08.12.2012

Advent: Regierung schafft Armut ab!

„Es ist Adventszeit – Seliger, seien Sie nicht
immer so negativ! Wo bleibt das Positive?“

Hier: Die Bundesregierung hat die Armut
abgeschafft!

Nun gut, vielleicht noch nicht ganz, und erstmal
nur auf dem Papier, aber immerhin.

Die Bundesregierung hat nämlich in ihrem
offiziellen Armutsbericht laut SPON „Passagen
über die wachsende Ungleichheit in Deutschland geglättet“. „Passagen über sinkende Löhne im unteren
Bereich sind getilgt worden“, dafür wird jetzt darauf verwiesen, „daß im unteren Lohnbereich viele
Vollzeitjobs entstanden seien“. Und während es in der Ursprungsversion des
Armutsberichts noch hieß, „im Jahr 2010
arbeiteten in Deutschland knapp über vier Millionen Menschen für einen
Bruttostundenlohn von unter sieben Euro“, ist dieser Satz nun gestrichen.
Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, ob das bedeutet, daß hierzulande keine vier
Millionen Menschen mehr für einen Bruttostundenlohn von unter sieben Euro
arbeiten, aber bald kommt das Christkind, da wollen wir nicht kleinlich sein
und die frohe Botschaft verkünden: Die Regierung hat die Armut abgeschafft!
Hurra! Und Friede auf Erden und den Menschen Wohlgefallen.

08.12.2012

Musikindustrie investiert Milliarden in Künstler!

Ach, war das wieder eine schöne Schlagzeile: „Musikunternehmen investieren Milliarden in
die Nachwuchsförderung“ titelte die „Pjöngjang Times“ der Musikindustrie,
die „Musikwoche“. Was war geschehen? Hatte die Tonträgerindustrie plötzlich ihr
Herz für die Musik entdeckt und ihre heimlichen Goldschätze versilbert und an
die jungen Bands verschenkt? War ein Wunder geschehen? Ist die Erde plötzlich
eine Scheibe? Iwo.

Es war bloß Propaganda auf quasi nordkoreanische
Art. Die sogenannte „Studie“ hat der „Internationale Dachverband für Tonträgerhersteller“,
IFPI, hergestellt – man hat also nicht einmal so getan, als ob man ein
„unabhängiges“ Marktforschungsinstitut beauftragt, nein, man hat die „Studie“
gleich selbst zusammengebastelt. Mit welchen Zahlen aber? Genau: „Für die
Studie wurden die Investitionen von Musikfirmen zusammengetragen“, kann man
beim „Musikmarkt“ lesen (nicht bei der „Musikwoche“, da wird so getan, als ob
es tatsächlich eine Studie sei, die da veröffentlicht wurde...). Und die von
der Musikindustrie, also von sich selber, zusammengetragenen Zahlen ergeben schwupps
genau das Ergebnis, das die Musikindustrie erwartet hatte, und das die
Musikindustrie dann kommentieren darf, etwa der Kim Il Sung der deutschen
Musikindustrie, Dieter Gorny („...damit
sind die Musikfirmen die wichtigsten Investoren beim Aufbau langfristiger
Musikerkarrieren“), oder der Chef von Warner Music, Bernd Dopp („Deshalb brauchen die jungen, talentierten
Künstler von heute mehr denn je Partner wie uns, die sie auf eigenes
wirtschaftliches Risiko und mit (...) Herzblut fördern und gemeinsam mit ihnen
zu Marken aufbauen und etablieren“), oder der Chef von Universal, Frank
Briegmann („Investing in Music ist ein
Credo von Universal Music“).

Die durchschnittlichen Kosten dafür, einen neuen
Künstler am Markt zu etablieren, beziffert die IFPI auf bis zu 1,4 Millionen
Dollar (man beachte: „durchschnittlich“ und „bis zu“ – echt Studie eben). Mal
so rumgefragt, liebe Universals, Warners oder wie ihr alle heißt – in wie viele
„junge, talentierte Bands“ habt ihr denn zuletzt, sagen wir in den letzten
drei, vier Jahren „im Durchschnitt bis zu“ 1,4 Millionen Dollar investiert?
Guter Scherz.

Hinzu kommt, daß es eben letztendlich in der Regel
nicht die Plattenfirmen sind, die in die Künstler investieren – denn die
Investitionen, für die sich die Musikindustrie hier so brüstet, sind ja in den
Künstlerverträgen zu großen Teilen „recoupable“, wie es im Musikindustriesprech
heißt, bedeutet: jeder Euro, den die Plattenfirma ausgibt, wird im Zweifel gegen
die Einnahmen der jeweiligen Künstler gerechnet bzw. verrechnet – im Klartext:
kommt eine Band in die Gewinnzone, erhält sie nicht etwa irgendwelche
anteiligen Gewinne aus ihren Plattenverkäufen, sondern muß erstmal der
jeweiligen Plattenfirma die von diesen getätigten Investitionen zurückbezahlen.
Also: die Plattenfirmen leihen sich sozusagen das Geld von den Bands, sie
betreiben eine Art Bankgeschäft. Von wegen „wir investieren in die Karrieren
junger, talentierter Künstler“ – alles fake, alles nur geliehen! Wenn
heutzutage bei Plattenfirmen noch langfristiger Künstleraufbau betrieben wird,
dann von den kleinen Plattenfirmen – und die haben alles andere als „im
Durchschnitt bis zu“ 1,4 Millionen pro Band oder Künstler zur Verfügung...

Was für ein aufgeblasener Bullshit, den die Funktionäre
der Musikindustrie da Hand in Hand mit dem embedded journalism der
Musikindustrie von sich gegeben haben!

Die Wahrheit sieht doch eher so aus wie in diesem
Beispiel: Eine der Bands des Jahres 2011 waren The Weeknd aus den USA. Während
die Musikindustrie sich über Copyright-Verletzungen erregte, verschenkte der
junge Kanadier Abel Berihun Tesfaye, der sein Projekt The Weeknd nennt, seine
Musik. Und zwar konsequent, nicht nur hier mal einen Song und da einen
Download, nein, komplette Kurz-Alben (die er Mixtapes nannte) konnten
monatelang von seiner Website kostenlos heruntergeladen werden. Und was
passierte? The Weeknd wurden eine der angesagtesten Bands in den USA, und ihre
Konzerte waren ausverkauft – ja, genau, eine Newcomer-Band ohne Albumveröffentlichung,
die von keinem Label „gesigned“ war, verschenkte ihre Musik auf der eigenen
Website, und paar Wochen später erhielt diese Band Gagen von 25.000 Dollar und
mehr, verkaufte ihre Konzerte aus, spielte die wichtigsten amerikanischen
Festivals, verschenkte immer noch ihre Musik auf ihrer Website, trat in
wichtigen amerikanischen Fernsehshows auf, die Konzertgagen stiegen weiter, die
Band verdiente weit mehr, als wenn sie sich auf die Herren Gorny, Dopp oder
Briegmann eingelassen hätte. Alles per „Mund“- (also Internet-)propaganda und
durch Verschenken ihrer Musik.

Natürlich – The Weeknd machen auch verdammt gute
Musik. Das ist das Geheimnis. Aber: früher wären sie mit ihrer guten Musik auf
die Gnade von Labels angewiesen. Heute veröffentlichen sie ihre Musik selbst
und machen sich selbst zu Stars. Willkommen im 21.Jahrhundert! (und hübsche
Drehung: mittlerweile haben sie ihre ersten drei Mixtapes wahrscheinlich für
ziemlich viel Geld an Universal verkauft, die diese mit paar zusätzlichen
Tracks als „Trilogy“ auf den CD-Markt gebracht haben – wahrscheinlich ein smart
move der Band, denn so können auch die old school-Musikkäufer sich die Alben
ins Regal stellen...).

Und jetzt fragen Sie einmal den Herrn Briegmann
von der Firma Universal so wie im Ricola-Werbespot: „Wer hat The Weeknd
erfunden?!?“ – „Wer hat The Weeknd zu Stars gemacht?!?“ Genau, Herr Briegmann,
nicht die Musikindustrie ists gewesen, sondern DO IT YOURSELF!

08.12.2012

Prada-Kommunismus

„Wer nicht
dumm war, war links.“

Die Modedesignerin Miuccia Prada über die 70er
Jahre, als sie Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens war

08.12.2012

Rockmusik ist tot!

Was das hervorragende neue Album „Psychedelic Pill“
von Neil Young und Crazy Horse auch zeigt, ist, daß Rockmusik leider längst tot
ist. Wenn ein Neil Young und Crazy Horse, also im Rockmaßstab uralte Zausel, aktuell
eines der besten Rockalben einspielen können, dann zeigt das vor allem, daß
seit Jahren sonst kein nennenswertes Rockalbum mehr erschienen ist (Ausnahmen
wie Jack White mit seinen verschiedenen Projekten bestätigen diese
Feststellung). Was in den letzten Jahr als nennenswerte Rockmusik präsentiert
wurde, erweist sich im Vergleich zu Neil Young als mittelmäßig und risikolos
und banal. Ein endlos mäandernder Song wie „Walk Like A GIant“ zeigt, wer der
Gigant ist, und warum – welche andere Band hätte Mut und Können und Radikalität,
solche langen Songs zu schreiben, sie ohne eine fade Sekunde zu performen und
gegenüber den Plattenfirmen durchzusetzen? Oder der erste Song, das 30 Minuten
lange „Drifting Away“ – wo hört man so etwas sonst noch? Und wo hört man Texte
wie diese? In denen „die Kapitulation vor
den Konzernen in der Kunst und Politik beklagt werden“ (Markus Schneider)
und gleichzeitig das Versagen der eigenen Generation (der sogenannten Hippies,
der sogenannten 68er) und damit die eigene Verwicklung in dieses Problem
beschrieben wird?

Wie gesagt, die Rockmusik ist tot. Hoffen wir, daß
Neil Young und Crazy Horse noch weitere Perlen in die Geschichte dieser
Musikrichtung reihen – und ansonsten hören wir HipHop und DubStep und was die
zeitgenössische Musik sonst noch so an lebendiger Musik bereithält...

08.12.2012

Klassik Labels

Liebe Klassik-Labels, sagt mal kurz: Für wie
bescheuert haltet ihr uns Kunden eigentlich? Schon für ziemlich dumm, oder?

Grade lese ich, wie bei einem seriösen Händler das
gesamte Klavierwerk von Robert Schumann, gespielt von Eric Le Sage, auf 13 CDs
für EUR 29,99 angeboten wird. Also für noch nicht einmal 2,31 Euro pro CD.
Tolles Angebot, hervorragender Interpret, was will man mehr.

Ja, was will man mehr? Lieber nicht von euch
verarscht werden. Denn ich habe mir in den letzten zwei Jahren bereits fünf
dieser einzeln nach und nach erschienenen 11 CDs bzw. Doppel-CDs zugelegt. Dumm
nur, daß die einzelnen CDs 18,99 Euro und die Doppel-CDs 29,99 Euro gekostet
haben, ich also bereits über 100 Euro ausgegeben habe für die Hälfte der CDs,
die ihr mir jetzt für 30 Euro anbietet. Ich weiß nicht, wie ihr als
Klassik-Labels, deren Hauptproblem doch eigentlich sein sollte, Käufer jenseits
des Ghettos der Reichen und Alten zu gewinnen, euch das Tonträgergeschäft
vorstellt – ich weiß nur, daß ich solche Dinge für unter aller Kanone halte und
zukünftig Einzel-CDs des Labels „Alpha“, das mich solcherart verarscht, nicht
mehr für mehr als 3 Euro erwerben werde. Ihr schaufelt euch euer eigenes Grab!
Und dann solls der Gesetzgeber richten, gelt?

Ist übrigens kein Einzelfall, bei den
Gesamteinspielungen der Beethoven-Streichquartette vom Artemis Quartet (Virgin
Classics) oder der Beethoven-Klaviersonaten durch Michael Korstick (10 CDs für
EUR 38,99, die einzelnen CDs für je 15,99..., bei Oehms) wars genauso.

Wir zahlen keinen Vollpreis mehr für CDs von
Alpha, Oehms und Virgin Classics! Könnt ihr total vergessen!

08.12.2012

Leistungsschutzrecht für Presse: FAZ

Die schönste Stilblüte zum „Leistungsschutzrecht“
fand sich dann aber doch auf der Titelseite der „FAZ“, in einem Kommentar eines
Reinhard Müller: „Darum geht es in der
Tat. Die Freiheit des Einzelnen ist ein Vorwand vor allem des
Suchmaschinengiganten Google. Der Konzern, übrigens kein internationaler
Wohlfahrtsverband, sondern auch mächtiger Arm der amerikanischen Regierung,
kämpft um sein Monopol. Individuelle Freiheit soll es nur von Googles Gnaden
geben.“

Google also der verlängerte Arm der amerikanischen
Regierung. Wow! Sowas kennen wir hierzulande natürlich nur andersherum – die
Bundesregierung als verlängerter Arm deutscher Konzerne, von Springer etwa oder
der Deutschen Bank...

08.12.2012

Leistungsschutzrechte auf Musikaufnahmen verlängert

Hat irgendjemand jüngst, als die Bundesregierung die Schutzfristen für
Musikaufnahmen von 50 auf 70 Jahre verlängert hat, einen Jubelsturm in den
hiesigen Altersheimen vernommen? Jubelschreie von heute 70 oder 80 Jahre alten
Musikern, die sich gegenseitig um den Hals gefallen sind, weil die
Leistungsschutzrechte auf Aufnahmen, die sie vor 50 Jahren, also mit 20 oder
30, getätigt haben, auf 70 Jahre verlängert wurden, also bis zu ihrem 90. oder
100. Geburtstag?

Der Gesetzentwurf der Bundesregierung, von dem Kulturstaatsminister
Neumann plappert, er sei ein „wichtiger
Beitrag zur finanziellen Absicherung ausübender Künstlerinnen und Künstler im
Alter. Künftig stehen ihnen die Einnahmen aus ihrer Arbeit während des gesamten
Lebens zur Verfügung“, ist übrigens ein echtes, dem Lobbybemühen der
deutschen Musikindustrie sich unterwerfendes Bubenstück. Denn in dem
Gesetzentwurf steht, daß die Künstler nun zusätzlich gerade mal 20 Prozent der
Gewinne bekommen sollen, die die Plattenfirmen mit den Songs machen. Aber das
auch erst, wenn 50 Jahre vergangen sind. Denn: der „Vergütungsanspruch besteht für jedes vollständige Jahr unmittelbar im
Anschluß an das 50.Jahr nach Erscheinen des die Darbietung enthaltenen
Tonträgers“.

„Nochmal von vorn.
Die Bundesregierung will also dafür sorgen, daß Plattenfirmen 20 Jahre länger
Geld mit Tonträgern verdienen können als bisher. Diesen Zugewinn – und nur
diesen – müssen sie mit den Musikern teilen.“ (Kai Biermann auf „Zeit Online“). Den
Zugewinn müssen sie allerdings nicht hälftig teilen, was das Minimum an Anstand
gewesen wäre – nein, die Plattenfirmen müssen nur gerade mal ein Fünftel ihres
Extraprofits an die Künstler abgeben.

Aktuell liegt
der Anteil an Einnahmen aus Leistungsschutzrechten bei ausübenden Künstlern
durchschnittlich bei unter 300 Euro jährlich. Nicht die ausübenden Künstler,
sondern die Majorlabels sind im Besitz fast aller Rechte, deren Leistungsschutz
nun verlängert wurde. Diese multinationalen Konzerne streichen etwa 72 Prozent
aller Einnahmen aus Aufnahmen ein; das erfolgreichste Fünftel der Künstler
erhält weitere 24 Prozent all dieser Einnahmen. Die verbleibenden 4 Prozent
verteilen sich also auf 80 Prozent aller ausübenden Künstler – jeder dieser
Künstler erhält durch die Verlängerung der Leistungsschutzrechte lediglich
zwischen 4 und 58 Euro pro Jahr zusätzlich. In der Realität sind Musiker nur
Almosenempfänger, den Profit macht die Verwertungsindustrie.

So ist es
logisch, daß kein Jubelsturm aus den Altersheimen zu vernehmen war, sondern nur
einzig und allein die Funktionäre des Bundesverbandes der Deutschen
Musikindustrie die Verlängerung der Schutzfristen begrüßt haben.

08.12.2012

Was Eric Pfeil hören muß...

„Das Meiste,
was ich hören muß, ist bedrückend banal. Wenn schon die Künstler ihre Arbeit
nicht ordentlich machen, was soll ich dann von dem Mann erwarten, der meine
Waschmaschine repariert?“             Eric Pfeil in seinem „Pop-Tagebuch“,
neue Folge

08.12.2012

Stefan Herwigs Informationsportal

Stefan Herwig ist ein umtriebiger Typ. Er betreibt
ein Label, und ihm gehört eine Agentur, die „Kreativwirtschaftsunternehmen und
-verbände“ hinsichtlich der Auswirkung von Digitalisierung berät. Er ist ein
großer Fan des Urheberrechts und beschimpft gerne Politiker wie den „Piraten“
Bruno Kramm auch mal, daß der „auf dem
besten Wege“ sei, „zum Joseph
Goebbels der Netzkultur zu werden“. Ansonsten beauftragt Herwig auch mal
Abmahnanwälte, um angebliche Urheberrechtsverletzungen zu verfolgen.

Nun hat Herwig ein neues Projekt gestartet, er hat
ein „musikwirtschaftliches
Informationsportal“ initiiert, dessen Ziel es sein soll, „ein authentisches Bild einer
arbeitsteiligen Musikwirtschaft zu zeigen, die in der Öffentlichkeit gerne
verzerrt dargestellt wird“. Ein fünfköpfiger Beirat soll die „redaktionelle Unabhängigkeit“
überwachen. Man kann sich vorstellen, wie das alles aussieht. Aber wer
finanziert das Ganze? Da hat Herwig einen Coup gelandet, denn Sie werdens nicht
glauben: Das Geld für seine Propaganda bekommt der Copyright-Fan-Club von der
staatlichen „Initiative Musik“. Copyright-Propaganda auf Staatskosten, ganz wie
in der DDR.

26.11.2012

Streamingdienste und Qualitätsjournalismus

Qualitätsjournalismus in der „Süddeutschen
Zeitung“:

„Um heute
auf Platz sieben der meistverkauften Alben (in den USA, BS) zu kommen, benötigt
man heute 39 000 verkaufte Tonträger“, schreibt ein Bernd Graff in der
bairischen Renommierzeitung mit doppeltem „heute“, aber leider auch doppelt
falsch. Es stimmt zwar, daß in der Woche, in der die Band „Grizzly Bear“, an
der Graff seinen vor Unsinnigkeiten nur so strotzenden Artikel über
„Musiker-Einkünfte im Internet-Zeitalter“ aufhängt, die von ihnen verkauften 39
000 Tonträger für Platz 7 der US-Charts ausreichten. Es gab aber auch Wochen,
in der man mit dieser Zahl auf Platz 1 oder 2 gelandet wäre. Während es auch
Wochen gibt, in der man mit dieser Zahl auf Platz 10 oder noch tiefer landet.

Doch es kommt noch schlimmer. Graff behauptet in
einem Absatz zu Streaming-Diensten, deren Modell der Journalist sowieso nicht
kapiert hat, daß „Adele ihre letzten
Alben nicht bei Spotify platziert haben wollte“. Was einfach eine unwahre
Behauptung ist und sich durch kurzes Einwählen auf Spotify hätte klären lassen,
wo sich die Adele-Alben sofort finden. Aber dann wäre die Behauptung, die den
Kern seines mißlungenen und inkompetenten Artikels darstellt, in sich
zusammengefallen, nämlich, daß Künstler angeblich bei Spotify kein Geld
verdienen. Der Gründer und Chef von Adeles Plattenfirma, Martin Mills, eines
der Urgesteine der unabhängigen Plattenindustrie, erklärt das genaue Gegenteil,
wir hatten es an dieser Stelle schon einmal zitiert: „Einige
unserer Künstler – gerade die, die wir im Katalog führen – stellen bei der
Honorarabrechnung fest, daß sie bei einigen Tracks via Streaming mehr verdienen
als durch andere Quellen. Für Beggars zahlt sich das um ein vielfaches mehr aus
als Radio-Airplay. Deshalb sind wir große Streaming-Unterstützer.“

Aber wenn man eine kompetente Geschichte zu diesem
durchaus wichtigen, aber eben auch recht komplexen Thema hätte schreiben
wollen, dann hätte der Herr Journalist, der seinen Behauptungsjournalismus für
die bairische Qualitätszeitung betreibt, natürlich etwas tun müssen, was ihm
ein Fremdwort ist, nämlich: recherchieren. Sowas können sie, so was wollen sie
heutzutage in aller Regel nicht mehr. Gedruckt wird in München scheinbar alles,
und mit erfundenen Stories hat das Magazin der Qualitätszeitung ja seine ganz
eigenen Erfahrungen (wobei Tom Kummer wenigstens schreiben konnte...).

(und damit wir uns nicht mißverstehen: ich bin kein
Fan von Streaming-Diensten, eher im Gegenteil, aber darum geht es hier auch gar nicht)

24.11.2012

Grüne und Xavier Naidoo

Im letzten Rundbrief haben wir über die Ergüsse von
Xavas, dem Gemeinschaftsprojekt von Xavier Naidoo und Kool Savas, berichtet
(Textprobe: „Wo sind unsere starken
Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?“).

Und jetzt raten Sie mal, welche deutsche Partei
auf ihren Regionalversammlungen zum Abschluß (also da, wo bei der Hanns-Seidel-Stiftung
die Bayernhymne gesungen werden würde) Musik von Xavier Naidoo spielen läßt.
Na?

Genau, es sind unsere Grünen. „Sag mal, hast du das gesehn? Das hat die Welt noch nicht gesehn“
von Xavier Naidoo lief laut „Spiegel“ zum Abschluß der Bochumer Regionalversammlung,
bei der sich die Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl vorgestellt haben,
von Trittin bis Roth. „Wo sind unsere Führer“ also, quasi, auf alternativ
gestrickt.

24.11.2012

HAnns-Seidel-Stiftung und Preis für Liedermacher

Die Hanns-Seidel-Stiftung, die „parteinahe“
Stiftung der CSU, schreibt einen „Förderpreis für junge Liedermacher 2013“ aus
unter dem Titel „Visionen für Europa – Lieder die Brücken bauen“
(Zeichensetzung ist bei den Konservativen a thing of the past). Und, hurra: „Die Preisträger werden im Rahmen der
kulturellen Veranstaltung „Songs an einem Sommerabend“ in drei öffentlichen
Auftritten in Kloster Banz präsentiert.“

Die Veranstaltung „Songs an einem Sommerabend“ ist
übrigens ein Konzert des Bayerischen Rundfunks, auch Künstler dieser Agentur
haben dort schon gespielt, neben Konstantin Wecker, Hannes Wader oder Reinhard
Mey. Bis ich irgendwann im Abspann der Fernsehsendung mal diesen
kleingedruckten Hinweis auf die „Hanns-Seidel-Stiftung“ sah – so ist das eben
in Bayern: Die CSU-nahe Parteistiftung finanziert dem Staatsfernsehen eine
Liedermachersendung. Schon klar, daß dort keine allzu progressiven Aussagen
gemacht werden...

Im „Spiegel“ (46/2012) wurde dieser Tage
aufgedeckt, daß die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung „vom Vermögen zweier Nazis der ersten Stunde profitiert“ und „bis heute verleiht sie einen Preis nach den
Vorgaben“ der beiden Nazis – mit deren Geld wird seit 1984 der „Tag der
Volksmusik“ mit Preisverleihung im Wildbad Kreuth ausgerichtet. Im erweiterten
Vorstand der Hanns-Seidel-Stiftung sitzen u.a. Bayerns Ministerpräsident
Seehofer und CSU-Ehrenvorsitzender Stoiber. Stiftungschef ist Hans Zehetmair,
früher bayerischer Kultusminister und stellvertretender Ministerpräsident.

24.11.2012

Heidi Klum und ihr Teleprompter

Heidi Klum, die Moderatorin der MTV Awards, im
Interview mit der „Berliner Zeitung“:

„Wenn ich
mein Script bekommen habe (denn sie kann natürlich nicht wirklich
moderieren, so wie die Kastelruther Spatzen nicht selber Musik machen können –
zumindest keine, die man öffentlich präsentieren kann... Fernsehen ist Fake...
und was Frau Klum macht, ist Texte auswendig lernen und aufsagen, die andere
für sie geschrieben haben... BS), lerne
ich es auswendig, ich bin ja keine professionelle Moderatorin. Deswegen bin ich
beim Moderieren besonders nervös, schwitze viel und lecke vor Nervosität
dauernd meine Lippen ab (...) Aber je besser ich meine Texte im Teleprompter
von A nach B lese, desto besser geht’s.“

Und welche Situation wäre Ihr größter Alptraum?

„Wenn der
Teleprompter nicht funktionieren würde und ich mir spontan selbst eine
Moderation ausdenken müßte.“

Nun, das wäre wohl auch für die Zuschauer der
größte denkbare Alptraum...

24.11.2012

Apple beutet Mitarbeiter aus

„Hinter den
Hochglanzfassaden deutscher Apple Stores beklagen Mitarbeiter magere Gehälter,
Dauerüberwachung und eine Diktatur der guten Laune“, berichtet der
„Spiegel“.

Mal ehrlich – ist das jetzt für irgend jemanden
eine Überraschung? Der Apple-Konzern ist einer der profitabelsten der Welt. Und
das hat eben seinen Preis. Apple beutet die Arbeiter in China aus und die
Angestellten in Deutschland und wahrscheinlich auch im Rest der Welt. Und Apple
nutzt jede Möglichkeit zur Steuertrickserei und zahlt nur 1,9 Prozent Steuern.
Und das alles ist systemisch. (Und dieser Text wurde auf einem Apple Laptop
geschrieben, klar, ich weiß...)

24.11.2012

FAZ-Reiseteil und JAmes Bond

Und dann ist der ganze Reise-Teil der „FAZ“ vom
1.November voll mit James Bond-Stories, passend zur Veröffentlichung des neuen
Bond-Films am selben Tag – da soll noch einer sagen, die Kulturindustrie wisse
nicht, wie man Hand in Hand mit der natürlich wahnsinnig unabhängigen Presse
Werbung bei den Konsumenten macht, die Tiefenwirkung entfaltet und nicht sofort
wie Konsumberatung daherkommt. Auf der Titelseite „Die Venus des Agenten“, über
James Bond auf Jamaika. Und dann ist das ganze Reiseblatt der FAZ voll von
James Bond-Artikeln, James Bond in Bregenz, James Bond in der Schweiz, in
Istanbul, Venedig und Tokio („Die Feinheiten fernöstlicher Liebeskunst“, echter
Qualitätsjournalismus eben).

Und was finden wir auf der letzten Seite des
„FAZ“-Reiseblatts? Eine ganzseitige Anzeige von Omega für eine ihrer Uhren, mit
dem James Bond-Darsteller als Werbeträger. Und so hat sich der ganze Aufwand
wieder einmal für alle gelohnt. Zeitung als Palimpsest für die Produkte der
Markenartikler, läuft alles wie geschmiert.

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