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Blog Archiv - Jahr %1
29.05.2016

Regierungsvideos in Nachrichrenmagazinen des Staatsfernsehens

Von manchen werde ich ja kritisiert, weil ich vom „Staatsfernsehen“
statt von den „Öffentlich-Rechtlichen“ spreche. Ich denke, ich habe es in
meinem letzten Buch ausführlich erklärt – es geht aber auch weniger
ausführlich: Das „heute journal“, die Nachrichtensendung des ZDF, hat, wie
Daniel Bouhs in einem interessanten Artikel für die „taz“ beschreibt, von der Bundesregierung
hergestellte Videos in seine Nachrichtensendung eingebaut und stattdessen auf
ein Interview mit der Ministerin Hendricks verzichtet. Die war „auf Reisen und nicht erreichbar“,
entschuldigt sich das ZDF. Die Leiterin des ZDF-Nachrichtenmagazins findet es „journalistisch vertretbar“, wenn man
statt eines Interviews einfach eine Videobotschaft der Ministerin sendet.

Das Ministerium freut sich und bejubelt die gelungene Online-PR als „zeitgemäße Erweiterung unserer
Öffentlichkeitsarbeit“, die „bürgernah
und dialogorientiert“ sei. So „dialogorientiert“, daß erst gar kein Dialog
mit nachfragenden Journalist*innen möglich ist...

Die Bundesregierung versucht, wie Bouhs schreibt, zunehmend, „kontrollierte Botschaften ohne kritische
Nachfragen durchzusetzen“. Und findet im Staatsfernsehen, deren sogenannte
Kontrollgremien von Parteienvertreter*innen durchsetzt sind, dankbare Abnehmer für solcherart Propagandavideos.

29.05.2016

Payola bei Spotify

Natürlich können wir in der Musikindustrie über derartige Einflußnahmen
nur milde lächeln. In „unserer“ Branche sind Lobbyismus, Bestechung und
Korruption seit Ewigkeiten gang und gäbe, etwa durch Payola, wie das
verbrecherische System genannt wird, daß „eine
Plattenfirma Disc-Jockeys und Programm-Redakteure von Rundfunk- und
Fernsehsendern besticht, so daß ein bestimmtes Lied häufiger gespielt wird“
(Wikipedia). Vereinfacht gesagt: Das, was die Redakteure der
Nachrichtenmagazine des Staatsfernsehens in vorauseilendem Gehorsam
vollbringen, lassen sich die Redakteure der Musiksendungen bezahlen. So etwas
gibt es aber selbstredend nur und ausschließlich in den USA und ist hierzulande
völlig unbekannt. Großes Indianerehrenwort!

Allerdings hat nun der Geschäftsführer von Warner Music, Stephen Cooper,
die „Praxis von gekauften Playlists“ beim Streamingdienst Spotify gegenüber
„Billboard“ (hier zitiert nach „Musikmarkt“) zugegeben. „Das aus dem Radio- und DJ-Bereich gängige Payola gewinnt immer mehr
Relevanz im Playlist-Streaming“, berichtet „Musikmarkt“. Kein Wunder:
Spotify hat gerade bekanntgegeben, daß die kuratierten Playlisten des
Streaming-Portals jede Woche eine Milliarde Streams verzeichnen – ein
gigantischer Markt!

Das Magazin „Digital Music News“ stellt dazu fest, daß die Playlisten
bei Spotify nicht etwa organisch seien, sondern ähnlich wie Radio-Playlisten „ge- und verkauft“ werden. Demnach
entscheiden immer häufiger die drei Major-Labels Universal, Sony und Warner,
die bekanntlich praktischerweise wesentliche Anteile an Spotify halten, welche
Tracks welcher ihrer Künstler in den beliebtesten Playlisten, der „heavy
rotation“, auftauchen.

Laut „Billboard" existieren in der Branche
bereits Pay-for-Play-Preiskategorien, Payola sei „längst Realität“. Kuratierte Playlists sind in den meisten Fällen
bezahlter Inhalt, so "Billboard": „Von
2000 US-Dollar für Playlisten mit zehntausenden Fans bis zu 10.000 US-Dollar
für noch höher frequentierte Playlists.“

(aber jetzt mal im Ernst: haben Sie gedacht, ich würde die Playlist
dieses Rundbriefs und die Tracks meiner Spotify-Playlist „BS OPEN“ selbst und
unabhängig zusammenstellen? Awcmon. Ich schicke Ihnen bei Interesse gern die
aktuell gültige Preisliste zu...)

29.05.2016

Kipping: Widerstand & Realpolitik

Ein Artikel der klugen und sympathischen Katja Kipping wird auf der
Titelseite des „Freitag“ so angekündigt: „Wo
bleibt die Solidarität? Ein Aufruf zu mehr Engagement und Widerstand.“Und dann auf Seite 3 die ernüchternde Zwischenüberschrift: „Rot-Rot-Grün ist machbar.Soviel zu Widerstand und zivilem Ungehorsam und Realpolitik.

29.05.2016

DHL arbeitet mit Paketdrohnen

Überschrift in der „FAZ“: „DHL
meldet erfolgreiche Tests mit Paketdrohne“.Wow. Jetzt wollen sie also ihre Karten mit dem Text „Wir konnten Sie leider nicht antreffen (DHL-Deutsch für: Der
Zusteller hatte keine Lust zu klingeln und Ihnen die Sendung zuzustellen). Ihre Sendung können Sie in der am weitesten
entfernten DHL-Filiale am anderen Ende der Stadt abholen“ per Drohne über
den Häusern abwerfen. Fortschritt, ick liebe dir!

29.05.2016

IWF überdenkt Neoliberalismus

Der Artikel war versteckt im Wirtschaftsteil der „FAZ“: Unter der
Überschrift „Währungsfonds überdenkt den Neoliberalismus“ wird berichtet, daß
der IWF „seine wirtschaftspolitischen
Grundpositionen einer fundamentalen Überprüfung unterzieht“. „Statt Wachstum zu
bringen, haben einige neoliberale Politiken die Ungleichheit befördert“,
heißt es im Papier eines Teams aus führenden IWF-Ökonomen.Nachdem der IWF über Jahrzehnte weltweit Länder unter die Knute neoliberaler
Politik gezwungen hat, wird jetzt plötzlich zurückgerudert. Besser spät als
nie?

22.05.2016

RB Leipzig, Silly & Sebastain Krumbiegel

Bei der Aufstiegsfeier von RB Leipzig trat die Band „Silly“ in Trikots
traditionsreicher Ost-Vereine auf, statt den neuen Bundesligaverein, den Retortenclub
von klebriger brauner Brause Gnaden, zu feiern. Entsprechend wurde die Band in
den Trikots von Union Berlin, Dynamo Dresden, Hansa Rostock oder des 1.FC
Magdeburg von den tausenden Fans auf dem Marktplatz Leipzigs gnadenlos
ausgebuht und ausgepfiffen.

Wie man alles, aber auch wirklich jede Zumutung des herrschenden Systems
brav mitmacht, zeigte Sebastian Krumbiegel, Sänger der Gruppe „Die Prinzen“:
Krumbiegel präsentierte zusammen mit dem Kinderchor des Gewandhaus-Orchesters
die neue Vereinshymne des Rotbullen-Clubs, „RB Leipzig – Du bist mein Verein.“

RB Leipzig: Du bist und bleibst ein Scheißverein! Und Sebastian
Krumbiegel: Du bist der oberste Allesmitmacher des an Allesmitmachern wahrlich
nicht gerade armen deutschen Schlagerpops...

22.05.2016

ESC 2016

Zu den irrelevantesten Dingen, die Jahr für Jahr in der Welt passieren,
die aber medial immens aufgeblasen werden, gehört zweifelsohne der sogenannte
Eurovision Song Contest. Das ist der ursprünglich mal europäische
Schlagerrockpop-Wettbewerb, an dem die musikalischen Repräsentanten von 26
Nationen (plus Halbfinalisten) teilnehmen und der bundesdeutsche Wettbewerb mit
schöner Regelmäßigkeit den letzten Platz einnimmt.2015 erhielt der deutsche Beitrag null Punkte. Germany: Zero points.
Diesmal war es ebenfalls deutlich abgeschlagen der letzte Platz, aber
irgendwelche europäischen Nachbarn haben sich erbarmt, und es gab elf Punkte
für die bundesdeutsche Interpretin, die „wie
eine betrunkene Weinkönigin aussieht, die beim örtlichen Faschingsfest als
Blumenkiste geht“, und die musikalisch „katatonische
Langeweile“ produziert („NZZ am Sonntag“).Wie gesagt, es ist irrelevant, mit welchem Dreck man an der
Festveranstaltung im Herzen der musikalischen Finsternis teilnimmt – aber daß
die Produkte der deutschen Musikindustrie und des eingebetteten
Staatsfernsehens selbst in diesem Rahmen der musikalischen Trostlosigkeit stets
auf dem allerletzten Platz landen, sollte in einem normalen Leben, in einer
normalen Geschäftswelt doch als Problem gesehen werden. Nicht so bei den
einschlägigen Claqueuren der Mitmachwelt: Dort wird der Blumenkiste einhellig
bescheinigt, „einen tollen Job gemacht“ zu haben, und die Chefclaqueurin
Barbara Schönberger rechnet hoch, daß dieses Jahr elfmal so viel Punkte
rausgesprungen seien als letztes; dabei bleibt elfmal null eben für all
diejenigen, die rechnen können, immer noch null.Ehrlich wäre, wenn die deutsche Mainstream-Musikindustrie und das
Staatsfernsehen zugeben würden, daß sie offensichtlich nichts Geeignetes
hervorbringen können, und in Zukunft nicht mehr am ESC teilnehmen würden.Den weltgrößten Tonträgerkonzern Universal Music, bei dem die deutsche
ESC-Vertreterin unter Vertrag ist, ficht dies alles nicht an. Am Tag nach dem
deutschen ESC-Debakel hat Universal Deutschland einen „Sondernewsletter“
verschickt, Titel: „Jamala gewinnt den
ESC 2016“ – denn auch die ukrainische Sängerin ist bei Universal unter
Vertrag. Vom deutschen Beitrag ist bei der deutschen Universal keine Rede mehr,
man hat ja so oder so gewonnen und kann ein Produkt zu Profit machen, ob es nun
aus der Ukraine oder aus Bennigsen in Niedersachsen stammt.

22.05.2016

DDR-Bildungspolitik: Es war nicht alles schlecht...

Laut Springers „Welt“, die fast bis zuletzt die DDR in Anführungszeichen
schrieb und jeder Sympathie für das DDR-System unverdächtig ist, sank der
Intelligenzquotient ostdeutscher Kinder von weit über dem europäischen
Durchschnitt liegenden 102 zu DDR-Zeiten seit der „Wende“ auf 95, also auf das
westdeutsche Niveau. Und der „Welt“-Autor schlußfolgerte, daß die BRD mit dem
DDR-Schulsystem im PISA-Ranking nicht abgeschlagen, sondern vorne gelandet
wäre.Auch Kanzlerin Merkel war ein Förderkind des DDR-Bildungssystems und
meinte mal, man habe „damals“ als Schüler*in in der DDR „ordentlich Physik und
Chemie gelernt“.

13.05.2016

Red Bull & neoliberaler Feudalismus

Wundert es uns, zu lesen, wes „Geistes“ Kind der Unternehmer Dietrich
Mateschitz mit seinem braunen Brause-Imperium ist? Anläßlich des Wunsches der
Mitarbeiter seines „Servus TV“, einen Betriebsrat gründen zu wollen, schrieb
der Red Bull-Chef an die „Salzburger Nachrichten“: „Unabhängigkeit, Eigenständigkeit und Unbeeinflussbarkeit insbesondere
durch politische Parteien, egal welcher Richtung, war von Anfang an ein
tragender Pfeiler von Servus TV. Die Betriebsratsgründung hätte diese Werte
insbesondere durch die Art und Weise ihres Zustandekommens - anonym,
unterstützt von Gewerkschaft und Arbeiterkammer - nachhaltig beschädigt. Dass
diese Vorgehensweise bei der Entscheidung in der aktuellen Situation des Senders
nicht gerade dienlich war, ist evident."

Ist ja auch wirklich eine bodenlose Frechheit, daß Arbeitnehmer*innen
schon knapp 230 Jahre nach der Französischen Revolution plötzlich ihre Rechte
einfordern wollen, und daß sie ihre Interessenvertretung am Ende auch noch
„anonym“ und unterstützt von Gewerkschaften zu wählen beabsichtigen.

Doch in der klebrig-süßen Brausewelt des Dieter Mateschitz bleibt alles
in althergebrachter Ordnung: Die Arbeitnehmer*innen von Servus TV verzichteten
auf die Gründung eines Betriebsrats, und der Brause-Boß machte seine
Ankündigung der Betriebsschließung rückgängig. Der Neoliberalismus als
Feudalherrschaft. Festivals und Bands, die jetzt noch Red Bull als Sponsoren
akzeptieren, sind Lumpen. Und wer jetzt noch Red Bull trinkt, setzt ein Zeichen
gegen Arbeitnehmerrechte und für die Feudalherrschaft der neuen Kapitalisten...

13.05.2016

Muzička, das Internet und die Weltmusikfans

Die ziemlich großartige slowakische Band Muzička war ihrer Zeit voraus
und hat ihre jeweils neueste Musik auf ihre Website gepackt, kostenlos zum
Download.Aber sie haben die konservativen Hör- und Kaufgewohnheiten des
Weltmusik-Publikums unterschätzt: „Material
man still wishes to grasp, insert, play, eject, lose etc.“, schreiben
Muzička in ihrem neuen Album „destilát“, auf dem sie nun, da es mit den
Downloads auf ihrer Website nicht so recht funktioniert hat, in CD-Form eine
Zusammenstellung ihrer besten Tracks vorlegen. Sehr hörenswert! Aber leider nur
sehr schwer zu bekommen. Kann man aber auch via Soundcloud oder Spotify
hören...

13.05.2016

Facebook & Trump

Nochmal zur Fressenkladde, nochmal zu den US-Präsidentschaftswahlen:Von wegen, daß die Internetfirmen der kalifornischen Ideologie alle
Bernie Sanders zuneigen.Facebook unterstützt den Parteitag der Republikaner, und Peter Thiel, der
frühere CEO von PayPal und erster Großinvestor von Facebook und bis heute
Vorstandsmitglied von Facebook, ist ein Trump-Delegierter (und finanziert die
Tea Party, und ist Mitglied im Steering Comitee der Bilderberg-Konferenz, und
investiert in Cannabis...).Wundert uns nicht? Genau, wundert uns nicht!

13.05.2016

Desert Trip & Profit

Worum geht es im Konzertgeschäft der
Großkonzerne, der Megastars und der Sponsoren? Natürlich: ums Geld. Um den
größtmöglichen Profit.Den garantieren vor allem einige wenige
Superstars. Die Bands und Künstler, die die Stadien ausverkaufen, sind rar. Es
sind vornehmlich Bands, deren Karrieren in den 60er und 70er Jahren des letzten
Jahrhunderts begannen. Und ihre Fans sind die damals jungen Menschen, die
sogenannten Babyboomer, also die vermutlich letzte Generation, deren
wirtschaftliche Situation dank Erbschaften und gesicherter Karrieren und daraus
resultierender Renten auch im Alter erfreulich ist.Wie also macht man das allermeiste Geld, den
allergrößten Profit? Man wirft möglichst viele der in den 60er und 70er Jahren
etablierten Superstars zusammen, für die sich die Babyboomer interessieren, die
über das nötige Geld verfügen, sich die Teilnahme an so einem außerordentlichen
Event leisten zu können.Genau dieses Event, ein sogenanntes
„Festival“, haben findige Großveranstalter jetzt als „Desert Trip“ auf dem
Gelände des Coachella-Festivals zusammengestellt.

Die Rolling Stones, Paul McCartney, The Who,
der eingefleischte Antisemit Roger Waters (Pink Floyd), Neil Young, Bob Dylan
an einem Wochenende – das wird kosten: Die Ticketpreise werden laut „Billboard“
von $ 700 bis $ 1.600 für Sitzplätze reichen; Stehplätze sollen $ 400 kosten.
Vor allem aber wollen die Veranstalter mit V.I.P.-Tickets und V.I.P.-Packages
auf ihre Kosten kommen – die in die Jahre und zu veritablem Wohlstand
gekommenen Rockfans sollen mit Luxus-Dining oder Golfplätzen angelockt werden,
beim Coachella-Festival längst Usus. Dazu kommen Nebenrechte aus Übertragungen
in Kinos, aus DVD- und Streaming-Rechten, aus Sponsoring und exzessivem
Merchandising. Die Veranstalter erwarten einen Merch-Umsatz von mindestens $ 25
pro verkauftem Ticket, bei gut 70.000 Teilnehmern wird da ordentlich was
zusammenkommen. So sollten sich auch die horrenden Künstlergagen finanzieren
lassen – Insider raunen von Gagen zwischen 7 und 10 Millionen Dollar für die
„Headliner“ Rolling Stones, Paul McCartney und Roger Waters, und selbst alle
anderen Künstler werden Gagen von mehr als einer Million Dollar erhalten.

Die Veranstalter bezeichnen ihren Event allen
Ernstes als „Konzert des Jahrhunderts“ – wobei eher das vergangene Jahrhundert
gemeint sein dürfte, denn nennenswerte Musik hat in unserem Jahrtausend mit Ausnahme
von Bob Dylan und Neil Young keiner der Künstler dieses Festivals
veröffentlicht. Aber darauf kommt es allem Anschein nach nicht an. Es geht um
einen letzten Großzahltag für die in die Rentnerjahre gekommenen
Multimillionäre der Rockmusik. Und um das Schwelgen in Erinnerungen für in die
Jahre und zu Geld gekommenen Rockfans (die meisten wohl ebenfalls im
Rentneralter), die dann Selfies an all ihre Freunde auf der Fressenkladde
schicken können: „Seht, ich war dabei! Ich hab Mick, Keith, Paul, Bob & Neil
nochmal gesehen, bevor sie sterben...“

13.05.2016

Wanda auf Bussi-Kreuzfahrt im Mittelmeer

Rockbands
in Theateraufführungen? Klar, geht gar nicht, d’accord.
„Rockbands in Theateraufführungen sind in
der Regel eine Peinlichkeit (...) Wenn eine kreuzlangweilige Band wie Kante
Schaubühnen-Inszenierungen als Dienstleistungs-Mucker dekoriert, fragt man sich
unwillkürlich, ob sie sich vielleicht besser als Bord-Kapelle auf einem
Kreuzfahrtschiff verdingen sollte“, meint Peter Laudenbach im
„Tip“-Magazin.
Und das sagte sich wahrscheinlich auch die österreichische Pop-Band Wanda. Mit
der kann man jetzt nämlich tatsächlich auf Kreuzfahrt gehen: Eine „Bussi Kreuzfahrt mit Bologna – Wanda – Der Nino aus
Wien“ wird von einer Firma namens „MS6 – Travel and Music“ angeboten. Mit dem
Bus nach Genua, mit dem Schiff nach Barcelona („Barcelona ist keine Stadt zum Betrachten, Bewundern und Bestaunen,
die richtige Perspektive gewinnt nur, wer sich selbst in Bewegung setzt“),
nach Marseille („Wer will schon die
arrogante Schnepfe, wenn er auch die scharfe Seemannsbraut kriegen kann?
Marseille ist aufregender, günstiger und entspannter als Paris“) und
Bologna („Tante Ceccarelli hat in
Bologna... Auch wenn hier als absolutes Highlight das Konzert von Wanda &
Freunden stattfindet, bleibt ein bißchen Zeit für Amore in Bologna“).„Um auch die Getränkekosten im Überblick
zu behalten“, empfehlen die Organisatoren „die Buchung eines Getränkepakets für die Schiffsreise im Voraus“.
Etwa „Allegrissimo Premium“ (mit Champagner-Cocktails, einem, haha, „breiten“
Angebot an offenen Weinen, hochwertigen Spirituosen einschließlich besonders
exklusiver Marken usw.) für € 44.- pro Tag. Oder das „Bier Paket ‚Taste The
World’“ für 59 €. Oder das „Eataly’s Vino Libero Paket“ für 185 €, mit Weinen
aus biologischem Anbau.

Da
können die Mitmachwüstlinge aus dem Wanda-Fanclub dann ordentlich angeschickert
und angeheitert den im Mittelmeer um ihr Leben kämpfenden Flüchtlingen von der Reling ihres
Kreuzfahrtschiffs wahlweise ein kräftig donnerndes „Bussi, Bussi“ oder ein
ebensolches „Amore!“ entgegengrölen.

Immer,
wenn man denkt, daß alles nicht mehr übler werden kann, wird man aufs
Unangenehmste überrascht. Wanda jedenfalls haben sich nicht nur musikalisch,
sondern auch gesellschaftlich auf Dauer als dumpfe Biederlinge disqualifiziert.„Love & Peace through
Tourism & Music“ wirbt Wandas Bussi-Kreuzfahrt. Wirklich obszön.

13.05.2016

02-Arena heißt jetzt Mercedes, und Lenin Lennon

Die Berliner Mehrzweckhalle am Ostbahnhof heißt seit letztem Sommer
bekanntlich nicht mehr „O2-Arena“, sondern „Mercedes-Benz-Arena“. Dieser
trostlose Ort ist eine stadtplanerische Bankrotterklärung, die sich demnächst
potenzieren wird, denn es ist jetzt ein ganzes Mercedes-Benz-Viertel um die
Halle herum geplant: eine weitere Halle mit etwas kleinerer Kapazität, eine
28-spuriges Luxus-Bowlingcenter, 10 bis 15 Cafés, zwei Hotels und Büros, und
selbstredend auch ein Mercedes-Flagship-Store 
– eben ein echter „Entertainment District“, wie die Anschutz
Entertainment Europe das neue Stadtquartier vollmundig bezeichnet. Und der
zentrale Platz heißt seit dem 1.Juli natürlich Mercedes-Benz-Platz, ohne
daß die Öffentlichkeit und die Bezirksversammlung da mitreden oder gar
mitentscheiden konnten, denn der Platz ist Privateigentum und gehört wie die
Mehrzweckhalle und die neu geplanten Gebäude, eben das ganze Viertel, der
Anschutz-Gruppe. Ein trauriges Beispiel der Privatisierung von öffentlichem
Raum und von Investorenarchitektur  nach
amerikanischem Vorbild.
Anderes, aber Ähnliches sah ich unlängst in Italien – in Florenz heißt die
einschlägige Konzerthalle, das ehemalige „Teatro di Firenze“, jetzt „OBI HaLL“
(das „a“ tatsächlich klein geschrieben, keine Ahnung, was das nun wieder zu
bedeuten hat).
„Gehen wir Rihanna schauen?“ „Klar, auf in die OBI Hall.“
Und Lenin heißt jetzt Lennon. Jedenfalls im ukrainischen Dorf Kaliny. Dies
teilte der Gouverneur von Transkarpatien mit. Im Zuge der „Dekommunisierung“
der Ukraine nach dem „Gesetz zur Verurteilung der kommunistischen und
nationalsozialistischen totalitären Regimes und zum Verbot ihrer Symbolik“
falle Lenin als Namenspatron für Straßen künftig aus, weswegen die Lenin-Straße
in Kaliny nun in Lennon-Straße umbenannt wurde.Ach, lieber Gouverneur von Transkarpatien, ich bitt, komm doch bitte mal nach Berlin und mach, daß das Mercedes-Benz-Viertel wenn schon nicht in Lenin-, dann doch wenigstens in Lennon-Viertel umbenannt wird! Von Transkarpatien lernen, heißt... Danke im Vorabbereich.

13.05.2016

Körperarbeit macht presenter im Alltag

Und wo
wir schon bei Skurillitäten aller Art sind: Im Berlin-Teil der „taz“ fand ich
eine Kleinanzeige.„Ich bin eine erfahrene
Physiotherapeutin und lerne im zweiten Ausbildungsjahr die Grinbergmethode,
eine Körperarbeit, in der ich euch zeige, euren Atem tiefer zu spüren“. Ich bin ja nun in den 70er Jahren
aufgewachsen und habe mich schon damals daran gefreut, daß die Deutschen alles,
was sie so tun, als „Arbeit“ bezeichnen müssen – wenn sie lieben, ists
„Beziehungsarbeit“, wenn sie einfach nur atmen, ists „Körperarbeit“.Doch die
„kostenlose Probestunde“ in der
Grinbergmethode wird schließlich so anempfohlen: „...in der ich euch zeige, presenter im Alltag zu werden.“Also
besser atmen, um im Alltag besser zu funktionieren, und wenn schon nicht
präsenter, dann doch presenter zu werden, als ein kleines
Selbstoptimierungsgeschenk gewissermaßen für all diejenigen, denen man nach
Grinbergmethoden-Arbeit dann in U-Bahn, Bus oder auf den Straßen so trifft...

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