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Blog Archiv - Jahr %1
28.07.2013

Und Ansonsten 07/2013

Sie sind jetzt aber nicht wirklich überrascht, daß der US-Geheimdienst
auch Ihre Daten ausspäht, und daß der US-Nachrichtendienst quasi automatisch
und auf dem sozusagen kleinen Dienstweg über einen geheimen Zugang praktisch
alle Nutzerdaten von Konzernen wie Google, Facebook oder Yahoo erhält, oder?
Wußten wir doch alle längst. Nur die Bundesregierung hat wieder einmal nichts
mitbekommen und zeigte sich komplett „ahnungslos“ (Berliner Zeitung). Besser
könnte man die Netzpolitik der amtierenden Bundesregierung nicht auf den Punkt
bringen: Komplette Ahnungslosigkeit eben. Nur wenn es darum geht, den
Lobbyisten, mit denen man neuerdings gerne auch mal öffentlich rumschmust,
genehme Gesetze zu produzieren, zeigt sich die Regierung auch mal einsichtig.

Der deutsche Bundesnachrichtendienst liest ebenfalls kräftig mit: „Bis zu ein Fünftel des Datenverkehrs, der
bei deutschen Internet-Providern über die Landesgrenzen hinaus fließt“,
wird laut „Berliner Zeitung“ vom deutschen Geheimdienst „ausgewertet“. Allein im Jahr 2010 wurden 37 Millionen E-Mails „analysiert“ – gab die Bundesregierung
wohlgemerkt offiziell zu, die wahre Zahl dürfte also bedeutend höher liegen.

Jede fünfte Mail also, die ich meinen ausländischen Künstlern, Managern
und Geschäftsfreunden schreibe, wird vom deutschen Geheimdienst mitgelesen, und
jede fünfte Mail, die Sie Ihren Freunden oder Verwandten im Ausland schreiben.
Über 100.000 Mails werden jeden Tag vom deutschen Geheimdienst mitgelesen und
„analysiert“ – das sind deutlich mehr als die Stasi je Briefe und Pakete pro
Tag mitlas. Und übrigens: die NSA-Vorläuferorganisation, die „Black Chamber“,
hat früher alle Telegramme, die international in den USA eingingen, gelesen,
bevor sie ausgeliefert wurden; später, als Telegramme statt auf Papier auf
Disketten gespeichert wurden, erschienen während der Nachtschicht bei den
Telegrafenfirmen NSA-Kuriere, die die Disketten kopierten. Und heutzutage?
Längst haben Geheimdienstler ihre Geräte direkt mit den Internet-Knotenpunkten
in den USA, in Großbritannien oder, ja, in Frankfurt verbunden und haben
ungehemmten Zugriff auf den kompletten Datenaustausch. Und „die NSA und der BND
sind sogar richtig dicke Freunde, sie tauschen viele Erkenntnisse aus und
arbeiten auch eng zusammen beim Anzapfen von Kabeln“, schreibt Georg Mascolo in
der „FAZ“. Eine Kontrolle findet nur statt, wenn deutsche Staatsbürger
betroffen sind, ausländische Staatsbürger werden von deutschen Gesetzen nicht
geschützt. Mascolo fordert: „Die demokratischen Regierungen müssen ihren
Geheimdiensten das Recht zum grenzenlosen Lauschangriff entziehen.“ Doch daran
haben Frau Angela „Neuland“ Merkel und der BND natürlich nicht das geringste
Interesse.

Wir leben in einem Überwachungsstaat. Ob Obama oder Merkel – letztlich
ist das alles das gleiche Pack, das die Privatsphäre ihrer Untertanen ignoriert
und systematisch verletzt.

Constanze Kurz erklärt auf „SZ Online“, warum das Datensammeln
von beispielsweise Google nicht
zu vergleichen ist mit dem Datensammeln des Staates:

„Google ist
schließlich ein Wirtschaftsunternehmen, das für seine Werbekunden die Daten
seiner Nutzer speichert. Die NSA ist ein Geheimdienst. Wenn der dreimal 'Terror' ruft, dann können Menschen
daraufhin sterben, weil ihnen plötzlich Drohnen über die Köpfe fliegen.
Die möglichen Konsequenzen von Datenüberwachung durch den Geheimdienst sind
also offensichtlich sehr viel krasser als bei Google."

* * *

Am 21.Juli 1913, also vor hundert Jahren, schrieb Franz Kafka in sein
Tagebuch:

„Nicht
verzweifeln, auch darüber nicht daß Du nicht verzweifelst. Wenn schon alles
zuende scheint, kommen doch noch neue Kräfte angerückt, das bedeutet eben, daß
Du lebst. Kommen sie nicht, dann ist hier alles zuende aber endgültig.“

* * *

„Unter anderem
sind es die neuen Teilzeitarbeiter und Wenigverdiener, die zur Senkung der
durchschnittlichen Arbeitskosten in Deutschland beitragen. Auf dem Rücken der
Ärmsten werden die Interessen der deutschen Industrie durchgeprügelt, was dann
in der Politikersprache Niedriglohnsektor heißt. – Sektorengrenze, schöner,
neuer Sinn. Die Grenze, sage ich zu K., verläuft nicht zwischen den Deutschen
und den Griechen, sondern zwischen denen, die immer reicher, und denen, die
immer ärmer werden.“ Eugen Ruge, „Das griechische Orakel“, Tagebuch einer Frühjahrsreise, in
„FAZ“

* * *

Im „Finanzmarkt“-Teil der gleichen Zeitung lesen wir zeitgleich:

„Der Club der
deutschen Millionäre ist um 9 Prozent gewachsen (...) Mit insgesamt 362.000
Millionärshaushalten rangiert Deutschland damit im internationalen Vergleich
auf dem siebten Rang. (...) Das gesamte Vermögen der deutschen Privatanleger“ wird für 2012 „auf 6,7 Billionen Dollar geschätzt – ein
Plus von 6,2 Prozent“. „Deutschland gilt nach diesen Maßstäben als die
fünftreichste Nation der Welt.“ Krise ist eben nicht für alle, selbst in der größten Bankenkrise gibt es
noch jede Menge Profiteure.

* * *

Wenn Sie mal ein deprimierendes Stück Musik auf YouTube sehen wollen,
klicken Sie hier:

Warum sich die Rolling Stones für so etwas hergeben? Ein harmloses
Popsternchen, das praktisch nichts kann, einen Song singen zu lassen, den die
große Marianne Faithfull seinerzeit geadelt hat? Nun, es ist ein Geschäft.
Nichts weiter.

* * *

Daß es auch anders geht, haben zwei Konzerte in Berlin in der ersten
Juni-Woche gezeigt. Zwei Konzerte, die vielleicht unterschiedlicher nicht sein
konnten, die aber mehr gemeinsam haben, als man auf den ersten Blick vermuten
würde. Ich spreche vom Auftritt von Neil Young mit Crazy Horse in der Waldbühne
und vom Klavierabend von Grigorij Sokolov in der Philharmonie.

Bertolt Brecht sagt irgendwo, daß man ohne den Begriff der Schönheit
letztlich nicht auskommen wird. Und ich möchte ergänzen: ohne den altmodischen
Begriff der „Haltung“ wohl ebenso wenig – „sag mir wo du stehst“...

Neil Young und Grigorij Sokolov verkörpern in ihren 60ern genau dies.
Sie machen Musik auf einem ungeheuren Niveau, fernab von dumpfen
Marketingkampagnen der aufmerksamkeits-heischenden Kulturindustrie, fernab vom
„Stahlbad“, das da „Fun“ heißt (wie Adorno mal geschrieben hat). Denken Sie an
all die albernen Kampagnen, die die Klassik-Labels so verzweifelt wie
stumpfsinnig betreiben, wie sie Lackäffchen inszenieren, die sich an den Flügeln
produzieren, wie sie junge Sängerinnen oder Instrumentalistinnen mit einer
vermeintlichen Portion Sexyness versehen und Promobilder veröffentlichen, die
in Softpornos der 80er Jahre eher Berechtigung hätten als auf den Covern von
klassischen Alben. Und dann kommen Sie an einem warmen Juniabend in die
Philharmonie, das Konzert eines alles andere als den herkömmlichen
Schönheitsidealen entsprechenden, älteren Pianisten ist ausverkauft, draußen
versuchen verzweifelte Fans noch an Karten zu kommen. Und was spielt dieser
Pianist? Ein anstrengendes Konzert mit Werken von Schubert und mit Beethovens
Hammerklaviersonate, und das Konzert ist von einer Intensität und Schönheit und
zeugt von einer Haltung und einer Klasse, wie sie all die Kunstprodukte des
aktuellen Klassikzirkus in ihrer ganzen Karriere nicht hervorbringen werden.
Eine glücklich machende Gratwanderung. Ich weiß nicht, ob man den Erfolg von
Sokolov schon als Beginn einer Gegenbewegung bezeichnen kann, als eine
Gegenbewegung gegen all die Hypes und die Trostlosigkeit, die uns die
Musikindustrie gemeinhin vorsetzt. Aber es ist auf jeden Fall ein schönes
Gefühl, zu sehen, daß mehr als zweitausend Menschen es genießen, sich einem
anspruchsvollen dreistündigen Konzert auszusetzen, und glücklich nach Hause
gehen.

All dies kann man auch über den großen Auftritt von Neil Young und Crazy
Horse schreiben. Die Gratwanderung. Die Intensität. Die Schönheit. Die Klasse
einer Musik, die kein Produkt sein will. Musiker mit Haltung, die sich den
Verwertungsprozessen der Kulturindustrie bewußt entziehen und eine Musik
kreieren, wie man sie sonst kaum zu hören bekommt. Musiker, die einem wieder
eine Vision davon verschaffen, wie großartig ROCKmusik doch sein kann, was man
angesichts all der gesichtslosen Magerprodukte, die allüberall hergestellt und
beworben werden, fast schon vergessen hatte.

Kunst beansprucht, wie Dietmar Dath sagt, „keine objektive Gültigkeit. Stattdessen kommuniziert sie eine
Haltung.“

Daran haben Neil Young und Grigorij Sokolov im Juni 2013 in Berlin
eindrucksvoll erinnert.

* * *

Wie den Medien zu entnehmen war, soll Justin Bieber einen Flug ins All
gebucht haben.

Gute Idee. Schickt Justin Bieber auf den Mond! Dann ist der nicht mehr
unbewohnt.

(ich hätte übrigens noch ein paar weitere Vorschläge von Leuten, für
deren Mondfahrt ohne Rückfahrkarte ich mit ner Spendendose oder meinethalben
auch per Crowdfunding sammeln würde...)

* * *

Cem Özdemir, der schwäbische Grünen-Politiker, riet auf seiner
Fressenkladde den „lieben konservativen
Politikern“, doch „vom Rock’n’Roll“
lieber die Finger zu lassen. „Diese
Musik“ stehe „ziemlich für das exakte
Gegenteil Eurer Politik“, meinte er großmäulig den politischen Gegnern
hinter die Ohren schreiben zu müssen, als er las, daß Herr und Frau Wulff
gemeinsam ein Bruce Springsteen-Konzert besucht hatten.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – aber ich halte viel davon, wenn man
das Privatleben von Politikern ignoriert, genauso wie ich mir wünsche, daß mein
Privatleben privat bleibt. Es geht uns nichts an, und ich will damit auch nicht
belästigt werden. In welche Konzerte Herr Wulff und Herr Özdemir mit ihren
Dulcineas gehen, ist mir herzlich wurscht. Wobei ich anmerken möchte, daß es
mir in etwa so unangenehm wäre, in einem Konzert neben Herrn Wulff zu stehen,
wie neben Herrn Özdemir. Denn wer sich derart an eine vermeintliche Zielgruppe
heranwanzt wie der schwäbische Provinzpolitiker, dem will ich nirgends begegnen
müssen. Nicht auf einem Rockkonzert, nicht im Straßencafé, nicht im
Gemüseladen, nirgends.

Als Berliner kann man Politikern nicht so leicht aus dem Weg gehen. Man
begegnet beim Brotkauf oder in der Oper (Wagner!) schon mal Frau Merkel, man
trifft Herrn Ströbele auf dem Fahrrad oder Herrn Schily im Kaffeehaus. Es ist,
wie es ist, man sieht den einen lieber als den anderen, aber solange sie sich
nicht wichtig machen, ist es einfach ein Stück Alltag, um den man kein Gewese
machen muß. Am wenigsten will ich aber intoleranten schwäbischen
Grünen-Politikern begegnen, deren Politik so spießig ist wie die Musik der
schwäbischen Schlagerband „Pur“, die aber verzweifelt Anschluß an Hipsterkreise
suchen – oder an Kreise, die sie für hip halten, die aber letztlich auch nur so
spießig sind wie sie selber. Oder wollen Sie von jemandem regiert werden, der
von Ihnen einen Gesinnungscheck will, bevor er Sie ins Rockkonzert läßt?

Und ansonsten möchte man Cem Özdemir „si tacuisses“ zurufen, denn laut
„Spiegel“ lief am Ende von Versammlungen der „Grünen“, bei denen sich ihre
Spitzen-KandidatInnen der Basis vorstellten, „Sag mal, hast du das gesehn? Das
hat die Welt noch nicht gesehn“ vom unsäglichen Christen-Popper und
Bundeswehr-Bespaßer Xavier Naidoo.

Sie sitzen im Glashaus und werfen mit Steinen. Es klirrt so schön.

* * *

Die Redakteure der „Geld & Mehr“-Seite der „Frankfurter Allgemeinen
Sonntagszeitung“ haben anscheinend frei genommen, jetzt lassen sie mal die
Volontäre ran – die wissen zwar, was sie schreiben sollen, könnens aber nicht
so recht: Unter der Überschrift „Der Dollar wird stärker“ berichtet die FAS am
9.6.2013: „...der Dollar wertete
gegenüber dem Euro auf. Für einen Euro muß jetzt nur noch 1,3216 Dollar gezahlt
werden.“

Während es vor der Aufwertung viel mehr, nämlich zwischen 1,26 und 1,30
Dollar waren...

* * *

Lassen Sie uns diesen Vorgang mal rekapitulieren, damit wirs alle
verstehen.

Der SPD-„Ich will nicht Kanzler werden“-Kandidat Steinbrück entläßt
seinen Sprecher. Das Verhältnis zwischen Steinbrück und seinem Sprecher wurde
unter anderem dadurch belastet, daß der Sprecher ein Interview Steinbrücks mit
der „FAS“ freigegeben hatte, in dem Steinbrück kritisiert hatte, daß Kanzler
gemessen an ihrer Leistung zu wenig verdienten.

Wohlgemerkt, Steinbrück fand anscheinend nicht, daß er wieder mal Mist
geredet hatte, sondern er ärgerte sich über seinen Sprecher, weil der
Steinbrücks Mist freigegeben hatte. Wäre es nicht einfacher, der, der den Mist
produziert hat, würde sich seiner Veranstaltung stellen und selbst
zurücktreten? Damit wäre uns allen geholfen.

Aber nein, Steinbrück entließ seinen Sprecher und nahm sich einen neuen.
Der hat allergrößte Qualifikationen: Er leitete jahrelang das Hauptstadtbüro
der Blödzeitung und arbeitete zuletzt als Lobbyist für einen umstrittenen
Immobilienkonzern. Diesem Konzern, der „Deutschen Annington“, gehören circa
180.000 Wohnungen mit, um es mal so zu sagen, nicht immer zufriedenen Mietern,
von denen sich etliche in Mieterinitiativen zusammengeschlossen haben. Man
wirft der einer britischen Private-Equity-Gesellschaft gehörenden Firma laut
„Telepolis“ unter anderem „eine
übermäßige Renditeerwartung zulasten der Mieter, undurchsichtige
Nebenkostenabrechnungen und einen Kabel-Zwangsumstieg vor“. Steinbrücks
Sprecher, eben noch Immobilienkonzern-Lobbyist, ist sicher die Idealbesetzung,
wenn es darum geht, die angebliche „Wir kämpfen für die Mieter“-Politik der SPD
im Wahlkampf zu verkaufen...

Ebenfalls in sein Inkompetenz-Team berufen hat Steinbrück die ehemalige
Justizministerin Zypries, die Mutter der erst vom Bundesverfassungsgericht
gestoppten Vorratsdatenspeicherung, die ansonsten auch die Auskunftsansprüche
gegen Access-Provider durchsetzte und so Filesharing-Massenabmahnungen
überhaupt erst möglich gemacht hat, wie IT-Fachanwalt Thomas Stadler erklärte.

Ein echtes Albtraumteam hat der Sozialdemokrat da am Start.

* * *

„Im Lauf der Jahre
habe ich ihre (der Musiker, BS) weiteren Eigenschaften kennengelernt. Ehrgeiz
finden sie anstrengend. Leidenschaft ist ihnen peinlich wie ein
Pubertätspickel. Und Eleganz halten sie für einen Tick von Homosexuellen. Das
Problem an Bands sind die Musiker.“

            Kristof
Schreuf in einem herrlichen Text namens „Wie ich Künstler geworden bin“,

            hier: http://kristofschreuf.wordpress.com/2013/06/10/wie-ich-kunstler-geworden...

* * *

„Der Name der
Zukunft: Kultur“ ist der Nachruf auf den großen Schriftsteller und Science-Fiction-Autor
Iain Banks von Dietmar Dath in der „FAZ“ überschrieben.

Wenig Kultur hat allerdings allem Anschein nach die Republik der Dichter
und Denker, denn hierzulande ist beispielsweise eines der wichtigsten Werke von
Iain Banks, „Consider Phlebas“, nicht mehr im Buchhandel erhältlich, was ein
echter Skandal ist.

Banks hatte sich übrigens ein von Kapitalinteressen und
feudalmonarchistischen Rückständen befreites Großbritannien gewünscht, „nach innen antiautoritär sozialistisch,
nach außen tolerant anarchistisch“. R.I.P., Iain Banks!

* * *

Andere Wünsche hat die Abiturientin Alina, 18, laut „Berliner Zeitung“
vom 15.6.2013: Sie will sich „die Nase
richten lassen (...) Die Nase lasse ich mir einen Monat vor Ausbildungsbeginn
machen. Ich will den Höcker wegmachen lassen, allgemein kürzen, vorne kleiner
machen, dünner und feiner und anheben. (...) Ich hatte im März Geburtstag, und
zum 18. kriegen die anderen ein Auto und sowas, und ich wollte eine Nase haben.
Meine Eltern haben mir die Nase versprochen, unter der Bedingung, daß ich ein
gutes Abitur mache, mindestens 2,6. Jetzt freue ich mich schon total.“ Denn
Alina hat „sehr, sehr viel gelernt und
nur von Kaffee und Energydrinks gelebt“ und, hurra!, ihr Abi mit 2,5
geschafft. Einer neuen Nase steht nichts im Weg.

Abitur in Deutschland im Jahr 2013...

* * *

2.000 Euro hat ein Benefiz-Konzert für die Flutopfer in der
Kleingartenanlage Klein Attach in Sachsen-Anhalt eingebracht, etwa 4.500 Euro
wurden von Musikern wie Dirk Zöllner, André Herzberg oder Dirk Michaelis bei
einem Benefizkonzert in der Berliner Kulturbrauerei eingespielt. Alle haben auf
ihr Geld verzichtet: Die Künstler haben umsonst gespielt, die Clubs haben ihre
Säle und das Equipment umsonst zur Verfügung gestellt, das Personal hat umsonst
gearbeitet, damit möglichst viel für die Opfer der Flutkatastrophe übrig
bleibt.

Nur einer hielt die Hand auf und hat abkassiert und dafür gesorgt, daß
weniger Geld an die Flutopfer ausgezahlt werden kann: Das war die GEMA. In
Klein Attach hat die GEMA erst etwa 80 Euro berechnet, dann nach dem Protest
der Beteiligten einen 25%igen „Rabatt“ gewährt. Am Berliner Benefizkonzert wird
sich die GEMA mit ca. 160 Euro bereichern.

Bei der GEMA heißt es auf Anfrage von „Telepolis“, man sei den
Benefiz-Veranstaltern „so weit entgegen
gekommen, wie es gesetzlich möglich war“, leider leider, das sei eben „der gesetzliche Rahmen“, für weitere
Zugeständnisse seien der Verwertungsgesellschaft „die Hände gebunden“.

Was natürlich eine glatte Lüge ist. Denn die Regeln, an die die GEMA
gebunden ist, werden von den in Geheimklausur tagenden Gremien der
Verwertungsgesellschaft ja weitgehend selbst aufgestellt (und dann vom
Patentamt genehmigt). Und würde die Öffentlichkeit oder das Patentamt oder die
Politik die GEMA verklagen, wenn sie im Falle von Benefizkonzerten einmal über
ihren eigenen, großen Schatten springen würde und auf die paar Euro verzichtet?
Oder: wie wäre es denn, wenn die GEMA der Öffentlichkeit mitteilen würde, daß
sie das Problem bei den GEMA-Gebühren von Benefizkonzerten sieht und ihren
Gremien eine Änderung der Bestimmungen vorschlägt? Aber die GEMA läßt nichts
unversucht, ja keine Sympathien bei der Bevölkerung zu gewinnen. Während gerade
bei "Musikmarkt Online" zu lesen war, daß die GEMA eine "neue
Kommunikationsstrategie entwickelt"...

* * *

Auch ein toller Verein ist die staatliche „Initiative Musik“, die
unbeirrt unbekannte Nachwuchspopkünstler fördert, die niemand kennt und die
sonst keine Chance hätten. In der aktuellen 22.Förderrunde der Initiative Musik
wurden u.a. unbekannte Nachwuchskünstler wie Thees Uhlmann (dessen letztes
Album bloß auf Platz 4 der deutschen Charts zu finden war und der locker
fünfstellige Gagen für seine Auftritte kassiert), der österreichische Rapper
RAF 3.0 (dessen Alben es bisher bloß auf Platz 7 der deutschen Charts
schafften) oder die Band Kreidler mit Staatsknete bedacht.

Scheint ein Prinzip des Staatspop á la Initiative Musik zu sein – „wir
scheißen unsere Steuerdukaten prinzipiell nur auf die größten Haufen“...

Ähnlich macht es auch die neugegründete Berliner Popbehörde namens Musicboard
– da werden mit der Gießkanne über 462.000 Euro ausgeschüttet über manche
sinnvolle, aber auch etliche merkwürdige Projekte und solche, die sich
eigentlich auf dem Markt finanzieren sollten – und schließlich finden sich
unter den 19 geförderten Projekten auch solche von wirtschaftlich erfolgreichen
und hochkommerziellen Unternehmen wie die des Rolf Budde Musikverlages oder der
Melt Booking GmbH & Co KG. Lang lebe die Berliner Subventionswirtschaft,
die unter dem Pop-Senat fröhlich Wiederauferstehung feiert!

Staatspop und Senatspop sind oft ein rechter Flop.

* * *

Und während der Berliner Senat seine Gießkanne über erfolgreiche
Unternehmen ausgießt, ist für die „Freie Szene“ weiter wenig zu erwarten. Im
Haushaltsentwurf 2014, den der von der SPD ernannte Finanzsenator dieser Tage
vorlegte, wächst der Kulturetat von 368 auf 396 Millionen Euro. Das zusätzliche
Geld allerdings fließt, wie Birgit Walter gerade in der „Berliner Zeitung“
festgestellt hat, „in die Institutionen,
das meiste in die Opern, dort wiederum in höhere Gehälter“. Nun, nichts
dagegen, wenn angestellte Musiker ordentliche Gehälter bekommen. Nur sollte
dies gleichzeitig auch für die hochprekären Protagonisten der freien Szene
gelten, die oft am Existenzminimum entlanghangeln. Birgit Walter schätzt, daß
den rund 1.900 Künstlern und Kulturarbeitern, die in den Institutionen ein
ordentliches Einkommen erhalten, rund 10.500 Beschäftigte in der freien Szene
gegenüberstehen, „die das künstlerische
Prekariat dieser Stadt bilden“. Für die Freie Szene, die SPD und CDU laut
Koalitionsvertrag ausdrücklich stärken wollten, stehen weiterhin nur 10
Millionen Euro von den knapp 400 Millionen des Kulturhaushalts zur Verfügung.
Und daß dieser Etatposten „gehalten
werden konnte“, wird vom Senat als Erfolg verkauft.

Kulturpolitik, die sie meinen...

* * *

Doch nicht nur der Staat läßt die freien und selbständigen Künstler
darben und verelenden.

Auch das Vereinsorgan des liberalen, wohlhabenden Bürgertums und der
Studienräte, die „Zeit“, dreht kräftig an der nach unten weisenden
Honorarschraube.

Wie Silke Burmeister in einem „taz“-Interview mit dem Geschäftsführer
des Zeit-Verlages, Rainer Esser, feststellte, berichtet die Zeit „häufig über Themen wie Fair Trade oder
Generation Praktikum. Die Bedingungen aber, unter denen die Zeit entsteht,
stehen dazu im Gegensatz“, die Honorare, die die „Zeit“ an freie Autoren
zahle, seien sehr gering, und während die Zeit bei 154 Millionen Jahresumsatz
eine Menge Gewinn mache, würden Honorare für freie Autoren drastisch gesenkt
oder für Zweitverwertungen nur minimale Honorare gezahlt. Es ging um die höchst
lukrativen Nebengeschäfte der „Zeit“ und im Kern um die Frage, ob es angesichts
der blendenden wirtschaftlichen Verfassung der „Zeit“ nicht angemessen wäre, die
Freien Mitarbeiter besser zu bezahlen.

Und wie reagiert der Verlagschef der „Zeit“? Er kanzelt die Journalistin
hochnäsig ab und tritt später nach, indem er im Internet Burmeisters Honorare
veröffentlicht.

Den ganzen Vorgang können Sie bei Stefan Niggemeier nachlesen:

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/das-revanchefoul-des-zeit-geschaeft...

„Für ›Die Zeit‹ zu
arbeiten, macht sehr viel Freude.“ (Rainer Esser)

* * *

Sony-Chef Ginthör erklärt uns in der „Musikwoche“ die Welt:

„Weitere Maßnahmen
des Gesetzgebers zum Schutz der Kreativen und ein gesamtgesellschaftliches
Bewußtsein für den Wert kreativer Inhalte sind geboten (...) Kommerzielle
Anbieter von illegalen Downloads verdienen unter anderem durch Werbung
unrechtmäßig viel Geld.“

Aha.

* * *

„Change Is Inevitable.“ (Disclosure)

* * *

Leistungsschutzrecht? Anti-Google-Gesetz? War da was?

Jetzt jedenfalls hat Google die Zeitungsverleger aufgefordert, sich zu
entscheiden, ob ihre Inhalte weiter unentgeltlich auf „Google News“ erscheinen
sollen oder ab August, wenn das Leistungsschutzrecht in Kraft tritt, aus Google
News verschwinden sollen.

Und was passiert? „Zeit Online“, „Süddeutsche.de“, „Spiegel Online“ und
andere werden das Angebot annehmen oder prüfen es derzeit wohlwollend. Bisher
hat sich laut „FAZ“ noch kein deutscher Zeitungsverlag ablehnend geäußert.

„Mit dem Leistungsschutzrecht
wollten die Verlage Google eigentlich dazu bringen, ihnen Geld zu zahlen“, schreibt die
„FAZ“. War wohl nichts. „Mit dem weltweit
einzigartigen Leistungsschutzrecht dürften sich die Verleger selbst ins Knie
geschossen haben, denn der eigentliche Wunsch, an dem Dienst mitzuverdienen,
ist damit passé“, kommentiert Markus Kompa auf „Telepolis“.

Wahrscheinlich verliert der Axel-Springer-Verlag, der quasi die Rolle
des Chef-Lobbyisten für das neue Leistungsschutzrecht spielte, jetzt zunehmend
an Einfluß – was das Schlechteste ja nicht wäre. „Welt“ und „Bild“ haben sich
ja schon hinter Paywalls versteckt...

* * *

„I think one of the most
difficult aspects of modern culture is knowing how edit or eliminate all the
crap in order to get to the good stuff.“ (The Residents im Interview mit „Jungle
World“, erscheint dieser Tage)

21.07.2013

Judith & Tina sind Buddhistinnen

Was haben Judith Holofernes, die Sängerin von „Wir sind Helden“, und
Tina Turner gemeinsam? Beide haben nach buddhistischem Ritus geheiratet.

21.07.2013

Dieter Raider heißt jetzt Twix Max Mohr

Und was haben der Schokoriegel Raider und der öffentlich-rechtliche
Moderationstexte-Aufsager Dieter Mohr gemeinsam? Beiden gefiel ihr Name nicht
mehr.

Bei Raider, der 1976 in Deutschland und Österreich auf den Markt kam,
entschied das der Lebensmittelkonzern Mars Inc. bereits 1991. Der Schokoriegel,
zu dessen Inhaltsstoffen Zucker, Glukosesirup, Magermilchpulver,
Butterreinfett, Molkenpulver, Emulgator (Sojalecithin), Backtriebmittel und
Aroma gehören, heißt seitdem Twix.

Dieter Mohr, der 1958 auf die Welt kam, entschied 2013, im Alter von 54
Jahren, daß ihm sein Name nicht mehr gefällt, und erklärte seinen Namenswechsel
von Dieter zu Max damit, es sei „Zeit
sich zu emanzipieren“ und „zu ändern,
was die Altvorderen bestimmt haben“. Er wolle jetzt „abschaffen, was mich seit 50 Jahren stört: Meinen Vornamen. Ab sofort
und endlich erkläre ich mich selbst zum Max.“

Auch für Dieter Max Mohr, zu dessen Inhaltsstoffen eine substantielle
Drögheit und pseudo-originelle, betuliche Erklärungen („Die Schweiz war das
Afghanistan Europas“) gehören, gilt der Spruch „Raider heißt jetzt Twix...sonst
ändert sich nix.“ Leider.

21.07.2013

Wagenknecht und Ausländerfeindlichkeit

Immer mal wieder verraten sich Funktionäre der Partei der „Die Linken“
und zeigen, wes rechten Geistes Kind sie im Grunde sind. Wer erinnert sich
nicht an die fremdenfeindlichen Töne von Oskar Lafontaine im
Bundestagswahlkampf 2005: „Der
Staat ist verpflichtet, seine Bürgerinnen und
Bürger zu schützen. Er ist verpflichtet zu verhindern, dass Familienväter und
Frauen arbeitslos werden, weil Fremdarbeiter zu niedrigen Löhnen ihnen die
Arbeitsplätze wegnehmen.“

Seine Lebensgefährtin Sahra Wagenknecht tut es ihm jetzt gleich und
spielt ebenfalls die nationalistische und ausländerfeindliche Karte: Die
stellvertretende Parteivorsitzende der „Linken“ fordert, bei der Jobvergabe „zuerst an Jugendliche in Deutschland zu
denken“. Im Interview mit Springers „Welt“ forderte Wagenknecht, bevor
„Talente aus anderen Ländern“ abgeworben würden, müsse eine
Ausbildungsoffensive in Deutschland starten, und fügte hinzu, Röslers Einladung
an arbeitslose Jugendliche aus südeuropäischen Ländern, eine Ausbildung in
Deutschland zu machen, sei „eine Ohrfeige
für Hunderttausende junge Menschen, die in Deutschland leben und von denen
viele nie eine Chance bekommen haben“.

Deutsche Arbeits- und Ausbildungsplätze sollen gefälligst nur Deutschen
zugute kommen, sollen die Opfer deutscher Austeritätspolitik in Südeuropa doch
selbst sehen, wo sie bleiben!

„Der ganze ‚linke’
Lärm befindet sich innerhalb der gegenwärtigen Logik der Herrschaft.“

(Alain Badiou)

21.07.2013

Gartenzwerge und DDR

Es war nur ein kleiner Absatz in einem Artikel im Feuilleton der
„Berliner Zeitung“ am 17.Juli 2013, aber ich meine, hier auf eine große
Weisheit gestoßen zu sein: die definitive Erklärung zum Untergang der DDR
nämlich.

Es lag nicht am wirtschaftlichen Niedergang, an der fehlenden Reisefreiheit
und schon gar nicht an der sogenannten „Revolution“ der Bürger von Leipzig.
Nein, der Untergang der DDR war dem Staat sozusagen schon 1958 in den Genen eingeschrieben worden (wenn man mal so tun will, als ob Staaten Gene haben). Damals nämlich sagte der SED-Chefideologe Alfred Kurella
laut „Berliner Zeitung“, „Gartenzwerge
würden an die Märchenwelt anknüpfen und den Aufbau des Sozialismus nicht
stören.“

Da haben Sie’s! Ein Staat, der findet, daß seinem Aufbau Gartenzwerge
nicht im Weg stehen, ist automatisch dem Niedergang geweiht.

Was das nun für den Gartenzwerg-Staat BRD heißt, in dem Gartenzwerge in
den Vorgärten seiner Bürger gewissermaßen konstitutiv sind? Tschah, Sie werden
sehen...

21.07.2013

Snowden und Datenschutz und Politik

Die meisten werden diese berühmte Zeile aus Patti Smith’s „Gloria“
kennen:

„Jesus died for
somebody’s sins but not mine.“

Man kann das auf T-Shirts tragen, und wann immer Patti Smith auf ihren
Konzerten „Gloria“ singt (oder sollte man nicht besser sagen: performed?), gehört
das zu den Höhepunkten der Show. Bei ihren Deutschland-Konzerten im Juli
buchstabierte Patti Smith jedoch aus guten Gründen einen anderen Namen, nicht
mehr das legendäre G-L-O-R-I-A:

„And I said
darling, tell me your name, she told me her name
She whispered to me, she told me her name
And her name is, and her name is, and her name is, and her name is...

And the tower
bells chime, 'ding dong' they chime
They're singing, 'jesus died for somebody's sins but not mine.':

S – N – O – W –
D – E – N!“

Und ansonsten – geht es Ihnen auch so wie mir? Man will die ganzen
Einzelheiten um den Überwachungsskandal gar nicht mehr weiter verfolgen, weil
die Grundlinien längst klar sind: Wir leben in Überwachungsstaaten, egal ob in
den USA oder in der BRD, wir Bürger stehen generell „unter Verdacht“ (was dann
wieder eine Gemeinsamkeit zum sogenannten „Biedermeier“ ist, zu Metternichs
Spitzelstaat). Die Geheimdienste drehen frei und tun, was sie wollen (nur von
Nazis systematisch begangene Morde ignorieren sie eher). Die herrschende
Narration von Merkel und dieser Witzfigur, die wir uns als Innenminister
leisten, lautet: „Alles nicht so schlimm! Wenn
die USA uns und die deutsche Wirtschaft systematisch bespitzeln würden, wäre das ein Skandal.“ Leben im
Konjunktiv – das, was Snowden aufgeklärt hat, das, was Guardian oder Spiegel
veröffentlicht haben, wird systematisch wegignoriert, es kann ja schließlich
nicht sein, was nicht sein darf. Und das gigantische Bespitzelungsprogramm der
USA dient schließlich dem „edlen Zweck, Menschenleben in Deutschland zu retten“
(Friedrich). Aha.

Hier jedenfalls noch ein paar Schnipsel zum Thema aus den letzten
Wochen:

„Eine der Fragen,
die Menschen wie Bradley Manning und Edward Snowden stellen, lautet: Was ist
wichtiger – die Wahrheit oder die Nation? Der unkontrollierten Macht im Inneren
der Macht ist beides egal. Ihre stärkste und einzige Waffe ist Geheimhaltung.“

(Peter Glaser in „Edward mit den Sharing-Händen“, Berliner Zeitung) –

Außenminister
Guido Westerwelle (FDP) sprach sich gegen die Aufnahme Snowdens aus, er verwies
darauf, daß die USA "enge
Verbündete", "Freunde"
und ein "Rechtsstaat mit
unabhängiger Justiz" seien. Außerdem würden sich sowieso die "dunklen Wolken der Abhöraffäre wieder
vom Himmel verziehen". –

100 Millionen Euro
soll der BND für ein Technikaufwuchsprogramm bekommen, um das Internet
besser zu überwachen – „natürlich müssen
auch unsere Nachrichtendienste im Internet präsent sein"
(Bundesinnenminister Friedrich). „Es kann
ja nicht sein," so der Minister, „daß
die Verbrecher technologisch aufrüsten, immer effizienter das Netz nutzen - und
wir als Staat dem nichts entgegensetzen können." Man müsse dafür Sorge
tragen, „daß wir Kontrollverluste über
die Kommunikation von Kriminellen durch neue rechtliche und technologische
Mittel ausgleichen" (laut „Telepolis“). Natürlich kann man von einem
deutschen Innenminister nicht erwarten, daß er die Verfassung kennt – danach
ist für die Verbrechensbekämpfung nämlich immer noch die Polizei zuständig,
nicht der BND... –

Doch auch die SPD,
die sich aktuell und aus Wahlkampfgründen gegen die Überwachung der Bürger
ausspricht, ist eigentlich für mehr Überwachung, sie forderte ebenfalls den „Ausbau der Internetüberwachung“
(Stern.de), ihr innenpolitischer Sprecher, Michael Hartmann, geht konform mit
CSU-Innenminister Friedrich: „Deutschland
hat einen gewaltigen Nachholbedarf in der Internetüberwachung." Gegenüber
der "Berliner Zeitung" erklärte Hartmann, es sei wichtig, „Geld in die Hand zu nehmen, damit der BND
auf die Höhe der Zeit kommt." –

„Müssen wir uns mit dieser Monstrosität nun
abfinden, weil es eine Art Naturgesetz sein soll, daß die Geheimdienste eben
machen, was technisch geht? Aus den verwanzten europäischen Gremien ist
jedenfalls Hilfe kaum zu erwarten.“ (Constanze Kurz, „FAZ“). –

Einer Analyse von
„Daten-Speicherung.de“ zufolge liegt die Beteiligungsquote der SPD an
„verfassungswidrigen Überwachungsgesetzen“ bei 78 Prozent. Auf Platz 2 folgen
CDU/CSU mit 67 Prozent, auf Platz 3 die Grünen mit 44 Prozent (laut
„Telepolis“). –

Der
SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz erklärte zum Asylantrag des
Whistleblowers Edward Snowden: „Ich kann
nicht erkennen, dass der Mann politisch verfolgt wird." –

„’Tagesspiegel’-Kolumnist Harald Martenstein
verschmolz Faktenaversion mit sensationell selbstgerechter Onkeligkeit und
schrieb: ‚Die Amerikaner tun also nichts, was Tausende Deutsche in ihrer
Familie nicht auch tun: Sie spionieren.’ Als wären Privatpersonen und Staaten
auch nur ironisch vergleichbar.“ (Sascha Lobo auf SPON).

„Es geht bei diesem Grundrechte-Skandal nicht um
konservative oder progressive Einstellungen und auch nicht mehr um die Abwägung
zwischen Sicherheit und Freiheit. Die ausufernde Spionagemaschinerie ist keine
Krise des Internets, sondern eine Krise der Demokratie, die sich am Internet
entzündet hat. Ein international vernetzter Überwachungsapparat ignoriert die
Maßstäbe der Demokratie. (...)

Es geht um die Frage, ab welchem Punkt sich ein
Rechtsstaat durch systematische, heimliche Überwachung selbst pervertiert. Die
Antwort darauf ist nicht trivial. Aber wer diese Frage angesichts der
Enthüllungen durch Edward Snowden gar nicht erst diskutieren möchte, weiß
entweder nicht, wie tief die digitale Vernetzung bereits in das Leben
ausnahmslos aller Menschen eingreift. Oder er verhält sich antidemokratisch,
indem er ohne umfassende Kenntnis der Vorgänge und Technologien vorauseilend
Unbedenklichkeitsbescheinigungen ausstellt.“ (Sascha Lobo, SPON) –

Selbst sein
eigenes Ministerium muß den Innenminister korrigieren, um ihm aus der Patsche
zu helfen. In einer Pressekonferenz hatte Friedrich nach seiner Rückkehr aus
den USA behauptet, daß die NSA-Spähprogramme weltweit 45 Anschläge - und fünf
davon in Deutschland - verhindert hätten. Nur zwei Tage später mußte ein
Sprecher des Innenministeriums die Darstellung des Ministers widerrufen. Als
Journalisten darauf drängten, mehr über die vereitelten Anschläge außer bloßen
Ziffern zu erfahren, stellte sich heraus, daß der Begriff "Anschlag"
irreführend ist: „Auf der
Regierungspressekonferenz am Montag schien nun durch, dass offenbar nicht
ausschließlich konkrete Anschläge verhindert, sondern teilweise auch nur
'Überlegungen' dazu durchkreuzt wurden." Wie konkret die
"Überlegungen" waren, ob sie sich in Anschlagplänen äußerten, wie
weit fortgeschritten sie waren, darüber verweigerte das Innenministerium nun
ein Festlegung - es könne auch ein „sehr
frühes Stadium gewesen sein", zitiert die
SZ. „Was dem hinzugefügt wird, entkernt
die Behauptung Friedrichs völlig und stellt sie als potemkinsche Fassade aus“,
stellt „Telepolis“ fest und zitiert den Sprecher des Innenministeriums: „Zu sagen, dass wir hier vor fünf konkreten
Terroranschlägen standen, das wäre jetzt sicherlich die falsche
Botschaft." –

Der
CSU-Innenminister, der einen Eid darauf geschworen hat, die Verfassung zu
schützen (wobei wir natürlich wissen, was die Eide von CSU-Innenministern wert
sind, denken Sie an Old Schwurhand Zimmermann...), erklärt der verblüfften
Welt, es gebe ein „Supergrundrecht
Sicherheit“. Blöd nur, daß so ein Grundrecht Sicherheit im deutschen
Grundgesetz nicht zu finden ist, weder als „Grundrecht“, noch als
„Supergrundrecht“. Eine glatte Lüge des Innenministers also. Im Grundgesetz
könnte man dagegen, wenn man nur wöllte, ein Grundrecht auf den Schutz des Fernmeldegeheimnisses
oder auf den Schutz der Privatsphäre oder den Schutz der Menschenwürde finden.
Aber davon hat der Superinnenminister sicher noch nie etwas gehört.

Dafür findet
Friedrich, die Bürger sollten selbst für den Datenschutz sorgen. Nehmen wir den
Innenminister beim Wort und sorgen selbst für Aktion: Jagen wir den
Superinnenminister aus dem Amt. Natürlich nicht, ohne vorher für ausreichend Teer
und Federn gesorgt zu haben... –

Aus einem
Interview mit der US-Juristin Marjorie Cohn (Juraprofessorin in San Diego und
etliche Jahre Vorsitzende des Juristenverbands National Lawyers Guild) auf
„Telepolis“ (Hervorhebungen von mir): „Frau
Cohn, die Regierung von US-Präsident Barack Obama setzt derzeit alles daran,
des Geheimdienst-Enthüllers Edward Snowden habhaft zu werden. Was hätte Snowden
im Fall einer Auslieferung aus Russland an die USA zu erwarten?

Marjorie Cohn: In den USA würde Snowden wohl andauernde Einzelhaft
drohen. Zumindest läßt der Fall des Militärs Bradley Manning darauf schließen. Das Problem bei dieser Einzelhaft ist, daß
sie Folter gleichkommt, weil sie früher oder später zu Halluzinationen,
Katatonie und sogar Suizid führen kann. Für
Snowden wäre es sehr schwer, einen fairen Prozess zu bekommen, wenn man das
politische Klima betrachtet, das die Obama-Regierung in Bezug auf Whistleblower
geschaffen hat.

Frage: Nach der Flucht Snowdens aus den USA hat es
von US-Seite zahlreiche Drohungen gegen China und Russland gegeben, die dem
30-Jährigen geholfen haben. Wie bewerten Sie diese Politik der US-Führung?

Marjorie Cohn: Nach Ansicht von Michael Ratner, dem Anwalt von
Wikileaks- Mitbegründer Julian Assange, übt die Obama-Regierung massiven Druck
auf Staaten weltweit aus, um eine Auslieferung Snowdens zu erreichen. Er soll
um jeden Preis wieder in den Zugriffsbereich der USA gelangen. (...)
Außenminister John Kerry hat Russland aufgefordert, "das Richtige zu
tun", also Snowden die Ausreise zu verweigern und ihn an die USA zur
Strafverfolgung auszuliefern. Dies sei wichtig vor dem Hintergrund der Beziehungen
zwischen Washington und Moskau, dem geltenden Recht und seiner Standards. Das
alles hat ein Ziel: Die US-Regierung
will möglichen Nachahmern die klare Botschaft zukommen lassen, dass die etwaige
Weitergabe geheimer Daten schreckliche Konsequenzen für weitere Whistleblower
haben würde. Schon jetzt geht die
Obama-Regierung auf eine beispiellose Weise gegen Geheimnis-Enthüller vor. Sie hat gegen acht Personen Anklage auf
Basis des Spionage-Gesetzes erlassen. Das sind doppelt so viele entsprechende
Anklagen unter dieser Regierung als unter allen Regierungen zuvor
zusammengenommen.“ –

Angela
Merkel und ihre Minister wollen erst aus der Presse von den Spähprogrammen der
US-Regierung erfahren haben. Doch nach Informationen des SPIEGEL nutzen
deutsche Geheimdienste eines der ergiebigsten NSA-Werkzeuge selbst. –

„Die Strategie der Koalition, sich im Zuge
des NAS-Skandals extra doof zu stellen... (...) Was gilt dort („auf
deutschem Boden“, BS)? Einstweilen
Anarchie. Deutsches Recht gilt auch nicht bei Facebook, denn das wohnt in
Irland. So als wären das ferne Gestade, Neuland oder Taka-Tuka-Land, mit denen
uns kein Abkommen und keine EU verbindet. Und es gilt auch nicht in Wiesbaden,
jedenfalls nicht auf dem schicken neuen Stützpunkt der Amerikaner, denn der gehört
ja denen. Was gilt dort? Was ganz anderes.

Merkel und Friedrich suggerieren den
Bürgern, die sie für Kinder halten, eine fragmentierte und letztlich vormoderne
Welt. In manchen Winkeln unserer großen Welt toben wilde Kerle, gegen die man
nichts tun kann. (...) Nur in Merkels kleiner Republik ist man geborgen.“
(FAZ)

21.07.2013

Günter Anders

„Nicht nur gilt: ‚Die
Welt wird ins Haus geliefert’, sondern auch: ‚Das Haus wird der Welt
ausgeliefert’.“          Günther Anders (1958)

21.07.2013

Democracy

„Die Klientel, für
die Schwarz-Gelb regiert, ist politisiert, organisiert und haut mächtig auf die
Pauke. Man kennt seine Interessen. Unternehmensverbände, neoliberale
Think-Tanks, konservative Meinungseliten (...)

Zwei Drittel bis
drei Viertel der Gesellschaft sind spätestens nach der Finanzkrise für einen
gesetzlichen Mindestlohn, regulierte Banken, höhere Steuern für
Besserverdienende und große Vermögen, mehr Frauen in Führungspositionen, mehr
Geld für Kitas, Schulen und Universitäten. Schon länger lehnen sie Atomenergie
ab und wollen Klimaschutz und gleiche Rechte für Schwule und Lesben. Die
ideologische Hegemonie des Neoliberalismus ist vorbei. Doch eine klare Mehrheit
der linken Mitte in der Gesellschaft führt nicht automatisch zu einer
politischen Mehrheit im Bundestag und Bundesrat.“

Jürgen Trittin im „Spiegel“

Gut gebrüllt. Nun könnte man sich, erstens, die Frage stellen, warum das
so ist, daß in unserer Demokratie die BürgerInnen nicht das bekommen, was sie
wollen. Interessante Frage. Schon Rousseau schlägt sich mit dem Problem der
repräsentativen Demokratie herum und der Frage, warum der „Gemeinwille“ ausgerechnet
in Form einer numerischen Mehrheit erscheinen soll. Und das war im ausgehenden
18.Jahrhundert – während wir aktuell eher von „einer ‚Demokratie’ der Prokuristen des Kapitals“ sprechen sollten,
„die inegalitär und repräsentativ ist“
(Alain Badiou). „Unser System läßt sich
nicht mehr als Demokratie bezeichnen. Es handelt sich längst um eine
Plutokratie. (...) Die Funktion der Masse in einer Demokratie ist die des
Zuschauers, nicht des Partizierenden.“ (Noam Chomsky, „FAZ“).

Und zweitens könnte man Herrn Trittin natürlich fragen, was sein Beitrag
und der seiner Partei war, um der Ideologie des Neoliberalismus im
Regierungshandeln hierzulande Tür und Tor zu öffnen. Wer hat denn Hartz 4
eingeführt? Wer hat die Deregulierung der Banken, das ungehemmte Agieren des
Finanzsektors durch Regierungshandeln ermöglicht? Wer hat Leiharbeit und
Minilöhne gefördert? Wer hat die Besteuerung der Besserverdienenden und der
großen Vermögen so stark gesenkt, wie es Helmut Kohl nie gewagt hätte? Da war
doch was, oder? Es war nun mal die rot-grüne Bundesregierung, die all das
ermöglicht hat, wogegen die rot-grünen WahlkämpferInnen sich jetzt mal mehr,
mal weniger gekonnt in Position bringen.

„Im Übrigen bin
ich skeptisch, was die Einführung eines gesetzlichen flächendeckenden
Mindestlohns angeht. Ich sehe einfach nicht, wie der funktionieren soll.“ (Peter
Steinbrück, Kämpfer für den gesetzlichen Mindestlohn, im Frühjahr 2005)

21.07.2013

Strompreise

Die Strompreise werden 2014 deutlich steigen, wahrscheinlich werden wir
Verbraucher mit einem Aufschlag von etwa zehn Prozent leben müssen.

Allerdings: Der Anstieg der Strompreise ließe sich begrenzen, wenn
Vergünstigungen für die Industrie wegfielen, wenn die Bundesregierung also die
liebgewonnenen Privilegien für die Konzerne streichen würde. Für etwa 1.700
Firmen gibt es laut einer Studie des Öko-Instituts eine höchst umstrittene
Befreiung von der EEG-Umlage, die jedes Jahr neu berechnet wird und mit der die
Stromkunden Erneuerbare Energien fördern. „Die Stromkunden“? Nun ja, Sie als
Verbraucher natürlich, und all die kleinen und mittleren Firmen – nicht aber
die Großverbraucher. Geflügelmäster oder regionale Käsehersteller zum Beispiel.
Und es liegen Befreiungsanträge von 3.000 weiteren Firmen vor, von Aldi, von
Golfplätzen, vom Braunkohle-Bergbau. Deren fehlende Umlagen Sie mitfinanzieren
müssen, so will es die lobby-treue Bundesregierung.

21.07.2013

Isnogood

Der Kandidat Isnogood von der traurigen Gestalt, der so verzweifelt
nicht Kanzler werden will statt der Kanzlerin, im Fragebogen der „FAS“:

„Welche Fragen bei
‚Wer wird Millionär’ finden Sie schwieriger: die ersten oder die letzten vier?“

Steinbrück: „Ich habe die Sendung
noch nie gesehen.“

„Welches
Orchesterinstrument würden Sie gerne spielen?“

Steinbrück: „Klavier oder
Schlagzeug.“

„Haben Sie etwas
von Rainald Goetz gelesen?“

Steinbrück: „Ich weiß gar nicht,
wer das ist.“

21.07.2013

Rheinischer Kapitalismus

Rheinischer Kapitalismus:

„Germans don’t
work such long hours as you might think. The average German works 1.413 hours a
year – that’s almost 400 hours less than wage earners in the US.“

(in Monocle #61)

21.07.2013

ZMF Berlin

Wieder einmal stirbt ein wichtiger Veranstaltungsort in Berlins Mitte:
das legendäre ZMF („Zur Möbelfabrik“), das nicht nur ein toller Tanzclub,
sondern auch ein Raum für Kunst, Theater und Performance war. Das Kulturzentrum
muß zum 30.Juni schließen, weil der Eigentümer des Gebäudes Eigenanspruch
angemeldet hat und über dem Club sein Penthouse errichten will.

„Es geht um die
Einstellung: Wenn man immer nur das macht, was innerhalb jeder Grenze bleibt,
was legal ist, nicht zu laut, entspannt, nicht zu groß und so weiter: Wie soll
das was Besonderes werden? (...) Es ist doch bemerkenswert: Hier gibt es eine
Subkultur, die viele Menschen in der Stadt, ja sogar in der ganzen Welt
interessiert. Und trotzdem hat sie keine starke Lobby. Ich würde mir wünschen,
daß jemand mal sagt: Man kann das im Zweifelsfall auch mal laufen lassen. Ich
glaube, daß eine Stadt, die lebendig sein will, voller Widersprüche sein muß.“

ZMF-Betreiber Maarten de Jonge im Interview mit der „Berliner Zeitung“

30.05.2013

Und Ansonsten 06/2013

Und, haben Sie schon das großartige Album des Rappers Ghostface Killah
gehört? Dessen wie immer hinreißende Musik kann auch zu ganz anderen Gedanken
verleiten, etwa zu denen, die ausgerechnet die konservative „FAS“ so
formulierte: „Wenn man mit diesen samtigen
Aus-einem-Guß-Soulchören auf dem Ohr durch die Stadt läuft, dann überlegt man
sich das doch noch mal ganz genau mit dem gesetzestreuen Leben.“

Ich weiß nicht, wie gesetzestreu Sie Ihr Leben so führen, ich glaube
aber, daß Ghostface Killah sich unter einem nicht gesetzestreuen Leben etwas
anderes vorstellt als sagen wir Uli Hoeneß, der angeblich mit seinen an der
Steuer vorbeigeschleusten Millionen, die er sich irgendwie von Adidas
ausgeliehen hat, an der Börse zockte. Hoeneß macht ja ansonsten Werbung für
McDonalds, während Herr Killah eher zu Burger King geht, was ich genau weiß,
denn ich selbst war mal mit Ghostface Killah in einem Burger King essen. Und
das kam so:

Der Wu-Tang Clan war, ich würde sagen Ende der 90er Jahre, auf
Europatournee, und neben den einschlägigen Festivals wie Roskilde und den
üblichen Großstadtkonzerten war auch ein Konzert in Offenbach of all places
angesetzt, zu dem ich mit einem Kumpel ging.

Wir hatten uns das so ausgedacht: wir fahren mit dem Zug nach Offenbach,
treffen uns dort, laufen zur Halle und gehen dort in der Nähe, bis das Konzert
beginnt, etwas Essen und Trinken. Und so trafen wir uns am Offenbacher Bahnhof
und liefen zur Konzerthalle. Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal in Offenbach
waren. Ich kann Ihnen jedenfalls versichern, daß Offenbach zumindest auf dem
etwa halbstündigen Weg zwischen Bahnhof und Konzerthalle eine Stimmung
verbreitet, die mit „Tristesse pur“ sozusagen euphorisch beschrieben wäre. Wir
kamen also an einem grauen Tag an der Halle an, wo Tausende junge Menschen
rumstanden und warteten. Um die Halle herum: Nichts, nur Wohnblocks. Keine
Kneipe, nirgends. Nur: eine Tankstelle (wenn ich mich richtig erinnere), und
ein Burger King. Nach einiger Zeit Rumlungern entschieden wir uns dafür,
mangels Alternativen ins Burger King zu gehen, und reihten uns in die Schlange
ein, die vom Eingang bis zur Verkaufstheke reichte. Plötzlich Gekreische und
Blitzlichtgewitter. Wir wußten, das konnte nicht uns gelten. Aber wem dann?
Ganz offensichtlich dem jungen Schwarzen, der direkt vor uns in der Schlange
stand. Und der einer der Rapper des Wu-Tang-Clans zu sein schien.

Nun weiß ich nicht, wie Ihnen das mit dem Erkennen von sogenannten
Promis geht. Ich bin da jedenfalls völlig ungeeignet. Man hat mir schon mal
Michael Stipe backstage vorgestellt, „Berthold, you know Michael?“, und mir
ging erst gefühlte fünf Minuten später auf, daß ich da mit dem REM-Sänger
plauderte. Und als in einem anderen Backstage mal direkt vor meiner Nase Bob
Dylan vorbeischlurfte, hab ich ihn auch nicht erkannt. Also... Jedenfalls waren
die einzelnen Rapper des Wu-Tang Clans jenseits von RZA, Ol’ Dirty Bastard und
Method Man damals noch nicht soo bekannt, und die Plattenfirma verteilte
deswegen draußen vor der Halle Drehscheiben, mit dem man die einzelnen
Gesichter und die dazugehörigen Namen recherchieren konnte. Und dann wußten
wir, daß es zweifelsfrei Ghostface Killah war, der in der Schlange im Burger
King direkt vor uns stand und sich mit Victory-Pose von den kreischenden
Jungmenschen fotografieren ließ, relativ gelassen wartete, bis er seinen Fraß
bestellen konnte, uns kurz anlächelte und mit einer Tüte voll Fast Food in dem
neben der Halle geparkten Tourbus verschwand.

So war das also, als ich mal mit Herrn Ghostface Killah im Burger King
zu Offenbach war.

Das Konzert war, als es dann endlich mit mehrstündiger Verspätung
losging, leider nicht besonders, wie so oft bei Rap-Gruppen, deren Alben man
liebt, live ists dann eben nicht selten eine Enttäuschung (wie unlängst in
Berlin zum Beispiel auch Kendrick Lamar – während Chance The Rapper in Austin
eine Offenbarung war btw). Aber ich hatte immerhin eine kleine Geschichte, mit
der ich meine Tochter beeindrucken konnte.

* * * 

Eine deutsche Szene im Mai 2013:

Die Musikgruppe „Rammstein“ tritt an zwei Abenden im 1939 von den Nazis
feierlich eröffneten Heizkraftwerk von Wolfsburg auf, das mittlerweile das vom
von den Nazis gegründeten Automobilkonzern „Volkswagen“ gesponserte „werkseigene“ („Welt“)
Moviementos-Festival beherbergt.

Laut „Welt“ legt vor Rammsteins Auftritt ein DJ auf, „er mischt die Rockhymnen mit schlimmer
Tanzmusik und läßt dazu Bilder aus Videos laufen – auch die Ausschnitte aus
Leni Riefenstahls Olympia-Film, mit denen Rammstein sich Mitte der Neunziger in
Stellung brachten“.

Rammstein wandeln ihren Songtext dem veranstaltenden Automobilkonzern
zuliebe ab und singen statt von einem Mercedes von einem VW: „VW Passat und Autobahn / Alleine in das
Ausland fahren / Reise, Reise, Fahrvergnügen.“

Und die Kreativdirektorin der „Autostadt“, Maria Schneider, würdigt laut
„Welt“ Rammstein für ihre „deutsche
Wertarbeit“: „Hier zeigt sich der
Gestaltungswillen in seiner furchtlosesten und furiosesten Form, irgendwo
zwischen Wagner und Wernher von Braun.“ 

* * *

Man würde ja gerne mal wissen, wer genau die alte Tante „Zeit“ liest,
dieses Vereinsblatt der deutschen Mittelschichts-Spießer. Klar, auch in der
„Zeit“ gibt es immer mal wieder einen Lichtblick, einen brauchbaren Artikel.
Aber die Grundposition der „Zeit“ gegenüber der modernen Welt, dieses ständige
Hinweisen auf die Gefährlichkeit des bösen Internet, dürfte für Menschen mit
ein bißchen Restgrips nur schwer erträglich sein. Manchmal jedoch wird diese
Grundposition einfach nur ekelerregend – wenn die „Zeit“ zum Beispiel ausgerechnet
in der Woche, in der endlich der Prozeß gegen die NSU-Terroristen beginnt,
nichts Dämlicheres zu schreiben hat wie: „Der
bevorzugte Ort des Hasses ist das Internet.“

Vielleicht sollte sich die „gutbürgerliche“ Zeit mal fragen, was
Immigranten, die einer neonazistischen Mordserie unter detaillierter
Beobachtung bundesdeutscher Geheimdienste und unter kompletter Ignoranz von
Politik und Medien ausgesetzt waren, von dieser These des „bevorzugten Ortes
des Hasses“ halten.

Wie Harald Staun in der „FAS“ beobachtet, will die „Zeit“ dagegen „ausgerechnet am Fall Hoeneß einen
‚Kipppunkt’ im ‚Umgang der Gesellschaft mit Skandalen’ erkennen, ein
‚Bewußtsein dafür, daß es so nicht weitergehen kann’.“

* * *

Ich habe die Düsseldorfer „Tannhäuser“-Inszenierung nicht gesehen, kann
also nichts zur Ästhetik dieser Inszenierung sagen. Was ich aber sagen kann,
ist, daß es ein Skandal ist, wenn eine Inszenierung nach nur einer Vorstellung
abgesetzt, also zensiert wird, wie es der Intendant der Düsseldorfer Oper, Christoph
Meyer, nun getan hat, der alle weiteren Aufführungen aufgrund von einzelnen
Zuschauerprotesten gekippt hat. Entscheidend, so Meyer, sei allein
gewesen, daß „einige Szenen, insbesondere
die sehr realistisch dargestellte Erschießungsszene, für zahlreiche Besucher
sowohl psychisch als auch physisch zu einer offenbar
so starken Belastung geführt haben, dass diese Besucher sich im Anschluss in
ärztliche Behandlung begeben mussten".

Wolfgang Höbel hat es im „Spiegel“ auf den Punkt gebracht: „Der zürnende Kulturbürger von heute (...)
ruft nach dem Sanitäter. Mindestens zehn Premierenbesucher, so wird in
Düsseldorf berichtet, hätten sich nach der Premiere in ärztliche Betreuung
begeben müssen. Das hat für die Absetzung gereicht. Die Deutschen haben in
ihrer jüngeren Geschichte sechs Millionen Juden umgebracht, aber wenn sie im
Jahr 2013 auf einer Opernbühne daran erinnert werden, rufen sie nach dem Onkel
Doktor.“

* * *

McDonalds verkauft laut Aussage von Firmenchef Don Thompson auf der
jüngst stattgefundenen Hauptversammlung des Fastfood-Konzerns „kein Junk-Food“, sondern „wir verkaufen viel Obst und Gemüse bei
McDonald's und wir wollen noch mehr verkaufen." Ah ja. Doch nicht nur Herr Thompson
verkauft uns für doof, nein, auch die sogenannten deutschen Film- und
Fernsehstars spielen mit.

In einem neuen Werbespot für McDonalds treten u.a. Moritz Bleibtreu (der
einen, sic,  Cheeseburger
verkörpert), Alexandra Maria Lara, Christian Ulmen (die Bio-Apfeltüte), Jürgen
Vogel (der Veggieburger TS) oder Joko Winterscheidt auf und machen Werbung für
die ungesunde Ernährung, für die zuletzt auch schon der steuersündende
Wurstfabrikant Uli Hoeneß und der sogenannte Starkoch Alfons Schuhbeck auf die
Pauke hauten (was im Fall von Schuhbeck schon besonders perfide ist, wo er sich
doch sonst allüberall als Apologet gesunder, frischer Ernährung inszeniert).

Martin Nowicki, Vorstand Marketing McDonald’s Deutschland,
sagt dazu: „Mit der hochkarätig besetzten
Kampagne inszenieren wir auf charmante Art und Weise unsere Snack-Produkte. Wir
haben dafür erstklassige Schauspieler und Künstler buchstäblich auf die Bühne
geholt, die unsere Produkte spielen und in überraschenden Dialogen unser neues
Angebot vorstellen." Das ist werbechinesisch für: Wir haben wieder
paar Idioten gefunden, die sich nicht zu schade sind, für ein paar Euro den
jungen Menschen unseren Fraß andrehen.

Ach ja, und im Hintergrund steht der komische Typ mit der
Pandamaske rum – Cro macht McDonalds den Snack Wrap TS. Für Geld tun unsre
B-Promis eben wirklich alles.

* * *

Wiglaf Droste erzählt in seiner neuen Glosse „Ahlmänner, aalglatt“ von
den Herren Dehm und Niedecken – hier zu Ihrem Vergnügen der Teil über den
Kölner Volkssänger, mit herzlichem Dank an Wiglaf Droste für die
Abdruckgenehmigung:

„Auf Facebook / vulgo Fressenkladde forderte der
62jährige BAP-Sänger Niedecken seine Anhängerschaft auf, bei einem von C &
A ausgelobten Schulwettbewerb für den Abiturjahrgang seiner Tochter zu
stimmen. Gekürt werden sollte „das originellste Abi-Motto mit dem besten
Logo“, eine Vorauswahl von 25 Einsendungen wurde zur Abstimmung ins Internet
gestellt, als Preis gab es von C & A 10.000 Euro für den Abi-Ball und für
alle Beteiligten T-Shirts mit dem prämierten Logo. Der Abiturjahrgang von
Niedeckens Tochter nannte sich „Die wilde 13“, und als Parole hatten sich die
jungen Menschen ganz bescheiden „Take over the world“ ausgedacht.

„Jim Knopf und die wilde 13“ ist eins von den
erträglicheren Kinderbüchern, und Pubertierenden ist vieles erlaubt. Dennoch
könnten unverschlafene deutsche 19jährige schon mal darüber nachdenken, ob sie
mit ihrer Forderung nicht doch erschreckend den Gleichaltrigen ähneln, die ab
dem 1. September 1939 eben mal so die Welt übernehmen sollten oder wollten.

Das Engagement von Papa Niedecken war ein
Rohrkrepierer. Die angebliche Schwarmintelligenz des Internets, die Niedecken
nutzen wollte, erwies sich zuverlässig als das, was sie ist: als pure Doofheit.
Man warf Niedecken, erwartbar fade, Manipulation vor. Niedecken, dem
Legionär Taubenus aus „Streit um Asterix“ geistesverwandt, nölte allerdings
nicht minder öde zurück: „Habt ihr eigentlich nichts besseres zu tun??“ Die
Frage hätte er sich vorher selber stellen können, wenn er denn dazu fähig
gewesen wäre.

„Ahl Männer,
aalglatt“, Alte Männer, aalglatt hieß ein BAP-Album, das 1986 erschien, und 27
Jahre später hat man die überlebenden Lemuren am Hacken, die nicht einmal einen
anständigen Abgang hinkriegen. Wolfgang Niedecken, der Weltgeneralbeauftragte
für Menschenrechte auf kölsch, zeigt, was ein sich als politisch ausgebender
Musiker heute noch wählen kann: C & A. Als – gepriesen sei das Wort –
„Skoda-Kulturkopf“ steckt Niedecken ja selbst ohnehin schon bis zu den
Schultern in der Brown-Nosing-Werbebranche.“

* * *

Haben Sie schon das explosive neue Video „FIXURLIFEUP“ von Prince
gesehen?

Oh. ich vergaß, Sie leben ja im GEMA-Land, da sind Sie natürlich von
solchen kulturellen Vergnügen ausgeschlossen. In China dagegen, nur am Rande,
könnten Sie das Video ohne Probleme sehen...

* * *

Wenn Sie in einem Düsseldorfer Hotel eine Broschüre finden, in der ein
Artikel „Comeback des Neandertalers – Einer für alle“ überschrieben ist, an wen
haben Sie dann sofort gedacht? Na?!? Genau, an den Schlagersänger Andreas Frege
natürlich, der sich in seinem Bühnenleben nach einem Fruchtbonbon benennt und
der aus unerfindlichen Gründen „als ein
Vertreter der rebellischen Bewegung“ und als der „berühmteste Punk Deutschlands“ gilt. Aber in diesem unseren Land
gilt ja auch „Bild“ als Zeitung, was will man also erwarten.

* * *

Speaking of Blödzeitung – haben Sie sich auch gefragt, warum deren Boss
Kai Diekmann so herzlich mit dem deutschen Wirtschaftsminister Philipp Rösler
in der Öffentlichkeit herumgeschmust hat, als Rösler Diekmann im Silicon Valley
besucht hat?

Genau, es war der Wirtschaftsminister der FDP, der gerne damit
kokettiert, mit Internet und Emails nicht viel zu tun zu haben (um seine
„Privatsphäre zu schützen“...), und der gegen den Widerstand des
Koalitionspartners CDU/CSU und der Opposition den deutschen Pressekonzernen,
angeführt vom Axel Springer-Konzern, von Gruner+Jahr und von Burda, heftig zu
Willen war und ein Leistungsschutzrecht im Bundestag durchgesetzt hat, das sehr
einseitig die Interessen der Medienkonzerne berücksichtigt und die von Urhebern
und Konsumenten ignoriert.

Rösler auf Schmusekurs mit den Pressekonzernen, für die er Politik macht
– jetzt eben auch als Bildgeschichte...

* * * 

Der Hannoveraner Reservekorvettenkapitän Eckhard von Klaeden ist
Staatsminister im Bundeskanzleramt. Zum Ende des Jahres wird von Klaeden
Cheflobbyist beim Daimler-Benz-Konzern. Wer nun erwartet hätte, daß von Klaeden
sofort beurlaubt wird, kennt natürlich unsere Lobby-treue Regierung und
Kanzlerin Merkel schlecht - von Klaeden soll seine letzten Monate vor dem
Wechsel zu Daimler weiter im Machtzentrum der deutschen Regierung verbringen,
wo er seinem neuen Arbeitgeber natürlich besonders nützlich sein kann.

"Diese Haltung
offenbart ein Ausmaß an Dreistigkeit und an Ignoranz von Regeln guter
Regierungsführung – die Angela Merkel in anderen Ländern gern lehrmeisternd
einfordert –, daß man nur staunen kann. Andererseits folgt sie konsequent der
Linie von CDU/CSU und FDP, die noch jedes Bemühen um mehr Transparenz und
Lobbykontrolle im Bundestag blockiert hat. Anhand des Falles von Klaeden
versteht man erst jetzt so richtig, weshalb Schwarz-Gelb im vergangenen Herbst
alle Anträge der Opposition so entschieden abgelehnt hat, die auf eine
Karenzzeit für Politiker zielten, die in die Wirtschaft wechseln. Wären sie
angenommen worden, müsste der CDU-Staatsminister jetzt mindestens 18 Monate
warten, ehe er die Stelle bei Daimler antreten könnte. So lange währt die
Abkühlzeit für EU-Kommissare. Lobbykontrollorganisationen fordern sogar drei
Jahre für Regierungsmitglieder", kommentiert Holger Schmale in der
"Berliner Zeitung".

Doch die enge Verstrickung des Regierungsmitglieds von Klaeden
mit Konzernen, für die seine Regierung Politik macht, ist kein Zufall - wir
hatten bereits berichtet, daß "sein Bruder
Dietrich beim Axel-Springer-Verlag, der als Hauptinteressent an dem jüngst vom
Kabinett und Bundeestag beschlossenen neuen Monopolrecht für Presseverlage
gilt, für die Beziehungen zur deutschen Bundesregierung zuständig ist“ („Telepolis“).

An Dreistigkeit ist unsere Regierung jedenfalls kaum zu überbieten. 

* * * 

Die Blödzeitung leistet sich ansonsten die Frechheit, ausgerechnet ein
Buch von Kurt Tucholsky (nämlich „Deutschland, Deutschland über alles“) in
einer „Bild“-Mini-Bibliothek noch einmal neu aufzulegen. Und dafür zu werben,
dieses Buch sei „ein Buch wie eine frühe
‚Bild’-Zeitung“.

Tucholsky kann sich gegen derartige Unverschämtheiten und
Leichenfleddereien nicht wehren. Wir aber können Tucholsky lesen. Das hilft.
Auch gegen jedwede Blödzeitung.

* * * 

Daß die Großverlage unter „Urheberrecht“ alles andere als das, sondern
vielmehr ein Verwertungsindustrierecht
verstehen, ist eine Weisheit der Marke Binsen, das weiß mittlerweile jedes
Kind. Von einem besonders drastischen Beispiel berichtet Stefan Niggemeier auf
seinem Blog: Gruner+Jahr, die auch die Münchner Vereinszeitschrift für
Urheberrechtspropaganda in der Musikindustrie herausgeben, versucht vor Gericht
durchzusetzen, daß Zeitschriften das Recht haben sollen, „Texte ihrer Autoren auch gegen deren Willen komplett umzuschreiben,
keinen Satzbaustein auf dem anderen zu lassen, selbst wörtliche Zitate von
Gesprächspartnern zu ändern“ (Niggemeier). So nämlich argumentieren die
Anwälte des Gruner+Jahr-Blattes „Geo“ in einem Prozess gegen den altgedienten
Reporter und langjährigen „Geo“-Autor Christian Jungbluth, der „Geo“ verklagt
hatte, weil die Zeitschrift einen Artikel von ihm in einer grundlegend
veränderten und für ihn nicht akzeptablen Version unter seinem Namen
veröffentlicht hatte. Urheberrecht, wie die Großverlage und Medienkonzerne es
verstehen, die sich in der Öffentlichkeit sonst so gerne als Vertreter der
Autoren inszenieren.

In erster Instanz hat Gruner+Jahr übrigens vor dem Landgericht Hamburg
verloren, doch „Geo“ ist in Berufung gegangen, in zweiter Instanz gab es dann
einen Vergleich.

Wer wissen möchte, auf welch ekelhafte und würdelose Art und Weise die
Anwälte des Gruner+Jahr-Blatts nicht nur gegen die Rechte seiner Autoren,
sondern auch gegen die Pressefreiheit argumentieren, kann das detailliert auf
Niggemeiers Blog nachlesen:

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wie-geo-gegen-die-rechte-von-autore... 

* * * 

Das Feiertags-Abendprogramm am 9.Mai („Christi Himmelfahrt“) im
Staatsfernsehen, ARD/„Das Erste“: 20.15 „Helene Fischer – Für einen Tag –
live“. Eine 105minütige Show des „Schlagerstars“. Gefolgt von: 22.00 „Helene
Fischer – Allein im Licht“. Eine „Doku über Leben und Arbeit der mit Kollegen
Florian Silbereisen liierten Sängerin“ – ich würde eher sagen: eine unkritische
90minütige Werbesendung für Helene Fischer.

Und um 01.20 Uhr wird die Show von 20.15 Uhr nochmal wiederholt, damit
auch wirklich jede und jeder von Helene Fischer beglückt wurde.

Ich will Sie an dieser Stelle jetzt nicht mit dem verfassungsmäßigen
Kulturauftrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten langweilen – ich wäre
schon zufrieden, wenn das Staatsfernsehen auch mal zu bester Sendezeit eine
anderthalbstündige Sendung mit sagen wir klassischer Musik und ein andermal mit
HipHop und Rap oder mit Weltmusik ausstrahlen würde. Zum Beispiel. Wenn es also
irgendeine Art von kultureller Vielfalt im Programm des Staatsfernsehens gäbe,
und nicht nur quotenorientierte Promosendungen für Schlagerstars und sonstigen
Weltzustimmungs-Schwachsinn.

(Nachbemerkung: Der „Musikmarkt“ meldet zweieinhalb Wochen nach der
Ausstrahlung des Werbeabends für Helene Fischer in der ARD den Erfolg der
Promo-Maßnahme: „Keine andere Künstlerin
konnte vor ihr drei Alben gleichzeitig in den Top 10 der deutschen Charts
platzieren.“) 

* * *

„Wenn ich ein Schostakowitsch-Konzert
spiele, ist es nicht Sinn der Sache, daß sich das Publikum dabei amüsiert.“ Julia
Fischer 

* * * 

Die „Berliner Zeitung“ schafft es, in einem vierspaltigen Artikel im
Feuilleton über „Schriftsteller, die es
aus dem Westen in den Osten zog“, Ronald M. Schernikau mit keinem Wörtchen
zu erwähnen... 

* * *

„Mit Typen wie
Diepgen oder Landowsky an der Macht gäbe es die Love Parade heute noch in
Berlin. Die waren viel offener. (...) Man spart jetzt jedes Jahr vielleicht
eine Million für die Müllbeseitigung, aber dafür gibt man 20 Millionen für die
Be-Berlin-Kampagne aus.“ Westbam im Interview mit der „taz“

* * *

„Große Fische,
wenige Angler“ lautet der Titel einer Sonderseite der „Berliner Zeitung“ am 18.5.d.J.
Es geht um Steuerfahnder – „rund 1,5
Millionen Euro treibt ein Beamter im Jahr ein. Dennoch sind die
Steuerverwaltungen hoffnungslos unterbesetzt, besonders im Süden der Republik
(wo die CSU regiert und wo die meisten Reichen wohnen, BS). Warum der Staat sich jährlich bis zu 30 Milliarden
Euro entgehen läßt.“

Ja, warum wohl? Lassen Sie uns raten... 

* * * 

In den letzten
Monaten wurde in etlichen Medien, von „Süddeutscher Zeitung“ bis Bayerischer
oder Hessischer Rundfunk, immer wieder beklagt, daß die Streaming-Plattformen
Spotify und Simfy für Musikstücke bedingt bekannter Gruppen pro Abspielvorgang
lediglich 0,001312 und 0,001248 Euro (beziehungsweise 0,1312 und 0,1248 Cent)
zahlen – wir berichteten (siehe auch Berthold Seligers Artikel "Mozarts
Subscriber" im "Freitag", den Sie auf unserer Homepage unter
"Texte" finden können). Deshalb, so das Fazit der Berichte, biete das
Streaming Musikern keine wirtschaftliche Basis. Legt man diese Maßstäbe an,
dann gilt das jedoch für das herkömmliche Analogradio in noch weit stärkerem
Maße – darauf weist jetzt Peter Mühlbauer in „Telepolis“ hin.

Demnach „errechnete Christian Hufgard vom Verein
Musikpiraten, wie viel Geld die deutschen Radiosender auf einzelne Hörvorgänge
umgerechnet zahlen, indem er anhand von Zahlen der Medien-Analyse Radio und der Verwertungsgesellschaften GEMA und GVL“
nachrechnete.  Dabei kam Hufgard
auf einen Betrag von sage und schreibe 0,000193644 Euro – „nicht einmal ein Siebtel dessen, was die relativ unbekannte
Beispielsband aus der BR-Sendung on3 pro Abspielvorgang bei Spotify erhält.“

* * *

Wie der „Musikmarkt“ dieser Tage meldete, hat der EU-Mediator António
Vitorino ein Jahr lang unabhängig die verschiedenen Pauschalabgaben für
Privatkopien in der EU untersucht und ist zu dem Schluß gekommen, daß „die Pauschalabgabe eine Doppelbelastung für
die Verbraucher darstellt. Denn Urheber würden dank lizenzierter Inhalte bereits
direkt vergütet und eine Privatkopie des Verbrauchers bedeute keinen Schaden
für den Urheber. Der Käufer zahle allerdings aufgrund der Pauschalabgabe
doppelt. Insgesamt habe Vitorino Zweifel an dem bestehenden System und
empfiehlt eine intensive Debatte über Alternativmodelle.“

Ich habe ehrlich gesagt auch „Zweifel am bestehenden System“, aber
ändern wird das wenig – Sie werden auch künftig doppelt bezahlen, und das
sogenannte Urheberrecht wird weiterhin zu Ihren Lasten und zugunsten der
Verwertungsindustrie funktionieren. Da wette ich drauf. 

* * *

Lustig, wie die konservative „FAZ“ anläßlich der blamablen
Verlosungsaktion für die Presseplätze im Münchner NSU-Verfahren plötzlich zur
harten Kritikerin von großen Medienkonzernen, von Monopolen und Großindustrie
wurde. In der Gerichtslotterie hatten 
„konzernunabhängige Titel wie die
(...) taz oder diese Zeitung (die FAZ, BS) kaum eine Chance“ (man betrachte
die schöne Konstruktion der gemeinsamen Konzernunabhängigkeit!), während „große Medienhäuser sich mit Mann und Maus
an dem Losverfahren beteiligen konnten nach dem Motto: mehr Lose, mehr Chancen“.

Die FAZ also als linksradikale Kampfpresse gegen Monopolismus und
Wirtschaftskonzentration? Wir hören nicht auf zu lernen.

* * *

Und wenn Ihnen interessierte Kreise einhämmern wollen, daß in Wembley
„der deutsche Fußball“ gesiegt habe, „wir“ als „Fußballnation“ in Europa
führend und quasi schon Weltmeister seien – gemach, gemach, ich rate zur
Nachdenklichkeit. Nur im "Großkotzertum"
(Krauss/Wittich in "Jungle World") sind deutsche Fans und Medien
unerreicht.

Das Endspiel um die Championsleague war ein attraktives Stück Fußball,
keine Frage. Und der komische FC Bayern hat nicht völlig unverdient gewonnen,
auch wenn Dortmund ein mindestens ebenbürtiger Gegner war – und die Bayern
hätten sich nicht beschweren dürfen, wenn in der ersten Halbzeit Ribery vom
Platz geflogen wäre, und wenn der Schiedsrichter bei Dantes Foul Elfmeter
pfiff, mußte er ihm auch gelb-rot geben und vom Platz stellen. Aber es ist nun,
wie es ist.

Man sollte jedenfalls vorsichtig sein mit der sogenannten
„Vorherrschaft“ – die Bayern waren gegen Arsenal im Achtelfinale fast schon ausgeschieden, hatten dann im Halbfinale das Glück, auf
einen FC Barcelona in einer Krise und ohne Messi zu treffen; und Dortmund kam
gegen Malaga und Real Madrid zweimal auch nur mit viel Glück weiter (so sehr
ich mich über die glanzvolle Dortmunder Championsleague-Saison gefreut habe).

Vor allem aber – wo war er denn genau, der dominante deutsche Fußball? Die Mehrzahl der
Spieler des FC Bayern hat jedenfalls keinen deutschen Paß, und ohne die Tore
von Lewandowski und die Qualität seiner drei ausländischen Kollegen wäre
Dortmund nie ins Finale gekommen. Zehn der zweiundzwanzig
Endspiel-Protagonisten waren keine deutschen Spieler, und unter anderem genau
deswegen konnte so ein attraktives Spiel geschehen. Und wieviele Spieler kamen
aus den eigenen Nachwuchsabteilungen der beiden Vereine?

Sehen Sie, es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Im Fußball wie im Leben.

Ich halte es jedenfalls weiterhin mit dem klugen Xavi Hernández vom FC
Barcelona, der nicht nur sagt, er und seine Mitspieler wollten immer „einen sehenswerten Fußball bieten, mit dem
sich die Leute identifizieren können“, sondern auch: „Es gibt etwas Größeres als das Ergebnis, etwas Nachhaltiges, ein
Vermächtnis.“

Das hätte ich nicht besser formulieren können. Denn auch anläßlich des
25jährigen Jubiläums meiner kleinen Tourneeagentur kann ich nur immer wieder
versichern: Es gibt etwas Größeres als Einspielergebnisse, als ausverkaufte
Hallen, als kommerziellen Erfolg. Nämlich etwas Nachhaltiges – schöne,
intensive, glücklich machende Konzerte! Ich wünsche Ihnen und uns allen
möglichst viele davon – Konzerte, die in Erinnerung bleiben mögen.

02.05.2013

Und Ansonsten 05/2013

Eine journalistische Pest sind die plumpen Schubladisierungsversuche
anhand selbst festgelegter, dumpfer Normen. Etwa „der Jimi Hendrix des...“.
Also: der Jimi Hendrix der Harfe, der Jimi Hendrix des Saxophons, der Jimi
Hendrix der Drehleier, was weiß ich.

Artikel, in denen so etwas vorkommt, sollten mit einem Strafhonorar in
doppelter Höhe des Autorenhonorars belegt werden (na gut, also faktisch mit 2 x
praktisch nichts...).

In der Reihe derartiger Einfallslosigkeiten und journalistischer
Offenbarungseide ist auch die Zuschreibung „ist Pop“ bzw. „ist Rock“ zu sehen.
Leute, die offensichtlich in ihrem Leben nur wenige Einsichten gewonnen und
sich nur wenige Differenzierungsmöglichkeiten erarbeitet haben, sortieren
kräftig in Pelikan und Geha, in Adidas und Puma, in Yin und Yang. Mercedes? Ist
Rock. Porsche? Ist Pop.

So auch in einem taz-Interview mit Lars Rudolph. Schon die Titelzeile
schreit: „Kleist war ein Rocker“.
Aha. Doch wie kommt das?

Es liegt, natürlich, an einer selten dämlichen Journalistenfrage, und an
der situativen Überforderung des Befragten, angemessen auf eine derart dämliche
Frage zu reagieren (nämlich zum Beispiel den Raum zu verlassen).

Also, Frage taz: „Nun haben Sie
eine Novelle von Kleist vertont. Ist Kleist eher Pop oder Rock?“

Antwort Lars Rudolph: „Rock.“

Wenn es nicht so hoffnungs- und sinnlos wäre, könnte man dem
taz-Redakteur empfehlen, sich Kleists „Lehrbuch der französischen Journalistik“
von 1809 zu besorgen, da könnte er ne Menge lernen. Oder auch nicht. (Kleist
sprach sich übrigens sogar gegen „Freibillets“ für Kulturveranstaltungen aus,
mit denen Berliner Theaterkritiker „bestochen“ würden. Erklären Sie das heute
mal den Zuständigen am Gästeliste-Schalter eines angesagten Popkonzerts...)

Aber daß Lars Rudolph dem taz-Redakteur ein absolut ebenbürtiger
Gesprächspartner ist, zeigt sich später: „Im
16. Jahrhundert hatte Musik ganz andere Kraft auf Leute, da gab es keine
Massenmedien. Da wurde zu Hause Musik gemacht oder in der Kirche.“

Im 16.Jahrhundert waren also alle glückliche Hausmusiker? Schöne
Vorstellung. Dumm nur, daß das Musikmachen (wie das Lesen) im 16.Jahrhundert
auf einige wenige tausend Menschen beschränkt blieb, während weit über 90% der
Menschen weder schreiben noch lesen, noch auch nur im entferntesten daran
denken konnten, selber Musik zu machen. Aber Leute, die Sätze sagen wie „Kleist
war ein Rocker“, haben halt auch sonst wenig Ahnung vom Leben und der Welt.

Das taz-Interview endet übrigens so:

taz: „Mögen Sie den
Showbusiness-Effekt von Religion?“

Lars Rudolph: „(...) Gute
Predigten sind Gold wert. Wenn es gute Pastoren gäbe (...), ist das wie Pop.
Wie Iggy Pop, wenn er sich malträtiert.“

Es wird so getan, als ob das Problem des deutschen Journalismus die
Bezahlmodelle seien. Ich würde dagegen sagen, daß das eigentliche Problem die
Qualität des Geschriebenen ist. Warum soll man Zeitungen kaufen, die von Leuten
vollgeschrieben werden, deren geistiger und kultureller Horizont nur von einer
Schubladenwand namens Rock zur anderen Schubladenwand namens Pop reicht?
Trostlos.

* * *

Aber nichts ist heute zu dämlich, als daß es nicht unbedingt irgendwo
abgedruckt werden müßte. Und wenn es nur in der „FAZ“ ist. Dort darf ein Felix
Johannes Enzian (Namenswitze sind verboten) über das Berlin-Konzert von Lana
del Rey drei Spalten mit Promo-Prosa vollsülzen, die so bescheuert und
inkompetent sind, daß man konstatieren muß: Das Feuilleton, der sogenannte
„Qualitätsjournalismus“ wird die Popkritik auch nicht mehr retten.

Nun kann man nicht von jedem erwarten, daß er ein derartiges Konzert so
souverän, arrogant  und originell
rezensieren kann wie unser „Kreuzberger Medienpreis“-Gewinner Jens Balzer in
der „Berliner Zeitung“ (von „Frauen, wie
sie von Lana Del Rey in idealtypischer Weise verkörpert werden, haben keinen
Motorradführerschein. Sie haben auch keinen Beruf und kein eigenes Konto“
bis zum Schlußsatz: „Nachdem sie zu Beginn des Abends noch einen
distanzierten und angestrengten Eindruck erweckt, fällt die Anspannung im
letzten Drittel sichtlich von ihr. Selten sieht man Künstlerinnen, die sich so
sehr auf das Ende ihres Konzerts freuen wie Lana Del Rey.“).

Daß Herr Enzian aber in jedes Stereotyp der Hilflosigkeit
verfällt, mit dem schlechte Schreiberlinge Konzerte zu fassen suchen („Morbide Mädchenhymnen“, „Pop in
Perfektion“, die Stimme ist „hypnotisch“,
das Seufzen ist „wimmernd“ und „schraubt sich zart-kunstvoll in die Höhe“,
die Lippen sind, natürlich, „üppig“,
die Verse sind „perfekt verknappt“
und „in Stein gemeißelt“, die Diva
ist „entrückt“, der „Star freut sich ganz ungekünstelt über die
Begeisterung, die ihm entgegenschlägt.“) – sorry, liebes FAZ-Feuilleton, so
haben wir nicht gewettet, für so einen blöden Schmarrn zahl ich keine EUR 46,90
Abogebühr monatlich, das können Sie für die Hälfte vielleicht den Erstsemestern
als Studentenabo andrehen, ich dagegen verlange Schmerzensgeld von Ihnen, wenn
ich morgens so etwas lesen muß! Damit das ein für alle mal geklärt ist.

Und Herr Enzian hat nicht nur von Sprache und Musik,
sondern auch vom Konzertwesen keine Ahnung, wahrscheinlich hat ihn seine kleine
Schwester das erste Mal auf ein Konzert mitgenommen: „Alle Songs haben Hitqualität. Daher kann die Newcomerin es sich
leisten, ihre Singles erst am Ende des Abends zu spielen...“ Gut, Herr
Enzian, diese Lektion in der Ersten Stunde der ersten Klasse der Popgrundschule
gebe ich Ihnen kostenlos: Es ist guter Brauch, daß Künstler auf ihren Konzerten
ihre Hits erst gegen Ende spielen. Jetzt denken Sie mal ein Grundschulhalbjahr
lang darüber nach, warum das so ist. Vielleicht bekommen Sie’s selbst raus.
Wahrscheinlich aber nicht.

* * *

„Seliger, wo bleibt das Positive?!?“ Ich weiß ich weiß. Aber Sie haben
ja sicher auch gelesen, was ich eben über Jens Balzer gesagt habe, ja? Und in
der FAZ schreibt ja auch regelmäßig Eric Pfeil Konzertrezensionen, zum
Beispiel, und das ist dann ein Vergnügen und verhilft dem FAZ-Feuilleton zu
mildernden Umständen vorm apokalyptischen Musikgericht, sozusagen.

Und dann lese ich ausgerechnet in der „Zeit“ den Artikel „Leben wie im
Countrysong“ von Franz Dobler, und ich bin hingerissen und würde Ihnen am
liebsten von A bis Z aus diesem Artikel über den Film „The Broken Circle“
vorlesen.

Nun ist es kein Geheimnis, daß Franz Dobler einer der besten deutschen
Schriftsteller ist, und ich schau fast täglich auf seinen Blog, wo’s immer
interessant zugeht. Und er kann natürlich schreiben, da will unsereiner gleich
aufhören, selbst zu bloggen...

Wie auch der Film einige gute Lektionen bereithält, etwa über Bluegrass:
„Arme Glücksritter aus der ganzen Welt
lebten in den Appalachen und arbeiteten hart in den Minen. Um Hunger und Elend
zu ertragen, sangen sie Lieder über ihre Angst vor dem Tod, die Hoffnung auf
ein besseres Leben im Jenseits und ihr hartes Schicksal.“ Sagt der
Banjospieler Didier. Sagt Dobler.

Bluegrass, das ist schon eine andere Welt. Hören Sie zum Beispiel Roscoe
Holcomb (ich habe auch einen Track von ihm auf unsere Spotify-Playlist im Mai
gepackt), „I Am A Man of Constant Sorrow“
zum Beispiel, da wissen Sie, was los ist. Die großen Bad Livers haben es leider
nie nach Deutschland geschafft in den 90ern, die hätten Sie sehen sollen!

„Unberechenbar
krachen Gegenwart/Unglück und Vergangenheit/Glück permanent gegeneinander (...)
Was nicht heißt, komische Elemente würden hier die Wucht rausnehmen. Wie auch
die Band nicht Erholung, sondern vierter Hauptdarsteller ist, auch Teil des
Schlachtfelds (...) Als sei die Botschaft: Musik ist das, was uns in größter
Not am Leben hält, sonst nichts“, schreibt Dobler und berichtet abschließend
(immer wieder Townes...):

„Aus dem The Broken
Circle-Soundtrack ist es ausgerechnet die ungeschönte Version von Townes Van
Zandts If I Needed You, die in
Belgien ein Hit ist. Ist das Belgien? Der ultimative Reterotrend? Sollte man
nicht wieder anfangen, an das Gute im Menschen zu glauben?“

* * *

Was Herr Bushido so treibt, wenn er nicht gerade den Integrations-Bambi
des Burda-Verlages entgegennimmt oder ein Praktikum bei
CDU-Bundestagsabgeordneten absolviert, das wissen Sie als LeserInnen dieses
Rundbriefs natürlich längst. Jetzt haben es auch „Stern“, „Spiegel“ und die
Tagespresse entdeckt: Bushido singt also homophobe und frauenfeindliche Texte,
und seinen Songtext „Wir vergasen jede Tunte“ hat Bushido brav in „Wir
verarschen jede Tunte“ geändert, was natürlich jeden Integrationsbambi
rechtfertigt. Und nun fanden die Investigationsjournalisten von „Stern“ bis
„Spiegel“ heraus, was Herr Bushida selbst seit Jahren sagt, nämlich: der
Berliner Rapper steht einem „berüchtigten Mafia-Clan“ nahe.

Uiuiui.

Ein Künstler erzählt (vor mehr als einem Jahr bereits), daß er Politik
nach dem Prinzip „Der Pate“ machen wolle; und auf die Frage nach seiner
Verbindung zur Mafia sagt der Künstler, das sei bei Berlusconi nicht anders:
„Wir sind, was wir sind.“

Und was fällt Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) zu diesem Thema
ein? Henkel fordert laut „Berliner Zeitung“ allen Ernstes, dem „Rap-Barden den Bambi abzuerkennen, den er
2011 erhielt“. Sie merken, der CDU-Politiker fährt allerschwerste Geschütze
auf...

Die Aberkennung des „Bambi“. Was für eine Kühnheit!

Und gleichzeitig sieht man, wie verblödet und wie lächerlich die Politik
heutzutage ist – da wird so getan, als ob irgendein „Bambi“ irgendeine
gesellschaftliche Relevanz habe, quasi eine Art Verdienstkreuz oder Doktortitel
oder Nobelpreis, den man dringend aberkennen müsse, wenn sich einer nicht
ordentlich verhält. Wahnsinn. Vielleicht sollte man dem Herren Innensenator mal
erklären, welche Möglichkeiten die Gesetze hergeben, um gegen homophobe und
frauenfeindliche Aussagen, vor allem aber gegen mafiöse Strukturen vorzugehen.
Wenn da vom Innensenator alle Mittel und Möglichkeiten ausgeschöpft wurden,
kann Bushido wegen mir seinen Bambi gerne behalten. Ob der dann im Regal seiner
Villa oder in einer Gefängniszelle steht, mögen die zuständigen Stellen
entscheiden.

* * *

Verändern Sie die Welt mit einem Klick!

Sie können zuhause auf dem Sofa sitzen bleiben, ist ganz einfach! Gehen
Sie einfach auf die Website von „Change.Org“, und schon werden Sie gefragt „Was
wollen Sie verändern?“

Und wenn es nur der Kampf für eine bessere, irgendwie „faire“ Nutella
ist:

„Sind Sie auch für
Nutella, aber fair? Dann unterschreiben Sie jetzt die Petition von Heike
Heider“, flötet die Website. „Nutella ist
beliebt, aber wird nicht fair produziert. Deswegen fordert Heike Heider
gemeinsam mit anderen – Fairtrade-Siegel aufs Glas!“

Und wenn dann erst das Fairtrade-Siegel auf jedem Nutella-Glas klebt,
ist die Welt quasi gerettet, und Sie können sich als Gutmensch fühlen und sich
wieder bequem auf Ihrem Sofa zurücklehnen. Das Gute auf der Welt ist nur einen
Klick entfernt. Oder, wie Change.org selbst sagt: „Menschen bekommen eine Stimme, die nicht glaubten, daß sie eine
hatten.“

Stand so in der „Berliner Zeitung“. Vielleicht kann man bei Change.org
eine Petition für die korrekte Verwendung der deutschen Sprache einreichen.
Wäre auch irgendwie einen Klick wert, oder?

* * *

Sie wissen ja, der Berlin-Flughafen ist das Ding, das es nicht gibt und
nie geben wird, das die Steuerzahler aber zig Milliarden kostet. Das Geld ist
da, hurra!

Im Gegensatz zum Flughafen, den Berlin irgendwie nicht hinkriegt, gibt
es in Berlin aber Radwege. Ganz konkret, die Dinger gibt’s wirklich. Nur: für
Radwege ist kein Geld mehr da! Der Berliner Finanzsenator Nußbaum hat jetzt die
Ausgaben für den Fahrrad- und Fußgängerverkehr in Berlin drastisch gekürzt. „Die ohnehin schon relativ geringen
Investitionen in Radwege und in Radfahr- und Zebrastreifen sollen um zwei
Millionen Euro sinken“ (Berliner Zeitung). Tschah, wer Milliarden für einen
nicht vorhandenen Flughafen zum Fenster raus schmeißt, muß natürlich unbedingst
schnell zwei Millionen bei den Fahrradwegen einsparen, ist schließlich kein
Geld mehr da. So sieht Verkehrspolitik von SPD und CDU im 21. Jahrhundert aus.

* * *

„Berlin war eine
Zeit lang besonders. Heute sind da zu viele Künstler, zu viele Leute mit
Karottenjeans. Idioten.“ (Iggy
Pop)

* * *

Die schönste Schlagzeile des vergangenen Monats las ich allerdings auf
Musikmarkt.de: „Helene Fischer wird
Werbegesicht für Meggle.“ Die Kräuterbutter, Sie wissen schon (also Meggle,
nicht Frau Fischer...). Toll, oder?

Man redet heutzutage natürlich geschwollen daher, also sagt man nicht
einfach, „Helene Fischer ist unsre neue Kräuterbutter-Schnute“, sondern: „Die Molkerei Meggle hat Helene Fischer als
neues Testimonial gewonnen.“

„Meggle ist in den
Köpfen der Verbraucher nicht mit Bildern hinterlegt“, barmt ein Ralph
Biermann, seines Zeichens „Group Product
Manager von Meggle“. Wo er Recht hat, hat er Recht. Ob sich das nun ändern
wird, wenn Helene Fischer „ich bin das Kräuterbutter-Gourmeggle“ haucht, kann
ich nicht beurteilen. Unseren Spaß werden wir aber alle haben.

* * *

Nicht nett fand ich dagegen die Schlagzeile „Deutsche Wähler immer noch
dumm“ auf Telepolis. Wobei, nun ja, ganz falsch liegen sie nicht: Denn weniger
als die Hälfte der wahlberechtigten Deutschen weiß laut einer Infratest
dimap-Umfrage, daß die Zweitstimme bei der Bundestagswahl über die
Mandatsverteilung entscheidet.

Bedenklich, oder?

Noch bedenklicher allerdings ist nur, daß man, egal ob für Erst- oder
für Zweitstimme, praktisch keine Auswahl hat. Was immer Sie als WählerInnen
tun, es kommt immer eine Mitte-Regierung heraus. Was nun wirklich irgendwie
dumm ist.

* * *

Der Lieblingsfeind der deutschen Content-Industrie, die Firma Google,
forciert laut einer Meldung auf „Musikmarkt.de“ in den USA „den Ausbau
schneller Glasfaserleitungen mit der Bandbreite von einem Gigabit“.

Während „die Telekom in Deutschland den umgekehrten Weg geht und
Internetverträge mit Volumenbegrenzung einführt“. Und die sogenannten
„Internet-Flatrates“ deutscher Provenienz ja sowieso schon bisher dubiose Mogelpackungen
darstellen, in denen alles andere als eine „Flatrate“ drin ist...

Google bietet in den USA jedenfalls für circa 32 Euro pro Jahr (!) „fünf
Megabit ohne Datenbegrenzung und ohne weitere Gebühren für sieben Jahre
garantiert“ – das ist „der Preis, den der Nutzer in Deutschland für 6.000
Kilobit pro Sekunde Download durchschnittlich im Monat zahlen muß.“

Amerika, Du hast es besser! Oder Frankreich. Sascha Lobo erklärt uns auf
"SPON":

"Anfang 2013
dekretierte die französische
Regierung, 20 Milliarden Euro in Glasfasernetze zu stecken, um 'Schluss zu
machen mit Kupfer'. Das Bundeswirtschaftsministerium schreibt dagegen zum Thema
Breitbandausbau: 'In einigen Fällen kann
auch der Einsatz von Fördermitteln erforderlich sein, wenn andernfalls
eine Erschließung auf mittlere Sicht nicht darstellbar ist.' Noch lascher lässt
sich kaum erklären, dass man kein Geld
in die Hand nehmen möchte."

Und Sascha Lobos Forderung können wir uns nur entschieden
anschließen: "Es führt kein Weg an
massiven staatlichen Investitionen in eine netzneutrale Glasfaserinfrastruktur vorbei."

* * * 

Und keine sogenannte Initiative ist natürlich zu popelig, als daß die
Münchner Vereinspostille  für den
deutschen Urheberrechtsfan nicht groß über sie berichten würde. Laut
„Musikwoche.de“ hat also eine Initiative „Don’t Fuck With Music“ in Berlin ein
„Guerilla-Konzert“ veranstaltet. „Vor dem Reichstag wurde während der Aktion
ein Transparent (...) ausgerollt. Lautstark begleitet wurde die Aktion von der
Berliner Band The Toten Crackhuren im Kofferraum.“

Was aber sah man auf dem Foto, das zur Meldung in der Vereinspostille
abgedruckt wurde?

Keine Massen, keine Demonstration at all, keine Protestaktion von zig
Künstlern, sondern vier oder fünf armselige Hanseln und Greteln, wahrscheinlich
die Toten Crackhuren selbst, ich kenn die nicht, aber wer sich schon so nennen
muß...

Und unter einem „Protesttruck“, wie die Musikwoche das nannte, stell ich
mir auch irgendwie was anderes und vor allem was Größeres vor als einen
Kleintransporter.

Echt Guerilla, diese Freunde des Urheberrechts mit ihrem Manifest!

* * * 

Und, gähn, die GEMA? Hat eine ganz schöne Bauchlandung fabriziert.

Selbst das der Gema traditionell sehr gewogene Patentamt hat der „Gema-Tarifreform eine weitgehende Absage
erteilt“ (FAZ). „Die Schiedsstelle
schlägt vor, die elf Tarife beizubehalten, die die Gema ursprünglich auf zwei
reduzieren wollte. Eine Abschaffung der Vielzahl an Tarifen würde gegen das
Gleichbehandlungsgebot verstoßen“, mußte sich die Gema ins Stammbuch
schreiben lassen. Den absurden „Mondtarife“ mit durchschnittlich 500 Prozent
höheren Gema-Tarifen für Diskotheken und bis zu 2000 Prozent höheren Tarifen
für Musikkneipen hat das Patentamt eine völlige Abfuhr erteilt. Diese
Auswüchse, die die Gema-Oberen seit geraumer Zeit vorangetrieben haben, sind
nun endgültig vom Tisch.

Es gibt jedoch immer noch Klärungsbedarf hinsichtlich einiger erhöhter
Tarife. Wobei man vielleicht jetzt doch erwarten darf, daß die Arroganz der
Gema-Funktionäre ein wenig kleiner wird, nachdem sie nicht nur in der
Öffentlichkeit, sondern jetzt sogar vor der Schiedsstelle mit ihren maßlosen
Forderungen Schiffbruch erlitten haben. 

* * * 

Nun mal ehrlich: Daß Uli Hoeneß, dieser selbsterklärte Saubermann und
CSU-Amigo, der gerne in Talkshows mit erhobenem Wurstfinger rechte Moral lehrt,
auch nur ein dumpfer Steuerhinterzieher ist – das wundert uns nicht, oder? Das
hatten wir uns eh längst gedacht. Allerdings verfolgt unsereiner mit einer
gewissen klammheimlichen Freude, wie dem Hoeneß Uli seine Sprüche wie man müsse
„die Reichen“ im Lande behalten, „damit
sie hier gemolken werden können“ (FAZ) nun auf die Adidas-beschuhten Füße
fallen. Fair enough. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Noch bescheuerter und dumpfer ist eigentlich nur Herr Rummenigge, der sich
aus Katar kommend mit zwei Rolex-Uhren, die er nicht ordnungsgemäß angemeldet
hat, beim Zoll erwischen läßt. Aber so sind sie halt, die Reichen, die ihr
langweiliges Leben nur mit dem Kauf von Rolex-Uhren aufpeppen können...

* * *

Was also ist mit den Reichen los?

Eine Frau mit dem sinnigen Namen Denise Rich hat für Céline Dion, Patti LaBelle, Diana Ross oder Aretha
Franklin Hits wie „Love Is A Crime“, „Frankie“ oder „Candy“ geschrieben und
damit offensichtlich eine ganze Menge Geld verdient. So viel Geld, daß sie es
anscheinend in sonnigen Steueroasen verstecken mußte – ihr Name ist laut „FAZ“
in der „Datenlawine  aufgetaucht, durch die sich im Auftrag des
Washingtoner Center for Public Integrity seit mehr als 15 Monaten 86
Journalisten wühlen.“

Ganze 144 Millionen Dollar wurden unter dem Namen von Frau Rich auf den
Cook-Inseln, einem beliebten Offshore-Gebiet, entdeckt – und die Frau Rich dort
wohl „nicht ganz nach international
gültigen Geldverkehrsvorschriften geparkt hat“.

Die „FAZ“ weiß auch, daß Frau Rich für ihr Penthouse auf der New Yorker
Fifth Avenue eigentlich 65 Millionen Dollar haben wollte, es dann vor einem
halben Jahr aber für nur 54 Millionen Dollar an den Medienmogul David Geffen
verkauft hat – ein Schnäppchen, ein 
Freundschaftspreis sozusagen!

Ihr einstiger Ehemann, Herr Rich also, wurde vor Jahren in den USA wegen
Steuerbetrugs verurteilt und ging ins, genau, Schweizer „Exil“, weil er lieber
nicht im Knast sitzen wollte. Laut „FAZ“ hat Frau Rich der Demokratischen
Partei „Schecks“ zukommen lassen, die „üppig
genug waren, um als ‚FOB’, als ‚Friends of Bill’ bei dem damaligen Präsidenten
eine Sonderstellung zu genießen.“ Und Bill Clinton hat dann tatschlich an
seinem letzten Amtstag noch schnell den verurteilten Steuerbetrüger Herrn Rich
begnadigt.

Frau Rich dagegen hat 2011 ihren US-Paß zurückgegeben und verwaltet
seither ihren Reichtum „lieber und
vorteilhafter“ in Österreich. Oder eben auf den Cook-Inseln.

Geschichten, die das Leben schreibt. Geschichten, wie Sie und ich sie
tagtäglich erleben.

12.04.2013

Und Ansonsten 04/2013

Die Sparauflagen, die Griechenland von der deutschen Regierung
aufgezwungen wurden, verlangen von Griechenland, die öffentlichen
Gesundheitsausgaben bei 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu halten oder noch
weiter zu senken. In Deutschland beträgt der Anteil  der Gesundheitsausgaben dagegen 9 Prozent.
Ist die Gesundheit der Griechen weniger wert? Sind die Griechen Europäer
zweiter Klasse?

Offiziell sind 30 Prozent der griechischen Bevölkerung nicht mehr
krankenversichert, vermutlich ist aber bereits jeder Zweite aus der Absicherung
herausgefallen, wie Kirsten Schubert in einem erschütternden Bericht für medico
international schreibt. Es mangelt an Arzneimitteln, selbst Verbandsmaterial
ist knapp geworden, und Medikamente bekommt man in den leergeräumten Apotheken
nur noch gegen Barzahlung. Seit die Troika durchgesetzt hat, daß alle
sozialstaatlichen Leistungen (inklusive der Krankenversicherung!) zwölf Monate
nach Verlust des Arbeitsplatzes einzustellen sind, ist die steigende Zahl
Arbeitsloser ein sicheres Indiz für die zu erwartenden gesundheitlichen
Belastungen der Bevölkerung – aktuell ist jeder vierte Grieche arbeitslos, bei
jungen Menschen unter 24 Jahren sind es mehr als die Hälfte.

Wohlgemerkt, dies alles geschieht in Ihrem Namen! Daß das von Deutschland
dominierte Europa systematisch eine solche die Menschenwürde verletzende
Ungleichheit zuläßt, ist empörend.

* * *

„Wie kommt es, daß
die Leute die Gesetze befolgen und nicht vielmehr auf sie pfeifen? Diese Frage,
nein, eher die Verblüffung über diesen weitverbreiteten Gesetzesgehorsam
verleitet zum Thesenbilden. Doch lassen wir die Soziologenmär von der Akzeptanz
als Erklärung aus dem Spiel. Auch der Hinweis auf die Vernunft der Gesetze
verfängt wohl kaum. Bleibt, wie so oft, Max Weber. Von allen
Erklärungsversuchen scheint der Webersche schon deswegen bedenkenswert, weil er
die Frage umstellt. Nicht: wieso folgen die Leute den Gesetzen, sondern: wie
stellen es die jeweils Herrschenden an, daß es sich so verhält?" (Cornelia Vismann)

* * *

Auch dieses Jahr konnte sich die HBO-Serie „Game of Thrones“ laut SPON
den ersten Platz im illegalen Download-Ranking sichern. Kaum hatte HBO die erste
Folge ausgestrahlt, wurde die Videodatei als Torrent angeboten. In der Spitze
wurde der Clip von mehr als 160.000 Nutzern gleichzeitig geteilt, sämtliche
angebotenen Versionen der Startfolge kamen laut SPON auf über eine Million
Downloads.

Die Startfolge wurde auch von 4,4 Millionen HBO-Abonnenten betrachtet.
HBO jedenfalls scheint sich am nicht ganz rechtskonformen Interesse an „Game of
Thrones“ nicht weiter zu stören. Der Autor der Buchreihe, George R.R. Martin,
hatte die Urheberrechtsverstöße bereits als „Kompliment“ für sein Werk
gewertet, und nun zog HBO-Programmdirektor Michael Lombardo nach: „Ich sollte
das vielleicht nicht sagen, aber das ist gewissermaßen ein Kompliment. Die
Nachfrage ist vorhanden. Und es (also die illegalen Downloads, BS) hat sich
sicher nicht negativ auf den DVD-Absatz ausgewirkt“, sagte Lombardo in
„Entertainment Weekly“ und machte sich hauptsächlich Sorgen über die Qualität
der Dateikopien. Illegale Downloader will der HBO-Chef jedenfalls nicht
verfolgen lassen.

* * *

Ist das, was man anbietet, gut genug, dann macht man in der Regel damit
Geschäfte im Internet, und auch die sogenannte Piraterie ist kein Problem, wie
wir sehen.

Ein etwas anderes Geschäftsmodell verfolgt der Axel-Springer-Konzern
hierzulande, auf dessen umfangreiche Lobbybemühungen das vom Bundestag
verabschiedete „Anti-Google-Gesetz“ zurückgeht.

Am 22.3. lese ich in der FAZ, wie der Vorstandsvorsitzende der Axel
Springer AG, Mathias Döpfner, vor dem Ausschuß für Kultur und Medien des
Bundestages jammert: Ein „tragfähiges
Geschäftsmodell für den Vertrieb von Zeitungsinhalten ist nicht in Sicht“,
sagte Döpfner. Und: „ohne ein
Leistungsschutzrecht, das die Produkte der Verlage vor der Inbesitznahme durch
kommerzielle Anbieter im Internet schützt, wird die freie Presse verschwinden.“

Merkwürdig nur, daß gut zwei Wochen vorher, am 7.3., in der Berliner
Zeitung zu lesen war, daß der Medienkonzern Axel Springer 2012 seinen Umsatz „vor allem durch den Ausbau digitaler Medien
gesteigert“ hat, ausgerechnet. Mathias Döpfner sagte dort, daß Springer „erstmals über eine Milliarde Euro Umsatz
mit digitalen Medien erzielt“ habe, „mehr
als mit jedem anderen Geschäftsbereich“. Der Bereich "Digitale
Medien" löste demzufolge mit einem Umsatz von 1,2 Milliarden Euro (plus 22
Prozent!) erstmals die inländischen Zeitungen als umsatzstärksten
Geschäftsbereich des Axel Springer-Konzerns ab.

Ganz ohne Leistungsschutzgesetz, ganz ohne Mithilfe des Gesetzgebers.

Und wie gehen die beiden Statements nun zusammen? Tun sie nicht. Döpfner
hat einfach die Politiker im Deutschen Bundestag und die Öffentlichkeit
verarscht. Sie können Döpfner übrigens an seiner langen Pinocchio-Nase
erkennen...

* * *

Und wen besucht SPD-Steinbrück, wenn er in Berlin auf Wahlkampfreise
ist?

Klar, der selbsternannte Kämpfer für die Sozialschwachen, für die Mieter
und die Geringverdiener kumpelt mit den Großkonzernen und deren Bossen herum.
Peer Steinbrück war zu Gast bei Universal Music, dem weltgrößten Musikkonzern,
und traf sich mit dessen Chef Frank Briegmann. Dabei warf sich Steinbrück in
den Staub und sandte eine Unterwürfigkeitsadresse, indem er auf das
SPD-Wahlprogramm verwies, in dem es heißt:

„Das geistige
Eigentum ist der Rohstoff der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die
unverbrüchliche Verbindung zwischen Urheber und Werk darf nicht relativiert
werden. Der Schutz des geistigen Eigentums ist für die SPD deshalb essentiell.“

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