29.06.2012

Walther Rathenau

Zum 90. Todestag von Walther Rathenau, des jüdischen
Industriellen (AEG), Schriftstellers und Außenministers, der von
Rechtsradikalen ermordet wurde, braut sich allerlei Gedenken zusammen: zu einer
Gedenkveranstaltung auf dem Waldfriedhof Oberschönweide werden
Bundesaußenminister Westerwelle (FDP) und Berlins Kulturstaatssekretär Schmitz
(SPD) erwartet. Ein sogenannter „Industriesalon Schöneweide“ beginnt in
Kooperation mit dem Heimatverein Köpenick eine Veranstaltungsreihe „zum Wirken
der Familie Rathenau, die Schöneweide entscheidend geprägt hat“. Eine Website
namens „Neue Solidarität“, die mit der rechtsradikalen Politsekte der
Zepp-LaRouches verbandelt ist, schreibt „in Gedenken an Walther Rathenau:
Führungsstärke in Krisenzeiten“ von „britisch-imperialer Politik“, der sich
einzig Rathenau entgegengesetzt habe. Während in und um Bad Kösen
(Sachsen-Anhalt) Neonazis der Mörder Rathenaus gedenken – all dies erfährt man
auf der ersten Seite der Google-Ergebnisse zu „Rathenau Gedenken“.

Vielleicht könnte man Walther Rathenau am besten ehren, wenn
man sich mit einigen seiner Gedanken beschäftigen würde, die er etwa in „Von
kommenden Dingen“ geschrieben hat und die relativ nah an dem sind, für das die
neue Linken-Vorsitzende zuletzt von den bundesdeutschen Medien gescholten wird:

„Oberhalb einer
mäßigen Vermögenseinheit gehört jeder Nachlaß dem Staat“, fordert Rathenau,
der im Erbrecht die Wurzel der ungleichen Vermögens- und Machtverteilung sah
und das Erbrecht daher abschaffen wollte. Wenn eine Familie mehr als 3000 Mark
im Jahr verbrauche, solle dem Staat auf jede weitere Mark des weiteren Konsums
eine weitere Mark zustehen, forderte Rathenau ebenso wie strikt abschreckende
Steuern auf Luxuswaren und „übermäßigen
Verbrauchsgenuß“.

Ob Westerwelle oder Schmitz bei ihren Reden diese Gedanken
Walther Rathenaus aufgenommen haben, weiß ich nicht.

22.06.2012

Und Ansonsten 2012 06 1/2

Drolliges
Bäumchen-wechsel-dich-Spiel im deutschen Musikjournalismus. Und irgendwie hängt
allüberall irgendwie „SS“ drin, „Spex“ und „Springer“. Der ehemalige
Chefredakteur der Spex  leitet seit
geraumer Zeit das Kundenmagazin der Deutschen Telekom, das sich verschämt
„Electronic Beats“ nennt. Der ehemalige Redakteur des „Rolling Stone“
(„...erscheint monatlich in der Axel Springer Mediahouse Berlin GmbH...“) wird
Chefredakteur von „Spex“, der ehemalige „Spex“-Redakteur wird Chefredakteur des
„Rolling Stone“. Der ehemalige Chefredakteur der „Spex“ schreibt jetzt für die
„Süddeutsche Zeitung“ (und zeigt dort anhand des aktuellen Patti Smith-Albums,
was er nicht kann, nämlich: über Musik schreiben...). Der Pop-Chef der
„Berliner Zeitung“ wechselt mit einer Kolumne von „Spex“ zu „Rolling Stone“
ebenso wie ein weiterer geschätzter Autor des Feuilletons der „Berliner
Zeitung“ (wobei ich mich immer frage, worin der Charme für eine kompetente
Musikzeitschrift besteht, Kolumnen bei Redakteuren des Feuilletons zu bestellen,
außer: daß die vielleicht besser schreiben können? aber wäre es in Zeiten
drastisch sinkender Auflagen der Musikzeitschriften und eines damit
einhergehenden Bedeutungsverlustes der Musikkritik nicht sinnvoller, eigenes Profil zu gewinnen, als es sich
beim bürgerlichen Feuilleton zu leihen?). Der ehemalige Spex-Redakteur  wurde im Sommer 2011 beim „Musikexpress“
(„...erscheint monatlich in der Axel Springer Mediahouse Berlin GmbH...“) als
„unser neuer Mann an Bord“ und Redaktionsleiter vorgestellt und ist im Frühjahr
2012 plötzlich Redakteur des „Rolling Stone“.

Man kommt
förmlich nicht mehr hinterher. Und was hat das alles zu bedeuten? Es ist wie
bei der Tonträgerindustrie, als derartige Bäumchenwechseldichspiele in der
zweiten Hälfte der 90er Jahre und im frühen 21. Jahrhundert zur Regel wurden
und viele Angestellte im Zwei-Jahres-Rhythmus zwischen den großen Playern der
Plattenfirmen hin und her wechselten – es hat, neben vielen anderen Gründen,
auch mit Krise zu tun, in der die
Akteure zu Verzweiflungstaten greifen. Die Auflagen der großen
Musikzeitschriften haben sich in den letzten paar Jahren halbiert.

* * *

Maria Furtwängler
ist Leni Riefenstahl. Die Frau des
Verlegers Hubert Burda soll in einer ZDF-Produktion mit dem Regisseur Niki
Stein („Rommel“) Hitlers Lieblings-Regisseurin („Triumph des Willens“) spielen.
Die Idee zu dem Fernsehfilm stammt laut „Bild am Sonntag“ von Maria Furtwängler
selbst, die sich seit vier Jahren intensiv mit Riefenstahls Biographie beschäftige.

* * *

Und „die
Wanderhure“ ist Stephanie zu Guttenberg. In einem
geplanten Fernsehfilm über Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg
soll Alexandra Neldel dessen Ehefrau Stephanie spielen, erfahren wir in einer
Meldung der „Berliner Zeitung“. Alexandra Neldel, die mit der Serie „Verliebt
in Berlin“ bekannt wurde und zuletzt mit „Die Wanderhure“ und „Die Rache der
Wanderhure“ erfolgreich war, hat laut Fernsehproduzent Nico Hofmann für
Stephanie zu Guttenberg „genau die
richtige Figurentiefe“.

* * *

Die Einführung
des sogenannten Betreuungsgeldes ist so ziemlich der ärgerlichste Beitrag der
an Ärgerlichkeiten nicht eben armen Politik der Bundesregierung. Mit welchen
undemokratischen Mitteln eine Politik, die von der OECD in einer Studie als
nachteilig für berufstätige Frauen und für die Integration von Zuwanderern
analysiert wurde, hierzulande durchgesetzt wird, erzählt ein Beitrag der
„Berliner Zeitung“.

Demzufolge ist
geplant, das Betreuungsgeld trotz immer neuer Hinweise auf seine Nachteile „offenbar ohne längere parlamentarische
Beratungen durch den Bundestag zu drücken“. Die 20
CDU-Bundestagsabgeordneten, die in einem Protestbrief im April angekündigt
hatten, aus guten Gründen gegen das Betreuungsgeld stimmen zu wollen, wurden
jetzt von Angela Merkel besucht (oder doch eher heimgesucht?). Zweck des
Treffens: „Den Abgeordneten die
strategische Bedeutung der Abstimmung über das Betreuungsgeld deutlich zu
machen. Die CSU hat dieses Projekt zu einem Prüfstein für die Koalition erklärt
– eine Kränkung der bayerischen Partei will Merkel ein Jahr vor der schwierigen
Landtagswahl wohl nicht riskieren“. Politik also nicht aus inhaltlichen,
sondern aus „strategischen“ Gründen. Bundestagsabgeordnete, die nicht, wie es
das Grundgesetz vorsieht, ausschließlich ihrem Gewissen verantwortlich sind,
sondern Abgeordnete, die von der Regierungschefin auf Kurs gebracht werden – „das Bemühen, die Kanzlerin nicht zu
beschädigen, spielt dabei offenbar unabhängig von den Inhalten eine große
Rolle“.

Realpolitik in
der Post-Demokratie. Würde so etwas in Moskau oder Beijing passieren –
Machtpolitik am Parlament vorbei, Abgeordnete vom Machthaber auf Kurs gebracht
–, die  Parteien und Medien würden Amok
laufen...

* * *

Im Münchner
Literaturhaus eine Ausstellung über Gerhard Polt (dem an dieser Stelle
herzlichst zum 70.Geburtstag gratuliert sein soll! der erste Künstler, den die
Konzertagentur Berthold Seliger jemals veranstaltet hat, zwei ausverkaufte
Konzerte von Gerhard Polt und den Biermösl Blosn in Fulda im September
1988...), und darin neben den vielen wirklich komischen und gleichzeitig sehr
abgründigen Szenen („Habemus Papam!“, wie Polt als Papst Bene mit einem Kärcher
das Laub vor sich hintreibt und dabei in päpstlicher Fistelstimme vor sich
hinplappert, bis die Biermösl-Blosn auf die Bühne kommen und mit Alphörnern
ausgerechnet und exakt Orffs Carmina Burana intonieren – wie sich also wirklich
ALLES auf wunderbarste Weise zu ALLEM fügt, darüber kann man förmlich nicht
aufhören zu lachen! gibts auch auf DVD übrigens) – o.k., ich bitte neu ansetzen
zu dürfen: besonders auffällig ist aber die Kabarett-Sendung über den
Rhein-Main-Donau-Kanal, dieser legendäre Höhepunkt der Fernsehgeschichte – was
Fernsehen damals durfte! Unglaublich. Wie in bester aufklärerischer Manier
klargemacht wird, wie die Industrie die bayerischen CSU-Bonzen schmiert, um die
entsprechenden Baugenehmigungen zu erhalten, wie da alle Namen genannt werden
bis hinauf zum Ministerpräsidenten – so etwas war einmal möglich bei der ARD!
Und so etwas würde heute nicht mehr möglich sein. So etwas würde keine
Redaktion in Auftrag geben, es würde nicht gesendet werden, vor allem aber
auch: so etwas würde sich kein TV-Autor und -Darsteller heutzutage mehr trauen!
Und das ist eben auch die Wahrheit.

Ad multos annos,
G.P.!

* * *

Im „Handelsblatt“
schreibt Gabor Steingart:

„Sie wundern sich zuweilen über die steigenden Energiepreise? Der ehemalige russische Diplomat und heutige
Lobbyist Andrey Bykov erklärte unserem Reporter Jan Keuchel, wie der Stromkonzern EnBW die Gelder der
Kundschaft ausgibt. Rund 200 Millionen
Euro erhielt Bykov aus den Kassen der EnBW. Die eine Hälfte davon war
für den Lobbyisten, die andere Hälfte für Kirchen, Denkmäler und Wallfahrten in
Russland bestimmt. "Damit wurden 84 Kirchen, 30 Denkmäler, 60
Schachschulen, eine Oper und drei Orchester finanziert, dazu Dutzende von
Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern", sagt Bykov.

Diese Ausgaben dienten "der politischen
Klimapflege", um an die Gasvorräte
der Russen zu kommen. Das Geld sei über Scheinverträge geflossen. Schwere Vorwürfe, die sich auf die
Zeitdauer von immerhin drei Vorstandsvorsitzenden der EnBW erstrecken.“ 

* * *

Klaus Walter hat
darauf hingewiesen:

„Die Firma EMI schmückt ihre Erfolgsreihe
”Ballermannhits” mit einem Ötzi-esken Stimmungshit von Klana Indiana: "Wer jetzt net hupft, is schwul!"

Das also ist
der Stand der Querness in diesem unseren Land, in dieser unserer
Musikindustrie.

* * *

Die „Musikwoche“, das Fachblatt für den Copyright-Cop, jubiliert: „524 Millionen Schaden“ soll und will
der deutschen Musikindustrie im Jahr 2010 durch „digitale Piraterie“ entstanden sein; „allein 256 Millionen Euro davon entfielen hochgerechnet nach
Marktanteilen auf Musik aus deutscher Produktion. Zu diesem Ergebnis kommt eine
vom Medienboard Berlin-Brandenburg und dem Bundesverband der
Computerspielindustrie (G.A.M.E.) in Auftrag gegebene Studie“.

Hört sich alles topseriös an. Und so stößt der Chef der Universal, Frank
Briegmann, ins Nebelhorn: „Wir erleben
Umsatzverluste, die mehr als existenzgefährdend sind – für Künstler,
Arbeitsplätze und Unternehmen“.

Doch wo sich der klar und logisch denkende Mensch schon immer gefragt
hat, wie denn die Musikindustrie ihre genauen Verluste durch sogenannte
illegale Downloads berechnet, da hat sich der Wiener
Wirtschaftswissenschaftler, Professor für Kulturbetriebslehre und Betreiber des
angesehenen „Blog Musikwirtschaftsforschung“, Peter Tschmuck, die Arbeit
gemacht, die angebliche „Studie“ des Medienboards BeBra auf Herz und Nieren zu
durchleuchten. Fazit: da bleibt nicht viel übrig.

Im Einzelnen die wichtigsten Kritikpunkte, die Tschmuck in einem
ausführlichen Text belegt:- Die Untersuchung des Medienboards basiert in erster
Linie nur auf einer Sekundäranalyse der vorhandenen Literatur, ergänzt durch
einige ExpertInnenintervciews. „Eine
methodische Auswertung der Interviews im Rahmen einer qualitativen
Inhaltsanalyse ist nicht erkennbar.“- Ähnlich mangelhaft ist laut Tschmuck die
Vorgehensweise bei der Schadenserrechnung für die Musikindustrie: die
„Pirateriemenge“ wird einfach mit einer aus der Literatur abgeleiteten
Substitutionsrate multipliziert.- In der gesamten „Studie“ werden die Begriffe
„Musikwirtschaft“ und „Musikindustrie“ nicht definiert und voneinander
abgegrenzt.- Besonderes Bubenstück der „Studie“: die vom
Bundesverband der Musikindustrie (BMI) zur Verfügung gestellten (und per se
zweifelhaften) Zahlen werden „dem
theoretischen Umsatzwachstum nach der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts
(BIP) auf Basis des Jahres 1999 gegenüber gestellt“ – diese Darstellung „muß allerdings als suggestiv bezeichnet
werden, weil es keinen empirisch-kausalen Zusammenhang zwischen der Entwicklung
des BIPs und der Umsatzentwicklung in der phongraphischen Industrie gibt“,
stellt Tschmuck lapidar fest.- Und so geht es weiter – in der „Studie“ werden
Feststellungen willkürlich getroffen, die an keiner Stelle belegt werden, die
Zahlen, die die „Studie“ etwa bei den Beschäftigten nennt, stehen „in keiner nachvollziehbaren kausalen
Beziehung“. Bei der Addition der Gesamtsumme der „illegalen“ Tracks stellt
Tschmuck fest, daß „eine simple Addition
der Werte durch nichts gerechtfertigt ist“, und „die Zahlen für den Festplattentausch“ sind  „so gut
wie gar nicht empirisch gesichert“, die Kapitelüberschriften seien „suggestiv“, es werden nicht alle
verfügbaren Studien berücksichtigt, sondern nur ausgewählte (man kann sich
leicht vorstellen, welche Studien
ausgewählt wurden – die, die den Autoren in den Kram paßten natürlich), und
Tschmuck faßt schließlich zusammen:- Die Studie „liefert
keine empirisch gesicherten und somit brauchbaren Ergebnisse, die den
Zusammenhang von Musik-Filesharing und physischen sowie digitalen
Musikverkäufen erklären könnten. (...) Zum Teil fällt die Darstellung suggestiv
aus und es werden vorliegende Statistiken und Studien verkürzt und
oberflächlich interpretiert. (...) Insgesamt muß konstatiert werden, daß die
Berechnung des wirtschaftlichen Schadens der phonografischen Industrie in
Deutschland und in der Region Berlin-Brandenburg jeglicher Grundlage entbehrt
und alles andere als eine verläßliche Zahlenbasis bietet. Darüber hinaus wird
die Studie ihrem Titel (...) in keinster Weise gerecht (...) In diesem Sinn
leistet die vorliegende Studie keinen brauchbaren Erklärungsbeitrag, welche
wirtschaftlichen Auswirkungen Musik-Filesharing auf die phonografische
Industrie im Speziellen und die Musikindustrie in Deutschland im Allgemeinen
hat.“

So etwas nennt man wohl eine gewaltige Ohrfeige. Setzen, sechs!

Doch eine „Studie“ kann noch so absurd und inkompetent und lügnerisch
daherkommen – Hauptsache, es kommt das raus, was rauskommen soll, und schon
wird sie vom „President Universal Music GSA“ und vom Bayernkurier der
Verwertungsindustrie Hand in Hand (die eine wäscht bekanntlich die andere) im
großen Stil der Öffentlichkeit präsentiert. Hatten wir schon: die Lage der
Verwertungsindustrie muß verzweifelt sein, wenn sie ihr Anliegen derart
vorantreiben muß...

(Tschmucks Stellungnahme im Netz: http://musikwirtschaftsforschung.wordpress.com/2012/06/15/die-auswirkung... )

* * *

Doch auch die Abmahnindustrie bleibt nicht untätig. Jüngstes Opfer, wie
wir auf „Perlentaucher“ erfahren: der Filmemacher Rudolf Thome („Rote Sonne“),
der auf seiner Website zwei Kritiken aus dem „Tagesspiegel“ zu seinen Filmen
dokumentiert hatte und deshalb von einer Hamburger Rechtsanwaltskanzlei
aufgefordert wurde, knapp 950 Euro zu bezahlen. Thome war selbst 15 Jahre lang
Autor von Filmkritiken für das Blatt, das der Berliner gerne „Tagesspitzel“
nennt. „Wie kann dem Tagesspiegel ein
Schaden durch die Wiedergabe zweier uralter Kritiken entstanden sein“,
fragt sich Thome.

Besonders skurril: Im „Tagesspiegel“ fand man im März 2012 noch recht
deutliche Worte gegen die Abmahnindustrie: „Wenn
das aktuelle Abmahnwesen in Deutschland eine Farbe hätte, wäre es
schmutzig-grau. Mit allerlei Tricks versuchen Geschäftemacher, über Abmahnungen
Geld zu verdienen.“

Bekanntlich sind die größten Kritiker der Elche selber welche...

* * *

Ebenfalls aktiv ist der Computerhersteller Apple, der laut einem Bericht
der „Zeit“ bei Musikstücken anstößige Texte zensiert und sie durch „gesäuberte“
Versionen ersetzt, ohne daß die Nutzer darauf aufmerksam gemacht würden. Aus dem „We gonna party for the motherfucking right to
fight“ der Beastie Boys wird in der gated community von Apples iTunes einfach
„We gonna party for the KRATZGERÄUSCH right to fight.“

Es gibt eine längere Zensurliste bei Apple: keine Nackten im
James-Joyce-Comic „Ulysses Seen“ von Rob Berry im Juni 2010; im Mai „fiel die App zur Münchener
Pinakothek-Ausstellung Frauen – Picasso, Beckmann, de Kooning dem Brustverbot
aus Kalifornien zum Opfer. Der Kunst-App-Hersteller sollte Beckmanns nackte
Schlafende aus den Bildern entfernen, die das Produkt bei iTunes bewerben. Erst
danach stellte Apple die App wieder online.“ Brave new world.

10.06.2012

Lilian Thuram

Zum Auftakt der
Fußball-Europameisterschaft bringt das Feuilleton der FAZ ein ganzseitiges
Interview mit dem französischen Rekord-Nationalspieler Lilian Thuram, der
unlängst ein Buch unter dem Titel „Manifeste pour l’egalité“ herausgebracht und
eine Ausstellung im Pariser Musée du Quai Branly organisiert hat, die „zeigt,
wie der Westen den Wilden erfunden hat“. Thuram hat auch eine Stiftung
„Erziehung gegen Rassismus“ ins Leben gerufen.

„Der Rassismus ist ein intellektuelles
Konstrukt, das von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Unsere
Gesellschaft ist immer noch durchsetzt von rassistischen Vorurteilen. (...)
Wenn diese Fans Rassisten sind, so weil es um sie herum, in der Gesellschaft,
Rassismus gibt. Der Fußball lebt nicht in einem abgeschlossenen Raum.“

Thuram, der in
seiner Karriere Welt- und Europameister wurde, war berühmt dafür, sich vor
einem Spiel der Championsleague in ein Buch von Frantz Fanon zu vertiefen.

Und nun frage ich
Sie – wissen Sie, wer deutscher Rekordnationalspieler ist? Genau, Lothar
Matthäus. Und nun versuchen wir uns einmal vorzustellen, welches Buch (bzw.
„was ist das?“) Loddar vor einem Fußballspiel lesen würde. Oder was passieren
würde, wenn Loddar eine Museumsausstellung kuratieren oder gar der FAZ ein
ganzseitiges Interview geben müßte. Und Sie können sich so ungefähr den
Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland sinnlich vorstellen... 

10.06.2012

China, Familien, Kolonko

Am Samstag, dem
9.Juni 2012, argumentiert Petra Kolonko (das ist die Dame, die für FAZ und NZZ
gleichlautende Artikel über China oder Nordkorea schreibt, die sie vor ihrem
Fernseher in Tokio sitzend verfaßt; siehe auch „Pjöngjang im Kaffeesatz“,
Konkret 11/2010, auch auf unserer Homepage: http://www.bseliger.de/sites/default/files/Seliger11-10.pdf)
im Leitkommentar der „FAZ“ unter dem Titel „Chinas roter Adel“: „Daß prominente Familien wirtschaftlichen
und politischen Einfluß haben, ist in Asien nicht ungewöhnlich. In Staaten, wo
das Rechtssystem schwach ist, wie in China, sind familiäre Bande noch immer die
Garantie für loyale Zusammenarbeit. (...) Die Familienpolitik beschränkt sich
nicht nur auf die obersten Parteiführer. Auch auf der mittleren Politik-Ebene
und im Geschäftsleben spielen Familienbande und persönliche Loyalitäten eine
starke Rolle. Sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik regieren
informelle Strukturen, die für Ausländer undurchdringlich sind und an denen sie
oft scheitern.“

Am selben Tag,
Samstag, dem 9.Juni 2012, lesen wir auf Seite 2 der „Berliner Zeitung“ eine
Sonderseite zum Thema „Familienmacht:
Politikerdynastien in Deutschland“, die sich unter dem Titel „Nachname
verpflichtet“ mit Familien beschäftigt, denen „Politik im Blut zu liegen scheint“ – Adenauer, Bismarck, von der
Leyen/Albrecht, Gysi, Schäuble sind die Beispiele. Und von den Flicks oder vom
Bertelsmann-Clan, der dem Kohl sein Mädel nach Gütersloh einbestellt, um der
ehemaligen FDJ-Funktionärin den Kurs vorzugeben, ist in der Sonderseite nicht einmal
die Rede.

Und was soll uns
das lehren? Wahrscheinlich will man uns einfach hintenrum verdeutlichen, daß
Deutschland eben ein Land ist, wo das Rechtssystem schwach ist, mit all den
prominenten Familien und deren wirtschaftlichem und politischem Einfluß...

10.06.2012

Gauck, Trittin und der Islam

 Nun werden die Zauberlehrlinge die Geister, die sie gerufen
haben, nicht mehr los.

„Kann man stolz auf
Deutschland sein?“ „Ja, das ist jetzt möglich“, tönt die Parole in
Großlettern nicht vom Titel der Blödzeitung und auch nicht vom Titel der
Nationalzeitung, sondern vom Titel der „Zeit“, und im Inneren des Blattes (was
ich in diesem Zusammenhang unbedingt metaphorisch zu lesen bitte) setzt Joachim
Gauck noch einen drauf: Anders als sein Bundespräsidenten-Vorgänger findet
Gauck nicht, daß der Islam zu Deutschland gehört, den Satz könne er „so nicht übernehmen“. „Ich hätte einfach
gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland“, erklärt der
Bundespräsident im Interview.

Gauck findet also, daß Muslime nach Deutschland eingewandert
sind, ihre Religion sollen sie aber nicht mitgebracht haben dürfen. Wie es
überhaupt interessant ist, wie Gauck im Interview an dieser Stelle
herumschwurbelt, denn Arbeitsmigranten kommen in seiner Welt offensichtlich
nicht vor, er sagt ausdrücklich: „Jeder,
der hierhergekommen ist (...) und auch gerne hier ist, auch, weil er hier
Rechte und Freiheiten hat, die er dort, wo er herkommt, nicht hat, der gehört
zu uns, solange er diese Grundlagen nicht negiert.“

Wie gesagt, das
kann den Zauberlehrlingen nicht gefallen. Grünen-Chef Cem Özdemir kann die
Unterscheidung Gaucks jedenfalls nicht nachvollziehen, die Muslime hätten
schließlich „ihre Religion mitgebracht“. Wer aber hat Gauck mitgebracht? Der
Grünen-Fraktionsvorsitzende und Ex-Maoist Jürgen Trittin war es, der Gauck das
höchste Staatsamt mehrfach antrug. Trittin hat uns das eingebrockt und hat nun
scheinbar die Zauberformel vergessen, mit der man – Besen Besen seids
gewesen... – den Quälgeist wieder los wird.

„Nun sind wir einen
CDU-Präsidenten los, der eine grüne Position vertrat, und haben einen
rot-grünen Favoriten, der aus dem Herzen der CSU argumentiert.“ (Friedrich Küppersbusch)

31.05.2012

Und Ansonsten 6 / 2012

Laut Bericht auf
"Spiegel Online" hat Bruce Springsteen anläßlich seines Berliner
Konzerts kräftig gegen Banker und Finanzwelt gewettert, sein Song "We Take
Care Of Our Own" wurde angeblich schon so etwas wie die "Hymne der
Occupy-Bewegung". Doch wie so oft greift die Gesellschaftskritik
US-amerikanischer Musiker etwas kurz - es geht gegen "gierige Diebe"
und gegen "Raubritter" - schön brav sozialdemokratisch eben, man will
keine andere Welt, sondern die bestehende, die soll aber ein klein wenig
hübscher sein und ohne allzu gierige Einzelpersonen.

Substantieller geht da Jeb Loy Nichols zu
Werk - sein Song "To Be Rich (Should Be A Crime)" ist eher
fundamental antikapitalistisch - und auch sonst ein schöner Song, produziert
von Adrian Sherwood und derzeit als Vinyl-Single und als Teil des "King
Size Dub"-Albums von 2011 erhältlich:

* * *

Und die
Fußball-Europameisterschaft? Wir sind ja für eher waghalsige Prognosen bekannt,
also soviel schon mal vorweg: Deutschland wird ganz sicher nicht Europameister!
Das kann man gleich mehrfach begründen: Politisch – ganz Europa leidet
wirtschaftlich unter dem Zuchtmeister Deutschland, da sollte sich doch
mindestens ein Land finden, das den von Merkel geprägten neoliberalen
Dominanzfußball stoppen kann. Gute Chancen sollten naturgemäß die haben, die am
meisten unter der deutschen Wirtschaftsknute zu leiden haben – einer der
PIGS-Staaten dürfte also wohl Europameister werden – und da Spanien den besten
Fußball spielt, und gleichzeitig den PIGS-Staaten angehört, ist das schon mal
der natürliche Favorit. Nun wissen wir alle, daß eher selten das Team gewinnt,
das den schönsten Fußball spielt, und bei einer EM gibt’s auch immer gerne mal
eine Überraschung – also vielleicht doch die Osteuropäer? Polen? Tschechien
(wobei, die Tschechen haben leider keine brauchbare Offensive)? Holland wird es
nicht werden, denn die haben Robben. Vielleicht Frankreich? Nach der Entsorgung
Sarkozys ist das ein guter Tip, auch wenn der Hollande-Sozialdemokratismus  vielleicht zu früh kommt. Aber wie gesagt:
Deutschland nicht. Zu viel FC Bayern, zu wenig Dortmund. Haben Sie gesehen, wie
die Nationalspieler im Championsleague-Finale beim Elfmeterschießen gekniffen
haben? Kroos? Gomez? Da steckt die Versagensangst einer ganzen Generation in
den paar Spielern. Oder man kann es begründen wie mein Schweizer Freund und
Fußballkenner: „die Deutschen haben so doofe Frisuren, das wird nichts“...Also, wenn Sie
mich fragen: einer der beiden PIGS-Staaten mit brauchbarem Fußball wirds, oder
Frankreich. Sie werden sehen. Oder es kommt ganz anders.

* * *

Der komplette
Wirtschaftsteil der „Süddeutschen Zeitung“ vom 26.5.2012 ist von einer
vierseitigen, teuren Anzeige des Kaffeemaschinenherstellers „De’Longhi“
ummantelt. Und was mußte die Redaktion der „Süddeutschen“ dafür tun? Auf Seite
31 im Wirtschaftsteil derselben Zeitung eine „Sonderseite“ zum Thema „Kaffee“
ins Blatt nehmen. Ich glaube, man nennt es unabhängige Presse, oder? (keine
Sorge, ich habe das Geschäftsprinzip verstanden, das eine hat natürlich null
mit dem anderen zu tun, eh klar)

* * *

Piraten, wohin
man sieht. Im Email-Posteingang ein Bandangebot: „Der Fluch der Karibik live
als Partyrock-Band auf Ihrer Bühne“.

„Die Coverpiraten
sind die neue Entdeckung am Partyhimmel. Die Bühne ist dekoriert mit rauchenden
Kanonen, leuchtenden Fackeln und Piratenaccessiores. Bei Bedarf kommen wir sogar mit Pyroshow! Die
Musiker sind in ständig wechselnden Piratenoutfits auf der Bühne, die Sänger
wechseln über 20 mal die Outfits während der Show, von Schlager- über Rock- bis
zum 70´s Outfit. Die Tänzerinnen
kommen Fahnen schwenkend und im finalen Spagat endend auf die Bühne. Von Top 40
Hits über Deutschen Schlager bis hin zu AC/DC wird mit 100%igem
Wiedererkennungswert eine Show geboten die ihres Gleichen sucht.“ 

Der Fluch der
Partyrockband, sozusagen.

* * *

Dieser Kalauer
wäre einem gern selber eingefallen:"Günter Grass, der stets sein Bestes
gegeben hat, sei es für die SS oder die SZ"... (Hans Zippert in
der "Welt")

* * *

Man liest das jetzt gerade allerorten, wie dieser Tage in
der „FAS“: „Die Grünen sehen sich durch den Erfolg der Piraten
herausgefordert.“Der Grüne Sven-Christian Kindler aus Hannover „hat ein duales Studium zum Betriebswirt
gemacht, wohnt in einer Öko-WG im multikulturellen linksalternativen Linden,
kocht gern vegan und wandert mit seinen Freunden bei den Pfadfindern“ und
sieht ansonsten die Gefahr einer Verspießerung der Grünen: „Wir dürfen keine Wischiwaschi-Volkspartei werden und auch keine
angepaßte Spießerpartei“.Wie meint Kindler aber das Wörtchen „werden“ in diesem Satz?Dieter Hildebrandt übrigens wies unlängst darauf hin, „daß die Spießer heute immer jünger werden“.

* * *

Der sowieso und überhaupt immer lesenswerte Newsletter des
„Palace“ in St. Gallen berichtet von einem hübschen Beispiel Bankenrettung vs.
Lehrstuhlförderung bzw. eine Hand wäscht die andere:

„Bekanntlich hat die Großbank UBS der
Universität Zürich fünf Lehrstühle gesponsert und auch noch ein «UBS Center of
Economics in Society». Es ist schon eine typisch schweizerische Art, Skandalen
ein Ende zu setzen: Eine Großbank wird vom Staat mit 68 Milliarden Franken
gerettet. Eine Untersuchung zu ihren kriminellen Geschäften gibt es keine. Die
Auflagen bleiben minimal. Zum Schluß kommt der Ex-Bundesrat und neue
Bankenchef, kauft sich die Bildung und sagt im Wirtschaftsweltblatt: «Die
Lehrstühle sollen unter anderem untersuchen, weshalb staatliche Regulierungen
oft andere als die beabsichtigten Wirkungen haben.» Das muß man sich erst mal
ausdenken: Milliarden von den BürgerInnen einstreichen, und dann noch
untersuchen lassen, ob die mit dem Geschenk verbundenen Auflagen eine falsche
Wirkung haben.“

* * *

Was an Politik-(Klein)darstellern wie Klaus Wowereit fast am
meisten nervt, ist diese arrogante Nonchalance gegenüber der Realität des
Faktischen, und die Zurschaustellung eigener politischer Hilflosigkeit als sich
ankumpelnde Betroffenheitsattitüde – „ja, wir wollen auch eine andere Welt,
aber leider leider...“ – so, als ob Politiker keine Gesetze machen könnten,
keine Flächennutzungspläne aufstellen oder keine Steuern erheben (bzw. wenn sie
wenigstens  zugeben würden, daß sie
nichts zu sagen haben angesichts von Banken Versicherungen Lobbys...).

Eine ganz neue Variante der von Walter Benjamin
beschriebenen Ästhetisierung des Politischen als wesentliche
Legitimationsstrategie von Herrschaft (und denken Sie neben dem Freiherrn
Guttenberg und Wowereit etwa auch an Sarkozy!).

Da wollen Konzerne wie BMW und Guggenheim nach Kreuzberg
kommen, um sich mal paar Wochen mit Stadtplanung zu beschäftigen – „mit Eröffnungsparty und Reden – powered by
BMW. In Berlin ist das Alltag. Diese Stadt verkauft sich immer an den
Meistbietenden. Wenn einer kommt und zahlt, eine Autofirma, eine Modefirma,
eine Mobilfunkfirma, dann kann er hier eigentlich alles haben, Plätze, Straßen,
das Brandenburger Tor“ (Jakob Augstein, SPON).

Es ist im Berlin des Sozialdemokraten Wowereit eben
tatsächlich so, wie Augstein schreibt: alles braune Brause. Wenn Coca-Cola (das
schon die NSDAP-Parteitage in den 30er Jahren gesponsert hat) ruft, bekommen
sie das Brandenburger Tor. Wenn die Berliner Fashion-Week das braucht, bekommt
sie den zentralen Bebel-Platz neben der Staatsoper, und das Festzelt wird von
Daimler-Benz gesponsert, der Firma, die nicht wenig in den Nationalsozialismus
verstrickt war, und steht direkt über dem Denkmal von Micha Ullmann, das an die
Bücherverbrennung 1933 erinnert. Und wenn BMW ruft, die Firma, deren Grundkapital
aus Zwangsarisierungen und Zwangsarbeit kommt, dann rollt Wowereit „den Roten
Teppich aus“.

„Weltoffenheit hieß
schon unter seiner rot-roten Regierung: Unternehmen, Investoren und andere
Möchtegern-Berlin-Gestalter aus der großen weiten Welt anlocken, koste es was
es wolle. Im vorauseilenden Gehorsam wurden da möglichst alle Barrieren
weggeräumt, etwa die lästigen Befürchtungen der Kiez-Bewohner, die sich
spießigerweise um ihre Wohnungen und steigende Mieten sorgen“ (Sebastian
Preuss, „Berliner Zeitung“).

Doch wenn die Bürger gegen derartige Show-Projekte
demonstrieren, weil sie längst wissen, daß sie von Politikern wie Wowereit
nichts zu erwarten haben, dann müssen sie sich von dem Sozialdemokraten noch
zynisch für ihre „unsachgemäße Kritik und
Versuche der Einschüchterung durch plumpe Drohungen“ kritisieren lassen.
Wie wäre es denn, Wowereit und Konsorten wählten sich einfach eine andere
Bürgerschaft?

Wenn den Berliner Landes- und Bezirkspolitikern wirklich an
einer Diskussion zur Stadtplanung gelegen wäre, hätten sie diese längst
organisieren können, nein: müssen! Nur wer sich jahraus jahrein nicht für die
Sorgen der BürgerInnen interessiert, sich nicht mit den Schattenseiten des
Berliner Immobilienbooms beschäftigen möchte, der propagiert schicke Show-Veranstaltungen,
die von BMW und Guggenheim als Imagekampagne organisiert werden.

Politikdarstellern wie Wowereit und Konsorten geht es um die
Privatisierung nun auch noch des öffentlichen Raums. Das ist ein Teil der
jahrelangen Kampagne der Umverteilung von unten nach oben. BMW und Guggenheim
und Wowereit stehen für das Problem, nicht für die Lösung. „Das ist die Ideologie des Starken, derer, die es sich leisten können,
auf öffentliche Infrastruktur zu verzichten.“ (Augstein)

Dem großen Staatsmann Wowereit sei dieses Zitat eines
schwäbischen Heimatdichters um die Ohren gehauen:

„Du bist fertig,
Staatsmann.Der Staat ist nicht
fertig. Gestatte, daß wir ihn verändern.“ (Bertolt Brecht, „Fatzer“)

* * *

Aber Berlin kann ja nicht wirklich viel. Berlin kann nicht
Popkomm und nicht Musikmesse. Berlin kann nicht Flughafen. Berlin kann nicht
Staatsoper (der Umbau dauert jetzt knapp zwei Jahre länger als geplant). Berlin
kann nur endlose Baustellen.

Finden Sie alles etwas provinziell? Berlin ist provinziell! Am Ende ist Berlin eben
auch nur 55 mal Fulda hintereinander...

* * *

Schon
interessant, daß die deutschen Politiker und ihre Medien, wann immer sie
„Menschenrechte“ in Staaten der ehemaligen Sowjetunion einfordern, sich
vornehmlich um die Menschenrechte von Ex-Oligarchen kümmern, von Menschen, die
in der Regel ihre Milliarden im post-sowjetischen System dadurch machten, daß
sie entweder zur Mannschaft eines sagenhaft korrupten Politikers gehörten, oder
daß sie Dinge, die der Gesellschaft gehörten, und dabei bevorzugt Energie, in
ihr Eigentum „überführten“.

Julia Timoschenko
etwa hielt Kontakt zum „sagenhaft
korrupten Dnjepropetrowsker Pawel Lasarenko, der als Vizepremier für
Energiefragen Timoschenko Aufträge im lukrativsten Geschäft verschaffte, das es
in der Ukraine überhaupt gab – dem Import von russischem Erdgas“, ist in
der „Berliner Zeitung“ zu lesen. Timoschenko wurde zur „Gasprinzessin“, ihr
Konzern kontrollierte dank hervorragender Kontakte zur Politik bald ein Fünftel
der ukrainischen Wirtschaftsleistung. „Timoschenko
wurde zur wohl einflußreichsten Oligarchin im postsowjetischen Raum. Als
Lasarenko 1997 gestürzt wurde, floh er in Timoschenkos Flugzeug. Er wurde in
den USA wegen Geldwäsche, Betrug und Erpressung zu neun Jahren Haft verurteilt.“

Daß nun gar der
Chefarzt einer Berliner Klinik im deutschen Regierungsauftrag die gierige
Ex-Oligarchin und Machtpolitikerin in einem ukrainischen Krankenhaus behandeln
muß, soll einem mal einer erklären. Sicher: die Verhältnisse in ukrainischen
Gefängnissen sind kein Zuckerschlecken. Aber ob sich die westliche Politik
ausgerechnet anläßlich Frau Timoschenkos um sogenannte Menschenrechte in der
Ukraine kümmern sollte, darf bezweifelt werden.

* * *

Und was ist mit
Dieter Bohlen los? Er klagt derzeit vor dem Europäischen Gerichtshof seine
„Menschenrechte“ ein. Denn seiner Ansicht nach hat ihn ein Zigarettenkonzern in
unlauterer Weise für seine Werbung eingespannt. Bohlen, der sonst gerne alles
und jedes mitmacht, was Geld verspricht, stört sich an der Werbung „Schau mal,
lieber Dieter, so einfach schreibt man super Bücher“.

Der
Bundesgerichtshof hat letztgültig entschieden, Bohlens Verfassungsbeschwerde
gegen dieses Urteil wurde abgewiesen, da blieb dem lieben dünnhäutigen
Multimillionär, der sonst gerne freche und ätzende Sprüche zulasten anderer im
Fernsehen absondert, natürlich nichts weiter übrig als die Klage gegen den
Entzug seiner Menschenrechte durch den bekannten Unrechtsstaat Bundesrepublik
Deutschland.

Wie sagte Bohlen
doch einst so schön? „Versuch doch mal einem Bekloppten zu erklären, daß er
bekloppt ist.“

* * *

Die „Warner Home
Video Germany“ und „Amazon Deutschland“ haben ein neues Geschäftsmodell
entwickelt, mit dem sie sich Freunde unter den Filmfans machen werden. Die
beiden Firmen bieten sechzehn Hollywood-Produktionen auf DVD an, die
hierzulande noch nicht verfügbar oder länger vergriffen waren – wie etwa Tod
Brownings „Freaks“ (1932) oder “Der kleine Cäsar“ mit Edward G. Robinson
(1932).

Die Besonderheit:
„Disc on Demand“. Amazon brennt die Filme dieser „Warner Archive Collection“
als DVD nur auf Kundenwunsch und Bestellung. Der Preis: Um die 15 Euro.

Sicherlich das
beste Mittel, Menschen von legalen und illegalen Streaming-Diensten
wegzulocken, denn für so eine handgebrannte DVD-Kopie eines achtzig Jahre alten
Films zahlt der Kunde doch gerne 15 Euro – man gönnt sich ja sonst nichts, und
die Filmindustrie muß auch von irgend etwas leben.

* * *

Wie wir wissen,
ist die US-amerikanische Kulturindustrie nicht gerade zimperlich im Umgang mit
Leuten, die illegale Kopien anfertigen und vertreiben. Doch es gibt natürlich
keine Regel ohne Ausnahme. Der 92jährige Hyman Strachmann fertigt laut
„Berliner Zeitung“ täglich wie besessen illegale Kopien von Spielfilmen an –
auf etwa 300.000 Exemplare der illegalen Kopien hat er es seit 2004 gebracht.
Doch der Zweck heiligt anscheinend die Mittel: Der Veteran, der im Zweiten
Weltkrieg diente, schickt seine Filmkopien an Soldaten im Auslandseinsatz, die
ihre Lieblingsstreifen auch im Krisengebiet sehen möchten. Die Sendungen mit
den illegalen Kopien Strachmanns gehen vor allem nach Afghanistan, bis 2011
lieferte er auch gern in den Irak.

Die Wand des
Arbeitszimmers des 92jährigen Hyman Copyking „schmücken Fotos von Soldaten, die zufrieden eine DVD in die Kamera
halten“.

* * *

„Die meiste Indie-Musik ist reine
Zeitverschwendung.“ Jack White

* * *

Schon mal von der
kanadischen Band „The Weeknd“ gehört? Deren Debütalbum „House of Baloons“
landete letztes Jahr in den Jahresbestenlisten von „Billboard“, „Guardian“ oder
der „New York Times“. Das Besondere: Das Album war „als kompletter Gratis-Download auf der Website der Künstler zu haben.
Die beiden Nachfolge-Alben von The Weeknd, ebenfalls im Jahr 2011 selbst
veröffentlicht, gab es auch umsonst. Bislang hat The Weeknd keinen
Plattenvertrag, dafür 365.000 Freunde auf Facebook und eine halbe Million
Twitter-Follower. In diesem Jahr spielte die Band bei einer großen Tour durch
die USA auf dem Coachella-Festival, einem der wichtigsten Musikfestivals der
Welt“, berichtet die „FAS“.

Wie zu hören war,
sind die Gagen der Band bereits extraorbitant, die Musiker können prächtig von
ihrer Musik leben. „Musiker, die über die
Nutzung und Auswertung ihrer Urheberrechte selbst entscheiden, haben im
Web-2.0-Zeitalter die besseren Chancen“, faßt die „Frankfurter Allgemeine
Sonntagszeitung“ zusammen.

Doch so etwas
funktioniert nicht nur jenseits des großen Teichs, sondern auch hierzulande.
Der deutsche Rapper „Cro“ ist seit Wochen mit seinem Song „Easy“,
wahrscheinlich einem der Sommerhits des Jahres, in den deutschen Top 10. Der
Song wurde zuerst auf Youtube als Video veröffentlicht, eine Woche später
konnte man den Song als Teil eines Mixtapes kostenlos von der Website des
Labels von Cro herunterladen. Mittlerweile ist das Video sage und schreibe 17
Millionen mal auf YouTube angesehen worden und gilt als das meistgesehene
deutsche Musikvideo aller Zeiten. Wie gesagt, bis zum Release der „Easy“-Single
gab es von Cro gar keine Musik zu kaufen, „Easy“ war 16 Wochen lang kostenlos
im Internet runterzuladen. Alle Tracks von Cro gab es zum Free-Download oder im
Stream als Geschenk für seine Fans. Das Album „Raop“ erscheint am 6.Juli – bis
dahin war die komplette Tour von Cro im April und Mai ausverkauft, und der
Künstler spielt im Frühjahr und Sommer alle wichtigen Festivals der Republik,
von Rock am Ring und Rock im Park über Splash bis zu Hip Hop Open Stuttgart.

Mag sein, daß das
Internet Sven Regeners Feind ist. Es ist aber definitiv der Freund weltoffener,
guter Künstler, wie diese beiden Beispiele zeigen. Kommt ins Offene, gelt?!?

* * *

„Vielen meiner Texte hätte ich als Urheber
mehr Aufmerksamkeit gewünscht. Ich bin ja der Vater meiner Texte. Man will das
Beste für seine Kinder. Möglichst viele Leute sollen sie lieben. Wenn jemand
einen Text unerlaubt verbreiten würde, wäre es Diebstahl. Aber es würde mich
mehr freuen als ärgern. Ich fände es falsch und kleinlich, dagegen vorzugehen.
Seltsame Vorstellung, daß jemand abgemahnt werden sollte, weil er etwas von mir
lesen will. (...) Natürlich ist es mir lieber, eine Vergütung zu bekommen, ist
doch klar. Ich will nur darauf hinweisen: Die mit einem Download – auch einem
diebischen – einhergehende Verbreitung ist vielleicht wichtiger als die
Vergütung. Jemand hält meinen Text für lesenswert und weiterempfehlungswert.
Das ist doch erst mal toll. Und nicht nur eine Schmeichelei. Mein Marktwert
steigt mit der Verbreitung, auch mit der illegalen, die gegen das geltende Urheberrecht
verstößt. Und genau diesen Punkt berücksichtigt das geltende Urheberrecht
nicht.“  

Joseph von
Westphalen, merkwürdigerweise einer der Erstunterzeichner des Aufrufes zum
Schutz des geistigen Eigentums

* * *

Allein 2011 hat
die EU laut einem Bericht der „taz“ über 400 Millionen Euro in die Sicherung
ihrer Außengrenzen investiert. Damit könnten 23.000 Flüchtlinge pro Jahr für
den Arbeitsmarkt fit gemacht werden, etwa über das „Resettlement-Programm“ des
UNHCR. Stattdessen ertrinken jährlich 700 Flüchtlinge mit unserer Billigung im
Mittelmeer.

06.05.2012

Andrea Berg

Wozu zahlen wir
Gebühren für unser Staatsfernsehen?

Am Sonntagabend,
dem 6.5.2012, wissen wir es: Für eine anderthalbstündige Sendung zu bester
Sendezeit um 20.15 Uhr im RBB mit Andrea Berg: „Abenteuer“ heißt „das
Live-Konzert 2012“ (auch so eine tolle Erfindung: „Live-Konzert“, und dann
sehen wir überdeutlich, daß alles Playback ist...), das uns die
Öffentlich-Rechtlichen ins Haus bringen. „Es gibt nicht viele Künstlerinnen,
die es schaffen, ihre Fans bei einem Konzert alle einzeln mit ihrer Musik zu
umarmen“, flötet der Videotext des Staatsfernsehens.

Zwei Stunden
vorher konnten wir erfahren, daß die Piratenpartei auch den Landtag in
Schleswig-Holstein „geentert“ hat, jetzt ist Andrea Berg dran, pausenlos redet
sie ihr Publikum mit „Traumpiraten“ an, sie steht in merkwürdigen
Muttchen-Domina-Verkleidungen („Als 42jährige Frau muß man sich anstrengen,
damit die Männer einem hinterhergucken“...) auf einer zum Schiff umgestalteten
Bühne mitten im Publikum, „bei uns Traumpiraten haben Gefühle keine Schweigepflicht“,
und ergeht sich in schlechten Meeres-Metaphern.

„Schenk mir die
perfekte Welle / wenn ich um mein Leben renne / atemlos bis in die Ewigkeit. /
Schenk mir einen Stern / denn den hätt ich so gern. / Flieg mit mir zum Mond / mal
sehn wer da so wohnt. / Laß mich tausend Abenteuer spürn / will in deiner
Umlaufbahn verglühn.“

Sagen Sie selbst:
damit so etwas am Sonntagabend im Staatsfernsehen zu betrachten ist, dafür zahlt
man der GEZ doch gerne € 17,98 monatlich, oder?

02.05.2012

Französische Wahl und Intellektuelle

Wer wissen will, wie viele der dämlichen und überflüssigen
Feuilleton-Debatten gemacht werden, kann am 27.April in der „NZZ“ bei Jürgen
Ritte lesen, daß sich die französischen Intellektuellen aus dem
Präsidentschaftswahlkampf weitgehend heraushalten. Höchstens die
Rückständigkeit der politischen Visionen und der Mangel an Ideen werde gelegentlich kritisiert. Dabei, findet
Ritte, sei es doch gerade die Aufgabe der Intellektuellen, Ideen zu produzieren.

Eine Woche
später, am 2.Mai, deckt Joseph Hanimann in der „SZ“ auf: „Nie waren in den letzten dreißig Jahren die Pariser Intellektuellen in einem Wahlkampf so stumm wie diesmal.“

Nun, wer
Intellektuelle und Philosophen wie Sloterdijk oder Richard David Precht oder
Grass in seinem Land weiß, der kann natürlich munter Steinchen aus dem Glashaus
werfen, es klirrt ja so schön...

Ein Buch wie
Alain Badious „Wofür steht der Name Sarkozy?“ habe ich von einem deutschen
Intellektuellen jedenfalls nicht gelesen. Und es gäbe keinen deutschen Verlag
(außer diaphanes natürlich), der so etwas drucken würde, und kaum Medien, die
derartige Thesen diskutieren würden – „...die
desaströsen Konsequenzen jenes parlamentarischen Fetischismus, der bei uns für
„Demokratie“ steht...“ oder „...was
ist einförmiger als die „freien“ Individuen der Marktgesellschaft, die
zivilisierten Kleinbürger, die wie die Papageien ihre lächerlichen Ängste
wiederholen?“ oder „es geht darum,
die demokratischen Formen eines Staatsterrorismus zu finden, die auf der Höhe
der Technik sind: Radar, Fotos, die Kontrolle des Internet, systematisches
Abhören aller Telefone, Kartographie der Ortsveränderungen... Am staatlichen
Horizont zeichnet sich ein virtueller Terror ab, dessen Hauptmechanismus die
Überwachung sowie in zunehmendem Maße auch die Denunziation ist.“ So Badiou
in seinem 2007 erschienenen Buch, vor der Wahl Sarkozys zum Präsidenten des von
ihm kreierten und von der deutschen „Kreativindustrie“ so gerne bejubelten
Hadopi-Staates...

Aber die
süddeutschen und Schweizer Feuilletonisten können anscheinend nicht nur keine
Bücher lesen, sondern scheitern auch am Studium der wichtigsten französischen
Zeitschriften. Am 18. April war im Nouvelle Observateur (das ist von Einfluß
und Bedeutung vielleicht mit dem „Spiegel“ hierzulande zu vergleichen) ein
großes Interview mit Jacques Rancière, einem der wichtigsten Philosophen
unserer Tage, unter dem Titel „L'ÉLECTION,
CE N'EST PAS LA DÉMOCRATIE“ zu lesen – ja, ganz richtig, Rancière stellt fest:
Die Wahl, das ist keine Demokratie!

Frankreich, du hast
es besser – Philosophen des Kalibers Rancière haben wir in Deutschland nicht.
Wir müssen mit Feuilleton-Zeilenschindern vorlieb nehmen, die uns erzählen, daß
die französischen Intellektuellen so stumm sind wie seit dreißig Jahren
nicht...

02.05.2012

Piloerektion

„Jemals eine Piloerektion erlebt?

Dieses Gefühl, wenn
tausend winzig kleine Muskeln unter Ihrer Haut jedes einzelne Haar auf ihrem
Körper aufrichten? Auch bekannt als Gänsehaut. Diese auszulösen, dafür ist
jeder Jaguar geschaffen. Damit Sie sich lebendig fühlen. Erleben Sie den Jaguar
XK ab 91.200.- €.“

Aus einer mehrseitigen Anzeige in der Zeitschrift
„Interview“, anscheinend eine Zeitschrift für all diejenigen, die keinen Sex
mehr haben, aber für eine „Pilo-Erektion“ mal eben „ab 91.200 Euro“  auszugeben bereit sind, um sich
„lebendig zu fühlen“.

02.05.2012

Smartphone im Klo

In der „NZZ“ konnte man den original in der NYBR
erschienenen kleinen Text von Charles Simic über Toiletten-Bibliotheken lesen: „Ich bin in Serbien
aufgewachsen, wo Plumpsklos auf
dem Land noch häufig waren und Toilettenpapier von der einfacheren Bevölkerung
als dekadenter Luxus angesehen wurde. Der Stapel alter Zeitungen auf dem
Häuschen war nicht nur zweckdienlicher Ersatz für die Klorolle, sondern auch
willkommener Lesestoff, der mir ebenso viel Weiterbildung wie Vergnügen verschaffte.“

Ein
weiterer Grund, für auf Papier erscheinende Tageszeitungen zu kämpfen – mag
sein, daß man auf dem Klo sitzend auch auf seinem Smartphone die Neuigkeiten
auf Apps oder im Internet studieren kann – aber stellen Sie sich mal vor, Sie
wollen sich mit einem Smartphone den Hintern abwischen. Das zeigt einem doch
recht anschaulich die Beschränktheit dieser Geräte.

(ich
kenne übrigens, ungelogen und ungeflunkert!, zwei Musikerinnen, denen in den
letzten zwei Monaten ihr Smartphone ins Klo gefallen ist – merkwürdig, nicht?
ts ts...)

30.04.2012

Und Ansonsten 2012 05

Die „Linken“ im Berliner Abgeordnetenhaus forderten bei den
Haushaltsberatungen, daß bei Zuschüssen an die freie Szene der Hauptstadt „die Zahlung des Mindestlohns sichergestellt
werden“ solle.

Seit Jahren fixiert der Berliner Senat bekanntlich in seinen
Bewilligungsbescheiden für Projekte der freien Szene Stundenlöhne von 3 bis 5 Euro.

Übrigens: Die „Linken“ bildeten die letzten 10 Jahre zusammen mit der
SPD die Berliner Regierung und stellten fünf Jahre lang den Kultursenator – wie
wäre es denn gewesen, die „Linken“ hätten zu der Zeit, als sie selbst an der
Regierung waren, die sozialen Bedingungen für freie Künstler umgesetzt, die sie
jetzt neuerdings als Opposition so vehement fordern?

* * *

Und der Chef der Berliner Senatskanzlei, Björn Böhning
(SPD), sagt: „Ich warne vor der These des
Klubsterbens.“ Das könne eine „gefährliche,
sich selbst erfüllende Prophezeiung werden“, so Böhning laut „Berliner
Zeitung“.

Wohlgemerkt: Der pfiffige Sozialdemokrat warnt nicht etwa
vor dem real stattfindenden Clubsterben in der Hauptstadt, sondern vor der
„These“ des Clubsterbens.

Jens Balzer faßte im Januar 2012 zusammen: „Das neue Jahr wurde in Berlin wieder damit
eröffnet, daß viel zugemacht wurde, insbesondere Clubs: Die Maria feierte ihre
allerletzte Party, ebenso wie das Chez Jacki im gleichen Gebäude; das Icon
verabschiedete sich, und der Klub der Republik in der Pappelallee wurde
geschlossen. (...) Der Prenzlauer Berg ist damit fast komplett clubbereinigt.“

Ich finde, Jens Balzer hat hier eine These vom Clubsterben
aufgestellt, die zwar durch die Realität irgendwie bestätigt wird, vor deren
Gefährlichkeit man aber natürlich nicht genug warnen kann, vor allem, wenn man
Sozialdemokrat ist und in Berlin Kulturpolitik betreibt.

* * *

„Die grüne
Bürgermeisterin der Stadt Aachen, Hilde Scheidt, Jahrgang 1950, hat sich im
Dezember 2011 über einen Auftritt von Ralph Giordano und mir bei der
Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) in Aachen dermaßen aufgeregt, daß sie
aus Protest aus der DIG austrat. »So etwas können wir hier in Aachen wirklich
nicht gebrauchen.« Was »wir« in Aachen gebrauchen können, hängt inzwischen
nicht vom Wohlwollen des zuständigen Gauleiters,

sondern der grünen
Bürgermeisterin ab. Und gleich zwei Juden, die in der »Palästina-Frage« anderer
Meinung sind als sie, waren ihr einfach zu viel. Noch gewagter war nur noch
ihre Erklärung, es müsse »möglich sein, auch die israelische Politik zu kritisieren,
etwa eine Regierung, die dem israelischen Volk schadet«.

Und weil das
israelische Volk zu blöde ist, um zu erkennen, was ihm schadet, fällt diese
Aufgabe der grünen Bürgermeisterin von Aachen zu, die sich ohne Weiteres
zutraut, den Israelis zu sagen, was für sie gut wäre – zeitgleich mit der
Erhöhung der Müllgebühren und dem Ausbau der Radwege in Aachen.“

Henryk M. Broder in „Vergeßt Auschwitz“, zitiert nach „Die Achse des
Guten“* * *

“Sie ist eins mit sich
und der Natur. Gegen eine kleine Affäre hätte sie aber nichts einzuwenden.“

Die „Bunte“ über Ali MacGraw

Man beachte besonders das schöne "aber".* * *

Es war beim ausverkauften Konzert von Laura Gibson im Grünen
Salon der Berliner Volksbühne, wieder einmal: vor lauter Gequatsche und Gequake
eines Teiles des Publikums konnte man die Musik nicht mehr hören. Da stand ein
etwa dreißigjährigen Mann mit weiblicher Begleitung vor einem, der pausenlos
mit seinem Smartphone flirten mußte – Fotos aufnahm, telefonierte, seiner
Begleitung das Smartphone ans Ohr hielt, während da vorne Laura Gibson ein ganz
wunderbares, oft stilles Konzert gab. Man hätte sich gewünscht, das Paar vor
einem würde zu konkreten Aktionen aneinander schreiten, anstatt sich nur mit
dem Smartphone zu beschäftigen. Doch kaum kam einem dieser Gedanke, prasselte
es von rechts ans Ohr: „Ich hab ja in Mannheim studiert“, quäkte eine junge
Frau ihre Begleitung an und quatschte und kicherte minutenlang lauthals vor
sich hin – wäre sie doch in Mannheim geblieben, uns allen wäre geholfen
gewesen!

An dieser Stelle wurde vor Monaten schon einmal das Fotografieren
mit Mobiltelefonen in Konzerten kritisiert. Manchmal wünscht man sich das bloße
Fotografieren zurück – es ist bescheuert, zumal die Fotografen ja dann nicht
etwa weiter dem Konzert folgen, sondern das soeben und meist in eher mediokrer
Qualität – ein Smartphone ist nun mal keine Leica... – Fotografierte endlos
betrachten, herumzeigen und natürlich unmittelbar auf sämtlichen sogenannten
sozialen Netzwerken posten müssen – aber nun ja, es stört vergleichsweise wenig
gegenüber den Jungmenschen, die meinen, ein Konzert als Chatraum mißbrauchen zu
müssen und die denken, das, was ihnen ununterbrochen in großer Lautstärke aus
dem Mund herausquillt, sei wichtiger als das, was auf der Bühne passiert. Nun
kann es einem egal sein, wie bescheuert nicht wenige Zeitgenossen sind –
allerdings nicht, wenn sie stören, und das tun sie. Markus Schneider schrieb in
der „Berliner Zeitung“ über dieses Konzert bzw. über die Geräuschkulisse: „Fast bis zur vorderen Hälfte des
rammelvollen Saales herrschte jedoch ein derart unerträglicher und respektloser
Schnatterpegel, daß sogar erfahrenste Labelchefs grübelten, ob vielleicht der
Eintrittspreis zu niedrig sei. Positiv gewendet könnte man vielleicht annehmen,
daß die Grüppchen sonst nur über soziale Netzwerke kommunizieren und so
angenehm überrascht von der physischen Realität waren, daß sie aufgeregt den
Chatroom analogisierten.“

Eigentlich bin ich kein Kulturpessimist, aber ich denke, man
kann festhalten, daß die Kulturtechnik "mal eine Stunde seine Klappe
halten und einem Künstler zuhören, der auf der Bühne ein Konzert gibt", im
Aussterben begriffen ist. Heutzutage sind die Konzerte voll von Menschen, die
wohl unter von Smartphones und Facebooks vage übertünchten
Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störungen leiden – man besucht leise
Singer-Songwriter- oder Indiefolk-Konzerte, kann aber nicht zuhören und auch
weder stillstehen noch stillsitzen, alles, was man gerade denkt, muß
dahergeplappert und auf Facebook gepostet werden. Rätselhaft, warum Leute 15
Euro Eintritt bezahlen, um doch nur zu quatschen oder zu telefonieren oder zu
fotografieren. Wo ist hier der „I don’t like“-Button?!?

(...und übrigens: wenn ihr dann alle mal ausgeplappert und
all eure banalen Gedanken auf Facebook gepostet habt, werdet ihr feststellen,
daß man soziale Netzwerke nicht essen und Facebook-Freunde nicht in den Arm
nehmen kann; und in den Konzertsälen habt ihr dann längst Hausverbot...)

* * *

Mir gefällt, wie Papst Benedikt XVI. in einem Brief an die
deutschen Bischöfe verlangt, daß bei der Eucharistie im deutschsprachigen Raum
nicht mehr wie bisher gesagt werden darf „mein Blut, das für euch und für alle
vergossen wird“, sondern zukünftig gilt: „mein Blut, das für euch und für viele
vergossen wird“, also eben: nicht für alle!

Da kann die „taz“ noch so sehr heulen, der Papst habe damit
eine „ökumenische und interreligiöse
Zeitbombe gelegt“ (man bedenke: eine „interreligiöse Zeitbombe“,
huiuiui...). Ich bins zufrieden, wenn die Katholiken mich bei ihrer Eucharistie
künftig nicht mehr einbeziehen – fair enough! Danke, Herr Ratzinger!

* * *

Wer gedacht hatte, mit den Berliner Versuchen einer
popmusikalischen Stadtmarketingveranstaltung sei es nach den grandiosen Flops
von Popkomm und Konsorten endlich vorbei, und die Berlinerinnen und Berliner
hätten künftig Ruhe vor solcherart steuerfinanziertem Unsinn, der sieht sich
eines Schlechteren belehrt: Eine „Berlin Music Week“ wird die Stadt im
September belästigen. Mit Mitteln des Senats entsteht ein, wie zu hören war, „zentralisierter Event im Herzen Berlins“,
und die laut Eigenansage „gemeinnützige“
Veranstalter-Gesellschaft hat als Partner ausgerechnet die Gema, MTV und
Universal gewonnen (Universal wohl anläßlich des zehnten Jahrestags der
Berliner Steuerverschwendung – wir erinnern uns: der Berliner Senat hat den
Umzug der Deutschlandfiliale des weltgrößten Musikkonzerns von der Alster an
die Spree mit etlichen Millionen subventioniert).

Das Konzept für die Konzerte der „Berlin Music Week“ spricht
Bände: „Lieber weniger Konzerte mit
vielen Zuschauern als jede Menge Auftritte, zu denen sich nur eine Handvoll
Publikum verirrt“, sagt der „Venue Manager“ der Veranstaltung. Während der
„Head of Communications“ verspricht: „Berlin
wird zur Stadt der 1000 Bühnen“. Hm. Vielleicht sollten die Herren erstmal
miteinander klären, was sie wollen, bevor sie Pressekonferenzen geben?

Und auch die Musikexportbüros haben sich wieder angesagt –
es bleibt einem nichts erspart...

Wir sagen jedenfalls: Nein danke! Berlin braucht diesen
subventionierten Unfug nicht. Das ist so wie Muttertag und Welttag des
geistigen Eigentums gleichzeitig am Totensonntag – überflüssig. In Berlin und
seinen Clubs ist sowieso jeder Tag Musiktag!

* * *

Einer Helena Helmersson, „H &
M-Nachhaltigkeitsverantwortlicher“, haben sie eingebleut, daß sie in der
Öffentlichkeit nur oft genug das Wort „Nachhaltigkeit“ fallen lassen soll, dann
wird das alles schon. Und so versucht die Dame, der „Berliner Zeitung“
unfallfrei ein Interview zu geben:

„Kann ein T-Shirt, das im Laden für fünf Euro angeboten
wird, nachhaltig produziert werden?“

„Natürlich können wir
hier in Bezug auf Nachhaltigkeit noch besser werden. Aber ein niedriger Preis
bedeutet nicht automatisch, daß etwas weniger nachhaltig ist.“

„Unabhängigen Berechnungen zufolge erhält ein Arbeiter von
einem für fünf Euro verkauften T-Shirt gerade mal 0,13 Cent. Würden Sie
zustimmen, daß da die Relation nicht stimmt?“

„Diese Berechnungen
möchte ich nicht kommentieren. Aber ich versichere Ihnen, daß das Thema Löhne
bei Zulieferern seit Jahren ganz oben auf meiner Agenda steht (...) Deshalb
haben wir uns in Bangladesh für höhere Löhne stark gemacht. (Also für 13
Cent statt für 10 Cent? BS) Außerdem
versuchen wir in Niedriglohn-Ländern, die Arbeiter dazu zu ermutigen, für
gerechte Bezahlung einzutreten, sich zu organisieren. So, wie wir es in Europa
tun, wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen.“

(Also, ihr Idioten da unten in Bangladesh, selbst schuld,
wenn ihr für so wenig Lohn arbeitet, aber wir, die wir euch gnadenlos
ausbeuten, damit wir unsere T-Shirts hier in Europa billig verdaddeln können,
wir ermutigen euch: tretet doch für gerechte Bezahlung ein! Und organisiert
euch gefälligst erstmal!)

„Der Mindestlohn in Bangladesh liegt bei etwa 30 Euro. Die
Gewerkschaften fordern 50 Euro als Minimum zum Überleben. Und Menschen- und
Arbeitsrechtorganisationen weltweit halten 116 Euro im Monat für notwendig, um
bei einer 40-Stunden-Woche eine vierköpfige Familie zu ernähren. Davon ist H
& M weit entfernt.“

„Es gibt eine große
Debatte über die Höhe der Löhne. (...) In den meisten Ländern gibt es gar
keinen Mindestlohn. Wo soll man da ansetzen?“

„Denken Sie darüber nach, künftig mehr in Europa produzieren
zu lassen?“

„Es bleibt dabei, daß
wir 80 Prozent in Asien und 20 Prozent in Europa fertigen lassen. Es geht
darum, immer die richtige Balance zwischen Mode, Qualität, Preisen,
Lieferzeiten und Nachhaltigkeit zu wahren. (hat die Dame an dieser Stelle
nicht etwas vergessen? Nämlich die Hungerlöhne, die ihr Konzern in Asien
bezahlt?) Nur so können wir nachhaltige,
gute Qualität zu günstigen Preisen anbieten.“

(uns doch egal, wie die Leute in Bangladesh vor sich hin
vegetieren, die sind ja noch nicht mal organisiert, obwohl ich sie doch gerade
dazu ermuntert habe)

Wer diese zynische Weltsicht der H & M-“Nachhaltigkeitsverantwortlichen“
liest und immer noch bei H & M einkauft, ist ein Lump.

* * *

Das sogenannte „Anti-Produktpiraterie-Abkommen“ Acta gilt
nicht nur als Sargnagel der Freiheit im Internet, nein, auch aus
entwicklungspolitischer Sicht ist das geplante Abkommen gefährlich. Das belegt,
wie die „taz“ meldet, ein aktuelles Gutachten der wissenschaftlichen Dienste im
Bundestag, das im Auftrag der Vorsitzenden des Entwicklungshilfeausschusses,
Dagmar Wöhrl (CSU), erstellt wurde: „Erstens
würde der Zugang zu preiswerterer Medizin erschwert. (...) Überlebensnotwendige
Medikamente könnten nicht mehr vertrieben werden. Zudem drohten durch
Beschränkungen von Generika höhere Preise. Zweitens würde Acta jene Konzerne
stärken, die Patente auf Saatgut anmelden, eine Praxis, die die UN mehrfach als
unvereinbar mit dem Menschenrecht auf Nahrung bezeichnet hat.“

Sogar die CSU-Expertin Wöhrl fordert daher laut „taz“: „Die Ratifizierung von Acta sollte
ausgesetzt werden.(...) Die Zeit der Hinterzimmer-Deals ist vorbei.“

* * *

Und wenn Ihnen im Mai mal nichts mehr einfallen sollte,
halten Sie sich an den großen Komponisten Frederic Rzewski und studieren Sie
seine Komposition „The People United Will Never Be Defeated“. Es lohnt sich!

Und auch ansonsten ist Frederic Rzewski immer ein kluger und
interessanter Zeitgenosse, der dieser Tage im Interview mit der „FAS“ zum
Beispiel sagte:

„Daß sich die
Avantgarde so einfach sang- und klanglos verkrümelt hat, ist ja schon schlimm
genug. Daß aber auch der Kapitalismus noch immer nicht besiegt ist, das kann
einen ganz schön fertigmachen.“

Dem haben wir nichts hinzuzufügen. Genießen Sie den
Frühling!

21.04.2012

Levon Helm R.I.P.!

„Yes, my child, it’s
true: there were giants in the earth in those fabled days. Their myths and
tales are preserved in the songs that have been passed along; the truths of the
sagas are in the plain-spoke words that you now hear, sung to melodies that are
torn from the fabric of the sky, soaring above gritty rhythms hewn from the
very earth.“

Chet Flippo in den Liner Notes zu „The Band, Across The
Great Divide“ (Box-Set)

„Once upon a time, /
tomorrow never came.“

„In A Station“, Richard Manuel 

R.I.P., Levon Helm! 

21.04.2012

Gema vs. YouTube

Eigentlich sollte man meinen, daß ein Gerichtsurteil wie das
im Fall YouTube vs. Gema Klarheit schaffen würde. Das ist auch der Fall: Für
die, die sich in der Materie auskennen und nicht von Lobbyisten gekauft sind,
ist die Sache klar – die von der Gema erhoffte Grundsatzentscheidung zur Frage,
wie mit dem Urheberrecht beim Umgang mit Musik und Filmen im Internet künftig
zu verfahren sei, blieb aus. Ganz im Gegenteil, die Gema verlor sogar ganz
konkret: YouTube darf laut dem Hamburger Urteil weiterhin einige der zwölf in
Frage stehenden Musiktitel in seinem Angebot bereitstellen – anders, als die
Gema in ihrer Klage gefordert hatte. Und die Gema wollte, daß das Gericht
YouTube als Inhalteanbieter haftbar für von Nutzern hochgeladene Inhalte macht.
Auch diesem Teil der Klage ist das Hamburger Gericht nicht gefolgt – danach
haftet YouTube nur als „Störer“, wie es im Juristendeutsch heißt, für die von
Nutzern hochgeladenen Clips, die Rechte von Gema-Mitgliedern verletzen. „Störerhaftung bedeutet eigentlich: Die
Plattform ist erst dann verantwortlich für Rechteverletzungen der Nutzer, wenn
jemand die Plattform auf den konkreten Fall hinweist.“ Allerdings: „Das Hamburger Gericht legt YouTube nun
jedoch erheblich weiterreichende Prüfpflichten auf: Die Plattform muß alle
neuen Uploads scannen und mit Wortfiltern die Begleittexte prüfen“ (Spiegel
Online) – das ist wohl der eher kleine Teilerfolg, den die Gema vor Gericht
erstritten hat.

Auf „Spiegel Online“ weist Konrad Lischka zurecht darauf
hin, daß eine Einigung zwischen Gema und YouTube nun zumindest erleichtert
wird, denn die Gema hat sich nun vom Gericht um die Ohren hauen lassen müssen,
daß, anders als erhofft, von YouTube keine Schadensersatzzahlungen für
Urheberrechtsverletzungen der Vergangenheit geltend zu machen sind. Letztlich
geht es Gema und YouTube natürlich ums Geld – die Gema möchte, daß YouTube
einen festen Beitrag je Abruf eines Werkes bezahlen soll (die sogenannte
Mindestnutzung), und zusätzlich „einen
festen Anteil des auf die Musiknutzung zurückzuführenden Nettoumsatzes (die
sogenannte Regelvergütung). Was bei der Mindestvergütung anfällt, wird mit der
Regelvergütung verrechnet“ (SPON). Die Gema möchte 0,006 Euro pro Abruf –
hört sich wenig an; wenn man sich aber betrachtet, daß deutsche Internetnutzer
z.B. im April 2011 über 3,8 Milliarden Videos abriefen (das ist ein Jahr her,
und die YouTube-Abrufe erfreuen sich drastisch steigender Beliebtheit!), dann
weiß man, daß es da um einen deutlich zweistelligen Millionenbetrag monatlich
geht – diese Summe muß man erstmal mit Online-Werbung verdienen...

Wirklich interessant ist allerdings, wie die Medien auf das
Hamburger Gerichtsurteil reagierten: Daß der embedded journalism der
Musikindustrie keine seriöse Berichterstattung kennen würde, durfte man
erwarten: „GEMA setzt sich mit
YouTube-Klage durch“, titelte die „Musikwoche“ in einer Meldung.

Auch die „Berliner Zeitung“ titelt „Gema erringt einen Teilsieg“, stellt im Artikel dann allerdings
klar, daß das Gericht im Gegenteil in den wesentlichen Punkten „der Argumentation von YouTube folgte“: „Die Gema hatte bislang argumentiert,
YouTube sei hinsichtlich der Gebühren wie ein Inhaltsanbieter zu behandeln. Dem
widersprach nun das Gericht. Google erklärte daher, in der Hauptsache gewonnen
zu haben.“

Die „Süddeutsche“ titelt „YouTube
muß Musik-Clips löschen“ und geht, wen wundert das noch,  Hand in Hand mit Springers „Welt“ („YouTube muß Videos im Internet löschen“).
Die „Welt“ sieht in einem Leitkommentar gar die abendländische Welt gerettet: „Geist gegen Google“, tönt es da wenig
geistreich.

Die „taz“, zu deren Gesellschaftern bekanntlich „Bild“-Chefredakteur
Kai Diekmann gehört, hat wieder einmal nichts verstanden und stößt ins gleiche
Horn wie Springer auf der anderen Straßenseite: In der „taz“ heißt es „YouTube verliert Prozeß“, und sie
berichtet von einem angeblichen „Etappensieg
für die Gema“.

Ist schon drollig, wenn man betrachtet, wie ein und derselbe
Beitrag je nach Kompetenz und Seriösität der Autoren unterschiedlich gewertet
wird – die „FAZ“ berichtet von einem Beitrag von Thomas Hoeren, Professor für
Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht an der Universität Münster,
im Deutschlandradio, wonach dem Fachmann die Forderung „unmöglich erscheint, Urheberrechtsverletzungen von YouTube vorab
prüfen zu lassen“: „Ich kann eben im
Internet nicht filtern, ich kann einem Bit nicht ansehen, was es beinhaltet,
ich kann nicht die Millionen von YouTube-Videos, die da sind, auf urheberrechtliche
Lagen hin durchprüfen. Deshalb hatte der Gesetzgeber ausdrücklich ins Gesetz
hineingeschrieben, daß es solche Prüfungspflichten nicht geben soll.“

Und was macht René Martens in der „taz“ daraus, gepaart mit
etwas Mitleid für die arme Gema, die „in der
Öffentlichkeit als bürokratisches Monster wahrgenommen wird“? Das hier: „Der Münsteraner Medienrechtler Thomas
Hoeren hatte schon vor dem Urteil im Deutschlandfunk prophezeit, die Causa
werde bis zum Bundesgerichtshof gehen“. So kann man Leser, die mit wenig
zufrieden sind, natürlich auch desinformieren.

Auf der ersten Seite des Feuilletons der aller
linksradikalen und antikapitalistischen Propaganda unverdächtigen „FAZ“ steht
das, was wirklich in Hamburg passiert ist: „YouTube
erzielt gegen die Gema einen Punktsieg“, titelt die „FAZ“ und berichtet: „Die von der Gema erhoffte Grundsatzentscheidung
zur strittigen Frage, wie mit dem Urheberrecht beim Umgang mit Musik und Filmen
im Internet künftig zu verfahren sei, blieb aus. Im konkreten Fall ging die
Gema sogar als Verliererin vom Platz.(...) Mit dem Urteil hat YouTube einen
weiteren Zwischenerfolg im Rechtsstreit mit der Gema erzielt.“

Ach ja, übrigens: Die Band „Die Ärzte“ stellte gerade ihr
komplettes neues Album kostenfrei ins Netz, und zwar, man höre und staune, bei
YouTube – dort kann man zu den 16 Songs des aktuellen Ärzte-Albums „Auch“ 16
eigens produzierte Videos sehen. Das neue Album wird kommende Woche wohl
dennoch (oder auch deswegen) auf Platz 1 der deutschen Album-Charts einsteigen.
Das Internet funktioniert vielleicht doch anders, als es sich einheimische
Kleinkunstdarsteller und Wutbürger wie Sven Regener ("Weder YouTube noch Google haben selbst
irgendetwas zu bieten, außer
dem, was andere geschaffen haben", „Wir
sehen nicht ein, daß mit Werbung Milliardengeschäfte
gemacht werden, und wir davon nichts abkriegen“, „ein Geschäftsmodell, das darauf beruht, daß diejenigen,
die den Inhalt liefern,
nichts bekommen, ist kein Geschäftsmodell") vorstellen
können...

Und was Verwertungsgesellschaften wie die Gema in Wirklichkeit sind,
kann man beim amerikanischen Komponisten Frederic Rzewski nachlesen, dessen monumentales
Klavierwerk „The People United Will Never Be Defeated“ als Legende und eine der
wichtigsten Kompositionen des 20. Jahrhunderts gilt; Rzewski sagte:

„Alle
Verwertungsgesellschaften sind Diebe.“

17.04.2012

Der Heilige Rock und das Internet

Ein kleiner Blick in die Zukunft: Was machen die Kämpfer für
das alte Urheberrecht im Mai  2012?
Schauen das Champions-League-Finale im TV, werden Sie vielleicht sagen. Aber
nein, ich sage Ihnen: Die Verfechter des Urheberrechts werden den Heiligen Rock
in Trier anbeten, Sie werden sehen.

Und das kommt so:

Um Ostern 2012 herum begab es sich in Deutschland, daß die
Verfechter des Urheberrechts sich mit der katholischen Kirche zusammentaten –
im Grunde eine logische Allianz der Konservativen, die das Bestehende, das
ihnen nützt, anbeten. Erst hat es niemand bemerkt, aber im Nachhinein war die
vom Heiligen Stuhl bestens koordinierte Kampagne eindeutig zu erkennen: Immer
mehr Künstler, Kulturmanager und Politiker geißelten das Internet, und erst
später verstand man den göttlichen Plan, und daß all die Protagonisten heimlich
an den Marionettenfäden des Vatikan hingen:

Sven Regener sprach von „diesen Internetfirmen“, das seien
„große Lobbyverbände“.

Springers Konzerngeschäftsführer für Public Affairs, Christoph Keese, kämpfte unermüdlich gegen das
Wesen des Internets.

Das „Handelsblatt“ hatte an Gründonnerstag unter dem Titel
„Mein Kopf gehört mir!“ ein Pamphlet gegen das Internet und gegen die freie
Zirkulation von Ideen veröffentlicht. „Wo
steht, daß alle kostenlos am Wissen teilhaben müssen?“

Die kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Grünen/Bündnis 90 erklärte in der „taz“
die Unzulänglichkeiten des Internets: Das Internet, so Agnes Krumwiede, könne
praktisch gar nichts: Es könne „keinen
Verleger und Investor, keinen Tonmeister und Produzenten ersetzen“. Das
Internet habe „keinen Intellekt, keine
Fantasie, keinen künstlerischen Instinkt, keine Managementqualitäten“.

Internet: böse böse böse!

Eine unheimliche Kamerilla unterschiedlichster Personen
sagte rund um Ostern ein deutliches „nein!“ zur modernen Welt.

Gesteuert allerdings war diese Kampagne, wie gesagt, von den
Kirchen.

„Die Kirchen haben zu
Ostern die Bedeutung des Glaubens als Mittel gegen die Oberflächlichkeit des
Internets hervorgehoben“, berichtete die „FAZ“ am Dienstag nach Ostern
unter der schönen Überschrift „Kirche
kritisieren Internet“. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in
Deutschland, Präses Nikolaus Schneider, stellte fest, allein „der Glaube befähige, das Wesentliche vom
Unwesentlichen zu unterscheiden“, und nicht etwa das Internet, nicht
Facebook, nicht einmal Google, wollte er wohl sagen. Und kritisierte: „Über soziale Netzwerke verbreitet sich
Empörung in Minutenschnelle. Viel zu viele schließen sich ohne Überprüfung oder
Nachdenken an.“ Wie wohltuend sei dagegen eine besonnene Stimme von
Menschen, „die durch ihren Osterglauben
befähigt sind, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden.“

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof
Robert Zollitsch, sieht laut „FAZ“ „den
Glauben als Mittel gegen die Sucht nach Internet“. Zollitsch kritisierte
die Gefahren des Internets, das wie die Sucht nach Alkohol, Medikamenten oder
Drogen zu den „versklavenden Götzen
unserer Zeit“ zähle, so die „FAZ“.

Die Gegenreformation nahm ihren Lauf. Es war natürlich eine
von langer Hand und mit göttlichem Odem vorbereitete Kampagne, die da zu Ostern
oszillierte. Denn längst schon hatte die katholische Kirche beschlossen, nach
Jahrzehnten wieder einmal eine alte Textilie öffentlich zu zeigen, die sie als
den „Heiligen Rock“ bezeichnet, das angebliche Gewand Christi auf seinem
letzten Weg. „Ein Stück verfilzter
Wollstoff, dessen Herkunft nicht zweifelsfrei zu klären ist“, meint die
zweifellos etwas atheistische „Berliner Zeitung“ am Freitag nach Ostern, einem
Freitag den 13. (Symbol!). Wird die Dornenkrone Christi in der Paris Kathedrale
Notré Dame aufbewahrt, die Lanze, mit der sich die römischen Soldaten vom Tod
Jesu überzeugen wollten, in Wien, ein Stück des Kreuzes in der
Santa-Croce-Kirche in Rom, während die Vorhaut Jesu 1983 spurlos verschwand –
so bietet die Stadt Trier seit 500 Jahren eine Möglichkeit des Ablaßhandels für
die Gläubigen: Denn im Jahr 1512 wurde dort erstmals der „Heilige Rock“
gezeigt, den viele Katholiken als eine der kostbarsten Reliquien ihrer Kirche
verehren. 109 Zentimeter breit, 147 Zentimeter (vorn) bzw. 157 Zentimeter (hinten)
lang, wird der Heilige Rock nun im Trierer Dom gezeigt – eine
Heilig-Rock-Wallfahrt, bei der, wir schreiben das 21.Jahrhundert, über 500.000
Menschen erwartet werden. Organisator des Events ist der Trierer Ortsbischof,
Stefan Ackermann, der gleichzeitig die Funktion des „Mißbrauchsbeauftragten der
Deutschen Bischofskonferenz“ wahrnimmt und als solcher als Mann vom Fach gelten
darf, mußte er doch „kürzlich einräumen,
daß er im eigenen Bistum sieben pädophile Priester weiter beschäftigt“
(„Berliner Zeitung“).

Doch wir wollen uns nicht mit Kleinigkeiten aufhalten, denn
hier geht es um Großes – um den Kampf des Heiligen Rocks gegen das teuflische
Internet, um den Kampf der deutschen Bischöfe gegen das Internet, den „versklavenden Götzen unserer Zeit“. Und
für diesen Kampf konnten die Bischöfe, wie aus gewöhnlich gut unterrichteten
Kreisen bestätigt wurde, per Geheimvereinbarung eine ganze Schar williger Mitstreiter
gewinnen – deutsche Künstler, Verlagsmanager, Chefredakteure,
Bundestagsabgeordnete.

Und so kann ich Ihnen nur eines empfehlen – wallfahren Sie
nach Trier! Pilgern Sie zum Heiligen Rock! Dort werden Sie, versteckt unter mönchischen
Büßerkutten, all die Streiter gegen die Gefahren des Internet um den Heiligen
Rock herumwallen sehen. Zollitsch, Gorny, Keese, Regener und Frau Krumwiede.
Sie werden sie kaum wiedererkennen, und doch sind sie geradezu zur
Kenntlichkeit verzerrt. Und das Handelsblatt wird ab sofort von Kardinal
Meißner herausgegeben, während die Musikwoche sich anläßlich des „Welttages des
Geistigen Eigentums“ am 26.4.2012 in „Heilige Rock-Woche“ umbenennt und sich
unter den Schutz des Erzbistums München-Freising begibt.

Und vor dem Trierer Dom, vor den Massen, die zum Heiligen
Rock wollen, macht Chung den Savonarola und hält flammende Bußpredigten gegen
das Internet.

(wo aber finden die Jüngeren unter uns jetzt heraus, wer
oder was Savonarola ist? denn Wikipedia wurde von den deutschen Bischöfen
längst abgeschaltet, versteht sich...)

17.04.2012

Claudia kneift

Die „grüne Gurke“ („taz“), die Bundesvorsitzende der
„Grünen“, Claudia Roth, wird im Internet derzeit als „Claudia kneift“
bezeichnet. Das „Handelsblatt“ hatte zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Urheberrecht,
Netzpolitik, Bildung und Umweltschutz“ die Bundesvorsitzende der „Grünen“ und
den Spitzenkandidaten der „Piraten“ in NRW eingeladen.

Doch in der Zwischenzeit begann der Höhenflug der „Piraten“,
die in NRW derzeit noch vor den Grünen als drittstärkste Partei bei 11 Prozent
liegen (die Grünen bei 10%). Und auf Bundesebene liegen Piraten und Grüne
derzeit gleichauf bei 12%. Zuviel Hype, sagte Claudia Roth und ließ das Duell
absagen: „Die Rahmenbedingungen haben
sich durch den Höhenflug der Piraten verändert“, erklärte Roths
Pressesprecher. Die Grünen-Vorsitzende, die sonst gerne „echte Transparenz und keinen laxen Umgang mit der Wahrheit“
fordert, fühlt sich in der öffentlichen Diskussion offensichtlich nur noch
Kleinstparteien gewachsen. Oder mußte sie gerade wieder der „Bunten“ ein
Interview geben? Die Arroganz einer Altpartei.

Dabei hat Wahlkampf eigentlich mit „kämpfen“, nicht mit „kneifen“
zu tun.

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