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Blog Archiv - Jahr %1
06.04.2026

"Woman fighting to save Berlin's nightclubs" vs. Xjazz-Festival vor Aus

Kaum hat die altehrwürdige „The Times“ Berlins angesichts der CDU-Fördergeldaffäre reichlich angeschlagener Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson eine Art Ritterschlag verpasst und sie zur „Woman fighting to save Berlin’s nightclubs“ hochgejazzt (eine Weisheit, die die konservative britische Zeitung für sich allein hat), da wird sie aus dem Londoner Himmel aufs Berliner Pflaster zurückgeholt: Das renommierte Xjazz-Festival steht vor dem Aus.
 
Ursprünglich hätte die 12. Ausgabe von Xjazz - 2022 mit dem Deutschen Jazzpreis als „Festival des Jahres“ ausgezeichnet und seit Jahren ein kulturelles Highlight - im Mai 2026 stattfinden sollen. Nun musste das Festival abgesagt werden, weil die Berliner Kulturverwaltung laut „Tagesspiegel“ „bis zuletzt die Förderzusage verweigert und auch auf Nachfragen nicht reagiert hat“. Ein Armutszeugnis für die Berliner Kulturverwaltung unter Sarah Wedl-Wilson: „Der Ruf Berlins als Kultur-Metropole könnte durch die Absage ernsthaft beschädigt werden.“
 
Peinlich, peinlich.
 
Andrerseits hätte ich da einen Tipp für die Festivalmacher:innen: Einfach mal mit Berlins Polit-zzz Christian Goiny (CDU), dem haushaltspolitischen Sprecher der CDU-Fraktion, in einen Griechenlandurlaub fahren. Dann läuft das schon. Und die Kohle kann sogar ohne fachliche Prüfung vergeben werden.
Falls es dennoch haken sollte, wird Goiny die Kultursenatorin schon angemessen unter Druck zu setzen wissen, so in der Art: „Wir sind jetzt an einem Punkt, wo jeder Tag Deiner Nicht-Entscheidungen anfängt, öffentlich nicht mehr zu verbergenden politischen Schaden anzurichten.“
Notfalls kann man immer noch einen Mitarbeiter Goinys oder eine seiner Parteifreund:innen in den Vorstand des Festivals berufen, um wirklich auf Nummer sicher zu gehen…

06.04.2026

Ballett-Sturm in Piccolo-Gläschen

Niedlich, wie eine nebenher gemachte Bemerkung Timothée Chalamets im Jahr 2026 immer noch die Feuilletonisten unterschiedlichster Couleur aufregt.
Er würde „niemals in der per oder im Ballett arbeiten“, so der Schauspieler, weil das einfach „keinen interessiert“.
Und schon kam es zum erwartbaren Sturm in allen Piccolo-Gläschen und Mate-Flaschen.
 
Was waren das noch Zeiten, als Pierre Boulez im „Spiegel“-Interview 1967 gefordert hatte: „Sprengt die Opernhäuser in die Luft!“
Sowohl, was die Forderung und Intention angeht, als auch die Reaktion.
Tempora mutantur.
 

06.04.2026

Praktika in Sternerestaurants und in der Musikindustrie

Das Kopenhagener Sternerestaurant Noma gilt als eines der besten Restaurants der Welt.
Nun hat der Chef des Gastrotempels für einen Skandal gesorgt. Er habe seine Angestellten drangsaliert und bedroht, teilweise sogar physischer Gewalt ausgesetzt.
 
Und: Im Noma waren unbezahlte Praktika wohl die Regel. Wie übrigens auch in der Musikindustrie, und da auch bei etlichen der großen Konzerne.
 
In bewundernswerter Offenheit hat der Berliner Sternekoch und Betreiber des Restaurants „Noibelhart & Schmnutzig“ zu dem Skandal Stellung genommen:
„Ausbeutung ist in der Regel Teil des Geschäftsmodells“, schreibt Wagner. „Schon die ‚normale‘ Gastronomie kalkuliert häufig mit unbezahlten Überstunden. Die Hochküche tut dies ebenfalls und ergänzt dieses Modell dann noch durch etliche unbezahlte Praktikant:innen. (…) Warum sich gerade junge Menschen dennoch für unbezahlte Praktika in entsprechenden Sternerestaurants entscheiden? Anerkennung, Leidenschaft, Ambition, die Station auf dem CV… Aber eben auch die Tatsache, dass sich derartige Missstände moralisch erstaunlich elegant als Charaktertest umdeuten lassen. Die harten, entbehrungsreichen Lehrjahre, die eigene, famose Arbeitsethik gelten als Eintrittskarte in die Riege der großen Meister (…) Wer nicht unbezahlt arbeiten will oder kann, meine es nur nicht ernst genug.“
 
Das Nobelhart & Schmutzig hat auf diese untragbare Situation schon vor Jahren mit einem „Guide of Conduct“ reagiert. 
Wie gesagt, auch in der Musikindustrie, ob bei Plattenfirmen oder Veranstaltern, sind unbezahlte Praktika eher die Regel als die Ausnahme. 
Höchste Zeit, dass sich auch die Firmen der Musikindustrie einen „Guide of Conduct“ auferlegen und für faire Arbeitsbedingungen sorgen.
 

06.04.2026

Künstlerin nimmt sich selbst unter Vertrag

Lustig:
Mit ihrer eigenen Booking-Agentur All Excess Agency will eine DJ und Produzentin laut „Musikwoche.de“ „patriarchale Strukturen in der Technoszene aufbrechen“. 
„Als erste Künstlerinnen nimmt sie sich selbst (…) unter Vertrag.“ 
Hübsche Idee eigentlich. Vielleicht nehme ich mich auch irgendwann selbst unter Vertrag, allein schon, um die Strukturen in der Konzertszene aufzubrechen.
Genre? Noch offen.
 

06.04.2026

„Meisterdenker": Wolfram Weimer will alles richtig machen...

Einmal wollte Wolfram Weimer alles richtig machen, und er würdigte den verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas als „Meisterdenker“.
Allein: Markus Joch, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Keio-Universität Tokio, musste dem Kulturstaatsminister auf „X“ erklären:
 
„Meisterdenker‘ ist bekanntlich ein Begriff, den A. Glucksmann ironisch prägte, um hegelianischen Theoretikern Größenwahn nachzusagen. ‚Würdigt‘ Weimer Habermas als ‚Meisterdenker‘, weiß er mal wieder nicht, was er redet.“
 
Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.
 

07.03.2026

"German House" auf der SXSW absagen!

Presseerklärung

Ich fordere die Initiative Musik (die laut Eigenaussage „zentrale Fördereinrichtung der Bundesregierung und der Musikbranche für die deutsche Musikwirtschaft“) sowie die anderen Organisationen und Institutionen, die am „GERMAN HOUSE“ bei der SXSW Austin vom 12. bis 16. März 2026 beteiligt sind, auf, das „GERMAN HOUSE“ auf der diesjährigen SXSW aus politischen Gründen abzusagen.
 
Die politische, gesellschaftliche, kulturelle und soziale Situation in den USA hat sich seit Beginn der zweiten Präsidentschaft Donald Trumps dramatisch verschlechtert. 
Die „ICE“, eine Art persönliche und sich nicht an Recht und Gesetz haltende SA des Präsidenten, spürt mit allen Mitteln aktueller Überwachungstechnologie massenhaft Migrant:innen auf, steckt sie samt ihren Kindern in Internierungslager oder schiebt sie direkt in angebliche „Herkunftsländer“ ab, die diese Abgeschobenen häufig seit Jahrzehnten, mitunter sogar noch nie gesehen haben (siehe beispielsweise diese Geschichte im „Economist“).
 
„ICE is the American Gestapo“, erklärt der Schriftsteller Stephen King. 
Und der Schriftsteller T.C. Boyle nennt die USA zurecht einen „Polizeistaat“.
 
Die aktuelle Entwicklung in den USA mit all ihrem Rassismus, der Fremdenfeindlichkeit, der Rechtlosigkeit von Minderheiten und der Unterschicht, aber auch von Oppositionellen, die sich Trump und seiner MAGA-Bewegung entgegensetzen (der Todesschütze von Minneapolis läuft frei herum und erhält vom Vizepräsidenten Immunität), erinnert gerade auch in ihrer Willkür fatal an Deutschland in den Jahren vor 1933. In den USA unter ihrem Präsidenten Trump entwickelt sich eine neue Form von Faschismus. 
Ich bin generell vorsichtig beim Verwenden dieses Begriffs, und natürlich wissen wir, dass sich Geschichte nicht wiederholt – aber es ist beileibe keine „Farce“, was sich in den USA gerade abspielt, sondern bittere Realität.
 
Hinzu kommt die skandalöse US-amerikanische Außenpolitik mit massiven Angriffen auf die Souveränität anderer Staaten (Venezuela! Grönland! Iran!), mit willkürlich erhobenen Zöllen gegenüber dem Rest der Welt, mit der Ignoranz gegenüber internationalen Organisationen und Institutionen und nicht zuletzt mit der Zerstörung des Klimaschutzes, indem Trump zuletzt CO2 für ungefährlich erklärt hat.
 
Die aktuelle Politik der USA ist nicht nur die Rückkehr zu einem von ihnen seit jeher gepflegten Imperialismus (selbst die konservative „Financial Times“ nennt Trumps Politik „Resource Imperialism“), sondern sie ist eine Politik, die aufgehört hat, den Nationalstaat oder einen internationalen Grundkonsens wie das Völkerrecht überhaupt noch als maßgeblichen Ordnungsrahmen zu akzeptieren. 
 
Es ist an der Zeit, gegen die menschenfeindliche Politik der USA unter Donald Trump Haltung zu zeigen, statt die Entwicklung des „land of the free“ hin zu Polizeistaat und Faschismus weiter zu ignorieren.
 
Natürlich wäre die Absage des „GERMAN HOUSE“ bei der SXSW nur eine symbolische Aktion – aber eine symbolische Aktion von großem Wert. 
Es geht hierbei nicht darum, dass einzelne Musiker:innen oder Messe-Teilnehmer:innen ihre Teilnahme an der texanischen Messe absagen – dies soll allen Einzelnen überlassen bleiben. Aber es geht darum, dass das weitgehend vom deutschen Staat – vor allem vom BKM und vom BMWE – geförderte GERMAN HOUSE nicht stattfindet. Damit würden die deutschen Musiker:innen und die deutsche Kreativwirtschaft ein starkes Zeichen der Solidarität setzen mit all denen, die aktuell in den USA gegen die reaktionäre Politik der Regierung kämpfen.
Damit würde das „GERMAN HOUSE“, um die Worte der Geschäftsführerin der Initiative Musik zu paraphrasieren, „eindrucksvoll zeigen, wie Musik, Innovation und Haltung zusammenkommen“ und ein entschiedenes Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und polizeistaatliche Entwicklungen in der Welt setzen.
 
Übrigens hat Kanada letztes Jahr, bei der SXSW 2025, die Ausrichtung seines „Canada House“, das seit jeher einer der meistbesuchten Länderpavillons ist, aufgrund der politischen „Spannungen“ zwischen den USA und Kanada abgesagt. Und die grönländische Musikerin Nive Nielsen hatte aus Protest gegen Trumps Politik ebenfalls bereits 2025 kurzfristig ihren Auftritt bei der SXSW gecancelt. „Sag mir, wo du stehst, welchen Weg du gehst…“
 
Wollen deutsche Musiker:innen und Menschen aus der Kreativwirtschaft wirklich im „GERMAN HOUSE“ Parties feiern, „Export the Rave“ zelebrieren, „tanzbare Beats“ performen und eine „Berlin Music Night“ veranstalten, während die ICE auf den texanischen Straßen Migrant:innen jagt, während Eltern vor den Schulen Wache stehen, um ihre Kinder vor Trumps ICE-Maskenmännern zu beschützen, und während Demonstrant:innen ihr Leben aufs Spiel setzen, um gegen Trumps Politik zu protestieren (siehe Minneapolis)?
 
„One World? Rethinking Cosmopolitanism“ lautet der Titel einer Veranstaltung im „GERMAN HOUSE“ auf der SXSW, Untertitel „Symbolische Praktiken für globale Zugehörigkeit“.
Mit der Absage des „GERMAN HOUSE“ könnte eine wirkliche symbolische Praxis demonstriert werden, statt nur davon zu labern.
 
Für die Absage des „GERMAN HOUSE“ auf der SXSW 2026 jetzt!
 
(Disclaimer:
Ich habe seit 1995 ca. 12-mal an der SXSW in Austin teilgenommen, die in den 90er, aber auch in den frühen 2000er Jahren eine der wichtigsten Musikmessen weltweit war; mittlerweile steht der später hinzugekommene „Tech“-Teil im Mittelpunkt der Messe. Die „Musik“ ist noch hinter dem „Film“ an den Rand gerückt.
Ich war 2025 auf der SXSW. Auch für dieses Jahr habe ich einen „Platinum Pass“ erworben, den ich aus den oben geschilderten politischen Gründen jedoch verfallen lassen werde.)
 

07.03.2026

Musiker:innen mit Rückgrat?

Wichtig ist mir, dass dieser Aufruf sich gegen die Ausrichtung des „GERMAN HOUSE“ richtet, nicht aber gegen die individuelle Teilnahme von Musiker:innen oder Messebesucher:innen an der SXSW. Die Entscheidung, ob sie angesichts der aktuellen Lage in den USA nach Austin fahren wollen, sollten alle individuell für sich beantworten.
Und auch, ob sie tatsächlich bereit sind, die extrem weitgehenden Einreiseformalitäten zu akzeptieren, die es so nicht einmal in Nordkorea gibt (u.a. Offenlegung aller Social-Media- und Email-Konten, aller Telefonnummern, detaillierte Informationen über alle Familienmitglieder).
 
Natürlich wünsche ich mir, dass möglichst viele Künstler:innen angesichts der aktuellen US-Politik Rückgrat bewahren und nicht in die USA reisen. Der BR-"Zündfunk" hat über das "German House" auf der SXSW und meinen Aufruf ausführlich berichtet. Die Initiative Musik war zu keiner Stellungnahme bereit, was Bände spricht.
Aber auch keine einzigen der 16 Musiker:innen und Bands, die von der Initiative Musik ins "German House" eingeladen wurden, waren gegenüber dem BR zu einer Stellungnahme bereit - sie hatten Angst, die Förderung der deutschen Initiative Musik zu verlieren, oder keine US-Einreisegenehmigung zu erhalten.

Ein Klima der Angst, gefördert von deutschen Regierungsinstitutionen und der deutschen Musikwirtschaft...

Mittlerweile hat allerdings die Rapperin Ikkimel ihren Auftritt bei der SXSW aus politischen Gründen abgesagt. Geht doch!
Hier im "Standard" vom 7.3.2026:

Es gibt eben noch Musiker:innen mit Rückgrat. "Haltung" muss auch für Musiker:innen keine Fremdwort sein.

Übrigens haben die US-amerikanischen Musiker:innen, mit denen ich über diesen SXSW-Boykott gesprochen habe, ausnahmslos geäußert, dass sie einen derartigen Schritt begrüßen, ja, dass sie im Grunde von uns ein entsprechendes Verhalten sogar erwarten.
 
Etliche US-amerikanische Musiker:innen haben übrigens zuletzt das „Trump Kennedy Center“ in Washington boykottiert und werden dort nicht mehr auftreten, solange Trump als dessen Vorsitzender agiert, unter anderem Renée Fleming, Ben Folds, Rhiannon Giddens, Philip Glass oder die Washington National Opera.
 
Die Wiener Philharmoniker und Andris Nelsons dagegen, in the meantime:

 

07.03.2026

No one is illegal on stolen land!

(Maggie Thompson and other artists holding signs in MInneapolis that spell out “no one is illegal on stolen land” on January 23, 2026)
Image courtesy Maggie Thompson and Makwa Studio)
 
Es ist vermutlich an der Zeit, wieder einmal den Song „Big Drill“ der großartigen Bedlam Rovers zu hören…
 

07.03.2026

ICE, Neil Young & Musikrechte-Monopoly

Natürlich, es ist wirklich nicht einfach, im kapitalistischen Realismus unserer Tage Haltung zu zeigen. 
Unlängst war zu hören, dass der große Neil Young seinen Songkatalog von Amazons Musik-Streamingdienst abgezogen hat, aus Protest gegen dessen Besitzer Jeff Bezos und seine unaufhörliche Unterstützung der Politik Donald Trumps:
“The president’s international policies and his support of ICE make it impossible for me to ignore [Bezos’] actions.“
 
Gut gebrüllt, Neil Young!
 
Allein, wenn von seinem „Songkatalog“ die Rede ist – was ist denn da genau gemeint?
Die 50 Prozent, die dem Künstler noch gehören? Denn die anderen 50 Prozent, also die Rechte an Texten und Kompositionen von 1.180 Songs, hat Neil Young ja Anfang 2021 für geschätzte rund 150 Millionen Dollar an den britischen Fonds Hipgnosis verkauft.
 
Nach einem heftigen Einbruch des Börsenwerts wurde Hipgnosis 2024 von Blackstone aufgekauft, einem umstrittenen Private-Equity-Riesenkonzern, in dessen Unternehmen „Packers Sanitation Services Inc“ es zu systematischer Kinderarbeit gekommen ist, wie die „Washington Post“ aufdeckte. 
Im Mai 2025 wiederum hat Blackstone sein komplettes Song-Publishing- und Verwaltungsgeschäft, inklusive der Neil Young-Songs als Kernbestand dieses Portfolios, an Sony Music Publishing verkauft. Musikrechte-Monopoly…
 

07.03.2026

Boykottaufrufe und Moral

Nicht so einfach, wenn man heutzutage Boykottaufrufe starten will.
Ich denke auch an den wohlfeilen Aufruf zum Spotify-Boykott (wieder mal…), den die US-Graswurzelbewegung „Indivisible Project“ initiiert hat und der von Bands wie Massive Attack, Sylvan Esso oder auch dem Label Epitaph Records unterstützt wird.
Grund ist, dass das US-Heimatschutzministerium im Jahr 2025 rund 74.000 Dollar für ICE-Rekrutierungsanzeigen auf Spotify ausgegeben hat – Werbung, die auf den kostenlosen Spotify-Benutzerkonten in den USA ausgespielt wurde.
 
Ist ja auch wirklich scheußlich.
Man würde die Proteste allerdings etwas ernster nehmen können, wenn sich der Boykottaufruf auch gegen YouTube und Facebook richten würde, die für derartige ICE-Anzeigen wesentlich mehr Geld von der US-Regierung erhalten haben.
 
Aber welche Musiker:innen wollen schon freiwillig auf ihre hübschen YouTube-Videos verzichten? Genug der Haltung, wenn man gegen den All-time-Devil Spotify agitiert – und seine eigenen YouTube-Videos weiter von ICE-Rekrutierungsanzeigen einleiten lässt…
 
„Moral: das ist, wenn man moralisch ist (…)
Es ist ein gutes Wort.“
(aus: Alban Berg, Wozzeck, nach Georg Büchner)
 

07.03.2026

Hard Times

Bei seinen gefeierten Konzerten der Tournee im Januar und Februar 2026 hat Daniel Kahn den Song „Daless (Hard Times)“ mit der Bemerkung eingeleitet, er würde das Lied „Hard Times Come Again No More“ für den vermutlich traurigsten amerikanischen Song überhaupt halten.
 
Dieser Parlor-Song („Salonlied“) „Hard Times Come Again No More“ wurde von Stephen Foster geschrieben und 1854 veröffentlicht; 1905 wurde er für die Edison Manufacturing Company erstmals auf Wachs aufgenommen. Bis heute wurde er unzählige Male eingespielt, u.a. von Jennifer Warnes, Dolly Parton, Emmylou Harris, Bob Dylan, Nancy Griffith , Bruce Springsteen, Johnny Cash (auf „Redemption Songs“, Teil der „Unearthed“ Box) – und eben von Daniel Kahn und seinen Gefährten Jake Shulman-Ment und Christian Dawid.
 
Auf meiner unendlichen Spotify-Playlist „BS Open“ habe ich etliche Versionen des Songs zusammengestellt – hier klicken und dann fast ganz nach unten scrollen!
Ich bitte zu berücksichtigen, dass ich nicht alle dieser Versionen für gleich gelungen halte; mir kam es hier auf einen möglichst vollständigen Querschnitt an. 
Daniel Kahns Version allerdings ist unbestritten einer meiner Favoriten.
 

07.03.2026

Musikfestivals & Monopoly: Vom Imperiengeschäft Folge 2085

Die Musikindustrie spielt seit vielen Jahren Monopoly. Und egal ob die Konzerne, die man einstmals als Plattenfirmen bezeichnet hat, ob Konzert- und Tourneeveranstalter, ob Festivals, ob Musikverlage, die den Handel mit Copyrights Hand in Hand mit den größten Beteiligungsgesellschaften betreiben – alle haben das Konzept des „Imperiengeschäfts“ gemeinsam.
 
Leser:innen dieses Rundbriefs oder meines 2019 erschienenen Buchs „Vom Imperiengeschäft“ wissen natürlich längst, was nun eine Studie von Live DMA und Reset bestätigt hat und von der Europa-Abgeordneten Emma Rafowicz, der stellvertretenden Vorsitzenden des Ausschusses für Kultur und Bildung des Europäischen Parlaments, präsentiert wurde: Mehr als 150 europäische Festivals gehören den drei Weltkonzernen AEG, CTS Eventim und Live Nation sowie Superstruct. Superstruct, letztes Jahr vom Private Equity-Konzern KKR übernommen, betreibt allein in Europa 63 Festivals; hinzu kommen noch einige in Australien. Mit Live Nation stehen in Europa 78 Festivals in Verbindung, mit CTS Eventim sind es 51, jeweils bei deutlich steigender Tendenz.
 
KKR, dem weltweit operierenden Beteiligungskonzern, gehören aktuell neben Superstruct auch Beteiligungen unter anderem an GetYourGuide, am deutschen Marktforschungsinstitut GfK (96,7% laut Wikipedia), an der Tele München Gruppe, der von Günther Jauch gegründeten TV-Firma i&u TV, an der Axel Springer SE, an der Berliner Immobilienfirma Velero, der in Berlin 7.500 Wohnungen gehören, oder dem Raumfahrtunternehmen OHB.
Laut „Guardian“ gehört KKR zu den weltweit größten Investoren im fossilen Bereich und steht unter Kritik des massiven Greenwashings. KKR wird vorgeworfen, von Menschenrechtsverletzungen zu profitieren. Der „Spiegel“ hat KKR einmal als „brutale Investoren“ bezeichnet.
 
Ein wirklich ungeheuer sympathischer Konzern, der Festivals wie das Wacken Open Air, Sónar, Parookaville, FIB (Benicassim), Flow, Oya, Field Day oder Harbourlight betreibt.
 
„Die zunehmende Konzentration im Livemusik-Ökosystem bedroht mehr denn je die kulturelle Vielfalt und die Unabhängigkeit von Artists und ihren Partnern." (Emma Rafowicz)
 

07.03.2026

Popmusikgipfel mit Windbeutel

Doch was macht die Politik gegen all diese Konzentrationsprozesse?
Herzlich wenig.
Und das wenige besteht dann auch meistens aus wohlfeilen Lippenbekenntnissen.
 
Da ruft beispielsweise Kulturstaatsminister Wolfram Weimer einen „Popmusikgipfel“ im Bundeskanzleramt aus und lädt dazu, das ist sozusagen wirklich der Gipfel, die Popstars Herbert Grönemeyer, Peter Maffay und die unvermeidliche Balbina ein. Keine Rapper:innen, keine Indie-Musiker:innen, keine aktuellen Popstars.
 
Entsprechend dünn fiel das „Ergebnis“ dieses Popmusikgipfels aus: Weimer, laut der altwehrwürdigen „FAZ“ ein „Windbeutel“, der „die Sachen eben oft nur vom Hörensagen kennt“, sieht sich als „Mediator“, der Majorlabels und Streamingkonzerne an einen runden Tisch bringen will, um über die Vergütungen zu diskutieren. Was als eine weitere Windbeutelei enden dürfte, ein laues Lüftchen eben. Hat man beispielsweise von Weimers großspurig angekündigter Plattformabgabe, mit der er Google und Co. zur Kasse bitten wollte, jemals wieder gehört? Viel Lärm um nichts. Große Worte, und nichts passiert.
 
Wer hätte gedacht, dass man sich mal die Kulturstaatsministerinnen Roth und Grütters zurück wünscht…
 

07.03.2026

Kulturabgabe im Münchner Kommunalwahlkampf

Und das gilt ebenso für Musiker:innen, Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen.
Jüngstes Beispiel: Das sogenannte Aktivrentengesetz, das CDU, CSU und SPD im Bundestag beschlossen haben.
Dieses Gesetz fördert Erwerbstätigkeit im Rentenalter durch steuerliche Anreize. Personen, die nach Erreichen der Regelaltersgrenze (also aktuell 67 Jahre) weiterarbeiten, können bis zu 2.000 Euro monatlich aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung steuerfrei hinzuverdienen.
 
Dies gilt also wohlgemerkt für Angestellte und Arbeiter:innen, also Arbeitskräfte, die von Industrie und Handel so dringend benötigt werden. Selbständige werden ausdrücklich von dieser Regelung ausgenommen, sie erhalten keinerlei Steuervergünstigungen.
Nicht einmal die in der Künstlersozialkasse pflichtversicherten selbständigen Künstler:innen, Publizist:innen oder Lehrer:innen können von der Regelung Gebrauch machen, ganz zu schweigen von den Hunderttausenden selbständigen Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen, die nicht in der KSK versichert sind.
 
In der Coronära bekamen die Kultur-Selbständigen viele warme Worte zu hören.
In der Realität des Jahres 2026 sind sie wieder das, was sie letztlich immer waren: Kultur-Arbeiter:innen zweiter Klasse. Viele von ihnen sind aus finanziellen Gründen gezwungen, nach Rentenbeginn weiterzuarbeiten, um überhaupt über die Runden zu kommen. Aber steuerliche Vergünstigungen wie die Aktivrente bleiben ihnen verschlossen. Ein skandalöser Zustand.
In Bayern finden im März Kommunalwahlen statt. In München versucht der CSU-Politiker und Wirtschaftsanwalt Clemens Baumgärtner, bis 2024 städtischer Wirtschaftsreferent und ausgewiesener Freund von Live Nation und deren Großkonzerten (Adele!), Kalif zu werden anstelle des Kalifen, also SPD-OB Reiter das Amt des Oberbürgermeisters abzuluchsen.
 
In der „Abendzeitung“ hat Baumgärtner, auf den Vorschlag einer Kulturabgabe auf den Vorverkaufsanteil der Konzerttickets angesprochen, bewiesen, dass er nicht nur von Kulturpolitik wenig versteht, sondern als ehemaliger Wirtschaftsreferent nicht einmal den Unterschied zwischen Steuern (gehen in den allgemeinen Haushalt) und Abgaben (werden zweckgebunden verwendet) kennt:


Aber auch die SPD-Kulturpolitikerin Julia Schönfeld-Knor hat von der Kulturabgabe, wie sie unter anderem von der „Bundesstiftung LiveKultur“ gefordert wird, wenig Ahnung. An gleicher Stelle postuliert sie, auf die Kulturabgabe bei Großveranstaltungen angesprochen: „Derartige Abgaben gelten als eierlegende Wollmilchsau. Aber ich fürchte: wenn man auf die ohnehin schon teuren Tickets für Konzerte im Olympiapark noch zwei Euro draufschlägt, werden die Karten irgendwann sozial ungerecht.“
 
Oha. Als ob die Eintrittskarten für Großkonzerte nicht längst „sozial ungerecht“ wären und zu einer Segregation innerhalb der Fans führen würden, da ein beträchtlicher Teil der Fans sich die skandalös überhöhten Tickets schon lange nicht mehr leisten kann und somit von der Möglichkeit der kulturellen Teilhabe ausgeschlossen ist.
(und wie gesagt: der Vorschlag der Kulturabgabe gilt ja den Ticketkonzernen, die von ihren astronomischen Gebühren einen Teil abgeben müssten; die Ticketpreise als solche bleiben gleich)
 
Und was haben Sozialdemokrat:innen denn bisher dafür getan, dass die Tickets nicht „sozial ungerecht“ sind? Und was haben all die anderen Parteien dafür getan? Genau: nichts. Niente.
Dabei gäbe es ja durchaus Möglichkeiten, gerade bei Großkonzerten eine gewisse soziale Staffelung der Ticketpreise politisch durchzusetzen.
 
Eines ist klar: Die Musikfans haben von der Politik nichts zu erwarten.
 

07.03.2026

Aktivrentengesetz: Keine Steuervorteile für Selbständige!

Und das gilt ebenso für Musiker:innen, Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen.
Jüngstes Beispiel: Das sogenannte Aktivrentengesetz, das CDU, CSU und SPD im Bundestag beschlossen haben.
Dieses Gesetz fördert Erwerbstätigkeit im Rentenalter durch steuerliche Anreize. Personen, die nach Erreichen der Regelaltersgrenze (also aktuell 67 Jahre) weiterarbeiten, können bis zu 2.000 Euro monatlich aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung steuerfrei hinzuverdienen.
 
Dies gilt also wohlgemerkt für Angestellte und Arbeiter:innen, also Arbeitskräfte, die von Industrie und Handel so dringend benötigt werden. Selbständige werden ausdrücklich von dieser Regelung ausgenommen, sie erhalten keinerlei Steuervergünstigungen.
Nicht einmal die in der Künstlersozialkasse pflichtversicherten selbständigen Künstler:innen, Publizist:innen oder Lehrer:innen können von der Regelung Gebrauch machen, ganz zu schweigen von den Hunderttausenden selbständigen Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen, die nicht in der KSK versichert sind.
 
In der Coronära bekamen die Kultur-Selbständigen viele warme Worte zu hören.
In der Realität des Jahres 2026 sind sie wieder das, was sie letztlich immer waren: Kultur-Arbeiter:innen zweiter Klasse. Viele von ihnen sind aus finanziellen Gründen gezwungen, nach Rentenbeginn weiterzuarbeiten, um überhaupt über die Runden zu kommen. Aber steuerliche Vergünstigungen wie die Aktivrente bleiben ihnen verschlossen. Ein skandalöser Zustand.
 

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