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Blog Archiv - Jahr %1
24.12.2025

Marktgängige, schrottige Popmusik

Juliane Liebert in der „Zeit“ über die Popmusik unserer Tage:
 
„Leider ist ein Großteil der markt­gän­gigen Popmusik heute präze­denzlos schrottig und über­flüssig. Das ist keine aus stilis­ti­schen Gründen gewählte Hyperbel, sondern im Wortsinn gemeint: grässlich, unhörbar. So furcht­ein­flößend grausig, so abgefuckt und austauschbar herz- und geistlos, dass man einen baldigen Hörsturz erfleht, sich aus dem Taxi werfen will oder den Super­markt nieder­brennen möchte, in dem man den ganzen uner­träg­li­chen Mist zwangs­hören muss.“
 
Gut gebrüllt, Löwin!

Wobei man natürlich hinzufügen könnte und sollte, dass sich der der Großteil des aktuellen embedded Pop-Journalismus leider längst dem Niveau der „marktgängigen Popmusik“ angepasst hat und ähnlich „schrottig und überflüssig, grässlich und unlesbar“ daherkommt.
Ausnahmen bestätigen die Regel, wie immer…
 

24.12.2025

Filmmusik 1: Was Kim Jong-il sagt

Unlängst habe ich den Film „Highest 2 Lowest“ von Spike Lee angesehen, mit Denzel Washington in der Hauptrolle. Angeblich soll das ein Remake des Akira Kurosawa-Klassikers von 1963 sein. Nun ja. Die erste Hälfte war höchstens mittelmäßig, der Rest langweilig.
 
Weswegen ich das hier erwähne, hat mit der Filmmusik zu tun. Bei den meisten US-amerikanischen Filmen und Serien kann man ja über die Songauswahl, die im Hintergrund läuft, nicht klagen, nicht selten kommen da auch Musiker:innen dieser Agentur zum Zug, etwa Patti Smith, Bonnie ‚Prince‘ Billy, Townes Van Zandt, Rufus Wainwright, um nur einige zu nennen. Sogar Pere Ubu kamen in der jüngsten Folge von Tim Robinsons „The Chair Company“ zu verdienten Ehren, auf schönste Weise.
 
Die Musikauswahl von „Highest 2 Lowest“ war allerdings von der erbärmlichsten Art und erinnerte an die Musik in deutschen Degeto-Produktionen. Kitsch as Kitsch can, Schmalzhymnen und simpelste Barmusik zuckern lauthals die Handlung zu, da können auch die tolle Straßenszene, bei der der wunderbare Eddie Palmieri auf einer Puerto-Rico-Day Parade performt, und der fabelhafte Track „Trunks“ von A$AP Rocky nichts mehr retten.
 
Mir kommt es immer häufiger so vor, als ob die Filmkomponisten (oder auch solche von Videospielen) zu genau ihren Kim Jong-il studiert haben (oder nicht genau genug?). Der nordkoreanische Diktator hat 1973 in seinem Buch „Über die Filmkunst“ unter anderem Handlungsanweisungen zur Verwendung von Musik in Filmen gegeben:
 
„In einem Film, der das Leben so widerspiegelt, wie es die Menschen tatsächlich erleben, sind Musik und Geräusche wichtige Darstellungsmittel (…) 
Der Situation entsprechende, ausdrucksstarke Musik und Geräusche üben eine starke Wirkung darauf aus, den Ideengehalt und Kunstwert des Films zu erhöhen. Der Regisseur hat mit dem Komponisten, dem Spezialisten für Geräusche und dem Tonregisseur gut zusammenzuarbeiten, damit sie auch mit nur einem einzigen Musikstück oder Lied den Menschen eine lebendige Vorstellung geben und sie in tiefe emotionale Bewegung versetzen können.
Um die Wirkung der Musik im Film zu erhöhen, muß der Komponist gute Lieder schaffen (…)
Natürlich muß erforderlichenfalls eine die Atmosphäre hebende Musik ausgewählt werden, aber auch sollte sie dazu dienen, die Emotionen des Haupthelden auszudrücken (…)
…dann können aus dem Herzen des Haupthelden auch lyrische Melodien erklingen, obwohl die Musik, die in einer stillen Atmosphäre das Gefühl der von tiefer Bewegung ergriffenen Hauptperson ausdrückt, auch leidenschaftlichen Charakter haben kann. (…)
Nur ein Regisseur, der sich in den  Geheimnissen der musikalischen und klanglichen Darstellung auskennt und mit den für diesen Bereich verantwortlichen Künstlern geschickt arbeitet, ist in der Lage, eine lebenswahre, hervorragende Tondarstellung zu schaffen, die durch ein klares Kolorit besticht und mit der jeweiligen Szene in harmonischem Ein klang steht.“
 
Alles klar? Juche, bzw. Juchhe.
 

24.12.2025

Filmmusik 2: Wendy Carlos!

An dieser Stelle sei einmal kurz der laut Dietmar Dath „göttlichen“ Wendy Carlos gedacht, „Electronica-Heldin der ersten Stunde, Mitkonstrukteurin des Moog-Synthesizers, Soundtrack-Magierin“, die die Filmmusik unter anderem für Kubricks „A Clockwork Orange“ und „The Shining“ und zu „Tron“ komponierte und bis heute der Filmkunst zeigt, wie Soundtrack geht. Love & Respect, Wendy Carlos!

                                          (Quelle: wendycarlos.com)
 

24.12.2025

Pauschale Ticketinggebühr statt skandalösen prozentualen Vorverkaufsgebühren!

In Hamburg haben Kulturinstitutionen wie Kampnagel, das Deutsche Schauspielhaus und das Thalia Theater nach einer Ausschreibung eine Ticketing-Zusammenarbeit mit dem isländischen Ticketinganbieter Tixly vereinbart. Dadurch gibt es jetzt günstige und vor allem pauschale Ticketinggebühren. Tortoise-Fans zahlen bei Kampnagel zum Beispiel eine Ticketgebühr von € 2,50 brutto (wobei Tixly sogar nur einen Bruchteil dieses Betrags erhält, der Rest geht in die Abwicklung bei den Veranstaltern).
 
Warum ist das ein guter und wichtiger Schritt?
 
Die meisten Ticketing-Konzerne verlangen eine Vorverkaufsgebühr von 10 Prozent sowie eine „Systemgebühr“ in Höhe von über einem Euro (meist zwischen 1,10 und 1,30 €). 
Dazu kommen skandalöse Versandgebühren von über 5 Euro (für einen normalen Brief ohne Einschreiben, Porto 0,95 €!) oder ebenfalls skandalöse „Print at home“-Gebühren.
Auf diese Weise erzielen Ticketkonzerne wie CTS Eventim oder Ticketmaster, aber auch kleinere Anbieter wie Reservix immense risikolose und weitgehend auch leistungslose Profite.
 
Das Problem besteht neben den unseriösen Versandkosten in den prozentualen Vorverkaufsgebühren. Der Verkauf von Tickets ist ja im Grunde eine Dienstleistung, die unabhängig von der Höhe des Ticketpreises kalkuliert werden sollte. Mit welcher Logik nehmen CTS Eventim oder Ticketmaster immer höhere VVK-Gebühren, je mehr der Ticketpreis steigt? Ihre Dienstleistung bleibt ja immer die gleiche.
 
Das wäre in etwa so, wie wenn im Supermarkt die Papiertüte, die pauschal zum Beispiel 50 Cent kostet, bei Einkäufen mit höheren Einkaufssummen proportional immer teurer werden würde. Kaufen Sie für 50 Euro ein, kostet die Tüte dann zum Beispiel zwei Euro… Die Kunden wären zurecht sauer. Beim Ticketing für Konzertkarten aber nehmen wir das alle einfach so hin. Dadurch werden die Ticketingkonzerne immer reicher – CTS Eventim beispielsweise hat allein in der ersten Jahreshälfte 2025 nur im Ticketing einen Superprofit von 166,8 Millionen Euro eingeheimst – eine Bruttomarge von über 40 Prozent! Und es geht sogar noch besser: In den gerade veröffentlichten Zahlen des dritten Quartals 2025 nennt der CTS Eventim-Konzern einen „Profit“ (EBITDA) von 91 Millionen Euro – in gerade einmal drei Monaten, nur durch den Verkauf von Tickets! Die Bruttomarge stieg auf 43,1 Prozent.
Und wer hat das bezahlt? Die Fans. Mit viel zu hohen Ticketgebühren. Die Aktionäre freuts, die Aktienkurse stiegen deutlich, CTS Eventim verzeichnete den größten Wochengewinn an der Deutschen Börse.
 
Die Ticketingkonzerne verdienen durch die prozentualen VVK-Gebühren sogar meistens deutlich mehr als die örtlichen und die Tournee-Veranstalter, die ja die eigentliche Arbeit machen und vor allem das Risiko der Konzerte tragen.
 
Bei einem Konzert mit 1.000 verkauften Tickets zu sagen wir 35 Euro, also nach Abzug der 7% Mehrwertsteuer 32,71 Euro, kommen beim Ticketingkonzern 1000 x 3,27 € plus 1000 x 1,03 € zusammen, insgesamt 4.300 Euro (plus der Profite aus den überhöhten Versandkosten!). Tourveranstalter und örtliche Veranstalter kommen dabei in aller Regel auf weniger als 40% dieses Betrages – obwohl diese wie gesagt nicht nur die ganze Arbeit machen (natürlich jenseits der Musiker:innen, die auf der Bühne stehen), sondern auch das komplette Risiko tragen.
 
Richtig interessant wird es natürlich bei größeren Konzerten. Stellen Sie sich die Einnahmen durch das Ticketing bei einem Konzert mit 10.000 Plätzen á € 60 vor: 67.100 netto! Oder nehmen wir 20.000 Tickets á 120 €: 246.400 Euro für die Ticketinganbieter! Ich will Sie jetzt nicht mit den Einnahmen bei Stadionkonzerten und Ticketpreisen von mehreren hundert Euro langweilen…
 
It’s the ticketing, stupid!
 
Allerhöchste Eisenbahn, diesen weitgehend leistungs- und risikolosen Superprofiten der Ticketing-Konzerne einen Riegel vorzuschieben! Eine Möglichkeit hat der Hamburger Senat vorgemacht: Günstigere Ticketing-Anbieter auszuwählen, die pauschale Ticketinggebühren „all inclusive“ (also ohne versteckte Zusatzgebühren) anbieten. Das ist ein Schritt hin zu einem kommunalen Ticketing, das faire Ticketgebühren gewährleistet und die Tickets für die Fans dadurch wesentlich günstiger macht.
 
Wir waren, wie so häufig, schon mal weiter.
Bei meinem ersten Stadionkonzert, Rolling Stones im Münchner Olympiastadion im Juni 1982, haben die Tickets pauschal (also völlig egal, wo man saß oder stand) 40 DM gekostet: 38 DM „zzgl. DM 2.- Vorverkaufsgebühr“, so stand es auf den Karten. 2 DM – das sind übrigens gerade einmal 5,26 Prozent – und das in der Prä-Internet-Ära…

Was 1982 bei den Rolling Stones möglich war, nämlich eine pauschale Ticketgebühr ohne versteckte Zusatzkosten, ist 2025 zum Beispiel in Hamburg ja auch wieder möglich, siehe oben. Man muss es nur wollen. Und man darf annehmen, dass auch Tixly bei pauschalen Ticketgebühren in Höhe eines Bruchteils von 2,50 Euro noch Geld verdient, Tixly ist ja schließlich auch kein Wohlfahrtsunternehmen.
 

24.12.2025

Gefahr! Der Kulturstaatsminister steht hinter uns und öffnet Türen, knallt sie aber vor den Clubs wieder zu

Wäre doch eigentlich ein schönes Thema für den Kulturstaatsminister: Einhegung der Macht der Ticketingkonzerne. Organisieren von bundesweitem kommunalem Ticketing, um Fans, Veranstalter und Musiker:innen zu unterstützen. Deckelung der Vorverkaufsgebühren.
 
Ich meine, falls Herr Weimer, dieser Hans Dampf in allen Sackgassen, gerade mal Zeit hat und sich nicht um die Profite seines Medienkonzerns – kann es in Ordnung sein, wenn ein Staatsminister damit Geld verdient, dass Kabinettskollegen in einer Veranstaltung seines Familienunternehmens auftauchen und Leuten, die 80.000 Euro für die Teilnahme an dieser Veranstaltung auf den Tisch legen, „Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger“ versprochen wird? – oder die Urheberrechtsverletzungen der von ihm herausgegebenen Zeitschriften, wo Politiker und sogar verstorbene Intellektuelle ohne ihr Wissen als Hausautoren ausgegeben wurden, oder um sonstige Skandale kümmern muss.
 
Natürlich ist auch die CSU heftig mit den Weimerschen Geschäften verbandelt. Der Freistaat Bayern subventioniert den Weimerschen Erhard-Gipfel laut „SZ“ mit 700.000 Euro – kein Wunder, mit Ticketpreisen von 80.000 Euro kann man so eine Veranstaltung natürlich nicht finanzieren, das wird jeder verstehen. Schirmherr des Erhard-Gipfels: Bayerns Ministerpräsident Markus #söderisst Söder. Der Weimers Veranstaltung auch gerne als „bayerisches Davos“ adelt. Und als der Herr Staatsminister noch der Journalist Weimer war, hat er sich angemessen revanchiert und 2021 laut „SZ“ für Söders Kanzlerkandidatur geworben: Weimer stellte Söder als „erfolgreichen Macher und Wohlstandsgarant“ dar, und alle würden „Sehnsucht nach einem Aufschwung-Kandidaten wie Söder“ verspüren…
 
Das alles wäre ein bisschen weniger übel, wenn Weimer eine einigermaßen erfolgreiche Bilanz als Kulturstaatsminister vorlegen würde. Aber da ist ja nicht viel, wenn man mal von den fast täglichen Pressemitteilungen seines Amtes absieht. Darin geht es meistens um Themen, für die Weimer gar nicht zuständig ist oder, noch schlimmer, für deren Bewältigung ihm nicht nur jede fachliche, sondern vor allem auch jede politische Kompetenz fehlt, etwa, wenn er die „Zerschlagung von Google“ („Handelsblatt“) fordert…
 
Das der Staatsminister für Kultur und Medien lediglich einer dieser Populisten ist, an denen die politische Landschaft heutzutage so überreich ist, zeigt sich an einem aktuellen Beispiel: Bei der jährlichen Almosen-Verteilung an Musikclubs und Veranstalter namens „Applaus Award“, bei der in München 1,7 Millionen Euro an 88 Preisträger:innen verteilt wurden, konnten Weimers Worte gar nicht groß genug sein: „Die Bundesregierung steht hinter euch!“, behauptete der Kulturstaatsminister laut „Musikwoche.de“, und: „Auch deshalb sind wir eine Kulturnation: Wegen des beeindruckenden Reichtums kultureller Institutionen in der Fläche und der breiten Palette regionaler Exzellenz. Die zentrale Aufgabe von Kulturpolitik ist es daher, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Clubs auch in Zukunft ihre Türen öffnen können: durch die ständige Weiterentwicklung passgenauer Clubförderprogramme sowie durch Verbesserungen beim Bau- und Immissionsschutzrecht. Wir werden alles dafür tun, Clubs auch weiterhin tatkräftig zu unterstützen." 
 
Was es konkret bedeutet, wenn diese Bundesregierung „Rahmenbedingungen schafft, damit Clubs auch in Zukunft ihre Türen öffnen können“, und was es in Wirklichkeit bedeutet, wenn Weimer & Co. „alles für die Clubs tun“ (nämlich, Spoiler: nichts!), zeigte sich zeitgleich bei der Bereinigungssitzung des Haushaltsausschusses im Deutschen Bundestag, wo CDU, CSU und SPD zwar den Festivalförderungsfond um zwei Millionen € aufgestockt haben, die Clublandschaft jedoch wieder einmal rechts liegen gelassen haben.
 
Mankel Brinkmann, der Vorsitzende der LiveKomm, bemängelte denn auch die fehlende finanzielle Unterstützung für Clubs, Venues und unabhängige Veranstalter: „Wir hätten angesichts der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Situation sowie der wirtschaftlichen Herausforderungen unserer Betriebe den dringend notwendigen Ausbau der Unterstützung begrüßt und sind daher enttäuscht.” „Kein Lichtblick für die Clubs“ also, wie die LiveKomm in einer Pressemitteilung konstatiert.
 
Außerdem hat Weimer beim „Applaus“ in München noch vollmundig „Verbesserungen beim Bau- und Immissionsschutzrecht“ angekündigt. 
Die Clubs und Venues mussten dagegen feststellen, dass auch 2026 erneut keine konkreten Maßnahmen in diese Richtung geplant sind und das 2024 mit großer Mehrheit beschlossene Schallschutzprogramm auch weiter nicht für eine nachhaltige Finanzierung vorgesehen ist.
 
Große Worte, nichts dahinter… 
 
Vielleicht könnte der Herr Kulturstaatsminister mal bei Brechts Arturo Ui nachschlagen:
„Ihr aber lernet, wie man sieht, statt stiert
Und handelt, statt zu reden noch und noch“
 

24.12.2025

CTS Eventim goes Kosmetik

Und was macht Deutschlands größter Ticketingkonzern mit all seinen Profiten?
CTS Eventim goes Kosmetik:

24.12.2025

Versandkosten

Schon, ähem, „lustig“, wie einige deutsche Indie-Labels die unseriösen Geschäftspraktiken der Ticketing-Großkonzerne nachahmen, die für den bloßen Versand von Tickets in einem simplen Brief (ohne Einschreiben oder sonstige Zusatzfunktionen) in aller Regel 5,90 Euro draufschlagen, und für den Versand einer CD innerhalb Deutschlands bei Bandcamp glatte 6 Euro verlangen. Während andere Labels z.B. vorbildhafte und realistische 2,25 Euro berechnen. Und sogar einige englische Labels CDs für 4 Euro nach D verschicken.
Der Kunde als Feind. Und dann wird wieder groß gejammert, dass die Leute keine Musik mehr kaufen…
 

24.12.2025

Qualitäts-Musikjournalismus

Qualitäts-Musikjournalismus im Januar:
„Schon jetzt ein Kandidat für das Album des Jahres.“
Qualitäts-Musikjournalismus im September:
„Ein heißer Kandidat für das Album des Jahres.“
Qualitäts-Musikjournalismus im Dezember:
„Das Album ist natürlich auf allen Bestenlisten des Jahres.“
 

24.12.2025

Friedensangst

Kaum haben wir den Begriff „Kriegstüchtigkeit“ verinnerlicht, schon müssen wir ein anderes Wort lernen, das mit der Kriegstüchtigkeit in einer gewissen Paarverbindung steht, nämlich: „Friedensangst“.
Ja, ihr habt richtig gelesen: Wir müssen jetzt Angst vorm Frieden haben, nicht mehr wie weiland vor dem Krieg.
Denn wenn ein Krieg allzu schnell vorbei ist, funktioniert der Militärkeynesianismus nicht mehr, und unsere geschätzten Rüstungskonzerne machen keinen Profit. Und das wollen wir doch nicht, oder? ODER?!?


 

24.12.2025

Hanno Loewy: Universalismus vs. Identitätsdenken

Und dann war da noch der kluge Hanno Loewy, der große Intellektuelle unter den deutschsprachigen Museumsmacher:innen, der als langjähriger Direktor des Jüdischen Museums Hohenems nun in Pension geht und im „Standard“ ein bemerkenswertes Interview gegeben hat.
Darin sagt er unter anderem:
 
„Trump ist doch ein mit Allmachtsfantasien durch die Gegend laufender Hooligan.
Aber natürlich habe ich mich an dem Tag, an dem die Waffen schwiegen, gefreut. Ganz einfach, weil endlich einmal das Sterben aufgehört hat und die Geiseln freigekommen sind. Aber hat das Sterben wirklich aufgehört? Und gelöst ist natürlich gar nichts. Niemand weiß, wie das Wunder aussehen soll, das komplett kaputte Gaza für die Menschen wieder aufzubauen.
Und das Drama der Siedlergewalt im Westjordanland? Der Konflikt ist nur dann lösbar, wenn alle Seiten aufhören, davon zu träumen, dass die anderen einfach weg sind. Sowohl die postkolonialen Gaza-Protestierenden, die meinen, Israel sei ein reines Kolonialprojekt, als auch jene Israelis, die meinen, sie könnten die Palästinenser vertreiben. Sie alle leben seit Jahrtausenden in der Region, beide haben auch das Recht dazu.
 
STANDARD: Sie sagen oft, das Problem ist das Identitätsdenken, sowohl von links als auch von rechts.
 
Loewy: Ich würde behaupten, Identitätsdenken ist per se rechts. Und wenn Linke meinen, sie
müssen im postkolonialen Diskurs nun auch damit anfangen, dann sind sie keine Linken
mehr für mich. Sie geben das Wichtigste auf, das für mich mit „links“ zu tun hat: den Universalismus.
 

09.09.2025

Holy hostages! Holy Gaza!

Foto: Oliver Nielsen
 
Was war das für eine großartige Tournee des Patti Smith Quartets!
Patti und ihre Musiker in Top-Form, wunderbares Publikum – wirkliche „Ereignisse“ im schönsten Alain Badiou-Sinn.
Fast 40.000 Menschen hatten daran bei den neun Deutschland-Konzerten Anteil und wurden Teil einer Community.
Und nebenbei bemerkt war das damit auch die erfolgreichste und umsatzstärkste Tournee in der nun auch schon mehr als 37-jährigen Geschichte dieser kleinen Agentur – for what it’s worth.
 
Nur ein paar Philosemiten kamen nicht umhin, Haare in der Suppe zu finden. Patti Smith würde angeblich mit dem BDS paktieren (stimmt nicht) und man solle deswegen nicht zu den Konzerten gehen; manche behaupteten gar, sie sei eine „Antisemitin“ (absurd) und was sonst noch an Fake News zur Verfügung stand.
 
Zunächst: Wer wollte angesichts des unsagbaren Leids in Gaza nicht gegen das Vorgehen der israelischen Streitkräfte und gegen die Politik der zum Teil rechtsextremen israelischen Regierung protestieren? All meine israelischen Freunde und Geschäftspartner gehören zu den mehreren Hunderttausend Demonstranten, die sich immer wieder gegen die Politik Netanjahus auflehnen. (Am Rande: 300.000 und mehr Demonstrant:innen in Israel sind so viele, wie wenn in den USA über 10 Millionen Menschen gleichzeitig gegen Trump auf den Straßen wären…)
 
Allerdings: Wer in Deutschland gegen die israelische Politik protestiert, ohne die reaktionäre Hamas zu verdammen, und wer „Zusammen für Gaza“ reklamiert, ohne Freiheit für die israelischen Geiseln und das Niederlegen der Waffen der Hamas zu fordern, der ist nicht nur geschichtsblind, sondern eben schlicht antisemitisch.
 
Patti Smith hat auf mehreren ihrer Juli-Konzerte, unter anderem auch in Berlin, aus Allen Ginsbergs „Footnote to Howl“ rezitiert und das legendäre 
„Holy! Holy! Holy! The world is holy! The sould is holy! The skin is holy! The nose is holy! The tongue and cock and hand and asshole holy! Everything is holy! everybody’s holy!“ um einige improvisierte Zeilen erweitert:
„The hostages are holy!“
Kein Beifall in Berlin, keine Reaktion.
„Gaza is holy!“
Stürmischer Beifall.
Bezeichnend.
In Stuttgart meinten einige, auf das „Gaza is holy!“ mit Sprechchören „Free Palestine!“ reagieren zu müssen. 
Pattis Reaktion, nach einigen Sekunden des Schweigens: „Free everybody!“
Da ward den lautstarken Vereinfacher:innen schnell und nachdrücklich das Maul gestopft.
 

08.09.2025

Marginale Anmerkungen zum Haushalt des Staatsministeriums für Kultur

Wer gedacht hatte, dass sich mit der Ernennung von Wolfram Weimer zum Staatsminister für Kultur die Kulturpolitik des Bundes ändern würde, kann sich bereits nach einigen Monaten auf nicht besonders angenehme Weise bestätigt sehen. „Weimer empfiehlt Genderverbot für öffentliche Institutionen“ („Die Zeit“), „Weimer will Sender und Streaminganbieter verpflichten, Geld in deutsche Filme zu stecken“ („FAZ“), das waren so die Schlagzeilen.
Oder: „Der Kulturetat des Bundes soll um 200 Millionen Euro steigen“ („Musikwoche“) – ja potzblitz, ist doch super! 200 Millionen mehr für die Kultur! Weimer Superstar, da können wir schon mal aufs Gendern verzichten, oder?
Gemach. Wie meistens haben von Politiker:innen (ich gendere das jetzt einfach mal, bin ja keine öffentliche Institution…) groß angekündigte Verbesserungen einen oder mehrere Haken. So auch diese Etatsteigerung.
 
Das Gros der Steigerung im Kulturhaushalt des Bundes entfällt auf die staatliche Filmförderung. Bei „Kulturförderung im Inland“ ist im Entwurf des Haushaltsplans unter dem Titel „Anreiz zur Stärkung der Film- und Serienproduktion in Deutschland“ eine Erhöhung um 133,3 Millionen Euro auf dann 250 Mio. € geplant, mehr als eine Verdoppelung der staatlichen Mittel also. Allerdings, nicht nur wenn man sich die Qualität der staatlich geförderten Filme ansieht, wird man unschwer zu dem Schluss kommen, dass diese Förderung weniger mit „Kultur“ als mit „Wirtschaft“ zu tun hat. Staatsminister Weimer sorgt also dafür, dass Till Schweiger, Bully Herbig & Co. bis an ihr Lebensende ihre Filme auf Staatskosten finanziert bekommen… Hurra!
 
Ansonsten werden Mittel für die üblichen Leuchtturmprojekte angehoben: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz soll künftig 414,1 Millionen Euro statt 388,3 Mio. erhalten, die Zuschüsse für Investitionen sollen von 82,8 auf 99,3 Mio. steigen. Und fürs eigene Haus sorgt der Herr Staatsminister ebenfalls: Für Verwaltungszwecke sind statt bisher 15,5 jetzt 40,2 Millionen Euro vorgesehen…
Immerhin bekommt die Initiative Musik mit nunmehr 17,7 Mio. auch knapp 2 Mio. € mehr als bisher; das Reeperbahn Festival soll wie bisher 6,275 Mio. € erhalten.
 

08.09.2025

Kulturpass: Abschaffen? Weitermachen? Aber wie?

Bei all diesen um 133,3 Millionen Euro gesteigerten Ausgaben war natürlich für den Kulturpass kein Geld mehr übrig. Staatsminister Weimer lässt den Kulturpass sang- und klanglos einstampfen. Die Förderung kultureller Teilhabe junger Menschen scheint dem Herrn Minister nichts wert zu sein – sollen sie doch den „Schuh des Manitu“ ansehen.
 
Nach 32,9 Mio. € im Jahr 2025 und 14,1 Mio. € in 2024 sind für 2026 nur noch 4,6 Millionen im Haushaltsplan angesetzt. Der Kulturpass also ein Auslaufmodell, das sang- und klanglos beerdigt wird.
 
Achtzehnjährige bekamen seit 2023 ein eigenes kleines Budget für kulturelle Aktivitäten, ursprünglich 200 Euro, zuletzt immerhin noch 100 Euro. Eine Sprecherin des BKM teilte laut „FAZ“ mit, dass sich die Ausgaben für den Kulturpass seit seiner Einführung auf „mehr als 100 Millionen Euro“ belaufen haben. Und: die „IT-Kosten stiegen auf über 30 Millionen Euro.“
 
Really?!? Ein Drittel der Haushaltsmittel des Kulturpasses wurde für IT-Kosten zum Fenster hinausgeworfen?
Schwer zu glauben. Allerdings: wenn man sich den so freizügigen wie inkompetenten Umgang deutscher Regierungen und Behörden mit dem digitalen „Neuland“ vor Augen führt, wundert einen nichts mehr.
 
Natürlich wurden bei der Einführung des Kulturpasses etliche Fehler gemacht. Allein schon die Aussortierung kultureller Produkte in „gute“, nämlich Bücher, Kino- und Konzertkarten (die kamen ins Töpfchen) und in „schlechte“, also die bösen Streamingdienste (die kamen ins Kröpfchen). Musik war für die ehemalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth eben nur Musik, wenn sie auf Vinyl oder in CD-Form nach Hause getragen wurde, nicht, wenn sie downgeloadet oder gestreamt wird.
 
Außerdem stand die endlose Bürokratisierung dem Erfolg des Kulturpasses im Weg: Nur Waren und Veranstaltungen, die einzeln von den Kulturanbietern eigens auf einer behördlichen Plattform eingestellt werden, können von den Jugendlichen via App erworben werden. Man kann sich gut vorstellen, wie Verlage ihre Praktikant:innen darangesetzt haben, jedes veröffentlichte Buch auf dem eigens auf der Plattform (mittels „ELSTER-Organisationszertifikat“…) anzulegenden „KulturPass-Shop“ einzugeben. 
 
Das Procedere mag bei Verlagen noch angehen – aber Konzertveranstalter müssen jedes einzelne Konzerte kompliziert und bürokratisch auf dem „KulturPass-Marktplatz“ eingeben – völlig wirklichkeitsfremd. So nimmt es nicht wunder, dass von den jungen Leuten hauptsächlich Bücher mit dem Kulturpass kostenlos erworben wurden. Der Buchhandel steht mit gut 25,6 Millionen Euro Umsatz deutlich an der Spitze der durch den Kulturpass erzielten Umsätze. „Der Börsenverein war an der Entwicklung des Passes beteiligt und beriet seinerzeit Roths Haus“, merkt die „FAZ“ lakonisch an. Wer schreibt, bleibt, kennt man ja von Skat oder Doppelkopf.
 
Die Konzertveranstalter, Theater und Konzert- und Opernhäuser haben dagegen wenig zusätzliche junge Menschen in ihre Veranstaltungen locken können, was eine Sprecherin des Deutschen Bühnenvereins auf die Plattform selbst zurückführt: „Man sehe im Kulturpass großes Potential, wünsche sich aber bessere Eingabeoptionen für Theater und Orchester und eine ­stärkere Einbindung der Ticketdienstleister, wie sie von Theater- und Konzerthäusern verwendet werden.“ („FAZ“)
 
Dabei wäre es weder ein Hexenwerk noch Raketenwissenschaft gewesen, wenn man ein unkompliziertes und kulturell diverses System installiert hätte. Schon in meinem 2017 erschienenen Buch „Klassikkampf“ hatte ich einen detaillierten Vorschlag gemacht. Ziel sollte es sein, dass junge Menschen an verschiedenste kulturelle Angebote herangeführt werden: Musik hören und live erleben, Bücher und Comics lesen, in Museen oder in Kinos gehen usw. 
Dazu könnten verschiedene kulturelle Sektoren angelegt werden, jeweils mit maximal 50 Euro ausgestattet. Clubs, Opern- und Konzerthäusern, Buchhandlungen, Plattenläden, Kinos oder Museen, aber auch Musik-Streamingdiensten könnte ein entsprechender QR-Code zur Verfügung gestellt werden, mit dem die jungen Leute via App ihre Tickets, Waren oder den Zugang bekommen. Wie gesagt, in jedem Sektor maximal 50 Euro, sodass die jungen Leute mindestens vier verschiedene Sektoren der vielfältigen kulturellen Angebote unserer Gesellschaft kennenlernen können.
 
Und mittels eines derartigen, im Vergleich zum bestehenden Verfahren deutlich zugänglicheren System könnte auch vermieden werden, dass der Kulturpass nur für „einseitige“ kulturelle Angebote genutzt wird. Denn das scheint eine große Sorge der Hochkultur-Propagandisten zu sein, die beklagen, dass in Frankreich mit dem dort schon seit 2021 für Fünfzehn- bis Einundzwanzigjährige (!) angebotenen „Pass Culture“ ja hauptsächlich „Mangas“ gekauft würden. Dabei bilden diese nur neun Prozent der Gesamtausgaben – und als ob Mangas zwangsläufig eine Art „Schund“ und nicht förderungsfähige Kultur wären.
 
Ja, auch in Frankreich nutzen Kinder von Eltern mit Hochschulabschluss zu 87 Prozent den „Pass culture“, und Kinder aus Elternhäusern mit lediglich Schulabschlüssen nur zu 67 Prozent. Dies wird von Gegnern der Kulturpässe dies- wie jenseits des Rheins gerne als ein beträchtliches Gefälle bezeichnet. „Aber kann man wirklich sagen, ein Dispositiv, das zwei Drittel des am schwersten zu erreichenden Zielpublikums anzieht, sei gescheitert?“, fragt Marc Zitzmann rhetorisch in der „FAZ“.
 
In Frankreich wurden vom Staat allein 2024 jedenfalls 260 Millionen Euro für den „Pass Culture“ zur Verfügung gestellt – eine Erfolgsgeschichte. Fronkreisch, du hast es besser!
 

08.09.2025

Kunst ist Pattex, Kultur ist Uhu!

Dabei sind doch „Kunst und Kultur der Kitt für eine menschliche Gesellschaft“ (Marco Wanderwitz, CDU-MdB), ist doch „Kultur ist der Kitt in einer offenen Gesellschaft“ (Monika Grütters, CDU, als Kulturstaatsministerin) und ist doch „Kultur der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält“ oder sogar „der Kitt, der uns und unsere Gesellschaft zusammenhält“ (jeweils Claudia Roth, Grüne/Bündnis 90, als Kulturstaatsministerin).
Soviel Klebstoff allüberall, manchmal hat man vor lauter Pattex und Uhu kaum mehr einen freien Blick auf die Bühnen…

08.09.2025

SPD, CDU, CSU, Siegfried Unseld, HR einig in Kunst-Zensur

Was haben der SPD-Bürgermeister von Dietzenbach im Jahr 1994, der Augsburger CSU-Landrat im Jahr 1995, der namhafte Verleger Siegfried Unseld vom Suhrkamp-Verlag, die Stadt Fulda (2007) und der Hessische Rundfunk (2011) gemeinsam? Was ist sozusagen der Kitt, der sie zusammenhält?
 
Sie werden es kaum glauben: Sie alle haben Werke der bedeutenden Künstlerin Annegret Soltau zensiert, wie in der grandiosen Retrospektive der feministischen Avantgardistin, „Unzensiert. Annegret Soltau“, im Frankfurter Städel Museum zu sehen war.
 
Der SPD-Bürgermeister im hessischen Dietzenbach ließ im Jahr 1994 das Bild generativ – Selbst mit Tochter, Mutter und Großmutter mit der Begründung der „Fürsorgepflicht“ abhängen, so wie der Augsburger CSU-Landrat im darauffolgenden Jahr.

1995 stoppte Siegfried Unseld vom Suhrkamp Verlag „unmittelbar vor Drucklegung des von Farideh Akashe-Böhme herausgegebenen Buchs ‚Von der Auffälligkeit des Leibes‘ den Abdruck von Werken aus der Serie ‚generativ‘, die einen Bildessay zum Thema ‚Altern und Gestaltwandel der Frau‘ begleiten sollten“ (Svenja Grosser, Annegret Soltau im Kontext dfer feministischen Avantgarde“, im Ausstellungskatalog, 2025).
2007 kam es zur Entfernung der Fotovernähung TOCHTER – Pubertät aus der Wanderausstellung „Frauen im Orient – Frauen im Okzident“ in Fulda, und 2011 waren erneut „Werke aus der ‚generativ‘-Serie von Zensur betroffen und wurden in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main mit Stoffbahnen verhängt“ (Grosser, s.o.).
 
Für Svenja Grosser gibt es vor allem vier Gründe für die Ablehnung der generativ-Serie in den 1990er- bis 2010er-Jahren: „Der radikale Umgang mit dem Medium der Fotografie, die schonungslose Darstellung des Alterungsprozesses des weiblichen Körpers, die Präsentation der Generationslinie unter Ausblendung des Mannes sowie der generelle Bruch mit Tabus, insbesondere mit jenem der Zurschaustellung von Frauenkörpern jenseits aller Idealisierung.“

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