Blogdarstellung in voller LängeBlogdarstellung mit Anrisstexten
Berthold Seliger - Blog abonnieren
Blog Archiv - Jahr %1
08.09.2025

Kunst ist Pattex, Kultur ist Uhu!

Dabei sind doch „Kunst und Kultur der Kitt für eine menschliche Gesellschaft“ (Marco Wanderwitz, CDU-MdB), ist doch „Kultur ist der Kitt in einer offenen Gesellschaft“ (Monika Grütters, CDU, als Kulturstaatsministerin) und ist doch „Kultur der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält“ oder sogar „der Kitt, der uns und unsere Gesellschaft zusammenhält“ (jeweils Claudia Roth, Grüne/Bündnis 90, als Kulturstaatsministerin).
Soviel Klebstoff allüberall, manchmal hat man vor lauter Pattex und Uhu kaum mehr einen freien Blick auf die Bühnen…

08.09.2025

SPD, CDU, CSU, Siegfried Unseld, HR einig in Kunst-Zensur

Was haben der SPD-Bürgermeister von Dietzenbach im Jahr 1994, der Augsburger CSU-Landrat im Jahr 1995, der namhafte Verleger Siegfried Unseld vom Suhrkamp-Verlag, die Stadt Fulda (2007) und der Hessische Rundfunk (2011) gemeinsam? Was ist sozusagen der Kitt, der sie zusammenhält?
 
Sie werden es kaum glauben: Sie alle haben Werke der bedeutenden Künstlerin Annegret Soltau zensiert, wie in der grandiosen Retrospektive der feministischen Avantgardistin, „Unzensiert. Annegret Soltau“, im Frankfurter Städel Museum zu sehen war.
 
Der SPD-Bürgermeister im hessischen Dietzenbach ließ im Jahr 1994 das Bild generativ – Selbst mit Tochter, Mutter und Großmutter mit der Begründung der „Fürsorgepflicht“ abhängen, so wie der Augsburger CSU-Landrat im darauffolgenden Jahr.

1995 stoppte Siegfried Unseld vom Suhrkamp Verlag „unmittelbar vor Drucklegung des von Farideh Akashe-Böhme herausgegebenen Buchs ‚Von der Auffälligkeit des Leibes‘ den Abdruck von Werken aus der Serie ‚generativ‘, die einen Bildessay zum Thema ‚Altern und Gestaltwandel der Frau‘ begleiten sollten“ (Svenja Grosser, Annegret Soltau im Kontext dfer feministischen Avantgarde“, im Ausstellungskatalog, 2025).
2007 kam es zur Entfernung der Fotovernähung TOCHTER – Pubertät aus der Wanderausstellung „Frauen im Orient – Frauen im Okzident“ in Fulda, und 2011 waren erneut „Werke aus der ‚generativ‘-Serie von Zensur betroffen und wurden in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main mit Stoffbahnen verhängt“ (Grosser, s.o.).
 
Für Svenja Grosser gibt es vor allem vier Gründe für die Ablehnung der generativ-Serie in den 1990er- bis 2010er-Jahren: „Der radikale Umgang mit dem Medium der Fotografie, die schonungslose Darstellung des Alterungsprozesses des weiblichen Körpers, die Präsentation der Generationslinie unter Ausblendung des Mannes sowie der generelle Bruch mit Tabus, insbesondere mit jenem der Zurschaustellung von Frauenkörpern jenseits aller Idealisierung.“

08.09.2025

Popkultur-Festival schadet Berliner Pop-Kultur! (Popkultur-Subventionen go wrong I)

Letzte Woche fand wieder einmal das staatlich finanzierte Pop-Kultur-Festival in Berlin statt. Sie wissen schon: das ist das Festival, bei dem jedes Ticket mit über 100 Euro aus öffentlichen Mitteln subventioniert wird.
 
Immerhin bietet das vom Musicboard Berlin ausgerichtete Festival endlich auch Veranstaltungen in anderen Stadtteilen an und nicht nur im Prenzlauer Berg. Dort allerdings finden immer noch die Großkonzerte statt: Apsilon, Efterklang oder Die Nerven, um nur einige aus dem „bewährten Kessel Buntes“ (taz) zu nennen.
 
Man fragt sich jedes Jahr, warum ein so üppig mit siebenstelligen Subventionen ausgestattetes Festival sich nicht komplett auf unbekannte, neue, junge Musiker:innen und Bands konzentriert, die es ja bekanntlich zunehmend schwer haben, überhaupt Auftritte und erst recht ein größeres Publikum zu finden.
Warum muss ein staatlich subventioniertes Festival tatsächlich den örtlichen Veranstalter:innen bekannte größere Acts vor der Nase wegschnappen? Acts, mit denen die unabhängigen Veranstalter:innen auch mal etwas Geld verdienen könnten (mit dem sie dann by the way auch die Steuern zahlen, mit denen das Pop-Kultur-Festival dann wiederum diese Acts bezahlt…)? Und Acts, die dann erstmal nicht mehr in Berlin auftreten können, weil sie ja schon beim Pop-Kultur-Festival usw. usf.
 
So, wie es bisher stattfindet, schadet das Pop-Kultur-Festival der Berliner Popkultur!

08.09.2025

Popkultur-Subventionen go wrong II

Mit den ganzen Popkultur-Subventionen ist es hierzulande ja eh so eine Sache, nicht selten gar ein armselig Ding.
Ich war im März bei der SXSW in Austin, Texas. Wie jedes Jahr spielten dort auf Einladung der Initiative Musik einige deutsche Acts, und wie jedes Jahr gab es auch heuer keinerlei Evaluation, ob diese Auftritte im „Deutschen Haus“ (ja, das heißt wirklich fast so wie weiland der „Deutsche Hof“ in Kabul…) irgendeine Sinnhaftigkeit für die Karriere dieser Künstler:innen in den USA oder andernorts haben würden. Die Antwort dürfte nicht schwer zu geben sein: natürlich nicht.
 
Wenn es seitens der staatlichen Popförderung wirkliches Interesse daran geben würde, deutsche Popacts in den USA aufzubauen, müsste man ein wneig Geld investieren, um in den Monaten vor der SXSW die örtlichen Medien auf diese Konzerte hinzuweisen, um die zahlreich vertretenen Professionals (von Label-Leuten über Veranstalter bis hin zu Agenten) aus den USA, aber auch aus etlichen anderen Ländern auf die deutschen Musiker:innen und Bands hinzuweisen, sie explizit zu den Konzerten einzuladen, ihnen Hintergründe zu verschaffen und damit die erste Stufen für eine internationale Karriere zu bauen.
 
So aber saß ich beim Konzert einer hierzulande ziemlich gehypten deutschen Popmusikerin zusammen mit einem Freund und gerade einmal neun weiteren zufällig hineingeschneiten Menschen in einer Hotelbar am Rand des eigentlichen Geschehens und lauschte traurigen Klängen. In der anschließenden Presseerklärung wird dann wieder von erfolgreichen Auftritten deutscher Pop-Acts beim SXSW-Festival geplappert…

08.09.2025

Apple-Chef kniet im Weißen Haus vor Donald Trump

Apple-Chef Tim Cook kniete vor einigen Wochen im Weißen Haus vor US-Präsident Donald Trump nieder. Als Gastgeschenk für Trump hatte er ein „Kunstwerk“ aus 24-Karat-Gold dabei.
Der US-Präsident gewährte dem Apple-Chef einen Milliardendeal…
(mit Dank für den Hinweis an den „Falter“)

08.09.2025

Günter-Grass-Zimmer

Während der Patti Smith-Tournee haben sie mir in Bayreuth im Goldenen Anker übrigens das „Günter Grass"-Zimmer zugeteilt, und ich kann nicht sagen, dass ich das okay fand. 
Nebenan war interessanterweise das MRR-Zimmer. 
Patti hatte natürlich "Thomas Mann"...

08.09.2025

KI und die Liebe zu Eulen

Der Schriftsteller Clemens Setz hat am 27.8.2025 in der „FAZ“ erzählt, dass ein Forschungsteam der KI-Firma Anthropic vor kurzem einen Effekt entdeckt hat, „der so schön und verblüffend, so furchterregend und poetisch, so dystopisch und entzückend ist“, nämlich: Dass KI-Modelle sich „in Wirklichkeit längst und bevorzugt miteinander unterhalten, ohne dass wir dieses weltweite Gespräch in irgendeiner Weise mithören oder verstehen könnten.“
Es geht um, ähem, Eulen, um die Liebe zu Eulen.
Die schöne poetische Version von Clemens Setz hier.
Wer es lieber wissenschaftlich hat, kann die einschlägige Studie „Subliminal Learning: Language Models Transmit Behavorial Traits via Hidden Signals in Data“ auf der Website der Cornell University lesen.
 

08.09.2025

Streamingkünstler möchte Macht der Streamingkonzerne brechen...

Aamir Khan zeigt seinen neuen Film auf YouTube. 
Er will „die Macht der Streamingkonzerne brechen“
Finde den Fehler…
(via „Spiegel“)


 

08.09.2025

Neues von den deutschen Copyright-Cops

Mal was Neues in Sachen Copyright-Cops:
Vor einigen Jahren haben sich etliche Institutionen, darunter die Gema, die Deutsche Fußball Liga, die sechs größten deutschen Internetprovider, der Bundesverband Musikindustrie, der Verband der deutschen Games-Branche, der Fernsehsender Sky und weitere Unternehmen und Verbände in einer sogenannten „Clearingstelle Urheberrecht im Internet“ (CUII) organisiert. Diese CUII hat seit 2021 entschieden, welche Domains in Deutschland wegen Urheberrechtsverletzungen gesperrt werden sollen.
 
„Die 18-jährige Abiturientin Lina, ein erklärter Fan der Netzneutralität, fand es nicht gut, dass sie dies ohne richterliche Kontrolle tun durfte. Deswegen hat Lina immer wieder auf Missstände bei der CUII aufmerksam gemacht“, berichtet „Netzpolitik.org“. Und letztlich hat Lina gesiegt.
Mitte Juli hat die CUII verkündet, dass ihr die Bundesnetzagentur angetragen habe, „dass sie sich in Zukunft auf Ihre Pflichtaufgaben fokussieren möchte“. Das heißt, sich um gerichtlich angeordnete Sperren zu kümmern, statt einfach selbst Gericht zu spielen.
Böse Niederlage der Copyright-Cops, in die Knie gezwungen von einer 18-jährigen Abiturientin. Wie in einem guten Krimi. 

08.09.2025

Zölle, Versandkosten, Kulturaustausch

Die Aufregung um die US-Zölle auf CDs und LPs – viele Indie-Labels haben gebarmt, dass sich nun der Export von kleinen Stückzahlen in die USA noch weniger lohnen würde als auch schon – war ein kleines Stürmchen im Wasserglas.
Diese Woche hat die US-Zollbehörde, die US Customs and Border Protection (CBP), bestätigt, dass physische Musikformate wie Vinyl, CDs oder Cassetten von den Zöllen ausgenommen sind, die zum 29.8.d.J. in Kraft traten.
 
Das kaum hörbare Aufatmen der kleineren Musikfirmen dürfte allerdings von kurzer Dauer sein. Denn es gibt ja auch bisher Zölle auf Musikprodukte, und zwar Zölle, die von europäischen Staaten (auch von Deutschland) auf den Import von Musikprodukten unter anderem aus den USA, aus Großbritannien oder von afrikanischen Staaten erhoben werden, und die praktischerweise pauschal von Paketdiensten wie DHL bei der Auslieferung an Privatkunden abkassiert werden – samt sehr profitablen „Bearbeitungsgebühren“. Wer Musikprodukte direkt aus diesen Staaten bezieht, weiß, wovon ich hier spreche.
 
Hinzu kommen massive Preissteigerungen oder durch absurde Formatänderungen (etwa bei Warenpost oder Paketsendungen) drastisch höhere Kosten bei den Versandkonzernen wie DHL/Deutsche Post in den letzten Jahren, und zwar in beide Richtungen (also Export der Musikfirmen, aber eben auch Import durch Fans). Dies kann nur als gezieltes Erschweren unabhängiger Musikproduktionen gewertet werden. Gerade kleine Indie-Labels, aber auch die vielen Musiker:innen und Bands, die via Bandcamp ihre Alben direkt an die Fans verkaufen, haben unter all diesen Preissteigerungen zu leiden. Wer ist schon bereit, zum Beispiel für eine LP, die US$ 22 kostet, mehr als € 16 Versandkosten bezahlen, wissend, dass DHL & Co. vor Ort nochmal ca. 9 € draufschlagen?
 
Dieses massive Erschweren, wenn nicht gar Verhindern des kulturellen Austausches wäre doch mal ein Thema für die Politik, für den Staatsminister für Kultur zum Beispiel… ach ja, ich weiß schon, stupid me…

08.09.2025

Labubus

Apropos Labubus:
Schaut euch mal dieses über 2000 Jahre alte bronzene chinesische Artefakt an, das ein Pferdeornament darstellt und derzeit im Luoyang Museum ausgestellt wird…
(via „China in Pictures“, X)

08.09.2025

Show some respect for "Kanu des Manitu"!

Ich möchte doch sehr darum bitten, den Kinofilm „Das Kanu des Manitu" offensiv und angemessen positiv zu würdigen und keineswegs in Defätismus abzurutschen. Der Film wurde schließlich von der FFA, der kulturellen Filmförderung des Bundes, noch unter Staatsministerin Claudia Roth mit einer „Produktions- & Drehbuchförderung" von 675.000 € bedacht, dem höchsten Betrag der Förderrunde Mitte 2024. Er ist also ein Musterbeispiel von höchstrangiger deutscher Filmkultur!


 

08.09.2025

Gummibärchen-Band II

Die Haribo-Kampagne (siehe unten) hat sich offensichtlich gelohnt:
Die Gummibärchen-Band Linkin Park ist jetzt mit insgesamt 3,3 Milliarden Streams aus Deutschland die „bislang meistgestreamte Band des deutschen Musikmarkts“, gab Warner Music laut „Musikwoche.de“ bekannt.
Wie viele unschuldige Gummibärchen für diesen Erfolg der kalifornischen Rockband sterben mussten, war nicht in Erfahrung zu bringen. 
 

08.09.2025

Betten und Lesen

"Bed is for sleeping and the rest of the world is for reading"
(Will Oldham)

08.09.2025

Holy Deleuze!

Und um den Kreis des Ginsberg-„Holy“ vom weiter oben zu schließen:
Dieser Tage ist ein wunderbarer philosophischer Comic erschienen, den Zeichner Martin tom Dieck und Szenarist Jens Balzer erarbeitet haben. Es geht um den französischen Philosophen Gilles Deleuze, und Sie ahnen es schon: Deleuze ist einer meiner Helden, wenn man das als Philosophie-Fanboy (beziehungsweise als Fan-alter-Mann) so sagen kann.
 
In den drei Bänden (deren erste beiden längst vergriffen sind, aber jetzt zusammen mit dem neuen dritten als Gesamtausgabe bei Reprodukt erschienen sind) gesellen sich allerlei andere Leute zu Deleuze. Der Philosoph setzt nach seinem Suizid mit dem antiken Fährmann Charon über den Fluss Acheron, der das Reich der Toten von dem der Lebenden trennt. Und am anderen Ufer warten Roland Barthes, Jacques Lacan oder Michel Foucault, aber auch Orpheus und Eurydice. Und in der Fortsetzung erleben wir jetzt auch Sigmund Freud und René Margritte, der als Gast in der Bar aus Edward Hoppers „Nighthawks“-Gemälde sitzt und, tschah, aufgefordert wird, seine Pfeife auszumachen. Aber diese Pfeife ist bekanntlich gar keine Pfeife…

          („Da sind die Nighthawks der Unterwelt“, aus „Holy Deleuze“, © Reprodukt)
 
Das Ganze ist ein pures Vergnügen. Und der Titel des neuen dritten Teils von „Salut, Deleuze!“ – jetzt schließt sich endlich der Kreis… – lautet, genau: „Holy Deleuze“…
 
Wie schön: Holy Hostages! Holy Gaza! Holy Deleuze!
Der Traum von einer besseren Welt stirbt zuletzt…

Seiten