20.09.2017

Herbst: Jetzt wird gekärchert!

Herbst. Kärcher-Zeit.
Jetzt treiben sie sich wieder allüberall in den Parks und Gartenanlagen herum, die Lümmel mit ihren lauten Laubverteilungsrohren, die endlos lang das Laub vor sich hin pusten, das früher noch mit Rechen lautlos und zügig zusammengerecht wurde.
Ich denke daran, wie heutzutage jeder Konzertveranstalter massive Lärmschutzmaßnahmen garantieren muß, wie von den Kommunalverwaltungen die dB-Zahlen für alle Rockkonzerte auf kaum mehr wahrnehmbare Grenzen zurückgefahren werden – während all die kärchernden Laubrumpuster die Umwelt mit ihrem brachialen Lärm verschmutzen, der nur aushaltbar ist, wenn sie Lärmschutz tragen. Aber gut, das eine ist Musik, davor muß man die Menschen natürlich schützen, das andere ist Gekärcher, und das muß man eo ipso schützen.

20.09.2017

Pop-Kultur-Festival: Jedes Ticket mit 150 Euro subventioniert!

Nun ist also erneut das überflüssige, vom Berliner Senat via seines Music-Boards veranstaltete „Pop.Kultur“-Festival über die Bühne gegangen. Mit knapp anderthalb Millionen Euro wurde das Senatsfestival laut „Berliner Zeitung“ dieses Jahr gefördert, und man hat gut 70 Konzerte und insgesamt etwa 100 Veranstaltungen kuratiert, die etwa 10.000 Besucher*innen angezogen haben. Jede einzelne Veranstaltung hat also gut 15.000 Euro gekostet. Wow, ein ganz schöner Batzen Geld, nicht? Oder andersherum: jedes Ticket des Festivals wurde mit gut 150 Euro subventioniert, also in einer Dimension, in der sonst die Plätze in Opernhäusern oder bei Philharmonikerkonzerten mit öffentlichen Mitteln finanziert werden – bloß, daß da riesige Ensembles mit bis zu hundert Mitgliedern auftreten, während die meisten Popbands doch nach wie vor in Besetzungen spielen, deren Mitglieder an den Fingern einer Hand abzuzählen sind.

Welchen Zweck also hat es, daß der Staat derart tief in die Tasche greift, um seine Vorstellungen von Staatspop bzw. Senatspop durchzusetzen? Cui bono? Es ist ja kein Geheimnis, daß es den Politiker*innen mit ihrer Subvention der Popkultur darauf ankommt, deren eingebrannte (und zugegeben mitunter kaum noch zu erkennende) Widerständigkeit einzuebnen. Es geht um kulturelle Hegemonie, und dieser sollen sich all die „bunten Völkchen“ unterordnen, die vor Zeiten einmal subversive Lebenskonzepte und alternative gesellschaftliche Vorstellungen verfolgt haben. Es lohnt sich, den Gedanken der Kulturstaatsministerin Grütters (CDU) zu lauschen, wenn man eine Vorstellung gewinnen will, worum es hier geht: Die nämlich erklärte in ihrem Grußwort zum „Pop-Kultur“-Festival in dankenswerter Deutlichkeit, daß sie die Popkultur als eine Art Bierkultur ansieht: Grütters warf laut „Tagesspiegel“ die Brau- und die Pop-Kultur in einen (Brau-?)Topf, sprach von „Craft-Pop“ (denn auch eine Kulturstaatsministerin hat heutzutage Redenschreiber, die sich mit dem hippen Craft-Beer auskennen) und von „musikalischen Geschmackserlebnissen“ – Frau Grütters möchte also, daß Popmusik so konsumiert wird, wie man Bier trinkt. Da ist es nicht mehr weit vom Pop-Kultur-Festival zum Oktoberfest, ein Event das eine wie das andere. „Wie die Craft-Beer-Brauer sind Sie die sympathischen Rebellen der Branche“, beleidigte die Kulturstaatsministerin schließlich noch die Popkultur-Musiker*innen und Kulturarbeiter*innen (bzw. den Teil, der eine derartige Verharmlosung noch als Beleidigung begreift). Und so machte einer der Kuratoren dann auch prompt brav Dienerchen und bedankte sich äußerst artig bei Frau Grütters, denn „dank der zusätzlichen Förderung der Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien konnte sich das Festival merkbar weiterentwickeln“. Und noch mehr Künstler*innen und Bands auftreten lassen, die ohne die 150-Euro-pro-Ticket-Subvention sonst niemals nicht in Berlin auftreten könnten und würden: Von Balbina, Erobique, Romano, den Sleaford Mods, den Friends of Gas, Andreas Dorau und all den anderen hat man ohne die Senatspop-Veranstaltung in Berlin nämlich bisher noch nie etwas gehört...

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Die Popkultur braucht im Großen und Ganzen keine staatlichen Subventionen! Die wenigen Ausnahmen sind Produktionen, die aufwendig sind, bestimmte Spielorte wie Theater benötigen und anders nicht zu finanzieren wären; das sind höchstens 5 Prozent aller Pop-Konzerte. Die Popkultur benötigt auch keine Kuratoren! Sorgt dafür, daß es bezahlbare Mieten und günstige Proberäume gibt! Sorgt dafür, daß es ausreichend Musikunterricht gibt – in Berlin stehen über 10.000 Kinder und Jugendliche auf den Wartelisten der Musikschulen, Berliner Kinder und Jugendliche haben laut Deutschem Kulturrat „bundesweit die schlechtesten Chancen auf kulturelle Teilhabe“! Und sorgt endlich dafür, daß die Musiklehrer*innen auch anständig bezahlt werden! In Berlin sind nur 7 Prozent der Musiklehrer*innen fest angestellt, im Vergleich zu 75 Prozent im Bundesschnitt, und der öffentliche Zuschuß pro Jahreswochenstunde an den Musikschulen ist in Berlin der mit Abstand niedrigste aller deutschen Großstädte. Wenn ihr wirklich etwas für die Musik tun wollt, dann laßt die Popkultur in Ruhe, hört auf, den Distinktionsvorteil der Mittelschichts-Kids und Fan-Boys mit 150 Euro pro Ticket zu finanzieren, und packt das Geld stattdessen in die Musikschulen, denn dort wird es wirklich dringend benötigt!

Ach ja, und ein Letztes: Einigermaßen drollig finde ich immer das „Argument“ der Journalisten, das Staats- bzw. Senatspop-Festival trete doch gar nicht in Konkurrenz zu den vielen Berliner Veranstaltern, die tagtäglich ohne Subventionen versuchen, ein anspruchsvolles popmusikalisches Programm auf die Beine zu stellen, weil es doch so ein schönes Festival mit so guten Konzerten geworden sei. Der Zweck also heiligt die Mittel? Mich würde interessieren, was die Damen und Herren des eingebetteten Popjournalismus schreiben würden, wenn der Berliner Senat auf die Idee kommen würde, eine Tageszeitung herauszugeben. Ist ja auch etwas, was nicht zu den Kernaufgaben der öffentlichen Hand gehören würde, genauso wie das Veranstalten von Popfestivals. Und wenn diese Senats-Tageszeitung dann einigermaßen o.k. wäre, wäre dann auch alles in Ordnung, und die Journalisten würden sich über sinkende Auflagen (und nachfolgende Entlassungen...) ihrer Publikationen freuen, oder sie zumindest nonchalant in Kauf nehmen?

20.09.2017

Kuratoren zum Teufel!

„Meinetwegen können die Kuratoren alle zum Teufel gehen."
Bazon Brock

20.09.2017

Softpunk betreibt Entschleunigung

Auch toll:
Ein „Goldrausch“ genanntes „Event“, bei dem lauter sich „freie Kuratorinnen“ nennende Menschen auftreten. Dazu gibt es Performances, Kunst und, Achtung!, ein
„Konzert von und mit Sophia Mix“, die laut Flyer „Singer/Softpunk/Songwriter“ ist. Softpunk! Also die Grütters-kompatible Version von Punk? Das Craftbeer unter den Punkbands gewissermaßen?
Und was betreibt eine derartige Singer/Softpunk/Songwriter-Künstlerin? „Entschleunigungsmusik“! Im Ernst, so steht es da.
Na, wenn solche Musik nicht sofort Staatszuschüsse bekommen sollte! Oh, Verzeihung: bekommt sie ja längst. Denn „Goldrausch“ wird unter anderem von der Europäischen Union und von der Berliner Senatsverwaltung für, ähem, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung finanziert.

20.09.2017

BDS-Kampagne: Sollen wir die Absagen antisemitischer Künstler "bedauern"?

Die Boykottkampagne der Anti-Israel-Bewegung BDS gegen das Berliner Pop-Kultur-Festival war nicht nur vom Anlaß her lächerlich, sondern vor allem ausgesprochen „widerlich“, wie Berlins Kultursenator Lederer zu Recht sagte. Eine derart eindeutige Stellungnahme hätte man sich auch von den Macher*innen des Festivals gewünscht: Diese „bedauerten“ die Absagen der Künstler*innen, die nicht bei einem Festival auftreten wollten, bei dem auch eine israelische Band spielt, deren Reisekosten von der israelischen Botschaft bezuschußt wurden.
Sorry, aber kann man „bedauern“, was einfach nur widerlich ist? Kann man eine Absage „bedauern“, deren Motiv die offene Diskriminierung Israels, also plumper Antisemitismus ist? Tut mir leid, dafür habe ich kein Verständnis, und ich bedauere es keineswegs, wenn derartige Bands auch in Zukunft zu Hause bleiben und hierzulande keine Plattform für ihre dumpfe Israel-Feindlichkeit erhalten.
(am Rande: wann immer ich in der Vergangenheit Gastspiele meiner Bands in Israel geplant und durchgeführt habe, sind sowohl meine Bands – wie z.B. Calexico, Lambchop, The Residents oder Tortoise – wie ich selbst unter Beschuß der BDS geraten. Business as usual. Und ich bin froh und, ja, auch ein klein wenig stolz darauf, daß alle von mir gebuchten Bands mit Freude in Israel aufgetreten sind und keine auch nur in Erwägung gezogen hat, derartige Konzerte abzusagen. Siehe auch meinen Artikel „Der Boykott-Blues“ aus der „Jüdischen Allgemeinen“ aus dem Jahr 2013)
 

20.09.2017

Antisemitismus in der Indie-Pop-Kultur

Antisemitismus wird allerdings heutzutage nicht nur von Neonazis und von den BDS-Leuten gepflegt. Er ist längst auch in Teilen der Indie-Pop-Kultur fest verankert. Wie Jonas Engelmann in einem wichtigen Artikel in der „Jungle World“ schreibt, vermeiden die Betreiber des Labels Constellation Records systematisch den Vertrieb ihrer Produkte in Israel. Constellation ist ein renommiertes Label, das unter anderem die Alben von Godspeed You! Black Emperor, Matana Roberts oder A Silver Mt. Zion herausbringt. „No Export to Israel!“ lautet die klare Ansage des Montrealer Labels an seinen Vertrieb, eine Aussage, die neuerdings auch auf jedem Presseinfo des Labels kleingedruckt zu lesen ist.
Und was sagen die Bands dazu? Klar, Godspeed und Silver Mt. Zion betreiben diese merkwürdige Politik, sie haben offensichtlich kein Problem, wenn ihre Musik in Scharia-Staaten oder Militärdiktaturen veröffentlicht wird, nur in Israel soll das eben nicht sein. Aber es gibt ja auch noch andere Künstler auf Constellation. Aber irgendwie scheint das „dumpfe Bedienen von Ressentiments einer neuen Selbstverständlichkeit zu entsprechen“ (Engelmann).

20.09.2017

Gehälter von ARD-Intendanten (und ein Rechenfehler)

Die „Welt“ staunt über die Steigerungsrate bei den Gehältern der ARD-Intendanten: „Als vor rund sieben Jahren die erste Transparenzwelle durch die ARD-Führungsetage schwappte, sahen die Gehälter noch ganz anders aus. Die damalige WDR-Chefin Monika Piel kam im Jahr 2009 auf ein Grundgehalt von 308.000 Euro." Der jetzige WDR-Chef Tom Buhrow verdient 399.000 Euro. „Zwischen diesen sieben Jahren liegt demnach ein Sprung von 22 Prozent."
Nun wollen wir nicht kleinlich sein, aber ein Anstieg von 308.000 auf 399.000 Euro in sieben Jahren entspricht nicht 22, sondern knapp 30 Prozent, weil die Bezugsgröße natürlich das ursprüngliche Gehalt ist...
Ansonsten ist das inhaltlich natürlich völlig korrekt – die Intendant*innen von ARD und ZDF bekommen riesige Gehälter, die von den Zwangsabgaben der Gebührenzahler*innen finanziert werden. Wie das alles zustande kommt, kann man immer noch in meinem 2015 erschienenen Buch „I Have A Stream“ nachlesen...

20.09.2017

LCD Soundsystem, Bilderbuch, M.I.A., Zalando...

Die New Yorker Band LCD Soundsystem, deren Mastermind sich zuletzt hauptsächlich als Betreiber einer schicken Weinbar hervorgetan hat (und nichts gegen den Genuß von Wein, bitte!), hat ein Deutschland-exklusives Konzert in Berlin gegeben. Wer das Konzert erleben wollte, mußte allerdings erst einmal eine etwa zweieinhalbstündige Werbeveranstaltung über sich ergehen lassen, ganz so, wie es bei Seniorenbusfahrten ja auch kein Essen ohne vorherige Verkaufsveranstaltung gibt...
Welchen Teil von „Ain’t singing for Pepsi, ain’t singing for Coke“ hast du, lieber James Murphy,  nicht verstanden?

Einen Dreh weiter gehen Bands wie die gehypten Austro-Popper Bilderbuch oder die sich gern als radikal inszenierende Rapperin M.I.A., die von vornherein auf einem als Musikfestival verkleideten Vermarktungsevent der Firma Zalando auftraten. „Der Online-Modehändler Zalando hat alles zusammengeworfen und will mit dem Modefestival ‚Bread & Butter’ Zehntausende Kunden und solche, die es werden sollen, nach Berlin locken“, berichtet die „FAZ“. Es geht um Streatwear, um Alltagskleidung, „weshalb auch Unternehmen wie Nike, Adidas oder Reebock zum Aufgebot gehören.“ Und: „Alle Produkte, die in der Arena Berlin gezeigt werden, sind sofort danach auf der Plattform des Online-Händlers verfügbar.“ Und die Musi spielt dazu, im wahrsten Sinne des Wortes Verkaufsförderungspop von Allesmitmachern der Mitmachklasse A+.
Und auch das Publikum darf mitmachen, nämlich mit seinen Daten: „Jeder Besucher bekommt ein Band ans Handgelenk, das mit RFID, also einer Funktechnik, ausgestattet ist. An 350 Sensoren, die über das Gelände verteilt sind, können die Besucher etwa von Fotografen geschossene Fotos direkt auf ihre Facebook-Kanäle hochladen, bestimmte Lieblingsstücke auf Wunschlisten speichern oder gleich neue Schuhe kaufen.“
Und big brother Zalando freut sich, daß die Besucher*innen, die denken, daß sie sich auf einem Musikfestival herumtreiben, dem umstrittenen Konzern bereitwillig ihre Daten spenden...

04.09.2017

Rapper disst Hurricane "Harvey"

Toll, wie der Rapper Biggie Balls aus Houston dem Hurrikan „Harvey“, den er als „Punk Bitch“ disst, eine formidable Abreibung verpaßt, sich also direkt mit der Naturgewalt anlegt:
„You tryna be like Ugly God / Drop water all over Houston / You need to get a job / Harvey, stop flooding our city / Or I will flood your brain!“
Nachzuhören auf Soundcloud.
Ganz neu ist das Dissen von Stürmen und Unwettern allerdings nicht, schon in Claudio Monteverdis „Il Ritorno d’Ulisse in patria“ aus dem Jahr 1640 findet sich eine ausführliche Beschimpfung des Sturms...

04.09.2017

BMG-Manager erklärt, wer wirklich am Musik-Streaming verdient - und wie Musiker*innen von Plattenfirmen abgezockt werden...

Hartwig Masuch ist einer der klügsten Köpfe der internationalen Musikindustrie. Und weil das so ist, findet man ihn auch selten auf dumpfen Branchenevents, auf denen sich die einschlägigen Wichtigtuer*innen tummeln, dafür aber gerne mal mit Hintergrundgesprächen und Interviews in Zeitungen, hinter denen bekanntlich immer ein kluger Kopf steckt:
„Wer wirklich am Musik-Streaming verdient“ lautet der Titel eines Artikels im Wirtschaftsteil der „FAZ“ vom 20.7.2017 (online hier, leider nur hinter einer Paywall – aber diese € 1,99 sind gut investiert, versprochen!).
Masuch, „der oberste Musikmanager des Gütersloher Medienkonzerns Bertelsmann“, erklärt ausführlich, wer daran Schuld ist, daß Musiker*innen so wenig am Streaming verdienen: Überraschung! Es sind die Plattenkonzerne! „In Wahrheit seien es doch vor allem die großen Plattenfirmen, die beim Streaming zu Lasten der Musiker abkassierten. ‚Es bleibt viel Geld bei den Plattenlabels’, sagt Masuch. Die Branche biete den Musikern nicht den ‚bestmöglichen Gegenwert’ beim Musikstreaming.“
Masuch „geht mit der Musikindustrie hart ins Gericht. ‚Das digitale Musikgeschäft ist transparenter geworden, und Transparenz erfordert Fairness’, sagt er. Früher seien Musiker regelmäßig von ihren Plattenfirmen abgezockt worden. ‚In den alten Zeiten waren Teile der Musikindustrie mit einer Form der organisierten Kriminalität vergleichbar.’ Und heute? ‚Ich muß leider feststellen, daß die Denkweise, selbst so viel mitzunehmen, wie man nur kann, in unserer Branche immer noch existiert’, sagt Masuch.“

Das Problem ist, daß die Plattenfirmen von ihren Profiten zu wenig an die Künstler abgeben. Spotify hat 2016 bei einem Umsatz von 2,9 Milliarden Euro (eine Steigerung um etwa 50 Prozent) einen Verlust vor Steuern von 539 Millionen Euro gemacht. Universal Music, der Weltmarktführer, hat im gleichen Zeitraum einen operativen Gewinn von 687 Millionen Euro verbucht. Musiker*innen! Wenn ihr wieder mal barmt, daß ihr am Musik-Streaming angeblich so wenig verdient – demonstriert und kämpft an der richtigen Stelle! Sorgt dafür, daß eure Plattenfirmen und Musikverlage euch faire Anteile von ihren Streaming-Einnahmen auszahlen!
Noch einmal Masuch laut „FAZ“: „Wer bei uns ein Album aufnimmt, der kriegt 75 Prozent des Nettoumsatzes, statt 20 bis 25 Prozent bei traditionellen Verträgen.“
Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ist es aber nicht. Wenn ich Musiker wäre, ich würde wohl eine Gewerkschaft gründen. Mir aber vor allem einen guten Rechtsanwalt besorgen, der einen anständigen und fairen Vertrag mit den Rechteinhabern aushandelt...
(und ja, ich weiß schon, das alles ist für Sie als aufmerksame Leser*innen dieses Blogs oder auch meines Buchs „Das Geschäft mit der Musik“ jetzt nichts Neues. Klar. Aber wenn das alles einer der einflußreichsten Musikmanager sagt, der seit über 30 Jahren in dem Geschäft und der aktuell Chef der Bertelsmann-Musiksparte BMG ist, hat das schon noch ein besonderes Gewicht, oder?)

04.09.2017

Merkel allein im Finale

Am Samstag, 2.9.2017, auf der Titelseite der „Berliner Zeitung“:

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Liebe Berliner Zeitung – wenn nur zwei Menschen oder Mannschaften etwas ausfechten, nennt man das „Finale“. Ein Halbfinale besteht in der Regel aus vier Parteien, und die beiden Gewinner der Halbfinals bestreiten dann das Finale. Wenn man schon so tut, als ob das langweilige und apolitische und auf allen Kanälen gleichzeitig übertragene Gequatsche zweier Spitzenkandidaten, deren Parteien seit etlichen Jahren gemeinsame Sache machen, ein „Duell“ ist, dann geht ihr doch sicher aus, daß dieses Duell von einer oder einem gewonnen wird? Und der steht dann nach eurer Logik im Finale – allerdings allein. Und gegen wen tritt er oder sie dann an? Gegen die Wähler*innen? Das wäre allerdings ganz fein und dialektisch gedacht...
(daß ihr auf Seite 2 der gleichen Ausgabe das TV-Duell zum „Hochamt“ hochjazzt, ist dann allerdings nur noch lächerlich)

04.09.2017

Audienz beim Heiligen Ai

Aber die Berliner Tageszeitungen habens allem Anschein nach derzeit mit dem Katholizismus. Wenige Tage vorher gratuliert Susanne Messmer (ja, die! das Faktotum dieses Blogs von vor etlichen Jahren ist zurück!) Ai Weiwei über fast eine ganze Seite zum 60. Geburtstag. Und wie? Und wie! Nämlich so: „Es war im August 2008. Ein Interview mit Ihnen in Ihrem schönen, weitläufigen Atelier in Peking. Vielleicht fühlen sich Audienzen beim Papst so ähnlich an.“
Liebe Susanne Messmer, Ai Weiwei ist nicht der Papst (denn der Papst ist nach der Logik des Katechismus nur der Statthalter des Herrn auf Erden) – nein, Ai ist der Heilige Ai! Und ein Heiliger ist viel viel mehr als bloß ein Papst. Und mithin ein viel gewaltigerer Anlaß zum Feuchte-Höschen-Kriegen, als es eine Audienz beim Papst jemals sein kann. Sie haben einen Heiligen interviewt! Fehlt bloß noch der liebe Gott. Aber Sie werden auch den noch schaffen, da bin ich mir ganz sicher.

04.09.2017

Audienz beim Universal-Manager

Nur wenige Wochen zuvor hat ein Andreas Hartmann von der taz eine Audienz bei Clemens Trautmann gehabt. Der war in verschiedenen Funktionen beim Axel Springer-Konzern tätig (zuletzt als Büroleiter des Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner), bevor er vor anderthalb Jahren Chef der „Deutschen Grammophon“ wurde, also des Renommierlabels der Klassik schlechthin.
Und worin besteht der Artikel des Herrn Hartmann über seinen Besuch bei Herrn Trautmann? Aus einer eine ganze Seite langen unkritischen Lobhudele auf den Musikmanager. Ein geschliffener Promotext aus den Eingeweiden der Musikindustrie ist das geworden. Da wird keine einzige kritische Frage gestellt, alles ist Beweihräucherung. Muß man so auch erst mal hinbekommen.

04.09.2017

taz-Mann mimt bei Axel Springer den Cheerleader der Demokratie

A propos Axel Springer-Konzern: Dort wird ja bekanntlich auch der „Rolling Stone“ herausgegeben. Und vor einer Bundestagswahl ist es jeder Publikation des Springer-Konzerns wichtig, Politik zu machen, und zwar, natürlich: konservative Politik. Der „Rolling Stone“ hat als nützlichen Idioten zu diesem Behufe den Chefreporter der „taz“ engagiert – wer könnte sich besser eignen?
Peter Unfried, so heißt der „taz“-Mann, war am Kotti koreanisch essen. Und unter seinesgleichen ist die „Frage des Jahres“ – na, was wohl? Genau: „Wen soll man bei der Bundestagswahl wählen?“
Unfried macht den Franz Josef Wagner und erzählt: „Alle waren wir utopisch drauf, als wir jung waren und dachten, daß es jetzt losginge. Womit auch immer. Tja, und dann ging es los.“ Was auch immer. „Klimawandel, Globalisierung, Digitalisierung, Völkerwanderung, Orangenhaut, Prostata – Mist aber auch.“ So plappert ein Chefreporter der „taz“ heutzutage daher, und welchen Schluß zieht er aus alledem? Den, für den er wahrscheinlich nicht einmal ein Cheerleader-Boy-Honorar der Bundeszentrale für politische Bildung erhält: „Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bevor die Menschen einsehen, daß Parteien keine Identitätsprojektionen für eine kindliche Traumwelt sind, sondern ein essenzieller Bestandteil einer pluralistischen Demokratie. Wer sie stärken und verteidigen will, der kann jede demokratische Partei wählen.“
Ach, was ist „taz“ens Unfried in Springers „Rolling Stone“ doch realpolitisch drauf, seit er alt geworden ist und denkt, daß nichts mehr losgeht. Bei ihm jedenfalls nicht.

04.09.2017

Ist das Gedenken an die Shoah neuerdings eine Ja-Nein-Frage zum Ankreuzen?

Die „Bundeszentrale für politische Bildung“ gibt ja auch den sogenannten Wahl-O-Mat heraus, ein „Informationsangebot über Wahlen und Politik“; man kann einen Schwung Fragen beantworten, und dann erfährt man, welche Parteien einem angeblich am nächsten stehen.
Frage 17 von 38 lautet so:

Unglaublich. Ist die Shoah und das Gedenken daran jetzt plötzlich eine Ja-Nein-Frage, die man ankreuzen kann oder auch nicht, je nach gusto? Seit wann steht das zur Disposition?!?

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