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Blog Archiv - Jahr %1
09.04.2013

Margaret Thatcher

Margaret Thatcher war die europäische Politikerin, die der hemmungslosen neoliberalen Politik die Türen öffnete. Legendär ihre Aussage, in der sie eine gesellschaftliche Verantwortung und Verpflichtung rundheraus verweigerte: "There is no such thing as society."Thatcher sorgte dafür, daß der Londoner Finanzmarkt ungehemmt am Profit arbeiten konnte und zum größten Finanzplatz Europas wurde - ein großer Teil der Bankenkrise, mit der sich Europa heute rumschlagen muß, ist Thatchers Politik zu verundanken.Hemmungslose Privatisierung und Deregulierung, massiver Abbau des Sozialstaats - kein Wunder, daß sich britische Popmusiker ständig mit der Kapital-freundlichen Politik von Margaret Thatcher auseinandersetzten. "De mortuis nil nisi bene" - aber eben auch die Wahrheit: 21 verärgerte Songs über Margaret Thatcher, u.a. von den Specials, Pink FLoyd, Klaus Nomi, Morrissey, Elvis Costello und Billy Bragg, finden Sie hier:http://www.buzzfeed.com/angelameiquan/21-incredibly-angry-songs-about-ma...

25.03.2013

Steinbrück und LSG

Vor wenigen Wochen, als der Deutsche Bundestag mit einer Mehrheit, die
vornehmlich dem Fehlen prominenter OppositionspolitikerInnen von SPD, Grünen
und „Linken“ zu verundanken war, das von Springer forcierte
Leistungsschutzrecht beschlossen hatte, kündigten SPD und Grüne vollmundig
Widerstand gegen dieses Gesetz an. Jetzt hat der Bundesrat, wo SPD-geführte
Bundesländer eine deutliche Mehrheit haben, mit der sie das Gesetz einstweilen
hätten stoppen können, jedoch mit den Stimmen der beiden SPD- bzw.
SPD-Grünen-Länderregierungen Hamburg und Nordrhein-Westfalen das unsinnige
Gesetz durchgewunken. Interessanterweise zwei Bundesländer, in denen starke
Presseverlage ihren Sitz haben.

Man hat sich der Macht der Presseverleger gebeugt und „einer kleinen Schar Begünstigter ein großes
Geschenk gemacht“ (Till Kreutzer).

Marcel Weiß kommentiert auf „Neunetz“ die Grundsituation der Netzpolitik
in diesem unseren Lande, das in Denken und Handeln so sehr dem 20.Jahrhundert
verhaftet bleibt: „Wir haben eine akademische Welt, die
zur Selbstorganisation abseits der traditionellen Presse kaum in der Lage
scheint. Wir haben eine Industrie, im Internet wie abseits des
Internets, die zur Selbstorganisation branchenübergreifend abseits der
traditionellen Presse nicht in der Lage ist. Wir haben eine journalistische
Branche, die mit Lügen kein Problem hat. Und wir haben opportunistische
Politiker an der Macht und in der Opposition, die mehrheitlich weder das
Netz fürchten noch lieben, sondern das Papier fürchten und lieben."

SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück, dieser Person gewordene Wunsch der
Sozialdemokraten, bloß nicht den nächsten Kanzler stellen zu wollen, erklärt
dazu gerade auf der SPD-Website, „das
schwarz-gelbe Leistungsschutzrecht muß weg“ – wie bitte? Das Gesetz also,
das seine Parteigenossen aus NRW und Hamburg soeben erst möglich gemacht haben?
Dieser Eiertanz erinnert an die geniale Aussage der damaligen
Grünen-Abgeordneten Antje Vollmer zum Kriegseinsatz der Bundeswehr auf dem
Balkan: „Mein Ja war eigentlich ein
Nein.“

Und wir können nolens volens eine neue Strophe des ewigen Gassenhauers
anstimmen, wie bei Salamanders Lurchi klingt es im ganzen Walde: „Wer hat uns
verraten? Sozialdemokraten!“

25.03.2013

Sklaverei, Milliardäre und Textilindustrie

Jaja, ich weiß, Amazon zahlt Minilöhne für Leiharbeiter. Und auf dem
SPD-Landesparteitag in Mecklenburg-Vorpommern bedienten KellnerInnen, die nur
6,62 Euro pro Stunde verdienten, obwohl die Sozialdemokraten doch einen
Mindestlohn von 8,50 Euro fordern. Und wenn sich die Parteitagsdelegierten
gleich welcher Coleur in den 4- und 5-Sterne-Hotels zur Ruhe betten, wurden
zuvor Zimmermädchen ausgebeutet, die die Zimmer auf Vordermann gebracht haben.
In Berlin etwa „schuften Zimmermädchen“
in den Luxushotels laut einer Recherche des RBB „für drei bis vier Euro Stundenlohn. Angestellt sind sie bei
Fremdfirmen, die den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn für
Reinigungskräfte trickreich umgehen“.

Jeder kann sich jederzeit empören, Anlässe gibt es zu genüge, und man
fühlt sich so viel besser, wenn man Elche beim Elchsein ertappt hat.

Nur, das Ganze ist systemisch. Nichts, was uns (und damit meine ich im
Wortsinn: uns alle!) irgendwo ein Vorteil dünkt, kommt ohne Nachteil daher. Wo
es Gewinner gibt, gibt es Verlierer. Es gibt keine Gewinne, ohne daß irgendwer
irgendwo den Preis dafür bezahlen würde.

Wenn ich im März in die USA zur SXSW fliege und vorher in wechselnde
Städte, wo meine Künstler und ihre Vertreter wohnen, kaufe ich mir stets die
„Billionaires“-Ausgabe von „Forbes“. Immer im März erscheint in den USA „the
definitive Guide to the richest People on Earth“, der alle (in diesem Jahr:
1.426) Milliardäre der Welt verzeichnet. Auf dem Titel der 2013er Ausgabe:
Mikhail Prokhorov, ein russischer Oligarch, Geschäftspartner eines gewissen
Jay-Z in Brooklyn (ihnen gehört gemeinsam eine riesige neue Mehrzweckhalle
sowie der Basketballverein Brooklyn Nets, und jetzt raten Sie mal, wer den
jeweils größeren Anteil daran hält...).

Auch hübsch: ein doppelseitiges Foto von einem Strand in Malibu/Kalifornien,
an dem nebeneinander u.a. Joel Silver (Filmproduzent, u.a. Matrix), Paul Allen
(Microsoft), Haim Saban (Saban Capital Group), Jeffrey Katzenberg (DreamWorks),
Larry Ellison (Oracle), Peter Morton (Hard Rock Cafe), Gerald Schwartz (Onex),
David Geffen (DreamWorks) und Eli Broad (SunAmerica) ihre Multimillionen-Villen
besitzen (die auf dem Foto genau bezeichnet sind). Die Milliardäre zahlen bis
zu über 600.000 Dollar pro Meter (!) Meerblick – und der Strand dort ist,
anders als in Potsdam, wo die Neu-Junker die Bevölkerung nicht ans Ufer lassen,
öffentlich. Da muß man sich schon wundern, warum die Occupy-Leute bei Wind und
Wetter in New York kampierten statt vor den Villen der Milliardäre in Malibu.
Doch ich schweife ab.

Was ich Ihnen eigentlich erzählen wollte, sind ein paar der
Top-Milliardäre der „Forbes“-Liste. Auf Platz 1 steht seit vier Jahren der
mexikanische Telekom-Mogul Carlos Slim Helu, ihm und seiner Familie gehören 73
Milliarden US$. Auf Platz 2 Bill Gates mit 67 Milliarden Dollar. Doch dann,
bereits auf Platz 3, finden wir einen spanischen Superreichen namens Amancio
Ortega, der über ein Vermögen in Höhe von 57 Milliarden Dollar verfügt. Kennen
Sie nicht? Ihm gehören 60% einer Firma namens Inditex (deren Chef er bis 2011
war). Zu Inditex gehört ein Konzern namens Zara. Klingelt etwas bei Ihnen?
Unter anderem mit seiner Textilienkette Zara machte Amancio Ortega im Jahr 2012
derartig hohe Profite, daß ihm selbst unter den wahrlich nicht unvermögenden
Superreichen der Forbes-Liste der größte Sprung nach vorne gelang: sein
Vermögen vergrößerte sich 2012 um sage und schreibe 19,5 Milliarden Dollar. Und,
am Rande: Ortega lebt in einem Land, in dem mehr als die Hälfte aller
Unter-30jährigen arbeitslos sind und zuletzt eine sechsstellige Zahl von Häusern
zwangsgeräumt wurden, weil die Menschen ihre Kredite nicht mehr bedienen
konnten. Es gibt eben allüberall und jederzeit ein Oben und ein Unten.

Auf Platz 9 der Liste der Schwerreichen: Liliane Bettencourt (L’Oréal).
Platz 10: Bernard Arnault (LVMH, u.a. Louis Vuitton und Bulgari). Auf Platz 18
der reichste Deutsche, Karl Albrecht (Aldi), mit 26 Milliarden Dollar.

Platz 12: ein gewisser Stefan Persson, 65 Jahre alt, Vermögen 28
Milliarden Dollar. Kennen Sie wieder nicht? Er ist Vorstandsvorsitzender von
H&M (und hat sein Vermögen zuletzt dadurch vermehrt, daß er in Paris gleich
einen ganzen Häuserblock in bester Lage kaufte). Stefan Persson gehören 38% von
H&M, die Textilkette wurde von seinem Vater gegründet.

Und nun fragen wir uns mal kurz, wie die Herren Ortega aus Spanien und
Persson aus Schweden so superreich werden konnten. Die Waren, die sie in ihren
Textilketten verkaufen, sind eher billig. Wenn Sie ein schickes Oberteil bei
Zara oder ein T-Shirt für wenig Geld bei H&M kaufen, werden Sie sich wegen
des günstigen Artikels eher als Gewinner fühlen. Und es ist anzunehmen, daß
sich auch die Herren Ortega und Persson nicht als Verlierer im globalen Spiel
bezeichnen werden. Wer aber sind die Verlierer, auf deren Kosten die Herren
Ortega und Persson ihre Gewinne machen?

„Terre des hommes“ hat gerade die Arbeitsbedingungen in der weltweiten
Textilindustrie in scharfer Form kritisiert. Danach leben mindestens 12
Millionen Menschen in Sklaverei-ähnlichen Verhältnissen, darunter zahlreiche
Kinder. Gerade die moderne Textilindustrie brauche massiv billige
Arbeitskräfte, weil sie günstig produzieren müsse.

„Es gibt heute
mehr Sklaven als zu Zeiten des transatlantischen Sklavenhandels“, sagte die
Sprecherin von „Terre des hommes“.

Wir schreiben das Jahr 2013. Und wir sind alle Profiteure einer
globalisierten Welt. Und jemand anderes zahlt den Preis. Und wir sind
vielleicht weiter entfernt von jenem „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach
seinen Bedürfnissen“ denn je zuvor.

25.03.2013

Echo 2013

Nun haben wir also auch den Echo 2013 überlebt. Ich hatte Grippe und
habe mir in meiner Verzweiflung einen Teil der Fernsehübertrag angetan, worauf
sich mein Gesundheitszustand spürbar verschlechtert hat.

Daß diese erbärmliche, dumpfe, selbstreferentielle Veranstaltung der
deutschen Musikindustrie live im Staatsfernsehen übertragen wird, ist traurig
genug. Sie vermissen Herz und Seele? Die Musikindustrie hat so etwas nicht, da,
wo gewöhnliche Menschen ein Herz haben, haben die Manager der Musikindustrie
einen Zähler für verkaufte Alben eingebaut.

Das alberne Vorspiel mit dem Gezerre um die Gruppe Frei.Wild war dabei
so banal wie die eigentliche Veranstaltung. Daß sich ausgerechnet eine Band wie
Mia, die vor Jahren in der Deutschlandfahne geposed hat und mit ihren
deutschnationalen Gesängen bekannt wurde, sich nun als Gegner einer Band wie
Frei.Wild geriert, ist einfach nur lächerlich. Wobei den Neo-Nationalismus ja
nicht eine Band wie Frei.Wild hervorgebracht hat, sondern die Deutsche
Phono-Akademie selbst, die den Echo ausrichtet. Bis zur Deutschen
Phono-Akademie haben sich die Grenzen Deutschlands nach 1945 anscheinend noch
nicht herumgesprochen – die Südtiroler Band Frei.Wild wurde von den Vertretern
der deutschen Musikindustrie nämlich in der Kategorie „Rock/Alternative National“ nominiert. Wann aber war
Südtirol zuletzt „deutsch“, also national? Nach dem Abkommen von Mussolini und
Hitler 1939, gewissermaßen. In dieser Zeit  also ist die Deutsche Phono-Akademie gedanklich
stehengeblieben, was ja auch wieder interessant ist.

Die Diskussion um Frei.Wild jedenfalls ist eine sehr typisch deutsche,
eben: eine Alibi-Debatte.  Über das
reaktionäre Weltbild von Figuren wie Bushido oder Heino, die ebenfalls
nominiert waren, wurde nicht einmal debattiert. Und Jens Balzer weist in der
„Berliner Zeitung“ darauf hin, daß ein Produzent wie Henning Verlage nicht nur
„Unheilig“ produziert hat (und zusammen mit dem „Graf“ den Echo für den besten
Rock/Alternative National“-Act entgegennahm), sondern eben auch, ja, Frei.Wild.
„Ein Umstand, der an diesem Abend aber
lieber verschwiegen wird“ (Balzer). Und abgemischt wurde das
Frei.Wild-Album vom Berliner Ton-Ingenieur Sascha „Busy“ Büren, der außerdem auch
die Alben von Peter Fox oder Lena Meyer-Landrut abmischt. So hängt immer alles
mit allem zusammen. Der Echo zeichnet sich eben „generell gerade durch seine Vielfalt, die kreativen Kollaborationen
und die einzigartigen emotionalen Momente aus“, so der BVMI-Funktionär
Florian Drücke.

Der TV-Marktanteil der Echo-Übertragung: Müde 13,3 Prozent. Sogar die
parallel im ZDF laufende Quizshow mit Rügenwalder Wurst-Botschafter Jörg Pilawa
fand mehr Zuschauer. Und der Marktanteil in der Zielgruppe der 14- bis
49-jährigen lag bei nur 11,4 Prozent und war die zweitschwächste Echo-Quote
aller Zeiten. Sowas nennt man dann wohl einen Flop.

25.03.2013

Spareinlagen werden enteignet

Und, trauen Sie den Beteuerungen von Frau Merkel und Herrn Steinbrück
noch, die Einlagen der Sparer seien sicher? Den Sparern in Zypern dürfte die
Garantie von Merkel und Steinbrück 2008, niemand müsse befürchten, „einen Euro seiner Anlagen zu verlieren“,
zynisch vorkommen. Galt aber ja auch nur, von wegen vereintes Europa, für die
deutschen Sparer, versteht sich.

Doch aktuell drängen Merkel und Schäuble darauf, erstmals Sparer an der
Sanierung insolventer Banken zu beteiligen, bevor
Aktionäre und Besitzer von Anleihen zur Kasse gebeten werden. Ein Tabubruch.
Eine Enteignung, die vor allem die sogenannten „kleinen Leute“ trifft, denn vor
allem diejenigen, die wenig Vermögen haben, legen dieses wenige Geld in sehr
niedrig verzinsten Anlageformen an.

Doch faktisch werden die Kleinsparer nicht erst jetzt, sondern schon
seit Jahren enteignet. Wie der „NZZ“ zu entnehmen ist, betrug die Rendite von
fünfjährigen Staatsanleihen in Deutschland zuletzt 0,8 Prozent, ähnlich tief
liegen die Zinsen für Fest- und Tagesgelder. Bei einer Inflationsrate von 1,9
Prozent liegen die Zinsen also real bei -1,1 Prozent. Wohl gemerkt: minus 1,1 Prozent. „Jedes Jahr schrumpft die reale Kaufkraft deutscher Sparguthaben also
um 1,1 Prozent.“ Eine schleichende Enteignung, von den Finanzexperten auch
„finanzielle Repression“ genannt.

Der Kapitalbedarf von Zypern beträgt 15,8 Milliarden Euro. Allein bei
der Verstaatlichung des Verlustes einer einzigen deutschen Bank, der Hypo Real
Estate, übernahm Deutschland seinerzeit Garantien in Höhe von 124 Milliarden
Euro.

Wie die Bundesbank übrigens gerade bekanntgab, gehören den reichsten
zehn Prozent der deutschen Haushalte 59,2 Prozent des gesamten deutschen Nettovermögens.
Wir können jedoch davon ausgehen, daß die reichsten zehn Prozent unserer
Gesellschaft ihr Vermögen eher nicht auf Sparkonten horten, wo es kalt
enteignet werden würde; doch immerhin 78 Prozent der deutschen Haushalte haben
Sparguthaben und können zuschauen, wie dies jedes Jahr ohne ihr Zutun weniger
wird.

Ach ja, eine Garantie kann ich Ihnen geben: Bis zur Bundestagswahl im
September 2013 sind Ihre Sparvermögen ganz sicher sicher! Wetten?

25.03.2013

Musikexpress und Berichterstattung

Im aktuellen Heft des „Musikexpress“ klagt der sehr geschätzte Albert
Koch über die „Geheimhaltungsstrategien“
der Musikindustrie, in diesem Fall eines bestimmten Großkonzerns, der den
Journalisten keine Besprechungsexemplare der neuen Veröffentlichungen zur
Verfügung stellt, sondern schlecht funktionierende Streaming-Links oder nur das
Anhören neuer Alben bei sogenannten „Listening Sessions“ unter Bewachung von
Mitarbeitern der Plattenfirmen erlaubt.

All dies ist längst nicht mehr Ausnahme, sondern die Regel. Was mich
jedoch immer wieder wundert: warum lassen die Musikjournalisten denn all dies
mit sich machen? Wie wäre es denn, wenn sie sich den Gebaren der Musikindustrie
einfach verweigerten? Wenn sie sagen würden, daß sie nicht bereit sind, Alben
zu besprechen, die sie nur bei Listening Sessions oder per Stream erhalten? Daß
für eine sinnvolle Rezension eine ausführliche Beschäftigung mit einem Album
notwendig ist? Mir scheint, daß da beim embedded music journalism doch ein
wenig zu viel vorauseilender Gehorsam und etwas zu wenig Selbstbewußtsein
vorhanden ist. Und wer hätte denn letztlich mehr zu verlieren, wenn das neue
Album der Strokes oder von David Bowie einen Monat später besprochen würde –
die Musikzeitschrift oder die Plattenfirma?

25.03.2013

Hofberichterstattung Initiative Musik

Eine ganz andere, dem eigentlichen Begriff noch näher kommende Spielart
des „embedded journalism“ betreibt die staatliche „Initiative Musik“, die drei
deutschen Musikjournalisten gleich den Besuch der Musikmesse SXSW inklusive
Reise und Hotels finanzierte. Journalisten, die auf Staatskosten die Maßnahmen
der staatlichen Popexportförderung journalistisch „begleiten“ – klassische Hofberichterstattung.
Und genau so kam es, in den entsprechenden Berichten der staatlich
eingebundenen Journalisten ist kein kritisches Wort zur Arbeit der staatlichen
Popinstitutionen zu finden, und es fehlt auch jeder Hinweis darauf, daß die
entsprechenden Artikel nur dank staatlicher Finanzierung zustandegekommen sind.

So verstehen staatliche Institutionen und Journalisten in einer
„postdemokratischen“ Gesellschaft die Rolle der „freien“ Presse...

25.03.2013

Grüne Plastiktüten

Zahnlose Grüne.

Die Ökopartei hat jetzt eine Steuer in Höhe von 22 Cent auf Plastiktüten
vorgeschlagen. Nicht einmal eine Abgabe, die zweckgebunden einzusetzen wäre,
sondern eine Steuer. Zu mehr hat es bei den alternden Grünen, deren
Plastiktüten-Konzept merkwürdig „zahnluckert“ daher kommt, wie man in
Oberbayern sagt, anscheinend nicht gereicht.

Wie wäre es, wenn man Plastiktüten einfach verbieten würde, statt sie zu
besteuern?

Vor der spanischen Küste verendete unlängst ein Pottwal, der obduziert
wurde. Laut „Berliner Zeitung“ wurden in dem 4,5-Tonnen-Leichnam 17 Kilogramm
Plastikmüll gefunden. Der Darm war komplett mit Plastikmüll verstopft und
„förmlich explodiert“. Im Magen des Pottwals wurden u.a. 30 Quadratmeter
Plastikfolie, 59 verschiedene Teile aus den Treibhausanlagen vor Andalusiens
Küste und jede Menge weiterer Plastikmüll gefunden.

In Frankreich und Italien sind Plastiktüten längst verboten, ebenso wie
beispielsweise in Indien oder Kenia, in Teilen Australiens und in einzelnen
US-amerikanischen Städten, wie Austin/Texas oder Los Angeles. Warum die Grünen
hierzulande nicht ebenfalls ein Verbot von Plastiktüten fordern und stattdessen
eine Besteuerung der Tüten vorschlagen, bleibt ihr Geheimnis.

25.03.2013

Brooklyn Frozen Zone

Aus den Nachrichten (auf Telepolis):

„Wegen der
anhaltenden Proteste und Unruhen hat die Polizei den Stadtteil East Flatbush zu
einer "eingefrorenen Zone" ("Frozen Zone") erklärt, was de
facto heißt, dass der Ausnahmezustand verhängt wurde. (...) Konkret bedeutet
der Ausnahmezustand derzeit, dass es Reportern und Journalisten nicht möglich
ist, sich in der Zone frei zu bewegen und zu recherchieren oder zu berichten.
Außerdem ist es den Beamten gestattet, die Anwohner und Passanten daran zu
hindern, frei auf den Straßen umherzulaufen.“

Und wo passiert so etwas? Nicht in China, sondern in New York, im
Stadtteil Brooklyn. In der Nacht vom 9. auf den 10.März haben dort zwei
Polizisten einen 16jährigen Jugendlichen erschossen. Sie feuerten elf Schüsse
ab, sieben davon trafen einen schwarzen Jugendlichen  tödlich. In den Tagen darauf kam es zu
Andachten, Kundgebungen und zu massiven Protesten in dem New Yorker Stadtteil,
allein am 13. März kam es zu 46 Verhaftungen. Die Mutter des niedergeschossenen
Jugendlichen fordert „Gerechtigkeit für
zwei Polizisten, die von der Straße verschwinden sollten, bevor sie ein anderes
Kind töten.“

In den Zeiten von Internet schafft es die NYPD, daß keine gesicherten
Informationen über die aktuelle Lage in dem Stadtteil von Brooklyn an die Öffentlichkeit
geraten – niemand weiß, was sich in der „frozen zone“ abspielt.

11.03.2013

Mehdorn BER

Mehdorn wird Chef des Berlin-Brandenburger Flughafens.

Sänk you for not travelling Pannenflughafen BER, sozusagen.

Und Verkehrsminister Ramsauer bekommt feuchte Höschen und behauptet laut
„Welt“, Mehdorn folge „auch ein Stück weit einer patriotischen Berufung“,
eine solche „Herausforderung von
nationaler Tragweite anzupacken“. Patriotische Berufung? Drunter tun sie’s nicht. Ein Stück weit.

11.03.2013

Berliner Senat hat kein Konzept

Die „Berliner Zeitung“ hat dieser Tage die Ergebnisse einer Umfrage
veröffentlicht, wonach die große Mehrheit der BerlinerInnen den Senat für „konzeptlos“ halten: 81 Prozent der
Befragten  glauben, daß der Senat keine
Strategie in der Mietpolitik hat. Erstaunlich, daß immer noch elf Prozent der
BerlinerInnen „glauben, daß der Senat ein
Konzept hat, wie möglichst vielen ein preiswertes Wohnen in der Stadt
ermöglicht werden kann“.

11.03.2013

Algorithmen

Die Algorithmen sind mitunter eine rechte Unverschämtheit:

Da bekomme ich doch bei Amazons „Kunden, die xxx gekauft haben, haben
sich auch für yyy interessiert“ glatt ausgerechnet Rudolf Steiners "Die
Rätsel der Philosophie - in ihrer Geschichte als Umriss dargestellt (Rudolf
Steiner Gesamtausgabe)" angeboten, ausgerechnet weil ich "Die letzten
Tage der Menschheit" von Karl Kraus auf mein E-Book geladen habe. Ein
schöner Beweis, daß Algorithmen ganz nett sind, aber von vielen Dingen eben überhaupt
keine Ahnung haben...

08.03.2013

Und Ansonsten 03/2013

Der sogenannte „Panda-Rapper“ Cro stellt eine eigene Kollektion bei der
Modefirma H&M vor. „Wir freuen uns
wie verrückt, in Kooperation mit H&M die Divided Kollektion Design by Cro
präsentieren zu können“, wird das „unabhängige“
Chimperator-Label in der „Musikwoche“ zitiert. Die „limitierte Kollektion“ aus T-Shirts, Tanktops, Leggins und
Stoffbeuteln unter anderem mit „Writings,
die Cro selbst entworfen hat“, soll im April in rund 200 Filialen der
skandinavischen Modekette zu finden sein.

Ob Cro für sein selbst entworfenes Writing bei H&M mehr verdient als
die Textilarbeiter, die den Krempel für H&M zum Beispiel in Kambodscha oder
Bangladesch unter in aller Regel menschenfeindlichen und ausbeuterischen
Bedingungen herstellen müssen? Laut Recherche des „Zeit“-Autors Uchatius
beträgt der Lohn der Textilarbeiter, die in Fabriken in Bangladesch die
H&M-T-Shirts herstellen, EUR 1,18. Pro Tag. Inklusive aller Überstunden.

Aber irgendwer in der Welt muß halt dafür bezahlen, daß sich eine
Plattenfirma in Deutschland mit ihrem Panda-Rapper wie verrückt darüber freuen
kann, von H&M Kohle für sogenanntes Mode-Design zu erhalten.

Alles Panda, oder was?

* * *

Jetzt mal unabhängig davon, ob und wenn ja wie sehr einem das neue Album
von David Bowie gefallen mag: Eines hat der Altmeister kapiert und den
deutschen Copyright-Cops gezeigt, die nicht müde werden, das Gefasel von der
angeblichen „Kostenloskultur“ des Internet wie eine tibetanische Gebetsmühle zu
wiederholen – eine Woche, bevor sein neues Album erscheint, stellte David Bowie
das Album kostenlos online, als
Stream via iTunes. Einfach so. Und schrieb dazu: „Erzählt es weiter, Kinder!“
Ob die Musik state of the art ist, mögen andere beurteilen. Was aber die
Geschäftsmodelle in digitalen Zeiten angeht, ist David Bowie, der übrigens
keinen Manager hat, der schlafmützigen deutschen Musikindustrie um Lichtjahre
voraus.

* * *

Wir haben an dieser Stelle seit Monaten über das Leistungsschutzrecht
für Presseverlage (die „Lex Google“) informiert. Jetzt wurde das Gesetz vom
Bundestag verabschiedet – obwohl es von fast allen Rechtsexperten, vom
Deutschen Anwaltsverein und von Rechtswissenschaftlern als völlig unsinnig
abgelehnt wurde. Aber wenn der Axel Springer-Verlag, gegen dessen Blödzeitung
bekanntlich keine Wahl gewonnen werden kann, mit seinen Cheflobbyisten
jahrelang Propaganda für ein Gesetz macht, haben die Experten halt nichts zu
melden, da kuscht die Politik, da werden Gesetze verabschiedet, die „Starke stärken und Schwache schwächen“,
wie die nicht gerade linksradikaler Umtriebe verdächtige bürgerliche „Zeit“
feststellte. Wir haben es nicht anders erwartet. „Es ging in den
vergangenen Jahren lediglich darum, wie sich das Geschäftsmodell einiger weniger Unternehmen sichern
lässt, und wie sie vom Geschäftsmodell eines anderen Unternehmens profitieren
oder sich öffentlich-rechtliche Konkurrenz vom Leib halten können,"
kommentiert Kai Biermann auf „Zeit Online“.

Allerdings möchte ich kurz auf drei Dinge hinweisen:

Erstens: Im
Leistungsschutzgesetz (LSG) heißt es, „der Hersteller eines Presseerzeugnisses (Presseverleger) hat das
ausschließliche Recht, das Presseerzeugnis oder Teile hiervon zu
gewerblichen Zwecken öffentlich zugänglich zu machen, es sei denn, es handelt
sich um einzelne Wörter oder kleinste Textausschnitte." Da muß man mit
den Freischreibern fragen:
„Was heißt das für uns Freie und unsere
Texte? Konkurriert das Leistungsschutzrecht jetzt doch mit dem Urheberrecht?
Und wie wird dieses Monopol der
Verwerter gegenüber den eigentlichen Urhebern begründet?"

Zweitens, und am Rande:
Sogar der Vorsitzende des Rechtsausschusses des Bundestags, Siegfried Kauder
(CDU), als eiserner Verfechter des Three Strikes-Modells eine Zeit lang der
Musikindustrie liebstes Kind, sprach sich eindeutig gegen das LSG aus. Wer oder
was hat den Mann „umgedreht“? Oder hat er nur gegen Ende der Legislaturperiode
als Abgeordneter, der von seiner Partei nicht mehr aufgestellt wurde, plötzlich
seine Unabhängigkeit entdeckt? Wir wundern uns.

Drittens, und vor allem,
hat Wolfgang Michal auf „Carta“ auf einen interessanten Aspekt der Abstimmung
hingewiesen: Das LSG hätte im Bundestag nämlich gar keine Mehrheit erhalten,
wenn, ja wenn sich alle Abgeordneten
der Opposition an der Abstimmung beteiligt hätten. Wegen der Enthaltungen bzw.
Neinstimmen von einigen Mitgliedern der Regierungsfraktionen (je 2 Nein und
Enthaltungen bei CDU/CSU sowie 4 Nein bei der FDP) erhielt der Regierungsentwurf
nur 293 Ja-Stimmen. 243 anwesende Bundestagsabgeordnete stimmten mit Nein.
Hätten die 52 Abgeordneten von SPD, Grünen und Linken, die an der Abstimmung
nicht teilgenommen haben, wie ihre Fraktionen mit Nein gestimmt, wäre das LSG
mit 295 Nein- gegen 293 Ja-Stimmen gescheitert. Sie finden das
Abstimmungsergebnis hier:

http://www.bundestag.de/bundestag/plenum/abstimmung/grafik/index.jsp?id=214

Noch interessanter wird das Ganze, wenn Sie hier auf „Namensliste“
klicken, denn dort finden Sie die Abgeordneten, die von der Opposition nicht an
der Abstimmung über das LSG teilgenommen haben. Und das waren nicht etwa die
Hinterbänkler, sondern gewissermaßen die

Spitzenleute der Oppositionsparteien: Gefehlt und damit letztlich die
Lex Springer möglich gemacht haben von der SPD Sigmar Gabriel, Andrea Nahles,
Wolfgang Thierse oder Heidemarie Wieczorek-Zeul. Bei den Grünen fehlte das
Spitzen-Trio Jürgen Trittin, Claudia Roth und Katrin Göring-Eckardt. Bei den
Linken fehlten unter anderem Sahra Wagenknecht, Ulrich Maurer, Stefan Liebich
und Katja Kipping. Es fehlten sozusagen die Parteivorsitzenden, das
Führungspersonal der Opposition. „Also
jene Wahlkämpfer, die eine gute (Springer-)Presse brauchen“, kommentiert
Wolfgang Michal. Allerdings, es ist auch Taktik dabei: Denn im Frühjahr wird
das LSG irgendwo zwischen Bundesrat (wo die Bundestags-Opposition mittlerweile
eine Mehrheit hat) und Vermittlungsausschuß im Sande verlaufen. „Und so brauchten die Wahlkämpfer der drei
Oppositionsparteien nicht unnötig Flagge zu zeigen und mit Nein zu stimmen“
(Michal) und sich „unnötig“ mit der Springer-Presse und all den anderen
Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen anzulegen.

Das ist die Schmierenkomödie, die in Berlin getrieben wird, und die
manche als Politik oder als Demokratie bezeichnen.

* * *

Alexandre Kojève schreibt im September 1950 an Leo Strauss:

„Menschen handeln
in Wirklichkeit nur, um darüber reden zu können oder zu hören, daß darüber
geredet wird.“

Im Zeitalter von Facebook (das dabei ist, den Bach runterzugehen) und
Tweets kann man den ersten Halbsatz getrost streichen – heutzutage handeln Menschen in der Regel nicht
mehr. Es bleibt natürlich, daß sie über alles reden wollen und hören, daß
darüber geredet wird.

* * *

Mit dem Fahrrad auf dem Weg ins Büro, Oranienstraße, Kottbusser Damm.
„Die Straßen waren blau / So viele Bullen waren da“, um es mit Rio Reiser zu
sagen. Straßen gesperrt, ein Hubschrauber kreiste über Kreuzberg, am nächsten
Tag steht in der Zeitung: 815 Polizisten waren im Einsatz. Aber warum?

Weil die Besitzrechte eines Immobilienbesitzers staatlicherseits
durchgesetzt werden mußten.

Seit seinem sechsten Lebensjahr wohnt der jetzt 41jährige Malermeister
Ali Gülbol in dem Haus in der Lausitzer Straße, seit 1999 mit seiner Familie in
einer eigenen Wohnung im gleichen Haus. Die Wohnung war bei der Übernahme durch
Gülbol eine Bruchbude, er hat nach eigenen Angaben über 20.000 Euro und viel
Arbeit in die Renovierung investiert, weswegen der Eigentümer ihm eine
geringere Miete eingeräumt und auf Mieterhöhungen verzichtet hatte. Das änderte
sich 2006, als ein Berliner Unternehmer die Immobilie in einer
Zwangsversteigerung erwarb. Der neue Besitzer fühlte sich nicht an die alten
Vereinbarungen gebunden und erhöhte Gülbols Miete. Gülbol ging vor Gericht und
verlor nach Jahren den Rechtsstreit durch alle Instanzen. Er versäumte die
Frist für die Nachzahlung der erhöhten Miete um ein paar Wochen, und der
Unternehmer warf den Mieter aus der Wohnung und sorgte für eine Zwangsräumung,
obwohl der durch die Mieterhöhung verursachte „Mietrückstand“ längst beglichen
war.

Mag sein, daß die Zwangsräumung formaljuristisch korrekt war. Doch ob
sie „rechtens“ im eigentlichen Sinn war, darf bezweifelt werden. Der
Rechtswissenschaftler Karl-Nikolaus Peifer weist in anderem Zusammenhang darauf
hin, daß „ein Recht, das sich vom
Bewußtsein der Menschen löst, größte Probleme bekommt. Das Recht ist für die Menschen da und nicht die Menschen für das Recht.
Das mag naiv klingen, aber es hat eine sehr grundlegende Bedeutung für das, was
man Rechtsempfinden nennt, auf dessen Grundlage unsere Rechtsordnung basiert,
auf die wir als Rechtswissenschaftler achten müssen“.

Es ist ja nicht so, daß Mieter Gülbol irgendwelche
Mietzahlungen schuldig geblieben wäre. Alle Außenstände sind längst bezahlt.
Wie soll das „gesunde Rechtsempfinden“ der Bürger befriedigt werden, wenn wegen
bereits geleisteter Zahlungen aus Besitzrechten eines Immobilieninhabers, also
ohne daß noch ein Euro geschuldet wäre, 815 Polizisten die Zwangsräumung einer
Wohnung durchsetzen, in der eine Familie seit 14 Jahren lebt? Ich jedenfalls
will ausdrücklich nicht, daß dafür
meine Steuergelder ausgegeben werden! Und ich will ausdrücklich nicht, daß ein
Senat, der es seit zig Jahren versäumt, bezahlbaren Wohnraum auch für
Geringverdienende zur Verfügung zu stellen, mit maßlosen Polizeistaatsmitteln
Bürger aus ihren Wohnungen vertreibt. Und der Fall Ali Gülbol ist ja kein
Einzelfall – über 5.000 Zwangsräumungen finden allein in Berlin jedes Jahr
statt. Mieter werden vom Gesetz im Stich gelassen, während längst eine „an Profitinteressen ausgerichtete
Mieterhöhungsrallye“ („Berliner Zeitung“) stattfindet. Ein Senat, dem als
Antwort auf die berechtigten Mieterinteressen nur eine von über 800 Polizisten
durchgesetzte Zwangsräumung einfällt, ist unbrauchbar und sollte zurücktreten.

* * *

„Die Regierung
hält nicht mehr alle Fäden des Kapitalismus in der Hand, höchstens noch einen
oder zwei, und wenn sie nicht achtgibt, so ist sie morgen selbst die Marionette
und der Kapitalismus die Hand. Der Tag wird kommen, an dem Unternehmen,
ausländische Firmenchefs, Pensionsfonds und Investoren uns sagen ‚Macht!’ und
wir gehorchen.“

Bruno Le Maire, Mitglied der konservativen französischen Partei UMP und
Ex-Minister unter Sarkozy, in seinen gerade erschienenen Memoiren „Jours de
Pouvoir“ (zitiert nach dem Zentralorgan des deutschen Antikapitalismus, dem
Feuilleton der „FAZ“)

* * *

Dazu passend ein interner Bericht der deutschen Bundesregierung, der
laut „Berliner Zeitung“ intensive Verbindungen der Regierung zur Finanzindustrie
offenbart. Seit 2009 hat sich beispielsweise allein der Staatsminister im
Kanzleramt 25 Mal allein mit dem Cheflobbyisten von Goldman Sachs getroffen.
Insgesamt gab es in dreieinhalb Jahren 220 intensive Regierungskontakte mit der
Finanzindustrie – Treffen auf Kongressen oder Empfängen nicht mitgezählt.
Bankenrepublik eben.

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Kann mir bitte irgendjemand erklären, was nun daran besser sein und mehr
Wettbewerb garantieren soll, wenn im aktuellen Plattenfirmen-Monopoly, bei dem
die Ereigniskarten mitunter auch von den Kartellwächtern ausgespielt werden,
der Sanctuary-Backkatalog statt zu Universal Music neuerdings zum BMG Rights
Management gehört?

Und was so toll daran ist, wenn Coop, das Labelnetzwerk, das 2007 von V2
zu Universal Music wechselte, nun von Universal Music an PIAS verkauft wird?

Und was sich für die (Musik-)Welt ändert, wenn die bisher bei der EMI
liegenden Rechte von „Now That’s What I Call Music!“ von Universal Music zu
Sony Music wechseln?

In der Summe passiert immer das gleiche im Monopolisierungsgewese der
Tonträgerindustrie: Mitbewerber werden vom Markt gekauft, der „Wettbewerb“ wird
eingeschränkt, und das monopolisierte „Modern Talking“ der weltweiten
Musikindustrie gefährdet die kulturelle Vielfalt.

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Der „Deutsche Kulturrat“ hat nichts kapiert.

Der Autokonzern Daimler AG hat laut „Berliner Zeitung“ Sponsoring-Mittel
gestrichen und seine Unterstützung sowohl für die Stuttgarter Staatsgalerie als
auch für die Ludwigsburger Schloßfestspiele mit sofortiger Wirkung eingestellt.
Und was tut der Deutsche Kulturrat? Er bettelt den Autokonzern, doch bitte
bitte seine Entscheidung zu „überdenken“ – und erhebt den drohenden
Zeigefinger: Die Daimler AG habe im letzten Jahr 6,5 Milliarden Euro Gewinn
gemacht, wenn er nun seine kulturelle Unterstützung einstelle, sei das „Verantwortungslosigkeit gegenüber der
Allgemeinheit“.

Mag sein. Doch das Possenspiel, das der Deutsche Kulturrat aufführt, ist
eine Art Verdummung der Allgemeinheit. Denn hier zeigt sich doch nur, wie
bescheuert es ist, wenn sich Kultur und Politik darauf verlassen, daß
Kultursponsoring in Zeiten leerer werdender öffentlicher Kassen eine
Alternative darstellen würde bei der Finanzierung von Kultur. Nein, Konzerne im
Kapitalismus tun, was Konzerne im Kapitalismus eben so tun. Sie denken an ihren
Profit, und eben nicht an die Interessen der "Allgemeinheit". Und Kultur
fördern sie nur dann und auch nur mit Almosen, wenn dies Steuervorteile
verschafft. It’s the economy, stupid! Wer eine substantielle finanzielle
Absicherung von Kultur haben möchte, der sollte die Großkonzerne stärker
besteuern und diese Einnahmen vernünftig verteilen. Kultursponsoring nach
Gutsherrenart ist jedenfalls keine Alternative.

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Ähnlich ist es beim Onlinehändler Amazon. Nach dem kleinen Denkanstoß
durch einen Fernsehreport schreiben die Feuilletons der Republik nun mit
einschlägigen Besinnungsaufsätzen ihre Seiten voll.

Nur – what’s the news?

Ist ein weltweiter Konzern ein Wohlfahrtsunternehmen? Eher nicht. Ein
Konzern wie Amazon wird die bestehenden Gesetze für seine Profitzwecke so weit
ausnutzen, wie es irgend geht. Leiharbeit? Natürlich nutzt Amazon die
Möglichkeiten, die die Leiharbeit bietet. Wer das nicht möchte, sollte
Leiharbeit verbieten. Ich bin der erste, der das befürwortet.

Skandalöse Mini-Stundenlöhne? Wer das nicht will, sollte einen
flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn installieren, wie es zivilisiertere
Länder als das unsere längst kennen. Hierzulande haben SPD und Grüne den
Niedriglohnsektor erst ermöglicht und dann groß gemacht, unter großem Beifall
fast aller Medien. Und jetzt wird von Politikern der SPD und Grünen und von
ihnen nahestehenden Journalisten gejammert, daß Großkonzerne die gesetzlichen
Möglichkeiten zu ihrem Vorteil und zum Nachteil der Beschäftigten ausnutzen.
Wer hätte das gedacht! Und wenn sich Grünen-Abgeordnete jetzt im Bundestag
aufplustern und kritisieren, daß „25%
aller Beschäftigten unter prekären Bedingungen arbeiten“ (Beate
Müller-Gemmeke), oder SPD-Abgeordnete von der „Spitze eines Eisbergs“ (Klaus Barthel) im Umgang mit Leiharbeitern
sprechen, dann sollte man die roten Herren und die grünen Damen vielleicht kurz
einmal daran erinnern, daß sie selbst es waren, die mit ihrem Hartz-IV-Regime
diese Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen überhaupt erst möglich gemacht
haben, die sie nun so wortreich kritisieren. „Was für ein Ticker ist ein Politiker“ eigentlich, möchte man mit
Georg Kreisler fragen. Auf jeden Fall ein „Ver-Ticker“, nämlich jemand, der uns
ein X für ein U vertickern will...

Amazon ist nur ein Beispiel für zeitgemäße Ausbeutungsmodelle.
Kapitalisten betreiben Kapitalismus. Ausbeuter beuten aus. Profiteure machen
Profite. Wer das nicht will, sollte sich um eine andere Gesellschaft bemühen.
Oder zumindest Gesetze einfordern, die die derzeit möglichen extremen
Perversionen von Ausbeutung revidieren.

Kleine Nachbemerkung: In einem „Spiegel“-Interview mit dem
Geschäftsführer des Kölner Verlags Kiepenheuer & Witsch, Helge Malchow,
über den Streit seiner Branche mit Amazon gibt es einen interessanten Satz, der
bisher sowohl in der Amazon-„Debatte“ als auch im Geschrei um die Besitzrechte
beim Suhrkamp-Verlag nirgendwo vorkam, nämlich: Unter welchen Bedingungen
arbeiten eigentlich die Autoren? Der „Spiegel“ fragte: „Wer kommt eigentlich auf höhere Stundenlöhne: ein Leiharbeiter bei
Amazon oder ein durchschnittlich erfolgreicher Autor, der mehrere Jahre an
einem Roman schreibt?“ Die Antwort Malchows: „Lassen Sie es mich so sagen: Wenn es um den Stundenlohn ginge, würden
viele Schriftsteller sicher eine andere Arbeit ausüben.“

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Oder doch mal wieder die Märchen der Brüder Grimm lesen? Da ist mitunter
mehr Antikapitalismus drin als in den Märchen unserer Politiker.

Von wegen „mein Auto, mein Haus, mein Boot“ – denken Sie an Hans im
Glück:

Gold weg, Pferd weg, Kuh weg, Schwein weg, Gans weg, Wetzstein weg,
Feldstein weg. Und doch stellt Hans im Glück abschließend fest, daß der Verlust
von Besitz ungemein befreiend ist: „'So glücklich wie ich,' rief er aus, 'gibt
es keinen Menschen unter der Sonne.' Mit leichtem Herzen und frei von aller
Last sprang er nun fort...“

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Sie schrecken vor nichts zurück: Der unaufhaltbare Trend, mediokre Pop-
und Rock-Produktionen durch Hinzuziehung mediokrer Sinfonieorchester im Land
der Bildungsbürger gewissermaßen zu adeln und zu veredeln, das Marketing-Tool
also, aus einer mittelmäßigen Produktion etwas kulturell vermeintlich
Hochwertiges und der Mittelschicht besser zu Verkaufendes zu destillieren,
setzt sich ungehemmt fort: Waren es bisher eher Produktionen von Rammstein bis
Xavier Naidoo, von Selig bis Silly, von Polarkreis 18 bis Silbermond, die sich
Orchestersounds besorgten, so „riß“
das WDR-Rundfunkorchester Mitte Februar laut „Musikmarkt“ „Grenzen ein“: „WRO plays Dubstep“ hieß die Losung, unter der sich
das WRO „Titeln der Dubstep-Formation
One4ty widmete“. Es geht, wieder mal, darum, „Grenzen zwischen urbaner und klassischer Musik aufzulösen“.

Danach gibt es, nomen est omen, eine „Afterparty“ (sic), womit ziemlich genau der Ort benannt wird, in
den sich die Erfinder des Ganzen ihren Dubstep-Orchester-Abend stecken sollten.

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Ach ja, die Gema. Für die Nachkommen, die in sagen wir drei oder vier
Jahrzehnten mal unsere Tage analysieren werden, dürfte diese komische
Institution ein Lehrbeispiel für eine Organisation darstellen, die mehr falsch
macht, als man falsch machen kann.

Ein paar Meldungen der letzten Wochen:

„Die Gema hindert
alte Leute am Tanzen: Nach einer Verdreifachung der Abgabenforderung muß ein
Hotel in Kaarst-Büttgen einen Seniorennachmittag stoppen.“ (Telepolis) –
Zunächst sollte die legendäre BR Space Night wegen höherer Gema-Forderungen
eingestellt werden. Mittlerweile wird die beliebte Nachtsendung des Bayerischen
Fernsehens jedoch mit Gema-freier Musik unter Creative Commons-Lizenz
weitergeführt. Das Nachsehen haben die Gema-Künstler, die künftig auf diese
BR-Tantiemen verzichten müssen. – Das Video eines aus einem Fahrzeug mit einer
Dash Cam gefilmten Meteoriteneinschlags in Rußland wurde hierzulande von der
Gema aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt. Allerdings hat nicht etwa der
Rechteinhaber irgendwelche Ansprüche geltend gemacht. „Vielmehr wurde dem Meteoriten zum Verhängnis, daß auf dem Video das
Autoradio zu hören ist“, meldet „Telepolis“. Die Gema ist auch für das
Abkassieren hierzulande genutzter Musik zuständig, die per YouTube aus
russischen Autoradios ertönt, weswegen YouTube die „digitale Talibanisierung“ umsetzt – mit den Gema-Mächtigen konnte
YouTube bislang bekanntlich keine Einigung erzielen. – Und DJs sollen ab dem
1.April 2013 (was allerdings keinen Aprilscherz darstellt) jedes für ihre Sets
kopierte Stück einzeln bei der Gema anmelden und dafür 13 Cent abführen.
Wahrscheinlich ein Racheakt an den Clubs und DJs, die dagegen Sturm laufen, daß
die Gema die Clubs mit Abgabenerhöhungen von bis zu 2600 Prozent belegen will,
während diese zusätzlichen Einnahmen bekanntlich „zu einem sehr großen Teil gar nicht an die Elektro-Musiker, sondern an
Mainstream-Rechteinhaber ausgezahlt werden“ ("Telepolis"). –

Ach ja: Unser Künstler Chuck Prophet hat extra für seine April-Tournee
ein Promo-Video hergestellt. Sie ahnen, was jetzt kommt, nicht? Das Video, das
der Künstler selbst hergestellt hat, um u.a. seine Deutschland-Termine zu
promoten, darf hierzulande nicht gezeigt werden. Danke, Gema, für Deinen
unermüdlichen Einsatz für die Künstler und die Musikfans!

(und falls Sie clever sein sollten und Wege finden, derartige Videos
dennoch zu sehen – hier ist der Link: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=bHO97S8VM8Y ).

28.02.2013

Van Cliburn. R.I.P.!

Van Cliburn. R.I.P.!

Unglaublich das
Tschaikowsky-Konzert in Moskau 1962, mit dem großen Kirill Kondrashin als
Dirigenten:(Die Cliburn-Aufnahme
dieses Klavierkonzerts verkaufte sich sage und schreibe mehr als eine Million
mal und ist bis heute eines der meistverkauften Klassik-Alben aller Zeiten –
those were the days of wine and roses…)

22.02.2013

US-Single-Charts mit YouTube

Die US-amerikanischen Charts werden, wie die „International Herald
Tribune“ meldet, revolutioniert. Die „Billboard Hot 100“, seit gut 55 Jahren
die legendären amerikanischen Single-Charts, berücksichtigen ab sofort auch
YouTube als einen wesentlichen Faktor der Entscheidung, welche Songs „Hits“
sind. Ein evolutionärer Schritt, der nachvollzieht, was längst Sache ist: Daß
YouTube eine der wichtigsten Musik-Plattformen der Welt ist, und daß es längst
wichtiger ist, wie viele Klicks ein Song bei YouTube erhält, als die Frage, wie viele
Singles verkauft oder kostenpflichtig downgeloaded werden. Ein weiterer Schritt hin zur
Nutzung, zum Hören von Musik,
während die deutsche Musikindustrie und ihre Copyright-Cops immer noch nur von
Besitz und Verkauf von Musik träumen.

Und prompt wurde ein bislang unbekannter Song der aktuelle Nr. 1-Hit in
den USA: „Harlem Shake“ von Baauer, ein baßlastiger HipHop-Track, der im Mai
2012 zunächst als kostenloser Download zur Verfügung gestellt wurde und zunächst
nur auf 16.000 Downloads kam. Doch dann kamen die Fans, und mittlerweile wurden
mehr als 4.000 (meistens leider eher langweilige) Videos zu diesem Track auf
YouTube eingestellt, und „Harlem Shake“ ging auch bei den bezahlten Downloads
und bei Spotify durch die Decke. Wie so oft: YouTube macht Hits! Die von
deutschen Funktionären, Lobbyisten und Politikern immer wieder gegeißelte
„Kostenlos-Mentalität“ im Internet macht Hits! Das werden sie, das wird auch
die Gema nie kapieren, für die Songs nur dann erfolgreich sind, wenn sie in der
gated community der Bohlens und Dostals geschrieben werden.

„The notion that a
song has to sell in order to be a hit feels a little two or three years ago to
me“, schreibt Billboards Chefredakteur Bill Werde den deutschen
Steinzeit-Akteuren ins Stammbuch. 

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