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21.02.2024

Solidaritätszuschlag zahlen nur noch Reiche - und ausländische Musiker:innen!

„Solidaritätszuschlag“ anybody?
Wir erinnern uns: 1991 als eine „Ergänzungsabgabe zur Einkommensteuer und Körperschaftssteuer“ zur Unterstützung der ostdeutschen Bundesländer erfunden und ursprünglich auf ein Jahr (!) befristet. Seit 1995 existiert der „SolZ“ unbefristet bis heute, wird aber laut Finanzminister Lindner (FDP) seit 2019 sowieso „nur noch bei den obersten Steuerklassen“ und bei Unternehmen erhoben.
 
„Nur noch bei Spitzeneinkommen“, also ab einem Bruttoeinkommen von mehr als 74.000 Euro? Iwo. Denn bis heute zahlen fast alle ausländischen Musiker:innen weiterhin die 5,5 Prozent Zuschlag auf ihre „Ausländersteuer“-Beträge. Also nicht nur die Großverdiener:innen, sondern auch grundsätzlich alle Musiker:innen in kleinen Bands, wenn diese mehr als 250 Euro pro Musiker:in und Show erhalten – was ja, nebenbei bemerkt, eine Umsatzzahl ist und keineswegs ein „Einkommen“, denn von diesem Geld müssen die Musiker:innen ja noch ihre Kosten bestreiten, also Miete von Tourbus und Equipment, Kosten für die die internationalen Flüge, für Tourmanager:innen, Tontechniker:innen usw.
 
Es wäre allerhöchste Zeit, dass die Bundesregierung endlich die Pflicht zur Zahlung des Solidaritätszuschlags für ausländische Musiker:innen beendet und aufhört, gerade kleineren und mittleren ausländischen Bands bei ihren Tourneen in Deutschland zusätzliche Knüppel zwischen die Beine zu werfen.

 

21.02.2024

Ausländersteuer für Musiker:innen reformieren!

Und wo wir gerade dabei sind:
Ein weiteres Hindernis für alle ausländischen Musiker:innen und ihre deutschen Tourveranstalter ist die hierzulande extrem hohe sogenannte Ausländersteuer (also die „Beschränkte Einkommensteuer“ laut § 50a des Einkommensteuergesetzes): 15 Prozent ihrer Gagen müssen die Musiker:innen an den deutschen Fiskus abführen – mehr als in praktisch allen Nachbarstaaten, wo es entweder gar keine entsprechende Steuer gibt (wie z.B. dank Doppelbesteuerungsabkommen in den Niederlanden) oder relativ hohe Freibeträge, unterhalb derer keine Ausländersteuer zu zahlen ist (wie z.B. in Belgien oder in Österreich).

In Deutschland gibt es auch eine Art „Freibetrag“, der aber sehr niedrig definiert ist und seit fünfzehn Jahren nicht mehr angepasst wurde: 250 Euro Einnahmen (wie gesagt, in dem Fall „Umsatz“, siehe oben!) pro Musiker:in und Show sind Ausländersteuer-befreit. Ab 251 Euro Einnahmen ist der gesamte Betrag (!) mit 15,825 Prozent zu besteuern (15% ESt plus darauf 5,5% SolZ). Wenn man dazu noch die mittlerweile auf 5 Prozent gestiegenen Beiträge zur Künstlersozialkasse hinzuzählt, die alle ausländischen Musiker:innen zu entrichten haben, obwohl sie von dieser Sozialversicherung gar nicht profitieren, kommt man auf mehr als ein Fünftel Abgaben, die ausländische Musiker:innen in Deutschland zu leisten haben. Eindeutig eine wesentliche Behinderung des kulturellen Austauschs, der gerade kleinere und mittlere Bands betrifft. Und natürlich im Vergleich zu Nachbarländern ein Standortnachteil für Veranstalter, die ausländische Bands ins Land holen.
 
Wenn es schon keine Anpassung an die entsprechende Förderung des Kulturaustauschs in Nachbarländern gibt, dann sollte wenigstens der Freibetrag pro Musiker:in endlich an die wirtschaftlichen Realitäten angepasst werden. Der Deutsche Kulturrat hat bereits im November 2022 gefordert, die sogenannte „Milderungsregel“ (ich nenne sie oben „Freibetrag“) „von 250 Euro (Bruttovergütungsvereinbarung) pro Person pro Auftritt auf 500 Euro anzuheben“. Damit werde „das Ziel einer fairen Vergütung von Künstlerinnen und Künstlern“ verfolgt.
 
Wann wird sich die Ampel, wann werden sich die Parteien und Fraktionen endlich dieser langfristigen Verbesserungen annehmen? Freibetrag von 500 Euro pro Person und Auftritt sowie Abschaffung des SolZ für ausländische Musiker:innen jetzt!

 

21.02.2024

Retro-Konzertbusiness, Folge 4058: Talking Heads-Reunion?

Retro-Konzertbusiness, Folge 4058:
Talking Heads-Reunion?
Laut “Billboard” hat Coachella-Chef und Goldenvoice-Präsident Paul Tollett Kontakt mit den Talking Heads-Musiker:innen und ihren Managements aufgenommen, um sie von einem Headliner-Auftritt beim Coachella-Festival zu überzeugen. Offensichtlich gab es keine Chance, die Band von einem Auftritt zu überzeugen.
Kurz darauf hat der Live Nation-Konzern laut „Billboard“ den Talking Heads sage und schreibe 80 Millionen US-$ für „sechs bis acht Festivalgigs und Headlining Slots“ angeboten. Die Band hat das Angebot letztlich abgelehnt.
Ein wesentlicher Teil des Superstar-Geschäfts der Super-Konzerne mit den Super-Profiten besteht heutzutage im Reunion-Business – wenn schon die Beatles (aus Gründen) oder Abba nicht mehr auftreten können oder wollen, wie wäre es dann mit anderen 70er & 80er Jahre-Helden? Das Geld ist da, und für Retro-Bands sitzt es locker – was nicht unwesentlich mit der zunehmend schwieriger werdenden Suche nach Festival-Headliners zu tun hat.
Umso erfreulicher, dass sich die Talking Heads dem Reunion-Theater verweigern. Und so muss sich Coachella dieses Jahr mit den Reunions von No Doubt und Sublime begnügen…
(und damit wir uns nicht missverstehen: The Talking Heads live? ich würde nicht nur hingehen, sondern dafür auch sehr weite Wege in Kauf nehmen…)

 

21.02.2024

500 beste Alben aller Zeiten?

Der „Rolling Stone“ präsentiert wieder mal die angeblich „500 besten Alben aller Zeiten“. Ganz schön selbstbewusst. Kein einziges Klassik-Album, kaum Jazz, wenig Hip-Hop, das sollen die „500 besten Alben aller Zeiten“ sein? Lustig.

Und dann Bilderbuch und zwei Mal Tocotronic, aber keine Tortoise, kein Lambchop, to name just two. Und in der Jury der vor über acht Monaten verstorbene Kristof Schreuf – wie geht das? Aus dem Jenseits zugeschaltet?

Nicht weiter ernst zu nehmen das alles, außer für die Jungs mit ihrem Listengetue…

(Platz 1-3 und 9 u.a.m. gehen natürlich völlig in Ordnung, und auch z.B. Platz 492 find ich primawink)

20.02.2024

Scholz und Signa

Aus der Reihe „schlecht gealterte Aussagen“:
Signa sei ein „hervorragendes Immobilienunternehmen“, so der damalige Bürgermeister Hamburgs und heutige Bundeskanzler Scholz 2018.
„Es wurde ein (...) Auswahlverfahren durchgeführt, bei dem von Beginn an der Anspruch an (…) eine verlässliche Realisierung und Finanzierung gekoppelt wurde.“
Tschah.

 

18.11.2023

Vereinsblättchen der deutschen Musikindustrie

Hübsch, wie sich alle Manager:innen und Akteur:innen der Musikindustrie anlässlich des 30jährigen Jubiläums der „Musikwoche“ tief vor dem Branchenblatt verbeugen – in dem die Akteur:innen sicher auch künftig ihre Produkte anpreisen und selbst in allerlei Fotos vorkommen wollen und werden.
Dass die „Musikwoche“ im Vergleich zu kompetent analysierenden, Hintergründe ausleuchtenden und journalistischen internationalen Magazinen (zum Beispiel „Musik Business International“) eher als Vereinsblättchen der deutschen Musikindustrie daherkommt, das brav die Presseerklärungen der Musikindustrie abdruckt, ist vermutlich mehr der deutschen Musikindustrie zu verundanken als den Leuten, die mit einem eingebundenen Vereinsblättchen, das von den Abos und Anzeigen der Musikindustrie lebt, ein wenig Profit vom Kuchen der Musikindustrie abhaben wollen. Und ja, es gibt hin und wieder auch gute Interviews und interessante Beiträge in der „Musikwoche“, etwa von Knut Schlinger. Aber eben selten. Sehr selten. Wie dann aber all die Gratulant:innen das großflächige Abschreiben von Presseerklärungen der Musikindustrie zu einem „objektiven“, „unabhängigen“ (selten so gelacht…), „vielfältigen“, „kompetenten“, „großartigen“ usw. Journalismus hochjazzen, ist schon ein besonders skurriles Leckerli der an Absurditäten und Skurrilitäten nicht eben armen hiesigen Musikindustrie…

 

25.10.2023

Richard Hawley über künstlerische Integrität

Ebenfalls ein „guter Mann“ und noch dazu ein formidabler Musiker und Songwriter: Richard Hawley! In einem schönen Interview mit Jakob Biazza im Schweizer „Tagesanzeiger“ antwortet er so lässig wie selbstbewusst auf das nachvollziehbare Insistieren des Interviewers, dass viele von Hawleys Songs doch „ganz große Pop-Hits“ seien und „die Welt doch offensichtlich schlecht“:

„Und der Interviewte erwidert, man solle ruhig fluchen, sein Vater sei Stahlarbeiter gewesen (er war außerdem auch ein fantastischer Gitarrist und Songwriter). Im Übrigen stimme das mit der Welt vermutlich, man möge ihn aber bitte trotzdem mit der These verschonen, ihm sei kommerziell irgendein Unrecht widerfahren.
Nicht Teil des Mainstreams zu werden, sei eine wirklich bewusste Entscheidung gewesen. Er betrachte sie als große Lebensleistung. Es gebe nun mal so etwas wie «künstlerische Integrität», und die sei für ihn: absolut. Er wisse, wie die Alternative aussehe in diesem Gewerbe und wie hoch der Preis sei, und er habe deshalb ein Mantra, und das funktioniere prächtig für ihn.“

(Hervorhebung von mir)

Musik von Richard Hawley: Alben, Lieder, Songtexte | Auf Deezer hören

02.10.2023

Was Filmemacher Robert Rodriguez sagt - "Kreatives Problemlösen"...

Der Filmemacher Robert Rodriguez über seine Zeit an der Filmhochschule der Universität von Texas (lässt sich auch über praktisch jedes Popmusik-Studium sagen…), in einem tollen Interview mit Maria Wiesner im „FAZ“-Feuilleton:
 
„Das ist eine große Uni, und das Filmdepartment war damals klein, die haben nur 30 Leute angenommen, und es ging nach Notenschnitt. Nur sind diese Leute nicht zwangsläufig die besten Filmemacher. Die hatten zwar gute Noten, wollten aber nur aus Spaß ein bisschen Film studieren, ohne Ambitionen in dem Fach. Und ich kam mit meinem Schnitt nicht rein, habe aber in einem Kurzfilmwettbewerb gegen diese Studenten gewonnen. Also bin ich mit meinem Gewinnerfilm zum Professor gegangen, und er hat mich dann zugelassen. Ich wollte eigentlich nur hinein, um deren Filmkameras zu benutzen. Das war dann aber eine große Enttäuschung, sie hatten total altes Material, als stamme es noch aus dem Zweiten Weltkrieg. Das hätte ich auch mit 50 Dollar zusammenbekommen. In dem Sommer habe ich dann den Film „El Mariachi“ gemacht und bin gar nicht mehr in die Filmschule ­gegangen, weil ich festgestellt hatte, dass sie mir eigentlich nichts mehr beibringen können.“
 
Aber woher kam das Geld für seinen ersten Film?
 
„Ich bin eines von zehn Kindern, von meinen Eltern konnte ich keine Zuschüsse erwarten. Um für die Filmschule und mein Apartment aufkommen zu können, hatte ich schon zwei Jobs angenommen. Da blieb aber nichts für das Filmen übrig, also habe ich Medikamententests gemacht. Ich habe mir Löcher in die Arme schneiden lassen, um ein Mittel zur schnellen Wundheilung zu testen. Dafür lag ich sieben Tage im Krankenhaus, habe Untersuchungen an diesen Stellen über mich ergehen lassen und dafür 2000 Dollar bekommen. Damals war das viel Geld. Mit ein paar solcher Tests hatte ich die Mittel für den Film zusammen.“
 
Und sein Ratschlag für junge Filmemacher:innen:
 
„Kreatives Problemlösen ist die Kernfähigkeit, die man lernen muss. Dann gelingt das.“
 
Guter Mann!

 

02.10.2023

FDP: Der Markt regelt...

Die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Bettina Stark-Watzinger (FDP), zum Stichwort „Wettbewerbsfähigkeit“: „Gefahr ist im Verzug. Wir brauchen mehr private Investitionen und Innovationen und nicht mehr Subventionen und Transferleistungen.“


 
Die Bundesregierung unter Beteiligung von FDP-Finanzminister Lindner und FDP-Ministerin Stark-Watzinger: Bis zu 5 Milliarden Euro staatliche Subventionen (also die Hälfte der Gesamtinvestitionen) für die Halbleiter-Fabrik des taiwanesischen TSCM-Konzerns (aktuell 34 Milliarden Euro jährlicher Gewinn) in Dresden.
 
Der Markt regelt?

 

02.10.2023

Unbestreitbare Vorteile der Künstlichen Intelligenz

Ich weiß ja nicht, was die Leute immer gegen KI haben. Ich finde, Künstliche Intelligenz hat ein paar unbestreitbare Vorteile.
Mehr als 90 Prozent des ganzen Charts-Krams und des Zeugs, was unsere Radiosender so als „Musik“ ausstrahlen, könnte von einer KI mindestens genauso gut, mit großer Wahrscheinlichkeit sogar besser geschrieben werden. Einfach das Urheberrecht ändern und für KI-Musik keine Honorare und keine GEMA bezahlen, und schwupps, haben wir ne Menge Geld gespart, das wir dann gerne den wirklich guten Musiker:innen und jungen und neuen Acts auszahlen werden.
Oder nehmen wir so üble Jungtüchtigen-„Berufe“ wie Influencer:innen oder Immobilien“entwickler“. Allein schon diese „Berufs“bezeichnungen für Werbeclowns und Immobilienhaie! Aber deren Job kann mit Erfolg eine KI übernehmen – und die arbeitslos gewordenen Influencer:innen oder Immobilienentwickler treffen wir dann heulend und wehklagend am Wegesrand an und gehen mitleidlos an ihnen vorbei.
 

03.08.2023

Günstige Tickets bei Live Nation

Wer hat schon Tickets für 50 Cent?
Dumpingpreise bei Live Nation...

03.08.2023

Einige Anmerkungen zur deutschen Festivallandschaft im Sommer 2023

Was ist los im Festival-Business?
Es hagelt Absagen, manche Festivals greifen zu Verzweiflungstaten und bieten ihre Tickets mit bis zu 30% Rabatt an, andere gehen pleite, und von vielen Festivals hört man atemberaubend schlechte Zuschauer:innen-Zahlen.
Beispiel Tempelhof Festival in Berlin, das FKP Scorpio im Jahr 2022 gewissermaßen als das Gegenstück zum Berliner Lollapalooza (mittlerweile zu Live Nation gehörend) gegründet hatte und das mit 30.000 Zuschauer:innen pro Tag durchaus erfolgreich war.
Für 2023 mussten die Veranstalter das Festival jedoch absagen, weil der Flughafen für Notunterkünfte im Zuge des Krieges in der Ukraine benötigt wurde. Stattdessen hatten die Veranstalter eine kleinere Ersatzveranstaltung in der Waldbühne steigen: „Tempelhof Sounds Presents“, mit Bon Iver, Fever Ray und Holly Humberstone. Doch dieses Konzert wurde etwa sechs Wochen vorher ebenfalls abgesagt – aus „produktionstechnischen Gründen“, wie die Veranstalter bekanntgaben.
„Produktionstechnische Gründe“, really?!? Awcmon. Wollt ihr uns wirklich verklickern (bzw. vergackeiern), dass der vermutlich größte Festivalveranstalter Europas erst wenige Wochen vor dem Event feststellt, dass er eine seit Monaten intensiv beworbene Konzert-Produktion in Wahrheit gar nicht wuppen kann?
„Lange haben wir überlegt und alles in unserer Macht Stehende versucht“, lassen FKP Scorpio und der lokale Partner Loft Concerts wissen.
Oder lag es eher an schlechtem Ticketverkauf, dass „Tempelhof Sounds Presents“ so kurzfristig abgesagt werden musste…?
 
Oder nehmen wir das Doppelfestival Rock am Ring/Rock im Park, das vermutlich größte kommerzielle Rock-Festival in Deutschland. Deren Veranstalter, eine „eventimpresents GmbH & Co. KG“ (laut Impressum der Website) bzw. die Firma „Dreamhaus“, beide Töchter des CTS Eventim-Konzerns, bot in der zweiten Mai-Woche, also knapp drei Wochen vor dem Festival, in einem „Deal der Woche“ Karten mit „bis zu 30% Rabatt“ an – also wie beim billigen Jakob. Some call it „Verzweiflungstat“ – und die vielen tausend Fans, die bis dahin den vollen Preis für ihre Tickets bezahlt haben, werden sich, genau, vergackeiert fühlen. So baut man ein Vertrauensverhältnis zu seinen Kunden auf.

Aber klar, die beiden Festivals blieben deutlich unter den Erwartungen: Laut „Spiegel“ kamen bei Rock am Ring 20.000 und bei Rock im Park 15.000 weniger Besuicher:innen als im Vorjahr. Macht einen Verlust in Höhe von 35.000 mal 300 Euro – puh…
 
Live Nation hat das Download Germany Festival, das am 23./24. Juni auf dem Hockenheimring geplant war, gleich ganz abgesagt – dreieinhalb Wochen, bevor es stattfinden sollte! Angeblich, siehe oben, wegen „produktionstechnischer Hindernisse“. Also, der weltgrößte Live-Konzern stellt dreieinhalb Wochen vorher fest, dass man ein Festival doch nicht produzieren kann? Schlechter Scherz. Aber es ist natürlich interessant, wenn man sich vor Augen hält, dass es für Live Nation wohl „günstiger“ oder jedenfalls weniger teuer war, das Festival, zu dem bei seiner Premiere 2022 noch 70.000 Fans gekommen waren, ganz abzusagen, als es mit geringerer Zuschauerzahl durchzuziehen. Denn im Fall einer Absage kommen auf Festival-Veranstalter ja beträchtliche Kosten zu – die Künstlergagen sind trotzdem zu zahlen, die Dienstleister etc. pp.
 
Wie es mit dem Berliner Lollapalooza Festival im September aussieht, kann man derzeit noch nicht abschätzen. Die Veranstalter veröffentlichen keine Zahlen, nur soviel: man habe derzeit einen besseren Vorverkauf als im Vorjahr. Nur: es ist ein offenes Geheimnis in der Branche, dass das Berliner Lollapalooza 2022 ziemlich gefloppt ist, ein besserer Vorverkauf als letztes Jahr bedeutet also nicht allzuviel. Und das diesjährige LineUp ist, nun ja, sagen wir mal: etwas merkwürdig und lässt Festival-Profis wenig an einen Erfolg glauben.
 
Und weniger als vier Wochen vor dem Festival musste die DEAG mitteilen, dass ihr Münchner Rock Antenne Open Air abgesagt werden muss. Wenigstens ist die DEAG ehrlich: „Weil zu wenig Tickets verkauft wurden“ („Musikwoche“)…
 
Die LiveKomm hat dieser Tage eine Blitzumfrage unter deutschen Festival-Veranstaltern gestartet, an der 57 Festivals teilnahmen. Ergebnis: „Ein Drittel betrachtet ihre Festivals als gefährdet“ („Musikwoche“), 48 Prozent können dies für 2024 noch nicht sagen – bedeutet, dass vor allem viele kleinere und mittlere Festivals, die häufig von gemeinnützigen Vereinen organisiert werden, ihre Zukunft gefährdet sehen. Und das sind häufig gerade die interessanten Festivals, bei denen auch mal Newcomer-Acts auftreten und spannende, kleinere Bands, Festivals, bei denen es eine intensive Fan-Anbindung gibt – Festivals, die wichtig für die kulturelle Vielfalt in unserer Gesellschaft sind.
 
Solche Sorgen hat Folkert Koopmans, der CEO der zum Eventim-Konzern gehörenden FKP Scorpio, jedenfalls nicht, wenn es um die von ihm veranstalteten Hurricane und Southside geht. Beide Festivals waren dieses Jahr praktisch ausverkauft, und gerade erleben sie einen „Vorverkaufsstartrekord“ mit einem „Rekordabsatz“ in der ersten Vorverkaufswoche.

 

03.08.2023

CTS-Eventim-Aktie: Rauf & runter

Merkwürdiges Aktiengeschäft, wieder einmal:
Ausgerechnet in der Woche, als der CTS Eventim-Konzern einen Verlust von etlichen Millionen Euro durch seine Rock am Ring/Rock im Park-Festivals hinnehmen musste, war die CTS Eventim-Aktie einer der großen Gewinner im DAX: Die Aktie stieg um 8,16% und lag auf Platz der Gewinner der Börsenwoche.
Dann aber, als ein gewisser Jan Böhmermann in seinem „ZDF Magazin Royale“ beißende Kritik an der Marktstellung und der Gebührenpolitik von CTS Eventim übt, rauscht die Aktie in den Keller und hat binnen weniger Tage 17% verloren…

 

03.08.2023

Ed Sheeran und der Copyright-Prozess

Das war schon ein lustiger Prozess um Ed Sheeran, dem finanziell erfolgreichsten Live-Act aller Zeiten (laut „Billboard“ war seine 2018/2019-Tour die Tournee mit dem größten Umsatz und den höchsten Zuschauerzahlen in der Geschichte: 776,4 Millionen US-$ Einnahmen bei 8,88 Millionen verkaufter Tickets), und den Vorwurf, dass er mit seinem Hit „Thinking Out Loud“ aus dem Jahr 2014 von Marvin Gayes Klassiker „Let’s Get It On“ abgekupfert haben soll.
Die Geschworenen in Manhattan stellten letztlich fest, dass die Erben von Ed Townsend, der zusammen mit Marvin Gaye den Soulklassiker geschrieben hat, nicht bewiesen hätten, dass Sheeran, sein Label Warner Music Group und sein Musikverlag ihre Urheberrechte an dem Gaye-Song verletzt hätten.
Interessant ist die Verteidigungsstrategie Sheerans und seiner Anwälte: Sie sagten, dass die beanstandete Akkordfolge des Sheeran-Songs „ein grundlegender Baustein der Popmusik sei, der nicht urheberrechtlich geschützt werden könne“ („Spiegel“). Und Gaye und Townsend seien beileibe nicht die Ersten gewesen, die diese Akkordfolge genutzt hätten.
Soweit so gut. Dass die Popmusik sich einer mehrere Jahrhunderte alter Harmonik und Melodien und banaler 4/4- und, seltener, 3/4-Takte bedient, ist ja nun wahrlich eine Tatsache. Genauso wie es eine Tatsache ist, dass die meisten Akkorde, Tonfolgen und Melodien eben abgekupfert sind, und meistens von Musik, die um einiges älter ist als das geltende Urheberrecht. Denken wir an das Motiv aus dem ersten Satz von Bruckners Fünfter Sinfonie in B-Dur, diese Folge von sechs Tönen, die Fußballfans in aller Welt in den Stadien singen und dabei denken, sie stamme von den White Stripes und ihrem Song „Seven Nation Army“. Oder Ennio Morricones Titelmelodie aus „Spiel mir das Lied vom Tod“, für das der italienische Komponist Melodik und Harmonie aus Smetanas „Aus Böhmens Hain und Flur“ übernommen hat. Und die Titelmusik aus den Miss Marple-Filmen klingt verdächtig nach Mozarts Rondo für Klavier und Orchester KV 386. Oder: Die Melodie von Paul McCartney’s „Yesterday“ ist nun mal ein Destillat aus Ray Charles‘ Version von Hoagy Carmichaels „Georgia on my mind“ und Nat King Coles‘ „Answer me my love“.
Überhaupt die Beatles! Paul McCartney hat ja 1982 in einem berühmten Interview mit dem Playboy zugegeben: „Oh, yeah. We were the biggest nickers in town. Plagiarists extraordinaires.“
Es ist nun mal so: Jede kulturelle Leistung baut auf einer vorhergegangenen auf, und das gilt natürlich erst recht dann, wenn die aktuelle Musik sich eines seit über 300 Jahren bestehenden Kanons bedient. Da hat Ed Sheeran ganz recht: Viele Akkordfolgen und Melodien sind „ein grundlegender Baustein der Popmusik“ und können „nicht urheberrechtlich geschützt werden“.
Gut gebrüllt, wuschelköpfige Schneeflocke! Nur: warum lässt Du denn dann Deine ganzen Songs urheberrechtlich schützen?
Denn hier liegt doch das eigentliche Problem: Wenn schon eine Tonfolge von nur wenigen Tönen urheberrechtlich geschützt ist, die Komponist:innen sich gleichzeitig aber lediglich einer sehr überschaubaren Menge an Tönen (acht bis zwölf) und Akkorden (letztlich die drei der Kadenz, plus mitunter eines Septakkords) bedienen, liegt auf der Hand, dass es nur ein begrenztes Reportoire an möglichen Melodien, Ton- und Akkordfolgen geben kann. Und daran kann, darf und sollte es keine Eigentumsrechte geben.
Nam June Paiks Erkenntnis, „dass es in der bildenden Kunst nichts an Material gibt, das man nicht benutzen kann“, gilt uneingeschränkt auch für die Musik.
Also völlig okay, dass das Gericht die Klage gegen Ed Sheerans vermeintliche Plagiate abgewiesen hat. Genauso okay und notwendig wäre es aber gewesen, wenn das Gericht dem Musiker erklärt hätte, dass er selbst auch kein Recht an diesen schon seit Jahrzehnten von etlichen Musiker:innen verwendeten Akkordfolgen hat.
So oder so ist es schade, dass Ed Sheeran den Prozess nicht verloren hat. Für den Fall einer Niederlage nämlich hatte der Musiker sein Karriere-Ende angekündigt und angedroht, aufzuhören, Musik zu produzieren…

 

03.08.2023

Künstliche Intelligenz, Deutscher Kulturrat & Copyright

Die deutschen Copyright-Cops sind aber aus einem ganz anderen Grund in heller Aufregung: KI ist das Stichwort. Eine KI kann „alles kreieren“, sagt der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, und barmt etwas holprig: „Wir im Kulturbereich sind einer der Bereiche, die am stärksten von der Künstlichen Intelligenz betroffen sind. (…) Deswegen entsteht da jetzt ein größerer Konkurrenzmarkt“ (ein ganz neuer Gedanke: ein Markt voller Konkurrenz – sollte da der Markt plötzlich nicht mehr alles „regeln“?) und dann zählt er alle Bereiche auf: den „gesamten Design-Bereich, die Musik, den ganzen Text-Bereich, die bildende Kunst“.
Was die Musik angeht, weiß ich nicht so recht. Mitunter denke ich, dass die KI mehr als neunzig Prozent der Musik, die im Formatradio läuft, im Fernsehen oder im Mainstream-Bereich der Streamingdienste, von einer KI mindestens genauso gut bzw. genauso schlecht hergestellt werden könnte…
Generell interessiert mich eher, was eine KI träumen würde. Welche neue Musik zum Beispiel entstehen könnte. Und dabei ist mir das Urheberrecht, siehe oben, zunächst einmal ziemlich egal.
Ganz anders der Deutsche Kulturrat, der sich sofort vehement hinter die Musikindustrie gestellt hat und die Eigentumsrechte verteidigt. Also das, was in der Musikindustrie niedlich „Urheberrecht“ genannt wird und de facto längst ein Verwerterrecht ist, an dem mittlerweile vor allem Private Equity-Konzerne, Offshore-Firmen und Hedgefonds ihren Profit machen.
Aber nochmal der Lobbyist Olaf Zimmermann: „Die KI muss überhaupt erst einmal in ein Korsett hineingebracht werden.“ Aha.

 

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