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Blog Archiv - Jahr %1
20.02.2012

Griechenland

Was ja das wirklich ekelhafte an der Griechenland-Diskussion
ist, das ist diese hochnäsige und verlogene Griechen-Feindlichkeit, verbunden
mit der Unwahrheit, mit der unsere Politiker und ihre Bankiers (oder sollte man
das nicht besser andersherum sagen?) argumentieren. Ja, Griechenland ist
pleite, das wird wohl so sein. Aber die Gelder, die Europas Regierungen da zur
Verfügung stellen, dienen eben nicht den Griechen, sondern ihren Gläubigern.
Die „neoliberale Taliban“ (Cohn-Bendit) aus EU, IWF und EZB erpreßt die
griechische Regierung zu immer neuen Sparmaßnahmen, statt dem Land endlich
wieder Wachstumsperspektiven zu geben. Das „Rettungspaket“, das unter der Knute
Schäubles und Merkels zusammengeschnürt wird, „orientiert sich nicht an den
Bedürfnissen der griechischen Bürger, sondern an den angeblichen Gesetzmäßigkeiten
der internationalen Finanzmärkte.“ (SPON).

Was Not tun würde, wäre ein kompletter Schuldenerlaß – denn
die Sparzwänge, die den Griechen derzeit von der EU unter Führung der deutschen
Regierung aufgedrückt werden, führen zu drastisch steigender Arbeitslosigkeit,
Absenkung der Mindestlöhne, extremer Schrumpfung der Wirtschaft und zu
kompletter Perspektivlosigkeit der Menschen in Griechenland. Und daß
ausgerechnet der deutsche Außenmininister (das war eigentlich ein Freudscher
Tippfehler, aber so, wie das dasteht, ists köstlich und treffend, oder?)
Westerwelle, der Griechenland noch vor genau einem Jahr dringend zum Kauf von
Eurofightern und anderen Rüstungsimporten aus Deutschland drängte, jetzt Druck
macht und „scharfe Warnungen an Griechenland“ zu mehr Sparsamkeit richtet, ist
der Gipfel der Verlogenheit.

Für einen kompletten Schuldenerlaß und nachhaltige
Unterstützung gibt es eigentlich ein gutes Beispiel: Vor 60 Jahren erließen die
Gläubiger der Bundesrepublik einen Teil ihrer Schulden – die 65 Gläubigerstaaten,
angeführt von den USA, gewährten der BRD einen Erlaß von 50 Prozent aller
Auslandsschulden sowie eine massive Senkung der Zinsen – und dieser
Schuldenerlaß war nicht etwa an Sparprogramme geknüpft, sondern sah im
Gegenteil wachstumsfördernde Maßnahmen vor. Beim Londoner Schuldenabkommen vom
Februar 1953 verzichtete übrigens auch ein Land namens Griechenland großherzig
auf die Rückzahlung von deutschen Schulden und ermöglichte so den
wirtschaftlichen Aufstieg der BRD. Es wäre an der Zeit, daß sich Deutschland
daran ein Beispiel nähme und Griechenland großzügig behandelt.

20.02.2012

Max Prosa

Leserinnen und Leser, die diese kleinen Anmerkungen zur Zeit
seit längerem verfolgen, werden wissen, daß der „Diss“  schlechterer Musik dem Autor dieser
Zeilen zumindest an dieser Stelle eher fernliegt, wie ihn Personen in diesen
Anmerkungen ohnehin nur interessieren, wenn sie symptomatisch erscheinen. Wulff
ist einigermaßen wurscht – wofür er steht, konnte ein klein wenig interessant
sein. Lana del Rey ist total wurscht und wird sich mit Wulff einen Wettlauf
liefern, wer eher vergessen sein wird – die Art, wie ihr One Hit-Wonder gemacht
wurde, war interessant. Und nun also: Max Prosa ist nun wirklich vollkommen
egal, einer dieser vielen jungen Menschen, die schlechte Lieder, schlechte
Popmusik schreiben und spielen. Who cares. Interessant ist aber das Phänomen
als solches. Von Zeit bis taz wird Max Prosa als Hoffnungsschimmer deutscher
songorientierter Popmusik bejubelt. Der sonst durchaus geschätzte taz-Autor
läßt sich zum wirklich auf allen Ebenen lächerlichen Vergleich „ein früher,
unvollendeter Dylan“ hinreißen. Kinder, habt ihrs nicht ein bißchen kleiner?

Wenn man der taz glauben darf, hat Max Prosa als Max
Podeschwig sich „das Recht, kreativ zu sein, erkämpfen müssen“, nämlich in
seinem bürgerlichen Charlottenburger Elternhaus. Ach Goddile, kann man sich
lebhaft vorstellen, die Hanno Buddenbrook-Story wird wiederbelebt und
nachgeplappert vom taz-Bürgertum – „kreativ willst du sein, Junge? Lern lieber
was Vernünftiges. Studier Physik oder BWL, Musik ist nur ein Hobby!“

Aber heutzutage hören die jungen Männer ja nicht auf ihre
Eltern, und man ist geneigt, „leider“ zu seufzen. Der junge Herr Podeschwig hat
also, wie schon die Helden, den Popkurs in Hamburg belegt und war „Mitglied im
Bandpool der Popakademie Mannheim“. Geholfen hat es leider wenig, könnte man
sagen. Oder andersherum: dort lernt man also das, womit Herr Podeschwig jetzt
via Sony Music die Welt belästigen muß: „Zerlumpte Clowns, die ihre eigenen
Schatten jagen“, sind „tief im Gefängnis der Welt gefangen“ und verfügen über
„Flügel aus Beton“, so wird da rumgenuschelt, aber: „Die Phantasie wird
siegen“. Die Musik allerdings hat verloren. Wie ein taz-Autor solcherart
Gehumpel als „radikal poetisch“ und seinen Erzeuger als „Hoffnungsträger“, als
„frühen Dylan“ gar bezeichnen kann, ist ein Rätsel. Ob man Dylan-Fan ist oder
nicht: man höre sich dessen erstes Album an, und dann schweige man still, denn
in dem Vergleich ist Max Prosa lediglich eines: ein erledigter Fall. Über den
man den Mantel des Schweigens ausbreiten sollte. 

20.02.2012

Knepler & Reichow

Unsere Stimme für Baku? Und die ganzen Lana del Reys und Max
Prosas unserer Tage?

Manchmal, Jan Reichow hat dieser Tage in seinem immer
lesens- und nachdenkenswertem Blog darauf hingewiesen, hilft Nachhilfe aus
marxistischer Sicht und erklärt, was da stattfindet:

„Was waren die Versuche einzelner
Musiker, was waren die Bemühungen von Vereinigungen, Verbindungen und
Gesellschaften aller Art, die Schlammflut von seichter und schlechter Musik
aufzuhalten, das musikalische Niveau der Massen zu heben, der Korruption und
Heuchelei im Musikleben einen Riegel vorzuschieben – was waren diese Versuche
gegenüber der unerbittlichen Gesetzmäßigkeit, mit der die kapitalistische
Gesellschaft eben diese Übel täglich neu produzierte? Die zur Macht gelangte Großbourgeoisie
hatte vor allem ein Interesse: an der Macht zu bleiben.

Es ist von unabsehbarer
politischer Bedeutung, daß die kapitalistische Unterhaltungsmusik nicht
realistisch war, sondern idealisierend, nicht aufrüttelnd, sondern
besänftigend, nicht sammelnd, sondern zerstreuend, nicht konzentrierend,
sondern ablenkend. (…) Je leichter die Ware, mit der der Musikhunger der
Millionen zu befriedigen war, um so besser für die Verleger. Um so besser aber
auch für die gesamte Klasse der Kapitalisten. Eine solche Musik half mit, die
bestehenden Lebensverhältnisse als erträglich, ja, als ideal, jedenfalls aber
als unabänderlich, als unveränderbar hinzustellen, und wurde auf diese Weise zu
einem wichtigen Träger der Ideologie der herrschenden Klasse. Das ist das (…)
entscheidende Merkmal, durch das sich die von Kapitalisten betriebene Tanz- und
Unterhaltungsmusik von der früherer Epochen unterschied. Die kapitalistisch
betriebene Tanz- und Unterhaltungsmusik brachte also doppelten Profit, so wie
jede Ware, die auf den Markt geworfen wird; und – wichtiger noch – sie trug in
ihrer Eigenschaft, als besondere, als ideologische Ware dazu bei, die ganze
Gesellschaftsordnung mit ihrer Warenwirtschaft, ihrem Markt und ihrem Profit,
mit ihrer Not und ihrem Elend, mit ihren Krisen und Kriegen, mit ihrer
Oberflächlichkeit und Seichtheit zu festigen.“(Georg Knepler, in seiner
„Musikgeschichte des 19.Jahrhunderts“, Band 1)

Jan
Reichow fügt in seinem Blog hinzu:

„Heute
handelt es sich nicht mehr um die Großbourgeoisie und “den” Kapitalismus,
sondern um das Vervielfältigungsunternehmen Fernsehen in Zusammenarbeit mit
einer Zufallsrepräsentanz des Volkes (von Zuschauern, die auf Zuruf ein Handy
bedienen können) sowie einem leitenden und beratenden Gremium von modischen
Kahl- und Hohlköpfen.“

18.02.2012

Prince Purple Rain

Ein unglaubliches Musikvideo steht am Tag, da ich dies hier
schreibe, auf YouTube (und wird dort wahrscheinlich bald verschwinden...):

Unfaßbar, wie gut diese Band, die kurz darauf „The
Revolution“ hieß, spielen konnte!

„You don't believe someone, that a band can be this
good.“ (Bob Lefsetz)

Es war eben nicht alles schlecht in und an den 80er Jahren.
Und in Zeiten, da Lana del Rey oder Max Prosa als tolle Popmusik gefeatured
werden, lohnt es sich, derartige Aufnahmen zu studieren. Wie sie entstehen. Wie
der Mann, der sich damals noch Prince nannte, an dem berühmten Riff arbeitete.
Wie alles wie auf guten alten Opern- und Jazzaufnahmen eben LIVE gespielt
wurde, im Gegensatz zu quasi allen Fernsehaufnahmen und vielen Stadionkonzerten
heutzutage – und wie dieses „live“ so gut war, daß es umstandslos als Platte
veröffentlicht werden konnte.

Atemberaubend. Ein Stück Musikgeschichte, und man kann
begeistert zuschauen. Und das ist das, was uns die Copyright-Cops vorenthalten
wollen...

Und, bitte, liebe Musikindustrie: ihr seid doch gerade so
groß im Verkaufen von alten Platten als Jubiläumseditionen – nehmt euch doch
bitte mal ein Beispiel am Jazz: Bringt gefälligst eine kritische Edition dieser
Aufnahme, dieses Albums heraus! Mit allen Outtakes, die sich im Original nicht
finden (wie zum Beispiel die ersten 3:46 Minuten dieses Videos, oder das erste
Vorkommen des Riffs). Damit würdet ihr die Welt ein klein wenig besser machen!
Wort!

14.02.2012

Lambchop Video

Der Musikjournalist würde schreiben: Schon jetzt eines der besten Musikvideos des Jahres! Aber in der Tat: Ein schöner und überraschender kleiner Film:

10.02.2012

Paul McCartney boykottiert Spotify

Das war nur den Branchendiensten der Musikindustrie eine
Topmeldung wert: Paul McCartney also boykottiert die Streamingdienste, sein
neues Album wird nicht über Spotify & Co, sondern nur über Apples iTunes
gestreamed werden. Und McCartney und seine Plattenfirma ließen auch die alten
Alben des Ex-Beatles von Streamingangeboten wie Spotify, Rhapsody oder Simfy
entfernen.

Aber – does anybody care?

Das ist eben das Schicksal der Altrocker – ihre aktuelle
Musik interessiert niemanden mehr. Wenn Paul McCartney in Berlin ein Konzert
gibt, kommen weniger Leute als zu Shows von beispielsweise Calexico oder Bon
Iver. Mag man bedauern oder nicht, Tatsache aber ist: Die aktuelle Musik von
Paul McCartney interessiert niemanden. Und selbst die Fans, die noch in seine Konzerte
kommen, hoffen eher darauf, daß der Künstler alte Songs aus Beatles- oder
frühen Wings-Zeiten spielt, als daß er seine aktuellen Songs aufführt. Kaum
jemand wird das neue Paul McCartney-Album kaufen. Niemand hierzulande wird im
Ernst heute morgen um vier Uhr früh aufgestanden sein, um auf Apples iTunes den
Stream des Live-Konzerts aus den Capitol-Studios in Los Angeles anzusehen. Die
Chance eines aus der Zeit gefallenen Künstlers wie Paul McCartney wäre es,
seine neuen Songs auf Streams wie Spotify oder Simfy zu präsentieren – da, wo
die Leute ohnehin unterwegs sind und vielleicht mal unverbindlich reinhören,
ohne gleich Songs oder gar das ganze Album extra bezahlen zu müssen. Daß
McCartney und sein Management diese Chance nicht gesehen haben und statt dessen
auf ein für diesen Künstler nicht mehr funktionierendes altmodisches Kaufsystem
setzen, zeigt, daß sie die moderne Welt nicht verstanden haben. Es wird zu
ihrem Nachteil sein.

(und damit wir uns nicht mißverstehen: ich bin kein Fan von
Streamingdiensten, ich mag so etwas nicht – ich kaufe Alben, bevorzugt bei den
Plattenläden meines Vertrauens; aber man kann auch gegen Facebook sein und
trotzdem wissen, daß daran kein Weg vorbeiführen wird; ich war auch gegen die
Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1989 und wußte, daß sie kommen
würde... das eine ist das, was man sich wünscht für die Welt, das andere nennt
man: Realität)

08.02.2012

Nordkorea a-ha

Zu den Ländern, "für die die Wahrnehmung der Rechte am GEMA-Repertoire insgesamt nicht durch Mandats- oder Gegenseitigkeitsverträge geregelt ist" (wie es im GEMA-deutsch heißt), gehört unter anderem Nordkorea. Deswegen können wir hier dieses YouTube-Video zeigen, in dem fünf junge nordkoreanische Akkordeonisten den Hit "Take On Me" der norwegischen Popgruppe a-ha spielen: Der norwegische Künstler Morten Traavik hat den Film in Nordkorea gedreht, und diese Woche spielt die nordkoreanische Gruppe im norwegischen Kirkenes beim internationalen Kunst- und Kulturfestival "Barents Spektakel".

07.02.2012

OK Go Hunde-Video, GEMA und Tape.TV

Klar, das neue Video von OK Go, „Needing/Getting“, ist toll
gemacht – aber an den Charme von „White Knuckles“ mit den großartigen Hunden
kommt es nicht heran.

Jetzt würde ich Ihnen gerne das Video hier im Blog in der
YouTube-Version einbinden, aber wenn man in unserem komischen Land bei YouTube „White
Knuckles“ von OK Go abspielen möchte, bleibt der Bildschirm schwarz, und man
bekommt zu lesen:

„Dieses Video ist in
Deutschland leider nicht verfügbar, da es möglicherweise Musik enthält, für die
die erforderlichen Musikrechte von der GEMA nicht eingeräumt wurden.“

Hierzulande schaut man also wieder mal, der GEMA sei
gedankt, in die Röhre.

Und wenn man denkt, daß man ja auf Tape.TV ausweichen könnte
(zumindest, solange deren Geld reicht...), dann merkt man, daß das letztlich auch
ein ziemlicher Schmarrn ist. In den 3:23 Minuten, die das tolle Video dauert,
wird man bei Tape.TV sage und schreibe vier Mal von einer störenden
McDonalds-Werbung belästigt und einem Zeugs namens „McDouble“, in dem angeblich
Beef drin sein soll. Und wie zum Hohn wird gegen Ende des Videos dann noch eine
Werbung von McFit über das OK Go-Video geblendet, damit man weiß, wo man die
sinnlosen McDo-Kalorien wieder abtrainieren kann.

Wenn das die Zukunft des Musikfernsehens ist, dann will ich
kein Musikfernsehen! Spaß macht das nicht.

05.02.2012

Türkisch-schwäbische Möchtegern-Cleverle

Was einen an diesen ganze Wulffs und Özdemirs und wie die
Vertreter des sagen wir „Hannover-Prinzips“ in der Politik (also: Männerbünde
zwischen Politik und Wirtschaft, und eine Hand wäscht die andere, und „willst
du mal eben meine Villa/meinen Privatjet/meine Fußball-Eintrittskarte nutzen?“
etc. pp.) ja fast am meisten nervt, ist diese gespielte Naivität, dieses
Unschuldsgetue, dieses Waschlappenhafte unseres sogenannten Führungspersonals.

Nehmen wir den Grünen-Parteichef Özedemir. Der läßt sich vom
Partyveranstalter Manfred Schmidt eine billige Eintrittskarte für ein längst
ausverkauftes Fußballspiel besorgen, bei dem so mancher von uns gerne dabei
gewesen wäre, nämlich für Barcelona gegen Madrid. Bestürzt behauptet das türkisch-schwäbische
Möchtegern-Cleverle nun, er habe das Ticket doch bezahlt, und er habe keine
Ahnung gehabt, daß die Eintrittskarte in Wirklichkeit viel teurer geworden sei.
Nämlich 615 Euro statt der 119 Euro, die Schmidt dem Grünen-Politiker in Rechnung
gestellt hat.

Konnte Özdemir, der ja vor paar Jahren schon mal über einschlägige
Vetterles-Geschäftle gestürzt war, natürlich nicht wissen. Wer immer nur
eingeladen wird von den Bonzen, für die er Politik macht, der hat natürlich
keine Ahnung, was so ein Ticket kostet, wenn man sich am Stadion in der
Schlange anstellt oder versucht, solch ein Ticket bei ebay zu schießen.

Und dann läßt sich der Grünen-Chef die Flugreise nach
Barcelona und die Übernachtung von seiner Partei (also vom Steuerzahler!)
bezahlen, weil er da schnell mal ein wahrscheinlich wahnsinnig wichtiges
Treffen mit den katalanischen Grünen sowie ein Interview mit einer spanischen
Zeitung arrangieren konnte. Reiner Zufall natürlich.

Damit wir uns nicht mißverstehen: ja, ich glaube, daß die
Özdemirs und Wulffs die hiesige Gesellschaft, das Gschaftlhubertum, die
Sponsoring-Realität und „geiz ist geil“ und unterschwellig korrupte (aber immer
formal recht legale) Verhältnisse ganz gut abbilden. Deswegen sollten sie auch
nicht zurücktreten. Nur: ich will mit solchen Typen nichts zu tun haben. Ich
will solche Typen nicht wählen müssen, und ich will von solchen Chargen nicht
repräsentiert werden. Und wenn einer wissen will, warum die Bürgerinnen und
Bürger von „der Politik“ und dem politischen Personal nichts mehr wissen und
statt dessen politikverdrossen sein wollen: ich könnte es erklären. Und ich
bitte ansonsten, in Sachen ÖzdemirWulffGuttenberg und wie sie alle heißen mögen
medial nicht mehr belästigt zu werden. Sind Flaschen leer. Und ich hab Nase
voll.

30.01.2012

qu2

Wer mal wieder zuschauen will, wie ein internationaler Popstar „gemacht“ wird, der beobachte den großen Zirkus um die 25jährige, ganz nett aussehende Lana del Rey, deren neues Album erst Ende Januar erscheinen wird, von der aber längst alle Magazine und Feuilletons voll sind, von der Titelstory in „Spex“ bis zum Aufmacher des Feuilletons der „Berliner Zeitung“. „2008 nimmt sie als Lizzy Grant ein Album auf, es liegt zwei Jahre unveröffentlicht herum. Dann der Bruch. Lizzy wird zu Lana del Rey, weil der Name morbiden, geheimnisvollen Hollywood-Glamour verheißt. Sie läßt sich einen Schmollmund spritzen, was sie tapfer dementiert.“ (Steffen Rüth) Ihr neues Label, der Unterhaltungskonzern Universal Music, organisiert aktuelle englische Starproduzenten, die auch Künstler wie Adele, Duffy oder Robbie Williams so produzieren, wie das die Musikindustrie gerade hören will. Dann gibt es einen Clip, der nichts weiter ist als eine Collage aus Filmschnipseln der 50er und 60er Jahre, zu der sie eine relativ banale, nette Retroballade singt. „Ein tieferer Sinn, sagt del Rey, steckt nicht hinter den Bildern. Sehen halt hübsch aus. So wie sie selbst. (...) Leere, hochattraktive Hüllen.“ (Steffen Rüth)Im Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ bekennt die Sängerin: „Ich spiele nicht mehr Gitarre, ich war nie besonders gut darin. Mein Onkel Tim hat mir sechs Akkorde beigebracht und damit habe ich mein erstes Album geschrieben. (...) Ich hatte nie Ambitionen, ein Popstar zu werden, ich wollte eine Musikerin sein, die durch Nordamerika touren kann.“ Kann man sich lebhaft vorstellen: eine Musikerin, die mit ihren sechs Akkorden durch die Welt tourt...Zu ihrem Video – das Filmchen wurde auf YouTube schon über zehn Millionen mal angeklickt, gerne wird behauptet, „das Internet“ habe den Star gemacht, ich würde sagen: der Konzern hat durch geschicktes „social marketing“ den Hype im Internet kreiert – sagt Lana del Rey: „Ich benutze die Bilder, weil ich sie schön fand. Das wars.“ Und warum projiziert sie zu ihrer Show mit den sechs Akkorden Kennedy und Elvis auf die Bühne? „Elvis ist mein Lieblingsmusiker. Ich mag es, wie er singt, und ich finde, er hat ein schönes Gesicht. Und wenn JFK lächelt, bin ich derart vom Blitz getroffen von dem Optimismus dieser Zeit. (...) Ich bin nicht daran interessiert, Dinge zu dekonstruieren. Ich bin sehr zufrieden damit, wie alles ist.“Zu ihrer unkritischen Haltung zu Kriegstreibern wie Kennedy und ihrer Beschwörung eines „kraftstrotzenden, zukunftsgläubigen Amerika, das auf dem Weg zum Mond und nicht auf dem zum Bankrott war“ (Niklas Maak) paßt das reaktionäre Frauenbild, das Lana Del Rey propagiert: Frauen sind ihren Männern bedingungslos ergeben („you fit me better than my favourite sweater“, oder „you can be the boss“ trällert die Sängerin ganz ironiefrei), „Mann fährt schnelles Auto, Mann bricht in Bank ein; Frau sieht toll aus und schmachtet und schnurrt und wartet.“ (Niklas Maak) – Neokon-Musik eben für Biedermeier-Zeiten und für Leute, die sehr zufrieden damit sind, wie alles ist. Und die, die nicht mehr zu kritischer Analyse des Phänomens und seiner gesellschaftlichen Funktion fähig sind, sabbern im gewohnten Altherren-„Popkritik“-Stil von der Sängerin sexy Aussehen wie ein Ueli Bernays in der „NZZ“: „Wenn die Sirene Lana Del Rey, dieses schlanke, feingliedrige Geschöpf mit hübschem Gesicht, mit spitzer Nase, grotesk großen Lippen und einem lasziven Kiffer-Blick, singend durch solche Klangsphären schweift, fühlt man sich wie angefixt, verführt und verloren in Nostalgie."Passen Sie gut auf, wer Ihnen in den nächsten Wochen und Monaten etwas empfiehlt, und merken Sie sich diese Personen! Und lassen Sie sich nicht jeden Scheiß andrehen, zu dem alle hinrennen! Seien Sie ein selbstbewußter, kritischer Konsument!

30.01.2012

Und Ansonsten 30.01.2012

Der deutschen Pop-Quatschköpfe größten einer ist Thees Uhlmann, der gerade im Berliner „Tip“-Magazin unter der Kapitelüberschrift „Knalltüten und Pfeifen“ zu den „100 peinlichsten Berlinern“ gezählt wurde. Stichprobe aus Uhlmanns neuem Werk gefällig? Da ließ er sich diese Zeilen einfallen: „Dein Herz ist wie eine Berliner Synagoge / Es wird Tag und Nacht bewacht.“Es brabbelt und textelt eben so vor sich hin, das deutsche Unterbewußtsein, und wenn man schon keine brauchbare Liebeslyrik herzustellen vermag, dann soll es doch wenigstens irgendein deutsches Thema sein...* * *„...und jedes kleine Kaff hat seine eigene Fashion Week!“, sagt Modemacher Miguel Adrover im „Spex“- Interview.Fast wie in der Musikindustrie, gelt? Wir sahen uns bei der Eurosonic Mitte Januar in Groningen...* * *Brian Ferry (das ist dieser Sänger, der seinem Sohn die Freundin ausgespannt und geheiratet hat) dient neuerdings als Kleiderständer für H & M und tritt für das Kundenmagazin eines deutschen Telekommunikationskonzerns auf. Er wird eben alt und braucht das Geld.* * *Peter Sloterdijk, den manche hierzulande als „Denker“, als „Philosophen“ gar bezeichnen, wo doch schon der große Jean-Luc Godard knapp festgehalten hat: „Sloterdijk kann nicht schreiben, was ihn aber nicht davon abhält, ein Buch nach dem anderen zu publizieren“, ich sage: jener Sloterdijk also hat im Rahmen einer Fernsehsendung vor geraumer Zeit behauptet: „Das war die große Erkenntnis von Margaret Thatcher (...): daß sie erkannt hat, der Staat ist per se sozialistisch.“ In 2011 allerdings hat der Meisterdenker ebenfalls im Fernsehen, im sogenannten „Philosophischen Quartett“, festgehalten: „Der Staat ist per se eine semisozialistische Institution.“Und seither rätseln alle Menschen hierzulande: wann und wohin ist „dem Staat die Hälfte des ihm inhärenten Sozialismus“ (Jürgen Roth) abhanden gekommen? Da kann nur des Sloterdijks neuer Säulenheiliger, der ihm in „Herrenmenschen-Propaganda“ (Rainer Trampert) ebenbürtige Rudolf Steiner, weiterhelfen, denn: „Steiner hat die menschliche Subjektivität gewissermaßen nach oben anschlußfähig gemacht. Er hat den Stecker entdeckt, mit dem man höhere Energien anzapfen kann, die normalerweise aus den Konversationen der bürgerlichen Gesellschaft verbannt waren.“* * *Das niederländische Pendant zur GEMA, die Verwertungsgesellschaft Buma/Stemra, wird, wie man in der „taz“ lesen konnte, gerade von einem Skandal erschüttert. Brein, eine Stiftung „zur Bekämpfung der Piraterie geistigen Eigentums“, bat einen Komponisten, mit einem Musikstück eine Kampagne zu unterstützen (ich lasse die einzelnen Schritte dieses Vorgangs jetzt einmal unkommentiert...). Er komponierte also die Musik für einen Kinospot „zur Warnung vor dem Diebstahl geistigen Eigentums, der laut Vertrag nur einige Male gezeigt werden sollte“. Die Anti-Piraterie-Stiftung allerdings hielt sich nicht an den Vertrag, sondern kaperte das Musikstück für eine DVD und etliche andere Datenträger.Nun bat der Komponist die niederländische Verwertungsgesellschaft Buma/Stemra, deren Mitglied er ist, „die Vertragsverletzung zu klären und die ausstehenden Tantiemen einzutreiben“. Die Buma/Stemra allerdings ignorierte den Fall, bis sich ein Vorstandsmitglied des Rechteverwerters mit dem Vorschlag beim Steuerberater des Komponisten meldete, dieser solle das fragliche Stück an den Musikverlag des Buma/Stemra-Vorstands überschreiben und ein Drittel der zu erwartenden Einnahmen direkt an das Buma/Stemra-Vorstandsmitglied weiterreichen. Allerdings schnitt ein Amsterdamer Radiosender das Telefongespräch mit, und einen Tag nach Ausstrahlung mußte der Buma/Stemra-Vorstand zurücktreten.Die „taz“ faßt zusammen: „Die wegen ihres erbarmungslosen und bisweilen rechtlich zweifelhaften Vorgehens gegen mutmaßliche illegale Downloader und Filesharer sehr unpopuläre Buma/Stemra hat so auch an ihrer Basis, bei den Mitgliedern, deren Rechte sie durchsetzen soll, erheblich an Vertrauen verloren.“ Doch anders als hierzulande, wo die Geschäftspraktiken der sozusagen sehr unpopulären GEMA in der Politik keine Folgen zeigten, regte sich in unserem Nachbarland das Parlament, das das Geschäftsgebaren des Rechteverwerters genauer unter die Lupe nahm. Erste Gesetzentwürfe sehen die Befreiung von Buma/Stemra-Gebühren für gemeinnützige Vereine und eine Begrenzung der Vorstandsgehälter auf maximal 130 Prozent der Bezüge des Ministerpräsidenten vor; ein Gesetzentwurf der niederländischen Regierung, der den Download von Filmen und Musik kriminalisieren sollte, scheiterte am 23.12.2011 im Parlament.Sollten wir die Vorschläge der niederländischen Politik nicht aufnehmen? Wie wäre es mit einer gesetzlich geregelten GEMA-Befreiung für gemeinnützige Vereine, oder auch Kindergärten und Schulen? Und wie wäre es mit einer Deckelung der Gehälter des GEMA-Vorstands? Der Vorstandschef der GEMA, Harald Heker, kommt laut „Spiegel“ auf ein Jahresgehalt von 380.000 Euro. Zum Vergleich: ein Ministerpräsident verdient hierzulande pro Jahr je nach Bundesland zwischen 123.600 und 241.200 Euro, die Bundeskanzlerin kommt auf 226.000 Euro. Während laut Statistik der Künstlersozialkasse das durchschnittliche Jahreseinkommen von Musikern im Jahr 2010 ganze 11.521 Euros betrug...* * *Hierzulande hat die GEMA jedoch die gegenteilige Richtung eingeschlagen: die GEMA-Gebühren, die jeder Konzertveranstalter zu entrichten hat, steigen laut Angaben des „Verbandes der Deutschen Konzertdirektionen“ (VDKD) um mehr als 400 Prozent. Bis zum Jahr 2014 müssen die Konzertveranstalter bis zu zehn Prozent der Konzerteinnahmen an die GEMA abführen, was zwangsläufig ab 2012 zu drastisch erhöhten Ticketpreisen führt. Wie reagiert die GEMA auf die Vorwürfe des VDKD? Die fast 25%ige Anhebung der GEMA-Gebühren für ein Konzert vor 3000 Zuschauern bei einem Ticketpreis von 50 Euro beurteilt der Nürnberger GEMA-Direktor Baier quasi als „Peanuts“, die Erhöhung sei „absolut gesehen nur unerheblich mehr“. Ob der GEMA-Direktor einer knapp 25%igen Gehaltskürzung auch einfach so eben zustimmen würde? Ist ja auch „absolut gesehen nur unerheblich“ weniger...* * *Und nun raten Sie mal, welche Urheber mit welchen Titeln anno 2010 bei der GEMA-Abrechnung ganz vorne lagen. Sie kommen nicht drauf. Platz 1: „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ (Nik P./DJ Ötzi), Platz 2: „Du hast mich tausendmal betrogen“ (Andrea Berg), Platz 3: „Take me home, country roads“ (John Denver), und auf den Plätzen folgen „My Way“ (in verschiedenen Versionen), „New York, New York“, „Lucky Lips“ („Rote Lippen soll man küssen“), „Griechischer Wein“, „The Girl From Ipanema“, „Böhmischer Traum“ und „Über den Wolken“.* * *Der Darling der deutschen Musikindustrie und ihrer Lobbyorganisationen, Siegfried Kauder, hat nach seinem Scheitern als Copyright-Propagandist und -Nutzer ein neues Betätigungsfeld gefunden: nach Angaben des „Spiegel“ hat Kauder nach dem Besuch eines Vorstandsmitgliedes des Verbandes der Deutschen Automatenwirtschaft jetzt „sein Herz für die Glücksspielwirtschaft“ entdeckt. Neuerdings verlangt Kauder, dessen leichte Beeinflußbarkeit wie seine Großspurigkeit bereits der Musikindustrie aufgefallen war, sogar in einem Brief an die Bundeskanzlerin, der Bund solle das Glücksspielwesen selber regeln – er sei „hell entsetzt“, wie versucht werde, private Glücksspielanbieter vom Markt zu drängen.* * *Vor geraumer Zeit haben wir an dieser Stelle bereits darauf hingewiesen, daß es schon drollig ist, daß die Volksbühne als öffentlich finanziertes Haus ausgerechnet einen Tourneeveranstalter zum Kurator ihrer Popkonzerte, den Bock also zum Gärtner gemacht hat. Nun hat dieser Popmusikkurator für das Neujahrskonzert eine Künstlerin gebucht, die er selbst als Tourveranstalter vertritt. Wie man sich die Gagenverhandlung wohl vorstellen darf? Ruft der Kurator den Tourveranstalter, also sich selbst an? Und der Tourveranstalter macht einen Gagenvorschlag, über den der Kurator dann mit sich selber diskutiert? Oder wulfft der Herr sich  quasi gegenseitig auf seine Mailbox?Über dem Bundespräsidenten sein Klinkerhäuserl und wie er das von seinen Bankenspezln oder Geschäftsfreundln finanzieren läßt, regt man sich auf – dabei ist so etwas heutzutage in allen Bereichen längst systemisch.* * *Wie lange bleiben junge Menschen aufmüpfig, bevor sie sich brav in die autoritären Strukturen der Gesellschaft einsortieren? Ein halbes Jahr? Zwei Jahre? Und wie lange hauen deutsche Rapper auf die Kacke? Die harten Berliner Rapper Bushido und Sido, musikalisch unterstützt von Peter Maffay, erklären ihr „Erwachsen sein“ im Jahr 2011 jedenfalls so:„Damals wollt ich draufgeh’n, rausgeh’n und mich rumtreib’n /Heut will ich mit Frauchen in nem Haus leben und gesund bleib’n.“* * *Soll man wirklich noch was zu dem dilettantischen Isnogood im Schloß Bellevue sagen? Nebbich. Allerdings weiß ich auch nicht so recht, worüber sich alle Leute so aufregen. Was der da so treibt, ist doch business as usual. Mir gehts jedenfalls immer und überall so wie dem Bundespräsidenten: Hab ich im Hotel wie üblich das billigste Zimmer gebucht, bietet mir die freundliche Rezeptionistin ein kostenloses Upgrade in eine Suite an – wer das bezahlt hat? Keine Ahnung. Steige ich in einen Flieger, beeilt sich die Stewardess, mir einen kostenlosen Platz in der First Class anzubieten. Wer das bezahlt? Keine Ahnung. Und wenn ich mal irgendwo Urlaub machen möchte, überbieten sich meine Freunde, mir ihre Traumvillen am Strand von Mallorca oder in Florida zur kostenlosen Nutzung anzubieten (nur mag ich leider weder Mallorca noch Florida). Sollte ich ein Buch schreiben, ist da hinten irgendeine Anzeige abgedruckt, und irgendwer hat dem Verleger vorab zwanzigtausend Euro überwiesen, aber keine Ahnung, wie das alles passiert ist. Und wenn ich mal einen Veranstalter bitten muß, ein Konzert um ein paar Tage zu verschieben, dann wulffe ich ihm auf seine Mailbox und drohe ihm mindestens mit „Krieg“. Und ich kenne die Mailboxen aller Chefredakteure aller europäischen Musikmagazine, klar.Nur eines würde ich für kein Geld der Welt machen, auch wenn mich die staatliche Hypothekenbank noch so sehr darum bettelt, mir das mit einem günstigen Kredit ermöglichen zu dürfen: Nie würde ich in ein derart spießiges, dumpfes Klinkerhäuschen ziehen, und mich dann gar davor mit einem Rasenbewässerungsschlauch von der Presse ablichten lassen. Never. Soviel Selbstwertgefühl muß man schon haben, finde ich.* * *Axel Springers „Rolling Stone“ titelt im Februarheft „Revolution jetzt!“, und ich bin fast ein wenig erschrocken, ob ich etwa was verpaßt habe. Aber iwo, schon Tucholsky wußte, daß die Deutschen, wenn sie Revolution machen, erst eine Bahnsteigkarte kaufen, und so kritzeln doch nur die üblichen Verdächtigen des bräsigen Mittelmaßes, von Spiegel’s Matussek bis SPD-Nahles, diesmal die Bahnsteigkarten voll, und weiter hinten im Heft dann eine ganzseitige Anzeige von „axel springer“ mit dem Titel „Ich bin ein Radikaler der Mitte (...) Journalist, Unternehmer, Freiheitskämpfer“ über den Firmengründer, und alles ist wieder im Lot, und man weiß, wie der Titel gemeint ist. * * *Besitzen Sie ein Mobiltelefon? Und verwenden es, anders als der Filmemacher Aki Kaurismäki, nicht nur zum Öffnen von Bierflaschen, sondern auch zum Telefonieren? Dann seien Sie vorsichtig, wenn Sie nach Berlin kommen oder gar in Berlin leben – hier sind Sie als Handybesitzer nämlich prinzipiell verdächtig und werden gerne mal von der Polizei überwacht. Die Berliner Polizei hat in den vergangenen vier Jahren auf der „Jagd“ nach Autobrandstiftern rund 4,2 Millionen Verbindungsdatensätze ausgewertet, meldet die „Berliner Zeitung“. In keinem Fall wurden die Betroffenen informiert. Gut 1,7 Millionen Datensätze sind immer noch nicht gelöscht (nur am Rande: das Bundesverfassungsgericht hat die „Vorratsdatenspeicherung“ ausdrücklich untersagt – aber was schert die deutsche Polizei schon die Verfassung...). Verdächtige wurden durch die massenhafte Telefonüberwachung übrigens nicht ermittelt...* * *"Heute ist Europa eine deutsche Exportkolonie, regiert mit Hilfe eines Juniors, der sich, ein wenig selbstironisch wohl schon, noch immer die Grande Nation nennt. Was ein spanischer Arbeitsloser zu fressen bekommt, ein portugiesischer Lehrer verdient, wann ein Franzose in Rente geht und Irland der Dispo gestrichen wird, wessen öffentliches Eigentum an welchen - deutschen - Kapitalisten zu privatisieren ist, wie lange ein griechischer oder italienischer Ministerpräsident im Amt bleiben darf und von wem er ersetzt werden muß, wer sein Volk nach dessen Meinung fragen und wann er Wahlen abhalten darf, wird in Berlin entschieden und von Hiwis in Brüssel wie dem EU-Ratspräsidenten van Rompuy verkündet."(Hermann L. Gremliza in "Konkret")* * *Eric Pfeil hat es in seinem immer lesenswerten Pop-Tagebuch aufgedeckt: die „Traditionsfirma“ Warner Records (die sich längst in den Fängen eines russischen Oligarchen befindet) hat anläßlich des Karnevals eine Compilation mit Stimmungsmusik herausgebracht unter dem Titel „Karneval Kult Hits“ (heutzutage ist eben wirklich alles immer gleich „Kult“...). Ein Sampler, „auf dem sowohl die Düsseldorfer Post-Punks Fehlfarben als auch die norddeutschen Stimmungs-Großwesire Klaus und Klaus vertreten sind“, also: „Musik kann manchmal doch eine Brücke sein. Manchmal sogar eine Krücke.“ (Eric Pfeil) Wenn Sie wissen wollen, was sonst noch zu den „Karneval Kult Hits“ von Warner zu sagen ist, den die Plattenfirma in gewohnter Eloquenz ankündigt („Es sind alle gekommen, die in Sachen Gute Stimmung was zu sagen haben“), und wer da drauf ist (neben den genannten u.a. auch Boney M, Christian Anders mit seinem Bombenstimmungsknaller „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“), und ob Jochen Diestelmeyer und Leonard Cohen es auch drauf geschafft haben, dann müssen Sie Eric Pfeils Pop-Tagebuch vom 25.Januar 2012 lesen. Es lohnt sich, wie immer!* * *Aus unserer beliebten Reihe „unverlangt eingesandte Künstlerangebote“, wie immer in Originalrechtschreibung und -interpunktion:„Aktuelles Video „geliebt&verletzt“ wird als Single ab dem 15.Januar promotet ( „geiler isses hier“ das war der Song mit dem wir im Sommer 2009 bei einigen Radiosendern Platz1 erreichten, hier in einer Version mit Sinfonieorchester (...) Hier ein Ausschnitt (Coverprogramm) Geburtstagskonzert 2007 im Stadion der Freundschaft (...) A.E. war mal bei uns Sängerin, bevor sie bei den Superstars teilgenommen hat (...) Die zehn Songs bestechen durch unverblümte Sprache und schnörkellose Musik, „schließlich wollen wir uns nicht verbiegen!“. Gemeinsam hat die Band in fast zwei Jahrzehnten 1,2 Millionen Straßenkilometer zurückgelegt und hat am 28.10.2012 (wohlgemerkt, erhalten habe ich diese Mail am 24.1.2012! BS) ihr 2.222. Konzert gegeben. Nun lässt sie ihr neues Album „Narben und Souvenirs“ vom Stapel. Es zeigt einen Steuermann mit seiner Mannschaft, die manch schweren Sturm überstanden hat. Six erweist sich als seetauglich, bereit, auf große Fahrt zu gehen, um auch außerhalb ihres Kernlands Brandenburg Fans zu begeistern. Ihr Kommando lautet: Volle Kraft voraus!“Alles sehr toll, aber eine Frage hab ich doch: wie kann man in seinem Kernland Brandenburg 1,2 Millionen Straßenkilometer zurücklegen? Immer im Kreis gefahren?* * *Daß die modernen Menschen ihre „sogenannte Freiheit im Internet“ (Gillig-Degrave) nutzen, um gegen die amerikanischen Gesetzesvorhaben „Sopa“ und „Pipa“ zu kämpfen, ist den einheimischen Copyright-Cops und ihren medialen Claqueuren natürlich alles andere als recht. Die Unterstützung des umstrittenen Sopa-Gesetzes wurde von den Lobbyisten der US-Unterhaltungsriesen mit enormem Aufwand betrieben, zuletzt drohte ein Vertreter der Lobbyverbände dem Präsidenten mit dem Entzug von Wahlkampfspenden. In den USA ist, anders als hierzulande, öffentlich, welche Firmen einen Gesetzentwurf unterstützen – so hat das Repräsentantenhaus die „List of Supporters: H.R.3261, the Stop Online Piracy Act“, ins Internet gestellt. Und damit für alle, die sich damit beschäftigen wollen, deutlich gemacht, wes Geist das Sopa-Kind ist. Neben den erwartbaren multinationalen Konzernen der Unterhaltungsindustrie, von BMG Chrysalis über CBS, Disney, EMI, Sony Music, Time Warner bis hin zu Universal und Warner finden sich in der Liste auch Konzerne wie Estée Lauder, L’Oreal, der Viagra-Hersteller Pfizer, Revlon, Tiffany & Co oder Visa. Dazu kommen Or
anisationen wie eine „Alliance for Safe Online Pharmacies“, die „American Bankers Association“, die „Christian Music Trade Association“, die „Church Music Publishers’ Association“, ESPN, eine „International Union of Police Associations“, „Let Freedom Ring“, „Major Country Sheriffs“, die „Major League Baseball“, die „National Association of Prosecutor Coordinators“, die „National Football League“ wie die „National Sheriffs’ Association“ oder die „National Troopers Coalition“, das „United States Olympic Comitee“ wie die „United States Tennis Assciation“ oder „Zumba Fitneß“ sowie einige Organisationen der Tea Party-Bewegung. Besonders gefallen unter den Unterstützern des Sopa-Gesetzentwurfs hat mir allerdings eine Organisation oder Firma namens „True Religion Brand Jeans“. True Religion Brand Jeans! Der US-Blogger Bob Lefsetz kommentiert das Rückzugsgefecht der Content-Industrie so: „Let's start with what everybody seems to be interested in, money. What's the best way to make a lot of money? The major labels knew how. They controlled radio and retail, not allowing anybody else to play. And they reaped all the rewards. To this day it's almost impossible to get your record on the radio if you're an indie act, and in the days of physical retail, if you weren't aligned with a major, you could never get paid, no matter how many units you sold. This is the game the content industries are trying to cement in stone with SOPA/PIPA. It's got nothing to do with theft/copyright infringement. That's a smoke screen. They want control. And online, they've lost it.“Aber was die Content-Industrie unterschätzt hat: You don’t mess with the web! Man hätte gedacht, die großen Content-Konzerne hätten das aus der Schlacht mit Napster. Und: „So macht sich der Staat zum Büttel der Verwertungskettenknaller, Autoren, Komponisten und Urheber gehen so oder so leer aus. Wäre schick, die USA hätten ein liberaleres Recht als zum Beispiel China.“ (Friedrich Küppersbusch in der „taz“).Hierzulande gibt es nur ein paar isolierte Ewiggestrige wie die CDU-Bundestagsabgeordneten Heveling und Krings, die dem rabiaten US-amerikanischen Sopa-Gesetzentwurf die Stange halten – und müssen sich vom CDU-Netzpolitiker Kretschmer um die Ohren hauen lassen: „Es ist wie so häufig: Mangelndes Fachwissen führt zu den abstrusesten Vorschlägen.“ Selbst in der CSU sind Sopa-Positionen nicht mehr opportun, die CSU-Politikerin Bär meint, es sei ein „großes Problem“, wenn Internetdienstleister dazu verpflichtet werden sollten, Seiten zu überwachen und zu sperren, die vermeintlich gegen das Urheberrecht verstießen. „Es darf nicht sein, daß bei Urheberrechtsverletzungen der Rechtsschutz ausgehebelt wird und Tatsachen geschaffen werden ohne rechtsstaatliches Verfahren“, schreibt CDU-Kretschmer den Sopa-Fans ins Stammbuch.Nur die hiesigen Haudraufs von Gillig-Degrave („Dicke Schlitten, dralle Weiber“ - die Musikwoche also rechts vom Bayernkurier, sozusagen) bis „Blutbrüdaz“ („Sag mal bist du bescheuert, Alter? Hast du uns beklaut, jetzt? So ne Scheiße, Alter“, und dann Stinkefinger) machen weiter wie eh und je. * * *Die Firma Apple hat im letzten Quartal bei einem Umsatz von über 46 Milliarden Dollar einen Nettogewinn von über 13 Milliarden Dollar erwirtschaftet.Etliche Arbeiter in den chinesischen Fabriken des taiwanesischen Konzerns Foxconn, wo viele Apple-Produkte, aber auch solche von Firmen wie Dell, Nokia, Motorola, Sony, Nintendo oder Hewlett-Packard hergestellt werden, haben zuletzt mit Massenselbstmord gedroht, um gegen die unzumutbaren Arbeitsbedingungen bei Foxconn zu protestieren. Foxconn gilt als der weltgrößte Elektronikhersteller. Noch 2011 hat Apple Foxconn bestätigt, Apples „Supplier Responsibility Report“ komplett zu erfüllen, und Steve Jobs sagte, bei Foxconn würden die Arbeiter in einem „Paradies“ leben mit Kinos, Swimmingpools und Luxus. Im Jahr 2011 war Foxconn bereits aufgrund einer Serie von Selbstmorden unter Druck geraten. Der im letzten Jahr von Foxconn mehrfach angehobene durchschnittliche Monatslohn der 300.000 Arbeiter im Werk in Shenzhen beträgt mittlerweile laut Angaben der 2000 Yuan; das entspricht 244 Euro.Die Wirtschaftszeitschrift „Economist“ geht davon aus, daß die Herstellungskosten zum Beispiel eines iPhones von Apple etwa 178 Dollar betragen, wovon die Herstellungskosten bei Foxconn etwa 7 Dollar kosten (der Löwenanteil geht für Komponenten drauf, die Apple u.a. bei Samsung, Infineon oder Texas Instruments zusammenkauft). Aber irgendwie muß der Quartalsgewinn von 13 Milliarden Dollar ja auch erwirtschaftet werden...* * *Wo aber, Seliger, bleibt das Positive?Hier: Wie die amtliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA via AFP mitteilte, begab es sich zu Berlin-Mitte vor der Botschaft Nordkoreas am Tage nach der Bekanntgabe des Todes von Kim Jong Il: Eine Meise habe eine Stunde vor der Eingangstür ausgeharrt, während eine Pflanze trotz der Winterzeit zu blühen begonnen habe. „Es schien, als ob der Vogel bei der traurigen Nachricht des Dahinscheidens des herausragenden Mannes zu der Trauerstelle flog, um sein Beileid auszudrücken“, während die Pflanze hinwiederum „als Zeichen der Trauer um seinen Tod mitten am kalten Wintertag zu blühen begonnen“ habe.(Die FAZ ergänzt den Satz „Kim Jong-il war am 17.März gestorben“, was nicht allzu wahr ist. Zu dem Bild Nordkoreas in hiesigen Medien kann man Berthold Seligers Beitrag „Pjöngjang im Kaffeesatz“ aus Konkret 11/2010 auf unserer Website unter „Texte“ nachlesen; an gleicher Stelle kann man auch den dreiteiligen Reisebericht aus Nordkorea, aus Konkret 9/2007 - 1/2008, unter den Überschriften „Ein Teddy von der FDJ“, „Im Saal der Tränen“ und „Happiness“ finden. Ich will nicht behaupten, daß man nach einer Woche Nordkorea wirklich viel von dem „katholischsten Land der Erde“ erfahren hat oder eine umfassende Analyse anbieten kann – immerhin aber war unsereiner vor Ort und hat sich eigene Eindrücke verschaffen können, im Gegensatz zu allen Journalisten, die über das Land in allen hiesigen Medien berichten und eben nie dort waren, sondern in Tokio oder Peking sitzen und ihre Berichte aus südkoreanischen Fernsehberichten und nordkoreanischen Agenturmeldungen zusammenschreiben...)

30.01.2012

P.S. Blaue Frau

Damit wir uns nicht mißverstehen: ich will nicht über die Maßen old school und als ewiger Spielverderber erscheinen. Und mir ist dieser nette kleine Flyer eher wurscht. Aber wenn die „taz“ schreibt: „Aus dem übergroßen Angebot (zu Silvesterparties, BS) sei hier die Spacy Stardust Show ausgewählt, vor allem, weil ihr Flyer so schön blau ist und ein sexy Cowgirl zeigt; in ironischer Postgenderpose selbstverständlich und nicht als Sexobjekt, schließlich befinden wir uns in der aufgeklärten Metropole“, dann würd ich das doch gerne näher erklärt bekommen. Ich meine, der erste Satz ist ja völlig o.k. – nettes Blau, sexy Cowgirl, warum nicht. Aber das dann alles mit einem pseudo-intellektuellen Überbau versehen zu müssen, der in seiner Klemmigkeit schon wieder so was von Biedermeier ist – die Sexyness darf eben nur „ironisch“ daherkommen und in vermeintlicher „Postgenderpose“, schließlich befinden wir uns in einer „aufgeklärten Metropole“ – awcmon, ihr Klemmies und Klemmchauvis von der taz, ihr wißt zwar, was ihr sagen müßt in diesen „aufgeklärten“ Zeiten, aber ihr habts dann auch wieder so was von nicht drauf...

04.01.2012

Quatsch

Man muß sich das mal auf der Zunge zergehen lassen. Der
Bundespräsident hält laut „FAZ“ in, ausgerechnet, Kuweit einen Vortrag zur,
ausgerechnet, Pressefreiheit und erklärt den Scheichs, Presse- und
Meinungsfreiheit seien „immer ein Stachel
im Fleisch der Herrschenden und Mächtigen“, am Ende aber seien sie „die beste Grundlage für erfolgreiche
gesellschaftliche Entwicklung“. Dann ruft er nacheinander den Chefredakteur
der Blödzeitung, den Vorstandschef des Springer-Konzerns und sogar die
Verlegerin und Witwe des Konzerngründers, Friede Springer, an, um die
Pressefreiheit zu unterlaufen und einen mißliebigen Artikel über seine dubiosen
Hauskauf-Kredite zu unterbinden.

Und daß ich das noch erleben darf: ein deutscher Bundespräsident
muß sich ausgerechnet von Verlegern des Springer-Konzerns, ausgerechnet von den
Verlegern der Blödzeitung belehren lassen, daß es hierzulande eine „Unabhängigkeit der Redaktion“ gibt,
bzw. daß die Verlegerin „keinen Einfluß
auf ihre Chefredakteure zu nehmen pflege“. Was für eine Welt, Wulff sei
Dank!

21.12.2011

Und Ansonsten 01/2012

Und ansonsten…

Es ist ja auch nicht alles gold, was im kulturellen
Frankreich glänzt. Die meisten Bands, die dieses Jahr fürs renommierte
Transmusicales-Festival in Rennes ausgewählt wurden, waren enttäuschend oder
medioker – umso mehr stachen Acts wie Shabazz Palaces oder Sallie Ford &
The Sound Outside heraus. Was man aber im Programm der Transmusicales unter
anderem lernen konnte, ist etwas, das man hierzulande vergebens suchen wird:
Daß ausführlich über Musik gesprochen wird. Zum Festival gehörte eine Reihe von
Vorträgen, die allesamt ausverkauft waren, und die sich intellektuell mit
Fragen der Musikgeschichte oder der Musikphilosophie beschäftigten, etwa mit
Themen wie „Seltene und historische Instrumente in der zeitgenössischen Musik“,
oder „Orient und Okzident – Kulturschock oder detonierende Hochzeiten“, gefolgt
jeweils von Konzerten wie einem Auftritt einer iranischen Band beim
letztgenannten Thema. Ich habe den sehr sachkundigen und mit tollem
historischen Material (von „Blackface Minstrels Shows“ über Dick Justice’s
„Cocaine“ bis hin zu Townes Van Zandt) 
angereicherten 90minütigen Vortrag von Jérome Rousseaux zum Thema
„Americana“ besucht, gefolgt von einem weiteren Auftritt von Sallie Ford.

Schon interessant, daß bei den die Republik überziehenden
einschlägigen Stadtmarketing-Veranstaltungen hierzulande so viel über
Marketing, aber praktisch gar nicht über Musik geredet wird – von den deutschen
Festivals ganz zu schweigen. Frankreich, du hast es manchmal eben doch
besser...

* * *

Und dann im ausverkauften Saal des „Champs Libres“ gesessen,
und im Rahmen des eben erwähnten Vortrages wurde ein zweieinhalbminütiger Film
eingespielt, der Townes Van Zandt bei einer eindringlichen Version seines Songs
„Waiting Around To Die“ zeigt –

„I got me a
friend at last.

He don’t
drink or steal or cheat or lie,

His name is
codeine.

He’s the
nicest thing I’ve seen.

Together
we’re gonna wait around and die.“ –

und wahrscheinlich haben einige der paar hundert Besucher
ebenso Tränen in den Augen gehabt wie Townes’ Freund Uncle Seymour Washington
in dem Film. Spontaner, starker Applaus, als die Filmeinspielung beendet ist.
Und der Referent kann erstmal nicht weiter sprechen und stammelt etwas von der
Intensität der Aufnahme.

Aber sehen Sie selbst diesen Ausschnitt aus „Heartworn
Highway“ von James Szalapski:

Am 1.Januar ist es fünfzehn Jahre her, daß Townes Van Zandt
gestorben ist. Und es ist wahrscheinlich das Größte, was ich in meiner
Konzertagenten-Karriere tun durfte: die letzten Jahre seines Lebens mit Townes
Van Zandt zusammenzuarbeiten.

* * *

Mit „Sonnenallee“ steht „der erste deutsche Kinofilm
komplett auf Youtube“, wie es die Marketingabteilung in holprigem Deutsch
flüstern läßt und wahrscheinlich etwas anderes sagen wollte...

Jedenfalls: Ein deutscher Kinofilm komplett auf Youtube? Ja,
schon, eigentlich – nur eben (zunächst) nicht für deutsche Nutzer. Die GEMA
nämlich hatte „Sonnenallee“ auf Youtube sperren lassen...

(ist mittlerweile erledigt, und „Sonnenallee“ kann auf
YouTube auch hierzulande angesehen werden – for what it’s worth...)

* * *

Auf Seite 9 der „FAZ“ vom 17.11.2011 erfahren wir unter dem
Titel „In China ist die Armut auf dem Rückzug“, daß das ländliche
Pro-Kopf-Einkommen im vergangenen Jahr in China 5919 Yuan (686 Euro) betrug; in
den Städten waren es 21.033 Yuan (2.437 Euro). Wohlgemerkt: pro Jahr.

Auf Seite 32, im Feuilleton der gleichen Zeitung des
gleichen Tages, erfahren wir, daß Ai Weiwei 8,25 Millionen Yuan auf das Konto
des Pekinger Steueramtes eingezahlt hat. „Er
hat das Geld aus den Spenden, nicht aus dem eigenen Vermögen aufgebracht.“

Es wäre interessant zu erfahren, woher Ai Weiwei diese
Spenden genau erhalten hat. In der westlichen Presse wird gerne das Bild
beschrieben, wie einfache chinesische Bürger das Geld über die Mauer von Ai
Weiweis Anwesen werfen – 8,25 Millionen Yuan? Von städtischen Bürgern, die im
Jahr durchschnittlich 21.033 Yuan verdienen?

* * *

Bei seinem Vortrag im Deutschen Architekturzentrum (DAZ) in
Berlin Mitte November zeigte der Künstler Julius von Bismarck u.a. Fotos einer
Installation in einem Kellergebäude. Auf die Frage, wo dieser Ort sei, sagte
er: „Das ist ein riesiges ehemaliges Brauereigewölbe unter dem Studio von
Olafur Eliasson. Das hat übrigens gerade Ai Weiwei gekauft.“

(Eliasson hat sein Studio im „Pfefferberg“ in Berlin-Mitte,
wo demnächst auch das „BMW Guggenheim Lab“ Station machen wird. Eliasson hat
bereits für BMW Kunst produziert. Das Gelände gilt als einer der teuersten
Kunstareale der Hauptstadt. So hängt eben immer alles mit allem zusammen. Und
jetzt die Preisfrage: mit welchem Geld hat Ai Weiwei den Kauf der teuren
Räumlichkeiten in bester Lage finanziert? Und wer hat für ihn den Kauf
getätigt? Und warum liest man darüber nirgends? Obwohl die deutschen Medien
doch sonst mit solch großer Lust über Ai Weiwei berichten?)

* * *

Es gibt sie noch, die guten Dinge, beim Lieblingszulieferer
der alternativ-konservativen deutschen Mittelschicht, bei Manufaktum. Im
Dezember-Monatsbrief etwa, gleich auf der Titelseite: Eine Uhr, die bei
Manufaktum natürlich nicht profan „Uhr“ heißt, sondern „Chronograph“. Ein
„Stowa Chronograph 1938“ also, „mit geprägtem Bronzezifferblatt“. Aus
Pforzheim. Aus dem Jahr, in dem in Deutschland die Synagogen brannten. Nur echt
mit Bronzezifferblatt.

Dazu trägt der neue deutsche Mann den „hohen Wanderschuh,
zwiegenäht und regulierbar“, „mit doppelter kräftiger Rindleder-Zwischensohle“
(„zäh wie Leder“, Sie erinnern sich?...) von Heschung. „Die 1934 im Elsaß
gegründeten Werkstätten haben sich von Anfang an auf Schuhe für das Wandern und
Jagen spezialisiert.“

* * *

Und wenn der deutsche Bürger dann mit seiner Bronzeuhr 1938
und seinen zähen Wanderschuhen von der Jagd zurück ist, blättert er nicht nur
in Lifestyle-Zeitschriften, die sich „Landlust“ nennen, und legt die „Landlust
Klassik“-CD auf, die er bei „2001“ bestellt hat und die „klassische Klänge für
Stunden des Genießens versammelt“, nein, neuerdings liest er dann auch noch
eine Philosophie-Zeitschrift, denn, wenn erst alle Wanderschuhe und
1938er-Bronzeuhren gekauft und das ganze Haus im Landlust-Sil eingerichtet ist,
dann stellt der Bürger fest, daß doch noch etwas fehlt, und er hat das Gefühl,
er sollte etwas simulieren, was sich gut macht, und bevor er einen eigenen
Gedanken faßt, greift er zur Zeitschrift, die ihm die Denkarbeit massentauglich
abnimmt.

Dort wird der Bürger dann vielleicht auch einem Peter
Sloterdijk begegnen, der in dem Land, in dem „Bild“ als Zeitung gilt, als
Philosoph durch die Medien geistert (die Franzosen haben Philosophen wie Badiou
oder Rancierre, wir haben Leute wie Sloterdijk – aber bekanntlich haben laut
Walter Benjamin ja alle „das Leben, das sie verdienen“, haben wirs also nicht
besser verdient...). Eben dieser Sloterdijk hat unlängst Rudolf Steiner als
„großen Reformer“ und als „aktuellen Ideengeber für eine Zeit der Krisen“
gewürdigt und behauptet, Steiner ermögliche eine Koexistenz der Menschen auf
dem Planeten.

Wie Rudolf Steiner sich das konkret vorgestellt hat, zeigt
sich etwa in seinen Vorstellungen über Menschen in Afrika: „Sehen wir uns zunächst die Schwarzen in Afrika an. Diese Schwarzen in
Afrika haben die Eigentümlichkeit, daß sie alles Licht und alle Wärme im
Weltenraum aufsaugen. Sie nehmen das auf. Und dieses Licht und diese Wärme im
Weltenraum, die kann nicht durch den ganzen Körper durchgehen, weil ja der
Mensch immer ein Mensch ist, selbst wenn er ein Schwarzer ist (...) Im Neger
wird da drinnen fortwährend richtig gekocht, und dasjenige, was dieses Feuer
schürt, das ist das Hinterhirn. (...) Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist
die am Geiste schaffende Rasse.“

Ein großer Reformer fürwahr. Fast so groß wie der andere
große Lieblingsreformer der Deutschen, dieser Sarrazin. Womit sich der bronzene
Kreis irgendwie im Jahr 1938 schließt.

* * *

Wie großartig es ist, daß der VUT die Firma „media control“
mit der Erhebung eigener „Independent“-Charts beauftragt hat, die die
Musikwoche exklusiv abdrucken darf, zeigt sich wieder einmal im November dieses
Jahres – denn nur dank der von diesem sich fast wie ein falschrum
hingeschriebener „TÜV“ lesenden Verein veröffentlichten „Musikwoche Top 20
Independent“-Charts haben so unbekannte Künstler wie Adele, Kool Savas, noch
mal Adele, Die Toten Hosen, Tom Waits, Hubert von Goisern, noch mal Adele, Deep
Purple, Slash oder Motörhead endlich mal die Gelegenheit, auch in irgendwelchen
Charts genannt zu werden, wo sie doch sonst nie nicht in irgendwelchen Charts
vorkommen. Nicht zu vergessen die sicher sehr trostreiche CD namens „Die 30
besten Weihnachts- und Winterlieder“, die unmittelbar hinter Slash, Motörhead
und dem ebenfalls in Mainstream-Charts noch nie vorgekommenem Noel Gallagher
Platz 20 der aktuellen Musikwochen-VUT-Indie-Charts zieren.

Wie sagten die VUT-Funktionäre doch seinerzeit bei der
Vorstellung ihrer Indie-Charts? Diese würden „der Vielfalt nützen“ und „der
Kultur helfen“. Ah ja.

* * *

Ehrlich: das Schmierentheater um des Bundespräsidenten sein
Kredit geht einem schon ein bisserl auf den Keks, oder? Wir sind doch alle
keine heurigen Hasen und wissen, wie geschmiert die Politik läuft, und wie sich
die Wirtschaft die Politik kauft, also... aber Sie werden sehen, er wird eh
zurücktreten. Oder auch nicht. Was letztlich so viel oder so wenig ändert wie
die Frage, ob Claudia Roth die Christmette im Allgäu oder im Berliner Dom
besuchen wird.

Aber: was mir wirklich gefallen hat, war die Begründung des
Unternehmers Egon Geerkens, warum er oder seine Frau dem damaligen Minister-
und heutigen Bundespräsidenten 500.000 Euro geliehen hat: „Der Christian mußte
sein Leben neu ordnen.“

Klasse, oder?

Also, wenn Sie mal wieder Ihr Leben neu ordnen müssen und
dazu eine schlappe halbe Million brauchen, wissen Sie jetzt, an wen Sie sich
wenden können. Und Sie wollen in Urlaub fahren? Lassen Sie sich doch, anstatt
wie bisher ins Reisebüro Ihrer Wahl zu gehen, vom Bundespräsidialamt die Liste in
Frage kommender Reise-Sponsoren schenken. Herr Wulff wird Ihnen gerne
behilflich sein. Vielleicht gibt er Ihnen in seiner Weihnachtsansprache bereits
einige Tips, wie Sie beim Verreisen Geld sparen können.

* * *

In kleinerer Münze denken Berliner Junglehrer, aber ich
finde deren Verhalten noch um einiges degoutanter als das des sein Leben neu
ordnenden Mannes im Schloß Bellevue. Viele junge Lehrer wollen nämlich Berlin
verlassen, weil sie den Beamtenstatus fordern, den der Berliner Senat für
Lehrer aber abgeschafft hat. „Angestellte
Junglehrer an etlichen Schulen haben inzwischen sogenannte Freistellungsanträge
gestellt, damit sie Berlin verlassen und in andere Bundesländer wechseln
können. Denn dort werden sie verbeamtet und verdienen dadurch mindestens 500
Euro netto mehr, weil vom Beamtengehalt keine Sozialabgaben abgehen“,
meldet die „Berliner Zeitung“.

Ein Torsten Ulrich von einer „Junglehrer-Initiative“ namens
„Verbeamtung jetzt!“ sagt: „Wer da in Berlin bleibt, fühlt sich betrogen“. Mal
jenseits der sehr verqueren Logik, und mal jenseits der Tatsache, daß es völlig
bescheuert ist, daß heutzutage überhaupt noch Lehrer in irgendwelchen
Bundesländern den Beamtenstatus erhalten – der Berliner Senat hatte, um den
„Nachteil“ auszugleichen, daß Berliner Junglehrer nicht mehr verbeamtet werden,
2009 sogar beschlossen, daß neu angestellte Lehrer sofort in die höchste (!)
Gehaltsstufe aufsteigen. Ein angestellter Gymnasiallehrer erhält knapp 4.300
Euro brutto. Das scheint vielen Junglehrer aber nicht auszureichen, sie wollen,
daß sie verbeamtet werden, daß sie also noch mehr netto vom brutto erhalten und
die Steuerzahler für ihre Pensionen aufkommen.

Und während immer mehr Arbeitsverhältnisse junger Menschen
befristet oder prekär oder ohne Tarifbindung sind, während die Junglehrer an
den Schulen mit wesentlich schlechter bezahlten HorterzieherInnen und
Vertretungslehrern (die auf Honorarbasis bezahlt werden) zusammenarbeiten,
kämpfen sie nicht etwa für gerechtere Bezahlung aller Beschäftigten oder für bessere Arbeitsbedingungen, nein, die
Junglehrer kämpfen für mehr Privilegien.

Wenn Sie mich fragen – solchen egoistischen Lehrerinnen und
Lehrern, die bei bereits sehr gutem Verdienst nur ihren eigenen Vorteil
zulasten der Gesellschaft im Sinn haben, sollte grundsätzlich die
Lehrberechtigung entzogen werden. Oder wollen Sie, daß Ihre Kinder von
schnöseligen Junglehrern unterrichtet werden, die nur ihren Beamtenstatus im
Kopf haben?

* * *

Dazu paßt die Bewertung von Arbeiterkindern durch die
Lehrer: Wie eine Studie der Vodafone-Stiftung ergeben hat, haben es
Arbeiterkinder an deutschen Schulen schwer. Auch wenn sie gleiche Leistungen
bringen wie ihre Mitschüler aus bessergestellten Familien, bekommen sie
schlechtere Noten. Kinder aus Akademikerfamilien werden durchweg weniger streng
benotet. Ungerecht geht es vor allem beim Übergang auf die weiterführenden
Schulen zu. Am Ende der Grundschule entscheiden Lehrer über den weiteren Weg
ihrer Schüler. Doch nur zur Hälfte läßt sich die schlechtere Empfehlung des
Grundschullehrers nach dieser Studie laut „Berliner Zeitung“ tatsächlich mit
der Leistung des Schülers erklären. Ein Viertel werde dagegen durch die
Schichtzugehörigkeit beeinflußt, weil Lehrer die soziale Herkunft bei der
Benotung mitdenken. Hinzu kommen die höheren Bildungsambitionen der
Akademikereltern und finanzielle Schwierigkeiten bei den Eltern.

Der Studie zufolge könnte sich der Anteil von
Arbeiterkindern, die ein Gymnasium besuchen, von derzeit 19,2 Prozent auf 28,5
Prozent erhöhen, wenn Lehrer sie bei gleicher Leistung auch gleich benoten
würden wie ihre Klassenkameraden aus bessergestellten Familien.

(„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. (...) Niemand
darf wegen seiner (...) Herkunft (...) benachteiligt werden.“ Art. 3 des
Grundgesetzes. Alle Menschen sind gleich. Nur manche sind hierzulande eben
etwas gleicher...)

* * *

„Hey, Tim
Bendzko, Clueso, Johannes Strate, Philipp Poisel und wie Ihr ebenso
vermurmelten wie uniformen Dreitagebartbübchen mit Euren Lagerfeuer-Schlagern
alle heißt: Könnt Ihr Euch nicht vom Goethe-Institut ganz lange irgendwohin
schicken lassen, um der Welt etwas über die Schrecken der deutschen Sprache
beizubringen?? Beispielsweise könntet Ihr interessierten
Nicht-Deutschsprachlern die Wichtigkeit der Vokabel „Irgendwie" für die
deutsche Sprache beibringen. Ihr könnt aber auch gerne einen lebenslangen
Interrail-Urlaub draus machen.“

Eric Pfeil in seinem ohnehin immer lesenswerten Blog „Das
Pop-Tagebuch“

(und: wollen wir Casper nicht gleich mitverschicken per
Goethe-Institut oder Interrail? „Lieber
gestanden arm sterben, als reich leben auf Knien“ – was
ja so ziemlich die realistischste Alternative in diesem Land ist, nicht? Wo
alle Reichen bekanntlich auf Knien herumrutschen...)

* * *

Laut „Spiegel Online“ wurden ausgerechnet einige der größten
Kämpfer gegen Unrecht und Piraterie, nämlich das amerikanische Ministerium für
Heimatschutz (DHS) und der US-Musikverband RIAA, dabei erwischt,
urheberrechtlich geschützte Daten mit Hilfe des Tauschprotokolls BitTorrent
heruntergeladen zu haben. Auch bei Sony, Universal und Fox wurden Filesharer
gefunden.

Sogar im Elysee-Palast des französischen Präsidenten
Sarkozy, der das „Hadopi“-Gesetz mit drastischen Strafen für die sogenannte
Internet-Piraterie eingeführt hat, haben diesen Daten zufolge etliche
Mitarbeiter unerlaubt Daten aus dem Netz gesaugt. Ob Sarkozy auch in eigener
Sache sein Hadopi-Gesetz anwendet? Ob der Elysee-Palast überhaupt noch Internet
hat?

* * *

Und nu? Weihnachten oder nicht Weihnachten?

Die neu-bürgerliche Antwort auf diese Frage geht so: man ist
nicht einverstanden, daß Weihnachten so eine riesige Konsumveranstaltung
geworden ist, aber man solle sich doch auf die „wirklichen Werte“
zurückbesinnen, „the real thing“ eben, handgemachte Geschenke,
Weihnachtsoratorium in der Kirche, Christmette, selbstgebackenes Zeugs und so –
dann sei Weihnachten schon wichtig und richtig.

Sie können es also so denken wie ich: Weihnachten sollte
abgeschafft werden!

Sie können aber auch so argumentieren wie die „grüne Gurke“
Claudia Roth: „Wer wie ich im Allgäuer Alpenvorland groß geworden ist, hat
Weihnachten im Blut und das Christkind im Herzen! Und das lasse ich mir auch
von meinen sogenannten linken Freuden (wahrscheinlich ein Tippfehler und sollte
wohl „Freunden“ heißen, BS) nicht nehmen, die zu Nikolaus bloß einen alten
linken Stiefel vor die Tür stellen und den Adventskranz als Spießergebilde
geißeln.“ Sagte die Grünen-Politikerin diesmal nicht in der „Bunten“, sondern
in der „taz“.

Ob Sie nun Lebkuchen im Blut haben oder nicht – machen Sie
doch, was Sie wollen!

Wir wünschen Ihnen jedenfalls so oder so eine gute Zeit,
viel Glück, schöne Gesundheit und täglich zunehmende Lebensfreude im neuen
Jahr! Bei unseren Künstlern, den meisten Veranstaltern, bei unseren
Geschäftspartnern und so manchen Medienpartnern (grins) bedanken wir uns für
die gute Zusammenarbeit; bei den BesucherInnen unserer Konzerte bedanken wir
uns aufs Herzlichste, daß sie da waren – wir wissen das alles sehr zu schätzen,
glauben Sie uns!

30.11.2011

Und Ansonstern 30.11.2011

Tut mir wirklich leid, liebes geschätztes Feuilleton der
„Berliner Zeitung“, aber: das interessantere, aufschlußreichere,
„investigativere“ Bushido-Interview hat, man höre und staune: die „Bunte“
gemacht.

Wir erinnern uns: letzten Monat unterhielt sich die
„Berliner Zeitung“ auf etwa einer halben Seite mit Bushido über ein Album, das
die Journalisten noch nicht gehört hatten, weil es keine
Vorab-Besprechungsexemplare gegeben hatte. Im November nun, am Tag, als dem
frauenfeindlichen und homophoben Rapper („Ihr Tunten werdet vergast“) ein
Burda-Bambi dafür verliehen wurde, daß sich Bushido „gegen Gewalt und für ein
respektvolles Miteinander einsetzen“ würde, erschien in der Burda-„Bunten“ ein
entlarvendes Interview mit Bushido, das den Rapper als das bloßstellt, was er
wirklich ist: als einen reaktionären Spießer.

„Meine Mutter wird
durchdrehen vor Freude, denn diese Gala sieht sie sich immer im Fernsehen an“,
teilte der mit seiner Mutter zusammenlebende 33jährige Bushido mit, als er auf
seinen „Bambi Integration“ und die Übertragung der Werbeveranstaltung im
Staatsfernsehen angesprochen wurde.

Und wie versteht Bambi Bushido Integration? „Ich war immer schon der Meinung: Wer hier
in Deutschland lebt, muß sich assimilieren. Ich wollte nie ein Fremdkörper in
Deutschland sein und diese Haltung verlange ich auch von der Familie und den
Freunden.“

Aber wurde denn in Bushidos Familie immer nur Deutsch
gesprochen, fragt „Bunte“?

„Nein (...) Vormittags
ging ich in die deutsche Grundschule und aufs Gymnasium, nachmittags in die
Koranschule. Mein Bruder studiert inzwischen hier, der ist ebenfalls
topintegriert. Ich finde, daß jeder, der die großen Vorzüge des deutschen
Sozialstaates genießen will, sich auch hier einfügen und die Sprache perfekt
sprechen muß. (...) Deutschland hat zu lange Rücksicht genommen auf seine
ausländischen Gäste und einen Schmusekurs gefahren, der nur Probleme gebracht
hat. (...) Auf der Berliner Sonnenallee spricht kein Mensch Deutsch und das
Kottbusser Tor heißt nur noch Klein-Istanbul und kein Deutscher traut sich da
hin. Das ist doch Wahnsinn! Die Kinder meiner Freunde gehen auf Privatschulen,
damit sie ordentlich Deutsch lernen.“

Wer so deutsche Stammtischparolen nachplappern kann, dem
attestiert die „Bunte“ prompt: „Längst
ist Bushido in der deutschen Gesellschaft komplett integriert“.

Weil sich kein Deutscher zum Kottbusser Tor traut, wohnt
Bushido mit seiner Mutter in einem „Berliner
Nobelviertel“. „Dort leben nur wenige
Ausländer“, stellt die „Bunte“ fest:

„Ja, meine Kumpel und
ich sind so ziemlich die einzigen. Seit vier Monaten leben auch meine Freundin
und ihr neunjähriger Sohn bei mir im Haus.“

Und wie kam es dazu, daß seine 29jährige Freundin zu ihm
zog? Bambi Bushido erweist sich als Mann alter Schule:

„Zuvor mußte ich
allerdings erst ihren Papa kennenlernen und ihn offiziell um Erlaubnis fragen.“

Und wie verwöhnt Bushido die Frauen um ihn, also seine
Freundin, seine Mutter und die Mutter seiner Freundin? „Neulich waren alle drei Frauen bei uns zu Hause und das war einfach
nur schön. (...) Als ich später in der Stadt war, bin ich zufällig an einem Gucci-Laden
vorbeigekommen und habe für jede eine Tasche gekauft. Einfach so. Die haben
mich alle drei niedergeknutscht.“

Top integriert eben.

* * *

Was dem einen Plappermaul seine „Bunte“, ist dem anderen
Plappermäulchen sein „Spiegel“. Eine Thea Dorn („Ihren Künstlernamen hat sie in
Anspielung auf den Philosophen Theodor W. Adorno gewählt“, erfahren wir auf
Wikipedia, und Adorno ist tot und kann sich nicht wehren...),
„Schriftstellerin, Dramaturgin und Fernsehmoderatorin“, hat ein Buch mit dem
Titel „Die deutsche Seele“ mitgeschrieben, und der „Spiegel“ hat ihr Raum für
Selbstpromotion im Rahmen eines Interviews zur Verfügung gestellt. Weil der
„Spiegel“ der „Spiegel“ ist, fragt er: „Seit
der NS-Zeit finden die meisten Deutschen es vielleicht unangemessen, über ihre
guten Seiten nachzudenken.“

Woraufhin Thea Dorn antwortet:

„Das ist verständlich,
und ich selbst bin ja auch in diesem Geist aufgewachsen. Natürlich gab es diese
zwölf verbrecherischen Jahre, aber die deutsche Geschichte erschöpft sich nicht
darin. Das Wissen um unsere reiche Kultur droht verlorenzugehen. Wir leben in
einem Zustand heiterer Gedankenlosigkeit und Ratlosigkeit.“

Sehr schön, dieses „zwölf verbrecherische Jahre“. Natürlich
gab es sie. Sie kamen irgendwie über uns – so, wie Frau quasi ihre Tage
bekommt, hatte der Deutsche als solcher eben seine „zwölf verbrecherischen
Jahre“...

Aber was will man von einer Schriftstellerin erwarten, die
von sich als „ich selbst“ spricht, außer heiterer Gedankenlosigkeit (im
Wortsinn). Früher hat nicht jeder, der bescheuertes Zeugs plappern kann, gleich
ein „Spiegel“-Interview bekommen... Aber vielleicht kann Burda sich ja erbarmen
und Thea Dorn nächstes Jahr einen Ehren-Bambi für heitere Ahnungslosigkeit
verleihen, Liveübertragung im Staatsfernsehen inbegriffen (Staatsfernsehen ist
das, wo ein anderer heiter Ahnungsloser namens Guido Knopp als Historiker
rumläuft).

* * *

Nun gut, ich gebe zu: Ich habe mich getäuscht. Ich hatte
nicht erwartet, daß der Mann, der über Wasser gehen kann, schon so bald wieder
in den hiesigen Medien auftaucht. Ich hatte ihn erst in circa drei Jahren
erwartet, auferstanden von den Toten. Nun aber kommt er, der Blödzeitung des
deutschen Mittelstands, also der „Zeit“ sei Dank, schon jetzt über uns. Und
wie.

Ein Giovanni di Lorenzo, den naive Gemüter immer noch für
einen „Journalisten“ halten, macht den bezahlten Stichwortgeber und hat dem
Karl-Theodor zu Guttenberg sozusagen sein neues Buch geschrieben. Und weil sie
eben alle nur Teil eines Vermarktungsbusiness sind, titeln Blödzeitung (das
Original) und „Zeit“ (die Kopie) unisono vom Buch des Karl-Theodor, für das ihn
der „Zeit“-Chefredakteur interviewt hat. Und im „Dossier“ der „Zeit“ gibt es,
standesgemäß, den mehrseitigen Vorabdruck, und das just kurz nachdem die
bairische Staatsanwaltschaft das Strafverfahren gegen Guttenberg gegen die
Zahlung einer 20.000 Euro-Spende an eine wohltätige Institution eingestellt hat
– läuft alles wie geschmiert, gelt?

Di Lorenzo dackelt und stichwortelt wie ein unterwürfiger
Reitbursche, den „Zeit“-Lesern dagegen wird die „Steigbügelhalterei“ (Niggemeier) als ein „Streitgespräch“ verkauft
– aber wahrscheinlich hält Di Lorenzo einen Satz wie „In Ihr Gesicht schleicht sich hin und wieder ein harter Zug ein“
schon für Majestätsbeleidigung, ähem, also, für kritischen Journalismus halt.

Interessant auch Guttenbergs „vorerst gescheitert“, das man ja auch anders lesen kann: nämlich
so, als ob der Mann, der über Wasser gehen kann, mit seinen Betrügereien nur
fürs Erste gescheitert sei, aber fest damit rechne, mit den Betrügereien beim
nächsten Mal durchzukommen.

Und so dürfte ein Politiker, von dem keine einzige
bedenkenswerte politische Idee, keine einzige politische Tat in Erinnerung
geblieben ist, nächstes Jahr wie Bushido den Bambi derer erhalten, die „eine
zweite Chance verdient“ haben. Burdas „Bunte“ jubiliert bereits heute auf der
Titelseite: „Die Guttenbergs: Sie kommen
zurück.“ Noch sind wir nicht verloren.

* * * 

Schöne Sätze sprechen auch andere Leute:

„Bei der
Leadgenerierung beziehungsweise Fangewinnung verschiebt sich der Anteil
deutlich von Paid auf Earned und Owned Media.“

So ein Florian Steps, „Leiter Direct & Digital“ im
Marketing von Vodafone Deutschland.

* * *

Und wenn die Sonntagsredner der politischen Parteien und die
Tagungen ihrer Stiftungen und all der Tutzinger und sonstigen Akademien mal
wieder über die Gründe der Politikverdrossenheit der Bürger reden und rätseln –
ich wüßte da ein paar Gründe, warum die Bürger mit ihren Politikern nichts mehr
zu tun haben wollen... Zwei davon standen Ende November an zwei
aufeinanderfolgenden Tagen auf der Titelseite der „Berliner Zeitung“:

An einem Tag ging es um „Strombonus
für Industriekonzerne“ – „klammheimlich
hat die schwarz-gelbe Bundesregierung die Industrie und wenige andere Stromsonderkunden
um eine Milliardensumme entlastet und die Kosten den Kleinverbrauchern
aufgebürdet“, der Energieexperte des Verbraucherschutzverbandes VZBV
spricht von einer „einmaligen
Schweinerei, die Industrie massiv zu entlasten und allein die Kleinverbraucher
die Zeche zahlen zu lassen“.

Anderntags dann erfahren wir: „Riestern rentiert sich nicht“, jedenfalls nicht für die Sparer –
die müßten nach einer DIW-Studie steinalt werden, um von der Anlage zu
profitieren. „Die Riester-Rente, benannt
nach dem damaligen Arbeitsminister Walter Riester (SPD), wurde 2011 von der
damaligen rot-grünen Bundesregierung eingeführt. Die Anlageform steht heftig in
der Kritik – auch wegen angeblich enger Kontakte rot-grüner Politiker zu
Anbietern der Sparform“, heißt es in der „Berliner Zeitung“. Eine
35-jährige Frau, die 2011 eine Riester-Versicherung abgeschlossen hat, muß 78
Jahre alt werden, damit sie überhaupt nur die eingezahlten Beiträge wieder
zurückbekommt. Um auf eine garantierte Rendite von 2,5% zu kommen, müßte sie gar
90 Jahre alt werden. Und wenn die Frau heute einen Riester-Vertrag abschließen
würde, müßte sie sogar 110 Jahre alt werden, um eine Rendite von 2,5% zu
erzielen.

Rentiert hat sich „Riestern“ dagegen für die Konzerne der
Finanz- und Versicherungswirtschaft, für die an der Umstellung beteiligten
Wissenschaftler und für viele Politiker. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete
und Publizist Albrtecht Müller konstatiert: „Die
Zerstörung der gesetzlichen Rente zugunsten einer privaten Altersvorsorge ist
ein heutzutage leider typischer Fall von politischer Korruption.“

Die Bürger haben ein recht feines Gespür dafür, wann sie von
den Regierenden verarscht werden...

* * *

Und was sagt Jan Delay, einer der kommerziell
erfolgreichsten deutschen Popstars, zu Urheberrecht und den „illegalen
Downloads“? Das (in Originalgrammatik und -interpunktion):

„Im letzten jahr hat
es 800.000 (!) abmahnungsverfahren wg. Illegalen downloads gegeben. Heißt:
windige anwälte beschäftigen billiglöhner, die den ganzen tag nix anderes tun
als ip-adressen von illegalen saugern aufzuschreiben um diese mit einem
bußgeldbescheid von durchschnittlich 1500 euro abzumahnen und mit
Gerichtsverfaren zu drohen falls nicht gezahlt wird. Heraus kommt das stolze
sümmchen von 1,2 Milliarden (!!), welches unter den anwälten und den
plattenfirmen gesplittet wird, die künstler sehen davon nix! Das sind alles
miese schweine!! Saugt bitte alle ruhig weiter, und laßt euch nicht erwischen!
Kein peer 2 peer!! Und wenn es Künstler gibt, die ihr schätzt und die sich den
arsch aufreißen um gute platten zu machen: bitte supported sie!!“ (Quelle:
Jan Delays Facebook-Seite)

Mal abgesehen von der auf mehreren Ebenen etwas kruden
Argumentation: nach geltendem Verständnis der Musikindustrie dürfte diese
Aussage ein Fall für die Copyright-Cops sein. Gorny und Chung, übernehmen Sie!

* * *

„Pop ist tot

Denn böse Menschen
kaufen keine Lieder

Sie laden nur
darnieder“

(„Die Türen“)

(wirklich tolles kleines Buch zum Albumrelease übrigens)

* * *

Und was tut sich sonst so an der Urheberrechtsfront? Ein
paar Ausschnitte der Debatten der letzten paar Wochen:

„Das geltende
Urheberrecht schanzt Verlagen Vorteile zu Lasten der Forscher zu. Sie bezahlen
fürs Publizieren und müssen die wichtigsten Rechte abtreten“, berichtet die
altehrwürdige konservative „FAZ“.

Wie auf „Spiegel Online“ zu lesen war, wollen „US-Copyright-Cops weltweit zugreifen –
Websperre, Zahlungsstopp, Beschlagnahmung – neue US-Gesetze sollen die Jagd auf
Raubkopierer erleichtern. Die amerikanische Justiz erklärt damit die ganze Welt
zu ihrem Hoheitsgebiet: Sie will sogar einen Briten in den USA anklagen, der
nach heimischem Recht legal gehandelt hat.“

Und nun kritisiert sogar die EU-Kommissarin für die Digitale
Agenda, Neelie Kroses, das aktuelle Urheberrechtssystem, das „kaum dafür geeignet“ sei, „den rechtlichen, kulturellen und
wirtschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden“. Es dürfe nicht darum
gehen, „bestimmte Geschäftsmodelle
festzuschreiben“. Vielmehr müsse „die
EU einen intelligenten Rahmen schaffen, der möglichst vielen verschiedenen
Geschäftsmodellen zur Blüte verhelfen“ könne. Das Urheberrecht sei „zwar wichtig“, man dürfe sich aber „nicht allein darauf konzentrieren“.
Viel wichtiger sei es, „ein System zur
Anerkennung und Vergütung kreativer Leistungen zu schaffen, das den Künstler in
den Mittelpunkt rückt“, berichtet die „Musikwoche“.

Die "Berliner Zeitung" kommentiert den Beschluß
des "Grünen"-Parteitages zum Urheberrecht und die gebetsmühlenhaften
Proteste z.B. des Deutschen Kulturrates so: "Die
Wirtschaftslobby hatte im Vorfeld kräftig dagegen getrommelt (...) Daß es bei
dem ethisch anspruchsvoll formulierten Protest auch um das einträgliche und
keineswegs nur kunstförderliche Vermarktungsmonopol der Kulturindustrie ging,
wurde von den Lobbyisten huldvoll verschwiegen. (...) Einfach auf seinem
Monopol bestehen und ansonsten die Preise erhöhen, ging schon bei der
Musikindustrie schief..."

Nur der „Parlamentskorrespondent“ der „taz“, Daniel Bax, hat
mal wieder nichts kapiert: Als „Flop des
Jahres“ bezeichnet Bax die „Ablehnung
des Urheberrechts. Die Musikindustrie darbt, aber es gibt Leute, die behaupten,
es ginge auch ohne Urheberrecht. Künstler können so wenig allein von Auftritten
leben wie Journalisten vom Internet“. Brillant argumentiert. Fehlt nur
noch, daß sich nach Bax auch noch Dax zum Urheberrecht äußert...

* * *

„Rockmusik ist
Mißbrauch von Heeresgerät.“ (Friedrich Kittler)

* * *

Deutscher Dreisatz:

„Im Paradies würde ich
vor Langeweile sterben.“ (Wolf Biermann im „Zeit“-Interview).

Ich würde in einem Konzert von Wolf Biermann vor Langeweile
sterben.

Ist ein Konzert von Wolf Biermann jetzt also das Paradies?
Oder das Paradies ein Konzert von Wolf Biermann?

* * *

55.000.000.000 Euro.

Fünfundfünfzig Milliarden.

55 Milliarden Euro hat die Bundesregierung mal eben so
„übersehen“. Bei der „Bad Bank“ der früheren Hypo Real Estate hat es
Fehlbuchungen in dieser Höhe gegeben, beim Handel mit den riskanten Derivaten
wurde versäumt, Forderungen (sprich Guthaben) mit den Schulden zu verrechnen.
Der größte Buchungsfehler der Wirtschaftsgeschichte ist höchst peinlich für die
Bundesregierung. Wie kann es sein, daß sich der Staat um 55 Milliarden Euro
verrechnet, und es niemandem auffällt?

Der gesamte Bundeshaushalt beträgt 2012 etwas mehr als 300
Milliarden Euro – mehr als ein Sechstel des ganzen Bundeshaushalts also wird
mal eben vom Finanzministerium „übersehen“?

55.000.000.000 Euro übersehen?

Ein Tausendstel dieser Summe sind immer noch 50 Millionen!
Ein Hunderttausendstel dieser Summe sind immer noch 500.000 Euro. Und selbst
ein Zehnmillionstel dieser Summe wäre mir auf meinem Betriebskonto
aufgefallen...

Und während in jeder Firma jeder Buchhalter und Controller,
der ein Millionstel dieser Summe übersehen hätte, ernste Konsequenzen zu
befürchten hätte, geschieht bei der Bundesregierung natürlich nichts.

55.000.000.000.

Solchen Leuten traut man doch sofort die wirtschaftliche
„Rettung“ Europas zu, oder?

* * *

Nun gut, plötzlich entschuldigen sich alle Politiker bei den
Türken für die Morde der jahrelang unbehelligt und quasi unter
Verfassungsschutz-Aufsicht durch die Lande ziehenden Nazi-Terroristen: der
Bundestag. Der Bundespräsident. Der SPD-Vorsitzende Gabriel. Die Medien, die
über ein Jahrzehnt lang von „Döner-Morden“ geredet haben und über mutmaßliche
Drahtzieher bei unseren „ausländischen Mitbürgern“.

Das tönte jahrelang ganz anders. Der SPD-Innenminister
Schily etwa hatte einen Tag nach dem Kölner „Nagelbombenattentat“ die Erklärung
parat, nichts deute auf einen terroristischen oder Neonazi-Hintergrund der Tat
hin, eher handele es sich um eine Tat „im
kriminellen Milieu“. Und der „schlimmste
Nadelstreifenrassist der deutschen Nachkriegsgeschichte“ (Mely Kiyak)
Sarrazin ist immer noch Mitglied der Partei Gabriels und Schilys und hat ein
Buch veröffentlicht, das in der sogenannten Mitte der Gesellschaft
millionenfach verbreitet wurde und eines der erfolgreichsten Sachbücher aller
Zeiten hierzulande wurde.

Rassismus aus und in der Mitte der Gesellschaft eben. Wer
nur mit dem Zeigefinger auf Behörden und Verfassungsschutz zeigt, macht es sich
zu einfach. Leider.

* * *Wie darf man den Kauf der EMI durch Universal Music und Sony
denn nun werten? O.k., die Banker der Citigroup wollten sich nicht mehr
langfristig im Musikgeschäft engagieren und haben EMI Music abgestoßen, nachdem
der Konzern bereits 1979 vom Mischkonzern Thorn Electrical gekauft und auf
einen „konservativ-profitorientierten
Kurs getrimmt“ (Jens Balzer) und nach dem Börsengang 1996 im Jahr 2007 vom
Private Equity-Investor Guy Hands übernommen wurde. Und der russische Oligarch
Len Blavatnik, der im März 2011 bereits Warner Music gekauft hatte, wurde vom
Vivendi-Konzern (dem Universal Music gehört) überraschend überboten.

Also, damit wir das mal klarkriegen: Bei den Tonträgerfirmen
verfügt Universal Music weltweit über 28,7% Marktanteile, hinzu kommen 10,2%
der gerade erworbenen EMI Music – bedeutet also 38,9% Weltmarktanteile in der
Hand eines Konzerns, der Vivendi. Sony Music hat weitere 23% Marktanteile,
Warner Music (im Besitz des russischen Multimilliardärs) 14,9%. Insgesamt
verfügen nun also nur noch drei statt vier multinationale Konzerne über knapp
77% der Weltmarktanteile des Tonträgergeschäfts.

Bei den Musikverlagen sieht es ähnlich aus: dort verfügen
Sony/ATV über 12,5% der Weltmarktanteile, die an Rechten reiche EMI Music
Publishing über 19,7%, zusammen sind sie nun mit 32,2% der Weltmarktführer
unter den Musikverlagen. Universal Music Publishing hält 22,6%
Weltmarktanteile, Warner/Chappell 13,9%. Die drei multinationalen Konglomerate
verfügen über 68,7% der Weltmarktanteile an Musikverlagen.

An der Sony-Bietergruppe für EMI Music Publishing soll unter
anderem der amerikanische Finanzinvestor Blackstone beteiligt sein. Blackstone
wurde nach dem Kauf von 31.000 Wohnungen von der öffentlichen Hand 2004 scharf
kritisiert (der damalige SPD-Vorsitzende Müntefering verwendete 2005 den
unglücklichen Begriff „Heuschrecken“ für die Finanzinvestoren); Blackstone
gehört u.a. die Hilton-Hotelkette und hält Beteiligungen u.a. an der Deutschen
Telekom; der Vorstandschef der Firma, Schwarzman, wurde in der Debatte um
astronomische Managergehälter an vorderster Stelle genannt (im Jahr 2006
erhielt Schwarzman z.B. 398,3 Millionen Dollar, in 2008 waren es 702 Millionen
Dollar - und derartige Fantasiegehälter erhält SChwarzman nicht dafür, daß er
Kultur betreibt, sondern dafür, daß er seiner Firma noch höhere Profite
beschert). Die China Investment Corporation hält übrigens 9,3% der Anteile von
Blackstone.

Dem Konsortium, das unter Führung von Sony/ATV die EMI Music
Publishing kaufte, gehören neben Blackstone auch der amerikanische Musik- und
Kinomogul David Geffen sowie die in Abu Dhabi ansässige Mubadala Investmentbank
an.

Joost Smiers schrieb 2007 in einem vielbeachteten Artikel in
der „SZ“, der heute nur in der Frage „aus vier mach drei“ aktualisiert werden
muß:

„Vier Musik-Konglomerate beherrschen achtzig Prozent der
Musik weltweit; eine Handvoll Film- und Verlagskonsortien teilen sich den
Kulturmarkt und sind auch noch untereinander stark vernetzt. (…) Die Demokratie
und das menschliche Recht auf Kommunikationsfreiheit und auf Teilhabe am
kulturellen Leben sind in Gefahr.“

(Der VUT-Funktionär Mark Chung dagegen hat seine eigene
Sicht der Dinge, er schreibt:

„Die Musikwirtschaft ist schon seit Jahren überwiegend „independent“
geprägt.“ Und „...weit mehr als 60% aller Unternehmensumsätze der
Musikwirtschaft werden von kleinen, mittleren und Kleinstunternehmen erzielt...“
Aha.)

* * *

Meinen Artikel "Die Leistungsschutzgelderpresser"
(Konkret 11/2011) können Sie übrigens jetzt auch direkt hier auf unserer neuen
Homepage lesen.

Der Artikel und der "offene Brief" des
VUT-Funktionärs Chung war einigen Zeitschriften und Zeitungen Anlaß für
Berichterstattung zum Thema - die "Musikwoche" etwa brachte gleich
auf zehn Sonderseiten den Chung-Text, der "Freitag" berichtete, und
in der "taz" pumpte sich René Martens auf. Wenn Sie nun aber gedacht
hätten, auch nur eine der Publikationen hätte auch nur einen Satz mit mir
gesprochen - Pustekuchen. "Recherche" ist für den heutigen
"Anything goes"-Journalismus eben ein Fremdwort.

* * *

Wollen Sie einen weiteren Grund wissen, warum China derzeit
so ungleich erfolgreicher im Weltgeschehen agiert als der Westen? Unter anderem
deswegen, weil, weil die chinesische Regierung laut „SZ“ den Antrag des
„Bundesverbandes der Deutschen Schausteller“ abgelehnt hat, auf dem Platz des
Himmlischen Friedens zu Beijing Glühwein auszuschenken...

Sie machen dort halt nicht jeden Scheiß mit, sozusagen.
(Medien, obacht! bitte unbedingt sofort über die chinesische
Menschenrechtsverletzung berichten, daß dort kein Glühwein usw. usf.)

* * *

Eine der ekelerregendsten Publikationen hierzulande ist die
in der Regel etwa der „Zeit“ oder der „FAZ“ beiliegende Zeitschrift der
evangelischen Kirche namens „Chrismon“. Deren Chefredakteur Arnd Brummer, der
unübertroffene Horst Tomayer hat es unlängst in seinem „ehrlichen Tagebuch“
aufgedeckt, schreibt in dieser Zeitschrift Halbsätze wie diese:

„Der Tag, an dem ich
beschloß, dem Evangelischen in mir Raum zu geben“, oder „Ratzinger hatte mich so erzürnt, daß ich
meiner evangelischen Frau sagte: „Ab morgen zahle ich meine Kirchensteuer bei
deinen Leuten.““ (und was macht Brummer, wenn ihn dann die Ex-Bischöfin
Käßmann erzürnt? Ach, ich vergaß, die ist Herausgeberin dieser Postille,
zusammen u.a. mit der Grünen-Bundestagsabgeordneten Göring-Eckardt...).

Brummer jedoch hat auch ein Buch geschrieben, „Unter Ketzern
– Warum ich evangelisch bin“, für das der Verlag so wirbt:

„Arndt Brummer (...)
erzählt die Geschichte seiner Suche nach einer kirchlichen Heimat. (...) Eine
Predigt des damaligen Kurienkardinals Joseph Ratzinger, heute Papst Benedikt
XVI., erzürnt den jungen Intellektuellen so sehr, daß er aufbricht, um unter
den Ketzern heimisch zu werden. Heimat ist, wo Fragen, Diskutieren, ja Zweifeln
erlaubt sind. Ein leidenschaftliches Plädoyer für die evangelische Kirche.“

Gelt, das glauben Sie mir jetzt nicht? Aber es steht so da,
der Beweis liegt vor und ist archiviert. So sind manche Zeitgenossen – regen
sich über Ratzingern auf und werden vor lauter Erzürnis evangelisch...

* * *

Und aus unserer kleinen Reihe unverlangter Künstlerangebote:

„Wir möchten Ihnen ein
stilvolles Adventskonzert mit Gänsehaut-Garantie für Ihre weihnachtlichen
Firmenfeierlichkeiten anbieten. (...) Die Berliner Klassik-Pop-Formation Songs
Of Lemuria: Songs Of Lemuria bauen Brücken zwischen Klassik und Moderne,
zwischen der Melancholie des Chanson und der glitzernden Euphorie der goldenen
Zwanziger.“

Goldene Zwanziger – wir erinnern uns, das war die Zeit vor
den zwölf verbrecherischen Jahren... Und Brücken bauen ist auch immer gut, so
gewinnt man manch einen Bambi.

„Das Set können wir
natürlich mit Ihren Wünschen abstimmen“, flöten die
Klassik-Pop-Brückenbauer, schlagen aber schon mal, quasi sicherheitshalber,
„ein mögliches Set“ selber vor: „Nach
einer freundlichen Begrüßung folgen zunächst einige weihnachtliche
Instrumentalwerke. Nach einigen Weihnachtssongs (mit Cello und
Klavierbegleitung) würde schließlich auch Nik Page gesanglich hinzu stoßen.“

„Gesanglich hinzu stoßen“ – toll!

„Nach ein paar zur
Advents-Stimmung passenden Pop-Klassikern...“

- welche da wohl gemeint sind? Ave Maria? nein: „Hunting high and low“ (a-ha“), „I was born to love you“ (Queen),
„Stairway to Heaven“ (Led Zeppelin) oder „Judas“ (Depeche Mode) – glauben
Sie jetzt nicht? Ich schwöre, das steht so da! -

„...würden die Musiker
schließlich als Finale STILLE NACHT in kompletter Bandbesetzung (Cello + Piano
+ weibl. & männl. Gesang) unter Einbeziehung des Publikums darbieten.“

Ich weiß nicht, liebe Leserinnen und Leser dieses kleinen
Rundbriefs, wie die Weihnachtsfeiern Ihrer Firmen aussehen. Und wie Sie sich
„tief in Ihnen“ eigentlich eine Weihnachtsfeier vorstellen und wünschen. Ich
kann nur sagen – meinen Vorstellungen kommt dieses Programm schon ziemlich
nahe. Wir bauen auch gerne Brücken zwischen Klassik und Moderne, die  Weihnachtsfeiern dieser Firma bestehen seit
jeher aus gemeinschaftlich begangener 
Hausmusik, gerne stimmen wir fröhliche und melancholische Weihnachtslieder
an, und zum gemeinsamen finalen „Stille Nacht“-Singen fassen wir uns an den
Händen und tanzen langsam um den Adventskranz in unserem Büro. So ist das seit
jeher.

Und warum wir das Angebot, die „Songs Of Lemuria“ für unsere
Firmenweihnachtsfeier zu buchen, dennoch nicht angenommen haben? Ganz einfach:
Wir finden Weihnachtslieder wie „Stairway to heaven“ oder ein zärtlich
gehauchtes Depeche Modse-„Judas“ einfach der vorweihnachtlichen Stimmung nicht
ganz angemessen. Zu sehr „ordinary world“ (Duran Duran) sozusagen. Da singen
wir dann doch lieber selber...

Ansonsten und deswegen: wir sehen uns bei den „Feliz Navidad
– The Return of the Mexican Santa“-Weihnachtsparties von El Vez, den Memphis
Mariachis und den Lovely Elvettes.

Da geht’s kräftig zur Sache, versprochen! Mexmas, Glühwein
& Rock’n’Roll!

In diesem Sinne herzliche adventliche Grüße – und seien Sie
vorsichtig, wenn Sie wieder mal zürnen, ja? Man gerät offenbar leichter in die
evangelische Kirche, als einem lieb ist...

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