14.02.2012

Lambchop Video

Der Musikjournalist würde schreiben: Schon jetzt eines der besten Musikvideos des Jahres! Aber in der Tat: Ein schöner und überraschender kleiner Film:

10.02.2012

Paul McCartney boykottiert Spotify

Das war nur den Branchendiensten der Musikindustrie eine
Topmeldung wert: Paul McCartney also boykottiert die Streamingdienste, sein
neues Album wird nicht über Spotify & Co, sondern nur über Apples iTunes
gestreamed werden. Und McCartney und seine Plattenfirma ließen auch die alten
Alben des Ex-Beatles von Streamingangeboten wie Spotify, Rhapsody oder Simfy
entfernen.

Aber – does anybody care?

Das ist eben das Schicksal der Altrocker – ihre aktuelle
Musik interessiert niemanden mehr. Wenn Paul McCartney in Berlin ein Konzert
gibt, kommen weniger Leute als zu Shows von beispielsweise Calexico oder Bon
Iver. Mag man bedauern oder nicht, Tatsache aber ist: Die aktuelle Musik von
Paul McCartney interessiert niemanden. Und selbst die Fans, die noch in seine Konzerte
kommen, hoffen eher darauf, daß der Künstler alte Songs aus Beatles- oder
frühen Wings-Zeiten spielt, als daß er seine aktuellen Songs aufführt. Kaum
jemand wird das neue Paul McCartney-Album kaufen. Niemand hierzulande wird im
Ernst heute morgen um vier Uhr früh aufgestanden sein, um auf Apples iTunes den
Stream des Live-Konzerts aus den Capitol-Studios in Los Angeles anzusehen. Die
Chance eines aus der Zeit gefallenen Künstlers wie Paul McCartney wäre es,
seine neuen Songs auf Streams wie Spotify oder Simfy zu präsentieren – da, wo
die Leute ohnehin unterwegs sind und vielleicht mal unverbindlich reinhören,
ohne gleich Songs oder gar das ganze Album extra bezahlen zu müssen. Daß
McCartney und sein Management diese Chance nicht gesehen haben und statt dessen
auf ein für diesen Künstler nicht mehr funktionierendes altmodisches Kaufsystem
setzen, zeigt, daß sie die moderne Welt nicht verstanden haben. Es wird zu
ihrem Nachteil sein.

(und damit wir uns nicht mißverstehen: ich bin kein Fan von
Streamingdiensten, ich mag so etwas nicht – ich kaufe Alben, bevorzugt bei den
Plattenläden meines Vertrauens; aber man kann auch gegen Facebook sein und
trotzdem wissen, daß daran kein Weg vorbeiführen wird; ich war auch gegen die
Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1989 und wußte, daß sie kommen
würde... das eine ist das, was man sich wünscht für die Welt, das andere nennt
man: Realität)

08.02.2012

Nordkorea a-ha

Zu den Ländern, "für die die Wahrnehmung der Rechte am GEMA-Repertoire insgesamt nicht durch Mandats- oder Gegenseitigkeitsverträge geregelt ist" (wie es im GEMA-deutsch heißt), gehört unter anderem Nordkorea. Deswegen können wir hier dieses YouTube-Video zeigen, in dem fünf junge nordkoreanische Akkordeonisten den Hit "Take On Me" der norwegischen Popgruppe a-ha spielen: Der norwegische Künstler Morten Traavik hat den Film in Nordkorea gedreht, und diese Woche spielt die nordkoreanische Gruppe im norwegischen Kirkenes beim internationalen Kunst- und Kulturfestival "Barents Spektakel".

07.02.2012

OK Go Hunde-Video, GEMA und Tape.TV

Klar, das neue Video von OK Go, „Needing/Getting“, ist toll
gemacht – aber an den Charme von „White Knuckles“ mit den großartigen Hunden
kommt es nicht heran.

Jetzt würde ich Ihnen gerne das Video hier im Blog in der
YouTube-Version einbinden, aber wenn man in unserem komischen Land bei YouTube „White
Knuckles“ von OK Go abspielen möchte, bleibt der Bildschirm schwarz, und man
bekommt zu lesen:

„Dieses Video ist in
Deutschland leider nicht verfügbar, da es möglicherweise Musik enthält, für die
die erforderlichen Musikrechte von der GEMA nicht eingeräumt wurden.“

Hierzulande schaut man also wieder mal, der GEMA sei
gedankt, in die Röhre.

Und wenn man denkt, daß man ja auf Tape.TV ausweichen könnte
(zumindest, solange deren Geld reicht...), dann merkt man, daß das letztlich auch
ein ziemlicher Schmarrn ist. In den 3:23 Minuten, die das tolle Video dauert,
wird man bei Tape.TV sage und schreibe vier Mal von einer störenden
McDonalds-Werbung belästigt und einem Zeugs namens „McDouble“, in dem angeblich
Beef drin sein soll. Und wie zum Hohn wird gegen Ende des Videos dann noch eine
Werbung von McFit über das OK Go-Video geblendet, damit man weiß, wo man die
sinnlosen McDo-Kalorien wieder abtrainieren kann.

Wenn das die Zukunft des Musikfernsehens ist, dann will ich
kein Musikfernsehen! Spaß macht das nicht.

05.02.2012

Türkisch-schwäbische Möchtegern-Cleverle

Was einen an diesen ganze Wulffs und Özdemirs und wie die
Vertreter des sagen wir „Hannover-Prinzips“ in der Politik (also: Männerbünde
zwischen Politik und Wirtschaft, und eine Hand wäscht die andere, und „willst
du mal eben meine Villa/meinen Privatjet/meine Fußball-Eintrittskarte nutzen?“
etc. pp.) ja fast am meisten nervt, ist diese gespielte Naivität, dieses
Unschuldsgetue, dieses Waschlappenhafte unseres sogenannten Führungspersonals.

Nehmen wir den Grünen-Parteichef Özedemir. Der läßt sich vom
Partyveranstalter Manfred Schmidt eine billige Eintrittskarte für ein längst
ausverkauftes Fußballspiel besorgen, bei dem so mancher von uns gerne dabei
gewesen wäre, nämlich für Barcelona gegen Madrid. Bestürzt behauptet das türkisch-schwäbische
Möchtegern-Cleverle nun, er habe das Ticket doch bezahlt, und er habe keine
Ahnung gehabt, daß die Eintrittskarte in Wirklichkeit viel teurer geworden sei.
Nämlich 615 Euro statt der 119 Euro, die Schmidt dem Grünen-Politiker in Rechnung
gestellt hat.

Konnte Özdemir, der ja vor paar Jahren schon mal über einschlägige
Vetterles-Geschäftle gestürzt war, natürlich nicht wissen. Wer immer nur
eingeladen wird von den Bonzen, für die er Politik macht, der hat natürlich
keine Ahnung, was so ein Ticket kostet, wenn man sich am Stadion in der
Schlange anstellt oder versucht, solch ein Ticket bei ebay zu schießen.

Und dann läßt sich der Grünen-Chef die Flugreise nach
Barcelona und die Übernachtung von seiner Partei (also vom Steuerzahler!)
bezahlen, weil er da schnell mal ein wahrscheinlich wahnsinnig wichtiges
Treffen mit den katalanischen Grünen sowie ein Interview mit einer spanischen
Zeitung arrangieren konnte. Reiner Zufall natürlich.

Damit wir uns nicht mißverstehen: ja, ich glaube, daß die
Özdemirs und Wulffs die hiesige Gesellschaft, das Gschaftlhubertum, die
Sponsoring-Realität und „geiz ist geil“ und unterschwellig korrupte (aber immer
formal recht legale) Verhältnisse ganz gut abbilden. Deswegen sollten sie auch
nicht zurücktreten. Nur: ich will mit solchen Typen nichts zu tun haben. Ich
will solche Typen nicht wählen müssen, und ich will von solchen Chargen nicht
repräsentiert werden. Und wenn einer wissen will, warum die Bürgerinnen und
Bürger von „der Politik“ und dem politischen Personal nichts mehr wissen und
statt dessen politikverdrossen sein wollen: ich könnte es erklären. Und ich
bitte ansonsten, in Sachen ÖzdemirWulffGuttenberg und wie sie alle heißen mögen
medial nicht mehr belästigt zu werden. Sind Flaschen leer. Und ich hab Nase
voll.

30.01.2012

qu2

Wer mal wieder zuschauen will, wie ein internationaler Popstar „gemacht“ wird, der beobachte den großen Zirkus um die 25jährige, ganz nett aussehende Lana del Rey, deren neues Album erst Ende Januar erscheinen wird, von der aber längst alle Magazine und Feuilletons voll sind, von der Titelstory in „Spex“ bis zum Aufmacher des Feuilletons der „Berliner Zeitung“. „2008 nimmt sie als Lizzy Grant ein Album auf, es liegt zwei Jahre unveröffentlicht herum. Dann der Bruch. Lizzy wird zu Lana del Rey, weil der Name morbiden, geheimnisvollen Hollywood-Glamour verheißt. Sie läßt sich einen Schmollmund spritzen, was sie tapfer dementiert.“ (Steffen Rüth) Ihr neues Label, der Unterhaltungskonzern Universal Music, organisiert aktuelle englische Starproduzenten, die auch Künstler wie Adele, Duffy oder Robbie Williams so produzieren, wie das die Musikindustrie gerade hören will. Dann gibt es einen Clip, der nichts weiter ist als eine Collage aus Filmschnipseln der 50er und 60er Jahre, zu der sie eine relativ banale, nette Retroballade singt. „Ein tieferer Sinn, sagt del Rey, steckt nicht hinter den Bildern. Sehen halt hübsch aus. So wie sie selbst. (...) Leere, hochattraktive Hüllen.“ (Steffen Rüth)Im Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ bekennt die Sängerin: „Ich spiele nicht mehr Gitarre, ich war nie besonders gut darin. Mein Onkel Tim hat mir sechs Akkorde beigebracht und damit habe ich mein erstes Album geschrieben. (...) Ich hatte nie Ambitionen, ein Popstar zu werden, ich wollte eine Musikerin sein, die durch Nordamerika touren kann.“ Kann man sich lebhaft vorstellen: eine Musikerin, die mit ihren sechs Akkorden durch die Welt tourt...Zu ihrem Video – das Filmchen wurde auf YouTube schon über zehn Millionen mal angeklickt, gerne wird behauptet, „das Internet“ habe den Star gemacht, ich würde sagen: der Konzern hat durch geschicktes „social marketing“ den Hype im Internet kreiert – sagt Lana del Rey: „Ich benutze die Bilder, weil ich sie schön fand. Das wars.“ Und warum projiziert sie zu ihrer Show mit den sechs Akkorden Kennedy und Elvis auf die Bühne? „Elvis ist mein Lieblingsmusiker. Ich mag es, wie er singt, und ich finde, er hat ein schönes Gesicht. Und wenn JFK lächelt, bin ich derart vom Blitz getroffen von dem Optimismus dieser Zeit. (...) Ich bin nicht daran interessiert, Dinge zu dekonstruieren. Ich bin sehr zufrieden damit, wie alles ist.“Zu ihrer unkritischen Haltung zu Kriegstreibern wie Kennedy und ihrer Beschwörung eines „kraftstrotzenden, zukunftsgläubigen Amerika, das auf dem Weg zum Mond und nicht auf dem zum Bankrott war“ (Niklas Maak) paßt das reaktionäre Frauenbild, das Lana Del Rey propagiert: Frauen sind ihren Männern bedingungslos ergeben („you fit me better than my favourite sweater“, oder „you can be the boss“ trällert die Sängerin ganz ironiefrei), „Mann fährt schnelles Auto, Mann bricht in Bank ein; Frau sieht toll aus und schmachtet und schnurrt und wartet.“ (Niklas Maak) – Neokon-Musik eben für Biedermeier-Zeiten und für Leute, die sehr zufrieden damit sind, wie alles ist. Und die, die nicht mehr zu kritischer Analyse des Phänomens und seiner gesellschaftlichen Funktion fähig sind, sabbern im gewohnten Altherren-„Popkritik“-Stil von der Sängerin sexy Aussehen wie ein Ueli Bernays in der „NZZ“: „Wenn die Sirene Lana Del Rey, dieses schlanke, feingliedrige Geschöpf mit hübschem Gesicht, mit spitzer Nase, grotesk großen Lippen und einem lasziven Kiffer-Blick, singend durch solche Klangsphären schweift, fühlt man sich wie angefixt, verführt und verloren in Nostalgie."Passen Sie gut auf, wer Ihnen in den nächsten Wochen und Monaten etwas empfiehlt, und merken Sie sich diese Personen! Und lassen Sie sich nicht jeden Scheiß andrehen, zu dem alle hinrennen! Seien Sie ein selbstbewußter, kritischer Konsument!

30.01.2012

Und Ansonsten 30.01.2012

Der deutschen Pop-Quatschköpfe größten einer ist Thees Uhlmann, der gerade im Berliner „Tip“-Magazin unter der Kapitelüberschrift „Knalltüten und Pfeifen“ zu den „100 peinlichsten Berlinern“ gezählt wurde. Stichprobe aus Uhlmanns neuem Werk gefällig? Da ließ er sich diese Zeilen einfallen: „Dein Herz ist wie eine Berliner Synagoge / Es wird Tag und Nacht bewacht.“Es brabbelt und textelt eben so vor sich hin, das deutsche Unterbewußtsein, und wenn man schon keine brauchbare Liebeslyrik herzustellen vermag, dann soll es doch wenigstens irgendein deutsches Thema sein...* * *„...und jedes kleine Kaff hat seine eigene Fashion Week!“, sagt Modemacher Miguel Adrover im „Spex“- Interview.Fast wie in der Musikindustrie, gelt? Wir sahen uns bei der Eurosonic Mitte Januar in Groningen...* * *Brian Ferry (das ist dieser Sänger, der seinem Sohn die Freundin ausgespannt und geheiratet hat) dient neuerdings als Kleiderständer für H & M und tritt für das Kundenmagazin eines deutschen Telekommunikationskonzerns auf. Er wird eben alt und braucht das Geld.* * *Peter Sloterdijk, den manche hierzulande als „Denker“, als „Philosophen“ gar bezeichnen, wo doch schon der große Jean-Luc Godard knapp festgehalten hat: „Sloterdijk kann nicht schreiben, was ihn aber nicht davon abhält, ein Buch nach dem anderen zu publizieren“, ich sage: jener Sloterdijk also hat im Rahmen einer Fernsehsendung vor geraumer Zeit behauptet: „Das war die große Erkenntnis von Margaret Thatcher (...): daß sie erkannt hat, der Staat ist per se sozialistisch.“ In 2011 allerdings hat der Meisterdenker ebenfalls im Fernsehen, im sogenannten „Philosophischen Quartett“, festgehalten: „Der Staat ist per se eine semisozialistische Institution.“Und seither rätseln alle Menschen hierzulande: wann und wohin ist „dem Staat die Hälfte des ihm inhärenten Sozialismus“ (Jürgen Roth) abhanden gekommen? Da kann nur des Sloterdijks neuer Säulenheiliger, der ihm in „Herrenmenschen-Propaganda“ (Rainer Trampert) ebenbürtige Rudolf Steiner, weiterhelfen, denn: „Steiner hat die menschliche Subjektivität gewissermaßen nach oben anschlußfähig gemacht. Er hat den Stecker entdeckt, mit dem man höhere Energien anzapfen kann, die normalerweise aus den Konversationen der bürgerlichen Gesellschaft verbannt waren.“* * *Das niederländische Pendant zur GEMA, die Verwertungsgesellschaft Buma/Stemra, wird, wie man in der „taz“ lesen konnte, gerade von einem Skandal erschüttert. Brein, eine Stiftung „zur Bekämpfung der Piraterie geistigen Eigentums“, bat einen Komponisten, mit einem Musikstück eine Kampagne zu unterstützen (ich lasse die einzelnen Schritte dieses Vorgangs jetzt einmal unkommentiert...). Er komponierte also die Musik für einen Kinospot „zur Warnung vor dem Diebstahl geistigen Eigentums, der laut Vertrag nur einige Male gezeigt werden sollte“. Die Anti-Piraterie-Stiftung allerdings hielt sich nicht an den Vertrag, sondern kaperte das Musikstück für eine DVD und etliche andere Datenträger.Nun bat der Komponist die niederländische Verwertungsgesellschaft Buma/Stemra, deren Mitglied er ist, „die Vertragsverletzung zu klären und die ausstehenden Tantiemen einzutreiben“. Die Buma/Stemra allerdings ignorierte den Fall, bis sich ein Vorstandsmitglied des Rechteverwerters mit dem Vorschlag beim Steuerberater des Komponisten meldete, dieser solle das fragliche Stück an den Musikverlag des Buma/Stemra-Vorstands überschreiben und ein Drittel der zu erwartenden Einnahmen direkt an das Buma/Stemra-Vorstandsmitglied weiterreichen. Allerdings schnitt ein Amsterdamer Radiosender das Telefongespräch mit, und einen Tag nach Ausstrahlung mußte der Buma/Stemra-Vorstand zurücktreten.Die „taz“ faßt zusammen: „Die wegen ihres erbarmungslosen und bisweilen rechtlich zweifelhaften Vorgehens gegen mutmaßliche illegale Downloader und Filesharer sehr unpopuläre Buma/Stemra hat so auch an ihrer Basis, bei den Mitgliedern, deren Rechte sie durchsetzen soll, erheblich an Vertrauen verloren.“ Doch anders als hierzulande, wo die Geschäftspraktiken der sozusagen sehr unpopulären GEMA in der Politik keine Folgen zeigten, regte sich in unserem Nachbarland das Parlament, das das Geschäftsgebaren des Rechteverwerters genauer unter die Lupe nahm. Erste Gesetzentwürfe sehen die Befreiung von Buma/Stemra-Gebühren für gemeinnützige Vereine und eine Begrenzung der Vorstandsgehälter auf maximal 130 Prozent der Bezüge des Ministerpräsidenten vor; ein Gesetzentwurf der niederländischen Regierung, der den Download von Filmen und Musik kriminalisieren sollte, scheiterte am 23.12.2011 im Parlament.Sollten wir die Vorschläge der niederländischen Politik nicht aufnehmen? Wie wäre es mit einer gesetzlich geregelten GEMA-Befreiung für gemeinnützige Vereine, oder auch Kindergärten und Schulen? Und wie wäre es mit einer Deckelung der Gehälter des GEMA-Vorstands? Der Vorstandschef der GEMA, Harald Heker, kommt laut „Spiegel“ auf ein Jahresgehalt von 380.000 Euro. Zum Vergleich: ein Ministerpräsident verdient hierzulande pro Jahr je nach Bundesland zwischen 123.600 und 241.200 Euro, die Bundeskanzlerin kommt auf 226.000 Euro. Während laut Statistik der Künstlersozialkasse das durchschnittliche Jahreseinkommen von Musikern im Jahr 2010 ganze 11.521 Euros betrug...* * *Hierzulande hat die GEMA jedoch die gegenteilige Richtung eingeschlagen: die GEMA-Gebühren, die jeder Konzertveranstalter zu entrichten hat, steigen laut Angaben des „Verbandes der Deutschen Konzertdirektionen“ (VDKD) um mehr als 400 Prozent. Bis zum Jahr 2014 müssen die Konzertveranstalter bis zu zehn Prozent der Konzerteinnahmen an die GEMA abführen, was zwangsläufig ab 2012 zu drastisch erhöhten Ticketpreisen führt. Wie reagiert die GEMA auf die Vorwürfe des VDKD? Die fast 25%ige Anhebung der GEMA-Gebühren für ein Konzert vor 3000 Zuschauern bei einem Ticketpreis von 50 Euro beurteilt der Nürnberger GEMA-Direktor Baier quasi als „Peanuts“, die Erhöhung sei „absolut gesehen nur unerheblich mehr“. Ob der GEMA-Direktor einer knapp 25%igen Gehaltskürzung auch einfach so eben zustimmen würde? Ist ja auch „absolut gesehen nur unerheblich“ weniger...* * *Und nun raten Sie mal, welche Urheber mit welchen Titeln anno 2010 bei der GEMA-Abrechnung ganz vorne lagen. Sie kommen nicht drauf. Platz 1: „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ (Nik P./DJ Ötzi), Platz 2: „Du hast mich tausendmal betrogen“ (Andrea Berg), Platz 3: „Take me home, country roads“ (John Denver), und auf den Plätzen folgen „My Way“ (in verschiedenen Versionen), „New York, New York“, „Lucky Lips“ („Rote Lippen soll man küssen“), „Griechischer Wein“, „The Girl From Ipanema“, „Böhmischer Traum“ und „Über den Wolken“.* * *Der Darling der deutschen Musikindustrie und ihrer Lobbyorganisationen, Siegfried Kauder, hat nach seinem Scheitern als Copyright-Propagandist und -Nutzer ein neues Betätigungsfeld gefunden: nach Angaben des „Spiegel“ hat Kauder nach dem Besuch eines Vorstandsmitgliedes des Verbandes der Deutschen Automatenwirtschaft jetzt „sein Herz für die Glücksspielwirtschaft“ entdeckt. Neuerdings verlangt Kauder, dessen leichte Beeinflußbarkeit wie seine Großspurigkeit bereits der Musikindustrie aufgefallen war, sogar in einem Brief an die Bundeskanzlerin, der Bund solle das Glücksspielwesen selber regeln – er sei „hell entsetzt“, wie versucht werde, private Glücksspielanbieter vom Markt zu drängen.* * *Vor geraumer Zeit haben wir an dieser Stelle bereits darauf hingewiesen, daß es schon drollig ist, daß die Volksbühne als öffentlich finanziertes Haus ausgerechnet einen Tourneeveranstalter zum Kurator ihrer Popkonzerte, den Bock also zum Gärtner gemacht hat. Nun hat dieser Popmusikkurator für das Neujahrskonzert eine Künstlerin gebucht, die er selbst als Tourveranstalter vertritt. Wie man sich die Gagenverhandlung wohl vorstellen darf? Ruft der Kurator den Tourveranstalter, also sich selbst an? Und der Tourveranstalter macht einen Gagenvorschlag, über den der Kurator dann mit sich selber diskutiert? Oder wulfft der Herr sich  quasi gegenseitig auf seine Mailbox?Über dem Bundespräsidenten sein Klinkerhäuserl und wie er das von seinen Bankenspezln oder Geschäftsfreundln finanzieren läßt, regt man sich auf – dabei ist so etwas heutzutage in allen Bereichen längst systemisch.* * *Wie lange bleiben junge Menschen aufmüpfig, bevor sie sich brav in die autoritären Strukturen der Gesellschaft einsortieren? Ein halbes Jahr? Zwei Jahre? Und wie lange hauen deutsche Rapper auf die Kacke? Die harten Berliner Rapper Bushido und Sido, musikalisch unterstützt von Peter Maffay, erklären ihr „Erwachsen sein“ im Jahr 2011 jedenfalls so:„Damals wollt ich draufgeh’n, rausgeh’n und mich rumtreib’n /Heut will ich mit Frauchen in nem Haus leben und gesund bleib’n.“* * *Soll man wirklich noch was zu dem dilettantischen Isnogood im Schloß Bellevue sagen? Nebbich. Allerdings weiß ich auch nicht so recht, worüber sich alle Leute so aufregen. Was der da so treibt, ist doch business as usual. Mir gehts jedenfalls immer und überall so wie dem Bundespräsidenten: Hab ich im Hotel wie üblich das billigste Zimmer gebucht, bietet mir die freundliche Rezeptionistin ein kostenloses Upgrade in eine Suite an – wer das bezahlt hat? Keine Ahnung. Steige ich in einen Flieger, beeilt sich die Stewardess, mir einen kostenlosen Platz in der First Class anzubieten. Wer das bezahlt? Keine Ahnung. Und wenn ich mal irgendwo Urlaub machen möchte, überbieten sich meine Freunde, mir ihre Traumvillen am Strand von Mallorca oder in Florida zur kostenlosen Nutzung anzubieten (nur mag ich leider weder Mallorca noch Florida). Sollte ich ein Buch schreiben, ist da hinten irgendeine Anzeige abgedruckt, und irgendwer hat dem Verleger vorab zwanzigtausend Euro überwiesen, aber keine Ahnung, wie das alles passiert ist. Und wenn ich mal einen Veranstalter bitten muß, ein Konzert um ein paar Tage zu verschieben, dann wulffe ich ihm auf seine Mailbox und drohe ihm mindestens mit „Krieg“. Und ich kenne die Mailboxen aller Chefredakteure aller europäischen Musikmagazine, klar.Nur eines würde ich für kein Geld der Welt machen, auch wenn mich die staatliche Hypothekenbank noch so sehr darum bettelt, mir das mit einem günstigen Kredit ermöglichen zu dürfen: Nie würde ich in ein derart spießiges, dumpfes Klinkerhäuschen ziehen, und mich dann gar davor mit einem Rasenbewässerungsschlauch von der Presse ablichten lassen. Never. Soviel Selbstwertgefühl muß man schon haben, finde ich.* * *Axel Springers „Rolling Stone“ titelt im Februarheft „Revolution jetzt!“, und ich bin fast ein wenig erschrocken, ob ich etwa was verpaßt habe. Aber iwo, schon Tucholsky wußte, daß die Deutschen, wenn sie Revolution machen, erst eine Bahnsteigkarte kaufen, und so kritzeln doch nur die üblichen Verdächtigen des bräsigen Mittelmaßes, von Spiegel’s Matussek bis SPD-Nahles, diesmal die Bahnsteigkarten voll, und weiter hinten im Heft dann eine ganzseitige Anzeige von „axel springer“ mit dem Titel „Ich bin ein Radikaler der Mitte (...) Journalist, Unternehmer, Freiheitskämpfer“ über den Firmengründer, und alles ist wieder im Lot, und man weiß, wie der Titel gemeint ist. * * *Besitzen Sie ein Mobiltelefon? Und verwenden es, anders als der Filmemacher Aki Kaurismäki, nicht nur zum Öffnen von Bierflaschen, sondern auch zum Telefonieren? Dann seien Sie vorsichtig, wenn Sie nach Berlin kommen oder gar in Berlin leben – hier sind Sie als Handybesitzer nämlich prinzipiell verdächtig und werden gerne mal von der Polizei überwacht. Die Berliner Polizei hat in den vergangenen vier Jahren auf der „Jagd“ nach Autobrandstiftern rund 4,2 Millionen Verbindungsdatensätze ausgewertet, meldet die „Berliner Zeitung“. In keinem Fall wurden die Betroffenen informiert. Gut 1,7 Millionen Datensätze sind immer noch nicht gelöscht (nur am Rande: das Bundesverfassungsgericht hat die „Vorratsdatenspeicherung“ ausdrücklich untersagt – aber was schert die deutsche Polizei schon die Verfassung...). Verdächtige wurden durch die massenhafte Telefonüberwachung übrigens nicht ermittelt...* * *"Heute ist Europa eine deutsche Exportkolonie, regiert mit Hilfe eines Juniors, der sich, ein wenig selbstironisch wohl schon, noch immer die Grande Nation nennt. Was ein spanischer Arbeitsloser zu fressen bekommt, ein portugiesischer Lehrer verdient, wann ein Franzose in Rente geht und Irland der Dispo gestrichen wird, wessen öffentliches Eigentum an welchen - deutschen - Kapitalisten zu privatisieren ist, wie lange ein griechischer oder italienischer Ministerpräsident im Amt bleiben darf und von wem er ersetzt werden muß, wer sein Volk nach dessen Meinung fragen und wann er Wahlen abhalten darf, wird in Berlin entschieden und von Hiwis in Brüssel wie dem EU-Ratspräsidenten van Rompuy verkündet."(Hermann L. Gremliza in "Konkret")* * *Eric Pfeil hat es in seinem immer lesenswerten Pop-Tagebuch aufgedeckt: die „Traditionsfirma“ Warner Records (die sich längst in den Fängen eines russischen Oligarchen befindet) hat anläßlich des Karnevals eine Compilation mit Stimmungsmusik herausgebracht unter dem Titel „Karneval Kult Hits“ (heutzutage ist eben wirklich alles immer gleich „Kult“...). Ein Sampler, „auf dem sowohl die Düsseldorfer Post-Punks Fehlfarben als auch die norddeutschen Stimmungs-Großwesire Klaus und Klaus vertreten sind“, also: „Musik kann manchmal doch eine Brücke sein. Manchmal sogar eine Krücke.“ (Eric Pfeil) Wenn Sie wissen wollen, was sonst noch zu den „Karneval Kult Hits“ von Warner zu sagen ist, den die Plattenfirma in gewohnter Eloquenz ankündigt („Es sind alle gekommen, die in Sachen Gute Stimmung was zu sagen haben“), und wer da drauf ist (neben den genannten u.a. auch Boney M, Christian Anders mit seinem Bombenstimmungsknaller „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“), und ob Jochen Diestelmeyer und Leonard Cohen es auch drauf geschafft haben, dann müssen Sie Eric Pfeils Pop-Tagebuch vom 25.Januar 2012 lesen. Es lohnt sich, wie immer!* * *Aus unserer beliebten Reihe „unverlangt eingesandte Künstlerangebote“, wie immer in Originalrechtschreibung und -interpunktion:„Aktuelles Video „geliebt&verletzt“ wird als Single ab dem 15.Januar promotet ( „geiler isses hier“ das war der Song mit dem wir im Sommer 2009 bei einigen Radiosendern Platz1 erreichten, hier in einer Version mit Sinfonieorchester (...) Hier ein Ausschnitt (Coverprogramm) Geburtstagskonzert 2007 im Stadion der Freundschaft (...) A.E. war mal bei uns Sängerin, bevor sie bei den Superstars teilgenommen hat (...) Die zehn Songs bestechen durch unverblümte Sprache und schnörkellose Musik, „schließlich wollen wir uns nicht verbiegen!“. Gemeinsam hat die Band in fast zwei Jahrzehnten 1,2 Millionen Straßenkilometer zurückgelegt und hat am 28.10.2012 (wohlgemerkt, erhalten habe ich diese Mail am 24.1.2012! BS) ihr 2.222. Konzert gegeben. Nun lässt sie ihr neues Album „Narben und Souvenirs“ vom Stapel. Es zeigt einen Steuermann mit seiner Mannschaft, die manch schweren Sturm überstanden hat. Six erweist sich als seetauglich, bereit, auf große Fahrt zu gehen, um auch außerhalb ihres Kernlands Brandenburg Fans zu begeistern. Ihr Kommando lautet: Volle Kraft voraus!“Alles sehr toll, aber eine Frage hab ich doch: wie kann man in seinem Kernland Brandenburg 1,2 Millionen Straßenkilometer zurücklegen? Immer im Kreis gefahren?* * *Daß die modernen Menschen ihre „sogenannte Freiheit im Internet“ (Gillig-Degrave) nutzen, um gegen die amerikanischen Gesetzesvorhaben „Sopa“ und „Pipa“ zu kämpfen, ist den einheimischen Copyright-Cops und ihren medialen Claqueuren natürlich alles andere als recht. Die Unterstützung des umstrittenen Sopa-Gesetzes wurde von den Lobbyisten der US-Unterhaltungsriesen mit enormem Aufwand betrieben, zuletzt drohte ein Vertreter der Lobbyverbände dem Präsidenten mit dem Entzug von Wahlkampfspenden. In den USA ist, anders als hierzulande, öffentlich, welche Firmen einen Gesetzentwurf unterstützen – so hat das Repräsentantenhaus die „List of Supporters: H.R.3261, the Stop Online Piracy Act“, ins Internet gestellt. Und damit für alle, die sich damit beschäftigen wollen, deutlich gemacht, wes Geist das Sopa-Kind ist. Neben den erwartbaren multinationalen Konzernen der Unterhaltungsindustrie, von BMG Chrysalis über CBS, Disney, EMI, Sony Music, Time Warner bis hin zu Universal und Warner finden sich in der Liste auch Konzerne wie Estée Lauder, L’Oreal, der Viagra-Hersteller Pfizer, Revlon, Tiffany & Co oder Visa. Dazu kommen Or
anisationen wie eine „Alliance for Safe Online Pharmacies“, die „American Bankers Association“, die „Christian Music Trade Association“, die „Church Music Publishers’ Association“, ESPN, eine „International Union of Police Associations“, „Let Freedom Ring“, „Major Country Sheriffs“, die „Major League Baseball“, die „National Association of Prosecutor Coordinators“, die „National Football League“ wie die „National Sheriffs’ Association“ oder die „National Troopers Coalition“, das „United States Olympic Comitee“ wie die „United States Tennis Assciation“ oder „Zumba Fitneß“ sowie einige Organisationen der Tea Party-Bewegung. Besonders gefallen unter den Unterstützern des Sopa-Gesetzentwurfs hat mir allerdings eine Organisation oder Firma namens „True Religion Brand Jeans“. True Religion Brand Jeans! Der US-Blogger Bob Lefsetz kommentiert das Rückzugsgefecht der Content-Industrie so: „Let's start with what everybody seems to be interested in, money. What's the best way to make a lot of money? The major labels knew how. They controlled radio and retail, not allowing anybody else to play. And they reaped all the rewards. To this day it's almost impossible to get your record on the radio if you're an indie act, and in the days of physical retail, if you weren't aligned with a major, you could never get paid, no matter how many units you sold. This is the game the content industries are trying to cement in stone with SOPA/PIPA. It's got nothing to do with theft/copyright infringement. That's a smoke screen. They want control. And online, they've lost it.“Aber was die Content-Industrie unterschätzt hat: You don’t mess with the web! Man hätte gedacht, die großen Content-Konzerne hätten das aus der Schlacht mit Napster. Und: „So macht sich der Staat zum Büttel der Verwertungskettenknaller, Autoren, Komponisten und Urheber gehen so oder so leer aus. Wäre schick, die USA hätten ein liberaleres Recht als zum Beispiel China.“ (Friedrich Küppersbusch in der „taz“).Hierzulande gibt es nur ein paar isolierte Ewiggestrige wie die CDU-Bundestagsabgeordneten Heveling und Krings, die dem rabiaten US-amerikanischen Sopa-Gesetzentwurf die Stange halten – und müssen sich vom CDU-Netzpolitiker Kretschmer um die Ohren hauen lassen: „Es ist wie so häufig: Mangelndes Fachwissen führt zu den abstrusesten Vorschlägen.“ Selbst in der CSU sind Sopa-Positionen nicht mehr opportun, die CSU-Politikerin Bär meint, es sei ein „großes Problem“, wenn Internetdienstleister dazu verpflichtet werden sollten, Seiten zu überwachen und zu sperren, die vermeintlich gegen das Urheberrecht verstießen. „Es darf nicht sein, daß bei Urheberrechtsverletzungen der Rechtsschutz ausgehebelt wird und Tatsachen geschaffen werden ohne rechtsstaatliches Verfahren“, schreibt CDU-Kretschmer den Sopa-Fans ins Stammbuch.Nur die hiesigen Haudraufs von Gillig-Degrave („Dicke Schlitten, dralle Weiber“ - die Musikwoche also rechts vom Bayernkurier, sozusagen) bis „Blutbrüdaz“ („Sag mal bist du bescheuert, Alter? Hast du uns beklaut, jetzt? So ne Scheiße, Alter“, und dann Stinkefinger) machen weiter wie eh und je. * * *Die Firma Apple hat im letzten Quartal bei einem Umsatz von über 46 Milliarden Dollar einen Nettogewinn von über 13 Milliarden Dollar erwirtschaftet.Etliche Arbeiter in den chinesischen Fabriken des taiwanesischen Konzerns Foxconn, wo viele Apple-Produkte, aber auch solche von Firmen wie Dell, Nokia, Motorola, Sony, Nintendo oder Hewlett-Packard hergestellt werden, haben zuletzt mit Massenselbstmord gedroht, um gegen die unzumutbaren Arbeitsbedingungen bei Foxconn zu protestieren. Foxconn gilt als der weltgrößte Elektronikhersteller. Noch 2011 hat Apple Foxconn bestätigt, Apples „Supplier Responsibility Report“ komplett zu erfüllen, und Steve Jobs sagte, bei Foxconn würden die Arbeiter in einem „Paradies“ leben mit Kinos, Swimmingpools und Luxus. Im Jahr 2011 war Foxconn bereits aufgrund einer Serie von Selbstmorden unter Druck geraten. Der im letzten Jahr von Foxconn mehrfach angehobene durchschnittliche Monatslohn der 300.000 Arbeiter im Werk in Shenzhen beträgt mittlerweile laut Angaben der 2000 Yuan; das entspricht 244 Euro.Die Wirtschaftszeitschrift „Economist“ geht davon aus, daß die Herstellungskosten zum Beispiel eines iPhones von Apple etwa 178 Dollar betragen, wovon die Herstellungskosten bei Foxconn etwa 7 Dollar kosten (der Löwenanteil geht für Komponenten drauf, die Apple u.a. bei Samsung, Infineon oder Texas Instruments zusammenkauft). Aber irgendwie muß der Quartalsgewinn von 13 Milliarden Dollar ja auch erwirtschaftet werden...* * *Wo aber, Seliger, bleibt das Positive?Hier: Wie die amtliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA via AFP mitteilte, begab es sich zu Berlin-Mitte vor der Botschaft Nordkoreas am Tage nach der Bekanntgabe des Todes von Kim Jong Il: Eine Meise habe eine Stunde vor der Eingangstür ausgeharrt, während eine Pflanze trotz der Winterzeit zu blühen begonnen habe. „Es schien, als ob der Vogel bei der traurigen Nachricht des Dahinscheidens des herausragenden Mannes zu der Trauerstelle flog, um sein Beileid auszudrücken“, während die Pflanze hinwiederum „als Zeichen der Trauer um seinen Tod mitten am kalten Wintertag zu blühen begonnen“ habe.(Die FAZ ergänzt den Satz „Kim Jong-il war am 17.März gestorben“, was nicht allzu wahr ist. Zu dem Bild Nordkoreas in hiesigen Medien kann man Berthold Seligers Beitrag „Pjöngjang im Kaffeesatz“ aus Konkret 11/2010 auf unserer Website unter „Texte“ nachlesen; an gleicher Stelle kann man auch den dreiteiligen Reisebericht aus Nordkorea, aus Konkret 9/2007 - 1/2008, unter den Überschriften „Ein Teddy von der FDJ“, „Im Saal der Tränen“ und „Happiness“ finden. Ich will nicht behaupten, daß man nach einer Woche Nordkorea wirklich viel von dem „katholischsten Land der Erde“ erfahren hat oder eine umfassende Analyse anbieten kann – immerhin aber war unsereiner vor Ort und hat sich eigene Eindrücke verschaffen können, im Gegensatz zu allen Journalisten, die über das Land in allen hiesigen Medien berichten und eben nie dort waren, sondern in Tokio oder Peking sitzen und ihre Berichte aus südkoreanischen Fernsehberichten und nordkoreanischen Agenturmeldungen zusammenschreiben...)

30.01.2012

P.S. Blaue Frau

Damit wir uns nicht mißverstehen: ich will nicht über die Maßen old school und als ewiger Spielverderber erscheinen. Und mir ist dieser nette kleine Flyer eher wurscht. Aber wenn die „taz“ schreibt: „Aus dem übergroßen Angebot (zu Silvesterparties, BS) sei hier die Spacy Stardust Show ausgewählt, vor allem, weil ihr Flyer so schön blau ist und ein sexy Cowgirl zeigt; in ironischer Postgenderpose selbstverständlich und nicht als Sexobjekt, schließlich befinden wir uns in der aufgeklärten Metropole“, dann würd ich das doch gerne näher erklärt bekommen. Ich meine, der erste Satz ist ja völlig o.k. – nettes Blau, sexy Cowgirl, warum nicht. Aber das dann alles mit einem pseudo-intellektuellen Überbau versehen zu müssen, der in seiner Klemmigkeit schon wieder so was von Biedermeier ist – die Sexyness darf eben nur „ironisch“ daherkommen und in vermeintlicher „Postgenderpose“, schließlich befinden wir uns in einer „aufgeklärten Metropole“ – awcmon, ihr Klemmies und Klemmchauvis von der taz, ihr wißt zwar, was ihr sagen müßt in diesen „aufgeklärten“ Zeiten, aber ihr habts dann auch wieder so was von nicht drauf...

04.01.2012

Quatsch

Man muß sich das mal auf der Zunge zergehen lassen. Der
Bundespräsident hält laut „FAZ“ in, ausgerechnet, Kuweit einen Vortrag zur,
ausgerechnet, Pressefreiheit und erklärt den Scheichs, Presse- und
Meinungsfreiheit seien „immer ein Stachel
im Fleisch der Herrschenden und Mächtigen“, am Ende aber seien sie „die beste Grundlage für erfolgreiche
gesellschaftliche Entwicklung“. Dann ruft er nacheinander den Chefredakteur
der Blödzeitung, den Vorstandschef des Springer-Konzerns und sogar die
Verlegerin und Witwe des Konzerngründers, Friede Springer, an, um die
Pressefreiheit zu unterlaufen und einen mißliebigen Artikel über seine dubiosen
Hauskauf-Kredite zu unterbinden.

Und daß ich das noch erleben darf: ein deutscher Bundespräsident
muß sich ausgerechnet von Verlegern des Springer-Konzerns, ausgerechnet von den
Verlegern der Blödzeitung belehren lassen, daß es hierzulande eine „Unabhängigkeit der Redaktion“ gibt,
bzw. daß die Verlegerin „keinen Einfluß
auf ihre Chefredakteure zu nehmen pflege“. Was für eine Welt, Wulff sei
Dank!

21.12.2011

Und Ansonsten 01/2012

Und ansonsten…

Es ist ja auch nicht alles gold, was im kulturellen
Frankreich glänzt. Die meisten Bands, die dieses Jahr fürs renommierte
Transmusicales-Festival in Rennes ausgewählt wurden, waren enttäuschend oder
medioker – umso mehr stachen Acts wie Shabazz Palaces oder Sallie Ford &
The Sound Outside heraus. Was man aber im Programm der Transmusicales unter
anderem lernen konnte, ist etwas, das man hierzulande vergebens suchen wird:
Daß ausführlich über Musik gesprochen wird. Zum Festival gehörte eine Reihe von
Vorträgen, die allesamt ausverkauft waren, und die sich intellektuell mit
Fragen der Musikgeschichte oder der Musikphilosophie beschäftigten, etwa mit
Themen wie „Seltene und historische Instrumente in der zeitgenössischen Musik“,
oder „Orient und Okzident – Kulturschock oder detonierende Hochzeiten“, gefolgt
jeweils von Konzerten wie einem Auftritt einer iranischen Band beim
letztgenannten Thema. Ich habe den sehr sachkundigen und mit tollem
historischen Material (von „Blackface Minstrels Shows“ über Dick Justice’s
„Cocaine“ bis hin zu Townes Van Zandt) 
angereicherten 90minütigen Vortrag von Jérome Rousseaux zum Thema
„Americana“ besucht, gefolgt von einem weiteren Auftritt von Sallie Ford.

Schon interessant, daß bei den die Republik überziehenden
einschlägigen Stadtmarketing-Veranstaltungen hierzulande so viel über
Marketing, aber praktisch gar nicht über Musik geredet wird – von den deutschen
Festivals ganz zu schweigen. Frankreich, du hast es manchmal eben doch
besser...

* * *

Und dann im ausverkauften Saal des „Champs Libres“ gesessen,
und im Rahmen des eben erwähnten Vortrages wurde ein zweieinhalbminütiger Film
eingespielt, der Townes Van Zandt bei einer eindringlichen Version seines Songs
„Waiting Around To Die“ zeigt –

„I got me a
friend at last.

He don’t
drink or steal or cheat or lie,

His name is
codeine.

He’s the
nicest thing I’ve seen.

Together
we’re gonna wait around and die.“ –

und wahrscheinlich haben einige der paar hundert Besucher
ebenso Tränen in den Augen gehabt wie Townes’ Freund Uncle Seymour Washington
in dem Film. Spontaner, starker Applaus, als die Filmeinspielung beendet ist.
Und der Referent kann erstmal nicht weiter sprechen und stammelt etwas von der
Intensität der Aufnahme.

Aber sehen Sie selbst diesen Ausschnitt aus „Heartworn
Highway“ von James Szalapski:

Am 1.Januar ist es fünfzehn Jahre her, daß Townes Van Zandt
gestorben ist. Und es ist wahrscheinlich das Größte, was ich in meiner
Konzertagenten-Karriere tun durfte: die letzten Jahre seines Lebens mit Townes
Van Zandt zusammenzuarbeiten.

* * *

Mit „Sonnenallee“ steht „der erste deutsche Kinofilm
komplett auf Youtube“, wie es die Marketingabteilung in holprigem Deutsch
flüstern läßt und wahrscheinlich etwas anderes sagen wollte...

Jedenfalls: Ein deutscher Kinofilm komplett auf Youtube? Ja,
schon, eigentlich – nur eben (zunächst) nicht für deutsche Nutzer. Die GEMA
nämlich hatte „Sonnenallee“ auf Youtube sperren lassen...

(ist mittlerweile erledigt, und „Sonnenallee“ kann auf
YouTube auch hierzulande angesehen werden – for what it’s worth...)

* * *

Auf Seite 9 der „FAZ“ vom 17.11.2011 erfahren wir unter dem
Titel „In China ist die Armut auf dem Rückzug“, daß das ländliche
Pro-Kopf-Einkommen im vergangenen Jahr in China 5919 Yuan (686 Euro) betrug; in
den Städten waren es 21.033 Yuan (2.437 Euro). Wohlgemerkt: pro Jahr.

Auf Seite 32, im Feuilleton der gleichen Zeitung des
gleichen Tages, erfahren wir, daß Ai Weiwei 8,25 Millionen Yuan auf das Konto
des Pekinger Steueramtes eingezahlt hat. „Er
hat das Geld aus den Spenden, nicht aus dem eigenen Vermögen aufgebracht.“

Es wäre interessant zu erfahren, woher Ai Weiwei diese
Spenden genau erhalten hat. In der westlichen Presse wird gerne das Bild
beschrieben, wie einfache chinesische Bürger das Geld über die Mauer von Ai
Weiweis Anwesen werfen – 8,25 Millionen Yuan? Von städtischen Bürgern, die im
Jahr durchschnittlich 21.033 Yuan verdienen?

* * *

Bei seinem Vortrag im Deutschen Architekturzentrum (DAZ) in
Berlin Mitte November zeigte der Künstler Julius von Bismarck u.a. Fotos einer
Installation in einem Kellergebäude. Auf die Frage, wo dieser Ort sei, sagte
er: „Das ist ein riesiges ehemaliges Brauereigewölbe unter dem Studio von
Olafur Eliasson. Das hat übrigens gerade Ai Weiwei gekauft.“

(Eliasson hat sein Studio im „Pfefferberg“ in Berlin-Mitte,
wo demnächst auch das „BMW Guggenheim Lab“ Station machen wird. Eliasson hat
bereits für BMW Kunst produziert. Das Gelände gilt als einer der teuersten
Kunstareale der Hauptstadt. So hängt eben immer alles mit allem zusammen. Und
jetzt die Preisfrage: mit welchem Geld hat Ai Weiwei den Kauf der teuren
Räumlichkeiten in bester Lage finanziert? Und wer hat für ihn den Kauf
getätigt? Und warum liest man darüber nirgends? Obwohl die deutschen Medien
doch sonst mit solch großer Lust über Ai Weiwei berichten?)

* * *

Es gibt sie noch, die guten Dinge, beim Lieblingszulieferer
der alternativ-konservativen deutschen Mittelschicht, bei Manufaktum. Im
Dezember-Monatsbrief etwa, gleich auf der Titelseite: Eine Uhr, die bei
Manufaktum natürlich nicht profan „Uhr“ heißt, sondern „Chronograph“. Ein
„Stowa Chronograph 1938“ also, „mit geprägtem Bronzezifferblatt“. Aus
Pforzheim. Aus dem Jahr, in dem in Deutschland die Synagogen brannten. Nur echt
mit Bronzezifferblatt.

Dazu trägt der neue deutsche Mann den „hohen Wanderschuh,
zwiegenäht und regulierbar“, „mit doppelter kräftiger Rindleder-Zwischensohle“
(„zäh wie Leder“, Sie erinnern sich?...) von Heschung. „Die 1934 im Elsaß
gegründeten Werkstätten haben sich von Anfang an auf Schuhe für das Wandern und
Jagen spezialisiert.“

* * *

Und wenn der deutsche Bürger dann mit seiner Bronzeuhr 1938
und seinen zähen Wanderschuhen von der Jagd zurück ist, blättert er nicht nur
in Lifestyle-Zeitschriften, die sich „Landlust“ nennen, und legt die „Landlust
Klassik“-CD auf, die er bei „2001“ bestellt hat und die „klassische Klänge für
Stunden des Genießens versammelt“, nein, neuerdings liest er dann auch noch
eine Philosophie-Zeitschrift, denn, wenn erst alle Wanderschuhe und
1938er-Bronzeuhren gekauft und das ganze Haus im Landlust-Sil eingerichtet ist,
dann stellt der Bürger fest, daß doch noch etwas fehlt, und er hat das Gefühl,
er sollte etwas simulieren, was sich gut macht, und bevor er einen eigenen
Gedanken faßt, greift er zur Zeitschrift, die ihm die Denkarbeit massentauglich
abnimmt.

Dort wird der Bürger dann vielleicht auch einem Peter
Sloterdijk begegnen, der in dem Land, in dem „Bild“ als Zeitung gilt, als
Philosoph durch die Medien geistert (die Franzosen haben Philosophen wie Badiou
oder Rancierre, wir haben Leute wie Sloterdijk – aber bekanntlich haben laut
Walter Benjamin ja alle „das Leben, das sie verdienen“, haben wirs also nicht
besser verdient...). Eben dieser Sloterdijk hat unlängst Rudolf Steiner als
„großen Reformer“ und als „aktuellen Ideengeber für eine Zeit der Krisen“
gewürdigt und behauptet, Steiner ermögliche eine Koexistenz der Menschen auf
dem Planeten.

Wie Rudolf Steiner sich das konkret vorgestellt hat, zeigt
sich etwa in seinen Vorstellungen über Menschen in Afrika: „Sehen wir uns zunächst die Schwarzen in Afrika an. Diese Schwarzen in
Afrika haben die Eigentümlichkeit, daß sie alles Licht und alle Wärme im
Weltenraum aufsaugen. Sie nehmen das auf. Und dieses Licht und diese Wärme im
Weltenraum, die kann nicht durch den ganzen Körper durchgehen, weil ja der
Mensch immer ein Mensch ist, selbst wenn er ein Schwarzer ist (...) Im Neger
wird da drinnen fortwährend richtig gekocht, und dasjenige, was dieses Feuer
schürt, das ist das Hinterhirn. (...) Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist
die am Geiste schaffende Rasse.“

Ein großer Reformer fürwahr. Fast so groß wie der andere
große Lieblingsreformer der Deutschen, dieser Sarrazin. Womit sich der bronzene
Kreis irgendwie im Jahr 1938 schließt.

* * *

Wie großartig es ist, daß der VUT die Firma „media control“
mit der Erhebung eigener „Independent“-Charts beauftragt hat, die die
Musikwoche exklusiv abdrucken darf, zeigt sich wieder einmal im November dieses
Jahres – denn nur dank der von diesem sich fast wie ein falschrum
hingeschriebener „TÜV“ lesenden Verein veröffentlichten „Musikwoche Top 20
Independent“-Charts haben so unbekannte Künstler wie Adele, Kool Savas, noch
mal Adele, Die Toten Hosen, Tom Waits, Hubert von Goisern, noch mal Adele, Deep
Purple, Slash oder Motörhead endlich mal die Gelegenheit, auch in irgendwelchen
Charts genannt zu werden, wo sie doch sonst nie nicht in irgendwelchen Charts
vorkommen. Nicht zu vergessen die sicher sehr trostreiche CD namens „Die 30
besten Weihnachts- und Winterlieder“, die unmittelbar hinter Slash, Motörhead
und dem ebenfalls in Mainstream-Charts noch nie vorgekommenem Noel Gallagher
Platz 20 der aktuellen Musikwochen-VUT-Indie-Charts zieren.

Wie sagten die VUT-Funktionäre doch seinerzeit bei der
Vorstellung ihrer Indie-Charts? Diese würden „der Vielfalt nützen“ und „der
Kultur helfen“. Ah ja.

* * *

Ehrlich: das Schmierentheater um des Bundespräsidenten sein
Kredit geht einem schon ein bisserl auf den Keks, oder? Wir sind doch alle
keine heurigen Hasen und wissen, wie geschmiert die Politik läuft, und wie sich
die Wirtschaft die Politik kauft, also... aber Sie werden sehen, er wird eh
zurücktreten. Oder auch nicht. Was letztlich so viel oder so wenig ändert wie
die Frage, ob Claudia Roth die Christmette im Allgäu oder im Berliner Dom
besuchen wird.

Aber: was mir wirklich gefallen hat, war die Begründung des
Unternehmers Egon Geerkens, warum er oder seine Frau dem damaligen Minister-
und heutigen Bundespräsidenten 500.000 Euro geliehen hat: „Der Christian mußte
sein Leben neu ordnen.“

Klasse, oder?

Also, wenn Sie mal wieder Ihr Leben neu ordnen müssen und
dazu eine schlappe halbe Million brauchen, wissen Sie jetzt, an wen Sie sich
wenden können. Und Sie wollen in Urlaub fahren? Lassen Sie sich doch, anstatt
wie bisher ins Reisebüro Ihrer Wahl zu gehen, vom Bundespräsidialamt die Liste in
Frage kommender Reise-Sponsoren schenken. Herr Wulff wird Ihnen gerne
behilflich sein. Vielleicht gibt er Ihnen in seiner Weihnachtsansprache bereits
einige Tips, wie Sie beim Verreisen Geld sparen können.

* * *

In kleinerer Münze denken Berliner Junglehrer, aber ich
finde deren Verhalten noch um einiges degoutanter als das des sein Leben neu
ordnenden Mannes im Schloß Bellevue. Viele junge Lehrer wollen nämlich Berlin
verlassen, weil sie den Beamtenstatus fordern, den der Berliner Senat für
Lehrer aber abgeschafft hat. „Angestellte
Junglehrer an etlichen Schulen haben inzwischen sogenannte Freistellungsanträge
gestellt, damit sie Berlin verlassen und in andere Bundesländer wechseln
können. Denn dort werden sie verbeamtet und verdienen dadurch mindestens 500
Euro netto mehr, weil vom Beamtengehalt keine Sozialabgaben abgehen“,
meldet die „Berliner Zeitung“.

Ein Torsten Ulrich von einer „Junglehrer-Initiative“ namens
„Verbeamtung jetzt!“ sagt: „Wer da in Berlin bleibt, fühlt sich betrogen“. Mal
jenseits der sehr verqueren Logik, und mal jenseits der Tatsache, daß es völlig
bescheuert ist, daß heutzutage überhaupt noch Lehrer in irgendwelchen
Bundesländern den Beamtenstatus erhalten – der Berliner Senat hatte, um den
„Nachteil“ auszugleichen, daß Berliner Junglehrer nicht mehr verbeamtet werden,
2009 sogar beschlossen, daß neu angestellte Lehrer sofort in die höchste (!)
Gehaltsstufe aufsteigen. Ein angestellter Gymnasiallehrer erhält knapp 4.300
Euro brutto. Das scheint vielen Junglehrer aber nicht auszureichen, sie wollen,
daß sie verbeamtet werden, daß sie also noch mehr netto vom brutto erhalten und
die Steuerzahler für ihre Pensionen aufkommen.

Und während immer mehr Arbeitsverhältnisse junger Menschen
befristet oder prekär oder ohne Tarifbindung sind, während die Junglehrer an
den Schulen mit wesentlich schlechter bezahlten HorterzieherInnen und
Vertretungslehrern (die auf Honorarbasis bezahlt werden) zusammenarbeiten,
kämpfen sie nicht etwa für gerechtere Bezahlung aller Beschäftigten oder für bessere Arbeitsbedingungen, nein, die
Junglehrer kämpfen für mehr Privilegien.

Wenn Sie mich fragen – solchen egoistischen Lehrerinnen und
Lehrern, die bei bereits sehr gutem Verdienst nur ihren eigenen Vorteil
zulasten der Gesellschaft im Sinn haben, sollte grundsätzlich die
Lehrberechtigung entzogen werden. Oder wollen Sie, daß Ihre Kinder von
schnöseligen Junglehrern unterrichtet werden, die nur ihren Beamtenstatus im
Kopf haben?

* * *

Dazu paßt die Bewertung von Arbeiterkindern durch die
Lehrer: Wie eine Studie der Vodafone-Stiftung ergeben hat, haben es
Arbeiterkinder an deutschen Schulen schwer. Auch wenn sie gleiche Leistungen
bringen wie ihre Mitschüler aus bessergestellten Familien, bekommen sie
schlechtere Noten. Kinder aus Akademikerfamilien werden durchweg weniger streng
benotet. Ungerecht geht es vor allem beim Übergang auf die weiterführenden
Schulen zu. Am Ende der Grundschule entscheiden Lehrer über den weiteren Weg
ihrer Schüler. Doch nur zur Hälfte läßt sich die schlechtere Empfehlung des
Grundschullehrers nach dieser Studie laut „Berliner Zeitung“ tatsächlich mit
der Leistung des Schülers erklären. Ein Viertel werde dagegen durch die
Schichtzugehörigkeit beeinflußt, weil Lehrer die soziale Herkunft bei der
Benotung mitdenken. Hinzu kommen die höheren Bildungsambitionen der
Akademikereltern und finanzielle Schwierigkeiten bei den Eltern.

Der Studie zufolge könnte sich der Anteil von
Arbeiterkindern, die ein Gymnasium besuchen, von derzeit 19,2 Prozent auf 28,5
Prozent erhöhen, wenn Lehrer sie bei gleicher Leistung auch gleich benoten
würden wie ihre Klassenkameraden aus bessergestellten Familien.

(„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. (...) Niemand
darf wegen seiner (...) Herkunft (...) benachteiligt werden.“ Art. 3 des
Grundgesetzes. Alle Menschen sind gleich. Nur manche sind hierzulande eben
etwas gleicher...)

* * *

„Hey, Tim
Bendzko, Clueso, Johannes Strate, Philipp Poisel und wie Ihr ebenso
vermurmelten wie uniformen Dreitagebartbübchen mit Euren Lagerfeuer-Schlagern
alle heißt: Könnt Ihr Euch nicht vom Goethe-Institut ganz lange irgendwohin
schicken lassen, um der Welt etwas über die Schrecken der deutschen Sprache
beizubringen?? Beispielsweise könntet Ihr interessierten
Nicht-Deutschsprachlern die Wichtigkeit der Vokabel „Irgendwie" für die
deutsche Sprache beibringen. Ihr könnt aber auch gerne einen lebenslangen
Interrail-Urlaub draus machen.“

Eric Pfeil in seinem ohnehin immer lesenswerten Blog „Das
Pop-Tagebuch“

(und: wollen wir Casper nicht gleich mitverschicken per
Goethe-Institut oder Interrail? „Lieber
gestanden arm sterben, als reich leben auf Knien“ – was
ja so ziemlich die realistischste Alternative in diesem Land ist, nicht? Wo
alle Reichen bekanntlich auf Knien herumrutschen...)

* * *

Laut „Spiegel Online“ wurden ausgerechnet einige der größten
Kämpfer gegen Unrecht und Piraterie, nämlich das amerikanische Ministerium für
Heimatschutz (DHS) und der US-Musikverband RIAA, dabei erwischt,
urheberrechtlich geschützte Daten mit Hilfe des Tauschprotokolls BitTorrent
heruntergeladen zu haben. Auch bei Sony, Universal und Fox wurden Filesharer
gefunden.

Sogar im Elysee-Palast des französischen Präsidenten
Sarkozy, der das „Hadopi“-Gesetz mit drastischen Strafen für die sogenannte
Internet-Piraterie eingeführt hat, haben diesen Daten zufolge etliche
Mitarbeiter unerlaubt Daten aus dem Netz gesaugt. Ob Sarkozy auch in eigener
Sache sein Hadopi-Gesetz anwendet? Ob der Elysee-Palast überhaupt noch Internet
hat?

* * *

Und nu? Weihnachten oder nicht Weihnachten?

Die neu-bürgerliche Antwort auf diese Frage geht so: man ist
nicht einverstanden, daß Weihnachten so eine riesige Konsumveranstaltung
geworden ist, aber man solle sich doch auf die „wirklichen Werte“
zurückbesinnen, „the real thing“ eben, handgemachte Geschenke,
Weihnachtsoratorium in der Kirche, Christmette, selbstgebackenes Zeugs und so –
dann sei Weihnachten schon wichtig und richtig.

Sie können es also so denken wie ich: Weihnachten sollte
abgeschafft werden!

Sie können aber auch so argumentieren wie die „grüne Gurke“
Claudia Roth: „Wer wie ich im Allgäuer Alpenvorland groß geworden ist, hat
Weihnachten im Blut und das Christkind im Herzen! Und das lasse ich mir auch
von meinen sogenannten linken Freuden (wahrscheinlich ein Tippfehler und sollte
wohl „Freunden“ heißen, BS) nicht nehmen, die zu Nikolaus bloß einen alten
linken Stiefel vor die Tür stellen und den Adventskranz als Spießergebilde
geißeln.“ Sagte die Grünen-Politikerin diesmal nicht in der „Bunten“, sondern
in der „taz“.

Ob Sie nun Lebkuchen im Blut haben oder nicht – machen Sie
doch, was Sie wollen!

Wir wünschen Ihnen jedenfalls so oder so eine gute Zeit,
viel Glück, schöne Gesundheit und täglich zunehmende Lebensfreude im neuen
Jahr! Bei unseren Künstlern, den meisten Veranstaltern, bei unseren
Geschäftspartnern und so manchen Medienpartnern (grins) bedanken wir uns für
die gute Zusammenarbeit; bei den BesucherInnen unserer Konzerte bedanken wir
uns aufs Herzlichste, daß sie da waren – wir wissen das alles sehr zu schätzen,
glauben Sie uns!

30.11.2011

Und Ansonstern 30.11.2011

Tut mir wirklich leid, liebes geschätztes Feuilleton der
„Berliner Zeitung“, aber: das interessantere, aufschlußreichere,
„investigativere“ Bushido-Interview hat, man höre und staune: die „Bunte“
gemacht.

Wir erinnern uns: letzten Monat unterhielt sich die
„Berliner Zeitung“ auf etwa einer halben Seite mit Bushido über ein Album, das
die Journalisten noch nicht gehört hatten, weil es keine
Vorab-Besprechungsexemplare gegeben hatte. Im November nun, am Tag, als dem
frauenfeindlichen und homophoben Rapper („Ihr Tunten werdet vergast“) ein
Burda-Bambi dafür verliehen wurde, daß sich Bushido „gegen Gewalt und für ein
respektvolles Miteinander einsetzen“ würde, erschien in der Burda-„Bunten“ ein
entlarvendes Interview mit Bushido, das den Rapper als das bloßstellt, was er
wirklich ist: als einen reaktionären Spießer.

„Meine Mutter wird
durchdrehen vor Freude, denn diese Gala sieht sie sich immer im Fernsehen an“,
teilte der mit seiner Mutter zusammenlebende 33jährige Bushido mit, als er auf
seinen „Bambi Integration“ und die Übertragung der Werbeveranstaltung im
Staatsfernsehen angesprochen wurde.

Und wie versteht Bambi Bushido Integration? „Ich war immer schon der Meinung: Wer hier
in Deutschland lebt, muß sich assimilieren. Ich wollte nie ein Fremdkörper in
Deutschland sein und diese Haltung verlange ich auch von der Familie und den
Freunden.“

Aber wurde denn in Bushidos Familie immer nur Deutsch
gesprochen, fragt „Bunte“?

„Nein (...) Vormittags
ging ich in die deutsche Grundschule und aufs Gymnasium, nachmittags in die
Koranschule. Mein Bruder studiert inzwischen hier, der ist ebenfalls
topintegriert. Ich finde, daß jeder, der die großen Vorzüge des deutschen
Sozialstaates genießen will, sich auch hier einfügen und die Sprache perfekt
sprechen muß. (...) Deutschland hat zu lange Rücksicht genommen auf seine
ausländischen Gäste und einen Schmusekurs gefahren, der nur Probleme gebracht
hat. (...) Auf der Berliner Sonnenallee spricht kein Mensch Deutsch und das
Kottbusser Tor heißt nur noch Klein-Istanbul und kein Deutscher traut sich da
hin. Das ist doch Wahnsinn! Die Kinder meiner Freunde gehen auf Privatschulen,
damit sie ordentlich Deutsch lernen.“

Wer so deutsche Stammtischparolen nachplappern kann, dem
attestiert die „Bunte“ prompt: „Längst
ist Bushido in der deutschen Gesellschaft komplett integriert“.

Weil sich kein Deutscher zum Kottbusser Tor traut, wohnt
Bushido mit seiner Mutter in einem „Berliner
Nobelviertel“. „Dort leben nur wenige
Ausländer“, stellt die „Bunte“ fest:

„Ja, meine Kumpel und
ich sind so ziemlich die einzigen. Seit vier Monaten leben auch meine Freundin
und ihr neunjähriger Sohn bei mir im Haus.“

Und wie kam es dazu, daß seine 29jährige Freundin zu ihm
zog? Bambi Bushido erweist sich als Mann alter Schule:

„Zuvor mußte ich
allerdings erst ihren Papa kennenlernen und ihn offiziell um Erlaubnis fragen.“

Und wie verwöhnt Bushido die Frauen um ihn, also seine
Freundin, seine Mutter und die Mutter seiner Freundin? „Neulich waren alle drei Frauen bei uns zu Hause und das war einfach
nur schön. (...) Als ich später in der Stadt war, bin ich zufällig an einem Gucci-Laden
vorbeigekommen und habe für jede eine Tasche gekauft. Einfach so. Die haben
mich alle drei niedergeknutscht.“

Top integriert eben.

* * *

Was dem einen Plappermaul seine „Bunte“, ist dem anderen
Plappermäulchen sein „Spiegel“. Eine Thea Dorn („Ihren Künstlernamen hat sie in
Anspielung auf den Philosophen Theodor W. Adorno gewählt“, erfahren wir auf
Wikipedia, und Adorno ist tot und kann sich nicht wehren...),
„Schriftstellerin, Dramaturgin und Fernsehmoderatorin“, hat ein Buch mit dem
Titel „Die deutsche Seele“ mitgeschrieben, und der „Spiegel“ hat ihr Raum für
Selbstpromotion im Rahmen eines Interviews zur Verfügung gestellt. Weil der
„Spiegel“ der „Spiegel“ ist, fragt er: „Seit
der NS-Zeit finden die meisten Deutschen es vielleicht unangemessen, über ihre
guten Seiten nachzudenken.“

Woraufhin Thea Dorn antwortet:

„Das ist verständlich,
und ich selbst bin ja auch in diesem Geist aufgewachsen. Natürlich gab es diese
zwölf verbrecherischen Jahre, aber die deutsche Geschichte erschöpft sich nicht
darin. Das Wissen um unsere reiche Kultur droht verlorenzugehen. Wir leben in
einem Zustand heiterer Gedankenlosigkeit und Ratlosigkeit.“

Sehr schön, dieses „zwölf verbrecherische Jahre“. Natürlich
gab es sie. Sie kamen irgendwie über uns – so, wie Frau quasi ihre Tage
bekommt, hatte der Deutsche als solcher eben seine „zwölf verbrecherischen
Jahre“...

Aber was will man von einer Schriftstellerin erwarten, die
von sich als „ich selbst“ spricht, außer heiterer Gedankenlosigkeit (im
Wortsinn). Früher hat nicht jeder, der bescheuertes Zeugs plappern kann, gleich
ein „Spiegel“-Interview bekommen... Aber vielleicht kann Burda sich ja erbarmen
und Thea Dorn nächstes Jahr einen Ehren-Bambi für heitere Ahnungslosigkeit
verleihen, Liveübertragung im Staatsfernsehen inbegriffen (Staatsfernsehen ist
das, wo ein anderer heiter Ahnungsloser namens Guido Knopp als Historiker
rumläuft).

* * *

Nun gut, ich gebe zu: Ich habe mich getäuscht. Ich hatte
nicht erwartet, daß der Mann, der über Wasser gehen kann, schon so bald wieder
in den hiesigen Medien auftaucht. Ich hatte ihn erst in circa drei Jahren
erwartet, auferstanden von den Toten. Nun aber kommt er, der Blödzeitung des
deutschen Mittelstands, also der „Zeit“ sei Dank, schon jetzt über uns. Und
wie.

Ein Giovanni di Lorenzo, den naive Gemüter immer noch für
einen „Journalisten“ halten, macht den bezahlten Stichwortgeber und hat dem
Karl-Theodor zu Guttenberg sozusagen sein neues Buch geschrieben. Und weil sie
eben alle nur Teil eines Vermarktungsbusiness sind, titeln Blödzeitung (das
Original) und „Zeit“ (die Kopie) unisono vom Buch des Karl-Theodor, für das ihn
der „Zeit“-Chefredakteur interviewt hat. Und im „Dossier“ der „Zeit“ gibt es,
standesgemäß, den mehrseitigen Vorabdruck, und das just kurz nachdem die
bairische Staatsanwaltschaft das Strafverfahren gegen Guttenberg gegen die
Zahlung einer 20.000 Euro-Spende an eine wohltätige Institution eingestellt hat
– läuft alles wie geschmiert, gelt?

Di Lorenzo dackelt und stichwortelt wie ein unterwürfiger
Reitbursche, den „Zeit“-Lesern dagegen wird die „Steigbügelhalterei“ (Niggemeier) als ein „Streitgespräch“ verkauft
– aber wahrscheinlich hält Di Lorenzo einen Satz wie „In Ihr Gesicht schleicht sich hin und wieder ein harter Zug ein“
schon für Majestätsbeleidigung, ähem, also, für kritischen Journalismus halt.

Interessant auch Guttenbergs „vorerst gescheitert“, das man ja auch anders lesen kann: nämlich
so, als ob der Mann, der über Wasser gehen kann, mit seinen Betrügereien nur
fürs Erste gescheitert sei, aber fest damit rechne, mit den Betrügereien beim
nächsten Mal durchzukommen.

Und so dürfte ein Politiker, von dem keine einzige
bedenkenswerte politische Idee, keine einzige politische Tat in Erinnerung
geblieben ist, nächstes Jahr wie Bushido den Bambi derer erhalten, die „eine
zweite Chance verdient“ haben. Burdas „Bunte“ jubiliert bereits heute auf der
Titelseite: „Die Guttenbergs: Sie kommen
zurück.“ Noch sind wir nicht verloren.

* * * 

Schöne Sätze sprechen auch andere Leute:

„Bei der
Leadgenerierung beziehungsweise Fangewinnung verschiebt sich der Anteil
deutlich von Paid auf Earned und Owned Media.“

So ein Florian Steps, „Leiter Direct & Digital“ im
Marketing von Vodafone Deutschland.

* * *

Und wenn die Sonntagsredner der politischen Parteien und die
Tagungen ihrer Stiftungen und all der Tutzinger und sonstigen Akademien mal
wieder über die Gründe der Politikverdrossenheit der Bürger reden und rätseln –
ich wüßte da ein paar Gründe, warum die Bürger mit ihren Politikern nichts mehr
zu tun haben wollen... Zwei davon standen Ende November an zwei
aufeinanderfolgenden Tagen auf der Titelseite der „Berliner Zeitung“:

An einem Tag ging es um „Strombonus
für Industriekonzerne“ – „klammheimlich
hat die schwarz-gelbe Bundesregierung die Industrie und wenige andere Stromsonderkunden
um eine Milliardensumme entlastet und die Kosten den Kleinverbrauchern
aufgebürdet“, der Energieexperte des Verbraucherschutzverbandes VZBV
spricht von einer „einmaligen
Schweinerei, die Industrie massiv zu entlasten und allein die Kleinverbraucher
die Zeche zahlen zu lassen“.

Anderntags dann erfahren wir: „Riestern rentiert sich nicht“, jedenfalls nicht für die Sparer –
die müßten nach einer DIW-Studie steinalt werden, um von der Anlage zu
profitieren. „Die Riester-Rente, benannt
nach dem damaligen Arbeitsminister Walter Riester (SPD), wurde 2011 von der
damaligen rot-grünen Bundesregierung eingeführt. Die Anlageform steht heftig in
der Kritik – auch wegen angeblich enger Kontakte rot-grüner Politiker zu
Anbietern der Sparform“, heißt es in der „Berliner Zeitung“. Eine
35-jährige Frau, die 2011 eine Riester-Versicherung abgeschlossen hat, muß 78
Jahre alt werden, damit sie überhaupt nur die eingezahlten Beiträge wieder
zurückbekommt. Um auf eine garantierte Rendite von 2,5% zu kommen, müßte sie gar
90 Jahre alt werden. Und wenn die Frau heute einen Riester-Vertrag abschließen
würde, müßte sie sogar 110 Jahre alt werden, um eine Rendite von 2,5% zu
erzielen.

Rentiert hat sich „Riestern“ dagegen für die Konzerne der
Finanz- und Versicherungswirtschaft, für die an der Umstellung beteiligten
Wissenschaftler und für viele Politiker. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete
und Publizist Albrtecht Müller konstatiert: „Die
Zerstörung der gesetzlichen Rente zugunsten einer privaten Altersvorsorge ist
ein heutzutage leider typischer Fall von politischer Korruption.“

Die Bürger haben ein recht feines Gespür dafür, wann sie von
den Regierenden verarscht werden...

* * *

Und was sagt Jan Delay, einer der kommerziell
erfolgreichsten deutschen Popstars, zu Urheberrecht und den „illegalen
Downloads“? Das (in Originalgrammatik und -interpunktion):

„Im letzten jahr hat
es 800.000 (!) abmahnungsverfahren wg. Illegalen downloads gegeben. Heißt:
windige anwälte beschäftigen billiglöhner, die den ganzen tag nix anderes tun
als ip-adressen von illegalen saugern aufzuschreiben um diese mit einem
bußgeldbescheid von durchschnittlich 1500 euro abzumahnen und mit
Gerichtsverfaren zu drohen falls nicht gezahlt wird. Heraus kommt das stolze
sümmchen von 1,2 Milliarden (!!), welches unter den anwälten und den
plattenfirmen gesplittet wird, die künstler sehen davon nix! Das sind alles
miese schweine!! Saugt bitte alle ruhig weiter, und laßt euch nicht erwischen!
Kein peer 2 peer!! Und wenn es Künstler gibt, die ihr schätzt und die sich den
arsch aufreißen um gute platten zu machen: bitte supported sie!!“ (Quelle:
Jan Delays Facebook-Seite)

Mal abgesehen von der auf mehreren Ebenen etwas kruden
Argumentation: nach geltendem Verständnis der Musikindustrie dürfte diese
Aussage ein Fall für die Copyright-Cops sein. Gorny und Chung, übernehmen Sie!

* * *

„Pop ist tot

Denn böse Menschen
kaufen keine Lieder

Sie laden nur
darnieder“

(„Die Türen“)

(wirklich tolles kleines Buch zum Albumrelease übrigens)

* * *

Und was tut sich sonst so an der Urheberrechtsfront? Ein
paar Ausschnitte der Debatten der letzten paar Wochen:

„Das geltende
Urheberrecht schanzt Verlagen Vorteile zu Lasten der Forscher zu. Sie bezahlen
fürs Publizieren und müssen die wichtigsten Rechte abtreten“, berichtet die
altehrwürdige konservative „FAZ“.

Wie auf „Spiegel Online“ zu lesen war, wollen „US-Copyright-Cops weltweit zugreifen –
Websperre, Zahlungsstopp, Beschlagnahmung – neue US-Gesetze sollen die Jagd auf
Raubkopierer erleichtern. Die amerikanische Justiz erklärt damit die ganze Welt
zu ihrem Hoheitsgebiet: Sie will sogar einen Briten in den USA anklagen, der
nach heimischem Recht legal gehandelt hat.“

Und nun kritisiert sogar die EU-Kommissarin für die Digitale
Agenda, Neelie Kroses, das aktuelle Urheberrechtssystem, das „kaum dafür geeignet“ sei, „den rechtlichen, kulturellen und
wirtschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden“. Es dürfe nicht darum
gehen, „bestimmte Geschäftsmodelle
festzuschreiben“. Vielmehr müsse „die
EU einen intelligenten Rahmen schaffen, der möglichst vielen verschiedenen
Geschäftsmodellen zur Blüte verhelfen“ könne. Das Urheberrecht sei „zwar wichtig“, man dürfe sich aber „nicht allein darauf konzentrieren“.
Viel wichtiger sei es, „ein System zur
Anerkennung und Vergütung kreativer Leistungen zu schaffen, das den Künstler in
den Mittelpunkt rückt“, berichtet die „Musikwoche“.

Die "Berliner Zeitung" kommentiert den Beschluß
des "Grünen"-Parteitages zum Urheberrecht und die gebetsmühlenhaften
Proteste z.B. des Deutschen Kulturrates so: "Die
Wirtschaftslobby hatte im Vorfeld kräftig dagegen getrommelt (...) Daß es bei
dem ethisch anspruchsvoll formulierten Protest auch um das einträgliche und
keineswegs nur kunstförderliche Vermarktungsmonopol der Kulturindustrie ging,
wurde von den Lobbyisten huldvoll verschwiegen. (...) Einfach auf seinem
Monopol bestehen und ansonsten die Preise erhöhen, ging schon bei der
Musikindustrie schief..."

Nur der „Parlamentskorrespondent“ der „taz“, Daniel Bax, hat
mal wieder nichts kapiert: Als „Flop des
Jahres“ bezeichnet Bax die „Ablehnung
des Urheberrechts. Die Musikindustrie darbt, aber es gibt Leute, die behaupten,
es ginge auch ohne Urheberrecht. Künstler können so wenig allein von Auftritten
leben wie Journalisten vom Internet“. Brillant argumentiert. Fehlt nur
noch, daß sich nach Bax auch noch Dax zum Urheberrecht äußert...

* * *

„Rockmusik ist
Mißbrauch von Heeresgerät.“ (Friedrich Kittler)

* * *

Deutscher Dreisatz:

„Im Paradies würde ich
vor Langeweile sterben.“ (Wolf Biermann im „Zeit“-Interview).

Ich würde in einem Konzert von Wolf Biermann vor Langeweile
sterben.

Ist ein Konzert von Wolf Biermann jetzt also das Paradies?
Oder das Paradies ein Konzert von Wolf Biermann?

* * *

55.000.000.000 Euro.

Fünfundfünfzig Milliarden.

55 Milliarden Euro hat die Bundesregierung mal eben so
„übersehen“. Bei der „Bad Bank“ der früheren Hypo Real Estate hat es
Fehlbuchungen in dieser Höhe gegeben, beim Handel mit den riskanten Derivaten
wurde versäumt, Forderungen (sprich Guthaben) mit den Schulden zu verrechnen.
Der größte Buchungsfehler der Wirtschaftsgeschichte ist höchst peinlich für die
Bundesregierung. Wie kann es sein, daß sich der Staat um 55 Milliarden Euro
verrechnet, und es niemandem auffällt?

Der gesamte Bundeshaushalt beträgt 2012 etwas mehr als 300
Milliarden Euro – mehr als ein Sechstel des ganzen Bundeshaushalts also wird
mal eben vom Finanzministerium „übersehen“?

55.000.000.000 Euro übersehen?

Ein Tausendstel dieser Summe sind immer noch 50 Millionen!
Ein Hunderttausendstel dieser Summe sind immer noch 500.000 Euro. Und selbst
ein Zehnmillionstel dieser Summe wäre mir auf meinem Betriebskonto
aufgefallen...

Und während in jeder Firma jeder Buchhalter und Controller,
der ein Millionstel dieser Summe übersehen hätte, ernste Konsequenzen zu
befürchten hätte, geschieht bei der Bundesregierung natürlich nichts.

55.000.000.000.

Solchen Leuten traut man doch sofort die wirtschaftliche
„Rettung“ Europas zu, oder?

* * *

Nun gut, plötzlich entschuldigen sich alle Politiker bei den
Türken für die Morde der jahrelang unbehelligt und quasi unter
Verfassungsschutz-Aufsicht durch die Lande ziehenden Nazi-Terroristen: der
Bundestag. Der Bundespräsident. Der SPD-Vorsitzende Gabriel. Die Medien, die
über ein Jahrzehnt lang von „Döner-Morden“ geredet haben und über mutmaßliche
Drahtzieher bei unseren „ausländischen Mitbürgern“.

Das tönte jahrelang ganz anders. Der SPD-Innenminister
Schily etwa hatte einen Tag nach dem Kölner „Nagelbombenattentat“ die Erklärung
parat, nichts deute auf einen terroristischen oder Neonazi-Hintergrund der Tat
hin, eher handele es sich um eine Tat „im
kriminellen Milieu“. Und der „schlimmste
Nadelstreifenrassist der deutschen Nachkriegsgeschichte“ (Mely Kiyak)
Sarrazin ist immer noch Mitglied der Partei Gabriels und Schilys und hat ein
Buch veröffentlicht, das in der sogenannten Mitte der Gesellschaft
millionenfach verbreitet wurde und eines der erfolgreichsten Sachbücher aller
Zeiten hierzulande wurde.

Rassismus aus und in der Mitte der Gesellschaft eben. Wer
nur mit dem Zeigefinger auf Behörden und Verfassungsschutz zeigt, macht es sich
zu einfach. Leider.

* * *Wie darf man den Kauf der EMI durch Universal Music und Sony
denn nun werten? O.k., die Banker der Citigroup wollten sich nicht mehr
langfristig im Musikgeschäft engagieren und haben EMI Music abgestoßen, nachdem
der Konzern bereits 1979 vom Mischkonzern Thorn Electrical gekauft und auf
einen „konservativ-profitorientierten
Kurs getrimmt“ (Jens Balzer) und nach dem Börsengang 1996 im Jahr 2007 vom
Private Equity-Investor Guy Hands übernommen wurde. Und der russische Oligarch
Len Blavatnik, der im März 2011 bereits Warner Music gekauft hatte, wurde vom
Vivendi-Konzern (dem Universal Music gehört) überraschend überboten.

Also, damit wir das mal klarkriegen: Bei den Tonträgerfirmen
verfügt Universal Music weltweit über 28,7% Marktanteile, hinzu kommen 10,2%
der gerade erworbenen EMI Music – bedeutet also 38,9% Weltmarktanteile in der
Hand eines Konzerns, der Vivendi. Sony Music hat weitere 23% Marktanteile,
Warner Music (im Besitz des russischen Multimilliardärs) 14,9%. Insgesamt
verfügen nun also nur noch drei statt vier multinationale Konzerne über knapp
77% der Weltmarktanteile des Tonträgergeschäfts.

Bei den Musikverlagen sieht es ähnlich aus: dort verfügen
Sony/ATV über 12,5% der Weltmarktanteile, die an Rechten reiche EMI Music
Publishing über 19,7%, zusammen sind sie nun mit 32,2% der Weltmarktführer
unter den Musikverlagen. Universal Music Publishing hält 22,6%
Weltmarktanteile, Warner/Chappell 13,9%. Die drei multinationalen Konglomerate
verfügen über 68,7% der Weltmarktanteile an Musikverlagen.

An der Sony-Bietergruppe für EMI Music Publishing soll unter
anderem der amerikanische Finanzinvestor Blackstone beteiligt sein. Blackstone
wurde nach dem Kauf von 31.000 Wohnungen von der öffentlichen Hand 2004 scharf
kritisiert (der damalige SPD-Vorsitzende Müntefering verwendete 2005 den
unglücklichen Begriff „Heuschrecken“ für die Finanzinvestoren); Blackstone
gehört u.a. die Hilton-Hotelkette und hält Beteiligungen u.a. an der Deutschen
Telekom; der Vorstandschef der Firma, Schwarzman, wurde in der Debatte um
astronomische Managergehälter an vorderster Stelle genannt (im Jahr 2006
erhielt Schwarzman z.B. 398,3 Millionen Dollar, in 2008 waren es 702 Millionen
Dollar - und derartige Fantasiegehälter erhält SChwarzman nicht dafür, daß er
Kultur betreibt, sondern dafür, daß er seiner Firma noch höhere Profite
beschert). Die China Investment Corporation hält übrigens 9,3% der Anteile von
Blackstone.

Dem Konsortium, das unter Führung von Sony/ATV die EMI Music
Publishing kaufte, gehören neben Blackstone auch der amerikanische Musik- und
Kinomogul David Geffen sowie die in Abu Dhabi ansässige Mubadala Investmentbank
an.

Joost Smiers schrieb 2007 in einem vielbeachteten Artikel in
der „SZ“, der heute nur in der Frage „aus vier mach drei“ aktualisiert werden
muß:

„Vier Musik-Konglomerate beherrschen achtzig Prozent der
Musik weltweit; eine Handvoll Film- und Verlagskonsortien teilen sich den
Kulturmarkt und sind auch noch untereinander stark vernetzt. (…) Die Demokratie
und das menschliche Recht auf Kommunikationsfreiheit und auf Teilhabe am
kulturellen Leben sind in Gefahr.“

(Der VUT-Funktionär Mark Chung dagegen hat seine eigene
Sicht der Dinge, er schreibt:

„Die Musikwirtschaft ist schon seit Jahren überwiegend „independent“
geprägt.“ Und „...weit mehr als 60% aller Unternehmensumsätze der
Musikwirtschaft werden von kleinen, mittleren und Kleinstunternehmen erzielt...“
Aha.)

* * *

Meinen Artikel "Die Leistungsschutzgelderpresser"
(Konkret 11/2011) können Sie übrigens jetzt auch direkt hier auf unserer neuen
Homepage lesen.

Der Artikel und der "offene Brief" des
VUT-Funktionärs Chung war einigen Zeitschriften und Zeitungen Anlaß für
Berichterstattung zum Thema - die "Musikwoche" etwa brachte gleich
auf zehn Sonderseiten den Chung-Text, der "Freitag" berichtete, und
in der "taz" pumpte sich René Martens auf. Wenn Sie nun aber gedacht
hätten, auch nur eine der Publikationen hätte auch nur einen Satz mit mir
gesprochen - Pustekuchen. "Recherche" ist für den heutigen
"Anything goes"-Journalismus eben ein Fremdwort.

* * *

Wollen Sie einen weiteren Grund wissen, warum China derzeit
so ungleich erfolgreicher im Weltgeschehen agiert als der Westen? Unter anderem
deswegen, weil, weil die chinesische Regierung laut „SZ“ den Antrag des
„Bundesverbandes der Deutschen Schausteller“ abgelehnt hat, auf dem Platz des
Himmlischen Friedens zu Beijing Glühwein auszuschenken...

Sie machen dort halt nicht jeden Scheiß mit, sozusagen.
(Medien, obacht! bitte unbedingt sofort über die chinesische
Menschenrechtsverletzung berichten, daß dort kein Glühwein usw. usf.)

* * *

Eine der ekelerregendsten Publikationen hierzulande ist die
in der Regel etwa der „Zeit“ oder der „FAZ“ beiliegende Zeitschrift der
evangelischen Kirche namens „Chrismon“. Deren Chefredakteur Arnd Brummer, der
unübertroffene Horst Tomayer hat es unlängst in seinem „ehrlichen Tagebuch“
aufgedeckt, schreibt in dieser Zeitschrift Halbsätze wie diese:

„Der Tag, an dem ich
beschloß, dem Evangelischen in mir Raum zu geben“, oder „Ratzinger hatte mich so erzürnt, daß ich
meiner evangelischen Frau sagte: „Ab morgen zahle ich meine Kirchensteuer bei
deinen Leuten.““ (und was macht Brummer, wenn ihn dann die Ex-Bischöfin
Käßmann erzürnt? Ach, ich vergaß, die ist Herausgeberin dieser Postille,
zusammen u.a. mit der Grünen-Bundestagsabgeordneten Göring-Eckardt...).

Brummer jedoch hat auch ein Buch geschrieben, „Unter Ketzern
– Warum ich evangelisch bin“, für das der Verlag so wirbt:

„Arndt Brummer (...)
erzählt die Geschichte seiner Suche nach einer kirchlichen Heimat. (...) Eine
Predigt des damaligen Kurienkardinals Joseph Ratzinger, heute Papst Benedikt
XVI., erzürnt den jungen Intellektuellen so sehr, daß er aufbricht, um unter
den Ketzern heimisch zu werden. Heimat ist, wo Fragen, Diskutieren, ja Zweifeln
erlaubt sind. Ein leidenschaftliches Plädoyer für die evangelische Kirche.“

Gelt, das glauben Sie mir jetzt nicht? Aber es steht so da,
der Beweis liegt vor und ist archiviert. So sind manche Zeitgenossen – regen
sich über Ratzingern auf und werden vor lauter Erzürnis evangelisch...

* * *

Und aus unserer kleinen Reihe unverlangter Künstlerangebote:

„Wir möchten Ihnen ein
stilvolles Adventskonzert mit Gänsehaut-Garantie für Ihre weihnachtlichen
Firmenfeierlichkeiten anbieten. (...) Die Berliner Klassik-Pop-Formation Songs
Of Lemuria: Songs Of Lemuria bauen Brücken zwischen Klassik und Moderne,
zwischen der Melancholie des Chanson und der glitzernden Euphorie der goldenen
Zwanziger.“

Goldene Zwanziger – wir erinnern uns, das war die Zeit vor
den zwölf verbrecherischen Jahren... Und Brücken bauen ist auch immer gut, so
gewinnt man manch einen Bambi.

„Das Set können wir
natürlich mit Ihren Wünschen abstimmen“, flöten die
Klassik-Pop-Brückenbauer, schlagen aber schon mal, quasi sicherheitshalber,
„ein mögliches Set“ selber vor: „Nach
einer freundlichen Begrüßung folgen zunächst einige weihnachtliche
Instrumentalwerke. Nach einigen Weihnachtssongs (mit Cello und
Klavierbegleitung) würde schließlich auch Nik Page gesanglich hinzu stoßen.“

„Gesanglich hinzu stoßen“ – toll!

„Nach ein paar zur
Advents-Stimmung passenden Pop-Klassikern...“

- welche da wohl gemeint sind? Ave Maria? nein: „Hunting high and low“ (a-ha“), „I was born to love you“ (Queen),
„Stairway to Heaven“ (Led Zeppelin) oder „Judas“ (Depeche Mode) – glauben
Sie jetzt nicht? Ich schwöre, das steht so da! -

„...würden die Musiker
schließlich als Finale STILLE NACHT in kompletter Bandbesetzung (Cello + Piano
+ weibl. & männl. Gesang) unter Einbeziehung des Publikums darbieten.“

Ich weiß nicht, liebe Leserinnen und Leser dieses kleinen
Rundbriefs, wie die Weihnachtsfeiern Ihrer Firmen aussehen. Und wie Sie sich
„tief in Ihnen“ eigentlich eine Weihnachtsfeier vorstellen und wünschen. Ich
kann nur sagen – meinen Vorstellungen kommt dieses Programm schon ziemlich
nahe. Wir bauen auch gerne Brücken zwischen Klassik und Moderne, die  Weihnachtsfeiern dieser Firma bestehen seit
jeher aus gemeinschaftlich begangener 
Hausmusik, gerne stimmen wir fröhliche und melancholische Weihnachtslieder
an, und zum gemeinsamen finalen „Stille Nacht“-Singen fassen wir uns an den
Händen und tanzen langsam um den Adventskranz in unserem Büro. So ist das seit
jeher.

Und warum wir das Angebot, die „Songs Of Lemuria“ für unsere
Firmenweihnachtsfeier zu buchen, dennoch nicht angenommen haben? Ganz einfach:
Wir finden Weihnachtslieder wie „Stairway to heaven“ oder ein zärtlich
gehauchtes Depeche Modse-„Judas“ einfach der vorweihnachtlichen Stimmung nicht
ganz angemessen. Zu sehr „ordinary world“ (Duran Duran) sozusagen. Da singen
wir dann doch lieber selber...

Ansonsten und deswegen: wir sehen uns bei den „Feliz Navidad
– The Return of the Mexican Santa“-Weihnachtsparties von El Vez, den Memphis
Mariachis und den Lovely Elvettes.

Da geht’s kräftig zur Sache, versprochen! Mexmas, Glühwein
& Rock’n’Roll!

In diesem Sinne herzliche adventliche Grüße – und seien Sie
vorsichtig, wenn Sie wieder mal zürnen, ja? Man gerät offenbar leichter in die
evangelische Kirche, als einem lieb ist...

20.11.2011

Beim Kulturforum der Sozialdemokratie. Wang Hui und Sigmar Gabriel.

„Die Gleichheit neu denken.“ Besuch beim Kulturforum der SPD.

Das „Kulturforum der
Sozialdemokratie“ hat in der Reihe „philosophy meets politics“ eingeladen zu
einer Veranstaltung namens „Die Gleichheit neu denken. mit Wang Hui und Sigmar
Gabriel“.

Einer der wichtigsten
zeitgenössischen chinesischen Denker also trifft auf den Parteivorsitzenden der
SPD. Interessant.

Das Signet der SPD-Reihe
„philosophy meets politics“ lädt zu zahlreichen Assoziationen ein: ein „alter
Grieche“, es ist wohl Sokrates gemeint, ist neben dem Bundesadler zu sehen –
das Symbol, das Sozialdemokraten oder ihrer Werbeagentur einfällt, wenn sie den
Begriff „Politik“ auf den Punkt bringen wollen. Ungewollter Nebeneffekt: da
steht jetzt gleich der Bundesadler als Symbol derer, die in Europa und in
Europas Wirtschaft Deutungshoheit und Entscheidungsmacht haben, neben dem
Symbol des Landes, dessen Demokratie sie gerade in die Knie zwingen, das Symbol
des Landes, deren Kanzlerin gerade den Griechen beigebracht hat, daß sie sich eine
Volksabstimmung über die EU-Knebelbedingungen gefälligst abzuschminken haben,
neben dem Symbol des Opferlandes – „Gleichheit neu denken“ eben...

Öffentlich ist diese Veranstaltung
nicht, sondern nur für Eingeladene und für Pressevertreter – man benötigt
Einladung oder Presseausweis. Mit normalen, einfachen BürgerInnen hat die
ehemalige Volkspartei wohl ein Problem.

Vor Beginn der Veranstaltung kommt
Beruhigungsklassik vom Band, so, wie sich Verkehrsminister Ramsauer das
vorstellt oder wie am Hamburger Hauptbahnhof die Drogenszene beschallt wird.

Dann ertönt ein Signal in der Halle
des SPD-Hauses in Berlin, wie auf dem Pausenhof einer Schule. Auftritt Prof.
Dr. Julian Nida-Rümelin mit einer „Einführung“. Ich will an dieser Stelle nicht
auf die Inhalte der Redner eingehen, nur die Stimmung beschreiben, daher kein
Wort zu der eitlen Selbstdarstellung des SPD-Politikers und zum Vortrag Prof.
Dr. Wang Huis.

Den Vortrag Wang Huis kann man im
Netz downloaden.

Auf Youtube ist ein interessanter
Ausschnitt seiner fundamentalen Kritik der Demokratie zu sehen:

 

An Sigmar Gabriels Vortrag fällt
auf: zunächst geht Gabriel in freier Rede auf Wangs Vortrag ein und gibt dem
chinesischen Gast auf vielen Ebenen Recht. Ja, es gebe im Westen, speziell in
Deutschland eine „gespaltene Gesellschaft“, die Politik habe den Kontakt zu
großen Teilen der Bevölkerung verloren, man fühle sich den Finanzmärkten ausgeliefert
und von der Politik nicht mehr vertreten. Doch was der Vorsitzende der SPD dann
konkret vorzuschlagen hat, ist intellektuell erbärmlich, ergeht sich in banalen
Politikerforderungen (klar will die SPD ein Mindestlohn und mehr
Volksabstimmungen...) und belegt eine komplette Hilflosigkeit, wie man auf eine
im Grunde korrekte Analyse der Situation politisch antworten könnte. Da wird
dann von Sozialpartnerschaft gefaselt, da wird der mittlerweile in der
Bandbreite von Sarah Wagenknecht bis hin zum Feuilleton der FAZ in der ganzen
Gesellschaft angekommene banale Satz „die Gewinne werden privatisiert, die
Verluste werden vergesellschaftet“ noch einmal zum Besten gegeben. Aber es
fehlt sowohl eine Auseinandersetzung mit den Thesen von Wang Hui, als auch ein
politischer Weg, wie man die beklagte Situation ändern könnte. „Sinn dieser von
Julian Nida-Rümelin begründeten Veranstaltungsreihe ist es, der praktischen
Politik Impulse aus der politischen Philosophie zu geben“, heißt es im
Einladungstext. Nie war der Sinn einer Veranstaltung derart verfehlt worden...

Obwohl: in der kurzen Pause, bei
Schnittchen und Kaffee (jeweils 1,50 €), hört man an vielen Tischen Klagen über
das schwache Niveau von Gabriels Rede; aber auch: „Sie hätten letztes Mal bei
Habermas und Steinmeier dabei sein müssen, das war noch viel schlimmer...“ Aha.
Scheint ein systemisches Problem zu sein.

Nach der Pause gibt es dann eine
Podiumsdiskussion – der Parteivorsitzende, dem die politische Philosophie doch
„Impulse“ geben sollte, ist längst verschwunden, er hatte wohl wichtigere
Termine – unter der Moderation von Wolfgang Thierse (der u.a. kritisiert, „in
der DDR hat die Demokratie nicht der Wirtschaft gedient“) diskutieren Wang Hui
und Thomas Meyer, und schließlich bleiben 20 Minuten übrig fürs Publikum – aber
nicht etwa für Diskussionsbeiträge, nein, „für präzise und kurze Fragen“, denn
das ist alles, was die SPD-Funktionäre wollen: daß die Menschen sie „präzise
und kurz fragen“... und natürlich ist der erste Fragesteller abgekartet,
nämlich SPD-Julian Nida-Rümelin.

Demokratie, das zeigt sich an der
Konstruktion dieser Veranstaltung, ist „die da oben, wir hier unten“, wie
Sigmar Gabriel es im Voraus auf den Punkt gebracht hat, ohne es zu wollen. An
Teilhabe, an Auseinandersetzung haben die Realpolitiker der SPD kein Interesse.
Ihre Veranstaltungen sind autoreferentielle Selbstvergewisserungen und dienen
der medialen Selbstdarstellung.

Zu so etwas wird man nicht wieder
hingehen wollen...

01.11.2011

Und Ansonsten 2011-11-01

Eine tolle Lektüre ist die Antwort der Bundesregierung auf
eine Große Anfrage der SPD-Fraktion zum Thema „Musikförderung durch den Bund“
(kann man kostenlos beim Deutschen Bundestag downloaden). Endlich wissen wir,
was offizieller Staatspop ist, der von der Politik gefördert wird. Vereinfacht
gesagt: das Spektrum reicht von Tokio Hotel bis zu den Toten Hosen.

Ein Auftritt von Tokio Hotel in Tokyo beispielsweise wurde
im Rahmen der „direkten Projektförderung des Auswärtigen Amtes“ im Dezember
2010 mit 25.738 Euro bezuschußt. Begründung: Das Auswärtige Amt fördert „in Einzelfällen auch Kunstprojekte direkt,
wenn außenpolitische Erwägungen und auch das Projektvolumen dafür sprechen“.
Tokio Hotel, die Band, die weltweit über sechs Millionen Alben verkauft hat und
als kommerziell erfolgreich gelten darf, als „Kunstprojekt“, das aus
„außenpolitischen Erwägungen“ mal eben für einen Auftritt vom Staat 25.738 Euro
nachgeworfen bekommt – toll!

Auch kommerziell einigermaßen erfolgreich ist die
Schlagerband namens „Tote Hosen“, die so um die 22 Millionen Tonträger verkauft
hat. In den Augen des Auswärtigen Amtes muß der Band, die aus irgendwelchen
Gründen mitunter als „Punkband“ gilt, aber unter die Arme gegriffen werden –
aus „außenpolitischen Erwägungen“ eben: Die „Toten Hosen“ haben jedenfalls im
vergangenen Jahr für zwei Auftritte im usbekischen Taschkent und im
kasachischen Almaty insgesamt 68.793 Euro Staatsförderung erhalten – war das
nun eher „Opium fürs Volk“, „Auswärtsspiel“, „Zurück zum Glück“ oder „In aller
Stille“? So nämlich heißen Alben der Düsseldorfer Schlagerrockband. So klingt
Staatspop.

Doch nicht nur irgendwelche dumpfen Mainstreambands werden
vom Staat subventioniert. Unter der Rubrik „Förderung der (professionellen)
populären Musik“ etwa hat der Bundesverband Musikindustrie, die allseits
bekannte und beliebte Lobbyorganisation, 75.000 Euro als „Anschubfinanzierung“
für den von ihr veranstalteten Jazz-Echo erhalten. Delikat – die oberste
Musiklobby-Organisation des Landes erhält Staatszuschüsse zur Finanzierung
ihrer Promo-Veranstaltung.

* * *

Was ich mich frage: Ob die Lobbyisten vom Bundesverband der
Musikindustrie, die ahnungslosen Nachplapperer und Renegaten vom sogenannten
Verband unabhängiger Musikunternehmen und ihr gemeinsamer Jünger und Apostel,
der heilige Manfred von Berg am Laim, heute das Feuilleton der „FAZ“ gelesen
haben? Klar, dahinter würde ja eigentlich ein kluger Kopf stecken, also... aber
könnte ja sein, daß die Copyright-Fans nicht immer nur auf die Märchen
reinfallen wollen, die ihnen ein CDU-Hinterbänkler auftischt (wir berichteten).

Als Aufmacher des FAZ-Wochenendfeuilletons jedenfalls
erklärte der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion,
Peter Altmaier, in der für diese Zeitung manchmal typischen Bieder- und
Altväterlichkeit, was ihm und uns das Internet heutzutage bedeutet. Und
schreibt den Cheflobbyisten eines strikten Hadopi-Copyrights a la Sarkozy oder
Berlusconi ein paar wohlfeile (und mitunter drollige) Selbstverständlichkeiten
ins Stammbuch:

„Der Zugang zum Internet
ist so wichtig wie der zu Wasser und Nahrung.“

„Die politische
Freiheit und Gleichheit der Bürger realisiert sich im Netz zum ersten Mal in
Permanenz: Die neu entstehenden Strukturen eröffnen die Möglichkeit
jederzeitiger und umfassender politischer Einflußnahme und Gestaltung.“

„Die Integrität dieses
Netzes und der Zugang zu ihm sind zu Rechtsgütern von höchstem Wert geworden.
Der Anschluß ans Internet ist heutzutage wesentlich wichtiger als der Anschluß
ans Telefon-, Strom- oder Fernsehnetz, von größerer Bedeutung als PKW,
öffentlicher Nahverkehr oder Waschmaschine. Aus meiner Sicht hat er eine
Bedeutung, die derjenigen des Zugangs zu Wasser und Grundnahrungsmitteln sehr
nahe kommt. Die Schwelle für Eingriffe in dieses Rechtsgut liegt daher heute
sehr viel höher, als dies vor drei, fünf oder zehn Jahren der Fall gewesen ist.
Ein Vorschlag, bei wiederholten Verletzungen des Urheberrechts den Netzzugang
zu sperren, wäre vor zehn Jahren vielleicht noch diskussionswürdig gewesen: Aus
heutiger Sicht ist er schlicht unverhältnismäßig.“

„Siegfried Kauder hat
Internetsperren angekündigt für User, die wiederholt das Urheberrecht
verletzen. Alles, was unsere Politiker über Jahre aufgebaut haben, ist
gefährdet. Kurz entschlossen tweete ich: „Kauder-Strikes geht gar nicht: Wer
Bücher klaut, ist kriminell, aber man nimmt ihm nicht die Lesebrille weg.““

„Das Aufkommen der
Piratenpartei zum jetzigen Zeitpunkt wirkt wie ein Fanal. Man spürt, daß eine
Entwicklung in Gang kommt, wie es sie in der stabilen deutschen Nachkriegsdemokratie
nur alle zwanzig bis dreißig Jahre gegeben hat. (...) Die Piraten sind junge
Leute voller Ideale, die die Welt zum Besseren verändern wollen...“

Also sprach der Parlamentarische Geschäftsführer der
CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Schon bitter, wenn sich die Cheflobbyisten der deutschen
Musikindustrie, Gorny und Chung, ausgerechnet von einem CDU-Politiker
attestieren lassen müssen, daß sie ungefähr zehn Jahre hinter der Entwicklung
herhinken...

Was ich an den Ideologen und Polemikern des Hardcore-Copyrights
nie verstanden habe: Lobbyismus versucht doch gemeinhin, die Politik in eine
bestimmte Richtung zu bewegen. Wenn man aber so eisern wie blind an einer
ewiggestrigen Position festhält und mit ideologischem Eifer und dumpfester
Polemik für sie kämpft, ist man doch eigentlich als Lobbyist nicht zu
gebrauchen. In welcher politischen Konstellation wollen BVMI, VUT und ihr
embedded journalism denn ein verschärftes Urheberrecht und grundgesetzwidrigen
Internet-Entzug nach Sarkozy-Vorbild hierzulande umsetzen? Mit FDP und Grünen
dürfte das nicht zu machen sein, selbst mit der SPD nicht. Und nun hat sogar
die CDU das Internet begriffen. Vielleicht wären die Verbände gut beraten, das
umzusetzen, was hinter vorgehaltener Hand etliche Mitglieder und Funktionäre in
den Verbänden schon lange fordern – man verschiebe die gescheiterten
Topfunktionäre aufs Abstellgleis (wo sie gesellschaftlich ohnedies schon lange
vor sich hin kau(d)ern...) und wähle sich offene, moderne neue Vertreter, die
die Musikindustrie tatsächlich erneuern könnten und als Gesprächspartner für
die Politik endlich wieder ernstgenommen werden würden.

* * *

Was haben Medien und Bevölkerung sich vor ein paar Jahren
über die US-amerikanischen Wahlen, speziell im Bundesstaat Florida, lustig
gemacht und von afrikanischen Verhältnissen gelästert. Si tacuisses...

Im September 2011 hat das Land Berlin versucht, eine Wahl
durchzuführen. Bereits im Vorfeld gab es Probleme – wer Briefwahlunterlagen
beantragt hatte, der hatte nicht selten Probleme, seine Unterlagen rechtzeitig
zu erhalten – der Autor dieser Zeilen etwa wollte rechtzeitig vor seinem Urlaub
zur Briefwahl schreiten, doch die Unterlagen kamen nicht – sie wurden vom
damals noch rot-roten Senat (zur Erinnerung: das sind die beiden Parteien, die
in ihren Programmen Mindestlöhne fordern...) per privatem Briefdienst
zugestellt und kamen entsprechend häufig nicht an – ein Anruf beim Wahlbüro
Mitte ergab, daß dies beileibe kein Einzelfall war, sondern daß es etliche
Beschwerden gab – mal wurden die Wahlunterlagen gar nicht zugestellt, dann
kamen sie als „unzustellbar“ ans Wahlamt zurück, obwohl die Adresse korrekt war
– Probleme über Probleme (zur Erinnerung: die PIN AG gehört der Verlagsgruppe
Holtzbrinck; die im vergleich zur Deutschen Post günstigeren Portopreise wurden
in der Vergangenheit laut ver.di durch zu niedrige Einkommen der Zusteller
erkauft, die teilweise unter dem Existenzminimum lagen, viele Mitarbeiter waren
zur Aufstockung auf das staatliche Arbeitslosengeld II angewiesen; außerdem
wurden Betriebsräte nicht anerkannt und nicht zugelassen, und die PIN Group
versuchte, rechtmäßige Streikaktivitäten per Gerichtsbeschluß zu
unterbinden...). Mir sind einige andere Berliner BürgerInnen bekannt, deren
Wahlunterlagen nicht oder nicht rechtzeitig eintrafen und die daher an den
Wahlen gar nicht teilnehmen konnten.

Doch erst mit der Wahl selbst begann etwas, das die Berliner
Zeitung als „Auszählungsdebakel“ beschrieb. In den Tagen nach der Wahl „waren Wahlpannen bekannt geworden die man
eher aus Ländern mit weniger Demokratieerfahrung kennt. Briefwahlunterlagen
waren im Müll gelandet, es gab Auszählungsfehler, Ergebnisse wurden anderen
Parteien zugeschlagen – mit weitreichenden Folgen. Zweimal änderte sich nach
Feststellung des amtlichen Endergebnisses die Sitzverteilung im
Abgeordnetenhaus.“ Zustände wie in einer Bananenrepublik also.

In einzelnen Wahlbezirken wurde ganz offenbar falsch
ausgezählt, es gab mehrere Anträge darauf, wegen „Unstimmigkeiten“ diese
Wahlkreise nochmals auszuzählen – was laut Landeswahlleiterin nicht möglich
sei. In einem anderen Stimmbezirk waren mehr Stimmen abgegeben worden als
überhaupt Wähler erschienen waren. Außerdem waren laut eines SPD-Vertreters
„300 Briefwahlunterlagen nicht angekommen“, was niemandem aufgefallen sei. „Könne es nicht sein, daß irgendwo in einem
Mülleimer weitere 400 Briefwahlunterlagen liegen, die nie vermißt wurden, aber
mandatsentscheidend gewesen wären. Die Frage war nicht abschließend zu klären:
Auch die anwesenden Bezirkswahlleiter konnten das nicht ausschließen,“ so
die „Berliner Zeitung“. Am Ende haben von den fünf anwesenden Beisitzern des
Berliner Landeswahlausschusses nur zwei (CDU und Grüne), also die Minderheit,
dem fehlerbehafteten Endergebnis der Wahl zugestimmt – drei Beisitzer (2 SPD, 1
Linke) enthielten sich, der Beisitzer der FDP war nicht erschienen. Das
Endergebnis der Wahl ist damit amtlich...

* * *

Als Gewinner der Berliner Wahl gilt in der Öffentlichkeit
Bürgermeister Klaus Wowereit von der SPD, der Partei, die nach dem Verlust von
2,5% bei nur noch 28,3% liegt. Sowas reicht, um von der „roten Gurke“, Frau
Nahles (das ist die Frau, die vor Jahren eine halbe Stunde lang mal als
intellektuelles linkes Aushängeschild der SPD galt...), zum Kanzlerkandidaten
ausgerufen zu werden. Ein Politiker neuen Typs eben, dieser Klaus Wowereit, ein
Politiker, der in paar Jahrzehnten Politkarriere noch keine erinnerungswürdige
politische Idee geäußert hat. Ein Politiker, der für alles und damit eben für
nichts steht. Und der jetzt in einer Stadt, in der weniger als ein Viertel der
stimmabgebenden Wähler CDU und FDP gewählt haben, die Konservativen in die
Regierung holt.

In seiner Autobiographie (denn merke: wer nichts zu sagen
hat, schreibt heutzutage seine Autobiographie – Philip Lahm, Eva Padberg, Klaus
Wowereit und wie sie alle heißen, wegen denen unschuldige Wälder sterben
müssen) unter dem Titel „...und das ist auch gut so“ äußerte sich Wowereit über
die letzte Große Koalition in Berlin:

„Es war eine
verheerende Phase, für die Hauptstadt und für die Berliner Sozialdemokratie...
Die ganze Stadt funktionierte nach diesem Prinzip des aufgeregten Stillstands,
die IHK, die Sportverbände, die Kulturszene, die Wohlfahrt. Überall sorgte der
Proprz der beiden Parteien für Lähmung.“

Smarte Idee Wowereits, das, was er eine „verheerende Phase“
und „Lähmung“ nennt, nun ohne Not wieder als Koalition für Berlin einzugehen.

* * *

Wie hört sich das an, wenn ein deutscher Musikvideoanbieter
im Jahr 2011 Mitarbeiter sucht? So: „Du hast „Eier in der Hose“? media sales
manager @ tape.media (m(w) Du kannst verkaufen? Du hast keine Angst vor großen
Zahlen? Du hast ein großes Maul? Du erzählst gerne Geschichten? Du tanzt gern
auf allen Hochzeiten? Du findest Dich geil? Du willst fame, fun, cash? Für Dich
ist Musik ein Grundnahrungsmittel? Du bist außerdem noch „trinkfest“ und hast
vor allen Dingen eines: Eier! Bewirb
Dich jetzt!“ (Hervorhebungen im Original)

Gewissermaßen ein schöner neuer Klappentext zu Alain
Ehrenbergs „Das erschöpfte Selbst“. Die allgegenwärtige Erwartung „eigenverantwortlicher Selbstverwirklichung.
Damit hat das Projekt der Moderne, die Befreiung des Subjekts aus überkommenen
Bindungen und Traditionen, eine paradoxe Verkehrung erfahren. War die Neurose
die pathologische Signatur eines repressiven Kapitalismus, so ist die
Depression die Kehrseite einer kapitalistischen Gesellschaft, die das
authentische Selbst zur Produktivkraft macht und es bis zur Erschöpfung
fordert.“

* * *

Amazon schlägt mir auf Platz 71 meiner „Empfehlungsliste“
das Soloalbum von Thees Uhlmann vor, „weil Sie Mashup – Lob der Kopie (edition
suhrkamp) in ihren Einkaufswagen gelegt haben“.

Wo ist hier der „I like it!“-Button?!?

(unvergessen und abgeheftet übrigens, wie Thees Uhlmann,
betrunken, es mir bei einem Festival auf dem Salzburgring schriftlich gegeben
hat, daß ich von Musik keine Ahnung habe...)

* * *

„Geheimkonzert von Ich + Ich: Du kannst dabei sein!“,
schlagzeilt es ganzseitig aus „Prinz“. Muß ein sehr geheimes Konzert sein, wenn
es zwei Monate im Voraus ganzseitig in einer Zeitschrift angepriesen wird...

* * *

Äpfel und Birnen kann man doch vergleichen. Denn so geht
bürgerliche Presse: „Vom Kaffeetrinker zum Berliner Start-Up-Millionär“ heißt
es auf der Titelseite der „Berliner Zeitung“. Vom Konzertveranstalter zum Grüner
Tee-Trinker. Was Berlin eben an Karrieren bereithält.

* * *

Die hiesigen Klassik-Tonträgerfirmen sind regelmäßig nicht
mehr ganz bei Trost.

Jüngstes Beispiel: Seit 2006 hat das unbedingt
verehrungswürdige und geniale Artemis Quartett sämtliche Beethoven-Streichquartette
auf CD eingespielt – und es sind einige der besten Klassik-CDs überhaupt
entstanden, und die Konzerte mit den Beethoven-Quartetten waren schlicht
glücklich machend.

Doch „paradise doesn’t come without mistakes“: Mit den
Quartetten op. 18/3, 18/5 und 135 betrachtet das Artemis Quartett bzw. ihre
Plattenfirma „Virgin Classics“ die Aufnahme als beendet. Während die Quartette
op. 74 und op. 14.1 nicht als Einzel-CD erschienen sind. Wer also wirklich alle
16 Beethoven-Quartette, vom Artemis Quartett eingespielt, in seinem CD-Schrank
haben möchte, muß auf die gerade erschienene Kassette mit allen
Beethoven-Quartette zurückgreifen – op. 74 und op. 14.1 sind nur in der Box
erschienen.

Üble Geschäftemacherei!

Zumal mit dem Erscheinen der Box aller Beethoven-Quartette
die treuen Fans bestraft werden, die die sechs bisher erschienenen CDs des
Artemis Quartett einzeln zum im Klassikbereich üblichen Preis zwischen 15,99
und 19,99 Euro erworben haben – während die Gesamtbox mit 7 CDs bereits zum Preis
von 39,99 Euro erhältlich ist.

Eine Geschäftspolitik, die Kunden und Musikfreunde vor den
Kopf stößt. Und ich würde sagen: eine Geschäftspolitik, die sich die Kunden
merken werden. Wer soll denn noch teure Klassik-CDs kaufen, wenn kurze Zeit
später die gleichen CDs als Bestandteil von CD-Boxen für nur noch 5 bis 6 Euro,
also weniger als ein Drittel des Originalpreises, erhältlich sind oder sonstwie
verramscht werden?

* * *

Ein schönes Beispiel vorauseilenden Gehorsams gegenüber der
von der Tonträgerindustrie inszenierten Vermarktungsmaschinerie zeigte
ausgerechnet das sonst sehr geschätzte Feuilleton der „Berliner Zeitung“: auf
mehr als einer halben Seite durften sich dort Sido und Bushido über ihr
gemeinsames Album verbreiten, das zu dem Zeitpunkt weder erschienen war, noch
der Redaktion zum Hören vorlag.

Wie sagt Bushido in dem Interview? „Musik ist ungefähr 20 Prozent, und Geschäft ist 80 Prozent.“

* * *

Und was hat Rapper Bushido, dem wegen seiner Musik und
seines Verhaltens Schwulenfeindlichkeit, Frauenverachtung, Antisemitismus,
Antiamerikanismus und Jugendgefährdung vorgeworfen werden, der mehrfach zu
Schadensersatz wegen Urheberrechtsverletzungen verurteilt wurde und neben
seiner Tätigkeit in der Musikindustrie erfolgreicher Immobilienhändler ist, und
der sich ausgerechnet von der "FAZ" verarschen lassen muß, daß er mit
seinem neuen, mit Sido eingespielten Album "auch
einen FDP-Parteitag beschallen" 
könnte, was also hat Bushido ausgerechnet mit dem
„Grünen“-Bundespräsidentenkandidaten Gauck gemeinsam?

Nun, sowohl Bushido als auch Gauck machen sich über die
weltweiten Proteste gegen die Banken lustig. Bushido fühlt sich bei den
Anti-Banken-Protesten laut „FAZ“ an eine „bescheuerte
Facebook-Party“ erinnert, und fragt:
„Wogegen demonstrieren die Penner denn?“ Denn der Rapper hält Deutschland
für „eines der geilsten Länder der Welt“.

Das würde Gauck auch so denken, aber wohl geringfügig anders
formulieren. Die Proteste der Anti-Banken-Bewegung hält Gauck jedenfalls für
„unsäglich albern“. Was können wir froh sein, daß Grünen-Kandidaten bei einer
Bundespräsidentenwahl noch keine Mehrheit finden...

* * *

„Kreative verlangen
Reformen bei Urheberrecht“, heißt es bei „Musikwoche.de“.

Doch wo „Kreative“ draufsteht, ist meist „Industrie“ drin –
denn nicht etwa Künstler, Autoren und ihre Vertreter werden in dem Artikel
zitiert, sondern die Vertreter der Kulturindustrie: der Bundesverband
Musikindustrie, der Börsenverband des Deutschen Buchhandels, die GEMA, die
„Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen“, ARD, ZDF usw. usf.

Die Arbeit- und Auftragsgeber der Kulturindustrie also
verlangen wieder einmal Reformen beim Urheberrecht – „kreativ“ ist daran nur
die Verdrehung der Tatsachen beim embedded journalism...

* * *

In einer der „NZZ“ beigelegten Zeitschrift namens
„Gentlemen’s Report – Das Magazin für Männer“, in der vornehmlich Artikel der
Art „Schweizer Qualitätsuhren müssen
nicht stinkteuer sein“ stehen, in dem eine günstige Mondphasenuhr für 8000
Franken oder eine Zweizonenuhr für nur 6000 Franken angeboten werden, finden
wir einen Artikel über „Gentlemen, on your bikes“, in der ein paar sich für
wenig zu schade seiende neureiche Männer sich und ihre Fahrräder selbst
inszenieren, in eitlen Posen und herausgeputzt vor ihrem Lieblingsfahrrad:

Ein „Urban-Art-Künstler
und Inhaber einer Agentur“ freut sich etwa über sein Fixie-Rad, das „ich individuell mit meiner Kunst verziert
habe“, ein „Betreiber einer
Biomarkthalle“ präsentiert „eines von
sechs Rennvelos, die ich besitze. Das exklusivste Exemplar kostet rund 17000
Franken.“ Ein „Inhaber eines
Outdoorladens“ spielt den englischen Lord: „Pashley ist eine englische Traditionsmarke, die alles von Hand und
noch wie in den dreißiger Jahren baut. (...) Meistens habe ich meinen Hund
dabei, der ebenfalls englischen Ursprungs ist und mit seinem schwarz-braunen
Fell sogar farblich ideal zu diesem Velo paßt.“

Wenn man dazu die posenden Jung- und Altmänner sieht, möchte
man vielleicht sagen „Die spinnen, die Schweizer!“ Aber Vorsicht: solche Typen
können euch auch in jedem hiesigen Manufaktum-Laden oder am Prenzlauer Berg
über den Weg laufen. Denn: „Die Deutschen
werden immer reicher. Das Geldvermögen (also nur Vermögen in Wertpapieren,
Versicherungen und auf Bankkonten, ohne Immobilienbesitz z.B., BS) ist
hierzulande trotz Finanzkrise so hoch wie nie und erreicht mit gut 60000 Euro
je Einwohner einen neuen Rekordwert“ (FAZ). Besonders interessant ist
übrigens, daß in den letzten 10 Jahren das Geldvermögen der reichsten 10% der
Deutschen von 189.750 auf 266.345 Euro gestiegen ist, und das der nächsten 10%
von 92.947 auf 130.467. Lediglich das Geldvermögen der ärmsten 10% der
Bundesbürger blieb gleich: 0 Euro.

* * *

Aus unserer Reihe „Unverlangte Künstlerangebote“:

„Herbsttournee 2012
mit Markus Wolfahrt & Band und Sie als Veranstalter?“, fragt die Email
eines mir unbekannten Anbieters. Nun folgten dem ersten Soloalbum des Künstlers
„außergewöhnlich viele Live und
Halbplayback-Auftritte“, und „um das
Ganze noch zu toppen, wird bereits im Frühjahr 2012 sein zweites Soloalbum
erscheinen“ – und gleichzeitig kann es die Firma, die „eine kleine Live-Hallentournee ins Leben rufen möchte“, „kaum erwarten in Planung zu gehen“ und
hält „natürlich Sonderkonditionen
inklusive Technik“ für mich bereit. Und das Programm wird eine „gelungene Mischung aus den zwei Soloalben“ sein
– was für eine brillante Idee!

Dennoch, leider: Herbsttournee 2012 ohne ich als
Veranstalter, ich danke Sie...

* * *

Wo auch immer Diktatoren Feste feiern, unsere Popstars sind
gerne dabei. Beyoncé, Lionel Ritchie, Mariah Carey oder Nelly Furtado spielten
für Millionengagen am Hofe Gaddafis auf. Nun lud der tschetschenische
Machthaber, „Brüderchen Diktator“
(„Spiegel“) Ramsan Kadyrow (35), zum Geburtstag, und alle kamen: Hilary Swank
trällerte ein Liedchen, Geigerin Vanessa Mae fiedelte, und unserer Heidi
„Katjes“ Klum ihr Seal sang ebenfalls für den tschetschenischen Präsidenten,
dem Verstrickungen in Auftragsmorde und Verschleppungen vorgeworfen werden.
Aber wie sagte Seal doch so schön per Twitter: „Ich bin Musiker und habe für die tschetschenischen Menschen Musik
gemacht. Ich würde es begrüßen, wenn ihr mich aus eurer Politik rauslaßt.“
Auf dem dazugehörigen Foto singt Seal inbrünstig vor tschetschenischen Menschen
– ganz zufällig steht er vor Präsident Kadyrow und seiner Regierungsmannschaft...
Weiter erklärt Seal per
Twitter: „I had a great time. It is
always interesting.g form e to play in countries I’ve never been to before.“

Vom deutschen Staatsfernsehen wurde zu der Geburtstagsshow
für den Diktator das MDR-Fernsehballett entsandt. Der MDR, der Skandale ja
länger schon als Teil seines Daseinszwecks begreift, teilte mit, es habe
lediglich „Bedenken in Sachen Sicherheit,
nicht aber in politischer Hinsicht“ gegeben. Amnesty International nimmt
sich mittlerweile des Vorfalls an und wird das MDR-Fernsehballett zu dem
Auftritt im tschetschenischen Fernsehen befragen (wenn Sie meine Meinung hören
wollen: Amnesty International sollte den MDR auch zu etlichen Fernsehsendungen
befragen, die unterhalb aller von Menschenrechten gefaßten Geschmacksschwellen
sind...).

Wenn Sie sich allerdings schon länger fragen, wie das
unterirdische Niveau des MDR zustande kommt, wird Sie interessieren, was im
Zuge der Recherchen des „Spiegel“ nun herauskam, nämlich: die deutschen
Bischöfe haben ihre Finger im Spiel! Das MDR-Fernsehballett gehört nur zum
Teil, nämlich zu 40%, dem MDR. 30% der Berliner Tanzgruppe gehören der Münchner
Firma Tellux. Und Gesellschafter dieser Firma wiederum sind neben einem Fürst
Georg von Waldburg zu Zeil „neun deutsche
Bistümer – vom Erzbischöflichen Stuhl zu Hamburg über die Erzdiözese Köln bis
zum Ordinariat des Erzbistums München-Freising“. Muß man sich auf der Zunge
zergehen lassen – erzreaktionäre deutsche Bischöfe befehlen dem
MDR-Fernsehballett „Beinchen hoch!“ – gerne auch mal für einen Diktator. Die
Investments deutscher Bischöfe werden natürlich durch Kirchensteuern bezahlt.

* * *

Der Repräsentant der "Deutschen Grammphon"
begrüßte die Besucher der "Yellow Lounge" mit Pierre-Laurent Aimard
unlängst im Berliner "Berghain" so: "Wie gerade auf Facebook zu
lesen war, feierte Franz Liszt seinen 200. Geburtstag"..

Wie gut, daß es Facebook gibt! Gerade, weil das bürgerliche
Feuilleton den runden Geburtstag des Komponisten ja flächendeckend verschlafen
hatte...

Allerdings: wie ich auf Google gelesen habe, soll Liszt in
der Zwischenzeit verstorben sein - kann also leider seinen 200. Geburtstag
nicht mehr feiern...

* * *

Und wenn die „Heilandisierung
von Steve Jobs“ (Wiglaf Droste) – obwohl, bei einem Buddhisten wie Jobs sollte
man vielleicht eher von Dalailamaisierung sprechen? – bei Medien und Publikum
endlich abgeschlossen ist, könnte man vielleicht darauf zu sprechen kommen, ob
Steve Jobs – ich weiß: de mortuis nil nisi bene... – wirklich ein
Weltverbesserer sondergleichen war und nicht einfach nur ein recht guter
Verkäufer. Die „iSklaven im
Apple-Imperium“ („Berliner Zeitung“) etwa werden eine etwas andere Sicht
der Dinge auf den Mann haben, der seine etliche Hunderte Euros teuren Produkte
in China von Arbeitern in Fabriken unter skandalösen Bedingungen
zusammenbasteln ließ – Arbeitsschutz gibt es keinen, Hunderte von Arbeitern
haben Gesundheitsschäden davongetragen, weil sie ungeschützt mit giftigen
Chemikalien hantieren mußten; es gibt Kinderarbeit; 13 Angestellte der Apple-Zulieferer
begingen Selbstmord und klagten in ihren Abschiedsbriefen über hohen Druck,
lange Arbeitszeiten, niedrige Bezahlung. Die Produktionsstandards der späteren
Designprodukte sind skandalös, und es ist nicht bekannt, daß Steve Jobs oder
irgend jemand sonst aus der Chefetage des Konzerns sich bemüht hätte, dies zu
ändern.

Gewiß, beim chinesischen Zulieferer Foxconn wird nicht nur
für Apple produziert, auch Sony und Nokia z.B. lassen dort herstellen. Wir
sprechen hier also eher von einem globalen Lifestyle, der für die Nutzer der
schicken und modernen Produkte etwas anders aussieht als für die Arbeiter, die
diese Produkte herstellen.

Ein systemisches Problem. Wir konsumieren Produkte, an deren
Hülle im schlimmsten Fall Blut klebt. In weniger schlimmen Fällen sprechen wir
einfach nur von normaler Ausbeutung. Die schicken, preiswerten H&M-Teile,
die die Apple-Nutzer in den Großstadt-WiFi-Cafes gerne tragen, während sie an
ihren mobilen Teilen herumfingern, werden zulasten der H&M-Produzenten und
-Beschäftigten hergestellt. Und der Kaffee in den Einwegbechern
(schätzungsweise werden jährlich ca. 23 Milliarden Einwegbecher weltweit
verkauft, wofür etwa 9,4 Millionen Bäume abgeholzt werden müssen) wird in der
Regel von Arbeitern in Kaffeeplantagen produziert, die einen Hungerlohn
erhalten. „Bauern verfüttern immer mehr
billiges Getreide an Schlachttiere, damit wir mehr teures Fleisch essen können;
außerdem nehmen die Agrarflächen zu, die der Produktion von Biosprit
vorbehalten sind, damit wir Auto fahren können, ohne Erdöl zu verbrennen. Das
Resultat: Die Preise der Grundnahrungsmittel haben sich zwischen 2006 und 2008
verdoppelt bis verdreifacht, in Afrika und Asien ist es zu Hungeraufständen
gekommen“ (Ian Morris). Die global agierenden Konzerne des Rohstoffhandels
maximieren mit raffinierten Tricks ihre Gewinne. Undundund.

Es ist eine Frage des Lifestyles. Eine Frage der Haltung und
des Bewußtseins. Reicht es, wahlweise als schulterzuckender
Trainingsjackenträger oder mit einem schwarzen (in Berlin produzierten, wie wir
erfahren durften) Steve-Jobs-Kaschmirpulli durchs Leben zu gehen, oder will man
bestimmte Dinge doch nicht akzeptieren, sondern sie ändern?

 (...dieser Rundbrief
wird auf einem Apple Computer geschrieben; man nennt das Dialektik, glaube ich...)

„Diese Gesellschaft
ist insofern obszön, als sie einen erstickenden Überfluß an Waren produziert
und schamlos zur Schau stellt, während sie draußen ihre Opfer der Lebenschancen
beraubt.“ (Herbert Marcuse, Versuch über die Befreiung)

„Für mich ist das ganz
klar. 1989 ist das Korrektiv weggebrochen. Bis dahin mußte das Kapital damit
rechnen, daß es möglicherweise eine Gesellschaftsform gibt, die besser ist.
Jetzt können sie alles bis zum Äußersten treiben. Das erkennt plötzlich sogar
Herr Schirrmacher. Irgendwie ist es frivol, daß sie so tun, als hätten sie es
entdeckt. Aber es zeigt auch, daß ihnen gar nichts anderes mehr übrig bleibt.
Sogar der Bundespräsident erkennt auf einmal, daß es falsch ist, wenn Gewinne
individualisiert und die riesigen Verluste sozialisiert werden. Das ist die
Systemfrage. Wahrscheinlich ist die Demokratie doch nicht das richtige
Gesellschaftssystem für den Kapitalismus. Was jetzt kommt, das wird Blut und
Dreck sein. Da war das, was bisher passiert ist, noch gar nichts.“ (Josef Bierbichler)

Denken Sie dran, wenn ihnen die Politiker von CDU, CSU, FDP,
SPD und Grünen, die gerade im Bundestag den fiesesten Hebelgesetzen zugestimmt
haben, wieder einmal weismachen wollen, es gebe keine Alternative... Wer Christ
ist, mag im November die zahlreichen herbstlichen Buß- und Bettage zum Anlaß
nehmen, Buße zu tun oder zu beten. Denn wer jetzt keine Bank ist, findet keine
mehr...

06.10.2011

Und Ansonsten 2011-10-06

05.09.2011

Und Ansonsten 2011-09-05

Den englischen Medien kann mans auch
nicht recht machen. Da hat das seit Thatcher neoliberalste System Europas die
meisten staatlichen Aufgaben und Besitztümer privatisiert, gewährt seinen
Bankern ungehemmten Profit auch in den schlimmsten Bankenkrisen und hat seine
Underdog-Jugendlichen seit Jahren und Jahrzehnten zu ungehemmtem Konsum als
Teil des „very british way of capitalism“ erzogen – und wenn diese Jugendlichen
dann statt für eine „Revolution“ eben nur für Playstations und Plasmafernseher
auf die Straße gehen und sich „ihren Teil“ nehmen, ist es auch wieder nicht
recht, und ein Sozialanthropologe wirft den Jugendlichen vor, daß sie das tun,
was ihnen das System eingetrichtert hat: „Indem die Jugendlichen vor allem
Geschäfte für Sportkleidung und Unterhaltungselektronik zu ihrem Ziel erklärt
haben und aus Kiosken Schnaps und Zigaretten haben mitgehen lassen,
demonstrieren sie zu gleichen Teilen hohlen Materialismus wie profunde
Fantasielosigkeit“, schreibt ein Ross Holloway in der „taz“. Als ob man
nicht bei jedem Spaziergang durch die Innenstadt Londons in den letzten Jahren
genau dies und nur dies angetroffen hätte: brutalsten „hohlen Materialismus und
profunde Fantasielosigkeit“...

Hohler Materialismus und profunde
Phantasielosigkeit, wie sie übrigens auch aus den bundesweit entstehenden und
entstandenen Einkaufszentren des Konzerns ECE spricht – eine Firma, die kaum
jemand kennen dürfte, die aber für die flächendeckende antidemokratische
Zurichtung unserer Innenstädte zu Kommerztempeln als Gegenpol zu öffentlichen
Orten verantwortlich zeichnet.

 * * *

Und was macht die linke Pop-Boheme
des Königreichs?

M.I.A. kündigte noch während der
Krawalle via Twitter an, in London zur Stärkung „Tee und Mars-Riegel“ an die
Randalierer verteilen zu wollen.

Tee und Mars-Riegel? Also Schokokram
eines weltweit berüchtigten Nahrungsmittel-Multis für die Londoner
Jugendlichen? So ist denen wohl kaum zu helfen... aber es bringt natürlich den
Stand des Popdiskurses im Jahr 2011 im Bereich „Radical Chic“ ganz hübsch auf den
Punkt.
 
* * *

Auch hierzulande scheinen die
Mächtigen nervös zu werden. Die deutsche Polizei warnt jedenfalls vor
„ähnlichen Unruhen wie in England“, das Geraune von der Möglichkeit derartiger
Gewaltausbrüche schweißt die Reihen zusammen.

Wobei, ob derartige Jugendunruhen
zum Beispiel in Neukölln wirklich nicht passieren können, dafür würde ich meine
Hand sozusagen nicht ins Feuer legen – wenn da mal ein ähnlicher Auslöser
„passiert“... Die neoliberale Zurichtung Berlins durch den rot-roten Senat
(„rot-rot“, das sind die beiden Parteien, die sich in ihren Programmen für
Bildung, für Mindestlöhne, für günstige Mieten und gegen die Privatisierung
öffentlichen Besitzes aussprechen) ist der britischen Politik nicht unähnlich:
die Mieten in Berlin explodieren längst, die Wohnungsbaugesellschaften wurden
vom Senat privatisiert und verlangen jetzt die höchstmöglichen Mieten, sozialer
Wohnungsbau wird in Berlin seit Jahrzehnten kaum mehr betrieben, die Mieten
sind, seit der rot-rote Senat regiert, um etwa 25% gestiegen, an Bildung
speziell in Wohngebieten von sozial Schwachen wird systematisch gespart, die
Löhne, die der rot-rote Senat etwa durch seine Zuschußbescheide im
Kulturbereich fixiert, betragen zwischen 3 und 5 Euro und reichen zum Leben in
Würde kaum aus – um nur ein paar Beispiele zu nennen. 

* * *

Die Inszenierung um das neue Buch
von Charlotte Roche ist ein hübsches Beispiel dafür, wie das bürgerliche
Feuilleton zu Teilen längst zur devoten Abspielstation für die
Vermarktungskampagnen der Kulturindustrie degradiert wurde. Noch bevor es
überhaupt erschienen ist, feiert der einseitige Feuilleton-Aufmacher in der
„FAZ“ das Buch, oder in der „Zeit“. Im „Spiegel“ darf Frau Roche auf sage und
schreibe sieben langen Seiten ihre Sicht der Dinge in einem Interview zum
besten geben. Vier Tage darauf reden Charlotte Roche und Jana Hensel im
„Zeitmagazin“ auf sechs Seiten über Sex. Und in der „FAZ“ ein zusätzliches
Interview mit Frau Roche über eine ganze Seite, in der die selbsterklärte
Feministin Sätze sagt wie „Ich interessiere mich für die Wünsche meines
Mannes, ich will ihn glücklich machen.“ Oder auch: „Nein, egal, wie viel
Geld ich habe, mein Mann soll bitte schön mehr haben.“ Oder sie berichtet
vom Tattoo auf ihrem Arm, wohin sie sich das Cover des Buches „Tiere essen“ von
Safran Foer hat tätowieren lassen: „Schon in meiner Jugend war ich mal
Vegetarierin. Das Tattoo soll jetzt dabei helfen, daß ich es auch bleibe. Ich
gucke alle böse an, die Fleisch essen. Da bin ich extrem moralisch. Außerdem
ist der Umweltfimmel auch für die Geschichte gut...“

Die Rolle der Analyse, der
Einordnung von künstlerischen Werken hat das bürgerliche Feuilleton an dieser
Stelle längst zugunsten ungeschminkter 1:1-Werbung zugunsten eines Produkts
aufgegeben – eine der wenigen substantiellen Analysen des Buches von Charlotte
Roche konnte man in der „Berliner Zeitung“ finden, ansonsten funktioniert
Feuilleton hier, wie wir es von weiten Teilen des Musikjournalismus längst
gewohnt sind, als der Kulturindustrie hörige, termingerechte und kritiklose
Abspielstation deren Produkte. Da können die Produkte der größte Scheiß sein,
Hauptsache, die Verwertungskette funktioniert...

* * *

Wobei die biedere „Zeit“ ja immer
wieder mal dadurch auffällt, komplett gaga zu sein. Da die „Zeit“ als
Printprodukt eben keine Fürstenhochzeit live übertragen kann, löst sie dieses
Problem auf ihre eigene Art – direkt hinter dem Sex-Gespräch der zwei biederen
Autorinnen kann man den Artikel „Prinzessinnenbad“ lesen – das „Zeitmagazin“
hat eine Elisabeth Prinzessin von Thurn und Taxis gebeten, über einen Besuch im
Kreuzberger Prinzenbad („Laufsteg, Kampfzone, Spielplatz und Sportstätte in
einem“) zu schreiben. Und das spießig-bürgerliche Publikum bekommt von der
Fürstentochter aufgetischt, wofür es bezahlt hat: „Ich erwarte Chaos,
Aggression, vielleicht sogar eine Messerstecherei wie im Kino“, blabert das
Fürstenfräulein am Eingang des Schwimmbads vor sich hin – das wäre natürlich
eine sehr schicke Abwechslung für das fürstliche Einerleileben, das die Dame in
London sonst lebt – wobei sie eine Messerstecherei und Aggression und Chaos
aktuell eher vor ihrer Londoner Haustüre finden könnte... Doch das
Fürstenfräulein plappert munter weiter, das Prinzenbad gleiche einem „Bürgerkriegsschauplatz“,
„so hieß es in einer seriösen Tageszeitung“ (sehr seriös fürwahr). Aber das
verwöhnte Fräulein zögert nicht: „Nun ja, ich bin in meinem Leben durch ein
paar unheimliche Ecken spaziert“, stellt sie sprachlich ein wenig gewagt
fest, „ich war in Nairobi und bin durch finstere Gassen in Neapel gestreift,
mein Portemonnaie im Stiefel versteckt“ (Aufständische und Diebe in den
dunklen Gassen und unheimlichen Ecken dieser Welt, habt ihr gelesen, wo ihr die
Besitztümer der Fürstenkinder finden könnt?...), also, was solls – „ein
bißchen mulmig ist mir zumute, als ich das Freibad betrete. Aber: es ist
durchaus ein guter Schauer. Spannung!“

Wenn Fürstenkinder sich ins Freibad
unter die Untertanen mischen und einen "guten Schauer" erleben, ist
heutzutage die bürgerliche Presse eben nicht nur einfach „dabei“, sondern läßt
die Adeligen aus erster Hand erzählen. Sie denken wohl, das sei investigativer
Journalismus...
 
* * *

Wenn man den Unterschied zwischen
deutschen und spanischen Fußballern auf den Punkt bringen möchte: der Dresdner
Pokalheld Robert Koch, zweifacher Torschütze beim Sieg des Zweitligisten über
Bayer Leverkusen, sagte die Einladung zum „Aktuellen Sportstudio“ ab, weil er
Karten für ein Open Air von Matthias „Verdammt, ich lieb dich“ Reim am gleichen
Abend hatte. Während der spanische Profi Javier Poves von Sporting Gijon
begründet, warum er „angewidert vom kapitalistischen Fußballsystem“
seine Karriere beendet und Geschichte studieren wird: „Je besser man den
Fußball kennenlernt, desto klarer sieht man, daß sich alles nur ums Geld dreht.
Das raubt dir alle Illusionen.“

 * * *

„Emihosting.com im Auftrag von PUR“
teilt mir mit: „PUR ist nominiert für die Goldene Henne 2011“. 
Recht geschiehts ihnen...

Demzufolge sind Pur bei „Deutschlands
größtem Publikumspreis“ nominiert in der Kategorie „Schlager, Rock, Pop &
Volksmusik“, und sie sind derart verzweifelt, daß sie sogar mich anflehen: „Wir
brauchen deine Hilfe! Bitte stimme für uns beim Voting und hilf uns dabei die
goldene Henne zu gewinnen!“

(Kommasetzung können sie also auch
nicht im PURen Abenteuerland...)

Dreimal dürften Sie raten, ob ich
mich habe erweichen lassen.
 
* * * 

Im letzten Rundbrief hatten wir über
junge Menschen gelästert, die im Ganzkörperhasenkostüm auf Festivals rumlaufen
(oder wahlweise als Elch, Biene oder Banane). Das ist alles jedoch kein Zufall,
sondern hat Methode, ist gewissermaßen systemisch, wie man heutzutage sagt:
Eine Schweizer Band beispielsweise verrät dieser Tage stolz, daß es ihr gelungen
ist, für ihr neuestes Video „mit Raphael Egli den Vizeweltmeister im
Rollschuhkunstlauf für den Dreh zu gewinnen und in ein Hasenkostüm zu stecken“.

Nun kann man sagen: besser
Hasenkostüm als die abgedroschene nationale Tabuwelle, die sonst gern gepflegt wird.
Das „kraftvolle Panzerballett (Jazz-Funk-Mathematik-Metall)“ etwa, „die
Rammstein des Jazz“ („Zeit“). 

* * * 

Es war nicht alles schlecht in der
DDR.

Nehmen Sie das Jodeln. Wie der
international anerkannten Fachzeitung für Jodeln im Systemvergleich, dem
„Hamburger Abendblatt“, zu entnehmen war, ist auf dem DDR-Gebiet ein „Hochleistungsjodeln“
mit eigenem Klang entwickelt worden, wogegen die Jodelei in der BRD nach 1961 „über
regionale Brauchtumspflege nicht hinauskam“ (woraus man auch eine echte
Benachteiligung der BRD durch den Mauerbau folgern könnte). Beim „Gesamtharzer
Jodelwettstreit“ jedenfalls siegte zum elften Mal ein Andreas Knopf aus dem
Ostharz, der mit den Worten zitiert wurde, Ostjodeln habe „einen wesentlich
höheren Schwierigkeitsgrad“ (zitiert nach „Konkret“).

Die Volksmusiksendungen des
DDR-Staatsfernsehens jedenfalls, so erinnere ich mich als ehemaliger Bewohner
des osthessischen „Zonenrandgebietes“, hatten unbestreitbar Weltniveau, wovon
der MDR noch heute zehrt, und wurde von der älteren Bevölkerung Ost- und
Nordhessens bevorzugt goutiert. Es wächst eben über kurz oder lang immer
zusammen, was zusammen gehört. 

* * * 

Meine Lieblingsschlagzeile des
letzten Monats sah ich bei „Musikwoche Online“:

„Gentleman und Wolfgang Niedecken
vereinen sich für Afrika.“

Das stellt man sich gern im Wortsinn
vor...
 
* * * 

Im Medienzirkus dieser Republik gilt
Nibelungentreue, wes’ Brot ich ess, des’ Lied ich sing. Der Fernsehmoderator
Jörg Thadeusz, dessen in ihrer Langeweile und Unoriginalität kaum zu
übertreffenden Sendungen im Staatsfernsehen laufen, singt in der Springerpresse
das hohe Lied aufs Staatsfernsehen, das ihm das Gnadenbrot gewährt.

Anders macht es Götz Aly – der
schreibt nicht mehr in der gleichgeschalteten Frankfurter Rundschau/Berliner
Zeitung. Warum? Weil die „Berliner Zeitung“ die Chuzpe besessen hatte, sein
jüngstes Buch negativ zu besprechen. Das ist die freie und unabhängige Presse,
die sie meinen.

 * * *

 „Spiegel Online“ erledigt in
einem hübschen Nebenhalbsatz eine zuvor vom embedded music journalism
hochgejubelte deutsche Nachwuchshoffnung: „...den von vielen Fans
bejubelten, aber komplett indiskutablen Auftritt des deutschen HipHop-Hypes
Casper mit seinen Emo-artigen Malle-Raps“...

 * * *

Es lohnt sich, die neueste
Untersuchung zur „Digitalen Content-Nutzung (DCN-Studie) näher zu betrachten,
die der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) zusammen mit dem Börsenverein des
Buchhandels und der „Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen“
(GVU) bei der GfK bestellt hat. Angeblich nimmt die GfK-Studie „das
Download- und Kopierverhalten der Deutschen unter die Lupe“, so jedenfalls
das treue Branchenblatt „Musikwoche“ in gewohnter Kritiklosigkeit: „3,7
Millionen deutsche Internetnutzer haben 2010 Medieninhalte aus unlizenzierten
Quellen heruntergeladen. Das summierte sich auf 185 Millionen Songs, 46
Millionen Alben und sechs Millionen Hörbücher“, weiß die „Musikwoche“. Aber
woher weiß sie das? Nirgendwo in dem Artikel steht, wie  die GfK zu ihren
Ergebnissen gekommen ist, nämlich: sie hat ganze 10.000 Menschen befragt und
daraus die von den Auftraggebern, den Lobbygruppen der Kulturindustrie,
gewünschten Ergebnisse hochgerechnet, wie man beim anderen Branchenblatt, dem
„Musikmarkt“ erfährt. 10.000 Personen ab zehn Jahren wurden befragt, „repräsentativ
für 63,7 Millionen Deutsche“ – und schwupps, schon weiß man detaillierteste
Zahlen und kann aus dem vermeintlich konkreten Zahlenmaterial – das natürlich
doch nur phantasievoll hochgerechnet wurde – das herauslesen, was man schon
vorher sagen wollte: wo 3,7 Millionen Internetnutzer (hochgerechnet aus 10.000
Befragten, wohlgemerkt!) angeblich „auf illegale Medienangebote
zurückgreifen“, ist die Forderung natürlich klar: „Das hohe
Unrechtsbewußtsein und die Aussage dieser Gruppe zur Wirksamkeit von
sanktionierten Warnhinweisen sollten eine klare Handlungsanweisung an den
Gesetzgeber sein“ (BVMI-Geschäftsführer Drücke).

Man glaubt am liebsten die
Statistiken, die man selbst gefälscht hat...

Dumm nur, daß der „Spiegel“ am
gleichen Tag die Ergebnisse der Branchenstudie als „fragwürdig“ in der
Luft zerreißt: Laut „Spiegel Online“ „scheinen die Branchenverbände bei der
Interpretation der Daten deutlich über das Ziel hinausgeschossen zu sein“.
Der Studie zufolge wurden etwa von 23 Millionen E-Books rund 14 Millionen nicht
bei legalen Anbietern heruntergeladen. Als Quellen gaben die Befragten etwa
Tauschbörsen, private Websites oder Foren an. „Branchenkenner gehen davon
aus, daß es sich mehrheitlich um Fachliteratur – etwa medizinische Lehrbücher
großer Fachverlage – handeln dürfte. In diesem Fall wäre der digitale
Bücherklau wohl in erster Linie ein Studentenphänomen – früher wurden teure
Fachbücher kopiert und geheftet, heute saugt man sich eine Datenkopie aus dem
Netz“.

Ein noch größeres Bubenstück
unterläuft den Copyright-Fans der Lobbyistenverbände der Kulturindustrie bei
der generellen Einordnung der Ergebnisse der Studie. Die GfK nämlich erwähnt
den Begriff „illegal“ in ihrer Auswertung an keiner Stelle – „wir führen da
keine Wertung durch“, erklärte ein GfK-Sprecher dem „Spiegel“. Die
Lobbyistenverbände werteten dagegen einfach die meisten Downloads, die nicht
„kostenpflichtig“ waren, einfach als „illegal“, wenn die Befragten als Quellen „Tauschbörsen
/ Sharehoster / private Websites / Blogs / Foren / ftp-Server / Newsgroups“
angegeben hatten. „Dabei gibt es selbstverständlich gewaltige Mengen an
völlig legalen Buch-Downloads in PDF, ePub oder in anderen Formaten. Allein das
deutschsprachige Projekt Gutenberg enthält über 5500 Romane, Erzählungen,
Novellen, Dramen, Gedichte und Sachbücher in deutscher Sprache von über 1200
Autoren – alle gemeinfrei und damit kostenlos verfügbar“, stellt „Spiegel
Online“ fest, und verweist darauf, daß auch etliche Autoren ihre eigenen Werke
kostenlos als PDF anbieten – die Verbände haben derartige Downloads einfach als
„illegal“ interpretiert, um ihre Horrormärchen von Online-Diebstählen zu
untermauern: „Die Branchenverbände rechnen sich arm“, faßt „Spiegel
Online“ das Münchhausen-Bubenstück der deutschen Musik- und Buchindustrie
zusammen.

Wir sind gespannt, welche Märchen
uns die Verwertungsindustrie als nächstes auftischt, um die Politik zu ihren
Gunsten zu beeinflussen. Und ob die Branchenmagazine sich endlich zu einer
kritischen Berichterstattung bereitfinden, oder diese weiter branchenfernen
Medien überlassen. 

* * * 

20 Jahre World Wide Web – und in der
„Berliner Zeitung“ waren neben einem lesenswerten Aufsatz von Peter Glaser ein
paar hübsche Einschätzungen von „Experten“ zum Internet zu lesen:

„Internet ist nur ein Hype.“ (Bill Gates, 1995)

„Das Internet ist eine Spielerei für
Computerfreaks, wir sehen darin keine Zukunft.“ (Ron Sommer, Telekom-Chef, 1990)

„Wir haben das Internet als
interaktives Medium überschätzt.“ (Dieter Gorny, 2002) 

* * * 

Ein Selbstmordattentäter zündet im
Münchner Polizeiruf 110 der ARD eine Bombe – und was da zu sehen ist, ist dem
Staatsfernsehen zu gewagt, und die Jugendschützer sorgen dafür, daß diese Folge
des Polizeirufs im September nicht am Sonntagabend zur gewohnten Zeit, sondern
am Freitag um 22 Uhr zu sehen sein wird.

Dabei übt das Fernsehen seine größte
Gewalt durch die Orgien seiner Verblödungsmaschinerie zu besten kindgerechten
Zeiten aus – man betrachte etwa mal Sonntagmittags die Dumpfsendungen
„ZDF-Fernsehgarten“ oder auf ARD „Immer wieder sonntags“, und man weiß, daß
Schmerzensgeldklagen gegen das Staatsfernsehen sehr aussichtsreich sein
dürften... 

* * * 

Dafür nahm der RBB seinen Bildungs-
und Kulturauftrag wahr und übertrug am 27.8. die „Hohenzollern-Hochzeit“
eines „Georg Friedrich Prinz von Preußen“ und einer „Sophie Prinzessin von
Isenburg“ drei Stunden lang live aus Potsdam. Abends gab es zu bester Sendezeit
eine Zusammenfassung, gefolgt von einer „Doku“ zum 85. Geburtstag der Queen,
„Happy Birthday, Queen Elizabeth“.

Das Staatsfernsehen schafft sich als
Adels- und Yellow-TV selbst ab. Wofür zahlen wir unsere Gebühren? Hab ich
vergessen... 

* * * 

Und um noch kurz im Jammertal des
deutschen Staatsfernsehens und seiner Talkshowplage zu bleiben: Was denken Sie,
wie sich Dampfplauderin Anne Will auf ihre neue Talkshow vorbereitet? „Ich
habe mir zum Beispiel vorgenommen, künftig mehr Illustrierte zu lesen und nicht
nur die Politik- und Wirtschaftsseiten durchzupflügen. Mir geht es um
Inspiration. Deshalb will ich auch wieder mehr ins sogenannte wahre Leben
eintauchen.“

Talkshow als Fortsetzung von „Bunte“
und „Gala“ mit anderen Mitteln. Darauf haben wir gewartet. Und da soll man
nicht zum Kulturpessimisten werden... 

* * * 

„Im Haus der Kulturen der Welt ging
am Sonnabend das WasserMusik-Festival zu Ende, das zum vierten Mal
internationale Musiker versammelte, deren Namen man in der Regel noch nicht
gehört hat“, berichtet
die „Berliner Zeitung“.

Unter den Namen, die die
Feuilleton-Berichterstatterin der Zeitung „in der Regel noch nicht gehört hat“,
waren zum Beispiel Khaled, Giant Sand oder Amadou & Mariam...

 * * *

Es gibt ja Leute, die halten Günter
Grass wegen zweieinhalb zugegeben ganz gelungener Seiten zu Beginn der
„Blechtrommel“ für einen großen deutschen Schriftsteller. Ich denke, diese
Leute fallen nur auf die Selbstinszenierung Grassens als Großschriftsteller
herein – ich führe jederzeit den „Butt“, die „Rättin“ oder „Ein weites Feld“
an, um zu beweisen, daß Grass vor allem eines ist: langweilig. Überschätzt. Wer
deutsche Literatur des letzten Jahrhunderts lesen will, der greife gefälligst
zu Peter Hacks.

Aber das wäre alles nicht der Rede
wert. Interessant ist, daß Grassens Neigung, in alle bereitstehenden Fettnäpfchen
zu trampeln, mit zunehmendem Alter drastisch steigt. Und wie bei so vielen
ehedem „linken“ Feuilleton-Machthabern (nun gut, Grass war nur
Sozialdemokrat...) zeigt sich bei Grass ein Phänomen, das systemimmanent zu
sein scheint: sie schwätzen in jungen Jahren mal kurz links daher, um dann so
rasch wie möglich ihr wahres Gesicht zu zeigen und durch die Gedärme der
herrschenden Meinung nach oben zu kriechen, dann auch äußerlich, was sie
innerlich schon längst waren: braun eben.

Nehmen Sie Grass, der über
Jahrzehnte quasi vergessen hat, seinen Lesern mitzuteilen, daß er sich mit 15
Jahren freiwillig bei Hitlers Wehrmacht meldete und im letzten Kriegsjahr
Mitglied der Waffen-SS war. Der „plötzlich“ Bücher über untergehende
Vertriebene schreibt und in der israelischen Zeitung „Haaretz“ behauptet, sechs
Millionen Deutsche seien im Zweiten Weltkrieg von den „Sowjets liquidiert
worden“. „Sechs Millionen“? Da war doch was? Es ist so ekelhaft wie erbärmlich.
 
* * *

Demokratie, die sie meinen:
Demonstrationen gegen den Papstbesuch in Deutschland stoßen bei den Behörden
auf Widerstand. Die Berliner Versammlungsbehörde etwa verbietet wegen
angeblicher „Sicherheitsbedenken“ den Start einer „Karawane zum Papst“ am
Brandenburger Tor. Auch die Freiburger Stadtverwaltung sowie die Behörden in
Erfurt haben beantragte Demonstrationen und Infostände bislang nicht genehmigt.

Meinungsfreiheit? Hierzulande nur in
den Grenzen, die die Regierenden festsetzen. 

* * *

Der geniale US-amerikanische Autor
David Simon („The Wire“, „Treme“, „Homicide“) sagt voraus: „Bald werden die
ersten Steine in Städten wie Cleveland fliegen; ein Aufstand naht.“

Nutzen Sie die Zeit. Demonstrieren
Sie. Leisten Sie Widerstand. Zahlen Sie Ihre GEZ-Gebühren nicht. Tun Sie etwas
Verrücktes. Seien Sie dabei, wenn der „heimliche Aufstand“ naht... 

Seiten

Berthold Seliger - Blog abonnieren