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Blog Archiv - Jahr %1
12.09.2013

Ylvis - The Fox

Schauen Sie sich doch mal dieses schöne Video an – keine Angst vor
jungen Menschen, die Tierkostüme tragen, klar, das ist per se lächerlich und
verhöhnenswürdig, hier aber geht es ganz woanders lang – und wenn die Welt eine
gerechte wäre, dann würde das hier einer der Songs des Frühherbstes sein, und
nicht der Song, den die sich nackig machende amerikanische Teenagerin ins Netz
gestellt hat...

12.09.2013

iRights freie Lizenz für staatlich geförderte Inhalte

Philipp Otto von irights.info stellt in seinem
Eröffnungstext zum Urheberrechts-Kongreß eine Kleinigkeit klar (ich zitiere aus
dem „Perlentaucher“): „Es sollte eine Selbstverständlichkeit
sein, daß jeder Euro aus öffentlichen Kassen, der in die Erstellung von Werken
in Wissenschaft und Forschung fließt, in die Produktion von Inhalten -
etwa bei der staatlichen Filmförderung oder im öffentlich-rechtlichen
Rundfunks - zwangsläufig eine freie Lizenz zur Folge hat."

Eigentlich selbstverständlich und logisch, oder? Wer die
Öffentlichkeit das, was er produziert, bezahlen läßt, der sollte sich
verpflichtet fühlen, das Produkt der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung
stellen.

(Problem ist natürlich: will
man all den Schmarrn, den die Filmförderung, das öffentlich-rechtliche
Fernsehen oder die Initiative Musik mit unseren Steuergeldern und/oder Gebühren
finanziert, überhaupt sehen, hören und ertragen müssen???)

03.09.2013

Und Ansonsten 09/2013

Sie erinnern sich: Die Presseverlage, Axel Springer allen voran, haben
jahrelang Lobbyarbeit betrieben, um der Bundesregierung das sogenannte
„Anti-Google-Gesetz“ abzupressen, ein Gesetz, das fast alle Experten, die große
Mehrheit aller unabhängigen Juristen und ihre Fachverbände wie auch die meisten
namhaften Wissenschaftler abgelehnt haben. Während vernünftige Menschen das
Gesetz für das halten, was es ist, nämlich „eine
Katastrophe für die deutsche Öffentlichkeit“ (Marcel Weiß, „Neunetz.de“),
beharrt der „Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger“ darauf, das neue
Leistungsschutzrecht für Verlage bleibe ein wichtiger Baustein für eine
Strategie „weg von der Unkultur des
Kostenlosen, weg vom Mißbrauch des Copyrights“.
Doch was geschah, als das neue Leistungsschutzrecht nun am 1.8.2013 in Kraft
trat? Was passiert jetzt? Gar nichts. Die Verlage und Zeitungen, die das neue
Gesetz so vehement verlangt hatten, setzten es nicht um – sie präsentieren sich
weiter gerne auf Google News, aus gutem Grund: „Google bringt ihnen echten Mehrwert, indem es jede Menge Traffic auf
Verlagsseiten lenkt – pro Monat sind dies weltweit über sechs Milliarden
Besucher“ (so der Google-eigene Blog lt. „FAZ“ vom 1.8.d.J.).
Und so zogen die Verlage und ihre Zeitungen den Schwanz ein und ließen ziemlich
kleinlaut von sich hören: „Die F.A.Z. hat
ihre Zustimmung zur Anzeige der eigenen Inhalte bei Google News gegeben (...)
Ein sogenanntes ‚De-Listing’ bei Google News hätte für die F.A.Z. erhebliche Reichweitenverluste
bedeutet. (...) die wirtschaftlichen Risiken wären für die F.A.Z. nicht
überschaubar gewesen“, teilte die „FAZ“ „in eigener Sache“ mit. Auch die
Axel Springer AG läßt ihre Internetseiten weiter bei „Google News“ erscheinen,
wie die meisten anderen deutschen Zeitungen und Verlage.
Interessant. Denn mit ihrem Verhalten zeigen die Presseverlage, daß sie die
Öffentlichkeit zuvor belogen haben. Ganz offensichtlich verdienen sie eine Menge Geld gerade dadurch, daß ihre Meldungen bei Google angezeigt und verlinkt werden. Das
bringt ihnen Mehrwert, würden sie
dort nicht auffindbar sein, würde das „erhebliche
Reichweitenverluste“ und „nicht
überschaubare wirtschaftliche Risiken“ mit sich bringen.
Die Politiker aber, die das Leistungsschutzrecht geändert haben – und das war
nicht nur der FDP-Wirtschaftsminister, der den Chefredakteur der Blödzeitung
öffentlich umarmt und geradezu anspringt, sondern die komplette CDU, CSU und
FDP und weite Teile von SPD und Grünen... – sollten sich jedenfalls schämen.
Ihr Hofknicks vor Springer, Burda und Konsorten war zu nichts nütze. Es sind
schon Politiker aus nichtigeren Anlässen zurückgetreten...

Politikverdrossenheit? Wer wissen will, woher die rührt, kann mich
anrufen, für geringes Stundenhonorar erkläre ich noch vor den Wahlen allen,
wieviel 1 und 1 ist.

* * *

Und sobald es ans Eingemachte, also an ihren Profit geht, werden die
Konservativen zu Kommunisten, wie etwa, wenn ein Großkapitalist eine ihrer
Qualitätszeitungen aufkauft:
„Bei den weltweiten Konzentrationsbewegungen,
welche die Online-Konzerne nun am Beispiel von Zeitungen exerzieren, muß man
sich aber auch fragen, ob Lenin mit
seiner Theorie des Staatsmonopolkapitalismus nicht doch recht behalten könnte.
Die Welt wird bestimmt von einer Finanz-Daten-Online-Oligarchie, mit besten
Verbindungen zum Geheimdienst.“ (Hervorhebung BS).
Stand nicht etwa in der „Roten Fahne“, sondern im Leitkommentar des Leitmediums
der deutschen Konservativen, der FAZ, am 7.8.2013.
Ganz offensichtlich geht ihnen der Popo auf Grundeis.

* * *

„Tape.tv kauft Amen“.
Verlierer unter sich.

* * *

„Ich wünsche mir, daß unsere Regierung endlich kapiert, daß Kinder nicht nur
Wirtschaft und Mathe im Leben brauchen. Ich wünsche mir, daß in den Schulen
Musik, Literatur und Kunst eine größere Rolle spielen. (...) Es ist die Kunst,
die uns Menschen glücklich macht.“
                                   Pharell
Williams im Interview mit dem SZ-Magazin

* * *

Sachen gibt’s... Wie zum Beispiel dieses Angebot einer deutschen Heavy
Metal-Band, das mich gerade erreichte:
„U.D.O. planen ein Konzert zusammen mit
dem Marinemusikkorps Nordsee. Dies ist ein sehr spezielles Projekt und
entstammt einer Zusammenarbeit auf dem letzten U.D.O. Studioalbum
"STEELHAMMER". Der Song "BOOK OF FAITH" war sozusagen die
erste gemeinsame Nummer und ist so gut angekommen und hat auch beiden Parteien
solchen Spaß bereitet, daß wir gemeinschaftlich beschlossen haben, dies in
einem einmaligen Konzert umzusetzen. (...)
Das Konzert wird höchstwahrscheinlich unter der Schirmherschaft eines
hochrangigen Politikers stattfinden (erste Details frühestens NACH der
Bundestagswahl) und soll im Rahmen einer Image Kampagne der Bundeswehr genutzt
werden. Weitere Aktionen (Gala Dinner, etc.) sind bereits geplant, hängen aber
stark von der Schirmherschaft und der letztendlichen Infrastruktur
der Veranstaltungsstadt ab.“ (Rechtschreibung wie im Original, BS)
Vielleicht reichts ja sogar zu einer Briefmarke der Deutschen Post AG? Die ist
nämlich auch immer gern bereit, Imagekampagnen der Bundeswehr zu unterstützen:

* * *

Und was macht die „Initiative Musik“? Sie fährt „internationale Journalistinnen und Journalisten“ herum und macht
Werbung für Schland: „Bei der einwöchigen
Reise erlebten die Journalistinnen und Journalisten Deutschland als ein
modernes Land mit einer lebendigen, vielschichtigen und international
anerkannten Musikszene“. Und ein Uwe Heye, Referatsleiter in der Abteilung
für Kultur und Propaganda, oh, pardon, Kultur und Kommunikation des Auswärtigen
Amtes, sagt die einschlägige Prosa zum nation
branding mit nachgerade entwaffnender (sic!) Ehrlichkeit auf: „Musik als Kulturgut ist von großer
Bedeutung, wenn es darum geht, die Wahrnehmung und das Image von Deutschland
als Kulturnation im Ausland zu gestalten und zu steuern. Deshalb ist das
Besucherprogramm des Auswärtigen Amts (...) ein wichtiger Teil der deutschen
Public Diplomacy.“
Alle und alles im „Einsatz für Deutschland“.

* * *

Und wen hat die Propagandaabteilung des Auswärtigen Amtes auf unser aller
Kosten zur Buchmesse nach Rio, an den Deutschen Gemeinschaftsstand in Brasilien
geschickt? Den Israel-feindlichen Großdichter? Eines der jungen Dinger, die
jeweils durch die Feuilletons der Qualitätszeitungen gehetzt werden? Frau Roche
und ihre Feuchtgebiete? Oder hat das Auswärtige Amt doch eher Botho Strauß zum
Singen ins Bockshorn nach Brasilien gejagt? Oder letztlich doch einen der
sagenhaften Popliteraten?
Weit gefehlt.
Nein, die „nationalkulturelle Pflicht“
(„FAZ“, ironisch, nicht daß Sie denken...), am deutschen Gemeinschaftsstand bei
der Buchmesse in Rio aufzulaufen, ein Stand, der  „mit
Unterstützung des Auswärtigen Amts gestaltet und bespielt“ („FAZ“) wurde,
diese Pflicht hat letzte Woche, am 29.August – na, wer wohl wahrgenommen? Sie
kommen nicht drauf: Michael Ballack! Genau, der Capitano. Der allerdings eher
Aphorismen-Dichter ist – Sie erinnern sich? „Keiner
verliert ungern.“ Da nich für...

01.09.2013

Tote Hosen im Wahlkampf

Die „Toten Hosen“ sind beleidigt, weil sowohl CDU als auch SPD sich
einfach ihres Rock-Schlagers namens „Tage wie diese“ für Wahlkampfzwecke
bedienen.

Bemerkenswert finde ich daran nicht, daß die “Toten Hosen“, die 2010 für
zwei Auftritte im usbekischen Taschkent und im kasachischen Almaty vom
Auswärtigen Amt insgesamt 68.793 Euro Staatsförderung erhalten haben, sich nun darüber
aufregen, daß es „unanständig und
unkorrekt“ sei, daß ihre Musik bei Wahlkampfveranstaltungen „mißbraucht“ werde.

Wenn die „Toten Hosen“ das ernsthaft vermeiden wollen, sollten sie sich
mal in Ruhe mit ihrem GEMA-Vertrag beschäftigen. Mit dem GEMA-Einheitsvertrag,
dem sich die „Toten Hosen“ wie alle GEMA-Mitglieder unterworfen haben dürften,
verlieren die Urhebenden nämlich u.a. ihre Mitspracherechte darüber, wer ihre
Werke nutzen darauf. „Die GEMA ist verpflichtet, jedem zahlenden
Interessenten die Nutzung zu gestatten. Eine Möglichkeit zur Differenzierung
sieht die GEMA nicht vor. (...) Da die GEMA praktisch eine Monopolstellung
innehat, sind Künstler, die an der Auswertung ihrer Werke partizipieren
möchten, quasi gezwungen, diesen Einheitsvertrag zu schließen.“ (Markus
Kompa auf „Telepolis“)

Bemerkenswert finde ich auch nicht, daß sich „die vermeintlichen politischen Lager schon
so ähnlich geworden sind, daß sie sogar am Bierstand dieselben Lieder grölen“,
wie Lucas Wiegelmann in der „Welt“ schreibt.

Nein, ich finde bemerkenswert, daß die Toten Hosen
offensichtlich nichts dabei finden, einen Song geschrieben zu haben, der sich
ohne Weiteres für den Wahlkampf sowohl der CDU als auch der SPD eignet – dort,
wo vor ein paar Jahren noch die Nationalhymne gespielt wurde. Wäre ich Musiker
und wäre mir dergleichen passiert, ich würde still vor mich hinschweigen und in
mich gehen und über meine Musik nachdenken...

01.09.2013

Kanzlerduell im TV

„Kanzlerduell“ im Fernsehen?

Sie haben sicher etwas Besseres zu tun, als den Abend mit dieser Ödnis
zu verbringen.

Und Stefan Raab? Was dazu zu sagen ist, hat Gerhard Henschel in
„Konkret“ erledigt:

„Zotenreißer
Stefan Raab beweist, daß man es auch als cleverer Vollidiot zum Moderator des
‚Kanzlerduells’ bringen kann.“

01.09.2013

Rassismus in Berlin

Dieser Tage konnte man auf Arte den Dokumentarfilm „Soundtrack for a
Revolution“ sehen. Es geht um die schwarze Bürgerrechtsbewegung und ihren Kampf
gegen Rassismus in den USA in den 60er Jahren. Es ist eindrucksvolle Musik zu
hören (ungeheuer groß: Richie Havens, The Roots!), man lernt, welche Bedeutung
Gospel für die Afroamerikaner in der Zeit hatte oder Lieder wie „Which Side Are
You On“ oder eben „We Shall Overcome“ (den Film kann man wohl noch ein paar
Tage bei Arte im Netz sehen, und die DVD kostet auch nicht die Welt). Bürgerrechtler
erzählen von ihren Sitzstreiks in Restaurants, Kantinen und Bars, etwa bei
Woolworth – sie hatten trainiert, sich an den Tresen zu setzen und darauf zu
warten, bis sie bedient werden. Sie wurden bedrängt, bespuckt und belästigt.
Sie wurden verprügelt und von der Polizei festgenommen; ihr Verbrechen: an
Plätzen zu sitzen, die für Weiße reserviert waren.

Wenn man die dokumentarischen Szenen bei Woolworth
sieht, wünscht man sich einen Weißen, der sich zu den Schwarzen setzt. Ich
träume, wie der Weiße leise seinen schwarzen Nachbarn fragt, „was möchtest du
trinken“, und dann einen Kaffee oder eine Limonade bestellt, und als er das
Getränk erhält, gibt er es seinem schwarzen Nachbarn weiter und lädt ihn ein,
das Getränk zu trinken. Aber das ist natürlich nur ein Traum, nichts
dergleichen ist passiert.

Fünfzig Jahre ist das jetzt her. Über das Heute
lese ich am 29.August in der „FAZ“, daß Roma aus Rumänien und Bulgarien über
Monate in einer verlassenen Gartenkolonie, an deren Stelle demnächst eine
Stadtautobahn gebaut werden wird, in Neukölln gewohnt haben – unter
erbärmlichsten Umständen. Und mit Nachbarn, die man nicht zum Nachbarn haben
will: „Die haben immer wieder nach Wasser
gefragt“, sagt ein Schrebergartenbesitzer in Sporthose, der auf die Bagger
schaut. „Aber ich habe denen keines gegeben.“ („FAZ“) Natürlich nicht.

Und Reinickendorfer Wutbürger verbieten den in
einem Flüchtlingsheim lebenden Kindern, auf einem privaten Spielplatz direkt
gegenüber der Einrichtung zu spielen.

Auch den Schwarzen in Alabama hatte vor fünfzig
Jahren kein ordentlicher Weißer ein Glas Wasser angeboten, und ihre Kinder
durften nicht auf den Spielplätzen der Weißen spielen. Der Rassismus lebt –
auch im angeblich so weltoffenen Berlin.

01.09.2013

Apple Überwachungssoftware

Apple hat ein Patent auf eine Technologie angemeldet, mit der
Regierungen und Polizei die Übertragung von Informationen, inklusive Videos und
Fotos, von jedem öffentlichen Ort, etwa Demonstrationen, blockieren kann, den
sie als „sensitiv“ bezeichnet oder für „schützenswert“ hält.

Im Klartext bedeutet das: Wer immer über diese Technologie verfügt, hat
die komplette Kontrolle darüber, was von jedem öffentlichen Event mit Mobilgeräten
dokumentiert werden kann.

Apple Inc. macht diese Technologie hauptsächlich Kinos, Theatern oder
Konzertveranstaltern schmackhaft, gibt aber gleichzeitig zu: „Covert police
or government operations may require complete ‘blackout’ conditions.”

Die Technologie ist das ideale Mittel, die Berichterstattung von
Demonstrationen und öffentlichen Protesten massiv einzuschränken; insbesondere
von Mobiltelefonen aufgezeichnete Aufnahmen etwa von brutalen Polizeiaktionen,
die heutzutage oft unmittelbar auf Video-Webseiten und auf Fernsehsendern zu
sehen sind, werden durch die neue Apple-Technologie künftig unmöglich sein.

(Quelle: RT.com, „No shooting at protest? Police may block mobiel
devices via Apple“)

01.09.2013

Georg Seeßlen über italienische Filme

„Sie machen diese
Art von Filmen nicht mehr, die Europäer im Allgemeinen (...) – heftig, direkt,
persönlich und politisch. Mit der Frage, was man zu sagen hat, nicht mit der
Frage, was gesehen werden will. Aber mit allen Sinnen und mit aller Sinnlichkeit.
Wenn da Lust ist, dann ist da Lust, und wenn da Verzweiflung ist, dann ist da
Verzweiflung, und wenn da Sarkasmus ist, dann ist da Sarkasmus. Und jeder Film
ist ein Risiko. (...) Jeder Film von Elio Petri war ein Fall für den Zweifel.“

Georg Seeßlen erinnert uns, die wir in einem Land leben, dessen
Staatsfernsehen zwischen Uta Danella- und Rosemarie Pilcher-Verfilmungen und
sonstigen Müllhaufen operiert, in  „Jungle World“ an bessere Zeiten, nämlich an
das Kino des Elio Petri (bitte bitte sehen Sie sich seine Filme an! soeben ist
relativ günstig eine „Elio Petri-Edition“ auf DVD erschienen)

01.09.2013

Spex

Es ist schon ein armselig Ding um die Presselandschaft hierzulande. Da
entwickelt sich „Spex“ nach dem Tiefpunkt vergangener Jahre zuletzt
einigermaßen, das Sommerheft ist sogar ausgesprochen toll: Klar, die Rezensionen
kann man vernachlässigen, sie sind größtenteils unbrauchbar (sieht man von den
Kolumnen z.B. von Diedrich Diederichsen oder Klaus Walter ab) und zeigen nur,
daß es problematisch ist, heutzutage einen Gatekeeper-Journalismus alter Tage
aufrechtzuerhalten. Aber der Titel „Weh ad a dream“ über Kanye West, Martin
Luther King und „Die neuen Sklaven“ – toll! Food for thoughts! Da wird eine
Richtung aufgezeigt, wo heutzutage anspruchsvoller Musikjournalismus hingehen
könnte.

Doch dann das aktuelle Heft: Auf dem Cover – Casper! Als ob Spex eine
Bravo-Version des Musikexpress sei. Und es wird allen Ernstes behauptet, Casper
sei der beste deutsche Rapper – vom Rap verstehen sie also auch nichts (mal
abgesehen davon, daß Casper gerade der „Berliner Zeitung“ erzählt hat, „daß ich
eigentlich ein Singer-Songwriter bin“ – um dann in geradezu entwaffnender
Ehrlichkeit selbst hinzuzufügen: „nur leider einer, der weder ein Instrument
spielen noch singen kann“...).

Das Spex-Heft gelangweilt durchgeblättert. Ein neuer Tiefpunkt. Und ein
Beleg für die Krise des hiesigen Musikjournalismus. Die guten Hefte sind eben
die Ausnahme, die schlechten die Regel. Leider.

(und der beste Spex-Aufsatz steht im aktuellen Musikexpress, Albert
Kochs „Indie-Land ist abgebrannt...“)

01.09.2013

Spiegel & BILD-Blohme

Allerdings ist natürlich nicht nur der Musikjournalismus in der Krise,
wir wollen nicht betriebsblind sein. Der „Spiegel“ hat sich jetzt die Dienste
des stellvertretenden „Bild“-Chefredakteurs Nikolaus Blome gesichert, der beim
„Spiegel“ als ebenfalls stellvertretender Chefredakteur (mittlerweile, nach
Protesten der Redaktion: „einfaches“ Mitglied der Chefredaktion) das
Hauptstadtbüro leiten soll.

Halten Sie für einen schlechten Scherz? Ist aber leider die Wahrheit.

Es gab Zeiten, vor sagen wir zehn oder zwanzig Jahren, da wäre so eine
Nachricht nicht mal denkbar gewesen. Das waren Zeiten, da der „Spiegel“ noch in
der Regel und nicht nur in seltenen Ausnahmen lesbar war. Heute ist eben alles
ein großer Einheitsbrei im sogenannten unabhängigen Journalismus, und einer,
der gestern noch für die Blödzeitung schrieb, kann das am nächsten Tag für den
„Spiegel“ tun und vice versa. Alles wurscht.

Längst ist der „Spiegel“ mit seiner „Neugemütlichkeit“ (Klaus
Harpprecht) ein banales buntes Unterhaltungsblättchen. Manchmal, wie zur Zeit
bei den Recherchen zum NSA-Skandal, blitzt nochmal auf, wozu der „Spiegel“
früher regelmäßig und heute in Ausnahmefällen in der Lage war und ist. Damit
diese Ausnahmen zukünftig nicht mehr passieren, wird der „Bild“-Mann Blome
installiert. Wer soll und will das noch lesen müssen? Good-bye „Spiegel“...

01.09.2013

Polizei überwacht BER-Gegner

Und, haben Sie unlängst Witze über den Berliner Flughafen bzw. dessen
Nicht-Fertigstellung gemacht? Seien Sie bloß vorsichtig! Denn die
Flughafengegner werden von der Polizei beobachtet: „Die Berliner Polizei läßt Kritiker des Flughafenneubaus BER bei ihren
Protesten von Zivilpolizisten überwachen“, räumte die Innenbehörde Berlins
laut „Berliner Zeitung“ ein. „Seit 2011
seien Zivilpolizisten bei einer Vielzahl von Versammlungen mit ‚BER-Bezug’
eingesetzt worden“, heißt es aus dem Innenresort.

Die Berliner Koalition aus SPD und CDU will nicht nur das Schloß wieder
aufbauen, sie hat halt konsequenterweise auch ein Demokratieverständnis wie zur
Kaiserzeit, mit Spitzeln und Pickelhauben.

01.09.2013

Rassismus in der Schweiz

Rassismus in der Schweiz?

Da mag man in etwa so überrascht die Augenbrauen anheben wie angesichts
der „Enthüllung“, daß die amerikanischen und bundesdeutschen Geheimdienste die
Bürger umfassend bespitzeln. Na klar tun sie das. Na klar ist die Schweiz
rassistisch.

Ob man das nun allerdings an der Petitesse festmachen muß, daß einer
amerikanischen Multimillionärin in einer Zürcher Boutique nicht jedes
Handtäschchen, das 35.000 Euro kostet, gezeigt wird? I couldn’t care less.

Das Schweizer „Bundesamt für Migration“ (das wahrscheinlich eher den
Titel gegen Migration tragen sollte...)
legt jedenfalls seit über einem Jahr zusammen mit den Gemeinden, in denen
Asylbewerber wohnen, fest, welche Gebiete von den Asylsuchenden  nicht betreten werden dürfen. Es werden
sogenannte „sensible Zonen“ definiert – Schulen etwa, Sportplätze oder
Schwimmbäder. Von diesen öffentlichen Plätzen sind die Asylsuchenden dann
ausgeschlossen, es wird ihnen der Zutritt verboten.

„Asylsuchende werden von neuralgischen Punkten ferngehalten“, sagt der
Projektleiter Asylunterkünfte beim BfM auf Alpbach bezogen. „So gilt für Schul-
und Sportanlagen inklusive eines angrenzenden Wäldchens, das Gelände des
Alterszentrums sowie das direkt an die Unterkunft angrenzende Wohnquartier ein
Aufenthaltsverbot.“

In Nottwil dürfen die Asylsuchenden das „neben der Unterkunft gelegene
Paraplegikerzentrum und die dazugehörigen Sportanlagen nicht ohne Begleitung
betreten.“ In Luzern können sich Asylbewerber „einschreiben und die Badeanstalt
in Begleitung besuchen“, es besteht also keinesfalls ein Badeverbot für die
Migranten. „Die Ausscheidung sensibler Zonen hat sich voll bewährt und nie zu
Problemen geführt“, sagt „Gemeindeschreiber“ Stalder.

Die „Aussperrung von Asylbewerbern ist in der Schweiz also der
Normalfall“ (alle Zitate aus „NZZ“). Täschli und Badi für Schweizer only, oder?

01.09.2013

Spotify Levit

Spotify: Man kann dort sofort am Veröffentlichungstag die neuen
Beethoven-Sonaten-CDs von Igor Levit hören (mit Levits furioser Interpretation
des ersten Satzes der Hammerklaviersonate beginnt auch unsere Spotify-Playlist
des Monats September) – toll! Dann gebe ich „Friedrich Gulda“ ein, weil ich
seine Interpretation mit der Igor Levits vergleichen möchte, aber zu faul bin,
die CD im Archiv rauszusuchen. Und sehe auf der „Titelseite“ zu Friedrich Gulda
den Spotify-Vorschlag „Ähnliche
Künstler“: „Purcell, Henry / Dietrich Fischer-Dieskau / Wagner, Richard / Emil
Gilels / Claudio Monteverdi“.

Aha. Die Musikgeschichte muß umgeschrieben werden. Die Spotify-Algorithmen,
soviel steht fest, arbeiten munter dran...

(auf Spotify finde ich unter dem Stichwort Gulda übrigens auch das
Album: „Mozart – Das Beste für mein Baby“, 2012 veröffentlicht von „Deutsche
Grammophon“. Und bereits 2008 hat das Yellow Label das Album „Mein Baby –
Klassik für Mutter und Kind“ herausgebracht. Es wundert einen wirklich gar
nichts mehr)

01.09.2013

Levit Zitat

„Aber das Letzte,
mit dem ich Musikmachen je verbunden habe, ist Spaß. Sondern Notwendigkeit und
Arbeit, und daraus resultiert dann Glück.“

Igor Levit im „FAS“-Interview

(Igor Levit kann übrigens von Glück sagen, nicht bei der Deutschen
Grammophon veröffentlichen zu müssen – da hätten sie sein Album sicher mit
einem schicken Foto im Wald verunziert, und den letzten Beethoven-Sonaten einen
speziellen Titel gegeben; so aber liegt dem Album ein ausgesprochen kluges und
interessantes Booklet bei – geht doch!...)

07.08.2013

Und Ansonsten 08/2013

Zum Start der Bundesligasaison ein Wort des klugen César Luis Menotti
(aus dem SZ Magazin): „Fußball ist ein
sehr weises und wunderschönes Spiel. Das Geheimnis des Fußballs ist Zeit, Raum
und Täuschung. Wie im Leben. Mit der Zeit umgehen, Räume finden und mit der
Täuschung zurechtkommen.“

* * *

Ich finde, die Medien tun dem Limburger Bischof Dr. Tebartz-von Elst
Unrecht. Falls Sie es nicht mitbekommen haben: Der Bischof steht nicht nur
wegen eines etwaigen Meineids und wegen Verschwendung unter Beschuß, nein,
möglicherweise hat sich die Berichterstattung über das Treiben des
Katholiken-Funktionärs an einer Luxusreise des Bischofs ins arme Indien
entzündet. Der Bischof wollte laut „FAS“ dem „Spiegel“ verbieten lassen, zu
schreiben: „Herr Bischof Dr. Tebartz-von
Elst ist erste Klasse mit dem Flugzeug nach Indien geflogen.“ Allein, der
Bischof war erster Klasse geflogen, „auf
einem der acht Luxusplätze im Oberdeck des Jumbojets, hin und zurück“ (FAS).
Bezahlt hat der Herr Bischof allerdings nur Business Class, das Upgrade in die
First Class hat ihm sein Mitarbeiter, Generalvikar Prof. Dr. Dr. Franz Kaspar
spendiert. Finden Sie merkwürdig und fragen sich, was das wohl für eine
merkwürdige Beziehung zwischen Bischof und seinem Generalvikar sein mag, daß
der ihm einfach so ein Upgrade spendiert? Das finde ich ausgesprochen
kleinkariert, wie Sie da denken – meine Mitarbeiter stehen zum Beispiel
grundsätzlich Schlange, um mir ein Upgrade in die Business Class bezahlen zu
dürfen, wenn ich Economy fliege – ist doch das Normalste der Welt.

Und insofern stimme ich dem Bischof von und zu Limburg, Herrn Dr.
Tebartz-von Elst, aus vollstem Herzen zu, wenn er behauptet, er sei, da er
Businessklasse bezahlt habe, nicht erster Klasse geflogen. Ist doch klar, oder?

Nun mag es sein, daß der „sterbliche
Leib“ (FAS) des Herrn Bischofs sich auf besagten Indienflügen tatsächlich
in der ersten Klasse befand. Aber was ist damit bewiesen? Wie gesagt, das war
ja nur der sterbliche Leib. Wer an die Mysterien des Katholizismus gewöhnt ist,
dürfte mir unschwer folgen und wissen, daß das Herz und die Seele und damit
überhaupt das Große und Ganze des Herrn Bischofs sich, im Gegensatz zu seinem
sterblichen Leib, auf dem Flug nach und von Indien  ganz sicher nicht in der Ersten Klasse,
sondern in der Holzklasse, in der Economy, befunden haben wird. Und darauf
kommt es doch schließlich und endlich an, oder?

Liebe Medien – seien Sie bitte mit den Funktionären der katholischen
Kirche ein wenig gnädiger!

* * *

„Deutsche werden
immer reicher“, jubiliert SPON – insgesamt haben die Bundesbürger „in Form von Bargeld, Wertpapieren und Bankeinlagen“
(Immobilienvermögen wird hier nicht mitgerechnet) „fast fünf Billionen Euro auf der hohen Kante.“

Doch ach: „Der Reichtum ist nicht
gleich verteilt. Die oberen zehn Prozent der Haushalte vereinen mehr als die
Hälfte des gesamten Nettovermögens auf sich.“

Tschah. Zu früh gefreut.

* * *

Die SPD feiert. Nämlich „Das Deutschlandfest.“

DAS DEUTSCHLANDFEST!

Musikalisch ist sie irgendwo im Jenseits, zwischen dumpfem Deutschrock
und dumpfem Schlager stehengeblieben, denn es spielen u.a. auf: Nena,
Luxuslärm, Fools Garden, Glasperlenspiel, Stefanie Heinzmann, Dick Brave, Die
Prinzen, Roland Kaiser, Julia Neigel und was sonst die deutsche
Unterhaltungsmusik an Schrecklichem aufzubieten hat.

  

„Ein besseres Land kommt nicht von allein.“ Aber mit der SPD ganz sicher auch nicht.

* * *

Die NÖ Festival und Kino GmbH aus Krems schickt mir unter dem Betreff
„Donaufestival 2014 Save the date!“ eine Mail, die, wenn ich es richtig
verstanden habe, hauptsächlich für ein Mineralwasser namens Römerquelle wirbt,
dem gilt jedenfalls der mit Abstand umfangreichste Textteil der Mail:      Was ich nicht genau verstanden habe, ist, ob ich mir den Termin
„Donaufestival 2014“ vormerken soll, um dann gemeinsam mit anderen Besuchern
des Donaufestivals das „trendige emotion“-Wasser zu trinken, oder ob ich besser
aus der Ferne zusehe (via Live-Streaming?), wie die Österreicher „gerne das
ausgezeichnete Wasser in den Sorten prickelnd, mild und still“ zu sich nehmen?
Um Aufklärung wird gebeten.

Gesponsert wurde die Donaufestival-Mail jedenfalls von verschiedenen
Banken, etwa der „Hypo NOE Gruppe“ oder „Raiffeisen Meine Bank“. Very „Lower Austria Contemporary“ das alles
(so ein anderes der vielen Logos in der Werbemail).

* * *

Der Aufmacher auf der Titelseite der „Zeit“ vom 1.August 2013: „Ökomobil – Das politische Auto“,
Unterzeile: „BMW kann nicht nur
schmutzig: Wer die Geländewagen nicht mehr kaufen will, hat jetzt eine
Alternative“, nämlich den BMW i3, „eine
fahrende Utopie aus Carbonfasern und Lithium-Akkus“, wie ein Frank
Drieschner flötet.

Wenn Sie sich fragen, was diese "Story" auf der Titelseite der
„Zeit“ soll, finden Sie nur wenige Seiten weiter die Erklärung: Auf den Seiten
6 und 7 hat BMW eine fette, zweiseitige Anzeige geschaltet: „Wie versprochen. Der elektrische BMW i3.“
„Revolutionär gebaut aus besonders leichtem wie hochfestem Carbon.“

So gehen bei unserer selbsternannten Qualitätspresse die bezahlten
Anzeigen der Industrie und deren willige redaktionelle Umsetzung Hand in Hand.
Läuft eben alles wie geschmiert.

* * *

„Charts KW 31:
Shindy trotz Indizierung auf Platz eins“, berichtet die Musikwoche. Nur hat sich in
diese Zeile wohl das falsche Wörtchen eingeschlichen: ich würde sagen, es müßte
lauten „Shindy wegen Indizierung auf
Platz eins“ – die Indizierung, die Strafanzeige von Berlins Regierendem
Bürgermeister Wowereit und die bereitwillige Kampagne in praktisch allen
hiesigen Feuilletons zeigt Wirkung, soviel kostenlose Werbung für Shindy und
Bushido bringt sicheren Erfolg.

In einem sehr guten Interview mit Thomas Gross und Thomas Winkler in der
„Zeit“ sagt die Berliner Rapperin Sookee, „Quing of Berlin“: „Der mediale Raum, der sogenannten
Rüpelrappern eingeräumt wird, damit sich die Mehrheitsgesellschaft
voyeuristisch an solchen Liedern aufgeilen kann, sollte lieber coolen Leuten
eröffnet werden. Mir zum Beispiel!“

Machen wir doch gerne: Hier „Parole Brückenbau“.

https://soundcloud.com/springstoff/parole-br-ckenbau-sookee

* * *

Der stellvertretende Chefredakteur des „Handelsblatts“ versucht sich an
der deutschen Sprache und hat sich gleich eine wirklich schwierige Aufgabe
vorgenommen, nämlich den Superlativ:

„Berthold Beitz ist tot. Der wohl verdienteste
Manager der deutschen Nachkriegsgeschichte ist am Dienstag mit 99 Jahren
auf Sylt gestorben. Beitz hatte sein Leben in den Dienst Alfried Krupps und des
traditionsreichen Ruhrkonzerns
gestellt. Über Jahrzehnte hatte der "letzte Krupp" und Vorsitzende der
mächtigen, gleichnamigen Stiftung das letzte Wort. Sein Auftrag, das Krupp-Erbe
zu bewahren, bleibt unerledigt. Thyssen-Krupp
steckt in der schwersten Krise
der Firmengeschichte.“ 

Möglicherweise der wohl verdienteste Nachruf auf den Krupp-Manager.

* * *

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