10.07.2018

Fußball-WM, Tanzbrunnen Köln, Bob Dylan, Chris Cacavas...

Zum 30jährigen eine kleine Anekdote aus der Agenturgeschichte: Heute vor 24 Jahren, am 10.7.1994, spielten bei der Fußball-WM in den USA im Stadion der New York Giants Deutschland und Bulgarien im Viertelfinale gegeneinander. Zum gleichen Zeitpunkt trat im Tanzbrunnen Köln ein gewisser Bob Dylan mit seiner Band auf. Und Bob Dylan war so großzügig, ausnahmsweise einen Support Act für diese Show zu akzeptieren, und das war, nicht zuletzt dank des unermüdlichen Einsatzes von Ernst Ludwig Hartz (der übrigens am kommenden Dienstag das Rufus Wainwright-Konzert in Essen und am 2.8. das Patti Smith-Konzert in Köln mit mir veranstaltet - uns verbindet eine Jahrzehnte währende, vertrauensvolle Zusammenarbeit), der damals von mir vertretene Chris Cacavas.
Die Stimmung war Klasse, Chris Cacavas war sehr aufgeregt, sein Agent nicht minder... Chris hatte seinen ersten Song gespielt und kündigte seinen nächsten Song an, nannte den Titel, und es erscholl plötzlich großer Jubel im Publikum. Chris wunderte sich, daß die Bob Dylan-Fans so vertraut waren mit seinem Song, freute sich darüber und spielte ein großartiges Set - nicht wissend, daß etliche im Publikum das Ohr am Kofferradio (die Jüngeren werden jetzt nachschlagen, was das ist...) hatten und während der Ansage jubelten, weil Lothar Matthäus just im gleichen Augenblick den Elfmeter zur 1:0-Führung verwandelt hatte...
Das Fußballspiel endete 2:1 für Bulgarien. Das Köln-Konzert endete mit einem großen Erfolg von Chris Cacavas.
Those were the days...
 

 

26.06.2018

Über die Politgenies SeSö, Rechtspopulismus & wie man damit auf die Nase fällt

Mal ein paar Sätze zu all den Politiker*innen, die meinen, auf Kosten von Geflüchteten und Migrant*innen Politik machen zu sollen:

Die beiden christsozialen Politgenies Se&Sö haben die Mehrheit selbst in Bayern verloren, eine deutliche Mehrheit lehnt dort die Politik von Söder und Seehofer ab, deren CSU gerade noch auf 40 Prozent kommt. Pikant: die stärkste Zustimmung für Söder gibt es bei AfD-Anhänger*innen. Weiß eigentlich jeder Banause: wer den Rechtspopulisten hinterherläuft, macht diese (und nur diese!) stark.
Wie schrieb schon Thomas Mann über Seehofer, Söder, Trump und Konsorten: „Denn ein Mann, der die Macht braucht, nur weil er sie hat, gegen Recht und Verstand, der ist zum Lachen.“ (aus Joseph & seine Brüder)

Doch die Westentaschen-Politgenies der EsPeDe, also zum Beispiel Andrea „Wir können nicht alle aufnehmen“ Nahles oder Karl „Abschiebung muß korrekt funktionieren“ Lauterbach, haben keinen Anlaß, sich darüber zu freuen, sie machen dank ihrer Rechtswende ähnliche Erfahrungen und werden von den Wähler*innen ebenfalls abgestraft: Die SPD steht bundesweit gerade einmal noch bei 17 Prozent, in Bayern bei 13 Prozent (was waren das noch für Zeiten, als der damalige SPD-Spitzenkandidat Maget, wie yours truly 1860er-Fan, mir nach einer verlorenen Landtagswahl melancholisch augenzwinkernd sagte: wenn schon verlieren, dann mit dem Ergebnis 18,60 Prozent...).

Welche Lehre könnten die Parteien daraus ziehen? Sich vielleicht mal an der Mehrheit der Bundesbürger*innen orientieren, die für eine offene Gesellschaft und für offene Grenzen eintreten? Macht keine Politik für rechte Minderheiten, sondern für die liberale und weltoffene Mehrheit! Erster Schritt: hört mit den widerlichen Begriffen vom „Asyltourismus“ und „Asylindustrie“ auf! Und das Geschwafel von uns Intellektuellen im „Elfenbeinturm“ oder von den weltoffenen Bürger*innen als „Gutmenschen“ können Sie und Ihre Claqueure auch gleich bleiben lassen.

Apropos Elfenbeinturm, noch ein Literaturzitat, diesmal aus einem meiner Lieblingsbücher:
„Ich habe immer versucht, in einem Elfenbeinturm zu leben; aber ein Meer von Scheiße schlägt an seine Mauern, genug, ihn zum Einsturz zu bringen. (Flaubert an Turgenev am 13.November 1872)
Also: im Zweifelsfall lieber im Elfenbeinturm leben, als Teil des Meers von Scheiße zu sein, würd ich sagen...

26.06.2018

REWE packt Mexikaner in den Backofen

REWE twittert am Tag des Spiels Deutschland gegen Mexiko:

„Mexikanern beim Aufwärmen zugucken? Geht auch im Backofen.“

Am Tag danach löscht REWE den Tweet, damit er nicht weiter „mißverstanden“ werden könne.
Was aber kann man daran mißverstehen?

18.06.2018

WM ohne Ton - aber mit Boris Godunow!

Ein Vorschlag zur WM:
Beim Fußballschauen auf das belanglose und wirklich nur schwer zu ertragende Reporter*innen-Geplapper verzichten, Ton abschalten & z.B. Mussorgskis Boris Godunow hören.
Hier mit dem großen, in D undank NS-Zeit & Kaltem Krieg weitgehend unbekannten Ivan Kozlovsky (als Simpleton), eine Aufnahme von 1948 aus dem Bolshoi. Weltbewegend!

 

18.06.2018

Nietzsche über Nationalismus

Nietzsche über Nationalismus:

„Beim Nationalismus handelt es sich um die schlechte Ausdünstung von Leuten, die nichts anderes als ihre Herden-Eigenschaften haben, um darauf stolz zu sein.“

(das hätte jetzt auch nicht gedacht, daß ich Ihnen in diesem Blog jemals mit einem Nietzsche-Zitat kommen würde...)
 

18.06.2018

Über die Rolle von China

„China gerät unter Druck.
Peking fürchtet, nach dem Gipfel von Trump und Kim ins Seitenaus gedrängt zu werden.“

(„FAZ“, 12.6.2018)

„Der Gewinner heißt China.
Für Peking hätte der Gipfel zwischen Trump und Kim nicht besser laufen können.“

(„FAZ“, 15.6.2018)

18.06.2018

Wim Wenders - Priester oder Werbefilmer?

Wim Wenders dreht jetzt Werbefilmchen für autoritäre konservative Institutionen und ihre Patriarchen.
In einem Interview sagte er dieser Tage, sein ursprünglicher Berufswunsch sei Priester gewesen. Hätte er ihn doch realisiert, uns wären eine Menge prätentiöser und langweiliger Filme erspart geblieben...

13.06.2018

Gemeinnützige Initiative Musik finanziert Lobbyverband der deutschen Musikindustrie

In der 41. und 42. Runde hat das „deutsche Popförderbüro“, die Initiative Musik, „98 Projekte von Pop über Hip-Hop bis Jazz bewilligt“ und mit 1,03 Millionen Euro bedacht.
Darunter, gschamig ganz unten in der Liste versteckt, als allerletzte der 98 Fördermaßnahmen, unter dem Titel „Infrastrukturförderung“, nach dem „balance club/culture festival“ in NRW und „dialog.pop“ in Bayern: „Studie zur Musiknutzung, Berlin“. Und wer bekommt das Geld für diese Studie? „www.musikindustrie.de“. Man scheut sich natürlich, genau zu sagen, wer die Staatskohle erhält: Es ist der allseits beliebte Lobbyverband der Deutschen Musikindustrie, der „Bundesverband Musikindustrie“ (BVMI), der zuletzt durch seine „Echo“-Verleihung ins Gerede geriet.

Das darf man sich auf der Zunge zergehen lassen: Die von Bundesregierung, Gema und GVL finanzierte Initiative Musik finanziert dem Lobbyverband der Deutschen Musikindustrie eine „Studie zur Musiknutzung“. Man weiß gar nicht, wer sich mehr schämen sollte: Der BMVI, daß er es nötig hat, öffentliche Gelder, die eigentlich den Musiker*innen zur Verfügung stehen sollten, abzuzocken. Oder die Initiative Musik, daß sie dem Verband der Großkonzerne der Musikindustrie (zu den fünf Vorstandsmitgliedern des BMVI gehren die drei Chefs von Universal, Warner und Sony) nonchalant diese Gelder in den allzeit geöffneten Rachen wirft. Ein echter Skandal!

Natürlich dürfte es geholfen haben, daß Dieter Gorny, bis vor kurzem Vorstandsvorsitzender des BMVI, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Initiative Musik gGmbH ist. Das kleine „g“ in gGmbH übrigens steht für „gemeinnützig“. Aber daß die Interessen der Großkonzerne der Musikindustrie allen Menschen nützen, also im besten Fall „gemeinnützig“ sind, ist uns natürlich allen klar...

13.06.2018

Musikwirtschafts-Gipfel? Lobbyveranstaltung ohne Musiker*innen!

Die von der Bundesregierung, der GEMA und anderen betriebene „Initiative Musik“ lädt am 14.Juni d.J. zu einem vom Tagesspiegel ausgerichteten „Musikwirtschafts-Gipfel“ ein.
„Die Tagesspiegel-Konferenz Agenda Musikwirtschaft zeigt hochkomprimiert und hochkarätig besetzt, welchen Themen sich die Bundesregierung aus Sicht der Musikwirtschaft stellen muss, um Musikschaffende und Kreativität zu schützen und zu fördern“, flötet die Initiative Musik. Wenn man so etwas hört, weiß man natürlich sofort, daß es weder um die „Musikschaffenden“ noch um „Kreativität“ geht, sondern darum, daß die Musikindustrie mit staatlicher Hilfe ihre Pfründe sichern will.
So überrascht es nicht wirklich, daß von den 28 Redner*innen und Referent*innen der Konferenz 17 Funktionäre, 6 Politiker, 3 Wissenschaftler, aber lediglich ganze 4 Musiker*innen sind (z.T. sind die Akteure in Doppelfunktionen tätig). Kritiker*innen des herrschenden Urheberrechts oder der Musikindustrie sind natürlich nicht eingeladen, wenn es darum geht, die Interessen der Musikindustrie gegenüber der Politik zu formulieren.

13.06.2018

Hygge. Yoga. Panta achtsam rhei.

Big deals unserer Tage: Landlust. Hygge. Achtsamkeit. All das, was man noch vor wenigen Jahren verächtlich als bescheuerten Eso-Kram abgetan hätte, was aber mittlerweile in der Mitte der neuen deutschen (Klein-)Bürgerlichkeit angekommen ist.
„Hygge muß man lernen“, meint das Zentralorgan der deutschen Bürgerlichkeit, die „Zeit“.
Dabei kann ein neues Buch namens „Hara Yoga“ helfen. Untertitel: „Achtsam fließen“.
Panta achtsam rhei. Non cogito ergo summ summ summ zum nächsten Bienen-Buch...

13.06.2018

Internet für Idealisten

Aber heute muß sowieso alles, was man gerade tut, eine mindestens metaphysische Bedeutung haben. „Internet für Idealisten. Wer Firefox nutzt, setzt sich für eine bessere Welt ein“, schallt es mir aus einer Anzeige entgegen. Einfach nur einen gut arbeitenden Web-Browser benutzen? Iwo. Ohne Meta-Ebene geht es einfach nicht mehr.

13.06.2018

Marius Müller-Westernhagen schreibt Vorwort zu "Das Geschäft mit der Musik"

Marius Müller-Westernhagen hat der „FAS“ ein großartiges Interview gegeben, das sich wie ein Vorwort zur nächsten Auflage von „Das Geschäft mit der Musik“ liest.
Er erklärt, warum Loyalität dem Publikum gegenüber ein Geheimnis langfristigen Erfolgs ist. Und „daß man etwas ausdrückt, was andere zwar empfinden, aber selbst nicht artikulieren können.“
MMW wirft einen Blick in vergangene Zeiten, als „Künstler mehr Zeit hatten, sich zu entwickeln“, spricht ehrlich über Überforderungen, über Stadionkonzerte („haben mit musikalischer Qualität nichts zu tun“) und über den brutalen Druck, den Plattenfirmen auf Musiker*innen ausüben.
Und den deutschen „Jammerlappen-Pop“ (von Revolverheld bis Tim Bendzko) hält Müller-Westernhagen für ein „Ergebnis der Popakademie. Ich höre die Harmonielehre, höre die typischen Melodien und diese Weichei-Stimmen. Das ist langweilige Fabrikation, aber leider System.“
Lesens- und bedenkenswert.

13.06.2018

"Indiezeugs so abgeschmackt wie Helene Fischer"

„Das meiste Indiezeug ist ja so abgeschmackt wie Helene Fischer, nur für tätowierte Jungs. Mir ist das zu schwelgerisch, zu sentimental, zu selbstbezogen. Zu breiig.“
Daniel Richter, Maler und Besitzer des Labels Buback, im Interview mit „Freitag“

13.06.2018

"listen to Berlin" - Von CDs, die die Welt nicht braucht, und warum sie doch erscheinen

Liebe Berlin Music Commission!
Unbeirrt gebt ihr Jahr für Jahr eine CD namens „listen to Berlin“ heraus, die niemand anhört, die niemanden interessiert, die einfach völliger Mumpitz ist. Nun gut, ich verstehe, ihr zockt dafür jedes Jahr ein paar tausend Euro bei irgendwelchen Institutionen ab, denen ihr erzählt, daß das eine ganz fabelhafte musikalische Visitenkarte der ach so hippen deutschen Metropole sei. Und ihr verteilt das so sinnfreie wie überflüssige Dingens dann bei Stadtmarketing-Events, Messen und „Branchenevents“ weltweit, wo es dann einsam und verlassen auf irgendwelchen Grabbeltischen herumliegt, gegen die die Angebote von Wolle oder Kick wie ein Premiumsegment daherkommen. Mitgenommen werden eure CDs nur von Zauseln, die alles grabschen, was umsonst ist. Oder denkt ihr wirklich, irgendeine Berliner Band hätte durch die bloße Anwesenheit auf eurem „listen to Berlin“-Sampler eine wie auch immer geartete, gar eine  internationale Karriere erspielt? Awcmon. Sowas glauben nur Politiker*innen. Ach so, ich vergaß, ist ja klar: das genau ist ja eure eigentliche Zielgruppe. Die finanzieren euch ja solche CDs und eure Reisen zu all den weltweiten Branchen- und Stadtmarketing-Events. Na, denn macht mal hübsch weiter mit euren Berlin-Samplern, und pusht sounds forward oder wie ihr halt gerade so daherplappert in eurer wichtigtuerischen Bedeutungslosigkeit. Nix für ungut.

13.06.2018

Kultursenat Berlin subventioniert "Live Music Accelator"

Und wo wir gerade von der „Berlin Music Commission“ sprechen, die jährlich allein vom Berliner Senat € 250.000 für „Musikwirtschaftsförderung“ erhält: Die sind natürlich auch mit dabei, wenn es um die Finanzierung einer sogenannten „Förderinitiative Live Music Accelerator Berlin (LMAB) geht. Deren vorgebliches Ziel: „auch kleine Berliner Clubs und noch unbekannte Berliner Artists sollen gut besuchte Gigs in Berlin veranstalten können“. Interessant: die Künstler sollen ihre Konzerte also selbst veranstalten, wenn es nach der LMAB geht – Musiker*innen als kleine Ich-AGs, Musikförderung im Hartz IV-Style.
Es geht um „smartes Digitalmarketing“.
LMAB behauptet, „Online-Marketing Partner von u.a. Spotify, Moderat und Universal“ zu sein. Als solche „wissen wir, wie erfolgreiche Konzertwerbung heute gelingt“. Und dieses Wissen, flötet die Förderinitiative, „wollen wir mit dir teilen“: „Du hast in der Vergangenheit viel Potenzial verschenkt? Hol es dir jetzt zurück (das Potenzial?!? BS) und Get The Crowd mit digitalen DIY-Lösungen.“
In Wahrheit, beziehungsweise laut Impressum, gibt es diese „Förderinitiative“ interessanterweise gar nicht. Im Impressum steht lediglich eine „GET a GIG GmbH“. Und das ist just die GmbH, die unter der gleichen Anschrift auch die Firma „Gigmit“ betreibt, eine Plattform, die eine Gig- und Venue-Datenbank gegen Bezahlung zur Verfügung stellt. Und der „CEO“ von LMAB, der sogenannten „Förderinitiative“, ist gleichzeitig auch CEO von Gigmit, nur daß er sich dort im Impressum als „Geschäftsführer“ bezeichnet.
Und Partner der selbsternannten Förderinitiative ist ausgerechnet Ticketmaster, der Großkonzern, der der weltgrößte Ticketinganbieter ist.
Worum geht es also? Hier tun sich zwei Konzerne zusammen, denen es um Big Data geht, und die unter dem Deckmäntelchen der Club- und Künstlerförderung ein eiskaltes neoliberales Geschäft betreiben. Finanziert wird die LMAB, und da wird es pikant und geradezu ein Skandal, u.a. von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa und aus Mitteln der Europäischen Union.

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