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Blog Archiv - Jahr %1
09.02.2016

Sponsoring, Corporate, Liveindustrie

Doch nicht nur die HUG-Unternehmensgruppe weiß, worum es wirklich geht
(nämlich nicht um Kultur, sondern zuvörderst um Sponsoring und Profite). In
Münster hat sich Anfang 2015 eine „Translate Entertainment GmbH“ gegründet, die
„Programmplanung, Beratung,
Künstlerbuchung und Organisation zum Beispiel für Corporate Events, Incentives,
Galas und Stadtfeste“ sowie „inhaltliche
und unternehmerische Konzeptionen für Veranstaltungen abseits vom
traditionellen Konzertgeschäft" anbietet.
Leute, die solche Firmen gründen, sprechen amtliches Musikindustriesprech, und
das hört sich dann so an: „Vor Kurzem
realisierte Translate für den Klambt Verlag einen Incentive‐Event mit Nena, konzipierte für einen Kunden aus dem TV ein Live‐Produkt
im Kids Entertainment und buchte bereits große Acts auf Veranstaltungen von
Mercedes Benz, Telekom, Hapag‐Lloyd sowie weiteren Unternehmen.“ (laut „Musikmarkt“)
Gesellschafter der Firma sind Till Schoneberg mit seinem Konzertbüro Schoneberg
und Florian Brauch und Florian Böhlendorf von Sparta Booking sowie Markus
Hartmann von Green Entertainment. Worum es geht, faßt Translate
Entertainment-Geschäftsführer Kevin Bergmeier im „Musikmarkt“ so zusammen: „...auf individuelle Anforderungen wie
beispielsweise die musikaffine Inszenierung einer Marke, Entwicklung von Event‐Konzepten und den Einsatz eines VIP, eines Künstlers, dessen Musik oder
Stimme in einer Werbekampagne können wir zielgerichtet eingehen.“

09.02.2016

Otis Clay R.I.P.!

Was ist nur mit diesem Land los? Mit der Musikkritik, all den
Feuilletons hierzulande? Otis Clay, einer der größten Soulsänger aller Zeiten
und mithin einer der größten Musiker überhaupt ist gestorben, und den deutschen
Feuilletons und Musikzeitschriften, die derzeit über jede Sekunde aus dem Leben
des David Bowie zu berichten scheinen, ist es keine Zeile wert. Peinlich.
Reinhard Jellen hat einen bemerkenswerten Nachruf in der heutigen "Jungen
Welt" geschrieben mit dem schönen Titel "Wucht und Würde - den Sisyphusstein des
unglücklich Verliebtseins den Berg hochschieben".
Ich habe eine kleine Spotify-Playlist
mit Songs von Otis Clay zusammengestellt - viele rare Singles gibt es nur auf
YouTube...
R.I.P. Otis Clay!

09.02.2016

Fabian Hinrichs über Plattensammlungen von Bauarbeitern und deutschen Feuilletonchefs

„Jeder englische
Bauarbeiter hat eine bessere Plattensammlung als ein deutscher Feuilletonchef.“Fabian Hinrichs in „Tip Berlin“

09.02.2016

Volksbühne, München, Schumanns

Aber Berlin wird schon auch noch München, Sie werden sehen. Wie aus
gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen zu hören ist, soll die Bewirtung in der
Berliner „Volksbühne“, also jenem Haus, das seinerzeit durch
„Arbeitergroschen“, also Spenden von Proletariern und eindachen Leuten entstand
und derzeit von zeitgenössischen sozialdemokratischen Politikern in eine
„Volksbühne de luxe“ unter Dercons Ägide umgewandelt wird, vom Münchner Charles
Schumann übernommen werden, der mit seiner Bar „Schumann’s“ in der Stadt der
Reichen und Schönen einige Berühmtheit erlangt hat.

09.02.2016

Volksbühne: Pressekonferenz Dercon

Während über das Konzept von Chris Dercon für die Volksbühne, die er
künftig leiten wird, eher wenig bekannt ist. Eigentlich nur heiße Luft und
Zahlen.Heiße Luft: „Die neu zu
entwickelnde digitale Bühne Terminal Plus ist ein Projekt von hohem
Qualitätsanspruch und internationaler Strahlkraft.“ So Berlins Regierender
Bürgermeister und Kultursenator Müller in seiner Antwort auf einen
Berichtsauftrag des Parlaments. Kosten für diese heiße Luft: 500.000 Euro.„Weitere Mehraufwendungen werden erforderlich im Bereich Sponsoring
& Development sowie für deutlich vermehrte Arbeitstreffen des Artistic
Board.“Und ich dachte immer, Sponsoring würde betrieben, um zusätzliche Mittel
„einzuwerben“, wie es im amtlichen Kultursprech immer so schön heißt. Aber in
Berlin kostet selbst Sponsoring Steuergeld. Und für eine neue „Corporate
Identity“ und die „Vorbereitung Programmpressekonferenz“ werden mal eben satte
100.000 Euro veranschlagt. Was, für eine Pressekonferenz?!? Mit Verlaub, aber
habt ihr noch alle am Christbaum? Wird dort Kaviar und Champagner serviert?

Während Berlin unter Dercon, Müller und Renner also auf jeden Fall schon
mal die teuerste Pressekonferenz aller Zeiten aus Steuergeldern plant, sind die
sonstigen Ideen eher mau. Beziehungsweise kleinkariert. Das berühmteste Theater
Deutschlands wird künftig klein geschrieben: „volksbühne berlin“ heißt das Ding
dann. Wollen wir wetten, daß die Idee und Umsetzung dieser Kleinschreibung
einen fünfstelligen Euro-Betrag gekostet hat? Mindestens?

09.02.2016

Volksbühne, Dercon, Staatsfernsehen, Tatort

Andrerseits, wer Vorbereitungskosten der künftigen Volksbühnen-Intendanz
von Chris Dercon in Höhe von 2,98 Millionen Euro ausgeben kann, dem sind auch
800.000 Euro für Til Schweigers Tatort nur billig.
Der Tatort „Off Duty“ mit Tilman Valentin Schweiger kommt am 4.Februar in die,
ja: Kinos! Keine Ahnung, warum das deutsche Staatsfernsehen nun meint, seinen
Tatort ins Kino bringen zu müssen – als ob es nicht schlimm genug wäre, daß der
Schweiger-Schmarrn sonntags auf ARD läuft. Was der Tatort pro Folge kostet,
bleibt natürlich geheim, wir dürfen zwar mit der Zwangsabgabe den Laden
finanzieren, Transparenz gehört aber zu den Fremdwörtern in der
Staatsfernsehwelt von ARD und ZDF. Gute zwei Millionen pro Folge werden es
schon sein, wahrscheinlich eher mehr. Was aber das Medienboard
Berlin-Brandenburg zusätzlich zuschießt, damit der Til Schweiger-Tatort ins
Kino kommt, wurde dieser Tage veröffentlicht: 800.000 Euro Fördersumme sind es
nämlich, die das Medienboard BeBra hier zum Fenster rauswirft. Weil der
Schweiger-Tatort ein „überzeugendes Modell“ sei: Ein erfolgreiches TV-Format
mit viel Aktion werde ins Kino gebracht, wie der „Tagesspiegel“ erfahren hat.
Außerdem habe es bei diesem NDR-Tatort drei Wochen Dreharbeiten in Berlin
gegeben, wo zum Beispiel aufwändige Verfolgungsjagden gedreht worden seien.
Nun, dafür stellen wir doch gerne unsere Zwangsabgabe zur Verfügung, oder?

09.02.2016

Womex 2015: Curation

Auf der Womex in Budapest gab es eine Session mit dem schönen Titel „Why Curation Will Save the Music Industry –
The Power of Guidance in the Era of Algorithms“.
Und wer waren die Referenten? WDR-Funkhaus Europa-Chef Francis Gay und die
Chefin des Lollapalooza-Festivals Berlin. Also ausgerechnet jenes Festivals,
das so ziemlich das mainstreamigste und langweilste Konzertprogramm aller
deutschen Festivals im abgelaufenen Jahr aufzuweisen hatte. Ganz so, wie man
sich ein zum weltgrößten Konzert-Konzern Live Nation gehörendes Festival eben
vorstellt, in dem die großen Namen zusammengebucht (oh, Verzeihung: zusammenkuratiert) werden, von denen man sich
die größtmöglichen Profite verspricht, zu dessen Programm aber garantiert keine
unbekannten Weltmusik-Acts gehören.
Wie man es schafft, ausgerechnet auf so ein Podium ausgerechnet bei der Womex
ausgerechnet eine Vertreterin des weltgrößten Livemusik-Konzerns, der
allüberall die kulturelle Vielfalt erschwert, Werbung für ihr Festival machen
zu lassen, während unter den akkreditierten Womex-Teilnehmer*innen doch nun
wahrlich genug Vertreter*innen unabhängiger Festivals aus ganz Europa zu finden
gewesen wären, bleibt ein Rätsel. Und ein beträchtliches Ärgernis.

09.02.2016

Oxfam: 62 reichste Menschen besitzen soviel wie ärmere Hälfte der Erdbevölkerung

Laut Oxfam-Studie besitzen
die 62 reichsten Menschen der Erde so viel wie die ärmere Hälfte der
Weltbevölkerung. Egal, wie man Einzelheiten dieser Studie bewerten mag, aber
der Trend ist klar. Genau so, wie die gerade veröffentlichte Zahl, wonach die
oberen zehn Prozent in der Bundesrepublik Deutschland laut Zahlen des
Bundessozialministeriums 52 Prozent des hiesigen Vermögens besitzen (laut
„SPON“). Im Jahr 1998 seien das noch 45,1 Prozent gewesen.Die Begründung für diesen
untragbaren Zustand ist hier wie da sehr einfach: „Die unzureichende Besteuerung von großen Vermögen und Kapitalgewinnen
sowie die Verschiebung von Gewinnen in Steueroasen.“ (Oxfam laut „SPON“).Wann ziehen wir welche
Konsequenzen?

09.02.2016

Süddeutsche, Rassismus, Flüchtlinge

In der sich aus unerfindlichen Gründen als „linksliberal“ gerierenden
„Süddeutschen Zeitung“ wurde diesen Monat eine rassistische und sexistische Titelgrafik abgedruckt, die
sich auf die „Kölner Vorfälle“ bezog. Danach ruderte die Redaktion der Zeitung zurück. Sei alles nicht so
gemeint gewesen. Nicht der untertitelnde Satz „Viele junge Muslime können nicht entspannt dem anderen Geschlecht
begegnen“. Und auch nicht die Illustration, die, wie SZ-Chefredakteur Wolfgang
Krach zugab, stereotype Bilder vom „schwarzen
Mann“ bediene, der einen „weißen
Frauenkörper“ bedränge, und gleichzeitig „Frauen als Körper verdinglicht“ habe. „Beides wollten wir nicht.“ Nur, wie kam so eine Grafik, die
angeblich niemand wollte, auf die Titelseite dieser als seriös geltenden
Tageszeitung? Alles Zufall?

Wohl eher nicht.

Die geltende Narration, die nach den Vorfällen vor dem Kölner
Hauptbahnhof in der Silvesternacht in den deutschsprachigen Medien aufbereitet
wird, bedient sich systematisch der Stereotype, die bei Pegida und AfD gang und
gäbe sind. Die sogenannten Leitmedien sind damit beschäftigt, Einwanderung aus
der „Macho-Kultur“ zu beklagen. Und „Macho-Kultur“, das meint „den Südländer
als solchen“. Bevorzugt den Muslim, der eben nicht so entspannt „dem anderen Geschlecht begegnen“ kann wie
der deutsche Abendländer mit seiner christlichen Wertegesellschaft. Wie das beim
christlichen Abendländer vor sich geht, kann man jederzeit auf Oktoberfest,
Wasen oder beim Karneval beobachten. Doch dies ist natürlich nicht
vergleichbar, klar. Leute, die begeistert den „kulturellen Kollektivsingular“ verwenden und, wie Daniel Ryser in
der „WoZ“ schreibt, „selbst vermutlich
ziemlich froh“ sind, daß man ihnen „im
kulturellen Kollektivsingular nicht die Massenmorde ihrer Eltern- und
Großelterngeneration anlastet, quasi ‚Nazi-Kultur’“, anlastet.

„Köln wird in den
Medien nicht deshalb so gehypt, weil das Ausmaß der Gewalt so beispiellos war,
sondern weil sich die Vorfälle in Zeiten des rechtspopulistischen Mainstreams
wunderbar instrumentalisieren lassen“ (Ryser). Jede „Qualitätszeitung“ hält sich
dieser Tage einen Salonreaktionär, der in Leitartikeln rechtspopulistischen
Emo-Journalismus brabbeln darf. „Tagesspiegel“ und „Zeit“ leisten sich einen
Martenstein, der „Spiegel“ seinen Fleischhauer, die „FAZ“, hinter der sich
mitunter nicht nur kluge, sondern ausgesprochene Hohlköpfe verbergen, einen
Jasper von Altenbockum, der nicht müde wird zu behaupten, daß „die Willkommenskultur in eine Falle
getappt“ sei.

Jaja, so war das auch weiland in meiner oberbayerischen Jugend 1972, als
die CSU im Wahlkampf nicht nur sogenannte „Rotbücher“ verteilte, in denen Willy
Brandt vorgeworfen wurde, ein uneheliches Kind zu sein, der, statt einen
ordentlichen Nazi oder doch mindestens Wehrmachtsoldat zu geben, in der
Emigration gegen „Deutschland“ agiert habe. Und die Aufkleber, über deren
Aussage ich als zugezogener Junge lange rätselte, sagten: „Oamoi neidappt langt.“ Ungefähr so wird es der Herr von
Altenbockum auch mit der Willkommenskultur meinen: O.k. o.k., jetzt habt ihr
einmal den guten Deutschen gespielt, jetzt ists aber auch genug, bitte nicht
nochmal in diese Falle tappen! „Da so
viele kommen (...), werden in der Masse auch – massenhaft? – Reisende
willkommen geheißen, die bei nüchterner Betrachtung kein vernünftiger Mensch in
Deutschland willkommen heißen will. Wie viele das sind, weiß niemand.
(sorry, stimmt nicht, Herr von Altenbockum, der Herr Seehofer von der CSU weiß
es! denn der scheint einen Algorithmus zu kennen, der eine Obergrenze
berechnet... BS) Wie wird man sie aber
wieder los, wenn sich herausstellt, daß sie alles wollen, nur nicht
Integration?“

Gute Frage. Wie wird man den Jasper von Altenbockum, den Jan
Fleischhauer, den Harald Martenstein und all die anderen rechtspopulistischen
Salonreaktionäre wieder los? Ich hab da leider auch gerade keine Antwort drauf,
tut mir leid.

„Daß Köln binnen
weniger Tage zu einer von Asylanten gepeinigten Stadt und zum Synonym sexueller
Gewalt gegen Frauen werden konnte, hat in erheblichem Maße mit der medialen
Resonanz zu tun und führt dazu, daß Leute, die sich bisher sicher fühlten, es
auf einmal mit der Angst zu tun bekommen. Die hehren Werte der Aufklärung, auf
die wir so stolz sind, auch unsere Liberalität und Toleranz haben keine allzu
feste Verankerung im Unterboden unserer Gesellschaft und sind hinüber, wenn
irgendetwas Bedrohliches vor unserer Haustür passiert. Da gehen dann sehr
schnell die Maßstäbe verloren. In Köln sind 200 Frauen sexuell belästigt
worden. Sehr schlimm, gewiß. Aber unversehens erscheint uns das als eine weit
größere humanitäre Katastrophe als das, was in den Herkunftsländern der
Flüchtlinge passiert.“ (Richard David Precht in der „Berliner Zeitung“)

09.02.2016

Altrocker Helmt Schmidt

Bereits am 30.12.2015 konnte man im Qualitätsfeuilleton der
„Süddeutschen Zeitung“ diesen bemerkenswerten Satz lesen (danke an Franz
Dobler, der auf seinem sowieso immer lesenswerten Blog darauf hingewiesen hat):

Im Nachruf auf Lemmy Kilmister beklagt der SZ-Autor, daß die großen
alten Rockmusiker alle abgetreten bzw. am Abtreten sind: „...David Bowie ist nur noch als Geist da. Bob Dylan krächzt je nach
Form auf dem letzten oder vorletzten Loch. Lou Reed ist tot. J.J. Cale ist tot.
Helmut Schmidt ist tot. Joe Cocker ist tot. Lemmy Kilmister jetzt auch tot...“

Was für eine Beleidigung für Lemmy, Lou und Bob, in einem Satz mit dem
ehemaligen Wehrmachtsoffizier Helmut Schmidt genannt zu werden. Jaja, schon
klar, wir Deutschen wollen eigentlich alle einen weisen König wieder haben, und
da das nicht so einfach zu bewerkstelligen sein dürfte, ernennen wir
Ersatzkönige mit einschlägigen Sekundärtugenden wie eben den ehemaligen
Wehrmachtsoffizier Helmut Schmidt.

„Konkret“-Herausgeber Hermann L. Gremliza erinnerte bei einer Rede in
Hamburg „an die 600.000 Bürger von Leningrad, die 1941 unter Mitwirkung eines
Offiziers der 1. Panzer-Division ermordet wurden, der für seinen Einsatz mit
dem Eisernen Kreuz dekoriert wurde. Sein Name: Helmut Schmidt. Davon auf
zehntausend Zeitungsseiten und in tausend Sendestunden der letzten Wochen kein
Wort“ („Konkret“, 1/2016).

Mal abgesehen davon – Helmut Schmidt ein Rock’n’Roller? Na sicher. Und
von der Leyen ist Madonna, und Seehofer ein Punkrocker. Und die „Süddeutsche“
hat ein Feuilleton...

09.02.2016

SZ, Dudamel und Bolivar

Allerdings, darauf sollte man Gremliza noch hinweisen, hat die
„Süddeutsche Zeitung“ wahrlich anderes, Wichtigeres zu tun als sich um solche
Belanglosigkeiten zu kümmern. Erstens, siehe oben, sexistische und rassistische
Grafiken auf ihrer Titelseite zu publizieren. Und zweitens, sich im Feuilleton
um die Menschenrechte in Venezuela zu kümmern. Ihr Musikkritiker
Reinhard Brembeck beobachtet es jedenfalls mit Unbehagen, daß sich der derzeit
mit dem Simón Bolívar Symphony
Orchestra durch Deutschland tourende Dirigent Gustavo Dudamel zu den politischen und gesellschaftlichen Mißständen
in seiner Heimat Venezuela nicht
nur nicht äußert, sondern sich ganz im Gegenteil der Chavez-Regierung sehr
angedient hat: Beim Münchner Konzert erscheint „Dudamel im 'Sacre' als Vergöttlicher
eines Tanzes, der mit einem rauschhaft zelebrierten Todesopfer endet -
während zur selben Zeit in Venezuela wieder Morde und Entführungen stattfinden.
Aber daran denkt in München niemand. Das Publikum tobt wie bei einem Popkonzert. Kunst hat sich noch nie ernsthaft um die Grausamkeiten in der Welt
geschert." (zitiert laut „Perlentaucher“)

Ja, Kunst hat sich noch nie um die Grausamkeiten in der Welt geschert.
Das tut nur das SZ-Feuilleton. Weswegen selbiges ja auch beispielsweise bei
jedem Gastspiel eines US-Sinfonieorchesters immer darauf hinzuweisen pflegt,
daß in den USA die Todesstrafe herrscht. Wir könnens schon nicht mehr hören,.
gelt?

03.01.2016

Deutscher Pop 2015 und der kulturelle Medienmainstream

Und da
haben wir noch nicht mal von Bilderbuch, der Lieblingsband der etwa 30jährigen
freien Feuilleton-Autorinnen („aber der blonde Sänger ist doch soo süß!“... und
daran habe ich jetzt nichts erfunden, damit das mal klar ist), oder von Schnipo
Schranke gesprochen, die mit Wanda zumindest den Anti-Feminismus gemein haben,
was ihnen von Altherrenmagazinen wie dem „Stern“ das Siegel „haben einen Nerv getroffen“ einbringt –
denn wer heutzutage gesellschaftliche Errungenschaften der letzten vierzig oder
fünfzig Jahre in Frage stellt, gilt als „mutig“ und wird in neoliberalen Zeiten
für seinen „Tabubruch“ gelobt. „Wir
hatten niemals politische Gründe dafür, Musik zu machen und wir würden uns
niemals als Feministinnen sehen“, sagen Schnipo Schranke, oder: „Wir wollen unterhalten. Wer die Welt
verändern will, soll Vorträge halten“, Äußerungen, die so auch von Andrea
Berg oder Helene Fischer kommen könnten und einen neuen Standard setzen für
eine nicht nur unpolitische, sondern geradezu apolitische Haltung des aktuellen
Deutschpops, dem man mit Frank A. Schneider zurufen möchte: „Deutschpop halt’s
Maul!“ Die einen wollen endlich mal wieder so richtig und ohne Augenzwinkern
Macho sein können, die anderen wollen „niemals“ als Feministinnen oder
Weltveränderinnen gesehen werden. Banaler Weltzustimmungspop in finsteren
Zeiten.

„Die Stammesältesten von Intro,
Musikexpress und Spex sind sich einig“, berichtet Focus, und so können die Hinterherhinker von
Focus und Spiegel und der ARD dann nachziehen und sich ebenfalls auf das
einigen, auf was sich eben alle einigen. Es besteht ein Überfluß an Musik, die
trotz ihrer extremen Mäßigkeit ein großes Presseecho findet. Und zwar deswegen,
weil Musikmarketing und Musikkritik dabei sind, ineinander überzugehen (wie der
US-Filmkritiker Jonathan Rosenbaum schreibt, nur eben über Filmkritik und Filmmarketing...).
Die Eskapaden und vermeintlichen Tabubrüche der Künstler (Schnipo Schranke machen
die Charlotte Roche on pop und singen davon, daß der „Genitalbereich nach Pisse
schmeckt“, oder reimen „komm in meine Arme, komm in meinem Mund / nimm mich an
der Hand, nimm mich an der Wand“) und der wirtschaftliche Erfolg beherrschen
die Berichterstattung. Haben Sie in irgendeiner Musikzeitschrift oder einem
Feuilleton eine detaillierte und fundierte Kritik des neuen Adele-Albums
gelesen? Natürlich eher nicht. Während sie allüberall darüber unterrichtet
wurden, daß Adele alle Charts- und Verkaufserfolge getoppt hat. Die nicht
vorhandene kulturelle Relevanz wird durch eine wirtschaftliche Relevanz, durch
wirtschaftlichen Erfolg, durch Profit ersetzt. Aber  glauben Sie, daß irgendein Song von Adele bleiben wird, daß man ihn in Jahrzehnten
noch singen oder die Melodie summen wird? Es ist alles so bedeutungslos, und
das ist vielleicht die einzige Bedeutung, die all die Adeles, Bilderbücher,
Schnipo Schrankes und Wandas unserer Tage haben..

Cristina
Nord hat im „Revolver“-Blog unlängst über Filmkritik und Filmwirtschaft
nachgedacht, und man kann ihre klugen Bemerkungen unter dem Titel „Der Tiger auf dem Baum“ fast eins zu
eins auf Musikwirtschaft und Musikkritik übertragen:„...Filmkritik hat umso weniger
Freunde, je weiter sie vom Pfad des Blockbuster-Kinos abweicht. Das hat zu tun
mit etwas, was man recht allgemein Strukturwandel der Öffentlichkeit nennen
kann – konkreter bedeutet es zum Beispiel, dass sich die Feuilletons heute mehr
als vor 20 Jahren an Ereignissen und Events ausrichten, an dem, was ohnehin
durch großflächige Marketingmaßnahmen präsent ist. "Star Wars",
"Der Untergang" und "München" bündeln die Aufmerksamkeit
(...) Zu dieser Kurzatmigkeit kommt ein Verschulden der Kritiker, haben doch
viele von ihnen gar keine Lust, sich auf unerschlossenes, unwegsames Terrain zu
begeben.“

Und
Cristina Nord zitiert Roland Barthes, der in „Stumme und blinde Kritik“
schrieb:„In Wahrheit ist jeder Vorbehalt
gegenüber der Bildung Ausdruck einer terroristischen Position. Den Beruf eines
Kritikers ausüben und verkünden, dass man nichts vom Existentialismus oder
Marxismus verstehe (denn durch eine ausdrückliche Feststellung sind es
insbesondere diese beiden Philosophien, von denen man sagt, dass man sie
nicht begreife), heißt seine eigene Blindheit oder seine eigene Stummheit als
universale Regel der Wahrnehmung aufstellen, heißt den Marxismus und den
Existentialismus aus der Welt verbannen: ‚Ich verstehe es nicht, also seid ihr
dumm.'"

(Und
sorry, lieber „Musikexpress“, aber man nicht gleichzeitig den klugen, tiefen
und politischen HipHop eines Kendrick Lamar auf Platz 1 der „Alben des Jahres
2015“ setzen, und dann auf den Plätzen 2 und 3 den reaktionären Schmarrn von
Wanda und Bilderbuch. Man muß sich schon entscheiden, wo man stehen will, meine
Herren!)

03.01.2016

Star Wars - Hampelmänner die deutschen Feuilletions sind

Ein
noch besseres Beispiel der Verschränkung des eingebetteten Kulturjournalismus
mit der freidrehenden Kulturindustrie ist das Gewese um den neuen „Star
Wars“-Film. Es gab diesmal keine Vorabvorführung für Journalisten, bis zum
weltweiten Veröffentlichungstag hat praktisch niemand den Film gesehen. Was die
deutschen Feuilletons nicht daran hinderte, seitenlang steil zu gehen. Wenn sie
nicht über den Film schreiben konnten, den sie eben noch nicht sehen durften,
ergingen sie sich eben auf vielen Seiten in Aufsätzen über Geschichte und
Mythologie von Star Wars. Musterbeispiel ist das Zentralorgan der deutschen
Studienrät*innen: Fand „Die Zeit“ 1978 den ersten Star Wars-Film noch „ziemlich öde und langweilig“ und
geißelte ihn als „eiskaltes Spekulationsobjekt“,
so brachte das „Zeit“-Feuilleton diesmal schon eine Woche vor der Filmpremiere
einen anderthalbseitigen Aufmacher und bewies, daß das Hamburger Blättchen sich
eben auch nur als Teil der Marketingkampagnen der Kulturindustrie definiert, auf
deren „eiskalte Spekulationsobjekte“ man eben gerne in vorauseilendem Gehorsam ausführlichst
eingeht.Bloße Hampelmänner
der Kulturindustrie die deutschen Feuilletons sind.

03.01.2016

Gitarrenklänge zur Ehre Gottes - Popmusikstudium bei der Evangelischen Kirche

Gitarrenklänge
zur Ehre Gottes?Ein
neuer Studiengang soll Rock, Pop und Jazz in die evangelischen Kirchengemeinden
bringen: Die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) plant einen Studiengang
für „Kirchliche Populärmusik“. Laut Bericht in der „Neuen Westfälischen“ sollen
„die christlichen Inhalte mit Rock, Pop,
Jazz und Gospel auf einem hohen musikalischen Niveau vermittelt werden“.
Diese Evangelische Pop-Akademie ist ein europaweit einmaliges Projekt.„Zwar gehört in vielen Gemeinden
Popmusik schon dazu, doch eine Ausbildung, die eine gute musikalische Qualität
sichert, gab es bislang nicht. Präses Annette Kurschus: ‚Gitarren und Keyboards
wurden lange belächelt. Ich bin überzeugt, wenn die populäre Kirchenmusik mit
Niveau gemacht wird, werden wir merken, dass sie eine wichtige ernstzunehmende
Stimme für uns ist.’ Popmusik ziehe sich quer durch die Gesellschaft und
betreffe damit auch die Generationen, die momentan auf den Kirchenbänken
sitzen, sagt der stellvertretende Rektor der Hochschule, Hartmut Naumann: ‚Die
populäre Musik hat das Potenzial, diese Menschen zu berühren’.“Die
Kirchen, die an Mitgliederschwund fast so sehr leiden wie die deutsche
Sozialdemokratie an Wählerschwund, schrecken vor nichts zurück. Sakro-Pop wird
also künftig an evangelischen Pop-Akademien gelehrt. Ob sie Deutschlands
obersten Sakro-Popper Xavier Naidoo als Gastdozent gewinnen werden? Vom Himmel
hoch, da kommen sie her, aktuell etwa Helene Fischer im Duett mit Xavier Naidoo
auf Deutschlands meistverkauftem Album des Jahres.Als ob
die normalen Pop-Akademien nicht schon genug Schaden anrichten würden, nein,
künftig kommen all die Diplom-Popper auch noch mit Gottes Segen daher. John
Lennon wird an der Evangelischen Pop-Akademie jedenfalls verboten bleiben. Sie
wissen schon: „Imagine that there was no more religion“...

03.01.2016

Sarah Connor & Engel

Ebenfalls
als Gastdozentin für die Evangelische Pop-Akademie infrage kommt Sarah Connor.
Die erzählte dieser Tage einem Klatschreporter, daß sie regelmäßig beim
Autofahren Engel rufe – etwa, wenn sie einen Parkplatz sucht. Wird dann ein
Parkplatz frei, „hat sicher einer von oben
geholfen“, sagte Sarah Connor der Zeitschrift „InTouch“.Könnte
natürlich auch sein, daß einfach ein anderer Autofahrer ausgeparkt hat...

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