Blogdarstellung in voller LängeBlogdarstellung mit Anrisstexten
Berthold Seliger - Blog abonnieren
Blog Archiv - Jahr %1
21.03.2016

Paul van Dyk verbietet AfD, seine Musik zu spielen

Wieder einmal wehrt sich
ein Pop-Musiker gegen die Nutzung eines Songs durch eine politische Partei.
Diesmal ist es der in der Qualitätspresse „Techno-DJ“ genannte Paul van Dyk,
der der AfD eine Unterlassungserklärung zukommen gelassen hat, mit der er der
Partei „jedwede unberechtigte Nutzung“
seines Stücks „Wir sind wir“ verboten hat. Ein Stück, das von Peter Heppner
gesungen wird und von Paul van Dyk komponiert wurde und das der
Fraktionsvorsitzende der AfD in Thüringen, Björn Höcke, bei monatlichen
AfD-Kundgebungen auf dem Erfurter Domplatz spielen ließ.

Das hört sich auf den
ersten Blick sehr politisch korrekt an. Der als SPD-Anhänger geltende van Dyk
wehrt sich gegen den Mißbrauch seines Stückes durch Rechtspopulisten. Doch:
warum nutzen besagte Rechtspopulisten denn das Stück von Paul van Dyk? Zeilen
in dem Song legen jedenfalls die Vermutung nah, daß dieser Song der AfD gut ins
politische Konzept paßt, denn dort heißt es u.a.:„Auferstanden aus Ruinen dachten wirWir hätten einen Traum vollbracht.40 Jahre zogen wir an einem Strang.Aus Asche haben wir Gold gemacht. (...)Jetzt ist mal wieder alles andersUnd was vorher war, ist heute nichts mehr wert.“

Das ist ein Text, den jeder
dieser ewig zu kurz gekommenen Pegida-Anhänger aus voller Seele mitgrölen kann.Wie wäre es denn, wenn
Musiker, anstatt das Abspielen ihrer Songs auf Demonstrationen von
Rechtspopulisten zu untersagen, einfach Musik und Texte schreiben würden, die
sich nicht für das Abspielen bei AfD-Kundgebungen eignen? Damit wäre uns allen
geholfen.

21.03.2016

29 Prozent der Bundesbürger wollen Schießbefehl auf Flüchtlinge

29 Prozent der Befragten
einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov halten es laut „Berliner
Zeitung“ vom 8.2.2016 für gerechtfertigt, unbewaffnete Flüchtlinge mit
Waffengewalt am Grenzübertritt zu hindern.Ein knappes Drittel der
Bundesbürger sind also für eine Art Schießbefehl gegen unbewaffnete Flüchtlinge
an „unseren“ Grenzen.Puh.

Ich erinnere mich an die
„SINUS-Studie“ über rechtsextremistische Einstellungen bei den Deutschen in der
BRD, die 1980 von der Bundesregierung Helmut Schmidts in Auftrag gegeben und
unter dem Titel „5 Millionen Deutsche: Wir sollten wieder einen Führer
haben...“ bei rororo aktuell veröffentlicht wurde. Laut dieser SINUS-Studie
verfügten mindestens 13 Prozent der Bevölkerung über ein „geschlossenes
rechtsextremes Weltbild“, und weitere 37 Prozent waren „empfänglich für rechtsextreme
Denkinhalte“, lehnten aber Antisemitismus oder Führerkult ab. Laut SINUS-Studie
hatten 1980 also die Hälfte der BRD-Bürger ein geschlossenes oder nicht
geschlossenes rechtsextremes Weltbild.Und wie gesagt, bei dieser
Untersuchung waren die Sachsen noch nicht einmal mit einbezogen...

„Immer wieder formulieren: das Schuldbekenntnis der
Deutschen nach der Niederlage des Nationalsozialismus war ein famoses
Verfahren, das völkische Gemeinschaftsempfinden in die Nachkriegsperiode
hinüberzuretten. Das Wir zu bewahren war die Hauptsache.“ (Max Horkheimer)

21.03.2016

Überflüssiges Musiker-Interview in "Berliner Zeitung"

So ziemlich das
Überflüssigste im Popgeschäft sind Musiker*innen-Interviews.Selten erfährt man etwas
Interessantes, meistens gibt es nur banales Geschwätz zu lesen, was ja auch
kein Wunder ist, denn das, was Musiker*innen zu sagen haben, ist ja in ihrer
Musik enthalten (oder auch nicht). Es wäre eigentlich an den
Popjournalist*innen, das Werk zu analysieren und einzuordnen. Das allerdings
ist kompliziert und macht Arbeit – weswegen wir weiter all diese
uninteressanten und meist banalen Popmusik-Interviews lesen müssen.Wie etwa das Gespräch, das
die „Berliner Zeitung“ mit den aktuellen Medienlieblingen von Isolation Berlin
führte und das mit einem leider ironiefreien „jetzt schon eine Band des Jahres“ eingeleitet wurde.Anstatt sich mit dem neuen
Album der Band auseinanderzusetzen, das Große oder auch das Problematische
daran herauszuarbeiten, dürfen wir garantiert geistferne Fragen wie diese
lesen: „Ich hatte nicht erwartet, die
ganze Band hier in Ihrer WG anzutreffen!“ – „Proben Sie nachher noch zusammen?“ – „Oh, hier liegen Klaviernoten!“ – „Sie veröffentlichen gerade Ihr erstes Album und müssen zum ersten Mal
in Ihrem Leben Interviews geben. Gibt es Fragen, die Sie verwundern?“ – „Können Sie Ihr erstes Album selber noch
hören?“ – „Wurden Sie schon mal im
Radio von Ihren Songs überrascht?“ – „Wie
entsteht ein Song bei Ihnen?“ undsoweiter undsofort schwallt das fast eine
halbe Seite lang im „Bravo“-Stil im Feuilleton der „Berliner Zeitung“, daß es
kaum auszuhalten ist, um dann in der Frage zu gipfeln, „welche Gedichte Sie unseren jungen Lesern denn empfehlen können“.Im See der Trostlosigkeit
des deutschen Pop-Feuilletons herrschte am 23.2.2016 zusätzlich noch Ebbe;
alles war ausgetrocknet und öd und leer.

21.03.2016

Rüstungsexporte & Sigmar Gabriel

Was aber macht unser
kleiner Isnogud, der Kalif werden will anstelle der Kalifin?Nun, Wirtschaftsminister
Sigmar Gabriel (SPD), der bei seinem Amtsantritt 2013 versprochen hatte, die
bundesdeutschen Rüstungsexporte „deutlich einzuschränken“, zeigte einmal mehr,
wie diese „deutliche Einschränkung“ konkret zu verstehen ist: Im Jahr 2015 hat
die Bundesregierung deutlich mehr Rüstungsexporte als zuvor genehmigt. Das
Gesamtvolumen der Waffenexporte lag bei rund 7,5 Milliarden Euro, im Vergleich
zu 3,97 Milliarden im Jahr 2014. Das ist die höchste Zahl von Rüstungsexporten
in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Lieferung eines U-Bootes im Wert von
351 Millionen ließ er dabei sogar noch unter den Tisch fallen. Und zählt man
außerdem die Sammelausfuhrgenehmigungen hinzu, stieg die Zahl der
bundesdeutschen Rüstungsexporte im Jahr 2015 in Wahrheit auf über 12,8
Milliarden Euro – ein Armutszeugnis nicht nur für einen SPD-Minister, der
versprochen hatte, die Rüstungsexporte drastisch zu reduzieren, sondern auch
für den Koalitionspartner, der das „c“ für „christlich“ in seinem Namen führt.

21.03.2016

Der Versicherungsbetrug der SPD

Aber mal im Ernst: Wenn die
SPD und die ihnen freundlich gegenüberstehenden Medien mal wieder darüber
nachdenken, warum so wenig Leute noch die Sozialdemokraten wählen (wobei ich
nach wie vor finde, daß die Frage falsch gestellt ist: erstaunlich ist doch
recht eigentlich, daß es überhaupt noch Menschen gibt, die die SPD wählen...),
fehlen immer die naheliegenden Gründe. Die hauptsächlich darin bestehen, daß
die SPD Hand in Hand mit den Grünen seit 1998 die Lebenssituation der
Wohlhabenden so deutlich wie einseitig verbessert und die Lebenssituation der
weniger Wohlhabenden drastisch verschlechtert hat.

Nehmen Sie das Beispiel der
Privatisierung der Altersversorgung, die so hübsch nach einem Versicherungsangestellten,
der eine Zeit lang SPD-Bundesminister war, benannt wurde, nämlich die sogenannte
Riester-Rente. Der Versicherungsexperte Holger Balodis (aktuelles Buch:
„Garantiert beschissen! Der ganz legale Betrug mit Lebensversicherungen“) sagt
im Interview mit Reinhard Jellen auf „Telepolis“:

„Die unter Rot-Grün beschlossene Riester-Reform war
überflüssig. Die in den 1990er Jahren erfolgten Reformen hatten die gesetzliche
Rente bereits wetterfest und zukunftsfähig gemacht. Doch die Politik folgte
seinerzeit den Forderungen der Lobbyisten und den Arbeitgebern. Die einen
wollten einen Einstieg in die Privatisierung der Rente, die anderen wollten
dauerhaft niedrige gesetzliche Rentenbeiträge. Also demontierte man ohne Not
die gesetzliche Rente. Seitdem dient das sinkende Rentenniveau als Begründung
für den Zwang zu mehr privater Vorsorge.“

Und wie kam es dazu? Noch
einmal Holger Balodis:
„Die Lobbyisten hatten nach jahrelangen
Mühen die Politiker weichgeklopft. Man muss wissen, dass damals ohnehin eine
allgemeine Privatisierungseuphorie den Zeitgeist bestimmte. Dazu kamen
interessante personelle Verflechtungen zwischen Politik und Finanzwirtschaft,
außerdem beachtliche Parteispenden von den Versicherungsunternehmen. Dazu eine
Debatte über eine angebliche demografischen Falle. Und prominente
Wissenschaftler, die all das in die Öffentlichkeit trugen. Später stellte sich
heraus, wie sehr auch sie mit der Finanzwirtschaft verbandelt waren. Da kam
also viel zusammen. Aber es war nicht zuletzt der Durchsetzungswille von
Kanzler Schröder, der sich später als guter Freund von AWD-Gründer Carsten
Maschmeyer outete.“

Wer hat uns verraten? Und
jetzt alle im Chor...

21.03.2016

Romantik nach Peter Hacks

Literaturtheorie in Zeiten
des Erstarkens der AfD: die Romantik als das Bündnis der Unzufriedenen von
rechts und links:„Die Übereilung und die Erinnerungsseligkeit sind die beiden
Feinde des Vorangehens, und kein Punkt ist von dem des Jetzt weiter entfernt
als der, wo Übereilung und Erinnerungsseligkeit sich touchieren. Für den Pakt
aller, die das Falsche meinen, den Verbund der Abweichungen besitzt nun aber
die Sprache ein Wort, das Wort Fronde. […] Die Romantik ist der Überbau der
gegenbonapartistischen Fronde.“ (Peter Hacks)

21.03.2016

Kendrick Lamar udn die bürgerliche "Zeit"

Nicklas Baschek rümpft
auf „ZeitOnline“ die Nase über
Kendrick Lamar. Eckte Lamar früher tatsächlich noch an, sei er nun auf ekletischen
Schmusekurs umgestiegen: „Lamars aktuelle
Platte ist also das Album der
Konsolidierung. Sehr bürgerlich, im Bestehenden verharrend."
Schreibt Baschek im Zentralorgan der bürgerlichen, das Verharren im Bestehenden
wortreich und unbedingt immer verteidigenden „Zeit“...

21.03.2016

Haiti und "Freiheit"

Wann immer von Haiti die
Rede ist, wie aktuell wieder angesichts der gegenwärtigen politischen Krise, kann
man die einschlägigen Worthülsen hören und lesen: Instabilität, Voodoo,
Korruption, Unregierbarkeit.Doch ein Teil der Probleme
ist alles andere als hausgemacht: Als Haiti 1804 nach einem langjährigen
Befreiungskampf seine Unabhängigkeit von Frankreich erklärte, wurde das Land
nicht nur der erste freie Staat Lateinamerikas, sondern auch zur ersten
selbständigen „schwarzen“ Republik der Erde. Erstmals in der Geschichte hatte
eine Sklavengesellschaft erfolgreich ihre herrschende Klasse gestürzt. Doch die
(ehemaligen) Kolonialherren – wohlgemerkt: das war das Frankreich unmittelbar
nach seiner Revolution! und nicht einmal während der französischen Revolution
war die Sklaverei in den französischen Kolonien abgeschafft worden; natürlich nicht, denn ein beträchtlicher
Teil der französischen Bourgeoisie, um deren politische Revolution es 1789
ging, war von der Sklavenökonomie wirtschaftlich abhängig... – blieben unerbittlich:
Die ehemaligen Sklaven mußten 90 Millionen Goldfrancs als „Reparation“ an die
ehemaligen Sklavenhalter und Kolonialherren zahlen.

Denn: „dieselben Philosophen, die die Freiheit als den natürlichen Zustand
des Menschen betrachteten und sie zu einem unveräußerlichen Menschenrecht
erklärten, akzeptierten die millionenfache Ausbeutung der Sklavenarbeiter in
den Kolonien als Teil der gegebenen Weltordnung“ (Susan Buck-Morss, deren
Buch „Hegel und Haiti“ unbedingt lesenswert ist). Und wenn in Großbritannien
Locke Freiheit als „Schutz des
Privateigentums“ betrachtete, dann gehörten zu diesem Privateigentum mit
allergrößter Selbstverständlichkeit auch die Sklaven.  Rosseau erwähnt die Sklaverei in seinem
„Gesellschaftsvertrag“ mit keinem einzigen Wort (und er spricht ja durchaus
über Menschen aus allen Teilen der Welt – die Afrikaner allerdings läßt er
aus). Oder: „Die Männer, die
zusammenkamen, um die unabhängigen Vereinigten Staaten zu gründen, gewidmet der
Freiheit und der Gleichheit, hielten entweder selbst Sklaven oder waren bereit,
mit jenen zusammenzuarbeiten, die es taten“ (Edmund S. Morgan). „Amerika nimmt seinen Anfang in schwarzer
Plünderung und weißer Demokratie, zwei Merkmale, die sich nicht widersprechen,
sondern ergänzen“, schreibt Ta-Nehisi Coates in „Zwischen mir und der
Welt“.

Dies alles sollte man sich
immer wieder vor Augen führen und bedenken, wenn die Geschichte der westlichen
Nationen wieder einmal als endloses Narrativ der menschlichen Freiheit
konstruiert wird. Die „Freiheit“, von der immerzu die Rede ist, war stets nur die
Freiheit des weißen Mannes (und die Betonung liegt auf „weiß“ und „Mann“).

(In Heft 388 vom September
2015 hat sich die Zeitschrift „ila“ in einem lesenswerten Schwerpunkt mit Haiti
beschäftigt; darin ist auch der Aufsatz „Das Politische im haitianischen Vodou“
enthalten, in dem Peter Scheiffele darüber berichtet, wie westliche Vorurteile
den Vodou als Alltags- und Widerstandspraxis verkennen. R.I.P., Peter!)

21.03.2016

Rüstung: Hubschrauber, die nicht einsatzfähig sind...

Und
wenn wir mal wieder hören, daß für Kultur und für Bildung kein Geld da sei,
sollten wir die Politiker*innen, die uns derartigen Quark erzählen, zum
Beispiel darauf hinweisen, daß die Bundeswehr-Hubschrauber vom Typ NH90 fünf
Milliarden Euro kosten. Obwohl seit 1990 geplant, fehlt noch die Hälfte der 82
Bestellungen. Bis heute ist keiner dieser Hubschrauber voll einsatzbereit.Ich
wüßte schon, wie das Geld besser verwendet worden wäre...

21.03.2016

Iran: Rüstungsgeschäfte

Im Iran
ist wieder alles in Butter, und die Großkonzerne der abendländischen
Wertegemeinschaft machen wieder eifrig Geschäfte mit dem Regime. Wer wollte
sich schon darüber aufregen, daß die iranische Regierung am
Auschwitz-Gedenktag, der zufällig just der Tag ist, an dem Rohani in Frankreich
von Staatschef Hollande mit großem Pomp und in allen Ehren empfangen und an die
Industrievertreter weiter gereicht wurde, bei denen Rohani dann seine
Airbus-Bestellungen aufgeben konnte – daß just am Tag des weltweiten
Auschwitz-Gedenkens also die iranische Regierung einen weiteren „Holocaust
Cartoon Contest“ abhält. Dem Karikaturisten, der sich am übelsten über den
Genozid lustig macht, winken 50.000 Dollar Preisgeld.Und da
haben wir noch gar nicht davon gesprochen, daß im Iran im Jahr 2015 mehr als
1.000 Exekutionen durchgeführt wurden – ein trauriger Rekord, es wurden noch
mehr Menschen hingerichtet als unter Achmadinedschad. Aber wer wollte sich an
so etwas stören, wenn doch die offizielle Linie heißt: Versöhnung mit dem Iran!
Die französische, die deutsche Wirtschaft atmen auf. Man kann wieder Geschäfte
machen mit dem iranischen Regime. Geschäfte allerdings, an denen Blut klebt.

21.03.2016

Pressevielfalt: Berlins Wandgemälde verschwindet...

Pressevielfalt:

Der
„Tagesspiegel“ titelt am 8.2.2016: „Eines
der größten Wandgemälde verschwindet“, nämlich das sich über drei
Brandwände erstreckende Fassadenbild an der Uhlandstraße 187, das 2004 von zwei
Graffiti-Künstlern gemalt wurde und bald nicht mehr zu sehen sein wird, weil
auf dem Gelände ein modernes Hotel gebaut wird.Einen
Tag später, am 9.2.2016, titelt die „Berliner Zeitung“: „Wieder verdrängt ein Neubau ein Stück Kunst“, und raten Sie mal,
wovon der Artikel handelt...Die
„taz“ braucht drei Tage, um das Thema aufzubringen: Am 11.2.2016 titelt die
„tageszeitung“: „Ende der Wände.“

Wie gut,
daß wir so viele verschiedene Tageszeitungen haben, die alle dasselbe
schreiben, und manchmal auch das Gleiche...

21.03.2016

Tagesspitzel: Anschlagsplan auf Checkpoint Charlie

Auch
gut:

Der
„Tagesspiegel“ erscheint am 5.2.2016 mit der großen Schlagzeile „Anschlagsplan für Checkpoint Charlie“
auf seiner Titelseite; Untertitel: „Sicherheitskreise:
Islamisten wollten Tourismusziel treffen. Auftrag soll vom IS aus Syrien
gekommen sein.“Im
Kleingedruckten, also im dazugehörigen Artikel, dementiert der „Tagesspiegel“
dann allerdings seine Blödzeitungs-Schlagzeile: „Hinweise, daß die Gruppe bereits begonnen hatte, einen Anschlag auf
den Checkpoint Charlie konkret vorzubereiten, gibt es derzeit aber offenbar
nicht. Die Bundesanwaltschaft hat bislang auch nicht die Ermittlungen an sich
gezogen.“Aha. Es
gibt also keinerlei Hinweise auf einen Anschlag am Checkpoint Charlie, weswegen
der „Tagesspiegel“ fett „Anschlagsplan
für Checkpoint Charlie“ getitelt hat.Man
könnte auch sagen: Wir haben euch, liebe Leserinnen und Leser, mal eben ein
wenig verarscht. Oder desinformiert. Oder belogen. Weil es unser Job ist,
Aufmerksamkeit zu erzeugen, die dazu führt, daß ihr unser Blatt kauft, in dem
dann drinsteht, daß die Aufmerksamkeit erzeugende Schlagzeile eine pure
Erfindung ist.

Laut
einer Umfrage der „Zeit“ haben 53 Prozent der Deutschen wenig und 7 Prozent gar
kein Vertrauen in die politische Berichterstattung und die Informationsleistung
der Medien, bei deutlich sinkender Tendenz. Wundert uns das?In den
USA sind Zeitungen für die Meinungsbildung bereits komplett irrelevant
geworden, nur noch 22 Prozent der US-Bürger*innen vertrauen den Zeitungen
(gegenüber 51% in 1979), und nur noch 2 Prozent der US-Amerikaner nutzen
nationale Tageszeitungen, um sich über den Wahlkampf zu informieren – selbst
„Late Night Comedy“ dient mehr Menschen als Informationsquelle. Und in
Großbritannien nutzen nur noch 2% der 35- bis 44-Jährigen Print (1% der 45- bis
54-Jährigen, 4% der 55- bis 64-Jährigen, und null Prozent der 18- bis
34-Jährigen...).

21.03.2016

Frankreichs Ministerin Taubira tritt zurück - über Haltung in der Politik

In
Frankreich ist die Justizministerin Christiane Taubira von ihrem Amt
zurückgetreten aus Protest gegen ein von Regierungschef Holland geplantes
Gesetz, wonach französischen Staatsbürgern unter bestimmten Bedingungen die
Staatsbürgerschaft entzogen werden darf. Ein Gesetz, das sich natürlich gegen
Migranten richtet und das zwei Kategorien von Franzosen schaffen wird: Auf der
einen Seite die Alteingesessenen, die keinen Staatsbürgerschaftsentzug fürchten
müssen, und auf der anderen Seite die Neufranzosen mit Migrationshintergrund,
die künftig aus der französischen Nation ausgestoßen werden können.Dieses
Gesetz konnte und wollte Christiane Taubira nicht mittragen und begründete
ihren Schritt auf Twitter: „Widerstand zu
leisten erfordert manchmal, daß man geht. In Treue zu sich selbst, zu uns.
Damit das letzte Wort die Ethik und das Recht behalten.“

So
viel Rückgrat würde man sich von Politiker*innen hierzulande wünschen. Etwa von
einem sozialdemokratischen Justizminister, der im Wahlkampf gegen die
Vorratsdatenspeicherung antritt, die er wenig später in ein Gesetz gießt...Doch
Christiane Taubira kämpft weiter – sie hat vier Tage vor der Diskussion über
das reaktionäre neue französische Staatsangehörigkeitsrecht in der
Nationalversammlung einen hundertseitigen Essay zum Thema veröffentlicht,
„Murmures à la jeunesse“. Sie wird sich auch weiterhin einmischen und dicke
Bretter bohren. Antidiskriminatorisch und sozial sensibel. So, wie eine Politik
heute auszusehen hat, die sich nicht haltungslos von vornherein den
einschlägigen Rechtspopulisten in Politik und Medien unterwirft. Taubira
gibt eine Ahnung davon, was Politik sein könnte und vor Jahrzehnten tatsächlich
einmal war: Ein Kampf für Ideen und Konzepte. Politiker*innen standen einmal für
etwas und haben versucht, für ihre Politik Mehrheiten zu gewinnen, statt
einfach dem hinterherzurennen, von dem sie annehmen, daß die Bürger*innen es
wünschen. Politik meinethalben als das Bohren dicker Bretter und nicht als
Niederknien vor ständig neuen Umfrageergebnissen.

09.02.2016

Echo 2015 in weniger als zwei Minuten

Echo? Das ist diese von der
Lobbyorganisation der deutschen Musikindustrie veranstaltete Dauerwerbesendung,
die das Staatsfernsehen stundenlang im Abendprogramm auszustrahlen pflegt.
Alles, was Sie über den Echo @ ARD wissen müssen, habe ich anhand des Echos
2015 in weniger als zwei Minuten auf einem YouTube-Video zusammengefaßt.

09.02.2016

HUG, Lollapalooza, Sponsoring

Lollapalooza Berlin 2016
hat zwar noch keinen Spielort, aber kommerziell ist bereits alles am Start: „Kommen
Sie mit. Zum Melt!, zum splash!, zum Lollapalooza oder dem ‚Pure&Crafted’.
Wir bieten umfassende Sponsoringberatung ‚aus einer Hand’ - und haben eine
passende Medialisierung sowie Streaming-Pakete ebenfalls im Angebot“, flötet die
„Festivalvermarktungsabteilung“ des HUG-Konzerns in einer Mail Ende November
2015, „Copyright © 2015 Intro GmbH&Co.KG“.

In dieser Mail steht in
bemerkenswerter Offenheit, warum man Festivals wie Melt oder Lollapalooza
(mit-)veranstaltet:
„Die zunehmende Fragmentierung
jugendlicher Zielgruppen macht ein Engagement in jungen Umfelder immer
schwieriger. Im Vergleich dazu wächst der Festivalmarkt seit Jahren und
gehört zu den attraktivsten Möglichkeiten, eine Marke in jugendlichen Umfeldern
zu platzieren. Musik bedeutet Emotion und Leidenschaft: Unternehmen, die
sich in diesem Umfeld engagieren, werden in Umfragen überwiegend als
positiv bewertet - wenn das Engagement glaubwürdig und authentisch
ist. Wir bieten in unserem Netzwerk dazu optimale Marketing-Plattform quer
durch alle musikalische Genres, "Millenials" ohne Streuverluste
direkt und nachhaltig anzusprechen und Markenbotschaften zu platzieren.“
Die einen kuratieren also das Ding, in dem die anderen ihre Markenbotschaften
platzieren. Eine Marketing-Plattform ohne Streuverluste.

Wenn Sie dachten, da gehe
es um Musik – awcmon, das haben Sie nicht wirklich gedacht, oder? So naiv sind
Sie schließlich nicht. Wollen Sie M.U.S.I.K. erleben? Dann fahren Sie besser
zum Fusion, nach Haldern, Roskilde, Rudolstadt oder zum Beispiel nach Barcelona
zum Primavera Festival. Oder besuchen Sie den Musikclub Ihres Vertrauens.

Seiten