aufgefallen sei. „Könne es nicht sein, daß irgendwo in einem Mülleimer weitere 400 Briefwahlunterlagen liegen, die nie vermißt wurden, aber mandatsentscheidend gewesen wären. Die Frage war nicht abschließend zu klären: Auch die anwesenden Bezirkswahlleiter konnten das nicht ausschließen,“ so die „Berliner Zeitung“. Am Ende haben von den fünf anwesenden Beisitzern des Berliner Landeswahlausschusses nur zwei (CDU und Grüne), also die Minderheit, dem fehlerbehafteten Endergebnis der Wahl zugestimmt – drei Beisitzer (2 SPD, 1 Linke) enthielten sich, der Beisitzer der FDP war nicht erschienen. Das Endergebnis der Wahl ist damit amtlich...

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Als Gewinner der Berliner Wahl gilt in der Öffentlichkeit Bürgermeister Klaus Wowereit von der SPD, der Partei, die nach dem Verlust von 2,5% bei nur noch 28,3% liegt. Sowas reicht, um von der „roten Gurke“, Frau Nahles (das ist die Frau, die vor Jahren eine halbe Stunde lang mal als intellektuelles linkes Aushängeschild der SPD galt...), zum Kanzlerkandidaten ausgerufen zu werden. Ein Politiker neuen Typs eben, dieser Klaus Wowereit, ein Politiker, der in paar Jahrzehnten Politkarriere noch keine erinnerungswürdige politische Idee geäußert hat. Ein Politiker, der für alles und damit eben für nichts steht. Und der jetzt in einer Stadt, in der weniger als ein Viertel der stimmabgebenden Wähler CDU und FDP gewählt haben, die Konservativen in die Regierung holt.

In seiner Autobiographie (denn merke: wer nichts zu sagen hat, schreibt heutzutage seine Autobiographie – Philip Lahm, Eva Padberg, Klaus Wowereit und wie sie alle heißen, wegen denen unschuldige Wälder sterben müssen) unter dem Titel „...und das ist auch gut so“ äußerte sich Wowereit über die letzte Große Koalition in Berlin:

„Es war eine verheerende Phase, für die Hauptstadt und für die Berliner Sozialdemokratie... Die ganze Stadt funktionierte nach diesem Prinzip des aufgeregten Stillstands, die IHK, die Sportverbände, die Kulturszene, die Wohlfahrt. Überall sorgte der Proprz der beiden Parteien für Lähmung.“

Smarte Idee Wowereits, das, was er eine „verheerende Phase“ und „Lähmung“ nennt, nun ohne Not wieder als Koalition für Berlin einzugehen.

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Wie hört sich das an, wenn ein deutscher Musikvideoanbieter im Jahr 2011 Mitarbeiter sucht? So: Du hast „Eier in der Hose“? media sales manager @ tape.media (m(w) Du kannst verkaufen? Du hast keine Angst vor großen Zahlen? Du hast ein großes Maul? Du erzählst gerne Geschichten? Du tanzt gern auf allen Hochzeiten? Du findest Dich geil? Du willst fame, fun, cash? Für Dich ist Musik ein Grundnahrungsmittel? Du bist außerdem noch „trinkfest“ und hast vor allen Dingen eines: Eier! Bewirb Dich jetzt!“ (Hervorhebungen im Original)

Gewissermaßen ein schöner neuer Klappentext zu Alain Ehrenbergs „Das erschöpfte Selbst“. Die allgegenwärtige Erwartung „eigenverantwortlicher Selbstverwirklichung. Damit hat das Projekt der Moderne, die Befreiung des Subjekts aus überkommenen Bindungen und Traditionen, eine paradoxe Verkehrung erfahren. War die Neurose die pathologische Signatur eines repressiven Kapitalismus, so ist die Depression die Kehrseite einer kapitalistischen Gesellschaft, die das authentische Selbst zur Produktivkraft macht und es bis zur Erschöpfung fordert.“

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Amazon schlägt mir auf Platz 71 meiner „Empfehlungsliste“ das Soloalbum von Thees Uhlmann vor, „weil Sie Mashup – Lob der Kopie (edition suhrkamp) in ihren Einkaufswagen gelegt haben“.

Wo ist hier der „I like it!“-Button?!?

(unvergessen und abgeheftet übrigens, wie Thees Uhlmann, betrunken, es mir bei einem Festival auf dem Salzburgring schriftlich gegeben hat, daß ich von Musik keine Ahnung habe...)

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„Geheimkonzert von Ich + Ich: Du kannst dabei sein!“, schlagzeilt es ganzseitig aus „Prinz“. Muß ein sehr geheimes Konzert sein, wenn es zwei Monate im Voraus ganzseitig in einer Zeitschrift angepriesen wird...

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Äpfel und Birnen kann man doch vergleichen. Denn so geht bürgerliche Presse: „Vom Kaffeetrinker zum Berliner Start-Up-Millionär“ heißt es auf der Titelseite der „Berliner Zeitung“. Vom Konzertveranstalter zum Grüner Tee-Trinker. Was Berlin eben an Karrieren bereithält.

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Die hiesigen Klassik-Tonträgerfirmen sind regelmäßig nicht mehr ganz bei Trost.

Jüngstes Beispiel: Seit 2006 hat das unbedingt verehrungswürdige und geniale Artemis Quartett sämtliche Beethoven-Streichquartette auf CD eingespielt – und es sind einige der besten Klassik-CDs überhaupt entstanden, und die Konzerte mit den Beethoven-Quartetten waren schlicht glücklich machend.

Doch „paradise doesn’t come without mistakes“: Mit den Quartetten op. 18/3, 18/5 und 135 betrachtet das Artemis Quartett bzw. ihre Plattenfirma „Virgin Classics“ die Aufnahme als beendet. Während die Quartette op. 74 und op. 14.1 nicht als Einzel-CD erschienen sind. Wer also wirklich alle 16 Beethoven-Quartette, vom Artemis Quartett eingespielt, in seinem CD-Schrank haben möchte, muß auf die gerade erschienene Kassette mit allen Beethoven-Quartette zurückgreifen – op. 74 und op. 14.1 sind nur in der Box erschienen.

Üble Geschäftemacherei!

Zumal mit dem Erscheinen der Box aller Beethoven-Quartette die treuen Fans bestraft werden, die die sechs bisher erschienenen CDs des Artemis Quartett einzeln zum im Klassikbereich üblichen Preis zwischen 15,99 und 19,99 Euro erworben haben – während die Gesamtbox mit 7 CDs bereits zum Preis von 39,99 Euro erhältlich ist.

Eine Geschäftspolitik, die Kunden und Musikfreunde vor den Kopf stößt. Und ich würde sagen: eine Geschäftspolitik, die sich die Kunden merken werden. Wer soll denn noch teure Klassik-CDs kaufen, wenn kurze Zeit später die gleichen CDs als Bestandteil von CD-Boxen für nur noch 5 bis 6 Euro, also weniger als ein Drittel des Originalpreises, erhältlich sind oder sonstwie verramscht werden?

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Ein schönes Beispiel vorauseilenden Gehorsams gegenüber der von der Tonträgerindustrie inszenierten Vermarktungsmaschinerie zeigte ausgerechnet das sonst sehr geschätzte Feuilleton der „Berliner Zeitung“: auf mehr als einer halben Seite durften sich dort Sido und Bushido über ihr gemeinsames Album verbreiten, das zu dem Zeitpunkt weder erschienen war, noch der Redaktion zum Hören vorlag.

Wie sagt Bushido in dem Interview? „Musik ist ungefähr 20 Prozent, und Geschäft ist 80 Prozent.“

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Und was hat Rapper Bushido, dem wegen seiner Musik und seines Verhaltens Schwulenfeindlichkeit, Frauenverachtung, Antisemitismus, Antiamerikanismus und Jugendgefährdung vorgeworfen werden, der mehrfach zu Schadensersatz wegen Urheberrechtsverletzungen verurteilt wurde und neben seiner Tätigkeit in der Musikindustrie erfolgreicher Immobilienhändler ist, und der sich ausgerechnet von der "FAZ" verarschen lassen muß, daß er mit seinem neuen, mit Sido eingespielten Album "auch einen FDP-Parteitag beschallen"  könnte, was also hat Bushido ausgerechnet mit dem „Grünen“-Bundespräsidentenkandidaten Gauck gemeinsam?

Nun, sowohl Bushido als auch Gauck machen sich über die weltweiten Proteste gegen die Banken lustig. Bushido fühlt sich bei den Anti-Banken-Protesten laut „FAZ“ an eine „bescheuerte Facebook-Party“ erinnert, und fragt: „Wogegen demonstrieren die Penner denn?“ Denn der Rapper hält Deutschland für „eines der geilsten Länder der Welt“.

Das würde Gauck auch so denken, aber wohl geringfügig anders formulieren. Die Proteste der Anti-Banken-Bewegung hält Gauck jedenfalls für „unsäglich albern“. Was können wir froh sein, daß Grünen-Kandidaten bei einer Bundespräsidentenwahl noch keine Mehrheit finden...

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„Kreative verlangen Reformen bei Urheberrecht“, heißt es bei „Musikwoche.de“.

Doch wo „Kreative“ draufsteht, ist meist „Industrie“ drin – denn nicht etwa Künstler, Autoren und ihre Vertreter werden in dem Artikel zitiert, sondern die Vertreter der Kulturindustrie: der Bundesverband Musikindustrie, der Börsenverband des Deutschen Buchhandels, die GEMA, die „Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen“, ARD, ZDF usw. usf.

Die Arbeit- und Auftragsgeber der Kulturindustrie also verlangen wieder einmal Reformen beim Urheberrecht – „kreativ“ ist daran nur die Verdrehung der Tatsachen beim embedded journalism...

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In einer der „NZZ“ beigelegten Zeitschrift namens „Gentlemen’s Report – Das Magazin für Männer“, in der vornehmlich Artikel der Art „Schweizer Qualitätsuhren müssen nicht stinkteuer sein“ stehen, in dem eine günstige Mondphasenuhr für 8000 Franken oder eine Zweizonenuhr für nur 6000 Franken angeboten werden, finden wir einen Artikel über „Gentlemen, on your bikes“, in der ein paar sich für wenig zu schade seiende neureiche Männer sich und ihre Fahrräder selbst inszenieren, in eitlen Posen und herausgeputzt vor ihrem Lieblingsfahrrad:

Ein „Urban-Art-Künstler und Inhaber einer Agentur“ freut sich etwa über sein Fixie-Rad, das „ich individuell mit meiner Kunst verziert habe“, ein „Betreiber einer Biomarkthalle“ präsentiert „eines von sechs Rennvelos, die ich besitze. Das exklusivste Exemplar kostet rund 17000 Franken.“ Ein „Inhaber eines Outdoorladens“ spielt den englischen Lord: „Pashley ist eine englische Traditionsmarke, die alles von Hand und noch wie in den dreißiger Jahren baut. (...) Meistens habe ich meinen Hund dabei, der ebenfalls englischen Ursprungs ist und mit seinem schwarz-braunen Fell sogar farblich ideal zu diesem Velo paßt.“

Wenn man dazu die posenden Jung- und Altmänner sieht, möchte man vielleicht sagen „Die spinnen, die Schweizer!“ Aber Vorsicht: solche Typen können euch auch in jedem hiesigen Manufaktum-Laden oder am Prenzlauer Berg über den Weg laufen. Denn: „Die Deutschen werden immer reicher. Das Geldvermögen (also nur Vermögen in Wertpapieren, Versicherungen und auf Bankkonten, ohne Immobilienbesitz z.B., BS) ist hierzulande trotz Finanzkrise so hoch wie nie und erreicht mit gut 60000 Euro je Einwohner einen neuen Rekordwert“ (FAZ). Besonders interessant ist übrigens, daß in den letzten 10 Jahren das Geldvermögen der reichsten 10% der Deutschen von 189.750 auf 266.345 Euro gestiegen ist, und das der nächsten 10% von 92.947 auf 130.467. Lediglich das Geldvermögen der ärmsten 10% der Bundesbürger blieb gleich: 0 Euro.

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Aus unserer Reihe „Unverlangte Künstlerangebote“:

„Herbsttournee 2012 mit Markus Wolfahrt & Band und Sie als Veranstalter?“, fragt die Email eines mir unbekannten Anbieters. Nun folgten dem ersten Soloalbum des Künstlers „außergewöhnlich viele Live und Halbplayback-Auftritte“, und „um das Ganze noch zu toppen, wird bereits im Frühjahr 2012 sein zweites Soloalbum erscheinen“ – und gleichzeitig kann es die Firma, die „eine kleine Live-Hallentournee ins Leben rufen möchte“, „kaum erwarten in Planung zu gehen“ und hält „natürlich Sonderkonditionen inklusive Technik“ für mich bereit. Und das Programm wird eine „gelungene Mischung aus den zwei Soloalben“ sein – was für eine brillante Idee!

Dennoch, leider: Herbsttournee 2012 ohne ich als Veranstalter, ich danke Sie...

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Wo auch immer Diktatoren Feste feiern, unsere Popstars sind gerne dabei. Beyoncé, Lionel Ritchie, Mariah Carey oder Nelly Furtado spielten für Millionengagen am Hofe Gaddafis auf. Nun lud der tschetschenische Machthaber, „Brüderchen Diktator“ („Spiegel“) Ramsan Kadyrow (35), zum Geburtstag, und alle kamen: Hilary Swank trällerte ein Liedchen, Geigerin Vanessa Mae fiedelte, und unserer Heidi „Katjes“ Klum ihr Seal sang ebenfalls für den tschetschenischen Präsidenten, dem Verstrickungen in Auftragsmorde und Verschleppungen vorgeworfen werden. Aber wie sagte Seal doch so schön per Twitter: „Ich bin Musiker und habe für die tschetschenischen Menschen Musik gemacht. Ich würde es begrüßen, wenn ihr mich aus eurer Politik rauslaßt.“ Auf dem dazugehörigen Foto singt Seal inbrünstig vor tschetschenischen Menschen – ganz zufällig steht er vor Präsident Kadyrow und seiner Regierungsmannschaft... Weiter erklärt Seal per Twitter: „I had a great time. It is always interesting.g form e to play in countries I’ve never been to before.“

Vom deutschen Staatsfernsehen wurde zu der Geburtstagsshow für den Diktator das MDR-Fernsehballett entsandt. Der MDR, der Skandale ja länger schon als Teil seines Daseinszwecks begreift, teilte mit, es habe lediglich „Bedenken in Sachen Sicherheit, nicht aber in politischer Hinsicht“ gegeben. Amnesty International nimmt sich mittlerweile des Vorfalls an und wird das MDR-Fernsehballett zu dem Auftritt im tschetschenischen Fernsehen befragen (wenn Sie meine Meinung hören wollen: Amnesty International sollte den MDR auch zu etlichen Fernsehsendungen befragen, die unterhalb aller von Menschenrechten gefaßten Geschmacksschwellen sind...).

Wenn Sie sich allerdings schon länger fragen, wie das unterirdische Niveau des MDR zustande kommt, wird Sie interessieren, was im Zuge der Recherchen des „Spiegel“ nun herauskam, nämlich: die deutschen Bischöfe haben ihre Finger im Spiel! Das MDR-Fernsehballett gehört nur zum Teil, nämlich zu 40%, dem MDR. 30% der Berliner Tanzgruppe gehören der Münchner Firma Tellux. Und Gesellschafter dieser Firma wiederum sind neben einem Fürst Georg von Waldburg zu Zeil „neun deutsche Bistümer – vom Erzbischöflichen Stuhl zu Hamburg über die Erzdiözese Köln bis zum Ordinariat des Erzbistums München-Freising“. Muß man sich auf der Zunge zergehen lassen – erzreaktionäre deutsche Bischöfe befehlen dem MDR-Fernsehballett „Beinchen hoch!“ – gerne auch mal für einen Diktator. Die Investments deutscher Bischöfe werden natürlich durch Kirchensteuern bezahlt.

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Der Repräsentant der "Deutschen Grammphon" begrüßte die Besucher der "Yellow Lounge" mit Pierre-Laurent Aimard unlängst im Berliner "Berghain" so: "Wie gerade auf Facebook zu lesen war, feierte Franz Liszt seinen 200. Geburtstag"..

Wie gut, daß es Facebook gibt! Gerade, weil das bürgerliche Feuilleton den runden Geburtstag des Komponisten ja flächendeckend verschlafen hatte...

Allerdings: wie ich auf Google gelesen habe, soll Liszt in der Zwischenzeit verstorben sein - kann also leider seinen 200. Geburtstag nicht mehr feiern...

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Und wenn die „Heilandisierung von Steve Jobs“ (Wiglaf Droste) – obwohl, bei einem Buddhisten wie Jobs sollte man vielleicht eher von Dalailamaisierung sprechen? – bei Medien und Publikum endlich abgeschlossen ist, könnte man vielleicht darauf zu sprechen kommen, ob Steve Jobs – ich weiß: de mortuis nil nisi bene... – wirklich ein Weltverbesserer sondergleichen war und nicht einfach nur ein recht guter Verkäufer. Die „iSklaven im Apple-Imperium“ („Berliner Zeitung“) etwa werden eine etwas andere Sicht der Dinge auf den Mann haben, der seine etliche Hunderte Euros teuren Produkte in China von Arbeitern in Fabriken unter skandalösen Bedingungen zusammenbasteln ließ – Arbeitsschutz gibt es keinen, Hunderte von Arbeitern haben Gesundheitsschäden davongetragen, weil sie ungeschützt mit giftigen Chemikalien hantieren mußten; es gibt Kinderarbeit; 13 Angestellte der Apple-Zulieferer begingen Selbstmord und klagten in ihren Abschiedsbriefen über hohen Druck, lange Arbeitszeiten, niedrige Bezahlung. Die Produktionsstandards der späteren Designprodukte sind skandalös, und es ist nicht bekannt, daß Steve Jobs oder irgend jemand sonst aus der Chefetage des Konzerns sich bemüht hätte, dies zu ändern.

Gewiß, beim chinesischen Zulieferer Foxconn wird nicht nur für Apple produziert, auch Sony und Nokia z.B. lassen dort herstellen. Wir sprechen hier also eher von einem globalen Lifestyle, der für die Nutzer der schicken und modernen Produkte etwas anders aussieht als für die Arbeiter, die diese Produkte herstellen.

Ein systemisches Problem. Wir konsumieren Produkte, an deren Hülle im schlimmsten Fall Blut klebt. In weniger schlimmen Fällen sprechen wir einfach nur von normaler Ausbeutung. Die schicken, preiswerten H&M-Teile, die die Apple-Nutzer in den Großstadt-WiFi-Cafes gerne tragen, während sie an ihren mobilen Teilen herumfingern, werden zulasten der H&M-Produzenten und -Beschäftigten hergestellt. Und der Kaffee in den Einwegbechern (schätzungsweise werden jährlich ca. 23 Milliarden Einwegbecher weltweit verkauft, wofür etwa 9,4 Millionen Bäume abgeholzt werden müssen) wird in der Regel von Arbeitern in Kaffeeplantagen produziert, die einen Hungerlohn erhalten. „Bauern verfüttern immer mehr billiges Getreide an Schlachttiere, damit wir mehr teures Fleisch essen können; außerdem nehmen die Agrarflächen zu, die der Produktion von Biosprit vorbehalten sind, damit wir Auto fahren können, ohne Erdöl zu verbrennen. Das Resultat: Die Preise der Grundnahrungsmittel haben sich zwischen 2006 und 2008 verdoppelt bis verdreifacht, in Afrika und Asien ist es zu Hungeraufständen gekommen“ (Ian Morris). Die global agierenden Konzerne des Rohstoffhandels maximieren mit raffinierten Tricks ihre Gewinne. Undundund.

Es ist eine Frage des Lifestyles. Eine Frage der Haltung und des Bewußtseins. Reicht es, wahlweise als schulterzuckender Trainingsjackenträger oder mit einem schwarzen (in Berlin produzierten, wie wir erfahren durften) Steve-Jobs-Kaschmirpulli durchs Leben zu gehen, oder will man bestimmte Dinge doch nicht akzeptieren, sondern sie ändern?

 (...dieser Rundbrief wird auf einem Apple Computer geschrieben; man nennt das Dialektik, glaube ich...)

„Diese Gesellschaft ist insofern obszön, als sie einen erstickenden Überfluß an Waren produziert und schamlos zur Schau stellt, während sie draußen ihre Opfer der Lebenschancen beraubt.“ (Herbert Marcuse, Versuch über die Befreiung)

„Für mich ist das ganz klar. 1989 ist das Korrektiv weggebrochen. Bis dahin mußte das Kapital damit rechnen, daß es möglicherweise eine Gesellschaftsform gibt, die besser ist. Jetzt können sie alles bis zum Äußersten treiben. Das erkennt plötzlich sogar Herr Schirrmacher. Irgendwie ist es frivol, daß sie so tun, als hätten sie es entdeckt. Aber es zeigt auch, daß ihnen gar nichts anderes mehr übrig bleibt. Sogar der Bundespräsident erkennt auf einmal, daß es falsch ist, wenn Gewinne individualisiert und die riesigen Verluste sozialisiert werden. Das ist die Systemfrage. Wahrscheinlich ist die Demokratie doch nicht das richtige Gesellschaftssystem für den Kapitalismus. Was jetzt kommt, das wird Blut und Dreck sein. Da war das, was bisher passiert ist, noch gar nichts.“ (Josef Bierbichler)

Denken Sie dran, wenn ihnen die Politiker von CDU, CSU, FDP, SPD und Grünen, die gerade im Bundestag den fiesesten Hebelgesetzen zugestimmt haben, wieder einmal weismachen wollen, es gebe keine Alternative... Wer Christ ist, mag im November die zahlreichen herbstlichen Buß- und Bettage zum Anlaß nehmen, Buße zu tun oder zu beten. Denn wer jetzt keine Bank ist, findet keine mehr...

06.10.2011 - 18:24

Seit Monaten geistert dieser Quatsch durch alle Medien: die arabischen „Revolutionen“ seien nur durch Facebook und Twitter möglich gemacht worden, indem sie durch die rasche Verbreitung von Informationen die Massen mobilisierten.

Nun stellt sich heraus, daß das Gegenteil richtig zu sein scheint. Eine Studie, die der Politologe Navid Hassanpour von der amerikanischen Yale-Universität gerade vorgestellt hat, kommt laut „NZZ am Sonntag“ zum gegenteiligen Schluß: Revolutionen werden demzufolge durch Internet und Mobiltelefonie nicht beschleunigt, sondern kommen erst dann richtig in Gang, wenn die Machthaber den Gebrauch dieser Kommunikationsmittel radikal unterbinden. „Wird die Massenkommunikation plötzlich ausgeschaltet, verstärkt sich die revolutionäre Mobilisierung“, so der iranische Politikwissenschaftler. „Die Unterbrechung von Mobiltelefonie und Internet durch Mubaraks Regierung am 28.Januar zog unpolitische oder vorher kaum interessierte Bürger in die Unruhen, verstärkte die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht und dezentralisierte schließlich die ganze Rebellion.“

Daß der direkte Einfluß der Massenmedien auf politische Umstürze gering ist, stellten die Politologen Holger Kern und Jens Hainmueller übrigens 2009 auch im Fall der DDR fest. Ihre Analyse ehemals geheimer Befragungen ergab, daß ausgerechnet jene Menschen mit dem Leben in der DDR besonders zufrieden waren, die West-TV sahen...

Wenig Hoffnung also für etwaige Umstürze hierzulande, solange die jungen Leute vor den „Verblödungsmaschinen“ (Seeßlen) TV und Facebook sitzen bleiben...

(wenn Sie uns auf dem komischen Gesichtsbuch verfolgen wollen – nur zu: http://www.facebook.com/AgenturSeliger)

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Markus Schneider macht angesichts der „Radioeins-Nacht“ der „Berlin Music Week“ im Feuilleton der „Berliner Zeitung“ eine interessante Beobachtung:

„Was mich an diesen soliden Darbietungen ein wenig bedrückte, war die Abwesenheit jedes tieferen Begehrens. So unterschiedlich sich die Bands präsentierten, scheinen sie doch nichts weiter zu wollen, als daß irgendwer den „Gefällt mir“-Button auf ihrer Facebook-Seite drückt und sie ansonsten in einem einigermaßen geschmackvollen Radioprogramm nicht störend auffallen. Es handelt sich um Musik, die gewissenhaft allseits erprobte, mehr oder weniger modische Muster nachbaut, kompetent, gut gelernt, aber meist ohne Argumente, warum man zweimal hinhören sollte.“

Die Mittelmäßigkeit aktueller „gut gemeinter“ Popmusik kann man kaum besser auf den Punkt bringen. Was man sich nun von Markus Schneider wünscht, ist eine ausführlichere Analyse der Situation, und wie es kommt, daß so viel mittelmäßige Musik von so vielen Mittelstandskindern gespielt wird, ohne daß sie einen berührt oder irgendwie radikal wäre – und wie gleichzeitig ein paar wenige neue Musiken entstehen, die genau das Gegenteil darstellen – sagen wir mal in der Bandbreite von Shabazz Palaces bis James Blake: Musik, deren Radikalität einen tief berührt.

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Zur „BMW“ gehört auch die immer wieder überflüssige „Popkomm“, deren Niedergang nie größer war als dieses Jahr, der aber die Kulturfunktionäre eisern die Stange halten, weil sie ihnen weiterhin Pfründe für ihr erbärmliches Kulturfunktionärsdasein sichert, und die „all2gethernow“-Konferenz.

Für die „Süddeutsche Zeitung“ mußte Jan Kedves an der Veranstaltung teilnehmen und kam dabei zu folgendem Schluß: „Nach dem Umzug von der großen Kulturbrauerei ins kleinere HBC und der Komprimierung auf einen einzigen Tag gab es am Mittwoch nur noch Profi-Coachings nach dem Motto: Wir machen unseren Nachwuchs fit für den brutalen Markt. „Wie geht Promo im Netz?“, „Wie lizenziere ich meine Musik für Film, Werbung und Games?“, „Wie komme ich in die Künstlersozialkasse?“ – wichtige Fragestellungen für ambitionierte Newcomer, sicherlich. Was aber auf dem Stundenplan völlig fehlte, war ein Arbeitskreis zum Thema „Wie erkenne ich rechtzeitig, daß mein bisher unveröffentlichter 08/15-Retrorock/-Elektropop/-Minimaltechno niemanden interessieren wird, außer meinen in Sachen Selbstausbeutung sehr begabten Minilabelgründer?““

Sehr gut beobachtet, finde ich. Denn das Hauptproblem bei dem ganzen DIY-Zeugs (ganz ehrlich und unter uns: bis ich an der c/o pop dieses Jahr in Köln teilnahm, wußte ich nicht, was das bedeutet...) ist ja wirklich, daß niemand mal die Qualität der Musik beurteilt, die all diese DIY-Leute einspielen und für weltbewegend wichtig halten. Da ist niemand, der den jungen Menschen beibringt, wie man gute Musik macht, wie man Songs schreibt, wie man Stücke arrangiert und all das, was Musik ausmacht – es wird von all den Mittelstands-Kids, die da vor sich hinmusizieren und frickeln, ja wie selbstverständlich davon ausgegangen, daß ihr musikalischer Beitrag zur Welt unbedingt die Veröffentlichung verdient, und es in der an neoliberaler Zurichtung im Endzeitstadium befindlichen Gesellschaft einzig und allein noch das klitzekleine Problem besteht, daß das Musikstück verkauft werden muß.

Scheinbar lernen die jungen Menschen an den Pop-Akademien und in den Kulturmanagement-Studiengängen dieser Republik nicht, wie man ordentliche Musik macht, sondern nur, wie man sich vermarktet als Teil der mittelständischen Konsumgesellschaft.

„Sometimes you've just got to wait. Focus on your music instead of your marketing. Most people don't like most things. And the best way to convince them they do is via quality and word of mouth.“ (Bob Lefsetz)

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Wie Kunst in gesellschaftlicher Verantwortung geht, verrät der finnische Filmemacher Aki Kaurismäki angesichts seines neuen Films „Le Havre“:

„Ich mache das, weil dieses Thema der illegalen Flüchtlinge wichtig ist. (...) Für mich als Mensch bestand die absolute Notwendigkeit, zum Umgang der westlichen Gesellschaften mit den Illegalen endlich Stellung zu nehmen. Das war eine Frage der Ehre und Würde. (...) Na gut, ich gebe es zu: Ich bin immer noch Kommunist.“

Und auf den Interviewer-Hinweis, ein Grund dafür, einen Film in Hamburg zu drehen, „wäre die deutsche Filmförderung. Sie würden einen Haufen Geld zugeschossen bekommen, wenn Sie in Deutschland drehen“, antwortet Kaurismäki: „Ich mache Filme nicht wegen des Geldes. Filme zu machen, ist eine Bestimmung.“

Und deswegen sehen Kaurismäkis Filme auch so aus, wie sie aussehen. Während die deutschen Filme eben nach staatlicher Filmförderung aussehen. Und die deutsche Popmusik sich nach staatlicher „Initiative Musik“-Förderung anhört...

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Kapitalismus 1:

In seinem täglichen Email-Newsletter schreibt Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart am 15.9.: Schlitzohrig sind wir Deutschen allerdings auch: Wir klagen über die Höhe der Euro-Rettungsgelder. In Wahrheit haben wir bisher nur Bürgschaften gewährt und kein einziger Euro hat die Landesgrenze verlassen. Im Gegenteil: Weil die anderen Länder so unsichere Kantonisten sind, zieht Deutschland das weltweite Kapital an wie ein Staubsauger. Die Renditen, die auf deutsche Staatsanleihen und auf deutsche Unternehmensanleihen gezahlt werden, befinden sich seit Ausbruch der Euro-Krise im Sinkflug. In der heutigen Titelgeschichte rechnet unser Chefvolkswirt Dirk Heilmann präzise vor, wie viele Millionen die Dax-Konzerne und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble derzeit sparen. Wir sind Krisengewinnler.“ (Hervorhebungen im Original, BS)

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Die Popkomm, wir haben es bereits vor Jahren verkündet, ist tot. Wer das ausführlicher nachlesen möchte, sei auf den Text „Nachruf auf eine Funktionärsmesse“ in der Berliner Zeitung von 2009 (u.a. auf unserer Homepage unter „Texte“) verwiesen.

Mittlerweile ist der Leichnam bereits in Verwesung übergegangen, und es ist wohl alles zu spät, wenn so eine Messe nicht nur vom Feuilleton, sondern sogar von den solcherart Veranstaltungen ja eher zugetanen Branchenblättern wie der Musikwoche verarscht werden:

„Nach Jahren der Schrumpfung ist die Popkomm inzwischen so weit geschrumpft, daß man sie in den großen Hallen fast gar nicht mehr findet. Schallplattenfirmen oder sonstige Repräsentanten der klassischen Tonträgerindustrie sind ohnehin auf der Messe schon lange nicht mehr vertreten. Die wenigen verbliebenen Stände teilen sich staatliche Musikexportbüros (Südafrika, Estland) und Firmen wie die "Jamii GmbH", die sich nach Auskunft ihres Standbanners mit der "Pflege und Monetarisierung von Fanbeziehungen" befaßt.“ (Jens Balzer in der „Berliner Zeitung)

„Die Keynote von Melvin Benn auf der Popkomm wollten nur zehn Leute hören. Was schade, aber nicht ganz verwunderlich war. Denn – überspitzt formuliert – viel mehr Delegierte waren an jenem Freitagnachmittag eh nicht auf der Popkomm anzutreffen...“ (Dietmar Schwenger auf „musikwoche.daily“).

Und wie klingt das im Fazit der Messemacher der Popkomm? So:

„Diese Zahlen und Fakten sprechen für sich! Auf der Popkomm waren 400 Aussteller vertreten, 65 Prozent aus dem Ausland. Insgesamt kamen rund 5.200 Besucher auf den ehemaligen Flughafen Berlin Tempelhof, um Geschäfte anzubahnen, Verträge zu schließen, über Lösungen für die Herausforderungen der Branche zu diskutieren und um Nachwuchstalente zu entdecken. (...) Die Vielfalt und Qualität der Popkomm begeisterten die Professionals (...) drei vielfältige, turbulente und erfolgreiche Tage...“

(im letzten Jahr haben übrigens noch 7500 Besucher und 470 Aussteller an der Popkomm teilgenommen...)

Allerdings: begeistert waren die Politiker, sei es der Vertreter des Auswärtigen Amtes Argentinien, sei es Staatssekretär Hans-Joachim Otto, der sich freute, daß die Popkomm „erstens überhaupt noch stattfindet und dies zweitens in der „Zukunftsstadt Berlin“, wo „Musik aus der Wolke kommt“ und, ähem, die „Haushaltsgeräte miteinander verschmelzen““ („Berliner Zeitung“), oder der mittlerweile abgewählte Berliner PDS-Senator Wolf. Klar, die Popkomm ist ein Element des Stadtmarketing, des „nation branding“, und deswegen brauchen so was nur die Politiker und niemand sonst.

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Kapitalismus 2:

Ein Mitarbeiter der Investmentbank der schweizerischen UBS verursacht mit nicht autorisierten Transaktionen mal eben Milliardenverluste, ohne daß irgendwas aufgefallen wäre. Banken und Vertrauen – war da was?!? Die von der UBS in ihrem Delta-One-Team gehandelten Fonds „bilden die Entwicklung von Indizes mit derivaten Instrumenten synthetisch nach“ (NZZ), „da Anleger liquide Produkte handeln wollen, konstruieren Banken künstliche Wertpapiere, die die Preisbewegung des Basiswertes exakt abbilden (...) Dem Kunden gegenüber kommt es darauf an, daß er ein Produkt erhält, dessen Preis mit dem Basiswert exakt korreliert. Die Händler werden jedoch dafür bezahlt, das Produkt so geschickt mit eigenen, bankeninternen Transaktionen zu verbinden, daß für die Bank ein Gewinn abfällt“ (FAZ).

Man könnte also wohl sagen: die Wetten, die die Banken hier ihren Kunden anbieten, um deren und den eigenen Profit zu mehren, sind „systemisch“, wie das seit der letzten Bankenkrise heißt. Ganz ehrlich: mich interessiert die Vertrauenswürdigkeit einer Bank oder speziell einer Schweizer Bank reichlich wenig – sie sind alles Gangster, so oder so (wie Brecht sinngemäß sagte, was ist der Überfall auf eine Bank gegen die Gründung einer Bank...). Was mich interessiert, ist die Politik: Etwa die eher kleinere Frage, warum der Derivatehandel immer noch nicht verboten ist. Vor allem aber die größeren Fragen: wenn das System, das die Finanzkrise zuließ oder sogar verursachte, nicht nur nicht unterging, sondern heute gefestigter ist denn je, warum wird dann das System der Finanzwirtschaft nicht in Frage gestellt? „Heute wissen die Banken, daß der Staat sie raushauen wird und bereit ist, ihre Rettung mit Kürzungen im öffentlichen Sektor zu finanzieren. Sie gehen jetzt höhere Risiken ein als vorher“ (Colin Crouch, „Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus“).

Das war jetzt natürlich eine rhetorische Frage. Man kann wie Joseph Vogl eine Parallele ziehen zwischen „unserem“ finanzökonomischen System und dem Anspruch der Theodizee – auf den Spuren der Leibnizschen Gottesrechtfertigung befindet sich die Ökonomie und rechtfertigt Krisen und Pannen im ökonomischen System so, daß das System an sch legitimiert bleibt. Die politische Entscheidungsmacht hat sich laut Vogl längst weg von der Politik hin zu den Märkten verlagert. „Regierungen sind bloße Erfüllungsinstanzen von Entscheidungen, die von den Finanzmärkten getroffen werden“.

Und was bedeutet das nun alles für uns? Nach Hegel „liegt es im Willen eines Volkes, wenn es unterjocht wird“...

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„Unsere Lage verdichtet am besten der Film „Kung Fu Panda“: Die Lächerlichkeit der herrschenden Ideologie liegt offen da, aber die Ideologie besteht trotzdem weiter.“

(Slavoy Zizek)

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Beim „Festival of Happiness“ anläßlich des Tages der deutschen Einheit vor dem Brandenburger Tor, veranstaltet von der braunen Limonade, traten dieses Jahr u.a. auf: Culcha Candela, Sunrise Avenue und Jennifer Rostock. So wächst zusammen, was zusammen gehört.

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Kapitalismus 3:

Nachdem der französische „Rattenmann“ (Badiou) Sarkozy von seiner ungeteilten Unterstützung des Ghaddafi-Regimes auf eine ungeteilte Unterstützung der libyschen Rebellen umgeschwenkt ist, macht sich u.a. der französische Ölkonzern Total Hoffnung auf weiterhin gute Geschäfte mit Libyen: „Es ergeben sich für uns Gelegenheiten für neue Geschäfte“, sagte Total-Chef de Margerie dem „Handelsblatt“. Bis Ende des Jahres will Total der neuen Regierung eine Liste mit konkreten Vorschlägen für Projekte machen.

Ob die deutschen Konzerne mit „ihrem“ Außenminister Westerwelle ähnlich zufrieden sind wie die französischen Konzerne mit ihrem Präsidenten?

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In Berlin wurde ja mittlerweile die „Piratenpartei“ mit fast 130.000 Stimmen ins Parlament gewählt. Seither geistern etliche schräge, interessante, merkwürdige und manchmal auch treffende Kommentare durch die Medien. Klar, das ist eine bunte Truppe, deren Chaos an die Grünen in den frühen 80er Jahren erinnert. Ja, das ist wohl eher eine Partei engagierter Mittelschichtsmänner. Und in der Tat, sie haben noch kein komplettes Programm für alle etwaigen Problemstellungen dieser Republik. Aber immerhin haben sie ein paar sehr vernünftige Forderungen aufgestellt, und ihre Plakate im Berliner Wahlkampf waren die einzigen, die konkrete Forderungen erhoben, und die man sich schmerzfrei anschauen konnte zwischen all den Wowi-Teddybären und dem „Renate kämpft/arbeitet/rennt“-Quatsch.

Vor allem aber zeigt der Wahlerfolg der Piraten eines: „ein Teil der jungen Geisteselite fühlt sich von der Politik nicht mehr vertreten – weil sie die digitale Revolution schlicht verschlafen hat“ (Christian Stöcker). Wo die „etablierten“ Parteien nur grundgesetzwidrige Vorratsdatenspeicherung, Law-and-Order-Maßnahmen bei der Durchsetzung eines antiquierten und verwerterfreundlichen Urheberrechts und ansonsten hohlköpfiges Desinteresse an der digitalen Gesellschaft vorzuweisen haben (ein Musterbeispiel für einen Mann der analogen Welt von vorgestern ist der CDU-Kulturminister Neumann), braucht sich niemand zu wundern, daß die intelligenten und gebildeten Menschen übrigens aller Altersgruppen bis zu 65 Jahren die Piratenpartei ins Parlament gewählt haben.

Und solange von Parteien wie SPD und den ohnedies bedenklich technikfeindlichen Grünen nichts Nennenswertes in Sachen digitaler Gesellschaft oder Urheberrecht zu hören ist, ja, Grünen-Spitzenfrau Künast die Piraten sogar noch „resozialisieren“ will, solange keine der etablierten Parteien ernsthaft für eine freie digitale Kommunikation, in der auch Anonymität möglich ist, und für den Schutz der Privatsphäre eintritt, solange wird es noch etliche Wahlerfolge der Piratenpartei geben.

Am drolligsten war der Vorwurf von Alan Posener im bekanntlich linksradikal-antikapitalistischen Kampforgan für die Unterschicht, der „Welt“, die Piraten seien „die Partei der Nochnichtbesserverdienenden, die später als Juristen in die FDP (...), als Lehrer zu den Grünen oder als Webdesigner zur Röttgen-CDU gehen werden“.

Oder sie gehen als Autoren schrulliger Kommentare zu Springers „Welt“... obwohl, da arbeiten ja heutzutage eher die früheren Maoisten und K-Grüppler...

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Seltsam übrigens, daß keiner der ach so tiefschürfenden Piraten-Kommentatoren der bürgerlichen Medien ein philosophisch doch wohl als bekannt vorauszusetzendes Bild der Piraten in Erinnerung brachte, das wenig mit den „Freibeutern der Meere“ in der Art der einschlägigen Karibik-Depp-Richards-Filme gemein hat. Denn die Piratenschiffe, die im 18.Jahrhundert im britisch dominierten Atlantik, vor den Küsten Afrikas und Asiens aus den „schwimmenden Faktoreien“ der britischen Handelsflotte hervorgegangen waren, waren eine Art „Treibhaus des Internationalismus“ (Linebaugh/Rediker). „Meutereien waren Akte des politischen Widerstands. Mannschaften von Piratenschiffen entwickelten sich zu multirassischen, multiethnischen „Hydrarchien“, zu Beispielen einer selbstverwalteten, alternativen Gesellschaftsordnung, sie sprachen Recht, teilten ihr Vermögen untereinander und führten Kriege“, schreibt Susan Buck-Morss in ihrem Buch „Hegel und Haiti“.

„Damit präsentierte der buntscheckige Haufen ein Bild der Revolution von unten, das sich als (...) furchterregend erweisen sollte. (...) Kolonisten aus der Führungsschicht waren schnell mit Sinnbildern bei der Hand und bezeichneten den Mob als „Hydra“, als „vielköpfiges Ungeheuer“, „Kriechtier“ und „vielköpfige Macht“. Die Vielköpfigkeit implizierte (...) wild gewordene Demokratie.“ (Linebaugh/Rediker in „Die vielköpfige Hydra“).

Die Piraten unserer Tage als „buntscheckiger Haufen“, mit einer selbstverwalteten, alternativen Gesellschaftsordnung, die ihr Vermögen untereinander teilen – vielleicht nicht der schlechteste Aufhänger in einer „vorrevolutionären Zeit, in der nur das Subjekt der Revolution noch unklar ist“ (Alexander Kluge in der „Zeit“, ausgerechnet).

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Die deutsche Verwertungs-Industrie triumphierte, und ihre Claquere bekamen feuchte Höschen: „CDU-Politiker Kauder verspricht Warnmodell“, jubelte die „Musikwoche“ in ihrem Bericht über den parlamentarischen Abend der GVL, der „Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten“, und die Urheberrechts-Plisch und Plums dieser Republik, Cheflobbyist Gorny und Sidekick Chung, strahlten auf dem dazugehörigen Foto, wie es nur Plisch und Plum können.

Was war passiert? Plisch und Plum und Evers und Konsorten waren auf den CDU-Bundestagsabgeordneten und Vorsitzenden des Rechtsausschusses des Bundestages, Siegfried Kauder (nicht zu verwechseln mit seinem älteren Bruder Volker, dem Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion), reingefallen, der ihnen genau das Märchen erzählt hatte, das sie unbedingt hatten hören wollen: „Ich werde in acht Wochen einen Gesetzentwurf zum Warnmodell vorstellen“, brüstete sich der CDU-Politiker vor der GVL-Prominenz. Das Warnmodell müsse als „kleines Gesetz“ eingebracht werden. Kauder kritisierte „das hektische und schlampige Vorgehen der Bundesregierung bei neuen Gesetzesvorhaben“ (wer sich jetzt wundert: ja, die Bundesregierung wird immer noch von CDU, CSU und FDP gebildet, und ja, Siegfried Kauder gehört der CDU an...). Das Warnmodell, mit dem sich Kauders Siegfried brüstet, sieht vor, daß sich Rechteinhaber bei Providern über Copyright-Sünder beschweren. Erst gibt es einen Hinweis, im wiederholten Fall dann Internet-Entzug, ganz ohne Gerichtsverfahren. Verfassungsrechtliche Bedenken kommen Kauder nicht, denn die Sperre soll nur für einen kurzen Zeitraum von drei Wochen gelten. „Die Ankündigung des CDU-Politikers begeisterte alle anwesenden Branchenvertreter“, berichtete die „Musikwoche“.

Dumm nur, daß Kauder der GVL eben ein Märchen aufgetischt hat. Ein einzelner Abgeordneter kann nämlich gar keine Gesetzentwürfe in den Bundestag einbringen – wenn GVL und Pressevertreter im Gemeinschaftskundeunterricht aufgepaßt hätten, dann wüßten sie, daß die Gesetzesinitiative nur der Bundesregierung, dem Bundesrat oder einer „Gruppe von Abgeordneten aus der Mitte des Bundestages“ (laut Bundestags-Geschäftsordnung mindestens fünf Prozent der Abgeordneten, der Mindeststärke einer Fraktion) obliegt. Müssen GVL und „Musikwoche“ vielleicht nicht wissen, wohl aber der Vorsitzende des Rechtsausschusses des Bundestages, der den Musikindustrievertretern also wohl wissentlich ein Märchen aufgetischt hat. Vor allem aber sollte der Vorsitzende des Rechtsausschusses des Bundestages die Grund- und Menschenrechte, die im Grundgesetz festgeschrieben sind, kennen und vertreten. Dazu gehören Grund- und Bürgerrechte wie die Informationsfreiheit. Ein Internetentzug, auch nur für wenige Wochen, dürfte eindeutig verfassungswidrig sein. Selbst in seiner eigenen Fraktion erhielt Kauder für seinen dubiosen Vorschlag massiven Gegenwind: „Völlig abwegig“ findet CDU-Fraktionskollege Peter Tauber Kauders Vorschlag und ergänzt: „Ich sehe nicht, daß man diesen Vorschlag weiter erörtern müßte. In unserer Gesellschaft ist das Internet mittlerweile für viele das wichtigste Informationsmedium.“ Und Peter Altmaier, Parlamentarischer Geschäftsführer der Unions-Fraktion, nutzte Twitter, um Siegfried Kauder den Kopf zu waschen: „Kauder-Strikes geht gar nicht.“

Daß der von GVL und Musikindustriemagazinen wie ein König bejubelte Siegfried Kauder in Wahrheit nackt dasteht, ja, daß die Verwertungsindustrie sich gar mit einem ausgefuchsten Urheberrechtsverletzer gemein gemacht hat, zeigte sich wenige Tage später: Siegfried Kauder hat auf seiner Website Fotos aus zweifelhafter Quelle sowie urheberrechtlich geschützte Fotos gezeigt, über deren Nutzungsrechte Kauder nicht verfügte. Kauder hat einfach urheberrechtlich geschützte Fotos vom Google-Dienst Panoramio geklaut; kaum kam der Urheberrechts-Diebstahl des Vorsitzenden des Rechtsausschusses des Bundestags raus, hat Kauder die Fotos von seiner Homepage entfernt. Nun hat Siegfried Kauder mitgeteilt, er habe „die Urheberrechte mittlerweile erworben“. Der Rechtsausschuß-Siegfried wollte wahrscheinlich sagen, daß er die Nutzungsrechte gekauft hat.

Siegfried Kauder ist übrigens auch Präsident der „Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände“ (BDMV), deren wichtigste Aufgabe laut Selbstdarstellung auf ihrer Homepage die „Interessenvertretung gegenüber Politik und Medien“ ist; so etwas gelingt natürlich gut, wenn man gleich einen Politiker zum Präsidenten der eigenen Vereinigung macht – nur, was ist Siegfried Kauder dann, wenn er Politik macht? Unabhängiger Abgeordneter? Oder Lobbyist der Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände, deren Präsident er gleichzeitig ist?

Auch sonst ist Siegfried Kauder bisher vornehmlich negativ aufgefallen. Kauder war Vorsitzender des sogenannten BND-Untersuchungsausschusses (auch Kurnaz-Untersuchungsausschuß); weil angeblich geheime und vertrauliche Papiere des Ausschusses auch an Journalisten weitergegeben wurden, ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen Journalisten u.a. des Spiegel, der SZ, der Zeit, der Berliner Zeitung und der taz, was die meisten Kommentatoren als Versuch werteten, die Pressefreiheit einzuschränken und Journalisten einzuschüchtern und an ihrer Arbeit zu hindern. Kauder aber, wen wunderts, unterstützte die Staatsanwaltschaft bei ihren Ermittlungen, im Gegensatz zu den Vertretern aller (!) anderen Fraktionen im Ausschuß. Für einen Eklat sorgte Kauder in dem Ausschuß, weil er dem Obmann von Bündnis 90/Grünen keine Möglichkeit lassen wollte, den Verfassungsschutzpräsidenten zu befragen. Auch sonst gibt sich Kauder gern als Kämpfer gegen die Pressefreiheit, findet für seine Positionen aber nicht einmal die Unterstützung seiner eigenen Fraktion. Logisch, daß Kauder auch zu den neun Bundestagsabgeordneten gehörte, die gegen die Veröffentlichung ihrer Nebeneinkünfte durch das Transparenzgesetz des Bundestages von 2005 vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt haben – und gescheitert sind.

Siegfried Kauder, der Mann, der mit Pressefreiheit und Transparenz auf Kriegsfuß steht,  gibt vor den Vertretern der Verwertungsindustrie den feurigen Kämpfer für Urheberrechte im Internet – Rechte, die er selbst verletzt und mit Füßen tritt. Nach der Logik des Kauder-Strike-Gesetzes müßte man jetzt eigentlich erwarten können, daß der CDU-Abgeordnete wenigstens mal drei Wochen lang seine politische „Arbeit“ einstellt. Oder künftig einfach seine Klappe hält – womit uns allen gedient wäre. Außer vielleicht der Verwerterindustrie, um die es sehr schlimm bestellt sein muß, wenn sie auf die Hilfe eines derartig zwielichtigen Gesellen setzt...

(es gibt in Berlin übrigens gut unterrichtete Kreise, die wissen wollen, daß Siegfried "Ich mache Gesetze" Kauder längst zur Piratenpartei übergelaufen ist und für die Piraten gewissermaßen als trojanisches Pferd Stimmung macht, indem er die CDU schlecht aussehen läßt...)

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Kapitalismus 4:

Klaus-Peter Schulenberg, „Geschäftsführendes Organ“ der CTS EVENTIM AG, hat am 18.8.d.J. 65.000 Aktien seiner Firma zum Preis von 20,82 EUR gekauft – Volumen: 1.353.228,50 EUR. Aktueller Kurs: 23,25 Euro (am 21.9.).

Gewinn dieses Insidergeschäfts innerhalb eines Monats: 158.021,50 Euro.

(Anmerkung: Insidergeschäfte sind hierzulande börsenrechtlich anzeigepflichtig)

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Und im Feuilleton der FAZ versucht Patrick Bahners zu rechnen:

„Heinrich August Winkler hat soeben den zweiten Band seiner „Geschichte des Westens“ vorgelegt: 1350 Seiten über die 31 Jahre von 1914 bis 1945, geschrieben in zwei Jahren – macht 43 Seiten pro Jahr und zwei pro Tag.“

Was will uns Bahners hier sagen? Daß Winkler zwei Seiten pro Tag geschrieben hat? Wohl eher nicht. Wenn man die 1350 Seiten auf 31 Jahre teilt, kommt man auf 44 Seiten pro Jahr, o.k. Aber wenn man davon ausgeht, daß ein Jahr 365 Tage hat, wie es der gültige julianische Kalender berechnet, dann kommt man auf 0,119 Seiten und nicht 2,0 pro Tag.

Mal jenseits dessen, daß das reichlich wurscht ist hinsichtlich der Frage, ob Winklers Buch was taugt oder nicht – aber Adam Riese bleibt Adam Riese, oder?

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„Ich stelle mir Meetings in großen Musiklabels nicht mehr viel anders vor als: Hey, was ist denn so scheiße, daß wir Geld damit verdienen könnten, wenn wir einen Künstler das singen lassen?“  (Friedrich Küppersbusch in seiner wöchentlichen „taz“-Rubrik „Wie geht es uns?“)

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Auch gaga: Maischberger, Vogel und Siedler.

„Was hält unser Land in Zukunft zusammen?“, fragt der Siedler-Verlag in einer Anzeige, in der er, als ob die vielen Talkshows noch nicht genug seien, ein Gespräch zwischen Hans-Jochen Vogel und Sandra Maischberger bewirbt, und das „Hamburger Abendblatt“ assistiert: „Ein interessanter Brückenschlag zwischen der Flakhelfer-Generation und der Internet-Generation“. O.k., ich verstehe, fürs Hamburger Abendblatt steht Hans-Jochen Vogel für die Internet-Generation. Aber seit wann ist Frau Maischberger Flakhelferin?

Das Buch, nur damit sie wissen, wovor sie im Buchladen rasch davonrennen sollten, heißt „Wie wollen wir leben?“ Meine Antwort ist sehr einfach: in einer Welt ohne Talkshows bitteschön, ohne MaischbergerWillBeckmannJauch, und ohne Gespräche zwischen Flakhelfer- und Internet-Generation.

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Und, Papstbesuch unbeschadet überstanden? Jetzt mal unter uns eine Frage: Wenn Sie wüßten, daß die „Bunte“ einigen Prominenten nach dem Papstbesuch die Frage „Was bedeutet Kirche für Sie?“ gestellt hat, und wenn Sie ferner wüßten, daß die befragten „Prominenten“ u.a. Claudia Roth, Andrea Fischer (das war mal eine Gesundheitsministerin der Grünen, da nich für...) und Winfried Kretschmann waren (interessant, daß die einzigen Politiker in einer Reihe von Niki Lauda, Natascha Ochsenknecht oder Nina Ruge nur solche unserer Neokons, der Grünen, waren) – was tippen Sie, wer hat die durchgeknallteste Antwort gegeben?

Tschah, wie man sich täuschen kann. Es war nicht die „grüne Gurke“, sondern Andrea Fischer, die da nicht nur sagte: „Ich empfinde die Atmosphäre unter Katholiken als offen, liberal und herzlich“, sondern der auch die schöne Bemerkung herausrutschte, die „unseren“ Papst aufs trefflichste, nein, aufs allertrefflichste charakterisiert:

„Wer an der lebenslangen Ehe festhält wie der Papst, ist in meinen Augen einer der letzten Romantiker.“

Wäre die „Bunte“ ein Hort des investigativen Journalismus, dann hätte sie die Ehefrau des Papstes dazu befragt, wie sie das sieht. Aber man muß auch mal schweigen und genießen können.

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„Ich habe auch Vorstellungen von Jugendschutz. Ich habe eine zwölfjährige Tochter und möchte zum Beispiel, daß mein Kind vor Florian Silbereisen und dieser Musik beschützt wird. Das macht auch keiner. Das wird ja auch zur Hauptsendezeit ausgestrahlt.“

Matthias Brandt (Münchner „Polizeiruf 110“-Kommisar)

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Wie aber kommen Typen wie Stefan Mross oder Stefanie Hertel überhaupt ins Deutsche Fernsehen? Es ist so einfach, wie Sie es sich wahrscheinlich nicht vorzustellen wagen: Die Staatsanwaltschaft Leipzig geht laut „Spiegel“ offenbar davon aus, daß der Musikmanager und „Volksmusikpate“ Hans R. Beierlein Geld dafür bezahlt hat, damit seine Künstler weiterhin für die Schlagersendungen des MDR gebucht werden. Beierlein, der u.a. Mross und Hertel managt, hat bereits eingeräumt, 180.000 Euro an eine Produktionsgesellschaft gezahlt zu haben. Die Staatsanwaltschaft glaubt, daß der mittlerweile gefeuerte MDR-Unterhaltungschef Foth und Beierlein sich darüber einig gewesen seien, daß „der geforderte Betrag eine Gegenleistung“ sei, und ermittelt wegen Bestechung und Bestechlichkeit. Der Deal sei erfolgt, damit Beierleins Künstler „auch weiterhin in Sendungen des MDR berücksichtigt“ würden.

Wenn Sie sich wieder mal wundern, wie pseudo-journalistische Beiträge oder Konzertmitschnitte und Personality-Shows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auffällig genau in der Woche plaziert werden, in der das aktuelle Album des Künstlers oder der Künstlerin erscheint (etwa Helene Fischer, bei Wikipedia heißt es dann z.B. etwas verschämt „widmete ihr der MDR einen eigenen Musikfilm So nah, so fern mit ihren neuesten Titeln aus dem Album So nah wie du“... oder am 1.10. in der Porträtreihe „höchstpersönlich“ auf ARD eine halbe Stunde Maite Kelly, deren neues Album gerade erschienen ist...) – sagen Sie nicht, Sie hätten nicht gewußt, wie so etwas geschieht (und wie Ihnen geschieht, sozusagen).

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Aus unserer kleinen Reihe „Unverlangte Künstlerangebote“:

„Um Agent weltweit populären Musik (...) Ich habe eine außergewöhnliche Idee zur Einführung und Präsentation auf der West-Länder eine ältere großartiger Song aus den großen Rock and Roll Gruppe aus dem ehemaligen Jugoslawien und ein großer Hit von vor 20 Jahren. Ich habe übersetzt und fonetically und musikalisch angepasst dieses Lied für westliche Auflage und es sehr gut klingt und ich geschätzt, dass könnte sehr großer Erfolg weltweit.“

Bei uns besteht gerade kein Bedarf für einen „sehr großen Erfolg weltweit“, aber wenn Sie Interesse haben, vermittle ich gerne...

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Und im „Musikmarkt“ ist zu lesen: „Als Kultursponsor will Audi Zeichen setzen. Durch Engagement und die Audi Sommerkonzerte. Und nun noch mit dem Audi Design Flügel. Ein echter Wiener Bösendorfer, im modernen Audi Design gestaltet.“

Wahrscheinlich mit Quattro-Antrieb, für all diejenigen, die den Minutenwalzer sonst nicht schnell genug schaffen...

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Ei, wer hat sich da in der Sammelanzeige eines Berliner Konzertveranstalters in der „Berliner Zeitung“ versteckt, zwischen Marshall & Alexander und Jürgen von der Lippe, zwischen Schürzenjägern, Armentenor Paul Potts, Prinzessin Lillifee, Hansi Hinterseer und dem Russischen Staatsballett? Es ist der Hans-Olaf Henkel, der auf Tournee zu sein scheint und am 29.10.2011 im Saal der Berliner UdK  auftritt. „Es ist wieder Schürzenjäger-Zeit!“ Oh Verzeihung, da bin ich in die Anzeige daneben gerutscht. „Die Alternative zur Europapolitik. Unabhängig! Ehrlich! Verständlich! Ein Vortrag von einem der führenden Wirtschaftsexperten unseres Landes!“ wird der Auftritt Ausrufezeichen-reich angepriesen.

„Führender Wirtschaftsexperte?“ Naja, so wie noch jedes Nachwuchssternchen hierzulande wird auch dieser Hans-Olaf Henkel auf seiner ersten Tournee als Kunstprodukt „gemacht“ – im vergangenen Jahr war Henkel zweithäufigster deutscher Talkshowgast (mal wieder ein Gewinnspiel: was meinen Sie, wer häufigster Talkshowgast im deutschen Fernsehen war? Die erste richtige Antwort wird diesmal mit einer Flasche deutschen Rieslings bedacht, Wort!).

Henkel war als Präsident des Bundes der Deutschen Industrie einer der wichtigsten Großlobbyisten der Industrie, ansonsten hat er sich als Fan von Sarrazin und Ai Weiwei sowie als Autor der rechtsradikalen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ hervorgetan.

Das Bauprinzip einer reaktionären „Bewegung“, die Henkel mit seiner Tournee scheinbar aufbauen oder zumindest anschieben möchte, ist das gleiche wie das der Schweizer SVP oder der US-Tea Party: „Hinter dem Nebel einer Nebelmaschine“ (Widmer), die vermeintlich die Interessen des „kleinen Mannes“ vertritt, wird eine Politik der sehr Reichen gemacht.

„Es gibt kein richtiges Leben in Flaschen.“ (Gremliza)

Für Demonstranten: Die Eintrittskarten kosten ca. 20 Euro...

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Und wenn Sie gerade mal wieder nicht wissen, warum Sie noch ein Mobiltelefon haben, wo es doch weder zur Organisation von Revolutionen noch zu sonst etwas nütze zu sein scheint, denken Sie an Herrn Kaurismäki, der auf die Frage „Haben Sie ein Handy?“ geantwortet hat: „Ja, so ein Handy ist praktisch, wenn ich Bierflaschen öffnen will.“

15.09.2011 - 18:03

Den englischen Medien kann mans auch nicht recht machen. Da hat das seit Thatcher neoliberalste System Europas die meisten staatlichen Aufgaben und Besitztümer privatisiert, gewährt seinen Bankern ungehemmten Profit auch in den schlimmsten Bankenkrisen und hat seine Underdog-Jugendlichen seit Jahren und Jahrzehnten zu ungehemmtem Konsum als Teil des „very british way of capitalism“ erzogen – und wenn diese Jugendlichen dann statt für eine „Revolution“ eben nur für Playstations und Plasmafernseher auf die Straße gehen und sich „ihren Teil“ nehmen, ist es auch wieder nicht recht, und ein Sozialanthropologe wirft den Jugendlichen vor, daß sie das tun, was ihnen das System eingetrichtert hat: „Indem die Jugendlichen vor allem Geschäfte für Sportkleidung und Unterhaltungselektronik zu ihrem Ziel erklärt haben und aus Kiosken Schnaps und Zigaretten haben mitgehen lassen, demonstrieren sie zu gleichen Teilen hohlen Materialismus wie profunde Fantasielosigkeit“, schreibt ein Ross Holloway in der „taz“. Als ob man nicht bei jedem Spaziergang durch die Innenstadt Londons in den letzten Jahren genau dies und nur dies angetroffen hätte: brutalsten „hohlen Materialismus und profunde Fantasielosigkeit“...

Hohler Materialismus und profunde Phantasielosigkeit, wie sie übrigens auch aus den bundesweit entstehenden und entstandenen Einkaufszentren des Konzerns ECE spricht – eine Firma, die kaum jemand kennen dürfte, die aber für die flächendeckende antidemokratische Zurichtung unserer Innenstädte zu Kommerztempeln als Gegenpol zu öffentlichen Orten verantwortlich zeichnet.

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Und was macht die linke Pop-Boheme des Königreichs?

M.I.A. kündigte noch während der Krawalle via Twitter an, in London zur Stärkung „Tee und Mars-Riegel“ an die Randalierer verteilen zu wollen.

Tee und Mars-Riegel? Also Schokokram eines weltweit berüchtigten Nahrungsmittel-Multis für die Londoner Jugendlichen? So ist denen wohl kaum zu helfen... aber es bringt natürlich den Stand des Popdiskurses im Jahr 2011 im Bereich „Radical Chic“ ganz hübsch auf den Punkt.

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Auch hierzulande scheinen die Mächtigen nervös zu werden. Die deutsche Polizei warnt jedenfalls vor „ähnlichen Unruhen wie in England“, das Geraune von der Möglichkeit derartiger Gewaltausbrüche schweißt die Reihen zusammen.

Wobei, ob derartige Jugendunruhen zum Beispiel in Neukölln wirklich nicht passieren können, dafür würde ich meine Hand sozusagen nicht ins Feuer legen – wenn da mal ein ähnlicher Auslöser „passiert“... Die neoliberale Zurichtung Berlins durch den rot-roten Senat („rot-rot“, das sind die beiden Parteien, die sich in ihren Programmen für Bildung, für Mindestlöhne, für günstige Mieten und gegen die Privatisierung öffentlichen Besitzes aussprechen) ist der britischen Politik nicht unähnlich: die Mieten in Berlin explodieren längst, die Wohnungsbaugesellschaften wurden vom Senat privatisiert und verlangen jetzt die höchstmöglichen Mieten, sozialer Wohnungsbau wird in Berlin seit Jahrzehnten kaum mehr betrieben, die Mieten sind, seit der rot-rote Senat regiert, um etwa 25% gestiegen, an Bildung speziell in Wohngebieten von sozial Schwachen wird systematisch gespart, die Löhne, die der rot-rote Senat etwa durch seine Zuschußbescheide im Kulturbereich fixiert, betragen zwischen 3 und 5 Euro und reichen zum Leben in Würde kaum aus – um nur ein paar Beispiele zu nennen.

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Die Inszenierung um das neue Buch von Charlotte Roche ist ein hübsches Beispiel dafür, wie das bürgerliche Feuilleton zu Teilen längst zur devoten Abspielstation für die Vermarktungskampagnen der Kulturindustrie degradiert wurde. Noch bevor es überhaupt erschienen ist, feiert der einseitige Feuilleton-Aufmacher in der „FAZ“ das Buch, oder in der „Zeit“. Im „Spiegel“ darf Frau Roche auf sage und schreibe sieben langen Seiten ihre Sicht der Dinge in einem Interview zum besten geben. Vier Tage darauf reden Charlotte Roche und Jana Hensel im „Zeitmagazin“ auf sechs Seiten über Sex. Und in der „FAZ“ ein zusätzliches Interview mit Frau Roche über eine ganze Seite, in der die selbsterklärte Feministin Sätze sagt wie „Ich interessiere mich für die Wünsche meines Mannes, ich will ihn glücklich machen.“ Oder auch: „Nein, egal, wie viel Geld ich habe, mein Mann soll bitte schön mehr haben.“ Oder sie berichtet vom Tattoo auf ihrem Arm, wohin sie sich das Cover des Buches „Tiere essen“ von Safran Foer hat tätowieren lassen: „Schon in meiner Jugend war ich mal Vegetarierin. Das Tattoo soll jetzt dabei helfen, daß ich es auch bleibe. Ich gucke alle böse an, die Fleisch essen. Da bin ich extrem moralisch. Außerdem ist der Umweltfimmel auch für die Geschichte gut...“

Die Rolle der Analyse, der Einordnung von künstlerischen Werken hat das bürgerliche Feuilleton an dieser Stelle längst zugunsten ungeschminkter 1:1-Werbung zugunsten eines Produkts aufgegeben – eine der wenigen substantiellen Analysen des Buches von Charlotte Roche konnte man in der „Berliner Zeitung“ finden, ansonsten funktioniert Feuilleton hier, wie wir es von weiten Teilen des Musikjournalismus längst gewohnt sind, als der Kulturindustrie hörige, termingerechte und kritiklose Abspielstation deren Produkte. Da können die Produkte der größte Scheiß sein, Hauptsache, die Verwertungskette funktioniert...

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Wobei die biedere „Zeit“ ja immer wieder mal dadurch auffällt, komplett gaga zu sein. Da die „Zeit“ als Printprodukt eben keine Fürstenhochzeit live übertragen kann, löst sie dieses Problem auf ihre eigene Art – direkt hinter dem Sex-Gespräch der zwei biederen Autorinnen kann man den Artikel „Prinzessinnenbad“ lesen – das „Zeitmagazin“ hat eine Elisabeth Prinzessin von Thurn und Taxis gebeten, über einen Besuch im Kreuzberger Prinzenbad („Laufsteg, Kampfzone, Spielplatz und Sportstätte in einem“) zu schreiben. Und das spießig-bürgerliche Publikum bekommt von der Fürstentochter aufgetischt, wofür es bezahlt hat: „Ich erwarte Chaos, Aggression, vielleicht sogar eine Messerstecherei wie im Kino“, blabert das Fürstenfräulein am Eingang des Schwimmbads vor sich hin – das wäre natürlich eine sehr schicke Abwechslung für das fürstliche Einerleileben, das die Dame in London sonst lebt – wobei sie eine Messerstecherei und Aggression und Chaos aktuell eher vor ihrer Londoner Haustüre finden könnte... Doch das Fürstenfräulein plappert munter weiter, das Prinzenbad gleiche einem „Bürgerkriegsschauplatz“, „so hieß es in einer seriösen Tageszeitung“ (sehr seriös fürwahr). Aber das verwöhnte Fräulein zögert nicht: „Nun ja, ich bin in meinem Leben durch ein paar unheimliche Ecken spaziert“, stellt sie sprachlich ein wenig gewagt fest, „ich war in Nairobi und bin durch finstere Gassen in Neapel gestreift, mein Portemonnaie im Stiefel versteckt“ (Aufständische und Diebe in den dunklen Gassen und unheimlichen Ecken dieser Welt, habt ihr gelesen, wo ihr die Besitztümer der Fürstenkinder finden könnt?...), also, was solls – „ein bißchen mulmig ist mir zumute, als ich das Freibad betrete. Aber: es ist durchaus ein guter Schauer. Spannung!“

Wenn Fürstenkinder sich ins Freibad unter die Untertanen mischen und einen "guten Schauer" erleben, ist heutzutage die bürgerliche Presse eben nicht nur einfach „dabei“, sondern läßt die Adeligen aus erster Hand erzählen. Sie denken wohl, das sei investigativer Journalismus...

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Wenn man den Unterschied zwischen deutschen und spanischen Fußballern auf den Punkt bringen möchte: der Dresdner Pokalheld Robert Koch, zweifacher Torschütze beim Sieg des Zweitligisten über Bayer Leverkusen, sagte die Einladung zum „Aktuellen Sportstudio“ ab, weil er Karten für ein Open Air von Matthias „Verdammt, ich lieb dich“ Reim am gleichen Abend hatte. Während der spanische Profi Javier Poves von Sporting Gijon begründet, warum er „angewidert vom kapitalistischen Fußballsystem“ seine Karriere beendet und Geschichte studieren wird: „Je besser man den Fußball kennenlernt, desto klarer sieht man, daß sich alles nur ums Geld dreht. Das raubt dir alle Illusionen.“

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„Emihosting.com im Auftrag von PUR“ teilt mir mit: „PUR ist nominiert für die Goldene Henne 2011“.  Recht geschiehts ihnen...

Demzufolge sind Pur bei „Deutschlands größtem Publikumspreis“ nominiert in der Kategorie „Schlager, Rock, Pop & Volksmusik“, und sie sind derart verzweifelt, daß sie sogar mich anflehen: „Wir brauchen deine Hilfe! Bitte stimme für uns beim Voting und hilf uns dabei die goldene Henne zu gewinnen!“

(Kommasetzung können sie also auch nicht im PURen Abenteuerland...)

Dreimal dürften Sie raten, ob ich mich habe erweichen lassen.

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Im letzten Rundbrief hatten wir über junge Menschen gelästert, die im Ganzkörperhasenkostüm auf Festivals rumlaufen (oder wahlweise als Elch, Biene oder Banane). Das ist alles jedoch kein Zufall, sondern hat Methode, ist gewissermaßen systemisch, wie man heutzutage sagt: Eine Schweizer Band beispielsweise verrät dieser Tage stolz, daß es ihr gelungen ist, für ihr neuestes Video „mit Raphael Egli den Vizeweltmeister im Rollschuhkunstlauf für den Dreh zu gewinnen und in ein Hasenkostüm zu stecken“.

Nun kann man sagen: besser Hasenkostüm als die abgedroschene nationale Tabuwelle, die sonst gern gepflegt wird. Das „kraftvolle Panzerballett (Jazz-Funk-Mathematik-Metall)“ etwa, „die Rammstein des Jazz“ („Zeit“).

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Es war nicht alles schlecht in der DDR.

Nehmen Sie das Jodeln. Wie der international anerkannten Fachzeitung für Jodeln im Systemvergleich, dem „Hamburger Abendblatt“, zu entnehmen war, ist auf dem DDR-Gebiet ein „Hochleistungsjodeln“ mit eigenem Klang entwickelt worden, wogegen die Jodelei in der BRD nach 1961 „über regionale Brauchtumspflege nicht hinauskam“ (woraus man auch eine echte Benachteiligung der BRD durch den Mauerbau folgern könnte). Beim „Gesamtharzer Jodelwettstreit“ jedenfalls siegte zum elften Mal ein Andreas Knopf aus dem Ostharz, der mit den Worten zitiert wurde, Ostjodeln habe „einen wesentlich höheren Schwierigkeitsgrad“ (zitiert nach „Konkret“).

Die Volksmusiksendungen des DDR-Staatsfernsehens jedenfalls, so erinnere ich mich als ehemaliger Bewohner des osthessischen „Zonenrandgebietes“, hatten unbestreitbar Weltniveau, wovon der MDR noch heute zehrt, und wurde von der älteren Bevölkerung Ost- und Nordhessens bevorzugt goutiert. Es wächst eben über kurz oder lang immer zusammen, was zusammen gehört.

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Meine Lieblingsschlagzeile des letzten Monats sah ich bei „Musikwoche Online“:

„Gentleman und Wolfgang Niedecken vereinen sich für Afrika.“

Das stellt man sich gern im Wortsinn vor...

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Im Medienzirkus dieser Republik gilt Nibelungentreue, wes’ Brot ich ess, des’ Lied ich sing. Der Fernsehmoderator Jörg Thadeusz, dessen in ihrer Langeweile und Unoriginalität kaum zu übertreffenden Sendungen im Staatsfernsehen laufen, singt in der Springerpresse das hohe Lied aufs Staatsfernsehen, das ihm das Gnadenbrot gewährt.

Anders macht es Götz Aly – der schreibt nicht mehr in der gleichgeschalteten Frankfurter Rundschau/Berliner Zeitung. Warum? Weil die „Berliner Zeitung“ die Chuzpe besessen hatte, sein jüngstes Buch negativ zu besprechen. Das ist die freie und unabhängige Presse, die sie meinen.

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„Spiegel Online“ erledigt in einem hübschen Nebenhalbsatz eine zuvor vom embedded music journalism hochgejubelte deutsche Nachwuchshoffnung: „...den von vielen Fans bejubelten, aber komplett indiskutablen Auftritt des deutschen HipHop-Hypes Casper mit seinen Emo-artigen Malle-Raps“...

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Es lohnt sich, die neueste Untersuchung zur „Digitalen Content-Nutzung (DCN-Studie) näher zu betrachten, die der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) zusammen mit dem Börsenverein des Buchhandels und der „Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen“ (GVU) bei der GfK bestellt hat. Angeblich nimmt die GfK-Studie „das Download- und Kopierverhalten der Deutschen unter die Lupe“, so jedenfalls das treue Branchenblatt „Musikwoche“ in gewohnter Kritiklosigkeit: „3,7 Millionen deutsche Internetnutzer haben 2010 Medieninhalte aus unlizenzierten Quellen heruntergeladen. Das summierte sich auf 185 Millionen Songs, 46 Millionen Alben und sechs Millionen Hörbücher“, weiß die „Musikwoche“. Aber woher weiß sie das? Nirgendwo in dem Artikel steht, wie  die GfK zu ihren Ergebnissen gekommen ist, nämlich: sie hat ganze 10.000 Menschen befragt und daraus die von den Auftraggebern, den Lobbygruppen der Kulturindustrie, gewünschten Ergebnisse hochgerechnet, wie man beim anderen Branchenblatt, dem „Musikmarkt“ erfährt. 10.000 Personen ab zehn Jahren wurden befragt, „repräsentativ für 63,7 Millionen Deutsche“ – und schwupps, schon weiß man detaillierteste Zahlen und kann aus dem vermeintlich konkreten Zahlenmaterial – das natürlich doch nur phantasievoll hochgerechnet wurde – das herauslesen, was man schon vorher sagen wollte: wo 3,7 Millionen Internetnutzer (hochgerechnet aus 10.000 Befragten, wohlgemerkt!) angeblich „auf illegale Medienangebote zurückgreifen“, ist die Forderung natürlich klar: „Das hohe Unrechtsbewußtsein und die Aussage dieser Gruppe zur Wirksamkeit von sanktionierten Warnhinweisen sollten eine klare Handlungsanweisung an den Gesetzgeber sein“ (BVMI-Geschäftsführer Drücke).

Man glaubt am liebsten die Statistiken, die man selbst gefälscht hat...

Dumm nur, daß der „Spiegel“ am gleichen Tag die Ergebnisse der Branchenstudie als „fragwürdig“ in der Luft zerreißt: Laut „Spiegel Online“ „scheinen die Branchenverbände bei der Interpretation der Daten deutlich über das Ziel hinausgeschossen zu sein“. Der Studie zufolge wurden etwa von 23 Millionen E-Books rund 14 Millionen nicht bei legalen Anbietern heruntergeladen. Als Quellen gaben die Befragten etwa Tauschbörsen, private Websites oder Foren an. „Branchenkenner gehen davon aus, daß es sich mehrheitlich um Fachliteratur – etwa medizinische Lehrbücher großer Fachverlage – handeln dürfte. In diesem Fall wäre der digitale Bücherklau wohl in erster Linie ein Studentenphänomen – früher wurden teure Fachbücher kopiert und geheftet, heute saugt man sich eine Datenkopie aus dem Netz“.

Ein noch größeres Bubenstück unterläuft den Copyright-Fans der Lobbyistenverbände der Kulturindustrie bei der generellen Einordnung der Ergebnisse der Studie. Die GfK nämlich erwähnt den Begriff „illegal“ in ihrer Auswertung an keiner Stelle – „wir führen da keine Wertung durch“, erklärte ein GfK-Sprecher dem „Spiegel“. Die Lobbyistenverbände werteten dagegen einfach die meisten Downloads, die nicht „kostenpflichtig“ waren, einfach als „illegal“, wenn die Befragten als Quellen „Tauschbörsen / Sharehoster / private Websites / Blogs / Foren / ftp-Server / Newsgroups“ angegeben hatten. „Dabei gibt es selbstverständlich gewaltige Mengen an völlig legalen Buch-Downloads in PDF, ePub oder in anderen Formaten. Allein das deutschsprachige Projekt Gutenberg enthält über 5500 Romane, Erzählungen, Novellen, Dramen, Gedichte und Sachbücher in deutscher Sprache von über 1200 Autoren – alle gemeinfrei und damit kostenlos verfügbar“, stellt „Spiegel Online“ fest, und verweist darauf, daß auch etliche Autoren ihre eigenen Werke kostenlos als PDF anbieten – die Verbände haben derartige Downloads einfach als „illegal“ interpretiert, um ihre Horrormärchen von Online-Diebstählen zu untermauern: „Die Branchenverbände rechnen sich arm“, faßt „Spiegel Online“ das Münchhausen-Bubenstück der deutschen Musik- und Buchindustrie zusammen.

Wir sind gespannt, welche Märchen uns die Verwertungsindustrie als nächstes auftischt, um die Politik zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Und ob die Branchenmagazine sich endlich zu einer kritischen Berichterstattung bereitfinden, oder diese weiter branchenfernen Medien überlassen.

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20 Jahre World Wide Web – und in der „Berliner Zeitung“ waren neben einem lesenswerten Aufsatz von Peter Glaser ein paar hübsche Einschätzungen von „Experten“ zum Internet zu lesen:

„Internet ist nur ein Hype.“ (Bill Gates, 1995)

„Das Internet ist eine Spielerei für Computerfreaks, wir sehen darin keine Zukunft.“ (Ron Sommer, Telekom-Chef, 1990)

„Wir haben das Internet als interaktives Medium überschätzt.“ (Dieter Gorny, 2002)

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Ein Selbstmordattentäter zündet im Münchner Polizeiruf 110 der ARD eine Bombe – und was da zu sehen ist, ist dem Staatsfernsehen zu gewagt, und die Jugendschützer sorgen dafür, daß diese Folge des Polizeirufs im September nicht am Sonntagabend zur gewohnten Zeit, sondern am Freitag um 22 Uhr zu sehen sein wird.

Dabei übt das Fernsehen seine größte Gewalt durch die Orgien seiner Verblödungsmaschinerie zu besten kindgerechten Zeiten aus – man betrachte etwa mal Sonntagmittags die Dumpfsendungen „ZDF-Fernsehgarten“ oder auf ARD „Immer wieder sonntags“, und man weiß, daß Schmerzensgeldklagen gegen das Staatsfernsehen sehr aussichtsreich sein dürften...

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Dafür nahm der RBB seinen Bildungs- und Kulturauftrag wahr und übertrug am 27.8. die „Hohenzollern-Hochzeit“ eines „Georg Friedrich Prinz von Preußen“ und einer „Sophie Prinzessin von Isenburg“ drei Stunden lang live aus Potsdam. Abends gab es zu bester Sendezeit eine Zusammenfassung, gefolgt von einer „Doku“ zum 85. Geburtstag der Queen, „Happy Birthday, Queen Elizabeth“.

Das Staatsfernsehen schafft sich als Adels- und Yellow-TV selbst ab. Wofür zahlen wir unsere Gebühren? Hab ich vergessen...

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Und um noch kurz im Jammertal des deutschen Staatsfernsehens und seiner Talkshowplage zu bleiben: Was denken Sie, wie sich Dampfplauderin Anne Will auf ihre neue Talkshow vorbereitet? „Ich habe mir zum Beispiel vorgenommen, künftig mehr Illustrierte zu lesen und nicht nur die Politik- und Wirtschaftsseiten durchzupflügen. Mir geht es um Inspiration. Deshalb will ich auch wieder mehr ins sogenannte wahre Leben eintauchen.“

Talkshow als Fortsetzung von „Bunte“ und „Gala“ mit anderen Mitteln. Darauf haben wir gewartet. Und da soll man nicht zum Kulturpessimisten werden...

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„Im Haus der Kulturen der Welt ging am Sonnabend das WasserMusik-Festival zu Ende, das zum vierten Mal internationale Musiker versammelte, deren Namen man in der Regel noch nicht gehört hat“, berichtet die „Berliner Zeitung“.

Unter den Namen, die die Feuilleton-Berichterstatterin der Zeitung „in der Regel noch nicht gehört hat“, waren zum Beispiel Khaled, Giant Sand oder Amadou & Mariam...

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Es gibt ja Leute, die halten Günter Grass wegen zweieinhalb zugegeben ganz gelungener Seiten zu Beginn der „Blechtrommel“ für einen großen deutschen Schriftsteller. Ich denke, diese Leute fallen nur auf die Selbstinszenierung Grassens als Großschriftsteller herein – ich führe jederzeit den „Butt“, die „Rättin“ oder „Ein weites Feld“ an, um zu beweisen, daß Grass vor allem eines ist: langweilig. Überschätzt. Wer deutsche Literatur des letzten Jahrhunderts lesen will, der greife gefälligst zu Peter Hacks.

Aber das wäre alles nicht der Rede wert. Interessant ist, daß Grassens Neigung, in alle bereitstehenden Fettnäpfchen zu trampeln, mit zunehmendem Alter drastisch steigt. Und wie bei so vielen ehedem „linken“ Feuilleton-Machthabern (nun gut, Grass war nur Sozialdemokrat...) zeigt sich bei Grass ein Phänomen, das systemimmanent zu sein scheint: sie schwätzen in jungen Jahren mal kurz links daher, um dann so rasch wie möglich ihr wahres Gesicht zu zeigen und durch die Gedärme der herrschenden Meinung nach oben zu kriechen, dann auch äußerlich, was sie innerlich schon längst waren: braun eben.

Nehmen Sie Grass, der über Jahrzehnte quasi vergessen hat, seinen Lesern mitzuteilen, daß er sich mit 15 Jahren freiwillig bei Hitlers Wehrmacht meldete und im letzten Kriegsjahr Mitglied der Waffen-SS war. Der „plötzlich“ Bücher über untergehende Vertriebene schreibt und in der israelischen Zeitung „Haaretz“ behauptet, sechs Millionen Deutsche seien im Zweiten Weltkrieg von den „Sowjets liquidiert worden“. „Sechs Millionen“? Da war doch was? Es ist so ekelhaft wie erbärmlich.

* * *

Demokratie, die sie meinen: Demonstrationen gegen den Papstbesuch in Deutschland stoßen bei den Behörden auf Widerstand. Die Berliner Versammlungsbehörde etwa verbietet wegen angeblicher „Sicherheitsbedenken“ den Start einer „Karawane zum Papst“ am Brandenburger Tor. Auch die Freiburger Stadtverwaltung sowie die Behörden in Erfurt haben beantragte Demonstrationen und Infostände bislang nicht genehmigt.

Meinungsfreiheit? Hierzulande nur in den Grenzen, die die Regierenden festsetzen.

* * *

Der geniale US-amerikanische Autor David Simon („The Wire“, „Treme“, „Homicide“) sagt voraus: „Bald werden die ersten Steine in Städten wie Cleveland fliegen; ein Aufstand naht.“

Nutzen Sie die Zeit. Demonstrieren Sie. Leisten Sie Widerstand. Zahlen Sie Ihre GEZ-Gebühren nicht. Tun Sie etwas Verrücktes. Seien Sie dabei, wenn der „heimliche Aufstand“ naht...

15.09.2011 - 13:59

Den englischen Medien kann mans auch nicht recht machen. Da hat das seit Thatcher neoliberalste System Europas die meisten staatlichen Aufgaben und Besitztümer privatisiert, gewährt seinen Bankern ungehemmten Profit auch in den schlimmsten Bankenkrisen und hat seine Underdog-Jugendlichen seit Jahren und Jahrzehnten zu ungehemmtem Konsum als Teil des „very british way of capitalism“ erzogen – und wenn diese Jugendlichen dann statt für eine „Revolution“ eben nur für Playstations und Plasmafernseher auf die Straße gehen und sich „ihren Teil“ nehmen, ist es auch wieder nicht recht, und ein Sozialanthropologe wirft den Jugendlichen vor, daß sie das tun, was ihnen das System eingetrichtert hat: „Indem die Jugendlichen vor allem Geschäfte für Sportkleidung und Unterhaltungselektronik zu ihrem Ziel erklärt haben und aus Kiosken Schnaps und Zigaretten haben mitgehen lassen, demonstrieren sie zu gleichen Teilen hohlen Materialismus wie profunde Fantasielosigkeit“, schreibt ein Ross Holloway in der „taz“. Als ob man nicht bei jedem Spaziergang durch die Innenstadt Londons in den letzten Jahren genau dies und nur dies angetroffen hätte: brutalsten „hohlen Materialismus und profunde Fantasielosigkeit“...

Hohler Materialismus und profunde Phantasielosigkeit, wie sie übrigens auch aus den bundesweit entstehenden und entstandenen Einkaufszentren des Konzerns ECE spricht – eine Firma, die kaum jemand kennen dürfte, die aber für die flächendeckende antidemokratische Zurichtung unserer Innenstädte zu Kommerztempeln als Gegenpol zu öffentlichen Orten verantwortlich zeichnet.

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Und was macht die linke Pop-Boheme des Königreichs?

M.I.A. kündigte noch während der Krawalle via Twitter an, in London zur Stärkung „Tee und Mars-Riegel“ an die Randalierer verteilen zu wollen.

Tee und Mars-Riegel? Also Schokokram eines weltweit berüchtigten Nahrungsmittel-Multis für die Londoner Jugendlichen? So ist denen wohl kaum zu helfen... aber es bringt natürlich den Stand des Popdiskurses im Jahr 2011 im Bereich „Radical Chic“ ganz hübsch auf den Punkt.
 
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Auch hierzulande scheinen die Mächtigen nervös zu werden. Die deutsche Polizei warnt jedenfalls vor „ähnlichen Unruhen wie in England“, das Geraune von der Möglichkeit derartiger Gewaltausbrüche schweißt die Reihen zusammen.

Wobei, ob derartige Jugendunruhen zum Beispiel in Neukölln wirklich nicht passieren können, dafür würde ich meine Hand sozusagen nicht ins Feuer legen – wenn da mal ein ähnlicher Auslöser „passiert“... Die neoliberale Zurichtung Berlins durch den rot-roten Senat („rot-rot“, das sind die beiden Parteien, die sich in ihren Programmen für Bildung, für Mindestlöhne, für günstige Mieten und gegen die Privatisierung öffentlichen Besitzes aussprechen) ist der britischen Politik nicht unähnlich: die Mieten in Berlin explodieren längst, die Wohnungsbaugesellschaften wurden vom Senat privatisiert und verlangen jetzt die höchstmöglichen Mieten, sozialer Wohnungsbau wird in Berlin seit Jahrzehnten kaum mehr betrieben, die Mieten sind, seit der rot-rote Senat regiert, um etwa 25% gestiegen, an Bildung speziell in Wohngebieten von sozial Schwachen wird systematisch gespart, die Löhne, die der rot-rote Senat etwa durch seine Zuschußbescheide im Kulturbereich fixiert, betragen zwischen 3 und 5 Euro und reichen zum Leben in Würde kaum aus – um nur ein paar Beispiele zu nennen. 

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Die Inszenierung um das neue Buch von Charlotte Roche ist ein hübsches Beispiel dafür, wie das bürgerliche Feuilleton zu Teilen längst zur devoten Abspielstation für die Vermarktungskampagnen der Kulturindustrie degradiert wurde. Noch bevor es überhaupt erschienen ist, feiert der einseitige Feuilleton-Aufmacher in der „FAZ“ das Buch, oder in der „Zeit“. Im „Spiegel“ darf Frau Roche auf sage und schreibe sieben langen Seiten ihre Sicht der Dinge in einem Interview zum besten geben. Vier Tage darauf reden Charlotte Roche und Jana Hensel im „Zeitmagazin“ auf sechs Seiten über Sex. Und in der „FAZ“ ein zusätzliches Interview mit Frau Roche über eine ganze Seite, in der die selbsterklärte Feministin Sätze sagt wie „Ich interessiere mich für die Wünsche meines Mannes, ich will ihn glücklich machen.“ Oder auch: „Nein, egal, wie viel Geld ich habe, mein Mann soll bitte schön mehr haben.“ Oder sie berichtet vom Tattoo auf ihrem Arm, wohin sie sich das Cover des Buches „Tiere essen“ von Safran Foer hat tätowieren lassen: „Schon in meiner Jugend war ich mal Vegetarierin. Das Tattoo soll jetzt dabei helfen, daß ich es auch bleibe. Ich gucke alle böse an, die Fleisch essen. Da bin ich extrem moralisch. Außerdem ist der Umweltfimmel auch für die Geschichte gut...“

Die Rolle der Analyse, der Einordnung von künstlerischen Werken hat das bürgerliche Feuilleton an dieser Stelle längst zugunsten ungeschminkter 1:1-Werbung zugunsten eines Produkts aufgegeben – eine der wenigen substantiellen Analysen des Buches von Charlotte Roche konnte man in der „Berliner Zeitung“ finden, ansonsten funktioniert Feuilleton hier, wie wir es von weiten Teilen des Musikjournalismus längst gewohnt sind, als der Kulturindustrie hörige, termingerechte und kritiklose Abspielstation deren Produkte. Da können die Produkte der größte Scheiß sein, Hauptsache, die Verwertungskette funktioniert...

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Wobei die biedere „Zeit“ ja immer wieder mal dadurch auffällt, komplett gaga zu sein. Da die „Zeit“ als Printprodukt eben keine Fürstenhochzeit live übertragen kann, löst sie dieses Problem auf ihre eigene Art – direkt hinter dem Sex-Gespräch der zwei biederen Autorinnen kann man den Artikel „Prinzessinnenbad“ lesen – das „Zeitmagazin“ hat eine Elisabeth Prinzessin von Thurn und Taxis gebeten, über einen Besuch im Kreuzberger Prinzenbad („Laufsteg, Kampfzone, Spielplatz und Sportstätte in einem“) zu schreiben. Und das spießig-bürgerliche Publikum bekommt von der Fürstentochter aufgetischt, wofür es bezahlt hat: „Ich erwarte Chaos, Aggression, vielleicht sogar eine Messerstecherei wie im Kino“, blabert das Fürstenfräulein am Eingang des Schwimmbads vor sich hin – das wäre natürlich eine sehr schicke Abwechslung für das fürstliche Einerleileben, das die Dame in London sonst lebt – wobei sie eine Messerstecherei und Aggression und Chaos aktuell eher vor ihrer Londoner Haustüre finden könnte... Doch das Fürstenfräulein plappert munter weiter, das Prinzenbad gleiche einem „Bürgerkriegsschauplatz“, „so hieß es in einer seriösen Tageszeitung“ (sehr seriös fürwahr). Aber das verwöhnte Fräulein zögert nicht: „Nun ja, ich bin in meinem Leben durch ein paar unheimliche Ecken spaziert“, stellt sie sprachlich ein wenig gewagt fest, „ich war in Nairobi und bin durch finstere Gassen in Neapel gestreift, mein Portemonnaie im Stiefel versteckt“ (Aufständische und Diebe in den dunklen Gassen und unheimlichen Ecken dieser Welt, habt ihr gelesen, wo ihr die Besitztümer der Fürstenkinder finden könnt?...), also, was solls – „ein bißchen mulmig ist mir zumute, als ich das Freibad betrete. Aber: es ist durchaus ein guter Schauer. Spannung!“

Wenn Fürstenkinder sich ins Freibad unter die Untertanen mischen und einen "guten Schauer" erleben, ist heutzutage die bürgerliche Presse eben nicht nur einfach „dabei“, sondern läßt die Adeligen aus erster Hand erzählen. Sie denken wohl, das sei investigativer Journalismus...
 
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Wenn man den Unterschied zwischen deutschen und spanischen Fußballern auf den Punkt bringen möchte: der Dresdner Pokalheld Robert Koch, zweifacher Torschütze beim Sieg des Zweitligisten über Bayer Leverkusen, sagte die Einladung zum „Aktuellen Sportstudio“ ab, weil er Karten für ein Open Air von Matthias „Verdammt, ich lieb dich“ Reim am gleichen Abend hatte. Während der spanische Profi Javier Poves von Sporting Gijon begründet, warum er „angewidert vom kapitalistischen Fußballsystem“ seine Karriere beendet und Geschichte studieren wird: „Je besser man den Fußball kennenlernt, desto klarer sieht man, daß sich alles nur ums Geld dreht. Das raubt dir alle Illusionen.“

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„Emihosting.com im Auftrag von PUR“ teilt mir mit: „PUR ist nominiert für die Goldene Henne 2011“.  Recht geschiehts ihnen...

Demzufolge sind Pur bei „Deutschlands größtem Publikumspreis“ nominiert in der Kategorie „Schlager, Rock, Pop & Volksmusik“, und sie sind derart verzweifelt, daß sie sogar mich anflehen: „Wir brauchen deine Hilfe! Bitte stimme für uns beim Voting und hilf uns dabei die goldene Henne zu gewinnen!“

(Kommasetzung können sie also auch nicht im PURen Abenteuerland...)

Dreimal dürften Sie raten, ob ich mich habe erweichen lassen.
 
* * * 

Im letzten Rundbrief hatten wir über junge Menschen gelästert, die im Ganzkörperhasenkostüm auf Festivals rumlaufen (oder wahlweise als Elch, Biene oder Banane). Das ist alles jedoch kein Zufall, sondern hat Methode, ist gewissermaßen systemisch, wie man heutzutage sagt: Eine Schweizer Band beispielsweise verrät dieser Tage stolz, daß es ihr gelungen ist, für ihr neuestes Video „mit Raphael Egli den Vizeweltmeister im Rollschuhkunstlauf für den Dreh zu gewinnen und in ein Hasenkostüm zu stecken“.

Nun kann man sagen: besser Hasenkostüm als die abgedroschene nationale Tabuwelle, die sonst gern gepflegt wird. Das „kraftvolle Panzerballett (Jazz-Funk-Mathematik-Metall)“ etwa, „die Rammstein des Jazz“ („Zeit“). 

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Es war nicht alles schlecht in der DDR.

Nehmen Sie das Jodeln. Wie der international anerkannten Fachzeitung für Jodeln im Systemvergleich, dem „Hamburger Abendblatt“, zu entnehmen war, ist auf dem DDR-Gebiet ein „Hochleistungsjodeln“ mit eigenem Klang entwickelt worden, wogegen die Jodelei in der BRD nach 1961 „über regionale Brauchtumspflege nicht hinauskam“ (woraus man auch eine echte Benachteiligung der BRD durch den Mauerbau folgern könnte). Beim „Gesamtharzer Jodelwettstreit“ jedenfalls siegte zum elften Mal ein Andreas Knopf aus dem Ostharz, der mit den Worten zitiert wurde, Ostjodeln habe „einen wesentlich höheren Schwierigkeitsgrad“ (zitiert nach „Konkret“).

Die Volksmusiksendungen des DDR-Staatsfernsehens jedenfalls, so erinnere ich mich als ehemaliger Bewohner des osthessischen „Zonenrandgebietes“, hatten unbestreitbar Weltniveau, wovon der MDR noch heute zehrt, und wurde von der älteren Bevölkerung Ost- und Nordhessens bevorzugt goutiert. Es wächst eben über kurz oder lang immer zusammen, was zusammen gehört. 

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Meine Lieblingsschlagzeile des letzten Monats sah ich bei „Musikwoche Online“:

„Gentleman und Wolfgang Niedecken vereinen sich für Afrika.“

Das stellt man sich gern im Wortsinn vor...
 
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Im Medienzirkus dieser Republik gilt Nibelungentreue, wes’ Brot ich ess, des’ Lied ich sing. Der Fernsehmoderator Jörg Thadeusz, dessen in ihrer Langeweile und Unoriginalität kaum zu übertreffenden Sendungen im Staatsfernsehen laufen, singt in der Springerpresse das hohe Lied aufs Staatsfernsehen, das ihm das Gnadenbrot gewährt.

Anders macht es Götz Aly – der schreibt nicht mehr in der gleichgeschalteten Frankfurter Rundschau/Berliner Zeitung. Warum? Weil die „Berliner Zeitung“ die Chuzpe besessen hatte, sein jüngstes Buch negativ zu besprechen. Das ist die freie und unabhängige Presse, die sie meinen.

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 „Spiegel Online“ erledigt in einem hübschen Nebenhalbsatz eine zuvor vom embedded music journalism hochgejubelte deutsche Nachwuchshoffnung: „...den von vielen Fans bejubelten, aber komplett indiskutablen Auftritt des deutschen HipHop-Hypes Casper mit seinen Emo-artigen Malle-Raps“...

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Es lohnt sich, die neueste Untersuchung zur „Digitalen Content-Nutzung (DCN-Studie) näher zu betrachten, die der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) zusammen mit dem Börsenverein des Buchhandels und der „Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen“ (GVU) bei der GfK bestellt hat. Angeblich nimmt die GfK-Studie „das Download- und Kopierverhalten der Deutschen unter die Lupe“, so jedenfalls das treue Branchenblatt „Musikwoche“ in gewohnter Kritiklosigkeit: „3,7 Millionen deutsche Internetnutzer haben 2010 Medieninhalte aus unlizenzierten Quellen heruntergeladen. Das summierte sich auf 185 Millionen Songs, 46 Millionen Alben und sechs Millionen Hörbücher“, weiß die „Musikwoche“. Aber woher weiß sie das? Nirgendwo in dem Artikel steht, wie  die GfK zu ihren Ergebnissen gekommen ist, nämlich: sie hat ganze 10.000 Menschen befragt und daraus die von den Auftraggebern, den Lobbygruppen der Kulturindustrie, gewünschten Ergebnisse hochgerechnet, wie man beim anderen Branchenblatt, dem „Musikmarkt“ erfährt. 10.000 Personen ab zehn Jahren wurden befragt, „repräsentativ für 63,7 Millionen Deutsche“ – und schwupps, schon weiß man detaillierteste Zahlen und kann aus dem vermeintlich konkreten Zahlenmaterial – das natürlich doch nur phantasievoll hochgerechnet wurde – das herauslesen, was man schon vorher sagen wollte: wo 3,7 Millionen Internetnutzer (hochgerechnet aus 10.000 Befragten, wohlgemerkt!) angeblich „auf illegale Medienangebote zurückgreifen“, ist die Forderung natürlich klar: „Das hohe Unrechtsbewußtsein und die Aussage dieser Gruppe zur Wirksamkeit von sanktionierten Warnhinweisen sollten eine klare Handlungsanweisung an den Gesetzgeber sein“ (BVMI-Geschäftsführer Drücke).

Man glaubt am liebsten die Statistiken, die man selbst gefälscht hat...

Dumm nur, daß der „Spiegel“ am gleichen Tag die Ergebnisse der Branchenstudie als „fragwürdig“ in der Luft zerreißt: Laut „Spiegel Online“ „scheinen die Branchenverbände bei der Interpretation der Daten deutlich über das Ziel hinausgeschossen zu sein“. Der Studie zufolge wurden etwa von 23 Millionen E-Books rund 14 Millionen nicht bei legalen Anbietern heruntergeladen. Als Quellen gaben die Befragten etwa Tauschbörsen, private Websites oder Foren an. „Branchenkenner gehen davon aus, daß es sich mehrheitlich um Fachliteratur – etwa medizinische Lehrbücher großer Fachverlage – handeln dürfte. In diesem Fall wäre der digitale Bücherklau wohl in erster Linie ein Studentenphänomen – früher wurden teure Fachbücher kopiert und geheftet, heute saugt man sich eine Datenkopie aus dem Netz“.

Ein noch größeres Bubenstück unterläuft den Copyright-Fans der Lobbyistenverbände der Kulturindustrie bei der generellen Einordnung der Ergebnisse der Studie. Die GfK nämlich erwähnt den Begriff „illegal“ in ihrer Auswertung an keiner Stelle – „wir führen da keine Wertung durch“, erklärte ein GfK-Sprecher dem „Spiegel“. Die Lobbyistenverbände werteten dagegen einfach die meisten Downloads, die nicht „kostenpflichtig“ waren, einfach als „illegal“, wenn die Befragten als Quellen „Tauschbörsen / Sharehoster / private Websites / Blogs / Foren / ftp-Server / Newsgroups“ angegeben hatten. „Dabei gibt es selbstverständlich gewaltige Mengen an völlig legalen Buch-Downloads in PDF, ePub oder in anderen Formaten. Allein das deutschsprachige Projekt Gutenberg enthält über 5500 Romane, Erzählungen, Novellen, Dramen, Gedichte und Sachbücher in deutscher Sprache von über 1200 Autoren – alle gemeinfrei und damit kostenlos verfügbar“, stellt „Spiegel Online“ fest, und verweist darauf, daß auch etliche Autoren ihre eigenen Werke kostenlos als PDF anbieten – die Verbände haben derartige Downloads einfach als „illegal“ interpretiert, um ihre Horrormärchen von Online-Diebstählen zu untermauern: „Die Branchenverbände rechnen sich arm“, faßt „Spiegel Online“ das Münchhausen-Bubenstück der deutschen Musik- und Buchindustrie zusammen.

Wir sind gespannt, welche Märchen uns die Verwertungsindustrie als nächstes auftischt, um die Politik zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Und ob die Branchenmagazine sich endlich zu einer kritischen Berichterstattung bereitfinden, oder diese weiter branchenfernen Medien überlassen. 

* * * 

20 Jahre World Wide Web – und in der „Berliner Zeitung“ waren neben einem lesenswerten Aufsatz von Peter Glaser ein paar hübsche Einschätzungen von „Experten“ zum Internet zu lesen:

„Internet ist nur ein Hype.“ (Bill Gates, 1995)

„Das Internet ist eine Spielerei für Computerfreaks, wir sehen darin keine Zukunft.“ (Ron Sommer, Telekom-Chef, 1990)

„Wir haben das Internet als interaktives Medium überschätzt.“ (Dieter Gorny, 2002) 

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Ein Selbstmordattentäter zündet im Münchner Polizeiruf 110 der ARD eine Bombe – und was da zu sehen ist, ist dem Staatsfernsehen zu gewagt, und die Jugendschützer sorgen dafür, daß diese Folge des Polizeirufs im September nicht am Sonntagabend zur gewohnten Zeit, sondern am Freitag um 22 Uhr zu sehen sein wird.

Dabei übt das Fernsehen seine größte Gewalt durch die Orgien seiner Verblödungsmaschinerie zu besten kindgerechten Zeiten aus – man betrachte etwa mal Sonntagmittags die Dumpfsendungen „ZDF-Fernsehgarten“ oder auf ARD „Immer wieder sonntags“, und man weiß, daß Schmerzensgeldklagen gegen das Staatsfernsehen sehr aussichtsreich sein dürften... 

* * * 

Dafür nahm der RBB seinen Bildungs- und Kulturauftrag wahr und übertrug am 27.8. die „Hohenzollern-Hochzeit“ eines „Georg Friedrich Prinz von Preußen“ und einer „Sophie Prinzessin von Isenburg“ drei Stunden lang live aus Potsdam. Abends gab es zu bester Sendezeit eine Zusammenfassung, gefolgt von einer „Doku“ zum 85. Geburtstag der Queen, „Happy Birthday, Queen Elizabeth“.

Das Staatsfernsehen schafft sich als Adels- und Yellow-TV selbst ab. Wofür zahlen wir unsere Gebühren? Hab ich vergessen... 

* * * 

Und um noch kurz im Jammertal des deutschen Staatsfernsehens und seiner Talkshowplage zu bleiben: Was denken Sie, wie sich Dampfplauderin Anne Will auf ihre neue Talkshow vorbereitet? „Ich habe mir zum Beispiel vorgenommen, künftig mehr Illustrierte zu lesen und nicht nur die Politik- und Wirtschaftsseiten durchzupflügen. Mir geht es um Inspiration. Deshalb will ich auch wieder mehr ins sogenannte wahre Leben eintauchen.“

Talkshow als Fortsetzung von „Bunte“ und „Gala“ mit anderen Mitteln. Darauf haben wir gewartet. Und da soll man nicht zum Kulturpessimisten werden... 

* * * 

„Im Haus der Kulturen der Welt ging am Sonnabend das WasserMusik-Festival zu Ende, das zum vierten Mal internationale Musiker versammelte, deren Namen man in der Regel noch nicht gehört hat“, berichtet die „Berliner Zeitung“.

Unter den Namen, die die Feuilleton-Berichterstatterin der Zeitung „in der Regel noch nicht gehört hat“, waren zum Beispiel Khaled, Giant Sand oder Amadou & Mariam...

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Es gibt ja Leute, die halten Günter Grass wegen zweieinhalb zugegeben ganz gelungener Seiten zu Beginn der „Blechtrommel“ für einen großen deutschen Schriftsteller. Ich denke, diese Leute fallen nur auf die Selbstinszenierung Grassens als Großschriftsteller herein – ich führe jederzeit den „Butt“, die „Rättin“ oder „Ein weites Feld“ an, um zu beweisen, daß Grass vor allem eines ist: langweilig. Überschätzt. Wer deutsche Literatur des letzten Jahrhunderts lesen will, der greife gefälligst zu Peter Hacks.

Aber das wäre alles nicht der Rede wert. Interessant ist, daß Grassens Neigung, in alle bereitstehenden Fettnäpfchen zu trampeln, mit zunehmendem Alter drastisch steigt. Und wie bei so vielen ehedem „linken“ Feuilleton-Machthabern (nun gut, Grass war nur Sozialdemokrat...) zeigt sich bei Grass ein Phänomen, das systemimmanent zu sein scheint: sie schwätzen in jungen Jahren mal kurz links daher, um dann so rasch wie möglich ihr wahres Gesicht zu zeigen und durch die Gedärme der herrschenden Meinung nach oben zu kriechen, dann auch äußerlich, was sie innerlich schon längst waren: braun eben.

Nehmen Sie Grass, der über Jahrzehnte quasi vergessen hat, seinen Lesern mitzuteilen, daß er sich mit 15 Jahren freiwillig bei Hitlers Wehrmacht meldete und im letzten Kriegsjahr Mitglied der Waffen-SS war. Der „plötzlich“ Bücher über untergehende Vertriebene schreibt und in der israelischen Zeitung „Haaretz“ behauptet, sechs Millionen Deutsche seien im Zweiten Weltkrieg von den „Sowjets liquidiert worden“. „Sechs Millionen“? Da war doch was? Es ist so ekelhaft wie erbärmlich.
 
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Demokratie, die sie meinen: Demonstrationen gegen den Papstbesuch in Deutschland stoßen bei den Behörden auf Widerstand. Die Berliner Versammlungsbehörde etwa verbietet wegen angeblicher „Sicherheitsbedenken“ den Start einer „Karawane zum Papst“ am Brandenburger Tor. Auch die Freiburger Stadtverwaltung sowie die Behörden in Erfurt haben beantragte Demonstrationen und Infostände bislang nicht genehmigt.

Meinungsfreiheit? Hierzulande nur in den Grenzen, die die Regierenden festsetzen. 

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Der geniale US-amerikanische Autor David Simon („The Wire“, „Treme“, „Homicide“) sagt voraus: „Bald werden die ersten Steine in Städten wie Cleveland fliegen; ein Aufstand naht.“

Nutzen Sie die Zeit. Demonstrieren Sie. Leisten Sie Widerstand. Zahlen Sie Ihre GEZ-Gebühren nicht. Tun Sie etwas Verrücktes. Seien Sie dabei, wenn der „heimliche Aufstand“ naht... 

 

15.09.2011 - 13:57

Nun hat also auch die Linkspartei etwas, was die Welt nicht braucht, nämlich einen „rockmusikpolitischen Sprecher“. Kann sich noch jemand an „Siggi Pop“, den damaligen popmusikalischen Sprecher der SPD, Siegmar Gabriel, erinnern? Für die Jüngeren unter uns: SPD, das ist die Splitterpartei mit dem Rassisten Sarrazin, die einstmals als „Volkspartei“ eine gewisse Rolle als Radieschen (von Tucholsky ist das: „außen rot / innen weiß“) gespielt hat. Nun kann man, wie Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“, natürlich behaupten, daß ein pop- oder rockmusikalischer Sprecher als Abschußrampe für eine gediegene Funktionärskarriere dient – immerhin ist Siegmar Gabriel heute Sprecher nicht nur der Popabteilung, sondern der Gesamt-SPD. Man kann andrerseits aber auch darauf hinweisen, daß die SPD seit Einführung des Amtes eines „Beauftragten des Parteivorstands für Popkultur und Popdiskurs“ etwa die Hälfte aller Wählerstimmen verloren hat. Was dann wiederum für die Linke, deren Bundestagsfraktion sich seit Neuestem einen „rockmusikpolitischen Sprecher“ hält, eine beängstigende Perspektive sein dürfte.

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Frau Merkel bevorzugt musikalisch übrigens Leslie Mandoki, wie sie laut „Musikwoche“ anläßlich der „CDU MediaNight“ sagte: „Die Frage der Freiheit durchzieht alles, was sie machen (...) Leslie Mandokis Musik höre ich gerne. Er ist ein Künstler, der ein klares politisches Bekenntnis abgibt, und er macht uns damit auch Mut.“
Ob Frau Merkel mit dem „klaren politischen Bekenntnis“ und der „Mutmachmusik“ eher Mandokis Beitrag als Urschreier bei Dschingis Khan („He Reiter – Ho Leute – He Reiter – immer weiter! / Dsching, Dsching, Dschingis Khan / Auf Brüder – sauft Brüder! – rauft Brüder! Immer wieder / Laßt noch Wodka holen / Denn wir sind Mongolen“) meint, oder seinen Text „Wir sind wir“ für „teAM Deutschland“ („Wir sind jetzt und wir sind wir, voller Kraft und Hand in Hand / Wir sind stark und wir sind hier, klare Sicht und schönes Land / Mit dem Licht von Morgen in der Hand haben wir die Zeichen der Zeit erkannt / Und erreichen unser Ziel mit Herz und mit Verstand“...), bleibt offen.
Schön jedenfalls zu wissen, daß Frau Merkel, die ich auch schon mal in der Berliner Staatsoper bei „Tristan“ gesehen habe, solche Musik „gerne hört“.

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Frau Merkel übrigens, die innerhalb einer Woche ihre Freude über den Tod von Osama Bin Ladens kundtat und von der israelischen Regierung verlangte, der Hamas einen eigenen Staat einzurichten – eben der Hamas, deren Chef zwei Tage zuvor wiederum Osama Bin Laden einen Helden genannt hatte, über dessen Tod sich Frau Merkel so gefreut hatte...

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Eine Aufgabe aus dem bairischen Zentralabitur 2010, Grundkurs Geographie (laut „Konkret“):
„Im Rahmen des Ausbaus der Energieerzeugung aus Kernkraft wurde beschlossen, die japanischen Kernkraftwerke an den Küsten, jedoch in Entfernung zu den großen Verdichtungsräumen zu errichten. Begründen Sie diese Entscheidung und stellen Sie positive Effekte für die Entwicklung der räumlichen Strukturen an diesen Standorten dar!“

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Das renommierte „Deutsche Grammophon“-Klassik-Label hat in den letzten Jahren eine merkwürdige Strategie hinter sich. War in der Vergangenheit die Qualität vieler Alben des Labels unstrittig (Benedetti-Michelangeli! Pollini! Kleiber!...), hat sich die Qualität vieler DG-Veröffentlichungen leider in den letzten Jahren im Durchschnitt derartig verschlechtert, daß das Label zunehmend auf dubiose Marketing-Strategien zurückgreifen mußte. Deren beliebteste war, die weiblichen Interpreten in schlüpfrigen, pseudo-sexy Posen zu inszenieren, als ob sie für Deos oder Feinstrumpfhosen werben würden und nicht für Einspielungen klassischer Musik. Ein typischer Weg – wer auf die Qualität seines Produktes nicht mehr vertrauen kann, neigt zur Verzweiflungstat.
Dieser Tage ist ein außergewöhnliches, hervorragendes Album bei DG erschienen: das Debüt-Recital der verehrungswürdigen Sopranistin Anna Prohaska. Ein mutiges Programm, von Mahler über Debussy und Dowland zu Haydn und Schubert; Szymanowski, Schumann, Honegger, Dvorak und Purcell – was sich liest wie ein Fleckerlteppich, geht hervorragend auf und ist interpretatorisch immer auf der Höhe. Eines der „Alben des Jahres“ also, wie Musikjournalisten sagen würden.
Warum das Programm allerdings „Sirène“ heißen muß, und vor allem, warum Anna Prohaska sich von der Marketingabteilung ihrer Plattenfirma hat breitschlagen lassen, sich auf Cover und im ganzen Album in softpornografischen Posen fotografieren zu lassen, ist enttäuschend. Klar, das Label will es so, dort herrscht seit Jahren Altherrenschmonzes bei der Vermarktung weiblicher Künstler vor – da wird die Geigerin Julia Fischer im hauseigenen Magazin wahlweise als „Bach-Blüte“ oder „Der Bachfisch“ bezeichnet, da wird Elina Garanca „So Bel kann Canto sein“ betitelt. Daß sich aber ausgerechnet eine selbstbewußte junge Sängerin wie Anna Prohaska für eine eher sexistische Inszenierung hergibt, hatte man nicht erwartet.

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Wie sagt man eigentlich „den Bock zum Gärtner machen“, wenn es sich um eine Frau handelt?
Die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin wurde jedenfalls kurz, nachdem ihr von der Uni Heidelberg der Doktortitel aberkannt wurde, weil sie offensichtlich ihre Doktorarbeit zu weiten Teilen abgeschrieben hat, zum Mitglied im Forschungsausschuß des Europaparlaments ernannt (als Ersatz für einen FDP-Kollegen, der zurücktreten mußte, weil er ebenfalls seinen Doktortitel wegen Abschreibens verloren hatte – was ist los mit der sogenannten liberalen Elite?!?). Dann aber war der Protest und die Häme doch zu groß, und die FDP-Politikerin verzichtete auf den Sitz im Forschungsausschuß. Ihr Mandat im Europaparlament behält sie jedoch.

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Noch im vergangenen Jahr „jammerte U2-Rumpelstilz Bono, wie sehr er enttäuscht sei über die mittelprächtigen Absatzzahlen“ seines letzten Albums – so Christoph Dallach in „Spiegel Online“. In der aktuellen „Forbes“-Übersicht der Pop-Großverdiener allerdings landet für 2010 der „arme Bono und seine Gang“ (Dallach) auf Platz 1, die Band verdiente im vergangenen Jahr die wahrlich enttäuschende Summe von nur 195 Millionen US-Dollar. So ist eben alles relativ.
Weniger relativ ist allerdings der Protest, der beim jüngsten Auftritt von U2 beim legendären Glastonbury-Festival massenhaft gegen die Band vorgebracht wurde. Bono, der selbsternannte Gutmensch, Weltenretter und Louis Vuitton-Model, und seine Band, die gerne allüberall zu Spenden gegen die weltweite Armut aufrufen, bunkern ihre Hunderten von Millionen nicht etwa in ihrem – wirtschaftlich angeschlagenen – Heimatland, wo sie mit ihren Steuerzahlungen einen Beitrag zu einem gerechten Sozialsystem leisten könnten, sondern haben ihre Firma ins Steuerparadies Holland transferiert, um von ihren Millionen möglichst viel für sich selbst übrig zu behalten.
Cui Bono? Eben.

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Auch die Popsängerin „Adele“ ist kein Freund des Steuerzahlens. Sie fühle sich „gedemütigt“, 50 Prozent Steuern zahlen zu müssen, sagte sie dem britischen Musikmagazin „Q“ in einem Interview. Schon der Steuerbescheid nach ihrem ersten Album „19“ brachte die junge Sängerin völlig außer Fassung: „Ich war bereit, eine Waffe zu kaufen und wahllos loszuballern“.
Adele kritisierte die öffentlichen Einrichtungen, die mit ihren Steuergeldern finanziert werden – etwa den öffentlichen Nahverkehr, die staatlichen Schulen, das staatliche Gesundheitssystem. Die neoliberalen Kräfte in ihrem Heimatland werden sich über die öffentlichen Äußerungen der Sängerin freuen...

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Dieses Künstlerangebot aus unserem Posteingang hat uns sehr gefreut:
„Vogelfrey, der Pakt der Geächteten. Hinter diesem Namen verbirgt sich eine raffinierte und eigenständige Mischung aus Mittelalter, Folklore, Rock und Metal, kurz und bündig Folk Metal genannt.“
Eigentlich ist eine „eigenständige Mischung aus Mittelalter, Folklore, Rock und Metal“ genau das, was wir lieben, aber irgendwie war dann doch etwas zu wenig Gothik im Pakt der Geächteten, um uns für diese Band zu entscheiden...

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Bernd Cailloux, dachten wir, sei ein Schriftsteller, der bei Suhrkamp ein, zwei o.k.e Bücher veröffentlicht hat, die nicht großartig sind, aber auch niemandem weh tun.
Dann aber outete sich der selbsternannte Chronist der 68er in der „Zeit“ aufs Unangenehmste: „Die Wende“ etwa, sagt Cailloux, „hat uns ja viel eingebrockt. Das war einfach nur eine Katastrophe.“ Kann man so stehen lassen, denkt man. Aber Cailloux hat es so gemeint: „Sie hat uns die vielen Ausländer hier reingespült, hier ist jetzt richtiger Stellungskampf, die Potsdamer Straße ist voll, nur Goltz- und Motzstraße haben sie noch nicht.“
Wie bitte?
Aber der Alt-68er meint es ernst: „Meiner Ansicht nach passen sie nicht zusammen, Deutsche und die, auf die sie hier treffen.“ Und: die Ausländer „breiten sich unglaublich aus“...
Aha.
Die „Zeit“-Autorin geht mit Cailloux weiter durch seinen Schöneberger Kiez, man kommt am Schwulenclub Goya in der Motzstraße vorbei. „Riechen Sie was? Es riecht schon etwas nach schwul“, läßt der Schriftsteller wissen.
Warum die „Zeit“ einem offensichtlich schwulenfeindlichen Rassisten, der eine Art "Westentaschen-Sarrazin von der Motzstraße" gibt, ein einseitiges Porträt in ihrer Zeitung schenkt, bleibt natürlich ein Rätsel. Daß dieser ekelhafte Typ es wagt, an einer Veranstaltung  über den großen Jörg Fauser zu sprechen, sollte jedenfalls verboten werden.
Kleinbürgerliche Renegaten, die als ewig besserwissende Alt-68er durch die Welt bzw. durch ihren Kiez laufen, sind die schlimmsten denkbaren Zeitgenossen.

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Manche machen Musik, um die Welt zu ändern, manche machen Musik, um die Menschen zu beglücken, das eine wie das andere gelingt mal mehr, mal weniger. Manche sind auch einfach nur „in it for the money“. Manche aber machen auch bloß Musik für ihren Grabstein.
Die Sängerin der Kölner Popband „Klee“ jedenfalls verriet der „Berliner Zeitung“ dieser Tage, daß sie sich wünscht, daß der Titel ihres Songs „Ich will nicht gehen, wenn’s am Schönsten ist“ auf ihrem Grabstein stehen soll. „Dem fühlt sie sich gar nicht so fern“. Interessant.
Die Zeile „Ich werd’ nicht aufhören, auf die Liebe zu schwören“ aus diesem Song dagegen möchte sich die Sängerin „auf den Oberarm tätowieren lassen, das ist ja so in Mode geraten“.
Ich weiß nicht, was in Köln gerade Mode ist – ich weiß nur, daß die Mode, Unsinn zu plappern, scheinbar nicht auszurotten ist.

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Hier in Berlin gab es zuletzt verzweifelte Spendenaktionen. Wofür aber wurde gesammelt? Für die Opfer der Reaktorkatastrophe in Fukushima? Für Hungernde in Afrika? Für den pleite gegangenen Schauspieler Horst Janson (kein Scherz, googeln Sie mal „Spendenaufruf“, da landen Sie sofort bei „mit einem Euro sind Fans von Horst Janson dabei, sein Anwalt hat eine Spendenaktion für den bankrotten Schauspieler initiiert“...)?
Nein, hier geht es um unsere Abiturienten, die gerne „Hauptsache Schickimicki“ („taz“) ihr Abi feiern wollen und es heutzutage scheinbar nicht mehr unter Luxushotel, Limoservice, Live-Kapelle und Gala-Dinner machen. 51 Euro kostet eine Karte für den Abiball der Hellersdorfer Abiturienten, dazu kommen die Ausgaben für Ballkleider, Schuhe, Anzüge, Krawatten, denn so laufen die jungen Herrschaften heutzutage durch ihre Abschlußveranstaltung – und der Ball wird natürlich von einer Eventagentur organisiert, in den Sälen der Luxushotels der Stadt. Dumm nur, daß die Eventagentur scheinbar mit den Geldern durchgebrannt ist, weswegen die Abiturienten zwar möglicherweise etwas fürs Leben gelernt haben, aber ohne ihren Ball da standen... Finden Sie nicht so schlimm? Sie sagen, früher hätte man so was gar nicht aufwendig gefeiert? Und die ein Jahrzehnt Jüngeren sagen, früher hätte man die Feier selbst organisiert? Tschah, tempora mutantur, wie der Lateiner sagt, heutzutage, in der Berliner Republik, ist die Abifeier wieder „Ausweis der sozialen Differenz, wie in den fünfziger Jahren“ („Süddeutsche Zeitung“), die Ansprüche der Kids steigen eben.
Die Erbschaften übrigens auch – die Deutschen reichen immer mehr Geld an ihre Nachkommen weiter. Bis zum Jahr 2020 werden laut einer Studie des „Deutschen Instituts für Altersvorsorge“ 2,6 Billionen Euro vererbt (20% mehr als im letzten Jahrzehnt) – was man mit dem Geld alles machen könnte! Jährlich spielend mehrere Griechenlands retten beispielsweise. Allerdings: die Erbschaften verschärfen das Wohlstandsgefälle, denn die Verteilung ist ungleich. Zwar sei die „derzeitige Erbengeneration die einkommensstärkste und vermögendste, die Deutschland je gesehen hat“, aber nur ganz wenige Erben können mit einem großen Vermögen rechnen, die meisten werden nur bescheidene Beträge erben. Gutverdiener, die „häufig eine bessere Ausbildung genossen haben als der Durchschnitt der Bevölkerung, weil sie aus einem wohlhabenden Elternhaus stammen und dadurch mehr Geld in die Bildung investieren konnten, erben tendenziell mehr“, so das „DIA“.
Womit wir wieder zurück bei den Berliner Abiturienten sind – die vielleicht angesichts all dessen mit nicht ganz so viel Mitleid, sondern eventuell mit Spott rechnen sollten. Denn wer den Schaden hat, der wird schon erben. Oder so.

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Und was machen die Abiturienten und ihre wohlhabenden Eltern, wenn sie mal etwas Bildung wollen? Nachdem sie bei Manufaktum oder Ikea ihre Bücherregale gekauft haben?
Sie wenden sich an die andere Verbreitungsagentur doller Dinge in dieser Republik, an den Versandhändler Zweitausendeins. Dort bekommt man „Merkmails“, und darin kann man erwerben, alles auf einmal: „Statt Dosenravioli – ein Maximum an Genuß“, das Buch „Bäume“ („Der Baum gleicht einem betenden Menschen: Er sieht aus wie ein Mensch, der still steht, die Arme hebt und eine Unterredung mit Mächten zu unternehmen sucht, auf die er kaum Einfluß zu nehmen erhofft hatte“ – wer das weiterlesen will, muß eine Strafe von 9,90 Euro zahlen...), ein „Cool Camping Buch“, Sonderangebote eines Verlages, der „die Worte leben läßt“, ein Buch gegen Ai Weiwei und für die chinesische Kulturrevolution oder umgekehrt, und „zum guten Schluß ein Gedicht von Ringelnatz“, denn der ist tot und kann sich nicht wehren, hier vereinnahmt zu werden.

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Daß die Bundesregierung, die noch im vergangenen Jahr den Eindruck erweckte, die Kosten des Ausstiegs aus der Atomkraft und des Umstiegs auf alternative Energien seien so astronomisch, daß die billige Kernkraft unbedingt verlängert genutzt werden müsse, nun sagt, daß der Strompreis beim Atomausstieg um nicht mehr als einen Cent pro Kilowattstunde steigen werde, bedeutet ganz einfach, daß die Bundesregierung entweder letzten Herbst oder jetzt die Unwahrheit gesagt hat oder sagt. So oder so, die Bundesregierung hat die Bürger belogen. Was in Sachen Atomkraft natürlich nicht wirklich eine Überraschung ist.
Ebenso wenig eine Überraschung jedenfalls wie der Beschluß der „Grünen“, dem Atomausstieg zum Jahr 2022 (der jederzeit widerrufen werden kann, wie wir ja auch letzten Herbst bereits erleben mußten) von Schwarz-Gelb zuzustimmen, obwohl man doch gerade einen Gesetzentwurf in den Bundestag eingebracht hatte, wonach man den Atomausstieg bereits bis zum Jahr 2017 umgesetzt sehen wollte.
Die einen nennen das Spiel „Demokratie“, der französische Philosoph Alain Badiou dagegen spricht vom heutigen Modell westlicher Demokratie als „parlamentarischen Fetischismus“...

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"Die drei Hauptthesen: daß wir der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen sind; daß wir mehr herstellen, als wir uns vorstellen und verantworten können; und daß wir glauben, das, was wir können, auch zu dürfen: diese drei Grundthesen sind angesichts der im letzten Vierteljahrhundert offenbar gewordenen Umweltgefahren leider aktueller und brisanter als damals." (Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, 1979 im Vorwort zur 5.Auflage)
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MySpace muß man hauptsächlich dafür lieben, daß es das Geld des reaktionären Medienmoguls Rupert Murdoch vernichtet hat. Vor gar nicht so langer Zeit hat Murdoch MySpace für 580 Millionen Dollar seinem Imperium einverleibt. Nun hat Murdoch MySpace für nur noch 35 Millionen Dollar verkauft. Klasse.
Wenn Sie einen Tip suchen, wie Sie Ihr Geld vernichten wollen, nehmen Sie den hier, ich gebe ihn kostenlos: Investieren Sie in Facebook! Damit wirds auch in nicht allzu ferner Zukunft rasant bergab gehen, wenn all die jungen Menschen festgestellt haben werden, daß man seine Facebook-Freunde nicht in den Arm nehmen kann.
Ach, übrigens: wenn Sie unser Facebook-Freund werden wollen, nur zu:
Facebook Agentur Seliger

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Auch so ein echter Auskenner: „Ich weiß nicht, wann das Internet voll ist“, merkte Kulturstaatsminister Bernd Neumann gewohnt kompetent an. Ich weiß allerdings, wann jemand wahlweise doof oder bescheuert ist.

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Was aber kann man tun, wenn man das eine und das andere ist? Dann hilft nur noch beten.
„Es ist besser, mit Taliban zu beten, als sie zu bombardieren“ – also sprach die evangelische Allzweckwaffe und Lieblingsautorin der BundesbürgerInnen, Margot Käßmann.
Wollen wir die Dame für die nächsten paar Jahre also nach Afghanistan schicken? Dort hat sie dann viel zu beten und kann keine Bücher mehr schreiben, was ja immerhin eine erfreuliche Nachricht wäre.

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Und was macht "Spex"? "Mister Spex" jedenfalls ist nicht nur damit beschäftigt, die nächste Musikzeitschrift runterzuwirtschaften, sondern hat ein zusätzliches Auskommen im Brillengeschäft gefunden: "Mister Spex sorgt für Durchblick - Mister Spex, Deutschlands größter Online-Versand für Markenbrillen vertreibt Brillen, Sonnen- und Sportbrillen von mehr als 90 Marken", flötet die Werbung.
It's sponsoring, stupid!

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Verbindlichsten Dank für all die Zuschriften zum Thema Tattoo und Tattoo. Klar hätte ich das auch selbst googeln können, aber dann hätte ich nicht all die netten, vergnüglichen und interessanten Zuschriften erhalten, weswegen ich auch im Nachhinein Sie gegenüber Google bevorzuge... ich bin mittlerweile jedenfalls ein echter Tattoo-Experte – wer hätte das gedacht.
Die ausgeschriebene Flasche Weißwein wurde verdoppelt – eine geht an unseren Leser Christof Ellinghaus, der die erste von vielen ausführlichen und sachkundigen Erklärungen geschickt und der den Berliner Militarismus noch dazu hübsch mit dieser Erklärung verwoben hat. Eine zusätzliche Flasche Weißwein war mir die originellste Erklärung zu „Tattoo“ wert, sie stammt von Michael Binder und geht so:
„Meines Erachtens ist die "Event"-Bezeichnung "Berlin Tattoo" lautmalerisch gemeint. Tut-Tut-Tatü-Tata-Tatu-Tattoo klingt es ungefähr, wenn ein bärtiger Uniformierter ins Horn stößt (oder auch Herr Niedecken bei seinem neuen Skoda die Hupe betätigt). Dass Tattoo eigentlich die englische Bezeichnung für Tätowierung ist, ist offensichtlich sowohl beim Deutschen Bundeswehr-Verband als auch bei der O2-World unbekannt.“

In diesem Sinne: Genießen Sie den Sommer! Machen Sie viel Tattoo!

15.09.2011 - 13:56

Im Fußball werden wir nächstes Jahr sehen, wer Europameister wird – der Europameister bei den Rüstungsexporten steht bereits fest: es ist Deutschland. Ein trauriger Titel. Deutschland hat Waffen an das autoritäre Regime von Hosni Mubarak in Ägypten geliefert, Deutschland hat das Regime von Muammar Gaddafi in Libyen aufgerüstet und die Genehmigung für die Lizenzproduktion des Sturmgewehrs von Heckler & Koch an das Königreich Saudi-Arabien (das ist das autoritäre Regime, von dem Politik und Medien hierzulande schweigen) erteilt.
Kleinwaffen, einer der Exportschlager der deutschen Rüstungsindustrie, fordern weltweit den größten Teil der Todesopfer in Kriegen und Bürgerkriegen. Allein die Firma Heckler & Koch hat mittlerweile schätzungsweise 1,5 Millionen Tote durch Entwicklung und Export von Kleinwaffen zu verantworten. Waffenexporte richten gigantischen Schaden bei der Bekämpfung von Armut und Hunger an.
Im Grunde sind all diese Waffenexporte dem Geist des Grundgesetzes folgend nicht erlaubt. Friedens- und Menschenrechtsgruppen wollen nun mit einer Kampagne eine Präzisierung des Artikels 26 GG durchsetzen, wonach Rüstungsexporte wirksam verboten werden sollen: „Kriegswaffen und sonstige Rüstungsgüter werden grundsätzlich nicht exportiert.“ Bis zur Bundestagswahl 2013 sollen 262.000 Unterschriften gesammelt werden:
www.aufschrei-waffenhandel.de

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Am Samstag, dem 7.Mai, morgens in der Wochenendbeilage der „FAZ“ zwei Seiten Vorabdruck des in der kommenden Woche erscheinenden Buches „Toscana mia“ von Robert Gernhardt gelesen. Später am gleichen Tag in der Wochenendbeilage der „Süddeutschen“: eine Seite Vorabdruck des in der Folgewoche erscheinenden neuen Gernhardt-Buches...
Die Feuilletons unserer Qualitätszeitungen sind sich eben extrem ähnlich. Aber sie entscheiden ja nicht nur selber, was sie drucken, sondern lassen sich von gut arbeitenden Marketingabteilungen der Verlage auch Texte verkaufen. Wie im embedded music journalism unserer Tage die Plattenfirmen entscheiden längst die Verlage, was wann wo erscheint.
(gute Texte aber!)

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Rätsel über Rätsel. An was würden Sie denken, wenn Sie die Anzeige „Berlin Tattoo“ irgendwo sehen? Wahrscheinlich so wie ich an das, was auf Wikipedia so beschrieben wird: „Ein Tattoo ist ein Motiv, das mit Tinte oder anderen Farbmitteln in die Haut eingebracht wird.“
Was aber hat der „Deutsche BundeswehrVerband“ damit zu tun? Der nämlich präsentiert „Berlin Tattoo.“ (nur original mit dem Punkt...) am 3.-5.November 2011, und in der ganzseitigen Anzeige auf der Rückseite von „event“ erfahren wir: „Das Berlin Tattoo vereint als offizielles Nachfolgeevent des Berliner Militärmusikfests erstmals die Welt der Musik vor einer spektakulären Kulisse in der“ Mehrzweckhalle am Ostbahnhof, die von manchen beharrlich auch anders genannt wird. „Eine einmalige Show der Extraklasse“ versprechen der „Deutsche BundeswehrVerband“ und die „O2 World“, und ich habe keine Zweifel daran, daß das Wörtchen „Extraklasse“ nicht zu hoch gegriffen ist, wenn sich Pest und Cholera zusammentun, um Militärmusik zu veranstalten. Unterstrichen wird die „Extraklasse“ vom ausgewählten Fotomotiv, einem bärtigen, uniformierten Dudelsackbläser mit relativ wenigen, um nicht zu sagen: gar keinen in die Haut eingebrachten Tintenmotiven.
Nur – warum um Himmels willen nennen sie das alles „Berlin Tattoo“???
Ich bin bereit, eine brauchbare oder zumindest originelle Erklärung mit einer Flasche Weißwein aus meinen Beständen zu honorieren.

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Kurz vor der Entscheidung der deutschen Sozialdemokratie, die unsereiner mitunter ebenso wenig verstehen kann wie den Bundeswehrverband oder die besagte Berliner Mehrzweckhalle, Thilo Sarrazin in der Partei zu belassen, sah ich Sarrazin beim Zappen in einer Talkshow, und knappe fünf Minuten von Sarrazins Geschwurbel reichten aus, um bestätigt zu sehen, daß Sarrazin ein fremdenfeindlicher Reaktionär ohne Format ist. Daß so etwas in der SPD seinen Platz hat, ist bedauerlich.
Kaum hatte die von Andrea Nahles angeführte Parteikommission zum Erstaunen der Öffentlichkeit den Verbleib Sarrazins in der SPD verkündet, ätzte dieser in einer öffentlichen Veranstaltung erneut diffamierend gegen Migranten. Bayerns SPD-Chef Florian Pronold bezeichnete Sarrazin daraufhin als „schizophren“: Wer sich in einer Erklärung von seinem bisherigen Verhalten distanziere, um bei der nächstbesten Gelegenheit Menschen erneut zu beleidigen und zu diskriminieren, sei „nicht mehr ganz dicht. Damit hat er endgültig belegt, daß man ihn nicht mehr ernst nehmen kann“, sagte der SPD-Funktionär.
Wer „schizophren“ und „nicht mehr ganz dicht“ ist, scheint mir allerdings viel eher die SPD zu sein. Wer einen ausgewiesenen Reaktionär und Rassisten in der Partei behält, um sich dann öffentlich zu wundern, daß dieser ausgewiesene Reaktionär tatsächlich weiterhin dumpfe Fremdenfeindlichkeit verbreitet, der hat „endgültig belegt, daß man ihn nicht mehr ernst nehmen kann.“

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Kanzlerin Angela Merkel (CDU) meinte ebenfalls, den Sarrazin geben zu müssen, und kritisierte die „Südländer“, also Griechen, Spanier und Portugiesen, dafür, zu wenig zu arbeiten und zu viel frei zu machen. 2009 hatte Italien durchschnittlich 28 bezahlte Feiertage, Griechenland 23, Spanien und Portugal 22. Im Vergleich: in Deutschland gab es durchschnittlich 30 bezahlte Urlaubstage... Selbst wenn man die arbeitsfreien Feiertage hinzuzählt, liegt Deutschland weit vorn, mit 40,5 freien Urlaubs- und Feiertagen, im Vergleich zu 39 in Italien, 36 in Spanien, 35 in Portugal und gar nur 33 in Griechenland.

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Warum die Karten für das – wunderbare! – Sonderkonzert der Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado anläßlich des 100.Todestages von Gustav Mahler im Mai 2011 zwischen 70 und 220 Euro kosten mußten, ist ein anderes Rätsel. Die Berliner Philharmoniker sind ein von der öffentlichen Hand finanziertes Orchester, die in einem Konzertsaal spielen, der den BürgerInnen gehört; zusätzlich werden sie mit zig Millionen jährlich von der Deutschen Bank unterstützt. Und dennoch soll nur die Elite, sollen nur die Reichen oder doch zumindest Wohlhabenden in der Lage sein, Mahler bei den Berliner Philharmonikern zu sehen?
Da kann Frau von der Leyen jedenfalls noch viel Geld aufbringen, bis Hartz-4-Familien sich den Eintritt zu solch einem elitären Konzert leisten können. Eben nicht „Kultur für alle“. Lediglich Kultur, die von allen finanziert wurde, mit ihren Steuergeldern...
Beim Konzert des New York Philharmonic Orchestras am Tag darauf, also einem Orchester ebenfalls von Weltrang, ebenfalls in der Berliner Philharmonie, ebenfalls mit einem erlesenen Mahler-Programm, ebenfalls prominent besetzt, ebenfalls von einer Bank gesponsort (der Credit Suisse), allerdings von einem Privatunternehmen auf dem freien Markt plaziert, kosteten die Tickets übrigens zwischen 30 und 130 Euro, also etwa die Hälfte der vom Steuerzahler subventionierten Preise des Konzerts der Berliner Philharmoniker.
Wie Eleonore Büning in der „FAS“ schreibt, steht das „höchstsubventionierte deutsche Orchester“ mit der Öffentlichkeit auf Kriegsfuß, „es nennt sich „Republik“, fühlt aber aristokratisch“... Bei den Salzburger Osterfestspielen haben die Berliner Philharmoniker laut „FAS“ für „sechs Konzerte plus zwei Opern 1,2 Millionen Euro erhalten“; dazu kommen 123.500 Euro für ihren Chefdirigenten Simon Rattle, für sechs Dirigate von drei Programmen... Den Vertrag mit den Salzburger Osterfestspielen haben die Berliner Philharmoniker allerdings aufgekündigt, in Baden-Baden scheint ab 2013 noch mehr Geld zu verdienen sein.
Die Publicity-Aktionen ihres „Education“-Programms mit Jugendlichen haben jedenfalls einen mehr als schalen Beigeschmack, wenn man sich diese Zahlen (die der Honorare wie die der Eintrittspreise) betrachtet...

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In dieses mehr als unglückliche Bild, das die Berliner Philharmoniker vermitteln, passt die Meldung, daß das Orchester unter dem berüchtigten Gastdirigenten Christian Thielemann unkommentiert Werke aufgeführt hat, die nationalsozialistisch belastet sind, nämlich eine sogenannte „Festmusik der Stadt Wien“, die Richard Strauss dem NS-Statthalter Baldur von Schirach offeriert und die 1943 am 5.Jahrestag des Anschlusses der Stadt und Österreichs an „Großdeutschland“ uraufgeführt wurde. Das Programmheft der Berliner Philharmoniker salbadert laut „Welt“ dazu: „Äußerste Virtuosität fordert die Festmusik mit ihren brillanten Sechszehntelkaskaden den Interpreten in jedem Falle ab, weswegen es dem Werk nutzen und frommen wird, einmal in den heiligen Hallen der Philharmonie zu erklingen“. Außerdem wurde ein „Festliches Präludium“ des gleichen Komponisten dargeboten, das, wie es im offiziellen Philharmoniker-Programm lapidar hieß, zuletzt „1943 im Rahmen der Vorfeiern zum Geburtstag Adolf Hitlers“ von den Philharmonikern gespielt wurde.
Es würde dem historisch ja durchaus belasteten Orchester sicher „nutzen und frommen“, bei der Stückeauswahl ohne naziverseuchte Musik auszukommen, und in den „heiligen Hallen der Philharmonie“ mehr historische Sorgfalt bei den Programmtexten walten zu lassen. Auch wenn man einen Thielemann wohl als Kontrast zu Rattle oder Abbado bucht, um auch die „im Publikum überwiegende Zahl von Siegelringträgern“ („Welt“) bei derartigen Konzerten an sich zu binden.
Ekelhaft.

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Ein Freund schickt mir aus Peking einen Link zum YouTube-Video mit der Rede des New Yorker Bürgermeisters Bloomberg bei der Eröffnung der Ai Weiwei-Tierkreis-Skulpturen und schreibt, „von wegen man kann das nicht sehen in China. IP-Adresse ändern und los gehts!“
Am nächsten Tag schreibt ein Peer Junker (wer sagt da noch, daß Namenswitze verboten seien?...) im Berliner „Tagesspitzel“: „Die Lage in China ist derart angespannt, daß offener Protest gegen die Verhaftung Ai Weiweis kaum möglich ist. Wenn überhaupt, kann Kritik an den Behörden höchstens noch im Internet geäußert werden. Doch auch dort läßt sich die Zensur kaum noch umgehen.“
Sie sehen nur, was sie sehen wollen und sollen...

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Dem „Zeit“-Magazin erzählte Klaus „Scorpions“ Meine, er wolle in Rente gehen, „solange dieser Hurrikan noch ein Hurrikan“ ist, und er wolle nicht „eines Tages als Karikatur unterwegs sein“.
Eines Tages?!?

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Wie Politiker rechnen, „denken“ und brabbeln:
Die Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Birgit Homburger, erhält bei der Wahl zur baden-württembergischen FDP-Landesvorsitzenden im ersten Wahlgang 180 von 400 Stimmen, exakt so viele wie ihr Gegenkandidat. Im zweiten Wahlgang erhält Frau Homburger 199 von 400 Stimmen, bringt also erneut nicht einmal 50% der Delegierten hinter sich, und gewinnt die Wahl, weil ihr Gegenkandidat nur 192 Stimmen erhielt.
Der FDP-Europaabgeordnete Michael Theurer verkündete daraufhin, der Landesverband stehe „zu hundert Prozent“ hinter Homburger.

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Überhaupt der mit großem Getöse verkündete „Neustart“, der „Neubeginn“ der Pünktchenpartei:
Gesundheitsminister Rösler wird Wirtschaftsminister.
Wirtschaftsminister Brüderle wird Vorsitzender der Bundestagsfraktion.
Fraktionsvorsitzende Homburger wird Vize-Parteivorsitzende.
Staatssekretär Bahr wird Gesundheitsminister.
Frau Leutheusser-Schnarrenberger bleibt Justizministerin und Vize-Parteivorsitzende.
Westerwelle bleibt Außenminister.
„Alles neu / macht der Mai“, im Remix der FDP...

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Der große Michael Althen schrieb anläßlich des Todes von Robert Mitchum:
„Das ist ja das Wunder des Kinos, daß es sich das Leben mit einer Leichtigkeit anverwandelt, von der andere Künste nur träumen können. Es kann sich leisten, einen Schrank von einem Mann, der mit Schauspielerei nichts am Hut hat, vor eine Kamera zu stellen, und uns damit auf eine Weise zu berühren, daß man einen Moment lang tatsächlich glaubt, alles sei möglich. Wirklich alles. Man könnte aus dem Dunkel der Säle auf die Straße treten und die Einsamkeit ertragen. Die Dinge auf die leichte Schulter nehmen. Im rechten Moment die richtigen Sätze  sagen. Erkennen, wann man handeln muß. Wissen, was man tut. Trotzdem das Falsche tun.“
In jedem einzelnen Absatz, den Michael Althen schrieb, steckt mehr Qualität, Intensität und Können als im gesamten deutschen Kino der letzten zwanzig Jahre (Werner Herzog und Herbert Achternbusch zählen hier nicht als deutsche, sondern als bairische Filmemacher, und Andreas Dresen ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt...).

Was für ein Skandal, daß Michael Althen mit 48 Jahren starb, und daß, sagen wir, um mal eine Bandbreite anzugeben, Til Schweiger oder Wim Wenders weiterleben...

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14.Mai 2011. Fast den kompletten „Eurovision Song Contest“ auf ARD gesehen. Anke Engelke prima, sehr souverän und mitunter witzig. Die Technik state of the art, die Lightshow bunt und wild. Alles o.k. so und nicht weiter der Rede wert, alles eine monströse Partyzone, wie man sich im Fernsehen halt heutzutage eine „Pop“-Show vorstellt. Aber wozu gab es diese 25 größtenteils langweiligen, nicht einmal mediokren, unoriginellen Musikbeiträgen zwischendrin? Welche Bewandnis hatte es damit?

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Können denn Politiker und ihre Kinder gar keine Doktorarbeit mehr selber schreiben?
Erst der Mann, der über Wasser gehen kann, dessen Ausreden, warum seine Ghostwriter große Strecken seiner Doktorarbeit geklaut haben, immer dubioser und peinlicher werden. Die Familie hat zu viel von ihm erwartet? Awcmon...
Dann die Tochter von Stoiber – Doktortitel futschikato.
Und nun die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin – und mal ehrlich, wer Frau Koch-Mehrin jemals in einer Talkshow ein paar Sätze hat sagen hören, mußte ernsthaft Zweifel daran hegen, daß diese Frau rechtmäßig einen Doktortitel erwerben konnte. Hat sie ja auch nicht: abgeschrieben, Doktortitel futschikato. Es wird berichtet, die FDP-Politikerin habe „Konsequenzen gezogen“ und trete „von allen politischen Ämtern bei den Liberalen“ zurück. Wenn man sich das genau anschaut, wird’s aber besonders ärgerlich: denn zwar trat Frau Koch-Mehrin als Vorsitzende der FDP im europäischen Parlament, als Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und als Präsidiumsmitglied der FDP zurück. Ihr Mandat als Europaabgeordnete behielt Koch-Mehrin aber. Was für die FDP nicht mehr gut genug ist, für den Bürger, den Deppen, solls also reichen, für den Bürger, der sie ins Parlament gewählt hat, ist Betrug anscheinend gut genug. Was für eine Message, die die FDP-Frau da aussendet!

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Es stand in der „Berliner Zeitung“: Ai Weiwei sei nicht nur „Chinas berühmtester Künstler“ und „populärer Regimegegner“, nein, man konnte anläßlich der Verhaftung Ais auch die absurde Feststellung lesen: „Vage heißt es in Chinas Staatspresse, es gehe um Wirtschaftsvergehen, leider ein besonders schlechtes Zeichen: In Rußland wurde Michail Chodorkowski gleich zweimal unter solchem Vorwand der Prozeß gemacht. Also schlimmer hätte es nicht laufen können.“
Mal jenseits der Frage, ob es angemessen ist, die Freilassung eines Gefangenen zu fordern, ohne überhaupt zu wissen, weswegen er angeklagt wurde, und ob er nicht tatsächlich gegen Steuergesetze verstoßen haben könnte – aber ausgerechnet einen russischen Oligarchen, der es innerhalb weniger als eines Jahrzehnts vom Funktionär des kommunistischen Jugendverbands Komsomol zum Chef der ersten Privatbank Rußlands, zum stellvertretenden Minister für Brennstoffe und Energie und wenig später zum Vorstandsvorsitzenden des Energiekonzerns Jukos und damit zum reichsten Mann Rußlands gebracht hat, also ausgerechnet jemanden, der sich ganz offensichtlich seinen Privatbesitz aus den Beständen des russischen Staatseigentums zusammenergaunert, vulgo das russische Volk mit mafiotischen Mitteln beklaut hat, ausgerechnet einen derartigen korrupten Oligarchen also zum Kronzeugen für Menschenrechte und Demokratie zu machen, ist schon ein mediales
Bubenstück und beweist besondere Chuzpe.

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„Wir mögen Tomaten lieber geworfen als gekocht“, wirbt das „Missy Magazine“ pseudo-aufmüpfig. Und was ist mit den Tomaten auf den Augen?
Ich mag Papier mitunter jedenfalls lieber als Baum denn abgeholzt und bedruckt...

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Einen Beitrag zum von „Spex“ ausgerufenen Revival-Wettbewerb des politischen Liedes hat die Popgruppe „Ich + Ich“ eingereicht; unter dem 68er-Motto „alles Private ist politisch“ singt die Band: „Du bist das Pflaster für meine Seele / Wenn ich mich nachts im Dunkeln quäle / Es tobt der Haß, da vor meinem Fenster.“ Mir gefällt vor allem die überraschende Wendung in der dritten Zeile. Und unter dem Pflaster wartet bekanntlich der Strand, auch wenns manchmal nur der frankfurterisch-babbelnde Pflasterstrand ist – was aber zugegeben eine andere Geschichte ist.

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Und was macht ein anderer Könner des deutschen politischen Liedes? Was macht Wolfgang Niedecken? Er fährt Skoda. Im Ernst. Teilt zumindest der Pressedienst der „Skoda Auto Deutschland GmbH“ mit:
„Wolfgang Niedecken ist SKODA Kulturkopf und fährt Superb Combi“, erfahren wir und können uns noch so mancher Werbeprosa erfreuen: „Denn BAP-Frontmann Niedecken bereichert seit Jahresbeginn den Kreis der SKODA Fahrer und ist begeisterter Fahrer eines Superb Combi (...) Er schätzt das Business-Class-Gefühl seines neuen Autos (...) „Meine Musik soll berühren“, sagt er (...) Der „Bob Dylan vom Rhein“, der privat eher schweigsam sein soll, bringt in seinen Liedern den Kölner Dialekt zum Funkeln und verbindet politische Wachsamkeit mit humanitärem Engagegemnt (sic! BS). „Gerade deshalb freuen wir uns, Wolfgang Niedecken zu den SKODA Kulturköpfen zählen zu dürfen“, sagt Hermann Schmitt, Geschäftsführer von SKODA AUTO DEUTSCHLAND. „Unsere Kulturköpfe stellen zuweilen die Kulturszene auf den Kopf, zerbrechen sich auch mal den Kopf und lassen den Kopf dabei nicht gleich hängen“, textet der SKODA-Chef gekonnt. Fehlt eigentlich nur noch die naheliegende Postkarten-Feststellung, daß der SKODA-Kulturkopf rund ist, damit das Denken die Richtung wechseln kann.
Zugegeben, diese Pressemitteilung wirft ein paar kleine Fragen auf. Etwa: wäre die Welt nicht eine  bessere, Niedecken wäre privat ein rechtes SKODA-Plappermaul und würde dafür öffentlich „eher schweigsam sein“? Wäre es nicht schön, die Autofirma schriebe einen SKODA Kulturkropf aus? Ich wüßte einen Kandidaten für den ersten Preis. Er tut sich durch viel Engagegemnt hervor, und Sie werden ahnen, an wen ich denke...

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„Ein Marshall-Amp, eine Strat, ein festes Drumset werden die Welt niemals aus den Angeln heben, wie es derzeit eigentlich notwendig wäre, aber sie können mit dazu beitragen, sich über die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse zu empören.“
(Klaus Wallinger vom Kino Kulturverein Ebensee in „...shopping in the big store“, Buch anläßlich des 25jährigen Jubiläums des Kino Ebensee, einem der führenden Kulturzentren Europas. Reschpekt und dicken Glückwunsch nach Ebensee of all places!)

„Isch lieben aus tubiklär!“, wie Lady Gaga im schönen Song „Scheiße“ ihres gerade erschienenen neuen Albums singt. Womit sie sehr nahe an Flaubert ist, der 1873 an Turgenjew schrieb: „Ich habe immer versucht, in einem Elfenbeinturm zu leben, aber ein Meer von Scheiße schlägt an seine Mauern, genug, ihn zum Einsturz zu bringen.“
In diesem Sinne: genießen Sie den Juni! Auf welchem Turm auch immer Sie ihn verbringen...

15.09.2011 - 13:55

Zu Jahresbeginn haben wir an dieser Stelle aus Karl Bruckmaiers anrührendem Nachruf auf  Capain Beefheart zitiert: „Animalisches stieg da auf, zugleich aber etwas renitent der Moderne Verpflichtetes, Antireaktionäres, Unversöhnliches...“
Eine sehr schöne Captain Beefheart-Anekdote hat dieser Tage Wiglaf Droste erzählt:
„Bono, dem das Gefühl für Peinlichkeit nicht bekannt ist, schrieb an Captain Beefheart, der auf einem anderen musikalischen Planeten lebte als Bono und seine Spießgesellen, er könne doch gern einmal mit U2 auftreten. Captain Beefheart schrieb zurück: „Sehr geehrter Herr Bongo, ich weiß nicht, wer Sie sind, aber bitte schreiben Sie mir nicht mehr.“ Allein dafür muss man den im Dezember 2010 verstorbenen Captain Beefheart in Ehren halten.“

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Kann mir eigentlich irgendjemand mal erklären, wozu es die Pünktchenpartei, die FDP, noch weiter geben soll? Der sogenannte „politische Liberalismus“ findet längst in allen bürgerlichen Parteien statt. Von den Herren Westerwelle, Rösler und wie sie alle heißen ist in all den Jahren und Jahrzehnten keine politische Idee und kein signifikantes politisches Handeln bekannt. Und nun will das neue Führungsteam die Partei sozialer und irgendwie grüner machen, weil das gerade en vogue ist – dazu hat Gabor Steingart im „Handelsblatt“ süffisant angemerkt: „Ob der FDP die Wähler wegliefen, weil sie nicht links genug war?“ Nein, das Wörtchen „überflüssig“ ist das einzige, was einem zur FDP einfällt. Von daher wäre ich den hiesigen Medien sehr dankbar, wenn sie ihre Berichterstattung über diese in Kürze verschwindende Partei auf das begrenzen würden, was sinnvoll ist: kurze Meldung auf den hinteren Seiten, statt jede Wasserstandsmeldung der untergehenden Partei groß auf den Titelseiten aufzublasen.

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Auf der Medienseite der „Süddeutschen Zeitung“ staunt man über eine Studie zweier Journalisten, die u.a. behaupten, daß die Blödzeitung „gar keine richtige Zeitung sei, sondern sich nur so inszeniere, um Geschäfte machen zu können (...) Das Blatt sei mit seinen „Volksprodukten“ und seiner „Marketing- und Verkaufsmaschine“ zu „einem der großen Einzelhändler Deutschlands geworden“.
Schön, wie der „Perlentaucher“ süffisant anmerkt: „Als wäre nicht gerade die SZ ein Pionier der Tschiboisierung gewesen!“
Und passend dazu liegt das „Osterangebot“ des Münchner Tschiboverkaufsblattes mit angeschlossener „Qualitätsjournalismus“-Abteilung in meinem Briefkasten – und nun raten Sie mal, was mir die Süddeutsche anbietet, wenn ich für vier Wochen die Zeitung abonniere? Eine „Tschibo-Geschenkkarte im Wert von 10 Euro“. Kein Scherz.

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Daß nun ausgerechnet die süddeutsche Zeitungs-Tschibo-Filliale Hand in Hand mit „Spex“, die ja bekanntlich für Geld auch alles machen inklusive der Vermischung journalistischer und werblicher Inhalte, daß nun ausgerechnet SZ und Spex also unzufrieden sind mit dem Zustand des „politischen Pop“ in Deutschland, der „merkwürdigerweise fast nichts mit der Gegenwart zu tun“ habe, und daß die Spex sogar so weit geht, sich nicht zu entblöden, einen Wettbewerb für „neue Protestsongs“ auszuschreiben, ist schon eine drollige Verarsche. Und daß sowohl Süddeutsche als auch Spex ihre Artikel ausgerechnet an Bob Dylan aufhängen („Bob Dylan wird 70, der Protestsong ist abgemeldet“ titeln die einen, „nach den Auftritten Bob Dylans in Peking und Shanghai war es wieder da, das Gespenst des politischen Pop“, raunen die anderen), ist signifikant – ganz so, als ob Bob Dylan, der längst für Papst, Damenunterwäsche und Pepsi singt, noch irgendeine Protest-Relevanz haben würde (und das ist jetzt unabhängig von seinem Rang als Songwriter, versteht sich).
Natürlich fragt man sich, warum der Zorn, der angesichts der Weltenläufe mehr als berechtigt wäre, hierzulande so gar nicht in der Popmusik zu hören ist – während Bands wie die Gang of Four oder die Mekons ebenso die Katastrophen der modernen Welt thematisieren, wie es sogar Alison Krauss tut. Während hierzulande ein Sven Regener im „Musikexpress“ in bräsiger Selbstzufriedenheit und selbstgefälliger Saturiertheit sagt: „Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Politik und Kunst (...) Wir wollen Menschen mit Kunst glücklicher machen. Wir sind nicht der verlängerte Arm der Volkshochschulen. Politik ist nicht die Basis, das ist falsch verstandener Marxismus.“
Andrerseits: will man die Bots zurück? Texte von Dieter „das weiche Wasser“ Dehm? Heinz-Rudolf Kunze? Der übrigens 1988 nicht nur das von Dieter Dehm geschriebene Parteilied der SPD auf deren Parteitag sang, sondern auch im gleichen Jahr auf Einladung des Zentralrats der FDJ bei der sogenannten „Friedenswoche der Berliner Jugend“ vor 120.000 Zuschauern auftrat, um das damalige DDR-System zu stabilisieren, live im DDR-Fernsehen übertragen und von Kathi Witt moderiert, während die DDR-Künstler, die eine andere DDR wollten, das FDJ-Spektakel boykottierten. Mit solcherart Spagat qualifiziert man sich hierzulande dafür, als einziger Pop-Künstler in der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestags zu sitzen...
Natürlich gibt es Kai und Franz-Josef Degenhardt, Hannes Wader oder Ja, Panik, klar.
Wer wie SZ und Spex allerdings allen Ernstes ein Revival des deutschen politischen Pop, des Protestsongs fordert, hat kulturell und politisch irgendetwas nicht so ganz mitbekommen. Mal abgesehen davon, daß der Pop hierzulande doch längst politisch ist, als von der Initiative Poli... Verzeihung, von der Initiative Musik geförderter Staatspop...
Etwa fünf Jahrzehnte nach der Hochzeit des US-Protestsongs nach einem Revival des Protestliedes zu rufen, zeigt, daß man knappe fünf Jahrzehnte Entwicklung von Popmusik und Zeitläufen nicht mitbekommen hat und ist ungefähr so originell, wie wenn die Konservativen danach rufen, in Berlin das Stadtschloß wieder aufzubauen. Laßt den Protestsong in Frieden ruhen. Und wer hierzulande politische Musik hören möchte, der greife zu den Goldenen Zitronen, zu Ja, Panik, oder zu Corazons „Scheißautoreferentialität“ (ich weiß, ich wiederhole mich) oder summe den „Heimlichen Aufstand“ (den von Eisler, wohlgemerkt!). Und lasse uns mit seinen abstrusen Feuilleton-Aufrufen bitteschön in Ruhe.

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Die Literatur-Szene ist in Aufruhr. Es geht um das Engagement des Atomkonzerns Vattenfall für die Hamburger „Vattenfall Lesetage“. Engagierte Autoren wie Harry Rowohlt oder Brigitte Kronauer haben in einem Aufruf gegen die Lesetage geschrieben: „Wir wollen nicht mehr dabei helfen, wenn Energiekonzern-Lobbyisten sich mit einem Literaturfestival schmücken. Wir weigern uns, durch unsere Arbeit das Image eines dreckigen Stromanbieters aufzupolieren.“
Autoren wie Moritz Rinke oder Feridun Zaimoglu wollen allerdings weiter für Vattenfall (bzw. für von Vattenfall gezahltes Bares...) lesen.
Das Sponsoring von Atomkonzernen ist nicht selten: RWE sponsort zum Beispiel das Hamburger „Harbourfront Literaturfestival“, die Rhein-Energie AG unterstützt die Lit.Cologne, und E.on ist Hauptsponsor des „Schleswig-Holstein-Musikfestivals“ (und Vattenfall war übrigens auch in den Jahren vor der Atomkatastrophe in Japan schon ein Atomkonzern...).
Natürlich kann man so tun, als ob alles egal sei. Wer etwas bezahlt, für wen man spielt, singt und auftritt. Man kann für Gaddafi spielen oder für den Papst. Man kann für Jägermeister auftreten oder für Pepsi, oder wie die braune Brühe gerade heißen mag. Oder man kann wie weiland Neil Young festhalten: „Ain’t singing for Pepsi, ain’t singing for Coke.“ Hatten wir schon.
Die Haltung der Künstler dieser Agentur ist im Prinzip sehr eindeutig: Keine unserer Bands spielt direkt für Sponsoren, keiner unserer Künstler läßt sich von sogenannten Markenartiklern finanzieren. Und wir sind stolz darauf, derartig konsequente Künstler vertreten zu dürfen.
Ansonsten gibt es Varianten, wenn es darum geht, von welchen Firmen Events oder Festivals finanziert werden, die unsere Bands einladen. Calexico zum Beispiel treten generell nicht bei Festivals auf, die von Atomkonzernen oder Zigarettenfirmen finanziert werden; sie haben es sogar geschafft, daß während ihrer Auftritte bei Hurricane und Southside die Coca-Cola-Werbung von ihrer Bühne verbannt wurde – man sieht also, Künstler sind angesichts des Sponsoringtsunamis nicht ganz so hilflos, wie immer getan wird.
David Thomas, wir haben es bereits berichtet, schließt jedes Sponsoring seiner Konzerte aus, für Bratsch ist es eine Selbstverständlichkeit, sich nicht von Firmen finanzieren zu lassen. Und ein Künstler wie Bonnie „Prince“ Billy läßt nicht einmal die beliebte Tournee- und Konzertpräsentation von sogenannten Medienpartnern zu und erklärte dies ganz simpel: „Ich möchte nicht, daß auch nur einer meiner Fans denkt, ich hätte etwas mit dem Musikmagazin zu tun, dessen Logo auf meinem Poster steht. Ich will das nicht.“

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Der Mann, der über Wasser gehen kann, hatte bei seinem Rücktritt noch verlautbaren lassen, die Aufklärung seiner Plagiatsaffäre sei ihm ein „aufrichtiges Anliegen“. Der seinerzeit quasi größtmögliche Aufklärer versuchte dann, durch seine Anwälte die Veröffentlichung des Kommissionsbericht der Universität Bayreuth über die Plagiatsvorwürfe unterbinden zu lassen. Der Bericht kommt laut Medienberichten zu dem Schluß, daß Guttenberg bei seiner Dissertation bewußt getäuscht haben müsse – ein simpler Betrüger also... Erst durch die öffentliche Entrüstung pfiff der Mann, der über Wasser gehen kann, dann seine Anwälte wieder zurück. Um nun mitzuteilen, seine Doktorarbeit sei ein „Mißverständnis“, sozusagen.
Neulich ein Berliner Taxifahrer allerdings: „...der einzige gute Politiker, den wir in den letzten Jahren hatten, mußte zurücktreten“... So ist das alles, die da unten identifizieren sich immer noch mit dem, der in seinem Schloß weiter oben ist als die meisten anderen...

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Ich stoppe übrigens, wenn ein deutscher Songwriter oder eine deutsche Popsängerin „tief in mir drin“ singt, ähnlich schnell den CD-Player, wie ich das Fernsehen beim Wort zum Sonntag ausschalte. Geht gar nicht.
„Schmetterlinge im Bauch“ oder „die Seele baumeln lassen“ sagt man ja auch nur noch in viertklassigen Fernsehfilmen (also zu bester Sendezeit bei ARD und ZDF...).

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Enthaltung im Sicherheitsrat bei der Entscheidung, Libyen zu bombardieren? Wäre mit einem „grünen“ Außenminister nicht passiert. Da wurde von Serbien bis Afghanistan bombardiert, was das Zeug hielt.
Während sie jetzt ein Land suchen, das Gaddafi aufnehmen könnte, ohne ihn an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag auszuliefern – ob diejenigen, die sich das ausdenken, Angst haben, wegen Beihilfe ebenfalls in Den Haag angeklagt zu werden? Schließlich haben Regierungen wie die Großbritanniens, Frankreichs oder Deutschlands, also die Länder, die am meisten Öl aus Libyen bezogen haben, über Jahre den mittlerweile Diktator nicht nur hofiert, sondern ihm auch systematisch die Waffen geliefert, die Gaddafi jetzt gegen seine Bevölkerung einsetzt.

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Wer wissen möchte, was für eine Sorte von Demokratie hierzulande als Exportmodell herrscht, der betrachte sich das Verfahren, wie ohne öffentliche Diskussion und ohne jede parlamentarische Abstimmung das „Einheitsdenkmal“ von Sasha Waltz und Johannes Milla durchgesetzt wurde – ein banales Designobjekt für 10 Millionen Euro. Die vergoldete Baby-Wippe zeigt dabei recht anschaulich, wie sich die Oberen unter Anführung von Kulturstaatsminister Neumann (CDU) die Beteiligung der Bürger, ja, letztlich die „deutsche Einheit“ in Wahrheit vorstellen: ein paar Bürger können die Einheitsschale betreten, und wenn sie sich einig sind, können sie ein bißchen hin und her wippen (selbstredend nur in einer vorgegebenen Richtung: immer um die eigene Achse...), und wenn sie die Babywippe wieder verlassen, ist alles wie zuvor. Änderung, Beweglichkeit sind nicht vorgesehen.

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Susanne Messmer hat nicht nur ein Problem mit der deutschen Sprache, sondern scheiterte in der „taz“ vergangener Jahre auch schon an eher einfachen Aufgaben wie der Rezension eines Calexico-Konzertes (wir berichteten). So etwas qualifiziert natürlich für höhere Aufgaben, in diesem Falle: für die China-Berichterstattung, und für den taz-eigenen Beitrag an der Installierung Ai Weiweis zu einer Art neuen Dalai Lamas.
Aufgabe Susanne Messmers war es, über die Vorstellung eines Essaybandes „Konfliktkulturen“ zu berichten, den das Goethe-Institut dieser Tage herausgegeben hat. Aber Messmer gefällt das, was sie hört, nicht: Der Autor Abdel-Samad und die Regisseurin Waldmann schlagen vor, sich von der Besserwisserei und Hochnäsigkeit früherer Tage zu verabschieden und andere Kulturen zu achten. Das ist mit Frau Messmer nicht zu machen: „Die Kunst“, schreibt sie, „fragt derzeit täglich, ob die Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“ wegen der Verhaftung von Chinas bekanntestem Künstler Ai Weiwei vorzeitig geschlossen werden soll.“
Schöner Satz. „Die Kunst fragt täglich“... Hat jemand die Kunst gesehen? Bei wem sie an die Haustür klopft und fragt, der rufe bitte mal durch, ich würde gerne mal mit ihr sprechen, mit „der Kunst“.
Doch nicht nur „die Kunst“, nein, auch „die Politik fragt dringend, wie angemessen mit einer Großmacht umzugehen ist, die immer erfolgreicher und aggressiver wird“. Fragen Politik und Kunst, diese beiden, die Frau Messmer so genau kennt.
Natürlich kann man sich denken, was Susanne Messmer sagen möchte, auch wenn ihr die Mittel dazu fehlen. Sie möchte „China mit harten Restriktionen unter Druck setzen“ und stößt damit ins bereitstehende Horn – sie würde sagen, „die Presse fragt...“
Aber so, wie niemand ernsthaft erwarten wird, daß bei all den „Brennpunkten“ in der ARD, bei all den entrüsteten Berichten in der deutschen Presse zu Libyen, zu Ägypten, zu Tunesien auch nur einmal ein kritischer Bericht zur Diktatur in Saudi-Arabien oder zur systematischen Sklavenhaltung des Systems Dubai zu lesen sein wird, so kann man, mit wenigen Ausnahmen, nichts über die Probleme lesen und hören, die China wirklich hat. Die dreistelligen Millionenzahlen von Arbeitsmigranten innerhalb des Landes. Die Frage der Arbeiterrechte – gerechte Bezahlung, soziale Versorgung, all dies. Und mit welchen Mitteln westliche Konzerne, von Apple bis Adidas, dazu beitragen, daß chinesische Arbeiter ausgebeutet werden.
Aber ein Land wie "unseres", das für die Rechte Ausgebeuteter wenig übrig hat, hat auch wenig Interesse, über reale Probleme zu berichten. Es geht um Vereinfachung, um Individualisierung eines Problems, um das Kreieren einer bürgerlichen Symbolfigur, mit der man Politik machen kann. Und zu diesem Behuf hält man sich den einen oder anderen Journalisten – ob der oder die nun die deutsche Sprache beherrscht oder gar politische Zusammenhänge begreifen kann, darauf kommt es nicht an. Gefragt ist Ideologie, gefragt ist Selbstbestätigung und Vereinfachung.

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Daß sich der Bundesverband Musikindustrie, die GEMA, die „Spitzenorganisation der Filmwirtschaft" (was es so alles gibt...die Hauptsache "Spitze"!), der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der VPRT und die „Allianz Deutscher Produzenten Film & Fernsehen“ zu einem neuen Lobbyistenverband namens „Deutsche Content Allianz“ (Sprache können sie also auch nicht) zusammentun, ist ungefähr so überraschend und berichtenswert, wie wenn in China eine schwarzgebrannte CD im Regal umfällt. Was aber an Dreistigkeit und Chuzpe kaum zu übertreffen ist, ist die Tatsache, daß ARD und ZDF in diesem Lobbyverband mittun. Die WDR-Intendantin und derzeitige ARD-Vorsitzende Monika Piel, auch sonst von eher beschränkter Einsichtsfähigkeit, lamentiert allen Ernstes darüber, daß „die Leistung von Inhalteanbietern und -produzenten in Vergessenheit“ gerate, und fordert, daß „bei allen Entscheidungen und Weichenstellungen zur digitalen Entwicklung unsere Positionen berücksichtigt werden müssen“. Es gelte, mit der „Kostenlos-Kultur“ des Internets aufzuräumen.
Wenn man bedenkt, daß die Öffentlich-Rechtlichen jährlich 7 Milliarden Euro Zwangsgebühren einnehmen, sind diese Forderungen von Frau Piel eine blanke Unverschämtheit, wie überhaupt die Tatsache, daß ARD und ZDF an einem derartigen Lobby-Verein mittun, dreist ist. Als ob die Inhalte, die ARD und ZDF im Internet bereitstellen, nicht längst durch die Zwangsgebühren finanziert worden wären, und als ob jährlich 7 Milliarden Euro Einnahmen allein durch diese Zwangsgebühren keine „angemessene Rahmenbedingung“ wären...

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Wie der „Perlentaucher“ meldet, geht die Schlacht um das Copyright weiter: „In der EU drängen die Lobbyisten der Musik- und Filmindustrie darauf, Internetprovider ohne jede richterliche Kontrolle als ihre private Copyright Polizei benutzen zu dürfen und die 3-Strikes-Regelung EU-weit zu legalisieren“, mithin also fundamentale Freiheitsrechte einzuschränken. Französische Netzaktivisten von „La Quadrature du Net“ warnen vor Zensur und Persilscheinen für autoritäre Systeme: „By encouraging the circumvention of judicial authorities in order to set up direct blocking and filtering of the Internet and its services, European decision-makers would be laying the ground for a censorship infrastructure similar to that used for political purposes in authoritarian regimes."
Die designierte  neue Urheberrechtsbeauftragte der EU, Maria Martin-Prat, war übrigens jahrelang Lobbyistin für die Musikindustrie und hat sich in dieser Zeit beispielsweise sogar gegen das Recht auf Privatkopie ausgesprochen.

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Die SPD hatte im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf gefordert, daß „Dauer, Bezahlung und Anzahl von Praktika gesetzlich geregelt werden“. Mittlerweile sind SPD und Grüne in NRW seit geraumer Zeit in der Regierung – die Praktikanten in nordrhein-westfälischen Ministerien arbeiten allerdings für umme – keiner der 62 Praktikanten erhält eine noch so geringe Vergütung. Besonders pikant ist, daß das vom ehemaligen DGB-Landesvorsitzenden Schneider geführte Arbeitsministerium ebenfalls keine Praktikantenvergütung bezahlt, während das unter dem CDU-Vorgänger des Arbeiterführers noch der Fall gewesen war...
Die erweiterte Version des Artikels von Berthold Seliger aus dem Feuilleton der „Berliner Zeitung“ zum Thema Kultur-Prekariat, „Die Selbstausbeuter“, ist in Kürze endlich unter „Texte“ auf unserer Homepage zu finden.

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Was ist der Ausstieg aus der Atomenergie gegen den Ausstieg aus der staatlichen Finanzierung der evangelischen und katholischen Kirche? Ein Kinderspiel!
Allein als sogenannte „Staatsleistungen“ haben die beiden Kirchen seit 1949 laut einer Untersuchung der „Humanistischen Union“ 14 Milliarden Euro vom Staat erhalten. Im vergangenen Jahr erhielten die beiden Kirchen 460 Millionen Euro als Staatsleistungen von fast allen deutschen Bundesländern, wie die „taz“ berichtete – plus Kirchenbaulasten und der staatlichen Finanzierung der kirchlichen Tendenzbetriebe, von Kindergärten bis Alteneinrichtungen, durch Transferleistungen der öffentlichen Hand.
Die Staatsleistungen an die Kirchen werden letztlich als Entschädigung dafür bezahlt, daß die deutschen Länder beim sogenannten Reichsdeputationshauptschluß im Zuge der Säkularisierung Kirchengüter erhielten. Das allerdings war vor mehr als zweihundert Jahren, nämlich 1803. Zuletzt wurden diese Staatsleistungen nach der Revolution 1918/19 vereinbart, als Übergangszahlung, eine Regelung, die ausdrücklich "bald" beendet werden sollte. An eine Neuregelung wagten sich Politiker weder während der Weimarer Republik noch in der BRD oder der DDR. Ins Grundgesetz z.B. wurde nur der Passus der Weimarer Verfassung übernommen. Und so zahlen wir weiter munter jedes  Jahr Hunderte von Millionen Euro dafür, daß im Jahr 1803 Kirchengüter säkularisiert wurden...

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Die Künstlerangebote, die uns im letzten Monat erreichten, waren so vielfältig und abwechslungsreich wie das Leben. Da gab es eine Band, die uns ihr „kurzes Demo“ namens „Fukushima – Atomkraft nein danke“ nahelegte – „Es war uns zum ewig unleidigen Thema, eine Herzenssache dieses Lied, gewidmet den Menschen von Fukushima, zu schreiben“, rumpelte es im Anschreiben vor sich hin; ich habe mir den Song nicht angehört, fürchte aber, er klingt ungefähr so wie dieser „unleidige“ Satz. Immerhin: „Der Song ist brandneu und wird hoffentlich auch bei Ihnen Gefallen finden“, und „in den nächsten Tagen wird ein Bilder Video unter youtube eingestellt“, sagen Sie also nicht, ich hätte Sie nicht vor dem "Bilder Video" gewarnt.
Mein persönliches Highlight der unverlangt eingesandten Künstlerangebote war allerdings „Giftdwarf“: „...stell Dir einfach vor, GRAVE DIGGER, BADESALZ, REBELLION und FLATSCH stehen zusammen auf einer Bühne – METAL meets COMEDY“ – tschah, um mir dies vorzustellen, dafür reicht meine Fantasie leider nicht aus.
Oder doch „A Tribute To Johnny Cash“? Denn die „spielten wie die Legende selbst auch schon in vielen Gefängnissen und anderen Locations und begeisterten dort!!!“
„Gefängnisse und andere Locations“...

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Während die „Deutsche Gesellschaft für Ernährung“ davon ausgeht, daß ein gesundes Schulessen mindestens 2,50 Euro pro Portion kosten sollte, hat der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg jetzt laut einem Bericht der „Berliner Zeitung“ für seine Schulkinder Dumpingessen angefordert. Bei der aktuellen Ausschreibung zur Vergabe des Auftrags für die Schulessen hat der Bezirk festgelegt, daß das Essen sogar weniger kosten soll als in der Vergangenheit – das angelieferte Essen darf höchstens noch 2 Euro kosten, so sieht es die Ausschreibung vor. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wird von den „Grünen“ geführt, verantwortlich für das Preisdumping beim Schulessen, bei dem eine gesunde Mahlzeit nicht mehr angeboten werden kann, ist Bildungsstadträtin Monika Herrmann von den „Grünen“.
Bildung, die sie meinen...

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Stand in einer Beilage der „FAZ“ und wurde u.a. im „Hohlspiegel“ nachgedruckt:
„Eine gute Uhr muß nicht immer teuer sein. Wir zeigen lohnende Modelle unter 10 000 Euro.“

Ah ja.
Besonders hübsch allerdings das Interview mit dem Sportkommentator Marcel Reif, der vor zig Jahrzehnten mal die Winzigkeit einer halben Sekunde lang als brauchbarer Sportreporter, eben als Einäugiger unter lauter Blinden galt, bevor klar wurde, daß er auch nur ein eitler Fatzke unter vielen in einer speziell korrupten Branche ist.
Marcel Reif jedenfalls ist „Feuer und Flamme nicht nur für den Fußball, sondern auch für Armbanduhren“ und findet „Alle meine Uhren sind sexy!“, wobei er Vintage-Uhren wie etwa eine „Rolex Submariner“ bevorzugt und generell meint, daß Armbanduhren „die Fortsetzung der Spielzeugeisenbahn“ darstellen, und genauso muß man sich wohl all die Männer vorstellen, die diese teuren Armbanduhren kaufen, die allüberall inseriert werden: als geistige Modelleisenbahner...
Am Ende des Interviews gibt Marcel Reif jedenfalls einen tiefen Einblick in die deutsche Männerseele und in deutsche Männerfantasien des Jahres 2011:
„Es gibt wunderbare Geschichten mit Karl-Heinz Rummenigge, der ja auch sehr uhrenaffin ist. Wenn ich weiß, daß ich im Vorfeld des Spiels mit ihm am Tisch stehe, überlege ich mir sehr wohl, welche Uhr ich anziehe, und wähle gern eine, die er vielleicht noch nicht hat. Dann ziehe ich ganz bewußt den Ärmel etwas zurück, bleibe so stehen und warte ab. Nach zehn Sekunden hat er mein Handgelenk gescanned, sagt aber nichts. Das sind herrliche Spielchen unter Männern.“ Fürwahr. Köstlich.

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Und wenn Sie sich wundern, in welches Land Sie am Freitag, dem 29.April, hineingeraten waren, denn welchen Sender Sie auch eingeschaltet hatten, das Fernsehen war gleichgeschaltet wie in Nordkorea und zeigte auf praktisch allen Kanälen eine dubiose Prinzenhochzeit in England – ja, Sie waren immer noch in Deutschland. Dem Land, dessen öffentlich-rechtliches Fernsehen Sie mit Ihren Gebühren bezahlen. Und das nichts Besseres zu tun hat, seinen Bildungs- und Kulturauftrag zu erfüllen, indem auf allen Kanälen eine Prinzenhochzeit aus einer vordemokratischen Inselmonarchie stundenlang live übertragen wird. Komplett gaga.
Wenn Sie vom gleichgeschalteten Prinzenhochzeitsfernsehen die Nase voll haben: besuchen Sie unsere Konzerte! Dort werden Sie vielseitig und anspruchsvoll unterhalten. Und ganz sicher ohne Prinzen dieser oder jener Provenienz, und garantiert ohne Königshäuser. Ehrenwort.

15.09.2011 - 13:54

Wofür hält sich die bürgerliche Presse ein Feuilleton? Unter anderem, damit sich in regelmäßigen Abständen moralisch aufgeplustert werden darf. War Gaddafi für Politiker und Wirtschaft hierzulande fast ein Jahrzehnt lang ein willkommener Ansprechpartner, erhielt deutsche Wirtschafts- und Waffenhilfe, so ist er binnen Monatsfrist zum brutalen Diktator, zum Gröfaz gewissermaßen mutiert. Wovon man vorher natürlich keinsterlei Ahnung haben konnte. Und welche Rolle darf das Feuilleton spielen? Tobias Rapp darf sich im „Spiegel“ damit großtun, was Springers „Welt“ auf der Titelseite breit tritt: Popstars und Popsternchen wie Beyoncé, Lionel Ritchie, Mariah Carey oder Nelly Furtado spielten für Millionengagen dem Diktator auf. Was eigentlich nur beweist, was auch vorher schon jeder wußte: Für Geld tun Popstars alles. Was man vom bürgerlichen Feuilleton natürlich nie nicht behaupten könnte. Und wie wir alle wissen, haben alle Medien von „Welt“ bis „Spiegel“ ja schon seit Jahr und Tag recherchiert und berichtet, welche Popstars für die Gaddafi-Posse spielen... genauso, wie all die Politiker jeglicher Coleur und Nationalität ja schon seit Jahren, ach was: seit Jahrzehnten Sanktionen und Bomben gegen Gaddafis Libyen fordern – die Medien waren bekanntlich jahrzehntelang voll davon...

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Eine Bitte hätte ich in dem Zusammenhang an die Medien: Wenn jetzt immer darüber berichtet wird, daß irgendwelche „Altlinken“ die Bombardements in Libyen fordern würden – lassen Sie das Wörtchen „Altlinke“ doch einfach weg. Mag ja sein, daß sich mal vor Ewigkeiten als „Linker“ geriert hat, wessen politische Vorstellungskraft heute nichts anderes kennt als das Bombardement von Libyen, möglichst mit moraltriefendem Pathos, das kennen wir ja, daß sich mindestens Auschwitz nicht wiederholen dürfe. Mit Linkssein allerdings hat das alles wenig zu tun. Und zum laut Sarkozy und Cohn-Bendit „alternativlosem“ Militäreinsatz gegen Gaddafi gibt es einige Alternativen – wie es in der Politik „immer einen dritten Weg“ (Alexander Kluge) gibt. Selbst der ehemalige CDU-Politiker Todenhöfer, der im libyschen Kriegsgebiet war und dort bei einem Luftangriff regierungstreuer Truppen einen guten Freund verlor, bezeichnet die militärische Intervention von USA, Frankreich und Großbritannien als eine „tragische Niederlage der westlichen Politik. Die Bombenangriffe unterstreichen dieses Versagen der Politik. Sie sind ein Feigenblatt, um vierzig Jahre Feigheit vor einem psychopathischen Tyrannen zu verbergen (...) Bomben töten immer auch unschuldige Zivilisten. Sie bergen stets die Gefahr einer unkontrollierbaren Eskalation.“ Und Todenhöfer macht eine ganze Reihe sehr konkreter Vorschläge, was die UN und die Politik leisten könnten, um dem Land wirklich zu helfen.
Aber im Westen haben ja die Hardliner das Sagen: Leute, die Gaddafi noch vor kurzem ihre Waffen verkauft haben (Sarkozy etwa); Länder, die ihr Öl aus Libyen beziehen, lassen jetzt das Land bombardieren. Und man vergesse nicht den guten alten Militärkeynesianismus.
„All das stinkt kilometerweit nach Heuchelei (...) Diese Länder sind uns doch völlig egal. (...) Deshalb werden wir unsere Demokratie, unseren Liberalismus, unseren freien Markt, unsere Zivilgesellschaft bis ans Ende der Welt exportieren – solange sie nur alle bleiben, wo sie sind, solange sie in ihren Hütten aus Lehm, Gras, Pappe oder Wellblech sitzen. (...) Wir schauen ohne große Emotionen auf die arabische Revolte. Wir warten, bis sie verblutet. Wir warten darauf, daß jemand dort endlich Ordnung macht. Im Grunde ist es uns egal, wer dort die Macht übernimmt. Er soll sie nur endlich übernehmen und stabilisieren. Wir können doch nicht bei jedem Besuch an der Tankstelle aufs neue diesen Streß erleben.“ (Andrzej Stasiuk)

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Die „Berliner Zeitung“ berichtete: „Carsten Maschmeyer, Ex-König der Drückerkolonnen, hat Gerhard Schröder eine Million Euro für Memoiren gezahlt“ und zog das Fazit: „Nichts Neues!
In der Tat. Wobei ich schon finde, daß eine chronologische Anordnung der bekannten Tatsachen eine gewisse bestechende Faktizität aufzeigt:
1998: Maschmeyer, „Chef des ebenso erfolgreichen wie schlecht beleumundeten Finanzvermittlers AWD“, spendet 650.000 D-Mark für eine Anzeigenkampagne für Gerhard Schröder, damals Ministerpräsident Niedersachsens: „Der nächste Kanzler muß ein Niedersachse sein“.
1998: Gerhard Schröder (SPD) wird Bundeskanzler.
Als Bundeskanzler erklärt Schröder den Menschen, daß sie für ihre Rente selbst vorzusorgen hätten, und schafft entsprechende Anlagemodelle („Riester-Rente“), von denen u.a. der Finanzkonzern AWD profitiert (Maschmeyer hat den Ex-Minister Riester, SPD, laut „Spiegel“ übrigens vertraglich an sich gebunden). Mehr als 14 Millionen Bundesbürger haben bis heute einen Riestervertrag unterschrieben.
2003 erklärt Maschmeyer in einem Firmenvideo: „2005 werden 10,9 Billionen Euro in die private Altersvorsorge und Krankenversicherung bereitgestellt. Das ist der größte Geldklumpen, der je angelegt wurde, und wir mittendrin.“
2004 erklärt Bundeskanzler Schröder als Ehrengast auf einer Tagung von AWD-Managern: „Sie als AWD-Mitarbeiter erfüllen eine staatsersetzende Funktion. Sichern Sie die Rente Ihrer Mandanten, denn der Staat kann es nicht.“
2004 darf Maschmeyer Schröder auf eine Auslandsreise nach China begleiten (siehe weiter unten).
2005 wird Schröder abgewählt.
2005 zahlt Maschmeyer an Schröder ca. eine Million Euro für seine Memoiren, die im Herbst 2006 erscheinen.
2008: Mit einer halben Million Euro fördert AWD-Vorstandsvorsitzender Carsten Maschmeyer die Uni Hildesheim.
2009: Maschmeyer wird Ehrendoktor der Uni Hildesheim, ist „gerührt“ und „dankt auch seiner Mami“ (laut „Hildesheimer Allgemeine Zeitung“). Die Laudatio hält der damalige Ministerpräsident Christian Wulff („mich reizt der Mensch Maschmeyer“...), der Monate später als Bundespräsident seinen Urlaub in Maschmeyers Villa auf Mallorca verbringen darf.
2009 feiert Schröder seinen 65. Geburtstag „auf eigene Kosten“ („Spiegel“) in Maschmeyers Hotel Seefugium. Und „wenn die Scorpions ein Konzert geben, nimmt Maschmeyer den Ex-Kanzler schon mal in einem schwarzen Learjet mit“ („Spiegel“).
2010 eröffnet Maschmeyer mit dem ehemaligen „Wirtschaftsweisen“ Rürup eine Beratungsfirma, die Versicherungskonzerne und ausländische Regierungen in Rentenfragen berät – China zum Beispiel... Ex-Bundeskanzler Schröder erklärt: „Ich bin mit beiden Gründern persönlich befreundet.“
Noch Fragen?

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Die „New York Times“ berichtet im Nachruf auf den „Black Panther“ D.L.Cox von anderen Zeiten, nämlich von einer Fundraising-Party mit Liberalen in Leonard Bernsteins New Yorker Appartement zugunsten von zu Unrecht angeklagten Mitgliedern der Black Panther-Bewegung, auf der D.L.Cox mit einigen anderen Mitgliedern seiner Bewegung auftauchte:
„Mr. Bernstein: „Now about your goals. I’m not sure I understand how you’re going to achieve them. I mean, what are your tactics?“
Mr. Cox: „If business won’t give us full employment, then we must take the means of production and put them in the hands of the people.“
Mr. Bernstein: „I dig absolutely.““
Stellen Sie sich nur mal kurz vor, daß ein Christian Thielemann oder selbst ein Simon Rattle sagen würde: „Klar, dem stimme ich völlig zu, daß Sie die Fabriken übernehmen müssen, wenn Sie sonst keine Arbeit finden“, und Sie wissen, wie weit die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts in den USA von den 10er Jahren unseres Jahrhunderts hierzulande entfernt sind. Und was einen Leonard Bernstein von einem Christian Thielemann und all den anderen unterscheidet...

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Die einen sagen so, die anderen sagen so.
Eine Mitarbeiterin dieser Agentur sagte letzten Monat mit größter Selbstverständlichkeit: „Die Zeit von Newslettern ist vorbei“, in Zukunft gebe es quasi nur noch Blogs und sogenannte soziale Netzwerke. Fühlen Sie sich als Leser dieses Newsletters also ruhig ein wenig als Fossil, so wie der Autor dieser Zeilen...
Andrerseits sagt Moderatoren-Sternchen Katrin Bauerfeind, von der man eher das Gegenteil erwartet hätte, diesen Monat auf die Frage „Facebook oder Twitter?“: „Gerne nichts von beidem. Aber wenn, dann Twitter, denn Facebook geht gar nicht.“
Facebook geht also gar nicht. Hm. Wenn Sie also unser Freund auf dem komischen Gesichterbuch werden wollen... aber wissen Sie ja schon. Und wenn Sie weiterhin lieber unseren Newsletter lesen – freuen wir uns umso mehr!

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„Ain’t singing for Pepsi / ain’t singing for Coke“, so sang Neil Young vor Jahrzehnten, als Michael Jackson den bis dahin größten Sponsoring-Deal der Musikgeschichte mit einer der braunen Brausen einging. Weit, weit weg... wer dieser Tage in Texas bei der SXSW war, konnte u.a. feststellen, daß dort praktisch alle Popmusik irgendwie gesponsort wird: Kanye West und Jay-Z, zwei der wichtigsten Popmusiker unserer Tage, spielen gar nicht mehr im Rahmen der Musikmesse und des Festivals, sondern auf einer eigens vom Autokonzern Fiat gebauten Bühne, einem eigenen Werbe-Festival... Chevrolet sponsort das ganze SXSW-Festival, Miller Lite ist das „Beer for the People“ beim Festival („Great Beer. Great Responsibility“...), AOL präsentiert Künstler auf einer eigenen Messebühne („...first look at the next big thing“...), Pepsi ist die offizielle braune Brause der SXSW („Pepsi Refresh Project: it has been a good year“...), die Modefirma „Maurices“ präsentiert den „Girls rock Austin Showcase“ mit u.a. den Bangles, undundund... von den staatlichen Exportbüros (Kanada! Spanien! Quebec! Frankreich! England! Wales! Australien! Deutschland, „Initiative Musik rockt Austin – Wirtschaftsministerium zeigte sich sehr zufrieden“, heißt es in einer Pressemitteilung...) ganz zu schweigen. Wahnsinn.
Wenn man sich die US-amerikanischen Verhältnisse betrachtet, weiß man, was auf einen hierzulande noch zukommt. Und da ist der „Coke Sound Up Kick Off“ in München diesen Monat nur der Anfang: „Der smarte Womanizer Pharrell Williams und sein Buddy Chad Hugo produzierten schon als „The Neptunes“ Hits (...) Ihre musikalische Handschrift ist speziell und einzigartig, das beweist auch das mittlerweile fünfte Album „Nothing“, mit dem das Trio seinen „Future Pop“ noch ein Lichtjahr weiter entwickelt hat. N.E.R.D spielen am 9. April die weltweit erste Show des neuen Musikprogramms Coke Sound Up. Die exklusiv inszenierten One-off Gigs überraschen durch einmalige, gemeinsam mit den Künstlern entwickelte Specials und Aktionen, die das Konzert zum Once-In-A-Lifetime Erlebnis machen und die spezielle Beziehung von Künstler und Fans in den Mittelpunkt stellen.“
Aha.
Oder Becks sogenanntes Bier, für das nach Phoenix nun die unvermeidlichen „Fantastischen Vier“ Werbung laufen. Wiglaf Droste hat es in einer Glosse in seiner unnachahmlichen und unübertrefflichen Art auf den Punkt gebracht (leider gekürzt):
„Beck’s Gold“ ist der Name einer Industriebrühe, die nichts mit Bier zu tun hat und stattdessen nach Chemiebaukasten für Anfänger schmeckt. (...) Die „Beck’s Gold“-Zielkundschaft betrachtet sich, wie man sich heute eben online vor dem Spiegel sieht: als „freiheitsbetont und individualistisch“; das sind die beiden Hauptneowörter für konsumfreudig und vollkonform. Die Plakatreklame für das Pipi-artige Gesüppel – oder das artige Pipi-Gesüppel? – sagt dann auch klar, wo es langgeht: „Sei dabei“. So ist die Welt beschaffen, in der Mitläufer zu Vorreitern erklärt und als Avantgardisten verklärt werden, damit man ihnen ein Avantgarde-Haarspray verkaufen kann – das aber auch als Getränk durchgeht, denn als solches gilt „Beck’s Gold“.
Die immerfitten, allzeit bereiten Jungs vom Verkaufsförderungspop sind auch mit im Boot: „ ... alles ist wie es ist?“, fragt die „Beck’s Gold“-Werbung – und hat sogleich eine Waschmittelkopfantwort parat: „Gemeinsam mit den Fantastischen Vier erfindet Beck’s Gold deine Welt neu.“
„Neu erfinden“ ist das Gegenteil von verändern und heißt: verkleiden. In Pipi-Bier und Fanta vier fließt zusammen, was zusammengehört. Sogar das Bier / heißt Fanta hier. – / Na dann Prost. / Doch gibt es auch Trost: Die Münchner Agentur, die den PR-Schwindel für „Beck’s“ in den derzeitmodernen Klatschmedien FaceBook, StudiVZ, MeinVZ et cetera organisiert, heißt Coma – Coma mit C, wie Creativabteilung.“
Wir danken Wiglaf Droste für die Abdruckgenehmigung!

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In der „Musikwoche“ werden „Die Atzen“ anläßlich ihres neuen Albums als „Party-Philosophen“ im Geist ausgerechnet der Beastie Boys bejubelt.
Wir haben dies zum Anlaß genommen, einen der Hits dieses Albums, „Strobo Pop“ von „Die Atzen“ & Nena, näher zu betrachten:
„Es flackert das Licht.
Dann kommt die Musik.
Auf der Tanzfläche herrscht Krieg.
Schwitzende Menschen.
Basstherapie. Wir machen Strobo Party.
STROBO POP. STROBO POP.
Ich hab voll das Brett vorm Kopf
Flattermann
Flimmerlicht
Ich seh dich nicht (...)
Alkopopper Strobopopper
Atzen sind viel viel bekloppter
Flacker Flacker
Atzen macht euch locker locker locker
Blitze in der Disco
Viele schwitzen ich so oben ohne
Ich kenne die Dame nackt die sagte
Zack die Bohne
Party machen nicht abkacken
Weiter lachen schnell aufwachen
Weiter zappeln weiter zappeln
Lasst uns heute den Club abfackeln (...)
STROBO POP. STROBO POP.“

Mal jenseits dessen, daß ich sehr dafür bin, daß Leute, die Krieg auf Musik und abfackeln auf zappeln reimen, alle verfügbaren Literaturpreise dieser Republik erhalten sollten – aber „Party-Philosophen“?!? Gewiß doch. Und DJ Ötzi ist Theodor Wiesengrund Adorno auf Speed.

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Der große David Thomas beantwortete der Programmzeitschrift des Berner Clubs Dampfzentrale die Frage „what is the importance of art in the society of today as compared to the beginning of your artistic career?“:
„I'm not sure there's a difference in importance. The main difference, I'd say, is that we are swamped by trivial sludge, pop culture noise and the notion of the celebrity as arbiter of wisdom. This tsunami of dross takes up all available space and time and minimizes the role and value of "true" culture. By that I don't mean "high culture" - pop culture is as important as "high culture" but even the value of pop culture has been wiped away in the flood.“
Wir freuen uns wie verrückt auf die Tour von Pere Ubu im Mai 2011!

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Schön, wie vielfältig die beiden führenden deutschsprachigen bürgerlichen Tageszeitungen, die „FAZ“ und die „NZZ“, ihren Qualitätsjournalismus betreiben.
Am Mittwoch, dem 30.März, berichtet die Neue Zürcher Zeitung groß über „innerkoreanische Gespräche um einen Vulkan“: „Während die Welt im Bann der Erdbebenkatastrophe von Japan und ihrer Folgen steht, eröffnet ein anderes Naturereignis neue Aussichten auf einen Dialog auf der koreanischen Halbinsel.“
Am Freitag, dem 1.April, berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung groß über einen „Geologendialog“ in Korea: „Während die Welt im Bann der Erdbebenkatastrophe von Japan und ihrer Folgen steht, eröffnet ein anderes Naturereignis neue Aussichten auf einen Dialog auf der koreanischen Halbinsel“, heißt es in dem gleichgeschalteten Artikel.
Urheberin des einen wie des anderen Artikels ist eine Petra Kolonko, die in Tokyo (bzw. mittlerweile in Seoul) sitzt, Agenturmeldungen liest und Fernsehen schaut und darüber seit Jahr und Tag in NZZ und FAZ in praktisch gleichlautenden Artikeln berichtet. Wie eine Tokyo-Korrespondentin für die Spökenkiekerei der führenden bürgerlichen Medien in Deutschland und der Schweiz verantwortlich ist, kann man im „Konkret“-Artikel „Pjöngjang im Kaffeesatz“ von Berthold Seliger auf unserer Homepage unter „Texte“ nachlesen.

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Tschah, irgendwie verlassen sie alle Tokyo – und selbst der dunkelbraune, übelriechende  Zaubertrank der Partygeneration scheint nicht mehr zu helfen:
„The Red Bull Music Academy 2011 will not be held in Tokyo“, erfahren wir per Rundmail.

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Ich darf an dieser Stelle noch mal auf meinen Rundbrief vom September 2010 zurückkommen und an die schmierige Anzeigenkampagne erinnern, mit der die Atomindustrie Lobbyismus für ihre Sache betrieben hat. Vielleicht kann man die Herren Clement, Schily, Bissinger oder Bierhoff mal fragen, was sie aktuell so von mehr Atomenergie halten, die sie letzten Sommer noch so vehement vertreten haben...
Und ansonsten gilt: laßt uns die Firmen, die so massiv die Atomenergie propagieren, boykottieren – ich wiederhole aus dem alten Rundbrief: „Mein Vorschlag: man hänge die Liste in der Küche auf und boykottiere fortan die Firmen, die die Unterzeichner der Kampagne vertreten - wer immer noch ein Konto bei der Deutschen Bank hat - kündigen! Wer immer noch Strom der Atomkonzerne RWE, Eon oder Vattenfall bezieht - es ist höchste Zeit, auf Ökostrom und korrekte Energieanbieter umzusteigen! Bahlsenkekse schmecken sowieso nicht, man greife zu den leckeren Plätzchen der Konditorei ums Eck oder in Ermangelung derselben zum Beispiel zu den Produkten französischer Provenienz und erlebe, wie ein Keks schmecken kann. Oetkers Fertigprodukte? Sowieso bäh. BASF, Bayer, Metro (denen u.a. "Saturn" und "Media Markt" gehören), Gerry Weber? Man weiß, was man zu tun hat“, wer dort bzw. deren Produkte einkauft, fördert nicht nur die Atomenergie...
Es reicht nicht aus, alle vier oder fünf Jahre den Grünen die Stimme zu geben und die Atomkraft-Nein danke-Sonne am Revers zu tragen!

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Konzentrationsprozesse in der Musikindustrie: nachdem CTS letztes Jahr Ticket Online gekauft hatte, bietet „Live Nation“ jetzt laut „Wall Street Journal“ auch für „Warner Music“. „Live Nation“ ist eine der größten Tourneefirmen der Welt und hat u.a. Madonna und Jay-Z mit sogenannten 360-Grad-Deals eingekauft. Warner Music ist einer der zwei kleineren der vier multinationalen Konzerne, die über 80% des weltweiten Tonträgergeschäfts unter sich aufteilen.
Neben Live Nation bieten angeblich auch Sony Music Entertainment und BMG Rights Management für Warner Music.
Das eigentlich Interessante an dieser Meldung ist jedoch: Allein im vierten Quartal 2010 machte Live Nation laut „Musikwoche“ einen Nettoverlust von 124 Millionen US-Dollar, womit der Nettoverlust von Live Nation im Geschäftsjahr 2010 auf sage und schreibe 228,38 Millionen US-Dollar stieg. Eine Firma, die in einem Geschäftsjahr mal eben 228 Millionen Dollar Verlust macht, bietet um eine Firma wie Warner Music mit! Diese kleine Konzertagentur hier hat im Geschäftsjahr 2010 dagegen erneut keinen Verlust gemacht – hey, wenn mir die Banken mal eben 200 Millionen Dollar leihen, biete ich auch bei Warner mit. Oder sollte ich doch besser ins Bietergeschäft um die EMI einsteigen?

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„Dylans unwahrscheinliche Pop-Stimme ist einer der Orte ihrer vollkommenen Materialisierung... nicht zu finden in den Büchern unserer Top-Ten-Philosophie-Beamten... da ist eher kühles Valium... verabreicht Lesern, die die Power des (sur)Realen nicht ertragen... den Klang der Wirklichkeiten... Leute, die sich zu den Denkern flüchten... und denken, da sei was... Entertainment für Anspruchslose.“
Klaus Theweleit in „How Does It Feel“

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Heute Disko, morgen Umsturz, übermorgen Landpartie!

 

15.09.2011 - 13:53

Und warum klingt Popmusik heutzutage so beschissen? Und warum zerstören iPods und Smartphones die Qualität von Musik? Und warum ist Lo-Fi a thing of the past?
„Have you noticed? Pop music sounds shit these days. I’m not talking about deficiences of playing, singing or writing (although doubtless these all play their part). No, I’m referring strictly to sound quality. Compressed, ProTooled, Auto-Tuned, and God knows what else, modern pop is engineered to cut through on iPods, smartphones, computer speakers: it reaches the consumer’s ear pre-shittified, essentially. Meanwhile, down in the underground, it’s the opposite: everybody wants records to sound expensive. That makes perfect sense: if the mainstream sounds cheap’n’nasty and chartpop hurts your ears, ideas like lo-fi and Noise become meaningless.“
Simon Reynolds in „Wire“ in einer Rezension des neuen Toro Y Moi-Albums

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Im letzten Rundbrief erklärte Jens Balzer, wie tief Popmusik sinken kann.
In der „taz“ berichtet Christian Y. Schmidt, wie tief es auch geht: Da trällert ein gewisser Neil Tennnat („Pet Shop Boys“) an einem Januar-Abend in Peking im Neubau des Central Academy of Fine Arts Museums seine Lieder, veranstaltet von Prada China „zur Feier der Tatsache, daß sich im vergangenen Jahr der Verkauf von Prada-Produkten in China um sensationelle 51 Prozent gesteigert hatte. So war ich einer unter zweitausend Reichen und Nichtganzsoschönen, die sich auf Pradas Kosten ein Glas G.-H.-Mumm-Champagner nach dem anderen einverleibten. (...) Ich fragte mich nur ein wenig bange: Wen oder was kauft China als Nächstes? Den Papst? Stephen Hawking? Nabokovs Gebeine?“
„Ain’t singing for Pepsi, ain’t singing for Coke“, das war einmal. „Singing for Prada in Beijing“ ist die Devise unserer Tage. Und im Vergleich dazu wirken Udo Lindenberg und Silly, die für den Bundespräsidenten ein Ständchen singen, dann wieder unglaublich popelig.

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Wir freuen uns immer, wenn die zahlreichen Künstlerangebote, die uns so erreichen, von Bands, Managern und Plattenfirmen klug ausgewählt und zielgerichtet vorgenommen werden. Diese Agentur tut sich ja seit Jahren, ach was, seit Jahrzehnten besonders auf dem Feld der volkstümlichen Musik hervor, insofern war dieses Angebot bestens plaziert:
„Ich habe die Südtiroler Mander im Management... ein junges Duo mit reichlich Bühnenerfahrung!“
Sie haben sogar „jetzt ihre erste CD am Markt!“ „Am Markt“ also... und wer eine Bude am, oder wie Kafka geschrieben hat, „auf dem Markt“ hat, der muß brüllen, klar. Beste Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit also. Zumal „das Duo bereits als Vorgruppe beim Kastelruther Spatzenfest spielte!!!“ Warum wir dennoch von einer Zusammenarbeit Abstand nahmen und „die weiteren Details über die Gage“ nicht mehr besprechen wollten, wird der Vorgruppe des Spatzenfestes wohl ein Rätsel bleiben...

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„FAZ und SZ wollen nicht zitiert werden“, schreibt „Spiegel Online“ am 16.2.2011. Die „Süddeutsche Zeitung“, die also zusammen mit der „FAZ“ gerade den Rechtsweg einschlägt, um nicht mehr zitiert zu werden (ich finde, man tut dem Ex-Doktor, „der über Wasser gehen kann“, vielleicht etwas unrecht, wenn man ihn des Plagiats beschuldigt – er als der oberste Dienstherr aller Soldaten und damit in Person Vertreter unbedingten Gehorsams hat wahrscheinlich nur in einer Anwandlung vorauseilenden Gehorsams den „FAZ“-Aufsatz und all die anderen geklauten Texte in seiner Doktorarbeit nicht als Zitat kenntlich gemacht...), ich bitte, neu ansetzen zu dürfen: Die „Süddeutsche Zeitung“ also liefert uns frei Haus ein gewaltiges Beispiel von gewaltigem Qualitätsjournalismus, in dem sie einem unserer auf Tour befindlichen Künstler einen Fragebogen sendet mit der Bitte um Beantwortung, aber pronto, sozusagen, denn der Herr Qualitätsjournalist im Namen der SZ hat wenig Zeit:
„I’m writer for Süddeutsche Zeitung, the biggest German newspaper“, stellt sich der Schreiberling etwas anmaßend und nicht ganz faktensicher vor. „I need the answers at. 3 p.m. (in 2 ½ hours). Do you think, xxx could answer the questions until 3 o’clock?“
Die Fragen sind sauber recherchiert und bilden ein verwegenes Beispiel der Klugheit und Fragekunst der „größten deutschen Zeitung“:
„Where do you come from and what are you usually doing here? What are you looking for (in Munich)? What have you brought us? Which person in Munich would you like to meet? Where do you rest your head? Which cliché about Munich do you like best? What comes into your mind when you think of Munich? How could Munich make you stay? How do you want to be remembered in Munich?“
Qualitätsjournalismus, den sie meinen...

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Eigentlich hätte es die CD „The Secret Sisters“ in die Playlist dieses Rundbriefes geschafft. Aber dann las ich auf der CD den bescheuerten Aufdruck: „FBI Anti-Piracy Warning: Unauthorized copying is punishable under federal law“, und ich hab das Teil auf den Müll geworfen.
Als Aushängeschild und Titelheld für die nächste Plakat- und Anzeigenkampagne des Bundesverbandes der Deutschen Musikindustrie zum Thema „Raubkopierer sind Verbrecher“ konnte, wie aus gewöhnlich sehr gut unterrichteten Kreisen zu erfahren war, übrigens Freiherr zu Guttenberg gewonnen werden, der mit einer ähnlichen Kampagne für die Aktion „Hart aber gerecht“ bereits Erfahrungen gesammelt hat:

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Und ein Mario Barth hat die Markenrechte an dem Uralt-Spruch „Nichts reimt sich auf Uschi“ beansprucht. Richtig mit Marken- und Patentrecht und allem drum und dran. Allerdings hat Barth, dem sein ganzes Leben noch nichts selbst eingefallen sein dürfte, den Spruch natürlich nur geklaut... bzw., wie man heutzutage sagt: in seine Doktorarbeit hineinkopiert. Vor 20 Jahren bereits verwendete das „Frühstyxradio“ von Radio FFN den Spruch als Tour-Motto, und Radio FFN hat jetzt beim Patentamt einen Löschungsantrag gestellt. „Niemand soll sich an einem Spruch bereichern, der auf nahezu jedem Schulklo steht“, heißt es beim Radiosender (die Schulklos scheinen auch nicht mehr zu sein, was sie nie waren...).
Mario Barth spricht in einer ersten Stellungnahme von einer „abstrusen Vorstellung“, daß er den Spruch geklaut haben könnte...

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„Nothing is original.“ (Jim Jarmusch)

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Laut „taz“ kam die Band Konono No. 1 im Februar 2011 „erstmalig nach Deutschland“, was „man als kleines Wunder werten darf“.
Ich weiß nicht, ob die taz unter die Wundergläubigen geraten ist, oder nur wie so oft schlecht recherchiert hat, oder ob die Fehlinformation dem Tourneeveranstalter zu verdanken ist, aber, in aller Bescheidenheit: Konzerte mit Konono No. 1 hat diese Agentur schon vor einigen Jahren hierzulande veranstaltet, u.a. auf dem „Traumzeit“-Festival in Duisburg; ein WDR-Mitschnitt ist der Beweis.

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Ein neues kleines Kapitel „Dinge, die die Welt nicht braucht“: Der VUT, der sogenannte „Verband unabhängiger Musikunternehmen“, hat „media control“ mit der Erhebung einer eigenen Hitliste beauftragt, der sogenannten „Top 20 Independent“. Ein Blick auf die ersten deutschen „Independent-Charts“ macht klar, was das für ein nutzloser Schmarrn ist: Auf Platz 1 befindet sich Adele, die auch die offiziellen Charts angeführt hat – so what? Auf Platz 2 steht Xavier Naidoo – ähem. Auf Platz 3 finden wir „Schandmaul“, auf Platz 5 „Prinz Pi“, auf weiteren Plätzen David Garrett, Der W, Loreena McKennitt, Massiv („Blut gegen Blut 2“) oder ein „Stratovarius“.
Wer weiter oben gefragt hat, wie tief Popmusik sinken kann – der VUT weiß immer noch eine Antwort, wie man das Niveau deutscher Musikindustrie auf „Unter Null“ verlegen kann.
Allein schon der Begriff „Independent“ ist ja längst vollkommener Blödsinn. Independent from what? Längst gehören auch sogenannte unabhängige Firmen transnationalen Konzernen an oder nutzen die Vertriebsnetze der multinationalen Musikkonzerne – warum auch nicht? Und wenn VUT-Vorstand und Rechtsanwalt Benn als Kriterium angibt, daß ein Indie-Unternehmen „inhabergeführt und nicht durch ein Fremdunternehmen beherrscht“ sein soll – nun, das gilt im Zweifelsfall auch für eine Nazi-Plattenfirma und scheint als Kriterium für „Independent“ doch sehr mager, zumal sogar ein Branchen-beherrschender Großkonzern wie die DEAG der VUT als „Indie“ durchgeht. Was also bedeutet heute noch „Indie“? Abgesehen von einigen ehrenwerten Vertretern der Branche wie Stefan Vogelmann/Broken Silence („Independent heute: Haltung. Ich verstehe unter Indie: sich für Kulturgut einsetzen“...)  oder Thorsten Seif/Buback („Independent ist zu einem schier endlos interpretierbaren Claim verkommen. Jungsbands, die professionell ihre Befindlichkeiten besingen, sind genauso Indie wie Punks, Rockabillys, Major-Plattenfirmen-Abteilungen, Kaiser Chiefs und und und. Independent-Kultur, wie ich sie verstehe, läßt sich nicht in Charts und Verkaufszahlen abbilden. Wir bieten abwegigsten und sperrigsten Musikarten, die im besten Fall noch an einem Diskurs teilnehmen, eine Plattform.“), die „Independent“ noch kulturell oder sogar politisch verorten, halte ich es mit dem großen David Thomas/Pere Ubu, der in einer Titelstory mit „Wire“ mal sagte:
„The only difference between independent and major labels is that major companies have a lot of money. I don’t buy any of that indie spirit camaraderie and blah de blah de blah, and I don’t wanna be on a label that doesn’t wanna sell records. I don’t wanna be your buddy. I want you to try to sell this damn thing.“
Warum und wie eine Hitliste von Adele (die dies nicht braucht) über Xavier Naidoo, Schandmaul, Prinz Pi, dem dumpfen Schmusegeiger David Garrett, „Der W“ bis hin zu „Massiv“ (die wir nicht brauchen) laut VUT „der Vielfalt nützt“ und „der Kultur hilft“, ist ein Rätsel, das wohl niemand aufklären kann. „Indiependent-Charts?“ Laßt es bleiben!

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Im vorderen Teil der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom 13.2.2011 posiert Maria Furtwängler auf zwei Seiten als Modell der FAZ-Anzeigenkampagne „dahinter steckt ein kluger Kopf“. Weiter hinten in der gleichen FAS ist eine zweiseitige Personality-Story über Maria Furtwängler zu finden.

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Im vom Feuilleton heftig diskutierten und meist gefeierten Buch „Der kommende Aufstand“ hat auch das von Facebook mühsam stabilisierte kleinbürgerliche Ich seinen komischen Auftritt – ein „Ich“, das sich stets „produzieren“ muß, um seine Leere zu verbergen.
Lesen Sie ruhig „Der kommende Aufstand“, es lohnt sich. Und wenn Sie das Gefühl haben, Ihr Ich sollte sich mal wieder reproduzieren: werden Sie einfach unser Freund bei diesem komischen Facebook-Dingens!

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„Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine, aber Möglichkeiten der Rettung wieder so viele wie Verstecke. Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg, was wir Weg nennen, ist Zögern.“
(Franz Kafka)

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Das „Universal Presse Webteam“ hat etwas Erstaunliches, ja, „eine Sensation“ zu vermelden: Lady Gaga veröffentlicht eine neue Single! Was für eine Überraschung! Eine Popmusikerin schreibt Songs und veröffentlicht diese sogar, einfach so! Wow. „Die Sensation ist jetzt perfekt“, in der Tat. Wir sind beeindruckt.

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In der „Berliner Zeitung“ stand anläßlich einer Detailanalyse des Hamburger Wahlergebnisses ein hübscher kleiner Satz: „Auch auffällig: Kandidaten mit Doktortiteln schnitten besser ab als nichtpromovierte Politiker. Wahlforscher erklären das damit, daß kein Wähler all die vielen Kandidaten kennt – und sich dann an sachfremden Dingen wie Doktortiteln orientiert.“
Ähem. Wo doch gerade aufgeklärt wurde, daß jeder dahergelaufene Hochstapler hierzulande einen Doktortitel abschreiben kann – ob das die Wähler nicht mitbekommen haben sollten?
Oder, um noch ein paar Hirnwindungen weiterzugehen: Der Baron lebt vom „Schulterschluß mit dem Volk, das liebend gerne von einem wie ihm geführt werden will“ (FAZ), von einem Adeligen, der quasi von Haus aus in einem Schloß auf dem Berg wohnt und daher qua Geburt den besseren Überblick hat. Wie der Herr Baron es dann geschickt vermag, sich als der Großkopfertsten einer an die Seite der kleinen Leute zu stellen, gleichzeitig „gegen die da oben“ (deren einer er ja ist), „gegen die arroganten Medien“, ja, „gegen den Zinnober, der da in Berlin läuft“, als Identifikationshansel anzubieten und zu stilisieren, das ist schon ein Meisterstück von Demagogie. Das natürlich nur Hand in Hand mit dem Springer-Konzern gelingen kann – die Blödzeitung etwa titelte „Scheiß auf den Doktor“ (am Rande sei gekalauert: würden wir ja gerne, liebe Blödzeitung, würden wir ja gerne!) und macht sich neben der „Bunten“ seit Wochen für den Betrüger stark. Das von Herrn zu Guttenberg geführte Verteidigungsministerium zeigt sich übrigens dankbar und startet in „Bild“, „Bild am Sonntag“ und auf „bild.de“ (und nur in diesen Springer-Publikationen!) eine teure Anzeigenkampagne. Ein Sprecher des Medienkonzerns Axel Springer erklärte dazu, Anzeigenabteilung und Redaktion arbeiteten bei dem Konzern „streng getrennt“. Eh klar.

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Seit langem geht unsereinem die Anzeigenkampagne für die Blödzeitung gewaltig auf den Keks – vor allem aber wundert man sich, daß jeder, aber auch wirklich jeder meint, dort mittun zu müssen mit mehr oder minder originellen Beiträgen. Neben Leuten, die es nötig haben und von jeher jeden Scheiß mitmachen, also etwa Mario Barth oder Sarah Connor, sah man bei dieser Kampagne von Marius Müller-Westernhagen über Udo Lindenberg, Oskar Lafontaine, Veronica Ferres, Thomas Gottschalk, Philipp Lahm und Alice Schwarzer bis hin zu Richard von Weizsäcker etliche Personen Werbung für die Blödzeitung machen, von denen man zwar vielleicht einiges, das dann aber vielleicht doch nicht erwartet hätte.
Es hat ewig gedauert, jetzt aber tat Judith Holofernes, Sängerin und Songwriterin von „Wir sind Helden“, das einzig Richtige und Sinnvolle, was man tun kann, wenn man von der Werbeagentur der Blödzeitung gebeten wird, bei der Werbekampagne für „Bild“ mitzutun: Sie sagte nicht nur ab, sondern sie veröffentlichte auch sowohl die Anfrage als auch ihre Absage und fand deutliche Worte, die man sich so schon längst von anderen gewünscht hätte:
„Ich glaube, es hackt. Die laufende Plakat-Aktion der Bild-Zeitung mit sogenannten Testimonials, also irgendwelchem kommentierendem Geseiere von sogenannten Prominenten ist das Perfideste, was mir seit langer Zeit untergekommen ist. (...) Selten hat eine Werbekampagne so geschickt mit der Dummheit auf allen Seiten gespielt. Da sind auf der einen Seite die Promis, die sich denken: Hmm, die Bildzeitung, mal ehrlich, das lesen schon wahnsinnig viele Leute, das wär schon schick... (...) Die BILD-Zeitung ist kein augenzwinkernd zu betrachtendes Trash-Kulturgut und kein harmloses „Guilty Pleasure“ für wohlfrisierte Aufstreber, keine witzige soziale Referenz und kein Lifestyle-Zitat. Und schon gar nicht ist die Bild-Zeitung das, als was ihr sie verkaufen wollt: Haßgeliebtes, aber weitestgehend harmloses Inventar eines eigentlich viel schlaueren Deutschlands. Die Bildzeitung ist ein gefährliches politisches Instrument – nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht. Mit einer Agenda.“
Dank und Respekt an Judith Holofernes!
(und natürlich spricht es nicht für eine bestimmte Szene von mediengeilen Musikern, Politikern und Prominenten, daß man ein eigentlich völlig selbstverständliches Verhalten überhaupt erwähnen muß...)

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Ein ganz besonderes Stück Dialektik fordert die Welt uns allen angesichts der jüngsten Entwicklungen in Libyen ab. Ich meine nicht einmal, daß merkwürdigerweise Kanzlerin Merkel, die Al-Qaida und Außenminister wiehießerdochgleichwieder gleichzeitig den Rücktritt Muammar al-Gaddafis fordern. Frau Merkel und Herr Westerwelle vertreten übrigens die Regierung, die bis vor wenigen Tagen Militärhilfe an Gaddafis Libyen leistete, und die Gaddafi noch im Dezember 2010 50 Millionen Euro Militärhilfe garantierte, damit Gaddafi dafür sorgte, daß afrikanische Flüchtlinge nicht nach Europa gelangten...
Aber wenn Politiker Sanktionen gegen Libyen fordern – wie ist das dann genau gemeint? Bedeutet es, daß wir plötzlich nicht mehr unsere Waffen nach Libyen liefern sollen? (und wohin dann?) Es waren vor allem Silvio Berlusconi, Tony Blair und Gerhard Schröder, die sich vor ein paar Jahren um ein neues, enges Verhältnis zu Gaddafi bemüht haben. Milliardenverträge für Shell, BP, Siemens und etliche andere Unternehmen waren die Folge. Die Autobahnen in Gaddafis Reich wurden von Bilfinger + Berger gebaut. Gerhard Schröder beglückwünschte Gaddafi bei einem Treffen anläßlich der Eröffnung einer Ölbohrstelle der BASF-Tochter Wintershall: „Die Richtung stimmt!“
Und als erster bundesdeutscher Wirtschaftsminister war unser aller Baron zu Guttenberg 2009 in Libyen. Während zu Guttenberg auch in Tripolis seine Frau dabei hatte, „die im Sozialministerium Gespräche über Frauenfragen führt“ (FAZ) (hab ich etwas verpaßt? Ist Frau zu Guttenberg irgendwie in eine politische Funktion hierzulande gewählt worden, die sie berechtigen würde, im Ausland Ministeriumsgespräche zu führen?!?), gab er der BamS-Reporterin Anna von Bayern ein Interview und antwortete auf die Frage „ist es eigentlich okay, mit dem Diktator Geschäfte zu machen“, ziemlich anti-sanktionistisch: „Ja. Gaddafi bleibt eine schillernde Figur, aber er übernimmt zunehmend Verantwortung (...) Manche sehen in ihm mittlerweile einen Partner bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus (...) Unser Ziel ist es, daß deutsche Unternehmen einen Teil der 20 Milliarden Euro bekommen, die Libyen in den nächsten Jahren allein in Bildungs- und Infrastrukturprojekte investieren will.“
Aber wahrscheinlich ist das alles wieder ein Plagiat, bei Guttenberg weiß man ja nie genau...

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Der beste Kommentar zu Deutschlands „Teflon-Minister“ („Economist“), dem „so schön kann doch kein Mann sein“ („Bunte“) allerdings stammt, finde ich, von seinem fränkischen Widergänger (oder andersrum?) Lothar Matthäus:
„Ein Mann muß im Leben Entscheidungen treffen. Ob die dann richtig sind, stellt sich oft erst hinterher heraus. Wenn man in Deutschland keine Probleme hat, macht man sich welche. Und wer was Gutes für Deutschland tut, kriegt als Dank meistens was aufs Maul.“
Danke, Loddar, für die präzise und tiefschürfende Analyse!
„Ein Mann muß im Leben Entscheidungen treffen“...

15.09.2011 - 13:51

Liebe Musikjournalisten – das neue Jahr ist nun bereits 32 Tage alt. Es wird also allerhöchste Zeit für eine eurer Lieblingsredewendungen: Es gilt, das „schon jetzt beste Album des Jahres“ auszurufen! Oder wahlweise auch „ganz sicher eines der wichtigsten Konzerte des Jahres“ oder „bestimmt eine der besten CDs von 2011“. Wir warten gebannt.

(und Jens Balzer, der in der „Berliner Zeitung“ vom 5.1.2011 das zu dem Zeitpunkt nicht einmal erschienene - und in der Tat geniale - Album von James Blake als „schon jetzt der Hype der Saison“ bezeichnet und nur zwei Wochen später die Eröffnung der neuen Konzerthalle des Berghain zu, „wie wir jetzt schon mal zu prophezeien wagen, dem popkulturellen Ereignis des Jahres in dieser Stadt“ ausgerufen hat, sei allen ein leuchtendes Vorbild).

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Wenn man die ganzen Jahresrückblicke in den Musikzeitschriften und Feuilletons betrachtet, bekommt man einen Überblick über den embedded music journalism – berichterstattet wird größtenteils, mal mit weniger, mal mit mehr Geschmack und Können, über die Produktionen, die die Musikindustrie den Redaktionen frei Haus zukommen läßt. Eine der interessantesten Veröffentlichungen des letzten Jahres, die Doppel-LP „Another Nice Mess II“ von DJ Marcelle, habe ich dagegen nicht nur in keinem Jahresrückblick gefunden, nein, bislang (...) wurde sie meines Wissens auch von keiner Zeitschrift hierzulande außer von „Konkret“ besprochen. Klar, diese LP ist auf einem kleinen (aber feinen!) Label erschienen, die Auflage beträgt nur 500 Exemplare, wenn ich richtig informiert bin, und das Label wird auch nur schwerlich Anzeigen schalten können, ist also für die real-musikwirtschaftliche Verwertungskette eher uninteressant. Zudem ist die Musik eine sehr eigene Mischung aus Dubstep mit experimenteller Elektronik, Dub mit Sounds von Dampflokomotiven, Akkordeon mit Breakcore, man kann das Flußrauschen der Donau ebenso hören wie Sounds von tschechoslowakischen Demonstrationen – ein tolles Soundscape, eine spannende Musik, die da entstanden und re- und ge-mixed wurde. „Ein beständiger Fluß von Improvisation und Struktur“ (Hans Joachim Irmler). So könnte Mahler heute komponiert haben, und kein Wunder, daß DJ Marcelle gern als „weiblicher John Peel“ bezeichnet wird.

Davon hätte ich gerne, liebe Medienpartner, in euren Publikationen gelesen! Könnt ihr ja mal in Erwägung ziehen, wenn sich eure Aufregung über Hercules and Love Affair (bedenkt: „theoretisch total gut inszenierter Discopop und schlau und überspannt, praktisch auf Dauer aber auch ziemlich langweilig“, „FAS“) etwas gelegt hat...

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Die Zeitschrift „The Economist“ vom 22.1.2011 bringt die Welt sehr anschaulich auf den Punkt:

„More millionaires than Australians“.

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Anläßlich seines 100.Geburtstages gibt der Filmregisseur Kurt Maetzig der „Berliner Zeitung“ ein Interview und sagt dort unter anderem:

„Mit dem Begriff Freiheit ist es ähnlich wie mit dem Begriff Demokratie. Man sagt Demokratie und meint Kapitalismus. Es geht gar nicht um Demokratie in des Wortes ursprünglicher Bedeutung, also um Volksherrschaft. Im Gegenteil: Die Demokratie als Staatsform ist so kunstvoll konstruiert, daß das Volk möglichst von den Entscheidungen fern gehalten wird. In der Wirtschaft, im Militär, in der Justiz herrschen Autokratie statt Demokratie. Es sind in Wirklichkeit nur begrenzte Gebiete, in der Demokratie wirksam wird, und selbst da nur partiell. (...)

Solidarität ist im Bereich des Gesellschaftlichen das, was im Menschlichen die Freundschaft ist. Solidarität ist der Lebensquell für die Menschheit.“

Herzlichen Glückwunsch, Kurt Maetzig! Ad multos annos!

Und das Kaninchen sind wir...

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Ich glaube, man hat ein Problem, wenn man Minister zu Guttenberg mit den üblichen medialen oder parlamentarischen Entrüstungs- oder Skandalisierungsreflexen beikommen will. Natürlich ist es empörend, wie der schneidige Adelige das Parlament im Unklaren läßt und einen Tag später, nach einem Anruf der Blödzeitung, aktiv wird und den „Gorch Fock“-Kapitän kurzerhand entläßt. Die Dreieinigkeit „Bild, BamS, Glotze“ als verbindliches Mittel der Politik allerdings hat Gerhard Schröder eingeführt, Schröder hat vorgemacht, wie man „ein Blatt als strategischen Partner“ („FAZ“) einsetzt, ganz so, wie weiland „Bravo“, „Universal“ und „Tokio Hotel“ eine Allianz zum Erfolg des jeweils anderen eingegangen sind.

Kritik daran wird an Teflon-Guttenberg abprallen. So werden Kanzler gemacht.

Das eigentliche Problem besteht in der Demokratieferne der öffentlichen und Selbst- Inszenierung des adeligen Ministers. Der Adelige, der sich im wahrsten Sinn des Wortes herabläßt, von seinem Schloß auf dem Berg – wo die Adeligen wohnen und einen besseren Überblick zu haben pflegen – hinunter in die Niederungen der Politik zu begeben. Ach wo, der „Nebenerwerbsmonarch“ (Küppersbusch), der gewissermaßen vom Adel abgestellt wird, um mal in der Politik – „das hätten wir eigentlich gar nicht nötig“... – aufzuräumen. Ja kann denn Guttenberg sogar über Wasser gehen (fragte die „Bunte“)? Yes he can! Und genau das ist die Inszenierung zu Guttenbergs – er ist nicht etwa so etwas Banalem wie irgendeinem Parlament verpflichtet, sondern einzig sich selbst und seinem Stand. Nur – wie will er Kanzler werden? Die werden hierzulande pro forma immer noch gewählt, nicht ernannt...

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Ärgerlich: In einem großen Artikel in der „FR“ erinnert sich Arno Widmann an taz-Gründer Dietrich Willier, der als Lehrer an der Odenwaldschule jahrelang Kinder mißbraucht hat. Widmann beschreibt die pädophile Propaganda in den frühen Jahren der „taz“, in der er Redakteur war, und dann kommt dieser bezeichnende Satz:

„Es wäre wichtig nachzusehen, wie sich Dietrich Willier in den Auseinandersetzungen zur Pädophilie äußerte.“

In der Tat, lieber Arno Widmann, es wäre wichtig, dies nachzusehen und nachzulesen. Warum haben Sie es nicht getan? Warum ergießen Sie sich stattdessen lang und breit in persönlichen und vagen Erinnerungen? Warum begreifen Sie als Weggefährte Williers es nicht als Verpflichtung, wenigstens jetzt mal so etwas Altmodisches wie eine Recherche vorzunehmen und sich kundig zu machen? Das wäre ein akzeptabler Artikel gewesen!

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Da kann sich „eine Phalanx von“ (durchaus eher konservativen und liberalen) „Jura-Professoren gegen eine weitere Verschärfung des Urheberrechts aussprechen“ („FAZ“), da können noch so viele Gesetze für die digitale Welt hierzulande und andernorts scheitern oder von Gerichten als verfassungswidrig gegeißelt werden, da können unabhängige Studien noch so sehr eindeutige Ergebnisse liefern, unabhängige internationale Zeitschriften von der „New York Times“ bis zum „Economist“ können noch so sehr die allgemeinen Probleme der Plattenindustrie nüchtern beschreiben – nein, Manfred Gillig-Degrave, der geschätzte Chefredakteur der „Musikwoche“, betätigt sich weiterhin in seinem Lieblingsjob als Unke von Berg am Laim und schreibt praktisch Woche für Woche wie eine tibetanische Gebetsmühle einen donnernden Appell nach dem anderen für ein scharfes, verschärftes, hartes, härteres, unerbittliches, Sarkozyhaftes neues Urheberrecht, weil einzig ein solches neues, verschärftes, härteres Urheberrecht die Musikindustrie und mithin die Welt retten kann und wird.

Die Konzerne werdens ihm danken und Anzeigen schalten. Der Rest der Welt gähnt und stellt fest, daß in China gerade eine selbstgebrannte CD im Regal umfällt.

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„Udo Lindenberg und Silly spielen in der Schinkelkirche Neuhardenberg dem Bundespräsidenten ein Ständchen (tiefer kann Popmusik kaum mehr sinken).“

Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“

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Eine gängige und gern verwendete Falschschreibung des Künstlernamens von Daniel Kahn, die im Land des Philosemitismus tief blicken läßt: Daniel „Khan“. Als ob das weil irgendwie „Weltmusik“ irgendwie ein Bollywood-Name sein müsse...

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Die „Oscar“-Nacht steht bevor, die „Berlinale“ kommt:

„Preisfrage: Wer hat als einzige deutsche Filmschauspielerin den Oscar gewonnen – und das gleich zweimal hintereinander?“ (Jüdische Allgemeine)

Nein, es war nicht Marlene Dietrich. Es war Luise Rainer. Die jüdische Schauspielerin war von Max Reinhardt entdeckt worden, flüchtete vor den Nazis in die USA, wo sie 1936 schon mit ihrem zweiten Film, „The Great Ziegfeld“ einen Academy Award als beste Hauptdarstellerin gewann. 1937 erhielt sie den „Oscar“ erneut, für ihre Hauptrolle in der Pearl-Buck-Verfilmung „Die gute Erde“.

Luise Rainer wohnt, inzwischen hundertjährig, in London. Warum wird die jüdische Schauspielerin nicht z.B. von der Berlinale geehrt? Warum erhält sie nicht einen Stern auf dem komischen „Boulevard der Stars“ auf dem Potsdamer Platz? Dadurch wären wir, um es mit Brecht zu sagen, „alle geehrt“...

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Sucht man bei „Buecher.de“ nach Theweleits bahnbrechendem Buch „Männerphantasien“, folgt auf Platz 2 der Suchergebnisse „Traumfrauen der Lust“, und auf Platz 4 „So befriedigen Sie Ihren Mann“. Digitale Wirklichkeiten.

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Christoph Dallach stellt auf „Spiegel Online“ die falschen, nämlich hypothetischen Fragen:

„Stört es, wenn eine aufregende Frau daheim alle CDs der Betroffenheits-Rocker Pur hat? Oder ein spannender Mann Kuschelrock von Chris de Burgh auf dem i-Pod?“

Sorry: Eine Frau, die alle CDs von „Pur“ ihr eigen nennt, ist nicht „aufregend“, ein Mann, der Musik von Chris de Burgh mag, kann nicht „spannend“ sein. It’s that simple.

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„Wir selbstzufriedenen kreativen Künstler werden inzwischen als eine Art Software eingesetzt. Es gibt ja die Theorie, daß wir uns alle einreihen bei den großen Unterhaltungskonzernen, Content generieren, der wiederum Dinge akkumuliert und Zielgruppen abschöpft. Wir finden das abscheulich. Alles ist auf die Werbung ausgerichtet, man folgt einzig und allein der Spur des Geldes. Und mit welchem Wort wird Kultur beschrieben: mit Content.“

Jon King („Gang of Four“) im Interview „Kapitalismus ist ein seltsames Biest“ mit der „taz“

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„Allerdings kann man festhalten, daß die spannendste Popmusik dort entsteht, wo es weniger um die Behauptung von Identität geht – hallo (Indie-)Rock! –, weniger um Gewißheitsproduktion als darum, den Erwartungen und Grenzen von Identität etwas, sagen wir, Unidentisches entgegenzusetzen.“   (Klaus Walter)

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„Auf der anderen Seite schreiben immer mehr Elektronik-Benutzer in Blogs, in die viel Herzblut fließt, weil sie die Gedanken der Autoren an Milliarden von Lesern vermitteln sollen – obwohl sie doch meist nicht einmal einen einzigen Leser finden. Keine kältere Einsamkeit hat es je gegeben als die Illusion, über Blogs mit der Welt verbunden zu sein, denn sie ist die Einsamkeit des Universums.“  (Hans Ulrich Gumbrecht in der „NZZ“)

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Und wenn Sie noch unsicher sein sollten, ob Sie unser Freund auf dem komischen Facebook-Dingens werden wollen, switchen Sie doch einfach mal auf die Homepage des Vatikan (press.catholica.va/news) und lesen Sie, was Joseph Ratzinger, von Katholiken Papst Benedikt XVI. genannt, so zu den neuen Medien zu sagen hat:

„Die neuen Technologien ändern nicht nur die Art und Weise, wie man miteinander kommuniziert, sondern die Kommunikation an sich; man kann daher sagen, daß wir vor einem umfassenden kulturellen Wandel stehen. Mit dieser neuen Weise, Information und Wissen zu verbreiten, entsteht eine neue Lern- und Denkweise mit neuartigen Möglichkeiten, Beziehungen zu knüpfen und Gemeinschaft zu schaffen.

Es zeichnen sich Ziele ab, die bis vor kurzem undenkbar waren, die aufgrund der von den neuen Medien eröffneten Möglichkeiten Staunen hervorrufen und zugleich immer dringlicher eine ernsthafte Reflexion über den Sinn der Kommunikation im digitalen Zeitalter verlangen. Das ist besonders ersichtlich, wenn man das außergewöhnliche Potential des Internets und die Vielschichtigkeit seiner Anwendungen bedenkt. Wie alle anderen Schöpfungen des menschlichen Geistes müssen die neuen Kommunikationstechnologien in den Dienst des ganzheitlichen Wohls des Menschen und der gesamten Menschheit gestellt werden. Wenn sie vernünftig genutzt werden, können sie dazu beitragen, das Verlangen nach Sinn, nach Wahrheit und nach Einheit zu stillen, das die tiefste Sehnsucht des Menschen bleibt.

In der digitalen Welt heißt Informationen zu übermitteln immer öfter, sie in ein soziales Netzwerk zu stellen, wo das Wissen im Bereich persönlichen Austauschs mitgeteilt wird. Die klare Unterscheidung zwischen Produzent und Konsument von Information wird relativiert, und die Kommunikation möchte nicht nur Austausch von Daten sein, sondern immer mehr auch Teilhabe. Diese Dynamik hat zu einer neuen Bewertung des Miteinander-Kommunizierens beigetragen, das vor allem als Dialog, Austausch, Solidarität und Schaffung positiver Beziehungen gesehen wird. Dies stößt andererseits aber auf einige für die digitale Kommunikation typische Grenzen: die einseitige Interaktion; die Tendenz, das eigene Innenleben nur zum Teil mitzuteilen; die Gefahr, irgendwie das eigene Image konstruieren zu wollen, was zur Selbstgefälligkeit verleiten kann.“

Auch sonst immer eine hübsche Lektüre, die Website des Vatikan, und erspart locker ein „Titanic“-Abo...

Also, bedenken Sie das außergewöhnliche Potential des Internets! Stellen Sie diese Schöpfung in den Dienst des ganzheitlichen Wohls der gesamten Menschheit! Werden Sie unser Facebook-Freund! Nutzen Sie das soziale Netzwerk, um Ihr Verlangen nach Sinn, Wahrheit und Einheit zu stillen! Aber Vorsicht – seien Sie bei all dem bitte nicht zu selbstgefällig... rät von Herzen der bescheidene und allzeit sehr demütige Verfasser dieser Zeilen:

15.09.2011 - 13:50

„Frohe Weihnachten...“

Auf der Website der „Grünen“ lief tagelang ein Video mit dem Titel „Claudia Roth & Cem Özdemir wünschen frohe Weihnachten“, und man fragte sich, wen man nun ekliger finden sollte – die „grüne Gurke“ („taz“) Claudia Roth, per se sozusagen, oder den schwäbischen Vorzeigemigranten, wie er sich an das bürgerliche Wahlvolk ranwanzt und erzählt, was er die Tage vor „dem Fest“ so treibt, „Postkarten schreiben, Weihnachtskarten schreiben...“

Doch schließlich schlägt das Pendel doch zugunsten von Claudia Roth aus – wie sie tief betroffen und nachdrücklich und mehrfach „und wir wünschen euch natürlich alles Gute zu Weihnachten“, „wir wünschen euch friedliche Weihnachten“, „wirklich friedliche Weihnachten, wir wünschen euch das, was wir uns auch wünschen, Besinnlichkeit, Ruhe“ – das allein reicht schon, um angewidert zu sein – daß Claudia Roth dann aber allen Ernstes als Fernsehtip das Anschauen von „Sissi“ empfiehlt, und dabei Taschentücher bereitzuhalten, ist auf eine spießige Art derart unglaublich, wie man es selbst den Grünen nicht zugetraut hätte.

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Und dazu passend: Die deutsche Politik war sich einig, daß Religionsführer Benedikt XVI. bei seinem Deutschland-Besuch im September diesen Jahres auch im Bundestag sprechen soll. Eine „große Ehre“ (CSU), ein „willkommener Gesprächspartner“ (SPD) – und Grünen-Politikerin Renate Künast pfiff ihre Fraktion, die sich zunächst gegen die Papst-Rede im Bundestag ausgesprochen hatte, zurück: „Der Papst ist eingeladen, das ist in Ordnung so. Da gehen wir hin, und zwar respektvoll.“ Denn den Grünen „liegt am Herzen, alle Religionsgemeinschaften gleich zu behandeln“ – Vertreter anderer Religionsgemeinschaften haben allerdings bisher nicht im Bundestag sprechen dürfen. Oder spricht Benedikt XVI. als Staatschef des Vatikans, so wie bisher die Vertreter anderer Kleinstaaten, wie George W. Bush, Michail Gorbatschow oder Jacques Chirac? Und wann darf der Präsident Liechtensteins im Bundestag sprechen?

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Interessante Umfragen: Fast alle Deutschen denken ökologisch. Als „überzeugteste Verfechter von Naturschutz und strikter Umweltpolitik bekannten sich“ laut „Berliner Zeitung“ „die jüngeren, moderner lebenden, besser verdienenden Deutschen. Sie würden mit großer Mehrheit umweltschädliche Subventionen sofort streichen und Gesetze zum Schutz von Natur und Klima verschärfen.“ Allerdings: „die Vertreter dieser Gruppe, meist mit höherem Einkommen, (...), wohnten im Grünen und würden mit mehreren Autos zu ihren Jobs in der Stadt fahren. Im Urlaub könnten und wollten sie sich häufige und weitere Flugreisen leisten. (...) Dadurch hinterlassen sie einen viel kräftigeren ökologischen Fußabdruck als Rentner und Unterschichtler“. Die schärfsten Kritiker der Elche...

Und die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet von einer anderen Studie: „Je reicher, desto rabiater“ lautet der Titel – „mit Toleranz gegenüber den schwachen Mitgliedern der Gesellschaft, etwa Behinderten und Obdachlosen, Zuwanderern und Arbeitslosen ist schnell Schluß, wenn sich Wohlhabende vom Abstieg bedroht sehen“, zeigt die Studie des Bielefelder Forschres Wilhelm Heitmeyer. Bei den Höherverdienenden nimmt demnach nicht nur die Zustimmung zu Islamfeindlichkeit und zu Privilegien für die Alteingesessenen „besonders deutlich“ zu. Auch „Fremdenfeindlichkeit insgesamt, Rassismus, Sexismus sowie die Abwertung von Langzeitarbeitslosen“ sind bei den Wohlhabenden deutlich ausgeprägter als früher. Heitmeyer spricht vom „eisigen Jargon der Verachtung, der sich in den Eliten breitgemacht“ habe, von einer „rohen Bürgerlichkeit“.

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Beim sogenannten „Hamburger Kultursommer 2011“ spielen Schandmaul, In Extremo, Wir sind Helden und Unheilig. „Hamburg“, „Sommer“ und „2011“ habe ich kapiert – aber „Kultur“?

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Ich weiß ja, daß Namenswitze verboten sind, aber vielleicht kann man nachvollziehen, warum ich schmunzeln mußte, als ich las, wer im Zeughaus-Kino zu Berlin den Vortrag „Don Juan / Don Giovanni: ein europäischer Mythos“ halten würde: Ein Thomas Macho.

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Wer im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ heutzutage über Bertolt Brecht schreibt, muß Brecht nicht mehr gelesen haben, es reicht, wenn er den Lesern weiß machen will, daß Brecht quasi ein schwäbischer Heimatdichter war. Also hebt ein Stefan Mayr seinen Artikel über den Fund eines unveröffentlichten Brecht-Fotos in Augsburg wie folgt an: „Ob Bertolt Brecht ein Kommunist war, darüber wird noch bis weit nach dem Zusammenbruch der Regimes in Kuba und Nordkorea diskutiert werden.“ Klar, die Lektüre der „Mutter“ oder der Notizbücher wäre für einen bürgerlichen Feuilletonisten des Jahres 2010 zu mühsam.

Behauptungsjournalismus aber ist erlaubt: Mayr schreibt, Brecht und seine Freundin Paula Banholzer säßen „in einem großbürgerlich anmutenden Wohnzimmer des 20.Jahrhunderts“ – auf dem Foto, das die Zeitung abbildet, sind neben vier Personen, die für das anmutende Wohnzimmer von keiner Bedeutung sind, freilich nur zu erkennen: ein Sofa. Ein Vorhang vorm Fenster. Ein Foto an der Wand. Großbürgertum im frühen 20.Jahrhundert, wie es leibt und lebt also. Und der Unterschied von Blöd- und süddeutscher Zeitung? In der Blödzeitung kommen  die Fotos in aller Regel ohne Beschreibung aus...

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Es wird gemeldet, daß der ehemalige Volontär der „Fuldaer Zeitung“ und zuletzt Feuilletonchef der „Zeit“, Florian Illies, in die Geschäftsführung des Kunstauktionshauses Villa Grisebach eintritt, wo er für das 19. Jahrhundert zuständig sein wird. Mit dem 21. Jahrhundert war er ja nun auch wirklich überfordert...

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„In mancher Hinsicht verschaffen zwanzig Minuten Kampfgeschehen mehr Lebensintensität, als man sie während eines Daseins zusammenkratzen kann, das mit anderem beschäftigt ist. Der Kampf ist nicht der Ort, an dem man stirbt – obwohl auch das geschieht –, sondern der Ort, an dem man herausfindet, ob es einem gegeben ist, weiterzuleben. Die Kraft dieser Offenbarung möge niemand unterschätzen. Und niemand unterschätze das, was junge Männer einsetzen, um das Spiel noch einmal mehr zu spielen.“

„Es ist typisch für Kampfeinheiten, daß auf jeden physisch Verwundeten ein psychischer Krankheitsfall kommt.“

Keine angenehme Lektüre, „War – Ein Jahr im Krieg“ von Sebastian Junger. Vor allem, weil Junger aufzeigt, wie grausam der Krieg in Afghanistan ist, ein Krieg zum Beispiel mit von der Schulter abgefeuerten Raketen namens „Javelin“ – „jede Javelin kostet 80.000 Dollar, und die Vorstellung, daß so eine Rakete von einem Mann abgefeuert wird, der diese Summe in einem Jahr nicht verdient, und einen Mann trifft, der so viel in seinem ganzen Leben nicht verdient, ist ungeheuerlich...“ – ein Krieg, aus dem junge Männer verhaltensgestört und hochtraumatisiert ins „Zivilleben“ zurückkehren werden – ein Krieg, den Politik und Medien hierzulande aus taktischen Gründen so nicht benennen. Und die Medien hierzulande berichten nicht über diesen Krieg, sondern wälzen lediglich die Frage, ob es korrekt war, daß „Frau Guttenberg an der Front“ („Blödzeitung) war bzw. „Eine FREIFRAU an der FRONT“ (Großbuchstaben so im Original), wie es die „Bunte“ nannte. Stillgestanden! Rechts um! Marsch!

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„Da kann einem dann schon einmal ganz weihnachtlich zumute werden: wenn die knapp tausend im SO 36 sardinenbüchsenmäßig aneinandergequetschten Slime-Hörer (...) noch einmal das traditionelle Liedgut des Linksradikalismus anstimmen. „Deutschland verrecke / Deutschland muß sterben, damit wir leben können!“ (...) Würden mehr junge Leute auf Popkonzerten „Nein zu Sexismus“ und „Nein zum Rassismus“ rufen statt bloß zu den trüben Takten von Bushido & Co. mit den Extremitäten zu schaukeln – für den Fortbestand der Zivilisation wäre etwas gewonnen.“

Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“ in einer Rezension eines „Slime“-Konzertes, in der er auch beschreibt, wie „im Getümmel“ vor ihm Dimitri Hegemann „mit einem leitenden Angestellten des Axel Springer Verlags schunkelt, der sich besonders an dem Stück „Linke Spießer“ erfreut.“

Eine andere Publikation des Axel Springer Verlags als die, für die der genannte „leitende Angestellte“ arbeiten dürfte, freut sich am Slime-Konzert weit weniger, sondern titelt anderntags über die Randale nach dem Slime-Konzert in Kreuzberg: „Ist euch das Hirn gefroren? (...) Krawallnacht in Kreuzberg. Der vermummte Mob...“

Der „leitende Angestellte“ des Axel Springer-Konzerns wird da schon beim Weißweinschlürfen gewesen sein.

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Tapfer brüllt ein(e) Kito Nedo im Jahresrückblick-Heft der „Spex“ zum Thema „Kulturoffensive Springer“: „Im April wurde Cornelius Tittel vom Berliner Kunstmagazin Monopol zum Feuilleton-Chef der Springer-Gruppe ernannt und ist somit zuständig für Welt, Welt am Sonntag, Welt Kompakt und auch die Berliner Morgenpost. Tittel war, bereits bevor er 2007 zur Monopol ging, Kulturredakteur der Welt am Sonntag und davor auch irgendwann mal bei der taz. Das Geheimnisvolle an dieser Personalie aber ist, daß er schon im März 2002 in einem Ulf-Poschardt-Porträt für die taz seinen neuen Arbeitsplatz liebevoll beschrieben hatte (...)

Das Grundproblem bei Springer ist der Geist des Hauses, der alle anderen Verlagsprodukte kontaminiert (...) Man muß sich das Axel-Springer-Hochhaus als einen verwunschenen Ort vorstellen.“

Das Geheimnisvolle an diesem Artikel ist, daß er verschweigt, daß auch der bis vor kurzem Chefredakteur der „Spex“ seit Jahren regelmäßig für die „Verlagsprodukte“ des Springer-Verlages schreibt, aktuell circa einmal monatlich für die „Welt am Sonntag“, für die er etwa nach Venedig fahren durfte, um dort einen ganz speziellen Cocktail zu beschreiben. Wenn da der gewesene „Spex“-Chefredakteur mit der Bar in Venedig mal nicht liebevoll seinen neuen Arbeitsplatz beschrieben hat...

Und was unterscheidet nun die beiden Journalisten-Ausbildungsplätze „taz“ und „Spex“? Von taz zur Springerpresse dauert es anscheinend knappe acht Jahre. Von der Nudelpresse „Spex“ in den Schoß der „Welt am Sonntag“ nicht mal Monate... ach was, man kann sogar bequem gleichzeitig für Spex und Springer brabbeln – „das Grundproblem ist der Geist des Hauses“...

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Karl Bruckmaier schreibt in einem überaus lesenswerten Nachruf auf Captain Beefheart in der „Zeit“: „Animalisches stieg da auf, zugleich aber etwas renitent der Moderne Verpflichtetes, Antireaktionäres, Unversöhnliches (...) Im englischen „Guardian“ hieß es vor ein paar Jahren, ach, dieser Beefheart, den hört, den guckt doch eh keiner mehr. Ich möchte dazu nur sagen, das merkt man der Welt aber auch an.“

R.I.P., Captain Beefheart! (und von Karl Bruckmaier möchten wir mehr und öfter lesen)

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Und wo wir schon dabei sind, für guten Journalismus (der bekanntlich selten genug vorkommt, und das merkt man der Welt auch an...) unbezahlte Werbung zu machen, hier noch der Hinweis, daß der Eintrag im Pop-Tagebuch des Eric Pfeil (via FAZ.net) am 30.12. alle Berichte über bescheuerte Echo- oder Wasweißich-Verleihungen der hiesigen Musikindustrie um viele Längen schlägt.

Am Tag danach notiert Eric Pfeil, was zu Facebook zu sagen ist:

„Pünktlich zum Jahresende, nach Monaten des digitalen Herumdümpelns in lustloser Halbanwesenheit, habe ich endlich mein Facebook-Konto deaktiviert.Dass ich Menschen, die bei Facebook an ihrem Nicht-vergessen-werden schnitzen und wüst vor sich hinschnatternd und -plappernd dort öffentlich alles ausbreiten, was ich nicht wissen will, skeptisch beäuge, habe ich ja hier bereits dargelegt. Auch habe ich schon dem Standpunkt, dass die bei Facebook gepflegte Freundschaftskultur noch schlimmer als jene ist, für die Menschen, die keine Ahnung von Freundschaft haben, Wörter wie „Kegelfreund" oder „Partfeifreund" erfunden haben, hier schon ausgiebig Ausdruck verliehen. (...)Allerdings gibt es bei Facebook ja nicht nur plaudersüchtige Bipolare und dauerhektische Haltlose, netzwerkgeile Nudeln und Community-Clowns, sondern sogar ein paar Menschen, die ich für ihre Meinung, ihren Geschmack oder manchmal gar für ihre seelischen Reize durchaus schätze und die mir immer wieder versuchen, die vermeintlichen Vorteile von Facebook darzulegen. Einer dieser Vorteile besteht angeblich darin, daß alle gleichzeitig zu allem etwas sagen können. Ehrlich gesagt: Das ist meine Definition von Hölle.“

Konzertagentur Berthold Seliger ist konsequenterweise (wer jetzt meckert, „weiß nicht um die süßen Wonnen der Widersprüchlichkeit“, wie Eric Pfeil sagen würde...) natürlich ebenfalls auf dem bescheuerten Gesichterbuch zu finden: www.facebook.com/AgenturSeliger

Neil Tennant of Pet Shop Boys Fame sagt dazu übrigens: „There's a sickly strain of fake friendship which goes across the internet, which I find insincere and dislikeable.“

Yep. Werden Sie also ruhig unser Facebook-Freund!

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Wenn in China Google mal nicht alles zeigt, was Google hierzulande zeigen würde, ist das mediale und politische Aufgeheule groß. Daß aber im Land der Freien permanent eine Zensur stattfindet, wird gern übersehen. Es geht um kleinere wie größere Fälle – darum, daß ein Buch wie Mark Twains „Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ nicht mehr im Original erscheinen darf und längst aus absurden Gründen von den Lehrplänen der Schulen gestrichen wurde. Oder es wird in Apples digitalem Bücherladen Melvilles „Moby Dick“ zensiert, weil ein anstößiges Wörtchen namens „sperm“ den „sperm whale“ (Pottwal) definiert. In der Apple-Version steht da jetzt „s... whale“. Man muß nun nicht gleich wie in einigen Blogs von „Apple Gestapo“ schreiben – aber wenn man sich anschaut, wie der reaktionäre Sektenführer des angebissenen Apfels nicht nur von „Stern“ bis Melville ihm als anstößig erscheinende Seiten und Apps zensiert, sondern auch zum Beispiel aktuell die „Wikileaks“-App verbietet, dann muß man sich doch sehr wundern, daß der Apfel immer noch als hip und toll gilt, wo doch klar ist, daß diese Firma das offene Internet bekämpft und ansonsten nur darauf aus ist, die Nutzer aus dem freien, unkontrollierten Netz in ihren ummauerten Garten voller Bezahlinhalte zu locken.

(und, ja, dieser Text wurde auf einem Apple-Rechner geschrieben, die Welt ist voller Wonnen der Widersprüchlichkeit...)

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Was tut aber Jean-Luc Godard, der letztes Jahr den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk erhielt, gerade? Er hat dem französischen Fotografen James Climent, der wegen der „Verletzung musikalischer Urheberrechte“ nach dem französischen „Hadopi“-Gesetz eine Strafe von 20.000 Euro zu zahlen hat, 1.000 Euro gespendet, damit Climent seinen Fall vor den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg bringen kann.

Ein Sprecher des legendären Regisseurs betonte, Godard wollte eine symbolische Geste zur Unterstützung des Angeklagten machen. Godard hat Climent dem Vernehmen nach auch ein Bild eines Segelboot-Modells mit der Aufschrift „Surcouf, Jean-Luc Godard“ geschickt – Robert Surcouf war ein Pirat (!) der Meere zu Zeiten der französischen Revolution.

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Ergebnisse der jüngsten „Pisa-Studie“ in einer Grafik der „Berliner Zeitung“, die sich auf die OECD-Länder beschränkt: „1. Südkorea 2. Finnland 3. Kanada 4. Neuseeland 5. Japan (...) vorgerückt auf Platz 16: Deutschland.“

Ergebnisse der gleichen Pisa-Studie in einer Grafik der „Zeit“, die betont, daß sich „an Pisa 2009 mehr Staaten als je zuvor beteiligt haben“: „1. Südkorea 2. Finnland 3. Kanada (...) 20. Deutschland.“ Immerhin gibt die „Zeit“ zu, daß sie nur „jene OECD-Staaten“ zeige, „die seit der ersten Pisa-Studie dabei sind“, während mittlerweile „Dutzende weiterer Länder und Regionen an Pisa teilnehmen“, und „Neuzugang Schanghai zum Beispiel im Lesen die Tabelle anführt“ – nur, das findet sich in der Tabelle nicht wieder, weil man sich eben dafür entschieden hat, die Tabelle so zu gestalten, daß China nicht vorkommt. Aber Deutschland, bei der „Berliner Zeitung“ noch im Hurra-Stil „vorgerückt auf Platz 16“ plötzlich nur noch auf Platz 20...

Ergebnisse der gleichen Pisa-Studie in einer Grafik der „FAZ“, als einzige seriös unterteilt in drei Grafiken zu Lesekompetenz (dem Schwerpunkt der Pisa-Studie), Mathematik und Naturwissenschaften:

„Lesekompetenz: 1. Schanghai (China) 2. Südkorea 3. Finnland 4. Hongkong (China) 5. Singapur 6. Kanada (...) 20. Deutschland.“  „Mathematik: 1. Schanghai (China) 2. Singapur

3. Hongkong (China) 4. Südkorea 5. Taiwan 6. Finnland 7. Liechtenstein (...) 16. Deutschland.“

„Naturwissenschaften: 1. Schanghai (China) 2. Finnland 3. Hongkong (China) 4. Singapur

5. Japan 6. Südkorea (...) 13. Deutschland.“

Man mag von der Pisa-Studie halten, was man mag – wenn man aber über sie berichtet, sollte man den Lesern schon mitteilen, daß in allen Bereichen der Pisa-Studie „Schanghai (China)“ auf Platz 1 liegt. Was aber in einem wesentlichen Teil der deutschen Presse nicht sein kann, weil es nicht sein darf.

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„Der Weg aus Armut und Ausgrenzung ist mühsam, aber zielführend.“

Ursula von der Leyen (CDU), Bundesarbeitsministerin

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„Emihosting im Auftrag von PUR“ lassen nicht locker und bieten eine Box für limitierte Fans oder so ähnlich an: neben den drei bereits erschienenen Live-Alben von Pur (die die Fans garantiert alle noch nicht haben...) und „natürlich“ der neuen „Live – die Dritte (Akustisch)“ gibt es „obendrauf exklusiv nur in dieser Box“ eine DVD „Pur & Friends auf Schalke“, ein 44-seitiges Fotobuch und, man halte mich fest, „ein PUR-Schlüsselband mit nummerierter Membercard, welche die Seriennummer der Box enthält und als Tickethalter bei Konzerten dient“ (scheinbar rechnet Emihosting im Auftrag von Pur mit der fortgeschrittenen Senilität der Pur-Fans, die ihr Ticket nicht mehr selbst festhalten können und dazu ein, ähem, Schlüsselband benötigen). Ganz ehrlich: hätte ich mir fast zu Weihnachten selbst geschenkt, diese streng limitierte PUR Fan Box. Wenn da nicht der Haken käme (paradise doesn’t bekanntlich come without mistakes...), im letzten Absatz: in drei Boxen der Auflage nämlich ist ein „Golden Ticket versteckt“ – „die glücklichen Finder dürfen mit einer Begleitperson Pur hautnah erleben (...) auf einem exklusiven Sitzplatz auf der Bühne!“ Das war mir dann doch zu riskant.

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„Meine Theorie über den Umgang mit Leuten von Plattenfirmen lautet: außer bei gesellschaftlichen Anlässen nie persönlich mit ihnen reden, nie warm werden mit ihnen, sich nie in das tägliche Gelaber hineinziehen lassen. Dafür läßt man seine Leute für sich arbeiten. Wenn man Fragen über Budgets oder Werbung stellt, wird man persönlich erreichbar für diese Burschen.“

Keith Richards, „Life“

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„Der sicherste Unterschlupf für Verfassungsfeinde ist derzeit ein Job im Kabinett Merkel. Nach Art. 30 GG ist Polizei Ländersache, so wie diese Regierung sich auch bei Wehrpflicht, Asyl, Verteidigungsarmee und anderem einen Dreck ums Grundgesetz schert. Die Letzten, die aus Länderpolizeibehörden eine nationale Polizei zusammentricksten, waren Himmler und Heydrich – mit Tumoren wie Reichsicherheitshauptamt, SiPo und – ursprünglich Görings Folterwerkzeug – der Gestapo. Interessanter Umgang, Herr Innenminister.“

Friedrich Küppersbusch in der „taz“ über Pläne des Innenministers de Maizière (CDU)

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Musikindustrie – Rätsel über Rätsel. Das Künstlerangebot des Monats ist eine Schlagersängerin, die „den 1. Preis“ gewonnen hat („nachstehend die Pressemitteilung über (...) und den Gewinn des 1.Preises“, heißt es da).

Die Künstlerin holte u.a. 2009 „beim Weihnachtslied-Hitcontest im Schlagerportal den ersten Preis. Die prominente Fachjury (EMI, Sony/BMG, Universal Koch, GoldStarTV, Sepp Adlmann, Gustl Viertbauer u.a.) und Fans haben sich hierfür entschieden“, heißt es in dem Angebot. Sie können sich unschwer vorstellen, welch ungeahnten Reiz dieses Angebot auf mich ausgeübt hat, denn schon lange finde ich, daß die Künstler dieser Agentur im Weihnachtsliedgeschäft eine viel zu untergeordnete Rolle spielen (auch wenn überraschenderweise ausgerechnet Lambchop bereits ein Weihnachtslied eingespielt haben – wer bis zum 20.1.2011 per Email mitteilt, wie der Song heißt und wann er eingespielt wurde, erhält eine gute Flasche burgundischen Rotweins, unter Ausschluß des Rechtsweges, wie es bei PREISAUSSCHREIBEN so hübsch heißt...).

Besonders gefallen hat mir jedoch der sagenhafte Absatz:

„Wir werden von dieser Sängerin noch sehr viel hören! Ihre Fangemeinde wird immer größer, wie z.B. beim Schlagerportal, wo sie schon seit Monaten Platz 8 belegt, mit 1443 Voter und 113562346 Stimmen.“ Ja, Sie haben richtig lesen: das sind über 113 Millionen Stimmen!

Puh.

Ich weiß nicht, wie EMI, Sony/BMG, Sepp Adlmann und Gustl Viertbauer zu diesem Rundbrief stehen, ich hoffe aber sehr, dieser Rundbrief belegt auch bei Ihnen seit Monaten Platz 8, und ich hoffe inständig, daß auch Sie als Leserin oder Leser dieses bescheidenen Newsletters mit viel Stimmgewalt ausgestattet ins neue Jahr gelangen – wenn auch vielleicht nicht gleich mit 7.869 Stimmen...

Alles Gute jedenfalls in 2011! Bleiben Sie uns gewogen!

15.09.2011 - 13:41

Jetzt, nachdem angeblich paar Päckchen ausm Jemen abgefangen wurden, kriechen sie wieder aus ihren Löchern, die Protagonisten verschärfter Sicherheitsgesetze. Die 17 deutschen Innenminister etwa haben Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger gerade aufgefordert, schnell einen Gesetzentwurf zur Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung vorzulegen – laut Bundesinnenminister de Maizière gebe es eine „Sicherheitslücke“.

Mal abgesehen davon, daß das Bundesverfassungsgericht die Vorratsdatenspeicherung vor kurzem als nicht grundgesetzkonform gekippt hat – was will man denn mit der Vorratsdatenspeicherung bezwecken? Die Pakete, die vom Jemen über deutsche Flughäfen nach England und in die USA geraten sind, wurden ja nicht wegen der fehlenden Vorratsdatenspeicherung von persönlichen Daten hierzulande nicht entdeckt, sondern weil im Gegensatz zu den drangsalierten Flugpassagieren gute 90% der Luftfracht gar nicht kontrolliert werden. Wofür unter anderem der Bundesinnenminister die Verantwortung trägt. Der aber lieber die Terrorangst schürt, um sogenannte Sicherheitsgesetze zu verschärfen und den Überwachungsstaat zu perfektionieren.

Ins gleiche Horn wie der CDU-Bundesinnenminister stößt der Berliner SPD-Innensenator Körting, eine Knallcharge besonderer Qualität, warnt Körting doch gleich mal pauschal vor „seltsamen Menschen“ und meint damit nicht etwa Kinderschänder in Soutanen oder seinen migrantenfeindlichen Parteifreund Sarrazin, sondern „seltsame Menschen, die nur arabisch sprechen“ und „plötzlich in der Nachbarschaft einziehen“.

Bleiben Sie wachsam!

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Nicht nur „wir sind Lena“ läßt sich von Opel („Jedem Popel einen Opel“, hieß es weiland...) bezahlen, nun hat der deutsche Automobilkonzern auch Katie Melua eingekauft: „in europaweiten Werbekampagnen“, heißt es bei „Musikwoche“, soll die Künstlerin „für Opel (...) Werte wie Umweltbewußtsein und soziale Verantwortung verkörpern“. „Für diese Werte strengen wir uns an, und diese Werte vertritt auch Katie Melua auf sehr glaubwürdige und authentische Art“, sagte der „Opel Vice President Sales, Marketing und Aftersales“. Melua erklärte ihr Engagement für den Automobilkonzern: „Mir gefällt die Art, wie Opel als Autohersteller Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit angeht, gleichzeitig aber Emotionalität und Lebensfreude transportiert.“

Ihr Experte für Aftersales im Kreuzberger Hinterhofbüro erklärt Ihnen gerne, was das alles wirklich bedeutet: Katie Melua wird ne Stange Geld dafür bekommen haben, für Opel Reklame zu laufen. Die offene Frage bleibt nur, wer mehr Emotionalität und soziale Verantwortung verkörpert: Frau Melua oder die Karosse auf vier Rädern.

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Eine andere auf Tour gehende Litfaßsäule, darauf wies Hagen Liebing im „Tip“ hin, ist der Markenartikler, der unter dem Namen „Fantastische Vier“ durch die Lande zieht. „Es gibt wohl kaum eine Band in Deutschland, die in den letzten Jahren so viel Geschick und Eifer dabei bewiesen hat, neben der eigenen Musik auch gleich noch zahllose Konsumprodukte, Technikinnovationen und Sender zu bewerben“, stellt Liebing fest. Und Medien-Profi Oliver Ihrens sagt in der „Musikwoche“: „Es gibt in Deutschland nur wenige Künstler, die eine vergleichbare Strahlkraft haben und zudem in der Lage sind, ihre Ideen mit dem Markentransfer in Einklang zu bringen“.

„We’re in it for our sponsoring deal“... da können die in den letzten Rundbriefen genannten Biertrinke-Bands nur blond werden vor Neid, wie die schwäbische Litfaßsäule Sponsoring betreibt.

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Und welcher Rocker fand sich im letzten „Rolling Stone“ gleich in zwei ganzseitigen Anzeigen? Überraschung! Peter Maffay. Einmal spielt er mit einem „Philharmonic Volkswagen Orchestra“ eine Tournee, einmal macht er für die Blödzeitung Werbung, „mit der Reife steigt die Qualität“, womit der Altrocker wohl sowohl sich selbst als auch die Blödzeitung meint. Und wie stehts um das Orchester mit den Volkswagen?

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Wenn man sich auf die „Initiative Musik“ und auf das „Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie – Referat VIB1 – Medien-, Kultur- und Kreativwirtschaft“ einläßt, wirds teuer. Das genannte Bundesministerium hat die „SXSW 2011“, die führende Musikmesse der Welt, „erstmals ins Auslandsmesseprogramm des Bundes aufgenommen“. Und was bedeutet das konkret? Laut Bundesministerium und Initiative Musik „profitieren Firmen, die sich im Rahmen einer offiziellen deutschen Beteiligung präsentieren, von besonders günstigen Konditionen“. "Besonders günstig" bedeutet: akkreditiert man sich über Initiative Musik und über das Bundesministerum bei der SXSW in Austin, kostet einen das 500 Euro. Akkreditiert man sich bei der Messe direkt, zahlt man nur ca. 460 Euro.

Klar: wer am „Auslandsmesseprogramm des Bundes“ teilnehmen will, ist irgendwie bescheuert und sollte Strafe bezahlen, sehe ich genauso...

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„Die (...) Medien unterhalten bedauerlicherweise ihre eigenen „öffentlichen Hausintellektuellen“, die nach Bedarf unverzüglich fertige Meinungen zu jedem beliebigen Thema liefern. Diese „öffentlichen Hausintellektuellen“ gehören mit den Medienschaffenden letztlich zu der gleichen Interessensgruppe, deshalb auch kommen am Fernsehen immerfort dieselben Experten zu Wort. In Wirklichkeit betreiben diese vermeintlichen „öffentlichen Intellektuellen“ aber seit langem keine Forschung mehr.“

Dies schrieb Wang Hui, einer der laut NZZ „gewichtigsten Intellektuellen seines Landes“ den chinesischen Medien ins Stammbuch, im Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“. Ist aber, wie man sieht, durchaus allgemeingültig und auch hierzulande aktuell, wenn man zu Beginn das Adjektiv „chinesischen“ wegläßt...

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Und wofür bezahlen wir unsere Rundfunkgebühren? Etwa für den Film „Die Hüttenwirtin“, den die ARD produzieren ließ und am Freitag, 19.11.2010, um 20.15 ausstrahlte. Laut „FAZ“-Fernsehprogramm geht es um Folgendes: „Die Werbemanagerin Sandra arbeitet in Berlin. Als sie von ihrem Vater eine Tiroler Berghütte erbt, reist sie in ihre Heimat, um die traditionsreiche Ausflugsgaststätte zu verkaufen. Doch wider Erwarten findet Sandra Gefallen an ihrem urigen Erbe.“

Ich gebe zu, ich habe diesen Film nicht gesehen. Ich bin aber beim Zappen schon in unzählige ähnliche Sujets geraten, die sich im hiesigen öffentlich-rechtlichen Fernsehen breitmachen: Da lebt jemand in der Großstadt, meistens erfolgreich, aber unglücklich. Dann ruft irgendein Ereignis, meistens der Tod eines Elternteils und das damit verbundene Erbe, den Großstadtmenschen zurück in die Heimat – eigentlich will der Großstadtmensch schnell wieder weg, dann jedoch erlebt er die „Heimat“ als Quelle wahren Glücks, wahrer Werte, und er oder besonders gerne sie entscheidet sich, in der „Heimat“ zu bleiben.

Ein Blut-und-Boden-Sujet perfekter Qualität, wie es Goebbels und seine Filmindustrie seinerzeit jahrein jahraus aufführten – und also führen es heutzutage genauso ewiggestrig ARD und ZDF auf – Großstadt? Anonym und gefährlich. Das ländliche Leben? Heimat und ehrliche Werte. „Urig“. Erfolg? Nicht so wichtig. Famillje? Das Ziel der deutschen Fernseherziehung im 21.Jahrhundert. Und wir dummen Kälber finanzieren diesen reaktionären Scheiß natürlich auch noch selber.

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Jetzt sind die Urheberverbände vollends durchgeknallt – während die Kinder mit ihren Laternen die Martinsumzüge besuchten, forderte Christian Krauß, Geschäftsführer der Verwertungsgesellschaft Musikedition, daß sie dafür gefälligst Lizenzgebühren bezahlen sollen. Die VG Musikedition bietet den Kindergärten Lizenzverträge an, damit sie neuere Martinslieder nicht illegal singen lassen – „gerade von „Laterne, Laterne“ gibt es auch neue Textbearbeitungen. Dabei handelt es sich um geistiges Eigentum, und das müssen wir schützen“, fordert Krauß im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. „Es sollen nicht die Kinder zahlen, sondern die Kitas. (...) Gemeinsam mit der GEMA haben wir alle Kindergärten angeschrieben und über die Rechtslage informiert. Wir gehen davon aus, daß sich jetzt auch alle daran halten. (...) Auch musikalische Bildung kostet eben Geld. Es sollte doch jedem verständlich sein, daß Urhebern auch in diesem Fall eine kleine Kompensation zusteht.“

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Was sagt Jean-Luc Godard, der dieses Jahr den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk erhält, gerade?

„Ich finde, man sollte für seine Arbeit bezahlt werden, nicht für die Verwertung seines Produktes. (...) Das Urheberrecht ist eine Fiktion.“

(im Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag“)

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Und wovon träumen Staatssekretäre in der Demokratie hierzulande?

„Für mich ist das eine der schönsten Aufgaben – ein Schloß zu bauen.“

Rainer Bomba (CDU), Staatssekretär im Bundesbauministerium

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„People want to validate themselves with art. And that’s tedious. They want celebrity. It’s tedious in pop music and it’s worse in art.“

Billy Childish

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Der "Spiegel" hat Papiere von "Wikileaks" aufgekauft und präsentiert diese Köttel als Riesenskandal - aber was steht in den sogenannten "Geheimpapieren" denn drin? Das, was jeder Journalist hierzulande über Politiker schreibt. "Teflon-Merkel" entscheidungsschwach, Westerwelle kann keine Außenpolitik, eben derartige Binsenweisheiten, die der "Spiegel" einem jetzt als investigativen Journalismus verkauft. Mon dieu.

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Ebenfalls zur Verwunderung gibt das große Medien-Theater Anlaß, das um die Veröffentlichung der Studie zum Auswärtigen Amt betrieben wurde - perdauz, nun sollen während der Zeit des Nationalsozialismus im Auswärtigen Amt Hitlers doch tatsächlich Nationalsozialisten gearbeitet haben! Wir sind schockiert. Am Ende wird der "Spiegel" noch aufdecken, daß sogar sein November-Coverheld Joseph Goebbels ein Nazi war... das wäre dann in der Tat investigativer Journalismus der allerfeinsten Sorte...

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Der Musikindustriesprech-Werbetext des Monats:

„Hier ist Annie Lennox ein unerhört aufregendes Weihnachtsalbum gelungen, das zugleich klassisch und zeitgenössisch, anrührend und mitunter sogar polemisch ist. (...) Es ist keines der süßlichen, belanglosen Weihnachtsalben, mit denen der Markt kurz vor dem Fest alle Jahre wieder überflutet wird. (...) Um einen volleren Klang und zusätzliche Dynamik zu erreichen, arbeitete sie mit einem 30-köpfigen Orchester zusammen.“

Das Album habe ich nicht gehört, aber ich glaube beim Blick aufs Tracklisting sofort, wie „unerhört aufregend“ das Album sein muß – Lieder wie „Silent night“ oder „The First Noel“ hat man ja bisher quasi noch nie auf CD gehört – und „The Holly And The Ivy“ ist wahrscheinlich der Song, der mit „sogar polemisch“ gemeint sein dürfte. Vor allem freue ich mich über die brillante Idee, wie die Künstlerin auf unnachahmliche Weise einen „volleren Klang“ und „zusätzliche Dynamik“ erreicht hat – auf die Idee, zu diesem Behufe einfach ein „30-köpfiges Orchester“ zu engagieren, muß man erstmal kommen! Wenn sich das in der Musikbranche nur nicht rumspricht...

Am Ende kommt noch jemand auf die unerhört aufregende Idee, „Ihr Kinderlein kommet“ mit einem volleren Klang und zusätzlicher Dynamik auszustatten – wo doch hierzulande neuerdings jede Rockband, die nicht rocken kann, sich ein Orchester dazumietet, um nachzuweisen, daß sie auch garantiert nicht arrangieren kann noch sonst etwas zu bieten hat.

Genießen Sie trotz aller „sogar polemischen“ Weihnachtslieder die Adventszeit!

15.09.2011 - 13:40

Das Berliner Haus der Kulturen der Welt (HdKdW), eine Institution des Bundes, kündigt die neue Auflage von "Worldtronics" an, "das Festival für weltweite elektronische Musik", wie es im Ankündigungstext etwas hölzern und grammatikalisch nicht ganz richtig heißt. "Wieder präsentiert das HdKdW Popmusik jenseits von Europa und Nordamerika" (Hervorhebung BS). Entsprechend beschäftigt sich der zweite von vier Abenden mit "Barcelona, kuratiert von Detlef Diederichsen". Barcelona, eine Stadt eindeutig "jenseits von Europa", wie jedes Kind weiß (und mal jenseits dessen eine Stadt, von deren spannender zeitgenössischer Popmusik in Berlin sicher noch nie jemand etwas gehört hat, weswegen es umso verdienstvoller ist, daß uns die staatliche Institution endlich mit Popmusik aus Barcelona bekannt macht...).
Der dritte von vier Abenden beschäftigt sich mit "Rußland", was bekanntlich auch sehr weit "jenseits von Europa" liegt. Sind echte Fachleute am Werk im HdKdW, und wenn sie sich mit Popmusik so gut auskennen wie mit Geographie, sind interessante Erleuchtungen zu erwarten.

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Eine andere Institution, die "Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen", kurz "Frontex" genannt, verschleiert mit diesem hübschen Titel ihre eigentliche Aufgabe: nämlich als europäische Institution systematisch und mit allen Mitteln (vornehmlich mit solchen, die die Menschenrechte verletzen), die Zuwanderung aus ärmeren Ländern nach Europa zu verhindern. Die Ausgaben für Frontex sind in den letzten fünf Jahren von 6 Millionen auf 83 Millionen Euro gestiegen - Geld, das die EU zur Absicherung der bestehenden Ungleichheit für die Festung Europa verwendet, um Europa gegen Migranten zu verteidigen.
Mittlerweile stoppt die europäische Grenzschutztruppe mit Sitz in Polen nicht mehr nur Bootsflüchtlinge im Atlantik und im Mittelmeer. Wie "Pro Asyl" nachweist, handelt Frontex auch im Auftrag der Brüsseler Kommissare direkte Polizei- und Rückführungsabkommen mit berüchtigten Regimes wie Libyen aus.

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In der "FAZ" wird dieser Tage die Legendenbildung um den Suhrkamp-Verlag und um die Lektoren-Revolte von 1968 weiterbetrieben, die schon anläßlich der Buchmesse vielerorts zu lesen war. Siegfried Unseld als der unumstrittene Verlegerstar der Bonner Republik. Wer wissen will, was auf der Buchmesse 1968 wirklich passiert ist, der sollte, nein: der MUSS "Sauna Luxemburg" lesen, die siebte Folge der legendären Reihe "Schröder erzählt", die Jörg Schröder und Barbara Kalender seit 1990 schreiben und selbst verbreiten. "Sauna Luxemburg"
ist auf vielen Ebenen eine der besten Erzählungen, die ich über 1968, über die Kulturindustrie, über Suhrkamp und Springer und Renegatentum und all das kenne. Eine Pflichtlektüre sozusagen. Vor allem führt einem "Sauna Luxemburg" drastisch vor Augen, worum einmal in dieser Republik gestritten wurde, und mit welcher Kraft, mit welcher Ernsthaftigkeit es um "die Dinge" ging. Die holländischen Provos, die "Surrealistentruppe" (ab jetzt alle Zitate aus "Schröder erzählt"!), "an fünf Ecken und Enden protestierten Gruppen, und das Gedröhne der Wortführer war heftig: Karl Dietrich Wolff und Cohn-Bendit verlangten die Sozialisierung der Buchmesse, Alfred von Meysenbug ihre Anarchisierung, Buchheim reklamierte eine Messehalle für seine Sammlung, Bernward Vesper und ich wollten alles kippen, verlangten die Schließung der Messe. Es wäre uns am nächsten Tag fast gelungen, aber heute wurde erst mal abgesperrt, die Springer-Stände geschlossen: Die Welt, Ullstein und Propyläen.
Mitglieder der Messeleitung wuselten geschäftig hin und her, besonders Siegfried Unseld als Verlegerbeirat. Es gab einen kleinen Auflauf vor dem Ullstein-Stand (...) ein Gerufe (...): "Enteignet Springer! Enteignet Springer!""
Wer wissen will, wie das alles weiterging, der kaufe sich "Sauna Luxemburg", das wird hier jetzt nicht verraten. Wie der holländische Provo auf den Buchstand Springers pinkelte und dabei rief "Pinkelet auf Springer!" Und wer ereiferte sich in seinem blauen Anzug gegen die Demonstranten und "entschärfte die Konfrontation", wie es die "FAZ" nennt? Eben, Siegfried Unseld.
Nun ja. Eine tolle Geschichte. Vor allem aber, wenn man sich vor Augen führt, was damals los war, 1967 und 1968 auf der Buchmesse: Bei einem Treffen der Gruppe 47 haben einundsiebzig Schriftsteller eine Resolution unterschrieben, worin sie sich verpflichteten, künftig nicht mehr in Blättern des Springer-Konzerns zu publizieren, und ihre Verleger aufriefen, ihre Bücher nicht länger bei Springer zu bewerben. Die Verlagsleiter von Hanser, Luchterhand, Piper, Rowohlt und sogar Suhrkamp stimmten diesem Boykott zu. Man stelle sich das eben auf das Jahr 2010 übertragen vor: Einundsiebzig Popmusiker fordern ihre Plattenfirmen auf, nicht mehr in Springers "Welt", im "Musikexpress" oder im "Rolling Stone" ihre neuen Alben per Anzeigen zu bewerben! Und die Chefs von Universal, Warner, EMI und BMG stimmen diesem Boykott kurzerhand zu. Und man weiß, wie weit das Jahr 1968, in dem es noch um etwas ging, vom Jahr 2010 entfernt ist...
Und nebenbei bemerkt: heutzutage ist der Suhrkamp-Verlag ein Verlag der Beliebigkeit, der sich vom Staat alimentieren läßt und der so ziemlich jeden Schmarrn veröffentlicht, während zum Beispiel das jüngste Buch von Jacques Rancière bei einem (tollen!) Wiener Kleinverlag, oder das aktuelle Buch "The End of the Revolution - China and the Limits of Modernity" von Wang Hui, dem wahrscheinlich wichtigsten und möglicherweise einflußreichsten Philosophen und Theoretiker Chinas, erst gar nicht in deutscher Sprache erscheint...

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Zaha Hadid, Stararchitektin, macht in großen Anzeigen Werbung für die Schweizer Bank UBS: "Zaha Hadid wollte nicht ruhen, bis sie die Architektur neu erfunden hatte. Ebenso wenig wie Patrik Schumacher, ihr Geschäftspartner". Unter dem Foto der standesgemäß in schwarz gekleideten und melancholisch dreinschauenden Künstlerin ist zu lesen: "Bis meine Kundin weiß, daß sie an erster Stelle steht. Bis ich weiß, was sie antreibt. Und was sie bremst. Bis ich weiß, was sie morgens aufstehen läßt. Und was sie nachts wach hält. Bis sie versteht, daß ich unablässig über ihre Investments nachdenke (selbst wenn sie es nicht tut). Nicht nur im Büro. Auch in der Oper. Bei einer Grillparty. Im Stau..."
Von ihrem Werbehonorar für diese Anzeige konnte Frau Hadid sicher wieder einige "Investments" tätigen.
Der diesjährige Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa, durchaus mittlerweile eher der Neoliberalen einer, fordert dagegen vom Literaten, er müsse "subversive Ideen verbreiten und Unzufriedenheit und Rebellion schüren".

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Und was denkt Jean-Luc Godard, der dieses Jahr den Ehren-"Oscar" für sein Lebenswerk erhält, gerade? Im Interview mit "Les Inrockuptibles" hält der Meister-Regisseur fest:
"Copyright really isn't feasible. An author has no rights. I have no rights. I only have duties."
Der Autor hat keine Rechte, er hat Pflichten!
Hielten sich heutige Künstler verstärkt an diese Maxime, die Welt wäre möglicherweise eine bessere...

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Und der große Jerry Lee Lewis singt auf seinem soeben erschienenen genialen Album zusammen mit dem großen Solomon Burke ausgerechnet eine gigantische Version von "Railroad To Heaven". R.I.P., Solomon Burke!
(Fehler: nicht zum letzten Solomon Burke-Konzert gegangen zu sein; nicht zum bisher letzten Auftritt von Jerry Lee Lewis gegangen zu sein; immerhin richtig gemacht: dieses Jahr beim Konzert von Lady Gaga gewesen, dem quasi besten Popkonzert, das ich bisher gesehen habe...)

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Was aber macht Junker Jauch? Der Quizfragenaufsager, Besitzer etlicher Potsdamer Villen und Verfechter des Religionsunterrichts ärgert sich laut "Berliner Zeitung" über "mangelnde Transparenz beim Potsdamer Schloßprojekt". Junker Jauch hatte der Stadt Potsdam vor knapp zehn Jahren das sogenannte "Fortunator" geschenkt, das erste sichtbare Zeichen, daß an der Stelle einst ein Barockschloß stand. Nun gibt es eine Baugrube, und Jauch ärgert sich (vielmehr, er sagt der Presse, "er ärgere sich nicht", was im Junkerton natürlich das Gegenteil aussagen soll), daß er über den Fortgang der Bauarbeiten hinterm Bretterzaun so wenig erfährt wie jeder andere Bürger auch. Wo der Herr Fernsehstar doch eher eine Behandlung gewissermaßen als Preußenkönig oder doch zumindest eine Vorzugsbehandlung als brandenburgischer Großgrundbesitzer wünscht.

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Wie Stefan Niggemeier in seinem immer lesenswertem Blog schreibt, "es gibt keine Originalitätspunkte", auf das tolle Video "White Nuckles" der Band OK Go hinzuweisen - aber wer auf YouTube sieht, wie ca. bei Minute 2:30 Sänger und Hund sich "Give me five"-mäßig abklatschen, der wird mit einem breiten Grinsen durch seinen Tag gehen.
Das Video ist übrigens hierzulande immer mal wieder gesperrt. Von EMI? Der GEMA? Während hiesige Popsternchen sich jedenfalls nicht zu schade sind, zu jedem Modethema, zu dem man ihnen ein Mikrofon vor den Mund hält, Belangloses und Artigkeiten zum Besten zu geben, schreibt Damian Kulash von der Chicagoer Band OK Go in einem Beitrag für die "Washington Post" zum Thema "Netzneutralität" u.a.:
"Music is subjective, of course, so you don't have to agree with my assessment of what's innovative and what's trash. But business is less so, and the past decade of the music industry is as clear an example as you can find of what happens when the depth of pockets, not the quality of ideas, is the arbiter of success. It's been like a corporate version of the Three Stooges: absurd flailing, spectacular myopia and willful ignorance of reality. Now that the big record companies have made themselves obsolete, bands such as mine can make a better living without their help than we can with it. The lesson is that insider's clubs don't nurture the best ideas, which is the whole point of markets: Competition is supposed to keep everyone on their toes. Sure, it's a drag that the radio plays such bad music, but it won't sink our economy. Can you imagine, though, what would happen if we let the same thing happen to ideas themselves?"

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Was haben die, so "Musikwoche", "Universal-Band Selig" und die Band "Phoenix" gemeinsam? Beide werben für Bier. Und ausgerechnet Selig beweisen dabei wohl den besseren (Bier-) Geschmack, sie kooperieren mit "Köstritzer". Die Managerin der Band, Petra Husemann-Renner, erklärt: "Jetzt sind wir glücklich, dafür genau im entscheidenden Zeitpunkt einen Partner gefunden zu haben, der uns versteht und unterstützt." Und die Produkt-Managerin von Köstritzer, Ute Muckisch, ergänzt: "Wir sprechen mit der Band eine Sprache. Beiden Partnern geht es um das besondere Etwas. Und daraus entstehen vielversprechende Ideen."
Wenn Sie jemals eine Band dieser Agentur entdecken, die sich von einer Bier- oder Brausefirma kaufen läßt, dann dürfen Sie sich vertrauensvoll an den Besitzer dieser Agentur wenden und ihm den Haken zeigen, an den er seine Tourneeveranstalterkarriere hängt. Wenn uns nur noch eine Biermarke "versteht und unterstützt", und wenn nur noch eine Biermarke "mit der Band eine Sprache spricht", woraus "vielversprechende Ideen entstehen", dann ist alles zu spät.
Es ist Herbst. Wer jetzt keine Flasche burgundischen Rotweines geöffnet hat, der findet keine mehr. Und muß sich seine Tourneen von ner Bierbrauerei finanzieren lassen...

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Überraschung! Jetzt mach ich euch den Poschardt und erkläre, warum man im Oktober quasi eher die FDP als die SPD wählen mußte. Es beginnt eigentlich ganz sozialdemokratisch erfreulich: in der SPD haben Kirchenkritiker einen "Arbeitskreis Laizistinnen und Laizisten" vorbereitet, der mit so eigentlich selbstverständlichen Forderungen wie stärkerer Trennung von Staat und Kirche, Neutralität von Gesetzen und öffentlichem Raum, neutrales öffentliches Bildungswesen, Ablösung der Staatsleistungen an die Kirchen oder der Abschaffung von Rechts-, Steuer- und Finanzprivilegien der Kirchen an die Öffentlichkeit trat. So weit so gut. Aber was sagte SPD-Chef Gabriel dazu? "Siggi Pop" stellte sogleich klar: einen derartigen Arbeitskreis werde es in der SPD nie geben. Fordert mal ein Sozialdemokrat Selbstverständlichkeiten, die in der Verfassung stehen, kann man sicher sein, daß ein hoher Funktionär daher kommt und sagt, so sei das alles nicht gemeint...
Der FDP-Generalsekretär Lindner, einer der höchsten Funktionäre der Pünktchenpartei, schrieb dagegen in einem Artikel für die "FAZ", daß in der Integrationsdebatte "religiöse Werte bedeutsamer als republikanische" erscheinen. Das Christentum allerdings sei "ein persönliches Bekenntnis und nicht die deutsche Staatsreligion". Tatsächlich reichten die Wurzeln unserer Verfassungsidee bis zurück nach Athen und Rom, ihre Prinzipien seien seit der Französischen Revolution erkämpft worden - "oft genug gegen den Widerstand der Kirchen". Der FDP-Generalsekretär weiter: "Die alten Prägekräfte von Religion und Nation lassen nach, neue kulturelle und kosmopolitische Einflüsse nehmen zu." Diese Vielfalt sei "ein Freiheitsgewinn, wenn wir die Frage nach der verbindenden Identität republikanisch beantworten: Menschen unabhängig von Herkunft, Glaube oder Geschlecht können als Bürger mit gleichen Rechten und Pflichten am politischen Gemeinwesen teilhaben".
Außerdem kritisierte der FDP-Politiker das, was auch der nicht zugelassene SPD-Arbeitskreis denkt, aber nicht öffentlich sagen darf: daß die "Ministerpräsidenten mindestens formal an der Besetzung von Bischofssitzen beteiligt" sei, "der Staat für deren Bezüge" aufkomme, und daß der Staat auch zwei Jahrhunderte nach der Säkularisierung "jährliche Donationen von gegenwärtig mehr als 450 Millionen Euro an die christlichen Kirchen" zahle, "unabhängig von Kirchensteuer und weiteren zweckgebundenen Zuwendungen".
Chapeau, Herr Lindner! So ist das heutzutage: man zollt Beifall, wenn ein Politiker mal eine Selbstverständlichkeit ausspricht...

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Da wäre man nur ungern dabei gewesen: Ben Becker sitzt in einer Berliner Kneipe mit Udo Lindenberg. Am Nachbartisch entdeckt der Schauspieler Vicky Leandros und spricht sie an. Irgendwann kommen "die Scorpions zur Tür herein" und es wird ein arg lustiger Abend - am Schluß tanzt die Bagage auf den Tischen und grölt "Theo, wir fahrn nach Lodz"...

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Und aus unserer kleinen Reihe "Künstlerangebote, die die Welt nicht braucht" diesmal ein ganz spezielles Angebot: Das "weltweite Management" des "Topmodel Marcus Schenkenberg" weist darauf hin, daß im Dezember des Topmodels "eigene Underwear-Collection" "gelaunched" wird. "Im Rahmen der Vorbereitungen hierfür" steht Schenkenberg "für Personell Appearances zur Verfügung".
Überzeugt Sie noch nicht so recht? Sie meinen, eine "personell Appearance" sei ja wohl selbstverständlich, irgendwie? Warten Sie ab. Erstens "steht Marcus Schenkenberg weltweit für Erfolg, Schönheit, Fitness und Glamour", und wer wollte davon nicht abhaben?
Und wenn Sie jetzt immer noch zögern, dann wird Sie dieses Angebot des "weltweiten Managements" doch wohl hoffentlich endgültig überzeugen: "Gerne steuern wir 20-30 Models pro Event aus unserem Portfolio kostenlos hinzu".
Haben Sie Interesse an einem Angebot? Wir vermitteln gerne den Kontakt.
Bis dahin stehen Ihnen unsere Künstler für "Personell Appearances" im November 2010 wie eingangs dieses Rundbriefes beschrieben zu einem wahrscheinlich günstigeren Preis (schauen Sie mal in den Ticketshop auf unserer Homepage! per "print at home" verbürgt die preisgünstigsten Tickets für unsere Konzerte!) zur Verfügung. Wir bedauern, daß noch nicht alle unsere Künstler ihre eigene Underwear-Collection gelauncht haben, wir arbeiten aber natürlich unermüdlich daran - immerhin können sie aber singen und Musik machen.
20-30 Models "aus unserem Portfolio" können wir allerdings nicht kostenlos "hinzusteuern" - für "Schönheit, Fitness und Glamour" müssen Sie, liebe Konzertbesucherinnen und -besucher und Sie, liebe Medienpartner, auf unseren Konzerten schon selber sorgen!
Man sieht sich - darauf hofft sehr

15.09.2011 - 13:38

Am Antikriegstag 2010 lag der "Berliner Zeitung" ein Prospekt bei, in dem der neue Schuh von "Merrell" präsentiert wurde: Ein sogenannter "Volks-Wanderschuh". "Eine gemeinsame Volks-Aktion von Merrell und Bild.de."

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Die "World Contamination Tour" von "My Chemical Romance" unter dem Titel "Danger Days" wird auf schwarz-rot-goldenem Hintergrund beworben. So etwas spielt in Berlin im vom rot-roten Senat subventionierten Kesselhaus.

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Laut "Chip" filtern über 40 Staaten weltweit das Internet - und Deutschland, nicht China ist, man höre und staune, einer der Top-Zensoren. In Googles "Zensurindex" liegt Deutschland weltweit auf Platz 2 hinter Brasilien...

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Wie Kulturfunktionäre so daherplappern im "Musikindustriesprech":
"...hat wider Erwarten enorme Energie freigesetzt (...) und uns letztlich in die Lage versetzt, den Musikstandort Berlin besser aufzustellen (...) Wir haben gemeinsam ein neues Format entwickelt (...) die Integration in einen übergreifenden Auftritt aber ist ein Alleinstellungsmerkmal (...) dazu muß man die Strukturen zunächst flexibilisieren, aus denen dann auch neue wirtschaftliche Optionen erwachsen (...) Wir sind zusammen viel breiter aufgestellt (...) haben wir jetzt ein arbeitsteiliges Konzept, was jeden Partner für das freistellt, was er am besten kann und darüber hinaus Räume öffnet, um die Potenziale dieser liberalen, kreativen Metropole authentisch einzubinden (...) gleichwohl stehen wir mit unserem Portfolio ganz am Anfang (...) die Protagonisten dieser Soundwelten leben hier, haben eine hohe Spartenkompetenz mit authentischen Communities (...) unser strategisches Ziel ist es, populäre Musik langfristig und nachhaltig als eines der zentralen Themen des Landes Berlin zu positionieren (...) die Musikwirtschaft ist extrem diversifiziert, aufgesplittet in Genres, Lager, wenige Majors und tausende Indielabels plus diverse neue Akteure in der Wertschöpfungskette. Wir müssen deshalb lernen, die Interessen aller Akteure der Musikwirtschaft zu evaluieren (...) um unser strategisches Ziel zu erreichen, den Musikstandort Berlin mit einem Leitevent in Deutschland zu etablieren, brauchen wir perspektivisch ein umfassenderes Commitment des Landes Berlin..."
(Alle Zitate aus einem Interview der "Musikwoche" mit Olaf Kretschmar)
Schon tragisch - da ist einer quasi auf dem "Karrierehöhepunkt", bekommt ein mehrseitiges Interview in der "Musikwoche" - und es fallen ihm nur abgegriffene Worthülsen ein. Sonst nichts. Gähnende Leere.

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Die Veranstaltung "all2gethernow is hosting the Berlin Music Week Conference" bewarb ihre Veranstaltung in Anzeigen mit so originellen Sprüchen wie "Es gibt kein besseres Gefühl als bei 100 km/h aus dem Tourbus zu kotzen. >> Join us in thinking ahead."

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Da war man mal kurz in Urlaub, und perdautz, hat man doch glatt verpaßt, daß die Wirtschaftsordnung dieses Staates kurzerhand umgestülpt wurde. Als ich in Urlaub fuhr, nannte man es noch "freie Marktwirtschaft" (dazu ließe sich jetzt viel sagen, ich weiß) - doch aus dem Urlaub zurück, scheint man es Kommunismus zu nennen: In einer Podiumsdiskussion über die Berliner Musikwirtschaft erklärt die Berliner Wirtschaftsstaatssekretärin, was das Land Berlin bei der Förderung von Nachwuchsmusikern, aber auch zur Unterstützung der Club Commission und der Musikfirmen alles tue. Worauf ihr, wenn man dem "Musikmarkt" glauben mag, Eva Kiltz, die Geschäftsführerin des "VUT", des "Verbandes unabhängiger Tonträgerfirmen", wie folgt antwortete: "Man müßte die klassische Wirtschaftsförderung, Kulturförderung und Stadtentwicklung enger verzahnen. Da fallen manche Unternehmen in ein Förderloch."
Förderloch! Und ich Depp versuche immer noch, mit meiner Firma Gewinne zu erwirtschaften, wovon ich dann Steuern bezahle, die usw. usf. Dabei geht es doch im realen Sozialismus der Musikwirtschaft heutzutage anscheinend nur noch darum, sich vom Staat ohne Förderloch und lückenlos finanzieren zu lassen. Ham wa wieder alles falsch gemacht...

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Die FDJ-Funktionärin Angela Merkel hat seinerzeit im Staatskundeunterricht nicht aufgepaßt. Sie nennt eine "Revolution", was doch nur business as usual ist: daß die Atomkonzerne doppelt verdienen: die Bundesregierung beschließt die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke und macht ihren Bückling vor der Atomlobby, und gleichzeitig senkt sie die geplante Steuer auf die Brennelemente. Die Industrie hat hierzulande noch immer festgelegt, was die ihr hörige Regierung für eine Politik zu betreiben hat.
Auch FDP-Chef Westerwelle, der von einer Regelung mit "epochaler Bedeutung" brabbelt, ist nicht so richtig zu verstehen, handelt es sich doch nur einfach um einen weiteren Beleg ständigen Kotaus vor den Lobbyisten, die diese Regierung auf die eine oder andere Art und Weise pampern und pampert, wie man will. Die Zeche zahlt wie üblich der Steuerzahler.

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"Stammleser der "Men's Health" und des Schwäbischen Anzeigers werden es längst wissen: The Drums sind tot, die Band der Stunde heißt Hurts. Ich habe eben versucht, mir ihre in einer beispiellosen Kampagne ins musikhörende Kollektivbewußtsein gedrückte Musik mal anzuhören. (...) Wollte ich die Band nur leichtfertig schmähen (was legitim wäre), so würde ich nur schreiben: Das Duo, auf das sich alle Langweiler vom "Wetten daß...?"-Neue Musik-Scout über das Klamottengeschäftsdoofilein bis hin zu La Roux-Fans einigen können, verkörpert alles, was ich an den Achtzigern eklig fand. Alles, wogegen eine Band wie The Smiths mal angetreten ist."
Eric Pfeil in seinem Blog "Das Pop-Tagebuch"

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Steven Patrick Morrisey, britischer Popsänger, hat seiner Rolle als britischer Westentaschen-Sarrazin wieder einmal alle Ehre gemacht. Morrisey, der bereits 1992 brabbelte, daß "schwarze und weiße Menschen sich niemals leiden können" und 2007 in einem Interview mit dem "NME" feststellte: "Die britische Identität verschwindet umso mehr, je größer die Einwanderung ist", weswegen er sich seinerzeit gezwungen sah, dem Anti-Rassismus-Verein "Love Music Hate Racism" 34.000 Euro zu spenden, dieser Morrisey hat nun die Chinesen als eine "Unterart" ("subspecies") bezeichnet. Den rassistischen Angriff begründete der Popsänger mit Chinas schlechtem Umgang mit Vierbeinern.

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Apple dagegen besiegt den Rassismus:
"Janelle Monae ist ein Kind des iPod, dessen Shuffle-Funktion kein Schwarz und Weiß mehr kennt." (Tobias Rapp im "Spiegel", Sommer 2010)

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Wer dachte, daß die Dämlichkeit, mit der Plattenfirmen ein neues Publikum für klassische Musik zu gewinnen suchen, kaum mehr zu steigern wäre, der lese, wie RCA eine CD namens "Ich mag immer noch keine Klassik, aber das gefällt mir gut" bewirbt:
"Klassik für alle, die keine Klassik mögen!"
"Klassik ist eine Musik ohne Rhythmus - Musik geschrieben von den Toten für die Alten, ich mag sie nicht."
"Aber Oh, das ist gut, was ist das?"
"Doppel-CD mit 35 unwiderstehlichen Melodien von Chopin, Grieg, Vivaldi, Dvorak, Mozart, Haydn u.v.a."
Immer, wenn man denkt, Dämlichkeit und Dreistigkeit im Musikbusiness ließen sich nicht mehr steigern, wird man eines Schlechteren belehrt.

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Aus unserer kleinen Reihe "Künstlerangebote, die die Welt nicht braucht" - im September erreichte uns dieses Angebot einer "finnischen Vampire-Goth-Rock-Band aus Italien":
"Vier junge Italiener kredenzen melodisch-schmachtenden Gothic-Rock finnischer Prägung mit gutem, charakterstarkem Gesang (...) Bei derart massen- und mainstream-tauglichem Goth-Rock ist es bestimmt nur noch eine Frage der Zeit bis die Jungs auf dem Cover der Bravo prangen (...) Besonders gelobt wird die unverkennbare Stimme des Frontmannes und das solide Zusammenspiel zwischen tiefgehenden Balladen und härteren Melodic Gothrock-Nummern."

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Köln, berühmt-berüchtigt für seinen gleichnamigen Klüngel, war mal die heimliche Pophauptstadt der Republik - Popkomm, Viva, Spex... wer was werden wollte als Künstler, mußte in Köln spielen, damals, in den Neunzigern. Lange vorbei - die Popkomm strauchelt jetzt in Berlin, Viva kann man längst vergessen, Spex kann man auch vergessen, aber in Berlin, nicht in Köln - und was haben sich Kölns Kommunalpolitiker ausgedacht, um gegenzusteuern? Eine "Kulturförderabgabe". Ab dem 1.10.2010 erhebt die Stadt Köln im Stadtgebiet eine sogenannte "Kulturförderabgabe" in Höhe von 5% des Übernachtungspreises bei jeder "entgeltlichen Übernachtung", wie es im Bürokratendeutsch so schön heißt, im Stadtgebiet. Dies gilt übrigens selbst für sogenannte Tageszimmer, die Bands benutzen, die mit Nightliner-Bussen unterwegs sind und Zimmer zum Duschen benötigen. Dem Kölner Veranstalter, der eine US-Band in seinem Club spielen läßt, oder der Band, die die Zimmer selber bezahlt, werden also 5% "Kulturförderabgabe" auf die Hotelzimmer berechnet. Wahnsinn.
Ich würde sagen, die Stadt Köln tut einfach alles, damit immer weniger Bands nach Köln kommen. Glückwunsch zu so viel Dämlichkeit!

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Während in Stuttgart unter anderem die "Grünen" für ein Bahnhofsgebäude kämpfen, das wie ein vorweggenommenes Nazibauwerk wirkt, obwohl es doch schon 1928 fertiggestellt wurde. Aber eben kein Wunder - Architekt Paul Bonatz nahm in seinem Bau des Stuttgarter Bahnhofs nicht zufällig typische Elemente der NS-Architektur vorweg, er war ab 1933 ein führender Architekt des NS-Staates, feierte den Autobahnbau ("Die Autobahn ist die sinnfälligste Äußerung der Kraft des neuen Staates", in der von Fritz Todt herausgegebenen Zeitschrift "Die Straße", 1934) und wurde 1937 in einem Huldigungsband gefeiert: "Die Bauten der Reichsautobahn, deren Berater P. Bonatz seit 1935 ist, (...) haben den Geist gemein, der auch für die jüngsten großen Arbeiten bestimmend sein wird. Sie zeigen eine männlich ernste deutsche Gesinnung, wie sie aus den großen Bauten des frühen Mittelalters zu uns spricht."
Den schwäbischen Bahnhofs-Demonstranten und den einschlägigen Dutt-Trägerinnen kann ansonsten geholfen werden: am 8.Oktober wird im Stuttgarter Aktionshaus Nagel ein Märklin-Modell des Stuttgarter Hauptbahnhofs, Spur 1, Maßstab 1:32, mit Innenbeleuchtung versteigert. Taxe 2500 Euro. Was wollen wir wetten, daß der Preis noch durch die Decke geht?
Kleiner Wermutstropfen: nicht nur die bereits abgerissenen Seitenhallen fehlen dem Märklin-Modell, das zwischen 1930 und 1939 entstanden ist, sondern auch der ultramarinblaue Mercedesstern, der in der Realität auf dem Turm thront. Nazigebäude mit Stern eines Rüstungskonzerns - dafür lohnt es sich in Schwaben allzumal, auf die Straße zu gehen. Der "Kunstmarkt" der "FAZ" raunt: "Der Turm indessen und das bossierte, messerscharf gefügte Mauerwerk zitieren staufische Burgen und überführen sie in die Sachlichkeit der frühen Moderne (...) Wer sich aber mittels historischer Fotografien oder eigener Erinnerungen vergegenwärtigt, welche proportionale und ästhetische Bedeutung die Seitenhallen für die Gesamterscheinung hatten, dem wird der ihrer entblößte Märklin-Bau so versehrt vorkommen wie, zum Beispiel, ein Petersdom ohne die herrlichen Kolonnaden Berninis."
Auf jeden Fall.

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Adam Kohn, ein Auschwitz-Überlebender, tanzt mit seiner Tochter, der australischen Künstlerin Jane Korman, und seinen Enkelkindern in ehemaligen Konzentrationslagern zur Musik von "I Will Survive". Die Künstlerin hat ihr Video "I Will Survive. Dancing Auschwitz" auf YouTube gestellt, wo es innerhalb kürzester Zeit über eine halbe Million mal angesehen wurde. Nun hat die Firma Universal Music Publishing, der die Rechte an der Musik gehören, die Ausstrahlung des Videos verunmöglicht und dafür gesorgt, daß das Video des Auschwitz-Überlebenden von YouTube entfernt wurde.
Eine ganz neue Täter-Generation macht sich da die Perversion des Urheberrechts zunutze.

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Den deutschen Urheberrechts-Fans dies ins Stammbuch:
"I am against Hadopi [the French internet-copyright law, or its attendant agency], of course. There is no such thing as intellectual property. I'm against the inheritance [of works], for example. An artist's children could benefit from the copyright of their parents' works, say, until they reach the age of majority... But afterward, it's not clear to me why Ravel's children should get any income from Bolero..."
Jean-Luc Godard (der 2010 den "Oscar" für sein Lebenswerk erhält)

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Und wer gilt den Deutschen als eine "Moralische Instanz"? In Führung liegt mit 74 Prozent Helmut Schmidt. Ursula von der Leyen bringt es auf 60 Prozent wie Angela Merkel, Karl-Theodor zu Guttenberg auf 59 Prozent. Quasi gleichauf: Papst Benedikt XVI. (51%), Günther Jauch (50%) und Margot Käßmann (49%). Alice Schwarzer (38%) liegt vor Franz Beckenbauer (33%), Josef Ackermann (12%) vor Jürgen Habermas (10%). Was für ein Land.

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Kein Wunder, daß mit Schalke 04 nichts mehr los ist:
"PUR & Friends auf Schalke", flötet die Email von "emimusic.de" in meinem Posteingang.
"Am 04.09. ist es wieder soweit - als Abschluss der diesjährigen Open Air-Tour findet das Mega-Event PUR & Friends 2010 in der Veltins Arena auf Schalke statt! Auch dieses Jahr stehen wieder ganz besondere und hochkarätige Gäste auf der Bühne, um mit PUR zusammen das Publikum zu begeistern: Roger Hodgson, der Sänger von Supertramp, wird ebenso dabei sein wie die Newcomer Luxuslärm, die österreichische Kult-Band Opus ("Live is Life") und der gerade erst bekanntgegebe (sic) Überraschungsgast DJ Ötzi! Neben den "alten Hasen" im Musikgeschäft sind allerdings auch einige ältere Herrschaften mit dabei, die vor ihrem Auftritt wohl besonders aufgeregt sein dürften - denn die Rock-Rentner aus der Sat1-Show "Rock statt Rente" wurden von Hartmut zu deren Überraschung in der letzten Sendung eingeladen, zusammen mit PUR vor 50.000 Zuschauern auf der Bühne zu stehen!" Na denn viel Spaß, auf Schalke! Und Glückauf gelb-schwarz, glückauf Borussia!
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Antje Vollmer, ex-Maoistin, ex-Pastorin und ex-Bundestagsvizepräsidentin der "Grünen", darf spätestens seit ihrer Erklärung, wie ihre Jastimme für den Afghanistankrieg von Schröder-Fischer zu werten sei (nämlich "Mein Ja ist ein Nein"), als durchaus ein wenig gaga gelten. Nun hat Frau Vollmer Bundeskanzlerin Merkel dafür kritisiert, daß diese sich dezidiert für Kurt Westergaard eingesetzt hat, den Zeichner einer bekannten Mohammed-Karikatur und dafür von Islamisten mit dem Tod bedroht und bereits in seinem Haus in Dänemark angegriffen.
Thierry Chervel schreibt im "Perlentaucher": "Zur Erinnerung: All jene Chefredakteure, die seinerzeit nicht den Mut aufbrachten, Westergaards Karikatur zu drucken, hatten ihn am 8. September mit einem Preis für Pressefreiheit bedacht. Angela Merkels Rede zu diesem Anlass war bemerkenswert. Sie ließ die hohen Herren indirekt wissen, dass sie an ihrer Stelle die Karikatur gebracht hätte. Sie hatte sich bei vergleichbaren Gelegenheiten - auch bei der Frage, ob sie diese Rede für Westergaard halten solle - jedenfalls für die Freiheit entschieden: "Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut." (...) Zu den kritischen Stimmen gehörte auch Renate Künast: "Ich hätte es nicht gemacht", sagte sie zu Merkels Rede. Künast wird als die nächste Regierende Bürgermeisterin von Berlin gehandelt. Aber der Tagesspiegel stutzte: "Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass Berlin regiert wird von einer Frau, die sich mehr um die möglichen Reaktionen von religiösen Fanatikern sorgt als um den Wert unserer Grundrechte", schreibt Gerd Nowakowski."
Antje Vollmer zur Merkel-Rede und zu derem Diktum, das Geheimnis der Freiheit sei der Mut: "Ich halte es für unklug. Für eine Staatsfrau halte ich es für sehr unklug."
Chervels Fazit: "Die Grünen, so scheint es, haben ein taktisches und opportunistisches Verständnis von Meinungsfreiheit." Womit wir auch wieder beim Stuttgarter Hauptbahnhof wären, irgendwie.

Fahren Sie vorsichtig! Fahren Sie Bahn!

15.09.2011 - 13:37

"Die Musikindustrie hat sich selbst zerstört, indem sie ihre Rentabilität an die Gerätehersteller übertragen hat. Herstellungen und Vertrieb haben etwa dreißig Prozent vom Gewinn der Musikindustrie ausgemacht. Diese wurden mit dem i-Tunes-Deal an Apple abgetreten. Aber warum sollte jemand, der ein Gerät herstellt - das iPod ist das moderne Gegenstück zur Jukebox - den ganzen Gewinn abgreifen? Hätten die Jukebox-Hersteller den ganzen Gewinn der Platten eingestrichen, die in den Fünfzigerjahren in ihren Geräten gespielt wurden, sähe das Musikgeschäft heute anders aus. Der Geräteanbieter - Apple - hätte sein Gerät nicht ohne die darauf gespeicherte Musik verkaufen können. Warum hat die Musikindustrie nicht zu Apple gesagt: 'Wir möchten dreißig Prozent der iPod-Verkäufe?' Oder: 'Was haltet ihr davon, uns einhundert Prozent eurer Musikumsätze zu geben, dafür behaltet ihr den Gewinn aus dem Geräteverkauf?' Das war aber nicht Gegenstand der Vereinbarung, und deshalb ist die Musikindustrie vor die Wand gefahren."
(Andrew Wylie, einer der einflußreichsten Literaturagenten weltweit, in "Die Welt")

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Wie wenig Ahnung die Politiker vom Internet haben, zeigt sich unter anderem angesichts der Hilflosigkeit, mit der sie "Google Street View" begegnen. Als ob es irgendein Problem darstellen würde, wenn eine Firma den ohnedies öffentlichen Raum abfotografiert, Straßen und Häuserfassaden. Auch Westerwelle will publicityträchtig seine Wohnung pixeln lassen - wäre es nicht besser, er würde den Hohlraum, den seine Politik darstellt, pixeln lassen? Oder gleich sich selber? Damit wäre uns allen geholfen...
Interessant jedenfalls, daß Politik und Medien mit großem Trara über Googles Street View berichten. Kaum aber über die wirklichen Probleme, die Google verursacht: etwa, daß alle persönlichen Suchanfragen ganze 18 Monate lang auf den Google-Rechnern gespeichert bleiben und mithin von jeder Person, die Google nutzt, ein detailliertes Persönlichkeitsbild kreiert wird, von der die Stasi nur träumen konnte. Oder das Problem, daß Google Hand in Hand mit einschlägigen Telekommunikationsmultis daran arbeitet, das Fundament des Internet, nämlich die Netzneutralität aufzuheben. Und interessant am Rande auch, daß sich niemand über Microsofts "Bird's View" Programm aufregt, "das es seit Jahren jedem Nutzer ermöglicht, aus der Perspektive eines sehr niedrig fliegenden Vogels hineinzuschauen in Gärten und Innenhöfe, auf Terrassen und Balkone: auf Orte also, die ohne Zweifel zur Privatsphäre gehören" (FAS).
Besonders hübsch fand ich allerdings das Beispiel, das Stefan Niggemeier in der "Rheinischen Post" entdeckt hat: dort "gaben vier Düsseldorfer Bürger ihren Protest gegen die Veröffentlichung der Fotos von ihren Häusern zu Protokoll und kündigten an, dagegen Widerspruch einzulegen. Sie ließen sich dazu vor ihren Häusern fotografieren."

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Man muß nicht allem und jedem zustimmen, was er in der ohnedies nicht so schlechten "FAS" schreibt, um festzuhalten, daß Peter Richters Artikel ständige Lichtblicke in der hiesigen Medienlandschaft darstellen, intellektuell wie sprachlich. Wie er am 15.8. etwa in einem Artikel über Architektur so ganz nebenbei den Schriftsteller Martin Mosebach erledigt, der ja nicht nur ein ziemlicher Depp ist (das wäre nichts Besonderes, viele Menschen sind Deppen), sondern auch nicht gut schreiben kann, das ist schon wirklich köstlich. Und Sätze wie diesen über Mosebach würde man einfach gerne öfter lesen:
"...es kann auch sein, daß er den Schaum, den er vor dem Mund hat, schon für Stuck hält (...) Das zeigt wieder einmal, wie schön es wäre, wenn gerade Konservative mehr leisten könnten, als ihr pures Konservativ- und Unverstandensein schon für eine grafstauffenberghafte Heldentat zu halten und sich den Rest des Tages am Einstecktüchlein herumzuzupfen."
Danke, Peter Richter!

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Es beweist ein gehöriges und wohl systemimmanentes Maß an Dreistigkeit und Unverschämtheit, wie die Kernkraftlobby mit ihrer schmierigen Anzeigenkampagne versucht, die Bundesregierung unter Druck zu setzen und den Ausstieg aus der Atompolitik zu verwässern und zu verschieben. Daß neben den Turbokapitalisten von Josef "Peanuts" Ackermann bis zu den Bossen der AKW-Betreiber RWE und Eon, Großmann und Teyssen, auch die einschlägigen Renegaten aus Politik und Journalismus mittun, von Clement über Schily bis Bissinger, wundert wenig. Und wer überrascht sein mag, was der Name von Oliver Bierhoff, dem Manager der deutschen Nationalmannschaft, in dieser Liste zu suchen hat (was politisch wenig überrascht, schon Joachim Löw bekannte während der WM: "wir sind alle Merkel-Fans"...), der sei darauf hingewiesen, daß der Papi des braven Milchbubis Bierhoff langjähriger Vorstand beim Energie- und AKW-Multi RWE war...
Pervers, daß es um 2,3 Milliarden Euro Brennelementesteuer geht, die die Regierung von den Stromkonzernen dafür verlangt, daß sie ihnen mit einer Verlängerung der Laufzeiten für die Kernkraftwerke ein Vielfaches an Gewinnen ermöglicht. "Eine derart unverhohlene Erpressung seitens Leuten, die sich in der Wirtschafts- und Finanzkrise gerade Milliarden von Regierung und Steuerzahlern überwiesen ließen, sprengt alles bisher Dagewesene", kommentiert die "Berliner Zeitung" sachlich nicht vollkommen korrekt, aber politisch richtig.
Andrerseits auch irgendwie o.k., diese Liste der Kernkraftlobby, da weiß man, woran man ist. Mein Vorschlag: man hänge die Liste in der Küche auf und boykottiere fortan die Firmen, die die Unterzeichner der Kampagne vertreten - wer immer noch ein Konto bei der Deutschen Bank hat - kündigen! Wer immer noch Strom der Atomkonzerne RWE, Eon oder Vattenfall bezieht - es ist höchste Zeit, auf Ökostrom und korrekte Energieanbieter umzusteigen! Bahlsenkekse schmecken sowieso nicht, man greife zu den leckeren Plätzchen der Konditorei ums Eck oder in Ermangelung derselben zum Beispiel zu den Produkten französischer Provenienz und erlebe, wie ein Keks schmecken kann. Oetkers Fertigprodukte? Sowieso bäh. BASF, Bayer, Metro (denen u.a. "Saturn" und "Media Markt" gehören), Gerry Weber? Man weiß, was man zu tun hat. So wird ein Schuh draus. Laßt uns die Protagonisten der selbsternannten "Energiezukunft für Deutschland e.V. i.G." teeren und federn und zur Stadt hinausjagen!

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Weit vorne in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Spex": eine ganzseitige Anzeige von Levi's - die Hälfte der Seite nimmt der Name "Levis's Curve Attack Tour" ein, in der unteren Hälfte steht dann der Künstlername "Kelis".
Hinten in der gleichen Ausgabe der Zeitschrift "Spex": ein ebenfalls ganzseitiger redaktioneller Beitrag mit dem großgeschriebenen Titel "Spex präsentiert Levi's Curve Attack Tour mit Kelis". Im kleingeschriebenen Beitrag tut die gekaufte Redaktion dann ein wenig so, als ob es ihr auch auf die Musik ankäme und nicht nur auf die Scheine vom Jeanshersteller, der seine neue Hose namens "Curve ID" verkaufen will. Im letzten Absatz ihres Promotextes kommt die "Spex"-Redaktion auf den Punkt: "Spex präsentiert nun die von Levi's Jeans organisierte Curve Attack Tour..." Und dann verkauft uns die Redaktion vollends für doof und will uns weismachen: "Das Motto der kommenden Tour in Deutschland - Curve Attack - ist als postfeministische Position gemeint, denn Levi's verbindet noch eine ganz andere Herzensangelegenheit mit den Veranstaltungen. Für die neue Hosenreihe des Herstellers namens Curve ID wird zum ersten Mal in der Geschichte der Jeans die tatsächliche Form ein eigener Parameter, eine bestimmbare Dimension. Zusätzlich zu Länge und Breite werden die Proportionen von Bein zu Gesäß mit angegeben. So wird dank Levi's der amerikanische Exportschlager Blue Jeans ein wenig von seiner Diktatur der straighten männlichen Beinform befreit."
Noch kleiner gedruckt steht dann da: "Text: Fabian Kästner. Foto: Universal Music. Geldgeber: Levi's." (hier ist ein kleiner Fehler eingebaut, wer findet ihn?)
Wer wissen will, wie rasch man ein einstmals renommiertes Musikblatt in den inhaltlichen und moralischen Konkurs treiben kann, der betrachte eine "Spex"-Ausgabe von vor sagen wir fünf Jahren und eine aktuelle Ausgabe, in der Markenartikler längst den redaktionellen Teil bestimmen. Die Fallhöhe, von der eine Redaktion auf den Grund fällt, ist eindeutig bestimmbar. Dort, auf dem Boden, liegt dann die postfeministische Hose bereit, mit exakt angegebenen Proportionen von Bein zu Gesäß, damit die Spex-Redaktion auch problemlos den Hintern des Markenartiklers finden kann, in den sie bereitwillig kriecht.
(und am Rande sei's enttäuscht vermerkt: schade, daß ausgerechnet eine tolle Künstlerin wie Kelis sich dafür hergibt, als Werbenudel auf Tour zu gehen - aber das ist wohl auch irgendwie "postfeministisch", nehme ich an)

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Auch die Band "Phoenix" gefällt sich als Werbeträger für Markenartikler. Phoenix ließen sich als Host der "Beck's Music Experience" einkaufen. Sie waren auch so ungeheuer kreativ, ein "Art-Label" für Beck's zu entwerfen, das ab Herbst auf Beck's-Flaschen in England prangen wird. Der Ausverkauf der Pop- und Rockmusik ist in vollem Gange.
Ich erinnere, wie ich mit dem großen David Thomas vor ein paar Jahren nächtens in Hannover vor feisten, großen Plakaten einer Coca-Cola-Tour stand und er kopfschüttelnd sagte: "I never would do this." Aber das ist eben der Unterschied zwischen einem Künstler und all denen, die bloß "in it for the money" sind...

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"Rothenburg was not rebuilt in a day."
Andreas Neumeister

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Wer nach dem großen Trara um den systemischen Mißbrauch von Kindern und Schutzbefohlenen durch die großen Kirchen hierzulande wissen will, wo diese Gesellschaft denn jetzt so steht in Sachen Kirche, der betrachte die Anbetungen Mutter Teresas selbst in den besseren Feuilletons und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anläßlich ihres 100.Geburtstages, und halte sich parallel vor Augen, daß das großartige Buch "The Missionary Position - Mother Teresa in Theory and Practice" (Klasse Titel auch!) von Christopher Hitchens, in weniger Kirchen-hörigen und zivilisierteren Ländern bereits 1995 erschienen und zum Bestseller geworden, bis heute nicht in deutscher Sprache erschienen ist. Aber das Buch würde auch nicht in die Stimmungslage hierzulande passen, wo ein alternder Feuilletonist in der "Berliner Zeitung" vor Bewunderung von Mutter Teresa nicht an sich halten kann - Hitchens weist nach, welch verquere Positionen die sogenannte Mutter Teresa vertreten hat, wie nah sie Diktatoren wie Haitis Papa und Baby Doc stand, die sie als Vorbilder empfahl, und und und.
Sehr lesenswertes Buch und als englisches Taschenbuch günstig zu haben.

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Wie man neuerdings weiß, sind es nicht nur verzweifelte kommerzielle Kleinveranstalter, die ihre Besucherzahlen schönen, nein, auch Kommunen wie die Stadt Duisburg machen mit bei der systematischen Fälschung von Besucherzahlen ihrer Events, um das von Gorny, Pleitgen und Konsorten propagierte "GrößerSchnellerSchöner" zu befeuern. Auch die Popkomm, wer hätte es anders erwartet, tut da kräftig mit. "Weniger Aussteller, aber dafür mehr Besucher", lassen die Popkomm-Funktionäre stolz verlauten. Wie das? Nun, mit wieviel Besuchern Popkomm-Geschäftsführer Kleinhenz rechnet, will er laut "Musikwoche" nicht verraten, aber er zählt einfach mal die "rund 20.000 Konzertgänger des Berlin Festivals" (die noch unbestätigt sind, und letztes Jahr kamen grad mal halb so viele zum Berlin Festival...) mit. Ähnlich hübsch ist die Meldung, daß die Stände der Popkomm "ausverkauft" seien - nun, wer sein Areal drastisch verkleinert, hat natürlich irgendwann auch eine Chance, "ausverkauft" zu melden. Oder vielleicht doch seinen eigenen "Ausverkauf" kundzutun?
Die Haltung dieser Agentur bleibt klar und lautet wie seit Jahren:
Popkomm? Nein!
Wir fallen ja nicht auf jeden Quatsch rein, den man uns als des Königs neue Kleider verdaddeln will, manchmal reicht es auch, einfach festzuhalten, daß Kleinhenz, Gorny oder Barkowski nackend sind.

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Wäre nett, wenn man uns mit dem dumpfen und rassistischen Gedöns des Herrn Sarrazin ebenso verschonen würde, wie mit der eitlen Entrüstungsdebatte danach. Das alte Phänomen: erst wird ein dämliches Buch allüberall zum Thema gemacht, das Feuilleton, der "Spiegel", das Fernsehen, alle machen bereitwillig kostenlose Werbung für den ekelerregenden Schmarrn, den der Sozialdemokrat wieder mal verzapft hat - und dann wird wochenlang darüber geschrieben, wie furchtbar die Thesen des Herrn Sarrazin doch sind, die man gerade erst populär gemacht hat.
Drollig auch Frau Nahles, die der Meinung ist, Sarrazin "mißbraucht den Namen der SPD". Es war ja nicht etwa die SPD, die den Herrn zum Senator gemacht hat, und es war ja auch nicht das von Berlins Bürgermeister Wowereit vermittelte SPD-Ticket, auf dem der Herr mit den längst bekannten dubiosen Thesen zum Vorstand der Bundesbank wurde...
Um wirklich jeder Köttel, den irgend jemand ins Dorf gemacht hat, müssen sie herumstehen und debattieren und den dampfenden Haufen zu etwas großem breittreten. Bleibt aber eben doch ein Haufen Sch...

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Die US-amerikanische Mutterausgabe des "Rolling Stone" hat lt. "Icanhasinternets" in ihrer aktuellen Ausgabe einen offenen Brief an die Vorstände der Musikindustrie veröffentlicht, in dem es heißt:
"A big fat thanks to record execs.
Thank you for fighting the good fight against Internet MP3 file-swapping. Because of you, millions of kids will stop wasting time listening to new music and seeking out new bands. No more spreading the word to complete strangers about your artists. No more harmful exposure to thousands of bands via Internet radio either. With any luck they won't talk about music at all. You probably knew you'd make millions by embracing the technology. After all, the kids swapping were like ten times more likely to buy CDs, making your cause all the more admirable. It must have cost a bundle in future revenue, but don't worry - computers are just a fad anyway, and the internet is just plain stupid."
Die deutsche Ausgabe des "Rolling Stone" hat es in einer halbseitigen Anzeige in ihrem Heft so ähnlich formuliert: "Don't copy. Respect Artists. Rolling Stone."

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Die Buddhistin Judith Holofernes gibt der "Berliner Zeitung" ein Interview und bringt einiges einigermaßen durcheinander: "Aber wichtig scheint mir immer noch der Appell: Wer denkt, daß er mit dem Kauf von Tonträgern nur die böse, böse Musikindustrie fördert, liegt einfach falsch. Im Prinzip ist nämlich jede gebrannte CD ein weiteres Coca-Cola-Massenevent am Brandenburger Tor!"
Gut, daß Musikindustrie nicht "böse, böse" ist, weil ja schließlich einer der vier weltweiten multinationalen Konzerne der Helden-Band das Geld überweist, das haben wir verstanden. Aber wie ist das mit der braunen Brause? Fördert Coca-Cola jetzt etwa das Brennen von Musik-CDs? Während Coca-Cola aufhören würde zu existieren, wenn nur jeder brav seine Helden-CD bei der lieben, lieben Musikindustrie bezahlt? Und wie funktioniert das genau, daß "jede gebrannte CD ein Coca-Cola-Massenevent am Brandenburger Tor" ist? "Im Prinzip"? Ich dachte immer, die bösen CD-Brenner tun das eher im stillen Kämmerchen, während es am Brandenburger Tor in der Regel doch vor Polizisten und Touristen nur so wimmelt, also ein eher schlechter Ort fürs Brennen von CDs. Wobei ich auch annahm, daß die Brenner ihre CDs nur so für sich brennen würden, und daraus nicht ein Massenevent am Brandenburger Tor machen. Und was hat Coca-Cola nun genau mit dem Brennen von CDs zu tun?
Fragen über Fragen. Frau Holofernes wird noch viele Interviews geben müssen, um uns die Welt etwas genauer zu erklären. Bis dahin bleibt sie voller Rätsel - die eine wie die andere.

15.09.2011 - 13:34

Was passiert, wenn der Dalai Lama, Mahatma Gandhi und Martin Luther King zusammentreffen? Genau - es entsteht die "BerlinMusicWeek". Die entsprechend Großes leistet:
"Die BerlinMusicWeek macht Schluß mit den Grabenkämpfen der Branche, löst die kontraproduktiven Wagenburgmentalitäten auf und verdeutlicht den alten Musikkriegern, daß sie letztendlich alle im selben Kahn sitzen."
Mal abgesehen davon, daß ich mit keinen "Kriegern" im "selben Kahn" sitzen möchte, die nicht über eine, sondern gleich über mehrere "Wagenburgmentalitäten" verfügen - aber ich habe mir erlaubt, die Macher der BerlinMusicWeek, die da so munter naiv vor sich hinzwitschern, vorsorglich schon mal für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen. Als nächste Aufgaben warten Afghanistan (wo sie sich mit dem Bundeswehr-Truppenbetreuer und Sakro-Schnulzen-Sänger Xavier Naidoo zusammentun können), der Iran, ach was sage ich: DIE WELT!

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Zur Genese des tragischen Unglücks bei der Duisburger "Love Parade" hat Tournee- und Festivalveranstalter Marek Lieberberg auf exzellente Art und Weise alles Notwendige gesagt. Zur gesellschaftlichen Einordnung der Tragödie läßt sich festhalten:
Ein profitgeiler Veranstalter triftt auf profilierungsgeile Kommunalpolitiker, die gemeinsam mit gefälschten Besucherzahlen ihr Ruhrgebiet in die Schlagzeilen bringen und sich im vermeintlichen Erfolg des Events sonnen wollen und entsprechend Sicherheitsbedenken ihrer Verwaltung und der Polizei ignorieren - wobei die Polizei wohl so überfordert agiert wie die Sicherheitsleute des Veranstalters. Befeuert von Vertretern des Größerschnellerweiterlauter, die eine "grobschlächtige, erpresserische Argumentation" ("FAZ") aufgebaut haben, wie dem Geschäftsführer von Ruhr 2010, Fritz Pleitgen ("Hier müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um dieses Fest der Szenekultur mit seiner Strahlkraft auf die Beine zu stellen"), oder Branchenfaktotum Dieter Gorny, neben seinem Job als Vorstandschef des "Bundesverband Musikindustrie" einer der vier Künstlerischen Direktoren der "Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010". Dieter Gorny reagierte "bestürzt und erschrocken" nicht etwa auf die Tragödie in Duisburg, sondern auf die im Februar 2010 drohende Absage der Duisburger Loveparade, und warf sich kräftig ins Zeug: "Eine richtige Metropole kann das stemmen!" oder "Absolute Weltstars" kämen nach Duisburg und würden für einen positiven PR-Schub "weit über Europa hinaus" sorgen - eine Absage der Loveparade in Duisburg habe "verheerende Folgen", der gute Ruf der Ruhr 2010 stehe auf dem Spiel: "Nach der tollen Eröffnung dürfen wir nicht dafür sorgen, daß andere behaupten, die kriegen nichts hin". Während Fritz Pleitgen mittlerweile wenigstens eine "moralische Verantwortung" für das Unglück übernimmt, ist der Groß- und Lautsprecher der Musikbranche, Dieter Gorny, der sonst seinen Unfug in jede bereitstehende Kamera plappern muß, plötzlich wie von der Erdoberfläche verschwunden...
Angetrieben von lokalen und überregionalen Medien (WDR und Bild.de waren sinnigerweise gemeinsame Medienpartner der Veranstaltung!), wurden die Verantwortlichen zu einer Veranstaltung getrieben, von der man heute weiß, daß sie so nach bestehenden Gesetzen wohl nicht hätte genehmigt werden dürfen. Wieder einmal weist Stefan Niggemeier detailliert die Verstrickung der Medien in das Unglück nach - ausgerechnet der Medien, die unmittelbar nach dem Unglück so tun, als ob sie schon immer gewußt hätten, daß das Unglück passieren mußte - "wenn Journalisten diese Loveparade organisiert hätten, wäre das nicht passiert"...
Viel mehr ist dazu nicht zu sagen.
Ekelhaft im Nachgang, wie alle möglichen und unmöglichen Leute versuchen, die Duisburger Tragödie zu ihren eigenen Gunsten zu nutzen, also auf dem Unglück anderer ihr Süppchen zu kochen. Ekelhaft etwa der Bundestags-Hinterbänkler, der fordert, nun müßten die Versicherungssummen von Konzertveranstaltungen erhöht werden - als ob es an der Versicherungssumme gelegen hätte, daß das Unglück in Duisburg passiert ist. Ekelhaft die Selbstdarstellung des sogenannten Dr. Motte, der zu den fünf Gesellschaftern gehört hat, die 2005 die Loveparade-Rechte an Rainer Schaller verkauft haben, für "hohe Summen" ("Berliner Zeitung") - und der jetzt über die "Kommerzialisierung" der Loveparade herzieht und in der Öffentlichkeit so dämliche und inkompetente Forderungen aufstellt wie die, die Bundeskanzlerin solle die staatsanwaltlichen Ermittlungen an sich ziehen (freilich, keine Nachricht in der Branche kann dämlich und inkompetent genug sein, um nicht zur Top-Meldung eines Branchennachrichtendienstes zu werden). Ekelhaft, wie der Geschäftsführer der Berliner "Kindl-Bühne Wuhlheide" die Duisburger Tragödie nutzt, um seinem Berliner Konkurrenten, der das Open-Air-Gelände auf der Zitadelle betreibt, öffentlich eins auszuwischen und ihm zu schaden. Auch dazu noch einmal der Branchen-Primus Marek Lieberberg, womit sich der Kreis schließt - der nämlich stopfte dem Wuhlheide-Manager seine Einlassung in einem offenen Brief ins Maul zurück: "Mit dieser fragwürdigen Denunziation einer Spielstätte entfachst du eine Phantomdiskussion, die sich wahrlich nicht auf Duisburg beziehen kann", schrieb Lieberberg laut "Musikmarkt".
"Wer ist schuldig, wer steht für seine Schuld ein... Erst nachdenken, nicht vorschnell antworten." (Wassili Grossman)


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Wenn die bedeutendsten Popfeuilletons dieser Republik an einem Tag in großen Artikeln die Ankündigung feiern, daß irgendein Robbie Williams sich mit irgendwelchen Take That "wiedervereinigen" werde, bzw. daß irgendeine Betriebsnudel namens Nina Hagen eine Gospelplatte gemacht habe, dann fragt man sich schon, ob es nicht irgend etwas tatsächlich Berücksichtigenswertes und Berichtenswürdiges fürs Feuilleton gäbe. Oder ist in den Redaktionen bei der Hitze die Klimaanlage ausgefallen, und in den Köpfen war nur noch Brei? Das wäre bei der Hitze ja durchaus nachvollziehbar - "der heißeste Juli seit 2010", und unsereiner muß mittendrin sitzen...
(Big Boi singt auf seinem neuen Album übrigens die hübsche Zeile "Take that, Motherfucker, Take That"...)

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Eine erstaunliche kleine Szenerie war das an dem Abend, an dem "wir" Lena wurden. Ein erlesenes Abendessen in einer Dachgeschoßwohnung in Wilmersdorf, superbe Gastgeber, eingeladen eine Runde aus, sagen wir: Intellektuellen, Künstlern (darunter der Musiker, von dem ich sagen würde, er ist Deutschlands interessantester Popstar - wenn Deutschland Popstars hätte), Kulturvermittlern, einem Computerunternehmer (der auch als Kunstsammler keinen geringen Namen hat), ein Musikjournalist. Ein buntes Völkchen also, das dem famosen Essen und den Getränken munter zusprach. Je weiter der Abend allerdings voranschritt, desto nervöser wurden einige, und so wurde bei den Gastgebern, die über kein Fernsehen verfügen, irgendwann der Computer angeschaltet, und zunächst eine Frau, dann zwei, später immer mehr Personen versammelten sich vor dem Bildschirm und verfolgten den Grand Prix - der eigentliche deutsche Indie-Popstar, der Musikjournalist und Buchautor, einige andere - und es kamen merkwürdige Unmutsäußerungen aus der Ecke - "so wenig Punkte von den Griechen, die habens gerade nötig", ereiferte sich eine Frau, oder es wurde am Votum der Israelis herumgemäkelt - aber dann wurde, während der Gastgeber verärgert murmelte, "die lad ich nie wieder ein, wenn die dann nur vorm Bildschirm hängen", plötzlich Deutschland gefeiert und der Lena-Sieg in Oslo. Allenthalben war die Rede, die sich an den Folgetagen in allen deutschen Medien fortsetzte - Deutschland habe so einen sympathischen Eindruck gemacht, Lena sei so eine smarte, sympathische junge Frau - ach, was nicht alles in "das deutsche Fräuleinwunder" und ihren Mentor hineininterpretiert wurde, an diesem Abend und danach, und am mitternächtlichen Tisch saßen plötzlich eine Reihe glücklich-verschwitzter "wir sind Lena"-Gesichter...
Mitte Juli nun hat Lena Meyer-Landrut auf einer Seite in der FAS ein "A-Z" nach Stichworten ausgefüllt. "Abitur - Ja, geil." "Berlin - Ist super." "Deutschland - (...) da fiebert man natürlich mit." "Hannover - Eine wahnsinnig tolle Stadt zum Aufwachsen. Ein bißchen langweilig. Aber es gibt unglaublich schöne Seiten." "Jungs - Ja, sind gut. (...) Und jetzt finde ich keine Jungs mehr gut, sondern mittlerweile Männer." "Uwu Lena - Ja, geil, find ich super." "Wulff, Christian - Ja, ein netter Typ. Sehr sympathisch, er war sehr freundlich am Flughafen." "Xavier Naidoo - Finde ich wahnsinnig toll (...) ein ganz toller Künstler."
Sonst noch Fragen? Klar, Gott findet Bundes-Lena auch geil oder super, nur sagt sie diesmal "ich habe also eine bestimmte Bindung zum Göttlichen (...) ich war in Taizé, sieben Tage, wir haben gecampt, und es war ein wahnsinnig schönes Erlebnis."
Gott, Hannover, Wulff, Naidoo, die Mischung, vor der Deutschland bekanntlich in die Knie geht. Auf dem Boulevard, auf den Fanmeilen, und neuerdings auch in Intellektuellenkreisen.

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Ach, wie wir uns immer über die intelligent geschriebenen und klug erklärten Künstlerangebote freuen. Etwa über dieses hier:
"Die Tracks sind alle sehr cool geworden. Der Sampler wird auf jeden Fall überkrass. Ich will nicht einfach nur rumprollen und sagen, daß ich der Pate von Frankfurt bin und ständig irgendwelche Leute umbringe."
Die Agentur des Künstlers kommentiert in noch schlechterem Deutsch: "Man sieht also, der Herr nimmts mit Humor, auch wenn er gedisst wird, was ihn auch unglaublich Charmant als Person macht. Dieser Charm zieht auch seine Kreise bei den Mädels die nicht zwingend auf den typischen Gangsterrap stehen."
Der Herr hat eine große Karriere vor sich - "Deutscher Rap is' ne Bitch und Haft ist der Zuhälter!"

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Die "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" betreibt wieder einmal kostenlose Werbung für ein aktuelles Album: Am 21.7. teilte die BPjM mit, daß sie das gleichnamige Album der Band "Die Sekte" um die Rapper Sido und B-Tight, das bereits im November 2009 erschienen ist, indiziert hat. Die Indizierung trat zum 30.Juli in Kraft, sodaß Plattenfirmen und Plattenhandel noch zehn Tage Zeit blieb, Nutzen aus der kostenlosen Werbeaktion zu ziehen.

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Neuerdings organisiert hierzulande ja jedwede Musikzeitschrift ihre eigenen Konzerte, mitunter sogar ganze Tourneen. Ohne irgend jemandem allzu nahe treten zu wollen, aber: wäre es nicht besser, man konzentrierte sich SchusterbleibbeideinemLeisten-mäßig erstmal auf eine bessere Qualität des eigenen Magazins, anstatt etwas anderes anzugehen, von dem man noch weniger Ahnung hat? Unsereiner veröffentlicht ja auch nicht einfach ein Musikmagazin (obwohl wir das könnten! ha!...)

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Laut "FAZ" hält "Bundeswirtschaftsminister Brüderle (FDP) Vollbeschäftigung für möglich". Und ich dachte, die Stelle des Chefkomikers der Bundesregierung sei bereits mit Guido Westerwelle besetzt.

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Zweimal Berliner Pogues-Konzert, zweimal Sänger Shane MacGowan:
"MacGowan ist mehr als nur alt geworden, er trägt noch immer sein beschädigtes Gebiß vor sich her..." (Jörg Sundermeier in der "taz")
"Angeblich, berichten die Leute vorne an der Bühne, hat er sich die Zähne richten lassen, die ihm schon vor zwanzig Jahren beinahe komplett aus dem Zahnfleisch gerottet sind." (Markus Schneider in der "Berliner Zeitung")

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Die "Berliner Zeitung" meldet eine echte Überraschung: "Stromkunden zahlen zu viel. Die Einkaufspreise der Konzerne sind deutlich gesunken. Die Verbraucher haben nichts davon."
So eine gemeine Preispolitik hätte den Stromkonzernen wirklich niemand zugetraut...

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Eine Alice Schwarzer, unter den einschlägigen Betriebsnudeln der einschlägigsten eine, hat mir dieser Tage ganz besonders gut gefallen. In einem größeren Artikel über Pädophilie schreibt sie u.a.: "Der Herausgeber der Apo-Postille war in den späten 1960er/frühen 1970er Jahren quasi der Erfinder des medialen Kindersex. Jedes zweite KONKRET-Cover (gemeint ist das alte Konkret, bis 1973, BS) war mit dieser obszönen Mischung von Marx und Lolita aufgemotzt. Doch daß das Interesse des KONKRET-Machers (Röhl, BS) an "Nymphchen" sich nicht auf die Theorie beschränkte, das mußte eigentlich allen, die nicht entschlossen waren wegzusehen, immer schon schwanen."
Das neue "Konkret" merkt dazu lapidar an:
"Das Autorenverzeichnis von KONKRET weist für das Jahr 1970, den Höhepunkt in der Geschichte von Röhls medialem Kindersex, vier Artikel einer gewissen Alice Schwarzer aus, die nun die Wahl hat, ob ihr die obszöne Mischung von Marx und Lolita damals so gut gefiel, daß sie mitmischen wollte, ob sie entschlossen war wegzusehen, ob sie zu dumm war, etwas zu ahnen, oder ob sie mit Priscilla Presley ("Die nackte Kanone") sagen will: "Ich war jung und brauchte das Geld.""

Genießen Sie den Sommer!

15.09.2011 - 12:03

Wer ein erbärmlich schlechter Krimiautor wie Henning Mankell ist, wird hierzulande zum Bestsellerautor hochgejubelt. Wer ein unverbesserlicher Antisemit wie Henning Mankell ist, der Israel als "verächtliches Apartheidsystem" beschreibt, dem er "den Untergang" wünscht, weil der "notwendig" sei; und der, wie Mankell, das Existenzrecht Israels bezweifelt und von den Israelis fordert, auf ihre "Privilegien zu verzichten und in einem palästinensischen Staat zu leben", also ganz so, wie es die vom Iran gesteuerte Hamas fordert - ein unverbesserlicher Antisemit wie Henning Mankell also gilt hierzulande als neutraler Zeitzeuge, der seinen Antisemitismus in Theatern wie der Berliner Volksbühne, in langen Interviews etwa im "Spiegel" oder auf allen Kanälen des sogenannten öffentlich-rechtlichen Fernsehens breittreten darf.

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"Das Problem für viele Juden ist, daß sich die Progressiven des 21. Jahrhunderts und ihre Aversion gegen die jüdische Ethnizität von den Antisemiten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht mehr unterscheiden lassen. Deren Slogan war: Schickt die Juden nach Palästina. Jetzt sagen die Progressiven: Schmeißt die Juden raus aus Palästina."
Leon de Winter, "Welt Online"

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Da hat die ARD von RTL einen Quizfragenaufsager für viel Geld gewonnen, damit er den immer zwanzig gleichen Talkshowteilnehmern am Sonntagabend irgendwelche harmlosen Stichworte vom Zettel abliest, und die Medien, wie zum Beispiel der "Spiegel", feiern die ARD - endlich würde sie "beweisen, daß ihre Strukturen nicht komplett verkrustet sind".
Ach ja? Mir scheint, das Gegenteil ist richtig - mit dem Engagement des Erzreaktionärs Günther Jauch hat die ARD doch eher bewiesen, wie verkrustet und wie verschnarcht ihre Strukturen in Wirklichkeit sind.

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Eine andere Art von Jauche findet in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ständig statt - die Berichterstattung über die Königshäuser. Mal eine Prinzessinnenhochzeit in Schweden, mal der Geburtstag einer englischen Königin. Im hauseigenen Videotext klärt die ARD über ihre samstägliche Livesendung anläßlich des Geburtstages von Queen Elizabeth II. auf:
"Trooping the Colour" heißt die große Geburtstagsparade zu Ehren der Königin, die das Erste live überträgt. Es ist nicht nur eine Militärparade, sondern eine ganz große Show mit viel Musik, edlen Pferden und Soldaten in Gardeuniformen."
Also alles, wonach es Fernsehmacher und ihr Publikum hierzulande dürstet: eine Militärparade, viel Musik, edle Pferde, Soldaten in Gardeuniformen und eine leibhaftige Königin.

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Auch durchgeknallt: in Zeiten ökonomischer Dauerkrise und Koaltionskuddelmuddel hat Frau Merkel nichts Besseres zu tun, als Mette-Marit, norwegische Kronprinzessin, und Kronprinz Haakon nach Stralsund einzuladen. "Das Paar und die Kanzlerin gaben sich volksnah: Mette-Marit, elegant gekleidet mit weißer Bluse und schwarzer Hose, und die Kanzlerin schüttelten beim Gang entlang der Absperrung immer wieder die Hände der Schaulustigen und winkten in die Menge", berichtet fasziniert der "Tagesspiegel".

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"Der beliebteste Politiker Deutschlands." "Die private und politische Biographie." "Aristokrat, Politstar, Minister." So wird in "FAZ" oder "Zeit" ein Buch aus dem, nomen est omen, Fackelträger-Verlag in großformatigen Anzeigen beworben. Es geht um den Tiger, den KrisenbewälTiger KT, um den "Aufsteiger von oben", um den Mann, der quasi auf und über dem Wasser gehen kann, und entsprechend besticht Karl-Theodor zu Guttenberg von oben bis oben: "Manieren", "geschliffener, formvollendeter Umgangston", "Standesethos", "Demut".
Eine Heldensaga, fürwahr.
Zusammengestöpselt hat das servile Machwerk eine "Bild am Sonntag"-Redakteurin, die sich "Anna von Bayern" nennt. Nun ist das kein Titel, den man sich einfach so gibt oder wählt, wie sagen wir "Cindy von Marzahn" (nun ja, richtig heißt sie "Cindy aus Marzahn"), oder wie der Campingnachbar aufm Zeltplatz eben "umgangssprachlich", wie man im geschliffenen, formvollendeten Umgangston dieses Standes bekanntlich sagen würde, sich "Kalle von Wattenscheid" nennt. Nein, "Anna von Bayern", Tochter von Prinzessin Yvonne und Prinz Ludwig-Ferdinand zu Sayn-Wittgenstein und Schwiegertochter von Prinzessin Ursula und Prinz Leopold von Bayern, kommt quasi aus der bairischen Königsfamilie und kennt also den Karl-Theodor "seit vielen Jahren" und "zeichnet" entsprechend ein, raten Sie mal, "sehr persönliches Porträt" - eben als gewissermaßen angeheiratete, aber gemeinte Herrscherin von Bayern über den als CSU-Star aktuellen Herrscher von Bayern.
Hätten wir hierzulande jemals etwas Ähnliches wie die französische Revolution gehabt, wäre uns das erspart geblieben. Der eine wie die andere.

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Im Betreff-Feld einer Rundmail steht, was der Absender vermutlich doch etwas anders gemeint haben dürfte: "Delphin-Schlachten auf den Faröer-Inseln: Bitte macht mit!!!"
Ist halt so eine Sache mit dem Weltretten per Rundmail.

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Die Popkomm Berlin macht ein Angebot (Deutsch kann da keiner):
"Und hier ein weiterer Link zu potentiellen Kunden und Investoren: Am 27. August 2010 präsentiert der einer unserer Medienkooperationspartner, (...), ein Themenspecial über den Musikmarkt in Deutschland, das in der nationalen Vollauflage (104.000 Exemplare) in der Financial Times Deutschland erscheinen und 104.000 Leser erreichen wird. Die Sonderpublikation beleuchtet die neuen Herausforderungen des Marktes - Gesetzgebung, Technik, Corporate Social Responsibility im Musik- und Kulturbereich, Ausbildung in der Branche, neue Wege der Vermarktung - das und mehr wird hier Thema sein.
Unternehmen erhalten die Möglichkeit, in anregend themenspezifischen Umfeld ihre Produkte, (Dienst-) Leistungen und Veranstaltungen einer finanzstarken, stilbewussten und unterhaltungsorientierten Zielgruppe zu präsentieren. Aufgepasst: Wer sich in diesem empfehlenswerten Rahmen für eine Imageanzeige oder ein Advertorial interessiert, bekommt bei Berufung auf unseren Newsletter attraktive 30 % Nachlass."

Ob unsereiner 30% Schmerzensgeld für das Lesen dieses "ich bin jung und brauch wirklich jedes Geld"-Prostitutionstextes erhält? Oder ist das angesichts der "nationalen Vollauflage" und bei aller "Corporate Social Responsibility" nicht mehr drin? Immerhin hat die Popkomm hübsch bewiesen, wo sie hinwill - den einen Musikmessen geht es um Stadtmarketing, den anderen darum, Investoren aufzutreiben, die Popkomm will beides. Der angebliche Kongreß ist nur Schnickschnack fürs neoliberale Tun - eben reine "Imageanzeige".
Popkomm? Nein.

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Eine Imagearbeit ganz anderer Art pflegt Sakropopsänger Xavier Naidoo - er betrieb aktive Truppenbetreuung und sang für die Bundeswehr im afghanischen Kundus.
"Staatspop" völlig neu definiert.

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Die CDU dagegen geht volles Risiko und fordert jetzt "Intelligenztests für Einwanderer". Das kann leicht nach hinten losgehen - der nächste Schritt wäre ein Intelligenztest für Einheimische. Und wer weiß, wie viele CDU-Politiker dann hierbleiben dürften...

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Die Berliner Volksbühne war naturgemäß ausverkauft, als Gender-Theoretikerin Judith Butler zum Thema "Queere Bündnisse und Antikriegspolitik" sprach. Die "Ikone der postmodernen feministischen Theorie" ("taz"), die in der Businessclass angereist war, lehnte anderntags den "Zivilcouragepreis" des "Christopher Street Day Berlin" am Brandenburger Tor ab - der Berliner CSD sei zu kommerziell und zu wenig antirassistisch, sagte Butler, die Hamas und Hisbollah für progressive soziale Bewegungen hält, und zog sich in den Hort des Berliner Antirassismus, ins Luxushotel Adlon, zurück, wo sie, dem früheren US-Präsidenten Bush gleich, während ihres Berlinaufenthalts residierte.

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Bei der Interpretation der Fußballweltmeisterschaft wird man ohne eine gehörige Portion Gesellschaftsanalyse nicht klarkommen (es reicht nicht aus, die WM zu sehen, public nor private, man muß sie auch interpretieren...). Und einige Analysen liegen ja nun wirklich auf der Hand: die Renaissance des südamerikanischen Fußballs ist ja nun recht eigentlich die Renaissance linker Ideen in Jahren des gescheiterten Kapitalismus neoliberaler Ausprägung - klar, die südamerikanischen WM-Teilnehmer sind nicht Venezuela oder Bolivien, also, es geht erstmal nicht um Revolution, sondern um Sozialdemokratie - aber was Lula in Brasilien oder der regierende Ex-Tupamaro in Uruguay der Welt mitzuteilen haben, liegt auf der Hand: Schluß mit der Regentschaft von Banken, Ausbeutung und neoliberalem Wirtschaftsterror! Schaut auf den Fußball "aus dem Herzen des Volkes" (Menotti), schaut auf Messi, Forlan, Fabiano und all die anderen! Und im Haus von Oscar Tabàrez, dem Nationaltrainer Uruguays, hängt lt. "FAZ" ein Sinnspruch Che Guevaras: "Wir müssen stark werden, dürfen aber dabei nie unsere Zärtlichkeit verlieren." Und solch ein Trainer läßt natürlich einen anderen Fußball spielen als ein Capello oder ein Mourinho...
"Für mich ist Fußball etwas Menschliches. All jene, die nur darauf aus sind, Spiele zu gewinnen, haben den eigentlichen Sinn nicht verstanden. Sie spielen in meinen Augen falsch. (...) Das Grundprinzip des Spiels ist die Freiheit. Man kann einen Fußballer nicht in ein Schema pressen, das nur vom Erfolg geprägt ist, denn es würde den Tod des Sports bedeuten." (César Luis Menotti, Weltmeistertrainer Argentiniens 1978)
Und Europa ist in der Welt nicht mehr so wichtig wie ehedem. Und es ist klar: Die Systeme Sarkozys und Berlusconis sind am Ende. England ist in einer schweren Krise (schönen Gruß an all die Scherzkekse, die England zum Mitfavoriten der WM ausgerufen haben!). Was der meistens attraktive Fußball der jungen deutschen Elf zu bedeuten hat, wird noch zu diskutieren sein - ganz sicher belegt er den Abschied vom Chaos des Merkel-Systems und vom Gezurre und Gezerre der schwarz-gelben Koalition. Das Wohin ist allerdings noch so offen wie das Ergebnis des Viertelfinalspiels gegen Argentinien.
Und Asien natürlich. Wie ein Zürcher Fußballexperte schrieb: "Ein einziges Hin und Her. Ich bin schon von den Japanern angetan. So wird der neue Fußball irgendwann. Alle hin und her.
Alle technisch gut. Alle schnell. Und athletisch. Samurais halt."
Eine durchaus spannende Weltmeisterschaft by many means, diese Zwischenbilanz sei schon einmal gestattet.

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Die meisten Trikots der großen Sportmarken werden in Asien genäht. Die Textilbranche in Bangladesh etwa gehört zu den größten Nähereien der Welt, zu den Abnehmern gehören große westliche Ketten wie H&M oder Metro. Die 2,5 Millionen Menschen, die in Bangladesh in der Textilbranche arbeiten und ihr Land zu einem der billigsten Länder für die Kleiderproduktion machen, erhalten einen Mindestlohn von 1662,50 Taka im Monat, das sind umgerechnet 20 Euro. Zehntausende Textilarbeiter haben dieser Tage gegen niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen protestiert, die Demonstrationen wurden mit Tränengas und Gummigeschossen niedergeschlagen. -
Der Hauptsponsor der deutschen Nationalmannschaft, Daimler, hat an das südafrikanische Apartheidsystem Fahrzeuge und Maschinen verkauft, mit denen die Sicherheitskräfte den politischen Protest bekämpften. Das US-Bundesbezirksgericht in New York hat eine Sammelklage wegen Beihilfe zu schweren Menschenrechtsverletzungen während der Apartheid gegen Daimler und vier weitere Konzerne zugelassen. Die südafrikanische Khulumani Support Group fordert die Anerkennung des begangenen Unrechts und entsprechende Entschädigungszahlen an die Opfer des verbrecherischen Apartheidsystems. Für viele Südafrikaner steht der Auftritt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft unter keinem guten Stern... -
Und die schicken Rechner und Elektronik-Tools des Apfel-Konzern, auf denen ein guter Teil des weltweiten Protests geschrieben wird, werden unter miserablen Arbeitsbedingungen in China gebaut. "Für 1940 Yuan im Monat (umgerechnet 230 Euro) und bis zu zwölf Stunden täglich fertigte Ma Xiangeqian Teile für Computer der amerikanischen Kultmarke Apple" ("Spiegel"), bis der Arbeiter nicht mehr konnte und sich umbrachte, wie Kollegen vor und nach ihm. Der taiwanische Elektronikzulieferer Foxconn sorgt für miserable Arbeitsbedingungen, damit die westlichen Hipster zu günstigen Bedingungen ihre jüngsten Apple-Tools erhalten (und, ich weiß, auch den Rechner, auf dem dieser Rundbrief geschrieben wird).
"It's dialectic, stupid!"
Und Kylie Minogue folgt dem Dalai Lama auf Twitter...

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Genießen Sie den Sommer. Und die Fußball-WM, sofern Sie damit etwas anfangen können.
Aber bitte berücksichtigen Sie, "wir dürfen jetzt keinen Sand in den Kopf stecken" (Lothar Matthäus)

15.09.2011 - 12:02

Testlink

Für mich das Bild des Jahres: wie Bundesfinanzminister Schäuble in den ersten Maitagen eine Pressekonferenz mit Bankern wie Ackermann gab und da wie ein braver Schulbub seinen Spruch aufsagte, daß es gaaanz gaaanz doll sei, wie die Banker in der Griechenlandkrise jetzt auch in ihre Portokasse greifen und sich ein ganz klein wenig (Greser & Lenz: "Unser Beitrag steht: 2 Euro, 37 Cent und 3 Hosenknöpfe"...) an den Kosten der von ihnen verschuldeten Finanzmalaise beteiligen. Ein Sinnbild der Realität, wer das Sagen hat in der Finanzpolitik des Staates, und daß selbst einer der intelligentesten Bundesminister am Ende nur der Kellner des Kapitals ist - dafür steht dieses Bild der Pressekonferenz von Roß und Reiter. 

Selbst das Hausblatt der Bankenwelt, die "FAZ", kommentiert: "Die von Bundesfinanzminister Schäuble und Deutsche Bank-Chef Ackermann nun eilig nachgeschobene Verabredung eines "spürbaren, positiven Beitrags" der Banken zur Hilfe für Griechenland beleidigt den ökonomischen Sachverstand der Bürger. Tatsächlich kommen die Banken als Gläubiger und bisherige Nutznießer der hohen Renditen spekulativer griechischer Staatsanleihen ungeschoren davon (...) Damit verhindert die Bundesregierung, daß diejenigen, die Griechenland mehr Kredit gegeben haben, als das Land bedienen kann, sich nun an dessen Sanierung beteiligen. (...) Ein Angebot, bei dem die Banken wieder nur gewinnen können."

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Ein Sinnbild anderer Art ist der zurückgetretene Augsburger und Militärbischof Mixa: nämlich ein Sinnbild für den bigotten Kirchenmann, der, selbst aller denkbaren Verwerfungen angeklagt, von Gewaltanwendung gegenüber Heimkindern über sexuellen Mißbrauch bis hin zu finanziellen Unregelmäßigkeiten, in der Öffentlichkeit mit Ausfällen gegen jegliche Form von liberaler Lebensführung reüssiert. Daß Mixa, der laut "Spiegel Online" homosexuelle Neigungen haben soll und wohl gerne mit jungen Seminaristen des Priesterseminars Saunabesuche unternommen hat, ausgerechnet den "Christopher Street Day" und Lebensgemeinschaften von Schwulen und Lesben vehement kritisiert hat, ist wohl ein Fall für die Psychologen.
Warum Mixa allerdings zurückgetreten ist, verstehe ich nicht so ganz. Jemand, der alle aktuellen Facetten der katholischen Kirche - Finanzskandale, Mißbrauch, Gewalt gegen Schutzbefohlene, reaktionäre Positionen - in einer Person vereinigt, wäre doch recht eigentlich der ideale oberste Repräsentant dieses Vereins - Mixa sollte Papst werden!

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"Christi Himmelfahrt" im TV: Der Bayerische Rundfunk, der Indie-Bands gerne dazu überredet, ohne Honorar Radiomitschnitten zuzustimmen, bei denen sämtliche Rechte über Jahre beim BR verbleiben, überträgt drei Stunden lang "live aus Portugal" einen Gottesdienst mit Papst Benedikt in Fatima, zehn Jahre nach der Seligsprechung der "Seherkinder", wie es im BR-Videotext heißt. Gefolgt von einer Sendung namens "Zeit und Ewigkeit" mit Kardinal Kaspers "Gedanken zur Ökumene".
Der deutsch-österreichisch-schweizerische Kulturkanal 3sat mutiert am gleichen Tag ganztägig zum Kanal Blaublut: "Ihre Majestäten - Ein königlicher Thementag", mit Filmchen, die sich "Bunte" und "Gala" nicht besser hätten ausdenken können, etwa "Felipe und Letizia - Die gezähmte Prinzessin", oder "Der Prinz aus Ockelbo", "Beckmann - Spezial: Königin Sylvia von Schweden" ("Königin Sylvia spricht sehr persönlich über ihr Leben, ihren Glauben und ihre Familie") oder "William und Kate - Die Schöne vom Lande".
Dafür zahlen wir unsere Rundfunkgebühren: Katholizismus und Könige.

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Fußball-WM. Nun geht es wieder los mit dem heiter-unbeschwert-fröhlichen neudeutschen Patriotismus. Auweiah.
Der Musikkonzern Universal Music hat zu dem Anlaß eine Single mit der deutschen Nationalhymne herausgebracht, einem "bis heute einzigartigem Kulturgut unseres Landes" - aber war die Musik nicht doch irgendwie von Joseph Haydn? Deutschland in welchen Grenzen? Jedenfalls hat Universal Music die Nationalhymne von der Rockgruppe Bonfire neu einspielen lassen, den ästhetischen Erfordernissen des "21. Jahrhunderts" angepaßt, "in dem Fußball zum Leben gehört wie das tägliche Feierabendbier" und "E-Gitarren die Musik beherrschen. Allerhöchste Zeit also, die Deutsche Nationalhymne ins Hier und Jetzt zu holen. Bonfire haben genau das gemacht - laut, dreckig, rockig und nach vorne - ist ihre Version der Deutschen Nationalhymne. Immer noch zum Mitsingen, aber nun auch zum Headbangen, Bier trinken und in Stimmung kommen für die anstehenden Spiele der Deutschen Elf."
Wenn man einen Beleg gesucht haben sollte, wie sehr ROCKmusik in gut vier Jahrzehnten auf den Hund gekommen ist, hier ist er - von der Jimi Hendrix-Improvisation über die US-Hymne 1969, einem Kommentar eines schwarzen Musikers zur Politik "seines" Landes zwischen Rassismus und Vietnam, bergab zur von Universal, die das Adjektiv "deutsch" nicht ohne Großschreibung und ohne innerlich stramm zu stehen denken können, herausgegebenen Headbang- und Biertrink-Mitgrölversion der deutschen Nationalhymne.
Weltmeister, das sag ich euch, Weltmeister wird man so jedenfalls nicht. Aber Weltmeister wird sowieso Brasilien.

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Immer wieder hübsch: die vielen Angebote, die unsereiner ungefragt erhält. Besonders gut hat mir dieses hier gefallen:
"Sieben brandneue deutsche Fußball Fanlieder, Interpret Hotte, gepaart mit afrikanischen Trommelrhythmen und Showeffekten (...) Enthusiasmus der deutschen Fußballfans, gepaart mit dem afrikanischen Lebensgefühl. In Buntgeschmückten landestypischen Kostümen."
Universal Music, übernehmen Sie!
Etwas allgemeiner, dafür aber auch nicht auf ein oder zwei Nationen begrenzt kommt eine Kreuzberger Mitbewerberin daher:
"Zur WM uva. möchten wir musikalische Acts & Tanz-Shows vermitteln." Aber? "Insbesondere gut dazu paßt die Marimba Band ... aus Südafrika/Zimbabwe. Unten sehen Sie mehr multikulturelle Ensembles, jedoch (?) sind in unserem Archiv bis zu 200 Gruppen aus allen Nationen vertreten, passend zu jedem WM-Spiel."
Auch nett:
"Fernab ihrer Zeitgenossen, erinnern die Songs viel eher an Klassiker wie Kurt Weill und Berthold Brecht mit eindeutiger "Fuck You"-Attitüde, oder die musikalische Extravaganz eines Nick Cave." (ich bitte um Verständnis, daß die Originalorthographie und -grammatik bei derartigen Zitaten erhalten bleiben muß)
Auch nicht schlecht ist die Einladung zu einem "Electronic Music Award", der "zeitgenössisches, unabhängiges Schaffen im Bereich der elektronischen und neuen Musik unterstützt und für die Anerkennung dieser Musikszene agiert, indem es dem Publikum erlaubt, Künstler zu entdecken und mit Preisen auszuzeichnen." Der Procedere ist wohldurchdacht: "Die ausgezeichneten Werke werden über einen demokratischen Prozeß ausgewählt: unabhängige Labels und Künstler reichen ihre Releases ein. Dann hört die Jury den Werken blind zu." (Hervorhebung im Original). Dann hört die Jury den Werken blind zu. Was für ein Satz.
Wie wäre es denn, wenn die von der Jury blind ausgewählten Werke, hoffentlich doch Musik aller Nationen, mit eindeutiger Fuck You-Attitüde von Universal Music in buntgeschmückten, landestypischen Kostümen veröffentlicht würden? Musikindustrie, da geht was!

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"...da die Rammstein-Anhänger fast ausschließlich in Schwarz gekleidet waren, erinnerte ihre wogende Welle an die Ölpest im Golf von Mexiko."
Jens Balzer in einer Rezension des Rammstein-Konzerts in der "Berliner Zeitung"

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"Der rabiateste Überwachungsstaat der westlichen Welt wagt die Kehrtwende. Großbritanniens neue Regierung will die Vorratsdatenspeicherung abschaffen, biometrische Personalausweise einmotten und Netzsperren aufheben. (...) Die Regierung forciert den Breitbandausbau und fördert das Prinzip der Open-Source. (...) Noch verhandelt wird über die Frage, was mit der stark umstrittenen "Digital Economy Bill" geschehen soll. Die Liberalen drängen darauf, daß zumindest Web-Seiten-Sperren und das Kappen von Internetverbindungen als Strafe für Urheberrechtsverstöße abgeschafft wird. Das Gesetz konzentriere sich zu sehr auf die Bekämpfung von illegalem Filesharing, statt digitale Kreativität zu fördern. Für die brauche es auch die sogenannte Netzneutralität, die die Gleichbehandlung aller Daten in der Infrastruktur gewährleiste - und Provider davon abhalten würde, einzelne Diensteanbieter vorzuziehen oder gesondert zur Kasse zu bitten." ("Spiegel Online")
Geht doch.
Interessant übrigens, daß die "Musikwoche", das hiesige Kampfblatt der Verwertungsindustrie, das sonst jeden Pups, den die digitalen Scharfmacher von Gorny bis Sarkozy lassen, ausführlich berichtet und bejubelt, den Weg der Vernunft, den die neue britische Regierung eingeschlagen hat, mit keinem Wort erwähnt.

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Die "Bild am Sonntag" kann es nicht mehr halten:
"Piep, piep, piep, / Europa hat uns lieb (...) Lenas Sieger-Nacht. Wir sind Songmeister! Wir sind Lena! (...) begeisterte wieder ein deutsches Mädchen Europas Herzen (...) Lovely Lena. Europa liebt dich."
Wir sind Papst. Wir sind Lena. Wir sind gaga. Und der ARD-Unterhaltungschef brabbelt ebenfalls auf Blödzeitungs-Niveau: "Lenas Sieg ist eine nationale Leistung!" Darunter tun sie's hierzulande nicht.
Und Stephan Raab wird der nächste Bundeskanzler. Wetten?

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"I make Bavarian films. It doesn't matter if I go to Los Angeles, Antarctica or to the Amazon Rain forest in Peru and move a ship over the mountain, it is a Bavarian film."
Werner Herzog

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Am 17.Mai beschäftigte sich der Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages in einer öffentlichen Sitzung mit der GEMA (siehe auch Berthold Seligers Artikel "Monopolist außer Kontrolle" aus der "Berliner Zeitung" unter "Texte" auf unserer Homepage). Dabei kam es laut Bericht des "Musikmarktes" zum Eklat, für den das Bundesjustizministerium (BMJ) und GEMA-Vorstandsvorsitzender Harald Heker sorgten. "Dieser nahm auf Einladung des BMJ neben dem parlamentarischen Staatssekretär Dr. Max Stadler, FDP, auf der Regierungsbank Platz. Der Eindruck, die GEMA würde das Ministerium in den gegen sie gerichteten Fragen beraten, wurde durch eine Erklärung der Vorsitzenden des Petitionsausschuß bestätigt. Sie erklärte, daß die Stellungnahmen des BMJ gemeinsam mit der GEMA erarbeitet wurden, weswegen Heker als Begleiter der Bundesregierung mit am Tisch säße. Die Abgeordneten akzeptierten dies nicht und verwiesen Heker nach einer kurzen Beratungspause vom Platz."
Demokratie, wie sie die GEMA und das FDP-Justizministerium verstehen...
Die GEMA diktierte dem BMJ in die Stellungnahme, es gebe "keinen gesetzgeberischen Handlungsbedarf". Die GEMA handele "gesetzeskonform". Und die Erde ist eine Scheibe.
Die GEMA sieht sich jedenfalls laut eigener Stellungnahme auf "Reformkurs" - Aufsichtsrat und Vorstand der GEMA haben für die kommende Mitgliederversammlung einen Antrag zur Erhöhung der Anzahl der Delegierten für die außerordentlichen und angeschlossenen Mitglieder erarbeitet. Die 60501 (!) außerordentlichen und angeschlossenen Mitglieder sollen zukünftig in der Mitgliederversammlung statt von 34 von sage und schreibe 42 Delegierten vertreten werden - die 3251 ordentlichen Mitgliedern gegenüberstehen. Zur Erinnerung: über ein Drittel der GEMA-Erträge werden von den außerordentlichen Mitgliedern erwirtschaftet - statt des ihnen zustehenden Drittels in der Mitgliederversammlung gesteht die GEMA ihnen nun etwa 1,5% statt bisher 1% der Stimmen in der Mitgliederversammlung zu - was für ein Fortschritt! Feudalherrschaft at it's best.
Davon zeugt auch die "Pressekonferenz", die die GEMA am 28.Mai anläßlich eines Betrugsvorfalls in ihren Reihen inszenierte - GEMA-Mitglieder haben Hand in Hand mit GEMA-Mitarbeitern Livemusikveranstaltungen abgerechnet, die nie oder nicht in dem Umfang stattgefunden haben. Das undurchschaubare GEMA-Abrechnungssystem lädt bekanntlich geradezu zum Betrug ein. Wer nun glaubt, die GEMA würde der Presse Rede und Antwort stehen, sah sich getäuscht - laut Bericht der "FAZ" waren Fragen von Journalisten nicht zugelassen, statt dessen interviewte eine Unternehmenssprecherin ihren eigenen Chef, "was eher den Charakter einer Schauveranstaltung hatte. Wie Hohn klang auch die einleitende Aussage Hekers, die Gema habe "nichts zu verbergen"".

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Karl Kraus über den Kommunismus:
"Der Teufel hole seine Praxis, aber Gott erhalte ihn uns als konstante Drohung... Gott erhalte ihn uns, damit dieses Gesindel, das schon nicht mehr ein und aus weiß vor Frechheit, nicht noch frecher werde."

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Das Filmstudio Babelsberg schreibt den Bewohnern einer Senioreneinrichtung:
"Sicherlich haben Sie vor einiger Zeit den Fernsehfilm "Spätzünder" gesehen. Er handelt von aufmüpfigen Senioren, die eine Band gründen und den ersten Preis in einem Wettbewerb gewinnen. Etwas Ähnliches planen wir auch diesmal. Es geht um unternehmungslustige Senioren, die es sich in den Kopf gesetzt haben, alte Volkslieder wie zum Beispiel "Am Brunnen vor dem Tore", aber auch "Das alte Försterhaus" zu neuem Leben zu erwecken. Wir sind stolz darauf, daß es uns gelungen ist, Johannes Heesters für diesen Plan zu interessieren. Er hat seine Teilnahme bereits zugesagt. Da man für einen Film Statisten braucht, unsere Frage: Wollen Sie mitmachen? Wollen Sie gemeinsam mit Johannes Heesters alte Volkslieder singen? Dann tragen Sie sich bitte in die an der Rezeption liegende Liste ein. Für diesen Spaß erhalten Sie obendrein noch 50 Euro.
Starten Sie Ihre Filmkarriere! Es ist nie zu spät."
Aber warum nur "alte Volkslieder" singen? Singen Sie doch mit Johannes Heesters, der auch schon für Goebbels und Hitler im Berliner Admiralspalast gesungen hat, ein paar alte Nazilieder. Die Gema freut sich und rechnet die Gebühren mit dem Roten Kreuz ab.

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"Verweigerung ist eine Fähigkeit, die sich im Alter verfeinert." (Harald Fricke)

15.09.2011 - 12:01

"Unser" Verteidigungsminister geriert sich in etwa so ungeschickt und inkompetent wie "unser" Außenminister, hat aber eine deutlich bessere Presse. Neuester adeliger Schmarrn: daß Deutschland in Afghanistan zwar Krieg führe, aber nur "umgangssprachlich" - was so ziemlich auf allen denkbaren Ebenen Blödsinn ist.
Goggelmoggel sagt in "Alice im Wunderland": "Wenn ich ein Wort gebrauche, dann heißt es genau, was ich für richtig halte - nicht mehr und nicht weniger."

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"Krieg, also der Verteidigungsfall, muß vom Parlament festgestellt werden. Das hat nie stattgefunden. Dem hat eine formelle Kriegserklärung zu folgen - an wen eigentlich? Bin Laden vorladen? Und von dem Moment an ist Merkel Oberkommandierende der Streitkräfte, nicht mehr zu Guttenberg. Beider Geschwätz vom "Krieg" geht also mit mehrfachem Bruch der Verfassung einher; wir werden von einem deutschen Unikum regiert: einer verfassungsfeindlichen Ziviljunta."
Friedrich Küppersbusch

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Adolf Hitler und seine Filmfirma, die deutsche "Constantin Film"; sind beleidigt: Die "Constantin Film" hat laut "Perlentaucher" sämtliche auf Eichingers Film "Der Untergang" basierende Hitler-Parodien bei Youtube sperren lassen.
Ob Adolf Hitler und seine deutschen Partner planen, auch Charlie Chaplins Film "Der große Diktator" zensieren zu lassen, war bei Redaktionsschluß nicht in Erfahrung zu bringen.

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Der jüdische Komiker Oliver Polak erzählt im Interview mit der "Welt":
"Einmal rief diese Veranstalterin vom Berliner Admiralspalast an und sagte: "Hey Oli, wir machen hier Mauerfall-Revue am 9.November, 20 Jahre Mauerfall, mußt du unbedingt vorbeikommen", und ich sagte: "Nimms mir nicht übel, aber zur Reichspogromnacht betrete ich keine Bühne", und dann sagt sie: "Macht doch nichts, bringst du deine Freunde mit und dann feiern wir alle zusammen.""

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Was Dieter Gorny für die Tonträgerindustrie, das stellt Jens Michow für die sogenannte "Live-Industrie" dar - Faktotum, Lautsprecher, Selbstdarsteller, je nachdem. Der Multifunktionär Michow ist unter anderem auch Geschäftsführer des "PRG Live Entertainment Awards" (LEA) und hat als solcher dem "Musikmarkt" ein Interview gegeben, in dem er die deutschen Tournee- und Konzertveranstalter zu Kadavergehorsam und Korpsgeist auffordert: "...ich will nicht verhehlen, daß es auch immer noch einige Veranstalter gibt, die den LEA als vermeintliche "Selbstbeweihräucherung" der Branchenakteure abtun, jegliche Kooperation kategorisch ablehnen und selbst für die Entgegennahme der Auszeichnung nicht zur Verfügung stehen (...) Aus meiner Sicht zeigen derartige Reaktionen nicht nur, daß Sinn und Zweck der Veranstaltung in fataler Weise falsch verstanden werden, sondern daß diese Kritiker noch nicht begriffen haben, wie Politik und Lobbyismus funktionieren. Wenn man die gesetzlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eines Wirtschaftszweiges verändern will, kommt man nicht weiter, indem man sich in sein Schneckenhaus zurückzieht. Man muß der Politik veranschaulichen, welche volkswirtschaftliche Bedeutung der Wirtschaftszweig hat, für den man kämpft."
Nun gut, ich hatte mich als jemand, der dreimal in Folge als "Künstleragent des Jahres" für den "LEA" nominiert wurde und der gegen seine sonstigen Prinzipien letztes Jahr erst- und einmalig einem "LEA" beigewohnt hat, jeglicher Stellungnahme dazu bisher verweigert. Aber wenn man sich hier indirekt so anpflaumen lassen muß, dann machen wir halt mal ernst: Tatsache ist, daß der "LEA", dem ich 2009 beigewohnt habe, so ziemlich die langweiligste Veranstaltung war, an der ich jemals teilgenommen habe (und ich habe in meiner Kindheit etliche katholische Messen, später so manches Regionalligaspiel und noch später einige Jahreshauptversammlungen der Freiwilligen Feuerwehr besucht, die im Vergleich zum "LEA" spannende und intellektuell wie künstlerisch interessante Veranstaltungen waren...). Es war in der Tat eine nicht enden wollende Selbstbeweihräucherung der Branche, man hat sich gegenseitig belobhudelt, das Musikprogramm war nicht einmal durchschnittlich, und wenn ich sage, daß der Auftritt von "Silbermond" der musikalische und der Auftritt von Atze Schröder der komische Höhepunkt der Veranstaltung waren, dann kann sich der geneigte Leser ungefähr vorstellen, wie furchtbar der Abend war. Wie immer hierzulande kam die unabhängige Szene praktisch nicht vor, es ging wie beim "Echo" einzig um "Mainstream" - "wer hat den größten", sozusagen. Und als man nach faktisch ca. vier Stunden und einer gefühlten Ewigkeit die Veranstaltung endlich hinter sich hatte, gab es ein nicht mal mittelmäßiges Buffet, das so schlecht organisiert war wie die ganze Veranstaltung - die einzigen freien Plätze gab es signifikanterweise neben dem in Hamburger Klatschpostillen so genannten "Neger-Kalle", der zwar anscheinend vom "LEA"-Komitee eingeladen worden war - neben die "Kiez-Größe" wollte sich aber niemand an den Tisch stellen. Ich konnte gar nicht schnell genug wieder verschwinden, mußte mich bei meiner Frau noch tagelang dafür entschuldigen, daß ich sie zu einer derart langweiligen Veranstaltung mitgenommen hatte, und schwor mir: "nie wieder tust du dir das an!"
So ist das.
Laßt uns ehrlich miteinander sein: wer so eine Veranstaltung haben möchte und sich dabei wohl fühlt, der soll da hingehen und die 200 Euro Schmerzensgeld dafür berappen. Die Menschen tun mitunter merkwürdige Dinge. Was mich aber wundert, ist, wie ungelenk, hölzern und sterbenslangweilig sich ausgerechnet die Live-Branche hier präsentiert. So will man der Politik imponieren? Muß denn jede Veranstaltung, die Politikern gefallen soll, gleich so langweilig sein wie eine SPD-Ortsvereinssitzung im Sauerland oder eine CSU-Ortsverbandsversammlung im Bayerischen Wald?
Aber man verschone mich bitte mit dem von Herrn Michow eingeforderten Kadavergehorsam, mit dem indirekt geäußerten Diktum, wer am "LEA" nicht teilnehme, schade der deutschen Veranstaltungswirtschaft. Was für ein Unsinn. Wer am "LEA" nicht teilnimmt, ist einfach nur irgendwie noch ein bißchen bei Trost.

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"Die fünfbändige Ausgabe der "Berlinischen Dramaturgie" gehören zum geistigen Besitz einer Gesellschaft, die nicht mehr existiert. Den geistigen Überfluss, den die DDR sich leistete und der in dieser Ausgabe dokumentiert ist, gibt es tatsächlich nicht mehr. In der deutschen Einheitsgesellschaft, die seit 1990 die DDR und die Bundesrepublik ersetzt, führen geldschrappige Halbalphabeten das, was sie Bildungsdebatten nennen."
Wiglaf Droste über die jüngste Peter Hacks-Neuerscheinung

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Was am Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee - Die Pop-Tagebücher" des "FAZ"-Journalisten Eric Pfeil am meisten nervt, ist, daß man vieles gerne selbst so gesagt, gern genau so formuliert hätte. So unterhaltsam, das beweist Eric Pfeil in seinem regelmäßigen "FAZ"-Blog, kann oder könnte Popkritik hierzulande sein.
Eine Kostprobe aus Eric Pfeils aktuellen Blogs:
"Menschen, die permanent erzählen, daß sie "sich selbst treu geblieben" sind und solches auch noch als Wert zu verkaufen versuchen, lassen allzu rasch Ödnis in mir emporsteigen. Sich selbst treu zu bleiben, wird überschätzt. Jeder kann sich selbst treu bleiben, da ist es ja schwieriger, sich ein Brot zu schmieren."
Oder in einer aktuellen Kritik zu einem "Ich + Ich"-Konzert schreibt Pfeil in der "FAZ":
"Ich + Ich sind vor allem eins: professionell. Das mag man in Deutschland. Nicht umsonst hat sich hierzulande, wenn es darum geht, zu beschreiben, daß eine Band eine saubere Produktion abgeliefert hat, die Vokabel "amtlich" durchgesetzt. Und amtlicher Kitsch ist die textliche Verwaltung von Veränderungsängstlichkeit, platter, phrasenhafter Kritik und ungelenker Poesie allemal. Die Lieder heißen "Trösten", "Pflaster" oder "So soll es bleiben". Rätselhaftigkeit, Aufmüpfigkeit oder gar Verstörung sucht man natürlich vergeblich, schließlich wird hier nach den Regeln des Schlagers gespielt - allerdings würde keiner der hier Anwesenden je dieses Wort in den Mund nehmen. Dabei sind Ich + Ich beispielhaft für die Schlagerisierung der deutschsprachigen Popmusik, die sich auch bei Silbermond oder den Sportfreunden Stiller niederschlägt."
Gut gebrüllt. Das Buch von Eric Pfeil wird ausdrücklich empfohlen - wenn man gerade mal zwischen der Lektüre von zwei Hacks-Bänden Pause machen mag.

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Nun jammern sie wieder, angesichts der aktuellen Finanzprobleme mit Griechenland, Portugal, Irland und Spanien. Und vergießen doch nur Krokodilstränen.
Kann sich noch irgend jemand daran erinnern, wie uns Frau Merkel und Herr Steinbrück vor Jahr und Tag versprochen haben, die Untaten der Banken in Zukunft einschränken zu wollen? Das war natürlich von Anfang an unglaubwürdig, schließlich haben die Regierungen von Gerhard Schröder und Angela Merkel, also SPD, CDU/CSU und Grüne, mit der Deregulierung der Finanzwirtschaft die gigantischen Fehlspekulationen überhaupt erst ermöglicht. Der Ex-Minister Steinbrück, der im September 2008, zehn Tage nach der Lehmann-Pleite, im Bundestag verkündete, ein Bankenrettungsprogramm wie in den USA sei in Deutschland "nicht notwendig", während nur einen Tag später die Verhandlungen für den 100-Milliarden-Freikauf der Münchner HRE begannen, dieser Herr Steinbrück darf sich heute bei Beckmann und Konsorten als unabhängiger "Fachmann" gerieren, während hierzulande das Versteckspiel der Finanzwirtschaft mit Deckung der Regierung weitergeht - die Operationen des Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung unterliegen der strikten Geheimhaltung, die auf die Staatsbank KfW übertragenen Altlasten der IKB und der Irland-Fonds der SachsenLB werden nicht offen bilanziert. Der Bundestag betreibt bis heute keine umfassende Aufklärung des Finanzskandals, der in Leo Müllers Buch "Bankräuber. Wie kriminelle Manager und unfähige Politiker uns in den Ruin treiben" bedrückend genau durchleuchtet wird. Die Finanzkrise hat den deutschen Steuerzahler dreistellige Milliardenbeträge gekostet, ohne daß irgendwelche Konsequenzen gezogen worden wären - die Deutsche Bank erzielte gerade dank ihrer Investmentsparte im ersten Quartal 2010 Milliardengewinne, sie "profitiert von den staatlichen Notmaßnahmen, weil sie an vielen Finanzierungsgeschäften des Staates beteiligt ist und daran verdient, wenn er sich weiter verschuldet. Deshalb sind ihre hohen Renditen sehr problematisch. Sie ist die Gewinnerin der Krisenverarbeitung, sie schadet der Allgemeinheit, denn sie kassiert hohe Zinsen und Provisionen zu Lasten des Staates", stellt der Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel in der "Berliner Zeitung" fest und fordert, daß Geschäftsbanken das Spekulieren verboten werden sollte.
Und der US-amerikanische Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz stellt (ebenfalls in der "Berliner Zeitung") fest, "daß China die Krise besser gemanagt hat als wohl jedes andere Land". China, das Land, das hierzulande von Springer bis taz, von Merkel bis zu den Grünen nur gebashed wird? Der allen linken Gedanken unverdächtige Nobelpreisträger Stiglitz erklärt: "Aber eine Sache, die man in China offensichtlich besser verstanden hat als im Westen, ist die Bedeutung von Regulierung. Ist es nicht ironisch, daß wir die Chinesen jahrelang gewarnt haben, ihrem Finanzsystem drohe der Kollaps, wenn sie es nicht nach unserem Vorbild reformieren - und am Ende sind wir selbst zusammengebrochen? Eine weitere Lehre, die man aus Chinas Erfolg ziehen kann, ist, die wichtige Rolle des Staats bei der Förderung von Industrie, Innovationen und Bildung."
Wenn man bedenkt, daß die hiesige Regierung nun schon seit Beginn der Krise durch Untätigkeit glänzt, weiterhin keinerlei Gesetze erwirkt, um das zum Teil kriminelle Finanzgebaren der Banken zu unterbinden, und wie gleichzeitig dreistellige Milliardenbeträge aus Steuergeldern zum Fenster hinaus geworfen werden, während die Banken Milliardenprofite mit den Problemen des Staates machen - dann kann man nur feststellen: Im wilden Westen hätte man das Problem einer derart unfähigen Regierung gelöst, indem man Frau Merkel und ihre Helfershelfer geteert und gefedert aus der Stadt gejagt hätte.

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Viele Kultureinrichtungen werden vom Land Berlin hoch subventioniert. An der Spitze der staatlichen Subventionen pro Ticket liegt direkt hinter der Staatsoper (186,10 Euro Zuschußbedarf für jeden zahlenden Besucher) die Volksbühne mit einem Zuschuß von 184 Euro pro Ticket.
Die sogenannte "Musikbühne" der Berliner Volksbühne, kuratiert von einem Tourneeveranstalter, sorgt mit Konzerten wie Femi Kuti, Get Well Soon, Rufus Wainwright, Charlotte Gainsbourg oder Daniel Lanois, die jeder freie Konzertveranstalter in der Stadt mit Gewinn durchführen könnte, dafür, daß die freie Konzertszene eingeschränkt wird, daß die freien Konzertveranstalter der Stadt, die mit ihren Steuerzahlungen die gigantischen Subventionen von 184 Euro pro Volksbühnen-Ticket überhaupt erst ermöglichen, einen geschäftlichen Nachteil haben. Völlig durchgeknallt, völlig gaga. Das Subsidiaritätsprinzip wird hier ad absurdum geführt und mit Füßen getreten für eine kommerzielle (Neu-)Ausrichtung einer staatlichen Kulturinstitution. Pervers.

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Die sogenannten Spitzenverbände der sogenannten deutschen Kreativwirtschaft haben am "Tag des geistigen Eigentums" (was es so alles gibt...) wie eine tibetanische Gebetsmühle wieder einmal ihre Forderungen vorgetragen: Polizei und Justiz sollen so ausgestattet werden, daß sie "den neuen Herausforderungen durch Internetkriminalität gewachsen sind, um einen wirksamen Schutz bestehender Rechte im Internet zu gewährleisten", die "Anonymität des Internets darf nicht für illegale Zwecke mißbraucht werden", eben das alte Lied: Überwachungs- und Polizeistaat.
Zur Untermauerung der Forderungen hat die "Internationale Handelskammer" bei einer Unternehmensberatung eine Studie in Auftrag gegeben, bei der, Überraschung!, das herausgekommen ist, was der Auftraggeber hören wollte und bezahlt hat: angeblich verhindert die Internetpiraterie die Schaffung von 34.000 Arbeitsplätzen. Und bis zum Jahr 2015 könnten durch "Internetpiraterie" gar 600.000 "potenzielle" (tschah) Arbeitsplätze vernichtet werden. "Potenzielle" Arbeitsplätze also, aber garantiert vernichtet, so viel ist klar.
Ist ja sowieso immer genial irgendwie, wie die Musikwirtschaft diese Zahlen so genau wissen will. Die "Brennerstudie 2010" des "Bundesverbandes Musikindustrie" etwa weiß von ganz genau 258 Millionen illegalen Musikdownloads 2009 (im Vergleich zu 316 Millionen in 2008). Nur, woher will man das so genau wissen? Steckt Dieter Gorny seine Ohren ins Internet und zählt mit (was zumindest seinen roten Kopf erklären würde)? Wobei, wie erklärt sich der "Bundesverband Musikindustrie" denn den selbst konstatierten drastischen Rückgang der angeblichen illegalen Musikdownloads, wo die Politik doch gar nicht die überwachungsstaatlichen Gesetze verabschiedet hat, die Gorny und Konsorten so dringend fordern? Der US-Rechnungshof GAO jedenfalls, der sich intensiv mit den wirtschaftlichen Folgen von Raubkopien beschäftigt hat, kann laut "Spiegel Online" "keine belastbaren Daten finden, um die Verluste durch Produkt- und Copyright-Piraten zu beziffern" und macht deutlich, in welch hohem Ausmaß "unzulängliches Datenmaterial" in die bisherigen Studien zum Thema eingeflossen ist. Interessant, nicht, Herr Gorny?
Die wirklich drohenden Verluste für die deutsche Wirtschaft listet dagegen das "Manager Magazin" auf - 20% des Jahresumsatzes im Musikbereich und in der Telekommunikation, 15% bei Consumer Electronics und bei Filmen sind demnach in Zukunft gefährdet - und zwar nicht durch die "Internetpiraterie", sondern durch unternehmerische Fehlentscheidungen, durch Mißmanagement. Aber davon lenken die Herren gerne ab, denn es kann ja nicht sein, was nicht sein darf, und es ist einfacher und billiger, nach neuen Gesetzen zu rufen...
Neu ist übrigens, daß bei dem Unfug, den die Spitzenverbände der deutschen Kreativwirtschaft so betreiben, nun auch die Gewerkschaften mittun. Die Gewerkschaft "Verdi" jedenfalls erklärte am "Tag des geistigen Eigentums" ihren politischen Bankrott und machte sich mit den Wirtschaftslobbyisten und ihren abenteuerlichen Forderungen gemein. Kein Schwachsinn, an den sich deutsche Gewerkschaften nicht liebend gern heranwanzen würden.

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"Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarettenfabrik."
(Kristof Schreuf, "Brüllen")
Mit freundlichen Nichtraucher-Grüßen, genießen Sie den Frühling, und kehren sie bei dem einen oder anderen Konzert ein…

15.09.2011 - 11:59

Der "Spiegel" hat ein Kind - "Dein Spiegel" heißt das Magazin, das sich an Kinder und Teenies ranwanzt. Auf dem Titel: "Die Kloster-Kids", womit nicht etwa die von der katholischen Kirche mißbrauchten deutschen Kinder gemeint sind, sondern "Buddhas junge Mönche". Nun gut, auch in Laos ist für die jungen Kloster-Kids nicht alles Zuckerschlecken: "Morgens um vier geweckt werden, ums Frühstück betteln - das klingt nicht nach einem schönen Leben. Doch für Phou bedeutet das eine große Chance: Er ist Mönch, darf im Kloster zur Schule gehen und auf eine bessere Zukunft hoffen", weiß das "Spiegel"-Junior-Magazin und wirbt ansonsten für den "Gottkönig von Tibet", den Dalai Lama, den klügere Menschen wie zum Beispiel Friedrich Küppersbusch als "Repräsentant einer diktatorischen Mönchs-Junta" bezeichnen.
Aber worauf wollen die "Spiegel"-Macher (Chefredakteure des Magazins für Kids sind Mascolo und Müller von Blumencron, die auch als Chefs des eigentlichen "Spiegel" fungieren) hinaus? Wollen sie den Skandal-geschüttelten Eliten, die ihre Kinder bevorzugt auf Klosterschulen geben, schildern, wie es in Buddhas Schulen zugeht? Oder die verunsicherten Kinder darauf stoßen, daß sie es im Grunde noch ganz gut getroffen haben, wenn sie, wie in der Klosterschule Ettal, nur geprügelt werden, und nicht ums Frühstück betteln müssen?
Untertitel dieses merkwürdigen Magazins: "Einfach mehr wissen". Aha.

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Unsereiner ist nicht sonderlich überrascht über den flächendeckenden Skandal des sexuellen Mißbrauchs Schutzbefohlener durch Amtsträger der katholischen Kirche - letztlich nur ein weiteres Mosaiksteinchen einer zwei Jahrtausende währenden "Kriminalitätsgeschichte" (Karlheinz Deschner, leider immer wieder aktuell). Was einen schon mehr wundert, ist die Tatsache, daß man eigentlich nur in den USA, in der "New York Times", eine ausführliche Berichterstattung über die Skandale des deutschen Katholizismus liest, der die entscheidende Frage stellt, nämlich: Wie kann das eigentlich sein, daß nur in Deutschland die Kirche eine gesetzesferne, unangetastete Rolle spielt? Wie kann es sein, daß nur in Deutschland der Staat die Finanzierung der Kirchen organisiert und absichert? Wie kann es sein, daß in Deutschland der Staat eine gesetzesferne Arbeit der Kirchen ausdrücklich erlaubt und fördert - und eben finanziert? Laut Gesetz sind die Kirchen "Tendenzbetriebe", für die zum Beispiel das Arbeitsrecht nicht gilt. Und die Mißbrauchsskandale läßt man die Kirche selbst aufklären, die Begrifflichkeit "Bock und Gärtner" wäre eine zu freundliche Umschreibung dieser Tatsache - hierzulande läßt man die Mafia die Mafia überprüfen. Ein schlechter Scherz. In keinem anderen Industriestaat gibt es eine derart enge Verzahnung von Staat und Kirche - und es hat ja Gründe, warum keine Kanzlerin, keine Parteien, keine Medien hierzulande fordern, was überfällig ist: daß die Kirchen auf das ihnen zustehende Maß zurechtgestutzt werden, ohne Sonderrechte, ohne staatlich organisierte und abgesicherte Finanzierung, eben so, wie es selbst in den christlichsten Staaten dieser Erde Brauch ist.
Solange keine Initiativen in diese Richtung gestartet werden, möchte ich von Medien und Politik nichts mehr hören zu diesem Thema, denn ohne diese Konsequenzen ist jede weitere Berichterstattung über die Kirche und ihre Skandale unglaubwürdig.
Der unübertroffene Peter Hacks hat es in einem knappen Zweizeiler unter dem Titel "Recht auf Gleichbehandlung" auf den Punkt gebracht:
"Die Glocke stört, es stört der Muezzin,
Man bringe sie zum Schweigen, die wie ihn."

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Besser als die Stellungnahme von Papst Benedikt, der angesichts des Mißbrauchsskandals vor dem "Zeitgeist" gewarnt hat, gefällt mir übrigens, was der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller - "dann macht es bumm!" - hat verlautbaren lassen, u.a. nämlich dies:
"Indem man endlos antikatholische Klischees bedient und alte Ressentiments weckt, soll der Widerspruch zwischen virtueller Medienrealität und der Wirklichkeit, die immer eine Mischung ist von Licht und Schatten, verschleiert werden (legenda negra). Es besteht die Gefahr, dass sich bei "mediengläubigen" Zeitgenossen der Eindruck festsetzt, es könne doch nicht alles falsch sein, was "in der Zeitung steht". Missbrauchte Pressefreiheit lässt sich nicht mehr unterscheiden von einer Diffamierungs-Lizenz, mit der man scheinbar legal all diejenigen Personen und Glaubensgemeinschaften ihrer Ehre und Würde beraubt, die sich dem totalitären Herrschaftsanspruch des Neo-Atheismus und der Diktatur des Relativismus nicht fügen."
Wer regelmäßig auf die Website www.kath.net geht, kann sich das Abo für eine Satirezeitschrift sparen.

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Auch irgendwie Papst und sehr unfehlbar ist der deutsche Außenminister Guido Westerwelle. Die FDP nennt jedwede Kritik an Westerwelle "demokratiegefährdend".
Ich bitte um Verzeihung, nein: Vergebung, den FDP-Chef in meinem letzten Rundbrief kritisiert zu haben. Ich gelobe Besserung. Hoffe, die Demokratie hat den März-Rundbrief noch mal ausgehalten und überlebt...

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Uns erreicht eine Werbemail einer Plattenfirma. Der Titel: "wavemusic - vom sauber getimten Kuß". Ja, "sauber getimt". Bitte laut aussprechen, hört sich hübsch an. Etwas sonderbar, aber wer "die allseits bekannte Anthropologin Margaret Mead" heranzieht, um seine komische CD namens "wavemusic Volume 14" zu bewerben, mit "28 wunderbaren Songs, die zum romantischen und musikalischen Eskalieren einladen", dem ist wahrscheinlich sowieso nicht mit den Geheimnissen deutscher und englischer Sprache zu helfen. Aber was ist nun "musikalische Eskalation"? Und muß man sich Sorgen machen, wenn die musikalische Eskalation mal nicht "sauber getimt" wird? Fragen über Fragen wirft diese Werbemail auf.

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Auch gut ist dieser Abschnitt aus der Werbemail eines Mitbewerbers:
"Der Bozz vereint die Klänge des Betons mit seinen Fähigkeiten als Poet der Strasse. Nachdem Azad durch seine letzten beiden Veröffentlichungen bewiesen hat, dass ehrlicher, rauer Rap hierzulande gefragt ist, gewährt er auf diesem Strassenalbum zusätzlich tiefe Gefühlseinblicke."
Wenn Betonklänge auf Straßenalben zusätzlich tiefe Gefühlseinblicke zeigen...

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Während es "Pur" nicht lassen können:
"PUR planen die Veröffentlichung einer umfangreichen, limitierten und durchnummerierten Live-Box in einer hochwertigen Verpackung. Dabei sollen Wünsche der Fans berücksichtigt werden. Nimm Dir ein paar Minuten Zeit und sag uns, was Du denkst.
Du hast die Chance mitzubestimmen, welche Inhalte in die Box kommen, und wie die Verpackung aussehen wird."
(Hervorhebungen im Original)
Ich habe mir "ein paar Minuten Zeit" genommen, um zu sagen, was ich denke: Ich denke, daß "Pur" ganz großer Mist sind, daß sie weh tun, und daß sie, solange hierzulande keine Gefangenenlager á la Guantánamo existieren und entsprechende Foltermusik benötigt wird, besser nicht gespielt werden sollten. Daher sollte die limitierte und durchnummerierte (seit wann können "Pur"-Fans zählen?) "Live-Box" leer sein, und was aufs Cover soll, nämliche eine kleine Abbildung von diesem Zeugs, was in Berlin so auf den Straßen zu liegen pflegt, dürfte auch klar sein.
Dachte ich mir. Und wollte es "emimusicnews" at "emihosting.com im Auftrag von PUR" auch, wo sie so nett drum gebeten hatten, kurz mitteilen - dann aber mußte ich feststellen, daß es "unter anderem 2 Tickets für ein PUR Open Air Konzert" zu gewinnen gab - und dann habe ich es vorgezogen, meine Gedanken lieber doch nicht abzuschicken, sicher ist sicher...

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Ein anderer Clown, der gerade wieder mal im Zirkus aufgetreten ist, nennt sich Dieter Gorny. Der fühlt sich angesichts jüngster Umsatzrückgänge der Musikbranche "von der Politik im Stich gelassen" und erwartet "Millionenverluste an Steuern".
Dieter Gorny, der Mann, der in seinem ganzen beruflichen Leben noch kein eigenes Geld in die Hand genommen hat, kommt einem vor wie der Bäcker ums Eck, dessen Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert, der seine Kunden verliert. Wo aber der Bäcker entweder versuchen würde, bessere Brötchen zu backen, oder eben seine Bäckerei aufgeben würde, um etwas anderes zu versuchen, da ist Dieter Gorny einer, dessen Brötchen altbacken daherkommen und nicht schmecken, der aber, anstatt sein Geschäftsmodell zu hinterfragen, wie das jeder anständige Mensch tun würde, lauthals nach dem Staat ruft - Gorny ist wie ein schlechter Bäcker, dem die Kunden weglaufen, der aber von der Regierung nicht einmal Finanzhilfen, sondern gleich ein Gesetz fordert, wonach jeder, der in seiner Straße wohnt, ach was, jeder, der durch seine Straße geht, auch seine lumben Brötchen zu kaufen habe.
Ein armer und trauriger Clown, dessen seit Jahr und Tag rotgesichtig und jämmerlich wiederholten Scherze schon beim ersten Mal niemanden zum Lachen brachten, und der ernsthaft niemanden mehr schert (der aber natürlich als bezahlter Lobbyist weiter durchs Berliner Milieu kraucht als Faktotum aus einer vergangenen Zeit).

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Die Lichtgestalt in der kleinen, tristen Welt des Dieter Gorny ist ganz sicher Bushido, der durch rigoroseste Verfolgung downloadender Fans genau das tut, was sich unser kleiner Dieter und sein "Bundesverband der Musikindustrie" wünschen und vorstellen. Dumm nur, daß Bushido nun selbst beim dumpfesten Diebstahl erwischt wurde - und zwar nicht beim kreativen Umgang mit Samples, wie es seit Mahler unter Künstlern gang und gäbe ist, sondern beim simplen Klauen kompletter Motive, die er einfach von einer französischen Gothic-Rock-Band namens "Dark Sanctuary" gestohlen und mit eigenen dumpfen Texten unterlegt hat. Laut "Spiegel Online" muß Bushido nun Schadensersatz in noch unbekannter Höhe an die französische Band und deren Plattenfirma bezahlen, und die elf (!) betroffenen Alben, Singles und Sampler dürfen nicht mehr verkauft werden, bereits ausgelieferte Tonträger muß die Plattenfirma zurückrufen und vernichten.
Wenn Bushido-Alben geschreddert werden, kann man Schadenfreude wohl kaum verhehlen. Jemand, der Texte wie "Berlin wird wieder hart, denn wir verkloppen jede Schwuchtel / Du Nutte kannst nach Hause gehen, ab jetzt ist Hardcore du Opfer" veröffentlicht, dem gebührt nicht nur jedwede Form von Verachtung, sondern aus 1000 anderen Gründen als dem Urheberrecht das Schreddern seiner Alben - man kann bekanntlich auch aus falschen Gründen das Richtige tun. Bushido ist übrigens der Künstler, den Kanzlerin Merkel und ihre damals schwarz-rote Bundesregierung 2007 vor dem Brandenburger Tor auftreten ließ...

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Junker Günther Jauch macht sich nicht nur für konservative Architektur in Berlin und für flächendeckenden Religionsunterricht öffentlich stark, sondern finanzierte nun auch mit SAP-Gründer Hasso Plattner den Neubau des Brandenburger Landtags in Potsdam - ach was, es ist natürlich nicht wirklich ein "Neubau"; da kennt man den erzkonservativen Lieblingsschwiegersohn und Junker Jauch schlecht - die historische Schloßfassade mußte es natürlich sein, deren Rekonstruktion nun das Gesicht des Parlamentsbau abgeben soll. Hübsche Demokratie, der nichts Besseres einfällt, als ihr Parlament in den historischen preußischen Schloßnachbauten stattfinden zu lassen!

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In der Berliner "Neuen Nationalgalerie" findet folgendes, in der hiesigen Presse in großformatigen Anzeigen angekündigtes, nun ja, "Event" statt:
"Red Bull Flying Bach - Die Flying Steps tanzen zu J.S. Bachs Wohltemperiertem Klavier."
Wobei Red Bull größer als der Titel in den Anzeigen steht. Und das Bild des Meisters in einer hippen Sportjacke, unten die Logos, u.a. "Staatliche Museen zu Berlin", "Bösendorfer", "Klassik Radio" und, eben, "be.Berlin".
Deutschland ist eine Kulturnation. In echt jetzt, ey. "Be.Bach".

* * *

Warenwelten:
"Der Mauerbär.
Das KaDeWe präsentiert exklusiv zum Jubiläum "20 Jahre Mauerfall" den limitierten Steiff-Bären. Der Mauerbär ist ca. 46 cm groß, auf 500 Stück weltweit limitiert und kostet 299,00 Euro. Nutzen Sie die Gelegenheit und lassen Sie sich Ihren großen Mauerbären am Do 1.4.2010 ab 12 Uhr im Steiff-Shop in der 5.Etage mit einem Motiv Ihrer Wahl auf eine der Tatzen airbrushen."

Kein Aprilscherz, leider. Ich wüsste allerdings schon ein geeignetes Motiv, das ich dem Mauerbären gerne auf seine Tatze airbrushen ließe: den Mann im 1990er Weltmeister-Trikot nämlich, der sich, vor den in Rostock brennenden Asylbewerberunterkünften stehend und die Hand zum Hitlergruß erhoben, in seine Trainingshose gepisst hat. Eine deutsche Ikone eben.

Einen netten ersten April und frohes Ostereiersuchen, mit oder ohne limitiertem Mauerbären, wünscht Ihnen Ihr Berthold Seliger

15.09.2011 - 11:58

"Wenn es mir nur um die Beliebtheitsumfragen ginge, hätte ich vielleicht besser Sänger werden sollen." (Guido Westerwelle)
Wieso denn das? Singen kann Westerwelle doch sicher auch nicht...

* * *

Wobei die Aufregung um Westerwelle ein wenig gespielt scheint, besonders bei denen, die das verfassungswidrige "Hartz 4"-Gesetz auf den Weg gebracht haben - letzten Endes hat Westerwelle doch nur das wiederholt, worauf nun mal die Agenda-Beschlüsse der damaligen rot-grünen Bundesregierung fußten. Westerwelle ist halt das eifrige Tanzäffchen, das wahlweise auf der Drehorgel der Kanzlerin oder der Drehorgel der Industriespender, die seine Partei finanzieren, seine Wahlkampffaxen aufführt - als Person nicht weiter ernstzunehmen, als Politiker nicht satisfikationsfähig.
Einen schönen Gedanken zu Westerwelle hat Friedrich Küppersbusch (warum hat der eigentlich keine Fernsehsendung mehr?!?) in der "taz" formuliert:
"Guido Westerwelle war seit 1983 Juli-Chef, seit 88 im FDP-Bundesvorstand und schloß sein Jurastudium erst 1991 ab: Parteiamtssalär, Diäten, Ministergehalt. Der Mann hat nie ernsthaft von etwas anderem als Staatsknete gelebt. Daß nun ausgerechnet er wirklich Bedürftige als überfressene Orgiasten schmäht - im vorrevolutionären Frankreich wäre das als der mannhafte Wunsch verstanden worden, sich immerhin die eigene Laterne auszusuchen."

* * *

Ach, wenn die Medien doch mal aufhören würden, den Blödsinn nachzuplappern, der allüberall zu lesen ist - daß die Künstler sich vermehrt ums Livegeschäft (das angeblich boomt) kümmern würden, weil sie mit ihren Alben nichts mehr verkaufen... In Danny Goldberg's Buch "Unter Genies" ist über die Zeit um 1970 zu lesen (Goldberg arbeitet seit den 60er Jahren in der Musikindustrie, war Manager von Bands wie Led Zeppelin, Manager und Vorsitzender von Atlantic Records, Warner Bros. Records und Mercury Records):
"Es gab viele Künstler wie die J. Geils Band, die Allman Brothers und vor allem Grateful Dead, die mehr Geld auf Tour verdienten, als sie jemals mit Plattenverkäufen erzielten."
Scheint also auch früher schon so gewesen zu sein...

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"Ich bin Feministin! Studentinnen schreiben Pornos und sind stolz darauf" heißt es auf dem Titel des "UniSPIEGEL", das Studentenmagazin des "Spiegel". Zu sehen ist eine Blondine mit schwarzem BH, neckisch auf dem Boden kauernd mit einem Bleistift (!) an den Lippen - der Titel "Ich bin Feministin" dabei das Geschlecht verbergend.
Wenn alte Herren Altherrenmagazine machen.

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Arme Klassik.
Die "Berliner Zeitung" schreibt zu einem gescheiterten Klavierabend der Pianistin Olga Scheps:
"Man muß es so hart sagen: Wer einen Vertrag bei dem Label Sony Classical haben möchte, muß vor allem optische Reize mitbringen. Ob er musikalisch etwas Interessantes zu sagen hat, ist absolut zweitrangig; und bei der Frage nach dem Repertoire, nach der Musik, die auf CD aufgenommen werden soll, hat der Künstler so gut wie kein Mitspracherecht. Gefälliger Mainstream muß es sein."
So weit, so schlecht. Allerdings stimmt an dem Gesagten zweierlei nicht: erstens und vor allem gilt das Gelb-Label, das nationale Klassikaushängeschild "Deutsche Grammphon", seit Jahren als das Label, das am konsequentesten die oberflächliche Pop-Promotion um- und durchgesetzt hat: lauter schöne Menschen werden mit ihren optischen Reizen in den Vordergrund gerückt und spielen in aller Regel langweilige Alben ein. Das ist ein Konzept, das vor ein paar Jahren in der NMZ veröffentlicht wurde, man kann das im Internet nachlesen - und wie das eben so ist: alle kupfern vom Marktführer ab, so eben auch Sony Classical. Wobei man zweitens hinzufügen muß, daß auf diesem Label letztes Jahr immerhin die Bach-Partiten mit Murray Perahia erschienen sind, und der sieht, ähem, nicht soo dolle aus, und zum anderen hat "Deutsche Grammphon" seit Jahren kein so gutes Album auf dem Hauptlabel veröffentlicht (wenn man von "Archiv"-Produktionen z.B. absieht ). Aber natürlich stimmt das, was die "Berliner Zeitung" gesagt hat, in der Tendenz völlig, und man kann es besonders im sogenannten "Chopin-Gedenkjahr" beobachten, denn Chopin gilt schlichteren Geistern ja als "der" Romantiker, muß also von den Konzernbossen als Thema ausgepreßt werden bis zum Gehtnichtmehr.
Aber, liebe Leserinnen und Leser dieses Rundbriefs: bitte fallt nicht auf die Werbebotschaften der Musikindustrie rein. Verseht alle CDs, auf deren Covern liebreizende junge Damen in zwielichten Posen zu sehen sind, mit einem Malus. Geht an den hübschen Frauen, die mit den Wölfen spielen, vorbei, ignoriert Alben, die einen Zusatztitel wie "Piano Adagio" (was fürn Schmarrn! in der Werbung dazu heißt es dann "cantable Stücke von Chopin" - ach ja?) oder "Credo" oder "The Mazurka Diary" benötigen. Und wenn ihr Chopin-CDs kaufen wollt, wozu man nur raten kann, dann greift zum Beispiel auf diese hier zurück: die Etüden gespielt von Pollini, die Polonaisen gespielt von Rubinstein, die Klavierkonzerte von Zimerman, die Preludes von Sokolov, die Nocturnes und die Berceuse noch mal von Rubinstein, die h-moll-Sonate und die Walzer von Lipatti. Oder Aufnahmen von Richter, oder von Argerich. Zum Beispiel. Das Gute ist: diese Aufnahmen sind hervorragend, und weil die Kulturindustrie eben sehr merkwürdig tickt, sind sie überall sehr günstig zu erwerben, sie werden euch zum Teil geradezu nachgeworfen. Allerdings: die Künstler sehen teilweise nicht besonders gut aus. Tschah.
Vor allem aber sollte man ein Album erwerben, das zu den zehn besten aller Zeiten (und damit meine ich nicht die besten "Klassik"-Alben aller Zeiten, sondern insgesamt und überhaupt!) gehört und das in jeder CD-Sammlung jedes Musikliebhabers und jeder Musikliebhaberin stehen sollte - eingespielt hat es Arturo Benedetti Michelangeli, und es sind darauf zehn Mazurken zu hören und die Ballade g-moll und das Scherzo b-moll, und nichts davon kann man irgendwo besser hören als auf dieser CD. Wort!
(die Empfehlung für das beste Chopin-Booklet geht an Jan Reichow zur gerade erschienenen Aufnahme der Mazurken von Evgeni Koroliov - was man da alles lernen kann! "Mit den Mazurken ist man auf dem besten Weg, den ganzen Chopin neu zu erschließen. Nicht den der Hochschulkonzertexamen, der internationalen Wettbewerbe und chinesischen Klaviertitanen, sondern den, der polnische Dorfmusik in sich aufgesogen hat, Erinnerungen an Masowien, das Dorf Szafarnia, wo er nachts um 11 den einsaitigen Baß traktierte..." und die Musik ist auch sehr empfehlenswert. Auf dem Cover sind allerdings nur Noten zu sehen...)

* * *

Nur mal wahllos und unvollständig Meldungen über Politiker und ihre (Neben-)Tätigkeiten, aus einem Monat Zeitungs- und Magazinlektüre zusammengestellt:
" Die Wohnungsbaugesellschaft Howoge hat den Planungsauftrag für die Sanierung von 654 Wohnungen an den Berliner SPD-Abgeordneten und stellvertretenden Bauausschußvorsitzenden Ralf Hillenberg vergeben. Ohne Ausschreibung. Die beiden Geschäftsführer der Howoge sind ebenfalls SPD-Mitglieder. Nach der Sanierung sollen sich die Mieten der Wohnungen verdoppeln.
" In Düsseldorf kommt heraus, daß Landtagspräsidentin van Dinther (CDU) und ihr Vize Moron (SPD) vom Kohlekonzern RAG Kohle, nämlich fünfstellige "Beraterhonorare", eingestrichen haben.
" Laut "Spiegel" steht Ex-Bundeskanzler Schröder (SPD) dem Aktionärsausschuß von Nord Stream vor, einem Konsortium, das mehrheitlich zu Gazprom gehört. "Schröder war kaum einen Monat aus dem Amt geschieden, da nahm er seinen Posten im Aufsichtsgremium von Nord Stream an. Er wurde zum bezahlten Lobbyisten für eine Pipeline, die er als Kanzler vorangetrieben hatte."
" Ebenfalls laut "Spiegel" arbeitet Ex-Außenminister Fischer (Grüne) "inzwischen nicht nur für RWE, er berät auch BMW und Siemens. Er bekommt also Geld von einem Autobauer, einem Hersteller von Atomkraftwerken und einem Betreiber von Atomkraftwerken."
" Guido Westerwelle hat laut Recherchen von "Spiegel Online" in der letzten Legislaturperiode 35 Vorträge für Firmen und Verbände für insgesamt 245.000 Euro gehalten - darunter die Privatbank Sal. Oppenheim, die, Überraschung!, Maritim Hotelgesellschaft oder das Congress Hotel Seepark in der Schweiz. Unter denen, die ganz masochistisch Geld dafür zahlten, daß Westerwelle für sie redete, gehört auch eine Liechtensteiner Bank, bei der deutsches Schwarzgeld versteckt wurde. Westerwelle hat sich beim Thema "Ankauf von CDs aus der Schweiz mit Daten deutscher Steuersünder" auffällig zurückgehalten - er sagte etwa, der Staat dürfe sich "nicht zum Mittäter von Dieben" machen. Juristisch ist Westerwelles Verhalten natürlich nicht zu beanstanden.
" Gespräche mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Rüttgers (CDU) wurden von seiner Landespartei verkauft - angeblich ohne sein Wissen. Der "Vorwurf der Käuflichkeit" sei "absurd", stellte Rüttgers klar. Natürlich.
" Im Südwesten der Republik, im Landkreis Breisgau, ist der CDU-Finanzstaatssekretär und Landtagsabgeordnete Fleischer in einen Politskandal verwickelt, der ihn bereits zum Rücktritt von seinem Staatssekretärsposten gezwungen hat - die Kiesunternehmen in seinem Wahlkreis gaben Fleischer für seinen Landtagswahlkampf 2006 Kies, nämlich 40.000 Euro - entsprechend "soll Fleischer versucht haben, eine Entscheidung über den Kiesabbau beim Ausbaggern eines Hochwasser-Rückhaltebeckens zugunsten der Kiesunternehmen seines Wahlkreises zu beeinflussen" ("FAZ").
" Die "Berliner Zeitung" berichtet über die "einträgliche Partnerschaft des FDP-Vorsitzenden Westerwelle mit Schweizer Firmen". Westerwelle saß seit 2004 im Beirat von einer Frma namens "TellSell", die sich einen Namen gemacht hat im sogenannten Business Development - "wohl auch mit Hilfe des FDP-Chefs, wenn man der Eigenwerbung der TellSell glauben mag. Dort heißt es: "Unsere Beiräte öffnen für Sie Türen und bringen Sie mit relevanten Ansprechpartnern zusammen." Westerwelle und seine drei Beiratspartner haben dann auch mitgeholfen, der TellSell eine lange Kundenliste zusammenzustellen: Darauf stehen die Telekom, O2, die Deutsche Bahn und die Post, die Dresdner Bank und die UBS, große Energie-, Auto- und Handelskonzerne, Versicherungen und sogar die Bundesagentur für Arbeit." Das Unternehmen gehört zum verwinkelten Firmengeflecht von Clemens Boersch, der bis heute mehr als 150.000 Euro Parteispenden an die Westerwelle-Partei vergeben hat. Westerwelles Bruder übrigens residierte bis September 2009 (!) im Schweizer Steuerparadies mit seiner Schweizer Firma im selben Haus wie Boersch "und ist mit dessen Unternehmen Mountain Partners auch geschäftlich verbandelt" (Berliner Zeitung). Zur Mountain Partners AG gehören Investoren aus Saudi-Arabien und dem Oman, womit sich ein doppelter Kreis schließt - zum einen zum Freund arabischer Länder Möllemann, sein Fallschirm habe ihn selig, zum anderen zu Westerwelles neuem Job als Außenminister - auf seiner ersten Dienstreise an den Golf durfte Parteispender und Geschäftspartner Boersch den Außenminister begleiten - "als Mitglied einer Wirtschaftsdelegation, für die Westerwelle im Nahen Osten Türen öffnen wollte." Westerwelle hat sich übrigens kurz nach der Bundestagswahl aus der TellSell zurückgezogen - sein Beiratsmandat ging auf Jürgen Koppelin über. Wer Koppelin ist? Der ist Fraktionsvize der FDP im Bundestag...
Wer wundert sich da eigentlich noch über die "Politverdrossenheit" der Bürgerinnen und Bürger? Deutschland, eine gekaufte Republik...

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Wobei ich auch sagen muß, daß ich die öffentliche Diskussion um käufliche Politiker ein bißchen einseitig finde, denn die Chancen gewissermaßen für eine neue Form von "direkter Demokratie" werden kaum berücksichtigt. Wie günstig kommt man derzeit an ein Gesetz - das sollte man sich zunutze machen!
Denken Sie an die GEMA-Petition. Über 100.000 Menschen haben diese Petition unterzeichnet, ohne daß sich irgendetwas geändert hätte. Wenn nun dagegen jeder dieser Unterzeichner knapp 20 Euro in die Hand nähme, könnte man schwupps ein Gesetz hinbekommen, das die Abschaffung der GEMA umsetzt. Bei der CSU kostet so ein Gesetz aktuell 700.000 Euro, bei der FDP 1,1 Millionen. Andrerseits rate ich davon ab, nur auf den Preis zu schauen - man sollte auf Nummer sicher gehen wie die Mövenpick-Eigner und am besten sowohl CSU als auch FDP mit einer entsprechenden Spende bedenken - das kostet dann zwar 1,8 Millionen Euro, dafür ist man aber auf der sicheren Seite. Und mal ganz ehrlich - ein Gesetz für 1,8 Millionen Euro ist so teuer nun auch wieder nicht... Vielleicht sollte man zusätzlich ein paar Tausend Euro in Gespräche mit CDU-Ministerpräsidenten investieren, die sind billig zu haben, und man hat dann mit dem Bundesrat später keinen Ärger - also lassen Sie uns zu den 1,8 Millionen noch die 6000 Euro für Ministerpräsident Rüttgers investieren - von einem Gespräch mit Ministerpräsident Tillich zu einem ähnlichen Tarif rate ich ab, der hat nichts zu sagen, das Geld kann man sich sparen...

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In der Bankabbuchung der "Rundfunkanst." steht: "Ihre Rundfunkgebühren für gutes Programm". Wo kann ich nun angesichts des dumpfen Scheiß, der mir da auf ARD und ZDF in aller Regel gezeigt wird, meine Gebühren zurückverlangen?!?

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Im Sportteil der "Berliner Zeitung" jammert Matti Lieske über das Kulturprogramm der Olympischen Winterspiele und vermißt darin zum Beispiel Neil Young, der angeblich "nicht gekommen" sei. Ich weiß nicht, ob Matti Lieske in Vancouver vor Ort war, ich weiß aber, daß das Kulturprogramm der Olympischen Spiele durchaus einige hochkarätige Shows beinhaltete - etwa die Revue eines gewissen Neil Young über Hal Wilner-Stücke, mit u.a. Lou Reed als Gast. Oder Laurie Anderson's neues Multimediaprogramm, das bei den Olympischen Spielen seine Weltpremiere erlebte. Als Bewohner eines Landes, dessen Kultur- und Sportfunktionäre Auftritte einer Band namens "Sportfreunde Stiller" bei der Fußball-WM 2006 für den Höhepunkt ihres Kulturprogramms gehalten haben, sollte man da vielleicht etwas vorsichtig sein...

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Die "Berliner Festspiele", "in Zusammenarbeit mit Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie", sorgen für eine aktualisierte Geschichtsschreibung: Das Programm "Telegrams from the Nose" von William Kentridge und François Sarhan im Rahmen von "MaerzMusik 2010" ist laut Vorankündigung des Veranstalters neben Gogol und Schostakowich inspiriert "von Daniil Kharms, ein Surrealist, Dichter und Dramatiker der frühen Sowjet-Ära, der Opfer von Stalins Verbrechen wurde". Richtig schreiben können sie den Namen dieses großen Dichters, der sich aus guten Gründen Daniil Charms nannte (worin sich natürlich das französische "Charme", aber auch das englische "harm" spiegeln), nicht, aber sie wissen eben genau, daß er Opfer von Stalins Verbrechen wurde. Nun soll nicht beschönigt werden, daß Charms unter Stalin zeitweise Schreibverbot hatte und auch ins Gefängnis mußte - gestorben ist Charms allerdings, wie mehr als eine Million andere Leningrader Bürgerinnen und Bürger auch, 1942 als Opfer der Leningrader Blockade durch Hitlers Wehrmacht, nämlich elendig durch Unterernährung. Selbst Wikipedia beschreibt die Leningrader Blockade als "den beabsichtigten Verzicht auf die Einnahme der Stadt durch die deutschen Truppen mit dem Ziel, die Leningrader Bevölkerung systematisch verhungern zu lassen, eines der eklatantesten Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht während des Krieges gegen die Sowjetunion". Aber das hat den Berliner Festspielen, denen der Name des Künstlers nicht wichtig genug war, um ihn richtig zu schreiben, natürlich nicht ins Konzept gepaßt.

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Was Frau von der Leyen recht ist, ist dem weißrussischen Präsidenten Lukaschenko billig: Wie die damalige Jugendministerin hierzulande geht auch Lukaschenko "Rammstein" auf den Leim und betreibt kostenlose Werbung für die Rockband - Lukaschenko und sein "Rat für Sittlichkeit" hat das Verbot eines Rammstein-Konzertes in Minsk gefordert: Die Band würde die weißrussische Staatsordnung gefährden.
Ts ts. Und dabei dachte ich, die Musik von Rammstein und die reaktionäre weißrussische Diktatur würden prächtig zusammenpassen...

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Die Umsätze im Downloadgeschäft mit Musik wachsen schneller als die Verkaufszahlen - im Jahr 2009 bei Umsätzen von 112 Millionen Euro um 40 Prozent.

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Da freut sich der "Spiegel": "Treu bis in den Tod" titelt die Klatschpostille über Eva Braun, die "die Geliebte Adolf Hitlers und für knapp 40 Stunden seine Ehefrau" und mithin dem "Spiegel" einen dreiseitigen Artikel mit allerlei aktuellen Schwarzweiß-Fotos aus dem Privatarchiv des Führers wert war.
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Die katholische Kirche besteht weiter darauf, daß nur Männer ihren eigentlichen Dienst tun dürfen - was irgendwie schade ist. Ich könnte mir zum Beispiel die durchgeknallte Gaga-Fürstin Gloria von und zu Thurn und Taxis hervorragend als katholische Bischöfin vorstellen - wie sie etwa den Homosexuellen empfiehlt, eifrig gegen ihre "widernatürliche Neigung" anzubeten, sich also quasi "gesundzubeten", das hat doch fast schon Mixa-Qualitäten. Also, liebe katholische Kirche, laß Frauen Bischöfinnen werden! Ernenne Gloria zur Fürstbischöfin!

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In ihrem Buch "In der Mitte des Lebens" schrieb die evangelische Bischöfin Margot Käßmann diesen schönen Satz:
"Wichtig ist, nicht zu vertrocknen, sondern offen zu sein für das Neue und keimen und aufblühen zu lassen, was blühen will und kann."
Nicht wegen diesen Satzes ist Frau Käßmann zurückgetreten, sondern wegen ein paar Gläser Wein und Sekt.

Nutzen Sie den Frühling, falls er doch noch kommt. Lassen Sie's kräftig keimen und aufblühen! Was immer in Ihnen blühen will und kann. Denn wichtig ist, nicht zu vertrocknen - das sagt übrigens auch Kaiser Franz Beckenbauer immer: ausreichend trinken!

15.09.2011 - 11:57

Was würde man sich wünschen, daß nach dem Mordanschlag auf den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard durch einen islamischen Fanatiker die hiesigen Zeitungen und Zeitschriften zusammenstehen würden und der Welt zeigen: das ist ein Anschlag auf Meinungsfreiheit, ein Anschlag auf die Freiheit der Kunst, den wir nicht zulassen - und was wäre besser geeignet, dem etwas entgegenzusetzen, als ein bundesweiter Abdruck aller dieser Karikaturen in allen Zeitungen und Zeitschriften? Aber nein, der Hase läuft ganz woanders hin, er zick-zackt natürlich nach rechts außen. Findet man auf "Spiegel Online" noch einen brauchbaren Kommentar von Broder, auch wenn man auch dort die Karikaturen vergeblich sucht, so erklärt die "Süddeutsche Zeitung" die Mohammed-Karikatur samt Karikaturisten aufgrund mangelnder Qualität der Karikatur für nicht schützenswert, und ihr Kommentator und Feuilleton-Chef fragt allen Ernstes: "Was zählt mehr? Das Grundrecht auf Meinungsfreiheit? Oder der Respekt für religiöse Gefühle?" Selber Schuld, der Karikaturist, wenn er umgebracht wird, die SZ schützt ihn nur, wenn er besser zeichnet. Sowas galt mal als "linksliberale" Zeitung... (am Rande: die "Süddeutsche Zeitung" ist auch die Zeitung, die Blogger dafür bezahlt hat, daß sie sich in Blogs und Foren ausschließlich lobend über den von der "Süddeutschen Zeitung" fürs Iphone entwickelten App äußern - so was ist eben keine Zeitung mehr, sondern ein Geschäftsmodell).
Wie man überhaupt im Süden der Republik, wen wunderts, auf so manchen dummen Gedanken kommt: In der Südwestfresse schreibt ein Eugen Röttinger:"Westergaard wollte bewußt provozieren. Und er provoziert, fern jeder Verantwortung unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit, munter weiter: Für ihn sponsort pauschal der Islam den Terror. Er ist mindestens so verblendet wie sein Attentäter."
Boah. Sowas ist also unter dem "Deckmantel der Meinungsfreiheit" im Südwesten möglich.
Doch bestürzende Kommentare zu diesem Attentat lassen sich auch in seriösen britischen Zeitungen finden. Im "Guardian" etwa beschuldigt Nancy Graham die Dänen pauschal, ein religionsloses Volk zu sein, und so was kommt dann eben von sowas: "Publishing Kurt Westergaard's cartoons was an aggressive act born of Denmark's recultance to respect religious belief."
Religion ist eben Opium fürs Volk. Und manche Journalisten verwenden bedarfsweise Haschpilze und schreiben nur noch gaga. Unglaublich.

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Die Pünktchenpartei ist wirklich ganz famos:
Hatte man sich noch ein wenig (wirklich ein wenig nur, weil spätestens seit dem Flickskandal weiß man ja, wie der Hase läuft...) gewundert, warum die FDP Hand in Hand mit der CSU im sogenannten "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" eine Senkung des Mehrwertsteuersatzes auf Hotelübernachtungen von 19 auf 7 Prozent durchgesetzt hatte, so bekommt man jetzt die Erklärung nachgeliefert: Die Düsseldorfer Substantia AG (Klasse Name auch, Respekt!) hat der FDP binnen eines Jahres sage und schreibe 1,1 Millionen Euro überwiesen, eine der höchsten Parteispenden in der an deftigen Parteispenden wahrlich nicht armen Geschichte der FDP. Die Substantia AG gehört einem der reichsten Deutschen, August Baron von Finck. Und dessen Familie hinwiederum ist Miteigentümerin der Mövenpick-Gruppe, die in Deutschland 14 Hotels betreibt.
Ein FDP-Sprecher sagt dazu: "Es gibt keinen Zusammenhang mit der beschlossenen Mehrwertsteuersenkung." Iwo, eh klar, natürlich nicht. Sagte doch schon Guido Westerwelle, der Zusammenhang zwischen dieser Millionenspende und der Steuervergünstigung für Hotelbetriebe ist "absurd".
Weil eins und eins längst nicht mehr zwei sind. Und die Erde eine Scheibe.
(die Zustimmung der CSU zu dem absurden Mövenpick-Gesetz war übrigens ein paar hunderttausend Euro günstiger zu haben, was neue Gedanken über den Niedergang der bairischen Staatspartei erlaubt; im bairischen Landtag, by the way, verlangen SPD und Grüne seit Jahren massiv genau die Steuervergünstigung für Hoteliers, die CDU, CSU und FDP nun auf Bundesebene durchgesetzt haben, wofür CDU, CSU und FDP im Bundestag von Politikern der SPD und Grünen scharf gescholten wurden, die in Bayern hinwiederum usw. usf.)

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"... ich erkenne nur ein höchstes Gesetz an, die Rechtschaffenheit, und die Politik kennt nur ihren Vorteil..."
Heinrich von Kleist an Wilhelmine von Zenge, vor 210 Jahren...

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A propos Westerwelle - besser als die "FAS", recht eigentlich das Hausblatt der FDP, hätten wir dies auch kaum sagen können:
"Derweil freute sich der deutsche sogenannte Außenminister Guido Westerwelle wie ein Gänseblümchen über seine nicht enden wollende Audienz bei den demokratisch nicht legitimierten Besitzern Saudi-Arabiens, von deren "Erfahrungsschatz" er das machen wollte, was er selbst für lernen hält. Ob darunter die Verbreitung des haßgetränkten fundamentalistischen islamischen Wahhabismus, die übereifrige Anwendung der Todesstrafe (...), die ungenscherhafte Eindeutigkeit der Scharia oder doch noch ganz andere saudische Errungenschaften gemeint waren, darüber ließ Westerwelle seine moralisch neutrale, aber Geschäfte umso intensiver witternde Entourage ebenso im Unklaren wie darüber, ob er sich mit den Sauds so duzt wie mit dem Horst von der CSU."
Aber der "ARD-Tagesschau" hatte Westerwelle ja bereits vorab mitgeteilt, worauf es ihm ankomme: "Das Interesse ist nicht nur politisch, sondern auch eindeutig wirtschaftlich."

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Wie es ja überhaupt ein Faszinosum unserer freien, gleichgeschalteten Medien darstellt, wie sie es alle schaffen, über den diktatorischen Unrechtsstaat Dubai den, nun denn, Schleier der Weichzeichnerei zu decken. Hat man in den letzten Jahren irgendeinen Bericht in irgendeiner Zeitung oder Zeitschrift hierzulande gelesen, oder in irgendeinem Fernsehmagazin gesehen, der über etwas anderes berichtet hätte als die paradiesischen Inseln, die wunderbaren Hotelpaläste, die höchsten Hochhäuser oder was an Märchenhaften in Dubai sonst noch wächst? Gab es irgendwen, der auch nur die simpelsten Recherche-"Fragen eines lesenden Arbeiters" (Brecht) gestellt und beantwortet hätte? Welche Medien haben bisher hierzulande darüber berichtet, wie all der protzende Reichtum entstanden ist?
"Human Rights Watch" hat die Arbeitsbedingungen der Bauarbeiter, die die prestigeträchtige Museums-Insel in Abu Dhabi bauen, als "zwangsarbeiterähnlich" beschrieben. Die Arbeiter leben und arbeiten unter katastrophalen Bedingungen und müssen oft monatelang auf ihren Lohn warten. Die Löhne in Dubai sind ohnedies weit unter dem Existenzminimum. Die zahllosen Fremdarbeiter, die die modernen Gebäude Dubais bauen, sind völlig rechtlos, ihre Pässe werden bei ihrer Ankunft eingezogen. Dubai, ein Land, in dem Frauen keine Rechte besitzen und nicht einmal vor Gericht als klagende Parteien akzeptiert werden. Ein Land ohne jegliche Demokratie, ein Land, eine Diktatur in der Hand seiner Besitzer - wer berichtet über dieses Geschäftsmodell?
Was China angeht, kann hierzulande gar nicht dolle genug über Menschenrechte geredet werden. Die Vereinigten Arabischen Emirate dagegen werden von den bürgerlichen Medien als märchenhaftes Paradies dargestellt und sind doch die ekelhaftesten Diktaturen, die es derzeit gibt. Und nun - warum berichtet niemand darüber? Eben: weil das "Interesse" nicht politisch, sondern "eindeutig wirtschaftlich" ist. Am Bau des nun höchsten Gebäudes der Welt, des Burj Khalifa in Dubai, haben u.a. diese deutschen Firmen mitgearbeitet bzw. für die Ausstattung geliefert: BASF, Miele, Dornbracht, Duravit, Rosenthal, Meva, Muehlhan, Ardex, Knauf, Kaldewei, CES, GEA, Hepp, Hansgrohe...
(der Besuch auf der Webseite the-dubai-in-me.com ebenso wie das Betrachten des gleichnamigen Films wird wärmstens empfohlen!)

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Die "FAS" titelt munter vor sich hin: "Peking schickt keine Soldaten nach Afghanistan. Es investiert aber - zum eigenen Nutzen".
Ei perdautz. Da investiert China also "zum eigenen Nutzen", also ganz ganz anders, als das jahrhundertelang und bis heute ehemalige und jetzige (was meistens identisch ist) Kolonialstaaten tun...

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Dirk von Lowtzow von der Band "Tocotronic" gibt Axel Springers Kampforgan für revolutionäre Umtriebe, der Tageszeitung "Die Welt", ein Interview zum Thema "Widerstand", und sagt u.a.:
"Es gab bei diesem Album den Willen zu ergründen, unter welchen Umständen Kunst - in unserem Fall: Musik - Widerstand sein kann, ohne in opportunistische Kapitalismuskritik zu verfallen."
Mal jenseits der verquasten Sprache - "opportunistische Kapitalismuskritik" - hab ich da was verpaßt?!? Ein Satz zum Einrahmen. Fürs Poesiealbum, sozusagen.

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Eine selten dämliche Überschrift aus der "taz": "Holocaust-Gedenktag. Vor 65 Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit. Vor sechs Jahren erfuhr unsere Autorin, daß sie aus demselben Dorf stammt wie einer der SS-Täter von Auschwitz. Das verändert die Erinnerung."
"Das verändert die Erinnerung"? Ja, wie denn? Zählt der Holocaust nur, wenn eine "taz"-Autorin einen persönlichen Bezug entwickelt, also subjektiv und irgendwie total "betroffen" ist? Oder hat sie plötzlich festgestellt, daß die Nazis für den Holocaust verantwortlich sind? Deutsche? Die aus Dörfern kommen, in denen auch taz-Autorinnen aufgewachsen sind?

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Im Herbst letzten Jahres haben sogenannte "linke Anti-Imperialisten" in Hamburg in militärischem Outfit die Aufführung des Films "Warum Israel" von Claude Lanzmann in einem Kino verhindert - wie Lanzmann, der Autor von "Shoah", anmerkt, ist es weltweit das erste Mal passiert, daß die Aufführung einer seiner Filme auf diese Weise gestört wurde. "Die Deutschen, ob Linksradikale oder nicht, haben sich wie Herren aufgespielt. Diese Rolle dürfen sie nie wieder spielen", sagte der 84jährige Lanzman dazu.
Was die Horde selbsternannter "Linker" in Hamburg im SA-Stil erledigte, das besorgt die bürgerlich-feine Wochenzeitung "Die Zeit" auf wesentlich distinguiertere Art und Weise. Dem Kunsthistoriker Welzbacher gewährt sie fast eine Seite, um ein kleines Detail in Lanzmanns in Frankreich als "Buch des Jahres" gefeierter Autobiographie breit zu welzbachern - Lanzmann schreibt, daß er als junger Gastdozent an der Berliner FU mit einem Zeitungsaufsatz über die NS-Vergangenheit des FU-Gründungsrektors Edwin Redslob zu dessen Rücktritt beigetragen habe. Die "Berliner Zeitung" hatte Lanzmanns Artikel ohne dessen Wissen ein Gedicht zur Seite gestellt, das Edwin Redslob Görings Frau Emmy gewidmet habe. Daran nun entzündet sich die Kritik des Redslob-Biografen Welzbacher - Redslob habe das Gedicht nicht "direkt" für Emmy Göring geschrieben, "sondern für ein Service der Kopenhagener Porzellanmanufaktur, die Emmy Göring mit einer Geschirrgarnitur beschenkte", was nun in der Tat einen sehr großen Unterschied macht. Redslob, dessen Wirken von den Nazis als "kriegswichtig" eingestuft wurde, ist laut Johannes Wilms "kein Täter, aber ein publizistisch umtriebiger Mitläufer des Nazismus" und "als Phänotyp exemplarisch".
Was die Sache nun aber besonders ekelhaft macht, ist, daß die "Zeit" und ihr Autor Welzbacher wegen dieser winzigen Unwichtigkeit die gesamte Autobiographie Claude Lanzmanns in Zweifel, ja: in den Dreck ziehen. Die Autobiographie solle im Rowohlt-Verlag so nicht erscheinen, weil, wer derart als Verfälscher eines Ereignisses überführt sei, dem dürfe man auch den Rest seines Buches nicht glauben - "dürfen Kunstwerke mit historischen Fakten spielen?", fragt entrüstet der "Zeit"-Autor und fordert allen Ernstes den Rowohlt-Verlag auf, der dürfe Lanzmanns Buch nur mit einem kritischen Begleitkommentar, als "kritische Ausgabe" gewissermaßen, veröffentlichen. Wäre ja noch schöner, wenn der freche Jude hier in Deutschland einfach schreiben darf, was er will! Die Überschrift des "Zeit"-Artikels lautet "Kleine Warnung an den Rowohlt Verlag". "Zeit"-Redakteur Florian Illies, in seiner journalistischen Karriere durch wenig mehr als das Ärgern von Volontärinnen bei der "Fuldaer Zeitung" und das Fahren der "Generation Golf" aufgefallen, nimmt "Zeit"-Autor Welzbacher nun ebenso wortreich wie nichtssagend vor der Kritik in Schutz.
Was nirgendwo zu lesen war: Edwin Redslob war nach seinen vielfältigen Verstrickungen mit dem Nazi-Regime nach dem Zweiten Weltkrieg einer der Begründer des "Tagesspiegels". Der "Tagesspiegel" wiederum gehört der "Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH", der wiederum auch 50% der Wochenzeitung "Die Zeit" gehören samt dessen operativer Führung. Einer der drei Herausgeber des "Tagesspiegels" ist Giovanni di Lorenzo, gleichzeitig Chefredakteur der "Zeit". Aha.
Maxim Biller schrieb unlängst:
"Der Erfolg der "Zeit" besteht darin, daß sie nach wie vor die repressive Toleranz des deutschen Bildungsbürgertums vertritt."

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Auf dem Bebelplatz in Berlin, neben der Staatsoper, mitten auf der Museumsinsel, erinnert das Kunstwerk "Leere Bibliothek" von Micha Ullman an die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten 1933. Es handelt sich um ein so aufrüttelndes wie faszinierendes Kunstwerk, unter einer Glasplatte hat der Künstler eine leere Bibliothek in den Platz versenkt; in der Ausschreibung des Denkmals "60 Jahre Bücherverbrennung" 1995 wurde festgeschrieben, daß der gesamte Platz zum Denkmal gehört - logischerweise.
Allerdings: der Bebelplatz wird vom rot-roten Senat Berlins gern vermietet, mal lassen Bezirksamt Mitte und Senat eine Eisbahn über dem Denkmal aufbauen, auf dem sich Berlins Teenager im Winter vergnügen können; mal lassen sie die bescheuerten und doofen Berliner "Buddy-Bären" auf dem Bebelplatz aufbauen. Nun hat der rot-rote Senat entschieden, daß die Berliner Fashionweek auch just auf diesem historischen Ort stattfinden müsse. Ein großes weißes Fest-Zelt stand direkt neben dem Denkmal, gesponsert von Mercedes Benz, und entsprechend fuhren schwarz polierte Wagen der Firma, die in den Nationalsozialismus nicht wenig verstrickt war, vor, um sogenannte Prominente über den roten Teppich zu schicken. Hübsche Models präsentierten die neuesten Kollektionen junger Designer, das who's who der Modewelt traf sich auf dem Bebelplatz, quasi auf und über dem Denkmal zur Bücherverbrennung, zu Häppchen und Champagner. Eine "schrille Location". Eine unerträgliche Vorstellung, die Berlin seinem Bürgermeister Wowereit und dem rot-roten Senat zu verundanken hat, die die Erinnerung an das Naziregime mit Füßen treten, solange der Senat mit Parties und Chi-Chi ein paar Euros mehr verdienen kann. Widerlich.

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Die "Berliner Zeitung" hat berichtet, warum der fantastische Film "Precious" hierzulande nicht in die Kinos kommt. Der Oscar-Mitfavorit ist ein Sozialdrama, das beim Sundance-Festival nicht nur den Preis der Jury, sondern auch den des Publikums gewann und kurz danach eine glanzvolle Premiere in Cannes feierte. Aber warum findet der kleine, unabhängig produzierte Film, der selbst nach rekordverdächtigen Einspielergebnissen beim US-Kinostart im November 2009 noch relativ günstig zu haben sein soll, hierzulande keinen Verleih? An der Qualität des Films, der bereits für drei "Golden Globes" nominiert wurde, dürfte es kaum liegen.
Wie die "Berliner Zeitung" recherchierte, liegt es wohl an dumpftestem Rassismus (so sagt das die Zeitung natürlich nicht wörtlich). Der Film handelt nämlich "von einem afroamerikanischem Teenager-Mädchen, das vom Vater geschwängert und von der Mutter körperlich wie seelisch mißhandelt wird - und erst dank einer Lehrerin die Chance auf ein besseres Leben bekommt". Und in einem Land, in dem "Keinohrhasen" und "Zweiohrküken" als Filme und Til Schweiger als Schauspieler gelten, in einem Land, in dessen Programmkinos praktisch nur noch Wohlfühl-Filme, französische Komödien oder von deutscher Filmförderung subventionierte Produktionen laufen, hat ein derartiges Sozialdrama natürlich wenig Chancen. "Von brutaler Not oder einfach nur von fremden Milieus möchte zurzeit anscheinend kein deutscher Filmvorführer etwas hören, außer sie kommen in Märchenform à la Slumdog Millionär daher"; konstatiert die "Berliner Zeitung". Und zitiert einen Insider aus der Filmindustrie: "...die Pressearbeit ist mühsamer, weil viele Redakteure immer noch lieber weiße als schwarze Stars in ihren Magazinen sehen. Aber vor allem wollen die Kinobesitzer solche Filme nicht spielen, weil sie Angst vor leeren Sälen haben. Gerade in der Provinz trifft man da ziemlich oft auf Rassismus."

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"Seliger, seien Sie nicht immer so negativ! Berichten Sie doch mal über was Positives!"
Aber gerne doch. Stellen Sie sich eine wöchentlich erscheinende, unabhängige Kulturzeitschrift im Magazinformat vor, die auf gutem, zum großen Teil sogar hervorragendem Niveau über so verschiedenartige Themen wie diese berichtet: Da geht es über mehrere Seiten über Haiti und Wycleaf Jean. Das Magazin berichtet ausführlich über das Thema Arbeitslosigkeit. Andere Artikel beschäftigen sich mit dem Boom von Comics, nicht ohne einen Überblick über die besten aktuellen Neuerscheinungen des Genres zu liefern. Ein Bericht geht über den "Krieg um Sushi", um das Ausräubern der Meere, um Überfischung. Die beiden Schauspielerinnen Jeanne Balibar und Isabelle Carré werden porträtiert, die neue Serie des "The Wire"-Erfinders wird vorgestellt. Der Musikteil beschäftigt sich in großen Artikeln mit Owen Pallett, mit Lewis Furey, Albenrezensionen behandeln "Felt", "Hello=Fire", "Complot", "Milkymee", "Andrew Morgan", "Rubin Steiner", "Port O'Brien", "Clipse", das "Rob Brown Trio", ein Calypso-Album mit Material aus 1960-75 oder "Theophilus London". Und praktisch keines der Alben wird mit bezahlten Anzeigen in dem Magazin beworben. Im Literaturteil wird ausführlich eine Biographie des großen B.S.Johnson vorgestellt ("B.S. wer?" würden deutsche Popautoren fragen...). Es werden so unterschiedliche Themen wie "Facebook", die von den Fernsehanstalten neu entwickelte Dramaturgie der Sportberichterstattung ("Superproduction") oder Pierre Goldmann debattiert. Natürlich gibt es einen großen Artikel über die Ausstellung von Christian Boltanski im "Grand Palais". Und all das ist nur ein Ausschnitt dessen, was das Magazin zu bieten hat.
"Gibt es nicht", werden Sie sagen, "völlig unmöglich". Gibt es aber doch. Die Zeitschrift heißt "Les Inrockuptibles", und die genannten Themen sind nur ein Ausschnitt der aktuellen Ausgabe vom 27.1.-3.2.2010. Frankreich, du hast es besser!

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Doch nicht nur Frankreich hat es besser. Auch in Zürich tut sich einiges. Nun kann man zu dem calvinistischem Älplervölkchen (Tucholsky sprach mal von "Emmenthaler Faschismus") stehen, wie man mag - aber was das "El Lokal" da gerade leistet, ist einfach umwerfend: da die Themen, die der Club in Zürich anbietet, in den örtlichen Medien kaum mehr stattfinden, griff man zur Selbsthilfe und gibt nun zwei-, dreimal im Jahr eine eigene Zeitschrift heraus. "R.E.S.P.E.C.T." ist eine Kulturzeitschrift, wie man sie sich wünscht, im DIN a 4-Querformat. Es geht (werbungsfrei!) um Politik und Kultur, man findet dort ein Interview mit Jean Baudrillard, Artikel über Thax Douglas oder eine kenntnisreiche Feldforschung zum Thema "Wie die Punks den englischen Fußball retteten". Das "El Barrio" New Yorks wird vorgestellt, Romanauszüge finden sich ebenso wie ein spannend bebilderter Rückblick auf 30 Jahre "Züri brännt" (denn so rückwärtsgewandt einem die Schweiz immer wieder mal vorkommen mag - da gärt Widerstand auch!). Alles ungeheuer liebe- und geschmackvoll layoutet, 88 Seiten, die man kaum aus der Hand legen mag. Und dem Heft liegt auch noch eine CD bei, in der die kommenden Konzerte des Clubs vorgestellt werden. Liebe Veranstalter! Liebe Kulturämter! Fahrt nach Zürich, sprecht mit dem El Lokal, schaut, wie man für Musik, für Kultur kämpfen kann - mit Lust, mit Laune, mit Kompetenz! Und schneidet euch ein paar Scheiben davon ab. "Respect", dicker "R.E.S.P.E.C.T.!" nach Zürich, an die Insel auf der Sihl!

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"Kapital und Interessen, meine Schulden groß und klein, müssen einst verrechnet sein."
Johann Sebastian Bach, aus Kantate BWV 168, "Tue Rechnung! Donnerwort"

In diesem Sinne - lesen Sie Marx und Weber! Hören Sie Bach! Haben Sie eine gute Zeit!

15.09.2011 - 11:56

Kleines Ratespiel zu Beginn - wer hat dies gesagt:
"Das Abholzen von Wäldern ist mit Massenmorden im Krieg vergleichbar. Dabei führt der Pilot des Bombers und der Pilot des Vernichtungsprozesses im Wald kaum bewußt, gefühllos, die Befehle zum Massenmord aus."
War es der Präsident der Islamischen Republik Iran, Mahmud Ahmadinejad, oder war es der Staatssekretär der "Grünen" im saarländischen Umweltministerium, Klaus Borger?
Und nun Frage Nummer zwei zu diesem Thema - wer hat dies hier gesagt:
"Wenn jemand einen Baum fällt, dann ist das, als wenn er einem Engel die Flügel abschnitte. Wer die Umwelt verschmutzt, begeht eine Erzsünde."
War es der Staatssekretär der "Grünen" im saarländischen Umweltministerium, Klaus Borger, oder war es der Präsident der Islamischen Republik Iran, Mahmud Ahmadinejad?
(wer an einer verschärften Version des Ratespiels teilnehmen möchte, beantworte die Frage: welches der beiden Zitate fand sich in der "taz", welches in der "Jungle World"?)

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Im Fernsehsender "Arte" wird am 21.12.2009 die chinesische Skulpturengruppe "Hof für die Pachteinnahme", eines der wichtigsten Werke der modernen chinesischen Kunstgeschichte und derzeit in der Frankfurter "Schirn" zu sehen, mit diesem merk-würdigen Satz vorgestellt: "Kunst für den Klassenkampf - und dennoch Kunst"... Und "dennoch" Kunst also.
Über keine bürgerliche Kunst gleich welcher Epoche würde so berichterstattet. Man stelle sich vor - Haydns Symphonien, komponiert für einen Feudalherren - und dennoch Kunst... Bachs Weihnachtsoratorium - komponiert für seinen Arbeitgeber, die evangelische Kirche, und "dennoch" Kunst.
Der Kultursender mit einer "anspruchsvollen" Form des allseits beliebten China-Bashings...

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Wendelin Franz Egon Luitwinus Maria von Boch-Galhau, ehedem WG-Genosse von Andreas Baader (RAF) und heute Aufsichtsrat seines Familienunternehmens Villeroy & Boch und Vorsitzender des "Saarländischen Privatwaldbesitzerverbandes", hatte mit der Verlagerung des Unternehmenssitzes von Villeroy & Boch nach Luxemburg für den Fall gedroht, daß im Saarland eine Regierung von SPD, Linken und Grünen zustande komme.
Wie singt Stefan Stoppok so schön?
"Und das Klo, zu dem ich kroch,
war von Villeroy und Boch."

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"Lecker ist ein Fernsehkochwort geworden; es klingt nach Porno mit Lebensmitteln. Falls jemand noch einen Grund gegen das Berufskochen braucht: Einer heißt Johann Lafer. Im Verein mit der Porzellanfirma Villeroy & Boch heckte Lafer das Wortspiel "Essthetik" aus - mit "E" und Doppel-s - "Essthetik". Allein dafür wird er dereinst in der Wortspielhölle schmoren und köcheln, langsam und qualvoll, versteht sich."
Wiglaf Droste in "Häuptling Eigener Herd"

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Die "Musikwoche" meldet: "Der Veranstaltungsriese Live Nation und der Getränkehersteller Coca-Cola haben eine mehrjährige strategische Sponsoring- und Marketingkooperation geschlossen. Coca-Cola firmiert künftig als "offizieller Softdrink" von Live Nation."
Alles braune Brause also.
(Das offizielle Getränk bei Konzerten dieser Agentur ist bis auf Weiteres der 2007er Pinot Noir von Holger Koch. Ersatzweise auch ein Marc de Bourgogne von Joseph Drouhin. Nun wird Karl Bruckmaier über Rotweintrinkermusik lästern, nehme ich an.)

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Daß der Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht im Zweiten Weltkrieg der Feldgendarmerie-Abteilung 683 angehörte, das auf der russischen Halbinsel Krim Gräueltaten verübte, und wohl selbst an Massenerschießungen von Juden beteiligt war, wirft ein schlechtes Licht auf die hiesige Musikwissenschaft, die anders als etwa die Germanistik sich praktisch nicht ihrer Rolle im Nationalsozialismus gestellt hat. Aber vielleicht sind diese Enthüllungen eines einzelnen Falles endlich der Auftakt zu einer umfassenden Beleuchtung der Ideologie, die die deutsche Musikwissenschaft seit Jahrzehnten betreibt, und die nahtlos aus dem Nationalsozialismus herzuleiten ist: Der auf Deutschland, auf deutsche Musik beschränkte Blick der meisten Musikwissenschaftler, die etwa italienische, französische oder russische Musik ignorieren; die Inszenierung von Beethoven als "Titan" etwa, oder die antisemitischen Vorurteile gegenüber Mahler (Eggebrecht in seinem als "Standardwerk" bezeichneten "Musik im Abendland": "...islamische, osmanische, heidnische, barbarische... extrem materialistische, entseelt zivilisatorische, zerstörerisch technische Kräfte"...).
Interessant übrigens, daß die "Zeit", die Eggebrechts Verstrickung in Nazi-Verbrechen nun verdienstvoll veröffentlichte, kein Wort zu ihrem Feuilletonchef der 50er Jahre verliert, Walter Abendroth, der 1959 eine "weit verbreitete, oft aufgelegte "Kurze Geschichte der Musik" schrieb, deren Nähe zum NS-Musikdiskurs kaum auffiel, weil man Ähnliches etwas milder auch bei vielen anderen las (...) ein Problem, das die Musikwissenschaft im Innersten betrifft: die ungebrochene, weithin unbewußte Allgegenwart von Vorurteilen, darunter auch deutschnationalen und rassistischen, im Denken und Sprechen über Musik" (Friedrich Geiger in der "FAZ").
Vielleicht eine gute Gelegenheit, statt Eggebrecht und Abendroth und Dahlhaus mal Georg Kneplers "Musikgeschichte des 19.Jahrhunderts" zu lesen? Die freilich müßte erst einmal wieder aufgelegt werden, sie ist nur noch antiquarisch zu finden...

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Die geschätzten Sven Hasenjäger und Arne Ghosh haben eine Firma namens "380grad" gegründet. Wer bietet mehr Rundumbetreuung? Irgendwie dreht sich halt dann doch alles im Kreis und über diesen hinaus...

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Die Macher des Onlinemusikfernsehsenders "Tape TV" sagen in der "Musikwoche", warum sie das tun, was sie tun:
"Das Interessante an tape.tv ist, daß tape.tv nur Innovationen treibt, hinter denen auch ein Geschäftsmodell steht und die sich mit profitablem Wachstum am Markt behaupten können", so Gesellschafter Lars Dittrich.
"Als Beispiele für erlösträchtige Anwendungen nannte Conrad Fritzsch strategische Kooperationen mit so unterschiedlichen Partnern wie bild.de und spex.de (...) "Durch diese Kooperationen findet tape.tv zusätzlich auf diesen Plattformen und in den jeweiligen Zielgruppen statt - und wird damit immer mehr Teil der Onlinekommunikation. (...) tape.tv ist das Sprungbrett, weil es die entsprechende Werbefläche, Reichweite und Zielgruppe bietet.""
Vor so viel "strategischen Kooperationen", dem neuen alten Modewort der Musikindustrie, wird einem ganz schwindlig, nicht?

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Großmäulig wie immer feiert "Spex" den eigenen Niedergang: "Diese Spex markiert das Ende der Schallplattenkritik, wie wir sie kannten. Es gibt keine Rezensionen mehr in dieser Zeitschrift." Also nur noch Reklame und von der Musikindustrie bestellte Artikel?
"Die medialen Entwicklungen der letzten Jahre im Internet und die damit verbundene Evolution der Hör- und Lesegewohnheiten haben die klassische Plattenkritik aus der Zeit fallen lassen und uns zu diesem radikalen Schritt letztendlich geradezu gezwungen", stellt "Spex" fest.
Dem kann man nur zustimmen - die Schallplattenkritiken der "Spex" waren in den letzten Jahren zunehmend unwichtig, das Blatt wurde dadurch zunehmend bedeutungslos, die "Spex" als kritisches und geschmackssicheres Musikmagazin gehört zweifelsohne schon länger der Vergangenheit an, da helfen auch einzelne gute Artikel von Gastautoren (die meistens im Hauptberuf fürs bürgerliche Feuilleton schreiben) nicht weiter. Wo aber Musikjournalisten, die noch ihren Job begreifen und lieben, dem post-postmodernen "Anything goes" des Abschreibens von Waschzetteln, die die Musikindustrie ihnen zuschickt, eine fundierte, dezidierte und gut geschriebene Musikkritik entgegensetzen, hißt "Spex" die weiße Flagge und konstatiert die eigene Unfähigkeit - "wir geben auf", heißt das, "wir sind endgültig überflüssig", bitte lest ausführliche Musikkritik zukünftig in den Feuilletons der bürgerlichen Zeitungen.
Aber keine Unfähigkeit groß genug, als daß die "Spex"ler um Maximilian Bauer alias Max Dax sie nicht großmäulig in etwas ganz Neues, ganz Tolles umformulieren würden. Denn jetzt gibt es ein irgendwie Facebook-artiges Gequatsche, ein substanzarmes Geplaudere statt substanzhaltiger Musikkritik - was "Spex" nun als "Neustart" bejubelt. Nun denn, das nächste Jahrzehnt wird ohne "Spex" auskommen. Niemand wird es bemerken.
Aber daß die kompetente Auseinandersetzung mit der Popkultur längst schon eher in zum Beispiel "FAZ", "Berliner Zeitung", "konkret" oder auf "Byte.FM" stattfindet, während in anderen Ländern die Musikpresse auf dem Höhenflug ist, darüber sollte man in einer stillen Stunde doch mal nachdenken bei der Musikzeitschrift, die sich im Pet Shop Boys-Rhythmus auf dem Gewaltmarsch in die eigene Bedeutungslosigkeit befindet.

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Max Dax, vom Berliner "Tip"-Magazin soeben mit Thilo Sarrazin, Mario Barth, Hartmut Mehdorn, Rammstein, Ben Becker, Sido, Guido Westerwelle, Dieter Gorny, 2raumwohnung oder Til Schweiger in die Liste der "peinlichsten Berliner" gewählt, in seinem Blog "Dissonanz":
"Die Stille in der kalabresischen, aus einem kleinen Gastraum und einem noch winzigeren Barraum bestehenden Osteria in der Via Nizza 223 in Turin-Lingotto ist in höchstem Maße beruhigend."
Wirklich "dissonant". Könnte in jedem dumpfen Brigitte-Reiseführer stehen. Was wetten wir, daß der Suhrkamp-Verlag Daxens Westentaschen-Rainald-Goetz-Blog irgendwann als Buch veröffentlichen wird? Suhrkamp druckt ja heutzutage alles, irgendwie.

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Der Schriftsteller Paulo Coelho betreibt ein eigenes Raubkopie-Portal, auf dem er Links zu allen internationalen Filesharing-Seiten zur Verfügung stellt, die seine Bücher im Internet anbieten (selbstverständlich ohne Zustimmung seiner Verleger). Seine simple Erklärung: "Ich wies darauf hin, daß Pirate Coelho seit 2005 im Netz stand und daß die Absatzzahlen stetig angestiegen waren. Daraus folgte, daß die klassische Art des Vertriebs von der Filesharing-Variante profitierte. Meinen hochverehrten Verlegern fiel es allerdings schwer, die Sachlage richtig einzuschätzen." Und weiter berichtet Coelho in der "Berliner Zeitung", wie seine Verleger ihn für sein "schlechtes Beispiel" schelten: "Wie läßt sich dieser Vorgang erklären? Der Begriff von "Gier" ist nicht nur in der Finanzwelt ein problematischer Faktor, sondern in jedem Geschäftsbereich, wo ein Monopol beansprucht werden soll, sei es auf ein Produkt oder eben auf die Verbreitung von Information. (...) Und so kann es passieren, daß Buchverlage - genau wie einst die Plattenfirmen - irgendwann überflüssig werden. (...) Viele sagen, daß ich mir das nur leisten kann, weil meine Bücher so hohe Auflagen erreichen. Dabei ist es genau umgekehrt: Meine Bücher erreichen so hohe Auflagen, weil ich mir Mühe gebe, meine Werke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen."
Und denjenigen, die das Verbot von Filesharing nach dem Sarkozy-Gorny-Modell fordern, schreibt Bestsellerautor Coelho eine simple Wahrheit ins Stammbuch: "In Ländern, wo Filesharing verboten werden soll (in Frankreich ist dieses Jahr eine entsprechende Gesetzesvorlage durchgebracht worden) werden die Autoren einen Wettbewerbsnachteil haben. Verbote sind selten eine Lösung. Viel klüger wäre es, die Vorteile der neuen Technologie zu nutzen, um gute Literatur zu unterstützen und zu verbreiten."

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Der sogenannte Violonist André Rieu hat angekündigt, im Sommer 2010 am Nordpol mit seinem sogenannten Johann-Strauß-Orchester ein Konzert zu geben, um "ein Zeichen zu setzen gegen die Zerstörung unseres Planeten".
Aber im Ernst - die schlechte Nachricht ist: Rieu wird leider vom Nordpol zurückkommen. Dabei ist André Rieu, hierzulande vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen zum Ganzjahresstar geadelt, das, was CO2 für die Polkappen ist: ein akustischer Umweltverschmutzer allerersten Grades. Gegen den nur ein weltweites Auftritts- und Sendeverbot helfen würde. Damit ist leider nicht wirklich zu rechnen, also: Eisbären, übernehmen Sie!

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Anders als Rieu sieht Jan Ullrich die Lage, wenn er an 2010 denkt:
"Meine Frau und ich beten dafür, daß die Welt ein wenig wärmer wird."
Dem Mann kann geholfen werden. Auch wenn die internationale Politik die maximale Erderwärmung per Dekret auf zunächst zwei Grad begrenzt hat...

Einen allzeit "gführigen" Schnee in den kommenden Wochen

15.09.2011 - 11:35

Jetzt haben die Kulturfunktionäre kurz gejubelt - die neue Bundesregierung wollte "Kultur" als "Staatsziel" ins Grundgesetz aufnehmen, und der "Deutsche Musikrat" etwa wollte der erste unter den schwarz-gelben Claqueren sein und fand schon vorab, das "wäre ein erster kulturpolitischer Erfolg der kommenden Regierung".
Präziser bringt es Günter Bannas in der "FAZ" auf den Punkt, worum es eigentlich geht: "Die Überlegungen (...) zeigen, daß Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der neuen Regierungskonstellation dort weitermacht, wo sie in der großen Koalition geendet hatte. Sie hat die ökolibertär und grün angehauchte Gesellschaftsschicht und Wählerschaft (...) fest im Blick." Regierungsprosa, die nichts kostet, die aber den lindgrünen Gesellschaftsschichten einen erhöhten Wohlfühlfaktor beschert.
Davon werden freilich noch keine Kulturzentren für Zeitkultur finanziert, davon werden Künstler nicht finanziell besser ausgestattet und abgesichert, davon erhöhen sich nicht die skandalösen Stundenlöhne in der freien Kulturszene...

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Liebe Konzertbesucherinnen und Konzertbesucher, die ihr nichts Dringenderes und Wichtigeres zu tun habt, als euren Konzertbesuch mit euren Handys zu dokumentieren - sei es bei Patti Smith, sei es bei den Kings of Convenience oder wo auch immer - was bezweckt ihr eigentlich damit, schlechte Aufnahmen von den Künstler mit euren Mobiltelefonen zu knipsen? Die Blitze stören die Künstler und das Publikum (naja, sagen wir die Hälfte des Publikums, die nicht mit ihren Handys fotografiert...). Eure Bildchen von den Konzerten werden euch sowenig weiterhelfen wie eure sogenannten Freunde auf Facebook oder Myspace. Das ist alles nichts wert. Worauf es ankommt: laßt die Musik in eure Herzen! Laßt die Musik eure Seele bewegen! Nehmt das Ergebnis in eurem Herzen oder in euren Köpfen oder am besten in beidem mit nach Hause. Aber: hört den Musikern zu! Beschäftigt euch nicht damit, wie ihr die besten Fotos auf euer Handy bekommt, sondern beschäftigt euch mit dem, was auf der Bühne passiert, was euch die Musikerinnen und Musiker zu sagen haben! Musik kann man nicht knipsen. Wohl aber leiden nicht wenige, die, statt in Konzerten zuzuhören, dauernd rumknipsen, an sehr vorzeitigem Haarausfall. Nicht wenigen fallen gar die Ohren ab, glaubt mir. Also: in Konzerten Handys aus. Und eure Herzen an!

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Manchmal glaubt man neuerdings seinen Augen nicht zu trauen: "Schwarz-Gelb feiert sich als Hartz-Helfer" (Spiegel Online) und entlastet Hartz-IV-Empfänger. Noch besser: "Großkonzerne müssen mit Zerschlagung rechnen." So sind sie, die Sozialdemokraten in der CDU und die Marxisten in der FDP. Oder die Berliner FDP auf Speed - die fordert gerade "Freie Fahrt für alle", und zwar in den öffentlichen Verkehrsmitteln, in S- und U-Bahn. Unglaublich.
Andrerseits zeigt sich hier natürlich auch, wie leicht sich konservative Parteien sozial- und wirtschaftspolitisch nach Jahren sozialdemokratischer Regierung profilieren können - nach Jahren, in denen die SPD Hand in Hand mit Grünen oder CDU/CSU massive Verschlechterungen zulasten der Armen und massive Verbesserungen zugunsten der Großkonzerne betrieben hat.

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"Eine sozialdemokratische Partei hat in acht Jahren 0 Erfolge. In wieviel Jahren merkt sie, daß ihre Taktik verfehlt ist?"
Kurt Tucholsky, 1929, in "Deutschland, Deutschland über alles"

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Die Art und Weise, wie am 9.November die "deutsche Revolution", der "Mauerfall" gefeiert wird, läßt tief blicken in den Gemütszustand dieser Republik. Von der an dem Tag tatsächlich stattgefunden habenden Revolution ist naturgemäß gar keine Rede mehr - das durfte man auch nicht erwarten. Wie aber das singuläre Ereignis in der Geschichte des "deutschen 9.November", die sogenannte "Reichspogromnacht", durch das Geschrei und Gewusele um das "Wir sind ein Volk" in den Hintergrund ge- und schließlich vollends verdrängt wird, das hat Wahnsinn und Methode. Siegerfeiern.
Das Programm, zitiert aus der "Berliner Zeitung", u.a.:
"15 Uhr, Bösebrücke:
Angela Merkel überquert mit Lech Walesa und Michail Gorbatschow sowie Zeitzeugen die Brücke. Wer zuschauen will, sollte früh kommen und sich auf der Nordseite aufstellen. Ausweis nicht vergessen."

Das hätten Honecker und Co. nicht besser hingekriegt: wer zuschauen will, wie die hiesige Staatschefin und die Louis Vuitton-Tasche, an der ein ehedem sowjetischer Staatschef hängt, gemeinsam über eine Brücke gehen (und es waren doch SIEBEN?!?...), der soll sich auf der Nordseite aufstellen und die Staatsführung ordnungsgemäß bejubeln. Und da die Staatschefs Angst vor ihrer Bevölkerung haben, darf man von "angemessenen" Sicherheitsvorkehrungen ausgehen - ohne Ausweis geht man besser nicht an die Brücke zuschauen - Freiheit, die sie meinen...
Doch weiter im Programm:
"19.25 Uhr, Brandenburger Tor: Staats- und Regierungschefs gehen durchs Tor."
Das Runde muß ins Eckige, sozusagen.
Schön ist auch "20 Uhr Reichstag: Lech Walesa stößt die ersten Dominosteine an. Am Brandenburger Tor reden Michail Gorbatschow und Hans-Dietrich Genscher. Bon Jovi spielt einen Song."
Das geschieht Gorbi und Genschman ganz recht, daß sie Bon Jovi ertragen müssen.
Und wer hierzulande über "Staatspop" nachdenkt, kann sicher sein, daß es Künstler gibt, die ihren Staatsauftrag im vorauseilenden Gehorsam erfüllen, ach was, übererfüllen wie weiland Adolf Hennecke: Um 20.40 auf dem Platz des 18.März: "Paul van Dyks Hymne "We are one" wird uraufgeführt (...) es gibt ein Feuerwerk."
Paul van Dyk, der Adolf Hennecke der Merkel-Westerwelle-Republik.
Und was macht die Klassik? Was machen Daniel Barenboim und die Staatskapelle? Sie geben auf dem Pariser Platz ein Open-Air-Konzert, auf dem sie Antisemitismus und Philosemitismus gekonnt vereinigen - sie führen Schönbergs "Ein Überlebender aus Warschau" ebenso auf wie Wagners "Lohengrin"-Vorspiel. Der Urenkel Richard Wagners, der Musikwissenschaftler Gottfried Wagner, schreibt den Verantwortlichen dazu ins Stammbuch: Mit der Entscheidung, "diese chauvinistische Kriegsaufputschmusik des militanten Antisemiten Wagner" ins Programm zu nehmen, werde die Bedeutung des 9.November "verkannt und verhöhnt".
"Für deutsches Land das deutsche Schwert" heißt eine Zeile in Wagners "Lohengrin" - doch eigentlich recht passend zu dem, was die Herrschenden mit ihrem Fest zum 9.November meinen.

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Ob staatliche Theater wie die Berliner "Volksbühne" mit einem Popmusik-Programm freien Konzertveranstalter Konkurrenz machen sollen und dürfen, darüber läßt sich lange debattieren. Und daß der von der Volksbühne scheidende Musikkurator nicht selten freien Konzertveranstaltern Künstler "weggeschnappt" und mit seinen staatlich subventionierten günstigeren Bedingungen veranstaltet hat, ist klar. Keine Frage ist aber unabhängig davon, daß Christoph Gurk seit 2001 ein künstlerisch geschmackvolles Musikprogramm in der Volksbühne kuratiert hat - mitunter ist Gurk sogar künstlerisch ein wenig Risiko gegangen, was bei staatlich subventionierten Konzertveranstaltern heutzutage, seufz, eher die Ausnahme als die Regel ist.
Zum Nachfolger von Christoph Gurk wurde nun ausgerechnet Christian Morin bestimmt, als Leiter von "Headquarter" ein Tourveranstalter. Andernorts könnte man die Tatsache, wie hier nonchalant der Bock zum Gärtner gemacht wird, als handfesten Skandal geißeln - nicht so im provinziellen Berlin, wo es seit Jahrzehnten gang und gäbe ist, daß Groß und Klein von der Politik von der Waldbühne bis zu Kinos alles auf irgendwie "dubiosen" Wegen zugeschanzt bekommen, was zuzuschanzen ist. Man darf gespannt sein auf die Verhandlungen, die Morin als Musikkurator mit sich selbst als Tourneeveranstalter führt. Das alles wäre in etwa so, wie wenn der Bäcker, bei dem der Senat seine Brötchen backen läßt, Leiter der Einkaufsstelle für alle Brötchen in Berlin wäre. Daß Morin dabei auch musikalisch ein unheimlich großer Wurf des rot-roten Senats, der die Volksbühne finanziert, ist, zeigt das Highlight seines Eröffnungsprogramms: Nigel Kennedy spielt diesmal nicht für die Spießer in der Philharmonie, sondern, wie originell, für die Spießer im Volksbühnen-Nest, die sich dann königlich über die beiden verschiedenfarbigen Socken des selbsternannten Punk-Geigers amüsieren dürfen. Ein künstlerischer Offenbarungseid, so erbärmlich wie die skandalöse Entscheidung, überhaupt einen Tourneeveranstalter zum Musikkurator der Volksbühne zu machen. "be.Berlin", wie es leibt und lebt.

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Wenn wir schon bei gehypten Klassikstars sind: der Pianist Lang Lang ist gewissermaßen der Westerwelle der Klassikszene. Beide kennzeichnet zuallererst die eigene Ergriffenheit angesichts der eigenen Person. Und Klaviermusik verstehen tut der eine so wenig, wie der andere Außenpolitik kann.

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Weiß eigentlich jemand da draußen, ob es gildet, wenn man als Atheist betet?
Ich erwäge ernsthaft, für Frau Merkels Gesundheit zu beten. Denn wenn sie krank würde, würde Westerwelle die Regierungsgeschäfte führen. Brrrrrrr.

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Jetzt gibts Treets wieder.
Am Ende wird Twix wieder Rider und die CDU wieder SPD heißen.

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Enden will ich aber wieder einmal mit einer tibetanischen Weisheit, diesmal nicht von ihrer Heiligkeit Tendzin Gyatsho, sondern von der tibetanischen Sängerin Soname Yangchen dargebracht, die da sagte: "Jeder Mensch muß bei sich selbst anfangen, die Welt zu verschönern, indem er sein Umfeld zum Lächeln bringt."
Ich hoffe, die Leserinnen und Leser dieses Rundbriefes nehmen dem Verfasser dieser Zeilen zumindest sein deutliches Bemühen ab, die Welt zu verschönern!

15.09.2011 - 11:32

Warnung - hier beginnt der Teil des Rundbriefs voller POLEMIK und SATIRE! Hier wird das offene Wort gepflegt. Nichts für schwache Gemüter!
Parental advisory: Explicit content!
Kulturfunktionäre haften für die Mitglieder ihrer Verbände!


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Namenswitze verbieten sich bekanntlich, auch wenn sie im Fall des thüringischen SPD-Vorsitzenden Matschie so naheliegend wie wahrscheinlich berechtigt wären. Daß ein Politiker, der gerade mal 18% eingefahren hat, gerne Ministerpräsident werden würde und versucht, die stärkeren Parteien durch die Manege zu treiben - geschenkt, wenn die das mit sich machen lassen.
Matschie erinnert ein wenig an die Comicfigur "Isnogood", der nur einen Slogan kennt: "Ich will Kalif werden anstelle des Kalifen". Und ein Matschie ist natürlich irgendwie eine schöne Maßeinheit für den Stand der Durchgeknalltheit der deutschen Sozialdemokratie.

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Im September-Rundbrief haben wir unsere "Wahlprüfsteine zur Bundestagswahl" vorgestellt, die wir den Kandidatinnen und Kandidaten im Wahlkreis Berlin-Kreuzberg-Friedrichshain vorgelegt haben. Die Resonanz ist ernüchternd und wirft ein bezeichnendes Licht darauf, warum immer mehr Menschen politikmüde und parteiverdrossen sind - einzig die "Linke"-Kandidatin Halina Wawzyniak hielt es für nötig, unsere Fragen detailliert zu beantworten (siehe auf unserer Website unter "Wahlprüfsteine 2009"). Von Hans-Christian Ströbele (Grüne) erreichte uns eine nette Mail, daß er es vor der Wahl einfach nicht mehr schaffe, unsere Fragen ausführlich zu beantworten - ein Gesprächstermin in unserem Büro ist allerdings für Oktober 2009 vereinbart, wir halten Sie auf dem Laufenden.
Der selbsternannte Nachwuchsstar der SPD, Björn Böhning, der im Wahlkampf noch mit einer Veranstaltung zur "Gema" aufwartete, hielt es nicht für nötig, überhaupt zu antworten - auch unsere Einladung zu einem Gespräch zum Thema "Gema" blieb unbeantwortet. Kein Wunder, daß Böhning im jungen Wahlkreis Kreuzberg nur 16,7% der Stimmen erhielt und sogar noch weit unter dem Zweistimmenergebnis seiner Partei blieb - eine echte Luftnummer eben, so wie auch Frau Lengsfeld von der CDU, bei der man aber nichts anderes erwartet hatte. Keine Reaktion auch vom FDP-Kandidaten, wo die FDP doch sonst gerne Sonntagsreden über die Wichtigkeit des "Mittelstandes" verbreitet.
Demokratie, die sie meinen...
(den Wahlkreis eroberte übrigens wieder Ströbele mit 46,8% der Erststimmen; die CDU erhielt 11,2%, die FDP 5,9% der Zweitstimmen und blieb damit sogar noch hinter dem Ergebnis der Piratenpartei zurück)

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"Falls Sie je irgendwo lesen, ich hätte einen Rundum-Vertrag mit einer globalen Agentur wie Live Nation unterschrieben, dann können Sie sicher sein, daß Satan meine Seele an sich gerissen hat - und daß ich in die Gummizelle gehöre. Solche Verträge, bei denen ein Künstler sein Schicksal in die Hände einer einzigen Firma legt, sind in meinen Augen Teufelswerk."
Tori Amos

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Die "Süddeutsche Zeitung" kommentiert das "Internet-Manifest", das einige prominente Blogger und Journalisten veröffentlicht haben, säuerlich. Den Artikel des SZ-Autors kann man nicht online lesen, sondern muß ihn für 3,21 Euro kaufen...

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Manch einer mag sich an die kleine Anti-GEMA-Polemik im letzten Rundbrief erinnern. Wie die GEMA in einem internen Mitglieder-Rundbrief, den sie der Fachpresse zur Verfügung stellte, nun auf unsere Kritik einging, beweist schon ein gerüttet Maß an Einfältigkeit und Selbstzufriedenheit - mal abgesehen von der gezielten Lüge ihres "Direktors der GEMA-Direktion Außendienst", der behauptet, "Seliger hat noch nie eine Rechnung der GEMA erhalten", was wie gesagt schlicht die Unwahrheit ist, besonders interessant, wo doch die GEMA unsereinem "Halbwahrheiten" vorwirft - aber: darf bei diesem alle Verbraucher betreffenden Thema nur mitreden, wer GEMA-Rechnungen erhält?!?
Hübsch auch die einzige Replik auf den Vorwurf, der GEMA-Verteilungsschlüssel sei ungerecht - darauf entgegnet die GEMA in ihrer Presseerklärung: der kritisierte Verteilungsschlüssel werde "von den GEMA-Mitgliedern im Rahmen der Mitgliederversammlung beschlossen und ist somit Ausdruck des Willens der GEMA-Mitglieder. Ein wichtiges Detail, das oftmals übersehen wurde."
Klasse, nicht?
Es war keine Rede davon, wie der ungerechte Verteilungsschlüssel zustande kommt, es war die Rede davon, daß er UNGERECHT und zum Nachteil etlicher Künstler ist (nun ja, wahrscheinlich nicht zum Nachteil von Dieter Bohlen oder der "Prinzen"...). Es darf also der größte Schmarrn existieren, eine Ungerechtigkeit ist also berechtigt, weil die GEMA-Mitgliederversammlung sie beschlossen hat?!?
Das ist das Niveau, liebe Leserinnen und Leser, auf dem da argumentiert wird.
Besonders einfältig kommt der GEMA-Jockel daher, Tobias Künzel von den "Prinzen", der auf die GEMA-Kritik des letzten Rundbrief wortgewandt und in vollem Besitz seines logischen Denkvermögens, das allerdings gen null tendiert, im Newsletter der GEMA schreibt: "Auf jeden Fall ist es sehr erstaunlich, wie sehr sich plötzlich ein Veranstalter Sorgen um das Geld seiner Künstler macht. Wir sind seit 18 Jahren unterwegs und haben schon sehr viele Konzertagenturen erlebt, die ausschließlich auf ihren eigenen Gewinn orientiert waren, da ist soviel Selbstlosigkeit ja geradezu rührend."
"Auf" ihren eigenen Gewinn "orientiert" - klar, deutsches Sprak schweres Sprak, so wird man Textdichter bei der GEMA... Vor allem aber hübsch diese Logik - wir "Prinzen" waren in 18 Jahren so doof, auf etliche Konzertveranstalter reinzufallen, und weil das so ist, darf kein Konzertveranstalter sich Sorgen um das Geld seiner Künstler machen. Oder wie? Oder was?
Allerdings, eines ist gewiß: zum Thema "GEMA" dürfen Sie sich auf weitere Auseinandersetzungen - nun ja: freuen, oder gefaßt machen, je nachdem...

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Daß ausgerechnet die hiesigen Medien die letzten Wochen von großer "Langeweile" im bundesdeutschen Wahlkampf geschrieben haben, ist schon wirklich drollig - denn "langweilig" wurde der Wahlkampf ja nicht zuletzt, weil die Medien so langweilig sind. Und weil die Medien hierzulande schon längst zu gleichgeschalteten Stichwortgebern der Politiker mutiert sind. Perfekt konnte dies beim lächerlich zu einem "Duell" hochstilisierten Fernsehauftritt von Frau Merkel und Herrn Steinmeier beobachtet werden. Wie vier Journalisten ihre jeweilige Inkompetenz potenzierten, sich selbst wichtig machten und entweder unfähig waren, interessante Fragen zu stellen, oder sich selbst in Vorgesprächen mit den Politikern und ihren Adjutanten sich selbst kastriert hatten - das war "typisches deutsches Politfernsehen" (FAZ), langweilig und trostlos.
Aber was will man von einem Fernsehen denn auch erwarten, dessen Stellen von den Politikern besetzt werden? Das von oben bis unten durchdeklinierte Proporzsystem des sogenannten öffentlich-rechtlichen Fernsehens gebiert in aller Regel einen Politjournalismus des vorauseilenden Gehorsams, der selbst gelegten Schleimspur. Das läßt sich allein schon daran ablesen, daß sich das bundesdeutsche Politfernsehen quer durch alle Kanäle die Sendung und das Drumherum von den Politikern vorschreiben ließ. Warum gab es denn vor Jahren noch die sogenannte "Elefantenrunde" mit Spitzenkandidaten aller im Bundestag vertretenen Parteien? Die waren zum einen kurzweiliger als das, was uns als sogenanntes "Duell" präsentiert wurde, und sie waren realistischer - halten die Fernsehschaffenden die Zuschauer denn tatsächlich für so beschränkt, daß sie denken, wir würden es nicht merken, wie bescheuert es ist, wenn man uns den Vertreter einer 25%-Partei ernsthaft als Kanzlerkandidaten andient?
Freilich - das System, das da zu betrachten ist, hat Methode, man betrachte sich nur den Musikjournalismus. Längst ist es gang und gäbe, daß Journalisten bei Interviews mit Popstars vorher lange Verträge unterschreiben müssen, daß die Popstars und ihre Manager sich die Hoheit über alle veröffentlichten Bilder garantieren lassen, daß also die Journalisten, die etwa über einen Robbie Williams berichten wollen, ihr Selbstwertgefühl und ihren Berufsethos an der Garderobe abzugeben haben. Warum sollte, was in der Popmusik selbstverständlich ist, in der Politik nicht gelten? Und so entsteht in allen Bereichen eine gähnende Langeweile, die Politjournalisten lassen sich Ablauf und Fragestellung von Kandidaten diktieren, und keiner sagt: "Ihr habt sie doch wohl nicht mehr alle! Wir sind das Volk! Wir sind die Journalisten, und wir stellen hier die Fragen, und wir sagen hier, wie das abläuft!" So, wie eben kaum ein Musikjournalist mehr sagt: "So geht das nicht! Wir veröffentlichen die Fotos, die uns gefallen, und wenn euch das nicht paßt, dann berichten wir eben nicht über Robbie W." oder wen auch immer.
Letztendlich hatten wir halt den Wahlkampf, den wir verdienen. Und das Fernsehen, das wir verdienen. Und ein Volk, das zu Millionen einen Mario Barth witzig findet und seit Jahren Knallchargen wie Johannes B. Kerner erträgt, beklage sich bitte nicht über Langeweile im TV!

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In Großbritannien laufen namhafte Künstler Sturm gegen die Planungen von Musikindustrie und Regierung, mit grundrechtwidrigen Maßnahmen Filesharern den Zugang zum Internet zu versperren (wie es in Frankreich geplant und hierzulande bisher von der Musikindustrie, aber auch von einzelnen Politikern gefordert und gewünscht wird).
"Das ist, wie wenn Du eine Walnuß mit dem Vorschlaghammer knackst", stellt Fran Healy (Travis) fest. Künstler wie Paul McCartney, Robbie Williams, Annie Lenox, Nick Mason von Pink Floyd, Tom Jones oder die Rockbands Radiohead und Blur haben sich zu einer "Featured Artists Coalition" (FAC) zusammengeschlossen, einer Lobbygruppe für die Interessen der Künstler. Die FAC macht Front gegen die Methoden der Musikindustrie im Kreuzzug gegen die Internetpiraterie. Elton John, Robbie Williams, Radiohead, Tom Jones und Paul McCartney bezeichnen in einer Stellungnahme lt. "Spiegel Online" das Ansinnen der Medienkonzerne, Internetanbieter dazu zu zwingen, Tauschbörsenbenutzern unter ihren Kunden den Netzzugang zu sperren, als "rückwärtsgewandt, unlogisch, teuer und außerordentlich negativ".
Bisher haben die Plattenkonzerne behauptet, daß sie nicht nur für die eigenen kommerziellen Interessen kämpften, sondern auch für die Interessen ihrer Künstler (wobei lt. Untersuchungen die Zwischenhändler ca. 90% der Einnahmen für sich behalten!). Doch nun stellen sich einige der wichtigsten und prominentesten Künstler gegen die Politik der Musikkonzerne. Hierzulande wird in den Branchenmedien darüber interessanterweise kaum berichtet.
Immerhin wäre die britische Aktion etwa so, wie wenn hierzulande sagen wir Grönemeyer, Lindenberg und Silbermond öffentlich klarstellen würden: Liebe Musikindustrie, eure Forderungen, Raubkopierern den Zugang zum Internet zu versperren, sind erstens Blödsinn und verstoßen zweitens gegen das Grundgesetz, laßt euch was anderes einfallen!
Klar, darauf können wir wohl noch lange warten... hierzulande unterschreiben Popstars Petitionen ja nur, wenn es um eine Deutschpop-Quote oder um Tibet geht...

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Ökonomen zweifeln übrigens daran, daß die Internetpiraterie der Grund für den Umsatzschwund der Musikbranche ist. Empirische Studien, die den Zusammenhang zwischen illegalen Downloads und den Verkaufszahlen einzelner Alben untersuchen, kommen lt. "FAZ" zu anderen Ergebnissen. "Und auch für die These, daß die Internetpiraterie die Musikvielfalt bedrohe, weil sie Musikern und Plattenfirmen die Geschäftsbasis entziehe, gebe es keine Belege, sagt Felix Oberholzer-Gee von der Harvard Universität: In den USA werden heute doppelt so viele Alben veröffentlicht wie im Jahr 2000."

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Was haben Herr von und zu Guttenberg und Joseph Fischer, der ehemalige Bundesaußenminister, gemeinsam? Ihre Liebe zu AC/DC.
Als Guttenberg einmal DJ spielte und auch AC/DC auflegte, trug er übrigens ein von Parteifreunden gestiftetes T-Shirt mit dem Titel "KrisenbewälTiger."
Highway to Hell eben.

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Ende September, nach der Bundestagswahl, saß Klaus Wowereit lt. "FAS" in Berlin auf einem Podium und erklärte, "es gebe ja nun leider nicht so viel interessante neue Architektur in Berlin zu sehen".
Gewiß doch - in jeder mittelgroßen französischen Stadt etwa kann man mehr interessante und moderne Architektur besichtigen als Berlin. Aber könnte dies vielleicht auch an der Baupolitik liegen, die ein Berliner Bürgermeister, der nun auch bereits über acht Jahre lang regiert, zu verantworten hat?
Natürlich ist das Verhängnis, das über Berlin in Gestalt des Senatsbaudirektors Stimmann gekommen ist, allüberall zu besichtigen. Aber ein Regierender Bürgermeister Wowereit, der bei einer Presserundfahrt erstaunt feststellte, wie häßlich das Einkaufszentrum "Alexa" doch ist, das sich in unmittelbarer Nähe zu seinem Rathaus befindet und über dessen Planfeststellungsverfahren und Bau der von Wowereit geführte Senat entschieden hat, beweist eben nur eines: Hilflosigkeit. Die Angst des Bürgermeisters vorm Gestalten. Und so was wollte SPD-Vorsitzender, Kanzlerkandidat gar werden...

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Wenn es um einen öffentlichen Bau auf dem Marktplatz in Hintertupfingen ginge, könnte man das als "Posse", als "Bubenstück" bezeichnen. Doch was sich um den Neubau des Berliner Schlosses rankt, der Bebauung eines der zentralen Plätze Berlins und der Republik, ist zwar ausgemacht provinziell, aber ein handfester Skandal.
Die aktuellen Facetten: Die oberste Vergabekammer Deutschlands, die Vergabekammer des Bundeskartellamts, erklärt den Auftrag an den Schloß-Architekten Stella für nichtig und rügt deutlich die mangelnde Transparenz des Verfahrens. Klar ist: die überraschende Vergabe des Auftrags zum Schloßneubau an den italienischen Architekten Stella ging nicht mit rechten Dingen zu. Stella hatte die Ausschreibungsbedingungen mit falschen Angaben unterlaufen - vulgo: sich den Auftrag ergaunert. Da der Bauherr, das Bundesbauministerium, allerdings unbedingt den historisierenden Schloßneubau durchsetzen will, machte das von Minister Tiefensee (SPD) geführte Ministerium mit Stella dennoch einen Vertrag und bezeichnet nun die Entscheidung des Bundeskartellrechts als blanken Formalismus - so kann man mit demokratischen Institutionen und deren verbindlichen Entscheidungen natürlich auch umgehen...
Noch interessanter allerdings ist, was vor kurzem in der "Zeit" stand - so hält der Bundesbauminister bis heute an der Behauptung fest, "das Humboldt-Forum mit seinem barocken Erscheinungsbild werde den Steuerzahler alles in allem 520 Millionen Euro kosten und könne bereits im Jahr 2014 eröffnet werden". Der Architekten- und Ingenieur-Verein hält diese Angaben für problematisch und rechnet mit Ausgaben von über 700 Millionen Euro. "Manche Insider im Bundestag halten selbst eine Bausumme von einer Milliarde nicht für ausgeschlossen. Und auch im Bauministerium selbst kursieren längst höhere Summen", berichtet die "Zeit". Vor allem der umstrittene Neubau der Barockfassaden dürfte weit teurer werden, als bisher behauptet. "80 Millionen Euro betrügen die Kosten dieser Rekonstruktion, so wiederholt es Tiefensee gebetsmühlenartig. (...) Doch nach einer internen Kostenschätzung nach DIN 276, die der Zeit vorliegt, betragen die Gesamtkosten der "Pos. 7 Rekonstruktion der historischen Fassade" nicht 80, sondern 108,825 Millionen Euro. Die üblichen Kostensteigerungen eingerechnet, wächst die Summe sogar auf fast 113 Millionen - und liegt damit rund 30 Millionen höher, als ausgewiesen. 30 Millionen, dafür baut man andernorts ein ganzes Museum." ("Die Zeit")
Warum halten Tiefensee und das Bundesbauministerium aber so fanatisch an den 80 Millionen Euro für die Barockfassade fest? Die Antwort ist ganz einfach: Genau 80 Millionen Euro an Spenden nämlich will der Förderverein Berliner Schloß unter der Leitung von Wilhelm von Boddien zusammenbringen. Und gegenüber der Öffentlichkeit soll der Anschein aufrecht erhalten werden, die Barockfassade könne vollständig aus Spenden finanziert werden.
Bisher hat der Förderverein übrigens erst 11 Millionen Euro sammeln können, wovon der größt