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Blog Archiv - Jahr 2012
04.08.2012

MdB von Stetten und Bushido

Auch ein
CDU-Hinterbänkler ist der Bundestagsabgeordnete Christian Freiherr von Stetten,
der im Juni durch die Presse turnte, weil er dem Berliner Rapper Bushido ein
Praktikum in seinem Abgeordnetenbüro ermöglicht hat. Auch von Stetten hat wie
Kauder nun ein Problem, allerdings ganz anderer Natur: Wie die “FAZ“ am
26.7.2012 meldete, „sieht sich von
Stetten (CDU) abermals Spekulationen über eine mögliche Verbindung in die
Berliner Unterwelt ausgesetzt. Nachdem von Stetten im Juni dem wegen
verschiedener Delikte mehrfach vorbestraften Musiker Bushido ein Praktikum in
seinem Abgeordnetenbüro ermöglicht hatte, muß er nun eine Zahlung von 37.000
Euro an den Berliner Geschäftsmann Adnan C. erklären. C. war nach Informationen
des Fernsehmagazins „Spiegel TV“ wegen des Verdachts auf Betrug, Geldwäsche und
Falschaussage ins Visier der Ermittlungsbehörden geraten. Adnan C. soll eng mit
einer kriminellen Großfamilie verbunden sein, mit der wiederum auch Bushido
verkehrt. Er hat von Stetten und Bushido miteinander bekannt gemacht.“

04.08.2012

Wahlrecht Gemeinschaftskunde Deutschland und Rumänien

Aus einer Aufgabe für den Gemeinschaftskundeunterricht,
10.Klasse:

„Am Donnerstag, dem 26.Juli 2012, berichtet die
„Berliner Zeitung“ auf den ersten vier Seiten sowohl über Deutschland als auch
über Rumänien. Erklären Sie, welche Schlagzeile zu welchem der beiden genannten
Länder gehört, und begründen Sie Ihre Wahl:

„Land ohne Wahlrecht.“

„Staat als Beute.“

„Eine echte Staatskrise.“

„Es tobt ein Machtkampf, in dem demokratische
Regeln nichts mehr gelten.“

„Wählen vorerst unmöglich.“

„Das reformierte Gesetz ist verfassungswidrig.“

„Die Regierung hat das Wahlrecht als Machtrecht
mißbraucht.“

„Die Parteien haben mit dem gegen die Stimmen der
Opposition durchgeboxten Wahlgesetz ihre Machtbesessenheit ebenso bestätigt wie
ihre Machtvergessenheit.“

„Die Komikernation.“

04.08.2012

Bayreuth Wagner Nazis

In Bayreuth haben wir die letzten Tage wieder etwas
über Wagner und Deutschland gelernt. Nicht nur, daß Bayreuth immer noch das
ist, was es seit 1945 immer war, nämlich Schlußlicht in der Auseinandersetzung
mit der Nazi-Vergangenheit. Nein, wir haben auch gelernt, daß man in Bayreuth
Wagner, den Zizek als „protofaschistisch“ bezeichnet, nicht singen darf, wenn
man als russischer Opernsänger aus seiner Jugend ein übermaltes und nicht mehr
als solches erkennbares Hakenkreuz auf der Brust tätowiert hatte. Während auf
der Bühne auch dieses Jahr „deutlich
sichtbare Hakenkreuzfahnen entrollt werden“ (FAZ), zum Beispiel in der
aktuellen Parsifal-Inszenierung, die das Staatsfernsehen im August übertragen
wird. Und während 2016 der Künstler Jonathan Meese den Parsifal inszenieren
soll – der von der Blödzeitung protegierte Künstler also, der gern mal den
rechten Arm zum Hitlergruß erhebt.

„Wagner hat
mit dem Gewicht seiner weltweiten Berühmtheit einer schändlichen Gesinnung
Umriß und Stimme gegeben, er hat eine Bierkellerideologie zur Salon- und
Kulturfähigkeit geadelt. (...) Die Verbissenheit der Wagner-Verteidiger bis
heute rührt aus der menschlich verständlichen Unfähigkeit, beides zugleich
auszuhalten. Die Gewalt der Musik und die Gewalttätigkeit der Ideologie. Das
eine ist aber ohne das andere nicht zu haben.“

(Jens Malte Fischer, Herausgeber von Wagners
„Judentum in der Musik“)

04.08.2012

Madonna Olympia Paris

Madonna hat ihre französischen Fans verärgert. Bei
einem Auftritt im legendären Pariser Olympia spielte das „material girl“ gerade
einmal 45 Minuten, verließ die Bühne und kam nicht wieder zurück. Fans, die bis
zu 276 Euro für ihr Ticket bezahlt haben, forderten ihr Geld zurück oder
skandierten „Shame on you!“ Auf YouTube kann man Fotos der aufgebrachten Menge
sehen.

Wie sagte Madonna doch nonchalant, als sie Anfang
des Jahres auf die hohen Eintrittspreise ihrer Welttournee angesprochen wurde? "People spend
$300 on crazy things all the time, things like handbags. So work all year,
scrape the money together, and come to my show. I'm
worth it.“

04.08.2012

Bobby Womack being ahead

"I’d be ahead if I could quit
while I’m behind." (Bobby Womack)

04.08.2012

Berggruen ist nicht Jesus

Überraschung: Nicolas Berggruen ist nicht Jesus. Er
ist nicht einmal ein irgendwie etwas kleiner als Jesus geratener, aber dennoch
Heilsbringer. Nein, Nicolas Berggruen, der vor zwei Jahren Karstadt übernommen
hat, ist „nur ein ganz normaler
Investor“, wie die FAS jetzt unter dem Titel „Die Entzauberung des Nicolas
B.“ enttarnte. 

04.08.2012

Vorhaut Jesu

A propos Jesus und Vorhaut (mit dieser gekonnten Überleitung
stehen wir mitten im Tornado der allerwichtigsten deutschen Feuilletondebatten
unserer Tage). Der Filmregisseur Volker Heise erzählt in der „Berliner
Zeitung“: „Im Mittelalter wurden 53
Vorhäute von Jesus Christus von den Gläubigen angebetet.“

Nun werden Sie sagen: Mittelalter, pah, das ist
doch lang vorbei. Iwo. Nochmal Volker Heise: „Die letzte Vorhaut von Jesus Christus verschwand 1983 unter
mysteriösen Umständen aus der Kirche von Calcatta in der Nähe von Rom.“

1983!
Nun staunen Sie, gelt?

04.08.2012

Spanischer Forschungsrat untersucht Musik

Eine Studie des „Nationalen Spanischen
Forschungsrates“, in der sage und schreibe eine halbe Million Songs von 1955
bis 2010 auf bestimmte Muster untersucht wurde, hat ergeben, daß Musiker immer
weniger Akkorde verwenden und immer mehr Melodien schablonenhaft kopieren.
Zugenommen habe lediglich die Aufnahmelautstärke – letzteres eine Erfahrung,
die man jederzeit auch selber machen kann: Die Lautstärke, mit der im
öffentlichen Raum Musik gehört wird, ist in aller Regel indirekt proportional
zur Qualität derselben. Das versichere ich Ihnen anhand einer mehrere
Jahrzehnte währenden Privatstudie. 

24.07.2012

GEMA und Karnevalisten

Die GEMA schafft es nicht, sich mit YouTube zu
verständigen, sodaß weiterhin Hunderttausende YouTube-Videos in Deutschland
gesperrt bleiben, die GEMA führt Krieg mit den Clubbetreibern und gefährdet die
Clubkultur – aber mit dem „Bund Deutscher Karneval“ hat die GEMA gerade einen
Gesamtvertrag abgeschlossen. Jecke unter sich.

24.07.2012

Konservative sind dumm

„Flüchtiges,
anstrengungsloses Denken führt zu einer politisch konservativen Einstellung“
– zu diesem Schluß kommt laut „Telepolis“ eine Studie von US-Psychologen, die
dieser Tage in der Zeistchrift „Personality and Social Psychology Bulletin“
veröffentlicht wurde. Die These der Studie ist: „Geringe Denkleistungen, die den Dingen nicht auf den Grund gehen,
sondern an der Oberfläche stehen bleiben, produzieren Konservatismus, der sich
u.a. durch Akzeptanz von Hierarchien und die Vorliebe für den Status quo
auszeichnet“.

Als ob wir das nicht schon immer gewußt hätten:
Anhänger von konservativen Parteien neigen eher zur Denkfaulheit, und
konservative Politik wird entsprechend intellektuell bescheiden formuliert. 

16.07.2012

Seven Nation Army Bruckner

Nun ist wieder allüberall zu lesen: den „größten
Fußballsong aller Zeiten“ habe Jack White geschrieben, den Song „Seven Nation
Army“ oder besser gesagt: die Baßlinie aus diesem Song, die von einer
runtergestimmten Gitarre mantrahaft wiederholt wird – eine tolle Melodie,
raffiniert und gleichzeitig so einfach, daß Fußballfans sie sich ohne Probleme
merken können. Berühmt auf den Fußballfeldern wurde die White Stripes-Melodie
2006 während der Fußball-WM in Deutschland, als italienische Fans damit ihr
Team, das dann auch Weltmeister wurde, anfeuerten. Bei der diesjährigen
Europameisterschaft wurde der Song ständig in den Stadien angestimmt.

Doch wurde diese Melodie wirklich von den White
Stripes geschrieben? Ich habe da eine andere Theorie. Die Melodie ist nämlich
ganz eindeutig von Anton Bruckner komponiert worden, sie stammt aus dem 1. Satz
(„Adagio. Allegro“) seiner Fünften Sinfonie in B-dur. Auf der mir liebsten
Interpretation, einem Live-Mitschnitt von 1942 mit Wilhelm Furtwängler und den
Berliner Philharmonikern, kann man die Melodie zum Beispiel in der 11.Minute
hören, noch anders moduliert, dann aber ab Minute 17:35 völlig eindeutig und
sich, ähnlich wie es Jack White in „Sven Nation Army“ erfolgreich nachgemacht
hat, steigernd und Schicht für Schicht auftürmend. 

Wie aber gelangte die Melodie in die Stadien?
Schlichtere Gemüter behaupten, es habe mit den White Stripes zu tun. Ich glaube
das nicht. Ich glaube, es ist eine raffinierte Intrige des österreichischen
Fußballverbands, der dafür sorgte, daß diese eindrucksvolle Melodie des
österreichischen Komponisten den Weg in die Fußballarenen fand. Bekanntlich ist
der Operettenstaat im Fußball so erfolglos wie als Intrigenstaat erfolgreich.
Und da eine Teilnahme an Endrunden großer Turniere in der Regel für den
österreichischen Fußball aussichtslos ist, sann man seitens der Funktionäre
nach einem Weg, dennoch allüberall, wenn es um die Entscheidungen geht, in den
Stadien präsent zu sein. Und man verfiel auf die Idee mit dem, wie man heute
sagen würde, „Bruckner-Riff“, dem Ohrwurm und Schlachtgesang.

Interessanter Nebenaspekt: Wie sehen GEMA und
Verwertungsindustrie eigentlich diesen Fall? Der Verfasser dieser Zeilen hat,
das wird Sie nicht wundern, mit der Aneignung oder Modernisierung von Bruckners
Melodie durch Jack White wenig Probleme. Die GEMA dagegen behauptet ja für
gewöhnlich, daß bereits Tonfolgen von drei Tönen geschützt sind – Bruckners
Melodie besteht nachweislich aus mehr als drei Tönen. Auf dem Album „Elephant“
der White Stripes steht: „Words and music by Jack White“, was demzufolge auch
für Seven Nation Army gilt, den ersten Song des Albums. Kein Hinweis auf
Bruckners Urheberschaft. Nun ist Bruckner bereits 1896 verstorben, und selbst
die immer wieder auf Betreiben der Verwertungsindustrie verlängerten
Schutzfristen greifen in diesem Falle nicht mehr. Vielleicht aber könnten die
bekannten Copyright-Cops Hand in Hand mit der GEMA dafür sorgen, daß die
Urheberrechts-Schutzfristen noch weiter verlängert werden, um Bruckner zu
seinem Recht zu verhelfen? Gorny, Chung, GEMA, übernehmen Sie!

16.07.2012

Woody Guthrie 100 Copyright

Wem gehört das Land? Wem gehört die Musik, die in
dem Land gespielt wird?

Wir feiern den 100. Geburtstag von Woody Guthrie
mit einem Zitat des großen amerikanischen Songwriters (und empfehlen neben
seiner Autobiographie das soeben erschienene Buch von Barbara Mürdter, „Die
Stimme des anderen Amerika“):

„Dieses Lied
ist in den USA für 28 Jahre (Woody Guthrie schrieb diesen Text 1930! BS) urheberrechtlich geschützt unter der Siegelnummer
154085, und wer immer dabei erwischt wird, wie er’s ohne Erlaubnis singt, wird
ein gewaltiger Freund von uns sein, weil uns das alles völlig egal ist.
Veröffentlicht es. Schreibt es auf. Singt es. Swingt dazu. Jodelt es. Wir haben’s
geschrieben, und mehr wollten wir nicht tun.“ (Woody Guthrie)

16.07.2012

Katholen Taliban Mosebach Papst Titanic

Das Schöne an den sogenannten Feuilletondebatten ist, daß
man sie meistens ignorieren kann. Wenn sich der „Einstecktüchleinkatholik“
(Wiglaf Droste) Mosebach in der „Berliner Zeitung“ ereifert und als
Katholen-Taliban geriert – muß man im 21.Jahrhundert ernsthaft darüber reden,
daß Mosebachs Sätze wie diese bescheuert sind?:

„Ich will nicht verhehlen, daß ich unfähig bin, mich
zu empören, wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern –
wenn wir sie einmal so nennen wollen – einen gewaltigen Schrecken einjagen.“ (wörtlich! Also:
bitte Todesurteile für Salman Rushdie oder Shahin Najafi ausstellen!) „Es wird das soziale Klima fördern, wenn
Blasphemie wieder gefährlich wird.“ Aha.

Daß so ein Ekeltyp hierzulande ausgerechnet mit dem Büchner-Preis
ausgezeichnet wurde, ist jedenfalls ähnlich unappetitlich wie die Tatsache, daß
ihm für seine Tiraden Platz in einer seriösen Tageszeitung eingeräumt wurde.
Die Metzgerinnung darf ja schließlich auch nicht im Feuilleton für Ekelfleisch
werben, oder?

Doch der Wahnsinn hat Methode. Papst Benedikt fühlt sich durch „Titanic“
in seiner Ehre verletzt. Der Fall des Papstes, der ein Glas Fanta über seine
Soutane verschüttet hat, erregte Thomas Goppel, den Sprecher der „Christsozialen
Katholiken“ (CSK) in der CSU so sehr, daß er öffentlich meinte, er würde dem
Titanic-Chefredakteur Leo Fischer am liebsten die "Lizenz zum Schreiben entziehen". Daß es so eine Lizenz
allerdings gar nicht gibt, sie mithin auch nicht entzogen werden kann, ist dem
Herrn Landtagsabgeordneten und Staatsminister a.D. Goppel wohl entgangen. Aber
worum es den Herren Mosebach bis Goppel geht, ist klar: Zensur! Kopf ab für
Blasphemie! Denn das fördert schließlich das „soziale Klima“...

Wiglaf Droste schreibt dazu in einem aktuellen Text:

„Gesetzt den Fall, Gott existierte – würde ihn
interessieren, was die Leute über ihn reden? Kaum vorstellbar. Anders verhält
es sich, wenn Gott eine Erfindung oder eine Projektion ist von Menschen, die
mit sich und ihrem Leben alleine nicht zurande kommen und an
Autoritätsgläubigkeit leiden. Teil ihrer Zwangsvorstellung ist, daß der von
ihnen halluzinierte Gott auch von jedem respektiert werden müsse, der diese
Vorstellung nicht teilt; tut er es nicht, dann darf man ihn, den Ungläubigen,
der seinen Unglauben womöglich auch noch freimütig bekennt, dafür zur
Rechenschaft ziehen und ihn bestrafen, sogar mit dem Tod. (...)Wenn islamische
Klerikalfaschisten unmißverständlich zum Mord aufrufen und mit der Aussetzung
von Kopfgeldern zum Mord anstiften, dann handelt es sich dabei, unaufgeregt
gesagt, um Straftaten. Mit denen Martin Mosebach offen sympathisiert
(...) 

Ob umgekehrt Gott
die Anwesenheit von schwach denkenden, voraufklärerischen Ödemeiern und
Drögebäckern begrüßte, nur weil sie ihm schwärmerisch schmeicheln, kann nicht
ermittelt werden. Es ist Glaubenssache. Ich glaube nicht, daß Gott, so es ihn
gäbe, sich für einen Repräsentanten des Einstecktüchleinkatholizismus wie Martin
Mosebach interessierte, der aus Langeweile an sich selbst anderer Leute Blut
fließen sehen möchte.“

16.07.2012

Papst Geburtstag

Doch in Zeiten höchster Not, wenn also Farbfotos
des Papstes publiziert werden, der seine Fanta auf seiner Soutane verschüttet
hat, findet sich auch Trost, und er kommt von den Herren Barenboim und
Wowereit, ausgerechnet.

Die „Berliner Zeitung“ meldet, daß der Dirigent
Daniel Barenboim mit seinem West-Eastern Divan Orchestra am 11.Juli dem Papst „mit einem Privatkonzert zum Namenstag
gratuliert“ hat. Musiziert wurde im Castel Gandolfino, der päpstlichen
Sommerresidenz bei Rom. „Gespielt wurden
Werke von Beethoven, Zu dem Konzert kam auch Berlins Regierender Bürgermeister
Klaus Wowereit.“

04.07.2012

Und Ansonsten 6/2012

Da veröffentlichen sie große Serien über den Zustand der
hiesigen Musikkritik – aber wenn es mal darum geht, brauchbare Konzertkritiken
zu schreiben, dann versagen sie auf ganzer Linie. Der bis vor kurzem
Chefredakteur der „Spex“ gewesene Autor etwa darf jetzt für die „Süddeutsche“
das tun, was er anscheinend am wenigsten kann: über Musik schreiben. In einer
Rezension über Patti Smith etwa ergeht er sich endlos in Szenen aus einer
Burroughs-Dokumentation oder aus Patti Smiths Autobiographie, ohne substantiell
auf die Musik des neuen Albums einzugehen. Der gleiche Autor schaut beim
Auftritt des HipHoppers A$AP streng auf die Uhr und stellt fest, daß der
Musiker sein Berliner Konzert „mit
sensationeller Pünktlichkeit“ begonnen hat. Ah ja, so etwas wollten wir ja
auch schon immer wissen. Der Musikkritiker als Stechuhrersatz.

Die Unzulänglichkeit hiesiger Musikkritik konnte man schön
anläßlich der Tournee von Lou Reed beobachten. Immerhin kam einer der
wichtigsten und einflußreichsten Musiker der letzten viereinhalb Jahrzehnte
nach Deutschland; man hätte erwarten können, daß die Musikjournaille sich mit
den Konzerten auseinandersetzt. Aber iwo. Im Bildzeitungsstil wird jedes
bereitliegende Klischee reproduziert und vervielfältigt. „Der alte Griesgram hält die Töne“, titelt die „taz“, deren
Redakteur mehr als die Hälfte seiner „Rezension“ damit verschwendet, sich über
den Konzertort („inmitten von Autohäusern
und Fliesenmärkten“) und die Kleidung der Konzertbesucher (von „das ganze Elend der Funktionsbekleidung“
bis „handgenähte Lederschuhe“)
auszulassen, dann über das Wetter zu berichten, um die zweite Hälfte seines
Artikels mit pseudooriginellen und im Grunde den Tatbestand der Beleidigung
erfüllenden  Beschreibungen des Künstlergesichtes
(„eine Mischung aus Hellmuth Karasek und
Rita Süssmuth“) zu beginnen, nicht ohne vorher noch Unwahres über die
Ticketpreise zu verbreiten („für 56 Euro aufwärts“,
was bei einem Einheitspreis eine ziemlich sportliche Bemerkung ist, denn erstens
haben mehr als 95% der Zuschauer nur 48 Euro bezahlt, und zweitens ist der
Autor natürlich umsonst ins Konzert gekommen und hat eigens noch eine
zusätzliche Gästekarte für seine Begleitung erschnorrt). Auch sonst nimmt es
der „taz“-Autor mit der Wahrheit nicht so genau – er behauptet etwa, daß Lou
Reed seine Bandmitglieder „kürzlich in
einem Interview als Eichhörnchen bezeichnet“ habe. Eine glatte Erfindung –
im Interview der „Berliner Zeitung“ mit Robert Rotifer sagte Lou Reed, bezogen
auf die Fans (!) von Metallica (!): „Aber
manche ihrer Fans, diese Metal-Schädel, haben den Intelligenzquotienten eines
Eichhörnchens.“ Aber so geht eben „Musikkritik“ im Alternativblättchen,
dessen Genossenschaft ja nicht zufällig Bild-Chef Kai Diekmann angehört: was nicht
paßt, wird passend gemacht. Wir biegen uns unsere Realität hin, wie wir sie
brauchen. Gossenjournalismus der abstoßendsten Sorte.

Aber das ist wahrscheinlich das eigentliche Problem der
einheimischen Musikkritik: sie können es eben nicht besser. Und die, die es
besser können, sind rar gesät – Gastautoren wie Klaus Walter in der „taz“ etwa,
oder das Feuilleton der „Berliner Zeitung“ (könnten die, die’s nicht besser
können, dort nicht mal ein Praktikum absolvieren? macht doch jeder ständig
Praktika hier in Berlin heutzutage...) oder der „FAZ“, manchmal auch ein
Artikel andernorts und in zwei oder drei Musikzeitschriften oder in „konkret“ –
der Rest ist nicht selten gekauft oder schlecht geschrieben (oder gerne auch
beides). Und die, die es besser konnten, sind gestorben (einen wie Martin
Büsser bräuchten wir so dringend!), oder man räumt ihnen keinen Platz (mehr)
ein, oder sie haben sich längst anderen Themen zugewandt. Der Elfenbeinturm in
einem Meer von Scheiße, um auf das Flaubertsche Bild zurückzugreifen, ist karg
besetzt.

(und wie ein glänzend geschriebenes Musikfeuilleton aussehen
kann, zeigt z.B. der von der „FAS“ zur „SZ“ gewechselte Peter Richter anläßlich
des Berliner Madonna-Konzerts – da wird die dumpfe Neureichen-Gated-Community
namens "Soho House" mal eben im Vorbeigehen karikiert und die stumpfe
Mehrzweckhalle am Ostbahnhof mit dem Telefongesellschaftsnamen vernichtet, man
bekommt en passant Interessantes zu Italien und zu Fußball serviert und hat
sogar noch was über Madonna und ihr Konzert erfahren – kann man im Internet
finden, kann ich empfehlen!)

* * *

In einem Facebook-Eintrag heult uns die US-Popsängerin Aimee
Mann ihre angebliche Tourneerealität ins Ohr: „Oft stellt sich die Frage, ob ich mir überhaupt einen Schlagzeuger
leisten kann.“

Ich weiß nicht, wofür Frau Mann ihre fünfstelligen Gagen
verwendet, aber ein paar Dollar sollten da doch auch für einen Schlagzeuger
abfallen, oder?

Ist schon „ein einförmiges Ding um das
(Popmusiker-)Geschlecht“, wenn ausgerechnet die, die ganz ordentlich verdienen,
plötzlich so tun, als ob sie Teil des Musiker-Prekariats wären...

* * *

In der „Süddeutschen Zeitung“ stellt Reinhard Brembeck
erstaunt fest, daß man heutzutage „neue
Klassiktalente (und verloren geglaubte Preziosen) schneller bei Youtube findet,
als in den neuen Veröffentlichungen der einschlägigen Plattenlabels“.

Und ich kann Reinhard Brembeck und Ihnen auch verraten,
woran das unter anderem liegt – der Chef von „Universal Music Classic &
Jazz“ nämlich hat vor allem damit zu tun, eine Koalition mit
Bundesfinanzminister Schäuble zu pflegen. „Liebe
Kultur-, Musik- und Finanzfreunde“ (sic!) flötet der Universal-Classic-Chef
also und lädt zu einer Veranstaltung mit dem schönen Titel „Musik.Zeit.Geschehen. Digitalisierung – Risiko oder Chance für Werte
in Kultur und Finanzen“ im Bundesfinanzministerium ein.

 

 „Die Räume und das
Programm sind spektakulär“, heißt es in der Einladung – nun, die ersteren
wurden von den Nazis gebaut, denn das Bundesfinanzministerium sitzt im Gebäude
des 1935 erbauten Reichsluftfahrtministeriums – das zweite wird u.a. auch von
der Plattenfirma „Universal“ zugetanen Künstlern bestritten, von Till Brönner
etwa. Und den 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker (anno 1935 noch das
„Reichsorchester“...). Und Vorträge und Diskussionsrunden u.a. mit Wolfgang
Schäuble.

Wer solcherart im Reichsluftfahrtministeriumsbau auf dem
Schoß des Bundesfinanzministers sitzt und über „Digitalisierung – Risiko oder
Chance für Werte in Kultur und Finanzen“ nachsinnt, der hat in seinem Alltagsjob
natürlich in aller Regel wenig Zeit, relevante Klassik-Künstler aufzubauen oder
spannende Musik zu veröffentlichen oder gar adäquate moderne (nämlich:
digitale!) Vertriebswege zu entwickeln.

Warum Igor Levit etwa, den Eleonore Büning in der „FAZ“
kürzlich als „einen der großen Pianisten
dieses Jahrhunderts“ bezeichnet hat und der zum Beispiel Frederic Rzewskis
an dieser Stelle bereits mehrfach gepriesenes Monumentalwerk „The People United
Will Never Be Defeated“ einzigartig interpretiert, bis heute keine Platte
veröffentlicht hat, ist schwer zu verstehen. Sie werden Igor Levits
Interpretationen allerdings kostenlos auf Youtube finden – willkommen in der
modernen Welt!

* * *

Was haben Stasi, Atomwirtschaft und Musikindustrie
gemeinsam? Sie haben ihre Leute in der Regierung plaziert. Schaffte die Stasi
das mit ihrem OibE Guillaume nur mit einem persönlichen Referenten des
Bundeskanzlers, so war Wirtschaftsminister Müller (SPD) als ehemaliger
VEBA-Manager natürlich eine Glanzbesetzung, um mit der Industrie den
sogenannten „Kernenergiekompromiß“ zu verhandeln. Nebenbei, wir erinnern uns,
wollte Müller das vom Bundeskartellamt ausgesprochene Verbot der Übernahme der
„Ruhrgas“ durch die Nachfolgegesellschaft seines ehemaligen Arbeitgebers VEBA,
der E.ON AG, aus „Gründen des
überragenden Interesses der Allgemeinheit“ nicht hinnehmen und wies deshalb
seinen Staatssekretär Tacke an, die Fusion durch Erteilung einer
Ministererlaubnis zu ermöglichen. Müller wurde nach dem Ende seiner
Ministerzeit 2003 Chef der Ruhrkohle AG (RAG), an der E.ON bis 2007 mit rund
40% beteiligt war. Tacke wiederum wurde 2004 Vorstandsvorsitzender beim
Stromversorgungsunternehmen STEAG, die wiederum eine 100%ige Tochter der von
Müller, seinem ehemaligen Chef, geleiteten RAG war – läuft eben alles wie
geschmiert...

Und die Musikindustrie? Die hat ihren Cheflobbyisten im
Ministerrang, den „Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien“,
Kulturstaatsminister Bernd Otto Neumann (CDU), dessen öffentliche
Stellungnahmen von Gorny oder Döpfner nicht besser formuliert werden könnten.
Für Neumann, der eigentlich für Kultur und Medien, nicht aber ausschließlich
für Kulturindustrie und Medienkonzerne zuständig ist, ist „der Schutz des geistigen Eigentums in der digitalen Welt die größte
kulturpolitische Herausforderung unserer Zeit“. Neumann ist Fan der
Lobbyorganisation der Kulturindustrie namens „Deutsche Content Allianz“ („In einer Zeit, in der Politik,
Wirtschaft und Gesellschaft angesichts der Verletzlichkeit der Inhalte vor
großen Herausforderungen stehen, ist es auch notwendig, daß die Deutsche
Content Allianz ihre Stimme laut erhebt“) und Fan der GEMA, dem „Club
der oberen 3.400“ (Guido Möbius) – und wurde für seine Verdienste gerade
von der GEMA mit deren „Richard-Strauss-Medaille“ geehrt. Wohlgemerkt, in einer
Zeit, in der die GEMA mit ihren extremen Gebührensteigerungen von oft 400 bis
600 Prozent zum Totengräber für die Clubkultur wird und mit den
Kostensteigerungen die Clubs entweder zur Schließung oder zu einer zunehmenden
Kommerzialisierung der Programme zwingt, in einer Zeit, in der Clubbesitzer und
Hunderttausende Fans um die weitere Existenz der von ihnen bevorzugten
Musikclubs fürchten, in so einer Zeit macht der angeblich für Kultur zuständige
Bundesstaatsminister den Bückling vor der GEMA und läßt sich von der
GEMA-Bossen mit einer Medaille dekorieren. Kein Wort hat man vom Kulturminister
bisher zum von der GEMA verursachten Clubsterben gehört, wohl aber diese artige
Dankesadresse an die Herren der GEMA: „Ohne eine durchsetzungsstarke
Verwertungsgesellschaft stünden die Urheber auf verlorenem Posten.“ Aha.

In der „FAZ“ hat GEMA-Chef und
Spitzenverdiener Heker (EUR 484.000 jährlich; zum Vergleich: die
Bundeskanzlerin bekommt 260.000 Euro...) dieser Tage gesagt:

„Schauen Sie: Es gibt ein böses Monopol und ein gutes. Und letzteres
ist im Fall der Verwertungsgesellschaften, von denen die Gema ja nur eine ist,
vom Gesetzgeber ausdrücklich so gewollt“. Was eine glatte Lüge ist, denn
„ausdrücklich gewollt“ wurde das Monopol der Verwertungsgesellschaften nicht
"vom Gesetzgeber" der Bundesrepublik Deutschland, wohl aber von
Goebbels und der NSDAP: „Joseph Goebbels,
der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, dekretierte 1933 die
Umwandlung der freiwilligen Kooperation (mehrerer konkurrierender
Verwertungsgesellschaften, BS) in ein
staatlich sanktioniertes und kontrolliertes Musikverwertungsmonopol, die
STAGMA“ (Hans G Helms). Das im Juli 1933 erlassene STAGMA-Gesetz wie auch
eine im Februar 1934 erlassene Verordnung sind bis heute die Rechtsgrundlage
der STAGMA-Nachfolgeorganisation GEMA – „die
in den Jahren 1933/34 verfügte monopolistische Ausschließlichkeit der
Wahrnehmung der Musikverwertungsrechte ist erhalten geblieben“ (Helms), bis
heute, was natürlich ein interessantes Licht auf die faktischen
Monopolstrukturen der Gema wirft – aber daß ein GEMA-Chef sich im Jahr 2012 auf
Joseph Goebbels als „Gesetzgeber“ beruft, ist schon sehr besonders.

VUT-Chef Mark Chung bezeichnet die GEMA
übrigens als „unseren Laden“...

* * *

Der Rapper Bushido, der, wir berichteten, in die Politik
gehen und eine Partei gründen will, macht im Moment bei einem
CDU-Bundestagsabgeordneten ein Praktikum. In der „FAS“ hat Bushido schon mal
programmatisch Stellung genommen:

„Weg mit dem Euro! Ich
bin Kind der Deutschen Mark und war immer stolz auf meine Deutsche Mark. Wir
müssen aufpassen, daß wir uns für andere Länder nicht so sehr aufopfern.“

Oder: „Ich bin für
Steuersenkungen. Ich zahle jetzt über 52 Prozent Steuern, das ist legales
Schutzgeld und fuckt mich ab. (...) Mich stört, daß ich immer im Stau stehe.
Dann die Schlaglöcher. Dann muß Berlin sauberer werden. Wir müssen die Adern
unserer Stadt – die Straßen – sauber kriegen, damit das Blut in die Kapillaren
kommt.“

Den politischen Gegner kritisiert Bushido bereits sehr
kompetent: „...das gilt jetzt auch für
den Herrn Özdemir, den Alibi-Türken, oder Claudia Roth. Warum muß Politik so
häßlich machen? Auch Angela Merkel ist überhaupt nicht attraktiv. Aber ich
würde mich auf jeden Fall mit ihr einlassen.“ Frage: Wie jetzt? „Sexuell. Dann könnte ich sagen, ich habe
mit der Bundeskanzlerin geschlafen.“

* * *

„Der Deutsche“ ist nicht selten ein eher merkwürdiger
Zeitgenosse. Da jammert er gern (oder läßt seine Blödzeitung jammern), daß das
Benzin zu teuer sei. Aber „kompakte
Geländewagen sind das absolut am schnellsten wachsende Fahrzeugsegment in einem
gesättigten Markt“, so der „Autopapst“ Ferdinand Dudenhöffer. Fast sechzig
Prozent aller neu zugelassenen PKW sind übrigens sogenannte „Dienstwagen“, und
achtzig Prozent der Porsches – „Kaufpreis
und Betriebskosten werden von der Steuer abgesetzt (...) der Fiskus finanziert
unter engagierter Mitwirkung der FDP den Männertraum aus allen Töpfen“
(Gremliza).

Was machen aber die Menschen mit all den teuren und
spritfressenden Fahrzeugen? Mit diesen sogenannten SUVs, den „sport utility
vehicles“ also mit ihrer erhöhten Geländegängigkeit und der von Geländewagen
abgekupferten Karosserie, oft mit Viehgittern vor der Kühlerhaube? Ich schau
mir das quasi jeden Morgen, wenn ich mit dem Fahrrad ins Büro fahre, staunend
vor demselben an, denn da stehen immer lauter Geländewagen mit dem etwas
merkwürdigen Aufdruck „relentless energy“ herum, sie gehören einem anderen
Mieter in unserem Bürogebäude. Und bevor Sie jetzt anfangen zu belächeln, daß
Leute mitten in Berlin mit Kuhgittern und Geländewagen herumdüsen, bitte ich
Sie sehr zu bedenken: gar nicht selten werden vorne auf der Urbanstraße in
Kreuzberg ganze Viehherden wildwestmäßig über die Straße getrieben, und weltweit
bekannt ist der herbstliche Kreuzberger Almabtrieb, das weiß schließlich jedes
Kind  – you better be prepared! Und wie
oft kommt man im sibirischen Berliner Winter förmlich nicht mehr voran, wird
eingeschneit, müßte im Büro übernachten, wenn man nicht erhöht in seinem SUV
mit Allradantrieb sitzen könnte und durch die Wildnis nach Hause brettern. Sie
müssen sich das so vorstellen: im strengen Berliner Winter geht praktisch
niemand mehr vor die Tür. Der öffentliche Verkehr bricht zusammen. Zehntausende
Kältetote. Auf den Straßen Schneewehen und Eisberge, der einzig mögliche Weg
führt über die vereiste Spree, wo sich nur noch die mit allen Eiswassern und
Energydrinks gewaschenen SUV-Piloten vorankämpfen. Gelt, da vergeht Ihnen das
Lächeln? Und da sehen Sie, wozu SUVs gut sind. Sollen die fetten Karren doch
von uns Steuerzahlern subventioniert werden, wer wollte das angesichts der
Berliner Realitäten kritisieren...

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