Blogdarstellung in voller LängeBlogdarstellung mit Anrisstexten
Berthold Seliger - Blog abonnieren
Blog Archiv - Jahr 2019
05.10.2019

Presseverlage an Google. Eine Farce

„Erst war es ein Verbrechen, dass Google Snippets aus Presseartikeln anzeigte, nun ist es ein Verbrechen, dass es keine Snippets mehr anzeigen will, weil der Konzern kein Geld für Leistungsschutzrechte zahlen will.“ (Thierry Chervel, „Perlentaucher“)

Eine kleine aktuelle Farce zum Leistungsschutzrecht:

Presseverlage an Google: Zeigt unsere Artikel in euren Suchmaschinen nicht ohne Bezahlung!
Google: Ihr könnt das in euren Einstellungen selbst kontrollieren.
Politik an Presseverlage: Schreibt uns ein Gesetz, wie wir der Presse helfen können!
(Presseverlage schreiben ein Gesetz, das die Politik verabschiedet)
Presseverlage: So, Google, jetzt dürft ihr unsere Artikel in euren Suchmaschinen nicht mehr ohne Bezahlung zeigen!
Google an Presseverlage: Kein Problem, zeigen wir eure Artikel auf unseren Suchmaschinen eben einfach gar nicht mehr.
Presse und Politik, im Chor (unisono, lautstark): Zensur!!!

(inspiriert von einem Twitter-Feed von Julia Reda)

15.09.2019

Wie funktioniert das eigentlich mit dem Merchandising?

Es wirkte wie eine ganz große Heldengeschichte, wie eine moderne David gegen Goliath-Geschichte gar: „Rapper überlisten Eventim“ titelten Branchen- und Musikmagazine, „Rapper überlegten sich einen Coup“ – sollten denn wirklich die beiden deutschen Vorzeigerapper Casper und Marteria den deutschen Konzert- und Ticketing-Monopolisten CTS Eventim in die Knie gezwungen haben?
Es hörte sich aber auch allzu schön an: CTS Eventim hat bekanntlich seit Jahren vom Land Berlin die Waldbühne gepachtet, die größte Berliner Open Air-Bühne. Wer auch immer dort spielt, seien es Neil Young, Nick Cave, Udo Lindenberg, Mario Barth, Casper & Martiria oder die Berliner Philharmoniker – CTS Eventim verdient daran, ob als örtlicher Veranstalter oder eben als Vermieter des begehrten, von den Nationalsozialisten erbauten Spielorts an andere Konzertveranstalter.
CTS Eventim verlangt neben der Miete von allen Bands, die auf der Waldbühne auftreten, eine prozentuale Umsatzbeteiligung an den Merchandise-Einnahmen der Bands. Das wollten Casper und Marteria bei ihrem Waldbühnen-Konzert in diesem Sommer jedoch nicht einsehen. Und damit CTS Eventim nicht an den Merchandise-Einnahmen mitverdient, die Fans aber dennoch Merch-Produkte kaufen konnten, verzichteten die Künstler auf Verkaufsstände auf dem Gelände der Waldbühne und boten ihren Fans statt dessen „Pre-Merch“ an: Online-Bestellungen zu „fairen Preisen“; die Fans konnten die vorab erworbenen Merchandise-Produkte dann an Pick-Up-Ständen in der Waldbühne abholen.
Auf Instagram schrieb Casper: „Der Betreiber der Waldbühne, Eventim, fordert erhebliche Konzessionen und macht es uns unmöglich unsere Shirts etc zu einem fairen Preis zu verkaufen. ich finde nicht dass ein T-shirt bei einem Konzert 40€ oder mehr kosten sollte. das steht einfach in keinem Verhältnis und das Machtspiel möchte ich auch nicht mitspielen."
Die Waldbühne hat dieses Geschäftsmodell akzeptiert: „Selbstverständlich respektieren wir den Wunsch des Künstlers, Fan-Artikel über eine 'Pre-Merch'-Aktion und nicht während des Konzerts in der Waldbühne zu verkaufen", teilte eine Eventim-Sprecherin laut „Musikwoche“ mit. Sie beharrte allerdings darauf, daß das teuerste Casper-T-Shirt am Konzerttag für 30 statt der von Casper behaupteten 40 Euro über die Merchtheke hätte gehen können.

Was ist dran an der Geschichte?

  1. Zunächst ist festzuhalten, daß eine prozentuale Umsatzbeteiligung an Merch-Einnahmen der Bands keine Erfindung von CTS Eventim, sondern deutschlandweit eine unerfreuliche Regel ist. Auf fast allen großen Festivals und auf praktisch allen großen Open-Air-Konzerten halten die jeweiligen Veranstalter bzw. Betreiber entsprechend die Hand auf. Die Regel sind 20 Prozent des Bruttoumsatzes, häufig verbunden mit einem Mindestbetrag (z.B. € 250.-). Bei einigen seriöseren Veranstaltern kann man die prozentuale Umsatzbeteiligung zugunsten eines geringeren Festbetrags wegverhandeln bzw. zumindest reduzieren.
    In fast allen größeren Clubs und in praktisch allen Hallen mit vierstelliger Kapazität sind mindestens feste „Mietgebühren“ für den Merchandise-Stand die Regel, und häufig versuchen Veranstalter, auch hier prozentuale Beteiligungen zu erhalten.
  2. Bei größeren Festivals dürfen Bands grundsätzlich kein eigenes Merchandise betreiben, es gibt einen zentralen Merchandise-Stand (die großen Festivalveranstalter haben die Merch-Rechte häufig exklusiv an Firmen verkauft: In Deutschland ist das meistens die Universal-Tochter „Bravado Merchandise“, die für das Merch u.a. auf den Festivals Rock am Ring, Rock im Park, Hurricane, Southside, Mera Luna oder ParookaVille zuständig ist). In der Regel erhalten Merch-Firmen auf den Festivals satte 25 Prozent des Bruttoumsatzes; der Betrag wird auf 15 Prozent „ermäßigt“, wenn die jeweilige Band die Erlaubnis gibt, ihren Namen auf das Festival-T-Shirt drucken zu lassen (ausführliche Infos dazu in „Vom Imperiengeschäft“, S. 87-93).
    Es wäre interessant zu erfahren, ob Casper oder Marteria bei den genannten Festivals ebenso hart gegen diese Merch-Regeln vorgehen, oder ob es ihnen nur um eine einmalige coole symbolische Aktion bei der Waldbühne ankam. Und wie haben sie das mit dem Merch beim Berliner Lollapalooza-Festival Anfang September geregelt?
  3. Schön wäre es natürlich gewesen, wenn Casper und Marteria für echte Transparenz gesorgt hätten, statt unbewiesene Behauptungen in den Raum zu stellen: Wie hoch ist der Prozentsatz genau, den CTS Eventim als Betreiber der Waldbühne am Merch-Umsatz verlangt? Nach den Äußerungen der Rapper wie auch der Eventim-Sprecherin gehe ich von 25 Prozent aus, es können aber auch 20 Prozent sein. Natürlich ist das eine Sauerei, keine Frage, aber wie gesagt: leider üblich...
  4. Und dann gibt es ja noch eine ganz andere Frage, nämlich: Warum wollten die beiden Saubermann-Rapper die Umsatzbeteiligung von Eventim auf die T-Shirt-Preise aufschlagen? Wie kommt Casper auf die Behauptung, daß durch die geforderte Umsatzbeteiligung die T-Shirt-Preise teurer werden würden? Mir scheint, daß der Rapper da im Denken gar nicht allzu weit vom Denken des Eventim-Konzerns entfernt ist: offensichtlich kann man sich nur Kosten vorstellen, die auf ein Produkt draufgeschlagen und von den Fans bezahlt werden...
  5. Schauen wir uns mal eine normale Merchandising-Rechnung anhand handelsüblicher Merch-T-Shirts an. Ich verwende die Preise eines großen deutschen Merch-Zulieferers, der für zig Bands T-Shirts bedruckt, die dann über den Merch-Tisch gehen. Da kostet ein Fruit of the Loom-T-Shirt „Valueweight“ (der Merch-Bestseller) € 1,82 netto und ein FOTL „Heavycotton“ € 2,05. Hinzu kommt der Siebdruck: bis zu 2.000 T-Shirts 0,49 pro Stück, bei 3.000-5.000 St. € 0,34, ab 5.000 St. € 0,30. Insgesamt kostet also bedrucktes ein FOTL-T-Shirt € 2,16 netto (wenn wir mal von 3.000 St. ausgehen, was bei Casper oder Marteria ziemlich realistisch sein dürfte) oder € 2,39 netto (gleiche Stückzahl, aber „Heavycotton“; noch billiger wird’s jeweils bei höheren Stückzahlen).

Dazu kommen natürlich noch Layout-Kosten, die anteilig auf jedes verkaufte T-Shirt umgelegt werden, und etwaige andere Nebenkosten – sind wir mal großzügig und beziffern diese Kosten auf insgesamt 50 Cent pro T-Shirt. Wenn ein T-Shirt also für € 25.- (netto € 21,01) verkauft wird, bleiben für die Band etwa € 18,35 oder mehr übrig, wenn das T-Shirt für € 30.- (netto € 25,21) verkauft wird, sind es € 22,55. Klar, da gehen noch paar kleinere Unkosten ab (Versand, Merchandising-Personal), aber man sieht: Der Gewinn für die Bands ist beträchtlich. Kein Zufall, denn insbesondere kleinere Bands leben zum Großteil von den Merch-Verkäufen, ihre Gagen decken, wenn es gut läuft, gerade einmal die Unkosten. Bei Bands der Star-Kategorie wie Casper und Marteria allerdings sind die Merch-Einnahmen reiner Profit. „Faire Preise“? Kann man sehen, wie man will.
Was wäre nun passiert, wenn Casper und Marteria die von CTS Eventim geforderte Umsatzbeteiligung akzeptiert hätten? Gehen wir mal von einer 20%igen Eventim-Beteiligung und T-Shirt-Preisen von € 25.- aus. Bleiben € 20.- (netto € 16,81) als Einnahme für die Künstler. Davon gehen die Herstellungskosten ab, macht € 14,15 netto. Ist immer noch ein schöner Batzen Geld, oder?
(und klar, es ist wahrscheinlich, daß die T-Shirts von Casper und Marteria bei einer anderen Firma hergestellt wurden, und die genannten Preise können unterschiedlich sein – der Unterschied ist aber sicher geringfügig, und die Dimensionen bleiben gleich!)
Zusätzlicher Nebeneffekt: Durch ihre Pre-Merch-Aktion verfügen Capser und Marteria über die kompletten Kundendaten aller Fans, die ihr Merch-Produkt bei den Künstlern bestellt haben: Über die Adressen wie die Bezahldetails, also Kontoverbindungen oder Kreditkarten. Wie wir von den Imperiengeschäften wissen, kommt es im Konzertgeschäft auf Big Data an – insofern ein smarter Move der Rapper, sich mit einem coolen Image zu versehen und dennoch all die Daten ihrer Fans zu sammeln...

Klar, es ist eine Sauerei, daß die Mitesser vom Schlage der CTS Eventim-Firmen einfach 20 oder 25 Prozent vom Merchandising verlangen, obwohl sie ja bereits eine beträchtliche Miete für den Veranstaltungsort kassieren und sonst nichts weiter leisten. Dies gilt übrigens grundsätzlich für alle Veranstaltungsorte und Festivals, die prozentuale Beteiligungen am Merch verlangen.
Allerdings: für eine David vs. Goliath-Geschichte taugt das alles wenig, und schon gar nicht dafür, daß sich Künstler Fan-freundlich darstellen. Selbst wenn sich die Künstler auf den üblichen Eventim-Deal eingelassen hätten, hätten sie an jedem T-Shirt noch ordentlich verdient. Wesentlich mehr jedenfalls als die Näherinnen (laut FEMNET nämlich gerade mal 0,18 €...).
Die Forderung ist: Schafft Transparenz! Bei euren Kosten wie bei euren Einnahmen! Und das gilt für alle Veranstaltungsorte, aber eben auch für die Künstler...

15.09.2019

Seichte Fernsehunterhaltung schafft AfD-Wähler*innen

A propos Sachsen- und Brandenburg-Wahlen (und jenseits der Tatsache, daß es schon einigermaßen überraschend ist, wie schnell angesichts von einem Viertel Rechtsradikalen- und Rassisten-Stimmen zur Tagesordnung übergegangen wird...):
Eine italienische Studie über die politischen Hinterlassenschaften des Berlusconi-Fernsehens kommt zu interessanten Ergebnissen über die kognitiven Fähigkeiten von Dauerkonsumenten seichter Programme:
„Wer viel Zeit vor dem TV-Schirm mit seichter Unterhaltung verbringt, wird demzufolge nicht unbedingt klüger und wählt vor allem mit größerer Wahrscheinlichkeit eine populistische Partei.“
Das Ergebnis bestärkt weitverbreitete Annahmen: „einmal über den Zusammenhang zwischen der Dumpfheit von Unterhaltungsprogrammen und Ansprüchen, die an Äußerungen von Politikern gestellt werden, sowie über mögliche negative Auswirkungen dauerhafter Berieselung auf kognitive Fähigkeiten. Zusammengenommen ergeben sich aus der Studie politische Vorlieben, von denen besonders populistische Politiker und Parteien profitieren“ (Telepolis vom 7.9.2019).

Und jetzt übertragen wir kurz einmal die Ergebnisse dieser Studie auf die deutschen Fernsehprogramme, und fragen uns, welche Auswirkungen all die dumpfen Unterhaltungssendungen in ARD, ZDF oder den Dritten Programmen auf das Wahlverhalten der Menschen haben. Etwa die unerträglichen Shows wie „Immer wieder sonntags“, der „ZDF-Fernsehgarten“, „Wunderbares Schlagerland“, „Schlager-Spaß“, die „Feste der Volksmusik“, die „Grand Prix der Volksmusik“, die Carmen Nebel-Shows und wie all der Kram so heißt.
In meinem 2015 erschienenen Buch „I Have A Stream“ habe ich es so formuliert:
„Das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen ist nicht nur ein Verdummungsapparat, der zerstreut und ablenkt, sondern geradezu eine Ideologiemaschine, die Zustimmung zu den herrschenden Verhältnissen organisiert. Deutsches Fernsehen ist Valium fürs Volk.“

15.09.2019

Wie werde ich Popstar?

Musiker*innen aufgepaßt! Die „FAZ“ verrät euch was, nämlich:
„Wie werde ich Popstar?“
So der Titel eines großen Artikels auf den Seiten „Beruf und Chance“. Und wenn es jemand weiß, wie man Popstar wird, dann ist das natürlich die „FAZ“...
Allerdings, der Untertitel wirkt schon etwas desillusionierend: „Nur von der Musik leben – das klingt traumhaft, es schaffen aber nur wenige“. Nun ja, soo wenige sind es auch wieder nicht, jedenfalls jenseits der Kategorie „Popstar“.
Aber letztlich geht’s darum: „Wer weit kommen will, muss sich gut verkaufen. Künstlerische Kompromisse können helfen.“ Aha, also alles wie im falschen Leben bzw. im richtigen Kapitalismus: Kompromisse und Selbstmarketing. Und am besten lernt ihr all das laut „FAZ“: auf der Pop-Akademie, dem amtlichen Karrieristen- und Kompromiss-Beschleuniger par excellence!

15.09.2019

Bob Geldof hat eine Investmentfirma...

Ein bißchen von seiner Musik leben kann der Popstar Bob Geldof, den die „Süddeutsche Zeitung“ als „Musiker und Philanthrop“ vorstellt. Bekanntlich hat Geldof zusammen mit Sting den Song „Do they know it’s Christmas?“ verbrochen und „Live Aid“ gestartet.
2008 hat Geldof eine Investmentfirma gegründet, um aufstrebende afrikanische Firmen zu unterstützen. Sein Unternehmen allerdings investiert laut „SZ“ auch auf Mauritius – und kann damit von einem Steuermodell profitieren, das den afrikanischen Kontinent immens schädigt.
„Jedes Jahr verlieren Entwicklungsländer mehr Geld durch Steuervermeidung, Geldwäsche und Korruption, als sie im selben Jahr an Hilfsgeldern bekommen. Was die Folgen für den afrikanischen Kontinent angeht, ist Mauritius eine der schädlichsten Steueroasen“, erfahren wir in der „SZ“.
Ein echter Philanthrop, wer sich als Afrika-Helfer feiern läßt und in Wahrheit Afrika durch Steuervermeidung massiv schädigt.

15.09.2019

Autokonzern SEAT versucht den "Walk On The Wild Side"

Eine Unverschämtheit leistet sich SEAT, die ihre neuesten SUV-Panzer in einer Fernsehkampagne mit dem Velvet Underground-Song „Walk On The Wild Side“ bewerben.
„Mittendrin bei den #Seatsounds Kiosk Konzerten“, schleimt sich der Automobilkonzern in mehrseitigen Anzeigen zum Beispiel im „Musikexpress“ bei den Fans ein. Das dürfte nach hinten losgehen. Da könnt ihr noch so sehr eure Marketingtricks bejubeln („Gemeinsam mit SEAT feierten wir zum ersten Mal die #SEATsounds Kiosk Konzerte presented by MUSIKEXPRESS“...), wer eine derartige Geschmacklosigkeit begeht, erhält die rote Karte. Und tschüss.

15.09.2019

Senatspopfestival, Subventionen, Transparenz...

Ach ja, und das Berliner Senatspop-Festival, die sogenannte „Pop-Kultur“?
Alles wie immer, nur schlimmer. Dieses Jahr haben sie für Konzerte von „Lieblingen der mittelständischen Musikpresse“ („Junge Welt“) etwa 1,2 Millionen Euro Subventionen verbraten. Bei etwa 10.000 Besucher*innen bedeutet das, daß jede Eintrittskarte mit 120 Euro subventioniert wurde (dazu kommt dann noch der Eintrittspreis). 120 Euro pro Ticket – ganz schön sportlich, fast so hoch wie die Subventionen von Opern und Klassikkonzerten... Und wofür? Für altbekannte Gesichter und Bands, die sowieso praktisch jedes Jahr in Berlin spielen, nur eben von freien Konzertveranstaltern ohne Subventionen finanziert. Und für das eine oder andere „Kommissions“-Konzert, denn man will ja unbedingt Pop als Hochkultur präsentieren, da muß alles kuratiert und nicht einfach so gebucht werden.
Und allüberall in der Kulturbrauerei sind wie jedes Jahr bei der von Berliner Spöttern längst „Pups-Kultur“ genannten Veranstaltung Sponsorenlogos angebracht, ganz wie bei jedem altbackenen Kommerzfestival. Und warum? Damit die „Happy Few“ aus Musikindustrie, Journalismus und Politik umsonst und abgetrennt vom normalen Pop-Völkchen kostenlos Bier und Aperol Spritz süffeln dürfen (denn: die Gesetze verbieten es Senats-Institutionen, Freigetränke auszuschenken). Als ob die Pop-Funktionäre nicht genug verdienen würden, um sich ihre Getränke selbst kaufen zu können.
Das ganze Konzept ist erbärmlich. Pop-Berlin darbt, die Proberäume und Mieten werden kontinuierlich teurer (auch wenn der Kultursenator die Proberäume des Pop-Hauses in letzter Sekunde retten konnte), die musische Bildung darbt, die Lehrer*innen an den Musikschulen werden prekär bezahlt – aber man wirft 1,2 Millionen Steuergelder raus für etwas, was die erfahrenen und geviewten freien Veranstalter*innen Berlins für ein Viertel des Geldes besser veranstalten könnten. Ein Trauerspiel, das sich nächstes Jahr mit der Gewißheit einer tibetanischen Gebetsmühle fortsetzen wird...
Interessant wäre übrigens auch hier eine Transparenz der Ausgaben. Wieviele Mittel werden für Gagen ausgegeben (wie zu hören war, sind die nämlich alles andere als üppig), wieviel für Werbung und Gehälter usw. Das ist doch das Mindeste, was man von einem üppigst mit Steuermitteln gepamperten Senatspop-Festival erwarten darf. Prost!

15.09.2019

Sonny Terry & Brownie McGee spielen nur im Ghetto

Der Musiker Penny Rimbaud erzählt in „The Wire“ von einem großen Folk-Festival, das 1972 in Washington stattgefunden hat. Dort waren auch Sonny Terry und Brownie McGee gebucht (wer mehr über diese beiden Ausnahmemusiker erfahren bzw. von ihnen hören will, sei auf die großartige CD „Conversation with The River“ aus der 49-CD-„World Network“-Reihe hingewiesen, die einen WDR-Mitschnitt von 1980 enthält). Doch Sonny Terry und Brownie McGee weigerten sich, auf dem Festival vorm Weißen Haus aufzutreten, sie würden in Washington ausschließlich im Ghetto spielen. Sie nahmen die Gage, verkündeten all den weißen Folk-Fans: „If you want to see us...“, und spielten ihren Blues im Ghetto, wo die afro-amerikanischen Armen lebten.
„I thought this was a fantastic statement“, merkt Penny Rimbaud an. In der Tat!
Gut, ich weiß, die Zeiten sind heute andere, und in Berlin gibt es keine Ghettos, die mit denen des schwarzen Amerika Anfang der 70er Jahre vergleichbar sind. Aber wäre es nicht ein „fantastisches Statement“ zumindest von sich als politisch verstehenden Bands wie zum Beispiel den Goldenen Zitronen gewesen, wenn sie einfach gesagt hätten: „Hey Leute, danke schön für Einladung und Gage, aber wir spielen heute nicht am Prenzlauer Berg, sondern im Wedding oder in Neukölln.“ Wenn schon die Veranstalter*innen des Pop-Kultur-Festivals nicht auf derartige Gedanken kommen...

15.09.2019

Ideologische Entkrampfung und Richard Strauss

Er hat es wieder getan: Jan Brachmann, der eingefleischte Cordhosen-Neokon im Klassik-Feuilleton der „FAZ“, betreibt Ehrenrettung für Richard Strauss: „Dank einer ideologischen Entkrampfung erfährt Strauss’ Werk eine neue Bewertung“, behauptet Brachmann. Mal jenseits der Tatsache, daß die Werke von Richard Strauss, seit ich die Szene verfolge (also seit mehr als vier Jahrzehnten) allüberall und rauf und runter gespielt werden, und die Behauptung daher eo ipso schon ein ziemlicher Schmarrn ist – aber worin soll denn nun die „ideologische Entkrampfung“ bestehen?

Richard Strauss war ein nazifreundlicher und nazinaher Komponist: Er war als Präsident der Reichsmusikkammer ein hoher Funktionär des NS-Staats, und er war seit jeher ein veritabler Antisemit und Rassist, der (im Briefwechsel mit Cosima Wagner beispielsweise) u.a. äußerte: „Bayreuth und Jerusalem (und alles, was von des letzteren Geiste durchtränkt und zerfressen ist) sind Pole, die sich wohl nie berühren werden“, oder „...die ekelhaften, dummen, albernen, faulen, schmutzigen Araber (...) Das Volk ist so widerlich...“ (weitere Äußerungen dieser Art kann man auf Seite 458 f. meines „Klassikkampf“ nachlesen).

Und in einem Brief vom Mai 1947 schreibt er aus der Schweiz über das amerikanische Konzentrationslager Deutschland“ – einmal Nazi, unbeirrt immer Nazi.

Entweder findet Bayreuth-Fan Brachmann derartige Äußerungen nicht allzu schlimm, im Sinne von „wird man ja noch sagen dürfen, daß Araber ekelhaft, dumm, faul und schmutzig sind“. Oder er will diese Äußerungen ebenso bewußt verdrängen wie die Tätigkeit von Richard Strauss als hoher Nazi-Funktionär.
Wie Brachmann sich dann allerdings in die Bresche wirft, ist selbst eines konservativen Feuilletons unwürdig: „Die Diffamierungen von Strauss traten als das zutage, was sie sind: taub, blind und dumm.“ Die Wahrheit wird zur Diffamierung. Es kann und darf eben keinesfalls sein, was ist. Richard Strauss wird dank „ideologischer Entkrampfung“ entnazifiziert und entrassisiert, und die Erde ist endlich wieder eine Scheibe: Man kann so schön drüber schauen, wenn alles flach ist.

15.09.2019

Michael Madsen sagt...

„The oddest thing is when children recognize me from Free Willy and their parents recognize me from Reservoir Dogs. The kids are, like, ‘There’s Glen!’ and the parents are, like, ‘Don’t go near that guy!’”
(Michael Madsen, Schauspieler und Lyriker)

15.09.2019

Wir müssen einen Kredit aufnehmen, um Wissenschaftsbücher lesen zu können

Ein wirklich interessantes Buch mit vielen Insiderinformationen aus der Musikindustrie ist Daniel Nordgards „The Music Business and Digital Impacts: Innovations and Disruptions in the Music Industries“. Es erscheint beim Springer Wissenschaftsverlag (der nichts mit Axel Springer zu tun hat), hat 129 Seiten und kostet – 99,18 Euro!
Sagt mal, ihr Leute beim Springer Verlag – habt ihr sie eigentlich noch alle am Christbaum?!? Was soll das? O.k., ihr wollt nicht, daß das Buch wirklich gelesen wird, das habe ich verstanden, es soll von Bibliotheken und von den Konzernen der Musikindustrie gekauft und ins Regal gestellt werden. Aber was war gleich nochmal die Aufgabe des Buchdrucks? Daß wissenschaftliche Erkenntnisse unter die Leute gelangen. Ihr aber betreibt das Gegenteil!
(und das ist jetzt nur ein Beispiel für astronomische Preise für Wissenschaftsbücher)

15.09.2019

Festivals go Private Equity

Es ist ein armselig Ding um das – Festivalgeschäft!
Immer mehr renommierte Festivals werfen sich Private Equity-Konzernen und Hedge Fonds an den Hals, den sogenannten Kapitalorganisatoren. Ganz besonders tut sich dabei ein Konzern namens Superstruct Entertainment hervor, der zu Providence Equity Partners gehört und in den letzten Jahren auf Beutezug durch die europäische Festivallandschaft gegangen ist und Mehrheitsbeteiligungen u.a. an Sziget (Ungarn), Sónar (Spanien und weltweite Tochterfestivals), Øya (Norwegen) und Flow (Finnland) erworben hat. Diesen Sommer hat Superstruct auch in Deutschland zugeschlagen und Mehrheitsbeteiligungen an Parookaville und am legendären Wacken Festival erworben.
Warum die Festivals sich vom Finanzkapital kaufen lassen? Ganz ehrlich: ich weiß es nicht. Zum einen sicher, um etwaigen finanziellen Unwägbarkeiten aus dem Weg zu gehen, schließlich ist mit dem Festivageschäft ein hohes wirtschaftliches Risiko verbunden, und jedes Jahr gehen etliche Festivals pleite. Warum aber ein Festival wie Wacken, das Jahr für Jahr und ein Jahr im Voraus ausverkauft ist, einen Private Equity-Investor an Bord holt, ist ein Rätsel.
Jedenfalls: aus Sex & Drugs & Rock’n’Roll ist längst Private Equity & Hedgefonds & Brands’n’Sponsoring geworden. Und der Musik dient es am allerwenigsten, wenn das Finanzkapital die Kontrolle über die Festivals übernimmt.

15.09.2019

Dieter Bohlen

„Dieter Bohlen – Oh nein, das Grauen ist zurück!“
(Schlagzeile in „Das neue Blatt“, via FAS)

15.09.2019

Noch ein Musikpreis!

Was braucht die Musikwelt am wenigsten? Noch einen Musikpreis.
Das haben sich auch die Macher im „Axel Springer Mediahouse Berlin“, dem Konzern, der u.a. den „Rolling Stone“ und den „Musikexpress“ herausgibt, gesagt, und konsequent, wie sie sind, haben sie ... genau: einen weiteren Musikpreis begründet! Nicht Echo, nicht Hype-Awards, nein, gleich „International Music Awards“ sollen es sein, die im Herbst vom deutschen „Rolling Stone“ vergeben werden. Ort des Geschehens: die inmitten städtebaulicher Ödnis vom AEG-Konzern in die Nähe des Ostbahnhofs implantierte kleine Mehrzweckhalle mit dem Namen eines Versicherungskonzerns, also die Verti Music Hall. Topf und Eimer, oder wie sagt man?
Man kann gar nicht so viel gähnen, wie man sich langweilt.

23.08.2019

The Meditations vs. Meditationen - Entspannungsmusik und Plattformbusiness

Musikalische Realität im Zeitalter des Plattform-Business:

Wenn man bei Amazon „The Meditations“ unter „Musik-CDs & Vinyl“ eingibt, erhält man seitenlang Vorschläge wie „Wind of the North: Irisch-keltische Musik – GEMA-frei. Belebend, für eine positive, optimistische Stimmung“ (also eine Art neoliberale Propagandamusik), oder „An Open Sky – beruhigende Gitarre und Cello-Musik für Entspannung, Meditation und Wohlbefinden“, oder „Relaxing Nature Sounds 4 CD Set – für Meditation, Entspannung und Schlaf“, oder „Fantasiereisen und Meditationen für Kinder“, oder auch „Meditationen zur Engel-Therapie“ (Engel-Therapie?!? im Ernst jetzt? Schlimm genug, daß sogar Mafia-Boss Soprano eine Therapie begonnen hatte, aber seit wann müssen auch Engel therapiert werden?) oder „Wellnessmusik und Entspannungsmusik instrumental“, „Innere Mitte Atemreise – Schnell Meditation“, „Ambient Drone Meditation Music“ und „Tibetan Singing Bowl & Om Chanting Meditation“, und nicht zuletzt eine CD mit dem vielversprechenden Titel „Glücklich & Frei – in 12 Minuten“ – also, wenn man glücklich und frei, jeweils groß geschrieben, in nur 12 Minuten werden kann, scheinen mir schlappe 14,90 Euro zu diesem Zweck denkbar gut angelegt. Ein bisserl teurer wird’s dann mit „Chakra Balancing Solfeggio Frequencies – 528 Hz Sound Healing & Meditation Music“, die kostet 120,12 Euro plus 3 Euro Versand. Was es wohl mit „Solfeggio Frequencies“ auf sich haben mag? Auch das Klassik-Label Deutsche Grammophon ist übrigens kräftig im Meditations-Business tätig und bietet unter anderem eine gleichnamige CD von Elina Garanca für 7,99 Euro sowie eine CD „Meditation – Klassik zum Entspannen“ („von Mischa Maisky, Rudolf Serkin, Patrik Gallois, Bach, et al“ – wer ist wohl dieser „Bach“?) für günstige 4,99 Euro an – Meditation zum Wegwerfpreis also.

So geht das sage und schreibe 400 Seiten lang – wer wissen will, wie unsere Gesellschaft auf den Entspannungs-Hund gekommen ist, möge bei Amazon nachschlagen. Was man dort jedoch nicht findet (jedenfalls nicht auf den ersten zwölf Seiten, dann habe ich aufgegeben), ist Musik der jamaikanischen Band The Meditations, nach der man eigentlich gesucht hat – der Band also, die zum Beispiel den Song „Running From Jamaica“ geschrieben hat, in dem sie ihre Mitbürger*innen dazu aufruft, im Land zu bleiben.

(inspiriert von Maximilian Schäffers Artikel „Youtube in Babylon“ in der jw vom 23.8.2019)

Seiten