Die "dahinsiechende Musikindustrie" und ihr Preisverleihungs-Fetisch
Ich weiß ja wirklich nicht, welchen Fetisch weite Teile der deutschen Musikindustrie mit ihren Preisverleihungen haben.
War doch eigentlich gut, dass der dämliche Echo vor Jahren so krachend gescheitert ist. Doch seitdem gibt es ständig neue Initiativen, verschiedenste Musikpreise samt üppig aufgebrezelten Verleihungszeremonien zu veranstalten. Teilweise wurden dafür sogar eigens Vereine gegründet – die Deutschen sind und bleiben eben Vereinsmeier. Beziehungsweise Vereinsmeierinnen.
Und so polytont, opust oder popkulturt die „Szene“ vor sich hin und verleiht ihre Preise bevorzugt an die immergleichen Musiker:innen, deren Plattenfirmen danach stolz verkünden können, wie viele ihrer Künstler:innen wieder einen Pokal nach Hause tragen durften. Immer wieder gelingt es, Stadtoberen einzureden, dass diese Preise von allergrößter Wichtigkeit sind und ein Aushängeschild für die Ausrichterstadt werden – während ihre Relevanz noch von jeder regionalen Preisverleihung für die besten Brotsorten oder die großartigsten Kaninchenzüchter getoppt wird. Top-Rammler allerorten.
Oder, wie Patrick Wagner von der Band Gewalt berichtet:
„Dieser Teil der Tour endet mit einem bizarren 1-Song-Auftritt zur Eröffnung des Preises für Popkultur in Düsseldorf. Wir spielen "Trans", das auch als bestes Video nominiert ist (und nicht gewinnt). 600 hundert sitzende Menschen aus der dahinsiechenden Musikindustrie starren regungslos into the void. Der gesamte Abend soll dann nicht einen Moment an interessanter Musik liefern, sieht man vom Preis fürs Lebenswerk für "Ideal" ab.“
Es geht den Akteur:innen dieser „dahinsiechenden Musikindustrie“ um den eigenen Bauchnabel. Um die eigene Suppe, in der man mehr oder weniger herumzappelt. Um Auto-Referentialität. „Scheiß-Autoreferentialität“ war der Titel einer 1994 im „kultur arbeiter verlag“ erschienenen EP der Gruppe Corazón. Das Cover war bis ins letzte Detail an die Suhrkamp-Wissenschaft-Reihe angelehnt.

Diedrich Diederichsen hatte in der „Spex“ auf diese Veröffentlichung aufmerksam gemacht.
Und ich würde mich auch heute noch, gut 32 Jahre nach Erscheinen, auf den Küchentisch von sagen wir Andreas, Heinz-Rudolf oder Herbert stellen und behaupten, dass Corazóns „Scheiß-Autoreferentialität“ mit den im Reggae-Sinn „Versions“ von Songs des Oktoberklubs, von Ton Steine Scherben, Malaria und der Flowerpornoes eine der besten deutschsprachigen Pop-Veröffentlichungen aller Zeiten ist. Wort!


