Blogdarstellung in voller LängeBlogdarstellung mit Anrisstexten
Berthold Seliger - Blog abonnieren
Blog Archiv - Jahr %1
16.04.2016

FAZ Magazin als Anzeigenblättchen

Jacques Hyzagi berichtet im „Observer“ (via „Perlentaucher“) davon, wie
er eines der ganz seltenen Interviews mit der japanischen Modedesignerin Rei
Kawakubo (die er als „Bob Dylan of fashion“ bezeichnet) von „Comme des Garçons“
geführt hat, das aber keines der einschlägigen Hochglanzmagazine drucken
wollte. Denn: die japanische Designerin schaltet keine Anzeigen in „Vogue“... Sie
wissen schon, Grundsatz des Journalismus: Redaktionelle Inhalte und bezahlte
Anzeigen haben nie nicht miteinander zu tun. Nie.

Und „Elle“ brachte dann eine von der Redaktion ohne sein Zutun
überarbeitete Fassung des Interviews, die er als „Infomercial“ bezeichnet. Und
das eigentliche Interview? Bleibt für immer im Tresor von „Elle“, weil ein
abgebrannter Autor leichtsinnig einen entsprechenden Vertrag mit dem Magazin
unterschrieben hatte...

All sowas könnte dem „Frankfurter Allgemeine Magazin“ nicht passieren,
dem Hochglanz-Anzeigenblättchen, das alle paar Wochen der Zeitung beiliegt. Zum
Beispiel im Februar 2016: Zunächst blättert man durch dreizehn (!) Seiten
Anzeigen, die meisten doppelseitig: Chanel, Ralph Lauren, Dolce & Gabbana,
Gucchi, Cartier, Prada... Dann gibt es ein paar Artikel. Zum Beispiel von Karl
Lagerfeld (Chanel), oder ein dreiseitiges Porträt über Domenico Dolce und Stefano
Gabbana, deren zweiseitige Anzeige weiter vorne im Heft zu finden war. Und
einige Seiten Mode von genau den Firmen, die in dem Magazin auch Anzeigen
geschaltet haben, also beispielsweise Versace, Gucchi, Prada, Dolce &
Gabbana oder Chanel. Und hinten in dem „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ dürfen
paar Edelfedern das Ganze noch ein wenig wie ein redaktionelles Produkt
aussehen lassen, mit Artikeln über „Die Kunst und die Krise der Karikatur“ oder
„Grüße aus Entenhausen“.

Die Presse ist frei. Die Presse ist so frei. Die Presse ist so frei,
eine Rahmenhandlung für die Anzeigen der Konsumindustrie zu schreiben, die
deren Produkte in angemessener Art und Weise präsentiert und sonst nicht weiter
stört.

16.04.2016

Grüner Mutlu und die Mieten

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu setzt sich offiziell seit Jahren
für „bezahlbare Mieten“ in Berlin ein. „Sozial. Gerecht. Direkt.“ So machte
Mutlu Wahlkampf. Doch jenseits seiner Sonntagsreden kümmern den Berliner
Grünen-Politiker bezahlbare Mieten wenig – vor allem dann nicht, wenn es um
Räume geht, die ihm selbst gehören.

Özcan Mutlu hat letztes Jahr ein Ladengeschäft in Prenzlauer Berg
erworben. In diesem Ladengeschäft befindet sich seit 1967 (!) ein
Kosmetikstudio, die jetzige Inhaberin übernahm den Laden 1987, also noch zu
DDR-Zeiten. Mehr als 40 junge Menschen hat sie seitdem ausgebildet, derzeit hat
sie sechs Angestellte und eine Auszubildende.Mit dem günstigen alten Mietvertrag aus DDR-Zeiten war es vorbei, als
der Grünen-Politiker aus Kreuzberg die Immobilie übernahm. Er forderte kurz
nach dem Erwerb der Immobilie eine 100-prozentige Mieterhöhung – „bezahlbare
Mieten“, „sozial, gerecht“ eben. Auf Nachfrage des „Tagesspiegel“ sagt Mutlu,
er habe eben „die Entwicklung der
Gewerbemieten in Prenzlauer Berg der letzten Jahrzehnte berücksichtigen
müssen“, es gehe um eine „Inanspruchnahme
der ortsüblichen Gewerbemiete“ – also der „ortsüblichen“ Miete, die über
Jahrzehnte von Immobilienspekulanten und Hedgefonds nach oben getrieben wurde.
Mutlu möchte sich die Gentrifizierung, gegen die er offiziell anredet, selbst zunutze
machen.Die Inhaberin des Kosmetikstudios hat mittlerweile sogar die
Verdoppelung der Miete akzeptiert, wollte vom Grünen-Politiker jedoch einen
langfristigen Mietvertrag, um für ihre Firma und ihre Angestellten eine gewisse
Planungssicherheit zu haben. Dem verweigerte sich der neue Eigentümer, er bot
nur noch einen Mietvertrag für ein Jahr an, mit einer sechsmonatigen
Kündigungsmöglichkeit. Und im Januar 2016 haben Mutlu und seine Frau der
jetzigen Mieterin gekündigt. „Rabiat und
unmenschlich“ sei das Vorgehen Mutlus, wirft die Inhaberin des
Kosmetikstudios dem Grünen-Politiker laut „Berliner Zeitung“ vor und spricht
von einem „skrupellosen“ Vorgehen
über Makler und Anwälte. „Sozial gerecht
geht es hier nicht zu. Uns wird Angst gemacht.“

Bezahlbare Mieten, so der Grünen-Bundestagsabgeordnete im „Tagesspiegel“,
seien ihm „weiterhin ein wichtiges
Anliegen“. Solange er als Eigentümer und Spekulant genug Profit mit seinen Immobilien
machen kann...

(Anmerkung, fünf Tage später: Mittlerweile hat sich Mutlu dem öffentlichen
Druck und dem Druck seiner Partei gebeugt und dem Kosmetikstudio einen
Fünfjahresvertrag angeboten – zu verdoppelter Miete...)

16.04.2016

Springsteen mit Haltung

Während „unsere“ Popmusiker, all die Grönemeyers, Lindenbergs, Kollegahs
oder Maffays, schweigend dabeisitzen, wenn eine Rechtsaußenband einen Echo
erhält, zeigt Bruce Springsteen, worauf es ankommt: Aus Protest gegen ein
Gesetz des Staates North Carolina, das die Rechte von Transsexuellen,
lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen einschränkt, etwa, wenn ihre
Menschenrechte am Arbeitsplatz verletzt werden, hat Springsteen einen Auftritt
in Greensboro abgesagt.

Das Gesetz sei der „Versuch,
den Fortschritt rückgängig zu machen, den das Land bei der Durchsetzung der
Menschenrechte für alle Bürger gemacht habe - unternommen von Leuten, die den
Fortschritt nicht verstehen“, heißt es in einem Statement Springsteens auf
seiner Homepage.

Ein Musiker mit Haltung. Der sich für den Fortschritt engagiert, auch
wenn es wehtut und er etwa zehntausende Tickets erstatten muß. Und der sich gegen
all die Rechtspopulisten engagiert, die weltweit im Aufwind sind. Der „Boss“
hat verstanden: Wehret den Anfängen!

09.04.2016

Dobler unterwegs in Jugoslawien, und ZDF-Aspekte

Der von mir über die Maßen geschätzte, ach was: verehrte Schriftsteller
Franz Dobler ist gerade in Jugoslawien unterwegs. Was er aus Belgrad und Zagreb
in seinem Blog berichtet, ist nicht weniger lesenswert als dieser kleine Text
aus Bijelo Polje in Montenegro, den ich aber deswegen ausgewählt habe, weil er
so schön den Gegensatz von wirklicher Literatur und all dem Schmarrn, der im
Staatsfernsehen von irgendwelchen Betriebsnudeln als solche inszeniert wird,
auf den Punkt bringt. Ich glaube, es geht um "Aspekte" im ZDF, es
könnte aber auch jedes andere Buch- oder Kulturmagazin auf ARD, ZDF oder 3sat
sein, das sich für irgendetwas hält:

„Man zappt ja noch rum. Landet bei einem deutschen Kulturmagazin. Mit
einem Literaturbeitrag. Und als dann eine vollkommen beknackte Moderatorin
mit einem vollkommen beknackten deutschen Starautor vollkommen beknackt
rumlaberte, war es weniger der totale Ekel, der mich berührte, sondern eine
Erkenntnis: Ich würde tausendmal lieber den Rest meines Lebens hier an diesem Außenposten
in der kleinen Bibliothek Papierkörbe ausleeren und zurückgegebene Bücher
einsortieren, als in so vollkommen beknackten, verblödeten, dämlichen, auf
kriminelle Weise Geld verschwendenden Fernsehmagazinen mit vollkommen
beknackten Moderatoren vollkommen beknackt rumlabern. Das vollkommen Beknackte
ist ja außerdem bzw. zusätzlich, dass sich diese Leute für cool halten, von
anderen vollkommen Beknackten vermutlich als Hipster gekennzeichnet werden
(oder welche Missverständnisse auch immer da unterwegs sind), und mit diesem
ganzen beknackten Scheiß als die lässige Form von Kulturvermittlung bzw.
-produktion durchkommen.

Ich glaube, ich würde lieber aufhören irgendwas zu machen, als irgendwas
mit denen. Eine üblere Beschimpfung fällt mir kaum ein. Zu finden das Beknackte
wahrscheinlich in der Mediathek von das ZDF. Sendung heißen Aspekte oder
so… Aber egal. Ich bisschen stolz darauf, wenn Leute von Bijelo Polje sagen
mir, ich nicht so richtig deutsch eigentlich. Das ganz gut. Dabei freundlich
lachen. Wir zusammen darüber lachen. Wenn du nix verstehst, was meinen
ich, macht nix. Grüß Gott, deutsche Gutliteratur.“

09.04.2016

Echo 2016 - Popjournalisten, aufhören!

Ach, liebe Popjournalist*innen – ihr müßt jetzt doch nicht den täglich
grüßenden Murmeltieren gleich alljährlich eure Besinnungsaufsätze darüber
abliefern, wie grauenvoll und langweilig und nichtsnutzig und erbärmlich die
Echo-Show von Gorny & Konsorten ist. Einmal hat gereicht, jetzt wissen
wirs. Und daß die Scala von „unterirdisch“ nach unten offen ist, wissen wir
auch. Ihr müßt darüber nicht mehr schreiben, wie ihr euch durch vier Stunden
Echo-Verleihung gequält habt. Bitte einfach schweigen. So etwas wie den Echo in
all seiner Erbärmlichkeit sollte man nicht einmal mehr ignorieren, denn schon
durchs Ignorieren würde man ihn adeln.

Mein Tipp: Einfach nicht hingehen! Oh, ich höre, ihr könnt nicht drauf
verzichten, ihr müßt der Musikindustrie eure Nase zeigen, weil ihr sonst
vielleicht als Spielverderber geltet, eventuell bestimmte Künstler nicht mehr
für Interviews bekommt und was ihr sonst noch für faule Ausreden findet?
Tschah, ihr seid halt ewige Adabeis, Schoßhündchen der Musikindustrie. O.k., be
it so, haben wir verstanden. Aber bitte verschont uns dann zukünftig wenigstens
mit euren Berichten, wie schrecklich es beim Echo wieder war. Denn diese
Berichte langweilen uns genau so sehr wie der Echo an sich. Danke.(Angemessen berichterstattete übrigens die „FAZ“: Der Zeitung, hinter
der bekanntlich ein kluger Kopf steckt, brachte eine kleine Meldung von
vielleicht zehn Zeilen über die Echo-Verleihung. Und zwar auf ihrer „Aus aller
Welt“-Seite. Und das wars. Warum sollte man für so etwas Irrelevantes wie den
„Echo“ auch Platz im Feuilleton verschwenden...)

09.04.2016

Freiwild & Echo: Deutschland in den Grenzen des BVM

Die Südtiroler (das ist
Italiens nördlichste Provinz) Rechts-Rock-Band "Freiwild" war beim
„Echo 2016“ in der Kategorie "Rock/Alternative NATIONAL" nominiert,
während die aus Österreich (das ist ein südöstliches Nachbarland Deutschlands)
stammenden Bands "Wanda" und "Bilderbuch" in der Kategorie
"Newcomer INTERNATIONAL" antraten. Deutschland in den Grenzen von
Gornys "Bundesverband Musikindustrie"...

Und als Freiwild den Echo gewannen, passierte – nichts! Ein paar
einzelne Buhrufe, aber ansonsten: nichts. Kein Pfeifkonzert. Keine Musiker in
der ersten Reihe, keine Menschen von Plattenfirmen und keine Musikjournalisten,
die der Verleihung den Rücken gekehrt hätten. Ein Echo für eine
Rechts-Rock-Band?!? Da hat Tim Renner ganz recht: Das ist wie eine Koalition
mit der AfD. Oder wie das Mitgrölen bei einer Pegida-Demo. Aber alle haben geschwiegen,
also: mitgetan, wo ein deutliches Zeichen gegen Rechts nötig gewesen wäre. Der
Stinkefinger, den Bosse den Nazis gezeigt hat, hat nicht ausgereicht. Nicht nur
der Echo 2016 war erbärmlich, erbärmlich war insbesondere, wie all die ach so
liberalen und engagierten Musiker und Musikindustrie-Menschen es versäumt
haben,  gegen eine rechtspopulistische
Band zu protestieren und ein eindeutiges Statement gegen Rechtsaußen zu setzen.„Ich dulde keine
Kritik / an diesem heiligen Land, / das unsere Heimat ist...“ (Freiwild)

09.04.2016

Sanderling über Flüchtlingsdebatte

„...ich empfinde
mich durch die Ereignisse der letzten Zeit als leidgeprüft, weil ich die
Mitmenschlichkeit verlorengehen sehe. Die »Flüchtlingsdebatte« halte ich jedoch
für höchst problematisch, weil ich als Musiker dem Humanismus streng anhänge.
Menschen in Not müssen Hilfe und Schutz erhalten, ohne Wenn und Aber. Ich weiß,
dass viele Menschen genauso denken. Aber andere, die kriminell handeln, haben
noch nicht einmal eine Spur von Humanismus zu empfinden gelernt und für ihr
Denken angenommen.“Michael Sanderling, Chefdirigent der Dresdner
Philharmonie

03.04.2016

Satire darf alles. Und ZDF

Satire?
Darf hierzulande bekanntlich alles.Das
Grundrecht auf freie Meinungsäußerung? Ist hierzulande bekanntlich Grundpfeiler
„unserer freiheitlichen Art zu leben“Alles
Nähere regelt der Programmdirektor des ZDF. (...und das möge man nicht mißverstehen: Böhmermann ist eine dieser typischen völlig überschätzten Betriebsnudeln, die sie sich im deutschen Staatsfernsehen als Hofnarren halten. Hier geht es sozusagen nur darum, Böhmermanns Recht darauf, das zu betreiben, was er irriger- und sich überschätzenderweise für Satire hält, unbedingt zu verteidigen - gleichwohl möchte ich Böhmermanns Kram bitte als in aller Regel mindestens total bescheuert bezeichnen dürfen...)

03.04.2016

Gauck auf Staatsbesuch in China - und die Medien...

Die Vertreter der bürgerlichen Presse, also
von „FAZ“ und „taz“, bekamen sozusagen feuchte Höschen angesichts des Besuchs
von Bundespräsident Gauck in China und kriegten sich förmlich nicht mehr ein.
Gauck habe seine Gastgeber „mit
Marxismuskenntnissen und kritischen Fragen, die sich andere nicht zu stellen
trauen, überrascht“, so die einen. Und Gauck „trickste Chinas Stasi aus“ und habe „bereits nach seinem ersten Tag in Peking die kühnsten Erwartungen
übertroffen. Mehr noch: Dem Bundespräsidenten“ sei auf seiner ersten
China-Reise „geradezu ein Coup gelungen“,
so die anderen (am Rande eine kleine Prüfungsfrage für
Journalistenschüler*innen im ersten Semester: welches dieser Zitate ist aus der
„FAZ“, welches aus der „taz“?). Ob sie damit den Gauck-Satz meinten, „Manche fragen sich, wie der Wohlstand
gleichmäßiger verteilt werden kann“ (in China wohlgemerkt, nicht etwa in
dem Land, für das Gauck durch die Welt reist), ist nicht überliefert.Die „taz“ meinte zum Ende von Gaucks
Staatsbesuch jedenfalls, die „Staatsmedien“
hätten „ihn weitgehend ignoriert“. Im
Ernst? Wie aber ist dann die breite Berichterstattung in den Staatsmedien „FAZ“
und „taz“ zu erklären?

03.04.2016

Gauck für Sicherheitsforschung an Hochschulen

Auf der Sicherheitskonferenz
in München fragte Gauck in seiner Eröffnungsrede jüngst rhetorisch: „Ist es nicht an der Zeit, dass die
Hochschulen mehr anbieten als eine Handvoll Lehrstühle für die Analyse
deutscher Außenpolitik? Muss nicht auch die Sicherheitsforschung gestärkt
werden?“ Wäre interessant, was seine chinesischen Gastgeber zu dieser
Forderung zu sagen gehabt hätten.
2013 erhielten hierzulande 26 staatliche Hochschulen Drittmittel in Höhe von
4,8 Millionen Euro allein vom Verteidigungsministerium, wie aus einer kleinen
Anfrage der Grünen im Bundestag hervorgeht. An der Martin-Luther-Universität in
Halle (Saale) gibt es einen eifrigen Verfechter der Gauckschen
Aufrüstungsdoktrin. Professor Johannes Varwick hat seit 2013 einen Lehrstuhl
für Internationale Beziehungen und europäische Politik inne. Bei seiner
Antrittsvorlesung zitierte er just den Bundespräsidenten und stellte direkt
klar, daß er den Auftrag Gaucks, also die Stärkung der sogenannten
Sicherheitsforschung, vorantreiben werde. Varwick bezeichnet sich selbst als
Teil der „sicherheitspolitischen Community“. Durch diese Offenheit und Transparenz
stellt Varwick eine Ausnahme dar. Im Internet erfährt man, daß Varwicks
Forschung unter anderem durch die NATO, das Verteidigungsministerium und
militärpolitische Thinktanks finanziert wurde. Varwick ist auch Mitglied eines
„Arbeitskreises Sozialwissenschaften und Militär“. Wissenschaft und Militär im
direkten Austausch. Wie in China.

03.04.2016

Ai Weiwei: Der nützliche Idiot wird fallengelassen

Wie
bürgerliche Medien und überhaupt die bürgerliche Welt funktionieren, kann man
derzeit am Beispiel der „FAS“ und des Ai Weiwei studieren. War Ai lange der Lieblingsdissident
der Deutschen, der „heilige Ai“ eben, wie seinerzeit ohne jede Ironie
geschrieben wurde (in der „FR“ übrigens), so lassen die bürgerlichen Medien ihn
nun, da er sie langweilt, fallen wie eine Urne aus der Han-Dynastie.

An
zwei Sonntagen hintereinander geht die „FAS“ mit dem heiligen Ai jeweils
großflächig ins Gericht. Einmal kritisiert Friederike Haupt Ais Aktion mit den
Flüchtlingen in Idomeni und schlägt für Ai die Bezeichnung „Beknacktivist“ vor.
In der Woche drauf witzelt Johanna Adorjan auf mehr als einer halben Seite
„neue Ideen für Ai Weiwei“ zusammen und schlägt ihm hämisch Ideen für
Kunstprojekte und Aktivismus vor, zum Beispiel: „TTIP: Den Säuleneingang des
Festspielhauses in Bayreuth läßt Ai Weiwei mit knapp einer Million roter McDonald’s-Pommes-Frites-Pappschachteln
verkleiden. Titel dieser aufrüttelnden Aktion: ‚Freedom’.“ Und dann wagt sich
auch die „Berliner Zeitung“ noch aus der Deckung und schiebt am Tag nach dem
zweiten „FAS“-Artikel todesmutig tabubrechend ein „Komm zurück, Ai Weiwei, und laß die Flüchtlinge in Ruhe!“
hinterher.

Soweit
so gut. Ich habe schon vor Jahren erklärt, daß ich Ai Weiwei für einen sagen
wir mal nicht besonders interessanten und ganz sicher deutlich überschätzten Künstler und für einen höchst
fragwürdigen „Aktivisten“ halte, der von interessierten Kreisen „gemacht“ wurde,
und der als jemand, der Jahre in den USA gelebt hat, durchaus das mediale
Spiel, das mit ihm betrieben wurde, durchschaut und freudig mitgespielt hat
(siehe meinen Artikel „Die Legende vom heiligen Ai“, für „Konkret“ 6/2011,
hier). Und die Kritik an Ai und seiner Rolle, die jetzt in der „FAS“
vorgetragen wird, ist nur allzu berechtigt. Allein: diese Kritik hätte substantiell
vor Jahr und Tag vorgetragen werden müssen. Zu einer Zeit also, da Ai im
Gegenteil auch und gerade in „FAZ“, „FAS“ und „Berliner Zeitung“ und all den
anderen Medien hofiert wurde, zu Zeiten, wo jeder seiner Schritte ausführliche
und höchst unkritische Artikel in ebendiesen Zeitungen zur Folge hatte.

Das
ist das Spiel, das die bürgerlichen Medien und die bürgerliche Welt mit
Dissidenten spielen wie die Katze mit einer gefangenen Maus, ehe sie diese
verspeist: Wir schreiben dich hoch, solange du unser nützlicher Idiot bist und solange du uns
Spaß machst. Nützt du uns nicht mehr und haben wir den Spaß an dir verloren,
werden wir dich fressen. Immer.

03.04.2016

Die Gedanken, die man hier kauft, stinken.

„Die Gedanken, die man hier kauft, stinken... Man
verkauft Meinungen wie Fische, und so ist das Denken in Verruf gekommen.“Der Bauer
Sen in: Bertolt Brecht, Turandot oder Der Kongreß der Weißwäscher

03.04.2016

Mick Jagger: Alle Musiker werden ausgenutzt!

Ein Rolling Stone über Musikbusiness,
Verbrecher und ausgenutzte Musiker:

Frage an Mick Jagger anläßlich der
Fernsehserie „Vinyl“: „Warum konzentrieren Sie sich (in dieser Serie) mehr auf
die geschäftliche Seite von Musik?“Jagger: „Für
mich ist das ein faszinierender Aspekt. Das Business ist voller seltsamer
Figuren: ein zusammengewürfelter Haufen aus Trickbetrügern, Geschäftsleuten und
Verbrechern.“

Frage: „Die Serie zeigt, wie die Künstler
von den Firmen ausgenutzt wurden. Haben Sie das auch erlebt?“Jagger: „Alle
Musiker werden ausgenutzt, besonders am Beginn ihrer Karriere. In den 50ern und
60ern bekamen Künstler fast nichts für ihre Aufnahmen. Weiße Musiker bekamen
etwas mehr, aber ausgenutzt wurden wir alle. Sie haben dir gesagt, du kriegst
drei Prozent von allen Verkäufen, aber am Ende haben sie dir so viel abgezogen,
daß beinahe nichts übrig blieb. Selbst bei einem Hit.“

(in „TV Spielfilm“)

03.04.2016

Hillary Clinton läßt speisen

Hillary
und Bill Clinton sowie George Clooney haben zu einem Unterstützungs-Dinner für
Hillary Clintons Präsidentschaftswahlkampf eingeladen. Kostenpunkt: 353.000 Dollar.
Pro Gast.Das
Essen war im Preis ebenso inbegriffen wie ein „unverhältnismäßiger Einfluß auf den politischen Prozeß“, wie
Bernie Sanders anmerkte.

21.03.2016

Steve Reich, Kölner Philharmonie, Mutbürger, Reaktion...

Im Rahmen eines Kölner
Abonnementkonzerts von Concerto Köln spielte der in England lebende iranische
Cembalist Mahan Esfahani neben Werken von Johann Sebastian und Carl Philipp
Emanuel Bach auch Werke von Fred Frith und Steve Reich. Bei seiner
Interpretation von „Piano Phase“ von Steve Reich kam es zum Skandal. Piano
Phase ist eine minimalistische Komposition von 1967, zwei „Klangfäden“ aus
stets wiederholten kurzen Tonfolgen in h-moll driften, da sie in geringfügig
unterschiedlichen Tempi gespielt werden, auseinander, wodurch es zu immer neuen
Interferenzen kommt. Esfahani spielte eine Tonfolge an seinem Cembalo, die
andere kam vom Tonband, er hatte sie vorher eingespielt. Ein interessantes
Stück Minimalismus.

Doch das Stück konnte in der
Domstadt nicht zu Ende aufgeführt werden. Teile des Publikums lachten,
klatschten, pfiffen und machten andere Geräusche, nach etwa sechs Minuten des
circa sechzehn Minuten langen Stücks so laut, daß der Cembalist seine
Darbietung abbrechen mußte. Esfahani fragte das Publikum: „Why are you afraid?“
Warum und wovor haben Sie Angst? Der pöbelnde Anteil des Publikums antwortete:
„Reden Sie gefälligst deutsch!“ Denn, Merke: in der Kölner Philharmonie wird
immer noch deutsch gesprochen. Das wird man einem aus dem Iran dahergelaufenen
Cembalisten ja wohl noch sagen dürfen.

Was ist nun das Besondere
an diesem Vorfall? Pegida im klassischen Konzertsaal? Gemach. Es ging um eine
Art „Machtdemonstration jener
Kulturbürger, denen der Sonntagnachmittag heilig ist“ (Arthur Buckow). Hier
haben sich konservative Wutbürger erregt, die Angst vor Veränderung, Angst vor
Neuem haben, selbst wenn das Neue schon fast fünfzig Jahre alt sein mag. Dieser
Reflex ist nicht neu; neu ist lediglich, daß sich diese konservativen Lümmel mit
ihrem reaktionären Gepöbel jetzt aus der Anonymität des bürgerlichen
Stillseins, das in den  Konzertsälen
Brauch ist, hervorwagen wie die Ratten aus ihren Löchern. Ermöglicht wird
solcherart Pöbelei vom medialen Grundton, der seit dem sogenannten „Flüchtlingsproblem“
in den bürgerlichen Medien regiert und von Leuten wie Sloterdijk oder Safranski
orchestriert wird, also dieser antimodern, antizivilisatorisch und
fremdenfeindlich wabernde Sound, der mittlerweile auch aus Suhrkamp-Bändchen
quillt.

Und es ist natürlich kein
Zufall, daß derartige antimoderne Machtdemonstrationen ausgerechnet in Köln
stattfinden. Dazu, wie die Stadt Köln den öffentlichen Raum kapitalisiert und
zur Bühne privater Events abgewirtschaftet hat, hat Felix Klopotek im März-Heft
von „Konkret“ alles Notwendige gesagt. Dazu passen letztlich die jüngsten
Schlagzeilen aus Köln, die von einem „Abi-Krieg“ rivalisierender Gymnasien
berichten, der derart außer Kontrolle geraten ist, daß sogar Jugendliche schwer
am Kopf verletzt wurden. „Überrascht
haben mich die Ausschreitungen in Köln nicht“, sagt laut „FAZ“ die
Kulturwissenschaftlerin Katrin Bauer, die erklärt, daß „in keiner anderen Stadt die Schüler so extrem rivalisieren“ (ich
frage mich übrigens, warum die Medien, die über diesen Kölner Abi-Krieg
berichten, diesmal darauf verzichten, die Religionszugehörigkeit der Schüler zu
erwähnen, wie das sonst in Köln doch mittlerweile üblich zu sein scheint; nun,
die meisten der am Abi-Krieg beteiligten Schüler dürften christlichen Glaubens
sein – es ist halt so eine Sache mit den abendländischen Werten...).

Es ist außerdem wohl kein Zufall,
daß die neokonservativen Mutbürger gerade in der Kölner Philharmonie die
Aufführung eines modernen (nicht einmal zeitgenössischen) Werkes sprengen. Es
wundert mich, daß keiner der sachkundigen Feuilletonisten darauf hingewiesen
hat, daß dieses Beispiel just in Köln eine gewisse Tradition hat: „Der
wunderbare Mandarin“ von Béla Bartók wurde vor neunzig Jahren, im November
1926, in der Oper Köln uraufgeführt. Es gab einen riesigen Skandal. Der „Kölner
Stadt-Anzeiger“ schrieb seinerzeit von „aus
dem Orchesterraum hervorbrechenden Geräuschen“ und einer „widerlichen Handlung“, sodaß „die Räume durch ein gelinde gesagt
minderwertiges Werk entweiht wurden“. Das Publikum erregte sich, es „erschollen hundertfältig und minutenlang
die Rufe Pfui! Gemeinheit! Skandal!“Die Erstaufführung des
Bartók-Werkes in Köln war 1926 auch gleichzeitig seine Letztaufführung: Kölns
Oberbürgermeister Konrad Adenauer (genau, der spätere Bundeskanzler der BRD)
ordnete an, daß „Der wunderbare Mandarin“ sofort vom Spielplan zu nehmen sei.
Das vermeintlich Skadalöse sprach sich europaweit herum, sodaß zu Bartóks
Lebzeiten mit einer Ausnahme (1927 in Prag) das Ballett in Europa nicht mehr
aufgeführt wurde (siehe Stefan Fricke, in „Musik. Politik?“, Köln 2015).  „Sie haben es getan
und sie werden es jederzeit wieder tun, wenn es ihnen gestattet wird“, schrieb der Schriftsteller Hans Frick 1965 in seinem
Debütroman „Breinitzer oder Die andere Schuld“ über die Bundesrepublik
Deutschland (ein Roman, über den Jörg Fauser 1979 sagte: „Ich weiß, daß es in meinem Land nur einige wenige Schriftsteller gibt,
die das Papier wert sind, auf dem ihre Bücher gedruckt werden. Einer von ihnen
ist Hans Frick.“ Wundert uns, daß Hans Frick heute praktisch vergessen ist,
während „der Betrieb“ seine einschlägigen Nudeln wie Ronja von Rönne rauf und
runter dudelt? Lesen Sie den Nachruf
auf Hans Frick, den Franz Dobler geschrieben hat, oder noch besser: Lesen Sie
seine Bücher, zum Beispiel „Breinitzer“ oder „Die blaue Stunde“).

Doch wollen wir
nicht so tun, als ob diese antimoderne Grundhaltung aus der Kölner
Philharmonie, die verlangt, daß alles unbedingt so bleiben solle, wie man es gewohnt
ist, auf Köln und die Klassik-Szene beschränkt sei. Wir erinnern uns: Als
letztes Jahr Kanye West, sicher einer der interessantesten und innovativsten
Musiker unserer Zeit, fürs altehrwürdige Glastonbury-Festival gebucht wurde,
ging ein Aufschrei durch Großbritannien, es gab Petitionen, es sei „eine
Beleidigung für Musikfans in aller Welt“, wenn Kanye West in Glastonbury
spiele, man solle ihn streichen und durch eine Rockband ersetzen. Und bei einer
Abstimmung auf „Spiegel Online“ fanden auch hierzulande 93,75% der Teilnehmer,
der schwarze Hip-Hop-Star habe auf dem Festival nichts verloren... Und der in
einem vergangenen Rundbrief bereits zitierte Schreiberling der „Süddeutschen
Zeitung“, der in seinem Lemmy Kilmister-Nachruf bedauerte, daß es so „alte
Rocker“ wie Helmut Schmidt nicht mehr gebe und der es schaffte, den
Wehrmachtsoffizier, Nachrüstungs- und Atomkraft-Freund in einem Atemzug mit Lou
Reed, David Bowie und Lemmy Kilmister unterzubringen, erging sich im gleichen
Qualitätspresse-Artikel in Ergüssen gegen HipHop, weil quasi alle schwarzen
Rapper per se „irre doof“ und „frauenfeindlich“ seien („Eines Tages werden wir allein sein mit frauenfeindlichen Rappern, die
irre doof sind, keinen Spaß verstehen und mit schweren Goldketten die Gebisse
ihrer Feinde einschlagen“).So ist
das mit den Verteidigern von weißen Männern, die Rockmusik spielen. Fans von
Rockmusik können genauso antimodern und reaktionär sein wie die Besucher von
Kölner Klassikkonzerten...

Seiten