09.11.2009

Und Ansonsten 2009-11-09

Jetzt
haben die Kulturfunktionäre kurz gejubelt - die neue Bundesregierung wollte
"Kultur" als "Staatsziel" ins Grundgesetz aufnehmen, und
der "Deutsche Musikrat" etwa wollte der erste unter den
schwarz-gelben Claqueren sein und fand schon vorab, das "wäre ein erster
kulturpolitischer Erfolg der kommenden Regierung".
Präziser bringt es Günter Bannas in der "FAZ" auf den Punkt, worum es
eigentlich geht: "Die
Überlegungen (...) zeigen, daß Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der neuen
Regierungskonstellation dort weitermacht, wo sie in der großen Koalition
geendet hatte. Sie hat die ökolibertär und grün angehauchte
Gesellschaftsschicht und Wählerschaft (...) fest im Blick."
Regierungsprosa, die nichts kostet, die aber den lindgrünen
Gesellschaftsschichten einen erhöhten Wohlfühlfaktor beschert.
Davon werden freilich noch keine Kulturzentren für Zeitkultur finanziert, davon
werden Künstler nicht finanziell besser ausgestattet und abgesichert, davon
erhöhen sich nicht die skandalösen Stundenlöhne in der freien Kulturszene...

* * *

Liebe Konzertbesucherinnen und Konzertbesucher, die ihr nichts Dringenderes und
Wichtigeres zu tun habt, als euren Konzertbesuch mit euren Handys zu
dokumentieren - sei es bei Patti Smith, sei es bei den Kings of Convenience
oder wo auch immer - was bezweckt ihr eigentlich damit, schlechte Aufnahmen von
den Künstler mit euren Mobiltelefonen zu knipsen? Die Blitze stören die
Künstler und das Publikum (naja, sagen wir die Hälfte des Publikums, die nicht
mit ihren Handys fotografiert...). Eure Bildchen von den Konzerten werden euch
sowenig weiterhelfen wie eure sogenannten Freunde auf Facebook oder Myspace.
Das ist alles nichts wert. Worauf es ankommt: laßt die Musik in eure Herzen!
Laßt die Musik eure Seele bewegen! Nehmt das Ergebnis in eurem Herzen oder in
euren Köpfen oder am besten in beidem mit nach Hause. Aber: hört den Musikern
zu! Beschäftigt euch nicht damit, wie ihr die besten Fotos auf euer Handy
bekommt, sondern beschäftigt euch mit dem, was auf der Bühne passiert, was euch
die Musikerinnen und Musiker zu sagen haben! Musik kann man nicht knipsen. Wohl
aber leiden nicht wenige, die, statt in Konzerten zuzuhören, dauernd
rumknipsen, an sehr vorzeitigem Haarausfall. Nicht wenigen fallen gar die Ohren
ab, glaubt mir. Also: in Konzerten Handys aus. Und eure Herzen an!

* * *

Manchmal glaubt man neuerdings seinen Augen nicht zu trauen: "Schwarz-Gelb
feiert sich als Hartz-Helfer" (Spiegel Online) und entlastet
Hartz-IV-Empfänger. Noch besser: "Großkonzerne müssen mit Zerschlagung
rechnen." So sind sie, die Sozialdemokraten in der CDU und die Marxisten
in der FDP. Oder die Berliner FDP auf Speed - die fordert gerade "Freie
Fahrt für alle", und zwar in den öffentlichen Verkehrsmitteln, in S- und
U-Bahn. Unglaublich.
Andrerseits zeigt sich hier natürlich auch, wie leicht sich konservative
Parteien sozial- und wirtschaftspolitisch nach Jahren sozialdemokratischer
Regierung profilieren können - nach Jahren, in denen die SPD Hand in Hand mit
Grünen oder CDU/CSU massive Verschlechterungen zulasten der Armen und massive
Verbesserungen zugunsten der Großkonzerne betrieben hat.

* * *

"Eine
sozialdemokratische Partei hat in acht Jahren 0 Erfolge. In wieviel Jahren
merkt sie, daß ihre Taktik verfehlt ist?"
Kurt Tucholsky, 1929, in "Deutschland, Deutschland über alles"

* * *

Die Art und Weise, wie am 9.November die "deutsche Revolution", der
"Mauerfall" gefeiert wird, läßt tief blicken in den Gemütszustand
dieser Republik. Von der an dem Tag tatsächlich stattgefunden habenden
Revolution ist naturgemäß gar keine Rede mehr - das durfte man auch nicht
erwarten. Wie aber das singuläre Ereignis in der Geschichte des "deutschen
9.November", die sogenannte "Reichspogromnacht", durch das
Geschrei und Gewusele um das "Wir sind ein Volk" in den Hintergrund
ge- und schließlich vollends verdrängt wird, das hat Wahnsinn und Methode.
Siegerfeiern.
Das Programm, zitiert aus der "Berliner Zeitung", u.a.:
"15 Uhr, Bösebrücke:
Angela Merkel überquert mit
Lech Walesa und Michail Gorbatschow sowie Zeitzeugen die Brücke. Wer zuschauen
will, sollte früh kommen und sich auf der Nordseite aufstellen. Ausweis nicht
vergessen."
Das hätten Honecker und Co. nicht besser hingekriegt: wer zuschauen will, wie
die hiesige Staatschefin und die Louis Vuitton-Tasche, an der ein ehedem
sowjetischer Staatschef hängt, gemeinsam über eine Brücke gehen (und es waren
doch SIEBEN?!?...), der soll sich auf der Nordseite aufstellen und die
Staatsführung ordnungsgemäß bejubeln. Und da die Staatschefs Angst vor ihrer
Bevölkerung haben, darf man von "angemessenen"
Sicherheitsvorkehrungen ausgehen - ohne Ausweis geht man besser nicht an die
Brücke zuschauen - Freiheit, die sie meinen...
Doch weiter im Programm:
"19.25 Uhr,
Brandenburger Tor: Staats- und Regierungschefs gehen durchs Tor."

Das Runde muß ins Eckige, sozusagen.
Schön ist auch "20 Uhr
Reichstag: Lech Walesa stößt die ersten Dominosteine an. Am Brandenburger Tor
reden Michail Gorbatschow und Hans-Dietrich Genscher. Bon Jovi spielt einen
Song."
Das geschieht Gorbi und Genschman ganz recht, daß sie Bon Jovi ertragen müssen.

Und wer hierzulande über "Staatspop" nachdenkt, kann sicher sein, daß
es Künstler gibt, die ihren Staatsauftrag im vorauseilenden Gehorsam erfüllen,
ach was, übererfüllen wie weiland Adolf Hennecke: Um 20.40 auf dem Platz des
18.März: "Paul van Dyks
Hymne "We are one" wird uraufgeführt (...) es gibt ein
Feuerwerk."
Paul van Dyk, der Adolf Hennecke der Merkel-Westerwelle-Republik.
Und was macht die Klassik? Was machen Daniel Barenboim und die Staatskapelle?
Sie geben auf dem Pariser Platz ein Open-Air-Konzert, auf dem sie Antisemitismus
und Philosemitismus gekonnt vereinigen - sie führen Schönbergs "Ein
Überlebender aus Warschau" ebenso auf wie Wagners
"Lohengrin"-Vorspiel. Der Urenkel Richard Wagners, der
Musikwissenschaftler Gottfried Wagner, schreibt den Verantwortlichen dazu ins
Stammbuch: Mit der Entscheidung, "diese
chauvinistische Kriegsaufputschmusik des militanten Antisemiten Wagner"
ins Programm zu nehmen, werde die Bedeutung des 9.November "verkannt und verhöhnt".

"Für deutsches Land das deutsche Schwert" heißt eine Zeile in Wagners
"Lohengrin" - doch eigentlich recht passend zu dem, was die
Herrschenden mit ihrem Fest zum 9.November meinen.

* * *

Ob staatliche Theater wie die Berliner "Volksbühne" mit einem
Popmusik-Programm freien Konzertveranstalter Konkurrenz machen sollen und
dürfen, darüber läßt sich lange debattieren. Und daß der von der Volksbühne
scheidende Musikkurator nicht selten freien Konzertveranstaltern Künstler
"weggeschnappt" und mit seinen staatlich subventionierten günstigeren
Bedingungen veranstaltet hat, ist klar. Keine Frage ist aber unabhängig davon,
daß Christoph Gurk seit 2001 ein künstlerisch geschmackvolles Musikprogramm in
der Volksbühne kuratiert hat - mitunter ist Gurk sogar künstlerisch ein wenig
Risiko gegangen, was bei staatlich subventionierten Konzertveranstaltern
heutzutage, seufz, eher die Ausnahme als die Regel ist.
Zum Nachfolger von Christoph Gurk wurde nun ausgerechnet Christian Morin
bestimmt, als Leiter von "Headquarter" ein Tourveranstalter.
Andernorts könnte man die Tatsache, wie hier nonchalant der Bock zum Gärtner
gemacht wird, als handfesten Skandal geißeln - nicht so im provinziellen
Berlin, wo es seit Jahrzehnten gang und gäbe ist, daß Groß und Klein von der
Politik von der Waldbühne bis zu Kinos alles auf irgendwie "dubiosen"
Wegen zugeschanzt bekommen, was zuzuschanzen ist. Man darf gespannt sein auf
die Verhandlungen, die Morin als Musikkurator mit sich selbst als
Tourneeveranstalter führt. Das alles wäre in etwa so, wie wenn der Bäcker, bei
dem der Senat seine Brötchen backen läßt, Leiter der Einkaufsstelle für alle
Brötchen in Berlin wäre. Daß Morin dabei auch musikalisch ein unheimlich großer
Wurf des rot-roten Senats, der die Volksbühne finanziert, ist, zeigt das
Highlight seines Eröffnungsprogramms: Nigel Kennedy spielt diesmal nicht für
die Spießer in der Philharmonie, sondern, wie originell, für die Spießer im
Volksbühnen-Nest, die sich dann königlich über die beiden verschiedenfarbigen
Socken des selbsternannten Punk-Geigers amüsieren dürfen. Ein künstlerischer
Offenbarungseid, so erbärmlich wie die skandalöse Entscheidung, überhaupt einen
Tourneeveranstalter zum Musikkurator der Volksbühne zu machen.
"be.Berlin", wie es leibt und lebt.

* * *

Wenn wir schon bei gehypten Klassikstars sind: der Pianist Lang Lang ist
gewissermaßen der Westerwelle der Klassikszene. Beide kennzeichnet zuallererst
die eigene Ergriffenheit angesichts der eigenen Person. Und Klaviermusik
verstehen tut der eine so wenig, wie der andere Außenpolitik kann.

* * *

Weiß eigentlich jemand da draußen, ob es gildet, wenn man als Atheist betet?
Ich erwäge ernsthaft, für Frau Merkels Gesundheit zu beten. Denn wenn sie krank
würde, würde Westerwelle die Regierungsgeschäfte führen. Brrrrrrr.

* * *

Jetzt gibts Treets wieder.
Am Ende wird Twix wieder Rider und die CDU wieder SPD heißen.

* * *

Enden will ich aber wieder einmal mit einer tibetanischen Weisheit, diesmal
nicht von ihrer Heiligkeit Tendzin Gyatsho, sondern von der tibetanischen
Sängerin Soname Yangchen dargebracht, die da sagte: "Jeder Mensch muß bei sich selbst anfangen, die Welt
zu verschönern, indem er sein Umfeld zum Lächeln bringt."
Ich hoffe, die Leserinnen und Leser dieses Rundbriefes nehmen dem Verfasser
dieser Zeilen zumindest sein deutliches Bemühen ab, die Welt zu verschönern!