16.06.2014

Der Arbeitsmarkt ist kein Kartoffelmarkt

„Der Arbeitsmarkt ist kein Kartoffelmarkt!“
Ein Vortrag von Heiner Flassbeck
„Der Lohnsenkungs-Idee liege eine irrige Annahme mit üblen Konsequenzen zugrunde, erklärte Flassbeck, nämlich die Analogie zu Kartoffelmärkten. Die Regel "Gibt es viele Kartoffeln, so fallen die Preise" werde schlicht auf den Arbeitsmarkt übertragen: "Gibt es viele Arbeitskräfte, dann sinken die Löhne." Allerdings fragen Kartoffeln keine Güter nach...
Der Unterschied zwischen Einzelwirtschaft und Gesamtwirtschaft werde verdrängt, so der Vorwurf Flassbecks an die herrschende Wirtschaftspolitik. In Deutschland herrsche das vorneweg von Finanzminister Schäuble propagierte und für eine Volkswirtschaft grundverkehrte "Modell der schwäbischen Hausfrau". Seit 15 Jahren gebe es keine Reallohnerhöhungen mehr. Die Bild-Zeitung hielt in einer infamen Verdrängung all dessen, wofür sie mit ihrer öffentlichen Meinungsmache eintritt, den deutschen Arbeitnehmern vor, dass sie "Lohndeppen"[3] seien.
Dabei werde der "klarste Zusammenhang der Welt" nicht erkannt, der zwischen dem Druck auf Arbeitslöhne, der diese so niedrig wie möglich hält, und der Krise, in der wir stecken. Europa sei jetzt im deflationären Bereich und dies habe genau damit zu tun: Der Druck auf Löhne erzeugt die Deflation. Wie das Beispiel Japan, wo man seit 20 Jahren in einer Deflation stecke, zeige, helfen monetäre Maßnahmen, Instrumente der Geldpolitik, bei diesem Problem nicht weiter. Dogmen der Ökonomen, die sich wie Anhänger einer Religion verhalten, verstellen den Blick, so Flassbeck.
Schaue man sich das Problem in Europa genauer an, so stünden nicht mehr die Staatsschulden Griechenlands und anderer südlicher Länder im Vordergrund und auch nicht das Bankensystem Zyperns, sondern Lohnstückkosten und Preise. Das Problem der Währungsunion liege in Deutschland, das die Warenströme mit seinen billigen Produkten aufgemischt hat. Wurden die deutschen Produkte deswegen mehr gekauft, weil sie so viel besser waren?, lautete die dazu gehörige Frage Flassbecks. Nein, sondern weil sie viel billiger waren.“
(Aus einem Bericht von Thomas Pany auf „Telepolis“, 6.Mai 2014)

16.06.2014

Portugal

"Portugal verlässt den Euro-Rettungsschirm, doch die Bürger zahlen dafür einen hohen Preis. Harte Sparprogramme haben die Mittelschicht zerstört, soziale Netze zerfetzt. 2,5 Millionen Menschen leben am Rande der Armut. (...)
Es ist der größte Erfolg, den Portugal seit drei Jahren verzeichnen kann, doch Premierminister Pedro Passos Coelho will ihn nicht selbst verkünden. Stattdessen leitet sein Staatssekretär die Pressekonferenz zum Ausstieg aus dem Euro-Rettungsschirm. (...)
Coelhos eiserne Reformpolitik hat Portugal zwar die Rückkehr an die Finanzmärkte ermöglicht, aber gleichzeitig das Land in eine historische soziale Krise gestürzt. 2,5 Millionen Portugiesen leben in Armut oder an der Armutsgrenze, das entspricht rund einem Viertel der Bevölkerung. Und so kann Staatssekretär Carlos Moedas zwar erläutern, dass die Wirtschaft wieder wächst und wie die Regierung die Gesundung des Landes weiter vorantreiben will. Auf die zahlreichen Fragen nach den sozialen Folgen aber hat auch er keine gute Antwort. Er hoffe, dass die Reformen rasch greifen und sich das Wachstum stabilisiert, sagt er. Dann würden auch die sozialen Verwerfungen zurückgehen.
(...)
Rund 300.000 Portugiesen haben in den vergangenen Jahren das Land verlassen und im Ausland ihr Glück versucht."
(SPON 17.5.2014)

16.05.2014

Streiks in China, Streik bei der "Berliner Zeitung"

Über diesen Streik (siehe unten) in Dongguan wurde in den deutschen Medien übrigens kaum berichtet – klar, er paßte nicht in die politische Narration. Löbliche Ausnahme: die „FAZ“, in ihrem Wirtschaftsteil. Und dann gab es da noch einen Artikel in der „Berliner Zeitung“ über Adidas, in dem ein Thomas Magenheim u.a. schreibt: „Adidas ist derzeit wie andere Firmen in der Sportartikelbranche hin- und hergerissen zwischen Margendruck und Imageproblemen, ausgelöst durch die Zustände in Zulieferfabriken.“ Zulieferfabriken? Der Autor meint wohl die Fabriken, in denen der komplette Adidas-Kram hergestellt wird. Das sind ja nicht etwa Zulieferfabriken, die mal eben paar Schnürsenkel aus Südostasien in die Schuhfabrik nach Herzogenaurach liefern würden, sondern eben Fabriken, die gleich den ganzen Schuh herstellen.
Doch weiter im Text von Herrn Magenheim: „‚Seit Jahren weigert sich Adidas, geeignete Schritte zu unternehmen, um die Arbeitsbedingungen effektiv zu verbessern’, klagt Maik Pflaum von der Christlichen Initiative Romero. Die auf Arbeitsrecht spezialisierte Organisation prangert an, daß die globale Nummer zwei der Branche auf Zulieferer großen Kostendruck ausübe und damit Arbeitsrechtsverletzungen provoziere. (...) Adidas läßt wie auch viele Konkurrenten beim chinesischen Sportschuhhersteller Yue Yuen produzieren, wo ein Streik wegen vorenthaltener Lohnbestandteile zuletzt die Produktion teilweise lahmgelegt hatte.“
Beim chinesischen Sportschuhhersteller Yue Yuen läßt Adidas laut „Berliner Zeitung“ seine Schuhe produzieren? Dumm nur, daß Yue Yuen eben keine chinesische Forma ist, sondern ein Konzern aus Taiwan. Und das ist ein gänzlich anderes Land. Muß man als Autor im Wirtschaftsteil der „Berliner Zeitung“ wohl nicht so genau wissen.
Jedenfalls: „Adidas reagierte mit einem Teilabzug von Aufträgen und schadete damit Menschenrechtsorganisationen zufolge der Sache der Streikenden. (...) Adidas und andere Sportartikler sind in China in einer heiklen Situation. Wer in China Geschäft (sic, BS) machen will, legt sich besser nicht mit den Machthabern an.“
Und da haben wir die Propaganda-Narration, die den bundesdeutschen Journalisten in Fleisch und Blut übergegangen zu sein scheint, die halt nur leider mit der Wahrheit nichts zu tun hat, sondern komplett, sagen wir es freundlich: erfunden ist. Müßte sich Adidas, wie die „Berliner Zeitung“ behauptet, mit den chinesischen „Machthabern anlegen“, um die Arbeiter fair zu bezahlen? I wo. Die chinesische Regierung hat ja die Gesetze erlassen, an die sich der taiwanesische Konzern nicht hält. Was also soll diese Behauptung, außer mit einer offensichtlichen Unwahrheit Stimmung zu machen? Die chinesischen „Machthaber“ haben damit, daß bei der Produktion von Adidas-Sportschuhen die Arbeiter nicht korrekt bezahlt, sondern um große Teile ihrer Sozialleistungen betrogen werden, rein gar nichts zu tun. Verantwortlich ist der Konzern aus Taiwan. Der von dem Konzern aus Herzogenaurach damit beauftragt wurde, die für teures Geld verkauften Sportschuhe so billig wie möglich herzustellen.
Die Ausbeuter haben Name, Anschrift und Gesicht. Die Adresse lautet: Adidas AG, Adi-Dassler-Str. 1, D-91074 Herzogenaurach.

16.05.2014

Ungleichheit

Die Ungleichheit in der deutschen Gesellschaft, die die OECD bereits 2011 feststellte, nimmt laut einem Bericht auf „SPON“ weiter zu. „Die Unterschiede sind auch in Deutschland groß geworden", sagt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, laut „Spiegel“. Die soziale Mobilität sei in Deutschland inzwischen fast genauso gering wie in den USA. „Wer also einmal in einem bestimmten Bildungs- und Einkommensmilieu feststeckt, kommt da nicht mehr raus."
Kaum eine westliche Industrienation bekennt sich derart klar zum Prinzip der sozialen Marktwirtschaft wie die Bundesrepublik Deutschland - und nur wenige verteilen so stark um. Das Armutsrisiko sei denn auch „in den jüngeren Altersgruppen deutlich höher als in den älteren".
(„Spiegel Online“ am 4.5.2014)

16.05.2014

Kapital (Karl Marx)

„Das Kapital ist verstorbene Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.“
(Karl Marx)

27.04.2014

Streiks in China - Streiks in Deutschland bei Adidas?

Zehntausende Arbeiter einer der größten Schuhfabriken in China streiken derzeit für die Zahlung von Sozialleistungen. 30.000 bis 50.000 Arbeiter und Angestellte der Yueyuen-Fabrik in Dongguan, etwa ein Achtel der Belegschaft, nehmen am Arbeitskampf teil, über 10.000 der ArbeiterInnen sind auf der Straße.
Laut „FAZ“ bezeichnet sich die taiwanesische Firma Yue Yuen „als größten Markenschuh-Hersteller der Welt und produziert für Firmen wie Adidas, Puma, Asics und Nike. (...) Im vergangenen Jahr liefen 313 Millionen Paar Schuhe bei Yueyuen vom Band.“ Das sind etwa 20 Prozent der jährlich in der ganzen Welt produzierten Schuhe.
Firmen wie Adidas, Nike oder Puma lassen bekanntlich nicht selbst produzieren, sondern übertragen die Fertigung der im Westen für viel Geld verkauften trendigen Sneaker Billigproduzenten wie eben dem taiwanesischen Konzern Yue Yuen Industrial Holdings. Die wiederum schuldet den ArbeiterInnen ihres Werkes in Dongguan die in China gesetzlich vorgeschriebenen Sozialbeiträge für mehrere Jahre. Es geht bei diesem größten Streik in der neueren Geschichte Chinas also nicht um höhere Löhne, sondern um Arbeiterrechte, um die gesetzlich verbrieften Sozialbeiträge, was Vertreter von „China Labor Watch“ als einen Wandel bezeichnen gegenüber bisherigen Streiks. Die Organisation mahnt das Problem seit Jahren an. Von den mehr als 400 in den vergangenen zehn Jahren kontrollierten Unternehmen hat laut CLW nicht eine einzige Firma alle nach chinesischem Gesetz vorgeschriebenen Sozialleistungen für seine Angestellten gezahlt.
Die Yue Yuen Industrial Holdings hat laut „China Daily“ seit Jahren zu wenig Krankenversicherungs-, Arbeitslosen- und Rentenversicherungsbeiträge abgeführt. Laut den in Dongguan geltenden Sozialgesetzen müssen Arbeitgeber 11 Prozent des monatlichen Einkommens der Arbeiter in die Rentenversicherung einzahlen. Offensichtlich hat Yue Yuen jedoch nur 27 Yuan pro Arbeiter monatlich eingezahlt, nicht einmal ein Prozent des Lohns. Arbeiter in den Fabriken des taiwanesischen Konzerns verdienen laut „China Daily“ 3.500 Yuan monatlich (ca. 404 Euro!).
Es ist natürlich auch eine Frage wert, warum die chinesische Regierung nichts zur Unterstützung der Streikenden in Dongguan und zur Durchsetzung der chinesischen Gesetze gegenüber dem taiwanesischen Konzern unternimmt, sondern stattdessen die Polizei auf die Streikenden losgehen läßt.
Nichtsdestotrotz: die eigentlich Verantwortlichen sitzen in den Konzernzentralen von Adidas, Asics, Nike und Puma. Und nur, wenn wir Solidarität mit den für ihre Rechte kämpfenden Streikenden in China zeigen, indem wir die Verantwortlichen in Herzogenaurach und anderswo massiv unter Druck setzen, wird sich an diesen skandalösen Verhältnissen etwas ändern.
Wie wäre es denn, wenn zum Beispiel die Fußballstars, die von Adidas oder Nike Millionenbeträge kassieren, sich mit den streikenden Arbeitern in Dongguan solidarisieren und sich weigern würden, bei der Fußball-WM in den Tretern von Firmen aufzulaufen, die bei der Herstellung ihrer teuren Schuhe die Arbeiterrechte mißachten?

27.04.2014

Putsch in Europa

In Europa gibt es einen stillen Putsch, einen kalten Staatsstreich. Er erfolgt aus dem Innern diskreter wirtschaftspolitischer Machtnetzwerke und er ist gegen die Bevölkerung Europas gerichtet. So lautet die Kernthese des neuen Buchs von Jürgen Roth mit dem Totel "Der stille Putsch".
Aus einem aktuellen Interview von Reinhard Jellen mit Jürgen Roth in „Telepolis“:

Sie sprechen in Ihrem neuen Buch von einem "stillen Putsch" und einer Art "kalten Staatsstreich", der in Europa stattgefunden hat. Was meinen Sie damit?

Jürgen Roth: Der in Europa regierenden neoliberalen Elite in Politik und Wirtschaft ist es in den letzten vier Jahren unter dem Vorwand notwendiger Reformen (Schuldenbremse etc.) gelungen, ein wirtschaftliches und soziales Ordnungssystem durchzusetzen, bei dem es ausschließlich um die Machterhaltung, Besitzstandwahrung und Vermögensvermehrung einer globalen Elite geht und zwar durch die gezielte Zerstörung der sozialen Sicherungssysteme in Europa. Es ist ein klarer Systemwechsel durch einen Putsch, bei dem die Menschenrechte in Spanien, Portugal oder Griechenland, laut des Menschenrechtsbeauftragten des Europarates Nils Muiznicks, mit Füßen getreten werden, die Europäische Sozialcharta ausgehebelt wurde. Es ist ein Putsch, der seit 2009 mehreren tausend Menschen das Leben gekostet hat, durch fehlende Krankenversorgung, Hunger oder Selbstmorde aus Verzweiflung. Wir hier in Deutschland wollen das anscheinend nicht wahrnehmen, weil wir kein Blut oder kein Militär sehen wie bei einem klassischen Putsch.

Sie sehen also in der gegenwärtigen "Europa-Krise" nicht einfach nur das Produkt einer Zusammenreihung von, sagen wir: "unglücklichen Entscheidungen" der politischen Elite und schwer zu kontrollierenden äußeren Faktoren, sondern Sie gehen davon aus, dass skrupellose Machteliten planvoll vorgehen. Wie untermauern Sie diese These?

Jürgen Roth: Nein, das waren keine "unglücklichen Entscheidungen", sondern der Putsch wurde von der Machtelite geplant und durchgeführt. Wobei die Troika dabei eine führende Rolle spielte. Das ist keine These, sondern die Realität.
Wir brauchen uns nur Griechenland und Portugal anzusehen, was ich ja näher untersucht habe. Wolfgang Hetzer, ehemaliger Berater des verstorbenen Generaldirektors von OLAF in Brüssel, fragt, ob sich im Bereich der modernden Finanzgesetzgebung eine arbeitsteilige Kultur des kalten Staatsstreichs etabliert hat. Und Ulisses Garrido, der Direktor der Abteilung für Bildung des Europäischen Gewerkschaftsbundes, diktierte mir ins Mikrophon: "Das ist keine Verschwörungstheorie. Für mich ist es ein Putsch, weil es die Synthese dessen ist, was wir hier in Europa erleben, eine Attacke auf den Sozialstaat. Was erreicht werden soll, ist eine komplette Veränderung der Gesellschaft, ohne dass die Bevölkerung darüber mitentscheiden kann. Es ist eine ideologische Revolution, ein stiller Putsch - zweifellos."
Und ich könnte noch mehr Beispiele anbringen, zum Beispiel Portugal. Dort hat die Troika genau das an sozialem und gesellschaftlichem Kahlschlag durchgesetzt, was die konservative Regierung auf demokratischem Weg nicht erreichen konnte. Ich weise nach, dass die Regierung in Lissabon der Troika sogar diktiert hatte, was alles an sozialen Errungenschaften zerschlagen werden muss. Und genau das wurde dann von der Troika umgesetzt."

(zitiert nach „Telepolis“ vom 10.4.2014 – Interview: Marcus Klöckner)

27.04.2014

Obdachlosigkeit im Silicon Valley

Für gewöhnlich denkt man, daß im Silicon Valley die Umformungen der Informationsgesellschaft betrachtet werden können. Das „Tal der Träume“ gilt als „Ort der großen Ideen“, und auch deutsche Konzernbosse und sogenannte Journalisten basteln an ihren Frisuren und hospitieren schon mal ausgedehnt im Silicon Valley.
Daß es in Palo Alto und Umgebung jedoch ein großes Obdachlosenproblem gibt, das letztlich hausgemacht ist (die Mieten steigen drastisch, die Arbeitslosenzahlen sind höher als im Landesdurchschnitt, diejenigen, die arbeitslos werden, können sich Wohnen nicht mehr leisten und fallen durchs Raster der unbarmherzigen amerikanischen „Hilf dir selbst“-Gesellschaft), ist nicht Teil der Berichterstattung oder des öffentlichen Bildes, das vom Erfolgs-Tal gemalt wird.
Im Santa Clara County gibt es laut einem Bericht im „Guardian“ (und hierzulande auf „Telepolis“) die fünfthöchste Zahl von Obdachlosen in den USA – während das Durchschnittseinkommen der Haushalte im Silicon Valley bei über 90.000 Dollar und damit weit über dem Landesschnitt liegt (und die Reichen im Valley natürlich superreich sind). 7.600 Personen suchen nachts nach einem Schlafplatz, in Palo Alto fehlen jedoch Unterkunftsmöglichkeiten für 92 Prozent der Obdachlosen.
Und wie hat die von den Demokraten gestellte Stadtregierung in der Stadt, die von „Liberalen“ geprägt wird, das Problem „gelöst“? Sie erließ, wie in zahlreichen anderen Kommunen in den USA, sogenannte „quality of life“-Gesetze, die sich gegen das Nächtigen von Obdachlosen an unbefugten Plätzen richtet. Selbst den Obdachlosen, die noch ein Auto haben (in den USA keine Seltenheit, daß Wohnungslose in ihren alten Autos schlafen, die „vehicularly housed“, ich kann Ihnen Beispiele aus dem direkten Umfeld einiger Bands meiner Konzertagentur nennen...), wird es unter Strafe verboten, in ihrem Auto in Wohngegenden zu übernachten. In Palo Alto, der gemütlichen „liberalen“ und öko-affinen Stadt im Silicon Valley, erhalten diejenigen, die im Fahrzeug auf Parkflächen in Einkaufsgebieten oder in Wohngebieten übernachten, Geldstrafen von bis zu 1.000 Dollar oder Freiheitsstrafen von bis zu sechs Monaten. Die Obdachlosen sollen aus dem Stadtbild verschwinden und nicht die Wohlhabenden stören.
Gerade dort, wo die Begüterten wohnen, werden in der Regel die unbarmherzigsten Gesetze gegen Obdachlose erlassen, egal, ob es eine liberale oder eine konservative Elite gibt.

27.04.2014

Durchschnittseinkommen USA

„Das Durchschnittseinkommen pro Kopf lag in den USA 2010 bei 18.700 US-Dollar, 20 Prozent höher als 1980, aber inflationsbereinigt praktisch seit 2000 konstant. In Großbritannien und Kanada stieg seit 2000 das Durchschnittseinkommen allerdings um 20 Prozent, in den Niederlanden um 14 Prozent. Nur in einem großen europäischen Land ist das Einkommen in den letzten 15 Jahren stagniert, nämlich in Deutschland, wo das Lohneinkommen zugunsten der Exporte gedrückt wurde. Aber selbst in Deutschland gehe es den Armen besser als in den USA, wo das Einkommen pro Kopf in den mittleren und unteren Schichten zurückgegangen ist. Im unteren 20. Perzentil sind die Menschen in den USA seit den 1980er Jahren ärmer als in einigen europäischen Ländern geworden, in denen die Ärmeren noch mehr am Wirtschaftswachstum teilhatten. In den obersten Einkommensschichten liegen die reichen Amerikaner aber deutlich vor denen in Kanada, Großbritannien oder den Niederlanden.“
(aus: Florian Rötzer, „Die amerikanische Mittelklasse erodiert“, Telepolis 23.4.2014)

03.04.2014

The Migrants Files

Die Toten vor Europas Türen:
Eine Gruppe europäischer Journalisten hat untersucht, wie viele Migranten seit 2000 auf dem Weg nach Europa umgekommen sind. Die Zahl ist erschütternd: Es gab bereits über 23.000 Tote – deutlich mehr als bisher offiziell angenommen (auch wenn ähnlich hohe Zahlen z.B. bereits im Katalog der letzten documenta zu lesen waren).
Die äußerst restriktive Migrationspolitik Europas, u.a. mit der auch in unserem Namen und von unseren Steuergeldern finanzierten Grenzschutztruppe "Frontex", hat Strukturen geschaffen, die viele Menschen in Lebensgefahr bringen und Zehntausende an Europas Grenzen das Leben kosten.
Eine Arbeitsgruppe europäischer Journalisten unter Beteiligung der NZZ hat nun einen umfassenden und detaillierten Datensatz zu Todesfällen und Vermißtenmeldungen zusammengestellt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
"Die Untersuchung förderte erschütternde Zahlen zutage: Seit Anfang des Jahrhunderts sind über 23 000 Personen auf dem Weg nach Europa gestorben oder als vermisst gemeldet worden. Die Anzahl Todesfälle von Migranten auf dem Weg nach Europa ist damit viel höher als bisher angenommen. Frühere Schätzungen gingen von 17 000 bis 19 000 Opfern seit den frühen neunziger Jahren aus. Bei allen Angaben dürfte die wahre Anzahl, einschliesslich aller nicht dokumentierten Fälle, noch einiges höher liegen.
Für das Projekt unter dem Titel 'The Migrants' Files' stützte sich die Arbeitsgruppe unter anderem auf Daten der Nonprofitorganisation 'United for Intercultural Action' sowie auf das Projekt 'Fortress Europe' des italienischen Journalisten Gabriele Del Grande, der die Anzahl Toter und Vermisster unter den Migranten auf dem Weg nach Europa protokolliert hat. Del Grandes Projekt prägte den Ausdruck 'Festung Europa', der heutzutage vielerorts als Synonym für die Asylpolitik der EU verwendet wird." (Neue Zürcher Zeitung, 31.3.2014)
Der umfassende Datensatz im Netz: The Migrants' Files

03.04.2014

Jugendarbeitslosigkeit in Europa

Laut einer soeben veröffentlichen Statistik hat die Jugendarbeitslosigkeit in Europa derzeit verheerende Ausmaße angenommen:
Demnach ist die Jugendarbeitslosenquote (Stand Dezember 2013) in Griechenland 59,2 Prozent, in Spanien 54,3 Prozent, in Kroatien 49,2 Prozent, in Italien 41,6 Prozent, in Zypern 40,8 Prozent und in Portugal 36,3 Prozent. Auch die französische Jugendarbeitslosenquote von 25,6 Prozent fällt auf - ist Frankreich doch die zweitgrößte Volkswirtschaft Europas.
In 21 europäischen Ländern übersteigt die Jugendarbeitslosenquote die 20 Prozent-Marke.
(Quelle: statista.com)

31.03.2014

H&M macht weniger Profit

H&M, der zweitgrößte Modekonzern der Welt, macht 2013 weniger Profit. Dies teilte die Konzernleitung in einer Warnung an die Aktionäre mit.
Hennes & Mauritz lassen gut 80% ihrer Waren in Asien produzieren und sind einer der größten Auftraggeber von Fabriken in Bangladesh, wo unter zum Großteil menschenunwürdigen Bedingungen die Billigklamotten der Kette hergestellt werden. Im letzten Jahr haben die Fabrikbesitzer in Bangladesh einer Anhebung der Mindestlöhne für ihre Beschäftigten von 38$ auf 68$ zugestimmt - im Monat, wohlgemerkt. Nun machen die H&M-Konzernbosse diese steigenden Löhne für ihre geringeren Profitmargen verantwortlich: "Lohnerhöhungen in Bangladesh, Kambodschia und China haben einen negativen Effekt, weil wir unseren Kunden keine höheren Preise zumuten können (...) das wird die Bruttoerlöse negativ beeinflussen", so Karl-Johan Persson (H&M Chief Executive) laut Reuters.
H&M, die behaupten, daß sie es unterstützen, daß Arbeitern in Kleiderfabriken Mindestlöhne zum Überleben gezahlt werden, prüfen derzeit, ob sie Kleidung billiger in Afrika herstellen lassen können.
(laut "Global Times", 28.3.2014)

31.03.2014

Wer hat, dem wird gegeben

"Wer hat, dem wird gegeben" ist ein Artikel in der "Zeit" über das neue Buch von Thomas Piketty, "Capital in the Twenty-FIrst Century", überschrieben.
"Im Kapitalismus zählt Herkunft, nicht Leistung", heißt es in dem Artikel, und: "Die Konzentration der Vermögen ist eine Art Naturgesetz des Kapitalismus".
"Über die Jahrhunderte hinweg haben sich die Vermögen stets erheblich schneller vermehrt als die Wirtschaftsleistung. Die Erträge auf Anlagen in Aktien, Anleihen oder Immobilien belaufen sich demnach im Schnitt auf viereinhalb bis fünf Prozent pro Jahr, der Zuwachs des Bruttoinlandprodukts dagegen beträgt langfristig nur ein bis eineinhalb Prozent. Das Einkommen aus Arbeit kann nicht mit den Einkommen aus bereits angehäuftem Vermögen Schritt halten."
"Die Folgen: Wer hat, dem wird gegeben - und wer nichts hat, für den gibt es kein Entrinnen. Weil Vermögen zudem meist an die eigenen Kinder vererbt werden, pflanzt sich die entstandene Ungleichheit über Generationen fort und hebelt das liberale Versprechen aus, der freie Markt sorge für Wohlstand für alle. In einer Welt, in der Familiendynastien einen großen Teil der wirtschaftlichen Ressourcen kontrollieren, bestimmt die Geburt den sozialen Status. Es gibt weder Chancengleichheit noch Leistungsgerechtigkeit."
(Mark Schieritz, "Wer hat, dem wird gegeben", in: "Die Zeit" vom 6.3.2014)

31.03.2014

Kinderarmut in Europa nimmt zu

Kinderarmut und Armut allgemein nehmen in Europa drastisch zu.
Das ist das Ergebnis einer neuen Studie "The European Crisis and its Human Cost", die Jorge Nuño-Mayer, Generalsekretär von Caritas Europa, jetzt vorgestellt hat und die sich mit den Auswirkungen der Krise und der Austeritätspolitik, die maßgeblich von der bundesdeutschen Regierung betrieben wird, beschäftigt.
Nuño-Mayer spricht von einem "unfairen Europa" und konstatiert: "Der verletzlichste Teil der Gesellschaft zahlt die Konsequenzen der Krise". Denn die Kinderarmut ist in Europa in den letzten Jahren auf durchschnittlich 21,4% gestiegen. Das große Euroland Spanien kommt in dem Bericht dabei besonders schlecht weg. Denn die Caritas zeigt auf, dass die Kinderarmut in Spanien dramatisch auf fast 30% angestiegen ist. Die Caritas bezieht sich auf Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat. Demnach ist Spanien nun hinter Rumänien (34,6%) schon auf den zweiten Platz der Länder mit der höchsten Kinderarmut vorgerückt und liegt nun noch vor Bulgarien und Griechenland.
Laut "Telepolis" seien in Spanien insgesamt schon 28,2% und damit 13 Millionen Menschen von "Armut bedroht", "arm" oder "extrem arm".
"Weil die Löhne breit gesenkt wurden, ist die Zahl derer, die sogar mit einem Job als arm gelten, weil ihr Einkommen unter 60% des Durchschnittseinkommens liegt, auf 12,3% angestiegen. Auch hier liegt Spanien an der Spitze und wird nur von Rumänien (19,2%) und Griechenland (15,1%) übertroffen. Die "working poor" kommen in Spanien zu den knapp sechs Millionen Menschen hinzu (knapp 26%), die im Land arbeitslos sind. Von ihnen erhalten immer weniger Menschen noch eine staatliche Unterstützung. Deshalb unterstreicht der Bericht auch, dass oft Renten oder Pensionen die einzige Einnahmequelle in Haushalten seien. Bei der Arbeitslosigkeit wird Spanien nur von Griechenland übertroffen. Beide Länder liegen auch mit einer Jugendarbeitslosigkeitsquote von über 50% an der Spitze, streicht die Caritas heraus. Die größte Zahl alter Menschen, die von Armut bedroht sind, weist Zypern mit 29,3% aus. Es ist auffällig, dass die schlechtesten Ergebnisse im Euroraum die Länder zeigen, denen wegen Rettungsmaßnahmen die Programme der Troika aufgezwungen wurden. So sind auch die Zahlen für Irland und Portugal schlecht und auch dort steigt die Zahl derer drastisch, die zur Auswanderung gezwungen sind."
Für den Caritas Europa Generalsekretär ist klar: "Die Austeritätsmassnahmen haben bei der Lösung der Probleme versagt."
(laut "Telepolis", 29.3.2014)

21.03.2014

Kultur für chinesische Arbeitsmigranten

Laut einem Bericht von "China daily" verbringen die mittlerweile 269 Millionen chinesischen Wanderarbeiter zwei Prozent ihres gesamten Einkommens mit kulturellen Aktivitäten. Wobei sie "Fernsehschauen" zu den kulturellen Aktivitäten zählen.
Das ergab eine Studie, die bei der "Chinese People's Political Consultative Conference" vorgestellt wurde.
Für die meisten Wanderarbeiter bedeutet "Lesen" das ständige Wiederlesen eines oft Monate, mitunter Jahre alten Billigmagazins; Kinobesuche erfolgen alle paar Jahre einmal, und Live-Shows sind praktisch nicht existent, während Entertainment in der Regel im Kartenspielen besteht, so He Xiangjiu, der an dieser Studie mitgearbeitet und sie bei der Konferenz vorgestellt hat.
Der Studie zufolge besitzen 40 Prozent der Wanderarbeiter nicht einmal ein Buch, und 60 Prozent geben an, ihr kulturelles Leben sei "unbefriedigend".
Laut "China daily" hat die chinesische Regierung in den letzten Jahren bereits 70 Milliarden Yuan (etwa 8,14 Milliarden Euro) in öffentliche kulturelle Serviceeinrichtungen in ländlichen Gebieten investiert, hauptsächlich für Bibliotheken oder für kostenlose Filmaufführungen. Doch das Problem ist, wenn die Dorfbewohner als Wanderarbeiter in die Städte kommen. Zwar sind die staatlichen Museen und Bibliotheken in den Großstädten kostenlos nutzbar, aber die Wanderarbeiter sind von den Städten überwältigt und finden sich dort in der Regel nicht zurecht.
Feng Shuangbai, der Vizepräsident der Chinese Dance Association, konstatierte: "An empty cultural life will invite countless social problems."
(zitiert nach "Need seen to enrich migrant workers' lives" von Sun Ye in "China daily" vom 18.3.2014)

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