02.10.2018

Dynamo Dresden - finden Sie den Fehler!

Finden Sie den Fehler in der Unter-Überschrift der „Jungle World“:

„Seit dem 18- September heißt die Spielstätte von Dynamo Dresden wieder Rudolf-Harbig-Stadion. Die Mehrheit der Fans wollte es so, obwohl Harbig Mitglied von NSDAP und SA gewesen war.“

Genau, dieser Satz ist zweifelsohne wishful thinking – es muß „weil“ heißen, nicht „obwohl“...

29.09.2018

Wie viele Kuratoren werden fürs schnarchnasige Einheitskonzert benötigt?

Kennen Sie den? Wie viele Ostfriesen benötigt man, um eine Glühbirne in eine Deckenlampe einzusetzen? Genau.

Aber wie viele (übrigens ausschließlich männliche) Kuratoren benötigt die Senats-eigene Kulturprojekte Berlin GmbH für das Buchen eines an bräsiger Schnarchnasigkeit nur schwerlich zu unterbietenden Konzerts zum Tag der Deutschen Einheit „#1heit“ vor dem Brandenburger Tor mit Nena, Samy Deluxe, Patrice, Philipp Poisel, Namika u.a.?

Es sind, wie bei den Ostfriesen: ganze drei.

29.09.2018

Wenn dieser Herr Dr. Markus Söder Recht haben sollte...

Wenn, also wenn dieser Herr Dr. Markus Söder Recht haben sollte und „Bayern das Rückgrat Deutschlands ist“, dann ist Deutschland ein Land aus lauter Weichteilen.
Wie gesagt: wenn...

29.09.2018

Helmut-Schmidt-Journalistenpreis: "Das hier ist eine PR-Veranstaltung!"

Es ist kein Naturgesetz, daß man sich als Künstler*in, als Musiker*in oder beispielsweise als Mensch aus dem Mediengeschäft den Konsumkonzernen und Banken und Versicherungen und Autokonzernen und wie sie alle heißen bedingungslos unterwirft.

Nehmen wir beispielsweise die junge Autorin des „Süddeutsche Zeitung-Magazins“, Laura Meschede, die beim von der ING-Diba-Bank ausgerichteten und finanzierten „Helmut Schmidt Journalistenpreis“ für ihre Geschichte „Die Mensch-Maschine“ ausgezeichnet wurde. Dafür hatte sie mehrere Wochen bei „Amazon Mechanical Turk“ gearbeitet und die schlechte Bezahlung, den hohen Druck und die Einsamkeit der dort Beschäftigen aufgedeckt.
Mechanical Turk ist eine Crowdsourcing-Plattform und ein Tochterunternehmen des Tech-Konzerns, bei dem Menschen kleinteiligste Aufgaben übernehmen, die für Maschinen zu kompliziert sind. Es ist eine Geschichte, die die Zukunft der Arbeit skizziert und vor den negativen Seiten der zunehmenden Digitalisierung und künstlicher Intelligenz warnt – ein Thema, das Meschede intensiv verfolgt.“ („Meedia“)

Diese Recherche war der Jury des Schmidt-Preises eine Auszeichnung wert. Doch statt den Preis dankend anzunehmen, lehnte ihn die Journalistin ab. Aus Gründen der Glaubwürdigkeit: „Das hier ist eine PR-Veranstaltung, so viel ist klar”, stellte Meschede in ihrer „Dankes“-Rede fest. „Und deswegen stehe ich auch hier, um PR zu machen. Aber nicht für die ING Diba. Sondern für den Gedanken, dass es eine Alternative gibt, dazu, wie die Welt jetzt ist.”
„Wenn ich darüber schreibe, dass die Zukunft der Arbeit für tausende Menschen bedeuten wird, dass ihr Leben noch schlechter werden wird, als es sowieso schon ist, wenn wir dieses Wirtschaftssystem erhalten, dann kann ich nicht danach auf einer Veranstaltung mit den Vertretern ebendieser Politik und ebendieses Systems nett darüber plauschen. Sonst spiele ich genau dieses Spiel mit”,
so Meschede. Und: „Wenn ich das glaubwürdig tun will, dann kann ich mich nicht auf einer solchen Veranstaltung gemein machen mit der Politik und dann kann ich auch keinen Preis annehmen von einer Bank.”

Respekt, Laura Meschede!
Weniger kleinlich dürfte Peer „hätte hätte Fahrradkette“ Steinbrück (SPD) gewesen sein, der bei dieser Veranstaltung der ING-Diba eine vermutlich wie üblich üppig honorierte Rede hielt.
Die eine weiß, wie man das Wörtchen „Haltung“ buchstabiert, der andere hat davon noch nie etwas gehört.

21.09.2018

Wie gewinnt man die Indieaxt des VUT?

Und wie qualifiziert man sich zum Gewinn der „VIA Indieaxt“ des VUT, des Verbandes der unabhängigen deutschen Musikfirmen, für „besondere Verdienste für die unabhängige Musikbranche“?

Es geht so:

Nehmen wir an, Sie sind Religionspädagogin und sitzen für die Grünen im Europaparlament. Sie sind wegen homophober Äußerungen gegenüber einem CDU-Politiker unangenehm aufgefallen und müssen daher ihre Parteimitgliedschaft ruhen lassen. Aber so etwas stört den VUT nicht, die sind da nicht kleinlich.

Nun schreiben Sie in der „FAZ“ einen leidenschaftlichen Artikel zugunsten der Freiheit des Axel-Springer-Konzerns, zulasten der Journalist*innen und der Internet-Nutzer*innen möglichst große Profite machen zu können. In diesem Beitrag bezichtigen Sie die Gegner des EU-Urheberrechts eines „falschen Freiheitsbegriffs“. Denn Freiheit ist immer die Freiheit der Großkonzerne, so ungefähr haben Sie das von Rosa Luxemburg in Erinnerung.

Dann geben Sie der „taz“ ein Interview, aus dem deutlich wird, daß Sie vom Urheberrecht keine, aber auch wirklich gar keine Ahnung haben. Sie behaupten frank und frei, „daß rund die Hälfte der Europäer die Nachrichten des Tages bei Google News liest, also dort durch die Textanrisse scrollt, aber nicht auf die Links klickt. Dann ist doch klar, daß Anzeigenkunden eher bei Google werben, als auf Verlagsseiten.“ Unklar bleibt, ob Sie wissen, daß auf Google News gar keine Werbung geschaltet werden kann, oder ob Sie einfach lustige Fake News in die Welt setzen.

Damit der Eindruck der Ahnungslosigkeit vertieft wird, twittern Sie ein Foto Ihres FAZ-Gastbeitrags – denn daß so etwas illegal ist, falls das von Ihnen propagierte EU-Urheberrechtsgesetz Realität wird, weil Sie selbst als Autorin nicht die Leistungsschutzrechte an diesem Inhalt und Twitter wiederum diese Rechte nicht geklärt haben, das können Sie ja nicht wissen, Sie sind ja komplett ahnungslos.

Und schließlich stimmen Sie im EU-Parlament Hand in Hand mit der CDU, mit dem Front National-Nachfolger und einigen versprengten Abgeordneten von SPD und einigen anderen Alt-Grünen für die EU-Urheberrechtsreform.

Und schwupps, schon wird Ihnen in Anerkennung Ihrer nachweislichen Inkompetenz die „Indieaxt“ des VUT verliehen, Teil des „ersten und einzigen Kritikerpreis der unabhängigen Musikbranche“.

So einfach ist das.

Und was ist der Unterschied zwischen dem VUT, dem Lobbyverband der sogenannten unabhängigen Musikfirmen, und dem BVMI, dem Lobbyverband der deutschen Musikindustrie, also der Großkonzerne der Branche?
Es gibt natürlich keinen. Alle pfeifen sie munter das nämliche Liedchen.
Es ist nur profitabler und wirkungsvoller, getrennt zu marschieren, wenn man vereint siegen will.

21.09.2018

Autoren werden ausgebeutet und Verlage ruiniert, und um das zu ändern, werden Autoren noch mehr ausgebeutet

Mit einer besonders dreisten und frechen Lüge in Sachen Urheberrecht machte das „FAZ“-Feuilleton am 11.9.2018 auf:

„Woher der Hass auf geistiges Eigentum? Das EU-Parlament darf nicht zulassen, dass Autoren ausgebeutet und Verlage ruiniert werden.“

Und damit Autoren nicht ausgebeutet werden sollen, möge das EU-Parlament bitte ein Gesetz beschließen, in dessen Artikel 12 den Autoren nennenswerte Teile ihrer Tantiemen weggenommen und den Verlagen zugeschustert werden.

Sie geben vor, Ausbeutung zu bekämpfen, und das vorgeschlagene bzw. geforderte Mittel lautet: Ausbeutung! Verquere Logik

19.09.2018

Künstler für Red Bull! "Ain't singing for Pepsi..."

Sevdaliza. Dixon. Janelle Monáe. Jlin. DJ Hell. Gudrun Gut. Miss Kittin. Jeff Mills. Nina Kraviz. Westbam. FM Einheit. Robot Koch. Peaches. Und deprimierenderweise sogar Peter Brötzmann oder Tony Allen.

Das sind nur einige der Künstler*innen und Bands, die am „Red Bull Music Festival Berlin“ teilnehmen und für die Haltung ein Fremdwort zu sein scheint. Man nimmt gerne die Kohle, die ein dem Rechtspopulismus zuneigender Großunternehmer mit seiner klebrigen braunen Limonade verdient hat, und tut so, als ob das ja alles „Musikförderung“ sei – und das Programm ist ja ach so hip... Klar ist das Festival-Programm einigermaßen interessant, weil die Marketingprofis von Red Bull natürlich längst wissen, wie Marketing in diesen Zeiten geht – und Geld haben sie sowieso genug.

Und „Arte“ bringt die Red Bull-Nacht „30 Jahre Techno in Berlin“ ins Fernsehen, alles geht Hand in Hand, Red Bull, Arte, coole Locations, hippe Allesmitmach-Musiker*innen.

It’s not bout culture anymore, it’s bout Red Bull capitalism, stupid!
Die teilnehmenden Künstler*innen und Bands aber haben ihren Namen beschmutzt, er ist künftig von brauner Limonade verklebt.
„Keep your name clean!“ (Patti Smith)
Wie war das noch gleich bei Neil Young?
„Ain’t singing for Pepsi, ain’t singing for Red Bull“ – es wird höchste Zeit, Red Bull Festivals und die Red Bull Academy zu boykottieren!

19.09.2018

Berlins Regierender (SPD) sagt Denkmalschutz und meint Unterwerfung unter die Interessen eines Großkonzerns

Was wohl der Regierende Bürgermeister Berlins, Michael Müller (SPD), im Gespräch mit der „FAZ“ über den möglichen „Innovationscampus“ in der Spandauer Siemensstadt meint, wenn er feststellt:

„Siemens erwartet, daß Berlin künftig konstruktiv und flexibel mit dem Thema Denkmalschutz umgeht. Das stellen wir sicher.“

Wahrscheinlich bedeutet „konstruktiv“, daß man natürlich gewillt ist, all das zu machen, was Siemens fordert. Und „flexibel“ dürfte wohl heißen, daß man „sicherstellt“, daß die depperten Denkmalschützer sich nicht ständig querstellen – SPD-Müller hat eben wirklich alles im Griff, wenn er sich vor Industriekonzernen auf den Boden wirft...

19.09.2018

Urheberrecht: Wie denken seriöse deutschsprachige Zeitungen im Ausland darüber?

Nochmal zu der sogenannten EU-Urheberrechts-„Reform“:
Interessant ist, wie im deutschsprachigen Ausland, also jenseits der Einflußzone des Axel-Springer-Konzerns, von Holtzbrinck & Co. und ihrer einschlägigen Propaganda- und Lobby-Organisationen, über diese Reform debattiert wird.

Im österreichischen „Standard“ beispielsweise eine eindeutige Ablehnung:
„So wird das Internet zerschlagen. Die EU-Urheberrechtsreform fördert Zensur und bedroht innovative Start-ups. Es sei ein guter Tag für Kreative, wird von denen herausposaunt, die sich für das neue EU-Urheberrecht starkgemacht haben. Doch der Etappensieg traditioneller Medienkonzerne im Europaparlament bedeutet vor allem eines: das Ende des Internets, wie wir es kennen.
Entgegen aller Kritik, trotz Protestaktionen und fast einer Million Unterschriften von skeptischen Bürgern stimmte die konservative Mehrheit im Parlament für Uploadfilter und ein Leistungsschutzrecht. (...) Die katastrophale Folge ist das Ende für Memes, Zusammenschnitte von Sportveranstaltungen und kleinste Textausschnitte von Medien. (...) Eine Zensurmaschine also, die den wichtigsten Kommunikationskanal des 21.Jahrhunderts vorab prüft, soll nun verpflichtend werden.“

Aber was sind schon eine Million besorgter Bürger*innen gegen die Millionen Euros von Axel Springer, Bertelsmann und Holtzbrinck?

Und die aller linksradikalen Sympathien völlig unverdächtige konservative „Neue Zürcher Zeitung“ kommentierte:
Zombie-Gesetz für Zeitungsverlage.
Das deutsche Leistungsschutzrecht ist ein Rohrkrepierer – trotzdem droht in der EU ein ähnliches Gesetz (...)

Die deutschen Verleger argumentieren, sie würden viel in ihr Digitalgeschäft investieren. Doch es kann nicht die Aufgabe der Allgemeinheit sein, mit einer Verschärfung des Urheberschutzes dafür zu sorgen, dass die Verlage diese Investitionen amortisieren können. Die Politik muss vielmehr bedenken, dass ein restriktives Verlegerrecht den Nachrichtenfluss behindert. (...) Stimmt diese Diagnose, ist das Leistungsschutzrecht letztlich ein Instrument zur Umverteilung zu den Verlegern. Es ist deshalb schwer nachvollziehbar, dass es nun auf europäischer Ebene ein Pendant zum deutschen Leistungsschutzrecht geben soll.“

19.09.2018

The never ending story: Urheberrecht, EU-Urheberrechts"reform", Copyright-Cops

Ehrlich – das Getöse um die EU-Urheberrechtsreform ist je nach Sichtweise und Laune ein Trauerspiel oder eine Farce. Die von deutschen Großverlegern wie dem Axel Springer-Konzern oder der Holtzbrinck-Verlagsgruppe gesteuerte und von fast allen einschlägigen Medien unkritisch orchestrierte Lobbykampagne soll dazu führen, daß diese Woche ein neues Urheberrecht auf EU-Ebene verabschiedet wird, das die Freiheit des Internets massiv einschränken und zusätzlich die Einkünfte der Urheber*innen massiv verschlechtern würde.

Das Problem bei diesem Thema ist, daß es, wie so häufig bei Wirtschaftsthemen, eine trockene Materie ist. Und man benötigt einiges an Fach- und Detailwissen, um zu durchschauen, worum es wirklich geht. Und genau diese komplizierte Gemengelage machen sich die Eigentümer von Verwertungsrechten (denn es geht hier größtenteils um Verwertungs- und Verwerter-, nicht um Urheberrechte) zunutze – und diese Eigentümer sind eben in aller Regel nicht, wie uns gebetsmühlenartig von der Verwertungsindustrie eingebläut wird, die Urheber*innen, sondern beispielsweise Großverlage, Hedgefonds, Banken usw.

Ich habe mehrfach ausführlich zu diesem Thema publiziert und will an dieser Stelle nicht alle Argumente wiederholen – wer möchte, kann die Argumentation nachlesen:

Zuletzt „Copyright Cops“ (Konkret, August 2018)
Cui Bono? Wem nützt das Urheberrecht?“ (inkl. Paradise Papers und welche Hedgefonds die „Urheberrechte“ an großen Songkatalogen halten; Jungle World November 2017)
Bitte unterzeichnen Sie hier (über Gesetzentwurf von Heiko Maas/SPD, der sich zum Lakaien der Medienkonzerne macht; Jungle World April 2016)
Und natürlich mein Vorschlag zu einer wirklichen Reform des Urheberrechts zugunsten der Künstler*innen, u.a. in meinem Buch „Das Geschäft mit der Musik“, und in Kurzform in „Schneiden wir den Kuchen neu an!“ (Freitag Mai 2012)

Hier nur einige Anmerkungen zu Details, die mir in den Wochen vor der leider debakolös geendeten Abstimmung im EU-Parlament aufgefallen sind:

Da ist das Feuilleton der „FAZ“ zu nennen, das in Sachen Urheberrechtsreform auf eine geradezu blamable Art und Weise zu einem bloßen Verlautbarungsorgan der Lobby geworden ist und lauter Leute Besinnungsaufsätze über das Thema schreiben läßt, die entweder mit ihrem Geschäftsmodell von der „Reform“ profitieren würden, oder die einschlägigen Lobbyorganisationen angehören. Das ist wirklich peinlich und einseitig und eine Komplettverweigerung jeglichen Diskurses – was ja mal unter Schirrmacher die besondere Qualität des „FAZ“-Feuilletons war...

Dass Ulf Poschardt, der Chefredakteur der „Welt“, in derselben das Lied dessen grölt, wessen Brot er isst, wundert natürlich wenig – Springers Mathias Döpfner ist einer der vehementesten Verfechter des neuen Leistungsschutzrechts für Verlage. Und die Fakten kümmern solche Herren natürlich wenig. Das wird besonders hübsch (oder ekelhaft, je nachdem, wie man das formulieren möchte), wenn Poschardt Anlauf nimmt und fordert: „Geistiges Eigentum muß in Zeiten von Copy-and-paste besser geschützt werden.“ Poschardt meint (aber sagt es aus durchsichtigen Gründen nicht) das „geistige Eigentum“, das die Verlage den Autoren mit in der Regel schlecht honorierten Buy-Out-Verträgen zur Verwertung abkaufen. Und an dem Gewinn, die sie mit fremder Leute Arbeit machen, beteiligen sie die Autoren natürlich nicht.
Als es darum ging, um den rechtlich unzulässigen (vulgo: illegalen!) Verlegeranteil an den Einnahmen der Verwertungsgesellschaft VG Wort zu kämpfen, also den Autoren, den Urhebern, den ihnen zustehenden Anteil abzuknöpfen, war von „geistigem Eigentum“ natürlich keine Rede.
Genau dies will die Verwertungsindustrie nun übrigens schon wieder, nur diesmal auf EU-Ebene: Die Verwertungskonzerne wollen die Urheber*inne um einen guten Teil ihrer Gelder betrügen. Im in der Diskussion sträflich vernachlässigten Artikel 12 der EU-Urheberrechtsreform wird festgelegt, daß die Urheber*innen künftig ihre Ausschüttungen mit Verlegern oder Plattenfirmen teilen müssen – eine Praxis, die hierzulande höchstrichterlich als gesetzwidrig verworfen wurde, soll zum Nachteil der Urheber*innen durch die Brüsseler Hintertür Gesetz werden. Die Verlage und Plattenfirmen wollen sich also an den Einnahmen der Urheber zu deren Lasten bereichern.
Da ist es schon nicht mehr Chuzpe, sondern eine dreiste Unverschämtheit, wenn von den Lobbyorganisationen der Verwertungsindustrie immer wieder behauptet wird, daß das neue Recht den Urheber*innen zugute kommen würde – das Gegenteil ist der Fall!

Besonders drollig (oder frech) agitiert die GEMA, die ja ohnedies nicht gerade für Künstler- bzw. Urheber-Freundlichkeit, dafür aber für Verlags- und Plattenfirmen-Nähe berüchtigt ist. Um ihren Kampf zugunsten der Verwerter zu illustrieren, verwendet die GEMA die „Studie“ eines Marktforschungsinstituts (ein Widerspruch in sich...), wonach 87 Prozent der befragten 6.000 EU-Bürger für Regelungen sind, „die Urhebern eine faire Vergütung für die Verbreitung ihrer Werke im Onlinebereich zusichern können“. Das ist in der Tat eine erfreuliche Situation und, nebenbei bemerkt, kräftig eins in die Fresse der Verwertungsindustrie, die doch sonst ständig die angebliche „Gratismentalität“ der Menschen im Internet beklagt. Nein, 87% der Befragten sind dafür, daß Urheber fair bezahlt werden.
Allerdings – das ist ja, wenn es um das neue EU-Urheberrecht geht, gar nicht die Frage. Die Frage, die korrekterweise hätte gestellt werden müssen, ist: „Sind Sie dafür oder dagegen, daß die Europäische Union Vorschriften einführt, die Verlagen und Plattenfirmen eine Vergütung dafür zusichert, daß Werke von Künstlern und Urhebern auf Internetplattformen vertrieben werden?“ Oder, zweite Frage: „Sind Sie dafür oder dagegen, daß die EU Vorschriften einführt, wonach die Künstler und Urheber einen wesentlichen Teil ihrer Einnahmen aus der Verwertung auf Internetplattformen an die Konzerne der Verlags- und Musikindustrie abgeben müssen?“
Da wären die Antworten wirklich spannend gewesen...

Der kanadische Science-Fiction-Autor, Literaturpreisträger, Journalist und Blogger Cory Doctorow schildert in einem aktuellen Beitrag auf Boingboing unter dem Titel „Nicht in unserem Namen! Warum Europas Kreative gegen den EU-Vorschlag, Links zu begrenzen und das Internet zu zensieren, kämpfen müssen“ nochmal die Risiken des Leistungsschutzrechts (Übersetzung von „Perlentaucher“):
„Artikel 11 definiert nicht wirklich, was ein 'Link' oder eine 'Nachrichtenseite' ist (das ist ein ziemlich krasser Flüchtigkeitsfehler). Aber Artikel 11 ist eine EU-weite Version der lokalen Gesetze, die bereits in Spanien und Deutschland versucht wurden, und unter diesen Gesetzen wurden Links verboten, die die Überschrift im 'Anker-Text' (das ist der unterstrichene, blaue Text, der zu einem Hyperlink gehört) enthalten. In den vorliegenden Änderungsanträgen hat Axel Voss vorgeschlagen, dass die Verwendung von mehr als zwei aufeinanderfolgenden Wörtern aus einer Überschrift ohne eine Lizenz nicht zulässig wäre."

Und man könnte natürlich auch die Stellungnahme des EPIP, eines Verbands von Wissenschaftlern, die zum Thema „Intellectual Property“ arbeiten, zur Kenntnis nehmen – der schlägt schlicht die komplette Streichung des kompletten Paragraphen 11 des EU-Vorschlags vor.

Besonders der EU-Abgeordnete Axel Voss (CDU) tut sich setzt sich seit Jahren für härtere Regeln im Internet ein, wobei er selbst eher keine Ahnung vom Internet hat: Er zeigte sich in einem Interview überrascht davon, daß jeder bei Wikipedia Inhalte hochladen kann, und seine Facebook-Posts schmückt er gerne mit dpa-Fotos, für die er keine Rechte hat. In gewisser Weise ist CDU-Voss ein typischer deutscher Digitalisierungs-Politiker: vom Internet keine Ahnung, aber entschieden gegen die Rechte der Bürger*innen und immer auf der Seite der Verwertungsindustrie. Voss betreibt eine Art digitalen Handels-Protektionismus und hat dafür gesorgt, daß der ursprüngliche EU-Gesetzentwurf sogar noch weiter verschärft wurde. Er behauptet, Uploadfilter kämen in dem neuen Gesetz gar nicht vor. Stimmt, da ist verharmlosend von „Erkennungssoftware“ die Rede – beim Kampf gegen das Asylrecht geht es ja auch um die „Fiktion der Nichteinreise“ und nicht um Internierungslager, in denen Asylsuchende gefangen gehalten werden...

Doch CDU-Voss ist bei seinem Kampf nicht allein, unterstützt wird er beispielsweise von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), die sich nicht zum ersten Mal uneingeschränkt auf die Seite der Kulturindustrie schlägt und der es mit dem verschärften Urheberrecht nicht schnell genug gehen kann. Aber auch die EU-Abgeordnete Helga Trüpel (Grüne) kämpft für die Freiheit des Axel Springer-Konzerns, zulasten der Journalist*innen und der Internet-Nutzer*innen möglichst große Profite machen zu können. In einem Beitrag für die „FAZ“ bezichtigte sie die Gegner des EU-Urheberrechts eines „falschen Freiheitsbegriffs“. Und im Interview mit der „taz“ behauptet die Grünen-Abgeordnete, „daß rund die Hälfte der Europäer die Nachrichten des Tages bei Google News liest, also dort durch die Textanrisse scrollt, aber nicht auf die Links klickt. Dann ist doch klar, daß Anzeigenkunden eher bei Google werben, als auf Verlagsseiten.“ Dumm nur, daß auf Google News gar keine Werbung geschaltet werden kann – klassische Fake News von Frau Trüpel also.

Sie sehen, die Verfechter des verschärften EU-Urheberrechts, die Armee der Copyright-Cops, kämpft mit allen Mitteln. Und diese Mitteln sind nicht selten unlauter – was letztlich kein Wunder ist, denn mit Fakten können sie natürlich nicht aufwarten. Sie haben halt das Geld, mit dem große Kampagnen zugunsten der Großkonzerne gefahren werden können – das Recht oder gar die Moral haben sie nicht auf ihrer Seite. Interessant wird morgen im EU-Parlament, welche Parteien sich auf die Seite der Großkonzerne der Verwertungs- und Bewußtseinsindustrie schlagen – bei der letzten Abstimmung im Juni 2018 waren es neben einigen versprengten Abgeordneten der Grünen und der SPD (deren Fraktionen sich mehrheitlich gegen die Reform stellen) zum Beispiel die komplette CDU/CSU-Fraktion, AfD und die Nachfolgeorganisation des rechtsradikalen Front National, die gegen ein freies Internet, gegen die Interessen der Urheber*innen und für die Interessen der Verwertungsindustrie gestimmt haben. Was ja schon Bände spricht...

19.09.2018

Der erfolgreichste "Klassik"-Künstler aller Zeiten

Kleine Rätselfrage:
Was denken Sie – wer ist der erfolgreichste „Klassik“-Tournee-Künstler aller Zeiten? Mit Tournee-Einnahmen von mehr als 550 Millionen US-$? Na?
Und wer steht auf Platz zwei der aktuell erfolgreichsten Tourneen des Jahres, der „Hot Tours“ laut Billboard Boxscore, direkt hinter dem unvermeidlichen Ed Sheeran?
Die Antwort ist beschämend und deprimierend und lautet in beiden Fällen: Andre Rieu.

19.09.2018

Feine Sahne Fischfilet, der Bundespräsident und die CDU-Generalsekretärin

Daß die CDU-Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer zum beeindruckenden Open-Air-Konzert gegen Fremdenhass in Chemnitz nichts Anderes zu tun hat, als den Bundespräsidenten Steinmeier (SPD) für seine Unterstützung dieses Konzerts zu kritisieren, weil dort die Band Feine Sahne Fischfilet aufgetreten ist, ist ein echtes Armutszeugnis.
Feine Sahne Fischfilet haben für den in Sachsen dringend benötigten Antifaschismus mehr getan als alle CDU-Politiker*innen zusammen.

19.09.2018

Advertorials, Inhalte und Glaubwürdigkeit

Sagt mal, liebe „Spex“, könnt ihr mir erklären, was ein „Advertorial“ ist? „Editorial“ kenne ich, „Anzeige“ (englisch: „Advertising“) kenne ich auch. Aber „Advertorial“? Also das Dingens, das ihr auf Seite 9 eurer aktuellen Ausgabe druckt und das aussieht wie ein redaktioneller Beitrag?

O.k., zugegeben, das war eine rhetorische Frage, denn natürlich ist mir bewußt, was ein Advertorial ist. Die Werbeindustrie nennt sowas „native advertising“: Werbe-Artikel, die von Redakteuren im Layout der Zeitschrift (oder Website) geschrieben werden, die aber lediglich eine irreführende Werbung sind. Und so geht es in eurem „Advertorial“ darum, daß „Jesper Munk mit Melitta das Hurricane Festival gerockt“ hat. Mit Melitta? Also nicht mit Gitarre oder anderen Instrumenten, sondern mit der „beliebten Kaffeemarke“? Aha.

„Mit einem chilligen Akustikkonzert im Melitta Festival Wohnzimmer läutete Jesper Munk in Scheeßel die diesjährige Melitta Festivaltour ein“, kann man in dem „Spex“-Text lesen. „Im gemütlichen, zweistöckigen Wohnzimmer der beliebten Kaffeemarke lauschten die Besucher aber nicht nur Munks Soul- und Blues-Songs, sondern genossen auch köstlichen Kaffeespezialitäten von Melitta. Für jeden Kaffeetypen war etwas dabei...“ undsoweiter undsofort flötet es da aus der Zeitschrift, die mal ein wichtiges Musikmagazin war.

Nicht nur Musiker wie Herr Munk, sondern vor allem der Musikjournalismus ist schon gewaltig auf den Hund gekommen...
Glaubwürdigkeit wird längst und quasi jederzeit gegen Geld getauscht.
Eine Gefahr für den unabhängigen Journalismus sehe ich darin aber eher nicht. Der findet ja sowieso kaum noch statt.

19.09.2018

Helene Fischer, die Schlager-Göttin

Einer der Gründe, warum ich vor Längerem die „Berliner Zeitung“ abbestellt habe (die Artikel z.B. von Schneider und Uehling kann man ja auch online lesen), die eine Zeitlang das beste Pop-Feuilleton der Republik hatte – aus der „Besprechung“ eines Helene Fischer-Konzerts (Hervorhebungen von mir):
„Man muss die Musik nicht mögen - aber wer diese Show nicht bejubelt, ist selbst schuld. Mit ihrer Inszenierung macht sich die Schlager-Königin vollends zur Schlager-Göttin. ‚Wir wollen den Fans einfach einen schönen, ja vielleicht unvergesslichen Abend bereiten’, sagt sie. In Berlin ist das gelungen.“
(Berliner Zeitung vom 5.9.2018, online)

28.08.2018

Warum lassen uns die 80er Jahre nicht los?

80er Jahre? „Warum läßt uns dieses Jahrzehnt nicht los?“, fragt auf zig Seiten ein sogenanntes Special im aktuellen „Musikexpress“, und fast hätte ich den Artikel angelesen, weil er von Oliver Götz geschrieben wurde, der zu den Autoren gehört, die ich schätze und bei denen ich in der Regel erstmal schaue, was sie so zu sagen haben, aber dann hab ich den Text doch nicht gelesen, weil mich das Thema nicht interessiert.

Aber ich möchte lösen, also:
Warum lassen uns die 80er nicht los? Ganz einfach: weil immer wieder irgendwelche Magazine dicke Specials darüber zusammenstellen. Denn ansonsten interessieren die 80er wirklich niemanden, sie gehen den meisten Menschen sowas von am Popo vorbei, und das gilt übrigens genauso für die 70er, die 50er oder die 90er...

Fake decades, sozusagen.

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