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Blog Archiv - Jahr %1
21.05.2018

CSU-Granden beten in Tuntenhausen

Also mal ehrlich – was mir wirklich gut gefällt: Daß sich die CSU-Parteielite seit jeher am letzten Sonntag im April in der „Wallfahrtskirche zu Tuntenhausen“ („Spiegel“) of all places zum Beten trifft.

21.05.2018

Trügerische Erinnerungen: "Unsere Mütter, unsere Väter" haben mehr als doppelt so viele Juden versteckt, wie 1939 in Deutschland gelebt haben!

In der Studie „Trügerische Erinnerungen. Wie sich Deutschland an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert“ der Universität Bielefeld und der Stiftung Erinnerung erantwortung Zukunft (EVZ) geben nicht nur 18 Prozent der befragten Deutschen an, daß Vorfahren von ihnen unter den „Tätern des Zweiten Weltkriegs“ waren, sondern genauso viele behaupten, daß Vorfahren von ihnen Verfolgten geholfen hätten („zum Beispiel Juden versteckt“).

Niklas Lämmel hat in „Konkret“ nachgerechnet:
„Selbst wenn man davon ausgeht, daß sich jeweils fünf Deutsche an einen gemeinsamen heldenhaften Vorfahren erinnern und jeweils fünf Deutsche zusammen einem Juden Unterschlupf gewährten, dann haben ‚unsere Mütter, unsere Väter’ 590.400 der 276.700 Juden versteckt, die 1939 noch in Deutschland lebten.“

21.05.2018

Jetzt neu: Birkenstock für Ihre Hände!

Das hat uns noch gefehlt:
Wenn Sie möchten, daß auch Ihre Hände nach original Öko-Fußschweiß riechen – Birkenstock hat eine Bio-Handcreme für Sie auf den Markt gebracht!
 

 

18.05.2018

Bad news for Copyright-Cops: Leistungsschutzrecht für Presseverlage ist ein grandioser Flop!

Kurzes Update für unsere Copyright-Cops:
Die Bundesregierung hatte bekanntlich den Bückling gemacht vor Deutschlands Großverlegern, angeführt vom Axel Springer-Konzern, und wider alle Vernunft ein Leistungsschutzrecht für Presseverleger eingeführt, von dem bezweifelt werden darf, ob es überhaupt rechtskonform zustande gekommen ist; nicht wenig spricht dafür, daß der Europäische Gesetzhof entscheiden wird, daß das Gesetz unzulässig ist. Die Bundesrepublik würde dann schadensersatzpflichtig werden.

Doch jenseits der juristischen Frage beweist auch die Praxis die grandiose Unsinnigkeit des von CDU, CSU und SPD verabschiedeten Gesetzes: Im Jahresbericht 2017 der VG Media, die die Presseverlage in dem Streit vertritt, kann man nachlesen, daß durch das neue Leistungsschutzrecht im vergangenen Jahr gerade einmal Einnahmen in Höhe von 30.000 Euro erzielt wurden. Im gleichen Jahr hat man aber 2.250.099,06 Euro für die Rechtsdurchsetzung ausgegeben.

Doch seitens der Bundesregierung ist man uneinsichtig, nein, geradezu stur und störrisch: denn die Regierung setzt sich gar für eine europäische Variante dieses unsinnigen Gesetzes ein. Hauptsache, man ist unverbrüchlich auf Seiten der Medienkonzerne, koste es, was es wolle – Geld, Sinn und Verstand...

16.05.2018

Live Nation sitzt im Glashaus und geht auf Frauensuche

Eine der absurdesten Meldungen des Jahres kommt vom weltweiten Branchenführer der Konzertindustrie, dem umstrittenen US-amerikanischen Großkonzern Live Nation. Laut „Musikwoche“ hat Live Nation unter der Bezeichnung „Women Nation Fund“ eine Initiative eingerichtet, „mit der der Live-Entertainment-Konzern von Frauen geführte Festivals, Events oder Veranstaltungsfirmen finden und fördern will. Auf diese Weise wolle man die Zahl der weiblichen Führungskräfte in der Livebranche signifikant erhöhen.“

Niedlich. Der größte Konzertveranstalter der Welt geht auf eine Art Schwammerlsuche und versucht, Festivals und Veranstaltungsfirmen zu finden, die von Frauen geführt werden. Wie wäre es denn, wenn sich der Konzertmonopolist stattdessen im eigenen Konzern auf die Suche nach Frauen in Führungspositionen begeben würde? Bei Live Nation geben nämlich durchweg Männer den Ton an, ob als CEO des internationalen Konzerns oder bei den Chefs der nationalen Firmen, wie beispielsweise Live Nation Deutschland. Und bei den zahllosen Festivals, die Live Nation weltweit betreibt oder an denen der globale Konzern Anteile hält, sieht es nicht viel anders aus, Frauen in Führungspositionen muß man bei Live Nation ebenso mit der Lupe suchen wie weibliche Bands auf den konzerneigenen Festivals.

„Der Women Nation Fund ist ein erster Schritt, neue Unternehmer zu bestärken und im Sektor des Live-Musik-Geschäfts mehr Chancen für Frauen zu schaffen“, plappert Live Nation-CEO Michael Rapino daher. Solange aber sein eigener Konzern keine Schritte unternimmt, Frauen „mehr Chancen zu geben“, offenbart sich der „Woman Nation Fund“ als das, was er ist: ein billiger Werbecoup ohne jede Bedeutung.
Michael Rapino sitzt im Glashaus und wirft mit Steinen. Es klirrt so schön.

14.05.2018

Netta Barzilai, ESC, BDS

Netta Barzilai gewinnt den ESC?
Das ist auf jeden Fall erfreulich – ein Gewinn für die Möglichkeiten des Andersseins, für Verschiedenheit und Individualität, für Querness und all das, was Menschsein und manchmal auch Popkultur ausmachen kann.
Vor allem aber „zero points“ für die reaktionäre, antisemitische und homophobe BDS-Organisation, die wieder einmal eine ihrer erbärmlichen und widerlichen Kampagnen gegen alles, was aus Israel kommt, startete und damit höchst erfreulich auf die dumme Nase fiel.

14.05.2018

Junge Amerikaner*innen: Die Erde ist flach!

Was ist nur los mit den jungen Amis?
Gerade einmal 66 Prozent der jungen Amerikaner im Alter von 18 bis 24 Jahren gaben laut „Telepolis“ bei einer YouGov-Umfrage an, daß sie davon ausgehen, daß die Erde rund ist.
Ein Drittel der Befragten dieser Altersgruppe ist im Zweifel, ob die Erde rund sei: 4 Prozent sind davon überzeugt, daß die Erde flach ist, 9 Prozent geben an, sie hätten bislang an eine runde Erde geglaubt, seien darüber jedoch in Zweifel geraten, und ganze 16 Prozent sagten, sie wüßten nicht, ob die Erde rund oder flach ist.
Übrigens bezeichnen sich 52 Prozent der Anhänger der flachen Erde aller Altersgruppen als „sehr religiös“. Ob Galileo oder der Papst und seine Inquisition Recht behalten, scheint also in den USA des 21. Jahrhunderts noch nicht endgültig ausgemacht.

13.05.2018

Smudo, der Meisterkoch, empfiehlt: Spargelkochen in der Spülmaschine!

Es ist schon ein Kreuz (sic! Wertedebatte!) mit den Deutschrappern. Denken wir an Smudo von den Vantastischen Fier, sie wissen schon, diese Band, über die der große Hagen Liebing einmal gesagt hat, man wisse nicht so recht, was bei ihnen zuerst da war, Album, Tour-Verträge oder doch eher ein lukrativer Kampagnen-Sponsor, denn „die Schwaben sind sich für keinen Werbedeal zu schade“.

Smudo jedenfalls hat für uns alle einen Ratschlag, wie man am besten Spargel kocht: In der Spülmaschine nämlich! „Das ist ja auch eine Art Dampfgarer. Da hast du heißes Wasser, was lange um das Gargut herumstreicht“, hat Smudo dem Radiosender „MDR Jump“ verraten. Im Ernst jetzt. Natürlich fragt man sich, wo Smudo nun sein schmutziges Geschirr wäscht – im Spargeltopf vielleicht?

Aber ich hätte auch einen guten Küchen-Ratschlag für Smudo, nämlich, wie man Eier kocht. Ganz einfach in die Waschmaschine geben! Die ist nämlich auch eine Art Eierkocher. Für das Procedere einfach die rohen Eier in Folie einpacken, das Waschprogramm auf Kochwäsche und los. Man kann sich auch vor die Waschmaschine setzen und zuschauen, was da so passiert. Allemal interessanter als die Castingshow „The Voice“, bei der Smudo zu sehen ist.

13.05.2018

Wie die "NZZ" in Berlin bei Castorf einmal in geistige Untersuchungshaft geriet...

Und wenn sich der Bourgeoisie eine wie auch immer geartete „Kommune“ entgegenstellt? Dann passiert, was schon immer passierte: Die Bourgeoisie schlägt um sich.
So das europäische Geschäftsblatt dieser Klasse, die „Neue Zürcher Zeitung“, in einem erbärmlich schlecht recherchierten, aber umso meinungsfreudigeren Bericht vom Berliner Theatertreffen, der Volksbühne und Castorfs Faust-Inszenierung.

Faust wird sage und schreibe fünf Mal gezeigt. Das Publikum darf kurze sieben Stunden und lange 10 000 Goethe-Verse lang Binge-Watching betreiben und sich im Koma-Hören üben. In die Zumutungen des Abends nicht mit eingerechnet sind Exkurse in Fanon, Rimbaud, Müller und ins Werk von Lord Byron.“ So schreibt die „NZZ“ über diese von Publikum wie Presse („Ein Alters- und Meisterwerk Castorfs“, jubelt die „Süddeutsche Zeitung“) begeistert aufgenommene Inszenierung. Die ratzfatz fünfmal ausverkauft war, „sage und schreibe“...
Nun, daß für „NZZ“-Lohnschreiber*innen Fanon, Rimbaud oder Lord Byron „Zumutungen“ darstellen, das darf man doch wohl hoffen und erwarten. Doch dann kommt Daniele Muscionico zum Punkt: „Castorfs «Faust»-Wiederauferstehung ist satte 500 000 Euro teuer.“ Und woher kommt das Geld? „Um das dafür notwendige Sümmchen zusammenzukratzen, hat Kultursenator Klaus Lederer tüchtig gespendet, den Rest liess man sich aus den Lottomitteln bezuschussen.“ Wie das eben so ist in einer Demokratie: Die Kultur wird von den kulturellen Institutionen finanziert, von den Bürgerinnen und Bürgern. Damit hat die „NZZ“ offensichtlich ein Problem. Sie behauptet allerdings, daß die Bürgerinnen und Bürger Berlins damit ein Problem hätten, also diejenigen, für die Kultursenator und Bürgermeister Lederer seit Monaten in allen Umfragen der beliebteste Politiker ist, mit weitem Abstand...

„Das schmeckt nicht jedem, und das ist verständlich. Vor allem ärgern sich die Erniedrigten und Beleidigten“, denn bei denen kennt sich die „NZZ“ aus, war sie doch immer schon eine Kampfschrift des internationalen Proletariats und Prekariats, „dass nicht klar ist, welche Mehrkosten durch die Verlegung in das Festspielhaus generiert werden.
Frank Castorf, der Herr der Fliegen (hä?!? BS), die sich an den Verlierern weiden, hat mit seinem «Faust», naturgemäss, eine Kapitalismuskritik im Auge. Das Kapital ist der Teufel!“
Mal abgesehen von der Frage, wer hier etwas „im Auge“ hat – daß Goethes Faust im zweiten Teil nur schwerlich nicht als Kapitalismuskritik zu lesen ist, hat sich nach Zürich wohl noch nicht herumgesprochen...

„Doch ist die Berliner Ökonomie des Arschloches nicht bemerkenswert kurz gedacht? Wer die kapitalistischen Verhältnisse kritisiert und 500 000 Euro braucht, um seine Kritik glaubhaft zu machen und sich treu zu bleiben, der denkt in einer Kategorie, die das gemeine Volk «inkonsequent» nennt.“
Eine interessante Position – wer Kapitalismuskritik betreibt, soll also gefälligst darauf verzichten, das an einem Theater zu tun, wo alle Beteiligten ordentlich bezahlt werden – ist es das, was Daniele Muscionico meint? Castorf soll gefälligst eine unbezahlte Lesung veranstalten, wenn er Kapitalismuskritik betreiben will? So, wie es wohl im Sinne von Daniele Muscionico und seiner „NZZ“ gewesen wäre, wenn Metternichs totalitärer Staat dem Ludwig van Beethoven verboten hätte, für die Revolution, der Beethoven nun einmal anhing, Sinfonien zu schreiben, wo solche Werke doch zur Aufführung eines Sinfonieorchesters bedürfen. Wer die Herrschenden kritisiert, soll das gefälligst kostenlos tun. Man kann doch auch eine Klaviersonate schreiben, muß es immer gleich eine Sinfonie, muß es eine große, gar siebenstündige Theaterinszenierung sein? Theater und Konzerthaus wurden schließlich von der Bourgeoisie für die Bourgeoisie errichtet – seid gefälligst konsequent und bleibt unseren Kunsttempeln mit eurer Kapitalismuskritik fern!

Doch dann wird Muscionico in der „NZZ“-„Kritik“ zum Schluß noch ganz weinerlich und bekommt es mit der Angst zu tun, nämlich bei der Frage, „wie man ein Arschloch wird“:
Wer dazu zählt und wer nicht, ist ausgemacht. Vor allem aber, man wird, wie vor 1989, über die Zugehörigkeit nicht selber bestimmen können. Eine selbsternannte Autorität übernimmt das, fürsorglicherweise. Wo das hinführt? Fragt man sich das ernsthaft? Die Antwort liegt auf der Hand – in die geistige Untersuchungshaft.“
Vorsicht, liebe „NZZ“! Wenn ihr es mal wieder wagt, Kritiker*innen ins Ausland, gar nach Berlin zu schicken, können die schnell in „Untersuchungshaft“ landen! Wenn auch nur in „geistiger“... Wobei man spekulieren kann, ob die „geistige Untersuchungshaft“ von Daniele Muscionico nicht eher ein Synonym für „geistige Umnachtung“ darstellt.
Merke: Wenn die Bourgeoisie und ihr Mitteilungsblatt unter Druck geraten, schlagen sie um sich. Dumm und dreist, wie gehabt. Und beides in einer nach oben offenen Skala...

01.05.2018

"Rapmusik ist für mich menschenfeindliches Gestammel mit Musikverzicht"

„Von der ganzen Rapmusik, bei der nur jemand zu Schlagzeug und Bass rumlabert, wird nichts übrigbleiben”, plappert Heinz Rudolf Kunze daher. „Da kann kein Titel ein Golden Oldie werden, weil es keine Melodie gibt und niemand mitsingen oder mitsummen kann. (...) Das ist für mich menschenfeindliches Gestammel mit Musikverzicht”.

Der sogenannte „Deutschrocker“ ist eindeutig vom Fach, mit menschenfeindlichem Gestammel unter Musikverzicht kennt er sich bestens aus, solchen Kram hat er nämlich auf mittlerweile 36 Alben gepreßt, ohne daß sich Vinyl oder CD hätten wehren können.

„Ich sympathisiere mit Gott. Ich würde nicht so gerne mit der Überzeugung leben müssen, dass es überhaupt keinen Sinn im Weltall gibt.”

Wenn alternde Männer von etwas reden, von dem sie noch nie etwas verstanden haben... Im Fall des Rechtsauslegers Heinz Rudolf Kunze, dessen „Golden Oldies“ gerne von Pegida in Dresden mitgesummt werden, ist das, wovon er nichts versteht, allem Anschein nach ziemlich viel. Die Musik gehört jedenfalls dazu. Und ansonsten ist bei Hannover gerade ein Sack mit Deutschrock-CDs umgefallen...

01.05.2018

Zeitgenösissche Musik für Eliten

Neues aus dem Kapitel „wir tun alles, damit die zeitgenössische Musik eine Beschäftigung der Elite bleibt“:
Da gab es bis 1995 eine fabelhafte Reihe „Wege zur Neuen Musik“ in der ARD (die dann aus Quotengründen – warum zahlen wir gleich wieder unsere Zwangsbeiträge?!? – eingestellt wurde...). Der Dirigent Gerd Albrecht analysierte zusammen mit den jeweiligen Komponisten aktuelle Werke in „Erklärkonzerten“, zum Beispiel von Penderecki, Ligeti, Isang Yun, Henze, Kagel oder Widmann. Im Anschluß an das Gespräch mit den Künstlern wurde das Werk komplett aufgeführt mit dem Radio-Symphonie-Orchester Berlin (heute DSO). Es gab von 2010 bis 2012 noch einmal eine Neuauflage mit dem RSB.

Sechs dieser Gesprächskonzerte wurden jetzt verdienstvollerweise vom Label Arthaus Musik (bei Naxos) in einer zweisprachigen DVD-Edition unter dem Titel „Open Your Ears – Wege zur Neuen Musik“ herausgebracht. Diese sind nicht nur Musterbeispiele für kulturelle Vermittlung und musikalische Bildung, nicht zuletzt wegen Gerd Albrecht, diesem genialen Vermittler, sondern es handelt sich auch wertvolle Zeitdokumente, sind doch fünf der sechs Komponisten mittlerweile verstorben.

Allerdings: warum kostet diese Box mit 6 DVDs um die 100 Euro? Die beteiligten Orchester sind doch von der öffentlichen Hand subventioniert, die Aufnahmen stammen von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, und der Dirigent wie auch die meisten Komponisten sind leider bereits verstorben. Wer also muß Profit mit so einer Box machen? Hier zeigt sich wieder einmal der Irrweg der Klassik-Szene, die bewußt oder unbewußt alles tut, um unter sich zu bleiben. Ein derartiges Musterbeispiel hochkarätiger Musikvermittlung, wie es mit „Open Your Ears“ vorliegt, muß preiswert sein, damit es wirklich die Chance hat, weit verbreitet zu werden und Werbung für aktuelle Musik zu machen. Eigentlich gehören diese Sendungen – wenn die unfähigen Programmchefs der tristen ARD-Sender schon nicht dafür sorgen, daß sie regelmäßig wiederholt werden, was dem gesetzlichen Bildungs- wie dem Kulturauftrag der Öffis entsprechen würde – auf YouTube!

30.04.2018

Das Problem des Journalismus...

Das Problem des Journalismus besteht ja nicht so sehr darin, daß, wer heute eine Zeitung oder ein Magazin in die Hand nimmt, nicht mehr sicher sein kann, daß die Texte darin von Menschen geschrieben wurden – das Problem ist doch eher, daß es so häufig keinen Unterschied machen würde.

30.04.2018

GEMA-Musikautorenpreis: Frauen schrecken vor nichts zurück...

Nochmal zurück zum GEMA-Musikautorenpreis (wir berichteten)

Musikautorenpreis, wie ihn die GEMA sieht:

Und wie ihn einige Musikerinnen sehen:

Die Frauen schrecken heutzutage wirklich vor nichts mehr zurück, um in Männerdomänen einzudringen!

30.04.2018

Kollegah, Echo etc.: Bizeps vs. Kunst

Nope. An dieser Stelle nichts mehr über Kollegah & Echo & all.
Oder, einer geht doch noch... nämlich ein alles sagender, wunderbarer Satz von Dietmar Dath über den Unterschied zwischen Kendrick Lamar und Kollegah:
„Nach diesen Kriterien, die man an Sonetten und Arthouse-Filmen so gut erproben kann wie an Mikrofonzungenartistik, ist Kendrick Lamar ein Künstler von höchstem Rang, die trübe Tasse Kollegah aber ein Poseur vom Gymnasium, der Fragen nach der sozialen Legitimität seiner drohbrünstigen Gettogestik und der künstlerischen Qualität seiner verhauenen Reime mit dem überzüchteten Bizeps wegdrücken muss."

21.04.2018

Die Dercon-Chronik. Brillanter investigativer Kulturjournalismus von John Goetz und Peter Laudenbach

Ein brillantes Stück Journalismus ist John Goetz und Peter Laudenbach hier gelungen:
„Die Dercon-Chronik“ in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 20.April 2018. Sorgfältig und noch im letzten Detail hervorragend recherchiert, aber eben auch die aufgedeckten Fakten klug bewertend und miteinander in Dialog treten lassend – Recherche ohne Haltung ist eben auch nichts wert. Das ist investigativer (Kultur-)Journalismus at it’s best! So etwas liest man in dieser außerordentlichen Qualität hierzulande viel zu selten.
Vor allem zeigt dieser große Text, daß die Diskussion um die Berliner Volksbühne und um das „beispiellose Versagen der Kulturpolitik“ noch lange nicht zuende ist, wie jetzt von manchen behauptet oder gefordert wird, sondern aufgrund der neuen Fakten eigentlich erst richtig losgehen muß. Denn erst, wenn wir uns mit dem, wofür die Causa Dercon steht (die ja viel eher eine Cause Renner und eine Causa Müller ist, ein beispielloser Tiefpunkt sozialdemokratischer Kulturpolitik in der Bundesrepublik), ausführlich und in aller gebotenen Tiefe auseinandersetzen, wird es uns gelingen, eine derart beispiellose Verballhornung der Interessen der Bürger*innen zugunsten neoliberalen Denkens und Handeln künftig zu verunmöglichen.

Ein paar der Fragen, die durch „Die Dercon-Kritik“ gestellt werden, ein paar Anmerkungen:

Klar wird, wie systematisch wir alle von den Handelnden belogen wurden. Zum Beispiel: René Pollesch lehnt zweimal das Angebot des Kulturstaatssekretärs Tim Renner (SPD), unter Dercon Leiter der Schauspielsparte der Volksbühne zu werden, in aller Eindeutigkeit ab. Auf der Pressekonferenz, bei der Dercon der Öffentlichkeit als neuer Volksbühnen-Intendant vorgestellt wird, behauptet Dercon (ausweislich eines Sprechzettels, den seine Assistentin für ihn vorbereitet hat), „mit René Pollesch sind wir im Gespräch“, obwohl dieser definitiv abgesagt hat. Schlimmer allerdings ist die andere Lüge, die Dercon zusammen mit Müller und Renner auf dieser Pressekonferenz vertritt: daß die Volksbühne ein Ensembletheater bleiben solle. Goetz und Laudenbach weisen detailliert nach, daß das Team Dercon die Regisseure und das „einzigartige Ensemble, den Kern und die Identität des Theaters“, durch eine Projektgesellschaft ersetzen wollten.

Brutal und deprimierend zugleich ist, wie der Sozialdemokrat Tim Renner, das „Kulturstaatssekretärchen, der sich wie das verhält, was er im Herzen ist: ein Werbekaufmännchen“ (Fabian Hinrichs in einem fabelhaften Interview mit der „Märkischen Allgemeinen“), im stillen Kämmerchen den Tod der alten Volksbühne beschließt, eine neoliberale Neuordnung durchsetzt, und dies im signifikanten neuen Jargon der Eigentlichkeit, also einer Sprache der neoliberalen Ideologie, begleitet. Es soll ein „aussagekräftiges Identitätszeichen“ entstehen, „mit dem sich die Stadt Berlin als Standort für Kunst neu positioniert“. Oder: als die Mitarbeiter*innen der Volksbühne mit ihrem Offenen Brief eine Debatte auslösen, in der Dercon immer mehr unter Druck gerät, schreibt Tim Renner an seine Mitarbeiter in der Kulturverwaltung über Dercon: „...der Mann braucht dringend einen ‚Pep-Talk’.“ Das ist der Jargon des Konzern-Managers, der Renner die längste Zeit seiner beruflichen Laufbahn war, die Ausdrucksweise eines „Global Leader for Tomorrow“, als der Renner 2003 vom World Economic Forum ausgezeichnet wurde. Es geht immer um „Kreativenergie“, um „kreative Netzwerke“, um „neue Impulse“, um „ein stimmiges Leitungskonzept“. Und eine Pressekonferenz wie die zur Vorstellung des neuen Intendanten verstehen Leute wie Tim Renner als Krieg, er schreibt an Matthias Lilienthal nach der Pressekonferenz eine SMS: „Sieg, wir haben gewonnen.“ Lilienthal, nicht ganz so doof wie Renner, hat laut „SZ“ am selben Tag zurückgeschrieben: „Vorsicht Tim, die Schlacht hat gerade erst angefangen und Ihr müßt sie unbedingt gewinnen!“ Die Männer führen Krieg, ihre Sprache verrät sie.

Speaking of Matthias Lilienthal: Der leugnet seine Beteiligung an der Intendantenfindung und -kür, in einer Presseerklärung schreibt er damals, „mit Verwunderung habe er Peymanns Vorwürfen entnommen, daß er für die Entscheidung, Dercon zum Nachfolger von Frank Castorf an der Volksbühne zu ernennen, beratend“ tätig gewesen sein soll. Wörtlich schreibt Lilienthal: „Ich möchte hiermit klar und deutlich zum Ausdruck bringen, dass dem nicht so ist.“ Nun, das entspricht, wie Goetz und Laudenbach zweifelsfrei nachweisen, nicht der Wahrheit. Die SMS, die Lilienthal Renner schreibt, wurde oben bereits zitiert. Doch von allem Anfang an ist Lilienthal beteiligt: „Im Dezember 2014 besichtigt Dercon Tempelhof das erste Mal. Mit dabei war Matthias Lilienthal“, schreiben Goetz/Laudenbach. Und zitieren eine Notiz der Dercon-Mitstreiterin Marietta Piekenbrock zur Finanzierung der geplanten Entwicklung Tempelhofs zum zentralen Spielort der „Neuen Volksbühnen“: „Matthias Lilienthal (also der Mann, der leugnet, mit der Inthronisierung Dercons irgendwas zu tun gehabt zu haben, BS) rät, die Finanzierung für Tempelhof während der Verhandlungen zu Intendanz als eine feste Position im Haushaltsplan der Stadt Berlin zu verankern.“

Das Tempelhof-Projekt ist aber auch noch aus anderen Aspekten interessant: Letztlich war es ja just Matthias Lilienthal, der auf diesem Gelände einige Zeit vorher bereits ein Projekt namens „Weltausstellung“ aufgezogen hatte. Dercon laut „SZ“: „Er (Lilienthal, BS) wollte damals schon die Hangars bespielen, aber das ging nicht, weil er die Miete nicht bezahlen konnte.“ Lilienthal hatte in einem Interview mit der „Berliner Zeitung“ 2012 gesagt: „Gebt mir einen Hangar in Tempelhof, baut mir das Ding aus und gebt mir fünf Millionen Euro im Jahr.“ Dercon kalkuliert im Herbst 2015 für die Entwicklung Tempelhofs mit einem Budget von – wollen Sie raten? – fünf Millionen Euro im Jahr. „Voraussetzungen: bauliche Ertüchtigung des Hangars als multidisziplinäre Ausstellungs- und Aufführungshalle inkl. Betriebskosten (Heizung, Strom, Klima).“ In ihrer „Kalkulation“ rechneten Dercon und Piekenbrock „für Tempelhof mit Sponsorengeldern in Höhe von 750.000 Euro. Für die Volksbühne wollten sie weitere 500.000 Euro akquirieren“ („SZ“). Dercon soll „davon gesprochen haben, er könne das Geld möglicherweise von BMW oder Mercedes bekommen.“ Der Mercedes-Stern über der Volksbühne, statt des berühmten Räuberrads davor? Allein hier zeigt sich schon, wie wenig Dercon und Piekenbrock von Berlin und von der Volksbühne verstanden haben – es zeigt sich aber auch, über wie wenig Ahnung sie in Sachen Kulturmanagement verfügen, denn es ist völlig klar, daß sich die genannten Automobilkonzerne für ihre Kultursponsoring- bzw. Whitewashing-Kampagnen natürlich nicht das Theater, sondern eben Opernhäuser oder Kunsttempel aussuchen. Zu denken, solche Konzerne würden 1,25 Millionen Euro fürs Theater springen lassen, ist gelinde gesagt wirklichkeitsfremd, besser: inkompetent.
Tim Renner allerdings findet die Idee natürlich super: „Wir ermutigten ihn, seine Sponsorenkontakte zu nutzen, um das Vorhaben auch jenseits der Haushaltsmittel oder von Lotto-Mitteln abzusichern.“
In 2017 plant Dercons Team übrigens nur noch mit 125.000 Euro an (in keinem Fall verifizierten, also tatsächlich eingeworbenen) Sponsorengeldern...

Hier zeigt sich aber vor allem eine Inkompetenz Dercons, die doch sehr wunderlich anmutet angesichts der Tatsache, daß Dercon ja immer als fähiger Kulturmanager bezeichnet wird, selbst von einigen seiner Gegner, die ihm attestieren, im Theater fehl am Platz gewesen zu sein, aber ansonsten über beträchtliche Kompetenz als Kunst- und Kulturmanager zu verfügen. Wie kann es dann aber passieren, daß in Dercons Kalkulation die Mietkosten für Tempelhof komplett fehlen, wie ein Mitarbeiter der Kulturverwaltung in einem Vermerk festgehalten hat? Mietkosten, von denen Kultursenator und Bürgermeister Müller Dercon mitgeteilt hat, daß es dafür keine Kostenzusage geben werde. Und im Landeshaushalt werden auch in den kommenden Jahren keine Mittel dafür eingestellt. Die erfahrene Theater-Managerin Gabriele Gornowicz, bis 2014 Geschäftsführerin der Volksbühne, hält Dercons Kalkulation für „komplett unrealistisch“, eine reine Luftnummer sozusagen. Über Dercons Mitstreiterin Piepenbrock wird Gornowicz in der „SZ“ so zitiert: „Noch erschütternder als ihr Unwissen war ihr völliges Desinteresse daran zu verstehen, wie dieser Apparat Stadttheater arbeitet.“ Dercons Leute haben keine Ahnung, aber sie wollen auch keine Ahnung haben. Stattdessen verkünden sie allgemeine Floskeln und unwahre Behauptungen, etwa, was die Erhaltung des festen Künstler-Ensembles angeht.
In einer Notiz für den Regierenden Bürgermeister schreibt eine Mitarbeiterin der Kulturverwaltung laut „SZ“ im August 2017 zum Wirtschaftsplan 2018/2019 der Volksbühne: „Die Bespielung von Tempelhof wird in 2018 und 2019 nicht abgebildet. Eine Finanzierung durch Drittmittel (...) ist auch nicht ablesbar...“ Bedeutet: Da wird von dem „erfahrenen Kulturmanager“ und seinem Team ein Wirtschaftsplan aufgestellt, der hinten und vorne nicht stimmt und jedem Provinztheaterintendanten von den Haushaltspolitikern der Provinzstadt um die Ohren gehauen würde...
Tatsache ist: Dercon und sein Team haben die Volksbühne, immerhin das Theater mit den zweithöchsten Subventionen aller Sprechtheater in Berlin, ins finanzielle Chaos gestürzt, und zwar durch eine Mischung aus Inkompetenz und falscher Spielplangestaltung. Die Auslastung der Theatervorstellungen auf der großen Bühne liegt unter Dercon bei weniger als 50 Prozent, häufig verlaufen sich weniger als 200 Zuschauer in dem Haus mit 824 Plätzen. „Das Budget reicht kaum noch für größere Repertoireproduktionen. Prominente Künstler sagen Auftritte ab, renommierte Regisseure beenden die Zusammenarbeit schon vor ihrer ersten Premiere.“ Was Dercon und sein Team hinterlassen haben, ist ein Scherbenhaufen.

Doch es geht hier nicht allein um Dercon. Das Fiasko haben die sozialdemokratischen Kulturpolitiker Michael Müller und Tim Renner zu verantworten, „die Männer also, die Dercon nach Berlin geholt haben“ (SZ). Der Schauspieler Fabian Hinrichs vergleicht „das Nichts in den Kassen, das Nichts im Zuschauerraum, das Nichts im Schauspielensemble“ der Dercon-Bühne mit Gogols „Revisor“: „Ein Hochstapler als Projektionsfläche provinzieller Aufstiegsphantasien. Und das ganze provinzielle Gernegroß-Kabinett von Gogol ohne erkennbare Kompetenzen außer geschicktem Narzissmus-Consulting findet man auch in dieser Affäre.“ Und die Provinzialität Müllers, dieser sonderbaren Anmutung eines Kultursenator-Darstellers, und seines kleinen Isnoguds auf der Position des Kulturstaatssekretärchens verbindet sich mit Marketinggequatsche und neoliberaler Attitüde zu einem unterirdischen Gesamtkunstwerk abschreckendster Güte. Sie wollen etwas ganz Besonderes kreieren, und sie scheitern ganz besonders. Aber es sind eben nicht Akteure in irgendeinem Schmierenstück, und es sind auch nicht Manager einer kleinen Klitsche, die durch ihre Fehlentscheidungen notwendigerweise pleite gegangen sind: Nein, hier geht es um öffentliche Entscheidungen. Hier geht es darum, wie die Kulturpolitik der Hauptstadt gestaltet werden soll. Hier geht es darum, ob Kultur nur Event sein soll mit dafür geschaffenen und vermarkteten Eventbuden, oder ob Kultur ein gesellschaftliches Ereignis, aber auch eine gesellschaftliche Verpflichtung darstellt, etwas, das Perspektiven aufzeigt. Hier geht es um die Zukunft unserer Stadt, um nichts weniger also als um die Zukunft der Gesellschaft.
„Man darf die Verantwortlichen nicht so einfach davonkommen lassen.“ (Fabian Hinrichs)
Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) tut übrigens so, als ob ihn das von ihm zu verantwortende Fiasko nichts angehe. Er verweigert sich allen Interviews zu dem Thema, er ist nicht willens, Rechenschaft abzulegen. Wenn es im Parlament eine Opposition gebe, die diesen Namen verdient, sie würde einen Untersuchungsausschuß einrichten...

Vor allem aber geht es darum, was wir aus dem von John Goetz und Peter Laudenbach so fabelhaft aufgeblätterten Lehrstück, also aus der „Dercon-Chronik“ (die eben auch eine Müller/Renner-Chronik ist, oder vielleicht sogar noch mehr ein Spiegel Berlins, so, wie Balzac Paris einen Spiegel vorgehalten hat), lernen wollen.
Denn die Frage, wie es jetzt, nach Dercon, mit der Volksbühne weitergeht, ist ja offen. Klar ist: die Entscheidung darüber darf nicht wieder in den Hinterzimmern getroffen werden. Die Bürger*innen haben ein Recht darauf, daß die Diskussion über Konzepte und Personal öffentlich geführt wird. Ulrich Seidler hat in der „Berliner Zeitung“ die ehemalige Volksbühnen-Schauspielerin, die große Sophie Rois, gefragt, was sie der Volksbühne wünsche. Ihre Antwort: „Dass sich ähnlich kluge und kompetente Leute wie damals 1992 zusammensetzen und ihre Diskussion öffentlich machen, bevor eine Entscheidung getroffen wird.“
Dem ist nichts hinzuzufügen. Wir haben, gerade nach dem von Goetz und Laudenbach so großartig aufgeschriebenem Lehrstück, ein Recht darauf, daß diese Diskussionen künftig öffentlich geführt werden!

John Goetz/Peter Laudenbach, „Die 255 Tage von Chris Dercon: Chronologie eines Desasters“ (Süddeutsche Zeitung, 20.4.2018)

Siehe auch: Berthold Seliger, „Prinzip Mehrzweckhalle“, über die Volksbühne und über sozialdemokratische Kulturpolitik heute (Konkret, Juli 2015)

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